Montag, 23. Januar 2012

"Sie hat wie eine Hyäne gekämpft" - Die letzte deutsche Kaiserin Auguste Viktoria

"Als sie starb, trauerte das Volk wie später um Lady Di"

In dem Aufsatz "Der lindenumsäumte Tempelweg Preußens" (1) ist schon darauf hingewiesen worden, wie man Berlin ganz anders erlebt haben muß, als es überall verkehrberuhigt und Fußgängerzone war. Wenn man sich zusätzlich noch eine Verehrung des Kaiserhauses durch die damaligen Menschen hinzudenkt, wie sie heute zum Teil noch in England gegenüber dem Königshaus gepflegt wird, und dabei nicht gerade auf den "Wilhelminismus" Wilhelms II. fokussiert, sondern vor allem auch seine von der Geschichtsschreibung wenig beachtete Ehefrau, die Kaiserin Auguste Viktoria (1858 - 1921), mit in den Blick nimmt, wird ein solcher Eindruck noch deutlich verstärkt, denn (2):
Als sie am 11. April 1921 im holländischen Exil starb, trauerte das Volk um sie wie später um Lady Di.
Die Beliebtheit der damaligen deutschen Kaiserin ist heute völlig in Vergesenheit geraten. Menschen, die in einer Monarchie leben und ein geachtetes Kaiserhaus haben, erheben sich innerlich im Aufblicken auf dieses Kaiserhaus, zumindest soweit sie Grund haben, damit zufrieden zu sein damit, in diesem Land und in diesen gesellschaftlichen Verhältnissen zu leben. Oder zumindest soweit sie sehen, daß ihre Sorgen die Sorgen des Herrscherhauses selbst sind (wie etwa bei Prinzessin Diana in England). Und viele Deutschen erhoben sich beim Aufblicken zu der würdevollen deutschen Kaiserin Auguste Viktoria bis zu ihrem Tod im Jahr 1921.

Abb. 1: Kaiserin Auguste Viktoria
Wer heute das Neue Palais in Potsdam besichtigt, erfährt dort viel über das Familienleben der kaiserlichen Familie. Sie bewohnte ein riesiges, prachtvolles Schloß. Hier befindet sich zum Beispiel auch noch heute das Bett, in dem Kaiser Friedrich III. so plötzlich im "Dreikaiserjahr" 1888 gestorben ist. Hier befindet sich der Saal, in dem die kaiserliche Familie alljährlich Weihnachten gefeiert hat. Es können die für damalige Zeiten "modernen" technischen Einrichtungen im Schloß besichtigt werden. Als die Kaiserin Auguste Viktoria 1921 ganz in der Nähe des Neuen Palais bestattet wurde, wurde sie also ganz in der Nähe des langjährigen Wohn- und Lebensortes  bestattet. 

Abb. 2: Das Kaiserpaar
Auch der Erste Generalquartiermeister Erich Ludendorff, der während des Ersten Weltkrieges spätestens im Jahr 1916 in enge Berührung mit der kaiserlichen Familie gekommen ist, spricht in seinen Lebenserinnerungen mit großer Achtung von der Kaiserin. Er berichtet von dem Bezug seiner neuen Wohnung in der Viktoriastraße in Berlin-Tiergarten im März 1919 und fährt dann fort (3, S. 54):
Es kamen auch Hohenzollernprinzen, die Söhne des Kaisers, zu mir. Es war damals ruhige Würde in ihrem Auftreten. Sie sprachen mit Verehrung von ihrem Vater, erzählten von seinem Leben in Amerongen, auch von dem Kronprinzen in Wieringen. In Liebe hingen sie an ihrer Mutter, der Kaiserin, und erwähnten mit tiefer Befriedigung, wie würdig sich die hohe Frau  den Revolutionären gegenüber benommen habe.
Abb. 3: "Unsere Kaiserin"
Und an späterer Stelle kommt er noch einmal auf die kaiserliche Familie zu sprechen und man staunt doch über die Einfühlung, mit der Ludendorff über das persönliche Verhältnis zwischen der Kaiserin und dem Kaiser spricht (3, S. 159):
Während der wirtschaftlichen, völkischen und seelischen Not, unter der Millionen Deutsche litten, erfolgte das Ableben der Kaiserin Auguste Viktoria am 11. 4. in Doorn. Eine tiefe Verehrung und die glühende Liebe zum Vaterlande verband mich mit der hohen, würdevollen Frau. Sie war dem Kaiser eine treue Gefährtin und übte auf ihn mit schönem weiblichen Takt einen tiefgehenden Einfluß aus. Bei der Besorgnis des Kaisers, daß er von anderen abhängig erscheinen könnte, betätigte sie ihn mit der größten Zurückhaltung, ja Vorsicht. Einst hatte ich im Hauptquartier in Kreuznach, nach einem Mittagessen beim Kaiser, eine Unterredung mit der Kaiserin im Blickfelde des Kaisers. Sie bat mich, beiseite zu treten, damit der Kaiser unsere lange Unterhaltung nicht wahrnehme, die über Fragen, über die sie gerne meine Ansicht hören wollte, ging. Sie wußte wohl, daß der Kaiser und ich gegensätzliche Naturen waren, aber auch, daß ich nur das wollte, was auch für den Obersten Kriegsherrn nach meiner Ansicht das Beste sei. Ich teile dies mit, nur um zu zeigen, mit welcher Zurückhaltung die hohe Frau ihre Aufgabe erfüllte, dem Kaiser als Gattin und Beraterin zur Seite zu stehen. Sie hatte in Doorn Aufenthalt genommen, als der Kaiser von Amerongen dorthin übersiedelt war, und ihm auch hier ausgleichend zur Seite gestanden, selbst aufs tiefste bewegt von dem Unheil ihres Hauses. Sie war aber Christin und hielt es für gottgewollt und war wie der Kaiser in das Schicksal ergeben. Wie musste der Kaiser jetzt den Heimgang seiner Gattin in seiner Einsamkeit empfinden! Nach so bewegtem, abwechlungreichem Leben, das seinem vielleicht zu lebhaften Geist Anregung und Erfüllung gewährt hatte. Die Kaiserin wurde am 19. 11. ....
Druckfehler! Richtig muss es heißen: 19.4.1921
.... im Antiken-Tempel unweit des neuen Palais bei Potsdam beigesetzt. Ich beschloß an der Beisetzung teilzunehmen. (...) Auf der Wildparkstation waren die Prinzen des königlichen Hauses - der Kronprinz weilte noch in Wieringen -, zahlreiche Generale und Admirale des alten Heeres, die Würdenträger des früheren kaiserlichen Hofes versammelt. Viele Tausende harrten außerhalb des Bahnhofes und längs des Weges, den der schier endlose Trauerzug eingeschlagen hatte. In tiefer Stille fuhr der mit Kränzen überhäufte Sarg an der ergriffenen Menge vorüber. Wir schritten schweigend, General v. Hindenburg und ich mit Admiral v. Tirpitz, den Prinzen an der Spitze des Trauerzuges folgend, daher und begleiteten den Sarg bis in den Tempel, wo eine kurze und würdige Feier stattfand. Dann begab ich mich wieder zu meinem Kraftwagen. Es war, als ob eine Spannung der Menge sich löste. Sie gab mir gegenüber einer Begeisterung Ausdruck, die ich nach dem eben Durchlebten - ich möchte sagen nach dieser Feier - beinahe störend empfand, wenn nicht in ihr auch Zorn gegen das Deutsche Geschick und Erwartung auf eine Besserung gelegen hätte.
Abb. 4: Kaiserin Auguste Viktoria
Diese Schilderung Ludendorffs wird ergänzt durch den Artikel in der Neuen Deutschen Biograhie, in dem es heißt (4):
Nach ruhig verlebter Kindheit vermälte sich Augusta in echter gegenseitiger Zuneigung zu dem letzten deutschen Kaiser. (...) Augusta wurde eine Landesmutter im tiefsten Sinne des Wortes. Streng kirchlich gesinnt, wandte sie ihre ganze Sorge ihrer Familie und der im Volke herrschenden Not zu. 40 Kirchen entstanden in Berlin, 4 Millionen spendete dafür allein das Kaierhaus. (...) Ihr politischer Einfluß ist schwer abzuschätzen; der Kaiser fand vor allem an seiner innerlich ausgeglichen Gattin in schweren Gemütskrisen Halt, insbesondere nach der Daily Telegraph-Affäre 1908. Im ersten Weltkrieg setzte sich die Kaiserin energisch im Sinne einer starken Kriegsführung wie der Erhaltung der Rechte der Krone ein. Am Sturz Bethmann-Hollwegs und des Kabinettschefs Valentini war sie nicht unbeteiligt. In der Revolution wie in Doorn bewies sie große Charakterstärke, von einer freiwilligen Auslieferung des Kaisers an die Feindmächte wollte Augusta nichts wissen. Bei ihrer Beisetzung im antiken Tempel bei Potsdam bezeugte die Teilnahme von hunderttausenden deutscher Männer und Frauen die Beliebtheit, die sie im Volke genoß.
Abb. 5: Mit ihren beiden jüngsten Kindern
Auguste Viktoria hatte sieben Kinder, sechs Söhne und eine Tochter.
Abb. 6: Das Kaiserpaar

Abb. 7: "Mit ihren drei Enkeln"

Abb. 8: Mit der Tochter unterwegs

Abb. 9: "Unser Kaiserpaar im Kaiser-Wilhelm-Kinderheim zu Ahlbeck", um 1913

Abb. 10: "Das Kaiserpaar


Abb. 11 Das Kaiserpaar (1914)


Abb. 12: Die Kaiserin und der Flieger Manfred von Richthofen


Abb. 13: Die Kaiserin in Doorn
Die Beisetzung der Kaiserin in Sanssouci am 19. April 1921

Abb. 14: Die Beisetzung der Kaiserin - Bahnhof Wildpark bei Potsdam - Hindenburg, Ludendorff, Tirpitz, Heeringen

In einer aktuellen Biographie über die Kaiserin (2) kann man viele wenig bekannten Dinge erfahren. So hat die Kaiserin schon in früher Jugend in einem Brief geschrieben:
"Ich halte es für ungerecht, dass die armen Leute so wenig Resultate ihrer Arbeit sehen und genießen. Wie können wir Höhergestellten, wenngleich wir Sympathien für diese Frage haben, ihnen helfen? Ich meine, daß es unsere heilige Pflicht ist, nicht nur nach der eigenen Behaglichkeit zu streben, sondern das Glück anderer zu fördern
Im Sinne dieser Worte war sie ein Leben lang bemüht wirksam zu sein. Natürlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten und ihrer betont christlichen Denkweise.

Abb. 15: Die Beisetzung der Kaiserin Auguste Viktoria, 19. April 1921

Weiter ist zu erfahren (2):
Eine eigene Familie zu haben - das bedeutete der jungen Auguste Victoria viel mehr als der Aufstieg in die mögliche Thronnachfolge. Die schönsten Jahre ihres Lebens verbrachte sie als Prinzgemahlin im Marmorpalais in Potsdam. Dort wurden ihre ersten vier Söhne geboren, um die sie sich zärtlich kümmerte. Dort erfreute sie sich ungetrübter Zweisamkeit mit ihrem Mann, der später so viel auf Reisen war. Aber sie führte in Potsdam auch gleich die Sitten ein, die sie aus Primkenau (in Schlesien) kannte: Als Tochter des Gutsbesitzers war sie daran gewöhnt, in den Dörfern Krankenbesuche zu machen und die Armen zu Weihnachten zu bescheren. So hielt sie es nun auch als Prinzgemahlin. Gern besuchte sie anonym mittellose Familien, um ihnen ein Geldgeschenk zu hinterlassen. Und gern übernahm sie ihre erste Schirmherrschaft über das Rettungshaus am Pfingstberg - ein Heim für, wie man damals sagte, verwahrloste Knaben. Als erstes sorgte sie dort für neue Waschgelegenheiten, denn die Jungen hatten nur eine Pumpe im Hof. Aber dabei blieb es nicht. Auch am Pfingstberg sollte schließlich neu gebaut werden.
Damit ist nur ein kleiner Ausschnitt aus ihren sozialen Bemühungen wiedergegeben.

Abb. 16: Der Sargwagen am Neuen Palais, 19. April 1921
Von der Kaiserin ist weiter zu erfahren (2):
Sie genoss ihre Ehrenämter und wurde dadurch mit der Zeit immer selbstbewusster. Allmählich entwickelte sie auch eine gewisse Frauensolidarität. Sie setzte sich nachdrücklich für die Berliner Heimarbeiterinnen ein, sorgte für Müttererholungsheime und betrieb schließlich sogar die Zulassung der Frauen zum Hochschulstudium. (...) Man schätzte sie nun nicht nur als Wohltäterin, sondern auch als Vermittlerin. Sie wurde immer beliebter.
Nahezu vollendet hat Auguste Victoria das konservative Frauenideal ihrer Zeit verkörpert. Aber sie hat dabei das Leben einer Frau von heute geführt, die alles zugleich sein will: perfekt als Gattin, perfekt als Mutter, perfekt im Beruf und perfekt im Auftreten. Die Mehrfachbelastung hat sie sich nicht nehmen lassen. Auch als Kaiserin kümmerte sie sich weiterhin täglich um ihre mittlerweile sieben Kinder, sagte ihnen jeden Abend gute Nacht und begleitete, so oft es ging, ihren Unterricht. Die Kinder blieben immer das Wichtigste in ihrem Leben - und sie dankten es ihr:   Jörg Kirschstein: "Die Kinder hatten zur Mutter ein sehr vertrauensvolles Verhältnis in der Tat, was sie ja zum Kaiser nicht hatten. ... Also sie war sehr mütterlich und hat ihren Kindern doch den Schutz gegeben, den sie gesucht haben und das hat man dann auch gemerkt, da alle Kinder eine sehr, sehr enge Bindung hatten." Das sagt Jörg Kirschstein, der ein Buch über die Kinder der Kaiserin geschrieben hat. 
Abb. 17: Vor dem Neuen Palais - Hindenburg, Ludendorff, 19. April 1921
Und heutige Historiker bestätigen offenbar, was schon Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen geschrieben hatte (2):
Jörg Kirschstein: "Und dann hat sie auch ne ganz interessante Rolle während des ersten Weltkrieges gespielt. Gerade 1917/18 während der letzten Kriegsmonate hat sie viele Informationen dem Kaiser vorenthalten, um ihn zu schützen und hat sich da sehr, sehr demonstrativ aufgespielt als große erste Dame des Reiches, die eben nicht wahrhaben wollte, was passierte mit Deutschland - nämlich, daß die Monarchie abgeschafft wird, das wolle sie auf gar keinen Fall und da hat sie wie eine Hyäne gekämpft, daß das bestehen bleibt." 
Abb. 18: Am Neuen Palais, 19. 4.1921

Abb. 19: Am Neuen Palais, 19.4.1921

Abb. 20: 19.4.1921

Und weiter heißt es (2):
Wie ungeheuer beliebt Auguste Victoria im Volk auch nach dem Krieg noch war, zeigte sich dann bei der Bestattung:

Jörg Kirschstein: "Ganz Potsdam war auf den Beinen. Es waren 200 000 Schaulustige gekommen, die den Weg vom Kaiserbahnhof, wo ja der Zug ankam, bis zum Neuen Palais gesäumt haben. Allein 6000 Offiziere haben Ehrenspalier gestanden. … Alles war schwarz verhüllt, nicht nur die Gebäude, auch die Menschen natürlich hatten Trauerkleidung angelegt und in den nächsten Tagen kamen über 3000 Kränze zum Antikentempel, die dann an der Fassade angebracht worden sind und ja es war …. ein sehr schöner Frühlingstag - und da wurde eben die Landesmutter, die ehemalige zu Grabe getragen."

Auch die sozialdemokratischen Zeitungen widmeten ihr respektvolle Nachrufe. So schrieb etwa das Berliner Tagblatt: "Man wird der Verstorbenen nachsagen dürfen, dass sie in ihrer Art und Natürlichkeit in den durch ihre Erziehung und Weltanschauung gesetzten Schranken stets bemüht gewesen ist, ihrem Gatten beizustehen und Gutes zu tun." Auguste Victoria hat sich wahrhaftig gemüht. (...) Sie verdient Achtung.
Die hier zitierte Biographie der Kaiserin muß man bei Gelegenheit noch einmal als Ganzes lesen.
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  1. Bading, Ingo: "Der lindenumsäumte Tempelweg Preußens ...." GA-j!, 28.8.2011
  2. Obert, Angelika: "Kirchenjuste" - ein Porträt. Deutschlandradio Kultur, 10.4.2011 Nach: Angelika Obert, Auguste Victoria, Wie die Provinzprinzessin zur Kaiserin der Herzen wurde. Wichern, Berlin 2011
  3. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volkschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1941 (12. - 16. Tsd.)
  4. Traub, Gottfried:  Auguste Viktoria. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 1, Duncker & Humblot, Berlin 1953, S. 452

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