Donnerstag, 29. Dezember 2011

Ein deutscher Generalstabschef und die "Armeniergreuel" von 1915/16

Einiges zum Lebensweg des deutschen Generals Friedrich Bronsart von Schellendorf (1864 - 1950)

General Friedrich Bronsart von Schellendorf (1864-1950) (Wiki, s.a.: ab) war ein lebenslanger enger Freund und Mitarbeiter Erich Ludendorffs. Er wird in der Geschichtswissenschaft seit Jahrzehnten - zusammen mit vielen anderen deutschen Offizieren und Beamten - in seiner Rolle als Generalstabschef der mit Deutschland verbündeten türkischen Armee der Mitverantwortung angeklagt an dem Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/16 (Wiki) (siehe etwa: 1-10, zuletzt: 11). Wie dem diesbezüglichen Wikipedia-Artikel zu entnehmen ist, gibt es zu diesem Thema eine sehr umfangreiche Literatur. In dieser wird - soweit übersehbar - auch die Rolle von Bronsart von Schellendorf unterschiedlich bewertet.

Abb. 1: Friedrich Bronsart von Schellendorf
Von 1914 bis 1917 war er der Chef des Generalstabs der Osmanischen Armee und verstand sich als solcher sehr gut mit dem türkischen Staatschef Enver Pascha. 1916 besuchte er mit Enver Pascha Jerusalem, wovon sich eine Fotographie im Internet findet (Abb. 4). Die unterschiedliche Bewertung seiner Rolle geht auch aus Internetdiskussionen hervor. So sagte im Februar 2007 ein Dr. Christoph Heger in Reaktion auf ein diesbezüglich gebrachtes Zitat von Gunnar Heinsohn:
Was das Zitat von Prof. Heinsohn mit seiner monströsen Beschuldigung des nicht besonders sympathischen, aber mitnichten massenmörderisch gesonnenen Bronsart v. Schellendorf angeht: Ich kenne die Quellen, auf die sich Heinsohn stützt, und zwar die genannten (Vahakn Dadrian) wie auch die nicht genannten (Christoph Dinkel). Dazu kann ich nur sagen: Christoph Dinkel hat (wohl ohne Arglist) seine Quellen überinterpretiert und zum Beispiel nicht unterschieden zwischen militärisch notwendigen Evakuierungen und Deportationen mit Mordabsicht. Dadrians „History of the Armenian Genocide“ ist dagegen ein ambitiöses Machwerk.
In diesem Artikel wollen wir uns noch kein eigenes Urteil anhand der Forschungsliteratur bilden. Das bedürfte doch umfangreicherer Lektüre als wir sie bislang leisten konnten. Diese Urteile seien hier deshalb einmal einfach nur in den Raum gestellt. Sicherlich sinnvoll wird es aber sein, zunächst einmal eine Eigendarstellung von General Bronsart von Schellendorf aus dem Jahr 1921 zur Kenntnis zu nehmen (12), auf die im Internet ebenfalls recht häufig verwiesen wird.

"Ein Zeugnis für Talaat Pascha" (1921)

Bronsart von Schellendorf hat schon selbst anlässlich eines Prozesses im Jahr 1921, in dem er zuerst als Zeuge aussagen sollte, dann aber doch nicht vorgeladen wurde, öffentlich "Ein Zeugnis für Talaat Pascha" abgelegt, einen damals führenden türkischen Politiker. Darin schrieb er über den Völkermord an den Armeniern, den er ja keinesfalls leugnet, folgendes (12):
Um die dem ermordeten Großwesir zur Last gelegten Armeniergreuel zu verstehen, ist es nötig, einen kurzen Rückblick zu tun.
Armeniergreuel sind uralt! Sie geschahen immer wieder, seit Armenier und Kurden im Grenzgebiet Rußlands, Persiens und der Türkei dicht beieinander wohnen.
Der Kurde ist Nomade und Viehbesitzer, der Armenier Ackerbauer, Handwerker oder Händler. Der Kurde hat keine Schulbildung, kennt Geld und Geldeswert nicht genau und weiß, daß Zinsennehmen durch den Koran verboten ist. Der Armenier nutzt als Händler die Unerfahrenheit des Kurden skrupellos aus und übervorteilt ihn. Der Kurde fühlt sich betrogen, rächt sich an dem Wucherer und – die "Armeniergreuel" sind fertig! Es muß ausdrücklich betont werden, daß Gegensätze in der Religion dabei niemals mitspielten.
Der uralte Zwist bekam neue Nahrung, als die Armenier während des großen Krieges einen gefährlichen Aufstand in den östlichen Grenzprovinzen der Türkei unternahmen; ein besonderer Grund dazu lag nicht vor, den die von den "Mächten" der Türkei auferlegten Reformen begannen gerade zu wirken. Die Armenier hatten Sitz und Stimme in dem neuen Parlament, stellten sogar zeitweise den Minister des Auswärtigen. Sie hatten die gleichen sozialen und politischen Rechte wie die übrigen Völker des Staates. Die Ruhe in ihrem Lande wurde durch die von den französischen General Baumann ausgebildete Gendarmerie aufrecht erhalten.
Der Aufstand war von langer Hand vorbereitet, wie die zahlreichen Funde an gedruckten Aufrufen, aufhetzenden Broschüren, Waffen, Munition, Sprengstoffen usw. in allen von Armeniern bewohnten Gegenden beweisen; er war sicher von Rußland angestiftet, unterstützt und bezahlt. Eine armenische Verschwörung in Konstantinopel, die sich gegen hohe Staatsbeamte und Offiziere richtete, wurde rechtzeitig entdeckt.
Da sich alle waffenfähigen Mohammedaner beim türkischen Herren befanden, war es den Armeniern leicht, unter der wehrlosen Bevölkerung eine entsetzliche Metzelei anzurichten, denn sie beschränkten sich nicht etwa darauf, rein militärisch gegen die Flanke und gegen den Rücken der in der Front durch die Russen gebundenen türkischen Ostarmee zu wirken, sondern sie rotteten die muselmanische Bevölkerung in jenen Gegenden einfach aus. Sie begingen dabei Grausamkeiten, von denen ich als Augenzeuge wahrheitsgemäß bezeuge, daß sie schlimmer waren, als die den Türken später vorgeworfenen Armeniergreuel.
Zunächst griff die Ostarmee ein, um ihre Verbindungen mit dem Hinterlande aufrecht zu erhalten; da sie aber alle Kräfte in der Front gegen die russische Überlegenheit brauchte, auch der Aufstand immer weiter, sogar in entfernteren Gegenden des türkischen Reiches, um sich griff, wurde die Gendarmerie zur Dämpfung des Aufstandes herangezogen. Sie unterstand, wie in jedem geordneten Staate, dem Ministerium des Inneren. Der Minister des Inneren war Talaat, und er mußte als solcher die nötigen Anweisungen geben. Eile tat not, denn die Armee war in ihren sehr empfindlichen rückwärtigen Verbindungen schwer bedroht, und die muselmanische Bevölkerung flüchtete zu Tausenden in Verzweiflung vor den Greueltaten der Armenier. In dieser kritischen Lage faßte das Gesamtministerium den schweren Entschluß, die Armenier für staatsgefährlich zu erklären und sie zunächst aus den Grenzgebieten zu entfernen. Sie sollten in eine vom Krieg unberührte, dünn besiedelte aber fruchtbare Gegend überführt werden, nach Nord-Mesopotamien. Der Minister des Inneren und die ihm unterstehende, von dem französischen General Baumann für ihren Beruf besonders ausgebildete Gendarmerie hatten lediglich diesen Entschluß auszuführen.
Talaat war kein unzurechnungsfähiger, rachsüchtiger Mörder, sondern ein weitblickender Staatsmann. Er sah in den Armeniern die zwar jetzt von den Russen und den russisch-armenischen Glaubensgenossen aufgehetzten, aber in ruhiger Zeiten doch sehr nützlichen Mitbürger, und hoffe, daß es ihnen, entfernt von russischen Einflüssen und kurdischen Streitereien, in den neuen fruchtbaren Wohnsitzen gelingen würde, diese zukunftsreiche Gegend durch ihren Fleiß und ihre Intelligenz zu höherer Blüte zu bringen.
Talaat sah ferner voraus, daß die Ententepresse die Ausweisung der Armenier dazu benutzen würde, eine scheinheilige Propaganda gegen die "Christenverfolgungen" der Türken in Szene zu setzen und hätte schon deshalb gern jede Härte vermieden. Er hat Recht behalten! Die Propaganda setzte ein und hatte tatsächlich den Erfolg, daß überall im Auslande diese unglaubliche Dummheit geglaubt wurde. Christenverfolgung! Man bedenke; just in einem Lande, daß mit christlichen Großmächten eng verbündet, eine große Zahl christlicher Offiziere und Soldaten in seinem Heere als Mitkämpfer hatte.
Ich komme nun zur Ausführung des Planes der armenischen Umsiedelung. In einem Lande von der Ausdehnung des türkischen Reiches, daß aber so mangelhafte Verbindungen hat, befinden sich die Provinzen in einer mehr oder weniger großen Unabhängigkeit von der Zentralstelle. Die Gouverneure (Walis) haben mehr Gerechtsame als z.B. unsere Oberpräsidenten. Hierauf fußend, nehmen sie für sich in Abspruch, die Verhältnisse an Ort und Stelle oft richtiger beurteilen zu können als dies in Konstantinopel möglich war. Befehle des Ministeriums wurden daher gelegentlich anders ausgeführt, wie beabsichtigt. So ging es auf der Beamtenstufenleiter nach unten weiter, wo in vielen Fällen die Einsicht fehlte.
Die ungewöhnlich schwierige Aufgabe, außer vielen Tausenden von muselmanischen Flüchtlingen auch ebenso viele Armenier auf die richtigen Marschstraßen zu leiten, sie zu ernähren und unterzubringen, überstieg die Kräfte der wenigen vorhandenen und noch dazu ungeschulten Beamten. Hier griff Talaat mit größter Tatkraft und allen Mitteln ein. Die von ihm erlassenen zweckmäßigen Anweisungen an die Walis und an die Gendarmerie müssen noch vorhanden sein. Zahlreiche Schreiben des Ministeriums des Innern an das Kriegsministerium, die mir durch meine Dienststellung bekannt wurden, verlangten dringend Hilfe von der Armee; sie wurde gewährt, soweit die Kriegslage es zuließ: Nahrungs- und Beförderungsmittel, Unterkunftsräume, Ärzte und Arzneimittel wurden zur Verfügung gestellt, obwohl die Armee selbst empfindlichen Mangel litt. Leider sind trotz aller Mühe, ihr Los zu erleichtern, Tausende von muselmanischen Flüchtlingen und armenischen Ausgesiedelten den Anstrengungen der Märsche erlegen.
Hier liegt die Frage nahe, ob man solche Zustände nicht hätte voraussehen und die Umsiedelung unterlassen können. Abgesehen davon, daß die türkischen Flüchtlinge in ihrer berechtigten Angst vor den armenischen Schandtaten sich einfach nicht hätten aufhalten lassen, muß auch die Staatsnotwendigkeit der armenischen Abwanderung aus den Aufruhrgebieten bejaht werden! Die Folgen mußte man auf sich nehmen!
Nehmen wir einmal unsere jetzigen Zustände in Deutschland. Wenn ein Ministerium sich fände und die Macht hätte, anzuordnen: "Alle polnischen Aufrührer werden aus Oberschlesien entfernt und in Gefangenenlager gebracht!" – oder: "Alle gewalttätigen Kommunisten werden eingeschifft und an den Küsten Sowjet-Rußlands ausgebootet!", würde nicht ein Beifallssturm durch ganz Deutschland brausen? --
Vielleicht legen sich die Richter im Teilirian-Prozeß solche Fragen nachträglich vor. - - - Sie werden dann zu der harten Maßnahme der Armenier-Aussiedelung einen neuen Standpunkt gewinnen!
Talaat hat sich der militärischen Forderung, an der Mittelmeerküste alle Griechen ausweisen zu lassen, widersetzt, denn dort wurde "nur Spionage" getrieben. Ein gefährlicher Aufruhr, wie in Armenien, erfolgte nicht, obwohl der Gedanke dazu nahe lag. Talaat war ein Staatsmann, aber kein Mörder!
Nun aber die Greuel, die absichtlich an den Armeniern begangen worden sind. Sie sind so vielfach bezeugt, daß an der Tatsache nicht zu zweifeln ist.
Ich beginne mit den Kurden. Selbstverständlich benutzte dieser Volksstamm die seltene, vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit, die verhaßten Armenier, die noch dazu solche Schleußlichkeiten gegen Mohammedaner begangen hatten, bei ihrem Durchmarsch ausplündern und gegebenenfalls totzuschlagen. Der Leidenszug der Armenier führte viele Tage und Wochen lang durch Kurdistan! – Es gab keinen anderen Weg nach Mesopotamien.
Über das Verhalten der den armenischen Scharen truppenweise beigegebenen türkischen Gendarmen lauten die Urteile verschieden. An manchen Stellen haben sie ihre Schützlinge gegen kurdische Banden tapfer verteidigt: an anderen Orten sollen sie geflohen sein. Es wird ihnen auch vorgeworfen, mit den Kurden gemeinsame Sache gemacht, oder auch allein die Armenier ausgeraubt und getötet zu haben; der Beweis, daß sie hierbei auf höheren Befehl gehandelt hätten, ist nicht erbracht worden. Talaat kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden; die Ereignisse spielten sich 2000 km von ihm entfernt ab, und die Gendarmerie hatte, wie bereits erwähnt, bis zum Ausbruch des Krieges eine lediglich französische Ausbildung erhalten.
Es kann auch nicht geleugnet werden, daß türkische Offiziere sich an Armeniern bereichert und vergriffen haben, wo aber eine derartige Handlungsweise zur Kenntnis der Vorgesetzten kam, wurde sofort scharf eingegriffen. So ließ Wehib Pascha, Oberbefehlshaber der türkischen Ostarmee, zwei Offiziere aus solchem Grunde kriegsgerichtlich erschießen; Enver Pascha bestrafte den Gouverneur von Aleppo, einen türkischen General, der sich auf Kosten der Armenier bereichert hatte, mit sofortiger Dienstentlassung und langer Freiheitsstrafe. Ich denke, diese Beispiele genügen, um zu beweisen, daß man die Armeniergreuel nicht wollte! Aber es war Krieg, und die Sitten waren verwildert. Ich erinnere an die Grausamkeiten, die Franzosen an unseren Verwundeten und Gefangenen verübt haben. Hat das Ausland endlich diese Schandtaten erfahren?
Außer dem ermordeten Großwesir ist, wie ich gehört habe, auch Enver Pascha vor dem deutschen Gericht angegriffen worden. Enver liebt sein Vaterland glühend; er ist ein ehrenhafter Soldat von großer Begabung und beispielloser Tapferkeit, deren Augenzeuge ich wiederholt war. Seiner Tatkraft allein ist die Neuschaffung des türkischen Feldheeres zu danken, das, von seinem Geist erfüllt, jahrelang gegen eine erdrückende Übermacht kämpfte – und heute noch für die Heimat kämpft! Kein deutscher Offizier ist berufener, über ihn und seinen Freund Talaat Pascha zu urteilen, wie ich, der ich von 1914 bis Ende 1917 als Chef des Generalstabes des türkischen Feldheeres in den engsten Beziehungen zu diesen beiden Männern stand.
Talaat Pascha ist ein Opfer seiner Vaterlandsliebe geworden! Möge es Enver Pascha gelingen, wenn seine Zeit gekommen ist, seiner Vaterland zu neuer Größe zu erheben! Daß diese beiden Männer mir in schwerer Zeit ihr volles Vertrauen, ich darf sagen, ihre Freundschaft, geschenkt haben, ist eine stolze Erinnerung für mich.
In seiner allgemeinen Haltung stellte Bronsart von Schellendorf in damaliger Zeit gewiss keine Ausnahme dar. Selbst die Politiker der deutschen SPD und der deutschen liberalen Parteien während des Ersten Weltkrieges
beschworen in der Regel die deutsch-türkische Waffenbrüderschaft und wollten den Burgfrieden mit dem Kaiser nicht gefährden
und verzichteten deshalb auf eine öffentliche Kritik der Armeniermorde. Darüber, welche Handlungsspielräume ein Bronsart von Schellendorf hatte, der sehr viel näher am Geschehen war als die deutsche Politik im allgemeinen, soll damit aber noch nicht beurteilt sein.

Abb. 2: Die deutsche Militärmission für die Türkei vor ihrer Abreise im Dezember 1913 am Bahnhof - vierter von links: Oberst Bronsart von Schellendorf
(Herkunft: Wikipedia)
Schon 1919 hatte Bronsart von Schellendorf in einem weit verbreiteten Denken der damaligen Zeit die häufig  zitierten Worte geäußert:
Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit, der die Gesundheit des anderen Landes, in dem er sich niedergelassen hat, aufsaugt. Daher kommt auch der Hass, der sich in mittelalterlicher Weise gegen sie als unerwünschtes Volk entladen hatte und zu ihrer Ermordung führte.
In diesen Worten schwingt - wie auch sonst - natürlich eine "Nachsicht" gegenüber dem damaligen türkischen Verbündeten durch, die heute nur noch wenige werden teilen wollen.

Abgesehen von den "Armeniergreueln" ...

Was ist aber über General Friedrich Bronsart von Schellendorf noch zu sagen, ganz abgesehen von seiner Zeugenschaft der Armeniermorde oder gar seiner Mitverantwortung für diese? Auch sonst hat er in seinem Leben viel erlebt und viel selbst handelnd gestaltet.

Schon die Kadettenschule hatte er im gleichen Jahrgang besucht wie der spätere General Erich Ludendorff (1864-1937). Und er war Erich Ludendorff dann sein Leben lang so eng verbunden geblieben, dass er Ludendorff auch auf seinen - für die damalige Zeit ungewöhnlichen - Wegen auf politischem und weltanschaulichem Gebiet bis an sein Lebensende folgte. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hat sich Bronsart von Schellendorf für die Anschaffung von Feldküchen im deutschen Heer eingesetzt (12):
Für die Einführung der modernen Feldküche setzte sich der Generalleutnant Fritz Bronsart v. Schellendorf beim preußischen Kriegsministerium ein, nachdem er im russisch-japanischen Kriege die russische Feldküche kennen gelernt hatte. Bei einem Wettbewerb 1906 wurden 40 Modelle vorgeführt. ...

Gespräche mit Lyncker 1912 und 1924 über die Personalie der obersten deutschen Kriegsführung (Moltke, Ludendorff)

1912 hatte er ein geschichtlich bedeutsames Gespräch mit dem damaligen Chef des Militärkabinetts General Moriz Feriherr von Lyncker (1853-1932) (Wiki). In diesem legte Bronsart aufgrund guter persönlicher Kenntnis von Moltkes und seiner Familie dem General von Lyncker die Ungeeignetheit von Moltkes als Leiter in einem künftigen Krieg dar. Er begründete dies mit der Kränklichkeit von Moltkes, mit dem Pessimismus von Moltkes, der sicher glaube, dass der nächste Krieg für Deutschland verloren ginge, und mit den spiritistischen Interessen seiner Frau, die Moltke ihm, Bronsart gegenüber, sehr ernsthaft verteidigt und gerechtfertigt habe. von Bronsart nannte Lyncker nach anderen Vorschlägen Ludendorff als die damals bedeutendste militärische Begabung für die Leitung in einem künftigen Krieg. Lyncker jedoch meinte, dass keine der genannten Alternativen für Moltke beim Kaiser durchzusetzen seien, am wenigsten Ludendorff (19).

Ist der Ernst im Gesicht von Bronsarts im Dezember 1913 auch von solchen Erfahrungen her bestimmt (Abb. 2)?

Abb. 3: Fritz Bronsart v. Schellendorf
Als von Bronsart Lyncker im Jahr 1924 an dieses Gespräch erinnerte, betonte Lyncker, dass man Hindenburg Ludendorff nur an die Seite gestellt habe, weil und damit Hindenburg Ludendorff niemals reinreden würde (19). Die Aufzeichnungen über diese beiden Gespräche (19) stellen eine wesentliche Geschichtsquelle dar.

Abb. 4: von Schellendorf, Enver, Jamal
Im Herbst 1927 hatte Bronsart von Schellendorf auf Wunsch von Ludendorff die Leitung des Tannenbergbundes übernommen, der unter der Schirmherrschaft von Ludendorff stand, und der bis dahin von Konstantin Hierl geleitet worden war (Wiki) (s. Abb. 6 und 7). Bronsart von Schellendorf trat in der Folgezeit wie Erich Ludendorff aus der Kirche aus und bekannte sich zur Philosophie von Mathilde Ludendorff.

Abb. 5: F. Bronsart v. S. in der Mitte umgeben von türkischen Politikern
Noch 1935 war er deshalb beim Geburtstagsbesuch des Kriegsministers von Blomberg bei Erich Ludendorff mit eingeladen (siehe Abb. 8 ganz rechts).

Abb. 6: Ludendorff mit Bronsart von Schellendorf
Der Nachlaß des Generals Friedrich Bronsart von Schellendorf liegt heute im Bundesarchiv Freiburg (14). Er enthält auf drei Mikrofiche-Rollen laut Nachlassdatenbank:
Lebenserinnerungen, u. a. über Tätigkeit in der Türkei 1913-1917, 1914-1917 als Chef des Generalstabes der türkischen Armee; Aufzeichnungen; Schriftwechsel, u. a. mit Ludendorff; Zeitungsausschnitte. 
Erich Ludendorff beschreibt 1932 in einer Würdigung (15) auch, in welcher Weise General Bronsart tätig war, nachdem er im September 1919 aus dem aktiven militärischen Dienst ausgeschieden war:
Er schuf sich ein neues Leben. Er besuchte die landwirtschaftliche Hochschule in Hohenheim bei Stuttgart und kaufte sich den kleinen Besitz Runenberg bei Brunshaupten in Mecklenburg. Er bewirtschaftet ihn zusammen mit seinem früheren Burschen und dessen Frau, die seit 27 Jahren im Hause Bronsart angestellt sind. Auch wenn er den Bauern der Umgebung mannigfache Anregung zu geben vermochte und sich so seinen Wirkungskreis örtlich ausdehnte, genügte ihm dieses Leben nicht. Er musste eintreten in den Lebens- und Freiheitkampf des Volkes.
Brunshaupten liegt zwei Kilometer südlich der Ostsee bei Kühlungsborn. Am Thema dieses Blogs Interessierte berichten, dass eine Frau Michaelis zusammen mit ihrem Sohn den General Bronsart von Schellendorff noch 1947 in Mecklenburg besucht hat. Dort habe Bronsart damals zusammen mit seinem Kutscher in einer "Bütnerei" gelebt, da er von den Kommunisten wohl enteignet worden war. Diese Frau Michaelis hat ihren Besuch auch in Lebenserinnerungen festgehalten, die sie für das Ludendorff-Archiv des "Bundes für Gotterkenntnis" vorgesehen hatte, denn sie übergab sie dem früheren Vorsitzenden dieses Bundes, Gunther Duda. Heute befinden sie sich vermutlich im Privatnachlass von Gunther Duda.

Abb. 7: Mit General Ludendorff am Grabe Bismarks, Friedrichsruh, 1926
Ein anderer, 2015 verstorbener Leser dieses Blogs erinnerte sich, dass er von Frau Bronsart von Schellendorf in den 1950er Jahren noch einen Brief bekommen hat, eventuell von Sylt (?) aus, als er ein Flugblatt über Äußerungen von Konrad Adenauer zur Wiedervereinigung verbreitete. (Dieser persönliche Brief hat sich allerdings bisher noch nicht wieder finden lassen.) Veronika Bronsart von Schellendorff feierte im Jahr 1967 ihren hundertsten Geburtstag (16):
Im hohen Alter von 90 Jahren musste Frau von Bronsart mit Tochter und Schwiegersohn ihren Hof in Mecklenburg verlassen, weil ihr das Bleiben durch Maßnahmen der LPG unmöglich gemacht wurde. Bald nach ihrer Übersiedlung nach Bad Ditzenbach/Württ. schrieb sie: "Vierzig Jahre lang habe ich auf unserem kleinen Bauernhof ein sehr glückliches Leben geführt; man verlässt nicht gerne Haus und Hof, aber es blieb mir keine andere Wahl. Mein Schicksal ist das Schicksal von Millionen, ich darf kein Wort darüber verlieren."
Ein Jahr später starb sie (17). Weitere Erinnerungen, Lebenszeugnisse und Hinweise nehmen wir jederzeit gerne entgegen. Insbesondere steht auch noch eine gründliche Auswertung des genannten Nachlasses in Freiburg aus, zu der mit diesem Beitrag gerne auffordert sein soll.

Abb. 8: Blomberg bei Ludendorff in Tutzing, 9.4.1935 (aus Blombergs privatem Fotoalbum)
/letzte Überarbeitung 
dieses Beitrages: 
18.2.2017/
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  1. Gust, Wolfgang: Der Völkermord an den Armeniern. Die Tragödie des ältesten Christenvolks der Welt. Carl Hanser Verlag, München 1993 S. 267 (zit. n. Ulla Kux, 2005)
  2. Gust, Wolfgang: Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts, Verlag zu Klampen, 2005
  3. Gust, Wolfgang: Antwort auf die Kritik Hilmar Kaisers. Auf: http://www.wolfgang-gust.net/
  4. Dadrian, Vahakn N.: German Responsibility in the Armenian Genocide: A Review of the Historical Evidence of German Complicity. Blue Crane Books, U.S., Mai 1996 (300 Seiten) 
  5. Dadrian, Vahakn N.: Warrant for Genocide: Key Elements of Turko-Armenian Conflict. Transaction Publishers. New Brunswick [u.a.] 1999 (224 Seiten)
  6. Dadrian, Vahakn N.: The History of the Armenian Genocide: Ethnic Conflict from the Balkans to Anatolia to the Caucasus. Berghahn Books Inc; 2004 (490 Seiten)
  7. Dinkel, Christoph: German Officers and the Armenian Genocide. In: Armenian Review, vol. 44, no. 1 (1991), 77-133
  8. Bloxham, DonaldA Reassessment of the German Role in the Armenian Genocide. Auf Hist.net
  9. Gottschlich, Jürgen: „Das ist hart, aber nützlich“. Der Völkermord an den Armeniern. die tageszeitung, 20. April 1995 (Rezension von Gust 1993)
  10. Schoeps, Julius H.: Der verdrängte Genozid. Armenier, Türken und ein Völkermord, für den bis heute niemand die Verantwortung übernehmen will. In: Compass - Informationsdienst für christlich-jüdische und deutsch-israelische Tagesthemen im Web, Februar 2005
  11. Schmid, Thomas: „Das ist hart, aber nützlich“. Der Völkermord an den Armeniern. In: Berliner Zeitung, 28.12.2011
  12. Bronsart von Schellendorf, Friedrich: Ein Zeugnis für Talaat Pascha. In: Deutsche Allgemeine Zeitung, 24.7.1921. Auf: Scribd.com oder auch auf: Politikcity.de ("Europas größtes türkisches Politikforum"), 30.12.2005 Siehe auch: A German Officer's "Genocide" Eyewitness Testimony. A Witness for Talaat Pasha General Lieutenant a.d. Bronsart von Schellendorf. Auf: The Other Side of the Falsified Genocide.
  13. Transfeldt, W.; Frhr. von Brand, K.: Wort und Brauch im deutschen Heer. Geschichtliche und sprachkundliche Betrachtungen über Gebräuche, Begriffe und Bezeichnungen des deutschen Heeres in Vergangenheit und Gegenwart. Verlag Helmut Gerhard Schulz (6. Aufl.), Hamburg 1967 (zit. n. "Historischer Service")
  14.  http://www.nachlassdatenbank.de/viewsingle.php?category=B&person_id=1906&asset_id=2078&sid=124db5da4a4cb13ca807c . Lebenserinnerungen, u. a. über Tätigkeit in der Türkei 1913-1917, 1914-1917 als Chef des Generalstabes der türkischen Armee; Aufzeichnungen; Schriftwechsel, u. a. mit Ludendorff; Zeitungsausschnitte. - Umfang: 3 Mikrofilmrollen. - Erschließungsstand: Findkartei. 
  15. Ludendorff, Erich: 50 Jahre im Dienst. (Eine Würdigung des Lebens von General Bronsart von Schellendorff.)  In: Ludendorff's Volkswarte, Folge 14 vom 10.4.1932, S. 5f
  16. Karg von Bebenburg, Franz Freiherr: Glückwünsche zum hundersten Geburtstag von Veronika Bronsart von Schellendorff. In: Mensch & Maß, Folge 16, 23.8.1967, innere Umschlagseite
  17. Todesanzeige für Veronika Bronsart von Schellendorf, geb. von Bronsart. In: Mensch & Maß, Folge 9, 9.5.1968, äußere Umschlagseite
  18. Bronsart von Schellendorf, Friedrich: Deutscher Adel und Freimaurerei. K. H. Heine, Wismar i. Mecklbrg. 3. Auflage 1930 (Scribd)
  19. o.V.: Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie vorher mit Blindheit. Zwei historische Gespräche vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges. In: Mensch & Maß, Folge 13, 9.7.1985, S. 577 - 595 [Bronsarts Gespräche mit Lyncker 1912 und 1924 über die Ungeeignetheit von Moltkes und die Wahl Ludendorff als Nachfolger für ihn]

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