Dienstag, 17. Juni 2014

Adolf Hitler bekam es wörtlich: "Nie will der Lebend'ge Lebendige knechten" - von Mathilde Ludendorff im Jahr 1923

Hitlers erhaltene Bibliothek bestätigt die Lebenserinnerungen Mathilde Ludendorffs - und die Erinnerungen Ernst Hanfstaengls an sie als eine "tapfere Frau"

Im August 1923 hat die naturwissenschaftsnahe Philosophin Mathilde Ludendorff (1977-1966) (Wiki) auf Bitten des NS-Vordenkers Gottfried Feder (1883-1941) (Wiki) Adolf Hitler aus ihrem damals ganz neu erschienenen Buch "Triumph des Unsterblichkeitwillens" vorgelesen. Was bis heute nicht bekannt war, ist der Umstand, daß sich in Hitlers Privatbibliothek eine Ausgabe dieses Buches erhalten hat, versehen mit einer handschriftlichen Widmung der Autorin selbst, die sie ihm - sicherlich aus diesem Anlaß - hineingeschrieben haben wird. Ohne Frage hätte diese Buchwidmung eine sinnvolle Verteidigung Mathilde Ludendorffs vor dem Spruchkammerverfahren in München 1949 und 1950 darstellen können, in der sie als Schuldige am Nationalsozialismus angeklagt war - wenn sie denn diese Buchwidmung so in Erinnerung gehabt hätte oder wenn gar damals schon das Original dieser Buchwidmung bekannt gewesen wäre. Die Widmung besteht aus zwei Auszügen aus dem Buch selbst, jeweils mit Seitenangabe zitiert. Im folgenden seien diese beiden Auszüge zunächst zitiert (16, S. 76; deutscher Text nach der Ausgabe von 1959):
V. Gesang "Das heilige Rätsel" (58)
Vergiß nie, du junge gesegnete Seele,
Wenn niemals das Jenseits du lässest,
So bist du vollkommener Gott,
Solange du lebest.
VII. Gesang "Runen des Seins" (73)
So schreite denn hin in die Gaue des Landes
Und künde den armen, von Machtgier geknechteten Sippen
Die wahren Runen des Seins!
Und künde dem lieben, todkranken Volke
Dies Trostwort der Mutter:
Nie will der Lebend'ge Lebendige knechten
Es knechtet der plappernde Tote nur plappernde Tote!!
Doch bist du lebendig, mein Volk,
So bist Gott du und frei!
Es wird wohl schon gesagt werden können, daß das deutliche Worte sind gegenüber einem Menschen wie Adolf Hitler:
Nie will der Lebend'ge Lebendige knechten
Es knechtet der plappernde Tote nur plappernde Tote!
Und es darf gefragt werden: Wer sonst hat Adolf Hitler jemals solche - oder vergleichbare Worte - als persönliche Widmung in ein Buch geschrieben und dann natürlich auch den Geist dieser Worte im mündlichen Gespräch ihm gegenüber vertreten? Im folgenden soll geschildert werden, was über die drei Begegnungen zwischen Mathilde Ludendorff (damalige Mathilde von Kemnitz) und Adolf Hitler im Jahr 1923 bekannt geworden ist und was über dieselben gesagt werden kann. Die erste fand im Februar 1923 wohl in München im Beisein von Parteiführern statt, die zweite fand im August 1923 im Haus von Gottfried Feder in Murnau statt und die dritte fand im Herbst 1923 im Haus von Mathilde von Kemnitz in Tutzing statt. 

Um zunächst einen Eindruck von der gesellschaftlichen Atmosphäre zu erhalten, in dem das zweite dieser Gespräche stattgefunden hat, sei auf eine Abbildung hingewiesen (Abb. 1). So ähnlich wie auf diesem Foto, das viele Jahre nach 1923, irgendwann in den 1930er Jahren entstanden ist, wird man sich auch die Situation vorstellen dürfen, in der es im August 1923 in Murnau in Oberbayern im Haus von Gottfried Feder abends zu einem der Gespräche zwischen Adolf Hitler und Mathilde von Kemnitz, spätere verheiratete Ludendorff gekommen ist (1-13).

Abb. 1: In der Goebbelswohnung am Reichskanzlerplatz in Berlin, 1930er Jahre: Adolf Hitler, Ernst Hanfstaengl (am Klavier), Magda Goebbels (?) und Freundin/Schwester/Schwägerin (?), Wilhelm Brückner, Joseph Goebbels
Über dieses Gespräch gibt es nicht nur eine Darstellung von Mathilde Ludendorff (3), sondern auch den Bericht eines Augenzeugen, nämlich von Ernst Hanfstaengl (1887-1975) (Wiki) (4). Da die Lebenserinnerungen von Ernst Hanfstaengl auch sonst nicht gerade das unwesentlichste Dokument zur Zeitgeschichte darstellen, soll im vorliegenden Beitrag etwas weiter ausgeholt werden. Es soll zunächst einmal versucht werden, das Wirken dieses Ernst Hanfstaengl insgesamt hintergrundpolitikkritisch auszuleuchten und einzuordnen. Dazu zunächst der folgende Exkurs, den der Leser gerne auch erst einmal überspringen kann, um dem Hauptgedanken der Einleitung weiter zu folgen (dann bitte weiter unter der übernächsten Überschrift: "Diese tapfere Frau" ...).


Exkurs: Ernst Hanfstaengl im Umfeld von Geheimdiensten und -gesellschaften


Internationale Okkultlogen müssen im Auge behalten, in welche politischen und weltanschaulichen Richtungen sich jene bewegen, die sie als ihre "Sendboten an die Völker" ansehen. Also die uns bekannten Vordergrund-Politiker, die uns, den Völkern, mitunter, nunja: "von der Vorsehung" gesandt werden. Also zum Beispiel Adolf Hitler.  


Wie es scheint, haben die Okkultlogen schon sehr früh für einen solchen Beobachterposten den deutsch-amerikanischen Historiker und Kunstverleger Ernst Hanfstaengl in das persönliche Umfeld von Adolf Hitler gesandt. Um auf dem Laufenden zu bleiben und vielleicht auch, um dort einen etwaig möglichen oder notwendigen Einfluss auszuüben. Hanfstaengl stellt sich in seinen Erinnerungen so dar, als seien die meisten seiner Adolf Hitler gemachten Vorschläge von diesem nicht angenommen worden. Ob dies wirklich stimmt, bleibe dahingestellt. Wichtiger für die Geheimdienste wird in jedem Fall gewesen sein, was sie von ihm an Beobachtungen und Eindrücken aus erster Hand über Adolf Hitler bekommen konnten

Schon seit 1914 war Hanfstaengl unter anderem bestens befreundet mit dem jüdischen Geheimagenten und Journalisten Rudolf Kommer (1886-1943) (Wiki) (4, S. 27ff). Dieser hatte laut Wikipedia während des Ersten Weltkrieges im Auftrag des österreichischen Geheimdienstes gearbeitet. Und sein zahlungskräftigster Gönner war - zumindest über viele Jahre - vor allem der jüdische Wallstreet-Bankier und Hitler-Finanzier Otto Hermann Kahn (s. Wiki). Beide Umstände erwähnt Hanfstaengl in seinen Erinnerungen nicht. Dadurch kann er natürlich auch die Bedeutung seiner Freundschaft zu Kommer gewissermaßen verschleiern, bzw. im Halbdunkel lassen.

Abb. 2: Ernst Hanfstaengl nach dem Zweiten Weltkrieg
Der amerikanische Geheimdienst war dann zumindest verwickelt in die Vorgänge, die zur Flucht von Hanfstaengl aus Deutschland im Jahr 1937 führten (8). Und dass der amerikanische Geheimdienst auch danach ein großes Interesse an diesem Ernst Hanfstaengl hatte, zeigt sich daran, dass Hanfstaengl von diesem Geheimdienst scharf im Auge behalten wurde (6, 7). Er wurde von einigen - vielleicht nur untergeordneten Abteilungen - des amerikanischen Geheimdienstes gar als ein Vertreter des innerdeutschen Widerstandes gegen Hitler wahrgenommen. Hanfstaengl rechnete in seinen politischen Analysen während des Zweiten Weltkrieges mit einem innerdeutschen Staatsstreich gegen Adolf Hitler und mit einer Machtübernahme gemäßigter Kreise rund um - man höre und staune: Ernst Jünger (7). Damit wären ja das anglo-amerikanische Bündnis mit der Sowjetunion, sowie die damit verbundenen gemeinsamen Kriegsziele "bedingungslose Kapitulation" und Zweiteilung Deutschlands und Europas entlang der Elbe (5) gefährdet gewesen. Hanfstaengl blieb deshalb auch die gesamte Kriegszeit über interniert (bis 1947!). Mal unter luxeriösen Bedingungen und als kein geringerer denn als Berater des amerikanischen Präsidenten Roosevelt, mal unter sehr schlechten Bedingungen. Seine Internierung erinnert an die Unterbringung deutscher Astrologen in Konzentrationslagern im Dritten Reich während des Zweiten Weltkrieges. Etwa an die des Wilhelm Wulff, der - aus dem KZ heraus (!) - Hofastrologe der deutschen Geheimdienstchefs Heinrich Himmler und Walter Schellenberg war (13).

Es soll hier nicht zu weit ausgeholt werden. Es sei nur zusammenfassend gesagt, dass Ernst Hanfstaengl viele gute Freunde hatte sowohl im Umfeld der amerikanischen Präsidentenfamilien Roosevelt und Wilson, der sie umgebenden, oft jüdischstämmigen politischen Berater, Wallstreet-Banker, außerdem im Umfeld der internationalen Satanisten (Aleister Crowley, Hanns Heinz Ewers), ebenso im Umfeld der deutschen Rechtskonservativen (Schacht, von Papen, Rudolf Diels, Oswald Spengler, Ernst Jünger).

Man darf sich bei einem solchen persönlichen Netzwerk schon das eine oder andere denken. Schon diese personellen Netzwerke sagen demjenigen, der viele Beiträge des Blogs "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" in den letzten Jahren gelesen hat, recht viel. Es scheint sich immer wieder um die gleichen Netzwerke, "Herrenklubs" und satanistischen Okkultlogen zu handeln.

Ziel internationaler Okkultlogen und Geheimdienste: Den Antisemitismus unterlaufen oder überwinden

Hanfstaengl berichtet nun in seinen Erinnerungen unter anderem über den Hitler-Ratgeber Dietrich Eckart (1868-1923) (Wiki), der als einer der wichtigsten geistigen Anreger Adolf Hitlers gilt (4, S. 50) (Hervorhebung nicht im Original):
Mir war er bald ein lieber Freund (...), der ungefähr aus den gleichen Beweggründen wie ich Hitler bereits vor Jahren unter seine Fittiche genommen hatte und laufend einen Teil seiner reichlich fließenden Tantiemen der Partei überließ.
Jede Formulierung hat hier Gewicht. Und so sei denn auch festgehalten: Für Hanfstaengl gibt es nicht nur andere Leute, die Adolf Hitler "unter ihre Fittiche nehmen". Unter anderem dadurch, dass sie ihn finanzieren. Sondern er selbst hat es genauso getan - nach seinen eigenen Worten. Und so hat er ja in der Tat auch selbst Adolf Hitler finanziert. So wie dies dann auch "Gönner" nahestehender Freunde tun sollten, die Adolf Hitler also womöglich auf diese Weise ebenfalls "unter ihre Fittiche" nahmen von eben jenem New York her, von dem ja auch Ernst Hanfstaengl nach Deutschland gekommen war. (So nimmt es ja beispielsweise auch Karlheinz Deschner in seinem Buch "Der Molloch" an.)

Die Worte "aus den gleichen Beweggründen wie ich" wird man sich dann ebenfalls auf der Zunge zergehen lassen können. Welche Beweggründe waren es denn dann? Dazu auch noch am Ende dieses Blogbeitrages ein Hinweis. Aber Dietrich Eckart selbst hilft ebenfalls schon weiter. Der habe Hanfstaengl einmal gesagt (4, S. 105) (Hervorhebung nicht im Original):
"Wissen's, Hanfstaengl, mit dem Antisemitismus von heute komme ich nicht mehr mit. Den habe ich transzendental in mir überwunden."
Abb. 3: Der dekadente Dandy Hanns Heinz Ewers
Ähnliche Äußerungen findet man übrigens auch sonst in den Schriften Dietrich Eckarts (nach freundlicher mündlicher Auskunft von Buchautor Stephan Berndt). Also war es womöglich auch einer der "Beweggründe", Hitler unter die Fittiche zu nehmen, um durch die Förderung Hitlers den Antisemitismus - zu überwinden. Also mit und in ihm selbst ein "Selbstmordprogramm" auszulösen. Hitler endete ja auch durch Selbstmord oder dadurch, dass er sich heroisch "zum Opfer darbrachte" (mit einigen Millionen anderen). Und das klingt dann auch sehr ähnlich wie das, was beispielsweise Friedrich Hielscher über den Antisemitismus der damaligen Zeit im deutschen rechtskonservativen Raum geschrieben hat. ("Israel ist auf 'das Reich' hin ausgerichtet und umgekehrt.") Es sind das auch Gedanken, die unter "völkischen" Freimaurern jener Zeit gänige Münze waren.

Da machte man ja dann zum Beispiel Moses oder Jesus zu "Ariern", um den gegen Moses und Jesus gerichteten Antisemitismus - zu unterlaufen, sprich, "zu überwinden". Und nach Alfred Kommer in der Wiedergabe von Ernst Hanfstaengl (siehe letztes Zitat dieses Beitrages) mussten die deutschen Rechtskonservativen und Völkischen unter jüdische Leitung gestellt werden, wenn sie es zu etwas bringen sollten. Was dann aber auch zu einem offenbar hinzunehmenden "Gnade Gott uns Juden und Deutschen"-Geschehen führen würde. So mag ja denn auch "die Vorsehung" mitunter arbeiten aus Sicht von okkult gesonnenen Menschen ...

Interessanterweise kommt Ernst Hanfstaengl in seinen Erinnerungen auch immer wieder darauf zu sprechen, dass er schon ab 1923 sehr bewusst und stetig die antiklerikale Richtung innerhalb der NSDAP rund um Alfred Rosenberg bekämpft hat. Und dass er eine Annäherung zwischen Adolf Hitler und der katholischen Kirche befürwortet hat und sie gefördert hat wo immer er konnte. Unter anderem auch 1923/24 gegenüber dem bayerischen Ministerpräsidenten Held. Und dies alles sogar, obwohl Ernst Hanfstaengl selbst und seine Familie, wie er sagt, evangelisch waren.

Man gewinnt also den Eindruck, dass Hanfstaengl selbst schon recht viel Bibelgläubiges "synkretistisch" in sich vereinigt und "transzendental überwunden" hatte. Warum auch nicht in jenen internationalen esoterischen Kreisen, in denen er sich bewegte. Sagen wir einmal in so illustren wie denen rund um Aleister Crowley - ebenfalls ein Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, wie viele vermuten, und wie es nichts weniger als naheliegend ist. - / Exkurs-Ende!/

"Diese tapfere Frau" - Ernst Hanfstaengl über Mathilde Ludendorff

Hanfstaengl ist nun überraschenderweise einer der wenigen, von dem ein einigermaßen authentischer, unabhängiger Augenzeugenbericht vorliegt über eine der drei persönlichen Aussprachen zwischen Mathilde von Kemnitz (spätere Ludendorff) und Adolf Hitler, die im Jahr 1923 stattgefunden haben, und über die es ja im nachhinein allerhand Gerüchte gab. Gottfried Feder, der diese Aussprachen im Jahr 1923 jeweils herbeigeführt hatte, starb schon 1941 mit 48 Lebensjahren. Die Ursachen seines frühen Todes werden auf Wikipedia (Deutsch und Englisch), sowie in der Neuen Deutschen Biographie (24) nicht erörtert. Es wäre noch zu prüfen, ob ein unveröffentlichter Nachlaß von Gottfried Feder vorhanden ist, dem Erinnerungen oder Zeugnisse zu diesem Gespräch entnommen werden können. Feder war verheiratet mit einer Schwester des deutschen Historikers Karl Alexander von Müller (1882-1964) (Wiki), die nervenärztlich von Mathilde von Kemnitz behandelt wurde. Dadurch entstand die enge Verbindung von Feder zu Mathilde von Kemnitz. Feder hinterließ zwei Söhne und eine Tochter (24). Sein Schwager, der Historiker, hat Erinnerungen hinterlassen, die noch einmal heran zu ziehen wären. Es sollte eigentlich angesichts solcher familiärer Verhältnisse nahe liegend sein, daß sich ein Nachlaß von Gottfried Feder erhalten hat.

Jedoch geben auch schon die Buchbesprechungen und Aufsätze von Gottfried Feder über das philosophische Werk von Mathilde von Kemnitz bis zum Jahr 1926 einen sehr deutlichen und klaren Eindruck von der großen Hochachtung, die auf seiner Seite gegenüber Mathilde von Kemnitz vorgelegen hat. In dem Aufsatz, den er im Jahr 1926 aus Anlaß der Hochzeit von Mathilde von Kemnitz mit Erich Ludendorff veröffentlicht hat, gewinnt man den Eindruck, daß er schon tiefer in ihr philosophisches Werk eingedrungen war, als zu diesem Zeitpunkt noch Erich Ludendorff selbst (25). Aus der großen Hochachtung Feders gegenüber Mathilde von Kemnitz ist ja allein das Zustandekommen der Aussprachen zwischen ihr und Hitler zu erklären.

In den Erinnerungen von Ernst Hanfstaengl aus dem Jahr 1970 (4) findet sich nun über eine der drei Begegnungen zwischen Adolf Hitler und Mathilde von Kemnitz ein durchaus anschaulicher und aufschlussreicher Bericht. Wie man aus seinen Erinnerungen überhaupt einen vergleichsweise dichten und auch authentischen Eindruck von dem politischen Leben und auch dem Privatleben rund um Adolf Hitler in jenen Jahren erhält. Wie richtig oder verzerrt dieser Eindruck auch sonst ist, darüber finden sich, soweit wir sehen, in den großen Hitler-Biographien und den dortigen Einschätzungen zum Quellenwert dieser Lebenserinnerungen von Ernst Hanfstaengl noch wenig konkrete Hinweise. Zumeist werden diese Erinnerungen einfach als glaubwürdige Quelle ausgewertet. Und man hat auch das Gefühl, daß man mit seinem Buch dichter dran ist als mit fast allen anderen Berichten, die über diese Zeit aus dem persönlichen Umfeld von Adolf Hitler bekannt sind.

Nun zu den Einzelheiten. Vom 14. bis 18. Juli 1923 hatte das 13. Deutsche Turnfest in München stattgefunden (Wiki, GA-j!). Hanfstaengl hatte damals die Einweihung von SA-Fahnen durch den Benediktiner-Abt Albanus Schachleiter (auch Alban Schachleiter; 1861-1937) (Wiki) anläßlich einer Gedenkfeier für Albert Leo Schlageter in München gegenüber Hitler in Vorschlag gebracht. Und da Hanfstaengl auch einer der ersten Augenzeugen des Reichstagsbrandes war (der zumindest von Hans Bernd Gisevius als okkultes Zeichen dargestellt wird), bekommt man so eine Ahnung davon, daß womöglich auch dieser "Opfertod" von Albert Leo Schlageter - wie später der von Hanfstaengl gemeinsam mit Ewers filmisch aufgearbeitete "Opfertod" von Horst Wessel - irgendeine Haupt- oder Nebenbedeutung im Denken oder sogar Handeln von Okkultlogen gehabt haben könnte. Jedenfalls erschien Hanfstaengl diese Einweihung der SA-Fahnen im Angesicht der von Alfred Rosenberg innerparteilich ausgehenden antiklerikalen Gefahren (4, S. 109f)
wie der Anbeginn einer neuen Phase in der nationalsozialistischen Bewegung im Zeichen religiöser und weltanschaulicher Toleranz - eine Hoffnung, die jedoch schon bald zuschanden werden sollte. Denn kaum eine Woche später veröffentlichte der "Völkische Beobachter" einen Leitartikel seines rabiaten Chefredakteurs (Alfred Rosenberg), in dem der Papst als Medizinmann (...) apostrophiert wurde.   
Ziemlich witzig ist hier, daß für Hanfstaengl eine solche Apostrophierung nun kein Ausdruck religiöser und weltanschaulicher Toleranz ist. Da werden die Bewertungen geradezu auf den Kopf gestellt und das macht deutlich, wie weit das "Mitgefühl" des Ernst Hanfstaengl mit Priestern ging. In diesem Falle mit katholischen. Man darf sie nicht "Medizinmänner" nennen.

Aber merkwürdigerweise stellt Hanfstaengl dann den Inhalt des nachfolgenden Kapitels 28 gar nicht mehr in Bezug zu diesem gescheiterten "Anbeginn einer neuen Phase weltanschaulicher Toleranz" innerhalb der NSDAP. Von einem "Ausflug nach Neuschwanstein" gemeinsam mit Adolf Hitler berichtet Hanfstaengl für den August 1923. Er fährt fort (4, S. 111f) (Hervorhebung nicht im Original): 
Eine Parteikundgebung in der Turnhalle in Murnau, zu der auch zahlreiche Teilnehmer aus München gekommen waren, bildete den Abschluß dieses Besuches. Gottfried Feder, der hier lebte, veranstaltete nach Schluß der Kundgebung eine kleine Teegesellschaft in seinem Hause, an der, außer Hitler und mir, auch noch einige andere Gäste, darunter Mathilde von Kemnitz, die spätere zweite Frau Ludendorffs, teilnahmen. Feder (...) erwies sich in seinen vier Wänden als Mann von beachtlicher Bildung und Kultur. Gleiches galt von seiner Frau. (...) So ergab es sich wie von selbst, daß ich nach dem Abendessen Frau Feder zu drei Schubertliedern begleitete, ...
- einen Eindruck von einer solchen Szene ergibt, wie oben schon gesagt, Abbildung 1 -
... während im Rahmen der weit geöffneten Terrassentür die mondhelle Augustnacht das ihre dazu beitrug, den Stimmungszauber dieser Stunden zu erhöhen. Nur Frau von Kemnitz widerfuhr bei dieser Gelegenheit das Mißgeschick, mit ihrer, von einem durchsichtigen Chiffronkleid eingehüllten imposanten Körpersilhouette derart in das Hintergrundlicht dieser weißen Nacht zu geraten, daß eine stehend von ihr erteilte Vorlesung über Rasseaufzucht und Freikörperkultur gleich eine recht anschauliche plastische Untermalung erfuhr.
Was sich hier also alles so im Gedächtnis dieses Herrn Hanfstaengl aufgespeichert hat und was er glaubt, der Nachwelt aus diesem überliefern zu müssen. Jedoch ist es wenig glaubhaft, daß Mathilde von Kemnitz damals über "Freikörperkultur" gesprochen hat. Das war, soweit übersehbar, für sie niemals ein Thema. Es macht dies vielmehr - ebenso wie die Schilderung ihrer "imposanten Körpersilhouette" - nur deutlich, welche anzüglichen Assoziationen bei Hanfstaengl noch in den 1960er Jahren auftauchten, wenn er an Mathilde Ludendorff dachte. Warum diese Assoziationen aufkamen, wird weiter unten wohl noch deutlicher werden. Und falls Hanfstaengl meinte, daß für die damalige Mathilde von Kemnitz "Rasseaufzucht" etwa ausgerechnet etwas vor allem mit "Freikörperkultur" zu tun hatte, so muß er da wohl ebenfalls vieles falsch verstanden - oder besser in seiner Erinnerung falsch assoziiert - haben. Hanfstaengl schreibt jedoch weiter, wobei eine inhärente Frauenabwertung natürlich auch schon in dem Umstand beschlossen liegt, daß er in Bezug auf Mathilde Ludendorff meistens nur den Vornamen gebraucht. Er schreibt (Hervorhebung nicht im Original):
Auch wenn ich mich mit den Lehrmeinungen der Dame Mathilde nie habe befreunden können, in ihrer geistigen Unabhängigkeit und Kompromißlosigkeit hat diese tapfere Frau stets meinen vollen Respekt gehabt.
Und weiter heißt es:
An jenem Abend im Hause Feder gestaltete sie ihre Auslassungen über Weltgeist und Weltall ein wenig zu ermüdend; ...
- Auch "Weltgeist" ist kein damaliger oder späterer Ausdruck, der in der Philosophie von Mathilde Ludendorff gebraucht wird. Insofern jedoch der pantheistisch verstandene "Weltgeist" der Philosophie Hegels damit gemeint sein sollte, würde Hanfstaengl hier wohl dennoch nicht allzu viel falsch verstanden haben. Mathilde Ludendorff spricht in ihren Werken eher davon, daß "das Weltall von Gott durchseelt" ist. Hanfstaengl berichtet weiter:
.... schließlich wandte sie sich mit ihrer Forderung nach einer neuen, im nordischen Ahnenerbe wurzelnden Religion direkt an Hitler. Der schien aber nicht bereit, sich auf religionsphilosophisches Glatteis locken zu lassen, sondern erklärte kurz angebunden: "Für mich hat das Weltall nur im astronomischen Sinne Bedeutung. Weshalb ich mich auch der Meinung derer anschließe, die glauben, daß es der Menschheit eines Tages gelingen wird, erfolgreich zu anderen Gestirnen vorzustoßen. Aber das sind reale Ziele. Und genauso begreife auch ich meine Aufgabe lediglich praktisch und politisch. Dabei will ich nicht ausschließen, daß es möglicherweise irgendwann einmal einen Philosophen geben wird, der aus dem, was wir wollen und erstreben, ein neues Glaubenssystem entwickelt."
Gerade rund um Alfred Rosenberg und rund um den führenden Philosophen des Dritten Reiches Alfred Bäumler hat es ja später solche Bestrebungen gegeben. Es sei erinnert an Eduard Baumgarten, Konrad Lorenz und andere, wie hier auf dem Blog in zwei anderen Beiträgen schon ausgeführt worden ist (26). Hanfstaengl weiter:
Darauf Frau Mathilde, sich zu voller Körpergröße straffend und das Denkerhaupt emporgereckt, als lausche sie bereits dem Flügelschlag der Ewigkeit: "Dieser Philosoph, Herr Hitler, steht bereits vor Ihnen!"
Ob es sich genau so zugetragen hat oder überhaupt zugetragen haben kann, soll an dieser Stelle dahin stehen. Mathilde Ludendorff selbst berichtet in ihren Erinnerungen (siehe unten), daß es ihr in diesem Gespräch um die Erkenntnis gegangen sei, "daß ein klares religiöses Erkennen die Grundlage des völkischen Ringens sei". Und so kommt es einem auch plausibler und schlichtweg sachlicher vor. Hanfstaengl jedenfalls weiter (Hervorhebung nicht im Original):
Angesichts solcher Glaubensstärke versuchte Hitler erst gar nicht, irgendwelche Zweifel anzumelden, sondern erhob sich nur wortlos kurz danach, um sich von unseren Gastgebern und den anderen Besuchern zu verabschieden. Da man uns zum gemeinsamen Übernachten das Gastzimmer des Hauses zur Verfügung gestellt hatte, machte ich mir einen Spaß daraus, ihn vor dem Einschlafen noch ein wenig mit den von Frau von Kemnitz entwickelten Perspektiven zu frozzeln.

"Da sehen Sie, was auf uns zukommt", sagte ich. "Nicht nur Kommunisten, sondern ganze Kolonnen von Amazonen und streitbaren Blaustrümpfen formieren sich, um Ihnen den Führungsanspruch streitig zu machen. Und ich fürchte, Herr Hitler, diese Damen werden noch weniger Spaß verstehen, als Moskaus Jünger. Da gibt's nur eins: Rasch auf die Seite legen und gut ausschlafen, um den kommenden Ereignissen mit wachen und furchtlosen Augen entgegenzublicken. Gute Nacht."
Man gewinnt insgesamt den Eindruck, daß diese Erzählung - wie manches andere in den Lebenserinnerungen von Hanfstaengl - eher romanhaft geschildert ist. Obwohl Hanfstaengl die Bestrebungen der Mathilde von Kemnitz in keiner Weise in Beziehung setzt zu den zeitgleichen von Alfred Rosenberg, hört man jedenfalls doch hindurch, wie hier ein reines Männermilieu sich frozzelnd davor fürchtet, daß ihm ein "Führungsanspruch" abhanden kommen könnte - gar durch eine Frau. Die Ludendorff-Bewegung ist ja auch später von Adolf Hitler als ein sehr gefährlicher Gegner wahrgenommen worden wie in vielen Beiträgen hier auf dem Blog deutlich wird. Das ging ja bis zu Mordplänen Hitlers gegen Erich Ludendorff im Jahr 1937. - Hanfstaengl kommt in seinen weiteren Erinnerungen auf den politischen und weltanschaulichen Kampf zwischen der NSDAP und der Ludendorff-Bewegung nicht mehr zu sprechen. Es wird dieser für ihn als Auslandspressechef der NSDAP ab dem September 1930 auch nicht unbedingt im Fokus der Aufmerksamkeit gestanden haben.

Daß er aber von der Art des Kampfes der NSDAP gegen Mathilde Ludendorff und gegen die Ludendorff-Bewegung allgemein manches mitbekommen haben muß, was auch die oben erwähnten Assoziationen mit hervorgerufen haben wird, geht aus einer Bemerkung an ganz anderer Stelle seiner Erinnerungen hervor. Eine Bemerkung, die er zur Charakterisierung des engsten ("Chauffeur-")Kreises rund um Adolf Hitler macht, eines Kreises, der Hitler - nach Darstellung von Hanfstaengl - allmählich immer stärker von seiner sonstigen Umgebung abgeschirmt hätte. Zur Kennzeichnung dieser "Chauffeureska"  schreibt Hanfstaengl nun unter anderem (4, S. 313):
Das geistige Niveau war gleich Null. Um ein Beispiel zu geben: Eines Tages war Schaub in den Besitz von Nacktbildern von Mathilde Ludendorff gekommen, vermutlich aufgenommen, als diese exzentrische Dame irgendwo eine Naturheilkur machte. Sie wurden mit wieherndem Gelächter herumgereicht.
Es ist naheliegend, daß dies um 1929 oder 1930 herum geschehen ist. Womöglich hatte diese Bilder der vormalige völkische Reichstagsabgeordnete Georg Ahlemann (1870-1962) an Adolf Hitler weitergegeben, der sich ja nicht zu schade dafür war, sie in seinem Tresor aufzubewahren. Anstatt sie einfach zurückzugeben. Julius Schaub (1898-1967) (Wiki) war von 1925 bis 1945 der persönliche Chefadjutant Adolf Hitlers. Sollte aber Hanfstaengl nun wirklich nicht mitbekommen haben, daß diese Fotografien eine nicht ganz unwichtige Rolle gespielt haben im Kampf der NSDAP gegen die Ludendorff-Bewegung (10-12) - - - um eben jenen "Führungsanspruch", den auch er, Hanfstaengl, schon 1923 frozzelnd als durchaus gefährdet angesehen hatte?

Jedenfalls wird deutlich, daß seine Erinnerungen an das Jahr 1923 auch von den nachherigen Erfahrungen mitgeprägt sind. Auch wenn diese nicht ausdrücklich genannt werden. Haben Kreise um Hanfstaengl also - nach Hanfstaengls eigenen "frozzelnden" Worten - die Ludendorff-Bewegung als gefährlicher angesehen als den Kommunismus? Die Frage darf gestellt werden. Eine solche Einstellung schwingt ja auch mit in den Worten Hanfstaengls, die da lauteten:
In ihrer geistigen Unabhängigkeit und Kompromißlosigkeit hat diese tapfere Frau stets meinen vollen Respekt gehabt.
Mathilde Ludendorffs Erinnerungen an diese Gespräche

Nun wird es sicherlich nicht ganz unwichtig sein, die Erinnerungen von Ernst Hanfstaengl an diese Gespräche den Erinnerungen von Mathilde Ludendorff gegenüber zu stellen. Ihre Erinnerungen wurden im Frühjahr 1937 aufgeschrieben und im Jahr 1956 veröffentlicht. Die sicherlich nicht ganz unwichtige Frage, ob und wie umfangreich sie nach 1937 noch einmal überarbeitet worden sind, könnte nur an den Buchmanuskripten selbst geklärt werden, die im Ludendorff-Archiv in Tutzing vorliegen und im Testament Mathilde Ludendorffs ausdrücklich erwähnt werden (siehe andernorts). Und die auffallenderweise von Verantwortlichen für dieses Ludendorff-Archiv mitunter als "unbedeutend" abgetan werden. Mathilde Ludendorff schreibt jedenfalls in der bis heute veröffentlichten Fassung (3, S. 106f):
Als Gottfried Feder wieder und wieder drängte, ich solle doch Hitler einmal sehen und beurteilen und zu einem Parteitag (Februar 1923) kommen, lehnte ich dies zwar gründlich ab, versprach aber, mit ihm eine kleine Nachversammlung aufzusuchen. Es waren Hitler und etwa 20 Männer versammelt, die Gauführer der Partei waren. Er sprach zu ihnen, als stünde er dicht davor, ihnen allen hohe Stellungen im Staate zu verschaffen! So unterstützten seine Worte noch das, was ein fataler Zug um seinen Mund an sich schon über ihn verriet. Als er nun anfing, Mussolini als einen herrlichen Helden zu rühmen, da konnte ich diesem meinem Kommen nur dadurch einen Sinn geben, daß ich eingriff und sagte: "Mussolini hat Grausamkeiten begangen und begeht sie noch. Im deutschen Volke wird eine Bewegung nur dann Bestand haben können, wenn sie ohne derlei zur Macht kommt und sich an der Macht erhält. Wir wollen kein zweites Mittelalter!"

Etwas überrascht blickte er auf, um dann fast schreiend zu antworten, man müsse froh sein, wenn man so Großes wie Mussolini je werde leisten können, statt sich da Kritik anzumaßen. Mit dieser Antwort hatte er Gottfried Feder ungewollt gründlicher gewarnt, als ich es je hätte tun können, und ich sagte nur noch: "Sie werden natürlich Ihren Weg gehen, vielleicht werden Sie im Leben noch einmal an das, was ich sagte, zurückdenken." Zu Feder sagte ich nach unserem Weggehen: "Hitler hat Sie ja selbst sehr gut belehrt. Sorgen Sie, daß die Nachgiebigkeit seiner Umgebung nicht wächst, denn mindestens im gleichen Tempo wird seine Brutalität sonst wachsen! Da er aber ein außergewöhnlicher Willensmotor ist, sehe ich in dieser Hinsicht schwarz."
Falls es zu dieser Begegnung noch weitere, unabhängige Erinnerungen gibt, wären diese künftig für diesen Beitrag noch zu ergänzen. - Der folgende Absatz in den Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff bezieht sich dann auf jenes Zusammensein, an dem auch Ernst Hanfstaengl beteiligt war, und von dem Hanfstaengl berichtete (dessen Namen sie mit ä statt richtig mit ae schreibt) (Hervorhebung nicht im Original) (3, S. 107):
Wenige Monate darnach sollte mir eine Einladung zu Feders nach Murnau, zu der auch Hitler mit Hanfstängl gekommen war, beweisen, bis zu welchem Ausmaße zum Beispiel Regierungsrat L. die Huldigung und Vergottung schon betrieb. Doch ließ sich Hitler da noch Kritik an seinen unsinnigen Belehrungen über die Frauenbewegung und anderem von mir gefallen. Ja, ich sagte ihm auch, welches Unheil es für ihn bedeuten werde, wenn er von Schmeichlern oder von Urteilsunfähigen vergottende Worte anhören werde. Da er aber bei dieser Gelegenheit und anderwärts des öfteren zur Antwort gab: "Ich bin nur der Trommler, das Volk leiten muß ein Größerer, dem ich nur die Wege bereiten will. Ich selbst sehne mich darnach, nach dieser Arbeit mich auf einen stillen Landsitz, wahrscheinlich nach Berchtesgaden zurückzuziehen", so glaubte man ihm das so gut, wie er es sich damals wohl glaubte. Aber wie leicht, wie entsetzlich leicht wird dieser Mensch zu irgendeinem Aberglauben auch an sich selbst zu leiten sein, so sorgte ich. Doch als ich an diesem Tage dann hörte, wie er in Murnau das Volk zum Deutschsein und zum entschlossenen Handeln im Vortrag anfeuerte, sagte ich mir schließlich: Als Trommler wird er also nicht schaden, sondern vielleicht helfen können.
Falls alle diese Worte schon im Buchmanuskript von 1937 enthalten waren, müßten sie doch als sehr weitsichtig bezeichnet werden. Daß aber bei dieser Gelegenheit auch philosophische Themen besprochen wurden, wie Hanfstaengl sich erinnert, erwähnt Mathilde Ludendorff nicht. Dieses Thema erwähnt sie aber bezüglich des letzten Zusammentreffens mit Hitler (3, S. 107f):
Daß ich trotz dieses Einblickes im Herbst dieses Jahres noch einmal eine oft wiederholte Bitte Feders erfüllte, Hitler durch Vorlesen einer Stelle aus meinem philosophischen Werke davon zu überzeugen, daß ein klares religiöses Erkennen die Grundlage des völkischen Ringens sei und auch sein müsse, das habe ich mir später nicht verziehen! Ich sagte ihm: "Ich verspreche mir davon gar nichts, der Mann kann hier nicht folgen." Aber schon während ich das sprach, sagte ich mir, daß ich hierdurch, da ich ja wußte, daß er dicht vor einem geplanten Umsturz der Regierung stand, doch eine hohe Verantwortung auf mich lud und daß hier wohl Rücksichtslosigkeit gegen mich selbst notwendig sei. So kamen sie denn beide nach Verabredung in mein Haus. Es war tatsächlich dieses Vorlesen sehr unangenehm, und ich erhielt, als ich zehn Minuten darnach abschloß, die Antwort, die noch weit aufschlußreicher war, als ich sie erwartete: "Ein Gott, der sich so von einem Menschen in die Karten gucken läßt, der kann mir nicht imponieren. Ich kümmere mich nicht um religiöse Fragen, sondern ich will den Kommunismus besiegen. Die religiöse Frage ist leicht durch ein paar moderne zugkräftige Christusfilme erledigt. Ihre Zwillinge imponieren mir mehr als Ihre Bücher." Entsetzt muß ich ausgesehen haben, als mir diese Antwort ausgesprochen wurde, denn meine Tochter sah es mir an. "Ich weiß nun," antwortete ich ihr, "daß andere Menschen unser Volk retten müssen!" (...) Was Hitler später über diese seine Zusammenkunft mit Feder und mir der Führerin des Frauenordens vorzulügen oder vorlügen zu lassen für gut hielt, um meine Frauenehre zu besudeln, nahm sie offenbar freudig auf und verbreitete es.
Bei dem letzten Satz handelte es sich um das Gerücht, daß Mathilde Ludendorff sich Adolf Hitler als Ehefrau angeboten hätte oder ähnlich. Auch die Quellen für dieses Gerücht wären noch einmal herauszusuchen. Es scheint, daß Adolf Hitler selbst der Verursacher dieses Gerüchtes war. Die sonstigen Widersprüche und Gemeinsamkeiten zwischen den Erinnerungen von Mathilde Ludendorff und Ernst Hanfstaengl sind ja offensichtlich und müssen hier nicht weiter erörtert werden.

Hitlers erhaltene Bibliothek und darin sein Exemplar von Mathilde Ludendorffs "Triumph"

[Ergänzung 17.6.2014.] Es ist nun wahrscheinlich, daß Mathilde von Kemnitz bei der letzten behandelten Begegnung Adolf Hitler das Buch geschenkt hat, aus dem sie vorgelesen hat, und daß sie diesem die schon eingangs zitierte handschriftliche Widmung vorangestellt hat. Und dieses Buch hat Adolf Hitler dann bis 1945 in seiner Bibliothek aufgehoben. Es ist dann mit vielen anderen Büchern derselben nach Washington gebracht worden, wo es noch heute in "der größte Bibliothek der Erde", der Kongreß-Bibliothek eingesehen werden kann (15-22). (Auf diesen Umstand wurden wir erst aufmerksam ein Jahr nachdem wir im vorliegenden Blogartikel schon die Lebenserinnerungen von Ernst Hanfstaengl ausgewertet hatten so wie oben geschehen.) Obwohl die "Süddeutsche Zeitung" schon im Jahr 1945 über diese erhaltenen Bücher Adolf Hitlers berichtet hat (15) und der damalige Autor Hans Beilack den von ihm durchgesehenen Bestand im Münchner Dokumentenzentrum der Dritten US-Armee gerne vorzeigte, bevor er 1947 in die USA geschafft wurde, und obwohl in den 1970er Jahren über die Frage der Rückforderung dieser Bücher nach Deutschland in Zeitungen berichtet wurde und auch die deutsche Botschaft in Washington mit ihr befaßt gewesen ist, ist - sonderbarer Weise - keiner der bedeutenden Hitler-Biographen auf die Idee gekommen, diesen Bestand einmal gründlicher durchzusehen. Ein sehr auffälliger Umstand, der wohl noch nicht vollständig ausgeleuchtet worden ist.

Erst im Jahr 2000 ist die erste wissenschaftliche Studie über "Hitlers Bücher" erschienen. Und zwar auf Ungarisch von Seiten des rumänisch-ungarischen Siebenbürgen-Spezialisten Professor Ambrus Miskolczy (geb. 1947) (Wiki) (16). 2001 veröffentlichten dann zwei deutsche Historiker des "Deutschen Historischen Instituts" in Washington eine umfassende Bibliographie (17), bewerteten aber die Bedeutung dieser Bücher für eine Gesamtbeurteilung Hitlers überraschenderweise als denkbar gering.

Es mußte erst das Jahr 2003 kommen, damit der amerikanischer Journalist Ryback in einem vielbeachteten Artikel eine größere Zahl von Menschen und Wissenschaftlern auf diesen Bücherbestand und seine Bedeutung aufmerksam machte (18). Er zeigte sich - wie schon der ungarische Historiker - insbesondere beeindruckt davon, daß diese Restbestände von Hitlers Bibliothek - mehr sind es nicht - viele okkulte und christlich-religiöse Bücher enthalten.

Obwohl dieser amerikanische Journalist selbst nun hinwiederum diesen Umstand in seiner eigenen Buchveröffentlichung im Jahr 2008 zum Thema (22) überraschenderweise gar nicht mehr gründlicher herausstellt und behandelt, hat er dann doch schon im Jahr 2004 endlich einen deutschen (übrigens betont vatikantreuen) Historiker zu mancher wichtigen Neubewertung Adolf Hitlers veranlaßt (20). Trotz der Vatikan-Treue dieses Autors handelt es sich bei seinem Buch um ein sehr wichtiges, da es signalisiert, daß auch die "etablierte" Historikerschaft den okkulten Interessen Hitlers ein größeres Gewicht beizumessen gezwungen ist, als sie sich dazu bislang verstanden hat.

Schon der Ungar und so jetzt auch der Vatikantreue behandeln sogar die "gnostischen" Interessen Hitlers. Gut gesichert ist übrigens schon seit langem, daß Hitler überzeugter Anhänger der okkultnahen "Welteislehre" von Hörbiger gewesen ist. Viele Anhänger dieser Lehre haben zugleich auch an Astrologie geglaubt oder ihr bejahend gegenübergestanden. So etwa auch 1931 Egon Friedell in seiner "Kulturgeschichte der Neuzeit". Dies ist ein wichtiger Hinweis - unter vielen anderen - darauf, daß es sehr wahrscheinlich ist, daß auch Adolf Hitler selbst an Astrologie geglaubt hat. In seiner Bibliothek hat sich im übrigen auch ein Nostradamus-Buch gefunden, das die mehrfach von Zeitzeugen berichteten Nostradamus-Interessen Hitlers bezeugt.

Abb. 4: Fotografie eines Exemplars der Erstauflage von "Triumph des Unsterblichkeitwillens"
von Mathilde von Kemnitz (1922)
Der amerikanische Journalist Ryback schreibt (18) erst über intensive Lektüre christlicher Bücher durch Adolf Hitler (vielleicht Mitte der 1930er Jahre, als es viele für Hitler unerwartete Diskussionen rund um die "Deutschen Christen" und die "Reichskirche" gab). Ryback betont dann aber, daß Hitler eigentlich Antichrist gewesen ist und schreibt:
Hitler war der klassische Abtrünnige. Er rebellierte gegen die etablierte Theologie, in die er geboren worden war und in der er aufgewachsen war. Dabei suchte er die daraus resultierende spirituelle Leere zu füllen. Wie die Bibliothek Hitlers nahe legt, hatte er keinen Mangel an zeitgenössischen Propheten, die alternative Theologien hausieren gingen. Mathilde von Kemnitz, die Frau von Erich Ludendorff, dem verehrten General des Ersten Weltkrieges, der mit Hitler zusammen den Putsch in München durchführte, bewarb einen neo-teutonischen heidnischen Kult, der die Zerstörung der Kirchen und die Schaffung von Waldtempeln als Opferplätzen forderte 
Original: Hitler was the classic apostate. He rebelled against the established theology in which he was born and bred, all the while seeking to fill the resulting spiritual void. As the Hitler Library suggests, he found no shortage of latter-day prophets peddling alternative theologies. Mathilde von Kemnitz, the wife of Erich Ludendorff, the venerated World War I general who joined Hitler in the Munich putsch, promoted a neo-Teutonic pagan cult that called for the destruction of churches and the creation of forest temples and places of sacrifice.
Daß Mathilde Ludendorff einen "neo-teutonischen, heidnischen Kult" befürwortet haben soll, der die "Schaffung von Waldtempeln als Opferplätze" befürwortet habe, bezeugt hier natürlich nur die groteske, aber weit verbreitete Unkenntnis und Sorglosigkeit in der Recherche von Seiten des amerikanischen Journalisten Ryback. Eher sollte er da seine mangelnde Sorgfalt "bizarr" nennen, als jene Buchwidmung, auf die er dann zu sprechen kommt, die am Anfang unseres Blogbeitrages schon im deutschen Originalwortlaut zitiert worden ist und die für Ryback womöglich schon deshalb "geheimnisvoll" und wie eine "Verrücktheit" klingt, weil seine Übersetzung nicht jedes Mißverständnis auszuschließen scheint. Wäre denn, so mag vielleicht gefragt werden, als Übersetzung für "Jenseits" im Sinne von Mathilde Ludendorff nicht "beyond" oder "otherworld" besser geeignet als das Wort "afterlife", um den Gedanken zu verdeutlichen, der in der gebrachten Widmung enthalten ist, nämlich daß es nur um die Zeit des einzelnen Menschenlebens selbst geht, nicht um ein irgendwie geartetes übernatürliches Weiterleben nach dem Tod? Ryback jedenfalls schreibt:
A 1922 volume of her writings, Triumph of the Will to Immortality, bears a bizarre and cryptic inscription to Hitler.
Now don't forget you young, blessed soul,
If you never leave the afterlife
You will thus be a perfect God
For as long as you live.
Hitler tolerated Kemnitz's neo-pagan looniness until Ludendorff's death, in December of 1937. In the autumn of 1939 the Nazi government, invoking wartime rationing, terminated paper supplies for Kemnitz's publication At the Holy Well (Am Heiligen Quell), effectively silencing her movement. Kemnitz, who survived the war, never forgave Hitler the betrayal.
Ryback hat die Widmung aber nicht vollständig zitiert und auch nicht geschrieben, das es sich einfach um Zitate aus dem Buch selbst handelt, wie man dies bislang nur dem Buch des ungarischen Historikers entnehmen kann. Danach hat Mathilde von Kemnitz nämlich zwei Stellen aus ihrem Buch für die Widmung ausgewählt, so wie schon zitiert. 


Aber festgehalten sei: Durch diese unabhängige Überlieferung werden die Worte Mathilde Ludendorffs in ihren Lebenserinnerungen ziemlich einwandfrei bestätigt, ja, sogar noch verstärkt. Sie hat in ihren Lebenserinnerungen aus dem Nachhinein ihre Hitler gegenüber offen geäußerte Kritik keineswegs übertrieben. Womit auch das um 1930 in der NSDAP ausgestreute Gerücht immer unglaubwürdiger wird, sie hätte aus diesem Anlaß Hitler einen Heiratsantrag gemacht oder ähnliche Dinge mehr.

Hätte Mathilde Ludendorff sich an den Wortlaut dieser Widmung noch erinnert beim Verfassen ihrer Lebenserinnerungen, hätte sie also sicher viel Grund gehabt, diese Widmung zu zitieren. Weshalb das in künftigen Auflagen ihrer Lebenserinnerungen in einer Anmerkung ergänzt werden sollte. Auch wäre es sicher gut, noch eine Fotografie von dieser Widmung zu haben, um den letzten (auch noch vom ungarischen Historiker angedeuteten) Zweifel auszuräumen dahingehend, daß diese Widmung tatsächlich von ihr selbst stammt. Dazu müsste nur einfach einmal jemand die Kongreßbibliothek in Washington aufsuchen (21):
Wer die Bücher in der Hand halten möchte, der muß einen Laufzettel ausfüllen und wartet im Lesesaal.
Vielleicht findet sich noch ein Leser dieses Artikels, der uns eine Fotografie einsenden kann. Nach dem Literaturnachweis des ungarischen Historikers handelte es sich übrigens um die erste Auflage des "Triumph des Unsterblichkeitwillens" aus dem Jahr 1922 (23).

Der rumänisch-ungarische Historiker Professor Ambrus Miskolczy ist übrigens in Siebenbürgen geboren und aufgewachsen, sein Forschungsschwerpunkt stellt die Geschichte Siebenbürgens dar, er ist der österreichisch-ungarischen Monarchie zugetan und für ihn ist die Dreisprachigkeit Ungarisch-Rumänisch-Deutsch selbstverständlich (wie es auf seinem ungarischen Wikipedia-Eintrag heißt). Er vertritt in seinem Buch auch sonst mitunter recht freie und damit brauchbare Ansichten, wie man sie von deutschen Historikern selten hört. Etwa zum deutschen Historikerstreit von 1987. Er hat aus Anlaß dieser Einsichtnahme auch noch ein wenig in dem Hitler geschenkten Buch geblättert, zitiert aus den ersten und letzten Seiten und kommt von daher zu einer etwas angemesseneren Charakterisierung, als der amerikanische Journalist Ryback.

Miskolczy nimmt Bezug auf Martin Bormann, der ja auch ein "Deutschgottgläubiger" gewesen wäre und schreibt (Zitate hier nach Archive):
Natürlich, er schrieb nicht wie Frau Mathilde darüber, daß "die Relativität des Gewissens eine ungeheure Hemmnis aller moralischen Entwicklung ganzer Völker und der einzelnen Menschen ist"wahrscheinlich weil die meisten Menschen nicht die "Stimme Gottes" hören, die sie ruft. Die zehn Gebote sind nach ihrer genialen Erklärung ein buntes Gemisch. In der Tat: "So zeigt uns unsere Moral des Lebens neue Wege zur Erfüllung der Genialität des Fühlens, gibt uns neue Tafeln des Hasses und der Liebe, denn sie sagt uns: Deine Liebe und dein Haß seien geleitet von den göttlichen Wünschen ..." Was das genau heißt, wird bald deutlich: "Eine solche Liebe und ein solcher Haß verbietet wahllosen Opfersinn und wahllose Selbstfürsorge." (1922, S. 3, 370f)
Of course, he did not write like Lady Mathilde about "the relativity of the conscience, [which is] the enormous obstacle for all moral development of entire peoples and the individual person," probably because most people do not hear the "voice of God" calling them. The Ten Commandments, according to her ingenious declaration, are confused. In fact: "Our moral life shows new paths for fulfilling the ingenuity of feeling, and offers new stone-tablets to us of hatred and love, as it says to us: your love and hatred will be lead by the desires of ingenuity ..." What that exactly means will be clear shortly: "Such love an such hatred forbids unselected altruistic and egoistic deeds." (1922, S. 3, 370f)
Bei den Zitaten im Zitat handelt es sich vermutlich um eine Übersetzung aus dem Deutschen ins Ungarische und dann ins Englische, die Originalzitate wären noch einmal in der Auflage von 1922 herauszusuchen. 

[Ergänzung Ende]

Ob Mathilde Ludendorff 1937 oder 1956 übrigens die Rolle geahnt hat oder sich derselben bewußt gewesen ist, die Ernst Hanfstaengl in der Umgebung Hitlers spielte, und wie sie hier einleitend vermutungsweise umrissen wird, geht zumindest aus der zitierten Stelle ihrer Lebenserinnerungen nicht hervor.

Mord an Walther Rathenau  - "kein Verhängnis"? - Aber was dann?

Ihr war ja auch sicherlich noch nicht bekannt, was in der Rezension einer neuen Biographie über Ernst Hanfstaengl im Jahr 2008 von seiten eines Nürnberger Journalisten und Buddhisten, Magnus Zawodsky, festgehalten worden ist (Nürnberger Ztg.) (9, 14):
Zur Frage der okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus gibt es von (Paul) Conradi eine Notiz, deren Bedeutung ihm selbst entgangen ist: Zu Putzis (Ernst Hanfstaengls) Freunden in New York zählten auch der Esoteriker Hanns Heinz Ewers und der Satanist Aleister Crowley.
Hanfstaengl führte spätetens um 1930 sowohl Ewers als den mit diesem befreunden Wahrsager Hanussen bei Adolf Hitler ein (13). Und damit wären wir ja sehr dicht bei jenem "Aberglauben", von dem Mathilde Ludendorff offenbar schon sehr früh annahm, daß sich Adolf Hitler durch diesen "entsetzlich leicht" würde leiten lassen. Dieser Aberglaube hatte auch sehr viel mit Astrologie zu tun, zumal bedeutendste Astrologen ja schon an der Wiege der NSDAP selbst gestanden hatten (13). Und auch darüber ist Ernst Hanfstaengl auffallend gut informiert, schreibt er doch von einem Thema (4, S. 82)
für das Hitler stets ansprechbar war: Astrologie oder - besser gesagt - astrologisch verquickter Historismus.
Nun, "astrologisch verquickter Historismus", von dem ein Historiker und Freund von Karl Haushofer wie Ernst Hanfstaengl ja nun doch allerhand wissen müßte, ist eine außerordentlich brisante, verführerische Theorie, wenn sie in die Hand von solchen geopolitischen Imperialisten und Kriegshetzern gerät, wie Karl Haushofer (13), der von Ernst Hanfstaengl ebenfalls als menschlich sehr sympathisch dargestellt wird und keineswegs als Kriegshetzer. Ein Kriegshetzer war er aber eindeutig und leicht nachweisbar in aller Öffentlichkeit in den entscheidendsten Jahren 1937 bis 1939 ("Wer den Tiger reitet, kann nicht absteigen ...") (13).

Abb. 4: Hanfstaengl nach dem 2. Weltkrieg
Welches Denken in diesen esoterischen Kreisen in letzter Instanz vorgeherrscht haben könnte, wird vielleicht auch deutlich, wenn Hanfstaengl in seinen Erinnerungen von den Worten berichtet, die sein schon eingangs erwähnter Freund Rudolf Kommer am 24. Juni 1922, an dem Tag, an dem Walter Rathenau von deutschvölkischen, monarchisch gesinnten Offizieren ermordet worden war, geäußert haben soll (4, S. 29f) (Hervorhebung nicht im Original):
"Warum von einem Verhängnis reden, Hanfstaengl?" sagte er.
Für den Juden Kommer, ein Günstling des Wallstreet-Bankiers Kuhn, war also der Mord an dem Juden Walther Rathenau gar kein "Verhängnis". Ein Mord, für den es doch aller Wahrscheinlichkeit nach - wie für alle anderen prominenten politischen Morde jener Zeit Logenurteile im astrologiegläubigen Thule-Orden gegeben hat, in dessen Umfeld sich Hanfstaengl und seine Freunde ja selbst ständig bewegt haben. Aber warum nicht?:
"Was sich hier kundtut, ist Infantilismus, politischer Infantilismus. (...) Und jetzt sage ich Ihnen etwas, Hanfstaengl, was Sie meinethalben für verrückt halten mögen: Aus der ganzen monarchistischen Bewegung in Deutschland wird nie etwas Gescheites werden, solange nicht ein Jude die Sache in die Hand nimmt. ...
Das hatte ja auch, so könnte man sagen, Walther Rathenau in seinem Leben versucht. Zumindest hatte er sich zeitweise diesen Anschein geben wollen. Oder ob Kommer - und Hanfstaengl - bei diesen Worten an Kommer's Gönner Otto Hermann Kahn gedacht haben? Kommer jedenfalls weiter:
... Ihr Gojim seid für so etwas viel zu dumm und schießt euch immer bloß gegenseitig tot.
Nun, gerne in Form von Logenmorden in Erfüllung von Logenurteilen, ausgesprochen von ariosophischen, astrologiegläubigen Geheimlogen, wie wir an dieser Stelle ergänzen wollen. Kommer weiter:
Allerdings muß es dann auch der richtige Judentyp sein, einer von dem geistigen Format eines Friedrich Julius Stahl, der als konvertierter Jude aus Würzburg euren Preußen nach 48 überhaupt erst mal die geistigen Grundlagen für eine christlich-monarchische Staatsidee geliefert hat. Doch andererseits - und das ist die Kehrseite der Medaille! - gnade Gott uns Juden und auch euch Deutschen, wenn sich eines Tages den hirnlosen Brutalinstinkten eines auf "blonde Bestie" frisierten Gangstertums das Seelengift jüdischen Selbsthasses oder das weltanschauliche Spaltungsirresein geistig und moralisch defekter Mischlingstypen beigesellen sollte. (...) Dann ist England möglicherweise die letzte Zufluchtstätte, die letzte Hoffnung auf 'common sense'."
Solche Formulierungen wie "weltanschauliches Spaltungsirresein geistig und moralisch defekter Mischlingstypen" sollte man sich an dieser Stelle auch einmal auf der Zunge zergehen lassen. - - - "Spaltungsirresein"? - - - Hanfstaengl schreibt dazu jedenfalls weiter:
Ich sollte in den folgenden Jahren noch oft Gelegenheit haben, mich an diesen Ausspruch Rudolf Kommers zu erinnern.
Das sind auf den ersten Blick reichlich krude Gedankengänge. Doch auf den zweiten Blick darf man sich schon fragen: Sind sie etwa ein Schlüsselzitat? Wenn hier von "monarchischer Bewegung" die Rede ist, wird dem Tenor nach wohl auch schon die damalige "völkische Bewegung" mitgedacht worden sein. Und ein Jude sollte nun die geistigen Grundlagen etwa auch für die völkische Staatsidee liefern? Ein solches Denken wäre zumindest mit dem Denken von damaligen völkischen Freimaurer- und Okkultlogen kompatibel. Man denke nur an Friedrich Hielscher. Oder an Alfred Nossig, der unter anderem im Umfeld der "Anthroposophischen Gesellschaft" versuchte, mit den Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten (mehr dazu auf unserem Parallelblog GA-j! in dem Beitrag über Harry Dörfel). Oder auch an Jan Eric Hanussen, der ja wohl über Hanfstaengl-Freund Ewers sich im persönlichen Umfeld von Hitler bewegte (13).

Das Erkennen von Netzwerken und Seilschaften in den (auf Wikipedia und anderwärts) immer dichter werdenden Details von so manchem Lebenslauf, Lebenserinnerungen der Beteiligten und unabhängig davon überlieferte historische Dokumente können jedenfalls nach und nach bei genauer Analyse doch manches erhellen und absichern, verifizieren und falsifizieren, worüber es Jahrzehnte lang bestenfalls vage Vermutungen und Gerüchte gegeben hat. Es wird immer besser erkennbar: Schon damals haben Geheimgesellschaften und Geheimdienste fast nichts dem Zufall überlassen. Und sie haben gegebenenfalls - und in echt satanistischem Sinne - noch nicht einmal politische Morde an Personen, die in ihrem eigenen Sinne tätig waren, als "Verhängnis" angesehen.


(Mit Dank für die Bücherspende [4] einer jüngst verstorbenen Blogleserin, durch die dieser Blogbeitrag angeregt wurde.)
(Dieser Artikel erschien am 5.6.2013 zuerst unter dem Titel "'Diese tapfere Frau' - Ernst Hanfstaengl über Mathilde Ludendorff - Seine Lebenserinnerungen als geschichtliche Quelle". Er wurde am 17.6. um die Inhalte der Literaturangaben 16-23 ergänzt und mit der jetzigen Überschrift versehen)
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  1. Feder, Gottfried: Bücher der Erkenntnis. Besprechung von "Triumph des Unsterblichkeitwillens" von Mathilde Ludendorff. In: Reichswart, 17.2.1923; Nachdruck in: Quell - Ludendorffs Halbmonatsschrift, 20.2.1934, S. 519f (Scribd)
  2. Feder, Gottfried: Zur Heirat Erich Ludendorffs und Mathilde von Kemnitz. In: Deutsche Wochenschau, Folge 38, 19.9.1926; Nachdruck in: Quell - Ludendorffs Halbmonatsschrift, 20.2.1934, S. 520 (Scribd)
  3. Ludendorff, Mathilde: Herrliches Schaffen und des Freiheitskampfes ernster Beginn. IV. Teil von: Statt Heiligenschein oder Hexenzeichen - Mein Leben. Verlag Hohe Warte, Pähl 1956, 2. Aufl. 1981 [verfaßt 1937]
  4. Hanfstaengl, Ernst: Zwischen Weißem und Braunem Haus. Memoiren eines politischen Außenseiters. Piper Verlag, München 1970; Lizenzausgabe für: Deutscher Bücherbund, Stuttgart 1970
  5. Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit 1993 (Lulu)
  6. Mauch, Christof: Schattenkrieg gegen Hitler. Das Dritte Reich im Visier der amerikanischen Geheimdienste 1941 - 1945. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999 (432 S.)
  7. Widmann, Carlos: Play it again, Putzi. (Buchbesprechung von Christof Mauch). In: Spiegel 10/1999, 8.3.1999
  8. Gerlach, Rasmus: Unity, Putzi & Blondi - Hitlers Freunde und der amerikanische Geheimdienst. Deutschland/Germany 2003, 69 Min., Beta SP, Farbe/colour, deutsche Originalfassung (a, b) 
  9. Conradi, Peter: Hitlers Klavierspieler. Ernst Hanfstaengl – Vertrauter Hitlers, Verbündeter Roosevelts. Scherz, Frankfurt am Main 2007 (Rez. in Nürnberger Ztg. 2008)
  10. Bading, Ingo: Fotos als politische Druckmittel. Studiengruppe Naturalismus, 9.10.2007
  11. Bading, Ingo: Fotos als politische Druckmittel II. Studiengruppe Naturalismus, 2.1.2008
  12. Bading, Ingo: Um "seiner Verdienste um die Bewegung" willen ... - Ein nationalsozialistischer Ludendorff-Gegner erhielt noch 1944 seinen Judaslohn von Adolf Hitler. Studiengruppe Naturalismus, 17. Dezember 2011
  13. Bading, Ingo:  Die Schicksalsgläubigkeit des Adolf Hitler. 2. Teil: 1927 - 1933. GA-j!, 2012
  14. Zawodsky, Magnus: Der Mann, der Hitler Manieren beibrachte. Wer war "Putzi" Hanfstaengl? In: in Nürnberger Ztg., 29.01.2008
  15. Beilhack, Hans: Die Bibliothek eines Dilettanten. In: Süddeutsche Zeitung, 9. November 1945 (enthalten in: Ryback 2010, S. 309-312)
  16. Miskolczy, Ambrus: Hitler's Library. Central European University Press, Budapest, New York 2003 (ungar. OA. 2000)
  17. Philipp Gassert and Daniel S. Mattern: The Hitler library. A bibliography. Greenwood Press, Westport, Conn., London 2001, s.a.: pdf
  18. Ryback, Timothy W.: Hitler's Forgotten Library. The Atlantic, 1. Mai 2003
  19. Klingenberg, Axel: Leser Hitler. Was Adolf Hitler wirklich las. Führers Bettlektüre, letzter Teil. In: Jungle World Nr. 10, 25. Februar 2004
  20. Hesemann, Michael: Hitlers Religion. Die fatale Heilslehre des Nationalsozialismus. Überarbeit. Neuauflage, Sankt Ulrich Verlag, 2012 (OA. Pattloch 2004)
  21. Kornelius, Stefan: Die Bücher zum Wahn. Hitlers Hinterlassenschaft in Washington. In: Süddeutsche Zeitung, 16. Oktober 2008
  22. Ryback, Timothy W.: Hitlers Bücher. Seine Bibliothek - sein Denken. Fackelträger-Verlag, Köln 2010 (engl. OA. 2008)
  23. von Kemnitz, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. Ernst Reinhardt Verlag, München 1922 (371 S.)
  24. Noller, Sonja, "Feder, Gottfried" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 42 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119388766.html#ndbcontent
  25. Bading, Ingo: 1926 - Ein Jahr des Umbruchs im Leben Erich Ludendorffs Eine Art Chronologie zu einem wenig behandelten - aber vielleicht bedeutungsschwersten - Jahr im Leben Erich Ludendorffs. Studiengruppe Naturalismus, 25. März 2016, http://studiengruppe.blogspot.de/2016/03/1926-ein-jahr-des-umbruchs-im-leben.html 
  26. Bading, Ingo: Eduard Baumgarten - Eine große philosophische Synthese auf pragmatischer Grundlage? (I) Bislang weniger beachtete geistige Traditionslinien im Umfeld von Hans Albert und K. R. Popper. Und Folgeartikel (II). Studiengruppe Naturalismus, 30. August 2011, http://studiengruppe.blogspot.de/2011/08/eduard-baumgarten-eine-groe.html

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