"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)
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Freitag, 8. Mai 2020

Die geschiedene Margarethe Ludendorff klagte auf umfangreichere Unterhaltzahlungen (1931)

Zwei bislang unbekannte Briefe Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1931

Auf einem Flohmarkt in Villach konnten zwei handschriftliche Briefe Erich Ludendorffs erworben werden aus dem Jahr 1931, die uns freundlicherweise mitsamt Erlaubnis zu ihrer Veröffentlichung zugesandt wurden (von Herrn Stefano Canevese) (Abb. 1-4). In beiden Briefen heißt die Anrede "Sehr geehrter Herr Justizrat". In beiden Briefen sind finanzielle Fragen behandelt. Damit passen sie thematisch grob zu zwei früheren Beiträgen hier auf dem Blog (1, 2). Nach unserem ersten Dafürhalten spricht nichts dagegen, daß sie echt sind.

Aufgrund des bislang entzifferten Inhalts (siehe unten), kann vorläufig die folgende grobe inhaltliche Zu- und Einordnung vorgenommen werden: 1925 hatte sich ein angeblicher Goldmacher, ein Hochstapler namens Franz Tausend (1884-1942) (Wiki), der im ersten Brief (Abb. 1) kurz erwähnt ist, an die deutsche Reichsregierung gewandt und ihr seine Hilfe angeboten beim Bezahlen der hohen Reparationsforderungen des Versailler Vertrages. Die Reichsregierung hatte ihn weiter verwiesen an Erich Ludendorff, der von dieser Regierung zu jener Zeit als ein "Treuhänder des Reiches" bezeichnet wurde (Wiki). Mit dem Namen Ludendorff konnten dann viele Geldgeber für das Unternehmen des Goldmachens gewonnen werden. Im Oktober 1925 wurde dafür eine eigene Firma gegründet, in der auch Heinz Pernet, der Stiefsohn Erich Ludendorffs, mitarbeitete (3). Viele Industrielle und Großkaufleute aus dem "nationalen Lager" aus ganz Deutschland gaben Geld, unter anderem der von Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen erwähnte Herr Adolf Held in Bremen (1859-1927) (NDB) (4), nach Ludendorff ein vormaliger Freimaurer. Im Dezember 1926 wurde Erich Ludendorff - auf Rat seiner zweiten Frau Mathilde Ludendorff - mißtrauisch und zog sich aus dem Unternehmen zurück. Daraufhin löste sich das Unternehmen auf. Heinz Pernet blieb allerdings Mitarbeiter des „Goldmachers“ Tausend bis Ende 1928. 1931 kam es dann zu einem Betrugsprozeß gegen Tausend. In diesem wurde Tausend als Betrüger verurteilt. Im Zusammenhang mit diesem Prozeß wurde in der Presse berichtet (zit. n. 5, S. 59):
Zeuge Heinz Pernet-Berlin bekundet, er sei von seinem Stiefvater, dem General Ludendorff, ersucht worden, sich die Tausendsche Sache anzusehen … er glaube nicht, daß Tausend betrogen habe, sondern er könne, was er sagte. Er, Zeuge, habe auch mit reinem Blei gearbeitet und kleine Erfolge gehabt … Über sein Verhältnis zum Verein sagte der Zeuge, daß er mit einem Monatsgehalt von 400-500 Mark angestellt war.
Pernet glaubte auch noch im Jahr 1931 an die „Fähigkeiten“ dieses Goldmachers. Vor Gericht sagte er aus (zit. n. 5, S. 59):
Ich habe keinen Beweis dafür, daß Tausend betrogen hat, und daß er Gold nicht herstellen kann. Meinem Stiefvater, Herrn Ludendorff, habe ich dann Bericht erstattet … Mit dem Angeklagten kam ich meist gut aus; allerdings habe ich mich dann im März 1928 mit dem Angeklagten zerkriegt, Tausend wollte mich entlassen, der Verein erkannte jedoch meine Entlassung nicht an; ich wurde daraufhin mit Gehalt beurlaubt. Nun ging ich als Chemiestudent auf die Hochschule.
Noch im selben Jahr 1925 war es zur Scheidung Erich Ludendorffs von seiner ersten Frau, der leiblichen Mutter von Heinz Pernet, gekommen. Erich und Mathilde Ludendorff berichten in ihren Lebenserinnerungen, daß Erich Ludendorff bei seiner Scheidung der geschiedenen Frau Margarethe Ludendorff finanziell sehr entgegengekommen sei. Als der schuldige Teil war er verpflichtet, lebenslange Unterhaltszahlungen in Höhe der Hälfte seiner Einkünfte zu zahlen (s. Annika Spilker, Geschlecht ... 2013, S. 190, GB). Im Jahr 1931 scheint es aber noch die eine oder andere Ungeklärtheit auf finanziellem Gebiet gegeben zu haben, um derentwillen Erich Ludendorff anwaltliche Beratung und Vertretung bei dem angeschriebenen Justizrat in Anspruch nahm.

Abb. 1: Erster Brief aus München vom 14. März 1931 an einen Justizrat

Erich Ludendorff schrieb aus München am 14. März 1931 auf einem Briefbogen, der das Emblem der von ihm gegründeten weltanschaulichen Vereinigung "Deutschvolk" trug (dem Vorgängerverein des "Bundes für Gotterkenntnis") (im folgenden soweit entzifferbar und rekonstruierbar, kursiv bedeutet, der Wortlaut ist nicht sicher):
                                               München, 14.3.31

Sehr geehrter Herr Justizrat!
               [Eingangsstempel: 16. März 1931]

   Ich danke Ihnen für Ihre Zeilen vom 12.
Es ist dies die Angelegenheit für (?) die ich
bei Ihnen vorsprechen wollte und in der
nächsten Woche um eine Unterredung
bitten werde.
   Bei der Sache Tausend wäre festzustellen,
daß sie gegenstandslos geworden ist. Es hatte
sich als hierbei nicht wie des Geldversetzen
gehandelt. Einnahmen wären mir
nicht zugeflossen.
   Bei der Sache Moderegger müßte ange-
führt werden, daß die Klage - es war damals
ich - um einen höheren Betrag als 45000
Mark gegangen sei. Tatsächlich hätte ich
dies u. das erhalten. Vielleicht warten wir
noch die Versteigerung ab, dann herrscht Klarheit. 
   Ich spreche also in der nächsten Woche nach Anruf vor.
   Mit Deutschem Gruß
                                Ludendorff.
Soweit der erste Brief. War womöglich Margarethe Ludendorff in finanzielle Schwierigkeiten geraten und hatte gegen ihren geschiedenen Ehemann geklagt? Dies könnte der Hintergrund für diese beiden Briefe sein.

Abb. 2: Zweiter Brief aus Tutzing vom 19. Juli 1931 an einen Justizrat

Der zweite Brief lautet:
                                        Tutzing, den 19.7. [1931]
                                   [Eingangsstempel 20. Juli 1931]
Sehr geehrter Herr Justizrat!
   Ich pflichte Ihrer Auffassung bei und bitte
Sie um entsprechende Antwort an Herrn Justizrat
Eschenberger (?). 
   Mir ist die Sicherheit sehr schwer gefallen. Auch
die geschiedene Frau hatte mit Moderegger
zu tun. Es war mir damals schwer schwer
........ mit ihm, ihre Papiere zu retten.
Ich habe besonders in dem Vertrag mich nehmen
lassen. s. 13 3. 
   bis zum Höchstbetrage von 45000 Mark. 
Daraus geht ganz klar hervor was gemeint ist.
Auf Anderes hatte ich mich nicht eingelassen.
Selbstverständlich wird es mein Willensvorschlag (?)
die Sicherstellung von 30000 M. nur dann
um 45000 Mark zu erhöhen, wenn der
Eingang aus der Sache Moderegger dies zuläßt,
sonst bleibt es bei dem Eingang.
   Mit Deutschen Gruß
                                    Ludendorff.
Der hier mehrmals genannte Familienname Moderegger scheint aus der Steiermark zu stammen (Namenspedia).

Abb 3: Rückseite und Ende des ersten Briefes

Abschließend noch die beiden Rückseiten der Briefe. 

Abb. 4: Rückseite und Ende des zweiten Briefes
Beim jetzigen Kenntnisstand sind diese beiden Briefe schwer einzuordnen. Womöglich würde eine genaue Lektüre der Lebenserinnerungen Erich und Mathilde Ludendorffs zum Jahr 1931 noch weiterführende Kenntnisse mit sich bringen können.

Exkurs: Adolf Held in Bremen - Finanzieller Förderer der völkischen Bewegung


Erich Ludendorff hatte den erwähnten Großkaufmann Adolf Held aus Bremen im Sommer 1924 auf einer Tagung des Verbandes "Hindenburg" in Walsrode persönlich kennengelernt. Er schreibt darüber im ersten Band seiner Lebenserinnerungen (Bd. 1, 1940, S. 346):
Bemerkenswert für mich war diese Tagung dadurch, daß ich auf ihr in nähere Berührung mit Herrn Held aus Bremen kam. Er hatte sich in Columbien in Südamerika ein großes Tätigkeitfeld geschaffen und ein entsprechendes Vermögen erarbeitet, er galt als einer der angesehensten, erfolgreichsten Kaufleute Bremens und genoß in völkischen Kreisen den Ruf eines gleichgesinnten Deutschen. Ich hatte bereits im Schriftverkehr mit ihm gestanden. Während der Inflation bedeutete ja der Dollar ein Vermögen und der Gedanke - in Amerika -, d. h. in den Vereinigten Geld zu sammeln, war an der Tagesordnung. Es hatte sich schon vor 23 ein früherer Deutscher Seeoffizier an mich gewandt, er wolle die Vereinigten Staaten besuchen, ich möchte ihm nur eine Bescheinigung mitgeben, daß er in meinem  Auftrag Gelder sammeln, die er mir dann abliefern wolle. Ich stellte ihm einen Schein aus, habe dann aber nie wieder etwas Näheres von dem betreffenden Herrn gehört; habe aber auch an den Erfolg seiner Tätigkeit nicht glauben können, nachdem ich gehört hatte, daß es ja Frau Siegfried Wagner schon ... Herr Held hatte nun von der Reise dieses Seeoffiziers gehört und mir mitgeteilt, daß solche Wege verfehlt wären. Er hatte ja durchaus recht, wie ich später selbst einsah, er hatte aber Worte gewählt, die mich nicht angenehm berührten, ich hatte entsprechend geantwortet, und so war denn ein Mißverstehen entstanden. Da Herr Held mich als Feldherrn und völkischen Führer verehrte, und ich an seiner Deutschen Gesinnung nicht zweifelte, sprachen wir uns in Walsrode aus, und ich bin seitdem bis zu seinem Tode im Herbst l927 in steter Verbindung mit ihm geblieben. Er machte auch mir gegenüber später kein Hehl daraus, daß er Freimaurer war und hielt einen Kampf gegen die Freimaurerei wie gegen das Judentum für unerläßlich. Er nannte meinen Kampf  gegen die Freimaurerei eine Tat, die größer sei als die Tat Luthers, da er diese Gesellschaft wohl nur zu gut kannte. Leider hat er nicht selbst den Kampf geführt, er fürchtete wohl für seine ausgedehnten Wirtschaftkreise. Freimaurer haben mir später aus meinen Beziehungen zu Herrn Held einen Strick drehen wollen. Ich legte ihn zu den übrigen und habe mir die Erinnerung an Herrn Held nicht trüben lassen.
Im zweiten Band seiner Lebenserinnerungen schreibt er über das Jahr 1927 (1951, S. 80):
Am 28.6. abends waren wir in Bremen zum Besuch der Familie Held. Ich habe von Herrn Held im ersten Bande gesprochen. Er hat den völkischen Kampf und auch mein Ringen wirtschaftlich weit unterstützt. Als ich mit ihm über die Freimaurerei sprach, erwähnte er sogleich seine eigene Zugehörigkeit zur Freimaurerei und gewährte mir einen Einblick in sie, der mir das Kennenlernen des freimaurerischen Wirkens erleichterte. Er weilte jetzt schwer erkrankt auf seinem Landsitz in Dötlingen im Oldenburgischen, wohin wir am 29. auf einige Tage fuhren. Er beglückwünschte mich hier zu meinem Entschluß, mein Werk "Vernichtung", von dessen Inhalt ich ihm Kenntnis gab, herauszugeben. Er sagte mir aber, daß nunmehr die gehässigste Hetze gegen meine Frau und mich beginnen und die Freimaurer versuchen würden, uns in Prozesse zu verstricken. Er hat recht gehabt. Er hat Anfang August die "Vernichtung" noch verbreiten helfen. Dann starb er bald nach unendlich schweren Operationen. Ich hatte einen Deutschen Mann verloren, der mir treu ergeben war. Seine schwere Krankheit hatte mich verhindert, an ihn das Ansinnen zu stellen, zwischen der Freimaurerei und mir zu wählen. Ich nahm an seiner Beerdigung teil. Freimaurer höhnten deshalb, und Deutsche fielen darauf hinein. Ich könne es ja mit einem Kampfe gegen die Freimaurerei nicht so ernst nehmen, denn ich wäre ja bei der Beerdigung des Herrn Held zugegen gewesen. Ausdrücklich habe ich in der Einleitung meines Werkes "Vernichtung" klargestellt, daß ich nicht jeden Freimaurer als Volksfeind ansehe, ich habe auch ihnen helfen wollen, nur verlangte ich von ihnen Klarheit, nachdem ich ihnen Einblick in die höheren Grade gegeben hatte.
Adolf Held ist schon mit 68 Jahren gestorben. 
_______
  1. Bading, Ingo: Juristen und Prozesse in der Geschichte der Ludendorff-Bewegung, 29. April 2019, https://studiengruppe.blogspot.com/2019/04/juristen-und-prozesse-in-der-geschichte.html.
  2. Bading, Ingo: Einiges zu den Finanzen der Ludendorff-Bewegung 1938 bis 1948, 12. Oktober 2014, https://studiengruppe.blogspot.com/2014/10/mathilde-ludendorff-als-betreiberin.html.
  3. Bading, Ingo: Das Familienleben Erich Ludendorffs - Insbesondere rund um seine erste Ehe (1909-1925), 15. Februar 2013, https://studiengruppe.blogspot.com/2013/02/das-familienleben-erich-ludendorffs.html.
  4. Prüser, Friedrich, "Held, Adolf" in: Neue Deutsche Biographie 8 (1969), S. 462 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/pnd135905176.html#ndbcontent 
  5. Wegener, Franz: Der Alchemist Franz Tausend. Alchemie und Nationalsozialismus von von Kulturfoerderverein Ruhrg, 2006 (Google Bücher)

Mittwoch, 27. November 2019

Ehrenvorsitzender der Angestellten-Gewerkschaft - Erich Ludendorff?

Zwei neu bekannt gewordene Briefe
- und viele offene Fragen

Im Wiener Autographen-Handel sind im November 2019 zwei handschriftliche Briefe Erich Ludendorffs zum Verkauf angeboten worden (Doroth., Nov. 2019). Der dortige Bearbeiter, Andreas Löbbecke, meint, die beiden Briefe hätten den gleichen Empfänger.*)

Abb. 1: Zwei Briefe Erich Ludendorffs, verfaßt in München (Dorotheum, November 2019)
Der erste Brief (Abb. 1, links) stammt aus dem Zeitraum 1920 bis 1933, der Zeitraum, in dem Erich Ludendorff unter dem genannten Absender "München, Heilmannstraße" wohnhaft war. Unser Vorschlag der Lesart des in Teilen nicht gerade leicht zu enträtselnden Wortlauts soll bis auf weiteres der folgende sein (Verbesserungsvorschläge, Korrekturen willkommen!) (die uns zweifelhaftesten Lesarten sind unterstrichen): 
                                           München, Heilmannstr. 13/4
Sehr verehrter Herr Hauptmann!
Vorkommnisse an meinem Geburtstage haben
mich darauf hingewiesen, daß die Ortsgruppe
München des D. n. H. nicht mehr so ist, wie ich
es für angemessen halte. Eine Besprechung,
die ich heute mit dem jugendlichen Vorsitzenden
hatte, hat mich darin bestärkt. Ich bin Ehren-
mitglied der Gruppe München und Ehrenvorsitzender
des Vereins und erwarte, daß die Grundsätze 
befolgt werden, die von Berlin für den 
Bund ausgegeben werden. Andernfalls würde
ich meine Ehrenmitgliedschaft zurück geben (sic?).
Da ich festgestellt habe, daß Sie noch 1. Vorsitzender sind,
so teile ich Ihnen vorstehendes mit.
Der Brief ist vier Tage nach dem 9. April, also nach dem Geburtstag Erich Ludendorffs geschrieben worden. Er könnte gut in das Jahr 1925, passen, in dem sich Erich Ludendorff nach und nach von immer mehr nationalen und völkischen Verbänden und Vereinigungen trennte, mit denen er zuvor in einem engeren Einvernehmen gestanden hatte und die ihn mit Ehrenmitgliedschaften, Ehrenvorsitz und dergleichen überhäuft hatten. Eventuell käme auch das Jahr 1926 infrage.

Insbesondere in der - im Jahr 1924 verbotenen - Münchner NSDAP hat sich schon ab Sommer 1924 - noch während der Festungshaft von Adolf Hitler - eine große Respektlosigkeit gegenüber Erich Ludendorff breit gemacht, verkörpert unter anderem in dem damals jungen Hermann Esser (1900-1981) (Wiki) (1, 2). Daß diese schon im April 1924 zum Ausdruck gekommen sein könnte, also kurz nach dem Ende des Prozesses gegen Hitler und Ludendorff, dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Deshalb ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, daß dieser Brief in das Jahr 1925, eventuell in ein späteres Jahr fällt (3, 4).

Denkbarer Adressat: Hans Bechly

Am naheliegendsten dürfte sein, daß es sich bei "D. n. H." um den - der DNVP und völkischen Kreisen nahestehenden - "Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband" (DHV) (Wiki) (11) handelte, um jene Gewerkschaft, die nach 1945 als "Deutsche Angestellten-Gewerkschaft" neu gegründet worden ist. Über Verbindungen zwischen Erich Ludendorff und diesem Verband ist in der Literatur (Google Bücher) zunächst nicht so leicht etwas in Erfahrung zu bringen.

Verbandsvorsteher des DHV war von 1911 bis 1933 Hans G. W. Bechly (1871-1954) (Wiki, engl). Dieser gehörte nicht zum deutschvölkischen Flügel des Verbandes, sondern zum sozialpolitischen Flügel desselben. Bechly war auch zweiter Vorsitzender des damaligen nicht-sozialistischen Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) (Wiki) und anderer Gewerkschaften (5). Auf Verbandstagen der 1920er Jahre hat sich Bechly in Vorträgen immer wieder mit dem "nationalen Gedanken" beschäftigt (7-9). Bechly war offenbar Mitglied der liberaleren Deutschen Volkspartei (DVP) (10). Aber ab 1930 begann sich der DHV mit dem Nationalsozialismus zu arrangieren. Nach 1945 hat Bechly erneut die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) mit aufgebaut (6).

Es ist denkbar, daß Erich Ludendorff schon 1917 oder 1918 zum Ehrenvorsitzenden des DHV gewählt worden sein kann. Er kann dazu aber auch in den Jahren zwischen 1920 und 1923 gewählt worden sein.

Um wen es sich bei dem "jugendlichen Vorsitzenden" der Ortsgruppe München des DHV gehandelt haben kann, muß einstweilen ebenso offen bleiben. Sicher ist, daß ein nicht geringer Teil der Mitglieder des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes schon früh der NSDAP nahe gestanden hat (11). Es kann sich also womöglich um einen Mann vom Schlage des späteren Gauleiters von Danzig und Westpreußen gehandelt haben, also um jemanden wie Albert Forster (1902-1952) (Wiki), jedenfalls ein Mann der Generation von Albert Forster. Forster war ebenfalls Mitglied im DHV und hielt sich ebenfalls im Jahr 1923 auch in München aufgehalten (5):
Der Bankkaufmann Albert Forster war seit 1923 Mitglied der NSDAP (...) und hatte sich schon am mißglückten Putsch in München beteiligt. Früh Mitglied im DHV, hatte man ihn 1932 allerdings wegen allzu extremistischer Neigungen ausgeschlossen.
Es hat also auch im Jahr 1932 noch kein bruchloses "Arrangieren" des DHV mit dem Nationalsozialismus gegeben. 1928 war Forster zeitweise Mitarbeiter des DHV in Fürth gewesen (Wiki).

Was sich aus diesem hier behandelten Brief nun für konkretere Folgen ergeben haben können, muß einstweilen ganz offen bleiben.

/Text stark erweitert:
18.3.2020/
_______________
  1. Bading, Ingo: Adalbert Volck gegen Erich Ludendorff (1924) Spaltungstendenzen in der Deutschvölkischen Freiheitspartei 1924, August 2014, https://studiengruppe.blogspot.com/2014/08/adalbert-volck-gegen-erich-ludendorff.html
  2. Bading, Ingo: "Ich bin der größte Revolutionär, den Deutschland heute hat." - Erich Ludendorff 1928 - Neue Briefe aus den Jahren 1924, 1928 und 1946, November 2010, https://studiengruppe.blogspot.com/2010/11/ich-bin-der-grote-revolutionar-den.html  
  3. Robert Probst, Völkischer Block in Bayern (VBl), 1924/25, publiziert am 02.08.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Völkischer_Block_in_Bayern_(VBl),_1924/25> (27.11.2019) 
  4. Mathias Rösch: Die Münchner NSDAP 1925-1933. Eine Untersuchung zur inneren Struktur der NSDAP in der Weimarer Republik. Walter de Gruyter 2014 (GB)
  5. Lange, Gunter: Die braune Gewerkschaft - Die machtvolle Angestelltengewerkschaft DHV. Die Zeit, 23. Mai 2013, Nr. 22/2013, https://www.zeit.de/2013/22/gewerkschaft-nationalsozialismus-dhv/komplettansicht.
  6. Erbschaft mit Saugnäpfchen. Der Spiegel, 23.04.1949, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44436110.html.
  7. Bechly, Hans und Prof. Dr. August Messer: Volkstum und Weltbürgertum. Eine Aussprache in zwei Aufsätzen und vier Briefen. Alldeutscher Verband, Hamburg, um 1918
  8. Bechly, Hans: Der nationale Gedanke nach der Revolution. Vortrag gehalten am vierzehnten Deutschen Handlungsgehilfentag in Leipzig, vom 18. bis 20. Oktober 1919. Hamburg, Deutschnationale Verlagsanstalt, 1919
  9. Bechly, Hans: Die Führerfrage im neuen Deutschland. Vortrag, gehalten auf dem 18. Deutschen Kaufmannsgehilfentag am 10. Juni 1928 in Dresden. Hamburg, Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Verband 1928
  10. Edmund, Rolf: Right-wing critics of Weimar. PowerPoint PPT Presentation, Slide 29, https://www.slideserve.com/rolf/right-wing-critics-of-weimar
  11. Pomplun, Jan-Philipp: Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Verband. In: Handbuch des Antisemitismus, Bd. 5, hrsg. v. Wolfgang Benz u.a., München 2012 (GB)

1921 - "Lieber Obermayr!"


Als Name im zweiten Brief (Abb. 1, rechts) ist ein "Obermayr" angesprochen. Die Jahreszahl des Briefes ist nicht leicht zu bestimmen. 1911 - wie vom Bearbeiter vermutet*) - ist mit Sicherheit auszuschließen. Denn da war Erich Ludendorff noch völlig unbekannt und er lebte in Berlin, nicht in München. Am ehesten käme wohl 1921 in Frage. Seit März 1920 - seit dem mißlungenen Kapp-Putsch - hat Erich Ludendorff mehr in Bayern als in München gelebt, zunächst dort an verschiedenen Orten. So lebte er mehrere Wochen auf Schloß Neubeuern, 34 Kilometer östlich von Schliersee. Im August 1920 ist er dann - mit seiner Frau Margarethe - endgültig nach München in die Heilmannstraße gezogen (1). Der Brieftext lautet jedenfalls soweit bislang entzifferbar:
München, 20. 2. 21 [?]

Lieber Obermayr!
Ich war lange verreist, daher die späte Antwort. Meine Frau und ich werden kommen und danken für die Einladung. Wir werden vorher gewiß noch daran erinnert, sonst kann sich alles mögliche ereignen.
Anliegend das Gewünschte [?].
Mit bestem Gruß
Ihr sehr ergebener
Ludendorff.
Abb. 2: Pfarrer A. Obermayr, Schliersee
Eine Möglichkeit ist, daß hier der katholische Pfarrer Adalbert Obermayr (1875-1949) (Schliersee) von Schliersee angeschrieben worden ist. Dieser war 1945 zum Ehrenbürger von Schliersee ernannt worden (Mag. Schliersee). Vermutlich hat er die kirchlichen Handlungen durchgeführt bei der Enthüllung des Oberland-Denkmals in Schliersee am 30. September 1923, an der Erich Ludendorff teilnahm (4). Obermayr stand offenbar bis zum Hitler-Ludendorff-Putsch im November 1923 in Verbindung mit der völkischen Bewegung in Bayern (2, S. 141, 237):
Obermayr (...) distanzierte sich von der NS-Bewegung nach dem Putsch, ist aber nicht unter den durch die Nazis verfolgten Priestern aufgeführt.
Original: Obermayr was born in 1875, was ordained in Munich in 1900, and began as a parish priest in Schliersee in 1916. (...) Obermayr also distanced himself from the Nazi movement after the putsch, but he is not listed among the priests persecuted by the Nazis.
Die von Pfarrer Obermayr 1938 - in Zusammenarbeit mit dem Münchner Kardinal Faulhaber - errichtete und eingerichtete Bergkirche am Spitzingsee atmet noch heute in der Inneneinrichtung einen dem völkischen Zeitgeist sehr nahestehenden Geist (Mag. Schliersee). Obermayr schrieb 1946 Berichte über die Kämpfe um Schliersee am Ende des Zweiten Weltkrieges an die Leitung seines Bistums München-Freising (3) (Merkur 2015).

Aber aufgrund welcher Umstände hätte nun dieser Adalbert Obermayr schon im Februar 1921 in einer solchen persönlichen Verbindung mit General Ludendorff stehen sollen wie diese aus dem Wortlaut des Briefes heraus klingt? Insgesamt entsteht doch der Eindruck, daß Ludendorff im Jahr 1921 einen katholischen Pfarrer im Brief förmlicher und vornehmer im Tonfall angesprochen haben sollte als das hier der Fall ist ("Lieber Obermayr"). Auch war Ludendorff im Februar 1921 noch keineswegs so völkisch eingestellt wie im September 1923. Der Brief wirkt schnell hingeschrieben. Fürs erste möchten wir es deshalb nicht für plausibel halten, daß dieser Brief an den genannten Adalbert Obermayr gerichtet gewesen ist. An wen er aber dann gerichtet gewesen ist, muß vorerst offen bleiben.

Vorerst würde eine Datierung auf das Jahr 1921 jedenfalls mit bekannten Daten nicht in Widerspruch stehen: Erich Ludendorff hatte am 18. Januar 1921 an Reichsgründungsfeiern in München teilgenommen und am 7. Februar 1921 einen Vortrag in Hamburg gehalten (1). Das gibt zunächst Anlaß zu der Vermutung, daß er am 20. Februar 1921 durchaus Grund gehabt haben konnte zu schreiben, daß er "lange verreist" war.

Somit kann bislang nur der erste der beiden hier behandelten Briefe etwas konkreter in historische und biographische Zusammenhänge eingeordnet werden, nämlich in den Weg Ludendorffs vom "Nationalen" (bis 1922) zum Völkischen (bis 1925) und schließlich zu seinem Stehen "allein auf weiter Flur" (ab 1926). 
__________________________
*) Erläuterung des Angebotes von Dorotheum: >>Zwei e. B. m. U., München 20. 11. 1911 bzw. o. D. (13. 4.), 1 und 1 1/4 S., gelocht, ein Schreiben mit Ausriß in der Lochung, das andere mit repariertem horizontalen Riß in der Faltung, 8vo. An Herrn Obermayer mit Dank für eine Einladung: "... Ich war lange verreist, daher die späte Antwort. Meine Frau und ich werden kommen und danken für die Einladung ..." (20. 2. 1911). Im zweiten Brief an einen Hauptmann (wohl ebenso Obermayer) weist Ludendorff darauf hin, daß die Ortsgruppe München der d. u. h. (?) nicht mehr im angemessenen Zustand befindlich sei.  Experte: Mag. Andreas Löbbecke<< (Dorotheum, November 2019)
_____________________________
  1. Bading, Ingo: Erich Ludendorff in Fotografien des Jahres 1921 - Eine Chronologie in Bildern, 17. Januar 2016, https://studiengruppe.blogspot.com/2016/01/erich-ludendorff-im-jahr-1921.html
  2. Hastings, Derek: Catholicism and the Roots of Nazism: Religious Identity and National Socialism, Oxford University Press, 2011 (GB) 
  3. Reinhold Friedrich: Spuren des Nationalsozialismus im bayerischen Oberland. 2013 (GB)
  4. Bading, Ingo: Das Oberlanddenkmal in Schliersee - Seine Einweihung am 30. September 1923 eine politische Demonstration Die völkischen Wehrverbände Bayerns stehen zur Regierungsbeteiligung in Bayern und zum "Marsch auf Berlin" bereit , 20. Januar 2012, https://studiengruppe.blogspot.com/2012/01/das-oberlanddenkmal-in-schliersee-und.html
  5. Bading, Ingo: Erich Ludendorff auf Schloss Neubeuern in Oberbayern - Ein Aufenthalt von "ungeheurer Bedeutung" - "Nach schweren Tagen fand ich hier Frieden", April 1920, Januar 2016, https://studiengruppe.blogspot.com/2016/01/erich-ludendorff-auf-schloss-neubeuern.html

Mittwoch, 15. Mai 2019

Erich Ludendorff wendet sich dem Rassegedanken zu (1920)

Anregungen dazu gaben zunächst Karl Ludwig Schemann und der Graf Gobineau (1920)

In seinen Lebenserinnerungen von 1940 beschreibt Erich Ludendorff (1865-1937) vergleichsweise genau, mit welchen Menschen, Büchern und Gedanken er sich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg beschäftigt hat und wie er sich dabei von einem Politiker mit zunächst überkommener "nationaler" Ausrichtung zu einem solchen bewußt völkischer Ausrichtung wandelte. Es war damals noch ungewöhnlich, daß ein führender deutscher Militär sich dezidiert völkischen Gedanken zuwandte. Ludendorff erwähnt im Zusammenhang mit diesen Entwicklungen auch den den Freiburger Professor und völkischen Schriftsteller Karl Ludwig Schemann (1852-1938) (Wiki) (1). Dessen Werk habe gleich anfangs Einfluß genommen auf seine eigene geistige Entwicklung. 

Inzwischen kann diese Einflußnahme anhand des Briefnachlasses von Schemann genauer nachgezeichnet werden. Er liegt in der Universitätsbibliothek Freiburg vor (1).

Erstmals hat sich Ludwig Schemann brieflich am 30. September 1919 an Erich Ludendorff gewendet (2, S. 236). Er schrieb Ludendorff, um diesen auf seine Gedankenwelt und auf die Rassefrage aufmerksam zu machen. Ludendorff reagierte schnell positiv. Auch ließ er sich von Schemann anregen, den Grafen Gobineau über die Rassefrage zu lesen. 

Schemann und Ludendorff beziehen sich dann beide aufeinander in ihren Büchern zwischen den Jahren 1920 und 1925. Dazu werden in dem vorliegenden Beitrag erste Recherche-Ergebnisse gebracht. Sie sind künftig nach und nach noch auszubauen, insbesondere um das geistige Umfeld von Ludwig Schemann auszuloten (der Kreis um Richard Wagner), und um die Bedeutung des Austausches mit Ludwig Schemann für das weitere Denken Erich Ludendorffs nachzuvollziehen.

Abb. 1: Karl Ludwig Schemann

Als langjähriger Vorsitzender der Gobineau-Vereinigung hat sich Karl Ludwig Schemann die Aufgabe gestellt, seine Zeitgenossen auf das Lebenswerk des Grafen Gobineau aufmerksam zu machen und dessen Bekanntheit zu fördern. Wir lesen dazu (Handbuch des Antisemitismus, 2012, S. 288, GB):

Die Gobineau-Vereinigung wurde im Februar 1894 mit dem Ziel gegründet, die Werke des französischen Rassentheoretikers Arthur de Gobineau neu aufzulegen und ins Deutsche zu übersetzen. Dies war schon länger ein Wunsch Cosima Wagners, deren Mann mit Gobineau befreundet gewesen war und in seinen späten Schriften Gedanken des Franzosen rezipiert hatte. Vorsitzender der Vereinigung wurde Ludwig Schemann, der seine ungeliebte Anstellung als Bibliothekar in Göttingen aufgeben wollte und in der Vereinigung die Möglichkeit zu einem beruflichen Neuanfang als Privatgelehrter und Publizist sah. Wagner vermittelte ihm den Kontakt zu Gobineaus Nachlaßverwalterin Mathilde de La Tour. (...) Schemann emanzipierte sich in der Folge von Bayreuth und richtete sein Wirken auf den Alldeutschen Verband, den er als seine politische Heimat begriff, und andere völkische Gruppen aus. 

Der Nachlaß von Karl Ludwig Schemann steht der Forschung in der Universitätsbibliothek Freiburg zur Verfügung (1). Der Inhalt des Schemann-Nachlasses in Bezug auf Erich Ludendorff ist in der Literatur auch schon ausgewertet worden, nämlich von Bernhard Wien (2).

1920 - Erich Ludendorff gibt 25.000 Mark für die Druckkosten

Anhand seiner Ausführungen sei das folgende in einem ersten Durchgang rekapituliert. Am 2. Februar 1920 schickte Ludwig Schemann Erich Ludendorff das Manuskript seiner Schrift "Von deutscher Zukunft" (3) (Abb. 2) und schrieb dazu, daß er diese Schrift gerne Erich Ludendorff widmen wolle (2, S. 236). Erich Ludendorff hinwiederum zeigte sich vom Inhalt dieser Schrift sehr angetan, er sollte sich in seiner eigenen Buchveröffentlichung des Jahres 1921 sehr positiv auf sie beziehen.

Ende Februar, Anfang März 1920 besuchte Erich Ludendorff von Berlin aus Paul von Hindenburg in Hannover. Es geschah dies nur zwei Wochen vor dem Kapp-Putsch in Berlin. Damit in Zusammenhang stellt Bernhard Wien, daß Ludwig Schemann am 3. März 1920 sein Manuskript auch an Hindenburg schickte. Es ist also denkbar, daß Erich Ludendorff in persönlichem Gespräch Hindenburg auf den Autor Schemann hingewiesen hat. Hindenburg bedankte sich auch für die Zusendung schon am 10. März herzlich (2, S. 236f).

Erich Ludendorff hinwiederum antwortete auf die Zusendung der Schemann-Schrift am 23. Mai 1920 (2, S. 236).

In einem Brief vom 6. November (vermutlich 1920) sandte Erich Ludendorff Schemann dann sogar 25.000 Mark für die Druckkosten der Schrift "Von deutscher Zukunft" (2, S. 236). Ob Ludendorff über diese Summe aus privaten Mitteln verfügte und verfügen konnte (wie von B. Wien gemutmaßt) oder doch umfangreichere Gelder verwaltete, die ihm von Ludendorff-Verehrern zur Verfügung gestellt wurden, wird wohl noch zu klären sein. Wir erfahren (4, S. 49):

Seine Haltung zur Weimarer Republik hatte Schemann schon 1920 in seiner Schrift "Von deutscher Zukunft" dargelegt. "Was haben wir mit dem fluchbeladenen Geschlecht des 9. November gemein (...)?", so lautet die Fragestellung (S. 27). (...) Das ganze Werk ist "Seiner Exzellenz Herrn General der Infanterie Ludendorff in tiefer Verehrung gewidmet".

1921 - Erich Ludendorff in "Kriegführung und Politik"

Erich Ludendorff seinerseits berichtet in seinen Lebenserinnerungen über die Zeit nach seinem Umzug nach München im Sommer 1920 (1940, S. 182f):

In meinem Suchen nach Klarheit über die Rassen las ich auch, angeregt von Professor Ludwig Schemann, Freiburg i. Br., die Werke von Gobineau und beschäftigte mich mit den Mendelschen Gesetzen der Aufspaltung. Ich war um so mehr zur Rassenforschung angeregt, denn ich sah in Bayern einen Menschenschlag, den ich in Norddeutschland noch nicht angetroffen hatte. (...) Im Herbst 1921 beendete ich mein drittes Werk "Kriegführung und Politik".

Er schreibt (1940, S. 185):

Ich gebe nun noch ungekürzt meine Schlußbetrachtungen wieder, weil sie für mein Denken maßgebend sind und Zeugnis ablegen für die Anschauungen, die ich mir auf verschiedenen Gebieten herausgebildet hatte.

In diesen Schlußbetrachtungen zu "Kriegführung und Politik" hatte er unter anderem geschrieben (1940, S. 188):

Das Undeutsche in uns und um uns, von dem Ludwig Schemann spricht, liegt vornehmlich in dem Mangel an Rassegefühl, in der ungenügenden Berücksichtigung Deutscher Art in Schule und Recht, in der Überhebung der Geistesbildung über die Handfertigkeit, in der sich bei uns breit machenden, selbstsüchtigen Geisteshaltung, in der Bewertung des äußeren Wohllebens, im internationalen pazifistischen und defaitistischen Denken und schließlich in dem starken Hervortreten des jüdischen Volkes innerhalb unserer Grenzen begründet.

Auch an anderer Stelle seines Buches "Kriegführung und Politik" bezieht sich Erich Ludendorff auf Ludwig Schemann (6, S. 336) (dies und das folgende nur nach Google Bücher zitiert, deshalb unvollständig):

In unserer Einheitsfront haben wir, nach Ludwig Schemanns schönem Wort, "den Heldensinn, den Ordnungsgeist, die Disziplin und das Pflichtgefühl," - und ich setze hinzu: die stolze, selbstbewußte Einfachheit und Sparsamkeit, die ...

1925 - Schemanns "überschwengliche Verehrung" für Ludendorff

Im Jahr 1925 wird berichtet (Abwehrblätter - Verein zur Abwehr des Antisemitismus, 1925, GB):

Aus dem kürzlich erschienenen Buche des bekannten Antisemiten und Gobineau-Forschers Ludwig Schemann "Lebensfahrten eines Deutschen" druckt das "Dt. Tgb" einen Passus ab, in dem Ludendoff in überschwenglicher Weise verherrlicht wird. Schemann nennt Ludendorff ...

In dieser Schrift "Lebensfahrten eines Deutschen" schrieb Schemann über Erich Ludendorff (S. 365ff):

... Und Ludendorff? Er hat mir durch die Annahme der Widmung meiner vaterländischen Schrift "Von deutscher Zukunft. Gedanken eines, der auszog, das Hoffen zu lernen" eine hohe Gunst erwiesen, indem er es mir damit ermöglichte, meine tiefgehende Übereinstimmung in der Auffassung der deutschen Lebensfragen mit diesem größten unserer Führer öffentlich zu bekunden. Immer inniger habe ich mich ihm in der Folge verbunden gefühlt, immer in der stillen Hoffnung, daß, wenn doch noch einmal den guten Geistern unseres Volkes ihre Stunde schlagen sollte, er mit an erster Stelle berufen sein werde, in die Lenkung unseres Reichssteuers einzugreifen.

Vermutlich verlor sich aber in der Folgezeit diese engere Verbundenheit Schemann's mit Ludendorff. (Denn sonst müßte darüber ja doch noch etwas bekannt sein.) Ludendorff begann ab 1925, eigene Wege zu gehen. Schemann hingegen (Wiki)

wurde 1928 öffentlicher Förderer der Nationalsozialistischen Gesellschaft für deutsche Kultur. 1933 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Freiburg ernannt. 1937 wurde er Ehrenmitglied des nationalsozialistischen Reichsinstituts für Geschichte des Neuen Deutschlands und von Adolf Hitler mit der Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet.

Ob es von Seiten Schemanns auch kritische Sichtweisen auf den Nationalsozialismus gab (wie spätestens ab 1925 bei Ludendorff), muß einstweilen dahin gestellt bleiben. - Den hier insgesamt aufscheinenden Zusammenhängen kann also noch nach vielen Richtungen hin genauer nachgegangen werden. So könnte etwa die Auseinandersetzung Ludendorffs mit Rassefragen noch einmal im größeren Zusammenhang erörtert werden. Auch könnte der Verbindung Ludwig Schemanns zum Kreis um Richard Wagner genauer nachgegangen werden. An den Austausch Erich Ludendorffs mit Ludwig Schemann schließt sich übrigens auch sein Austausch mit vielerlei anderen, unter anderem naturwissenschaftlich oder anthropologisch orientierten Denkern, Forschern und Autoren seiner Zeit an (8).

1933 - Mathilde Ludendorff bezieht sich auf Ludwig Schemann

Nachtrag 14.3.23: 1930 erschien der zweite Band von Ludwig Schemann's Buch "Die Rasse in den Geisteswissenchaften - Studien zur Geschichte des Rassegedankens" (10). Auf dieses Buch bezog sich Mathilde Ludendorff in ihrem Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte" aus dem Jahr 1933 (9). Im letzten Teil desselben Buches behandelt sie unter anderem die antik-griechische Philosophen-Schule Stoa als eine Art Vorläufer-Lehre des Christentums (9). Dabei stützt sie sich oft wörtlich auf Ausführungen von Ludwig Schemann.

Nachtrag 29.8.23: Inzwischen haben wir uns mit dem Einfluß Karl Ludwig Schemann's auf das Werk Mathilde Ludendorffs "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" aus dem Jahr 1933 ausführlicher beschäftigt (Stgen2023). Man wird annehmen können, daß Schemann alle seine Neuerscheinungen an Erich Ludendorff gesandt hat, und daß so seine Bücher auch in die Hände von Mathilde Ludendorff gekommen sind. 

___________
  1. Universitätsbibliothek Freiburg, Nachlaß Ludwig Schemann, 10 Briefe, 5 Briefabschriften, http://kalliope.staatsbibliothek-berlin.de/de/ead?ead.id=DE-611-HS-616943
  2. Wien, Bernhard: Weichensteller und Totengräber. Ludendorff, von Hindenburg und Hitler 1914-1937. Books on Demand, Norderstedt 2014 (GB)
  3. Schemann, Ludwig: Von deutscher Zukunft. Gedanken eines, der auszog, das Hoffen zu lernen. Theodor Weicher, Leipzig 1920
  4. Nemitz, Kurt: Die Schatten der Vergangenheit. Beiträge zur Lage der intellektuellen deutschen Juden in den 20er und 30er Jahren. Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg, 2000 (156 S.) (GB)
  5. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär. 1940 (GB)
  6. Ludendorff, Erich: Kriegführung und Politik. Mittler und Sohn, Berlin 1921
  7. Schemann, Ludwig: Lebensfahrten eines Deutschen. 1925 
  8. Bading, Ingo: Erich Ludendorff im Austausch mit Naturwissenschaftlern seiner Zeit Sowie mit völkischen und kirchenfreien Zeitgenossen seiner Generation. Studiengruppe Naturalismus, 20. August 2014, https://studiengruppe.blogspot.com/2014/08/erich-ludendorff-im-austausch-mit.html
  9. Ludendorff, Mathilde: Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine Philosophie der Geschichte. Erstauflage 1933; Verlag Hohe Warte, Pähl 1955 (Archive)
  10. Schemann, Ludwig: Die Rasse in den Geisteswissenchaften. Studien zur Geschichte des Rassegedankens. Band 2, J. F. Lehmann's Verlag, München 1930 (GB) 

Mittwoch, 16. August 2017

Alte oder neue Religion?

Erörterungen in Reserveoffiziers-Kreisen im Jahr 1935 
- Über Ludendorffs Buch "Der totale Krieg"

Im Jahr 1935 erschien das Buch von Erich Ludendorff "Der totale Krieg" (1).

Abb. 1: Rückseitig beschriftet: "1940 Hannover Eilenriede"

Im August 2017 wurde ein 19-seitiges Schreibmaschinen-Manuskript auf Ebay zum Verkauf angeboten, in dem ein Vortrag über dieses Buch enthalten ist. Über die Herkunft des Manuskriptes ist lediglich zu erfahren ("keilsrieder" / Ebay 8/2017):

"Der Brief wurde in einem staubspurigen alten Umschlag ohne Bezeichnung bei einem Berliner Trödler vor vielen Jahren gefunden, inliegend fand sich die kleine Photographie."

Die Fotografie stellt einen Wehrmachtoffizier zu Pferde dar. Im Hintergrund sind zwei andere uniformierte Reiter zu sehen. Umseitig ist es beschrieben mit:

"1940 Hannover Eilenriede"

Der Wehrmachtoffizier zu Pferde, der der Empfänger des Manuskriptes gewesen sein könnte, und der auch handschriftlich mit Bleistift seine Kommentare dazu geschrieben haben könnte, ist in den Unterlagen namentlich nicht benannt. Ebenso wenig ist der Verfasser des Manuskriptes bekannt.

Die Eilenriede ist ein Wald- und Auengebiet innerhalb der Stadt Hannover.

"Meine lieben Kameraden!"

Abb. 2: Manuskript,
1935, Seite 1

Der Inhalt des Manuskriptes macht aber schnell klar, daß es sich bei dem Verfasser um einen fähigen, intelligenten, sehr fest in der Sache stehenden und in der Sache ruhenden, zugleich einsatzbereiten damaligen Anhänger des Ehepaares Erich und Mathilde Ludendorff handelte. Die Zuhörer des Vortrages, der als Schreibmaschinen-Durchschlag in schriftlicher Form bis zu zehn Adressaten gehabt haben könnte, werden als "Meine lieben Kameraden" angesprochen. Und man will mit dem Vortrag

"einmal wirklich wieder Soldatentum in reinster Form"

erlebbar machen - wie es im ersten Absatz heißt. Man kann sich schwer vorstellen, daß solche Worte von einem aktiven Offizier gesagt worden sein könnten. Deshalb könnte der Vortrag auf einem Ehemaligen-Treffen von Offizieren des Ersten Weltkrieges gehalten worden sein. Er könnte auch im Rahmen einer Reservisten-Kameradschaft gehalten worden sein.

Der Empfänger könnte 1940 auf der beiliegenden Fotografie als Reserveoffizier dargestellt sein, der inzwischen wieder zum Kriegsdienst eingezogen worden war (wie es ja mit vielen Teilnehmern des Ersten Weltkrieges geschah).

Am Ende des Manuskriptes wird auf den damaligen Abessinien-Krieg Italiens Bezug genommen, womit das Manuskript sehr gut in das Jahr 1935 datiert werden kann.

Auf den 19 Seiten wird der Inhalt des Buches "Der totale Krieg" - soweit übersehbar - sehr angemessen und mit der für einen Ludendorff-Anhänger und Offizier angemessenen Dringlichkeit und dem angemessenen Ernst dargestellt. Erich Ludendorff hätte sicher Grund gehabt, sich über dieses Vortragsmanuskript zu freuen, wäre es ihm zur Kenntnis gelangt.

Als Staatsmann hätte Ludendorff 1916 zum Frieden kommen müssen

Abb. 3: Manuskript
1935, S. 10

Allerdings stößt das Manuskript beim Empfänger laut dessen Anmerkungen auf zeittypisches Unverständnis. Auf Seite 10, auf der von der Notwendigkeit seelischer Geschlossenheit des Volkes die Rede ist, beruhend auf einer modernen Philosophie wie derjenigen von Mathilde Ludendorff, schreibt der Empfänger an den Rand:

"Das gemeinsame Christentum ist aber auch eine Geschlossenheit, während durch Schaffung einer neuen Religion oder Hervorholen der alten wieder ein Zwiespalt geschaffen wird. Der 30-jährige Krieg beweist dies leider!"
Schon der Inhalt dieser Worte legt nahe, daß sie tatsächlich noch im Jahr 1935 niedergeschrieben worden sind. Denn schon in den nächsten Jahren hatte nicht nur dieser Empfänger ausreichend Gelegenheit zu erkennen, daß das Christentum damals keineswegs mehr zur Geschlossenheit im Volk beitrug. Nahm doch der damalige "Kirchenkampf" zwischen Bekennender Kirche einerseits und Deutschen Christen andererseits so groteske Züge an, daß ab 1935 bis 1940 und mit jedem Jahr anwachsend die größte Kirchenaustrittsbewegung in Deutschland vor 1968 entstanden war. Somit darf man davon ausgehen, daß der Empfänger dieses Briefes so unbedarft auf die Inhalte des Vortrages schon im Jahr 1937 nicht mehr wird reagiert haben können. Im letzten Satz des Manuskriptes auf Seite 19 wird gesagt, wenn das deutsche Volk auf Ludendorff hören würde, würde
"der Deutsche Feldherr nicht für das deutsche Volk zu schade sein".
Abb. 4: Manuskript
1935, S. 19
Darauf bezugnehmend schreibt der Empfänger darunter wohl im zeittypischen schnoddrigen Reserveoffizierston:
"Der Staatsmann und Feldherr ist nie zu schade, wenn er sein Volk liebt und für es lebt und arbeitet, sonst kann er ja auch nach China gehen! Dieser Vortrag ist lediglich eine dürftige Besprechung des zwar problematischen aber ungelösten Bildes von Ludendorff, der zwar ein überragender Soldat aber kein Staatsmann war, sonst hätte er 1916 zum damals möglichen Frieden kommen müssen!"

Dahinter stehen Initialen, womöglich "PF".

Man bekommt hiermit einen kleinen Eindruck von Erörterungen wie sie in Kreisen von Reserveoffizieren der deutschen Wehrmacht im Jahr 1935 geführt werden konnten, wenn sich ein Ludendorff-Anhänger in diesen zu Wort meldete. Der Frage, wie weit verbreitet und vor allem auch begründet die Meinung war, Ludendorff hätte, wenn er wirklich Staatsmann gewesen wäre, 1916 zum Frieden kommen müssen, wäre in einem eigenen Beitrag nachzugehen. Sollte damit gemeint sein, daß er dafür auf den uneingeschränkten U-Bootkrieg hätte verzichten müssen, der in jenem Jahr eines der großen politischen Themen war, könnte man den Empfänger dieses Briefes als einen Menschen ansprechen, der zumindest bis 1933 eher christlich-liberalen politischen Ansichten zugeneigt haben wird.

Immerhin zeigt sich hier die Stimmung gegenüber Ludendorff nach dem Tod Hindenburgs und nachdem am 9. April 1935 von der Wehrmachtführung (Blomberg, Fritsch, Beck) der siebzigste Geburtstag Erich Ludendorffs unter Einwilligung desselben öffentlich sehr stark herausgestellt und gefeiert worden war. Völliges Ignorieren und verächtliches Abtun der Standpunkte Ludendorffs war nun sicher weniger häufig die Reaktion in Offiziers- und Reserveoffizierskreisen.

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  1. Ludendorff, Erich: Der totale Krieg. Ludendorffs Verlag, München 1935 (130 S.)

Mittwoch, 18. März 2015

Vermischte Beispiele für patriotische Ludendorff-Verehrung in den Kriegsjahren 1917 und 1918

Wie schon im vorletzten Beitrag erwähnt wurde  (s. StNat2015), fanden aus Anlaß des 70. Geburtstages von Paul von Hindenburg am 2. Oktober 1917 in vielen Teilen Deutschlands und in den von Deutschland besetzten Gebieten öffentliche kulturelle Vorführungen, Sport-Wettkämpfe und ähnliches statt. 

Abb. 1: "Neueste Aufnahme des Ersten Generalquartiermeisters Erich Ludendorff", Die Wochenschau, 10.3.1917

Über den damaligen sogenannte "Hindenburg-Kult", durch die die vormalige Verehrung des deutschen Kaiserhauses ein wenig in den Hintergrund geriet, gibt es schon mehrere geschichtswissenschaftliche Veröffentlichungen. In diesen wird zumeist nur am Rande erwähnt, daß ein Teil der damaligen öffentlichen Aufmerksamkeit für Hindenburg auch auf den engsten Mitarbeiter Hindenburgs, auf Erich Ludendorff gelenkt war. 

Während Hindenburg eigentlich nur - im heutigen Sprachgebrauch - "Militärdarsteller" war (in Anlehnung an den Begriff "Politikdarsteller"), war Erich Ludendorff ja der eigentliche Kopf der deutschen Kriegsführung im Osten ab Ende August 1914 und der Gesamtkriegsführung ab 1916.

"Ludendorff-Opfertag" in Bielefeld - 1./2. Juni 1918

Daß an verschiedenen Orten Deutschlands - insbesondere zwischen Juni und August 1918 - mit einem Bezug zur Person Erich Ludendorffs ähnliche Veranstaltungen stattfanden wie aus Anlaß des 70. Geburtstages Hindenburgs, geht unter anderem aus verschiedenen historischen Zeitschriften, Postkarten und Fotografien hervor, die immer einmal wieder auf Ebay zum Verkauf angeboten werden. Im folgenden soll davon eine erste Auswahl gebracht werden. Diese kann künftig gerne ergänzt werden.

Abb. 2: "Stadtsparkasse Bielefeld, Ludendorff-Opfertag, 1./2. Juni 1918"

Für solche patriotischen Veranstaltungen wurde - wie auf vielen Fotografien sichtbar - oft vor allem auch die jeweiligen Schuljugend vor Ort aufgeboten. Sie freute sich dabei sicherlich über einen schulfreien Tag (Abb. 2).

Abb. 3: Ludendorff-Spende, Bielefeld, 1.-2. Juni 1918 (Ebay-Angebot, Juli 2016)

Wenn die Stadtsparkasse Bielefeld im Juni 1918 einen "Ludendorff-Opfertag" veranstaltete, wird auf diesem auch Geld gesammelt worden sein - entweder für die "Ludendorff-Spende für Kriegsversehrte" oder überhaupt für die Kriegsführung (Kriegsanleihen).

Ludendorff-Feier in Hamburg - 11. Juni 1918

Vor allem aber dienten solche Festtage dazu, den Durchhaltewillen der Bevölkerung zu stärken und zu erneuern. 

Abb. 4: "Von der Ludendorff-Feier in Hamburg", Hamburger Woche, 11. Juni (?) 1918

Was sicherlich nach dem letztendlichen Scheitern der bis zum Juni sehr erfolgreichen deutschen Frühjahrsoffensive im Westen als um so dringlicher angesehen worden ist von vielen Politikern, etwa auch von Walter Rathenau. Über eine "Ludendorff-Feier in Hamburg" berichtet die Zeitschrift "Hamburger Woche" vom 11. Juni (oder Juli) 1918 (Abb. 4).

Ludendorff-Festspiele" in Dessau - 23. Juni 1918

Offenbar zeigt ihr Titelfoto die Ankunft von festlich gekleideten Teilnehmern, die mit Booten über die Elbe kommen (?).

Abb. 5: Ludendorff-Festspiele in Dessau, 23. Juni 1918

Wenn eine deutsche Stadt im Jahr 1918 ein Sportfest veranstalten wollte, war es offenbar nicht ungewöhnlich, dasselbe "Ludendorff-Festspiele" zu nennen. So geschehen am 23. Juni 1918 in Dessau (Abb. 5 bis 11).

Abb. 6: Ludendorff-Festspiele in Dessau: Reigentänze der Schulmädchen, 23. Juni 1918

Eine große Anzahl Schulmädchen in weißen Kleidern führte offenbar Reigentänze vor. Vielleicht wurde dazu auch gesungen.

Abb. 7: Einmarsch, Ludendorff-Festspiele in Dessau, 23. Juni 1918

Die männliche Schuljugend hingegen marschierte im Gleichschritt auf das Festgelände ein.

Abb. 8: Ludendorff-Festspiele in Dessau, 23. Juni 1918

Ihre Kleidung erinnert an die Kleidung des Wandervogels und der Jugendbewegung.

Abb. 9: Ludendorff-Festspiele - Männer mit (historischen?) Feldkanonen, Dessau, 23. Juni 1918

Auch offenbar historische Feldkanonen wurden mitgeführt, möglicherweise für paramilitärische Übungen oder für frühe Formen des "Reenactment".

Abb. 10: Musikkapelle in historischen preußischen Uniformen, Dessau, 23. Juni 1918

Eine Musikkapelle trat in historischen Uniformen aus der Zeit Friedrichs des Großen auf.

Abb. 11: Ludendorff-Festspiele in Dessau, 23. Juni 1918

Die Schuljugend durfte rennen und sich austoben. 

Volksfest zu Gunsten der Ludendorff-Spende in Hameln (30. Juni 1918)

Für den 30. Juni 1918 rief ein Landsturm-Ersatzbataillon in Hameln zu einem Volksfest auf, auf dem für die "Ludendorff-Spende" gesammelt werden sollte (Abb. 12 und 13).

Abb. 12: (Herkunft: Ebay, April 2015)

Es wurden im Stil der Zeit angekündigt: ein Militärkonzert, Chor- und Sologesänge, Theater, Kabarett, Tombola, Verkaufsstände, Belustigungszelte und ein Gartenkinematograph.

Abb. 13: Programmzettel für das Volksfest zu Gunsten der Ludendorff-Spende in Hameln

Die Menschen oder auch Honoratioren einer Stadt hatten das Bedürfnis, etwas Öffentliches zu veranstalten - was auch immer - und stellten es unter den Namen "Ludendorff".

Ludendorff-Abend zu Gunsten der Ludendorff-Spende (1. Juli 1918)

So auch das "Kgl.sachs. B. 213" irgendwo in Sachsen.

Abb. 14: Ludendorff-Abend zu Gunsten der Ludendorffspende am 1.7.1918

Erhalten ist auch eine Postkarte mit der Aufschrift:

Ludendorff-Abend zu Gunsten der Ludendorffspende, veranstaltet vom Kgl.sachs. B. 213 am 1. 7. 1918.

Auf solchen Veranstaltungen könnten gerne auch Damen wie in der folgenden Abbildung herumgegangen sein, um für die "Ludendorff-Spende für Kriegsversehrte" zu sammeln (Abb. 15).

Abb. 15: Eine Frau, die für die "Ludendorff-Spende für Kriegsversehrte" sammelt - Name, Ort und Datum unbekannt

In dieser Art sind sie aber auch sonst in der Öffentlichkeit unterwegs gewesen. Im Fotoarchiv der "Süddeutschen Zeitung" ist auch ein Foto enthalten mit dem Erläuterungstext (SdtZtg) :

Ein Mitarbeiter entleert die Blech-Sammelbüchsen der Ludendorff-Spende für die Unterstützung von Kriegsbeschädigten im Berliner Stadthaus in der Klosterstraße.

In demselben Archiv gibt es auch ein Foto "Gartenfest Ludendorff-Spende" in Warschau mit dem Erläuterungstext:

Deutsche Soldaten am Eingang zu einem Gartenfest der Ludendorff-Spende in Warschau. Die Erträge der 1918 gegründeten Ludendorff-Spende für Kriegsbeschädigte kamen schwerstverwundeten Soldaten zugute. 

1671 hatte der Große Kurfürst in Ostpreußen den Bau eines Verbindungskanals zwischen dem Pregel und der Memel entlang des Kurischen Haffes in Auftrag gegeben.

Nach Ludendorff benannt - Ein Dorf in Ostpreußen - 9. August 1918

Durch ihn sollte die Schifffahrt von den Unbilden des Wetters auf dem (offenen) Kurischen Haff bewahrt werden. Der in diesem Rahmen erbaute Große Friedrichsgraben ist 1697 fertig gestellt worden. An seinem Ufer lagen die Dörfer Groß Friedrichsgraben I und II. Und diese wurden am 9. August 1918 in "Hindenburg" und "Ludendorff" umbenannt (Wiki).

Abb.: Das Dorf Ludendorff in Ostpreußen (Landkreis Labiau), vor 1945

1939 wurden auch noch zwei benachbarte Dörfer dem Dorf Ludendorff eingemeindet. 1945 wurde die deutsche Bevölkerung aus den Dörfern vertrieben, der Ort Ludendorff wurde nicht mehr besiedelt. Er gilt heute - laut Wikipedia - als erloschen.

"Ludendorff-Staffette" in Düsseldorf - 18. August 1918

Am 18. August 1918 fanden "nationale Sportwettkämpfe" in Düsseldorf statt.

Abb.: Pokal - Ludendorff-Stafette, 400 Meter, 18. August 1918

Für diese wurde ein Wanderpokal "Ludendorff-Stafette" gestiftet. 

Abb.: Pokal - Ludendorff-Stafette, 400 Meter, 18. August 1918

Dieser hat sich bis heute erhalten.

18. August 1918 - Eine militärische Schreibstube in Frankreich

Auch in den militärischen Schreibstuben des Jahres 1918 hingen die Plakate, die für die Ludendorff-Spende warben.

Abb.: Militärische Schreibstube in Bouligny/Frankreich, 18.8.1918 

Hier das Beispiel einer Schreibstube in Bouligny in Frankreich. Das Foto ist rückseitig datiert auf den 18. August 1918 (Ebay-Angebot, November 2015).

Abb.: Postkarte vom 9. Juni 1918 mit Plakat Ludendorff-Spende

Und hier das Beispiel eines militärischen Unterstandes.

"Großes Militär-Turn-Sportfest zum Besten der Ludendorff-Spende" - Bremen, 25. August 1918

Da diese Veranstaltungen im Sommer 1918 alle ein ähnliches Muster aufweisen, werden sie wohl organisiert worden sein aufgrund zentraler Vorschläge, bzw. Anregungen durch die innere Militärverwaltung in Deutschland und jeweils mit Unterstützung der Garnisonen vor Ort. 

Abb.: "Großes Militär-Turn-Sportfest zum Besten der Ludendorff-Spende", Bremen, 25. August 1918

So wie es hier heißt:

Ausgeführt von der hiesigen Garnison.

In den Jahren 1917 und 1918 sind dementsprechend auch vielerlei militärische Einrichtungen, Lager, Stadtplätze und militärische Geräte (Flugzeuge, Lokomotiven) nach Erich Ludendorff benannt worden.

Zwei Ludendorff-Lager ....

Auch Kriegsunterstände, Kasernen und Brücken, etwa die 1918 fertiggestellte, damals hochmoderne Ludendorff-Brücke bei Remagen. 

Abb.: "Ludendorff-Höhle", ohne Datum

In der Champagne gab es eine "Ludendorff-Höhle".

Abb.: Umseitig beschriftet mit: "Unser Lager in der Champ. 1 V 17 U. Offz. Hein"

Von dieser "Ludendorff-Höhle" werden hier zwei Fotografien gebracht, davon eine datiert auf den 1. Mai 1917, auf dem sie umseitig auch als "Lager" bezeichnet wird.

Abb.: "Im Ludendorfflager, Februar 1918", auf einem anderem Foto auch "Westlager" benannt, genauer Ort unbekannt

Ein weiteres "Ludendorfflager" bestand aus einem selbstgebauten Haus.

Ludendorff-Flugzeuge, - Plätze 

Abb.: Flugzeug DFW B I mit dem Schriftzug "Tannenberg"

Es gab einen Doppeldecker mit dem Namen "Tannenberg".


Abb.: Flugzeug DFW B I mit dem Schriftzug "Ludendorff"

Und es gab einen Doppeldecker mit dem Namen Ludendorff. Soweit einige erste Beispiele für einen sogenannten "Ludendorff-Kult" in Deutschland in den Kriegsjahren 1917 und 1918.

Abb.: "Ludendorff-Platz" in Hattonchatel, Lothringen

So gab es in der Lothringischen Ortschaft Hattonchatel in dieser Zeit offenbar einen "Ludendorff-Platz".

Sogar in der von Deutschland besetzten Ukraine, in der dortigen deutschen Mennoniten-Kolonie Molotschna wurden "Ludendorff-Feste" begangen (Hübner, S. 152):

Deutsche Militärparaden, Übungen und Ludendorff-Feste begannen, die mennonitische Jugend zur Selbstschutzbewegung anzulocken, die aus bewaffneten paramilitärischen Einheiten in Halbstadt, Gnadenfeld, Tiege und Tiegenhagen bestand. Den ganzen Sommer über fanden Militärübungen statt.
German military parades, drills, Ludendorf festivals started to attract Mennonite youth Selbstschutz, consisting of armed, para-military units organized in Halbstadt, Gnadenfeld, Tiege, Tiegenhagen. Military drills held throughout the summer.

Die deutsche Besetzung hatte die Orte von der Terrorherrschaft durch die Rote Armee befreit. 

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  1. Hübert, Helmut T.: Events and People - Events in Russian Mennonite History and the people that made them happen. Springfield Publishers. Winnipeg, Canada 1999 (Arch)

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