Sonntag, 24. April 2016

"Sie war eine glänzende Rednerin"

Erich und Mathilde Ludendorff auf Vortragsreisen (1930 bis 1933)

In einem anderen Beitrag wurden schon die Vortragsreisen Erich Ludendorffs nur allein im Jahr 1926 dokumentiert. In dem vorliegenden Beitrag sollen alle erreichbaren Fotografien zusammen gestellt werden, die auf Vortragsreisen von Erich und Mathilde Ludendorff in ganz Deutschland zwischen 1928 und 1933 entstanden sind.

Welche Wirkung konnte Mathilde Ludendorff als Rednerin haben. Nicht aus der Anhängerschaft heraus wurde 1932 in einer Schrift über den Tannenbergbund (5) über Mathilde Ludendorff als Rednerin festgehalten (zit. n. 6, S. 31):
... Sie war außerdem eine glänzende Rednerin - in einer Versammlung 1932 in Stuttgart konnte ich den General Ludendorff und seine Frau hören; sie stellte ihn weit in den Schatten und faszinierte die Versammlung mit der Klarheit und dem leidenschaftlichen Schwung ihrer Rede.
Dieser Eindruck stammte von dem Pfarrer Kurt Hutten (1901-1979) (Wiki), der in den 1930er Jahren und danach viel über Fragen rund um den religiösen Aufbruch der damaligen Zeit zwischen Neuheidentum, Deutschen Christen und Bekennender Kirche publizierte. 1928 hatte er in Tübingen auffallender Weise bei dem Religionswissenschaftler Jakob Wilhelm Hauer promoviert. Er hat dann viele Jahre mit den völkischen "Deutschen Christen" sympathisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er dann, nun, nichts weniger als langjährigen Leiter der "Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen". Ein nicht ganz uninteressanter Lebenslauf in der protestantischen Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts.

Von solchen Eindrücken über Erich und Mathilde Ludendorff als Redner gibt es von Zeitgenossen noch manche. Sie sollen hier ebenfalls nach und nach gesammelt werden. Nun aber zunächst vorwiegend eine Zusammenstellung von Fotografien, die entstanden vor oder nach den eigentlichen Vorträgen.

Mai 1930 - In Schleswig-Holstein

Abb. 1: Tannenbergbund-Tagung auf dem Aschberg in Schleswig-Holstein am 31.5./1.6.1930 (aus: 1, S. 45)
Über die Veranstaltung auf dem Aschberg in Schleswig-Holstein Mai/Juni 1930 ist hier auf dem Blog schon ein eigener Aufsatz erschienen (Stud. Nat. 6/2015).

Juni 1930 - In Niedersachsen

Abb. 2: Tannenbergbund-Tagung in Seelenfeld, 2.6.1930 (aus: 1, S. 46)
Die Vortragsreise wurde am Folgetag, dem 2. Juni 1930 fortsetzt mit einer Vortragsveranstaltung in Seelenfeld in Westfalen. Links abgebildet ist der Lehrer Ludwig Peithmann (1887-1960), einer der Organisatoren dieser Tagung. Rechts von Erich Ludendorff geht wie auf Abb. 1 Major a. D. Hans Georg von Waldow. In der "Geschichte der Ludendorff-Bewegung" (von Hans Kopp, Bd. 1, S. 99) heißt es:
In Seelenfeld gründeten damals der Bauer Büsching und der Lehrer Peithmann die erste Ahnenstätte für Deutschgottgläubige. (...) "Mit einer Bauernmassenversammlung in Seelenfeld", berichtet Mathilde Ludendorff, "schloß diese Reise ab."
An der Tagung in Seelenfeld nahmen 2.000 Menschen teil.

Mai 1931 - In Mittweida, Thüringen

Am 12. Mai 1931 (zu Himmelfahrt) fand eine "Bundesführertagung" des Tannenbergbundes in Mittweida in Thüringen statt (Kopp 1975, S. 102f):
Das bleibende Ergebnis dieser Tagung war die Einrichtung einer Ludendorff-Buchhandlung in Berlin, der ersten Ludendorff-Buchhandlung.
Hiervon hat sich eine Fotografie erhalten.

Abb. 3: Bundesführertagung des Tannenbergbundes in Mittweida in Thüringen
Diese ist zunächst nur kleinformatig.

Dezember 1932 - In Berlin

Abb. 4: Landesverbandstagung des Tannenbergbundes am 3. und 4. 12. 1932 (1, S. 50)
Abbildung 4 zeigt Teilnehmer an einer Landesverbandstagung des Tannenbergbundes am 3. und 4. Dezember 1932 (1, S. 50). Rechts von Erich Ludendorff steht Robert Holtzmann (Landesführer Nordostdeutschland), der sitzende Mann ist ein Herr Swoboda (Landesführer Groß-Berlin). Links von diesem steht Major Wilhelm von Wedelstaedt (gest. 1950) (Gauführer Niederlausitz).

In Bispingen bei Soltau (undatiert)


Abb. 5: Mathilde Ludendorff und Erich Ludendorff vor der Kirche in Bispingen bei Soltau, undatiert (Herkunft: Ebay, Herbst 2014)
Das Foto aus Abbildung 5 ist auf der Rückseite handschriftlich beschriftet mit den Worten:
General Ludendorff und Frau in Bispingen vor einer uralten kleinen Kirche.
Womöglich verwechselt diese Beschriftung die hier abgebildete neugotische Backsteinkirche von Bispingen mit der urtümlichen, mittelalterlichen Feldsteinkirche ebendaselbst. Auf Wikipedia heißt es über Bispingen im Süden der Lüneburger Heide:
Zahlreiche Hügelgräber, Urnenfelder und prähistorische Funde beweisen, dass sich in diesem Raum bereits in vor- und frühgeschichtlicher Zeit Menschen ansiedelten. (…) Ein Gräberfeld in Volkwardingen enthält bronzezeitliche Hügelgräber.
Abb. 6: "General Ludendorff und Frau Dr. M. Ludendorff bei einem Besuch in der Lüneburger Heide"
[Privataufnahme]" (in: Das Wikingerschiff, 2/1938, S. 44)
Eine weitere Aufnahme von "einem Besuch in der Lüneburger Heide" ist ebenfalls undatiert und auch ohne konkretere Ortsangabe. Zu sehen sind drei Männer in Jäger- oder Försteruniform. Das Foto ist enthalten in der Ausgabe vom Februar 1938 von "Das Wikingerschiff - Monatsschrift für unsere Deutsche Jugend", die "dem Andenken des Feldherrn Ludendorff gewidmet" ist.

In Pommern (undatiert)

Abb. 7: Mathilde und Erich Ludendorff "zu Besuch beim Siedelbauern Anton Bücheler am Ulenhof in Ückerhof (Pommern)" (3)
Das Foto in Abbildung 7 ist entstanden in Ückerhof (Wiki), einem Dorf in Hinterpommern, gelegen etwa 40 km südöstlich von Stettin und etwa 15 km östlich von Pyritz, 1 km nördlich des Plönesees. 1910 zählte das Dorf knapp 100 Einwohner.

Februar 1933 in Hamburg

Abb. 8: "General Ludendorff und Frau Dr. M. Ludendorff in Hamburg am 19. 2. 1933
[E. Ziese, Wandsbek]" (in: Das Wikingerschiff, 2/1938, S. 39)
Das Foto in Abbildung 8 ist ebenfalls enthalten in "Das Wikingerschiff - Monatsschrift für unsere Deutsche Jugend" von 1938. Es ist offenbar angefertigt worden von der Verfasserin des parallelen Aufsatzes Elly Ziese aus Wandsbek bei Hamburg.
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  1. Duda, Gunther: Ein Kampf für Freiheit und Frieden. Ludendorffs Tannenbergbund 1925 – 1933. Verlag Hohe Warte GmbH, Pähl 1997
  2. Kopp, Hans: Geschichte der Ludendorff-Bewegung. Erster Band: 1925 - 1939. Verlag Hohe Warte, Pähl 1975
  3. Lichtbild von Else Scheidt. Beilage zur Monatsschrift "Deutschjugend" und "Heiho", Folge 4/1934, herausgegeben von Fritz Hugo Hoffmann, Frankfurt (Oder), gedruckt bei Karl Pfeiffer jun., Landsberg (Warthe)
  4. Das Wikingerschiff - Monatsschrift für unsere Deutsche Jugend. Druck und Verlag: "Das Wikingerschiff" (Lengerich i. Westf.) (Schriftleitung Frau Luise Raab-Goltz, Berlin-Pankow, Maximilianstraße 16), 5. Jahrgang 1938 (388 S.), Nr. 2, dem Andenken Erich Ludendorffs gewidmet
  5. Hutten, Kurt: Um Blut und Glauben - Evangelium oder völkische Religion? Steinkopf , Stuttgart 1932 (126 S.)
  6. Schnoor, Frank: Mathilde Ludendorff und das Christentum. Eine radikale völkische Position in der Zeit der Weimarer Republik und des NS-Staates. Dr. Hänsel-Hohenhausen, Egelsbach u.a. 2001

Samstag, 23. April 2016

Erich Ludendorffs militärwissenschaftliche Schriften über einen neuen Krieg (1930 bis 1937)

Ende der 1920er und in den 1930er Jahren machten sich viele Menschen auf der Nordhalbkugel Gedanken über einen neuen Weltkrieg. In vielen europäischen Staaten bündelten sich diese Gedanken zunächst in Hinblick auf das Jahr 1932, später auf das Jahr 1941. Einer der frühesten Hintergrundpolitik-Kritiker weltweit - und bis heute sicher der namhafteste - Erich Ludendorff, zugleich der bedeutendste Militär seiner Epoche, hat sehr frühzeitig in diese nur zum Teil öffentliche, zum größten Teil hinter verschlossenen Türen stattfindende Debatte eingegriffen. Und zwar  mit mehreren Veröffentlichungen. Zunächst mit seinem Buch "Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren",  das zuerst 1928 erschien und bis 1939 zahlreiche Folgeauflagen erlebte (1). Sodann mit seinem Buch "Weltkrieg droht auf Deutschem Boden" aus den Jahren 1930 und 1931 (2). Und schließlich mit seinem Buch "Der totale Krieg" aus dem Jahr 1935.

Abb. 1: Buch-Werbeblatt für Ludendorffs Schrift "Weltkrieg droht auf deutschem Boden", etwa 1930
In den Jahren 2008 und 2010 behandelte der polnische Historiker Bogdan Musial Präventivkriegspläne der Sowjetunion für das Jahr 1932 oder später (2, 3) und bestätigte dabei sehr deutlich die Sorgen, die Erich Ludendorff schon 1929/30 in seinen Aufsätzen und in seinem Buch sehr konkret geäußert hatte.

Der vorliegende Beitrag soll dazu dienen, nach und nach ein rundes Bild rund um diese Debatten nach heutigem Wissens- und Forschungsstand zu erarbeiten und dabei die Beiträge Erich Ludendorffs in diese sachgemäß einzuordnen.

Abb. 2: Werbeplakat von Hermann Rehwaldt, um 1930
So bietet es sich zum Beispiel an, einmal die Prognosen aus Ludendorffs Buch aus dem Jahr 1930 über den Verlauf eines künftigen Weltkrieges zu vergleichen mit dem tatsächlichen Verlauf zwischen 1939 und 1945. In groben Zügen hatte Erich Ludendorff diesen Verlauf schon im Jahr 1930 richtig vorausgesagt. Er hatte nämlich unter anderem ausgeführt, dass der Krieg enden würde mit einer Eroberung Osteuropas durch die Sowjetunion bis zu einer Linie, die sich von der Ostsee bis zur Adria erstrecken würde. Sodann dass er die Verwüstung ganzer Städte und Landstriche mit sich bringen würde, sowie die Umvolkung ganzer Provinzen und Landesteile. Eben: "Weltkrieg auf deutschem Boden".

Abb. 3: Werbeplakat von Lina Richter, um 1930

Franz von Papen - Kriegshetzer seit 1927

Der Katholik, das Herrenclub-Mitglied, der Reichskanzler, jungkonservative, antibolschewistische Kreuzritter, Monarchist und Steigbügelhalter Adolf Hitlers Franz von Papen (Wikip.) ist im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher 1946 in allen Punkten freigesprochen worden, unter anderem auf Fürsprache des sich in seinen Erinnerungsbüchern Satanismus-nah äußernden Hans Bernd Gisevius. Und doch war er einer derjenigen, die zwischen 1927 und 1932 den Interventionskrieg gegen Russland forderten und zu diesem Zweck Adolf Hitler an die Macht verhalfen (Wikip.):
Papen war ein enger Freund des für seine antisowjetischen Pläne bekannten Industriellen Arnold Rechberg. Am 31. Juli 1927 schrieb Papen an den Zentrumspolitiker und Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bank Hans Graf von Praschma:
„[Es] scheint mir eins das Vordringlichste der europäischen Politik: Die Beseitigung des bolschewistischen Brandherdes“.
In einem Antwortbrief vom 12. August 1927 stimmte Praschma dem ausdrücklich zu. Am 10. Juni 1932, zehn Tage nachdem Papen Reichskanzler geworden war, hielt er im Deutschen Herrenklub, dem unter anderem 100 führende Industrielle und Bankiers, 62 Großgrundbesitzer und 94 ehemalige Minister angehörten, im Beisein der Naziführer Göring, Röhm und Goebbels, eine Rede, in der er sein Projekt einer gegen die Sowjetunion gerichteten deutsch-französischen Koalition vorstellte und er rief dazu auf, dass sich alle Staaten unter der Parole „Tod dem Bolschewismus“ zusammentun sollten. In mehreren Gesprächen mit französischen Politikern unterbreitete Papen sein antisowjetisches Bündnisangebot. Seine Pläne scheiterten jedoch und die sowjetische Regierung wurde von französischer Seite über von Papens Aktivitäten informiert.
Wichtig ist, dass von Papen über diese Pläne auch mit französischen Politikern zumindest sprechen konnte.

Abb. 4: Ludendorffs Volkswarte, 10. Januar 1932

Starb Josef Pilsudski 1935 eines natürlichen Todes?

Mit diesen französischen Politikern sprachen in jener Zeit auch polnische Politiker über den bevorstehenden Ausbruch eines mitteleuropäischen Krieges (4, 5). Der polnische Staatschef  Josef Pilsudski (1867-12.5.1935) forderte ihnen gegenüber 1933 wiederholt einen Präventivkrieg gegen Deutschland (Wikip.). Zu diesem Zweck wurde 1932 ein polnisch-sowjetischer Nichtangriffspakt abgeschlossen und, nachdem die Westmächte einen Präventivkrieg ablehnten, schloss Polen mit Deutschland 1934 einen Nichtangriffspakt ab, der mit half das Naziregime in Deutschland zu stabilisieren.

Abb. 5: "Der totale Krieg" von E. Ludendorff, 1936 (OA. 1935)
Als Pilsudski im Mai 1935 starb, wurden über die Todesursachen die unterschiedlichsten Angaben in den Zeitungen gebracht. Diese hat ein Ludendorff-Anhänger, der Amtsrichter Dr. Rudolf Sand aus Bonn-Bad Godesberg, damals gesammelt und an Ludendorff gesandt. Er erhielt eine Antwort, datiert auf den 26. Mai 1935, in der Ludendorff schrieb (7):
Auch über diesen Tod herrscht Dunkel - es ist ein eigenartiger "Zufall"- wir können nur immer wieder in unseren Kreisen aufklären. Das neue Buch meiner Frau ist für alle Deutschen, namentlich auf für unsere Rechtsgestaltung wichtig - es lebe die Freiheit
Ludendorff
Dabei spielte Erich Ludendorff wohl auf das Buch "Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart und Schiller" an, dessen Neuauflage - das 40. bis 43. Tausend - am 20. Mai 1935 in der Halbmonatszeitschrift der Ludendorff-Bewegung ("Quell") angekündigt worden war. Ein halbes Jahr nach Erhalt dieser Berichte von Rudolf Sand hat Erich Ludendorff dann seine Zweifel an den offiziell genannten Todesursachen von Josef Pilsudski auch öffentlich geäußert. Und zwar schrieb er in seiner Halbmonatsschrift "Quell" vom 20. Februar 1936 (zit. n. 7):
Schon vorher waren in Polen Morde vorgekommen, die den Belangen (...) freimaurerischer Politik entsprachen, da "Deutschfreunde" die Opfer waren. Der auch für die "hohe" Politik "zur rechten Zeit" eintretende Tod Pilsudskis hat mich eigenartig berührt, nicht minder die getrennte Beisetzung von Herz, Kopf und Gebeinen Pilsudskis. Verbreitet wurde zwar, solche unerhörte Zerstückelung seines Leichnams entspräche - für mich überraschenderweise - seinen Wünschen, aber sie erinnert auch an die Schändung des Leichnams Schillers durch seine freimaurerischen Gegner. Außerdem erscheint es mir nicht ausgeschlossen - doch habe ich noch keine feststehenden Beweise dafür -, dass Pilsudski selbst Freimaurer war, der indes in seiner Politik mit Deutschland freimaurerischen Wünschen nicht mehr folgte.

Der Abbau der auf ein Zusammengehen mit Deutschland hinzielenden Politik Pilsudskis in Polen ist typisch freimaurerisch. (...) Das Kabinett wurde durch Polen ersetzt, deren Haltung gegen Deutschland eine ganz andere war, als sie Pilsudski tatsächlich (...) vertrat.
Auch in den Folgemonaten beobachtete Ludendorff in seiner Zeitschrift immer wieder sehr genau das  Ringen deutschfreundlicher mit deutschfeindlichen Kräften in der Regierungsspitze Polens (ausführlich behandelt und dokumentiert in: 7). So schreibt er dann auch am 20. November 1936 beispielsweise (zit. n. 7; Hervorh. n. i. Orig.):
Marschall Rydz-Smigly, der als Deutschenfreund nicht anzusprechen ist, erhielt den Marschallstab und erhielt damit ganz ausgesprochen die Stellung, die Marschall Pilsudski innehatte, der indessen größten Wert auf gute Beziehungen zu Deutschland legte. Mein Werk "Weltkrieg droht auf deutschem Boden" hatte günstig auf ihn eingewirkt.
Ob Ludendorff für seine Behauptung im letzten Satz konkretere Hinweise hatte als er darin äußert, ist einstweilen unbekannt. Aber bekannt ist ja heute, dass Pilsudski just in den Jahren 1932 und 1933 im Zusammenwirken mit dem französischen Generalstab sehr konkrete Präventivkriegsabsichten gegenüber Deutschland hegte. Womöglich wusste oder ahnte er auch von den gleichzeitigen Kriegsplänen Stalins (2). Warum sollte ihn da auch das Buch des vormaligen bedeutendsten Generals des Ersten Weltkrieges, der bei einem kommenden Krieg nicht nur eine Vernichtung Deutschlands, sondern auch Polens durch die Sowjettruppen voraussagte, nicht nachdenklich gemacht haben? Interessant ist jedenfalls auch folgende Angabe über Pilsudski auf Wikipedia:
Verheiratet war er in erster Ehe mit Maria Juszkiewiczówna. Da diese geschieden war, trat er vor der Eheschließung (...) zur evangelisch-lutherischen Kirche über. Während des Ersten Weltkrieges kehrte er zur römisch-katholischen Kirche zurück. Mit seiner späteren Gefährtin Aleksandra Szczerbińska hatte er zwei Töchter, Wanda und Jadwiga. Er heiratete Aleksandra erst nach dem Tod der ersten Ehefrau.
Darin könnte sich ja doch zumindest eine gewisse kritische Distanz oder doch nur geringe Gebundenheit gegenüber der römisch-katholischen Kirche und ihren (politischen) Interessen widerspiegeln. Auf welche sonstigen Morde an "Deutschenfreunden" in Polen sich Ludendorff in seinem Artikel bezog, müsste noch einmal herausgesucht werden. Gut bekannt ist ja heute jedenfalls die Ermordung des polnischen Generals Sikorski durch die Churchill-Regierung im Jahr 1943. Welche Churchill danach dann in einer typischen zynischen Gaunersprache auch mit Roosevelt besprechen sollte. Und zwar weil sich Sikorski den Nachkriegsplänen der "demokratischen" Westmächte, nämlich der Sowjetisierung Europas bis an die Elbe, in den Weg gestellt hatte, unter anderem, indem er beharrlich auf die Täterschaft der Sowjetregierung an den Morden von Katyn hinwies. (Welche Verruchtheit der Westmächte übrigens aus diesen Vorgängen zu schließen ist, ist im Grunde gar nicht mit Worten zu kennzeichnen.) Und auch hinsichtlich des Flugzeugabsturzes in Smolensk im Jahr 2010, bei dem der polnische Staatspräsident Lech Kaczyński und zahlreiche andere ums Leben gekommen sind, wird ja von vielen Seiten ein politisches Attentat angenommen.

Abb. 6: "Der totale Krieg" von Erich Ludendorff, 1937 (OA. 1935)
Wie sehr auch die sowjetische Regierung und der Marschall Tuchatschewski in jenen Jahren mit dem Ausbruch eines großen europäischen Krieges rechneten, geht aus den Veröffentlichungen des Historikers Bogdan Musial hervor (4, 5). Der ukrainische Hungerholocaust der Jahre 1931/32 wurde vor allem deshalb ausgelöst, weil die Sowjetunion geradezu fieberhaft aufrüstete und zu diesem Zweck Devisen brauchte, die sie sich durch Getreideverkäufe im Ausland besorgte.

Abb. 7: "Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren" von E. Ludendorff, 1937 (OA. 1928)
Erich Ludendorff durchschaute die Kungeleien der politischen Gruppierungen um Franz von Papen und Adolf Hitler sehr früh und warnte deshalb seit 1929 vor dem Ausbruch eines neuen großen europäischen Krieges (2). Er schrieb (2, S. 7):
Die Machtsysteme lassen das Gewitter eines neuen Weltkrieges sich über der Erde zusammenballen. Die erzählende Kriegsliteratur über den letzten Weltkrieg und über den kommenden Weltkrieg nimmt bereits seit einigen Jahren an Umfang zu. "Sybillen" treten, wie vor 1914, auf, um ihn zu "prophezeien". Überall, an den Börsen sowohl wie in den ärmsten Hütten, wird mit erschreckender Wahrscheinlichkeit von dem kommenden Weltkrieg gesprochen. Die Militärmächte treffen ihre Vorbereitungen. Regierungen und Volksvertretungen erhalten die passende Zusammensetzung.
Nach den Reichstagswahlen vom September 1930 setzte er an dieser Stelle als Anmerkung hinzu:
Vor dem Weltkriege erhielt der Deutsche Reichstag durch die Wahl von 110 Sozialdemokraten die Zusammensetzung, die für die Sabotierung des Sieges des Deutschen Heeres besonders günstig war. Heute senden die überstaatlichen Mächte in Ausnutzung des Deutschen Freiheitsdranges Nationalsozialisten in großer Zahl in den Reichstag, um das Hereinführen Deutschlands in den Krieg zu ermöglichen.
Eine wohl wahrlich seherische Aussage. Und weiter im Haupttext:
Die Deutsche Presse aller Richtungen bringt fortgesetzt Nachrichten über Kriegsvorbereitungen und Kriegshetze. Sie ergänzen mir die Mitteilungen, die ich hierüber unmittelbar erhalte.
Abb. 8: "Der totale Krieg" von E. Ludendorff auf Griechisch, 1938
Dass zu diesen überstaatlichen Mächten, die die NSDAP vom Ausland aus finanzierten, unter anderem die großen Bankhäuser der Wallstreet gehörten, ist schon früh vermutet worden (8-11). Frankreich sollte durch den Aufstieg der Hitler-Bewegung in Deutschland veranlasst werden, sich den Plänen der Wallstreet gefügiger zu zeigen, wie schon in einem Buch im Jahr 1933 geschrieben wurde, das vom Verlag bald zurückgezogen wurde und nur in wenigen Exemplaren zur Auslieferung gekommen war (10):
Im Tausch dafür sollte dann Frankreich für den Fall eines deutschen Angriffs amerikanischen und englische Unterstützung zugesagt werden.
Bis heute jedoch sind jene, die Deutschland schon seit 1930 mit Hilfe der Hitler-Bewegung in einen neuen Weltkrieg stürzen wollten, darunter die Kreise rund um den jungkonservativen Franz von Papen, nicht als die eigentlich Schuldigen am Zweiten Weltkrieg in den Vordergrund gestellt worden. Vielmehr wurde ein Franz von Papen in Nürnberg freigesprochen. Vielmehr wurde die gesamte Schuld am Zweiten Weltkrieg "dem deutschen Volk" aufgelastet  - ein Vorgehen, das der heute gängigen Definition von "Rassismus" entspricht. Und es wurden nur nationalsozialistische "Vordergrund-Politiker", Symbol-Figuren in Nürnberg verurteilt. Ein so wichtiger Hintergrundpolitiker wie Werner Best konnte lebenslang in Deutschland leben, ohne verurteilt zu werden.

Abb. 9: "Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren" von E. Ludendorff, 1939 (OA 1928)
Diese Helfer Hitlers, die wenig oder nie verurteilt worden sind bis heute, ja, die den Blicken der Öffentlichkeit sogar bis heute zumeist sorgsam entzogen geblieben sind, weil sie nach 1945 ebenso fröhlich weiter politisch aktiv gewesen sind wie bis 1945, müssen von einer alternativen Öffentlichkeit und Geschichtsschreibung noch viel deutlicher herausgehoben werden, als das bis heute geschehen ist. Als gutes Beispiel kann dienen Ernst Achenbach, der 1933 bei den deutschen Industriellen Spenden für die NSDAP sammelte, in den 1950er Jahren bei den deutschen Industriellen Spenden für die FDP sammelte, und der den Bundespräsidenten Walter Scheel begleitete zum Abschluss der Ostverträge 1970. Was für eine politische Karriere.

In diesen ganzen Zusammenhang ist dann auch das das Buch Erich Ludendorffs "Der totale Krieg" einzuordnen. Von der Geschichtswissenschaft wird dieses Buch heute zumeist noch ganz isoliert gesehen und nicht in das Gesamtwirken Erich Ludendorffs eingeordnet. Von daher werden heute in der Geschichtswissenschaft ganz lächerliche These über Erich Ludendorff vertreten. In einer Ebay-Anzeige vom April 2016 wird über dieses Buch ausgeführt (von Anbieter "shrimp-box", eBay-Mitglied seit 24. Sep. 2000):
Verkaufe antiken Klassiker: 1. Auflage von "Der totale Krieg" von General Ludendorff von 1936 Theorie und Praxis 1943-1945. General Ludendorff ist als Held von Lüttich und als maßgeblicher Kopf der erfolgreichen Tannenberg- und Masurenschlacht im Jahre 1914 unzertrennlich mit der deutschen Militärgeschichte verbunden. Dem Nachdruck dieser Ludendorffschen Schrift aus dem Jahre 1935 sind im Anhang Dokumente aus den Jahren 1943 bis 1945 beigegeben, welche die tatsächliche, vom Verfasser prophezeite Metamorphose des Krieges illustrieren: Sie verdeutlichen, wie in der entscheidenden Phase des Zweiten Weltkrieges auf deutscher Seite Ludendorffs Diktum vom Totalen Krieg als dem kürzesten Krieg beschworen wurde. Nach der angelsächsischen Doktrin, den bewaffneten Kampf nicht nur gegen die feindliche Streitmacht, sondern auch gegen den feindlichen Staatsbürger zu führen, blieb es allerdings in der Folge der sich überstürzenden Ereignisse den US-Amerikanern überlassen, diese These in bis heute gültiger Art zu belegen: Mit den singulären US-Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im August 1945 wurde der Krieg auf eine Stufe der Totalität gehoben, die selbst heute, nach fast 70 Jahren, unübertroffen ist.
Wenn man davon absieht, dass eine man dieses Zitat auch als eine Rechtfertigung von Goebbels'schem Maulheldentum lesen könnte, lesen sich diese Worte ansonsten sehr informiert. Es wäre sicherlich nicht uninteressant, den Anhang des hier erwähnten Nachdrucks einmal durchzusehen. Natürlich wäre das Buch "Der totale Krieg" im vorliegenden Beitrag noch viel umfangreicher zu erörtern und einzuordnen, als es allein durch dieses Zitat möglich ist.
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  1. Ludendorff, Erich: Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren im Dienste des "allmächtigen Baumeisters aller Welten". Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse, Teil II. Selbstverlag (Fortschrittliche Buchhandlung) München 1928 (174 S.); Ludendorffs Volkswarte Verlag, München 1930 (51. - 60. Tsd., 160 S.); Ludendorffs Verlag, München 1931 (61. - 70. Tsd., 172 S.); 1934; Erg. u. neu bearb. 1935 (76.-80. Tsd., 188 S.); Ergänzt u. neu bearb.. 1936 (81.-85 Tsd., 191 S.); Erg. u. neubearb. vom Verf. 1939 (91. - 93. Tsd., 228 S.); 1940 (94. - 96 Tsd., 228 S.); Faksimile der im 76. - 80. Tsd. erschienenen Ausgabe. Archiv-Edition, Viöl/Nordfriesland 1999
  2. Ludendorff, Erich: Weltkrieg droht auf Deutschem Boden. Ludendorffs Volkswarte Verlag München 1930 (93 S.) (51.-80. Tsd., 101.-150. Tsd.); 1931 (151.-200. Tsd., 201.-250. Tsd.); Faksimile-Verlag, Bremen 1985 (93 S.) (Unveränderter Nachdruck der Ausgabe München, Ludendorffs Volkswarte-Verlag, 1931); Archiv Edition, Verl. für Ganzheitliche Forschung, Viöl 2004 (Faksimile der 1930 im 51. bis 80. Tausend im L. Volkswarte-V. erschienenen Aus. 93 S.)
  3. Ludendorff, Erich: Der totale Krieg. Ludendorffs Verlag, München 1935 (130 S.)
  4. Musial, Bogdan: Kampfplatz Deutschland. Stalins Kriegspläne gegen den Westen. Propyläen, Berlin 2008
  5. Musial, Bogdan: Stalins Beutezug. Die Plünderung Deutschlands und der Aufstieg der Sowjetunion zur Weltmacht. Berlin 2010
  6. Neue Archivfunde belegen: Polen plante 1932 Krieg gegen Deutschland. In: Junge Freiheit, 04/2007, zit. n.: Politik.de, 26.1.2007
  7. Werner, Walther (Pseudonym?): Erich Ludendorff über die polnisch-deutschen Beziehungen 1936/37. In: MuM, 9.4.1979, S. 289-294 [zitiert einen Brief Ludendorffs an Rudolf Sand aus dem Jahr 1935]
  8. Carmin, E.R.: Das schwarze Reich. Geheimgesellschaften. Templerorden, Thule-Gesellschaft, Das Dritte Reich, CIA. Nikol Verlagsgesellschaft, Hamburg 2002 (zuerst 1997)
  9. Bading, Ingo: Die Wallstreet kaufte Hitler - Allen Dulles, der CIA und seine Verbindungsleute in Deutschland erledigten alles weitere. GA-j!, 25.12.2010
  10. Warburg, Sidney: De geldbronnen van het National-Socialisme. Drie gesprekken met Hitler. Vertaald door J.G. Schoup. Amsterdam 1933; zit. nach Carmin (siehe 6.), S. 223f
  11. Deschner, Karlheinz: Der Moloch. „Sprecht sanft und tragt immer einen Knüppel bei euch!“ Zur Amerikanisierung der Welt. Weitbrecht, Stuttgart 1992

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