Dienstag, 11. Juli 2017

"Wir verlebten schöne Stunden in diesem Hause"

Das Ehepaar Ludendorff in Wildberg im Schwarzwald im Jahr 1929

Daß das Ehepaar Ludendorff vor allem bis 1933 viele Vortragsreisen durch ganz Deutschland unternommen hat, darüber ist schon in einem Artikel im letzten Jahr hier auf dem Blog hingewiesen worden (1). Mathilde Ludendorff setzte diese Vortragsreisen übrigens noch bis 1942 oder 1943 fort. Der folgende Artikel soll einiges wenige über eine solche Vortragsreise aus dem Januar 1929 berichten, und zwar insbesondere angeregt durch die freundliche Zusendung eines Bloglesers (siehe Abbildung 2).

Über die Vortragsreisen im Januar und Februar des Jahres 1929, die vom damaligen Tannenbergbund organisiert worden waren, schreibt Mathilde Ludendorff in ihren Lebenserinnerungen (6. Band, S. 17f):
Ernste Sorge stieg auf, als ich sah, wie Herr Ahlemann diese Vortragsreise zusammengestellt und angesetzt hatte. Sie mußte zu Überanstrengung führen, die - verbunden mit den Reisestrapazen des Winters - weder meinem Mann noch mir hätte zugemutet werden dürfen. Da die meisten Säle überdies zu klein waren, um die Menschen zu fassen, sollten Nachversammlungen und Führerbesprechungen folgen. Harmlos scheint also, im Vergleich zu den tatsächlichen Anstrengungen, die Ankündigung dieser Reisen in der Zeitung.
Sie schreibt, daß sie ihren Mann von dieser Vortragsreise auch angesichts der "sibirischen Kälte" dieser Wochen mit eindringlichem Zureden abhalten wollte, daß ihr das aber nicht gelang. Erich Ludendorff schreibt nun in seinen Lebenserinnerungen zunächst über eine vorangegangene Vortragsreise Ende November, Anfang Dezember 1928 (Bd. II, S. 203):
Ich sprach über "Kriegshetze und Völkermorden" und meine Frau über den "Kampf um die deutsche Seele". In meinem Vortrag ging ich auf die von mir bereits vorstehend skizzierten neuen Pläne der Jesuiten und Freimaurer gegen Sowjetrußland ein, wies aber auch auf die Bedeutung arteigener Glaubensgestaltung im Rahmen meiner Kampfziele hin. Meine Frau zeigte weiter deren Notwendigkeit.
Er setzt dann fort (II, S. 207):
Kaum war das Fest vorbei, als wir die Vortragsreise fortsetzten. Wir sprachen über die gleichen Themen wir vor dem Feste. (...) Die Reise war bei sehr starker Kälte (...) eine gewaltige Anstrengung. (...) Von Tübingen aus besuchten wir zwischen dem Vortrage daselbst und in Heilbronn Forstmeister Vögele in Wildberg im Schwarzwald. Bauern hatten von meiner Anwesenheit gehört und kamen nun in ihrer Not zu mir. Nun, ich sprach mit ihnen; Jungbauern waren auch in Heilbronn aus der weiten Umgebung zusammengekommen.
Abb. 1: Wildberg im Schwarzwald (Historische Postkarte)

Die Vortragsdaten und -orte sind in der Verbandszeitung des Tannenbergbundes "Deutsche Wochenschau" angekündigt worden (diese Daten werden richtiger sein als jene, die in den Lebenserinnerungen beider Ludendorffs stehen) (Dt. Wochenschau, 6. und 13.1.1929):
Unser Schirmherr und seine Gemahlin werden im Hartung 1929 in Württemberg folgende Vorträge halten: Am 13. Hartung in Tübingen, Museumssaal. Am 15. Hartung in Heilbronn, Harmoniesaal. Am 16. Hartung in Ulm a. Donau, Saalbau, je abends 8 Uhr. 
In der "Deutschen Wochenschau" erschien in der Ausgabe vom 3. Februar 1929 ein Bericht - "Ludendorff und Frau Ludendorff in Heilbronn und Ulm" - aus dem man einen gewissen Eindruck von dieser Reise erhält. In ihm heißt es zunächst über die Vorträge in Heilbronn (2):
Lange vor Beginn der Versammlung war der Gartensaal der Harmonie in Heilbronn gedrückt voll. (...) Die Versammlungsteilnehmer kamen aus allen politischen Parteien und Verbänden und ganz besonders fiel die große Anzahl der Jungbauern auf. Es mögen 400 gewesen sein. (...) Die Versammlung verlief ruhig und würdig. Nach dem Vortrag konnten dem Schirmherrn und seiner Gemahlin die Führer der Jungbauern vorgestellt werden. (...) Die Vortragsreise in Württemberg endete am 16. 1. in Ulm. (...) Die Polizei verhinderte "aus Sicherheitsgründen" die Ausgabe von mehr als 1500 Karten (Fassungsvermögen 2000). (...) Jeder fühlte, da oben steht der Mann, in dessen Kopf die gewaltigen Schlachtenpläne des Weltkrieges reiften. (...) Der anschließende Vortrag seiner Gemahlin (...) begeisterte Männer und Frauen in gleichem Maße und man bedauerte, daß man ihren Worten nicht noch länger lauschen durfte.
Es ist dann noch von einer Nachversammlung im Hotel die Rede, zu der Mitglieder des Tannenbergbundes aus ganz Südwestdeutschland gekommen waren (2):
Nach Mitternacht fuhren die Exzellenzen mit ihren liebenswürdigen Wirten (Th. Maier) nach Geislingen zurück.

Bei Forstmeister Voegele in Wildberg im Schwarzwald


Wir erhalten nun von einem Enkelsohn des oben in den Erinnerungen von Erich Ludendorff genannten Forstmeisters Voegele (von Dieter T. Schall aus Kempten) freundlicherweise den Gästebucheintrag Erich und Mathilde Ludendorffs, der aus dem Anlaß ihres Besuches bei ihm entstanden ist (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Gästebucheintrag für Familie Voegele vom 14. und 15. Januar 1929

Tatsächlich paßt das Datum des Gästebucheintrages auch zu den Daten der Vortragsankündigung in der Wochenzeitung (nicht aber zu den Daten, die beide Ludendorffs in ihren Lebenserinnerungen angeben). In Tübingen fand der Vortrag am 13. Januar statt. Von dort fuhr das Ehepaar Ludendorff weiter nach Wildberg im Schwarzwald, von dort am 15. nach Heilbronn und von dort am 16. nach Geislingen an der Steige, bzw. nach Ulm.

Der Enkelsohn berichtet, daß sein Großvater, der Forstmeister Guido Voegele (1896-1974) und seine Frau Agnes, damals mit einer achtjährigen Tochter und einem Sohn in Wildberg im Schwarzwald wohnten. Der Großvater wurde aus gesundheitlichen Gründen früh "außer Dienst" gestellt ("a.D.") und zog dann mit der Familie in jene Dautenmühle bei Biberach an der Riß (sie ist heute Kulturdenkmal [Wiki]), in der auch noch der Enkelsohn aufgewachsen ist. (Agnes Voegele stammte ursprünglich von Schloß Bontenbroich in Jüchen - zwischen Aachen und Düsseldorf, PLZ 41163.) Die Gästebucheinträge lauten jedenfalls:
Das Ringen gilt Arterhaltung, Freiheit und Wohlfahrt!
Wir verlebten schöne Stunden in diesem Hause und wissen, daß in ihm Kampfgenossen leben.
14. u. 15.1.29. Ludendorff
"Von der Achsel Dir schiebe
Was übel Dir scheint
Und richte Dich selbst
Nach Dir selber."
                                 Edda
Mathilde Ludendorff
Der Enkelsohn berichtet nun weiterhin (Emails vom 9., 10., 12.7.17, Telefonat vom 11.7.17) über die Dautenmühle, daß
die Ludendorffs mit meinen Großeltern befreundet waren und in der Vergangenheit mein elterlicher Hof auch Material des Ehepaares Ludendorff beherbergt hatte. (...) Erich Ludendorff hatte auch viele seiner "Wissensdokumente" im Zeitraum der "Beschattung von Adolf" auf unserem Hof deponiert - leider entsorgten wir das Meiste. (...) Mein Großvater Guido war politisch sehr kundig.
Außer dem Gästebucheintrag schickt uns der Enkelsohn auch Abbildungen von fünf Bildern mit Hinterglasmalerei. Er schreibt dazu:
Die nachfolgend gezeigten, hochwertigen Hinterglasmalerei-Bilder zeigen verschiedene Motive aus dem Alten Testament. Es handelt sich laut der Staatsgalerie um eine wertvolle, zusammenhängende Serie. Nach dem weitergegebenen Wissen stehen sie in Verbindung mit der Zarenfamilie. Herr Ludendorff hatte diese Bilder mit einem Jagdsäbel aus der Verbindung zu dem Zaren Nikolaus II.. Meine Großeltern waren eng mit dem Ehepaar Mathilde und Erich Ludendorff befreundet. Als General Ludendorff zunehmend von Adolf Hitler „kontrolliert“ wurde, vermachte Herr Ludendorff die Bilder meinen Großeltern. (...) Ein Kunsthistoriker hat mich gebeten, die Bilder unbedingt geschützt in einem Museum aufzubewahren. 
Die fünf gerahmten Hinterglas-Gemälde - wohl am ehesten einem etwas süßlichen Stil des Biedermeier zuzuordnen - behandeln Themen aus dem Alten Testament (1. Samson hat die Philister mit einem Eselskinnbacken erschlagen, 2. Die Rückkehr mit der großen Traube aus Kanaan, 3. David und Bathseba, 4. Prophet und König, 5. Sodom und Gomorrha).

Wie Erich Ludendorff in den Besitz dieser Hinterglasmalereien gelangt sein könnte, ist vorderhand gar nicht zu sagen, eben so wenig, warum er diese Gemälde gerade dem Forstmeister Voegele vermachte und was das mit der Gegnerschaft des Ehepaares Ludendorff gegen die Naziherrschaft und den (hier auf dem Blog schon erörterten) Mordplänen Adolf Hitlers gegen das Ehepaar Ludendorff im Sommer 1937 zu tun gehabt haben könnte, bzw. mit den Nazi-Plänen zum "Überschlucken" der Ludendorff-Bewegung seit 1933. Daß Erich und Mathilde Ludendorff in jener Zeit Material an verschiedenen Orten hinterlegten für den Fall, daß gegen sie selbst oder die Ludendorff-Bewegung allgemein vorgegangen würde, ist auch sonst mehrfach bezeugt. Es bestand damals eine enge Zusammenarbeit und ein enger Zusammenhalt mit vielen "Mitkämpfern" im ganzen damaligen Deutschen Reich.

Vielleicht hatte Erich Ludendorff diese Bilder auf irgendwelchen Wegen als Geschenk erhalten. Vielleicht stammen sie aus herrenlos gewordenem Kulturgut irgendwo in Russisch-Polen, in den baltischen Ländern oder 1918 in der Ukraine, also aus jenen Gegenden, die von den deutschen Truppen unter dem Befehl Erich Ludendorffs zwischen 1914 und 1918 im Osten erobert worden sind. Im Jahr 1918 und danach sind ja insbesondere durch die russischen Revolutionäre solche Kulturgüter umfangreich geraubt und an das Ausland verkauft worden. Es würde sich hier aber - unseres Wissens - um den ersten Fall handeln, daß sich im persönlichen Besitz von Erich Ludendorff irgend etwas befunden hat, das in irgendeiner Weise als "Kriegsbeute" bezeichnet werden könnte. Also hier muß das meiste einstweilen völlig offen bleiben.

Ein Sohn  des Ehepaares Voegele ist im Zweiten Weltkrieg als Soldat gefallen. Vielleicht kann dieser Blogartikel gegebenenfalls noch ergänzt werden, wenn uns weitere Materialien, etwa Fotografien aus Familienalben oder anderes zur Verfügung gestellt wird.

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  1. Bading, Ingo: "Sie war eine glänzende Rednerin" Erich und Mathilde Ludendorff auf Vortragsreisen (1930 bis 1933). Auf: Studiengruppe Naturalismus, 24. April 2016, http://studiengruppe.blogspot.de/2016/04/erich-und-mathilde-ludendorff-auf.html
  2. o.N.: Ludendorff und Frau Ludendorff in Heilbronn und Ulm. In: Deutsche Wochenschau, 3.2.1929 

Ein kleiner Ausschnitt aus Erörterungen rund um naturwissenschaftliche Fragen in der Ludendorff-Bewegung der Jahre 1956 und 1957

Naturwissenschaftliche Fehlurteile von Mathilde Ludendorff werden richtig gestellt

Ab dem Jahr 1955 ist eine deutliche Intensivierung der geistigen Auseinandersetzungen innerhalb der Ludendorff-Bewegung zu verzeichnen*). Im Jahr 1955 erschien das schon seit Sommer 1942 ausgelieferte Buch "Siegeszug der Physik - Ein Triumph der Gotterkenntnis meiner Werke" mit einem neuen Anhang. Auch erfuhr damals die öffentliche Erörterung und Kritik rund um die friedliche Nutzung von Atomkernspalt-Energie eine Intensivierung. Die Ludendorff-Bewegung und vor allem Mathilde Ludendorff selbst gehörten damals zur ersten Generation der Atomkraft-Gegner und zu Befürwortern alternativer Energien. 

In diesen Zusammenhängen wurden auch vielfältig Fragen im Übergangsfeld von moderner Physik und Philosophie erörtert. Junge begabte Menschen, die damals Physik studierten, beteiligten sich an diesen Erörterungen. Im folgenden soll nun nur ein kleiner, erster Ausschnitt aus diesen Auseinandersetzungen gegeben werden.

Der Atomphysiker W. Rauscher über die Relativitätstheorie (März 1956)


So erschien in der Zeitschrift der damaligen Ludendorff-Bewegung mit dem Titel „Quell“, und zwar in den Folgen vom 9. und 23. März 1956 ein zweiteiliger Aufsatz des Atomphysikers Dr. W. Rauscher1. Er behandelte das Verhältnis zwischen der Relativitätstheorie von Albert Einstein und der Philosophie von Mathilde Ludendorff2. Mathilde Ludendorff begrüßte die Mitwirkung Rauschers, während der damalige Aachener Physik-Student Gerold Adam (1933-1996) (Wiki) zu einer ganz gegenteiligen Beurteilung kam. Hinsichtlich dieser Fragen sollte er dann einen Brief an Mathilde Ludendorff schreiben (der im Anhang dieses Beitrages wiedergegeben wird). Dem Aufsatz von Rauscher ist zu entnehmen, daß W. Rauscher damals in Verbindung stand mit dem Hamburger Theoretischen Physiker Pascual Jordan (1902-1980) (Wiki), einem der Mitbegründer der Quantenphysik. Jordan war unter anderem von Albert Einstein zum Nobelpreis vorgeschlagen worden, welcher ihm aber nicht zugesprochen worden ist, weil Jordan 1933 Mitglied der NSDAP geworden war. Jordan sollte sich auch nach dem Jahr 1956 noch deutlicher - als vielleicht bis 1956 sichtbar - als ein solcher streng rechtskonservativer Christ positionieren, als der er 1933 auch in die NSDAP eingetreten sein wird3.

Wie W. Rauscher in Verbindung mit diesem streng rechtskonservativen Christen gekommen ist, sagt er in seinem Aufsatz nicht. Der Aufsatz von W. Rauscher war erschienen in Vorbereitung auf die zweite sogenannte "Hochschultagung für Gotterkenntnis", die zu Ostern 1956 in Tutzing stattfand. Diese "Hochschule für Gotterkenntnis" war auf ausdrückliches Betreiben von Mathilde Ludendorff selbst ein Jahr zuvor begründet worden (s. Abb.). Mathilde Ludendorff bestimmte auch die Inhalte der jährlichen Tagungen derselben in den Folgejahren. Auf der zweiten "Hochschultagung" im Jahr 1956 hielt W. Rauscher nun - in Abstimmung mit Mathilde Ludendorff - einen zweiteiligen Vortrag.

Abb.: Vorträge der ersten
"Hochschultagung für Gotterkenntnis"
zu Ostern 1955

Auf der zweiten Hochschultagung für Gotterkenntnis (April 1956)


Der genannte Physik-Student Gerold Adam war unter den Zuhörern dieser Tagung. Die Inhalte dieser Tagung können sowohl dem Bericht über diese 2. Hochschultagung entnommen werden, der im „Quell“ vom 23. April 1955 erschienen ist4, als auch dem schon genannten nachfolgenden persönlichen Brief von Gerold Adam an Mathilde Ludendorff (siehe Anhang). In ihrer Eröffnungsansprache hatte Mathilde Ludendorff der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die Forschungen eines Viktor Schauberger (1885-1958)5 eine Energieform zutage bringen würden, die eine Alternative zur Atomenergie darstellen könnte. In einem Aufsatz6 sollte Gerold Adam wenig später darauf hinweisen, daß man es hier mit Scharlatanerie und obskurer Pseudowissenschaft zu tun habe. Mathilde Ludendorff kam dementsprechend später auch nicht mehr auf diesen Namen zu sprechen. Weiter sagte Mathilde Ludendorff dann:
Am zweiten Morgen wird der Atomphysiker Rauscher den ersten Teil, am dritten Abend den zweiten Teil seines Vortrages halten, indem er Ihnen zeigt, daß die jüngsten Forschungen der Atomphysik ganz ungewollt und ohne Kenntnis meiner Werke die Worte der „Schöpfungsgeschichte“ auf das wunderbarste bestätigen, wenn sie den Übergang aus der Vorerscheinung, dem Äther, in diese Erscheinungswelt und die Einordnung der Erscheinung in die drei Formen Raum, Zeit und Ursächlichkeit als eine fließende bezeichnet hat.
Es wurde auch die Veröffentlichung aller gehaltenen Vorträge angekündigt. Zu dieser Veröffentlichung kam es dann auch, allerdings kam dabei der Vortrag des Atomphysikers Rauscher - soweit übersehbar - dann doch nicht zur Veröffentlichung. Der Grund dafür wird sicher nicht zuletzt auch in dem genannten persönlichen Brief von Gerold Adam an Mathilde Ludendorff gelegen haben.

Ein Physik-Student schreibt an Mathilde Ludendorff (Juni 1956)


Am 24. Juni 1956 schrieb der damals 23-jährige Physikstudent Gerold Adam von Aachen aus einen dreiseitigen Brief an Mathilde Ludendorff, in dem er scharfe Kritik übte an den „Quell“-Aufsätzen von Dr. Rauscher, mehr aber noch an den Vorträgen desselben auf der Hochschultagung in Tutzing (siehe Anhang).

Die Äußerungen von Mathilde Ludendorff auf der dritten Hochschultagung im Folgejahr, sowie ihre künftige Nichterwähnung Viktor Schaubergers deuten daraufhin, daß sie diesen Brief mit Zustimmung gelesen haben wird. Um so verwunderlicher muß es erscheinen, daß sie dann - offenbar - nicht Gerold Adam selbst aufgefordert hat, über Übereinstimmungen zwischen Philosophie und moderner Physik auf einer folgenden Hochschultagung zu sprechen. Auch muß verwunderlich erscheinen, daß sie, wie Gerold Adam an anderer Stelle später angegeben hat, ihm nur durch ihren Mitarbeiter Edmund Reinhard eine „nichtssagende Antwort“ auf seinen Brief hat zugehen lassen. Aus dem Nachhinein möchte es einem richtiger erscheinen, wenn sie auf so schwerwiegende Einwände gegen ihre eigenen Urteile auch selbst geantwortet hätte und das ausführlichere Gespräch mit Gerold Adam gesucht hätte. Eigentlich hätte man doch auch erwarten können, daß sie öffentlich etwas richtig stellt, was sie augenscheinlich nicht mehr für empfehlenswert halten konnte (nämlich Rauschers Ausführungen und Schaubergers „Erfindung“). Aber diese Beobachtung muß auch nicht gar so hoch gehängt werden. Gerold Adam schrieb übrigens auch:
Die Vorträge von Herrn Knake, die sich ja auch mit den Beziehungen zwischen Philosophie und Physik befaßten, haben mir gut gefallen. Sie waren sachlich einwandfrei.
Das bezog sich auf den Autor Wilhelm Knake (1900-1979), über dessen Leben hier auf dem Blog schon ein Beitrag erschienen ist (7).

Mathilde Ludendorff nimmt noch einmal Stellung (April 1957)


Auf der dritten Hochschultagung für Gotterkenntnis kam Mathilde Ludendorff am 19. April 1957 in ihrem Vortrag noch einmal in der folgenden Weise auf die Themen des Vorjahres zu sprechen (Quell 10/57, S. 446-453):
Nach unseren Erfahrungen der beiden ersten Tagungen werden wir diesmal - und auch in Zukunft - deshalb von Diskussionen über die Vorträge absehen, weil dann das Absinken von dem Wesentlichen sich nicht vermeiden läßt.
Als im letzten Jahre Herr Rauscher in einem Vortrage zeigte, wie weitgehend jüngste Forschungen der Atomphysik mein Werk „Schöpfungsgeschichte“ insofern bestätigen, als ich darin bei dem Werden der Schöpfung von einem fließenden Eingehen Gottes in die Vorerscheinung, den Äther, und dann in die Formen der Erscheinung spreche, war damit für uns Wichtiges gegeben. Da aber die Fachwissenschaftler feststellen mußten, daß die Beweisführung in diesem Vortrage keineswegs die Wortgestaltung wählte, wie die Fachwissenschaft sie als exakt erklärt hat, wurde bei den Diskussionen über den Vortrag das eben genannte Wesentliche fast vergessen, oder zumindest auch für erschüttert gehalten. Mein Wunsch, schon auf dieser Tagung diese Frage, inwiefern die Atomphysik das fließende Eingehen in die Formen der Erscheinung heute bestätigt, von einem Atomphysiker heute behandeln zu lassen, der auch die Wortgestaltung fachwissenschaftlich exakt wählt, ist mir nicht gelungen. Hoffentlich wird dies aber auf der nächsten Hochschultagung doch wohl möglich sein.
Ob sie an Gerold Adam eine solche Bitte herangetragen hat, ist einstweilen nicht bekannt. Vielleicht hat sie Gerold Adam dafür noch als zu jung erachtet. Er war damals erst 24 Jahre alt. Allerdings hatte Edmund Reinhard im Vorjahr schon die Urteilsfähigkeit von Gerold Adam dadurch anerkannt, daß er Ausführungen seinerseits zu Fragen im Übergangsfeld zwischen Naturwissenschaft und Philosophie anerkennend zitierte (8). Auch hatte Mathilde Ludendorff physikalische Korrekturen von Gerold Adam im Vorjahr dem Anhang ihres Buches "Siegeszug der Physik" eingefügt.

Auch aus sonstigen damaligen Veröffentlichungen von Gerold Adam geht hervor, daß er sich in jener Zeit ebenso wie später durchaus in manchen Einzelheiten als Naturwissenschaftler behutsam kritisch über die eine oder andere Aussage von Mathilde Ludendorff äußern konnte. Ansonsten ging es ihm aber damals wie auch später noch vor allem darum, auf die vielfältigen Übereinstimmungen zwischen moderner Naturwissenschaft und der Philosophie von Mathilde Ludendorff hinzuweisen, bzw. darauf, daß sich die naturwissenschaftliche und die philosophische Aussage zu einem Gesamtbild gegenseitig ergänzen. 

Anhang


Der Brief Gerold Adams an Mathilde Ludenorff aus Aachen vom 24. Juni 1956 (das darin erwähnte mitgeschickte Manuskript liegt uns leider - noch - nicht vor):
Sehr verehrte Frau Dr. Ludendorff!
Trotzdem die Tagung der Hochschule für Gotterkenntnis schon einige Zeit zurückliegt, möchte ich Ihnen heute in einer Angelegenheit schreiben, zu deren Klärung in den Tagen in Tutzing keine Gelegenheit war.
Ich habe ernste Bedenken zu den Vorträgen, die von Herrn Dr. Rauscher im Rahmen der Hochschule gehalten wurden, sowie zu den Abhandlungen im Quell, Folge 5 und 6.
Es erscheint mir unmöglich, die Synthese zwischen naturwissenschaftlicher und philosophischer Erkenntnis in einer Vermischung der beiden Erkenntnisweisen bei der naturwissenschaftlichen Beschreibung der dem Äther nahestehenden Stufen der Erscheinung sehen zu wollen. Es ist wohl richtiger in den Fällen, wo dies naheliegen könnte, die Grenzen der kategorialen Beschreibung, also der Vernunfterkenntnis, festzustellen.
Wenn ich in meinen beigefügten Ausführungen der Tendenz bei Dr. Rauscher, die naturwissenschaftliche Erkenntnis mit der philosophischen zusammenfließend fortschreiten zu sehen, einige Bedenken entgegenstelle, so ist leider eng damit verknüpft, auf eine Anzahl unrichtiger Wiedergaben physikalischer Ergebnisse einzugehen. Da einerseits das Ausmaß der physikalischen Irrtümer beträchtlich ist und wir andererseits gerade in unserer Hochschule an die sachliche Unantastbarkeit und Wahrhaftigkeit besonders strenge Maßstäbe anlegen müssen, erscheint mir das Eingehen auf die sachlichen Fragen wichtiger, als es vielleicht aus meinen beigefügten Ausführungen hervorgeht. Aber leider habe ich mir während der Vorträge nur ganz wenige Aufzeichnungen machen können, sodaß ich in der unangenehmen Lage bin, mich auf nur sehr wenig Gedankengänge der Vorträge beziehen zu können, die ich nicht einmal wörtlich habe. Doch war ich nach den Vorträgen von Dr. Rauscher erschüttert von dem gebotenen Wust an Irrtum und Irreführung, vor allem auf physikalischem Gebiet, daß ich mich verpflichtet fühle, meine Bedenken zu äußern.
Ich glaube, daß es dem Sinne unserer Hochschule entgegensteht, die Gotterkenntnis durch Verbindung mit unrichtigen Anschauungen über physikalische Erscheinungen angreifbar zu machen. Genau das wird aber bewirkt, wenn man diese Anschauungen eine Ableitung eines Naturbildes aus „Schöpfungsgeschichte“ (1. Vortrag) oder „Ludendorffsche Physik“ (2. Vortrag) nennt. Neben der Verantwortung gegenüber der Gotterkenntnis wie gegenüber der Physik, steht diejenige gegenüber den Teilnehmern der Hochschule. Dieser wird aber nicht entsprochen, wenn Dr. Rauscher Zusammenhänge als Ergebnisse der Physik darbietet, die ihr nicht zugehören, oder Verknüpfungen solcher Zusammenhänge mit der Gotterkenntnis herstellt, ohne dies zu begründen.
Wenn Sie es als notwendig ansehen, würde ich mich gern anhand der Vortragsunterlagen noch einmal zu den Vorträgen genauer äußern. Meine Ausführungen zu den Quellabhandlungen von Dr. Rauscher habe ich als Anhang beigefügt. Weil ich hier die Ausführungen von Dr. Rauscher vollständig zur Verfügung hatte, könnten sie den Eindruck erwecken, als wären die Quellabhandlungen physikalisch und methodisch weit bedenklicher als die Vorträge. Da mir die Vorträge aber weit mehr einer Klarstellung bedürftig erscheinen, habe ich auch im wesentlichen auf die Beurteilung der Behandlungsweise der Quellabhandlungen verzichtet. Ich hoffe aber, daß die Unmöglichkeit eines solchen Vorgehens auch hier unmittelbar ersichtlich ist, zumal das Verfahren auch die Vorträge von Dr. Rauscher kennzeichnet. Ein Beispiel dafür sind etwa die im Punkt 27.) des Anhangs zitierten Ausführungen, wo die Begründung sich in einer vielfachen, suggerierenden Wiederholung einer Aussage erschöpft, wobei gerade die dort vorliegenden Zusammenhänge mit Worten nicht ausgedrückt werden können.
Die Vorträge von Herrn Knake, die sich ja auch mit den Beziehungen zwischen Philosophie und Physik befaßten, haben mir gut gefallen. Sie waren sachlich einwandfrei.
Ich möchte schließlich noch zu der Erfindung von W. Schauberger erwähnen, daß ich nach dem Studium der Schrift „Implosion statt Explosion“ von L. Brandstätter keinen Anlaß mehr zu der Meinung sehe, daß die Erfindung in der angegebenen Weise physikalisch möglich ist. Es ist eine altbekannte Tatsache in der Strömungslehre, daß im Wasser infolge der Verschiebungselastizität kein Sog ohne den zugehörigen Druck entstehen kann. Diamagnetismus ist eine magnetische Stoffeigenschaft, die nicht durch mechanische Bewegung erzeugt werden kann, sondern die immer in den diamagnetischen Stoffen vorhanden ist, sich aber erst bei Anlegen eines Magnetfeldes äußert. Im übrigen widerspricht die Neuerzeugung von Materie oder Energie, wie eigentlich fast jede einzelne Aussage in der genannten Broschüre den Gesetzen, denen die Erscheinungswelt eingeordnet ist, und deren ausnahmsweise Ungültigkeit anzunehmen kein Anlaß besteht. Durch die Einsicht, die mir freundlicherweise Herr Pahde aus Duisburg in seinen Schriftwechsel mit Herrn Brandstätter erlaubte, erfuhr ich, daß auch Herr Brandstätter angibt, er sei „von der Richtigkeit der Schaubergerschen Entdeckungen nicht durch schlagkräftige Beweise überzeugt worden“. Schaubergers Argumente und Ideen seien ihm nur durch sein esoterisches Wissen verständlich geworden. Weiterhin: „Die esoterischen Überlegungen bilden für mich und meine Freunde die Grundlage dafür, daß die Entdeckungen Schaubergers im Prinzip richtig sind.“
Soweit ich es übersehen kann, versucht man die Abneigung der Menschen gegen Atomenergie für okkulte Richtungen auszunutzen, indem man vorspiegelt, auf esoterischem Wege einen Ausweg aus den ernsten biologischen und technischen Problemen gefunden zu haben. Brandstätter ist Schriftleiter im Verlag für „Lebendige Ethik und Agni-Joga“.
Mit freundlichen Grüßen auch von meinen Eltern und dem Wunsche:
Es lebe die Freiheit!

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*) Dieser Beitrag gründet auf einer ausführlicheren Ausarbeitung (9) und stellt einen Auszug aus derselben dar.
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1 Laut „Google Scholar“ gab es einen Atomphysiker Wolfgang Rauscher am „Institut für Physikalische Chemie der Universität Stuttgart“ (Veröffentlichungen: Reactivity of organic dye triplet states in electron transfer processes, 1976; Photochemische Untersuchungen zur Reaktivität organischer Farbstoffe in Elektronenübertragungsprozessen, 1978; Reactivity of acridine dye triplet states in electron transfer reactions, 1979; Singlet and Triplet Reactivity in Electron Transfer Reactions, 1981). - Unwahrscheinlich wird sein, dass es sich um den amerikanische Chemie-Professor William H. Rauscher (1903-1972) (http://www.rpi.edu/dept/science/www/Research/Polymer/lecture_rauscher.html) gehandelt hat, der am „Department of Chemistry, Rensselaer Polytechnic Institute, Troy, New York“ in der Polymerchemie-Forschung tätig war und offenbar auch – zusammen mit deutschen Forschern – in deutschen chemischen Fachzeitschriften publizierte.
2 Rauscher, W.: Einige Betrachtungen zu den Relativitätstheorien - Als Ergänzung zur Schöpfungsgeschichte Mathilde Ludendorffs. In: Der Quell, 9. und 23. März 1956, S. 222-230, 262-269
3 Jordan war (s. Wikip.) nicht nur Christ, sondern wurde ab 1957 auch Bundestagsabgeordneter für die CDU und Befürworter der Atombewaffnung der Bundeswehr. Auch in diesem Punkt wich er also deutlich von der Haltung Mathilde Ludendorffs ab. 1966 war er auch Mitbegründer der rechtskonservativen Evangelischen Notgemeinschaft in Deutschland (EniD). Noch heute definiert sich diese laut Wikipedia folgendermaßen: Die ENiD ist ein Zusammenschluss von nationalgesinnten deutschen Protestanten, die der Innere Notstand der Kirche bewegt und die sich angesichts der Herausforderungen der Gegenwart an das biblische Zeugnis im reformatorischen Verständnis gebunden wissen. Kirche muss Kirche bleiben! Zweck des Vereins ist die Besinnung auf den Auftrag der Kirche, der in der rechten Verkündung des Evangeliums besteht. Daraus ergibt sich notwendig auch die Treue im Umkreis der irdischen Pflichten zur Familie, zum Nächsten, zu Volk und Vaterland. Mit Bezug auf Luther, die Bibel und der Evangelien berufen wir uns auf die nationale Identität, die Familie und das ungeborene Leben. Wir erkennen die Oder-Neiße-Linie nicht als natürliche Staatengrenze an. Wir verstehen es als Selbstverständlichkeit, dass die Natur von Gott gegeben anerkannt wird. Wir sind gegen homosexuelle Eheschließungen und verachten den von den Etablierten initiierten „Karriere-Geist“ der Frauen. Die Frau sollte beruflich nicht benachteiligt sein, dennoch ihre Rolle als Mutter ernst nehmen und ehren. Einen Sozialismus in der Form, wie er existierte, lehnen wir in jedem Fall ab, da er zwingend in eine Diktatur läuft. Somit werden wir uns niemals einem kommunistischen Staat beugen, der die Kultur des abendländischen Deutschlands in Frage stellt.“
4 o.V.: Die 2. Hochschultagung in Tutzing. In: Der Quell, Folge 8, 23.4.1956, S. 360-367
5 http://de.wikipedia.org/wiki/Viktor_Schauberger
6 Adam, Gerold: Fragwürdiger Streit um die Atomenergie. In: Forschungsfragen unserer Zeit, Lieferung 1/2 1957 (ausgeliefert im Mai 1957) In einer Buchbesprechung werden die pseudowissenschaftlichen, in ein esoterisches Umfeld eingebetteten Ideen von Schauberger behandet. Gerold Adam führt aus, daß die diese Ideen bewerbende Schrift von einem Reklamefachmann nicht besser hätte verfaßt sein können. Einem solchen, dem es (nach einem von Adam zitierten Wort Bertrand Russell's) auch noch gelingen würde, die Menschen davon zu überzeugen, daß Schnee schwarz ist.
7 Bading, Ingo: Von Sumatra bis Athen - Ein welterfahrener Autor der Ludendorff-Bewegung Das Leben von Wilhelm Knake, eines Autors naturwissenschaftlicher Aufsätze der 1950er Jahre. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 1. November 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/11/von-sumatra-bis-athen-ein.html
8 Reinhard, Edmund: Eine wesentliche Antwort. In: Der Quell, Folge 19, 9.10.1955, S. 891-893
Bading, Ingo: Erörterungen rund um naturwissenschaftliche Fragen in der Ludendorff-Bewegung vor 1961. Unveröffentlichtes Manuskript, 2015

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