Dienstag, 11. Juli 2017

"Wir verlebten schöne Stunden in diesem Hause"

Das Ehepaar Ludendorff in Wildberg im Schwarzwald im Jahr 1929

Daß das Ehepaar Ludendorff vor allem bis 1933 viele Vortragsreisen durch ganz Deutschland unternommen hat, darüber ist schon in einem Artikel im letzten Jahr hier auf dem Blog hingewiesen worden (1). Mathilde Ludendorff setzte diese Vortragsreisen übrigens noch bis 1942 oder 1943 fort. Der folgende Artikel soll einiges wenige über eine solche Vortragsreise aus dem Januar 1929 berichten, und zwar insbesondere angeregt durch die freundliche Zusendung eines Bloglesers (siehe Abbildung 2).

Über die Vortragsreisen im Januar und Februar des Jahres 1929, die vom damaligen Tannenbergbund organisiert worden waren, schreibt Mathilde Ludendorff in ihren Lebenserinnerungen (6. Band, S. 17f):
Ernste Sorge stieg auf, als ich sah, wie Herr Ahlemann diese Vortragsreise zusammengestellt und angesetzt hatte. Sie mußte zu Überanstrengung führen, die - verbunden mit den Reisestrapazen des Winters - weder meinem Mann noch mir hätte zugemutet werden dürfen. Da die meisten Säle überdies zu klein waren, um die Menschen zu fassen, sollten Nachversammlungen und Führerbesprechungen folgen. Harmlos scheint also, im Vergleich zu den tatsächlichen Anstrengungen, die Ankündigung dieser Reisen in der Zeitung.
Sie schreibt, daß sie ihren Mann von dieser Vortragsreise auch angesichts der "sibirischen Kälte" dieser Wochen mit eindringlichem Zureden abhalten wollte, daß ihr das aber nicht gelang. Erich Ludendorff schreibt nun in seinen Lebenserinnerungen zunächst über eine vorangegangene Vortragsreise Ende November, Anfang Dezember 1928 (Bd. II, S. 203):
Ich sprach über "Kriegshetze und Völkermorden" und meine Frau über den "Kampf um die deutsche Seele". In meinem Vortrag ging ich auf die von mir bereits vorstehend skizzierten neuen Pläne der Jesuiten und Freimaurer gegen Sowjetrußland ein, wies aber auch auf die Bedeutung arteigener Glaubensgestaltung im Rahmen meiner Kampfziele hin. Meine Frau zeigte weiter deren Notwendigkeit.
Er setzt dann fort (II, S. 207):
Kaum war das Fest vorbei, als wir die Vortragsreise fortsetzten. Wir sprachen über die gleichen Themen wir vor dem Feste. (...) Die Reise war bei sehr starker Kälte (...) eine gewaltige Anstrengung. (...) Von Tübingen aus besuchten wir zwischen dem Vortrage daselbst und in Heilbronn Forstmeister Vögele in Wildberg im Schwarzwald. Bauern hatten von meiner Anwesenheit gehört und kamen nun in ihrer Not zu mir. Nun, ich sprach mit ihnen; Jungbauern waren auch in Heilbronn aus der weiten Umgebung zusammengekommen.
Abb. 1: Wildberg im Schwarzwald (Historische Postkarte)

Die Vortragsdaten und -orte sind in der Verbandszeitung des Tannenbergbundes "Deutsche Wochenschau" angekündigt worden (diese Daten werden richtiger sein als jene, die in den Lebenserinnerungen beider Ludendorffs stehen) (Dt. Wochenschau, 6. und 13.1.1929):
Unser Schirmherr und seine Gemahlin werden im Hartung 1929 in Württemberg folgende Vorträge halten: Am 13. Hartung in Tübingen, Museumssaal. Am 15. Hartung in Heilbronn, Harmoniesaal. Am 16. Hartung in Ulm a. Donau, Saalbau, je abends 8 Uhr. 
In der "Deutschen Wochenschau" erschien in der Ausgabe vom 3. Februar 1929 ein Bericht - "Ludendorff und Frau Ludendorff in Heilbronn und Ulm" - aus dem man einen gewissen Eindruck von dieser Reise erhält. In ihm heißt es zunächst über die Vorträge in Heilbronn (2):
Lange vor Beginn der Versammlung war der Gartensaal der Harmonie in Heilbronn gedrückt voll. (...) Die Versammlungsteilnehmer kamen aus allen politischen Parteien und Verbänden und ganz besonders fiel die große Anzahl der Jungbauern auf. Es mögen 400 gewesen sein. (...) Die Versammlung verlief ruhig und würdig. Nach dem Vortrag konnten dem Schirmherrn und seiner Gemahlin die Führer der Jungbauern vorgestellt werden. (...) Die Vortragsreise in Württemberg endete am 16. 1. in Ulm. (...) Die Polizei verhinderte "aus Sicherheitsgründen" die Ausgabe von mehr als 1500 Karten (Fassungsvermögen 2000). (...) Jeder fühlte, da oben steht der Mann, in dessen Kopf die gewaltigen Schlachtenpläne des Weltkrieges reiften. (...) Der anschließende Vortrag seiner Gemahlin (...) begeisterte Männer und Frauen in gleichem Maße und man bedauerte, daß man ihren Worten nicht noch länger lauschen durfte.
Es ist dann noch von einer Nachversammlung im Hotel die Rede, zu der Mitglieder des Tannenbergbundes aus ganz Südwestdeutschland gekommen waren (2):
Nach Mitternacht fuhren die Exzellenzen mit ihren liebenswürdigen Wirten (Th. Maier) nach Geislingen zurück.

Bei Forstmeister Voegele in Wildberg im Schwarzwald


Wir erhalten nun von einem Enkelsohn des oben in den Erinnerungen von Erich Ludendorff genannten Forstmeisters Voegele (von Dieter T. Schall aus Kempten) freundlicherweise den Gästebucheintrag Erich und Mathilde Ludendorffs, der aus dem Anlaß ihres Besuches bei ihm entstanden ist (siehe Abb. 1).

Abb. 1: Gästebucheintrag für Familie Voegele vom 14. und 15. Januar 1929

Tatsächlich paßt das Datum des Gästebucheintrages auch zu den Daten der Vortragsankündigung in der Wochenzeitung (nicht aber zu den Daten, die beide Ludendorffs in ihren Lebenserinnerungen angeben). In Tübingen fand der Vortrag am 13. Januar statt. Von dort fuhr das Ehepaar Ludendorff weiter nach Wildberg im Schwarzwald, von dort am 15. nach Heilbronn und von dort am 16. nach Geislingen an der Steige, bzw. nach Ulm.

Der Enkelsohn berichtet, daß sein Großvater, der Forstmeister Guido Voegele (1896-1974) und seine Frau Agnes, damals mit einer achtjährigen Tochter und einem Sohn in Wildberg im Schwarzwald wohnten. Der Großvater wurde aus gesundheitlichen Gründen früh "außer Dienst" gestellt ("a.D.") und zog dann mit der Familie in jene Dautenmühle bei Biberach an der Riß (sie ist heute Kulturdenkmal [Wiki]), in der auch noch der Enkelsohn aufgewachsen ist. (Agnes Voegele stammte ursprünglich von Schloß Bontenbroich in Jüchen - zwischen Aachen und Düsseldorf, PLZ 41163.) Die Gästebucheinträge lauten jedenfalls:
Das Ringen gilt Arterhaltung, Freiheit und Wohlfahrt!
Wir verlebten schöne Stunden in diesem Hause und wissen, daß in ihm Kampfgenossen leben.
14. u. 15.1.29. Ludendorff
"Von der Achsel Dir schiebe
Was übel Dir scheint
Und richte Dich selbst
Nach Dir selber."
                                 Edda
Mathilde Ludendorff
Der Enkelsohn berichtet nun weiterhin (Emails vom 9., 10., 12.7.17, Telefonat vom 11.7.17) über die Dautenmühle, daß
die Ludendorffs mit meinen Großeltern befreundet waren und in der Vergangenheit mein elterlicher Hof auch Material des Ehepaares Ludendorff beherbergt hatte. (...) Erich Ludendorff hatte auch viele seiner "Wissensdokumente" im Zeitraum der "Beschattung von Adolf" auf unserem Hof deponiert - leider entsorgten wir das Meiste. (...) Mein Großvater Guido war politisch sehr kundig.
Außer dem Gästebucheintrag schickt uns der Enkelsohn auch Abbildungen von fünf Bildern mit Hinterglasmalerei. Er schreibt dazu:
Die nachfolgend gezeigten, hochwertigen Hinterglasmalerei-Bilder zeigen verschiedene Motive aus dem Alten Testament. Es handelt sich laut der Staatsgalerie um eine wertvolle, zusammenhängende Serie. Nach dem weitergegebenen Wissen stehen sie in Verbindung mit der Zarenfamilie. Herr Ludendorff hatte diese Bilder mit einem Jagdsäbel aus der Verbindung zu dem Zaren Nikolaus II.. Meine Großeltern waren eng mit dem Ehepaar Mathilde und Erich Ludendorff befreundet. Als General Ludendorff zunehmend von Adolf Hitler „kontrolliert“ wurde, vermachte Herr Ludendorff die Bilder meinen Großeltern. (...) Ein Kunsthistoriker hat mich gebeten, die Bilder unbedingt geschützt in einem Museum aufzubewahren. 
Die fünf gerahmten Hinterglas-Gemälde - wohl am ehesten einem etwas süßlichen Stil des Biedermeier zuzuordnen - behandeln Themen aus dem Alten Testament (1. Samson hat die Philister mit einem Eselskinnbacken erschlagen, 2. Die Rückkehr mit der großen Traube aus Kanaan, 3. David und Bathseba, 4. Prophet und König, 5. Sodom und Gomorrha).

Wie Erich Ludendorff in den Besitz dieser Hinterglasmalereien gelangt sein könnte, ist vorderhand gar nicht zu sagen, eben so wenig, warum er diese Gemälde gerade dem Forstmeister Voegele vermachte und was das mit der Gegnerschaft des Ehepaares Ludendorff gegen die Naziherrschaft und den (hier auf dem Blog schon erörterten) Mordplänen Adolf Hitlers gegen das Ehepaar Ludendorff im Sommer 1937 zu tun gehabt haben könnte, bzw. mit den Nazi-Plänen zum "Überschlucken" der Ludendorff-Bewegung seit 1933. Daß Erich und Mathilde Ludendorff in jener Zeit Material an verschiedenen Orten hinterlegten für den Fall, daß gegen sie selbst oder die Ludendorff-Bewegung allgemein vorgegangen würde, ist auch sonst mehrfach bezeugt. Es bestand damals eine enge Zusammenarbeit und ein enger Zusammenhalt mit vielen "Mitkämpfern" im ganzen damaligen Deutschen Reich.

Vielleicht hatte Erich Ludendorff diese Bilder auf irgendwelchen Wegen als Geschenk erhalten. Vielleicht stammen sie aus herrenlos gewordenem Kulturgut irgendwo in Russisch-Polen, in den baltischen Ländern oder 1918 in der Ukraine, also aus jenen Gegenden, die von den deutschen Truppen unter dem Befehl Erich Ludendorffs zwischen 1914 und 1918 im Osten erobert worden sind. Im Jahr 1918 und danach sind ja insbesondere durch die russischen Revolutionäre solche Kulturgüter umfangreich geraubt und an das Ausland verkauft worden. Es würde sich hier aber - unseres Wissens - um den ersten Fall handeln, daß sich im persönlichen Besitz von Erich Ludendorff irgend etwas befunden hat, das in irgendeiner Weise als "Kriegsbeute" bezeichnet werden könnte. Also hier muß das meiste einstweilen völlig offen bleiben.

Ein Sohn  des Ehepaares Voegele ist im Zweiten Weltkrieg als Soldat gefallen. Vielleicht kann dieser Blogartikel gegebenenfalls noch ergänzt werden, wenn uns weitere Materialien, etwa Fotografien aus Familienalben oder anderes zur Verfügung gestellt wird.

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  1. Bading, Ingo: "Sie war eine glänzende Rednerin" Erich und Mathilde Ludendorff auf Vortragsreisen (1930 bis 1933). Auf: Studiengruppe Naturalismus, 24. April 2016, http://studiengruppe.blogspot.de/2016/04/erich-und-mathilde-ludendorff-auf.html
  2. o.N.: Ludendorff und Frau Ludendorff in Heilbronn und Ulm. In: Deutsche Wochenschau, 3.2.1929 

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