Dienstag, 8. Juni 2010

Studiengruppe "Naturalismus, völkische Subkulturen, Ethik und Politik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung"

Das Studium einer völkischen Subkultur

A. Dörfler-Dierken
Die evangelische Theologin Prof. Angelika Dörfler-Dierken hat in einer Rezension zu der Dissertation "Mathilde Ludendorff und das Christentum" des evangelischen Pfarrers Frank Schnoor (1998) (1) auf das Wünschenswerte der weitergehenden Erforschung der in dieser Dissertation behandelten völkischen Subkultur aufmerksam gemacht. Sie schreibt (2):
Schnoors Untersuchung macht neugierig, weitere Details zu erfahren und eine Deutung in breiterer Perspektive anzuschließen. Mathilde Ludendorff scheint eine charismatisch begabte Führerpersönlichkeit gewesen zu sein, die es verstanden hat, sich im Stil einer ‚Prophetin’ mit divinatorischer Begabung zu inszenieren. Sie hat offenbar nicht nur ihren Mann, sondern auch breitere Kreise für ihre Ideen begeistert und diesen ihre Wirklichkeitssicht nahegebracht.
Und sie fragt:

Inwiefern, wodurch und warum konnte sie solche Wirksamkeit erlangen? Schnoor führt ihren unbeugsamen Willen als Begründung an – aber diese Erklärung reicht schwerlich aus, wenn man den Einfluß begreifen will, den diese Frau auf ihre Umgebung und breite Kreise ausübte.
Dörfler-Dierken vermutet:
Mathilde Ludendorff konnte wohl nur deshalb Anhänger überzeugen, weil sie dasjenige aussprach, was diese ihrerseits hören wollten. Das würde aber bedeuten, daß besonders im zweiten und dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts breite Kreise einer christlich-abendländischen Weltdeutung weitgehend entfremdet waren und nach einer neuen Religion hungerten.
Und:

Interessant wäre es überdies, die sachlich-geistige Nähe beziehungsweise Ferne des Weltbildes der Mathilde Ludendorff zur nationalsozialistischen Ideologie einerseits, zu anderen Ideologien der völkischen Bewegung andererseits bestimmt zu sehen. Manchen Gedanken der Ludendorffer dürfte man auch bei Deutschen Christen wiederfinden können. Die Schriften der Ludendorffer wären also auch vor diesem Hintergrund in ihrer Struktur zu würdigen. Damit würde sich ein interessanter Einblick in die Mentalitätsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ergeben.
Und abschließend sagt sie:
Frauen haben allerdings wohl in keiner dieser Gruppierungen eine vergleichbar herausgehobene Rolle gespielt. Diese Beobachtung spricht für die Einzigartigkeit der Mathilde Ludendorff. Die Beschäftigung mit ihr, dem ‚Haus Ludendorf’ und den Ludendorffern regt dazu an, sich mit dem Kampf konkurrierender Ideologien in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts neu zu beschäftigen – nicht nur in geistes- und ideengeschichtlicher sondern auch in religionspsychologischer und –soziologischer Hinsicht.
Dörfler-Dierken stellt auch noch detailliertere Fragen:
Weiterhin fragt sich der Leser, inwiefern das Ehepaar Ludendorff ökonomisch von seinen Unternehmungen profitierte. Handelt es sich bei Verlag und Schriftenvertrieb um Betriebe, die Gewinn für ihren Besitzer abwarfen oder wurden alle Überschüsse wieder in den Ausbau der Bewegung investiert? Welche Anhängerscharen konnte man zum Bezug der Verlagspostillen mobilisieren? Wie viel brachte es ein, wenn Auflagen von über 100.000 Heftchen gedruckt wurden? Offen läßt Schnoor auch, wie die in der propagandistischen Arbeit tätigen Anhänger des ‚Hauses Ludendorff’, die Redner, Buchhändler und Verlagsmitarbeiter finanziert wurden. Offenbar gab die Selbstinszenierung einer Frau vielen Arbeit.
Und:
Über die Zahl der Anhänger des ‚Hauses Ludendorff’ zu verschiedenen Zeiten erhellt die Untersuchung nichts. Lassen die gelegentlich genannten Auflagenzahlen verschiedener Veröffentlichungen Rückschlüsse auf deren Zahl zu? Da Schnoor sich auf das literarische Werk der Mathilde Ludendorff konzentriert, sind ihm religionssoziologische Fragen fremd.
Es sind genau solche und sehr viele ähnliche und auch noch ganz anderweitige Fragestellungen gewesen, die zu der Gründung der Studiengruppe "Naturalismus, völkische Subkulturen, Ethik und Politik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung" Veranlassung gegeben haben. Auch deshalb sind die Ausführungen von Frau Dörfler-Dierken hier einleitend so ausführlich wiedergegeben worden.

// Ergänzung 21.2.2012: Da das Thema Hintergrundpolitik-Kritik nicht nur in der Öffentlichkeit - Stichwort 9/11-Wahrheitsbewegung, "Infokrieger", Geheimdienst-Kritik und anderes - sondern auch für die Autoren dieses Blogs zwischenzeitlich deutlich stärker in den Vordergrund getreten ist, als zum Zeitpunkt der Gründung dieser Gruppe und da wohl derzeit gerade auch auf diesem Gebiet ein großer Aktualitätsbezug vieler Schriften der Ludendorffs besteht - der in derzeit erarbeiteten Buchveröffentlichungen noch genauer dokumentiert werden soll - ist die Gruppe inzwischen umbenannt worden in: "Studiengruppe Naturalismus und Hintergrundpolitik-Kritik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung". Gerade das Thema Hintergrundpolitik-Kritik hat wohl in den 1920er Jahren den Ludendorffs die meisten Anhänger beschert. Gerade auch bei Berücksichtigung dieser Thematik werden wohl einige der genannten Fragen von Dörfler-Dierken am ehesten beantwortet. //

/// Ergänzung 7. Mai 2016: Zur besseren Verständlichkeit wird im Titel dieses Blogs anstelle des Begriffs "Naturalismus" die Bezeichnung "Naturwissenschaftsnahes Philosophieren" verwendet. Er wird also ab jetzt benannt: "Studiengruppe Naturalismus - Studiengruppe 'Naturwissenschaftsnahes Philosophieren und Hintergrundpolitik-Kritik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung'" ///

Die Arbeit der Studiengruppe

Die Studiengruppe will sich die Aufgabe stellen, die angerissenen und vielerlei weitere Fragen weitergehend zu bearbeiten. Dazu sollen veröffentlichte und unveröffentlichte Lebenszeugnisse Erich Ludendorffs (1865 - 1937) und Mathilde Ludendorffs (1874 - 1966), sowie der von diesen beiden Persönlichkeiten begründeten Ludendorff-Bewegung gesammelt, dokumentiert werden, seriösen Archiven überstellt werden und sollen die neuen Quellen jeweils wissenschaftlich-kritisch ausgewertet werden, unter den verschiedensten wissenschaftlichen Perspektiven abgeklopft werden. Auf möglichste Vollständigkeit der Dokumentation wird dabei ebenso viel Wert gelegt wie auf Detail- und Tiefenschärfe. Die soziologische Erforschung einer Subkultur erfaßt auch viele Aspekte der Alltagsgeschichte. Und über diese Tätigkeit möchte die Studiengruppe mit wissenschaftlich oder sonst an diesen Themen interessierten Menschen und  Institutionen ins Gespräch kommen.

Die möglichst vollständige Dokumentation einer expemplarischen völkischen Subkultur des 20. Jahrhunderts soll ganz allgemein die Auseinandersetzung mit dem kulturgeschichtlichen Phänomen  "Subkultur" und der in ihnen vertretenen Gedanken fördern. Durch eine solche Studiengruppe soll auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer solchen besser koordiniert und moderiert werden, als dies  bisher geschehen ist.

Subkulturen haben nicht immer aber sehr oft die Eigenschaft, sich von einer Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen, ihr mit Mißtrauen zu begegnen, da sie derselben gegenüber oft keine Anpassungsbereitschaft zeigen, und der gegenüber deshalb auch partielle Kommunikationsverweigerung auftreten kann. Auch diese Phänomene für sich können soziologisch analysiert werden.

Subkulturen stellen ganz allgemein gesellschaftliche "Experimentierfelder" dar, die gelingen oder scheitern können. Dabei werden Lebens(re)form-"Experimente" durchgeführt, die aus evolutionärer Sicht als kulturelle Selektionsprozesse auf individueller und Gruppenebene begriffen werden können. Soziologisch gut erforschte, geradezu "paradigmatische" Beispiele für die Gesetzmäßigkeiten des Überlebens unangepaßter Subkulturen und der dabei ablaufenden Selektionsprozesse stellen etwa die 500-jährige Geschichte der protestantischen Wiedertäufer, der Amischen, Hutterer und Mennoniten in Nordamerika  dar (3).

Soziologische Analyse einer Subkultur

Zur Erforschung derartiger Fragen muß die Studiengruppe Gelder beantragen und einwerben, ein Mitteilungsblatt, bzw. Jahrbuch herausgeben. Sie wird wenn möglich diverse, notwendige Archivaufenthalte finanzieren, historische Quellen und Nachlässe so vollständig wie möglich aufkaufen, sichern, dokumentieren und an Archive weiterleiten. Sie wird Tagungen und Ausstellungen veranstalten, Bücher herausgeben und einen Internet-Auftritt anbieten, zum Beispiel in Form eines Netztagebuches.

Gemäß ihres rein wissenschaftlichen Ansatzes ist eine solche Studiengruppe für sich weltanschaulich und politisch neutral. Insbesondere soll es bei der kritischen Aufarbeitung eines solchen kulturgeschichtlichen Phänomens wie dem der "Ludendorff-Bewegung" im Rahmen des naturalistischen und völkischen Diskurses seit 1900 darum gehen, sich auf den Originalton der Lebenszeugnisse Erich und Mathilde Ludendorffs, bzw. der von ihnen geleiteten Bewegung einzulassen. Sekundärliteratur muß auch hier für den Historiker immer das bleiben, was sie auch sonst für ihn sein muß: sekundär.

"Seltsame Legenden" rund um Erich und Mathilde Ludendorff

Gerade in Bezug auf ein solches kulturgeschichtliches Phänomen wie das der "Ludendorff-Bewegung" ist es in der Wissenschaft an vielen Stellen üblich geworden, bloß auf Literatur zweiter oder dritter Hand zurückzugreifen. Dabei wird oft geradezu "alles" zurate gezogen, nur nicht die originalen Lebensäußerungen der behandelten Persönlichkeiten selbst und ihre eigene Sichtweise auf die Dinge und ihr Leben. Ebensowenig werden die Sichtweisen von Familienangehörigen, Freunden, Mitarbeitern und Anhängern derselben in die in engeren Erwägungen mit einbezogen. Solche Defizite treten selbst in ansonsten seriösen, quellenkritischen Studien umfangreich auf.

Diese Tatsache kann beispielsweise illustriert werden anhand eines Aufsatzes in der renommierten "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft" aus dem Jahr 2006 (4). Oder auch anhand eines einflußreichen Aufsatzes des Verfassungsschutz-Beamten Fritz Tobias über das berühmte, vormals selbst in Schulbüchern zitierte Telegramm Erich Ludendorffs an Paul von Hindenburg im Januar 1933 anläßlich der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler (5), an dessen These sich dann auch ein Aufsatz von Lothar Gruchmann angeschlossen hat. Dazu schreibt der Historiker Henrik Eberle in seiner Kritik noch einigermaßen zurückhaltend - aber völlig zutreffend (vgl. Henrik Eberle, Briefe an Hitler, 2007, S. 449, Anm. 165):
Ludendorffs Briefe werden an dieser Stelle wiedergegeben, da sich um sie seltsame Legenden ranken. Zunächst galten sie, obwohl nur von Hitlers Rechtsanwalt Hans Frank mündlich überliefert, als prophetische Warnung vor Hitlers Herrschaft. Dann wurde ihre Existenz überhaupt bestritten. In den 1990er Jahren erhielt Ian Kershaw offenbar Kenntnis von der Überlieferung dieser Briefe und benutzte sie in seiner Hitler-Biographie. Seine Zitation ist jedoch mißverständlich. (...) Ungenau argumentiert dazu auch Lothar Gruchmann "Ludendorffs 'prophetischer' Brief an Hindenburg vom Januar/Februar 1933". In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jg. 47, 1999, S. 559 - 562.
Hier ist nicht der Ort, auf die Tatsache einzugehen, daß der Spiegel-Autor, Hobbyhistoriker und Verfassungsschutzbeamte Fritz Tobias auch sonst eine nicht gerade unumstrittene Rolle in der deutschen Zeitgeschichtsforschung nach 1945 gespielt hat. Und daß er dabei - z.B. - Seilschaften innerhalb der für ihn zuständigen Ministerien auf Landes- und Bundesebene in Schutz genommen hat. Solche Hintergründe sind bei der Aufarbeitung der Biographie eines solchen Hintergrundpolitik-Kritikers wie Erich Ludendorff immer sehr deutlich mit in Rechnung zu stellen.

Als ein positives Beispiel kann demgegenüber Manfred Nebelin genannt werden, dessen Studie aus dem Jahr 2000 die Lebenserinnerungen Erich Ludendorffs bei der Analyse gründlicher mit heranzieht (11, S. 251- 253).

Die fließenden Übergänge zwischen modernen naturalistischen und traditionellen völkischen Menschenbildern

Die Dringlichkeit der Arbeit einer solchen hier vorgestellten Studiengruppe ergibt sich zusätzlich jedoch auch noch aus ganz anderen Anlässen. Aus Anlässen, die weit über das bloße Bedürfnis der zeitgeschichtlichen Quellensicherung und der soziologischen Analyse einer Splittergruppe und Subkultur im völkischen Milieu Deutschlands während des 20. Jahrhunderts hinausgehen.

Die Übergänge eines konsequent naturalistischen Menschenbildes, das den Menschen unter evolutionären Aspekten als Gruppenwesen erfaßt, zu traditionelleren, völkischen Denkmustern des 20. Jahrhunderts sind in den letzten Jahren fließende geworden (6). Es handelt sich also um jenes naturalistische Menschenbild, das die evolutionär entstandene Gliederung des Menschen in kulturelle, soziale und religiöse Gruppen unter evolutionären Aspekten berücksichtigt.

Solche Gruppen weisen eine jeweils unterschiedliche kulturelle Stabilität und Lebensdauer auf, auch unterschiedliche Demographien und Bevölkerungsweisen. Bei ihrer Erforschung geraten auch zunehmend populationsgenetische Häufigkeitsunterschiede in den Aufmerksamkeitsfokus der Wissenschaft. Häufigkeitsunterschiede, die sich dann auch bis in die genetische Kodierung motivationaler, emotionaler und Intelligenz-Merkmale erstrecken (7). Die Übergänge eines solchen modernen, naturalistischen Menschenbildes zu traditionelleren Denkmustern des 20. Jahrhunderts werden dann ohne Zweifel fließende.

Genetiker, Anthropologen, Historiker, Soziologen und Wissenschaftsjournalisten verfolgen derzeit noch jeweils unterschiedliche Strategien, ihre Aufmerksamkeit von dem Fließenden im Übergang von naturwissenschaftlichen, soziobiologischen Sichtweisen zu traditionelleren völkischen Denkstrukturen wegzulenken. Dieses Fließende wird mitunter mehr oder weniger barsch ignoriert, verleugnet oder kategorisch verneint. Man versucht, es vor sich selbst und Kollegen kleinzureden, bzw. durch sprachliche Umschreibungen und Neuformulierungen so zu verschleiern, daß es für eine uninformierte Öffentlichkeit gar nicht sichtbar ist.

Paradigmenwechsel der letzten zehn Jahre durch Humangenetik und Soziobiologie

Allerdings wissen wir, daß die Naturwissenschaft ihren  eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt und es religiösen und geisteswissenschaftlichen Modeströmungen und Ideologien jeweils höchstens Jahrzehnten gelang, die Fortschritte in der Naturwissenschaft unberücksichtigt zu lassen. Die Debatte rund um Thilo Sarrazin, die von Norbert Bolz als ein "Geschichtszeichen", von Frank Schirrmacher als ein "Paradigmenwechsel" bezeichnet wurde, gibt von dem, was sich hier anbahnt, erste Ahnungen.

Ist man als einzelner Forscher aber an einen Punkt gelangt, wo sich solche "Ahnungen" geradezu aufdrängen - und das gilt auch für Mitglieder dieser Studiengruppe und auch lange vor der letztjährigen Sarrazin-Debatte (übrigens inzwischen zusammen mit so vielen anderen, auch bekannten Autoren und Forschern wie etwa: Richard Dawkins, Steven Pinker, Nicholas Wade, James Watson, Ernst Mayr, Edward O. Wilson, A.W.F. Edwards, David Sloan Wilson, Henry Harpending, Gregory Cochran, Samuel Bowles, Brian Ferguson, Armand Leroi, Sewall Wright, William D. Hamilton) -, ist der einzelne Forscher also an einen solchen Punkt gelangt, tritt ihm unabweislich die Dringlichkeit und Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den traditionellen, völkischen Denkmustern und Diskursen, mit den naturalistischen Diskursen des 20. Jahrhunderts insgesamt vor Augen (6).

Wie groß ist die Gefahr neuer naturalistischer Fehlschlüsse?

Insbesondere stellt sich dann die Frage, inwieweit die Sorge vor neuen "naturalistischen Fehlschlüssen" berechtigt ist. Und inwieweit diese Sorge auch gebannt werden kann. Es stellt sich die Frage, ob naturalistisches Denken "in Gruppen", ob "völkisches" Denken mehr oder weniger zwangsläufig zu ethnischen Kriegen und Massenmord führen müsse. Ob völkisches Denken in inhärenter Weise dazu angelegt ist, mehr oder weniger zwangsläufig in Inhumanität zu enden. Es ist dann sehr dringlich zu fragen, ob die Möglichkeit besteht, wenn nicht Notwendigkeit, den sogenannten "völkischen Gedanken" in tieferem Sinne human zu vertreten. Also: Ob so etwas wie ein "völkischer Humanismus" - zumindest der Möglichkeit nach - gedacht werden könne. Ob er durchgespielt werden könne. Auch ganz unabhängig von den mehr oder weniger polemischen Zusammenhängen, in denen dieser Begriff heute mitunter gebraucht wird.

Das bislang in der Wissenschaft nur wenig berücksichtigten Denksystem der naturalistischen Denkerin Mathilde Ludendorff und damit der Ludendorff-Bewegung ganz allgemein, sowie der Diskurse, in die diese eingebettet waren, scheint einen solchen Grad von Differenziertheit aufzuweisen, daß an ihm wie vielleicht wenig anderen Diskursen es ermöglicht wird, solche Fragestellungen zu erproben und theoretisch durchzuspielen.

Von verschiedenen Autoren ist darauf hingewiesen worden, daß sich in dem Denksystem einer Mathilde Ludendorff überraschend moderne mit archaischen oder auch auf den ersten Blick ganz abwegigen Inhalten und Wortgebräuchen vereinigt finden (vgl. etwa: 1).

Ist ein "völkischer Humanismus" möglich?

An dieser Stelle dafür nur ein erstes Beispiel. In dem ersten philosophischen Werk von Mathilde Ludendorff, erschienen 1921 unter dem Titel "Triumph des Unsterblichkeitwillens" (8), wird der Gedanke formuliert: "Aller Menschen Dasein ist heilig". Dies geschieht in folgendem Kontext:
... Dein eigenes Dasein ist heilig,
Der Sippen, des Volkes Dasein ist heilig,
Und aller Menschen Dasein ist heilig,
Weil alle Menschen auf Erden
Bewußtsein des Gottes werden könnten,
Solange ihre Seele das Göttliche noch erlebt.
So darfst du durch Töten
Nur dir und dem Volke in Todesnot
Jenseitserleben schützen. ...
Der Satz "Aller Menschen Dasein ist heilig" erscheint natürlich auf den ersten Blick als ein geeigneter Anknüpfungspunkt, um über die Möglichkeit eines etwaigen "völkischen Humanismus" nachzudenken.

Doch letztlich würde sich dann insgesamt ja früher oder später doch die Frage anschließen, wie sich denn diese Mathilde Ludendorff und die Ludendorff-Bewegung überhaupt während des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges gegenüber dem Nationalsozialismus, gegenüber seinen imperialistischen Kriegen und gegenüber seinen inhumanen Verbrechen positioniert haben. Welche Handlungsspielräume hat es hier gegeben? In welcher Weise sind sie genutzt worden? Ist es richtig, wenn die Ludendorff-Bewegung für sich in Anspruch nimmt, dem Widerstand gegen Adolf Hitler und gegen den Nationalsozialismus zugerechnet werden? Und falls dies bejaht werden müßte: inwiefern? Und inwiefern ganz sicherlich auch nicht? (9, 10)

Mit diesen Ausführungen sollen nur erste Andeutungen gegeben werden, welche Fragen hier zu behandeln wären. Es können noch viele weitere Gründe genannt werden - die in künftigen Veröffentlichungen der Studiengruppe auch genauer erläutert werden sollen , die es einem geraten erscheinen lassen können, gerade das kulturgeschichtliche Phänomen "Ludendorff-Bewegung" einer genaueren Analyse zu unterziehen, wenn man nach naturalistischen Diskursen des 20. Jahrhunderts fragt.

Ein exemplarischer Fall naturalistisch-völkischen Denkens und Handelns im Deutschland des 20. Jahrhunderts

Als weitere Gründe, warum zu diesem Zweck exemplarisch unter anderem gerade Mathilde Ludendorff behandelt werden soll, ist darauf zu verweisen, daß sie - das wird vielfach in der Literatur bestätigt - keineswegs eine unbegabte Frau gewesen ist. Als eine der ersten Frauen studierte sie Medizin und Psychiatrie bis zur Promotion. In den Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges arbeitete sie als Assistentin des Begründers der naturwissenschaftlichen Psychiatrie, nämlich Emil Kraepelins in München.

Zugleich war sie schon in jener Zeit aus der Kirche ausgetreten. Sie war Mitglied im Monistenbund Ernst Haeckels geworden. In nur allzu typischer Weise stammte sie zudem aus einer traditionsreichen protestantischen Pfarrerfamilie. In ihrem ersten philosophischen Werk "Triumph des Unsterblichkeitwillens" von 1921 versuchte sie die Grundlegung einer neuen Philosophie, Religion und Weltdeutung in Anknüpfung an wissenschaftliche Kerneinsichten ihres Freiburger akademischen Lehrers, des frühen deutschen Darwinsten August Weismann. Die von ihm gelehrte Trennung von Keimbahn und Körperzellen und die damit einhergehende, von ihm gelehrte "potentielle Unsterblichkeit der Einzeller" ist der philosophischen Ausgangspunkt des naturalistisch-philosophischen Diskurses seiner Schülerin.

Kritische, sachliche Auseinandersetzung statt Pauschalurteile

Wie der einzelne Autor oder Kommentator, der im Rahmen dieser Studiengruppe Diskussionsbeiträge abgibt, zu dem Philosophieren von Mathilde Ludendorff selbst steht, ob er Teile darin - wie etwa der Autor Frank Schnoor (1) - zumindest als bedenkenswert ansieht oder ob er dieses Philosophieren schlankweg als verwerflich ansieht, ob er es als Gesamtprodukt dem "Abfallhaufen der Geschichte" für Wert erachtet, das ist dem einzelnen zu überlassen. Die Studiengruppe will ein Forum bieten, keine unfehlbaren Antworten geben. Aber auch oberflächlich pauschalisierende oder popularisierende "Propaganda" soll nicht betrieben werden, pauschalisierenden Gefühlsurteilen das Wort nicht überlassen bleiben.

Soweit es sich also um sachliche, kritische und selbstkritische Positionierungen handelt, die zunächst zu urteilen versuchen, bevor sie verurteilen, und die auch die Mühen des Studiums umfangreicherer Originalquellen nicht scheuen, sind sie als Diskussionstandpunkte im Rahmen der Studiengruppe willkommen. Beiträge, die eine aufrichtige, innere und kritische Distanz, die sich zu allen Aspekten dieses Quellenmaterials heute mehr oder weniger zwangsläufig ergeben muß, nicht oder nur in Teilen erkennen lassen, sind nicht unbedingt die willkommensten. Es muß durchaus damit gerechnet werden, daß ihnen im Rahmen der Studiengruppe kein Forum gegeben wird.

Denn es ist zu offensichtlich, wieviel Mißbrauch in der Geschichte mit solchem, hier zu erörterndem Gedankengut getrieben worden ist, als daß einem erneuten Mißbrauch auch nur eine Spalt breit die Tür geöffnet werden darf.

(Erstveröffentlichung: 14.10.09, letzte Ergänzung: 24.01.2013)
_________________

  1. Schnoor, Frank: Mathilde Ludendorff und das Christentum. Eine radikale völkische Position in der Zeit der Weimarer Republik und des NS-Staates Deutsche Hochschulschriften, Kiel 1998 (und weitere bei Wikipedia genannte Literatur)
  2. Dörfler-Dierken, Angelika: Rezension von Frank Schnoor „Mathilde Ludendorff und das Christentum“ (2001). In: Theologische Literaturzeitung, Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft, Bd. 129/2004, Nr. 7 und 8, S. 814 – 817
  3. Hostetler, John A.: Amish Society. The Johns Hopkins University Press, 4th Edition 1993
  4. Mildenberger, Florian: Erotik, Polygamie, Muttertum. Die Wandlungen der Mathilde Ludendorff. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 07-08/2006
  5. Fritz Tobias: Ludendorff, Hindenburg und Hitler. Das Phantasieprodukt des Ludendorff-Briefes. In: Uwe Backes; Eckhard Jesse; Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus. Propyläen Verlag Frankfurt/Main und Berlin 1990
  6. Wiwjorra, Ingo: Ethnische Anthropologie. Zwischen scientistischer Innovation und völkischer Tradition. In: Puschner, Uwe; Großmann, G. Ulrich (Hg.): Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009
    Sarrazin, Thilo: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 7. Auflage 2010
  7. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. Verlag Hohe Warte, Franz von Bebenburg, Pähl/Obb. 1959 (1. Auflage 1921)
  8. Müller, Klaus-Jürgen: Generaloberst Ludwig Beck. Eine Biolgraphie. Ferdinand Schöningh, Paderborn u.a. 2008, 2009
  9. Lindner, August (Büsum): Ludendorff - Widerstandskämpfer im Dritten Reich? Unveröffentlichtes Manuskript in dem Nachlaß des Autors. Bundesarchiv Koblenz und Landesarchiv Schleswig (Mit Briefwechseln des Autors mit den Historikern Walter Hubatsch, S. Kaehler, Egmont Zechlin und W. Foerster.)
  10. Nebelin, Manfred: Erich Ludendorff - ein völkischer Prophet. In: Revue d'Allemagne et des Pays de langue Allemande. Themenheft "Religion, 'religiosités' et politique dans les extrêmes droites allemandes de 1870 à 1933". April/Juni 2000, S. 245 - 256

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