Freitag, 15. Februar 2013

Das Familienleben Erich Ludendorffs

Insbesondere rund um seine erste Ehe (1909 - 1925)

"Ludendorff und die Seinen" nannte Mathilde Ludendorff in dem Buch "Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen", erschienen 1938, das Kapitel, das von Ludendorffs Leben in seinem familiären Kreis berichtet, und zwar in seinen letzten elf Lebensjahren. Hier werden noch einmal einige der Umstände geschildert, die zur Beendigung der ersten Ehe von Erich Ludendorff führten und zum Eingehen seiner zweiten im Jahr 1926 (1, S. 110). Diese, so schreibt sie, ...
... führen zu den köstlichen 11 Jahren hinüber, in denen sich der Feldherr unter den Seinigen zeigte, die wirklich die Seinen auch waren.
Und (1, S. 112):
Die Schlechtigkeit der Menschen war es, der wir es zu danken hatten, daß unser beider Leben im September 1926 reichste Zweisamkeit wurde.
Hiermit ist nur angedeutet, dass Erich Ludendorff aufgrund seiner Scheidung, seiner zweiten Heirat, seines Kirchenaustritts und seiner Hinwendung zu der neuen, vom Evolutionsgedanken bestimmten Philosophie seiner zweiten Frau sich innerlich entfernte von vielen seiner früheren Familienangehörigen. Die nun, wie Mathilde Ludendorff andeutet, nicht mehr "wirklich die Seinen waren".

Solche Darstellungen haben - sozusagen - das Thema "Erich Ludendorff und die Seinen" in der Zeit vor 1926 und vor seiner Scheidung im Bewußtsein jener, die sich mit der Biographie Erich Ludendorffs beschäftigten, zumeist sehr in den Hintergrund treten lassen. Dabei gibt es im Bundesarchiv (neuerdings?) auch viele Briefe Erich Ludendorffs an seine Eltern, bzw. bis 1914 an seine Mutter. Und auch sonst gibt es mancherlei Zeugnis zu diesem Thema, wie im folgenden aufgezeigt werden soll. Mitunter Zeugnisse nicht ohne eine gewisse zeitgeschichtliche Brisanz.

April 1913 - "Lotte wird ein Prachtmädel"

Erich Ludendorff hatte am 14. August 1909 die Berliner Fabrikantentochter Margarete Pernet, geborene Schmidt (1875 - 1936) geheiratet (2, S. 105; 3). Sie war in erster Ehe mit dem sehr wohlhabenden Direktor der Vereinigten Berliner Mörtelwerke Carl Pernet verheiratet gewesen und hatte mit diesem in einer Wohnung am Kurfürstendamm gelebt. Mit diesem hatte sie drei Söhne und eine Tochter, die sie dann mit in ihre zweite Ehe einbrachte: Franz Pernet (1895 - 1917), Heinz Pernet (1896-1973), Erich Pernet (1898 - 1918) und Margot Pernet (1899 - 1969) (s. Frontflieger.de, Flieger-Album.de; Uhle-Wettler, S. 426). Diese hatten in der Familie alle ihre Spitznamen (etwa: Fränzchen, Stietzchen/Dicker, Pieckchen und Lotte) (2, S. 105). Die Söhne waren also im Jahr 1909 14, 13, 11 und 10 Jahre alt. Die Familie lebte von 1909 bis 1912 in Berlin. Ende Januar 1913 wurde Erich Ludendorff als Regimentskommandeur nach Düsseldorf versetzt (1, S. 99, 105):
Während die sechsköpfige Familie in der Reichshauptstadt in einer Etagenwohnung gelebt hatte, mietete Ludendorff in Düsseldorf ein repräsentatives Haus mit großem Garten.
Das Haus lag etwa zwei Kilometer nördlich des Stadtzentrums von Düsseldorf in der Scheibenstraße 37 (siehe Google Maps). "Hofgarten, Rhein und Rheinbrücke lagen in der Nähe," schreibt Margarethe Ludendorff in ihren Erinnerungen (10). (Offenbar ist das Haus während des Zweiten Weltkrieges zerstört worden. Denn heute scheint sich dort eine moderne Wohnanlage zu befinden. Im Juli 1939 wurde an diesem Haus eine Gedenktafel angebracht in Anwesenheit von Mathilde Ludendorff und dem Gauleiter Friedrich Florian [1, S. 566, Anm. 36].)

Aus Düsseldorf schrieb Erich Ludendorff am Abend seines 48. Geburtstages, dem 9. April 1913, an seine Mutter in Berlin über seine Stieftochter Margot, genannt Lotte (Brief aus dem Bundesarchiv zit. n. 2, S. 106):
Sie wird ein Prachtsmädel, jedenfalls was ich dazu tun kann, das geschieht, sie zu einem freien Menschenkind zu bilden. Sie wird von mir so erzogen, wie ich denke, daß ich von Euch lieben Eltern erzogen worden bin und das ich Dir, liebe Mutter, so oft gedankt habe.
Aus diesen Worten geht gut sein Verhältnis sowohl zu seiner Mutter wie zu seiner Stief-Tochter hervor. Ein ähnlich herzliches Verhältnis ist von ihm übrigens auch zu seinem jüngsten Sohn Erich ("Pieckchen") bezeugt, über den Erich Ludendorff im Sommer 1918 an seine Frau schreibt: "Du weißt, wie ich Pieckchen geliebt habe." (Siehe unten.) Zu den beiden jüngeren Kindern wird Erich Ludendorff schon deshalb eine engere Beziehung gehabt haben, weil diese nicht wie die beiden älteren schon zu dieser Zeit in die Kadettenanstalt gingen. In dem gleichen Brief vom 9. April 1913 schreibt Erich Ludendorff an seine Mutter auch (2, S. 107):
Wir sind natürlich nur ganz allein, ich will fremde Menschen auch nicht um mich haben. Mir ist das Alleinsein auch das liebste, auch das gemütlichste für mich.
Abb. 1: Erich Ludendorff und seine Mutter (1914)
In diesen Worten deuten sich Charakterzüge Erich Ludendorffs an, die auch Mathilde Ludendorff hinsichtlich ihres Mannes hervorgehoben hat: Ein ausgeprägtes Bedürfnis nach Einsamkeit. Aber auch über die Politik schrieb Erich Ludendorff an seine Mutter an diesem Abend (2, S. 96):
Ich lese mit Spannung die Reden im Reichstage, der Reichskanzler war für seine Verhältnisse gut, empörend wieder dieser Kriegsminister. Warum ist man damals nicht meinem Rat gefolgt und hat ihn weggeschickt? Es ist ein Unglück unserer leitenden Kreise, daß sie die Unzulänglichkeit dieses Mannes nicht einsehen wollen. (...) Du glaubst nicht, wie ich die hasse.
Es ging damals um die von Erich Ludendorff vor allem vorangetriebene Wehrvorlage, um derentwillen er Anfang 1913 aus Berlin nach Düsseldorf versetzt - bzw. verbannt - worden war. Im Jahr 1913 weilte Margarethe Ludendorff, wie dem im Bundesarchiv vorliegenden Briefbestand zu entnehmen ist, auf einer mehrwöchigen Kur in Bad Ems. Und Erich Ludendorff macht sich in Briefen an seine Mutter viele Gedanken über ihre Gesundheit (2, S. 106).

Weihnachten 1913 - "Die Jugend war sehr vergnügt"

Auch aus anderen Briefen an seine Mutter erhält man einen Eindruck von seinem familiären Zusammenleben in dieser Zeit. Über das Weihnachtsfest 1913 schreibt Erich Ludendorff an seine Mutter (2, S. 107):
Wir hatten am 1. Feiertag einige Gäste. Trotzdem war alles gemütlich. Vor allem am 1. Feiertag war die Jugend sehr vergnügt. Damit war der Zweck erfüllt. Die übrigen Tage waren wir allein. 6 Mann machen ja auch schon Leben genug.
Zu diesen "6 Mann" rechnete er offenbar auch seine Frau und seine Tochter neben den übrigen vier "Männern" der Familie. Und am 25. Januar 1914 schreibt er er an seine Mutter (2, S. 107):
2 eigene Gesellschaften haben wir wieder hinter uns und nur Gott sei dank noch eine, und dann ist es Schluß! Mir ist diese Geselligkeit zuwider, mit dem Regiment und den notwendigen Spitzen bin ich einverstanden, alles andere ist von Übel. Uns stehen noch eine ganze Menge Geselligkeiten bevor, da wir aber zu vielen absagen, so ist das nicht so schlimm.
Schon diese wenigen Briefstellen lassen vielleicht einiges über das Verhältnis Erich Ludendorffs zu seiner Mutter erahnen. Auch einiges, das man aus anderen Zeugnissen über ihrer beider Verhältnis zueinander bisher nicht so genau kannte. Aus ihnen geht doch ein tieferes Einverständnis zwischen beiden hervor.

1914 - "Sie lebt heute in meiner Erinnerung als liebe Mutter und stolze Frau."

Ludendorffs Mutter starb am 6. März 1914 (2, S. 107). Ludendorff schreibt in seinen Erinnerungen (3, S. 169):
Ich erlebte in Düsseldorf noch den Schmerz, daß im März 1914 meine liebe Mutter ihre Augen für immer schloß. Ich war stets in enger Verbindung mit ihr geblieben. Sie hatte mich auch in Düsseldorf besucht, und ich konnte ihr als Sohn in Liebe und Fürsorge das danken, was ich ihr schuldete. Sie lebt noch heute in meiner Erinnerung wie mein Vater, und zwar als liebe Mutter und stolze Frau.
Mathilde Ludendorff hat in ihren Lebenserinnerungen angedeutet, dass die Mutter Erich Ludendorffs innerlich ihrem Sohn etwas ferngerückt wäre aufgrund der Wahl seiner ersten Ehefrau, mit der sie nicht vollumfänglich einverstanden gewesen sei (13, S. 79).
 
Ludendorffs Schwester Gertrud

Auch das Verhältnis zu seiner Schwester Gertrud, verheiratete Jahn, muss bis 1927 ein sehr herzliches gewesen sein. Sie war verheiratet mit Gustav Jahn (1862-1940), seit 1912 Unterstaatssekretär im Reichsfinanzamt, 1918 bis 1931 Präsident des Reichsfinanzhofes in München. Im 1940 veröffentlichten ersten Band seiner Lebenserinnerungen schreibt Erich Ludendorff über den Mai 1920 (1940, S. 125f):
Der Aufenthalt in Bayern sollte aber für mich von ungemeiner Bedeutung sein, da mir der Gedanke kam, ich könne ja auch dauernd nach München ziehen, wo meine einzige noch lebende Schwester verheiratet war, die sich indes nach Erscheinen meiner Schrift "Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse" 1927 derartig gegen mich einstellte, dass ich mich von ihr zurückzog.
Diese selbst schrieb unter dem 17. Februar 1942 über das Verhältnis zu ihrem Bruder (2, S. 544f, Anm. 35):
Der Mensch Ludendorff hat in seinen letzten Lebensjahren seine alten Freunde verloren, weil er bedingungslose Unterwerfung unter seine Ideen verlangte. Auch ich als Schwester, die er früher sehr lieb hatte, konnte mich nicht fügen, als er von mir verlangte, mich von der Religion abzuwenden und die Lehre seiner Frau anzuerkennen. Und weil ich mich nicht fügen konnte und wollte, sagte er sich von mir los. Es war mir ein großer Schmerz, denn gerade dieser Bruder hatte mir bis dahin besonders nahe gestanden. Aber seit er seine 2. Frau hatte, wurde alles anders bei ihm. Sie war sein böser Geist. Sie lockte ihn auf Wege, die er früher niemals beschritten hatte.
Dass Erich Ludendorff von seiner Schwester verlangt haben soll, sich von ihrer Religion abzuwenden, ja, "bedingungslose Unterwerfung unter seine Ideen", passt eigentlich nicht so recht zu seiner Einstellung dahingehend, dass Entscheidungen gerade auf religiösem Gebiet völlig frei und von innen heraus getroffen werden müssen und nicht von Außenstehenden geradezu erzwungen werden können. Er selbst legte die Gründe und die Umstände seines Kirchenaustritts im Leitartikel seiner Wochenzeitung "Deutsche Wochenschau" vom 11. Dezember 1927 dar. Der Kirchenaustritt erfolgte nicht nur aufrund seiner Auseinandersetzung mit der Bibel im Zuge der Vorbereitung seiner 1927 erschienenen Schrift "Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse", sondern auch aufgrund der Erkenntnis darüber, wie verfreimaurert gerade auch die protestantische Kirche damals gewesen ist. Dieser Artikel endete mit den Worten:
Meine Freunde brauchen nicht glauben, dass ich ihnen irgendwie meine religiöse Überzeugung aufdrängen will. Ich habe mich zur Niederschrift des Vorstehenden auch nur entschlossen, weil ich immer wieder darum gebeten worden bin. An meine Freunde richte ich nur die Bitte, sich mit größtem Ernst ein eigenes Urteil zu bilden. Die Deutsche Duldsamkeit, die ich in meinen Kampfzielen ausgesprochen habe und jedem zubillige, verlange ich auch für mich und für andere.
In seinem 1951 veröffentlichten zweiten Band seiner Lebenserinnerungen berichtet Erich Ludendorff aus der zweiten Jahreshälfte 1927, nachdem seine Schrift "Vernichtung der Freimaurerei" erschienen war (1951 S. 122):
Das Ringen gegen die Freimaurerei (...) griff tief in unser verfreimaurertes öffentliches Leben, aber auch in das Familienleben ein, auch in das meinige. Meine Schwester, die mit dem Präsidenten des Reichsfinanzhofes in München, früherem Unterstaatssekretär im Reichsfinanzministerium Jahn, verheiratet war und letzten Endes Veranlassung war, daß ich nach dem Weltkriege Wohnung in München nahm, ergriff für die Freimaurerei Partei, nachdem ich meinem Schwager wie vielen Verwandten und Bekannten mein Buch übersandt hatte. Dann wandte sich meine Schwester leider auch gegen meinen Kirchenaustritt, der meine innerste Angelegenheit war. Ich war über beides tief betroffen, die Folge war ein vollständiges Auseinandergehen. So ging es vielen Familien, in denen sich einzelne Mitglieder der Wahrheit verschlossen, andere sich auf den Boden der Tatsächlichkeit stellten.
Es wird deutlich, dass die Darstellung von Schwester und Bruder über ihr Auseinandergehen ein wenig voneinander abweichen. Aus beider Worten wird jedenfalls sehr deutlich, wie weit sich die Geschwister voneinander getrennt hatten.

Henny von Tempelhoff, die Schwester seiner Mutter, die Hauslehrerin der Ludendorff-Kinder vor ihrem Eintritt in die Kadettenschule, die über ihr "Glück im Hause Ludendorff" Tagebuchaufzeichnungen veröffentlicht hatte, vermachte übrigens ihren geringen Nachlass ihrer Nichte Gertrud (1951, S. 168; 13, S. 81f).

Unter den Kindern Erich Ludendorffs aus erster Ehe bestand aber ein guter Kontakt noch bis in die 1960er Jahre hinein. Und diese hielten den guten Kontakt auch mit Ludendorffs Schwester Gertrud Jahn und den Nachkommen seiner beiden Brüder Eugen und Hans, unter anderem mit Jochen Ludendorff und dem Regierungsbaumeister Gerd-Harald Ludendorff (1905-1983) (20). Letzterer war ein Sohn von Eugen Ludendorff und heiratete 1936 in Hannover eine Elisabeth Jöhrens, mit der er ein Kind hat. Seine Frau Elisabeth wurde 1940 ebenfalls eine Patin von Barbara Pernet (32). Von ihm liegen auch Auskünfte über die Familie Ludendorff im Institut für Zeitgeschichte in München vor (hier erwähnt). Er ist schon 1983 in Erlangen gestorben. Und in diesem Kreis blieb die Erinnerung an das harmonische Familienleben Erich Ludendorffs in der ersten Ehe in Erinnerung (4). Mathilde Ludendorff schreibt (13, S. 82):
Mir war der Weg zu den Geschwistern (Erich Ludendorffs) dadurch etwas erschwert worden, dass ich gehört hatte, sie alle hätten meinen Mann gefragt, ob sie das Band zu der geschiedenen Frau zerschneiden sollten. Er hatte in seiner Großmut darauf geantwortet, sie möchten das ganz nach ihrem Gewissen entscheiden - und - sie entschieden sich für Fortführung des Zusammenhanges. (...) Sicherlich hatte mein Mann seinen Geschwistern das Ausmaß des Eheelends verschwiegen.
Erst nach dem Erscheinen ihrer Erinnerungen "Als ich Ludendorffs Frau war" hätten sich die Brüder Erich Ludendorffs empört von ihr losgesagt (13, S. 83). Aber wie gesagt bestand der gute Kontakt zwischen den Kindern noch bis in die 1960er Jahre oder länger (20).

1894 - Briefe an die Eltern aus Moskau und von der Krim

Darüber gleich noch mehr. Zunächst soll aber noch aus älteren Briefen Erich Ludendorffs an seine Eltern zitiert werden, um etwas zu zeigen, was aus seinen 1935 veröffentlichten Vorkriegserinnerungen ebenfalls keineswegs so deutlich hervorgeht, nämlich seine über die militärischen Interessen hinausgehenden Interessen für Kultur und Natur. So schreibt er etwa 1894 während seiner Auslandsreise nach Moskau an seine Eltern (2, S. 53):
Großartig ist der Eindruck, den der Kreml auf einen ausübt. Ein kleiner, von einer hohen Zinnenmauer umgebener Stadtteil, der das kaiserliche Schloß, viele Klöster und Kirchen beherbergt. Er liegt an einer erhöhten Stelle in der Mitte der Stadt an der Moskwa. Von dem höchsten Turm des Kreml hat man einen wunderschönen Überblick über die ganze Stadt. Die Zahl der Klöster und Kirchen ist ungeheuerlich. Dazu kommen noch die sonstigen Heiligenbilder, die zum Teil auch herumgefahren werden. Man kann kaum einen Schritt tun, ohne sich bekreuzigende Menschen zu sehen.
Und über das kaiserliche Jagdschloß Livadia auf der Krim schreibt er (2, S. 54):
Der Garten ist sehr schön. So etwas von Natur und Kunst wird es in Europa nicht bald noch einmal geben.
1900 - Liebesverhältnis Erich Ludendorffs in Glogau

Im Herbst 1900 wurde der Hauptmann Erich Ludendorff mit 35 Jahren nach Glogau in Schlesien versetzt. Im Herbst 1901 nach Posen. In Posen fand er in der Vorstadt "eine recht kalte Wohnung", wie er schreibt (3, S. 69f):
Ich richtete mir die Wohnung freundlich ein. Ich hatte mir bereits in Glogau von Ersparnissen eine Möbeleinrichtung gekauft und war nun kein "möblierter Zimmerherr" mehr, womit ich sehr zufrieden war.
Zugleich schreibt er über Glogau auch (3, S. 68):
Liebe Erinnerungen verknüpften mich lange mit Glogau.
Da sich diese Worte nicht auf seine ansonsten geschilderte militärische Arbeit bezogen haben können, wird in ihnen wohl doch ein - für dieses Alter bei einem Unverheirateten ja auch recht naheliegendes - Liebesverhältnis angedeutet sein. Es wird sich zerschlagen haben, denn erst neun Jahre später heiratete Erich Ludendorff. Dieser besondere Hinweis auf Glogau scheint dem Ludendorff-Biographen Uhle-Wettler übrigens entgangen zu sein, schreibt dieser doch über Erich Ludendorffs Frauenbekanntschaften vor seiner ersten Ehe (15, S. 75):
Einer mündlichen Familientradition zufolge mag Ludendorff eine jahrelange Bindung zu einer Frau gehabt haben, die er aus unbekannten Gründen nicht heiraten konnte. Briefe oder sonstige Unterlagen geben jedoch keinen Hinweis. In Ludendorffs Nachlaß haben sie lediglich einige Photographien von auffallend gut aussehenden jungen Frauen erhalten, die Ludendorff immerhin zwei Ehen hindurch aufbewahrt hat. Wer diese schönen Frauen waren und wie Ludendorff zu ihnen stand, ließ sich nicht klären.
Diese Photographien scheinen sich im Ludendorff-Archiv in Tutzing zu befinden. Womöglich würden also Stammbaumforscher, die sich mit Familien aus Glogau beschäftigen, anhand der Photographien zumindest eine dieser Frauen identifizieren können? Womöglich könnte auch der Hinweis weiterführend sein, dass laut Internetangaben Eugen Ludendorff, der Bruder Erich Ludendorffs, 1894 in Glogau eine Klara Paula Harder heiratete. (Da die gleichzeitig mitgeteilten Lebensdaten zu Eugen Ludendorff aber nicht auf den bekannten Bruder Eugen zutreffen, ist dieser Hinweis derzeit noch etwas zweifelhafter Natur.) Erich Ludendorff selbst hat in seinen Vorkriegserinnerungen von 1935 jedenfalls nur sehr "summarisch" geschrieben (3, S. 20):
Inzwischen waren Frauengestalten in mein Leben getreten. Sie bereicherten mich in verschiedenem Maße. In meiner ersten Ehe aber, ich schloss sie im August 1909, zog ich mich sehr bald aus gewichtigen Gründen völlig in mich zurück und kapselte mich ab. Erst meine zweite Frau wurde mir wahrhaft Gefährtin.
Von dem Schwiegersohn Erich Ludendorffs, Franz Karg von Bebenburg (1910 - 2003), ist diesen Worten überraschenderweise und an entlegener Stelle im Februar 1966 folgende Deutung gegeben worden (31):
Die "gewichtigen Gründe" Erich Ludendorffs, sich von seiner Frau sehr bald zurückzuziehen und sich abzukapseln, liegen zum einen im Morphinismus seiner Frau, zum anderen aber in der Tatsache, dass sie - wie man so sagt - in einen Skandal mit einem Offizier des Düsseldorfer Regiments verwickelt war.
Wie diese Angabe beurteilt werden soll, ist auf den ersten Blick nicht leicht zu sagen. Auch sie soll ja von ihrem ersten Ehemann zusammen mit einer Sekretärin enttäuscht worden sein (siehe nächster Blogbeitrag.) Diese Angabe wurde auch sehr isoliert für sich stehend zu einer Zeit veröffentlicht, in der Mathilde Ludendorff wohl am geistigen Leben nicht mehr teilgenommen hat. Drei Monate später ist sie gestorben. Und Wilhelm Breucker, ein Offizier des Düsseldorfer Regiments, macht diesbezüglich in seinem Ludendorff-Buch offenbar auch keine Andeutungen.

2013 - Frau Barbara Pernet, eine Enkeltochter Erich Ludendorffs (geboren 1940)

Noch heute lebt ein Enkeltochter Erich Ludendorffs, Frau Barbara Pernet, die 1940 in München geboren wurde. Zu ihrer Patentante wurde in jenem Jahr Gertrud Jahn gewählt, die Schwester Erich Ludendorffs. Mit Frau Barbara Pernet konnte vor einigen Wochen - nach Recherchen (5, 6) Kontakt aufgenommen werden (4, 20). Und über sie können noch zahlreiche familiäre Überlieferungen in Erfahrung gebracht werden, was die engere und weitere Verwandtschaft betrifft, in die Erich Ludendorff durch seine erste Ehe kam.

Barbara Pernet ist eine Tochter des zweitältesten Sohnes von Erich Ludendorff, Heinz Pernet (1896-1973). Auch soll, wie sie sagt, ihre Nichte, eine Frau Regine, geborene Schuhmacher noch leben. Diese ist eine Enkeltochter von Margot Pernet, verheiratete Schuhmacher, also jenem "Prachtmädel" Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1913.

Der Autor dieser Zeilen hat mit Barbara Pernet Verbindung aufgenommen mit einem Brief vom 21. November 2012. Er hoffte, von ihr noch Fotos von den anderweitig behandelten (7) Möbeln Erich Ludendorffs erhalten zu können. Daraus ergab sich freundlicherweise ein längeres Telefonat am 24. November. Diesem Telefonat konnten noch zahlreiche Auskünfte über die Nachkommen Erich Ludendorffs entnommen werden. Und ihre Zusendung vom 25. Januar 2013 gab Anregung zur weiteren Erarbeitung des vorliegenden Beitrags. Auch dann, wenn Frau Pernet bedauerte, kaum noch Zeugnisse vom Leben ihrer Großmutter und ihres Vaters zu besitzen. Auch nicht solche, auf denen Möbel abgebildet sind. Sie schrieb nun:
Heute will ich Ihnen endlich die versprochenen Briefe schicken, die mein Vater als kleiner Kadett schrieb. Es tut mir leid, daß ich Ihnen sonst nicht weiterhelfen kann.
Beigelegt waren aber außerdem noch zwei bisher unbekannte Fotografien von Margarete Ludendorff, ihrer Großmutter, der ersten Ehefrau Erich Ludendorffs.

Margarethe Ludendorff, eine Art "Grande Dame"

Diese Zusendungen ergaben Veranlassung für die Erarbeitung des vorliegenden Beitrages. Barbara Pernet hat seiner Veröffentlichung zugestimmt und dazu zuvor noch kleinere Korrekturen gemacht (20). Recht herzlichen Dank an sie auch an dieser Stelle noch einmal. Ihre Großmutter Margarete Ludendorff, die ja schon im Jahr 1936 gestorben ist, also vor der Geburt von Barbara Pernet, sei, wie sie erzählt, fast so etwas gewesen wie eine "Grande Dame", eine Frau, die Stil besessen hätte. Sie würde aus einem sehr reichen Elternhaus stammen. Barbara Pernet beschreibt sie als eine Frau, die Geld ausgeben konnte und die wußte, daß man dafür mit dem richtigen Mann verheiratet sein mußte. Die Lebenserinnerungen ihrer Großmutter, die schon in einem früheren Beitrag behandelt worden waren (7), empfindet die Enkeltochter als "peinlich". Die Ehefrau von Hans Ludendorff schrieb 1948 über sie (zit. n. 15, S. 77 oder 2, S. 105):
Seine erste Ehe mit einer geschiedenen Frau mit vier Kindern war für die Familie, vor allem für seine Mutter, ein harter Schlag. ... Seine Frau war als Erscheinung die Grazie in Person, allerdings überelegant und in der ersten Zeit betäubend stark parfümiert zu aller Entsetzen, aber sehr liebenswürdig und gesellschaftlich gewandt und bestrickend, aber sonst auch nichts weiter! Was Onkel Erich bewogen hat, gerade sie zu heiraten, ist uns immer ein Rätsel geblieben. Er hätte überall Erhörung gefunden ... Wann er dahinterkam, daß sie schwerstens morphiumsüchtig war, wissen wir nicht; aber es war wohl schon in den ersten Ehejahren.
Auch der viel schreibende Publizist Egon Jacobsohn (1895 - 1969) hat in seinen Erinnerungen ein sehr positives Bild von Margarete Ludendorff gezeichnet. Allerdings wird der Quellenwert seiner Erinnerungen als außerordentlich unsicher gelten müssen. Mitte der 1920er Jahre hat er als 20-jähriger Journalist unter anderem für die Ullstein-Presse gearbeitet. Er konnte sich dabei laut seiner Erinnerungen - offenbar trotz seiner jüdischen Herkunft - recht frei in den Münchner völkischen Kreisen bewegen. Dabei konnte er, wie er berichtet, im Jahr 1924 sogar mehrmals mit Erich Ludendorff und Adolf Hitler zusammen treffen und danach über diese Begegnungen ironische Artikel für seine Zeitungen schreiben. Er schrieb unter Pseudonymen wie "Sine nomine". Nach 1935, als Emigrant, nannte er sich Egon Jameson. Seine Erinnerungen schließlich erschienen unter dem Namen "Kunz von Kauffungen". Auch nach dem Zweiten Weltkrieg hat er noch viele heitere Bücher geschrieben, etwa "Karriere-Berater", und auch noch mehrere Bildbände über das Berlin der 1920er Jahre.

Wenn man seine Erinnerungen im Detail überprüfen würde, würde sicher besser als bei einer oberflächlichen Lektüre festzustellen sein, wie hoch der Anteil von Wahrheit und Dichtung in denselben ist. Egon Jacobsohn war interessanterweise auch ein früher Schüler der Odenwaldschule, in deren Geschichte Dichtung und Wahrheit ja ebenfalls mitunter merkwürdige Verbindungen eingegangen sind. Jedenfalls versteht er es munter und anschaulich zu schreiben. Er beschreibt die Münchner politische Szene vor allem mit den damaligen völkischen Kreisen als durchgängig unkultiviert. Und er fährt dann fort (9, S. 95):
Aber als Gegenpol residierte im Erzbischöflichen Palais Kardinal Faulhaber, einer der kultiviertesten, geistvollsten und weitsichtigsten Kirchenfürsten unseres Jahrhunderts.
Nun, so wird man wohl auch sonst wenig differenzierte Darstellung von ihm erwarten. Er will nun bei einem Vortrag von Mathilde von Kemnitz anwesend gewesen sein, den diese in der Villa von Erich Ludendorff in Prinz Ludwigshöhe gehalten habe nach dem Ende des Hochverratsprozesses gegen Ludendorff und Hitler. Dabei kann es sich eigentlich nur um den schon damals veröffentlichten Vortrag "Der göttliche Sinn der völkischen Bewegung" handeln, den sie am 9. April 1924 aus Anlaß des 59. Geburtstages von Erich Ludendorff in dessen Haus gehalten hatte. Jacobsohn aber berichtet in seinen Erinnerungen nun über ganz andere Inhalte ihres Vortrages als darin enthalten und faßt dabei wohl die Lektüreergebnisse zusammen, die er sich im Laufe seines weiteren Lebens dann über Mathilde Ludendorff so zusammen gesammelt haben mag. So unzuverlässig wie er den Inhalt dieses Vortrages wiedergibt, wird darum auch die übrige Schilderung dieses Abends sein. Er beschreibt die anwesende Gesellschaft der völkischen Anhänger und kommt dann - sozusagen - "per aspera ad astra", "durch Nacht zum Licht" bei Margarethe Ludendorff an (9, S. 100):
Einen erfreulichen Gegensatz zu diesen Gestalten bildete Margarete Ludendorff, die Frau des Gastgebers, die die Gäste mit vollendeter Liebenswürdigkeit und Grazie begrüßte. Sie war eine geborene Bolle, die Tochter des Berliner "Klingelbolle". (Dieser hatte seinen Namen erhalten, weil er der Besitzer einer Großmolkerei war, deren Wagen täglich von Haus zu Haus fuhren und ihr Nahen durch Läuten ankündigten.) Ganz anders als ihre Nachfolgerin war diese erste Frau Ludendorff eine hochgebildete, äußert kluge, grazile und charamante Persönlichkeit. Auch Ludendorff selbst machte auf mich im ersten Augenblick gar keinen schlechten Eindruck ...
Margarethe Ludendorff war nicht eine Tochter des bedeutenden Berliner Unternehmers Carl Bolle (1832 - 1910). Vielmehr war ihr erster Ehemann Carl Pernet Direktor bei dem "Bolle"-Unternehmen, wie schon aus willkürlichen Google-Bücher-Ausschnitten hervorgeht (23, S. 56). Die zweite menschlich angenehme Ausnahmeerscheinung dieses Abends sei dann übrigens Gregor Strasser gewesen. Man hat das Gefühl, daß Egon Jacobsohn bei der Schilderung der damaligen Mathilde von Kemnitz weniger eigene Erinnerungen vor Augen standen, sondern eher die wenige Jahre später erschienene Karrikatur Olaf Gulbranssons von ihr. Und er schreibt (9, S. 102):
Ringsum lauschten alle andächtig; nur Gregor Strasser, in eine Ecke gelehnt, blickte unbeweglich zur Decke empor, während Margarete Ludendorff mit einem mokanten Lächeln dem Rauch ihrer in goldener Pinzette gehaltenen Zigarette nachsah.
Margarete Ludendorff kam erst ab dem Herbst 1924 in die ärztliche Behandlung von Mathilde von Kemnitz, wobei sie ja geradezu begeistert von ihr als Ärztin war, zumindest so wie es Mathilde Ludendorff in ihren Lebenserinnerungen berichtet. Über Mathilde von Kemnitz/Ludendorff schreibt er dann übrigens noch (9, S. 103):
Diese predigte nun unermüdlich für Hitler und seine völkischen Abenteurer; als sich der Wind später drehte, beschuldigte sie jedoch den "Führer", ein "Werkzeug überstaatlicher Mächte" zu sein; das "Weltjudentum" habe ihn eingesetzt, um Deutschland zu vernichten. Sie hält - mit Recht - ihre Anhänger für so dumm, daß sie ihnen in ihrem Buch "Mein Leben" die These aufzutischen wagt, Hitler sei nur ein Instrument der jüdischen Weltverschwörung gewesen.
Seine Glosse über diesen Abend sei dann jedenfalls in der "Münchner Zeitung" unter dem Pseudonym "Sine nomine" erschienen. Und womöglich wäre diese etwas authentischer als die hier zitierten Erinnerungen.

Ein weiteres mal will Egon Jacobsohn mit Erich Ludendorff zusammen getroffen sein, als Adolf Hitler gerade aus der Landsberger Haft entlassen worden war und bei Ludendorff zum Kaffee eingeladen gewesen wäre. Im Grunde gibt er hier eine historisch ganz unglaubwürdige Darstellung, denn der Kontakt zwischen Ludendorff und Hitler war - nach anderwärts hier auf dem Blog behandelten Zeugnissen - nach Hitlers Entlassung aus Landsberg wohl nicht mehr ein so freundschaftlicher, daß man gemütlich vor "Kuchenbergen" beim Kaffee zusammen gesessen hätte, wie hier von Jacobsohn dargestellt. Außerdem soll Hitler während dieses Nachmittags - unter Bewunderung aller Anwesenden - vor Erregung eine Kaffeetasse an die Wand geworfen haben. Diese Aktion schließlich erst habe Jacobsohn von der Gefährlichkeit Hitlers überzeugt. Er schreibt (9, S. 141):
Lediglich Margarete Ludendorff und ich saßen benommen und schweigsam da. Später sagte Margarete zu mir: "So würde dieser Mensch mit uns allen umgehen, wenn er könnte. Er haßt doch jeden und liebt nur sich selbst." (...) Diese Szene hatte ich in meiner Glosse in der Münchner Post plastisch dargestellt.
Würde das stimmen, wird man wohl schon damals Papier als recht geduldig angesehen haben. Daß Adolf Hitler in Anwesenheit Ludendorffs Kaffeetassen an die Wand geworfen hätte, ist einem aus Biographien Hitlers sonst nicht in Erinnerung. Wie auch immer!

1908 - "Lieber Dicker hört sich doch viel besser an" - Kadettenbriefe

Barbara Pernet erzählt, die Ehe zwischen ihrer Großmutter Margarete und deren ersten Ehemann Carl Pernet (1866 - 1926) (richtiger vielleicht: Karl Maria Anton Robert Pernet) (21) sei gütlich beendet worden. Sie hätten sich nicht gestritten. Ihr Vater Heinz Pernet hätte zu seinem leiblichen Vater, dem Direktor der "Vereinigten Berliner Mörtelwerke", ein ähnlich gutes Verhältnis behalten, wie ab 1909 zu seinem Stiefvater Erich Ludendorff. Seinen (Stief-)Vater Erich Ludendorff habe ihr Vater immer sehr geliebt. Auch jenseits des Politischen. Es wäre ein sehr harmonisches Familienleben gewesen. Und dies wird ja auch schon durch die eingangs zitierten Familienbriefe gut belegt.

Abb. 2: Kadettenanstalt Schloß Bensberg im Bergischen Land (Wik)
Die Ehe zwischen Carl und Margarethe Pernet war am 17. Februar 1908 geschieden worden (15, S. 75). Alle drei Söhne von Margarethe Ludendorff besuchten die Kadettenanstalt. So wie der Sohn von Carl Bolle im Ersten Weltkrieg ein bekannter Jagdflieger im Richthofen-Geschwader werden sollte, wurden auch die drei Söhne Erich Ludendorffs Militärflieger. Eine solche Nähe zum Militärischen bestand also offenbar in den Berliner Unternehmerfamilien wohl auch schon unabhängig von der Bekanntschaft von Margarete Pernet mit ihrem zweiten Ehemann. Doch hatte auch Erich Ludendorff in seiner Jugend die Kadettenanstalt besucht. Wenn nun die genannten Kadettenbriefe des damaligen zwölfjährigen Vaters von Barbara Pernet, Heinz Pernet (1896-1973), auch inhaltlich nur sehr belanglos sind, so geben sie doch immerhin einen Farbtupfer zu dem Bild des Familienlebens von Erich Ludendorff in jener Zeit. Deshalb seien sie hier vollständig angeführt, wobei es wohl manche Unsicherheit in der Datierung derselben gibt. An seine Schwester Margot, genannt "Lotte", dem "Prachtmädel" Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1913, schrieb Heinz Pernet etwa:
Liebe Lotte.
Dies Briefpapier habe ich mir für Dich schenken lassen. Extra so schönes hell rotes. Meine Spindtür sieht sehr schön mit den Epauletts und Achselstücken aus. Ich werde es Dir mal hinten ungefähr raufzeichnen. Was lernt ihr jetzt in Französisch was nehmt ihr da durch wie gefällt dir Französisch.
Viele Grüße an die Mädchen.
Viele Grüße und Küsse Dein Dicker
- Das ist meine Spindtür so ungef.
Die Kinder besuchten das Mommsen-Gymnasium in Charlottenburg (20). Die Zeilen werden sich also auf den dortigen Unterricht beziehen. Bei den "Mädchen" handelt es sich um die Hausmädchen, wie Frau Barbara Pernet sagt (4). Sie setzt zur Datierung dieses Briefes die Bemerkung "1905?" Das würde heißen, daß Heinz Pernet schon mit neun Jahren auf die Kadettenanstalt gegangen ist. Kann das stimmen? Womöglich sind alle diese Briefe doch eher um das Jahr 1908 herum geschrieben worden. Ein weiterer undatierter Brief lautet: 
Bensberg
Liebe Lotte!
Ich erwarte in jedem Brief ein Briefchen, aber jedesmal hoff ich daneben. Schreib mir bitte mal wie es auf der Hochzeit war. Denke mal wir haben heute 10 Luftballons gesehen alle hinter ein ander. Ich habe gehört, daß Max weg ist? Ist das wahr? Was nehmt ihr jetzt in Französisch durch? Wie geht es Dir denn mir geht es sehr gut. Wie heißt der neue Diener?
Viele Grüße an die Mädchen dein Dicker
Heinz Pernet besuchte also die preußische Kadettenanstalt auf dem Schloß Bensberg im Bergischen Land (heute Nordrhein-Westfalen). Es wurde von 1840 bis 1918 als Kadettenanstalt genutzt (s. Abb. 2). Wenn es sich bei der erwähnten Hochzeit um die zwischen seiner Mutter und Erich Ludendorff im August 1909 handelte, wäre die Datierungsfrage geklärt. Dann wäre Heinz Pernet zu diesem Zeitpunkt 13 Jahre alt gewesen. Max wird der vorherige Diener gewesen sein. Durch die Heirat konnte sich natürlich auch in der Zusammensetzung der Dienerschaft die eine oder andere Änderung ergeben, zumal wohl auch Erich Ludendorff einen Diener oder "Leibburschen" mit in die Ehe brachte.

Wenn der zwölfjährige Heinz Pernet im März 1908 - kurz nach der Scheidung seiner Eltern - an seine "Eltern" schreibt, wird damit wohl noch sein Vater Carl Pernet gemeint sein: 
Bensberg, 1. März 1908
Liebe Eltern!
Vielen Dank für den lieben Brief und das kleine Paket. In dieser Woche habe ich eine 5 in Rechnen, Latein und Deutsch. In dieser Woche bin ich auch nicht gemeldet worden. Die Strümpfe, welche du mir geschickt hast, halten jetzt bei unserem naßkalten Wetter schön warm bei uns ist in dieser Woche, einen Tag regnet es, den anderen Tag schneit es, den dritten Tag mal wieder schön, also richtiges Aprilwetter. Maychen hat mir auch geschrieben. Jetzt sind unsere Hosen runtergestempelt (?) worden, da sehen wir viel anständiger aus. Ich schicke euch eine gepreßte Pflanze mit, ich weiß aber nicht wie sie heißt und ein ganz bischen Heidekraut für Stietzchen.
Viele Grüße und Küsse euer Dicker
Maychen war, wie Frau Babara Pernet weiß, die Kinderfrau. An den ein Jahr älteren Bruder Franz schreibt er:
Liebes Stietzchen
Vielen Dank für den lieben Brief. Mir geht es gut. Du hast dich sicher auf dem Maskenball amüsiert. Maychen hat mir geschrieben. Bitte schreib doch nicht immer lieber Heinz sondern lieber Dicker es hört sich doch viel besser an - und Erich auch
Dein treuer Dicker
Und an den zwei Jahre jüngeren Erich:
Lieber Erich
Vielen Dank für den Brief. Du bekommst zu deinem Geburtstag eine schöne Ansichtskrate welche ich schon besorgt hab. Aber du brauchst dir doch keine Spielsachen mehr zu wünschen, wenn du Kadett werden willst; paß mal auf im Corps brauchst du so viele Sachen, welche du dir zu deinem Geburtstag wünschen kannst, z.B. 1 Messer und dazu einen Sieg..l (?), denn solche die es hier gibt sind teuer und nichts wert, alles was es hier gibt taugt nicht viel. Kapelle spielen kannst du ja, aber nicht so laut und nicht immer nä nä, was du da immer singst, denn erstens sind keine Türen vor den Aborten dann schallt es mächtig. Jetzt ist es erlaubt auf dem Abort zu sprechen, aber wenn du kommst dann kann es wieder verboten werden.
Viele Grüße dein treuer Bruder Heinz
Viele Grüße an die Mädchen. Am 14. März kommt Maychen wieder nach Berlin zurück.
Erich Pernet wurde am 5. März 1908 zehn Jahre alt. Erich Ludendorff übrigens ist erst mit zwölf Jahren in die Kadettenanstalt gekommen (3, S. 5). Soweit diese Briefe.

1913 - Regimentskommandeur in Düsseldorf

Wilhelm Breucker, 1913 Bataillonsadjutant im Düsseldorfer Regiment Ludendorffs, erinnert sich (24, S. 32):
Ludendorff wurde allmählich warm im Regiment und im Offizierskorps. Dazu trug nicht wenig seine charmante und gütige Frau bei, die so ganz anders war, als man sich eine "Kommandeuse" vorstellt. Sie lebte, wenn auch damals schon leidend, in glücklicher, harmonischer Ehe mit ihrem Mann. Ihren vier Kindern aus ihrer ersten Ehe (...) war der Stiefvater ein wirklicher Vater, der sie mit zärtlicher Liebe umgab. Dieses familiäre Glück teilte sich uns allen mit, die wir häufige Gäste im Hause unseres Kommandeurs sein durften. Waren wir in kleinem Kreise, dann zog Ludendorff sich meist nach Tisch in sein Arbeitszimmer zurück, und wenn wir Leutnants ihm folgten, dann gab er uns zuweilen einen Einblick in die Generalstabsarbeit und erzählte uns von seinen schweren Kämpfen um die Wehrhaftmachung Deutschlands. (...) In solchen Stunden erlebten wir einen ganz anderen Ludendorff.
Ob diese Darstellung nicht doch auch ein wenig von der Darstellung im Buch "Als ich Ludendorffs Frau war" beeinflußt ist, muß natürlich dahingestellt bleiben. Beider Darstellungen ähneln sich jedenfalls sehr (s.: 8). Weiter schreibt Breucker (24, S. 35):
Ist es nicht ein schönes Zeichen für einen Regimentskommandeur, daß wir jungen Leutnants ihn "Vater" nannten und daß mancher von uns in Frau Margarethe Ludendorff bis zu ihrem Tode eine in Freud und Leid bewährte Freundin gefunden hat?
Die Worte von Wilhelm Breucker sollten allerdings auch nicht auf die Goldwaage gelegt werden. Denn in dem gleichen Buch äußert er sich auch außerordentlich kritisch, ja, haßerfüllt über Ludendorff. Scheinbar haben viele, die den Ludendorff nach dem Jahr 1926 kritisch gesehen haben, das Bedürfnis gefühlt, einen ganz anderen Ludendorff in der Zeit davor herauszuheben.

Abb.: 4: Pension Tscheuschner, Kurfürstenstraße 112, Berlin (1909)
1914 bis 1918 - Berlin, Kurfürstenstraße 112

Wie Margarethe Ludendorff den Kriegsbeginn, die Kriegs- und Nachkriegszeit erlebte entsprechend ihrer Erinnerungen (10), ist schon in einem anderen Beitrag dargestellt worden (8). Erich Ludendorff hat sich in seinen Kriegs- und Lebenserinnerungen nur sehr kurz über seine Frau und seine Kinder geäußert. In seinen "Kriegserinnerungen" aus dem Jahr 1919 erwähnt er seine Familie bei der Schilderung des Kriegsbeginns im Jahr 1914. Er erlebte ihn als Brigadekommandeur in Straßburg (12, S. 23):
Meine Frau war sogleich nach Berlin abgereist, da alle Offizier- und Beamtenfamilien Straßburg verlassen mussten. Wir haben während der vier Kriegsjahre uns kein eigenes Heim einrichten können. Ich konnte meine Frau nur ganz selten wie im Fluge sehen. Meine Familie ist zu kurz gekommen in dieser gewaltigen Zeit, da mich der Dienst dauernd band.
Während der Kriegsjahre lebte lebte Margarethe Ludendorff in Berlin in der Pension Tscheuschner in der Kurfürstenstraße 112, Ecke Keithstraße. Sie wurde von einem "Fräulein Tscheuschner" (auch "Tscheuchner") geleitet (24, S. 156). Die Pension lag sehr zentral. Heute sind es von dort etwa fünf Gehminuten zur "Urania", zum "Kaufhaus des Westens" oder zum Tiergarten. Noch heute liegen in dieser Gegend viele Hotels und Pensionen. Diese Gegend und die Kurfürstenstraße galten damals als eine "Verlängerung" des Kurfürstendamms. Wenn Erich Ludendorff in Berlin weilte, wohnte er ebenfalls in dieser Pension. Quer durch den Tiergarten sind es drei Kilometer Fußweg vom Generalstabsgebäude am Königsplatz zu dieser Pension. Vom Schloß Bellevue, wo es viele Besprechungen gab und wo Ludendorff am 26. September 1918 auch entlassen worden ist, sind es sogar nur zwei Kilometer Fußweg. Stephan Hermlin, dessen Elternhaus hier stand, sprach von einer damals sehr ruhigen Gegend, in der man das Läuten der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche hörte. (Mehr zu diesem Wohnort inzwischen in einem neuen Beitrag.)

Januar 1915 - "Meine schwer leidende Frau"

Am 1. Januar 1915 weilte Erich Ludendorff in Berlin und konnte den zurückgetretenen, vormaligen Generalstabschef Hellmuth von Moltke den Jüngeren (1848-1916), wie er ihm am Folgetag vom Schloß Posen aus  schrieb, nicht mehr besuchen (zit. n. 19, S. 199f):
Ich habe zu meinem großen Schmerz gestern zu Euer Exzellenz nicht kommen können. Ich war bis 3 Uhr festgehalten und mußte dann zu meiner schwer leidenden Frau nach Schlachtensee hinaus, um endlich auch mit dem Arzt sprechen zu können. Um 7 Uhr Abend verließ ich Berlin, um noch rechtzeitig hier zu sein. (...) Der Herr v. Falkenhayn ist ein Unglück für uns,
schreibt Ludendorff dann über jene Gesprächsthemen weiter, die beide Briefschreiber damals bewegten.

März 1916 - Konfirmation der Tochter in Berlin

Am 2. März 1916 schrieb Erich Ludendorff zwecks Verabredung mit dem Parteiführer der Nationalliberalen Partei (zit. n. 2, S. 205):
Ich (werde) vom 11. bis 14. III. In Berlin sein. Hochzeit des Prinzen Joachim. Einsegnung meiner Tochter und verschiedene Rücksprachen mit Berliner Behörden. (…) Ich wohne Kurfürstenstraße 112 und halte es nicht für ausgeschlossen, dass ich beobachtet werde. Ich bitte deshalb, dass sich die Herren ohne Namensnennung bei mir anmelden.
Der Historiker Nebelin hat noch mehr Hinweise darauf, dass Ludendorff und der Reichskanzler im Auftrag des Generals von Falkenhayn vom damaligen militärische Geheimdienst beobachtet worden sind.

September 1917 - Der älteste Sohn fällt

Alle drei Söhne Margarethe Ludendorffs sind während des Ersten Weltkrieges Militärflieger geworden. Im September 1917 fiel der älteste Sohn Franz Pernet (Frontflieger.deFlieger-Album.de). Erich Ludendorff berichtet in seinen Kriegserinnerungen von 1919 (12, S. 384):
Schwer traf mich der Heldentod meines ältesten Sohnes oder richtiger des ältesten Sohnes meiner Frau aus ihrer ersten Ehe. Eigene Kinder habe ich nicht. Ich hatte meinen Sohn, mit dem mich, wie mit seinen Geschwistern innige Zuneigung verband, noch kurz vorher frisch und blühend, begeistert für seinen Beruf und sein Vaterland, in Lille gesehen. Er wurde im Luftkampf über dem Kanal abgeschossen. Erst nach Wochen fanden wir den Leichnam angespült an der holländischen Küste.
Der Leichnam von Franz Pernet wurde nach Berlin überführt und unter großer Anteilnahme der Berliner Bevölkerung auf dem Friedhof der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin, westlich des Charlottenburger Schlosses bestattet. (Womöglich lagen oder liegen dort auch die Eltern von Erich Ludendorff.) 

Januar 1918 - Heirat der Tochter in Berlin

In Kiel lebte die Schwester von Margarethe Ludendorff, Paula Brachmann, geborene Schmidt. Sie hatte drei Töchter und einen Sohn. Womöglich hat die Tochter von Margarethe Ludendorff, Margot, Ludendorffs "Prachtmädel" aus dem Jahr 1913, während des Ersten Weltkrieges längere Zeit dort bei ihrer Tante Paula und ihren drei Cousinen verbracht. Barbara Pernet erzählt, dass ihre Tante Margot, die Schwester ihres Vaters Heinz Pernet, in der Familie immer nur "Lotte" genannt wurde (4). Jedenfalls lernte sie einen Marineoffizier aus Kiel kennen, Ernst Schuhmacher (1881-1952) (Wiki), den sie - wohl - am 3. Januar 1918 heiratete.

Abb.: "Hochzeit im Hause Ludendorff am 3. Januar" 1918
Diesen Kurt Schuhmacher wünschte sich sein Schwiegervater Erich Ludendorff noch Anfang 1919 als Schreibkraft in Schweden (siehe unten). Er scheint also eine ganz gute Meinung von ihm gehabt zu haben. Eine Fotografie "Hochzeit im Hause Ludendorff" wurde im Januar 1918 in der "Illustrierten Zeitung" und in anderen Zeitungen veröffentlicht (Ebay-Angebote 2008, 2016 und 2017). Bei den abgebildeten Personen handelt es sich um (in Klammern hinzugefügt Vermutungen unsererseits):
Von links nach rechts sitzend: Hptm. Schumacher (Vater des Bräutigams), Fr. Margot Schumacher (Braut), Kapitänleutnant Schumacher (Bräutigam), Fr. General Ludendorff (Brautmutter), Frl. Heyl (Trauzeugin?), Fr. Hptm. Breucker (Trauzeugin?).

Stehend: Lt. Heinrich Pernet (Bruder der Braut), Fr. Hptm. Schumacher (Mutter des Bräutigams), Fr. Dr. Schumacher, Dr. Schumacher, Fr. Prof. Ludendorff (Stieftante der Braut), Frl. v. Zitzewitz, Fr. Brachmann, Frl. Schumacher, Geh. Konsistorialrat Conrad, Generalarzt Brachmann, Unterstaatssekretär Erz. Jahn, Fr. Jahn, General Ludendorff, Lt. Erich Pernet (Bruder der Braut), Hptm. Breucker, Oberlt. Lingemann.
Erich Ludendorff ist also von seiner Schwester Gertrud - verheiratete Jahn - und von seinem zweitältesten Stiefsohn Erich eingerahmt. Auf dieser Fotografie fehlt schon der älteste Sohn Franz Pernet und nur knapp drei Monate später, am 23. März 1918, sollte Erich Pernet ebenfalls fallen (Frontflieger.deFlieger-Album.de). Steht auf seinem jungen Gesicht eine Art Ahnung, dass er nicht mehr lange zu leben haben würde?

Abb. 5: Erich Pernet, genannt "Pieckchen", gefallen am 23. März 1918
Erich Ludendorff schreibt über die von ihm geleitete Märzsoffensive des Jahres 1918 in seinen Kriegserinnerungen (12, S. 484):
Mich selbst hatte die Schlacht viel gekostet. Der jüngste Sohn meiner Frau war am 23. März als Fliegeroffizier gefallen. Er galt zunächst als vermißt. Auf dem weiten Schlachtfelde fand sich ein Grab mit der englischen Aufschrift: Hier ruhen 2 deutsche Fliegeroffiziere. Ich hatte die traurige Aufgabe, meinen Sohn festzustellen. Jetzt ruht er in deutscher Erde. Der Krieg hat mir nichts erspart.
Damit ist Erich Pernet ("Piekchen") gemeint, dessen Leichnam im April 1918 geborgen werden konnte. Erich Ludendorff schrieb darüber an Margarethe unter anderem (zit. n. 15, S. 338):
Wir alle erkannten unser Pieckchen. Deinen Schal hatte er um, es waren seine Hände, die er nun gefaltet hielt ... Nun müssen wir eine 4. Stelle auf dem Kirchhof uns bestellen. (...) Eins kann ich Dir nur sagen, ich habe den Jungen zu lieb gehabt. Wie wir das letzte mal zusammen waren, sagte er mir noch, Vater, was habe ich für eine schöne Jugend gehabt, Düsseldorf war zu schön. Er war so erfüllt von seinem Beruf, er ging an alles mit so großem Ernst. Alle Herren mochten ihn hier so gern.
Und in einem späteren Brief (15, S. 339):
Zwei liebe Söhne hat Dir der Krieg genommen, zwei liebe Kinder habe ich verloren. (...) Ich habe die beiden so liebgehabt, weil es so liebe Menschenkinder waren, so gewissenhaft und so tapfer und so lieb. ... Den Schal, den Du ihm gemacht hast, den nimmt er mit zur ewigen Ruhe.
Erich Ludendorff ließ ihn zunächst in seine Nähe nach Belgien überführen. Zur Begründung schreibt er darüber an seine Frau im Hochsommer (zit. n. 15, S. 339; 2, S. 424):
Wenn ich Dir damals unser Pieckchen nicht schickte, das war Egoismus. Ich wollte ihn hier behalten. Ich gehe oft zu ihm. Und dann will ich dabei sein, wenn er in Berlin bestattet wird, das war mir damals nicht möglich. Du kannst sicher sein, daß er hier gut ruht, und mir ist es ein liebes Gefühl, ihn hier zu haben. Du hattest in Berlin ja unseren Franz, und Du weißt, wie ich Pieckchen geliebt habe.

Abb. 6: Margarethe und Erich Ludendorff, Weihnachten 1918 in Schweden (aus: 11, S. 361)
Am 26. Oktober 1918 ließ Erich Ludendorff zwei Stunden nach seiner Entlassung Wilhelm Breucker zu sich kommen. Dieser berichtet (24, S. 61):
Ich fand ihn, in einem Kriminalroman blätternd, in der Pension Tscheuscher in der Kurfürstenstraße, in der seine Frau seit Kriegsbeginn wohnte. Ludendorff erzählte mir mit tiefster Erbitterung das Vorgefallene, erhob Vorwürfe gegen den Feldmarschall, der ihn ihm Stich gelassen habe, und machte sich lustig über die Illusionen des Kaisers, der sich einbilde, "mit den Sozialdemokraten ein neues Reich aufbauen zu können". Er schloß: "Passen Sie auf, in vierzehn Tagen haben wir keinen Kaiser mehr!"
Ludendorff fuhr dann noch einmal ins Hauptquartier nach Spaa in Belgien, um sich von seinen Mitarbeitern zu verabschieden und seine persönlichen Angelegenheiten zu regeln. Offenbar überführte er auf der Rückfahrt von Spaa auch den Leichnam von Erich Pernet nach Berlin, wo er neben seinem Bruder beigesetzt wurde.

Zu Weihnachten 1918 besuchte Margarethe Ludendorff ihren Mann in Schweden (Abb. 5). Am 23. Dezember 1918 schreibt er aus Schweden an Wilhelm Breucker über seine Arbeit an dem Manuskript von „Meine Kriegserinnerungen“ (24, S. 168):
Meine Arbeit geht flott, nur kann sie kein Mensch lesen, mir fehlt Schreibmaschine an allen Enden. F. (Hauptmann Fischer) hilft, aber es geht zu langsam. Ich denke manchmal an Ernst (Schumacher, Schwiegersohn Ludendorffs), in 14 Tagen wäre alles gemacht.
Er scheint also recht gut von seinem Schwiegersohn gedacht zu haben. Im neuen Jahr schrieb er auch an seine Tochter Margot (zit. n. 15, S. 381):
Was mir aus tiefster Seele fehlt, ist die Heimat und die Arbeit für mein verlassenes Land.
1919 - „Meine Frau ist leidend geworden und muss in eine Klinik“

In Briefen an Wilhelm Breucker nannte Ludendorff seine Frau "Marga". Etwa zwei Wochen später, im neuen Jahr schrieb Ludendorff aus Schweden an Breucker (24, S. 172f; 11, S. 44):
Denken Sie sich, hier will man, daß ich nach Finnland jetzt weiterreisen soll, das paßt mir gar nicht. Meine Frau ist leidend geworden und wird ihre Reise dorthin nicht fortsetzen können. Vorläufig ist sie überhaupt nicht reisefähig und muß dann nach Deutschland in eine Klinik. Wenn ich auch hoffe, das Ganze ist nicht so schlimm, so kann ich sie jetzt noch nicht verlassen. Ich habe deshalb gesagt, ich wolle erst später weiterreisen. Ich bin nun gespannt, wie alles wird.
1919 wohnten Erich und Margarethe Ludendorff bis zum Kapp-Putsch 1920 südlich des Tiergartens (8, 10, 27). 1920 zogen sie dann nach München, in die Nähe von Erich Ludendorffs Schwester Gertrud. Dort nahmen dann Erich Ludendorff und sein Sohn Heinz Pernet am Putsch am 9. November 1923 teil.

1923 – Der Hitler-Ludendorff-Putsch

Eineinhalb Wochen später, am 18. 11. 1923, antwortet Ludendorff Wilhelm Breucker auf dessen Fragen zu den Hintergründen des Putsches, die er an Ludendorffs Schwester gesendet hatte, in einem längeren Brief. Von diesem soll hier nur der Anfang gebracht werden (24, S. 101, 188):
München, Heilmannstr. 5, 18/ii
Lieber Breucker!
Heute brachte mir meine Schwester Ihren Brief v. 18. Sie werden aus den .... Veröffentlichungen klar sehen. Auch werden .... Ihnen noch dies oder jenes bringen. Kahr hat nicht einmal den Versuch gemacht, Hitler irgendwie abzureden ...
Danach waren Erich Ludendorff und Heinz Pernet Angeklagte beim Hochverratsprozeß in München (Abb. 6). Heinz Pernet wurde zu einem Jahr Festungshaft verurteilt, die er zusammen mit Adolf Hitler verbrachte. Spätestens von daher gab es seither auch eine gute Bekanntschaft zwischen ihm und Adolf Hitler (20).

Abb. 7: Heinz Pernet ganz links unter den Angeklagten im Hochverratsprozeß in München, 1924 (Wiki)
Auf dem berühmten Foto der Angeklagten des Hochverratsprozesses steht ganz links Heinz Pernet und ganz rechts steht Leutnant Robert Wagner, der spätere Gauleiter von Baden und dem Elsaß. Hinter Röhm und Hitler steht Oberleutnant Wilhelm Brückner, der spätere Chefadjutant Adolf Hitlers. Im Besitz von Heinz Pernet, bzw. seiner Tochter Barbara befindet sich noch ein Foto, möglicherweise vom gleichen Tag, auf dem Heinz Pernet, Robert Wagner und Wilhelm Brückner zusammen fotografiert worden sind (siehe nächster Beitrag).

1924 – Mathilde von Kemnitz übernimmt die Behandlung von Margarethe Ludendorff

Im Mai 1924 wurde Erich Ludendorff Reichstagsabgeordneter in Berlin (siehe andere Beiträge). Mathilde Ludendorff berichtet im fünften Band ihrer Lebenserinnerungen über den Juni 1924 (1967, S. 14 - 22):
Schon im Juni dieses Jahres (...) hatte ich eines Abends einen Eilbrief Ludendorffs vorgefunden mit der Nachricht, daß seine Frau meiner sofortigen ärztlichen Hilfe bedürfe. (...) Einige Monate später sollte sich dies Rätsel sehr traurig lösen. Als ich im Herbst von einer Vortragsreise zurückkehrte (...) fand ich so Trauriges.
Sie erfuhr nämlich nun von der Morphiumsucht von Margarethe Ludendorff:
Die Einzelheiten, die ich an jenem Abend aus dem Munde Ludendorffs erfuhr, erschreckten, ja entsetzen mich. Wohl weiß z.B. die Welt, dass Erich Ludendorff in allen Kriegsjahren (...) nur ein einziges Mal vier Tage Urlaub nahm. Aber dass er sich diese kurze Spanne Zeit nur deshalb gönnte, weil die Verhältnisse ihn zwangen, seine Frau selbst in eine Entziehungsanstalt zu bringen (...), das weiß die Welt nicht. 
All das wird dann über viele Seiten hinweg geschildert. Insbesondere ist auch von einem wohl fast zügellosen Haß der Morphiumsüchtigen auf ihren Ehemann die Rede, der sich immer wieder in heftigen Vorwürfen und Worten Ausdruck verschaffte, was sich Erich Ludendorff aber anteilnahmslos anhörte.

Die Psychiaterin Mathilde von Kemnitz übernahm dann für neun Monate, vom Herbst 1924 bis zum Sommer 1925, die ärztliche Behandlung von Margarethe Ludendorff. Dazu suchte sie diese zwei mal wöchentlich von Tutzing aus in Prinz Ludwigshöhe auf.

1925 – Heinz Pernet wird Mitarbeiter des „Goldmachers“ Tausend

Anfang 1925 kam Erich Ludendorff in die Angelegenheit mit dem „Goldmacher“ Franz Tausend (1884-1943) hinein. Er schickte zunächst seinen Stiefsohn Heinz Pernet zu diesem. Als es 1931 zum Betrugsprozeß gegen Tausend kam, in dem Tausend als Betrüger verurteilt wurde, wurde in der Presse über den Prozeß berichtet (zit. n. 28, S. 59):
Zeuge Heinz Pernet-Berlin bekundet, er sei von seinem Stiefvater, dem General Ludendorff, ersucht worden, sich die Tausendsche Sache anzusehen … er glaube nicht, daß Tausend betrogen habe, sondern er könne, was er sagte. Er, Zeuge, habe auch mit reinem Blei gearbeitet und kleine Erfolge gehabt … Über sein Verhältnis zum Verein sagte der Zeuge, daß er mit einem Monatsgehalt von 400-500 Mark angestellt war.
Interessanterweise erzählt seine Tochter Barbara Pernet, daß ihr Vater seinen Töchtern gegenüber nie etwas von diesem Franz Tausend erzählt hätte. Sie erfuhr es erst aus dem vorliegenden Beitrag (20).

1925 – Erich Ludendorff lässt sich scheiden

Inzwischen sollte im Sommer 1925 die Behandlung von Margarethe Ludendorff durch Mathilde von Kemnitz beendet werden. Margarethe Ludendorff war zu diesem Zeitpunkt durch die Behandlung fast gänzlich entwöhnt worden vom Morphium, auf 1/40 der Anfangsdosis. Doch nun gab es unvorhergesehener Weise einen plötzlichen, heftigen Rückfall dadurch, dass Margarethe Ludendorff von einem früheren Arzt wieder Morphium erhielt. Nach diesem Vorfall weigerte sich Mathilde von Kemnitz, die Behandlung fortzusetzen. Sie konnte nun aber die zuvor nicht zu erlangende Einwilligung von Margarethe Ludendorff bekommen, eine Entziehungsanstalt aufzusuchen, insbesondere dadurch, dass sie Margarethe Ludendorff an ihre Kinder erinnerte.

Kurz danach hat sich Erich Ludendorff, wie Mathilde Ludendorff in ihren Lebenserinnerungen schildert - betroffen von dem entsetzten Blick der behandelnden Ärztin auf seine Ehe - zur Scheidung entschlossen, an die er zuvor zwar schon oft gedacht hatte, die er aber um der Kinder willen nicht durchgeführt hatte. Am 10. April 1926 schrieb er aus München an Wilhelm Breucker über seine Scheidung (24, S. 192):
Ich habe mich schwer zu dem Schritt entschlossen, aber ich konnte das Leben nicht mehr führen. Herzlich bitte ich Sie, erhalten Sie meiner Frau Ihre Freundschaft! Sie tut mir leid, aber ich vermag es nicht zu ändern.
Und an seinen Bruder Hans schrieb Erich Ludendorff (zit. n. 15, S. 75, dort leider undatiert):
Zu meiner Scheidung will ich Dir das Ende mitteilen. Ich hatte geklagt wegen Morphium und anderem, sprach dabei klar aus, dass ich die Ehe nicht wiederherstellen wollte. Hierin sah, wie ich es auch wollte, die Gegenseite eine Vernachlässigung der ehelichen Pflichten und klagte auf Scheidung auch ihrerseits. Darauf zog ich die Klage zurück und blieb dabei bestehen, dass ich die Ehe nicht wiederherstellen würde. So nahm ich die Schuld auf mich. Ich hoffe, dass ich jetzt in meinem Hause eine Heimat finden werde.
Und am 24. August 1926 schrieb er an Wilhelm Breucker (24, S. 192):
Ihnen und Ihrer lieben Frau teile ich mit, daß ich mich mit Frau v. Kemnitz wiederverheiraten werde.
Und am 21. September 1926 (24, S. 192):
Ich danke Ihnen für Ihren Brief und die Wünsche. Es ist für mich selbstverständlich, daß Ihre Freundschaft mit meiner ersten Frau kein Hinderungsgrund ist, unsere Freundschaft aufrecht zu erhalten.
Die Originale der von Wilhelm Breucker wiedergegebenen Ludendorff-Briefe haben sich leider bis heute nicht finden lassen (29).

1928 – Heinz Pernet trennt sich von dem „Goldmacher“ Tausend

Heinz Pernet war von 1925 bis 1928 Mitarbeiter des „Goldmachers“ Franz Tausend. Er glaubte auch noch im Jahr 1931 an dessen „Fähigkeiten“. Vor Gericht sagte er 1931 aus (zit. n. 28, S. 59):

Ich habe keinen Beweis dafür, daß Tausend betrogen hat, und daß er Gold nicht herstellen kann. Meinem Stiefvater, Herrn Ludendorff, habe ich dann Bericht erstattet … Mit dem Angeklagten kam ich meist gut aus; allerdings habe ich mich dann im März 1928 mit dem Angeklagten zerkriegt, Tausend wollte mich entlassen, der Verein erkannte jedoch meine Entlassung nicht an; ich wurde daraufhin mit Gehalt beurlaubt. Nun ging ich als Chemiestudent auf die Hochschule.

Auf Wikipedia steht über diesen Zeitabschnitt derzeit noch ein wenig verhüllend: „Anschließen übernahm er vom 15. April 1926 bis 30. November 1928 eine Stellung bei der Chemischen Studiengesellschaft in Freiberg.“ Laut seiner Tochter hat er danach aber nur einige Semester Chemie studiert und dann eine kaufmännische Tätigkeit bei Siemens übernommen. Im Jahr 1931 hat Heinz Pernet dann offenbar in Berlin gelebt.

Die Nachkommen von Margarethe Pernet

Aus der Ehe seiner Schwester Lotte (Margot) Schuhmacher waren zwischenzeitlich zwei Söhne hervorgegangen, Knut und Jürgen. Schon am 8. Dezember 1918 hatte Erich Ludendorff aus Schweden an Wilhelm Breucker geschrieben (24, S. 165):
Daß ich nun schon Großvater geworden bin, hat mich gefreut ... Als Großvater müßte man sich ausruhen, und ich fühle noch Kraft in mir zur Arbeit. Die Arbeit ist das, was Menschen und Volk hält, allerdings muß es ernste, mühevolle Arbeit sein.
Ob es sich hierbei um den Enkelsohn Knut gehandelt hat oder um ein früh verstorbenes erstgeborenes Kind, muß an dieser Stelle offenbleiben. Denn nach anderen Angaben wurde Knut im Jahr 1920 geboren und wird noch in München-Ludwigshöhe, wo die Familie Schuhmacher offenbar im Haus Erich Ludendorffs für längere Zeit wohnte, als jubelndes Kind bei den jährlichen Besuchen Hindenburgs genannt (10, S. 142f). Beide Söhne wurden dann während des Zweiten Weltkrieges Soldat. Jürgen galt als ein sehr sensibler Mensch. Er hat sich im Jahr 1945 - offenbar in Depression über das Kriegsende - das Leben genommen (20). (Da es mehrere Fälle von Selbstmord in der Familie Pernet gibt, ist eine erblicher Neigung auch in dieser Familie hierfür nicht unwahrscheinlich.)

Knut Schuhmacher hatte zusammen mit seiner Frau Renate eine Tochter Regine, die noch lebt, von der Barbara Pernet aber nicht weiß, wie sie heute heißt (4, 20).

Abb. 8: Erich Ludendorffs nächste Verwandte bis 1926 und ihre Nachkommen
Ihre Großmutter, so erzählt Barbara Pernet, wäre immer gerne unter Menschen gewesen. Auch nach ihrer zweiten Scheidung im Jahr 1925, nach der sie keine neue Beziehung eingegangen wäre, hätte sie in München-Solln, also im gleichen Stadtteil wie Ludendorff bis Ende 1932 - in einem netten Haus gelebt und gerne Menschen empfangen. Interessanterweise wäre hier auch einmal Adolf Hitler zum Tee gewesen. Und sie hätte danach gesagt, daß er "für einen Proleten" doch eigentlich recht gute Manieren hätte. Womöglich fand dieser Besuch statt in Zusammenhang mit den Bemühungen Hitlers, zu einer Versöhnung mit Ludendorff zu kommen, Bemühungen, die es offenbar schon im Herbst 1933 gegeben hat (siehe gleich).

Auch berichtet Barbara Pernet, daß sich ihre Großmutter vor ihrem Tod im Jahr 1936 doch noch von ihrer Morphiumsucht gelöst hat. Diese Angabe würde bestätigt durch die Angaben Mathilde Ludendorffs in ihren Lebenserinnerungen, nach der sie nicht nur in ihrer ärztlichen Praxis mehrere Morphiumsüchtige gänzlich hatte befreien können von ihrer Morphiumsucht und ohne daß diese Rückfälle gehabt hätten, sondern auch durch ihre Angabe, daß es ihr auch bei Margarethe Ludendorff gelungen sei, innerhalb der neun Monate ihrer Behandlung die anfängliche Morphiumdosis auf 1/40 herabgesenkt zu haben (13, S. 44).

Womöglich erschien Margarethe Ludendorff nach dieser Behandlung das Ziel der völligen Entwöhnung, das sie offenbar Jahrzehnte lang nicht hatte erreichen können, trotz des Rückfalls nun doch erreichbar und erreichte es später.

1936 – Tod von Margarethe Ludendorff

Barbara Pernet erzählt, daß ihr Vater Heinz Pernet in erster Ehe mit Getrud Behrmann aus Hamburg verheiratet war. Sie wurde 1907 geboren, starb aber schon 1935 bei der Geburt ihres ersten Kindes Manfred (4, 32).

Am 13. August 1936 starb Margarethe Ludendorff in München-Solln (21). Erich Ludendorff schreibt im dritten Band seiner Lebenserinnerungen (1955, S. 48):
Die geschiedene Frau Ludendorff schloß im August 1936 ihre Augen. Obschon ich ihren beiden noch lebenden Kindern weitgehend in einer Angelegenheit entgegenkam,

- welche das war, wird nicht mitgeteilt und ist einstweilen nicht bekannt -
weigerten sie sich später, meine Kriegsbriefe, die ich seinerzeit an ihre Mutter geschrieben hatte, herauszugeben; sie sind also wider meinen ausdrücklichen Willen in deren Besitz und würden auch nur wider meinen Willen irgendwie verwertet werden. Nur darum dieser Hinweis.

Wenn Barbara Pernet Anfragen vom Militärarchiv in Freiburg, heute Potsdam erhielt, dann war es meistens wegen dieser Briefe, wie sie berichtet. Aber sie könne keine Auskunft darüber geben, da sie über diese nichts wisse. Sie selbst hätte wegen der Bombennächte des Zweiten Weltkrieges mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter bei deren Familie auf dem Gut Reez bei Rostock Zuflucht gefunden. Die Familienwohnung in München wäre 1945 mitsamt Möbeln von den Amerikanern beschlagnahmt und ausgeräumt worden und es wäre aus der Zeit vor 1945 nichts Wesentliches erhalten, auch nicht bei ihren schon verstorbenen Schwestern, schon gar nicht bei drei Nichten in Südafrika, die wohl von der Familiengeschichte kaum etwas ahnten (20).

Wie sich zwischen 1926 und 1937 das Verhältnis von Erich Ludendorff zu seinen Kindern Heinz Pernet und Margot Schuhmacher gestaltete, erwähnen Erich und Mathilde Ludendorff, soweit übersehbar, in ihren Lebenserinnerungen ansonsten nicht. Aber die  eben zitierten Worte deuten doch auf kein sehr gutes Verhältnis mehr hin. Womöglich ist das Verhalten von Heinz Pernet in dieser Frage auch durch seine Nähe zu den Größen der bayrischen NSDAP mitbeeinflußt gewesen.

Um für seinen Sohn eine Mutter zu haben, hat ihr Vater sehr schnell erneut geheiratet, berichtet seine Tochter Barbara Pernet (4). Am 27. Oktober 1936 heiratete er laut Internet-Angaben (6) in Reez (ein Gut in Mecklenburg bei Rostock) die Krankengymnastin Christine von Plessen, geboren am 22. Februar 1906 in Reez, gestorben mit 61 Jahren am 29. August 1967 in Freiburg im Breisgau. Aus dieser Ehe stammten drei Töchter (4, 20):
  1. Gabriele Pernet (1937-2005), geboren in München (6, 4, 20),
  2. Barbara Pernet, geboren 1940 in München (6, 4, 20),
  3. Ehrengard Pernet (1941-2004), geboren in München (6, 4, 20).
1937 - Ein spannungsreiches Jahr aus der Sicht von Heinz Pernet

Der Sohn Manfred verunglückte tödlich in seinem zweiten Lebensjahr bei einem Sturz aus dem Fenster am 11. Juli 1937. Die Grabrede, so Barbara Pernet, hielt Ritter von Epp, als dessen Adjutant ihr Vater damals tätig war (4). Das war eine - was das Verhältnis von Erich Ludendorff und Adolf Hitler - betrifft, sehr spannungsgeladene Zeit (30). Nachdem Barbara Pernet an den Brief ihres Vaters an Adolf Hitler aus dem Jahr 1933 erinnert worden ist und an die geschichtlichen Zusammenhänge, in denen er geschrieben wurde, erinnert sie sich plötzlich auch einer interessanten Aussage ihres Vaters (20). Er habe ungefährt gesagt, es wäre gut gewesen, daß Erich Ludendorff 1937 gestorben ist und ein Staatsbegräbnis erhalten habe und niemand das Gesicht verloren habe. Denn das Spannungsverhältnis sei immer unerträglicher geworden (20). (Hoffentlich richtig sinngemäß wiedergegeben!)

Diese Worte lassen vermuten, daß Heinz Pernet doch sehr viel von den Vorgängen rund um Erich Ludendorff mitbekommen hat im Sommer 1937 (30) - und daß er sie fast eher aus der Perspektive  Adolf Hitlers beurteilt hat, als aus der seines Stiefvaters. Denn auch Hitler hat ja offensichtlich aufgeatmet, als Erich Ludendorff im Dezember 1937 starb (30). Diese Aussage wäre eine Illustration der spannungsreichen Geschehnisse des Sommers 1937 von ganz unerwarteter Seite.

Als Barbara Pernet 1940 geboren wurde, wurde als ihre Patentante dann interessanterweise, wie schon oben erwähnt, die Schwester Erich Ludendorffs gewählt, Gertrud ("Trudel") Jahn (1), die auch sehr alt geworden ist, wie ihre Patentochter sagt, und zu der ein gutes Verhältnis bestand. Auch dieser Umstand würde auf eine ähnliche Sichtweise von Heinz Pernet auf die Entwicklung von Erich Ludendorff deuten, wie sie auch Erich Ludendorffs Schwester Gertrud einnahm (siehe oben). Barbara Pernet berichtet, daß in ihrer Familie eigentlich ganz allgemein über Mathilde Ludendorff nicht sehr gut gesprochen worden wäre (20), wohl etwa in dem Sinne wie sich auch Gertrud Jahn geäußert hatte (siehe oben).

Während des Zweiten Weltkrieges war Heinz Pernet auf einem Fliegerhorst bei Flensburg eingesetzt gewesen und danach von 1945 bis 1948 in britischer Kriegsgefangenschaft.

Ihr Vater Heinz Pernet war ja Nationalsozialist gewesen und sie und ihre Schwestern hätten sich deshalb nach dem Krieg - trotz eines persönlich herzlich-familiären Verhältnisses (20) - viel rein politisch viel mit ihm gestritten (4). Und sie hätten sich deshalb auch lange Zeit nicht besonders für viele Details seines Lebens interessiert (4). Heinz Pernet ist aber laut seiner Tochter auch einigemale interviewt worden, auch vom Fernsehen (4). Im März 1967 gab er dem Historiker Georg Franz-Willing Auskunft (22, S. 81):
Pernet v. 13. u. 20. 3. 1967
Dessen Studie wäre auch noch einmal auf Einzelheiten durchzusehen. Aber Barbara Pernet weiß von keiner wissenschaftlichen Arbeit, die sich ausführlicher mit dem Leben ihres Vaters befassen würde (4). Auch sie selbst hätte schon einige Anfragen von Historikern bekommen, könnte aber nie besonders viel Auskunft geben (4).

Sie hat schon vorgesehen, daß die Kinderbriefe ihres Vaters und einige Familien-Fotografien nach ihrem Tod an das Deutsche Tagebucharchiv in Emmendingen gehen, wo Nachlaßbestandteile weniger bekannter Persönlichkeiten gesammelt werden (4).

Schluß

Eine Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts. Der von Erich Ludendorff 1909 eingegangenen Ehe hatte offenbar schon seine Mutter nicht aus vollem Herzen heraus befürwortend gegenüber gestanden. Aus dieser Ehe löste er sich 1925 aufgrund seiner Begegnung mit Mathilde von Kemnitz. Seine beiden Brüder Eugen und Hans Ludendorff konnten seinem geistigen Weg folgen, wie Erich Ludendorff schreibt, seine Schwester Gertrud nicht. Sein Sohn Heinz wiederum schloß sich der NSDAP an. Dies wurde dann wiederum von seinen drei Töchtern in der Familie stark kritisiert, wenn sie auch rein familiär ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater behielten, der auch sehr auf familiäre Harmonie bedacht gewesen ist (20).

Es deutet sich an, daß eine zusammenfassende Darstellung des Lebens von Heinz Pernet sinnvoll wäre, um viele der hier genannten Einzelheiten noch besser in ihren Gesamtzusammenhängen verstehen zu können.

(Dieser Beitrag wird ergänzt durch den nachfolgenden Beitrag.)
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  1. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938
  2. Nebelin, Manfred: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler Verlag, München 2010 
  3. Ludendorff, Erich: Mein militärischer Werdegang. Blätter der Erinnerung an unser stolzes Herr. Ludendorffs Verlag, München 1935 (Google Bücher)
  4. Bading, Ingo: Längeres Telefonat mit Frau Barbara Pernet am 24. November 2012; Zusendung von Frau Barbara Pernet vom 25. Januar 2013
  5. Heinz Pernet. Auf: http://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Pernet [24.11.2012]
  6. Restorff, Wulf von: Nachkommen von Johann v. Redekesdorpe. Auf: http://www.von-restorff.de/Ahnentafeln/Geneal_Info/redek_nach/redek_nach.htm [24.11.2012]
  7. Bading, Ingo: Möbel Erich Ludendorffs stehen zum Verkauf Erörterungen zu ihrer Echtheit und Überlegungen zur Möglichkeit einer musealen Verwendung. Studiengruppe Naturalismus, 22. Dezember 2012
  8. Bading, Ingo: Ludendorffs erste Frau. Ihre Erinnerungen als historische Quelle - beispielhafte Auszüge. Studiengruppe Naturalismus, 13.3.2012
  9. von Kauffungen, Kunz (d. i. Egon Jameson, bzw. Egon Jacobsohn): Ohne Maulkorb. Erlebnisse eines Nonkonformisten. Scherz-Verlag, Bern und Stuttgart 1964 (Google Bücher) (offenbar auch unter dem Titel "Wenn ich mich recht erinnere - Das Leben eines Optimisten in der besten aller Welten", Scherz-Verlag, Bern 1963)
  10. Ludendorff, Margarethe: Als ich Ludendorff's Frau war. Hrsg. von Walther Ziersch. Drei Masken Verlag A.-G., München 1929 (Google Bücher)
  11. Cavallie, James: Ludendorff und Kapp in Schweden. Aus dem Leben zweier Verlierer. Lang, Frankfurt am Main [u.a.] 1995
  12. Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914-1918. E. S. Mittler und Sohn, 1919, 1921 (Google Bücher
  13. Ludendorff, Mathilde: Freiheitskampf wider eine Welt von Feinden an der Seite des Feldherrn Ludendorff. V. Teil von: Statt Heiligenschein und Hexenzeichen mein Leben. Franz von Bebenburg, Pähl 1967 (Google Bücher)  
  14. Thoss, Bruno: „Ludendorff, Erich“, in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 285-290 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118574841.html
  15. Uhle-Wettler, Franz: Erich Ludendorff in seiner Zeit. Soldat, Stratege, Revolutionär. Eine Neubewertung. Verlagsges. Berg, Berg 1995 (Google Bücher)
  16. Wedel, Gudrun: Autobiographien von Frauen. Ein Lexikon. Böhlau-Verlag, Köln 2010 (Google Bücher)
  17. Venohr, Wolfgang: Ludendorff. Legende und Wirklichkeit. Ullstein 1993, TB 1998 (Google Bücher)  
  18. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. II. Band. Meine Lebenserinnerungen von 1926 bis 1933. Verlag Hohe Warte, Stuttgart 1951
  19. Zechlin, Egmont: Ludendorff im Jahre 1915. Unveröffentlichte Briefe. In: ders.: Krieg und Kriegsrisiko. Düsseldorf 1979
  20. Bading, Ingo: Einstündiges Telefonat mit Frau Barbara Pernet am 14. Februar 2013
  21. Scheele, Hans: Ahnentafel des Feldherrn Erich Ludendorff. [Ahnentafeln berühmter Deutscher, Band 5, Ausgabe 1] Zentralstelle, für Deutsche Personen- und Familiengeschichte, 1939 (12 S.) (Google Bücher)
  22. Franz-Willing, Georg: Putsch und Verbotszeit der Hitlerbewegung. Bd. 3: November 1923 bis Februar 1925. K. W. Schütz, 1977 (464 S.) (Google Bücher
  23. Helmut Engel, Volker Koop: Der Spree-Bogen. Carl Bolle und sein Vermächtnis. Brandenburgisches Verlags, 1995 (148 S.), 2011  (Google-Bücher)
  24. Breucker, Wilhelm: Die Tragik Ludendorffs. Eine kritische Studie auf Grund persönlicher Erinnerungen an den General und seine Zeit. Helmut Rauschenbusch Verlag, Stollhamm (Oldb) 1953
  25. Hermlin, Stephan: Corneliusbrücke. Erzählung. 1968
  26. Schlosser, Jan T.: „Falsche“ und „historische“ Wirklichkeit. Stephan Hermlins intertextueller Brückenschlag zu Paul Celan. In: Hjem, Nr. 20 (2006) (pdf)      
  27. Bading, Ingo: Ludendorff in Berlin 1919 und 1920 - "Eine schöne Wohnung in der Viktoriastraße, ganz in der Nähe des Tiergartens". Auf: Studiengruppe Naturalismus, 23. Januar 2012 
  28. Wegener, Franz: Der Alchemist Franz Tausend. Alchemie und Nationalsozialismus von von Kulturfoerderverein Ruhrg, 2006 (Google Bücher) 
  29. Gruchmann, Lothar: Ludendorffs „prophetischer“ Brief an Hindenburg vom Januar/Februar 1933. Eine Legende. In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 47/1999, S. 559 - 562 
  30. Bading, Ingo: Hitlers Mordpläne gegen Ludendorff im Sommer 1937 Aufsatz in zwei Teilen. Teil 1, Teil 2, Studiengruppe Naturalismus, 29. Januar 2013
  31. von Bebenburg, Franz Freiherr: Besprechung des Buches von Hartmuth Mahlberg (d.i. Johannes Marquardt) "Erich Ludendorff - Zum Gedenken seines 100. Geburtstag". In: Mensch & Maß, Folge 3, 9.2.1966, S. 138 - 143 
  32. Pernet, Barbara: Email-Zuschrift an den Autor vom 23.2.2013  
  33. Wächter, Dieter (d.i. Gunther Duda): Nationalsozialismus und Romkirche. Zum 120. Geburtstag Erich Ludendorffs. In: Mensch & Maß, Folge 7, 9.4.1985, S. 296f

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