"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Mittwoch, 1. Juli 2026

Ludendorff vor dem Volksgerichtshof im Jahr 1924

- In Skizzen des Justizrates Otto D. Franz
Sowie: Hinweis auf neue Quellenbestände zu den Jahren 1923 und 1924

Der vielseitige Rechtsanwalt, Künstler und Musiker Justizrat Otto D. Franz (1871-1963) (Würzbg.-Wiki) hat im Februar 1924 während der Verhandlungen vor dem Volksgerichtshof gegen die Führer des Hitler-Ludendorff-Putsches Skizzen angefertigt, die letztes Jahr Gegenstand einer Ausstellung im Staatsarchiv München waren (1).

Abb. 1: Erich Ludendorff bei seiner Verteidigungsansprache am 29. Februar 1924 - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz 

Otto D. Franz war im Jahr 1906 der Scheidungsanwalt des norwegischen Zeichners Olaf Gulbransson aus Anlaß der Scheidung von seiner ersten Frau.

1945 wurde eine Flüchtlingsfamilie bei Otto D. Franz einquartiert. Daraus entstand eine Freundschaft, die bis zum Tod des kinderlosen Franz anhielt. Nach mündlichen Berichten aus dieser Flüchtlingsfamilie war Franz im Jahr 1922 auch der Scheidungsanwalt der damaligen Mathilde von Kemnitz, spätere Ludendorff aus Anlaß der Scheidung von ihrem zweiten Ehemann Edmund Georg Kleine (1, S. 22).

Abb. 2: Erich Ludendorff während seiner Verteidigungsrede - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz

Auch wird aus dieser Flüchtlingsfamilie berichtet, daß er 1925 der Scheidungsanwalt Erich Ludendorffs gewesen sei. Beide Angaben können aus anderen, unabhängigen Dokumenten bislang weder bestätigt noch widerlegt werden (1).

Ab 1923 trug Otto Franz der den Titel "Justizrat". Er war nicht nur als Rechtsanwalt tätig, sondern wird auch als geselliger und humorvoller Künstler und Musiker beschrieben.

Abb. 3: Erich Ludendorff während seiner Verteidigungsrede - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz

Bei seinen Zeichnungen handelt es sich nur um Moment-Skizzen. Sie erheben wohl nicht den Anspruch, bedeutende Kunst zu sein.

Abb. 4: Erich Ludendorff am 27. April 1924 mit Unterschrift Ludendorffs - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz

Immerhin dürfen sie als Zeitzeugnisse gelten. Eine Skizze vom 27. April 1924 ließ sich Franz von Ludendorff unterschreiben (s. Abb. 4).

Abb. 5: Die Angeklagten Kriebel und Ludendorff - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz

Auf einer Zeichnung findet sich Ludendorff abgebildet zusammen mit seinem vormaligen Mitarbeiter in der Obersten Heeresleitung, Hermann Kriebel (1876-1941) (Wiki). Dieser ...

... war er im Stab Erich Ludendorffs, des Generalquartiermeisters der Obersten Heeresleitung (OHL), im Großen Hauptquartier in Bad Kreuznach (später nach Spa verlegt) tätig, u. a. von November 1917 bis Februar 1918 als Chef der militärischen Abteilung. Dort erlebte er mit, wie Ludendorff durch seine militärische Stellung und Verbindungen zu rechtskonservativen Kreisen politischen Einfluß auf die deutsche Regierungspolitik ausübte, ...

... nun, wohl eher versuchte auszuüben. Denn die Politiker in Berlin ließen sich ja - nach Einschätzung Ludendorffs - nur verzweifelt wenig von ihm sagen. In seiner Verteidigungsrede vor dem Volksgerichtshof erwähnte Ludendorff Kriebel auch als jemanden, mit dem zusammen er das schwere Jahr 1918 erlebt hätte und nun auch erneut eine schwere Zeit, nämlich die Zeit vom 9. November 1923.

Abb. 6: Ludendorffs Verteidiger Luetgebrune und Erich Ludendorff - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz

Wir lesen in diesem Zusammenhang ganz allgemein über den Hitler-Ludendorff-Putsch des Jahres 1923, daß ... (1)

... die verfügbaren Quellen noch immer nicht in ihrer ganzen Bandbreite ausgewertet wurden. Letzteres hat auch damit zu tun, daß - vor allem in privater Hand - nach wie vor neue Quellenbestände auftauchen, die der Forschung bisher nicht oder nur mit Einschränkungen zugänglich waren. So sind - um nur zwei Beispiele zu nennen - in jüngster Vergangenheit bis dato unbekannte Aufzeichnungen des damals in Bayern mit diktatorischen Vollmachten regierenden Generalstaatskommissars Gustav von Kahr aufgetaucht, die ein neues Licht auf die Ereignisse werfen. Auch konnte der Nachlaß des mit Kahr eng verbundenen Chefredakteurs der Münchner Neuesten Nachrichten, Fritz Gerlich, kurz zuvor in das Bayerische Hauptstaatsarchiv übernommen werden.

Zwar hätte in diesem Zusammenhang auch auf die neu bekannt gewordenen Nuntiatur-Berichte Pacelli's und die Aufzeichnungen des Kardinal Faulhabers verwiesen werden können, die wir hier auf dem Blog in einem ersten Zugang ausgewertet hatten. Aber über die hier erwähnten Aufzeichnungen von Kahr's sagt uns die KI auch das folgende:

Ein zentraler Aspekt der Niederschrift ist der Abend des 8. November 1923 im Bürgerbräukeller. Kahr rechtfertigt sein damaliges Vorgehen und behält die im Hitler-Prozeß vertretene Version bei: Er habe demnach Hitlers Putschversuch nur abgewendet, indem er zum Schein mitspielte, um den Aufstand im Keim zu ersticken.

Diese Erinnerungen von Kahrs sind noch nicht veröffentlicht worden. 

Abb. 7: Verteidiger Luetgebrune und Erich Ludendorff - Gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz

Aber es gibt auf Youtube zwei sehr inhaltsreiche Vorträge über die Inhalte dieser Erinnerungen (2, 3).

Wir wollen hier auf dem Blog auf diese beiden Vorträge zurück kommen. 

Abb. 8: Wohl Urteilsverkündung, wohl im Nachhinein gezeichnet von Justizrat Otto D. Franz

Sie bestätigen in vielen Details die Wahrnehmungen Erich Ludendorffs in den Jahren von 1922 bis 1923 und machen noch viele Aspekte rund um das damalige Geschehen sichtbar, die bis heute längst wieder in Vergessenheit geraten waren, auch unter Historikern. Die ganze Wahrnehmung der Zeitgenossen von der Person des Gustav von Kahr war im Grunde in Vergessenheit geraten. Sein großes politisches Ansehen hat am 9. November 1923 großen Schaden erfahren. Kahr selbst hat es so wahrgenommen als ob er als "Mohr seine Schuldigkeit getan" hatte und danach "gehen" konnte, mißachtet sowohl von vorherigen politischen Freunden - und von den vorherigen politischen Feinden sowieso. 

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  1. Ertl, Benedik Martin; Holzapfl, Julian: Nahaufnahmen - Unbekannte Skizzen vom Hitler-Ludendorff-Prozeß und ihr Zeichner Otto D. Franz. Eine Ausstellung des Staatsarchivs München 2025 (pdf)
  2. Kramer, Ferdinand: Gustav von Kahr im Spiegel seiner Lebenserinnerungen. Katholische Akademie in Bayern AUDIO-Kanal, 05.03.2018 (Yt2018)
  3. Kramer, Ferdinand: Generalstaatskommissar Gustav Ritter von Kahr. Staatliche Archive Bayerns, 18.09.2023 (Yt2023) [u.a. über den Separatismus von G. von Kahr]

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