Freitag, 20. Januar 2012

Das Oberlanddenkmal in Schliersee - Seine Einweihung am 30. September 1923 eine politische Demonstration

Die völkischen Wehrverbände Bayerns stehen zur Regierungsbeteiligung in Bayern und zum "Marsch auf Berlin" bereit

- Im Krisenjahr 1923

Das Freikorps Oberland (Wiki) (1), dessen Angehörige zu großen Teilen aus der oberbayerischen und österreichischen Landbevölkerung stammten, hat im Jahr 1919 der demokratischen deutschen Regierung geholfen, München von der damals dort etablierten Sowjetrepublik zu befreien. Und es hat 1921 der demokratischen deutschen Regierung geholfen, Oberschlesien vor der Annektierung durch Polen zu bewahren (Wiki).

Zwei Jahre später nun, am 30. September 1923, versammelte sich das Freikorps Oberland in Schliersee in Oberbayern, um ein Denkmal für seine 52 gefallenen Angehörigen zu enthüllen, nämlich das sogenannte "Oberlanddenkmal". Hierzu wurde als prominentester Gast Erich Ludendorff eingeladen. Auch Hermann Göring und seine bayerische SA waren zur Feier anwesend. Und so noch zahlreiche andere Wehrverbände. Von diesem Tag ab blickte das Oberlanddenkmal bis zum Mai 1945 über den Schliersee hinweg auf die gegenüberliegenden Berge (Abb. 1).

Abb. 1: Das Oberlanddenkmal am Weinberg Schliersee in Oberbayern (1923-1945)
Es trug die Inschrift:
"Oberland seinen 52 in Oberschlesien im J. 1921 gefallenen Kameraden.""Sie werden wieder auferstehen."
Im Jahr 1945 wurde das Denkmal von amerikanischen Besatzungstruppen zerstört. Seit 1956 erinnert eine Gedenktafel in der Außenmauer der Weinbergkapelle in Schliersee an die 52 im Jahr 1921 gefallenen Angehörigen des Freikorps Oberland. 

Von dieser Denkmaleinweihung des 30. September 1923 - in der spannungsreichen Zeit vor dem 9. November 1923 - hat sich eine über vierminütige Filmaufnahme erhalten (2). (Historischer, aber inhaltlich falscher Titel: "Generalfeldmarschall von Ludendorff schreitet die Front ab". Richtig wäre gewesen: General Ludendorff schreitet die Front ab.)

Abb. 2: General Erich Ludendorff nach seiner Ankunft am Bahnhof Schliersee im Gespräch mit österreichischen Angehörigen des Bundes Oberland. Vorn rechts der Führer der SA Fliegerhauptmann a.D. Hermann Göring, 30.9.1923
(Herkunft: Geocities)

Offensichtlich findet die erste Szene dieser Filmaufnahme - wie die Abb. 2 dieses Beitrages - am Bahnhof Schliersee statt. Die zweite Szene dürfte irgendwo vor der Stadt - möglicherwweise auf dem Weg zum Weinberg - stattgefunden haben. Die dritte Szene ist dann die Denkmaleinweihung auf dem Weinberg selbst. Es spricht der auch sonst auf Fotos (Abb. 3) sehr schlanke Tierarzt Dr. Friedrich Weber (Wiki), der langjährige Vorsitzende des Bundes Oberland. Dann wird das Denkmal enthüllt. Danach bittet Dr. Weber den katholischen Priester, mit der kirchlichen Zeremonie zu beginnen. 

In der vierten, letzten und längsten Filmszene nimmt dann General Ludendorff den Vorbeimarsch der völkischen Wehrverbände ab. Ludendorff ist zu Anfang der Szene links im Bild am Straßenrand mit "Pickelhaube" zu sehen, bevor die Kamera ganz auf die vorbei marschierendenden paramilitärischen Einheiten hinüberschwenkt. Direkt vor der Kamera scheint die Militärkapelle zu stehen.

Es waren genau solche Art von Verbänden, die am 9. November 1923, nur sechs Wochen später, den "Marsch zur Feldherrnhalle" in München angetreten haben anläßlich des Hitler-Ludendorff-Putsches. Bei diesem wollten Ludendorff und Hitler die damalige konservative bayerische Staatsregierung mitreißen, die ebenfalls - wie die damaligen völkischen Wehrverbände - den "Marsch auf Berlin" hatte antreten wollen, die damit aber immer wieder zögerte.

Abb. 3: Erich Ludendorff schreitet die Front von Bund Oberland ab in Schliersee am 30. September 1923 - Rechts von ihm der Führer des Bundes Oberland Dr. Weber


Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen 

Erich Ludendorff berichtet in seinen Lebenserinnerungen über diesen 30. September 1923 in Schliersee (3, S. 234):
Gelegentlich der Enthüllung des Denkmals für die 52 in Oberschlesien gefallenen Oberländer sprach auch ich im Beisein des Bundes "Oberland" und der nationalsozialistischen Sturmabteilung unter Hermann Göring, die vor mir in Paradestellung gestanden hatten, nachdem ein römischer Priester amtiert hatte.
Ludendorff führt über gut eine Seite hinweg seine Ansprache anläßlich dieser Denkmaleinweihung an. Er sagte darin unter anderem (3, S. 235):
Kameraden, die Sie damals mit den Toten in Reih und Glied standen! Ihre Taten sind nicht schlechter als die Taten der Gefallenen. Seien Sie stolz auf Ihre Taten! Das ist keine Hoffart, das ist Pflicht, denn Taten der Vergangenheit verpflichten zu Taten in der Zukunft! Und leisten Sie Taten genau so lange als die Gefallenen, nämlich solange noch Blut in Ihren Adern rollt. Die Toten haben ihre Schuldigkeit getan, Sie haben sie noch weiter zu erfüllen. Retten Sie den Deutschen Arbeiter, retten Sie das Volk und Land! Dies ruft das Denkmal allen Anwesenden zu. Von dieser Mahnung lassen Sie sich durchdringen!
Das Denkmal ist ein Kubus. Dieser wurde für Gefallenendenkmäler in jener Zeit gerne verwendet. Das Völkerschlachtdenkmal von Leipzig zum Beispiel, das nach heute offiziell gültiger Darstellung voller Freimaurer-Symbolik ist, weil es 1913 am Vorabend seiner offiziellen Einweihung durch den Deutschen Kaiser von Hunderten von deutschen Freimaurern im Geheimen eingeweiht worden ist, ist von einem halben Kubus bekrönt.

Ludendorff geht in seinen Lebenserinnerungen nicht auf die kubusartige Form des Oberland-Denkmales ein, die er ab 1927 bei vielen Kriegerdenkmalen als freimaurerisch-kabbalistisch kritisierte. Ob das hinsichtlich des Oberlanddenkmals irgendwo anders im Schrifttum der Ludendorff-Bewegung noch einmal geschehen ist, muß einstweilen offen bleiben. Im Jahr 1923 hatte sich Ludendorff mit solchen Detailfragen bezüglich der Freimaurerei noch nicht beschäftigt. Allerdings zum Zeitpunkt der Niederschrift seiner Lebenserinnerungen (um 1935) schon.

Abb. 4: Die Generäle Ächta und Ludendorff, sowie Dr. Weber vom Bund Oberland in Schliersee, 30. September 1923
Beschriftet von dem damaligen Ludendorff-Anhänger und Auslandskorrespondent Hans Tröbst - Ganz rechts Hermann Göring

Eigentlich hätte ihm dieser Kubus - entsprechend seines späteren Denkens - ein Hinweis sein können darauf, daß in dem "Bund Oberland" Freimauerlogen Einfluß hatten. Allgemein hat er auf solche Einflüsse ansatzweise auch schon im Jahr 1923 geachtet und wußte oder ahnte, so schreibt er in seinen Lebenserinnerungen, daß völkische, freimaurerähnliche Logen hinter den damaligen konservativen und völkischen Bestrebungen standen. (Der diesbezügliche Ludendorff'sche Erkenntnisprozeß aufgrund seiner persönlichen Erlebnisse in diesen Kreisen wird an anderer Stelle noch einmal zusammenfassend behandelt.)  (s.a.: 4, 5)

Abb. 5: Ludendorff schreitet die Front des Bundes Oberland ab - Schliersee am 30. September 1923
(internationales Pressefoto - Rückseite siehe unten)

Daß schon das Freikorps Oberland selbst 1919 durch den Thule-Orden und Rudolf von Sebottendorf gegründet wurde, wie man heute auf Wikipedia lesen kann (Wiki), war Ludendorff wohl noch nicht bewußt. Sonst hätte er es in seinen Lebenserinnerungen erwähnt. Ebensowenig daß es auch eine Geheimorganisation "Bund Oberland" gegeben hat, die noch bis 1942 gegen den Nationalsozialismus gekämpft hat (Wiki). Damit würde sich die Frage stellen, ob dieser Thule-Orden oder die Geheimorganisation "Bund Oberland" Einfluß genommen haben auf die kubusartige Gestaltung dieses Denkmals. (Vgl. dazu die parallelen Beiträge zum Freimaurer-Völkerschlachtdenkmal von Leipzig mit seiner Bekrönung durch einen Kubus auf unserem anderen Blog.)

Abb. 6: Einweihung des Oberlanddenkmals am Weinberg in Schliersee, 30.9.1923

An dem Oberlanddenkmal fanden wohl seit seiner Errichtung jährlich "Oberlandfeiern" statt (a). Über das Denkmal ist noch folgendes zu erfahren (6):
Das ursprüngliche Denkmal, ein Kubus mit Stahlhelm und Schwert auf einem Sockel, wurde im Jahre 1923 eingeweiht und 1945 von den Amerikanern zerstört. 1956 wurde eine schlichte Tafel an der Außenmauer der Weinbergkapelle angebracht, die in jüngerer Zeit immer wieder Schmierereien und Beschädigungen ausgesetzt war.

Abb. 7: Gedenktafel an der Weinbergkapelle, 1956
(Herkunft: Internetseite "Steinere Zeugen")
An dieser Gedenktafel haben noch vor wenigen Jahren Gedenkfeiern der "Kameradschaft Freikorps und Bund Oberland" stattgefunden (siehe Wikip.). Noch heute ist sogar diese Gedenktafel umstritten (a, b, c).

Ludendorff in Niederschlesien (14. Oktober 1923)


Zwei Wochen später, am 14. Oktober 1923, legte Erich Ludendorff - nach einem Bericht (7) - auch einen großen Eichenkranz nieder bei der Einweihung des Richthofen-Denkmals (DHM) in Militsch in Niederschlesien (Wiki), in der Nähe der Grenze zu seiner Heimatprovinz Posen. Allerdings ist dieses Ereignis in diesem Zeitraum in seinen Lebenserinnerungen nicht erwähnt, auch nicht in seiner biographischen Schrift "Auf dem Weg zur Feldherrnhalle". (Möglicherweise ist es auch unwahrscheinlich, daß Ludendorff in der spannungsreichen Zeit Mitte Oktober 1923 von München aus nach Niederschlesien gefahren ist.)

Eine internationale Pressemeldung am 23. Oktober 1923


Die Einweihung des Denkmals in Oberschlesien fand auch international Beachtung, wie der Rückseite eines Pressefotos zu entnehmen ist (Abb. 8).

Abb. 8: Rückseitige Beschriftung des Pressefotos aus Abbildung 
Es heißt dort:
Ludendorff inspiziert die bayerischen Scharfschützen. (...) Das Foto zeigt Mitglieder einer bäuerlichen Scharfschützen-Einheit in ihrer bayerischen nationalen Gewandung, die ihr Gewehr präsentieren für die Inspektion durch General Ludendorff, der mit Pickelhaube im Hintergrund links zu sehen ist. - Heute berichten die Nachrichten von der Ausrufung des früheren Kronprinzen Rupprecht zum König von Bayern, von der formellen Vereidigung der bayerischen Truppen auf die bayerische Regierung anstelle des Deutschen Reiches. - Das Foto wurde aufgenommen in der Stadt Schliersee auf einer typischen monarchistischen Versammlung aus Anlaß der Enthüllung eines Gedenkmales für die Angehörigen des bayerischen Freikorps Oberland, die im Kampf gegen die Polen in Oberschlesien gefallen sind.
Original: Ludendorff inspects bavarian sharpshooters. (...) Photo shows members of a rustic sharpshooters corps in their Bavarian national costumes, presenting arms for the Inspection of General Ludendorff, who is seen (in spiked helmet) in background, left. - Today the news cables tell of the heiling of former Crown Prince Rupprecht as King of Bavaria, of the formal swearing of allegiance of Bavarian troops to the Bavarian government instead of the German Reich. - The photo was taken at a typical Monarchist gathering, the unveiling of a memorial to members of the Bavarian "Highlanders Free Corps" who were killed in fighting the Poles in Upper Silesia, at the village of Schliersee. 10/23/23.
Diese Pressemeldung ist auf den 23. Oktober 1923 datiert und kündigt schon die kommenden Ereignisse, den Hitler-Ludendorff-Putsch an.


/Erweitert und Verweise 
aktualisiert: 28.1.2018/

_____________________________________________
  1. Christoph Hübner, Bund Oberland, 1921-1923/1925-1930, publiziert am 04.07.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Bund Oberland, 1921-1923/1925-1930> (28.01.2018)
  2. Agentur Karl Hoeffkes: Material Nr. 391 - u.a. Einweihung des Freikorpsdenkmals in Schliersee. 19'23 - 23'40, http://www.archiv-akh.de/filme?cid=28#1
  3. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volkschöpfung. Meine Lebenserinnerungen 1919 bis 1923. Ludendorffs Verlag, München 1940 
  4. Freimaurer-Wiki, Kubus, http://freimaurer-wiki.de/index.php/Kubus
  5. Führungen Völkerschlachtdenkmal, https://www.voelkerschlachtdenkmal-wissen.de/fuehrung-voelkerschlachtdenkmal.html
  6. Internetseite "Steinerne Zeugen", http://www.steinerne-zeitzeugen.de/schliersee41.html [20.1.2012; Seite ist inzwischen gelöscht]
  7. Der Feldherr ehrte Richthofen. In: Am Heiligen Quell Deutscher Kraft, Folge 3, 5.5.1938, S. 79f
  8. Bruno Thoß, Freikorps Oberland, 1919-1921, publiziert am 10.09.2012; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Freikorps Oberland, 1919-1921> (28.01.2018)
  9. Freikorps Oberland Denkmal Memorial Schliersee. Videokanal "Heimatschutz", 2013, https://www.youtube.com/watch?v=psp0IX4rD4g

Beliebte Posts