"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Dienstag, 30. August 2011

Eduard Baumgarten: Eine große philosophische Synthese auf pragmatischer Grundlage? (I)

Bislang weniger beachtete geistige Traditionslinien im Umfeld von Hans Albert und K. R. Popper

Zusammenfassung: Eine Traditionslinie exisistiert vom humanistischen Kritischen Rationalismus von Karl Raimund Popper (1902-1994) (Wiki) über den "Popper Deutschlands", den Humanisten und das Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung Hans Albert (geb. 1921) (Wiki) zu dessen Lehrstuhl-Vorgänger Eduard Baumgarten (1898-1982) (Wiki) und dessen Freund Konrad Lorenz (1903-1989) (Wiki). Alle vier Genannten waren miteinander befreundet und haben sich gegenseitig besucht. Und damit gibt es eine Traditionslinie zu dem gemeinsamen Versuch von Baumgarten und Lorenz um 1940 herum, auf der Linie von Alfred Rosenberg (1893-1946) (Wiki) und Alfred Baeumler (1887-1968) (Wiki) eine philosophische Grundlegung des Nationalsozialismus zu formulieren, die Elemente des ("gottgläubigen"?) philosophischen Deutschen Idealismus mit dem amerikanischen Pragmatismus und mit der Konrad Lorenz'schen Evolutionären Erkenntnistheorie zu verbinden suchte. Wer die Geschichte des naturalistischen, also an der Naturwissenschaft orientierten Denkens in Deutschland während des 20. Jahrhunderts schreiben will und damit eines Evolutionären Humanismus, darf diese heute wenig bekannten Bestrebungen nicht unter den Teppich kehren. Sie gehören zu einem vollständigen Bild dazu. Welche Schlußfolgerung aus der Kenntnis dieser Zusammenhänge zu ziehen sind, soll an dieser Stelle zunächst nicht erörtert werden. Im folgenden geht es zunächst nur um die Aufklärung wenig bekannter Sachverhalte.

Abb. 1: Eduard Baumgarten, 1960er Jahre

An den in England lebenden Philosophen Karl R. Popper wurde am 6. Mai 1961 ein längerer Brief geschrieben. Er stammte von dem deutschen Soziologen Hans Albert (geb. 1921), der nachmalig als "der Stellvertreter K. R. Poppers in Deutschland" in die Philosophiegeschichte eingehen sollte (siehe Abb. 1). In diesem Brief gibt Albert einen ausführlichen Bericht über die Situation der deutschen Soziologie. Er ergänzte, nachdem er von der jüngeren Generation der deutschen Soziologen gesprochen hatte und dabei natürlich insbesondere von der "Frankfurter Schule" und ihren Gegnern (1, S. 49):

Eine Gruppe habe ich übrigens noch nicht erwähnt: und zwar die älteren deutschen Soziologen, die zwar nicht emigriert sind in der Nazi-Zeit, aber das System deutlich abgelehnt haben. (...) Vielleicht sollte ich noch Prof. Baumgarten aus Mannheim erwähnen -, vor einiger Zeit aus den USA zurückgekehrt -, dessen Institut gerade eine umfangreiche Untersuchung über die deutsche Universität herausgebracht hat. Diese Untersuchung enthält, wie ich hörte, sehr viel Kritik an den gegenwärtigen Zuständen bei uns.

Hans Albert sollte zwei Jahre später Lehrstuhl-Nachfolger dieses hier erwähnten Eduard Baumgarten in Mannheim werden. Und von diesem heute nur noch wenig bekannten Eduard Baumgarten vor allem soll der vorliegenden Beitrag handeln. Die zitierten Worte waren im Zusammenhang mit dem sogenannten "Positivismusstreit" geschrieben worden. Dieser war kurze Zeit später, im Herbst 1961 auf der Tagung der "Deutschen Gesellschaft für Soziologie" in Tübingen ausgebrochen. Karl Raimund Popper hatte dort recht weitgehend im Sinne von Hans Albert, sowie ihrer beiden späteren philosophischen Freunde Eduard Baumgarten und Konrad Lorenz, in einem Referat die "Einheit der Methode von Natur- und Sozialwissenschaften" postuliert (Wikip.).

"Einheit der Methode von Natur- und Sozialwissenschaften"

Dieses Postulat wurde damals von solchen dezidierten Ideologen wie Theodor W. Adorno und nachmals insbesondere von Jürgen Habermas scharf angegriffen. Bis heute wohl tragen die damaligen Fronten dazu bei, das interdisziplinäre Gespräch und Forschen im Übergangsfeld von Geistes- und Naturwissenschaft zu verzögern und den Wissenschaftsgraben zu vertiefen. Erst in den letzten Jahren hat Jürgen Habermas einige Positionen zurückgenommen. Insbesondere im Zusammenhang mit der Diskussion über die Willensfreiheit, in der die naturalistischen Argumente immer stärker vorherrschend werden, war dies wohl unumgänglich geworden.

Abb. 2: Hans Albert

Die noch heute in vielen Bereichen bestehende tiefgehende Sprachlosigkeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaft hatte später auch der Biologe Edward O. Wilson nicht aufbrechen können, als er das Postulat von der "Einheit des Wissens" in aktualisierter Form formulierte. Lehrstuhl-Nachfolger von Hans Albert in Mannheim ist inzwischen übrigens Hartmut Esser. Dieser fällt heute jedoch eher durch Lippenbekenntnisse zu der genannten Einheit auf, als daß konkrete Schlußfolgerungen aus solchen Bekenntnissen gezogen würden (Stud. gen.).

Im Hauptstrom der geistigen Entwicklungen seit Hans Albert steht natürlich heute vor allem die Giordano-Bruno-Stiftung. Dementsprechend hat diese auch Hans Albert als Mitglied ihres wissenschaftlichen Beirates gewählt. Niemals aber ist im Bereich des naturalistischen Philosophierens, das hier vorherrscht, eine solche Breite der gedanklichen Ansätze vertreten und verfolgt worden, wie sie - ganz "pragmatisch" - Eduard Baumgarten seit den frühen 1940er Jahren vertrat.

"Deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich"

Auf diesen Umstand ist aufmerksam gemacht worden durch die im Jahr 2002 erschienene zweibändige Überblicksdarstellung "Deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich" (2). Für die Thematik der Geschichte des naturalistischen Denkens im 20. Jahrhunderts macht sie mit einigen Themen und Entwicklungen  im Umfeld von Hans Albert und Eduard Baumgarten bekannt, die bislang - zumindest in der hier deutlich werdenden Brisanz - der Forschung und Öffentlichkeit noch nicht bekannt gewesen waren.

Auch die heutigen Vertreter dieser Denkrichtung scheinen bislang ganz zufrieden damit zu sein, daß darüber noch so wenig gesprochen und nachgedacht worden ist. Ob das aber die angemessene und auch ausreichend selbstkritische Vorgehensweise ist, die auch im Sinne des verstorbenen Eduard Baumgarten wäre, bleibe dahingestellt.

In Anknüpfung an philosophische Anliegen von Alfred Rosenberg und Alfred Bäumler, zwei der führenden Vordenker, bzw. Philosophen des Dritten Reiches, wollten nämlich die nachmaligen deutschen philosophischen Freunde von Karl Raimund Popper und Hans Albert, nämlich Eduard Baumgarten und Konrad Lorenz, um 1940 an der Universität Königsberg eine auf breit angelegte interdisziplinäre Auseinandersetzung zwischen der Evolutionsforschung und der Philosophie angelegte "Dependance von Buderose" gründen. In dem vielhundertseitigen, enzyklopädischen Werk "Das Dritte Reich und seine Denker" aus dem Jahr 1959 (14) sind weder Konrad Lorenz noch Eduard Baumgarten erwähnt. Das liegt wohl daran, daß damals das naturalistische Denken für sich in der Wahrnehmung der Zeitgenossen noch eine so geringe Rolle spielte.

Die Auseinandersetzung mit einem solchen Philosophen wie Martin Heidegger wurde breit geführt. Darüber blieben viele andere, vielleicht langfristig viel bedeutendere philosophische Entwicklungen während des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich über Gebühr unbeachtet.

Naturwissenschaftsnahe, nationalsozialistische Ideenschmiede 1940 in Königsberg?

"Buderose", das wird im zweiten Teil genauer erläutert, stand in diesem Zusammenhang für einen um Alfred Rosenberg und Alfred Baeumler gegründeten philosophischen Arbeitskreis von damals jungen deutschen Nachwuchsphilosophen, von denen sich Baeumler und Rosenberg eine philosophisch stringentere Durchformulierung der Staats- und Gesellschaftsidee des Dritten Reiches erwarteten, als eine solche bis dahin durch philosophisch so uninformierte Bücher wie "Mein Kampf" oder "Der Mythos des 20. Jahrhunderts" gegeben worden waren.

Schon die Tatsache, daß man sich dazu an "liberale" Nichtnationalsozialisten wenden mußte (was anfangs auch für Alfred Baeumler und Eduard Baumgarten galt), ist bezeichnend. Aber welche Antriebe bewegten damals umgekehrt diese Nichtnationalsozialisten dazu, sich für eine solche Arbeit zur Verfügung zu stellen? Ist die These zumindest für Eduard Baumgarten zu verfolgen, daß er an einer "Humanisierung des Nationalsozialismus" von innen heraus arbeitete?

Die Brisanz der Thematik liegt auf der Hand: Ein naturalistisches Philosophieren, wie es später von Karl Raimund Popper und Hans Albert fortgesetzt wurde, stellte sich 1940 einigermaßen bewußt in den Dienst des Dritten Reiches. So erscheint es zumindest auf den ersten Augenschein. Und man wäre schon sehr interessiert daran, die genaueren Umstände und Motivlagen für diese Geschehnisse zu rekonstruieren, um sich besser mit ihnen auseinandersetzen zu können, um auch vergleichen zu können, und um Lehren für die Gegenwart und Zukunft ziehen zu können.

Ein Vergleich könnte sich etwa anbieten mit dem zeitgleichen naturalistischen Denken innerhalb der Ludendorff-Bewegung und der Positionierung desselben gegenüber dem Nationalsozialismus. Womöglich unter einem Rahmenthema mit dem Titel "Spielräume unter Hitlers Herrschaft". So lautet ein bis heute unveröffentlichtes Buchmanuskript von Eduard Baumgarten.

"Spielräumen unter Hitlers Herrschaft"

Eduard Baumgarten hat nämlich von fachphilosophischer Seite einigermaßen im Zentrum der damaligen Entwicklungen in der Geschichte des naturalistischen Denkens in Deutschland gestanden und dabei sogar seine eigene Sicht auf die damaligen Geschehnisse und insbesondere auch auf Adolf Hitler selbst schriftlich niedergelegt, wie wir weiter unten erfahren werden. Allerdings ist die Herausgabe dieser Eigendarstellung durch seinen Nachlaßverwalter und Schüler, Michael Sukale in Münster (geb. 1940), seit Jahrzehnten nicht erfolgt. Zwischenzeitlich glaubte sich Sukale wohl mit seinen zum Teil berechtigterweise aufsehenerregenden Studien über Max Weber (3), jenes Denkers, in dessen geistiger Tradition sich vor allem auch Webers Neffe Eduard Baumgarten sah, allerhand "Vorarbeiten" zu leisten, um vielleicht auch zu einem tieferen Verständnis seines akademischen Lehrers Baumgarten und zu dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus beitragen zu können.

Abb. 3: M. Sukale

Der Soziologe Sukale betrachtet jedenfalls Baumgarten als seinen "sozialethischen" und Hans Albert als seinen "wissenschaftstheoretischen" Lehrer. Damit wird natürlich zugleich die Frage aufgeworfen, in welcher Weise Baumgarten während des Dritten Reiches seinen "sozialethischen" Standpunkt vertreten hat.

Im folgenden soll der wissenschaftsgeschichtliche Kenntnisstand zu Baumgartens philosophischem Wirken im Dritten Reich zusammengetragen werden. Während die wesentlichen wisenschaftsgeschichtlichen Ereignisse im Umfeld der Person Konrad Lorenz hier als bekannt vorausgesetzt werden, da sie breite, auch populärwissenschaftliche Darstellung gefunden haben (etwa 4-6), ist es wichtig, die dort erarbeiteten Kenntnisse durch Kenntnisse zu den geistigen, wissenschaftlichen Biographien von Alfred Baeumler, Eduard Baumgarten und Hans Albert zu ergänzen.

Naturalistisches Denken und Philosophieren, das sich bewusster als ein solches verstand und sich von anderen Arten des Philosophierens und Denkens bewusster absetzte, spielte in der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts eine vergleichsweise randständige Rolle (G-Bücher). Den Naturwissenschaftlern selbst war jedoch die zentrale Rolle der Naturwissenschaft auch für die philosophische Geistesgeschichte der Menschheit zumeist wesentlich deutlicher bewusst, als den Philosophen. Das beginnt sich erst in den letzten Jahren zu ändern.

1968 - Konrad Lorenz zum 70. Geburtstag Baumgartens

Aus Anlass des siebzigsten Geburtstages von Eduard Baumgarten im Jahr 1968 erschien - um drei Jahre verspätet - und in aufregenden Zeiten 1971 eine Festschrift (7) und eine Auswahl der Abhandlungen und Vorlesungen Baumgartens, ausgewählt und eingeleitet von seinem Schüler Michael Sukale (8).

Der berühmteste Beitrag der Festschrift war nun der von Konrad Lorenz, vor dessen Veröffentlichung ihn zunächst nahe stehende Freunde (5) dringend abgeraten hatten: "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" (9, 10). Viele Ereignisse auf geistigem Gebiet, die sich zwischen 1968 und 1973 ereignete haben, verdienen sicherlich, früher oder später vergessen zu werden. Bestimmt aber nicht das Erscheinen dieses berühmten Aufsatzes von Konrad Lorenz, der noch das Denken einer Jugendgeneration später tiefgreifend beeinflussen konnte. Und der noch heute grundlegend ist.

Als dieser Aufsatz 1973 in einer separaten Schrift erschien, die bis 1989 20 Auflagen erlebte (10), schrieb Konrad Lorenz im Vorwort zu ihr:

Die vorliegende Abhandlung ist für die Festschrift geschrieben worden, die zum 70. Geburtstag meines Freundes Eduard Baumgarten erschien. Ihrem Wesen nach paßt sie eigentlich weder zu einer so freudigen Gelegenheit noch zu der fröhlichen Natur des Jubilars, denn sie ist eingestandenermaßen eine Jeremiade ...

Im Gegensatz zu Konrad Lorenz war es dann vor allem Hans Albert, der eher im Rahmen einer üblichen Festschrift blieb und im Vorwort zu derselben versuchte, zunächst einmal die Nähe des Jubilars zu naturwissenschaftlichen Ansätzen herauszuarbeiten.

1968 - Hans Albert zum 70. Geburtstag Baumgartens

Eine Nähe, die Konrad Lorenz natürlich von vornherein selbstverständlich war und die er nicht erst noch betonen musste. Hans Albert schrieb (11):

Eduard Baumgarten (...) hat stets den Zusammenhang der Philosophie mit den Realwissenschaften (...) betont. (...) In seinen theoretischen Untersuchungen findet man philosophische Gesichtspunkte verbunden mit soziologischer und sogar biologischer Analyse. Forschungsergebnisse der Realwissenschaften werden von ihm aufgenommen, verarbeitet und zur Durchleuchtung und Kritik philosophischer Thesen - etwa aus dem Bereich der Erkenntnistheorie oder Moralphilosophie - verwendet. Die Dichotomie von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, die im deutschen Sprachbereich immer noch eine so große Rolle spielt, und den mit ihr meist verbundenen methodologischen Separatismus des geisteswissenschaftlichen Denkens hat Baumgarten stets zurückgewiesen.
Hans Albert schrieb außerdem:
Eduard Baumgarten hat es nicht notwendig gehabt, sich von Verfechtern sozialer Erlösungslehren darüber unterrichten zu lassen, dass die Erkenntnis selbst eine soziale Praxis ist, eingebettet in den sozialen Zusammenhang und der Regulierung durch soziale Normen unterworfen.
Und er führte aus:
Gleichzeitig mit dieser Festschrift erscheint eine Sammlung von Arbeiten aus der Feder Eduard Baumgartens mit einer kommentierenden Einleitung von Michael Sukale, dessen Beitrag hier an erster Stelle abgedruckt ist, weil er sich intensiv mit zentralen Themen und Ideen Baumgartens auseinandersetzt. In dieser Einleitung (gemeint: zur Sammlung) geht Sukale in einer Weise auf die geistige Entwicklung und auf das Werk Baumgartens ein, wie es besser kaum möglich ist und wie es vor allem der Herausgeber dieses Bandes nicht könnte.

Damit sprach Albert sich selbst an.

1968 - Michael Sukale zum 70. Geburtstag Baumgartens

Und Sukale selbst schreibt nun ebenfalls schon im Vorwort der Aufsatz-Sammlung (8):

Die Geschichte dieses Buches begann, als ich im Frühjahr 1964 sechs Wochen lang im Hause Eduard Baumgartens lebte, um ihm bei der Fertigstellung eines Buches über Max Weber beizustehen. In den wenigen Mußestunden, die mir verblieben, stöberte ich in Kästen, in denen unveröffentlichte Manuskripte Baumgartens lagerten. Die Heidelberger Dissertation (Frühjahr 1924) und die Königsberger Vorlesungen (Winter 1941/42) fesselten mich am stärksten und wanderten mit mir zu näherem Studium aus dem Hause; sie haben in der Tat den Weg gewiesen zu der Publikation, die ich hier vorlege.
Sukale betont jedoch, dass er sich in diesem Band nur mit der wissenschaftlichen Lebensleistung Baumgartens auseinandersetzt:
... Andererseits ist sich der Herausgeber wohl bewußt, daß die rein wissenschaftliche Arbeit nicht immer im Zentrum von Baumgartens Leben gestanden hat: immer wieder haben praktisch-politische Bedürfnisse und Ziele seine Aufmerksamkeit gefesselt. Allerdings haben sich diese Bemühungen während des ersten in diesem Buch repräsentierten Zeitraums (1933-1945) vornehmlich nur in Tagebüchern, Briefen und Prozeßakten niedergeschlagen, während Baumgartens Veröffentlichungen dieser Jahre nur selten - in Vorworten, Fußnoten und Nebenbemerkungen - auf das politische Tagesgeschehen Bezug nehmen. (...)
Zur Zeit arbeitet der Verfasser (also Eduard Baumgarten) an zwei Büchern, die hoffentlich in Bälde erscheinen werden: "Hitlers Macht"; "Spielräume unter Hitlers Herrschaft". Das zweitgenannte Buch wird über Baumgartens eigene praktische Anteilnahme an dieser Epoche Auskunft geben.

Diese beiden schon 1971 angekündigten Bücher sind, soweit übersehbar, in den letzten vierzig Jahren nicht erschienen. Es kann aber inzwischen schon anhand zahlreicher anderer wissenschaftsgeschichtlicher Studien "rekonstruiert" werden, was in diesen beiden Büchern wenigstens ungefähr enthalten sein könnte. (Wir haben per Email bei Michael Sukale um weitere Auskünfte gebeten, aber bislang keine Antwort erhalten.)

Doch bevor auf diese Thematik eingegangen werden soll, soll noch auf die persönlichen Konstellationen der Beteiligten um das Jahr 1968 herum genaueres Licht geworfen werden.

"Meinen Vorgänger Baumgarten habe ich dann näher kennengelernt" - Hans Albert

Anläßlich seiner Emeritierung an der Universität Mannheim im Jahr 1963 hatte Eduard Baumgarten den Soziologen und Philosophen Hans Albert als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Hans Albert berichtet selbst (12, S. 100):

Um mich zu einer Annahme des Rufes zu bewegen, hatte Baumgarten mich übrigens eindringlich auf meine Pflichten meiner Familie gegenüber hingewiesen.
Abb. 4: Sigwart Lindenberg

Albert nahm schließlich an. Und er berichtet weiter (12, S. 101-103):

Meinen Vorgänger Baumgarten habe ich dann näher kennengelernt und hatte mit ihm viele interessante Gespräche. (...) Baumgarten hatte sich nach dem zweiten Weltkrieg intensiv mit dem Werk seines Onkels Max Weber befaßt. Ein Resultat seiner Bemühungen war ein umfangreicher Band mit kommentierten Texten aus dem Nachlaß Webers, den er im Jahr 1964 veröffentlichte. An diesem Band hatten einige seiner Mitarbeiter mitgewirkt, mit denen Lepsius und ich dann näher bekannt wurden: Hermann Vetter (...) und Sybille Wolf, Sigwart Lindenberg und Michael Sukale, die in Mannheim studierten und zu den ersten Studenten gehörten, die dann das neu eingeführte Soziologie-Diplom in Mannheim erwarben.

Albert, Lindenberg und Sukale verbindet bis heute eine Freundschaft miteinander (12, S. 179). Albert machte Sukale mit Karl Raimund Popper auch persönlich bekannt, wie er seinerseits 1982 zusammen mit Karl Raimund Popper und dessen Ehefrau sich mit Konrad Lorenz traf, den engen philosophischen Freund seines Lehrstuhl-Vorgängers Baumgarten (12, S. 159).

Als Schüler Eduard Baumgartens in Freiburg nennt auch Sukale (3) Sigwart Lindenberg (siehe Abb. 4)  und Sybille Wolf (heute: Sybille Anbar, in der Festschrift von 1968/71 Sybille Sukale-Wolf). Und Sukale schreibt (3):

Ohne diese vier Personen wäre mir mein drittes Jahrzehnt gar nicht denkbar.

Er schreibt über die offenbar sehr prägenden "Tage und Nächte der Zusammenarbeit" mit Eduard Baumgarten, als sie Baumgartens Buch über Max Weber herausbrachten (13). Eduard Baumgarten wußte über seinen Onkel Max Weber manches, was schließlich erst Michael Sukale in seiner Weber-Biographie öffentlich machte. Möglicherweise war das sogar einer der wesentlicheren Ausgangspunkte seines neuen Buches (3, S. 196, Vorwort).

Ergänzung 2020

Im Jahr 2018 sind schöne Erinnerungen an diese gemeinsame Studienzeit bei und mit Hans Albert erschienen (29, 30). Eduard Baumgarten hatte seine eigenen Freiburger Studenten sprichwörtlich zu Hans Albert nach Mannheim "getrieben", da dort das wertvolle "Gegenwärtige" und "Zukünftige" im geistigen Raum geschehe. Sukkale berichtet da (Begegn., 2018):

Wir hatten von Eduard Baumgarten gehört, daß Hans Albert Max Webers Methodologie wie kaum ein anderer kannte und weiter entwickeln würde.
Und Sigwart Lindenberg erzählt (30):
Hans  Albert kam im Dezember 1963 und ein paar Monate später  fing  alles  an.  Seine  Vorlesungen, die wir dann gleich besuchten, waren: Formale Logik II (sic!), Wissenschaftslehre I, und Wert- und Ideologieproblematik; in späteren Semestern folgten dann "mathematische Grundlagen (Graphentheorie)" I und II, Wissenschaftslehre der Sozialwissenschaften (II), und ein Seminar "Logik, Soziologie, und Philosophie des Rechts". Und dann natürlich das Soziologische Colloquium zusammen mit den Kollegen Irle und Lepsius. Auf den ersten Blick ist das vor allem viel formaler Kram. (...) Wie war es dann möglich, so an seinen Lippen zu hängen? (...)
Wir hatten den Eindruck, daß wir förmlich mit ihm, gerade da, wo er stand und wir saßen, zu den Einsichten kamen, die er uns vortrug. Er war zu dieser Zeit selbst noch suchend  und  pausenlos  findend,  und  er  schrieb  das  damals  in  vielen  Aufsätzen auf. (...) Wir (...) waren  vollauf  damit  beschäftigt, die gezielte Neugier zu erlernen, und wie man sie befriedigen könnte. Was ist Wissen und was ist eigentlich Theorie? Warum nicht mit Begriffen begreifen?  Wozu  eigentlich  Logik  und  was  sind  "gute  Argumente"?  Warum  sind Modelle nicht genug, und wofür genau brauchen wir (welche) Empirie? Warum  am  besten  integrierte  Sozialwissenschaft,  und  wie  dann  Ökonomie,  Soziologie und Psychologie integrieren?
Diese  Erfahrung  mit  geistigem  Hunger  und  Hungerstillen  ging  dann  auf  ganz andere Weise weiter in unseren häufigen Besuchen bei Hans Albert zuhause. Das war in Heidelberg, gemütlich klein, mit Gretl Albert und den Kindern,  erst  mit  Max  und  dann  mit  Gert  und  Kurt.  Im  Wohnzimmer  an  den  Wänden standen imposante und bestens geordnete Bücherregale mit den tollsten  Neuerscheinungen,  aber  auf  dem  Boden  wuselte  es  herum,  und  in  einer  Ecke  war  Hans  Albert  an  einem  kleinen  Tisch  mit  Schreibmaschine  dabei,  über allen Kinderlärm hinweg, konzentriert und in aller Ruhe seine Aufsätze zu schreiben. In solche, an Jan Steens Bilder erinnernde, familiäre Gemütlichkeit kamen wir dann, zum Essen, zum Diskutieren, oft bis nach Mitternacht, und fuhren dann manchmal mit einem ausgeliehenen Buch unter dem Arm zurück  nach  Mannheim.  Diese  hautnahe  Gegenwart  im  geordneten  Chaos  war  noch  eine  ganz  andere  Lernerfahrung  als  in  der  Uni.  Hier  wurde  vorgelebt,  wie  die  wissenschaftliche  Neugier,  die  hohen  Ansprüche  an  Qualität  der Argumente, und das Hinhören und Antworten einher gehen kann mit der offenen, familiären und auch herzlichen Menschlichkeit.
Indem der hier schon erwähnte Hartmut Esser in demselben Band ein wenig schildert, wie er zur Wahl eines Soziologie-Studiums kam, macht er zugleich auch ein wenig das Selbstverständnis unter diesen Soziologen sichtbar (Beg. 2018):
S wie „Soziologie“. Was war das denn? Und da stand tatsächlich: Die Soziologie sei die Wissenschaft von der Gesellschaft, die, anders als die Sozialphilosophien, die uns sonst so dargeboten wurden, nach den Regeln der Naturwissenschaften betrieben werde. Elektrisiert las ich sogar den Begriff "Physique Sociale" dafür. DAS ist es doch!
Als wissenschaftshistorisch durchaus interessierter Evolutionärer Anthropologe, der sich viel in der Literatur umgetan hat, fragt sich der Autor dieser Zeilen gerade, wo ihm so etwas einmal begegnet sein könnte, eine Soziologie, die "nach den Regeln der Naturwissenschaft betrieben werde". Nanu!? Warum beziehen sich dann heute immer noch so auffallend wenige Soziologen auf die Soziobiologen, die ja eine "Soziologie" ist, die "nach der Regeln der Naturwissenschaft betrieben" wird!? Fragen aber auch. Fragen über Fragen. In dem Band "Begegnungen mit Hans Albert" scheinen auch keine Soziobiologen aufzutauchen. Nun gut, Hartmut Esser benutzt den Begriff Soziobiologie als einziger in dem Band an einer Stelle (29, S. 106)(GB):
Wäre es nicht ein wirklich erstrebenswertes Ziel, beides zu vereinen: Eine analytisch strenge und klare soziologische Theorie, die empirisch alles aufnimmt, was für ihre Erklärungen wichtig ist? Und müßte man dabei nicht eigentlich gut zuhören, was die verschiedenen anderen Ansätze, die der Soziologie, der (Sozial-)Psychologie, der Ethnologie, der Anthropologie, der Soziobiologie, gar auch der Neurowissenschaften zu sagen haben?

Es wäre doch einmal zu prüfen, in wieweit die hier referierten gedachten Gedanken der 1980er Jahre zwischenzeitlich umgesetzt worden sind.  - - - Soweit jedenfalls zu einigen aktuelleren persönlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Konstellationen, die im Zusammenhang mit der vorliegenden Thematik weiterhin von großer Bedeutung sind.

Soweit ein Einblick in die Lebenswirklichkeit von Studenten Eduard Baumgartens um 1960 herum. 

Ein Seminar Eduard Baumgartens über Macchiavelli (1950)

Der deutsche Philosoph und Psychologe Detlev von Uslar (geb. 1926) (Wiki), der von 1967 bis 1987 sehr erfolgreich als Professor an der Universität Zürich wirkte, berichtet in seinen Erinnerungen ein wenig von dem Studentenleben im Umfeld von Eduard Baumgarten um 1950 in Freiburg (15).

von Uslar war Sohn eines Weltkrieg I-Offiziers und Stahlhelm-Führers (15, S. 25), der nach Auflösung des Stahlhelms im Jahr 1934 aufgrund einer jüdischen Großmutter in seinen bürgerlichen Beruf als Versicherungsvertreter zurückgekehrt ist (15, S. 32). Detlev von Uslar war in seiner Jugend begeisterter Leser von Ernst Jünger (Mamorklippen, Das abenteuerliche Herz).*) von Uslar studierte von 1946 bis 1950 in Göttingen Philosophie bei Nicolai Hartmann. In dieser Zeit schickte er an den von ihm verehrten Ernst Jünger ein Manuskript mit dem Titel "Der Webetanz", in dem Briefe zusammengestellt waren, die er mit seiner Freundin Gisela Wilhelmi gewechselt hatte, die aus Königsberg stammte. Jünger antwortete freundlich. Das Manuskript ist 2014 schließlich veröffentlicht worden. Im Klappentext heißt es über dieses (16):

In den sehr lebendigen Briefen dieses Paars aus den Jahren 1949/50 spiegelt sich eine Aufbruchszeit, ein Neuanfang nach dem Ende des zweiten Weltkriegs: Die Leuchtkraft von Werken der Kunst, Musik und Dichtung, die zu dieser Zeit aktuell waren. Gedanken und Erlebnisse des Tages und Träume der Nacht. - Die Zeit, in der auch die Bundesrepublik und die DDR gegründet wurden, verbindet sich mit der Aktualität der heutigen Gegenwart. Der "Webetanz" ist ein barocker Volkstanz, in dem die tanzenden Paare sich trennen und einzeln so weiter tanzen, daß sich die ausgestreckten Hände aller Tänzerinnen nacheinander mit denen aller ihnen entgegenkommenden Tänzer berühren: Ein Symbol für die Einheit und Vielheit der Beziehungen. Es geht in diesem Buch um die Frage, wie sich verschiedene gleichzeitige Liebesbeziehungen (ein sich Verschenken nach allen Seiten) mit dem Anspruch jeder einzelnen Beziehung auf Absolutheit und Einmaligkeit vereinigen lassen. Es geht um den Konflikt zwischen "Treue" und "Schenkender Tugend" (Nietzsche).

Nachdem Nicolai Hartmann, bei dem von Uslar eine Doktorarbeit über dieses Thema der wechselnden menschlichen Begegnungen angefangen hatte, im Jahr 1950 gestorben war und er überlegte, ob er sie bei C. F. von Weizsäcker fortsetzen sollte, schrieb ihm seine Freundin Gisela, die inzwischen Musik in Freiburg studierte, daß Heidegger in Freiburg wieder anfangen würde zu lehren. Detlef von Uslar entschied sich, nach Freiburg zu wechseln. Er berichtet (15, S. 143f):

Es war eine absolut neue Welt, die ich hier erlebte und in die ich so im November 1950 geraten war. (...) In der Universität besuchte ich neben den Seminaren Heideggers, die der absolute Mittelpunkt waren, auch die Seminare von Eduard Baumgarten, den ich durch Gisela kennen gelernt hatte, weil er wie sie aus Königsberg stammte. Die Beziehungen zu Königsberg waren in ihrem Leben noch ganz gegenwärtig. So wohnte sie später auch in einer Gartenveranda des Zoologen Otto Köhler, der zusammen mit Baumgarten und Konrad Lorenz in Königsberg gewesen war. Lorenz hat später das Buch "Die Rückseite des Spiegels" "den Königsberger Freunden Eduard Baumgarten und Otto Köhler" gewidmet. Baumgarten erzählte, daß er die obere Etage seines philosophischen Seminars für Konrad Lorenz und seine Tiere freigemacht habe, der dort seine Forschungen weiterführen konnte. Während Otto Köhler vor allem die Orientierung der Bienen erforscht hatte, war Baumgarten, wie er sagte, "der letzte Inhaber des Kantischen Lehrstuhls". Und Giselas Eltern waren in Königsberg dem geistigen Leben der Stadt eng verbunden. So war also für mich hier gleichsam ein Stück des alten Lebens der inzwischen russich gewordenen Stadt Königsberg lebendig. 
Baumgartens Hauptthema war das Problem der Macht, das auch das Thema seines Seminars wurde. Es handelte vor allem von Machiavellis "Principe" und war belebt und durchzogen vom Zauber und der Faszination dieses phantastisch rücksichtslosen Buchs, das uns alle fesselte, so auch meinen Freund Reimar Hahndorf, den ich dort kennenlernte, und den Philosophen von Friedeburg. (...) Als ich Baumgarten erzählte, daß mein Studentenzimmer, möbliert mit alten eisernen Gartenmöbeln, ziemlich unbefriedigend sei, sagte er: "Ach ich glaube, da ist doch noch der Käfig frei." Das war eine kleine Mansarde im Haus seiner Schwester, bei der ich nun einzog.

Mehr zur Biographie von Uslar's noch in einer Anmerkung.**) 

Ein zweiter Teil dieses Aufsatzes folgt ---> hier.


 / Neubearbeitung einer schon im 
Oktober 2010 veröffentlichten Fassung;
Ergänzung zu [15, 16] 4.12.2021 /

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*) 1944 ist er in Gnesen militärisch ausgebildet worden, hat 1945 an den Abwehrkämpfen in Ungarn und in der Tschechoslowakei teilgenommen und dann das Glück, noch 1945 wegen Dystrophie aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft im Lager Makejevka am Donez entlassen zu werden (15, S. 111).
**) Diese war Malerin und Jugendfreundin der Großherzogin Feodora von Sachsen-Weimar (1890-1972) (Wiki), die auf der gegenüberliegenden Seite der Straße aufgewachsen war und gelegentlich zu Besuch kam. von Uslar berichtet im weiteren von einem Ineinander-Verwobensein von Privatleben und wissenschaftlichen Anliegen, von dem man sonst wohl nur sehr selten etwas zu hören bekommen wird und das - unabhängig von dem Thema des vorliegenden Blobbeitrages - ein eigenes Interesse auf sich ziehen kann, aber durch sein Studium der Schelling'schen Philosophie wiederum auch Bezüge zu diesem aufweist (15, S. 147): 
"Ich traf mich nun immer wieder mit Gisela, abwechselnd mit Besuchen bei ihr in ihrer Glaveranda am Garten des Hauses von Otto Köhler, in der man nachts das Rauschen eines Bachs hörte, der durch diesen Garten floß. (...) Es war eine glückliche und erfüllte Beziehung. Gisela hatte zuletzt in Göttingen sich mit einem andern Mann verlobt, aber das war nun vergessen. - Dieses Abwechseln von Nähe und Ferne hat sich auch später noch fortgesetzt, als sie einen faszinierenden Cellisten traf, nach einiger Zeit aber wieder zu mir zurückkam."
Er berichtet über das Studium von Schellings "System des transzendentalen Idealismus" und bemerkt (S. 158f):
"Neben diesen Studien ging natürlich das Zusammenleben, die Kette der Beziehungen und Begegnungen weiter. Beide verbinden sich. Denken und Liebe und Erlebnisse gehören in ihrem Hintergrund stets zusammen. Vor allem Gisela war immer gegenwärtig. Sie wurde von ihren musizierenden Freundinnen und Freunden am Eingangstor zum Garten Otto Köhlers, das man durchschreiten mußte, um zu ihrer Gartenveranda zu kommen, mit dem Pfeifsignal des Motivs aus einem Violinkonzert Johann Sebastian Bachs und von mir durch den Pfiff des Webetanzes gerufen."
Er lernte eine blonde Marion kennen (S. 159f):
"Was mich in meiner Doktorarbeit gedanklich beschäftigte, daß alle unsere eigentlichen Beziehungen und Begegnungen irgendwie im Absoluten miteinander verschmelzen, erlebte ich hier nun wiederum existentiell im eigenen Leben. (...) Was mich in den Begegnungen mit Marion beschäftigte, war gerade die Vereinbarkeit verschiedener Begegnungen miteinander, obwohl jede mit einem Absolutheitsanpsruch auftritt, denn sie sind im wirklichen Absoluten nicht nur miteinander vereinbar, sondern speisen sich alle gegenseitig."
Im Gespräch mit Viktor von Weizsäcker sagt letzterer (S. 160):
"In jeder eigentlichen Begegnung sehen wir im Partner den Gott."
Detlev von Uslar hat zeitweise übrigens auch bei dem Freiburger Parapsychologen Hans Bender (1907-1991) (Wiki) studiert und gearbeitet.
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  1. Albert, Hans; Popper, Karl R.: Briefwechsel 1958 - 1994. Fischer Taschenbuch 2005
  2. Tilitzki, Christian: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Teil 1 & 2. Akademie-Verlag, Berlin 2002 (Google Bücher)
  3. Sukale, Michael: Max Weber - Leidenschaft und Disziplin. Leben, Werk, Zeitgenossen. Mohr Siebeck, 2002
  4. Festetics, Antal: Konrad Lorenz. Aus der Welt des großen Naturforschers. Piper Verlag, München 1983
  5. Bischof, Norbert: "Gescheiter als alle die Laffen". Ein Psychogramm von Konrad Lorenz. Rasch u. Röhring, 1991, Piper TB 1993
  6. Föger, Benedikt; Taschwer, Klaus: Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus. 2001
  7. Albert, Hans (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  8. Baumgarten, Eduard: Gewissen und Macht. Abhandlungen und Vorlesungen 1933 - 1963. Ausgewählt und eingeleitet von Michael Sukale. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  9. Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. In: Albert, Hans (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971, S. 281 - 345
  10. Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. Piper Verlag, München 1973 (bis 1989 20 Auflagen)
  11. Albert, Hans: Vorwort. In: ders. (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  12. Albert, Hans: In Kontroversen verstrickt. Vom Kulturpessimismus zum kritischen Rationalismus. Wien 2007
  13. Baumgarten, Eduard: Max Weber - Werk und Person. Tübingen 1964
  14. Poliakov, Leon; Wulf, Joseph: Das Dritte Reich und seine Denker. arain Verlag, Berlin-Grunewald 1959
  15. von Uslar, Detlev: Momentaufnahmen - Lebensmomente, Zeitereignisse, Zeitgenossen. Koenigshausen & Neumann, Würzburg 2012 (G-Bücher
  16. von Uslar, Detlev; Wilhelmi, Gisela: Der Webetanz. Träume und Tage. Ein Briefwechsel. Koenigshausen & Neumann, Würzburg 2014 

Sonntag, 7. August 2011

Der Schriftsteller Walter Erich von Bebenburg/Richartz (1927-1980)

Ein erschütterndes Lebensschicksal
/ Vorbemerkung: Dieser Aufsatz hat eine Aktualisierung erhalten - siehe hier --> Stud.gr. Nat. 4/2017. Um unsere Erkenntniswege transparent zu halten, soll er hier in der ursprünglichen Form eingestellt und veröffentlicht bleiben, auch wenn er noch nicht alles Wesentliche enthält, was wir heute über die Hintergründe zum Lebensschicksal von Walter Erich von Bebenburg wissen. / 

Der Schriftsteller des Absurden Walter Erich von Bebenburg (1927-1980) (Wiki) war mütterlicherseits ein Enkelsohn der naturalistischen Philosophin und Psychologin Mathilde Ludendorff (1877-1966). Da seine allein erziehende Mutter Ingeborg die meiste Zeit seiner Kindheit und Jugend bei ihrer eigenen Mutter und bei ihrem Stiefvater Erich Ludendorff lebte (1) und schließlich auch den nachmaligen Leiter des Nachfolgeverlages des Ludendorff-Verlages heiratete, des 1949 gegründeten Verlages Hohe Warte, nämlich Franz Karg von Bebenburg, gibt es kaum einen Angehörigen seiner Generation, der persönlich einer Frau wie Mathilde Ludendorff näher gestanden ist, als er.

Abb. 1: (Wohl) Walter Erich von Bebenburg an der Hand seiner Großmutter Mathilde Ludendorff am 70. Geburtstag Erich Ludendorffs in Tutzing am 9. April 1935 - (Ehrenposten vor dem Haus, hinter beiden General Bronsart von Schellendorf) (Herkunft: Ebay, Oktober 2014)

Mathilde Ludendorff hat in ihrer philosophischen Psychologie von den besonderen seelischen Gesetzen gesprochen, unter denen nahe Angehörige - und auch enge Mitarbeiter - von schöpferischen Menschen, von Kulturschaffenden stehen. Und sie hat diese Gesetze und seelischen Gefahren noch einmal um so bedrohlicher erachtet, um so umkämpfter und umfehdeter jenes Geistesgut ist, für das diese Kulturschaffenden und Mitarbeiter in ihrem Leben - und oft auch mit ihrem Leben - stehen.

Natürlich dachte sie dabei auch an sich selbst und ihre Angehörigen. Doch wer würde bei diesen Worten Mathilde Ludendorffs nicht auch an das Lebensschicksal von Friedemann Bach denken, des ältesten Sohnes von Johann Sebastian Bach? Zumindest so wie es in der romanhaften Biographie von Albert Emil Bachvogel und in der ihr folgenden Verfilmung von 1941 dargestellt ist? Wer würde dabei nicht an die schweren Sorgen Ludwigs van Beethoven denken, die ihm nach dem Tod seines Bruders die Vaterpflichten für seinen Neffen Johann (?) auferlegten? Wer würde dabei nicht an den ältesten Sohn von Theodor Storm denken, dem sein Vater viele schwere Stunden durchwachter, sorgenvoller Nächte widmete?

Wer würde dabei nicht an jene zahlreichen Werke etwa des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn denken, in denen er sich das Thema "verlorener Sohn" stellte? Wer nicht an die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke, die zahlreiche autobiographische Züge enthalten und die auch mit dem Thema des "verlorenen Sohnes" enden? "Man wird mich schwer davon überzeugen," so leitete Rilke diesen Teil ein, "dass die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte ..."

Abb. 2: (Wohl) Walter Erich von Bebenburg an der Hand seiner Großmutter Mathilde Ludendorff am 70. Geburtstag Erich Ludendorffs in Tutzing am 9. April 1935 - (neben beiden General Bronsart von Schellendorf, hinter ihnen Frieda Stahl [?]) - wohl auf dem Weg zur Ehrenformation für Erich Ludendorff (Herkunft: Ebay, Oktober 2014)

Auch wenn man sich in der politischen und kulturellen Geschichte des 20. Jahrhunderts sonst umsieht, wird man mancherlei besondere Spannungen im Verhältnis von Eltern und Kindern finden können. Etwa im Lebensschicksal von Bernward Vesper (1938-1971) (Wiki), dem langjährigen Freund von Gudrun Ensslin, Sohn des viel gelesenen nationalsozialistischen Schriftstellers Will Vesper (1882-1962) (Wiki). (Auf dem Foto von Abbildung 6 Vater und Sohn im Jahr 1957.)

Ein Enkelsohn Mathilde Ludendorffs wird zu einem Schriftsteller des Absurden

Immer wieder kommt Mathilde Ludendorff im sechsten Band ihrer Lebenserinnerungen auf "das Walterchen" zu sprechen. Als sie 1930 ihre psychologische Philosophie der Kinderseele und der Erziehung schrieb ("Des Kindes Seele und der Eltern Amt") krabbelte es um ihre Füße herum. Und es versonnte auch in den Folgemonaten und -jahren, wie sie schrieb, immer wieder den Alltag der Großeltern. In einem Brief an ihre eigene Mutter und an ihre Schwestern schreibt Mathilde Ludendorff am 12. August 1932 vom Starnberger See aus unter anderem (zit. n. 1, S. 263):

Bei der Tagung war zufällig Walterchen drei Tage bei uns, da Ingeborg in Stuttgart eingeladen war. Er war lieb und artig, fragte nur so drauf los. Das hat mich sehr ausgeruht. So fragte er unter allerhand Unsinn auch auf einmal: "Omama, wie tief ist denn die Nacht?" - "Wie meinst Du das?" - "Na, am Tag, da sehe ich wie tief alles ist, wie weit da Ammerland fort ist und der Dampfer, aber in der Nacht, da sehe ich das Ufer nicht."

Wir sprachen bei Tisch, daß ich am Sonntag die "Moral" behandeln werde. Da fragte das Bubchen: "Was ist denn Moral?" Erich sagte: "Das Artigsein, aber Du bist ja sehr artig hier, willst Du denn auch bei der Mama artig sein?" Da sagte er im Brustton der Überzeugung: "Opa, ich kann überhaupt nicht mehr unartig sein, denn ich kann ja neuerdings einen Zeppelin zeichnen; das war ja nur schuld, weil das ja noch nicht ging, jetzt bin ich immer artig!" - Ein süßes Kind, aber wie wird es, wie kann es einmal werden? -
Diesen Band Lebenserinnerungen schrieb Mathilde Ludendorf im Frühjahr 1937 nieder. Als sie ihre Lebenserinnerungen 1955 (nach einigen Anmerkungen zu schließen) das letzte mal durchsah, um sie druckfertig zu machen, da wird sie zu dieser Frage schon konkretere Gedanken gehabt haben. Es kam ihr aber offenbar nicht in den Sinn, diesen Brief um diese schon etwas besorgten Gedanken zu kürzen.

Drei Jahre später, 1935, als Walter Erich acht Jahre alt ist, sieht man ihn an der Hand seiner Großmutter auf seltenen Fotos vom 70. Geburtstag Erich Ludendorffs in Tutzing am 9. April 1935 (siehe Abbildungen 1 und 2), die im Oktober 2014 auf Ebay zum Verkauf angeboten wurden.

Selbst noch das Niederschreiben der eben genannten Lebenserinnerungen Mathilde Ludendorffs steht in einem gewissen Zusammenhang mit diesem Enkelkind. Berichtet Mathilde Ludendorff doch im fünften Band derselben (1967, S. 11f):
Es war der erste Morgen des Jahres 1937. Bei unserem Frühgang am Seeufer hörten wir den jubelnden Ruf "Prost Neujahr", den unser Enkelkind uns vom Giebelstübchen aus entgegen sandte, um uns durch diese unerwartete List das Neujahr abzugewinnen. (...) Dann aber wurde mein Mann ernst und sagte: "Wir wollen nicht fahrlässig sein und deshalb dieses Jahr wieder damit beginnen, an unseren Lebenserinnerungen weiter zu schreiben."

Gemäß des Wunsches von Mathilde Ludendorff wurden die letzten beiden Bände ihrer Lebenserinnerungen erst nach ihrem Tod veröffentlicht. Sie starb 1966. Der sechste Band wurde 1968 vom Stiefvater Walter von Bebenburgs veröffentlicht.

Abb. 3: Mathilde und Erich Ludendorff auf einem Spaziergang mit ihrem "Walterchen", wohl 1936 oder 1937 (aus: 4)

1937 war das Walter Erich zehn, 1938 elf Jahre alt. 

"Das Haus mit dem Sonnenschein des Kinderlachens durchsonnt"

Und 1938 schrieb Mathilde Ludendorff über ihn, ohne seinen Namen zu nennen, wobei sie auf ihre schon niedergeschriebenen Lebenserinnerungen Bezug nahm (11, S. 129):

In meinen Lebenserinnerungen habe ich die Sonnenseite eines ernsten Schicksals, die schon vom zweiten Jahre unserer Ehe an auf Jahre hinaus mein Enkelsöhnchen in unser Haus führte, berichtet und manches liebe Vorkommnis erzählt, das unser Haus voll ernsten Kampfes mit dem Sonnenschein des Kinderlachens durchhellt hat. In jenen Jahren und später, als der Junge jedes Jahr für lange Ferienwochen in Tutzing zu Gast war, ward er von großväterlicher Liebe überschüttet. Auf den Spaziergängen ließ der Feldherr sich Kindermärchen und später Heldensagen von dem Knaben erzählen, äußerte seine Spannung auf den Fortgang, rätselte, wie es nun weitergehen werde, und freute sich über des Kindes Glückseligkeit, aber auch über die Früchte eines klaren Rasseerkennens in jungen Deutschen Kinderseelen. Wie manches Mal hat auch der Großvater die Waffenkammer mit den selbst geschnitzten Schwertern, Schilden und Lanzen besichtigt und die Waffen ausgewählt, die der Enkel am anderen Morgen, wenn er uns auf unserem Frühgange entgegen trabte, mitbringen sollte. Dann schritt er stolz vor uns her nach Hause, und wir beteuerten, wie nötig uns sein Schutz sei. Reich fluten die lieben Erinnerungen an alle die sonnigen Stunden durch meine Seele.

In ihrer Kinderpsychologie vertritt Mathilde Ludendorff die Meinung, daß Kinderseelen der "Volksseele", die aus dem Unterbewusstsein des Menschen heraus wirken würde, noch näher stehen würden als die Erwachsenen, und dass aus dieser heraus auch ihr kindliches Handeln sehr häufig entspringen würde. Dies ist hier angesprochen, wenn in der Sprache der damaligen Zeit von "klarer Rasseerkenntnis in jungen Deutschen Kinderseelen" gesprochen wird. Wobei sie auch die Volksdichtungen der Märchen und Heldensagen als aus der Volksseele heraus gestaltet ansieht, worauf zu einem großen Teil die Wirkung derselben auf Kinderseelen beruhen würde..

In einer Stelle ihres Buches "Des Kindes Seele und der Eltern Amt" hat Mathilde Ludendorff womöglich ebenfalls an ihr Zusammenleben mit ihrem Walterchen gedacht. Sie lautet (1954, S. 183):

Es läßt sich kaum etwas Köstlicheres denken als dies Familienleben genialer Eltern mit ihren Kleinen. Es birgt einen wunderreichen Zauber des tagtäglichen Erlebens, wie er harmonischer und inniger kaum ersonnen werden kann. Die Vertreibung aus diesem Paradies schließt sich meist bald an den Eintritt der Kinder in die Schule an. Die Schar der Altersgenossen, die aus einem ganz anders gearteten Familienleben kommen, und gar manche andere Ereignisse bewirken, daß die Einsargung des Ichs

- eine nach Mathilde Ludendorff wichtige seelische Gesetzmäßigkeit beim Älterwerden - 

rasche Fortschritte macht.

Ob nun das Erscheinen der Lebenserinnerungen Mathilde Ludendorffs im Jahr 1968 einer der Auslöser für Walter Erich von Bebenburg war dafür, den Roman "Tod den Ärtzten" zu schreiben? 


"Ein süßes Kind, aber wie wird es, wie kann es einmal werden?"


Dieser wurde jedenfalls 1969 unter seinem Schriftstellernamen Walter Richartz veröffentlicht (2). Er ist mit Recht als eine Auseinandersetzung mit der Ludendorff-Bewegung (Wiki) empfunden worden und mit der geistigen Umwelt, in der Walter Erich von Bebenburg als Enkelsohn Mathilde Ludendorffs aufgewachsen war. Diesen Umstand kann man jedenfalls als Grund genug betrachten, sich denselben und den Lebensgang Walter Erich von Bebenburgs insgesamt im Rahmen der Themenstellungen der "Studiengruppe Naturalismus" genauer anzusehen (3).


Nur nebenberuflich war Walter Erich von Bebenburg /Richartz als Schriftsteller tätig. Hauptberuflich war er Leitender Chemiker bei der Firma Degussa in Frankfurt am Main. Bis zu seinem Lebensende hat er unter Schriftstellern viele Freunde gehabt. Noch heute wird er von vielen Literaturkennern geschätzt. Einer seiner Freunde, Sven Hanuschek, faßt auf Paraplui.de die schriftstellerische Lebensleistung von Walter von Bebenburg/Richartz folgendermaßen zusammen:
Richartz hat vier große Romane veröffentlicht, elf Erzählungsbände (zum Teil bei Diogenes und Haffmans, zum Teil in bibliophilen Verlagen), zusammen mit Urs Widmer hat er Shakespeares Stücke in Prosa nach- und neu erzählt (1978), es gibt 13 Hörspiele, außerdem Essays, Stücke, Rezensionen, Editionen, natürlich Forschungsbeiträge auf dem Gebiet der Chemie. Überdies war Richartz ein gefragter Übersetzer, seine Arbeiten auf diesem Gebiet sind weiterhin fast vollständig im Buchhandel lieferbar: Henry David Thoreau, Lewis Carroll, Stephen Crane, Raymond Chandler, Dashiell Hammett, F. Scott Fitzgerald, William Faulkner, Patricia Highsmith, Edward Gorey.
Abb. 4: 1969

Was nun den Leser an dem Roman "Tod den Ärzten" am meisten verwundert: Warum hat von Walter von Bebenburg das Bedürfnis empfunden, diesen Roman zu schreiben? Was brachte die Vehemenz des schillernden Gedankenreichtums, der vielen skurrilen Erfindungen, auch Worterfindungen in dem Roman hervor? (180 Seiten in der 1997-Ausgabe von Diogenes.) Welche Bedürfnisse waren es, die ihn trieben?

Es ist klar, daß ein so einfallsreicher, skurriler und absurder, "bis an die Grenzen getriebener" Roman den Verfasser innerlich umtreiben muß. Man könnte sich ja denken: Zehn Seiten zu dem Thema "Verschwörungstheorie" einmal ganz drollig und witzig, skurril zusammen geschrieben, sollten doch reichen, um ein Bedürfnis zu stillen. Ein solches Thema erschöpft sich doch irgend wann auch einmal. Für Walter von Bebenburg, respektive Richartz galt das aber - augenscheinlich - nicht. Beim Lesen seines Romanes wird sehr bald deutlich: Um diesen Roman zu schreiben, hatte zuvor sehr viel in ihm "arbeiten" müssen.

Aus der Vermutung heraus, daß seine Großmutter Mathilde Ludendorff, in deren nächster Nähe er fast von Geburt an aufgewachsen ist, jene Frau war, die am meisten Einfluß auf seine Jugend ausgeübt hat (3, 4), ist auch an den Beginn einer - auch biographischen - Studie über von Walter von Bebenburg / Richartz ein Foto des neunjährigen Walter von Bebenburg gebracht worden: Auf einem Spaziergang zusammen mit seinen Großeltern Mathilde und Erich Ludendorff. Sommer 1936 gezeigt (s. Abb. 3) (3).

Die Rezensionen zu dem Roman "Tod den Ärtzten" waren seiner Zeit begeistert. Noch heute hat Walter von Bebenburg manchen Anhänger unter Schriftstellern und in der Literaturwissenschaft. "Die Zeit" etwa schreibt:

Ein völlig außer Rand und Band geratenes explosives und komisches Pamphlet, wie es gerade die deutsche Literatur selten hervorbringt.
Die "Neue Züricher Zeitung" schreibt:
Ein hochaktureller politischer Roman, einer der eindrücklichsten und überzeugendsten, die uns in den vergangenen Jahren erreichten. Richartz hat eine beneidenswerte Position innerhalb der zeitgenössischen Prosa inne.
Die "Frankfurter Rundschau" (2, S. 189):
"Der aggressivste deutsche Schriftsteller unserer Zeit." "... seine harte Wortkunst."
Abb. 5

Der Roman spielt sehr mit der absurden Sinnlosigkeit, mit dem "Existentialistischen" in allen Erscheinungen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens. Das heutige Zeitbewußtsein muß sich davon, insofern es Verantwortungsgefühl besitzt, nicht mehr besonders angesprochen fühlen. Es ist vielleicht auch ein ernsthafteres, weniger "verwitzeltes". Man macht sich quasi nicht mehr über alles und jedes lustig, wie das offenbar so stark das Bedürfnis jener 1968-er Generation gewesen ist, zu der Walter von Bebenburg, resp. Richartz gehört hat. Gerne kürzte er seinen Schriftstellernamen (Walter Erich Richartz) geheimnisvoll-verspielt mit "W.E.R." ab.

Der Roman zeigt zumindest eines auf: Walter Erich von Bebenburg war bestimmt nicht unbegabt. Sollte es genau dieser Umstand gewesen sein, der Menschen, die Mathilde Ludendorff nicht freundlich gesonnen waren, dazu veranlaßt hat, auf ihren geliebten "Walter" in seiner Jugendzeit schlechte Einflüsse auszuüben? Diese Frage soll im folgenden behandelt werden.

Abb. 6: Will und Bernward Vesper, 1957 - Vater und Sohn

Die Eigenart des Romans "Tod den Ärtzten" von Walter Richartz/von Bebenburg kann man sich auch verdeutlichen, wenn man ihn mit dem Roman "1984" von George Orwell vergleicht, erschienen 1948.


Vergleich mit "1984" von George Orwell


Die Themen sind grob gesehen ähnlich: Es gibt eine Weltverschwörung - den "Big Brother" und eine führende Klasse (Orwell), bzw. die alles beherrschenden "Ärtzte" (von Bebenburg). Und es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, die das Wagnis eingehen, sich gegen diese große "Weltverschwörung" zu stellen. Die Ludendorff-Bewegung sah und sieht sich unter anderem als eine solche Gruppierung an, ähnlich wie die heutigen "Infokrieger". George Orwell empfand sich als ohnmächtig gegenüber einem solchen "Big Brother" und nahm sich nach Vollendung seines Romanes das Leben.


Aber auch der Unterschied zu von Bebenburg/Richartz wird bald deutlich: Orwell hat im letzten Sinne nicht gespielt. Es war ihm ernst, wenn er den "englischen Sozialismus" ("engSoz") der Beteiligung an dieser Verschwörung anklagte. "1984", so ist von wissenschaftlichen Orwell-Biographien gut verdeutlicht (etwa von Schröder), beschreibt - nach Orwell's Verständnis - einfach nur die Situation von "1948", nicht eine Zukunftsvision. Es beschreibt seine Kriegserfahrungen als Mitarbeiter der BBC, des "Wahrheitsministeriums" seines Romans. Bei Walter von Bebenburg /Richartz hingegen wird nirgendwo Ernst erkennbar. Er dreht alles ins Witzige, Skurrile, Absurde, Lächerliche.


Es erübrigt sich die Frage: Was will Walter von Bebenburg/Richartz mit diesem Roman? Die Worte der "Frankfurter Rundschau"
Die Kaputtmacher, Naturschänder und Lebensverächter aller Schattierungen waren seines wuchtigen Einspruchs sicher

könnten eher absurde Sätze des Romanes selbst sein, als daß mit ihnen wirklich sinnvoll charakterisiert werden könnte, was Walter von Bebenburg/Richartz nun eigentlich mit seinem Roman hätte bewirken wollen. Gab es überhaupt irgendwelche "Absichten"? Oder steht hinter diesem Roman wie hinter allem bloß die krude, ganz und gar unbeantwortete Frage: "W.E.R."? - Wer bin ich eigentlich?


Worin lag das Bedürfnis, "Tod den Ärtzten" zu schreiben?

Über Walter von Bebenburg/Richartz ist schon 1994 eine wissenschaftliche, auch biograpische Studie als Dissertation erstellt worden (4). Im Jahr 2007 stellte die renommierte literaturwissenschaftliche Zeitschrift "Die Horen" in einem 368-Seiten starken Band die Schriftsteller Walter von Bebenburg/Richartz und Günter Graß nebeneinander (5).


Abb. 7: "Doppel-Talente Günter Grass und Walter E. Richartz" (2007)

Der als schlank und hochgewachsen geschilderte Walter von Bebenburg/Richartz entstand als Sohn einer kurzen Ehe der ältesten Tochter Mathilde Ludendorffs, die diese mit seinem leiblichen Vater, einem "flotten" Marineoffizier und Schürzenjäger, eingegangen war. Es war der Korvettenkapitän a. D. Karl Richartz, damals "Herr auf Griemshorst bei Stade" (12). Nach der Scheidung der Mutter verbrachte Walter Erich eine verträumte Kindheit und Jugend (4, S. 21):

Man bezog 1938 ein neues Haus in dem Ort Pähl, der sich wenige Kilometer von Tutzing entfernt befindet. (...) Richartz fuhr jeden Tag in die Kreisstadt Weilheilm/Oberbayern, um die dortige Oberschule zu besuchen. Da seine Mutter ihn weitgehend gewähren ließ und sein strengerer Stiefvater für die Dauer des gesamten Zweiten Weltkrieges Soldat war und nach seiner Rückkehr im Sommer 1945 zunächst als reisender Buchhändler arbeitete, konnte sich Richartz, wenngleich isolierter, so doch in gewisser Weise eigenständiger entwickeln.
Nach dem Abitur noch 1944 zum Kriegsdienst an die Ostfront eingezogen, konnte er nach kurzer russischer Kriegsgefangenschaft, aus der er floh, noch im Frühjahr 1945 in die Heimat zurückkehren (4, S. 21):
Von den Menschen seiner Umgebung dürfte die Großmutter mit ihrem energischen und - abseits der Feindbilder - durchaus warmherzigen Wesen den größten Eindruck auf Richartz hinterlassen haben. (...) Anfang 1946, 19 Jahre nach der Geburt von Walter Richartz, gebar seine Mutter einen zweiten Sohn. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1970 verfiel sie seitdem in schwere manisch-depressive Zustände. Richartz liebte seine Mutter, doch der "weltanschauliche" Graben war später unüberwindlich geworden, da seine Mutter Anhängerin der "Ludendorff-Bewegung" blieb.
Walter von Bebenburg nannte sich als Schriftsteller nach seinem leiblichen Vater Karl Richarz (1887- 1966) (ab), einem früheren Korvettenkapitän und Marineschriftsteller (Amaz.), der in beiden Weltkriegen Kriegsdienst geleistet hatte, zu dem er aber nie eine engere Bindung entwickelte. Mathilde Ludendorff deutet in ihren Lebenserinnerungen an, daß seine geschiedene Mutter Ingeborg mit Unterstützung ihrer Eltern Mathilde und Erich Ludendorff um 1930 herum schwere und langwierige gerichtliche Auseinandersetzung auszustehen hatte, um das alleinige Sorgerecht für ihren Sohn zugesprochen zu erhalten. Seinen bürgerlichen Namen von Bebenburg hatte Walter erhalten, nachdem seine Mutter Franz Karg von Bebenburg geheiratet hatte und dieser ihn adoptiert hatte.

Im Winter 1945/46 begann Walter von Bebenburg in München ein Chemie-Studium.
"In erster Zeit bewohnte er ein Zimmer im Haus seiner Großmutter." (Also in Tutzing.) "Seit 1948 hatte er in München ein eigenes Zimmer." (4, S. 22)

Walter von Bebenburg hat also die Einquartierung der Flüchtlinge bei seiner Großmutter und die häufigen Befragungen und Verhöre derselben durch die amerikanischen Besatzungsoffiziere miterlebt.


1949 - Besuch beim Vater in Hamburg ...
Abb. 8

In seinem Freundeskreis begann sich Walter jedoch intensiv mit Jazz-Musik zu beschäftigen, was schon eine innere Abkehr von seiner Großmutter andeutete. Mit 22 Jahren, 1949, besuchte nun Walter von Bebenburg erstmals seinen Vater Karl Richarz in Hamburg. Dies schildert er in seiner 1966 erschienenen Erzählung "Prüfungen eines braven Sohnes". In der Umgebung seines Vaters, den er insgesamt nicht als sehr sympathisch schilderte, herrschte nun nach seiner Darstellung auf dem Gebiet des Geschlechtlichen ein so lockerer Umgangston, daß man fast sagen muß, es wäre die Absicht dieser Umgebung gewesen, ihn dort zusammen mit einer jungen Verwandten sein Ersterlebnis auf dem Gebiet des Geschlechtlichen erleben zu lassen. So berichtete es Walter von Bebenburg selbst in der genannten Erzählung.

Wenn man bedenkt, welche hohe Bedeutung die Psychologin Mathilde Ludendorff in ihrer Sexualpsychologie dem Ersterlebnis zuspricht, bekommt man eine Ahnung davon, mit welchem Entsetzen Mathilde Ludendorff diese Erzählung gelesen hätte, wäre sie nicht im Jahr des Erscheinens derselben gestorben.

... als Folge einer verkommenen, christlichen Intrige des Bruders Mathilde Ludendorffs?

Einen zusätzlichen Schlüssel zu den Vorgängen rund um diesen "braven Sohn" erhält man aber, wenn man einen Brief liest, den Mathilde Ludendorff in dieser Zeit an ihren Bruder Fritz Spieß geschrieben hat. Fritz Spieß war im Gegensatz zu seinen drei Schwestern nicht aus der Kirche ausgetreten und hat innerhalb der Familie einen sehr christlichen Standpunkt vertreten. Er war empört, daß seine Mutter kein christliches Begräbnis erhalten hatte, sondern noch vor ihrem Tod aus der Kirche ausgetreten war und Mitglied in der weltanschaulichen Vereinigung "Deutschvolk e.V." geworden war, der Vorgängervereinigung des "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)", den ihre Tochter und ihr berühmter Schwiegersohn gegründet hatten, und daß sie deshalb auch ein entsprechendes nichtchristliches Begräbnis wünschte.


Mathilde Ludendorff schrieb nun im Januar 1950 an ihren Bruder. Und sie schrieb dabei auch von ihrem Sohn Hanno, der laut Auskünften aus dem Umkreis der Urenkel von Mathilde Ludendorff (vom 28.12.2011), 1946 geheiratet hatte und im August 1947 Vater seiner Tochter Hannelore von Kemnitz geworden ist (6 - 8), ein Enkelkind Mathilde Ludendorffs, von dessen angeratener Taufe offenbar im folgenden Brief die Rede ist. Ebenso ist von ihrer beider Schwester Frieda Stahl, geborene Spieß, der Pianistin, die Rede und ihrem Enkelkind und von ihrer beider Schwester Lina Richter, geborene Spieß, der Malerin und Zeichnerin:

Tutzing den 21.1.50
Lieber Fritz,

Durch Zufälle kam es mir zur Kenntnis, daß Du ohne mit der Mutter von Walter, mit Ingeborg und Franz, der Walter adoptiert hat, Walter die Anregung gegeben hast, mit seinem Vater Richarz und seiner Halbschwester ohne Wissen seiner Eltern in Verbindung zu treten. Zum Glück hatte Walter nach langen Wochen, in denen er seinen Eltern mit Verschweigen der Wahrheit, also mit Unwahrhaftigkeit gegenüberstand endlich die Kraft, wenigstens nachträglich den Eltern Mitteilung zu machen. Du hast bei dem Zusammentreffen mit Ingeborg weder vorher noch nachher über Deine Worte zu Walter gesprochen, erst recht mir kein Sterbenswort bei unserem Zusammensein gesagt.

Ebenso erfuhr ich auf meine Frage hin, daß Du den Versuch machtest, Hanno zu überzeugen, eine christliche Taufe meines Enkelkindes sei wegen Erschwernissen in der Schule und Nachteile im Leben nötig oder anzuraten. Nur der Umstand, daß Hanno es ablehnte, die ernste Frage religiöser Überzeugung nach solchen Gesichtspunkten zu entscheiden, hat es verhindert, daß mir der gleiche Schmerz bereitet wurde wie ihn Friedel durchlebte, als ihr einziger 6-jähriger Enkel in einer Überzeugung getauft wurde, die sie gründlich ablehnt oder aber Hanno hinter meinem Rücken das Kind hätte taufen lassen!!!

Wir haben, das ergibt sich aus den Tatsachen, so grundverschiedene Auffassungen über die Offenheit, die man Geschwistern gegenüber schuldet, ehe man in so wichtigen Fragen deren Kinder und Enkel im entgegengesetzten Sinne der Überzeugung der Geschwister zu beeinflussen beginnt, daß mir, die ich solche grundsätzliche Offenheit als notwendige Voraussetzung geschwisterlichen Vertrauens ansehe und eine Auseinandersetzung über diese unterschiedlichen Auffassungen niemals als eine Überwindung derselben ansehen könnte, daß mir nur die Möglichkeit bleibt, mir klar zu sagen, einen Bruder nach meiner Auffassung, also einen Menschen, der niemals in so wesentlichen Fragen meine Kinder oder Enkel meiner Überzeugung entgegen beeinflußt oder beeinflussen will, ohne mir, der Mutter oder Großmutter zuvor das offen zu sagen, habe ich nicht.

Das hindert mich natürlich nicht, Dir von Herzen alles Gute für Deinen Lebensabend, der ja nun wieder etwas rosiger vor Dir liegt, zu wünschen.

Meinen Kindern, die ein wundervolles Band des Vertrauens zu mir haben, habe ich vom Inhalte dieses Briefes Kenntnis gegeben und ich weiß schon zuvor, daß sie meinen Entschluß voll und ganz verstehen, Lining und Friedel haben mir schon ausgesprochen, daß auch sie keinen anderen Weg für mich sehen.

Für Dein warmes Mitgefühl an meiner Lage sage ich Dir herzlichen Dank. Ich behalte es in meinem Erinnern an die unerträglichsten Jahre meines Lebens. Wenn Du nun meine Kinder und deren Gatten oder meinen Enkel Walter in lebenswichtigen Fragen meiner Überzeugung entgegen beeinflußt oder zu beeinflussen versuchst, so fällt das Unrecht aus, daß Du es mir verschweigst, denn nun bist Du ja von der Pflicht enthoben, mir das mitzuteilen, da ich mich von Dir trenne.

Mit allen guten Wünschen
Tilli

Mathilde Ludendorff, die von der Verführung von Walter (durch seine Halbschwester?) wahrscheinlich nichts wußte, empörte sich schon allein wegen der beabsichtigten Verführung zur Taufe so sehr, daß sie mit ihrem Bruder brach.


Erste Heirat mit 23 Jahren

Nachdem man diese Geschehnisse zur Kenntnis genommen hat, verfolgt man die Lebensschicksale von Walter von Bebenburg mit noch erhöhter Anteilnahme. Noch im Jahr 1950 heiratete er eine Jugendfreundin. Er wechselte zum Wintersemester 1950/51 von der Universität München an die Universität Hamburg. Und schon im Jahr 1952 ließ er sich wieder scheiden.


Im Dezember 1952 beendete er dann sein Studium der Chemie mit der Diplomprüfung. Im Jahr 1955 promovierte er in Chemie und ging 1957 als Chemiker in die USA. Kurz bevor er Deutschland verließ und nachdem er sich von allen Verwandten, auch seinen Eltern und Großeltern in Bayern verabschiedet hatte, lernte er seine spätere zweite Frau kennen (4, S. 24, Anmerkung 17). In den USA heiratete er sie und kehrte im November 1960 zusammen mit dem gemeinsamen ersten Sohn nach Deutschland zurück. Der Sohn wurde ebenfalls Franz benannt wie der Stiefvater Walters von Bebenburg, der auch den Vornamen Franz trug.


Abb. 9
1961 begann Walter von Bebenburg für die nächsten zwanzig Jahre als leitender Angestellter bei der Chemiefirma Degussa in Frankfurt in der Pharmazie zu forschen. Er entwickelte ein neues, gängiges Schmerzmittel. Die genannte literaturwissenschaftliche Studie zu Walter von Bebenburg-Richartz (4) formuliert einen "Dank", in dem es heißt:
Mari, Franz und Pitt von Bebenburg machten mir unveröffentlichte Texte und Photos von Richartz zugänglich und erzählten mir von ihm.
Hiermit sind wohl die zweite Frau und die beiden Kinder angesprochen (4, S. 249):
Ausführliche Gespräche über sein Wesen durfte ich auch mit vielen ehemaligen Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen, mit Hochschullehrern und den Verlegern von Richartz führen, wofür allen an dieser Stelle herzlicher Dank gesagt sei.
Zu diesen zählte offensichtlich auch der Stiefvater und Verleger Franz von Bebenburg, denn über das einzige Foto des Buches (siehe oben) heißt es (4, Vorsatztext):
Für die Abdruckerlaubnis der Photographie (Walter E. Richartz mit den Großeltern Mathilde und Erich Ludendorff, 1936) danke ich Herrn Franz von Bebenburg, Dießen/Ammersee.
Walter von Bebenburg-Richartz hat nach seinem Erstlingsroman "Tod den Ärtzten" noch zahlreiche andere Romane und Erzählungen geschrieben, die in diesem Beitrag zunächst nicht mehr behandelt werden sollen. 2012 ist in der Zeitschrift "Chemie in unserer Zeit" Walter E. Richartz' gedacht worden (9, 10):
Ein Spaziergang durch das literarische Werk des Erzählers, Übersetzers, Chemikers, Experimentators und Alltags-Surrealisten von Sven Hanuschek.  In diesem Beitrag steht der Schriftsteller W. E. Richartz im Mittelpunkt. Über den Chemiker berichtet Heribert Offermanns im voranstehenden Kurzaufsatz (S. 158–159).

Die Mutter von Walter von Bebenburg/Richartz starb im Jahr 1970.

Selbstmord 1980

Sein Stiefvater heiratete sehr bald eine neue Frau Duppel, die zwei Söhne mit in die Ehe brachte (Wolfgang und Wilfried Duppel, die beide heute sozusagen "Schaltstellen" innerhalb der Ludendorff-Bewegung besetzen).

Abb. 10: "Büroroman"
Walter von Bebenburg/Richartz gab im Jahr 1979 seine Arbeit als Leitender Angestellter bei Degussa auf, da er unter dieser trotz aller beruflichen Erfolge sehr litt. Dieses Leiden spiegelt sich unter anderem in seinem "Büroroman" wieder. Er wollte sich - wie ihm das schon von vielen zuvor angeraten worden war - vollzeitlich dem Schriftsteller-Beruf zu widmen (4, S. 194 - 196):

Den Erinnerungen von Freunden und Bekannten zufolge hatte Richartz große Angst, durch den Wechsel zum Beruf des freien Schriftstellers in Armut zu geraten. (...) Doch Gründe, sich schon bald in der Gosse enden zu sehen, bestanden eigentlich nicht. (...)

Im Frühjahr 1979 lud Richartz zusammen mit seiner Ehefrau zu einem "Befreiungsfest" nach Hungen ein, im darauffolgenden Sommer verließ er sie und das gemeinsame Haus in Sprendlingen-Buchschlag, südlich von Frankfurt. Ende August 1979 mietete er sich eine kleine Wohnung in Frankfurt-Bornheim und pendelte fortan zwischen seiner Wohnung in Hungen, der Frankfurter Stadtwohnung, der Firma und dem Wohnort seiner Geliebten hin und her. Bereits im Oktober 1979 versuchte er, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen.

In seinen letzten Lebensmonaten entfremdete er sich fast völlig von der Hungener Schloßgemeinschaft und von den Mitgliedern der [Schriftsteller-Vereinigung] "Patio". Auch die Zeit mit den durchaus geschätzten Kollegen in der Firma ging nun endgültig zu Ende.

Regelmäßig sah er nur noch seine Geliebte, die sich jedoch nicht fest an ihn binden wollte. Wie es heißt, kämpfte er in den Zeiten der Trennung von ihr fast ohnmächtig gegen seine übergroßen, plötzlich freigewordenen Verschmelzungssehnsüchte. Richartz hielt das Experiment, freier Schriftsteller zu werden, für gescheitert. Sein letzter öffentlicher Auftritt war Ende Januar 1980 in Berlin anläßlich einer Lesung. Wenige Tage später vergiftete er sich in einem Waldstück oberhalb von Klingenberg am Main. (Der Todesort von Richartz befindet sich am Rande einer ehemaligen germanischen Fluchtburg.)

Richartz war zeitlebens ein ungeheuer tatkräftiger, arbeitsamer, fleißiger Mensch gewesen. Ein Schriftstellerfreund vermutete (4, S. 234):

Als er dem Käfig entsprang, ging er aus Mangel an Gerüst zugrunde, wie Weichtiere sterben, wenn ihnen die Schale zerschlagen wird.

Man kann seine Ergriffenheit oder Erschütterung angesichts dieses Lebensschicksales nicht verhehlen.

Nachkommen Walter Erich von Bebenburgs

Es sei noch angefügt und ergänzt: Einer seiner Söhne ist Pitt von Bebenburg (geb. 1962 - siehe Bild), ein viel schreibender Korrespondent der "Frankfurter Rundschau" am Wiesbadener Landtag (Fr. Rdsch.).

Abb. 11: Pitt von Bebenburg

Er scheint sich als politisch linksstehend zu empfinden, scheint das aber auch ähnlich kritisch zu sehen, wie etwa ein Jan Fleischhauer. Am 19. Januar 2010 hat er nämlich im Rahmen einer Veranstaltung der Friedrich Naumann-Stiftung mit dem Autor des Buches "Unter Linken", Jan Fleischhauer, diskutiert

über das „Lebensgefühl Links“ und die persönlichen Erfahrungen mit „den Linken“.
Hierfür wurde er folgendermaßen vorgestellt:
48, verheiratet, ist Hessen-Korrespondent der Frankfurter Rundschau. Studium der Soziologie. Journalistische Tätigkeit seit 1980 überwiegend für die FR, zeitweise auch für den Sender Freies Berlin (Fernsehen) und den Hessischen Rundfunk (Hörfunk). Politischer FR-Redakteur seit 1991, FR-Korrespondent in Berlin (2000 bis 2003) und in Wiesbaden (seit 2005).

In der "Frankfurter Rundschau" hat er in den letzten Jahren eine Vielzahl von Artikeln veröffentlicht (--> Übersicht abc). Er beschäftigt sich mit dem Ausgang von Wahlen ebenso wie mit hochpolitischen Affären wie die um die hessischen Steuerprüfer (hier eine nur eine ganz kleine, willkürliche Auswahl: 5.11.082.9.0927.9.0928.9.096.1.10).



/ Erster Entwurf: 10.10.2007, 
Ergänzungen, Überarbeitungen: 
2010, 2011, 9.2.13, 4.10.14, 30.5.15, 10.11.15 /

_____________________
  1. Ludendorff, Mathilde: Freiheitskampf wider eine Welt von Feinden an der Seite des Feldherrn Ludendorff. VI. Teil von "Statt Heiligenschein und Hexenzeichen mein Leben". Verlegt bei Franz von Bebenburg, Pähl 1968
  2. Richartz, Walter E.: Tod den Ärtzten. Roman. (1969) Diogenes Verlag, Zürich 1997
  3. Hanuschek, Sven: Reklame für Richartz. Auf: http://parapluie.de/archiv/epoche/richartz/
  4. Arzt, Gregor: Walter E. Richartz. Über literarische und naturwissenschaftlliche Erkenntnis. Mit einer Bibliographie zu Walter E. Richartz. Igel Verlag Wissenschaft, Paderborn 1995 (Diss. FU Berlin 1994)
  5. Morawietz, Kurt; Tammen, Johann P.: Doppel-Talente. Günter Grass und Walter E. Richartz. Die Horen, Bd. 227, Wirtschaftsverlag, 368 Seiten, 2007
  6. Radler, Rudolf, „Ludendorff, Mathilde, geborene Spieß“, in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 290-292 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd11857485X.html
  7. Bading, Ingo: Hanno von Kemnitz, der Sohn Mathilde Ludendorffs - Fragen zu seinem Nachlaß. Studiengruppe Naturalismus, 17.12.2011
  8. Brief aus dem Umkreis eines Urenkels von Mathilde Ludendorff vom 28.12.2011 
  9. Prof. Dr. Dr. Heribert Offermanns: W.E. Richartz, W. von Bebenburg – Schriftsteller und Chemiker : Doppelbegabung – Doppelexistenz – Doppelbelastung (pages 158–159). Chemie in unserer Zeit  Volume 46, Issue 3, pages 158–159, Juni 2012 First published online: 4 Jun 2012 | DOI: 10.1002/ciuz.201200591
  10. Prof. Dr. phil. Sven Hanuschek: “Walter E. Richartz hat anders getickt als die anderen, aber sehr leise”. First published online: 4 Jun 2012  DOI: 10.1002/ciuz.201200556  In: Chemie in unserer Zeit Volume 46, Issue 3, pages 160–166, Juni 2012 
  11. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938
  12. Scheele, Hans: Ahnentafel des Feldherrn Erich Ludendorff. Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte, 1939 (12 S.) [Ahnentafeln berühmter Deutscher, Band 5, Ausgabe 1] (Google Bücher)

Donnerstag, 2. Juni 2011

Paul von Hindenburg - Ein Nachruf von Erich Ludendorff (1934)

Unheilsfiguren der deutschen Geschichte: Paul von Hindenburg, Adolf Hitler - 1933
Erich Ludendorff veröffentlichte in seiner Halbmonatsschrift "Am Heiligen Quell Deutscher Kraft" vom 20.8.1934 einen Nachruf auf Paul von Hindenburg. In seinem Tenor deckt sich dieser so auffallend mit dem heutigen Stand der Forschung zu dem Generalfeldmarschall von Hindenburg (1), daß er hier noch einmal wieder gegeben werden soll:
Der Reichspräsident v. Hindenburg ist am 2. 8. 9 Uhr früh gestorben. Er war im Weltkriege vom 22. 8. 1914 ab Oberbefehlshaber der 8., später der 9. Armee, sowie Oberbefehlshaber Ost, vom 29. 8. 1916 ab Chef des Generalstabes des Feldheeres.

Der Feldherr Ludendorff schreibt in "Meine Kriegserinnerungen", nachdem er auf Bitten von Bekannten, die sich später als Freimaurer entpuppt haben, den ursprünglichen Wortlaut um einiges geändert hatte:

"Ich trug dem Generalfeldmarschall nach Rücksprache mit meinen Mitarbeitern kurz und knapp meine Gedanken für Anlage und Leitung aller Operationen vor. Ich hatte die Genugtuung, daß der Generalfeldmarschall stets - von Tannenberg an bis zu meinem Abgang im Oktober 1918 - mit meinem Denken übereinstimmte und meine Befehlsentwürfe billigte."

Er hat stets das getan, was General Ludendorff vorgeschlagen hat; in diesem lag in den entsprechenden Bereichen der Schwerpunkt der Kriegführung.

Über das Handeln des Generalfeldmarschalls von Hindenburg am 9. und 11. 11. 1918 und am 23. 6. 1919 hat Archivrat Volkmann geschrieben. Wir weisen auf diese beachtenswerten Ausführungen hin.

General v. Hindenburg wurde im April 1925 von den Deutschnationalen und den völkischen Parteien als Reichspräsident gewählt. Er regierte indes im wesentlichen mit Zentrum und Sozialdemokratie. Demzufolge sagte er kurz vor dem Tannenbergtage 1925 den Besuch bei General Ludendorff, zu dem er sich selbst aus eigenem Antriebe angesagt hatte, ab. Locarno-Pakt und Young-Pakt kennzeichnen diese Amtsperiode des Reichspräsidenten.

Er wurde im März 1932 von Sozialdemokratie und Zentrum von neuem als Reichspräsident gewählt, und zwar gegen die Deutschnationalen und Nationalsozialisten. Er wandte sich dann diesen zu und regierte seit dem 30. 1. 1933 mit den Nationalsozialisten.

So der Lebensgang. -
Historiker Prof. Wolfram Pyta
Das - und nicht mehr - wußte General Ludendorff aus Anlaß des Todes von Paul von Hindenburg zu dessen Leben in seiner Zeitschrift zu sagen.

"Ich halte ihn für einen der schlechtesten Charaktere, die je gelebt haben."

In seinen Lebenserinnerungen, die 1936 niedergeschrieben und 1955 veröffentlicht wurden, drückte sich Ludendorff noch deutlicher aus (III. Band, S. 92f):
Ich halte ihn für einen der schlechtesten Charaktere, die je gelebt haben. Er sprach von der Liebe zum Könige und verriet ihn dadurch, daß er ihm den Rat gegeben hatte, nach Holland zu fahren, und zur schwer zu bewegen war, hierfür einen Teil der Verantwortung zu tragen. Mit seiner Zustimmung wurden die Soldatenräte im Heere eingeführt. Während er nach seinem Verrat an mir (am 26. 10. 18) einen Vergleich mit mir erstrebte, ließ er in seinem Buche "Aus meinem Leben" auf Seite 87 jene Stelle einfügen oder schrieb sie selbst - die den Verdacht erwecken sollte, ich hätte in der Durchführung der Schlacht von Tannenberg geschwankt, während er selbst stark geblieben sei -, um sich dadurch "einen Anteil am Siege von Tannenberg" zu sichern. Rechts gewählt, regierte er links, links gewählt, regierte er rechts und hatte als Staatsoberhaupt von der Industrie ein Geschenk angenommen in Neudeck, was ein Staatsoberhaupt nie hätte tun dürfen.
Der Sache nach hat Wolfram Pyta in seiner Hindenburg-Biographie nichts Besseres über Hindenburg zu sagen gewußt. Pyta hat sich höchstens "vornehmer" ausgedrückt.
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  1. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Siedler, München 2007
  2. Wehler, Hans-Ulrich: Zwischen Bismarck und Hitler - Wolfram Pytas herausragende Biographie über Hindenburg, eine deutsche Unheilsfigur. In: Zeit, 46/2007, S. 16

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