Dienstag, 30. August 2011

Eduard Baumgarten: Eine große philosophische Synthese auf pragmatischer Grundlage? (I)

Bislang weniger beachtete geistige Traditionslinien im Umfeld von Hans Albert und K. R. Popper

Zusammenfassung: Eine Traditionslinie exisistiert vom humanistischen Kritischen Rationalismus von Karl Raimund Popper (1902-1994) (Wiki) über den "Popper Deutschlands", den Humanisten und das Mitglied der Giordano-Bruno-Stiftung Hans Albert (geb. 1921) (Wiki) zu dessen Lehrstuhl-Vorgänger Eduard Baumgarten (1898-1982) (Wiki) und dessen Freund Konrad Lorenz (1903-1989) (Wiki). Alle vier Genannten waren miteinander befreundet und haben sich gegenseitig besucht. Und damit gibt es eine Traditionslinie zu dem gemeinsamen Versuch von Baumgarten und Lorenz um 1940 herum, auf der Linie von Alfred Rosenberg (1893-1946) (Wiki) und Alfred Baeumler (1887-1968) (Wiki) eine philosophische Grundlegung des Nationalsozialismus zu formulieren, die Elemente des ("gottgläubigen"?) philosophischen Deutschen Idealismus mit dem amerikanischen Pragmatismus und mit der Konrad Lorenz'schen Evolutionären Erkenntnistheorie zu verbinden suchte. Wer die Geschichte des naturalistischen, also an der Naturwissenschaft orientierten Denkens in Deutschland während des 20. Jahrhunderts schreiben will und damit eines Evolutionären Humanismus, darf diese heute wenig bekannten Bestrebungen nicht unter den Teppich kehren. Sie gehören zu einem vollständigen Bild dazu. Welche Schlußfolgerung aus der Kenntnis dieser Zusammenhänge zu ziehen sind, soll an dieser Stelle zunächst nicht erörtert werden. Im folgenden geht es zunächst nur um die Aufklärung wenig bekannter Sachverhalte.

Abb. 1: Hans Albert
An den in England lebenden Philosophen Karl R. Popper wurde am 6. Mai 1961 ein längerer Brief geschrieben. Er stammte von dem deutschen Soziologen Hans Albert (geb. 1921), der nachmalig als "der Stellvertreter K. R. Poppers in Deutschland" in die Philosophiegeschichte eingehen sollte (siehe Abb. 1). In diesem Brief gibt Albert einen ausführlichen Bericht über die Situation der deutschen Soziologie. Er ergänzte, nachdem er von der jüngeren Generation der deutschen Soziologen gesprochen hatte und dabei natürlich insbesondere von der "Frankfurter Schule" und ihren Gegnern (1, S. 49):
Eine Gruppe habe ich übrigens noch nicht erwähnt: und zwar die älteren deutschen Soziologen, die zwar nicht emigriert sind in der Nazi-Zeit, aber das System deutlich abgelehnt haben. (...) Vielleicht sollte ich noch Prof. Baumgarten aus Mannheim erwähnen -, vor einiger Zeit aus den USA zurückgekehrt -, dessen Institut gerade eine umfangreiche Untersuchung über die deutsche Universität herausgebracht hat. Diese Untersuchung enthält, wie ich hörte, sehr viel Kritik an den gegenwärtigen Zuständen bei uns.
Hans Albert sollte zwei Jahre später Lehrstuhl-Nachfolger dieses hier erwähnten Eduard Baumgarten in Mannheim werden. Und von diesem heute nur noch wenig bekannten Eduard Baumgarten vor allem soll der vorliegenden Beitrag handeln. Die zitierten Worte waren im Zusammenhang mit dem sogenannten "Positivismusstreit" geschrieben worden. Dieser war kurze Zeit später, im Herbst 1961 auf der Tagung der "Deutschen Gesellschaft für Soziologie" in Tübingen ausgebrochen. Karl Raimund Popper hatte dort recht weitgehend im Sinne von Hans Albert, sowie ihrer beiden späteren philosophischen Freunde Eduard Baumgarten und Konrad Lorenz, in einem Referat die "Einheit der Methode von Natur- und Sozialwissenschaften" postuliert (Wikip.).

"Einheit der Methode von Natur- und Sozialwissenschaften" 

Dieses Postulat wurde damals von solchen dezidierten Ideologen wie Theodor W. Adorno und nachmals insbesondere von Jürgen Habermas scharf angegriffen. Bis heute wohl tragen die damaligen Fronten dazu bei, das interdisziplinäre Gespräch und Forschen im Übergangsfeld von Geistes- und Naturwissenschaft zu verzögern und den Wissenschaftsgraben zu vertiefen. Erst in den letzten Jahren hat Jürgen Habermas einige Positionen zurückgenommen. Insbesondere im Zusammenhang mit der Diskussion über die Willensfreiheit, in der die naturalistischen Argumente immer stärker vorherrschend werden, war dies wohl unumgänglich geworden.

Die noch heute in vielen Bereichen bestehende tiefgehende Sprachlosigkeit zwischen Geistes- und Naturwissenschaft hatte später auch der Biologe Edward O. Wilson nicht aufbrechen können, als er das Postulat von der "Einheit des Wissens" in aktualisierter Form formulierte. Lehrstuhl-Nachfolger von Hans Albert in Mannheim ist inzwischen übrigens Hartmut Esser. Dieser fällt heute jedoch eher durch Lippenbekenntnisse zu der genannten Einheit auf, als daß konkrete Schlußfolgerungen aus solchen Bekenntnissen gezogen würden (Stud. gen.).

Im Hauptstrom der geistigen Entwicklungen seit Hans Albert steht natürlich heute vor allem die Giordano-Bruno-Stiftung. Dementsprechend hat diese auch Hans Albert als Mitglied ihres wissenschaftlichen Beirates gewählt. Niemals aber ist im Bereich des naturalistischen Philosophierens, das hier vorherrscht, eine solche Breite der gedanklichen Ansätze vertreten und verfolgt worden, wie sie - ganz "pragmatisch" - Eduard Baumgarten seit den frühen 1940er Jahren vertrat.

"Deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich"

Auf diesen Umstand ist aufmerksam gemacht worden durch die im Jahr 2002 erschienene zweibändige Überblicksdarstellung "Deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich"(2). Für die Thematik der Geschichte des naturalistischen Denkens im 20. Jahrhunderts macht sie mit einigen Themen und Entwicklungen  im Umfeld von Hans Albert und Eduard Baumgarten bekannt, die bislang - zumindest in der hier deutlich werdenden Brisanz - der Forschung und Öffentlichkeit noch nicht bekannt gewesen waren.

Auch die heutigen Vertreter dieser Denkrichtung scheinen bislang ganz zufrieden damit zu sein, daß darüber noch so wenig gesprochen und nachgedacht worden ist. Ob das aber die angemessene und auch ausreichend selbstkritische Vorgehensweise ist, die auch im Sinne des verstorbenen Eduard Baumgarten wäre, bleibe dahingestellt.

In Anknüpfung an philosophische Anliegen von Alfred Rosenberg und Alfred Bäumler, zwei der führenden Vordenker, bzw. Philosophen des Dritten Reiches, wollten nämlich die nachmaligen deutschen philosophischen Freunde von Karl Raimund Popper und Hans Albert, nämlich Eduard Baumgarten und Konrad Lorenz, um 1940 an der Universität Königsberg eine auf breit angelegte interdisziplinäre Auseinandersetzung zwischen der Evolutionsforschung und der Philosophie angelegte "Dependance von Buderose" gründen. In dem vielhundertseitigen, enzyklopädischen Werk "Das Dritte Reich und seine Denker" aus dem Jahr 1959 (14) sind weder Konrad Lorenz noch Eduard Baumgarten erwähnt. Das liegt wohl daran, daß damals das naturalistische Denken für sich in der Wahrnehmung der Zeitgenossen noch eine so geringe Rolle spielte.

Die Auseinandersetzung mit einem solchen Philosophen wie Martin Heidegger wurde breit geführt. Darüber blieben viele andere, vielleicht langfristig viel bedeutendere philosophische Entwicklungen während des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich über Gebühr unbeachtet.

Naturalistische, nationalsozialistische Ideenschmiede 1940 in Königsberg?

"Buderose", das wird im zweiten Teil genauer erläutert, stand in diesem Zusammenhang für einen um Alfred Rosenberg und Alfred Baeumler gegründeten philosophischen Arbeitskreis von damals jungen deutschen Nachwuchsphilosophen, von denen sich Baeumler und Rosenberg eine philosophisch stringentere Durchformulierung der Staats- und Gesellschaftsidee des Dritten Reiches erwarteten, als eine solche bis dahin durch philosophisch so uninformierte Bücher wie "Mein Kampf" oder "Der Mythos des 20. Jahrhunderts" gegeben worden waren.

Schon die Tatsache, daß man sich dazu an "liberale" Nichtnationalsozialisten wenden mußte (was anfangs auch für Alfred Baeumler und Eduard Baumgarten galt), ist bezeichnend. Aber welche Antriebe bewegten damals umgekehrt diese Nichtnationalsozialisten dazu, sich für eine solche Arbeit zur Verfügung zu stellen? Ist die These zumindest für Eduard Baumgarten zu verfolgen, daß er an einer "Humanisierung des Nationalsozialismus" von innen heraus arbeitete?

Die Brisanz der Thematik liegt auf der Hand: Ein naturalistisches Philosophieren, wie es später von Karl Raimund Popper und Hans Albert fortgesetzt wurde, stellte sich 1940 einigermaßen bewußt in den Dienst des Dritten Reiches. So erscheint es zumindest auf den ersten Augenschein. Und man wäre schon sehr interessiert daran, die genaueren Umstände und Motivlagen für diese Geschehnisse zu rekonstruieren, um sich besser mit ihnen auseinandersetzen zu können, um auch vergleichen zu können, und um Lehren für die Gegenwart und Zukunft ziehen zu können.

Ein Vergleich könnte sich etwa anbieten mit dem zeitgleichen naturalistischen Denken innerhalb der Ludendorff-Bewegung und der Positionierung desselben gegenüber dem Nationalsozialismus. Womöglich unter einem Rahmenthema mit dem Titel "Spielräume unter Hitlers Herrschaft". So lautet ein bis heute unveröffentlichtes Buchmanuskript von Eduard Baumgarten.

Seit Jahrzehnten unveröffentlichte Buchmanuskripte zu "Spielräumen unter Hitlers Herrschaft"

Eduard Baumgarten hat nämlich von fachphilosophischer Seite einigermaßen im Zentrum der damaligen Entwicklungen in der Geschichte des naturalistischen Denkens in Deutschland gestanden und dabei sogar seine eigene Sicht auf die damaligen Geschehnisse und insbesondere auch auf Adolf Hitler selbst schriftlich niedergelegt, wie wir weiter unten erfahren werden. Allerdings ist die Herausgabe dieser Eigendarstellung durch seinen Nachlaßverwalter und Schüler, Michael Sukale in Münster (geb. 1940), seit Jahrzehnten nicht erfolgt. Zwischenzeitlich glaubte sich Sukale wohl mit seinen zum Teil berechtigterweise aufsehenerregenden Studien über Max Weber (3), jenes Denkers, in dessen geistiger Tradition sich vor allem auch Webers Neffe Eduard Baumgarten sah, allerhand "Vorarbeiten" zu leisten, um vielleicht auch zu einem tieferen Verständnis seines akademischen Lehrers Baumgarten und zu dessen Verhältnis zum Nationalsozialismus beitragen zu können.
Abb. 2: M. Sukale
Der Soziologe Sukale betrachtet jedenfalls Baumgarten als seinen "sozialethischen" und Hans Albert als seinen "wissenschaftstheoretischen" Lehrer. Damit wird natürlich zugleich die Frage aufgeworfen, in welcher Weise Baumgarten während des Dritten Reiches seinen "sozialethischen" Standpunkt vertreten hat.

Im folgenden soll der wissenschaftsgeschichtliche Kenntnisstand zu Baumgartens philosophischem Wirken im Dritten Reich zusammengetragen werden. Während die wesentlichen wisenschaftsgeschichtlichen Ereignisse im Umfeld der Person Konrad Lorenz hier als bekannt vorausgesetzt werden, da sie breite, auch populärwissenschaftliche Darstellung gefunden haben (etwa 4-6), ist es wichtig, die dort erarbeiteten Kenntnisse durch Kenntnisse zu den geistigen, wissenschaftlichen Biographien von Alfred Baeumler, Eduard Baumgarten und Hans Albert zu ergänzen.

Naturalistisches Denken und Philosophieren, das sich bewusster als ein solches verstand und sich von anderen Arten des Philosophierens und Denkens bewusster absetzte, spielte in der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts eine vergleichsweise randständige Rolle (Google Bücher). Den Naturwissenschaftlern selbst war jedoch die zentrale Rolle der Naturwissenschaft auch für die philosophische Geistesgeschichte der Menschheit zumeist wesentlich deutlicher bewusst, als den Philosophen. Das beginnt sich erst in den letzten Jahren zu ändern.

1968 - Konrad Lorenz zum 70. Geburtstag Baumgartens

Aus Anlass des siebzigsten Geburtstages von Eduard Baumgarten im Jahr 1968 erschien - um drei Jahre verspätet - und in aufregenden Zeiten 1971 eine Festschrift (7) und eine Auswahl der Abhandlungen und Vorlesungen Baumgartens, ausgewählt und eingeleitet von seinem Schüler Michael Sukale (8).

Der berühmteste Beitrag der Festschrift war nun der von Konrad Lorenz, vor dessen Veröffentlichung ihn zunächst nahe stehende Freunde (5) dringend abgeraten hatten: "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" (9, 10). Viele Ereignisse auf geistigem Gebiet, die sich zwischen 1968 und 1973 ereignete haben, verdienen sicherlich, früher oder später vergessen zu werden. Bestimmt aber nicht das Erscheinen dieses berühmten Aufsatzes von Konrad Lorenz, der noch das Denken einer Jugendgeneration später tiefgreifend beeinflussen konnte. Und der noch heute grundlegend ist.

Abb. 3: Eduard Baumgarten, 1960er Jahre
Als dieser Aufsatz 1973 in einer separaten Schrift erschien, die bis 1989 20 Auflagen erlebte (10), schrieb Konrad Lorenz im Vorwort zu ihr:
Die vorliegende Abhandlung ist für die Festschrift geschrieben worden, die zum 70. Geburtstag meines Freundes Eduard Baumgarten erschien. Ihrem Wesen nach passt sie eigentlich weder zu einer so freudigen Gelegenheit noch zu der fröhlichen Natur des Jubilars, denn sie ist eingestandenermaßen eine Jeremiade ...
1968 - Hans Albert zum 70. Geburtstag Baumgartens

Im Gegensatz zu Konrad Lorenz war es dann vor allem Hans Albert, der eher im Rahmen einer üblichen Festschrift blieb und im Vorwort zu derselben versuchte, zunächst einmal die Nähe des Jubilars zu naturwissenschaftlichen Ansätzen herauszuarbeiten. Eine Nähe, die Konrad Lorenz natürlich von vornherein selbstverständlich war und die er nicht erst noch betonen musste. Hans Albert schrieb (11):
Eduard Baumgarten (...) hat stets den Zusammenhang der Philosophie mit den Realwissenschaften (...) betont. (...) In seinen theoretischen Untersuchungen findet man philosophische Gesichtspunkte verbunden mit soziologischer und sogar biologischer Analyse. Forschungsergebnisse der Realwissenschaften werden von ihm aufgenommen, verarbeitet und zur Durchleuchtung und Kritik philosophischer Thesen - etwa aus dem Bereich der Erkenntnistheorie oder Moralphilosophie - verwendet. Die Dichotomie von Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, die im deutschen Sprachbereich immer noch eine so große Rolle spielt, und den mit ihr meist verbundenen methodologischen Separatismus des geisteswissenschaftlichen Denkens hat Baumgarten stets zurückgewiesen.
Hans Albert schrieb außerdem:
Eduard Baumgarten hat es nicht notwendig gehabt, sich von Verfechtern sozialer Erlösungslehren darüber unterrichten zu lassen, dass die Erkenntnis selbst eine soziale Praxis ist, eingebettet in den sozialen Zusammenhang und der Regulierung durch soziale Normen unterworfen.
Und er führte aus:
Gleichzeitig mit dieser Festschrift erscheint eine Sammlung von Arbeiten aus der Feder Eduard Baumgartens mit einer kommentierenden Einleitung von Michael Sukale, dessen Beitrag hier an erster Stelle abgedruckt ist, weil er sich intensiv mit zentralen Themen und Ideen Baumgartens auseinandersetzt. In dieser Einleitung (gemeint: zur Sammlung) geht Sukale in einer Weise auf die geistige Entwicklung und auf das Werk Baumgartens ein, wie es besser kaum möglich ist und wie es vor allem der Herausgeber dieses Bandes nicht könnte.
Damit sprach Albert sich selbst an.

1968 - Michael Sukale zum 70. Geburtstag Baumgartens

Und Sukale selbst schreibt nun ebenfalls schon im Vorwort der Aufsatz-Sammlung (8):
Die Geschichte dieses Buches begann, als ich im Frühjahr 1964 sechs Wochen lang im Hause Eduard Baumgartens lebte, um ihm bei der Fertigstellung eines Buches über Max Weber beizustehen. In den wenigen Mußestunden, die mir verblieben, stöberte ich in Kästen, in denen unveröffentlichte Manuskripte Baumgartens lagerten. Die Heidelberger Dissertation (Frühjahr 1924) und die Königsberger Vorlesungen (Winter 1941/42) fesselten mich am stärksten und wanderten mit mir zu näherem Studium aus dem Hause; sie haben in der Tat den Weg gewiesen zu der Publikation, die ich hier vorlege.
Sukale betont jedoch, dass er sich in diesem Band nur mit der wissenschaftlichen Lebensleistung Baumgartens auseinandersetzt:
... Andererseits ist sich der Herausgeber wohl bewusst, dass die rein wissenschaftliche Arbeit nicht immer im Zentrum von Baumgartens Leben gestanden hat: immer wieder haben praktisch-politische Bedürfnisse und Ziele seine Aufmerksamkeit gefesselt. Allerdings haben sich diese Bemühungen während des ersten in diesem Buch repräsentierten Zeitraums (1933 - 1945) vornehmlich nur in Tagebüchern, Briefen und Prozessakten niedergeschlagen, während Baumgartens Veröffentlichungen dieser Jahre nur selten - in Vorworten, Fußnoten und Nebenbemerkungen - auf das politische Tagesgeschehen Bezug nehmen. (...)

Zur Zeit arbeitet der Verfasser (also Eduard Baumgarten) an zwei Büchern, die hoffentlich in Bälde erscheinen werden: "Hitlers Macht"; "Spielräume unter Hitlers Herrschaft". Das zweitgenannte Buch wird über Baumgartens eigene praktische Anteilnahme an dieser Epoche Auskunft geben.
Diese beiden schon 1971 angekündigten Bücher sind, soweit übersehbar, in den letzten vierzig Jahren nicht erschienen. Es kann aber inzwischen schon anhand zahlreicher anderer wissenschaftsgeschichtlicher Studien "rekonstruiert" werden, was in diesen beiden Büchern wenigstens ungefähr enthalten sein könnte. (Wir haben per Email bei Michael Sukale um weitere Auskünfte gebeten, aber bislang keine Antwort erhalten.)

Doch bevor auf diese Thematik eingegangen werden soll, soll noch auf die persönlichen Konstellationen der Beteiligten um das Jahr 1968 herum genaueres Licht geworfen werden.

"Meinen Vorgänger Baumgarten habe ich dann näher kennengelernt" - Hans Albert

Anläßlich seiner Emeritierung an der Universität Mannheim im Jahr 1963 hatte Eduard Baumgarten den Soziologen und Philosophen Hans Albert als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Hans Albert berichtet selbst (12, S. 100):
Um mich zu einer Annahme des Rufes zu bewegen, hatte Baumgarten mich übrigens eindringlich auf meine Pflichten meiner Familie gegenüber hingewiesen.
Albert nahm schließlich an. Und er berichtet weiter (12, S. 101 - 103):
Abb. 4: Sigwart Lindenberg
Meinen Vorgänger Baumgarten habe ich dann näher kennengelernt und hatte mit ihm viele interessante Gespräche. (...) Baumgarten hatte sich nach dem zweiten Weltkrieg intensiv mit dem Werk seines Onkels Max Weber befaßt. Ein Resultat seiner Bemühungen war ein umfangreicher Band mit kommentierten Texten aus dem Nachlaß Webers, den er im Jahr 1964 veröffentlichte. An diesem Band hatten einige seiner Mitarbeiter mitgewirkt, mit denen Lepsius und ich dann näher bekannt wurden: Hermann Vetter (...) und Sybille Wolf, Sigwart Lindenberg und Michael Sukale, die in Mannheim studierten und zu den ersten Studenten gehörten, die dann das neu eingeführte Soziologie-Diplom in Mannheim erwarben.
Albert, Lindenberg und Sukale verbindet bis heute eine Freundschaft miteinander (12, S. 179). Albert machte Sukale mit Karl Raimund Popper auch persönlich bekannt, wie er seinerseits 1982 zusammen mit Karl Raimund Popper und dessen Ehefrau sich mit Konrad Lorenz traf, den engen philosophischen Freund seines Lehrstuhl-Vorgängers Baumgarten (12, S. 159).

Als Schüler Eduard Baumgartens in Freiburg nennt auch Sukale (3) Sigwart Lindenberg (siehe Abb. 4)  und Sybille Wolf (heute: Sybille Anbar, in der Festschrift von 1968/71 Sybille Sukale-Wolf). Und Sukale schreibt (3):
Ohne diese vier Personen wäre mir mein drittes Jahrzehnt gar nicht denkbar.
Er schreibt über die offenbar sehr prägenden "Tage und Nächte der Zusammenarbeit" mit Eduard Baumgarten, als sie Baumgartens Buch über Max Weber herausbrachten (13). Eduard Baumgarten wußte über seinen Onkel Max Weber manches, was schließlich erst Michael Sukale in seiner Weber-Biographie öffentlich machte. Möglicherweise war das sogar einer der wesentlicheren Ausgangspunkte seines neuen Buches (3, S. 196, Vorwort). Soweit zu einigen aktuelleren persönlichen Konstellationen, die im Zusammenhang mit der vorliegenden Thematik zu beachten sind.

Der zweite Teil dieses Aufsatzes folgt ---> hier.

(Neuberbeitung einer schon am 10./11.10.2010 veröffentlichten Fassung)

Literatur

  1. Albert, Hans; Popper, Karl R.: Briefwechsel 1958 - 1994. Fischer Taschenbuch 2005
  2. Tilitzki, Christian: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Teil 1 & 2. Akademie-Verlag, Berlin 2002 (Google Bücher)
  3. Sukale, Michael: Max Weber - Leidenschaft und Disziplin. Leben, Werk, Zeitgenossen. Mohr Siebeck, 2002
  4. Festetics, Antal: Konrad Lorenz. Aus der Welt des großen Naturforschers. Piper Verlag, München 1983
  5. Bischof, Norbert: "Gescheiter als alle die Laffen". Ein Psychogramm von Konrad Lorenz. Rasch u. Röhring, 1991, Piper TB 1993
  6. Föger, Benedikt; Taschwer, Klaus: Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus. 2001
  7. Albert, Hans (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  8. Baumgarten, Eduard: Gewissen und Macht. Abhandlungen und Vorlesungen 1933 - 1963. Ausgewählt und eingeleitet von Michael Sukale. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  9. Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. In: Albert, Hans (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971, S. 281 - 345
  10. Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. Piper Verlag, München 1973 (bis 1989 20 Auflagen)
  11. Albert, Hans: Vorwort. In: ders. (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  12. Albert, Hans: In Kontroversen verstrickt. Vom Kulturpessimismus zum kritischen Rationalismus. Wien 2007
  13. Baumgarten, Eduard: Max Weber - Werk und Person. Tübingen 1964
  14. Poliakov, Leon; Wulf, Joseph: Das Dritte Reich und seine Denker. arain Verlag, Berlin-Grunewald 1959

Keine Kommentare:

Beliebte Posts