Dienstag, 30. August 2011

Eduard Baumgarten: Eine große philosophische Synthese auf pragmatischer Grundlage? (II)

2. Teil: Eduard Baumgarten: Aufgabe der Philosophie ist es, "die weltanschaulichen Gehalte unter dem Trümmerhaufen der klassischen idealistischen und romantischen Philosophie zu revitalisieren"

(Teil 1 siehe --> hier.)

Zusammenfassung: Es gibt eine gewisse geistige und personelle Traditionslinie vom (humanistischen) Kritischen Rationalismus von Karl Raimund Popper über den "Popper Deutschlands", den Humanisten und das GBS-Mitglied Hans Albert, zu dessen Lehrstuhl-Vorgänger Eduard Baumgarten und zu dessen Freund Konrad Lorenz (alle vier waren miteinander befreundet und haben sich besucht) und damit zu dem dem gemeinsamen Versuch von Baumgarten und Lorenz um 1940 herum, auf der Linie von Alfred Rosenberg und Alfred Baeumler eine philosophische Grundlegung des Nationalsozialismus zu formulieren, die Elemente des ("gottgläubigen"?) philosophischen Deutschen Idealismus mit dem amerikanischen Pragmatismus und mit der Konrad Lorenz'schen Evolutionären Erkenntnistheorie zu verbinden suchte. Wer die Geschichte des naturalistischen Denkens in Deutschland während des 20. Jahrhunderts schreiben will und damit eines Evolutionären Humanismus, darf über diese heute wenig bekannten Bestrebungen nicht hinweggehen. Sie gehören zu einem vollständigen Bild dazu. Ob diese Ereignisse Lehren für die Gegenwart enthalten und wenn ja welche, bleibe an dieser Stelle zunächst unerörtert. Es geht hier nur um die Aufklärung wenig bekannter Sachverhalte.
Abb. 2: A. Baeumler
Bevor nun auf die wissenschaftliche und politische Biographie Eduard Baumgartens näher eingegangen wird, müssen einige Angaben zur Biographie von Alfred Baeumler zusammengetragen werden (15, 16). Denn anhand dieser Biographie lernt man einige der wesentlichsten geistigen und institutionellen Rahmenbedingungen kennen, innerhalb deren sich das philosophischen Denken Baumgartens während der 1940er Jahre vollzog.

Alfred Baeumler, der Förderer Baumgartens während des Dritten Reiches

Er gilt als der führende deutsche Philosoph während des Nationalsozialismus: Alfred Baeumler (1887-1968). Vormals unter anderem ein intensiver Gesprächspartner Thomas Manns hat Baeumler nach 1945 sich selbst und anderen verschiedene Erläuterungen gegeben, wie er zu dieser Stellung kam. Etwa in dem Brief, den Baeumler am 15. Juli 1954 nach mehreren Jahren Internierung in amerikanischen Lagern an einen Bekannten, an Jonas Lesser schrieb (15, S. 53):
Noch unter dem Druck der Wahl vom 5. März 1933 stehend, trat ich zum letzten Termin ... in die Partei ein. Ich entschloß mich zu diesem Schritt aus einem einzigen, klar bewußten Grund: Ich wollte nicht wieder daneben stehen. Jahrelang hatte ich nichts als kritisieren können, jetzt, so bildete ich mir ein, müßte ich Verantwortung übernehmen. Wäre ich etwas weltkundiger gewesen, dann hätte ich mich mit den neuen Machthabern "gut gestellt" und hätte in vorsichtiger Zurückhaltung weitergelebt, wie es so viele getan haben, die heute auf mich herabblicken.
Schon am 24. März 1950 hatte er ähnlich geschrieben als ein "damals und heute" dem Leben ganz und gar "hilflos" gegenüber stehender "Philosoph" an einen Freund (Manfred Schröter) (15, S. 53):
Dem dunklen Schicksal, das uns alle fortriß, stand ich so ratlos gegenüber wie jeder andere - damals und heute. Ich verhielt mich der Situation entsprechend - das ist alles ... Die Situation entscheidet. Meine Situation zwischen 1920 und 1930 war nach allen Seiten offen. Weltfern und ahnungslos, ungebunden und suchend, lebte ich nur zufällig meinen Erfahrungen und subjektiven Meinungen. Bei meiner zweiten Ehe (1925) griff ich in furchtbarer Weise fehl - kein Wunder, daß ich schließlich auch Räuber zu Politikern idealisierte. ...
Aufgabe: "Die philosophische Grundlegung der nationalsozialistischen Bewegung"

Und schon 1948 schilderte er detaillierter, wie er selbst zum Nationalsozialismus gekommen war und wie er darin wirkte. Alfred Rosenberg war 1928 auf einige seiner Veröffentlichungen aufmerksam geworden und hatte Baeumler angeschrieben. Baeumler antwortete Rosenberg aber nicht. Im März 1931 kam es über die Verlegergattin Elsa Bruckmann in München zu einer persönlichen Begegnung in der gleichen Zeit, in der Baeumler auch Adolf Hitler persönlich kennen lernte. In dem folgenden Text ist schon Eduard Baumgarten erwähnt, womit deutlich wird, dass Baumgartens Tätigkeit von Baeumler nicht gering geschätzt wurde (16; Hervorhebungen nicht im Original):
Mein Verhältnis zu Rosenberg hat niemals den Charakter einer Freundschaft gehabt. Ich habe mich immer gern mit dem kühlen und geistreichen Balten unterhalten; dass ich der Ältere und wissenschaftlich Erfahrenere war, blieb jedoch in unserem gegenseitigen Verhältnis immer spürbar. Verhängnisvoll war es, dass ich nicht wissen konnte, welche Ausnahme der Balte Rosenberg selber in der NSDAP bildete. So blieb mir vieles in der Partei verschlossen, weil ich alles nach Rosenberg beurteilte, der sehr viel in der Partei galt, ohne Macht zu haben, sehr kritisch war und immer auf Zeiten hoffte, in denen sich gewisse Verhältnisse bessern würden. Entscheidend war, dass er Verständnis hatte für die Art und Weise, wie ich die Entwicklung der Bewegung sah. Ich hielt die nähere Bestimmung des geistigen Gehaltes des Nationalsozialismus für eine Aufgabe der besten Geister der Nation. Auf die Versuche, das Parteiprogramm kanonisch zu machen, konnte ich nur mit Lächeln blicken. Es handelte sich nach meiner Überzeugung um eine Aufgabe von Jahrzehnten, an der nicht nur Wissenschaftler und Philosophen, sondern auch Dichter mitzuwirken hätten. (...)
Im Herbst 1934 ließ mich Alfred Rosenberg durch seinen Stabsleiter auffordern, als Referent für Wissenschaft in das Amt des 'Beauftragten des Führers' einzutreten. (...) Meine Tätigkeit als Referent für Wissenschaft fasste ich so auf, dass es meine Aufgabe sei, Übergriffe beschränkter oder fanatischer Parteistellen auf das Gebiet der Wissenschaft zu verhindern, Forschungspläne, die irgendwo in der Partei auftauchten, zu prüfen und vor allem, neue Forschungen anzuregen. Was ich an Torheiten verhindert, an Angriffen abgewehrt habe, kann ich aus dem Gedächtnis nicht alles schildern. Proben für diese Tätigkeit enthalten die Zeugnisse von Bruno Liebrucks, Elisabeth Klein, Eduard Baumgarten. (...)
Im Jahre 1937 wurde mein Referat zusammen mit allen anderen selbständigen Referaten in ein 'Amt' umgewandelt. Ich habe hierin keine Änderung gesehen. Das Amt bestand aus einigen jungen Leuten, die in meinem Auftrag Zeitschriften des In- und Auslandes lasen und exzerpierten, Verzeichnisse über den wissenschaftlichen Nachwuchs in den verschiedenen Fächern anlegten, Tagungen junger Forscher vorbereiteten usw. (...).
Die erste Lebensäußerung meines Amtes war eine Tagung junger Philosophie-Dozenten an den deutschen Universitäten in Buderose, bei welcher der Kreis der Eingeladenen sehr weit gezogen war und freie Diskussion zu lebhafter Aussprache führte. (...)"
Übrigens soll Robert Kempner zu Otto Bräutigam nach dem Nürnberger Prozess gesagt haben (zit. n.16, S. 65):
Der Prozess ist mindestens ein Jahr zu früh durchgeführt worden. Inzwischen haben wir sehr viel mehr Dokumente gefunden. Heute würden wir Rosenberg nicht mehr zum Tode verurteilen.
"Die Bestimmung des geistigen Gehaltes des Nationalsozialismus"

Am 24. Januar 1934 jedenfalls war Alfred Rosenberg von Adolf Hitler "mit der Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der Partei" beauftragt worden. Zu diesem Zweck wurde das "Amt Rosenberg" gegründet. Und in diesem übernahm Alfred Baeumler das "Amt Wissenschaft". Ihm unterstand damit das deutsche Hochschulwesen, insbesondere die Personalentscheidungen bei der Besetzung von Professuren.

Alfred Rosenberg nannte Baeumler am 25. November 1933 in einem Schreiben einen "unserer weltanschaulich sichersten Lehrer". "Seine Lebensaufgabe ist die philosophische Grundlegung der nationalsozialistischen Bewegung", so Rosenberg bei anderer Gelegenheit. (15, S. 41) Und Baeumler schrieb an Rosenberg (15, S. 43):
Nach meiner festen Überzeugung ist es die Aufgabe unserer Wissenschaftspolitik, die hervorragendsten Kräfte der Forschung um Ihre Person zu versammeln.
In diesem Sinne wurde Baeumler ab 1938 tätig zur Gründung einer Parteihochschule, der sogenannten "Hohen Schule". In einer Denkschrift schrieb Baeumler unter anderem (15, S. 48):
Alle Richtungen der Psychologie, so verschiedenartig sie auch sind, müssen zugelassen werden, wofern sie ehrlich nach Wahrheit streben. Auf diesem Wege und nicht durch Einengung oder Diktat wird auch unserer nationalsozialistischen Bewegung am besten gedient, die eine Bewegung zur Wahrheit ist.
Psychologie: "Nicht Einengung oder Diktat"

Nun zurück zu Baumgarten. Am 21. April 1933 hatte Baumgarten einen Lehrauftrag für Amerikakunde an der Universität Göttingen erhalten (17, S. 217):
Eine Veranstaltung ging über "Philosophie, Psychologie und Pädagogik des zeitgenössischen Amerika", eine andere behandelte den Pragmatismus ("Peirce-James-Dewey"), eine dritte den Behaviorismus ("Dewey-Watson"). Das waren völlig neue Ideen und Konzepte, die ungehörtes und in dieser Zeit unerhörtes Gedankengut nach Göttingen brachten.
Baumgarten vertrat die Meinung (17, S. 218):
"Nur ein Deutscher, dessen Denken und Fühlen gänzlich im deutschen Boden verwurzelt ist, kann unter den Deutschen die fremde Art Amerikas wirklich begreiflich machen, - freilich auch nur ein Deutscher, der zugleich lange Jahre hindurch, in tätiger und freudiger Mitarbeit, in den einzigartigen Ablauf und Rhythmus des amerikanischen Lebens eingemeindet war." Er habe eine feste Lebensstelle in den USA aufgegeben, um an der Orientierung der Deutschen über die Weltmacht USA mitzuarbeiten.
Eduard Baumgarten gilt als derjenige deutschen Philosoph, der die Philosophie des amerikanischen Pragmatismus von John Dewey und William James erstmals in Deutschland bekannt gemacht hat. Mit seinem zweibändigen Werk über den amerikanischen Pragmatismus, das 1936 und 1938 erschien, hat er sich 1936 in Göttingen habilitiert. Der Philosophie-Historiker Hans-Joachim Dahms schreibt (18, S. 183f):
Darüber kann kein Zweifel bestehen: Baumgartens Pragmatismusbuch ist die allererste ausführliche systematische Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Pragmatismus, die in deutscher Sprache erschienen ist.

Dies Verdienst wurde auch in dessen "Heimatland" voll anerkannt. So beginnt etwa die Rezension von H.W. Schneider im "Journal of Philosophy" mit den Worten:
"Eduard Baumgarten is the most serious student of American thought Germany has produced and is one of the best informed writeres of the subject in any language."
Seine Interpretation Deweys insbesondere wird als "the best I have read anywhere" gelobt.
Dahms nennt noch weitere Zeichen der Wertschätzung. So auch die Redaktion der Zeitschrift "Der Monat" 1950 (19):
Prof. Baumgartens Studie über den "Kompromiss" (...) ist eine der lesenswertesten Untersuchungen über die Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Denkweise. (...) Der wissenschaftliche Wert dieses Büchleins im übrigen - wie auch der anderen Werke Baumgartens - ist unbestritten. Ebenso ist sein "Pragmatismus" das erste und bisher einzige ausführliche Buch über dieses Thema; es wäre wünschenswert, wenn Arbeiten über Peirce und die neueren Schriften Deweys die immer noch bestehende Lücken schlössen.
Als Baumgarten am 28. Dezember 1936 an einen "Gaudozentenbundsführer" Schürmann schreibt, wird auch erstmals seine Verbindung zu Baeumler sichtbar (18, S. 195, Anm. 92):
Herr Bäumler hat 1935 Arbeiten von mir zu Gesicht bekommen, sich für sie interessiert, hat mich daraufhin zu einer wissenschaftlichen Aussprache zu sich gebeten und hat seither mehrere größere Aufsätze von mir in seiner Zeitschrift erscheinen lassen.
Hier wäre zunächst zu fragen, wie Baeumler ausgerechnet auf Baumgarten gekommen ist. Eine Gemeinsamkeit zwischen beiden besteht darin, daß sie sich beide 1932 und 1933 mit Martin Heidegger zerstritten haben. Baumgarten hatte Heidegger schon während seines Wehrdienstes im Ersten Weltkrieg kennengelernt, war aus den USA zu Heidgger gekommen. Heidegger war sogar der Taufpate einer seiner beiden Töchter geworden. Dennoch haben sich beide bald wegen unterschiedlicher Kant-Interpretationen zerstritten. Heidegger waren Baumgartens Kant-Interpretationen zu "pragmatisch". Baeumler suchte 1928 den Kontakt zu Heidegger, 1932 unternahmen beide eine gemeinsame Wanderung durch den Böhmerwald, 1933 trafen sie sich noch einmal. Aber noch im selben Jahr zerstritten sie sich. Die Gründe des Streites sind nicht bekannt (15, S. 35).

Eduard Baumgarten konnte ein durchaus streitbarer Mann sein. Was Baeumler oben in Bezug auf Baumgarten und Schwierigkeiten durch Parteistellen angedeutet hatte, mag auch in Zusammenhang stehen mit Baumgartens Streitigkeiten mit Kollegen über die Beurteilung einer Promotion, die schließlich dazu führten, daß er einen der Kollegen zum Duell forderte. Da jedoch eine Woche später der Krieg zwischen Deutschland und Polen ausbrach, wurde dieses Duell nicht mehr ausgetragen (18, S. 189). Während des Zweiten Weltkrieges sollte Baumgarten auch Hitler persönlich begegnen (19, S. 165):
In einem noch ungedruckten Manuskript berichtet Baumgarten über seine Begegnung mit Hitler während des Zweiten Weltkrieges (freundliche Mitteilung von Michael Sukkale, Oldenburg).
Geheimdienste haben ein Auge auf "Staatsphilosophen" und solche, die es werden können

Die schon im ersten Teil erwähnte über tausend Seite starke, zweibändige Darstellung zur Geschichte der deutschen Universitätsphilosophie während des Dritten Reiches (2; s.a. 22) wählt als Ausgangspunkt einen internen Bericht des Sicherheitsdienstes der SS (SD) zu einer Bestandsaufnahme der deutschen Universitätsphilosophie, entstanden etwa um die Jahreswende 1941/42 herum. Der Geheimdienst des Dritten Reiches hat also sogar Dossiers über Philosophie erstellen lassen. Mit Recht, denn Philosophen können bekanntermaßen "Staatsphilosophen" werden und als solche großen Einfluß ausüben.

Der genannte Bericht könnte im Umkreis eines solchen philosophisch und religiös interessierten SD-Mannes wie Albert Hartl entstanden sein. Der SD war mit der Überwachung der weltanschaulichen Gegner des Nationalsozialismus beschäftigt. Zugleich war er mit der Überwachung der Einhaltung einer weltanschaulich einheitlichen "Parteilinie" befaßt. Er beobachtete damit auch die Suche von Parteimitgliedern und ihrem Umfeld nach weitergehenden, eigenen weltanschaulichen Grundlagen des Nationalsozialismus, sowohl auf dem Gebiet der Philosophie wie auf dem Gebiet der Religion. Denn immer mehr Parteimitglieder begannen, die philosophischen und religiösen Grundlagen des Nationalsozialismus und des völkischen Gedankens, so wie sie von solchen Autoren wie Adolf Hitler, Alfred Rosenberg oder auch Jacob Wilhelm Hauer und zahlreichen anderen formuliert worden waren, noch als unzureichend zu empfinden.

Die Philosophie-Tagung in Buderose (1939)

Nachdem seit 1937 abzusehen war, daß der Kirchenkampf während des Dritten Reiches zu einem ziemlich eindeutigen Sieg - mit Dreiviertel-Mehrheit - für die "Deutschen Christen" innerhalb der Evangelischen Kirche enden würde, nachdem aber gerade auch aufgrund dieses allmählich als "kleinlich" empfundenen Kirchenkampfes es seit dem Jahr 1936 vor allem unter Mitgliedern der NSDAP zu der größten Kirchenaustrittsbewegung gekommen war, die es bis dahin in der deutschen Geschichte gegeben hatte - Zahlen, wie sie erst wieder nach 1968 in Deutschland erreicht werden sollten -, nachdem nicht zuletzt mit der Eingliederung Österreichs in das "Großdeutsche Reich" 1938 auch der Einfluß des reaktionären Katholizismus im deutschen Sprachraum (mit dem Schuschnigg-Regime) zurückgedrängt worden war, wurde unter nachdenklicheren Parteigenossen die Frage nach ernsthafteren weltanschaulichen, religiösen und philosophischen Inhalten jenseits von Kirche, Christentum und verschwommener "politischer Religion" gestellt.

Abb. 3: Buderose
Vom 12. bis 19. März 1939 wurden im Wesentlichen von dem Doktoranden- und Studentenkreis rund um Alfred Baeumler zu einer Tagung auf dem Schloß Buderose bei Guben an der Neiße (siehe Abb.  3, 4) 30 jüngere deutsche Philosophen eingeladen (2, S. 956ff; 23). Darunter vor allem Schüler von Nicolai Hartmann wie Eduard Baumgarten, Heinrich Springmeyer oder Bruno Liebrucks. Teilnehmer war auch der eben genannte SD-Mann Albert Hartl, ein früherer katholischer Priester. Ebenso nahm teil der enge Mitarbeiter Alfred Rosenbergs, Heinrich Härtle. Auffälligerweise sind damals Schüler aus dem Kreis von Arnold Gehlen nicht eingeladen worden.

Am 17. März referierte Rosenberg selbst über "Sinn und Aufgabe der Wissenschaftstagung". Baumgarten, Springmeyer und Liebrucks gehörten zu den häufigsten Diskutanten, die sich nach fast jedem der dortigen Vorträge zu Wort meldeten. Parallel zur damals in der evangelischen Kirche von den "Deutschen Christen" viel diskutierten Frage der "Entjudung des Christentums" ging es hier nicht zuletzt auch um die Frage einer "Entjudung" des deutschen, philosophischen Denkens.

Die Existenz des jüdischen Volkes und seine Teilnahme am geistigen Leben eine notwendige Voraussetzung einer "philosophischen Grundlegung des Nationalsozialismus"?

Abb. 4: Buderose
Und es ist nun schon hochgradig interessant, welche Akzente hier Eduard Baumgarten in seinen Diskussionsbeiträgen setzte und damit tatsächlich "Spielräume unter Hitlers Herrschaft" ausschöpfte. Wichtig sind dieselben aber vor allem auch deshalb, um zu einer Einordnung zu kommen, was Eduard Baumgarten meinen konnte, wenn er ein Jahr später an Baeumler eben von jener schon zitierten zu gründenden "Dependance von Buderose" in Königsberg schrieb. (In der Zwischenzeit hatte Baumgarten nämlich Konrad Lorenz kennen- und schätzengelernt.)

Während andere Teilnehmer in Buderose die Meinung vertraten, daß man als Deutscher nichtdeutsches Denken, insbesondere "jüdisches Denken" auf dem Gebiet der Philosophie und der Ethik per se nicht verstehen könne (und umgekehrt), sich also in der Konsequenz für den Abbruch jeglicher Kommunikation mit jüdischem Denken aussprachen, sagte Baumgarten (2, S. 960):
"Damit macht man sich doch aber ein x für ein u vor. Bei den Juden ist das Selbstbewußtsein durch Glorifizierung des Leidens gebrochen. Gerade das aber verstehen wir, wie uns Nietzsche gezeigt hat." Und deutlicher: "Meine Rasse wird mir erst zur Welt, wenn sie anderen Rede und Antwort steht; dadurch vollzieht sich der Weg der Rasse zum Logos." Wie Cordier (ein anderer Teilnehmer), der in der Polarität zwischen "meiner" und "der" Welt die "dynamische Spannung" sah, die allein eine "eigenständige Entwicklung" in "gefährliche Offenheit" verspreche, so sperrte sich auch Baumgarten dagegen, ein unverbundenes Nebeneinander partikularer Welten anzunehmen. Am Logos partizipierten alle Rassen, deswegen sei die Behauptung, wir könnten einen Juden nicht verstehen, "ein sehr bequemer, aber vernunftloser Hinweis" (Cordier). (...)

Baumgarten erinnerte an die von Nietzsche geltend gemachte "Wesensdifferenz von Juden und Germanen". (...) Baumgarten bestand weiter darauf, daß der "Andere" nicht nur Gegner, sondern auch Partner sein könne, dessen Einwirkungen "mich" veränderten.
Das klingt nun wirklich nicht gerade geistlos und plump. Und wenn es nichts anderes geben sollte, was man Baumgarten aus der Zeit des Dritten Reichen vorzuwerfen hätte, als eine derartige "philosophische Grundlegung des Nationalsozialismus", dann wären daran wirklich viele ungewöhnliche Schlußfolgerungen anzuknüpfen. Denn die Quintessenz dieser Ausführungen lautet doch: Ein Volk wie die Juden darf man gar nicht ausrotten oder der Teilnahme am geistigen Leben berauben, denn dadurch geht einem ein wesentlicher Partner im Prozeß der eigenen ethnischen Selbstfindung verloren. Es wird ja hier nichts weniger als das Existenzrecht, ja die Existenznotwendigkeit des jüdischen Volkes vertreten - als philosophische Grundlage des Nationalsozialismus! Gehen wir hier zu weit in der Interpretation? Sie wäre abzusichern anhand der unveröffentlichten Buchmanuskripte von Baumgarten selbst.

Der gebrachte Auszug soll jedenfalls nur als Beispiel dienen dafür, in welcher Art hier unter der Oberleitung von Alfred Rosenberg philosophische Diskussionen geführt wurden auf dieser Tagung eines Arbeitskreises, der "an einer philosophischen Grundlegung des Nationalsozialismus" arbeiten wollte.

"Liberale, Indifferente, Positive ..."

Der schon genannte 1941/42 von einem SD-Mitarbeiter (wohl im Umkreis von Albert Hartl) verfaßte Bericht teilte dann 66 untersuchte Philosophen in fünf weltanschauliche Gruppen ein (2, S. 15),
in konfessionell Gebundene, Liberale, Indifferente, politisch Positive und nationalsozialistische Philosophen, letztere mit dem einschränkenden Zusatz versehend: 'Versuche, eine nationalsozialistische Philosophie aufzubauen'.
Zu den "Liberalen" wurden gezählt (2, S. 852f) unter anderem Eduard Spranger und Otto Friedrich Bollnow. Zu den "Indifferenten" wurden unter anderem gezählt Nicolai Hartmann und Hans-Georg Gadamer. Zu den "politisch Positiven" unter anderem Eduard Baumgarten, Martin Heidegger, Hermann Glockner und Bruno Liebrucks. Und zu den nationalsozialistischen Philosophen unter anderem Arnold Gehlen. Um so auffälliger, daß Arnold Gehlen nicht nach Buderose eingeladen worden war.

Was immer eine solche Charakterisierung auch bedeuten möge. Die aus heutiger Sicht wohl zukunftsträchtigsten Ansätze haben damals Konrad Lorenz und Eduard Baumgarten in Königsberg vertreten (2, S. 793ff). Baumgarten, mit Martin Heidegger seit seiner Meldung als Kriegsfreiwilliger 1916 befreundet, 1933 zerstritten, dann von Heidegger übel als "liberal" den Nationalsozialisten gegenüber denunziert, entstammte in der Tat dem liberalen Heidelberger Gelehrtenkreis um Max Weber. Und er hatte mehrere Jahre Philosophie in den USA gelehrt. Er hatte die erste umfassendere Darstellung der philosophischen Entwicklungen des amerikanischen Pragmatismus verfaßt (Charles Sanders Peirce, John Dewey), der eine nüchterne, realistische Haltung gegenüber den Naturwissenschaften einfordert und begründet, einhergehend mit einer Ablehnung idealistischer philosophischer Traditionen. Man sollte wohl betonen, daß seine Arbeiten im nationalsozialistischen Deutschland geschrieben und veröffentlich worden sind und bei Leuten wie Alfred Baeumler Widerhall gefunden haben.

Während nun also solche Gedanken und Absichten in den Köpfen rumorten, lerrnte Baumgarten 1939 in Göttingen durch Erich von Holst Konrad Lorenz kennen. Zwei Jahre zuvor, im "Geburtsjahr der Ethologie",  hatte Erich von Holst Konrad Lorenz in dessen berühmtem Vortrag am 12. Februar 1937 im Harnack-Haus in Berlin über den Instinkt-Begriff kennengelernt. - "Ja, ja, es stimmt!, es stimmt!" und "... Idiot!" waren die berühmten und legendären Worte, die Erich von Holst in der letzten Reihe der Zuhörer sitzend unerkannt vor sich hinmurmelte während des Lorenz-Vortrages, nicht wissend, daß neben ihm die Ehefrau von Lorenz saß und alles mithörte. Ohne Zweifel: Es herrschte damals in manchen Bereichen wissenschaftliche Aufbruchstimmung. In diese geriet nun auch Eduard Baumgarten hinein.

An Friedrich Hölderlin als Philosoph anknüpfen?

Wenn nun Baumgarten damals noch zusätzlich die Absicht äußerte,
die weltanschaulichen Gehalte unter dem Trümmerhaufen der klassischen idealistischen und romantischen Philosophie zu revitalisieren
dann könnte er dabei an den Buderoser Mitdiskutierenden Bruno Liebrucks gedacht haben, der als einer der ersten die philosophische Gedankenwelt eines Friedrich Hölderlin zu erschließen suchte. Dabei handelte es sich ebenfalls um eine sehr moderne Richtung in der deutschen Philosophie, die dann bis heute insbesondere von Dieter Henrich fortgesetzt worden ist, der inzwischen herausgearbeitet hat, dass das Hölderlinschen Philosophieren gar kein idealistisches und damit ähnlich wissenschaftsfernes war wie jenes seiner philosophisch ihn missverstehenden Freunde Hegel und Schelling.

Man kann nur erahnen, welche Form von philosophischer Synthese damals im Kopf von Eduard Baumgarten rumort haben muss. Dass sie aber einen weiteren Horizont hatte, als das meiste, was heute im Umfeld etwa einer Giordano-Bruno-Stiftung philosophiert wird, dieser Eindruck drängt sich doch ziemich bald auf.

Aus diesen Zusammenhängen heraus jedenfalls wurden lange nach jenen 1940er Jahren von Konrad Lorenz die Grundlagen zur Evolutionären Erkenntnistheorie entwickelt (24), die "Der Erinnerung an Königsberg gewidmet" ist, "sowie meinen Königsberger Freunden, vor allem Otto Koehler und Eduard Baumgarten". Ein ganzes Kapitel darin bezieht sich auf die Schichtenlehre Nicolai Hartmanns.

Welche Erinnerungen an Königsberg waren es? Es wird berichtet (4, S. 33):
In Göttingen fand 1939 ein kleines Kammerkonzert statt. Im Streichquartett des Physiologen Erich von Holst spielte dieser Bratsche und der Königsberger Philosoph Eduard Baumgarten die erste Violine. Baumgarten fragte beim Musizieren Holst, ob er einen biologisch orientierten Psychologen kenne, der sich auch für Erkenntnistheorie interessiere. "Sie werden lachen, ich kenne so einen komischen Vogel ...", sagte Holst, "er heißt Lorenz und lebt in Altenberg bei Wien!" Baumgarten besuchte den "komischen Vogel in Altenberg. 
Am 15. April 1940 schrieb Eduard Baumgarten (1898-1982) von der Universität Königsberg an den führenden Philosophen des Dritten Reiches, Alfred Baeumler, in Berlin den folgenden Brief (2, S. 794):
... Die Fakultät beantragt die Ermöglichung einer Zusammenarbeit der Philosophie mit einer noch zu besetzenden biologischen Psychologie. Für die letztere habe ich zwei hervorragende Männer präsentiert, die beide geeignet sind: der berühmte Konrad Lorenz und der geniale junge Erik von Holst (Göttingen).
Abb. 5: K. Lorenz
Baumgarten begründete seinen Antrag mit den folgenden Worten:
Mit der gleichen Energie, mit der es Lorenz gelungen ist, den Instinktbegriff experimentell einzuengen und exakt zu machen, oder den Instinktzerfall bei Domestikation und Bastardisierung nachzuweisen, wirft er sich zur Zeit in das Studium der kantischen Philosophie. Gewinnen wir diesen Mann für die Psychologie, so wird die Zoologie seinen nächsten Arbeitsgefährten Erik v. Holst (...) hier unterzubringen versuchen. Holst hat schon in Göttingen mit mir zusammengearbeitet. Gegen diese beiden Riesen will ich aber die geisteswissenschaftliche 'Anthropologie' nicht alleine repräsentieren und hochhalten; das verkrafte ich gar nicht; sondern in diesem großen Spiel gegengewichtiger Kräfte muss mir Springmeyer helfen.
"Zusammenarbeit der Philosophie mit einer biologischen Psychologie"

Heinrich Springmeyer (1898-1971) war der persönliche Assisent des deutschen Philosophen Nicolai Hartmann. Nicolai Hartmann hatte die Dissertation Springmeyers zusammen mit Ernst Bertram betreut. Baumgarten weiter:
Wir machen hier eine Dependance von Buderose auf, zu der (...) sich ein 2. Mal nicht so leicht wieder die einstimmige Bewilligung zweier Fakultäten zusamt dem Rektor erreichen lassen [wird].
"Philosophie als Geisteswissenschaft ist überholt"

Schon die wenigen bisher zitierten Worte des Briefes von Eduard Baumgarten aus dem Jahr 1940 deuten weitreichende inhaltliche, wissenschaftsstrategische Perspektiven an. Diese werden noch einmal deutlicher in dem, was Baumgarten im September 1940 Alfred Baeumler in einer Denkschrift als "Konzept einer naturwissenschaftlich zu fundierenden Philosophie" noch weiterhin vorlegte (im folgenden in Paraphrase):
Durch die Existenzphilosophie wie durch die Resultate der modernen Biologie sei der Glaube an die 'reine Vernunft' nachhaltig erschüttert worden. Es sei ein Faktum, daß auch die höchsten Lebensäußerungen des Menschen mit ihren stammesgeschichtlichen Vorformen 'vergliedert' blieben und nur von daher zu verstehen seien. Die Geschichte des Selbstbewußtseins des Menschen könne darum nur noch Hand in Hand mit seiner Naturgeschichte rekonstruiert werden. Philosophie als Geisteswissenschaft sei überholt.
Das sind kühne Worte, die noch heute aufhorchen lassen, da ihre Wahrheit noch heute nicht wirklich überall in die Herzen gedrungen ist, so möchte man einmal sagen. Weiter heißt es:
Biologie und Philosophie berührten sich in der Psychologie, und an diesem Schnittpunkt müsse die Neuorientierung auch institutionell Gestalt gewinnen. In einem Institut für biologische Psychologie müßte die Brücke gebaut werden, die künftig Geistes- und Naturwissenschaften verbinden werde. Die Biologie allein sei nicht imstande, eine neue Weltanschauung zu bilden, da sie der Gefahr fachwissenschaftlicher Versimplung nur allzu leicht erliege.
Die Gefahr "fachwissenschaftlicher Versimpelung" für die Biologie

Auch das sind kühne, weittragende Worte. Die Stellung der Psychologie im Wissensbau der Menschheit in diesem Sinne zu umreißen, würde wohl auch heute noch manchem Psychologen schwer fallen, trotz so manches Paradigmenwechsels, der sich in der Psychologie zwischenzeitlich vollzogen hat (siehe etwa das Lehrbuch von Jens Asendorpf). Baumgarten wird, so scheint es, wirklich den Diskutanten auf beiden Seiten des Wissenschaftsgrabens einigermaßen gerecht!
Darum gewinne die Philosophie eine neue Funktion ...
nämlich
... die weltanschaulichen Gehalte unter dem Trümmerhaufen der klassischen idealitischen und romantischen Philosophie zu revitalisieren.
Und das scheint genau das zu sein, was Jahrzehnte später Dieter Henrich in seinem groß angelegten Projekt zum nicht-idealistischen Philiosophieren Friedrich Hölderlins weiter fortgeführt hat. Die Philosophie als eine Wissenschaft, die der modernen Biologie zuarbeitet - aber auf Augenhöhe. Die Biologie als eine Wissenschaft, die ohne Psychologie droht, einer "fachwissenschaftlichen Versimpelung" anheim zu fallen.

Baumgartens Appell an Englands Staatsmänner aus dem eingeschlossenen Königsberg heraus im März 1945

Im März 1945 hat Eduard Baumgarten - wie er sagt auf eigenen Antrieb hin - eine Ansprache im deutschen Rundfunk gehalten aus dem von britischen Bombern zerstörten und schon militärisch von den Sowjets eingeschlossenen Königsberg (26). In dieser Rede ist von Adolf Hitler oder der deutschen Regierung nirgendwo die Rede. Dem Tenor seiner Rede nach ist für Baumgarten diese nationalsozialistische Regierung längst "gestorben". Um so mehr spricht er dafür von der deutschen Heimat, von der deutschen Kultur, der deutschen Geschichte und der deutschen Philosophie. Der "Pragmatiker" Baumgarten bleibt aber keineswegs nur im Vagen des Kulturellen. Er sagt klipp und klar:
Der verantwortliche Staatsmann einer der großen Nationen, die gegen uns im Felde stehen, der englische Premierminister, hat kürzlich gemeint, eine Bedrohung des künftigen Friedens werde aus einer Annexion Ostpreußens an Sowjet-Polen dann nicht erwachsen, wenn alle Ostpreußen in das Innere Deutschlands umgesiedelt würden.
Diese hier von Baumgarten angeführte Äußerung Churchill's macht einmal erneut darauf aufmerksam, wie sehr die westlichen Regierungen die deutschen Soldaten und Zivilisten zur Aufrechterhaltung des weiteren militärischen Widerstandes geradezu aufgestachelt haben. Baumgarten sagt ebenso unverhüllt, klipp und klar:
Ich spreche aus einem Trümmerhaufen. In zwei Nächten des vergangenen August haben britische Bomber Leben und Gestalt der Innenstadt Königsbergs ausgelöscht. (...) Jene höllischen Nächte enthüllen auch in dieser Stadt, daß die Grausamkeiten des gegenwärtigen Krieges schon unter uns Europäern - von den Grausamkeiten der Russen schweige ich - so ins Maßlose gestiegen sind, daß am Ende dieses Krieges keiner, kein einziger der Beteiligten, und sei er von Haus aus noch so selbstgerecht gesonnen, über den Gegner moralisch Gericht halten könnte, ohne damit sein eigenes innerstes Gewissen zu schänden, ohne Gott zu lästern.
Selbst diese im Grunde noch zurückhaltende Wertung will nicht so recht in unsere heutigen Zeit passen. Es ist nicht die Wertung unserer Zeit. Dabei wird man doch eines von ihr sicher sagen können: Diese Wertung ist eine andere, als sie der Goebbel'schen Propaganda  und den Reden Hitlers zugrunde liegt. Sie stellt in der Sache eine klare Distanzierung zu ihnen dar. Noch deutlicher konnte man im deutschen Machtbereich von deutschen Verbrechen zu dieser Zeit nicht sprechen. Und Baumgarten sagt auch:
Wohl ist der unendliche Schatz der deutschen Städte, von Freiburg bis Reval, äußerlich so gut wie vertilgt. Aber nicht ist vertilgt das innere Bild, das nun als Sehnsucht und Schwur fortlebt. Wehe jedem Versuch, Europa gegen die Wahrheit dieses Bildes willkürlich zu formen. (...) Die furchtbare Schwächung und Einbuße an einfacher deutscher Lebenskraft, die vielen unserer Gegner als wünschenswert erscheint, wird unentrinnbar aufgewogen werden durch die steigend machtvolle Erinnerung in deutschen Herzen an die gigantische Tapferkeit in den Jahren 1914 bis 1918 und 1939 bis heute und bis zum Ende dieses Krieges. (...) Und gäbe es einst in Europa nur noch versprengte Haufen von Deutschen, diese Legende würde sie eines Tages wieder zur Nation sammeln und emportragen.
Das sind starke Worte, gerichtet vor allem an die Staatsmänner des demokratischen Westens. Sie spiegeln den Geist dieser Rede wieder. Man wird sicher sagen dürfen, daß es nicht unangemessen gewesen wäre, wenn Europa nach 1945 nach dem Geist einer solchen Rede geformt worden wäre. Dazu ist es aber natürlich bis heute nicht gekommen. Nicht nur Stalins willige Vollstrecker im Osten, sondern auch Stalins willige Vollstrecker im Westen glaubten und glauben sich bis heute moralisch über das deutsche Volk erheben zu könne. Und die Vertreter des deutschen Volkes glauben es für richtig erachten zu können, wenn sie, was das Dritte Reich und den Zweiten Weltkrieg betrifft, das deutsche Volk als moralisch allen anderen Völkern gegenüber minderwertig hinstellen. Die letzten kritischen Stimmen, die eine vielleicht ähnliche Haltung wie hier Baumgarten im März 1945 vertreten haben - Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrandt, Ernst Nolte und andere - sind im und mit dem Historikerstreit von 1986 recht gründlich zum Verstummen gebracht worden. Baumgarten beruft sich in seiner Rede vor allem immer wieder auf Immanuel Kant. Er benutzt ihn geradezu wie ein jeden Fluch bannendes christliches Kreuz. So hält er Immanuel Kant vor sich, vor sein Ostpreußen und vor sein Deutschland:
Ich rede in niemanden Auftrag. Ich habe von mir aus als der derzeitige Inhaber des Königsberger Philosophischen Lehrstuhls, des Lehrstuhles von Immanuel Kant, um die Möglichkeit gebeten, über den deutschen Rundfunk das Wort zu ergreifen. Wer im Angesichte Kants redet, redet im Angesicht Europas. Zu Kants Gedächtnis und für die Zukunft Europas will ich sagen, was ich zu sagen habe.
Und:
Vor zwei Jahren habe ich in der Kant-Gesellschaft in Königsberg eine Rede gehalten, in der ich die zweite Formel des Kantischen Imperativs wiederholte: "Behandle Deine Partner so, daß Du in ihnen niemals Dein Mittel und Werkzeug siehst, sondern immer zugleich ihren eigenen Willen achtest, der sie von sich aus an die Gemeinschaft Europas bindet." Ich wiederhole diese Worte, heute, wo ganz Europa in Königsberg sich wehrt gegen die "Macht der moralischen und geistigen Krankheit des Kommunismus", der "in der arktischen Nacht seine Bajonette wetzt und mit trotzig hungrigem Munde" gegen die reiche Schönheit und Individualität unseres europäischen Lebens "seine Lehre des Hasses und des Todes verkündet". Das sind Churchills Worte. Uns aber dünkt, daß nicht nur das Licht jener Kantischen Formel gegen die wüste arktische Nacht in uns allen entfacht werden muß, sondern daß es darüber hinaus Zeit sei, daß alle Männer, die miteinander für Bestand oder Untergang Europas einst die Verantwortung tragen werden, sich herauslösen aus dem Gesetz der Trägheit, zu dem sie gefesselt erscheinen. (...)
Ein englischer Politiker und bedeutender Staatsdenker hat die Feststellung getroffen, daß von den zwei Fundamenten aller zwischenvölkischen Politik: Gewissen und Gewalt, das Gewissen gegenüber einem Partner nur dann zu Wort kommt, wenn die Gewalt - oder Machtverhältnisse so sich lagern, daß ein eigenes Interesse entsteht, auf das Gewissen zu hören. Die Gewalt- und Machtverhältnisse in Europa haben sich in den letzten Wochen - wenn auch vielleicht vorübergehend - so verschoben, daß aus dem aktuellen Stand der Waage Europa/Asien plötzlich ein völlig verändertes rasantes "Interesse" für alle untereinander noch so feindseligen europäischen Partner aufspringt: Das Interesse am Erwachen des verschütteten, von tatsächlichen oder vermeintlichen Sonderinteressen überdeckten gemeinsamen Gewissens. 
So lauten die letzten Worte dieser Ansprache. Eduard Baumgarten hatte ja so recht. Aber die westlichen Politiker wollten diese Art des Gewissens erst wieder zu Wort kommen lassen, wenn Baumgarten sein Königsberg, sein Ostpreußen und sein Deutschland bis zur Oder verloren gegangen wäre und wenn Stalins Truppen an der Elbe stünden. Er konnte nicht wissen, daß dies das Kriegsziel der Westmächte seit 1941 gewesen ist, und daß diese sich deshalb selbst gar nicht bedroht fühlten vom Ansturm aus dem Osten.
Eduard Baumgarten nach 1945

Nach 1945 erörterte Eduard Baumgarten mit Leo Wohlgeb die Gründung eines "Instituts für Soziologie und Verhaltensforschung" an der Universität Freiburg (Nachlaß Wohlgeb). Als ihm 1950 seine Nähe zum Nationalsozialismus vorgeworfen wurde, wehrte er sich gegen diesen Vorwurf sehr souverän (19). Unter anderem schrieb er etwas für ihn sehr Typisches, Charakteristisches:
Der Unterzeichnete hat seit langem in seinem Leben die zwei (oder mehrere) Seiten einer Situation zu sehen und unterschiedlich zu traktieren versucht: die spott- und die widerstandsbedürftigen Seiten und die guten, zu ermunternden Seiten einer und derselben Sache. Die Absolutisten - einerlei welcher Partei und Glaubensrichtung - waren ihm immer verdrießlich (und er ihnen). James' "truth as cash-value" hat er nicht (...) mit "Wahrheit als Barwert" übersetzt, sondern - wie es strenger (und unbequemer) gemeint war - mit "Wahrheit als Kleingeld"; das soll heißen, daß es Wahrheit immer nur im Plural gibt und also auch Begriffe nicht dazu dienen sollen, die Vielfalt und Geschehnisse über einen Leisten und tot zu schlagen.

So wird der Unterzeichnete sich denn auch weiterhin an dem "kampffrohen" (sit venia verbo!) und ritterlichen Sinn erlaben, mit dem William James 1908 nach Oxford auszog, den Absolutisten aller Tonarten die Haut abzuziehen: "I feel in good fighting trim again, eager for the scalp of the absolute."
Diese Worte sollen zunächst am vorläufigen Ende der vorliegenden Studien stehen. Ihren Abschluß können sie erst finden, wenn die beiden genannten, bislang unveröffentlichten Buchmanuskripte Baumgartens zugänglich geworden sind.

(Neuberbeitung einer schon am 10./11.10.2010 veröffentlichten Fassung)

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Literatur
  1. Albert, Hans; Popper, Karl R.: Briefwechsel 1958 - 1994. Fischer Taschenbuch 2005
  2. Tilitzki, Christian: Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich. Teil 1 & 2. Akademie-Verlag, Berlin 2002 (Google Bücher)
  3. Sukale, Michael: Max Weber - Leidenschaft und Disziplin. Leben, Werk, Zeitgenossen. Mohr Siebeck, 2002
  4. Festetics, Antal: Konrad Lorenz. Aus der Welt des großen Naturforschers. Piper Verlag, München 1983
  5. Bischof, Norbert: "Gescheiter als alle die Laffen". Ein Psychogramm von Konrad Lorenz. Rasch u. Röhring, 1991, Piper TB 1993
  6. Föger, Benedikt; Taschwer, Klaus: Die andere Seite des Spiegels. Konrad Lorenz und der Nationalsozialismus. 2001
  7. Albert, Hans (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  8. Baumgarten, Eduard: Gewissen und Macht. Abhandlungen und Vorlesungen 1933 - 1963. Ausgewählt und eingeleitet von Michael Sukale. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  9. Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. In: Albert, Hans (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971, S. 281 - 345
  10. Lorenz, Konrad: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. Piper Verlag, München 1973 (bis 1989 20 Auflagen)
  11. Albert, Hans: Vorwort. In: ders. (Hg.): Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag. Verlag Anton Hain, Meisenheim am Glan 1971
  12. Albert, Hans: In Kontroversen verstrickt. Vom Kulturpessimismus zum kritischen Rationalismus. Wien 2007
  13. Baumgarten, Eduard: Max Weber - Werk und Person. Tübingen 1964
  14. Poliakov, Leon; Wulf, Joseph: Das Dritte Reich und seine Denker. arain Verlag, Berlin-Grunewald 1959
  15. Bräuninger, Werner: "Ich wollte nicht wieder daneben stehen." Biographische Skizze über Alfred Baeumler. In: ders.: "Ich wollte nicht daneben stehen ..." Lebensentwürfe von Alfred Baeumler bis Ernst Jünger. Essays. Ares Verlag, Graz 2006, S. 24 - 60 
  16. Baeumler, Alfred: Meine politische Entwicklung (26. Mai 1948). In: Baeumler, Marianne u.a. (Hg.): Thomas Mann und Alfred Baeumler. Eine Dokumentation. Königshausen & Neumann, Würzburg 1989, S. 193 – 201
  17. Hausmann, Frank-Rutger: Die Göttinger Anglistik und die "Affäre Baumgarten". In: ders.: Anglistik und Amerikanistik im "Dritten Reich". Franfurt am Main 2003, S. 213 - 225 (G-Bücher) 
  18. Dahms, Hans-Joachim: Aufstieg und Ende der Lebensphilosophie. Das philosophische Seminar der Universität Göttingen zwischen 1917 und 1950. In: Die Universität Göttingen unter dem Nationalsozialismus. K.G. Saur, München 1987, S. 169 - 199
  19. Die Redaktion: James und die militärische Ausdrucksweise. Eine Stellungnahme von Eduard Baumgarten. In: Der Monat, Nr. 21, Juni 1950, S. 327f (CEEOnlineLibrary)
  20. Matthiesen, Michael: "Machtstaat und Utopie". In: H. Lehmann, O. G. Oexle (Hg.): Nationalsozialismus und Kulturwissenschaften, Bd. 2, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2004, S. 165ff (G-Bücher)
  21. Wellenreuther, Hermann: Mutmaßungen über ein Defizit. Göttingens Geschichtswissenschaft und die angelsächsische Welt. In: H. Bookmann, H. Wellenreuther (Hg.): Geschichtswissenschaft in Göttingen. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1997, S. 261 - 285 (G-Bücher)
  22. Luca; Milly; Timo: Vom "Pluriversum der Völker" und "Roosevelt'schen Weltherrschaftsplänen". Eine Einführung in die obskure Gedankenwelt des neu-rechten FU-Dozenten Christian Tilitzki. In: Magazin des AStA der FU Berlin, Sommersemester 2009
  23. Frontdichterheim Buderose. Auf: Literaturreport.de 
  24. Lorenz, Konrad: Die Rückseite des Spiegels. Versuch einer Naturgeschichte menschlichen Erkennens. Piper Verlag, München 1973
  25. Metzinger, Thomas: Der Preis der Selbsterkenntnis. In: Gehirn & Geist, Juli/August 2006
  26. Baumgarten, Eduard: Aus der Rundfunkansprache von Professor Baumgarten, dem Dekan der philosophischen Fakultät der Universität Königsberg. aus dem eingeschlossenen Königsberg im März 1945. In: Der Weg (Zeitschrift, Buenos Aires, Argentinien), Jg. 1950, S. 480 - 482
  27. Weltanschauung und Philosophie. Arbeitstagung des Amtes Wissenschaft auf Schloss Buderose. In: Nationalsozialistische Monatshefte. Heft 110, Mai 1939, 10.Jahrgang, https://www.zvab.com/servlet/BookDetailsPL?bi=16519318635&searchurl=hl%3Don%26sortby%3D20%26tn%3Dnationalsozialistische%2Bmonatshefte%2Bzentrale

1 Kommentar:

Florian Pfeil hat gesagt…

Das ist mit Abstand der beste und für mich persönlich aufschlussreichste Artikel, den ich bisher von Dir gelesen habe, Ingo. Die Festschrift von Albert für Baumgarten - "Sozialtheorie und soziale Praxis. Eduard Baumgarten zum 70. Geburtstag" - ist vor Ort leider wieder einmal nicht vorhanden, müsste ich also bestellen.

Was war der Grund dafür, warum eine Antwort Baeumlers an Rosenberg zunächst ausblieb? Wird das irgendwo weiter konkretisiert?

"Es sei ein Faktum, daß auch die höchsten Lebensäußerungen des Menschen mit ihren stammesgeschichtlichen Vorformen 'vergliedert' blieben und nur von daher zu verstehen seien."

Das ist hochgradig interessant! Ich hätte niemals vermutet, dass man zur damaligen Zeit schon so weit und in solchen Erkenntnissphären dachte! Klar, wir als von strenger Rationalität geprägte Menschen heute wissen darüber Bescheid, auch wenn es mit Sicherheit noch einige Zeit dauern wird, bis die maroden Mauern des sozialwissenschaftlichen Traumschlosses vollends eingerissen sind.

Die gesellschaftskritische Schrift "Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit" habe ich vor einigen Jahren schon gelesen, ein für die Allgemeinheit, auch der leichten Verständlichkeit wegen, wichtiges Werk.

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