"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)
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Montag, 21. Januar 2013

Von Gutsnachbarn zu "Geistesnachbarn"?

Stammen Thilo Sarrazin und Erich Ludendorff von demselben Gutshof in der Provinz Posen?

Seit dem Jahr 2010 hat der Familienname "Sarrazin" in Deutschland einen anderen Klang als zuvor. Dieser Familienname findet Beachtung. Und so merkt man auch auf, wenn man in ganz anderen Zusammenhängen auf ihn stößt.

Der Geburtsort Erich Ludendorffs im Jahr 1865 war der Ort und das Gut Kruszewnia, 13 Kilometer östlich der Stadt Posen (Wiki). Und dieses Gut war schon im Jahr 1941 seit über hundert Jahren im Besitz einer Familie Sarrazin. Es lag in der damaligen deutschen Provinz Posen, die im Jahr 1920 an Polen abgetreten worden ist. Sie ist 1939 wieder an Deutschland und 1945 wieder an Polen gefallen. Damit war das schwere Leid von Millionen von Einwohnern dieser Provinz verbunden.

Abb. 1: Das Geburtshaus von Erich Ludendorff im Jahr 1865, Familienbilder (1, S. 16)
1940 - Hitler will Kruschewnia der Familie Ludendorff schenken

Vom 4. September 1940 gibt es ein Schreiben des Wehrmachtsadjutanten Hitlers an den Reichsstatthalter Wartheland (7, S. 467, Anm. 35). Darin gab Hitler Weisung
"mit Rücksicht auf die unvergeßlichen Verdienste" Ludendorffs das Gut auszubauen und zu vergrößern. Es sollte anschließend als Dotation den männlichen Erben Ludendorffs übereignet werden.
Dieses Schreiben und ein weiterer Schriftwechsel dazu liegen im Bundesarchiv vor (7, S. 467, Anm. 35). Dieser Wunsch Hitlers wurde auch noch einmal erwähnt und behandelt in einem anderen Zusammenhang.

Im Jahr 1941 machte sich ein enger Mitarbeiter von Joseph Goebbels im Propagandaministerium, ein Alfred-Ingmar Berndt (1905-1945), Hoffnungen auf ein Gut im "Wartheland" (wie es damals hieß). Nämlich auf das Gut Dornbach bei Samter (2). Das war damals nichts Ungewöhnliches, belohnte Adolf Hitler doch manche Leute "um ihrer Verdienste um die Bewegung willen" mit Gütern im Wartheland (3).

Dasselbe Gut war jedoch offenbar schon - ausgerechnet - einem 25-jährigen Gutserben Sarrazin angeboten worden als Ersatz für dessen Gut in Kruszewnia, das auf Wunsch Adolf Hitlers nun wiederum an die Familie Ludendorff "rückübereignet" werden sollte. (- Wollte er damit womöglich die Erben Erich Ludendorffs beschwichtigen, damit sie doch noch seinem Wunsch willfahren würden, nämlich den Leichnam Erich Ludendorffs in das Tannenbergdenkmal in Ostpreußen überführen zu lassen?)

Berndt hinwiederum war in der Stadt Bromberg geboren und mit seiner Familie nach 1920 ausgewiesen worden aufgrund der damaligen polnischen Minderheitenpolitik. 

Nun, im Jahr 1941 wurde von Seiten des Reichsstatthalters Arthur Greiser (1897 - 1946) in diesem Zusammenhang das folgende Schreiben versandt (2, S. 141f, bzw. 148f) (leider nur willkürliche Google-Bücher-Ausschnitte, Hervorhebungen nicht im Original):

An Herrn Ministerialdirigenten
Alfred-Ingmar Berndt
Berlin W 8
Mauerstr. 45
im Reichsgau Wartheland, 5. September 1941

Lieber Parteigenosse Berndt!

Vielen Dank für Ihr Schreiben vom 1. September. Mir wurde inzwischen mitgeteilt, daß Sie gestern in Posen waren; ich bedaure sehr, daß wir uns nicht gesprochen haben. Ich darf Ihnen auf Ihr Schreiben folgendes erwidern:
Von einer Anweisung des Reichsführers SS als Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums oder des Reichsernährungsministers und Reichsbauernführers oder des Führers selbst, Ihnen das Gut Dornbach bei Samter zu übertragen oder zur Übertragung nach dem Kriege vorzubehalten, ist weder meinen Dienststellen noch mir etwas bekannt. Ich bin zwar seit Herbst 1939 Chef der gesamten Behörde, wozu auch meine Abteilung IV (Landwirtschaft), also die sachbearbeitende Behörde des Reichsernährungsministers gehört. Ich bin ebenso seit mehr als einem Jahr Beauftragter des Reichskommissars für die Festigung des deutschen Volkstums, dem hier in Posen sämtliche Dienststellen des Reichskommissars bezüglich der Einsetzung, Umsetzung und Umsiedlung und Beschlagnahme, also auch das SS-Bodenamt, unterstehen. Weder bei diesen Dienst  ...
Und:
.... halten sollen, ist durch nichts und in keiner Weise gerechtfertigt.

Sie argumentieren weiterhin in Ihrem Brief vom 1. damit, daß das Gut Dornbach dem 25-jährigen Gutsbesitzer Sarrazin übereignet werden soll. Dieses ist ein Irrtum Ihrerseits. Das Gut wird nicht einem 25-jährigen Gutsbesitzer Sarrazin übereignet. Folgende Tatsache liegt vor:
Der ruhmreiche Feldherr Ludendorff ist in Kruszewnia bei Posen geboren. Kruszewnia ist seit beinahe 100 Jahren im Besitz der Familie Sarrazin. Es ist erwiesen, daß durch die Energie und den tatkräftigen Fleiß der Familie Sarrazin der an sich kaum lebensfähige Besitz Kruszewnia zu einem einigermaßen anständigen Gutsbetrieb herausgearbeitet worden ist. Der Führer persönlich hat den Wunsch, das Gut Kruszewnia der Familie Ludendorff nach vollkommenem Umbau und einer vollkommenen Restauration anständig und schuldenfrei zum Geschenk zu machen. Dieser Wunsch des Führers ist trotz meiner Hinweise auf die Verdienste der Familie Sarrazin zum Befehl geworden. Der ...
... Sarrazin wegen ihrer politischen, völkischen und wirtschaftlichen Einstellung und Fähigkeiten sehr großzügig zu behandeln und ihr das Recht zu geben, sich einen anständigen Betrieb im Warthegau als Ausgleich für Kruszewnia auszusuchen. Von diesem Recht macht zur Zeit der Inhaber von Kruszewnia, ein über 60 Jahre alter Herr Sarrazin, Gebrauch und schlägt u. a. auch Dornbach vor. Sollte Herr Sarrazin sich auf Dornbach festlegen, was bis zur Stunde noch nicht der Fall ist ...
... mern und Nichtkriegsteilnehmern und sogar von verdienten Generälen dieses Krieges gegenüber mich auf den Standpunkt gestellt habe, daß eine Festlegung auf einen bestimmten Betrieb während des Krieges für keinen einzigen erfolgen könne, muß ich das auch Ihnen gegenüber tun. Ich rate Ihnen dringend ab, mit dieser Frage an den Führer persönlich heranzutreten; ich würde mich sonst gezwungen sehen, als verantwortlicher Beauftragter des Führers zur Durchführung seiner Befehle in Sachen Ludendorff-Kruszewnia ihm einen entsprechenden Bericht zu machen.
Mit den besten Grüßen und Heil Hitler! Ihr Greiser
Das vollständige Zitat muß noch einmal in einer Bibliothek herausgesucht werden. Seit beinahe hundert Jahren also ist das Gut Kruschewnia damals schon im Besitz der Familie Sarrazin gewesen. Das würde heißen, daß dieses Besitzverhältnis nur unterbrochen worden war durch den Kauf des Gutes um 1860 herum durch Wilhelm Ludendorff, den Vater Erich Ludendorffs, und daß es durch den Verkauf desselben nach 1871 wieder hergestellt werden konnte. Das Gut wurde von der Familie Ludendorff nach dem Krieg von 1870/71 verkauft, um ein größeres in Pommern zu kaufen, wohin die Familie dann übersiedelte (4, 5).
 
Bis 1934 - Gutsbesitzer Ignaz Sarrazin, "ein guter Katholik"

Spätestens 1881 wird ein Ignaz Sarrazin (1847-1934) als Gutsbesitzer von Kruszewnia genannt (Google Bücher). Von ihm gibt es aus dem Jahr 1887 auch eine "Patentschrift einer Neuerung an Pflanzlochmaschinen" (DHM). Auf dem Friedhof der nahegelegenen Ortschaft Schwersenz gibt es eine "Ruhestätte der Familie Sarrazin". In deren Krypta liegen begraben:
Clemens Sarrazin - geb. 12.1.1876 in Kruszewnia, gest. 25.5. 1907 in Zerniki
Maria Sarrazin geb. Versen - geb. 12.3.1849 in Marienburg, gest. 13.10.1901 in Kruszewnia
Ignatz Sarrazin - geb. 21.9.1847 in Engar, gest. 4.10.1934 in Kruszewnia
Hermann Sarrazin - geb. 10.5.1880 in Kruszewnia, gest. 15.1.1919 in Zerniki
Ignaz Sarrazin galt nach derselben Quelle als ein "guter Katholik", der sich auch bis kurz vor seinem Tod im Jahr 1934 vorbildlich um seine polnischen Gutsarbeiter gekümmert haben soll.

27.10.15, Ergänzung: Es wird von einem Gregor Ignatz Sarrazin (* 13. März 1857 in Grätz, Posen; † 3. November 1915) als Großvater von Thilo Sarrazin berichtet (8). Es würde sich also um einen zehn Jahre jüngeren Sarrazin handeln, bei dem der zweite Vorname Ignatz mit "t" geschrieben wird, und der in Grätz, südwestlich der Stadt Posen geboren wurde (während Kruszewnia südöstlich der Stadt Posen liegt). Sicherlich würde man im Familienarchiv Sarrazin weiter kommen.

1940 - Eine Geburtstagsfeier in Kruszewnia

Auf diesem Gut nun war am 4. April 1940 der Geburtstag Erich Ludendorffs gefeiert worden. Darüber war in einem Verlags-Rundbrief von seiten der Witwe Mathilde Ludendorff berichtet worden (6, S. 8). Über einen weiteren solchen Verlags-Rundbrief von Mathilde Ludendorff, nämlich vom 15. September 1940, heißt es dann (6, S. 9) (Hervorhebung nicht im Original):
In einem Nachsatz wird noch eine Berichtigung der Frau von Possanner über die Geburtstätte Erich Ludendorffs gebracht. Danach leitet ein Herr Inspektor Lutterbeck seit 1905 das Gut Ludendorff. Er ist Deutscher aus Westfalen. Auch der jüngere Verwalter ist Volksdeutscher. Der Besitzer des Gutes ist ein Herr Sarrazin. Er wohnt auf einem Nachbargut und war von der Feier zu spät verständigt worden. Durch ein Versehen ist auch Fräulein Sarrazin der Zeitpunkt der geplanten Feier nicht bekannt gegeben worden.
Stammt also nun womöglich die Familie von Thilo Sarrazin von dort? Überall in der Presse wurde berichtet, daß Thilo Sarrazin am 12. Februar 1945 in Gera "auf der Flucht" geboren worden sei, und daß seine Mutter aus einer westpreußischen Gutsbesitzerfamilie stammen würde. Sarrazin sagte bei einer Gelegenheit (Welt, 23.10.2011):
Meine westpreußische Mutter war bis 1939 polnische Staatsangehörige.
Und der Vater? Auch eine polnische Internetseite beteiligte sich an den Mutmaßungen über die Herkunft von Thilo Sarrazin (Polskaweb):
Wir glauben, daß der Herr Bundesbankvorstand in Wirklichkeit bei Posen in Polen geboren wurde. 
Worauf dieser Glaube gründet, wird allerdings leider nicht mitgeteilt. (Sondern man läßt dann zahlreichen Spekulationen die Zügel schießen.)

Thilo Sarrazins Vater

Nun, der im Jahr 2010 noch lebende Vater von Thilo Sarrazin, Dr. Hans Christian Sarrazin (1914-2013) hat schon im Jahr 1937 als 23-Jähriger Gedichte veröffentlicht:
Aus dem Klappentext des Gedichtbands "Ahorndekade" von Hans Christian Sarrazin (Vater von Thilo Sarrazin), Laumann-Verlag Dülmen, 1993: "Hans Christian Sarrazin … begann 1934 mit dem Studium der Gemanistik, die er nach einigen Semestern mit der Medizin vertauschte. … Truppenarzt in Frankreich und Italien … Leiter der sozialmedizinischen Abteilung eines Knappschaftskrankenhauses und, bis heute, ärztlicher Gutachter für die Sozialgerichte. … Den ersten Druck eines Gedichtes besorgte 1937 Paul Fechter in der Deutschen Allgemeinen Zeitung. …"
Der Schriftsteller Paul Fechter (1880-1953) stammte aus Elbing in Ostpreußen. Und an anderer Stelle ist zu erfahren (FAZ, 10.10.10):
In der Tat stammt Thilo Sarrazin aus einem ausgesprochen literaturaffinen Elternhaus. Der Vater hatte erst Germanistik studiert, dann auf Medizin umgesattelt, war der Literatur aber treu geblieben, indem er nämlich selbst Literatur verfaßt hat, die Bände „Ahorndekade – Gesammelte Gedichte“ (1993) und „Die gläserne Kugel – Erzählungen“ (1995) von Hans Christian Sarrazin sind antiquarisch noch zu haben. Der Vater lebt sogar noch, sechsundneunzig Jahre alt, und ist der Auffassung, das Tempo, in dem das Buch seines Sohnes seine Auflagen erreicht habe, lasse sich nur mit „Im Westen nichts Neues“ von Remarque vergleichen.
Hans Christian Sarrazin befand sich also während des Zweiten Weltkrieges im Kriegseinsatz. Bei Kriegsausbruch war er 25 Jahre alt, bei Kriegsende 31. Aber wenn er seine Frau, eine westpreußische Gutsbesitzerin, offenbar doch in Westpreußen selbst kennengelernt hat und wenn sie von dort - oder von wo? - "geflüchtet" ist im Jahr 1945, dann lägen die Provinz Posen, ihre Hauptstadt Posen und das Gut Kruszewnia ja nicht gar zu weit ab.

Im Jahr 1941 schreibt Arthur Greiser von einem "25-jährigen Gutsbesitzer". Zu jenem Zeitpunkt war Hans Christian Sarrazin zwar schon 27 Jahre alt. Aber auf die zwei Jahre wird es den Briefschreibern womöglich nicht angekommen sein.

Was hier zusammengetragen worden ist, können nur Vermutungen sein und Anregungen zum Weiterforschen. 

Das alles wäre dann aber vielleicht nicht nur um seiner selbst willen interessant. Denn der kirchenfreie, letztlich naturalistische Denkansatz von Thilo Sarrazin, wie er etwa auch von Frank Schirrmacher verstanden worden ist - aber natürlich nicht nur von diesem -, weist in den Grundzügen mancherlei Gemeinsamkeiten mit dem naturalistischen Denkansatz von Erich und Mathilde Ludendorff auf. - Von Gutsnachbarn also sozusagen zu Geistesnachbarn?

Wie auch immer. Jedenfalls wird Thilo Sarrazin schon aufgrund seiner Eigenschaft als Vertriebenenkind der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte, ihren Geschichtsverzerrungen und Tabus mit größerer Skepsis gegenübergestanden sein, als er es ohne eine solche Herkunft getan hätte. Auch das kann einem mit solchen Betrachtungen wie den vorliegenden bewußt werden. Westpreußen und Posen, sowie alle deutschen Ostgebiete jenseits der Oder haben - nach einer tausendjährigen deutschen Geschichte - jenen tiefgreifendsten ethnischen und kulturellen Wandel schon hinter sich, den Thilo Sarrazin für Restdeutschland abgewendet wissen will. Das Deutschland jenseits von Oder, Neiße und Bayerischem Wald ist schon "abgeschafft". Restdeutschland soll nicht auch noch abgeschafft werden.
______________________
  1. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938
  2. Wulf, Joseph: Presse und Funk im Dritten Reich. Eine Dokumentation. Mohn, 1964 (Google Bücher), Rohwoldt, 1966, 1982, 1983 (Google Bücher), Ullstein, Berlin, Frankfurt/M. 1989, Ullstein Taschenbuch, 2001
  3. Bading, Ingo: Um "seiner Verdienste um die Bewegung" willen ... - Ein nationalsozialistischer Ludendorff-Gegner erhielt noch 1944 seinen Judaslohn von Adolf Hitler. Studiengruppe Naturalismus, 17.12.2011
  4. Tempelhoff, Henny von: Mein Glück im Hause Ludendorff. Verlag August Scherl, Berlin [1918]  
  5. Ludendorff, Erich: Mein militärischer Werdegang. Blätter der Erinnerung an unser stolzes Heer. Ludendorffs Verlag, München 1935 
  6. Kopp, Hans: Geschichte der Ludendorff-Bewegung. 2. Band: Die Jahre 1939 - 1976. Verlag Hohe Warte, Pähl 2002
  7. Uhle-Wettler. Franz: Erich Ludendorff in seiner Zeit. Soldat - Stratege - Revolutionär. Eine Neubewertung. Edition Kurt Vowincke-Verlag, Berg 1995
  8. guttmensch wannabe: Drei Generationen Sarrazin: Zeitzeugen der Eugenik-Bewegung, 1. Juni 2013, http://guttmensch.blogspot.de/2013/06/drei-generationen-sarrazin-zeitzeugen.html 

Dienstag, 8. Juni 2010

Studiengruppe "Naturalismus, völkische Subkulturen, Ethik und Politik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung"

Das Studium einer völkischen Subkultur
A. Dörfler-Dierken

Im Jahr 1998 ist die Disseration des evangelischen Pfarrers Frank Schnoor "Mathilde Ludendorff und das Christentum" erschienen (1). Mathilde Ludendorff hat im Jahr 1930 ihr Buch herausgegeben "Erlösung von Jesu Christo". Durch diesses Buch hat sich die damalige evangelische Kirche angegriffen gefühlt. Spätestens seit diesem Zeitpunkt hat es von Seiten der Evangelischen Kirche emotionsgeladene "Kampfschriften" gegen das Gedankengut von Mathilde Ludendorff gegeben, um so mehr, als Mathilde Ludendorff selbst Tochter eines evangelischen Pfarrers gewesen ist. Mit der Dissertation aus dem Jahr 1998 war zum ersten mal aus den Reihen der evangelischen Theologen heraus der Versuch unternommen worden zu einer sachlicheren, ruhigeren, entspannteren, emotionsloseren Auseinandersetzung mit dem Gedankengut und den Bestrebungen von Mathilde Ludendorff. Die Absichten der Dissertation haben in Theologen-Kreisen wohlwollende Aufnahme gefunden. Die evangelische Theologin Prof. Angelika Dörfler-Dierken hat in einer Rezension auf das Wünschenswerte der weitergehenden Erforschung der in der Dissertation behandelten völkischen Subkultur aufmerksam gemacht. Sie schrieb (2):

Schnoors Untersuchung macht neugierig, weitere Details zu erfahren und eine Deutung in breiterer Perspektive anzuschließen. Mathilde Ludendorff scheint eine charismatisch begabte Führerpersönlichkeit gewesen zu sein, die es verstanden hat, sich im Stil einer ‚Prophetin’ mit divinatorischer Begabung zu inszenieren. Sie hat offenbar nicht nur ihren Mann, sondern auch breitere Kreise für ihre Ideen begeistert und diesen ihre Wirklichkeitssicht nahegebracht.

Dörfler-Dierken fragt (2):

Inwiefern, wodurch und warum konnte sie solche Wirksamkeit erlangen? Schnoor führt ihren unbeugsamen Willen als Begründung an - aber diese Erklärung reicht schwerlich aus, wenn man den Einfluß begreifen will, den diese Frau auf ihre Umgebung und breite Kreise ausübte.

Dörfler-Dierken vermutet (2):

Mathilde Ludendorff konnte wohl nur deshalb Anhänger überzeugen, weil sie dasjenige aussprach, was diese ihrerseits hören wollten. Das würde aber bedeuten, daß besonders im zweiten und dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts breite Kreise einer christlich-abendländischen Weltdeutung weitgehend entfremdet waren und nach einer neuen Religion hungerten.

Das sollte ja wohl vorkommen, zumindest außerhalb theologischer Kreise. Weiter schreibt Frau Dörfler-Dierken (2):

Interessant wäre es überdies, die sachlich-geistige Nähe beziehungsweise Ferne des Weltbildes der Mathilde Ludendorff zur nationalsozialistischen Ideologie einerseits, zu anderen Ideologien der völkischen Bewegung andererseits bestimmt zu sehen. Manchen Gedanken der Ludendorffer dürfte man auch bei Deutschen Christen wiederfinden können. Die Schriften der Ludendorffer wären also auch vor diesem Hintergrund in ihrer Struktur zu würdigen. Damit würde sich ein interessanter Einblick in die Mentalitätsgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ergeben.

Abschließend führt Dörfler-Dierken aus (2):

Frauen haben allerdings wohl in keiner dieser Gruppierungen eine vergleichbar herausgehobene Rolle gespielt. Diese Beobachtung spricht für die Einzigartigkeit der Mathilde Ludendorff. Die Beschäftigung mit ihr, dem ‚Haus Ludendorf’ und den Ludendorffern regt dazu an, sich mit dem Kampf konkurrierender Ideologien in den 20er und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts neu zu beschäftigen - nicht nur in geistes- und ideengeschichtlicher sondern auch in religionspsychologischer und -soziologischer Hinsicht.

Neben diesen grundlegendere Fragestellungen kommen Dörfler-Dierken bei der Lektüre der Dissertation auch noch einige detailliertere Fragen in den Sinn (2):

Weiterhin fragt sich der Leser, inwiefern das Ehepaar Ludendorff ökonomisch von seinen Unternehmungen profitierte. Handelt es sich bei Verlag und Schriftenvertrieb um Betriebe, die Gewinn für ihren Besitzer abwarfen oder wurden alle Überschüsse wieder in den Ausbau der Bewegung investiert? Welche Anhängerscharen konnte man zum Bezug der Verlagspostillen mobilisieren? Wie viel brachte es ein, wenn Auflagen von über 100.000 Heftchen gedruckt wurden? Offen läßt Schnoor auch, wie die in der propagandistischen Arbeit tätigen Anhänger des ‚Hauses Ludendorff’, die Redner, Buchhändler und Verlagsmitarbeiter finanziert wurden. Offenbar gab die Selbstinszenierung einer Frau vielen Arbeit.

Und (2):

Über die Zahl der Anhänger des ‚Hauses Ludendorff’ zu verschiedenen Zeiten erhellt die Untersuchung nichts. Lassen die gelegentlich genannten Auflagenzahlen verschiedener Veröffentlichungen Rückschlüsse auf deren Zahl zu? Da Schnoor sich auf das literarische Werk der Mathilde Ludendorff konzentriert, sind ihm religionssoziologische Fragen fremd.

Solche und sehr viele ähnliche und auch noch ganz anderweitige Fragestellungen waren schließlich auch der Antrieb zur Gründung des vorliegenden Blogs, der Studiengruppe "Naturalismus, völkische Subkulturen, Ethik und Politik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung".

Ergänzung 21.2.2012: Dieser Blog ist vor zwei Jahren gegründet worden. Inzwischen ist das Thema Hintergrundpolitik-Kritik  - Stichwort 9/11-Wahrheitsbewegung, "Infokrieger", Geheimdienst-Kritik und anderes - nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch für die Autoren dieses Blogs deutlich stärker in den Vordergrund getreten, als dies zum Zeitpunkt der Gründung dieser Gruppe der Fall war. Und da wohl derzeit gerade auch auf diesem Gebiet ein großer Aktualitätsbezug vieler Schriften der Ludendorffs besteht - der in derzeit erarbeiteten Buchveröffentlichungen noch genauer dokumentiert werden soll (GA-j!2011) - wird diese Gruppe und der Blog umbenannt in: "Studiengruppe Naturalismus und Hintergrundpolitik-Kritik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung". Gerade über das Thema Hintergrundpolitik-Kritik sind wohl Ende der 1920er Jahren den Ludendorffs die meisten Anhänger zugeströmt. Bei Berücksichtigung dieser Thematik werden einige der genannten Fragen von Dörfler-Dierken leichtester zu beantworten sein.

Ergänzung 22.2.2026: Daß viele Auseinandersetzungen der Ludendorff-Bewegung mit dem Thema Hintergrundpolitik-Kritik einmal erneut mehr als aktuell anmuten, wenn man das Geschehen rund um das Stichwort "Jeffrey Epstein" in den Blick nimmt, wird sicherlich unmittelbar augenfällig: Wenn man eine jüdische Weltverschwörung unterstellen möchte, hätte man mit diesem Geschehen sicherlich die allerbesten und augenfälligsten Argumente. 

Ergänzung 7.5.2016: Zur besseren Verständlichkeit wird im Titel dieses Blogs anstelle des Begriffs "Naturalismus" die Bezeichnung "Naturwissenschaftsnahes Philosophieren" verwendet. Er wird also ab jetzt benannt: "Studiengruppe Naturalismus - Studiengruppe 'Naturwissenschaftsnahes Philosophieren und Hintergrundpolitik-Kritik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung'". Der Anspruch der Philosophie Mathilde Ludendorffs ist es ja, mit dem naturwissenschaftlichen Kenntnisstand in Übereinstimmung zu stehen und mit dem künftigen Schritt halten zu können.

Die Arbeit der Studiengruppe

Die Studiengruppe stellt sich die Aufgabe, die bis hier schon angerissenen und vielerlei weitere Fragen zu bearbeiten. Dazu sollen veröffentlichte und unveröffentlichte Lebenszeugnisse Erich Ludendorffs (1865-1937) und Mathilde Ludendorffs (1874-1966), sowie der von diesen beiden Persönlichkeiten begründeten Ludendorff-Bewegung gesammelt, dokumentiert werden. Sie sollen seriösen Archiven überstellt werden. Und die neuen Quellen sollen jeweils wissenschaftlich-kritisch ausgewertet werden, das heißt, unter den verschiedensten wissenschaftlichen Perspektiven abgeklopft werden. Auf möglichste Vollständigkeit der Dokumentation wird dabei ebenso viel Wert gelegt wie auf Detail- und Tiefenschärfe. Die soziologische Erforschung einer Subkultur erfaßt auch viele Aspekte der Alltagsgeschichte. Aber auch die Überprüfung der Gültigkeit der philosophischen und psychologischen Aussagen - vor dem Hintergrund der Wissenschaftsgeschichte - ist bedeutsam. Über diese Tätigkeit kommt die Studiengruppe mit wissenschaftlich oder sonst an diesen Themen interessierten Menschen und  Institutionen ins Gespräch.

Die möglichst vollständige Dokumentation einer expemplarischen völkischen Subkultur des 20. Jahrhunderts und ihrer geistigen Grundlagen soll ganz allgemein die Auseinandersetzung mit dem kulturgeschichtlichen Phänomen  "Subkultur" und der in ihnen vertretenen Gedanken fördern. Durch eine solche Studiengruppe soll auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einer solchen besser koordiniert und moderiert werden als dies  bisher geschehen ist.

Subkulturen haben nicht immer - aber sehr oft - die Eigenschaft, sich von einer Mehrheitsgesellschaft abzugrenzen, ihr mit Mißtrauen zu begegnen, da sie derselben gegenüber oft keine Anpassungsbereitschaft zeigen, und der gegenüber deshalb auch partielle Kommunikationsverweigerung auftreten kann. Auch diese Phänomene für sich können soziologisch analysiert werden.

Subkulturen stellen ganz allgemein gesellschaftliche "Experimentierfelder" dar, die gelingen oder scheitern können. Dabei werden Lebens(re)form-"Experimente" durchgeführt, die aus evolutionärer Sicht als kulturelle Selektionsprozesse auf individueller und auf Gruppenebene aufgefaßt werden können. Soziologisch gut erforschte, geradezu "paradigmatische" Beispiele für die Gesetzmäßigkeiten des Überlebens unangepaßter Subkulturen und der dabei ablaufenden Selektionsprozesse stellt etwa die 500-jährige Geschichte der protestantischen Wiedertäufer, der Amischen, Hutterer und Mennoniten in Nordamerika  dar (3).

Soziologische Analyse einer Subkultur

Zur Erforschung derartiger Fragen muß die Studiengruppe Gelder beantragen und einwerben, ein Mitteilungsblatt, bzw. Jahrbuch herausgeben. Sie wird, wenn möglich diverse, notwendige Archivaufenthalte finanzieren, historische Quellen und Nachlässe so vollständig wie möglich aufkaufen, sichern, dokumentieren und an Archive weiterleiten. Sie wird Tagungen und Ausstellungen veranstalten, Bücher herausgeben und einen Internet-Auftritt anbieten, zum Beispiel in Form eines Internetblogs (StgrNat).

Gemäß ihres rein wissenschaftlichen Ansatzes ist eine solche Studiengruppe für sich weltanschaulich und politisch neutral. Insbesondere soll es bei der kritischen Aufarbeitung eines solchen kulturgeschichtlichen Phänomens wie dem der "Ludendorff-Bewegung" im Rahmen des naturalistischen und völkischen Diskurses seit 1900 darum gehen, sich auf den Originalton der Lebenszeugnisse Erich und Mathilde Ludendorffs, bzw. der von ihnen geleiteten Bewegung einzulassen. Sekundärliteratur muß auch hier für den Historiker immer das bleiben, was sie auch sonst für ihn sein muß: sekundär.

"Seltsame Legenden" rund um Erich und Mathilde Ludendorff

Gerade in Bezug auf ein solches kulturgeschichtliches Phänomen wie das der "Ludendorff-Bewegung" ist es in der Wissenschaft an vielen Stellen üblich geworden, bloß auf Literatur zweiter oder dritter Hand zurückzugreifen. Dabei wird oft geradezu "alles" zu Rate gezogen, nur nicht die originalen Lebensäußerungen der behandelten Persönlichkeiten selbst und ihre eigene Sichtweise auf die Welt und ihr Leben. Ebensowenig werden die Sichtweisen von Familienangehörigen, Freunden, Mitarbeitern und Anhängern derselben in die engeren Erwägungen und Beurteilungen mit einbezogen. Solche Defizite treten selbst in ansonsten seriösen, quellenkritischen Studien auf.

Diese Tatsache kann beispielsweise illustriert werden anhand eines Aufsatzes in der renommierten "Zeitschrift für Geschichtswissenschaft" aus dem Jahr 2006 (4). Oder auch anhand eines einflußreichen Aufsatzes des Verfassungsschutz-Beamten Fritz Tobias über das berühmte, vormals selbst in Schulbüchern zitierte Telegramm Erich Ludendorffs an Paul von Hindenburg im Januar 1933 anläßlich der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler (5, 11). An die These von Fritz Tobias hat sich dann auch ein Aufsatz des Historikers Lothar Gruchmann angeschlossen. Der Historiker Henrik Eberle schreibt dazu in seiner Kritik noch einigermaßen zurückhaltend - aber völlig zutreffend (vgl. Henrik Eberle, Briefe an Hitler, 2007, S. 449, Anm. 165):

Ludendorffs Briefe werden an dieser Stelle wiedergegeben, da sich um sie seltsame Legenden ranken. Zunächst galten sie, obwohl nur von Hitlers Rechtsanwalt Hans Frank mündlich überliefert, als prophetische Warnung vor Hitlers Herrschaft. Dann wurde ihre Existenz überhaupt bestritten. In den 1990er Jahren erhielt Ian Kershaw offenbar Kenntnis von der Überlieferung dieser Briefe und benutzte sie in seiner Hitler-Biographie. Seine Zitation ist jedoch mißverständlich. (...) Ungenau argumentiert dazu auch Lothar Gruchmann "Ludendorffs 'prophetischer' Brief an Hindenburg vom Januar/Februar 1933". In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, Jg. 47, 1999, S. 559-562.

Hier ist nicht der Ort, auf die Tatsache einzugehen, daß der Hobbyhistoriker, Verfassungsschutzbeamte und Zuarbeiter des Magazins "Der Spiegel", Fritz Tobias auch sonst eine nicht gerade unumstrittene Rolle in der deutschen Zeitgeschichtsforschung nach 1945 gespielt hat. Und daß er dabei - z.B. - Seilschaften innerhalb der für ihn zuständigen Ministerien auf Landes- und Bundesebene in Schutz genommen hat. Solche Hintergründe sind bei der Aufarbeitung der Biographie eines solchen Hintergrundpolitik-Kritikers wie Erich Ludendorff immer sehr deutlich mit in Rechnung zu stellen. (Mehr zum Thema inzwischen u.a. hier: 11.)

Als ein positives Beispiel kann demgegenüber der Historiker Professor Manfred Nebelin genannt werden, dessen Studie aus dem Jahr 2000 die Lebenserinnerungen Erich Ludendorffs bei der Analyse gründlicher mit heranzieht (10, S. 251-253). // 3.5.2020: Überhaupt kann und soll in diesen einführenden Blogartikel, der als erster Artikel hier auf dem Blog vor zehn Jahren erschienen ist, zehn Jahre später kein Überblick eingearbeitet werden über die zahlreichen Aufsätze zu solchen Problemen, die inzwischen auf diesem Blog erschienen sind. Bitte dazu einfach das Inhaltsverzeichnis in der Randspalte durchsehen. //

Die fließenden Übergänge zwischen modernen naturalistischen und traditionellen völkischen Menschenbildern

Die Dringlichkeit der Arbeit einer solchen hier vorgestellten Studiengruppe ergibt sich zusätzlich jedoch auch noch aus ganz anderen Anlässen. Aus Anlässen, die weit über das bloße Bedürfnis der zeitgeschichtlichen Quellensicherung und der soziologischen Analyse einer Splittergruppe und Subkultur im völkischen Milieu Deutschlands während des 20. Jahrhunderts hinausgehen.

Die Übergänge eines konsequent naturalistischen (naturwissenschaftsnahen) Menschenbildes, das den Menschen unter evolutionären Aspekten als Gruppenwesen erfaßt, zu traditionelleren, völkischen Denkmustern des 20. Jahrhunderts sind in den letzten Jahren fließende geworden (6). Es handelt sich also um jenes naturalistische Menschenbild, das die evolutionär entstandene Gliederung des Menschen in kulturelle, soziale und religiöse Gruppen, sowie in Herkunfts- und Abstammungsgruppen unter evolutionären Aspekten berücksichtigt, sowie seit 2017 insbesondere auch aus der Blickrichtung der archäogenetischen Forschung heraus, in der besorgt auf Wiederbelebung völkischer Weltbilder aufmerksam gemacht wird (Stichwort: "Kossinna's Smile").

Solche eben genannten kulturell definierten Gruppen weisen eine jeweils unterschiedliche kulturelle Stabilität und Lebensdauer auf, auch unterschiedliche Demographien und Bevölkerungsweisen. Bei ihrer Erforschung geraten auch zunehmend populationsgenetische Häufigkeitsunterschiede in den Aufmerksamkeitsfokus der Wissenschaft. Häufigkeitsunterschiede, die sich dann auch bis in die genetische Kodierung motivationaler, emotionaler und Intelligenz-Merkmale erstrecken (6). Die Übergänge eines solchen modernen, naturalistischen Menschenbildes zu traditionelleren Denkmustern des 20. Jahrhunderts werden dann ohne Zweifel fließende.

Genetiker, Anthropologen, Historiker, Soziologen und Wissenschaftsjournalisten verfolgen derzeit noch jeweils unterschiedliche Strategien, ihre Aufmerksamkeit von dem Fließenden im Übergang von naturwissenschaftlichen, soziobiologischen Sichtweisen zu traditionelleren völkischen Denkstrukturen wegzulenken. Dieses Fließende wird mitunter mehr oder weniger barsch ignoriert, verleugnet oder kategorisch verneint. Man versucht, es vor sich selbst und Kollegen kleinzureden, bzw. durch sprachliche Umschreibungen und Neuformulierungen so zu verschleiern, daß es für eine uninformierte Öffentlichkeit gar nicht sichtbar ist. // 3.5.2020: So war der Diskussionsstand 2010, zehn Jahre später wäre er deutlich anders nuanciert darzustellen, es wäre etwa zu berücksichtigen, daß der Humangenetiker David Reich in seinem Buch ("Who we are ...") sich für die Wiederverwendung des Rasse-Begriffes in der Humanbiologie und -genetik ausspricht - und anderes mehr. //

Paradigmenwechsel der letzten zehn Jahre durch Humangenetik und Soziobiologie

Allerdings wissen wir, daß die Naturwissenschaft ihren  eigenen Gesetzmäßigkeiten folgt und es religiösen und geisteswissenschaftlichen Modeströmungen und Ideologien jeweils höchstens für Jahrzehnte gelang, die Fortschritte in der Naturwissenschaft unberücksichtigt zu lassen. Die Debatte rund um Thilo Sarrazin im Jahr 2010, die von Norbert Bolz als ein "Geschichtszeichen", von Frank Schirrmacher als ein "Paradigmenwechsel" bezeichnet wurde, gab von dem, was sich schon damals anbahnte, erste Ahnungen.

Ist man als einzelner Forscher aber an einen Punkt gelangt, wo sich solche "Ahnungen" geradezu aufdrängen - und das gilt auch für Mitglieder dieser Studiengruppe und auch lange vor der letztjährigen Sarrazin-Debatte (übrigens inzwischen zusammen mit so vielen anderen, auch bekannten Autoren und Forschern wie etwa: Richard Dawkins, Steven Pinker, Nicholas Wade, James Watson, Ernst Mayr, Edward O. Wilson, A.W.F. Edwards, David Sloan Wilson, Henry Harpending, Gregory Cochran, Samuel Bowles, Brian Ferguson, Armand Leroi, Sewall Wright, William D. Hamilton) -, ist der einzelne Forscher also an einen solchen Punkt gelangt, tritt ihm unabweislich die Dringlichkeit und Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit den traditionellen, völkischen Denkmustern und Diskursen, mit den naturalistischen Diskursen des 20. Jahrhunderts insgesamt vor Augen (6).

Wie groß ist die Gefahr neuer naturalistischer Fehlschlüsse?

Insbesondere stellt sich dann die Frage, inwieweit die Sorge vor neuen "naturalistischen Fehlschlüssen" berechtigt ist. Und inwieweit diese Sorge auch gebannt werden kann. Es stellt sich die Frage, ob naturalistisches Denken "in Gruppen", ob "völkisches" Denken mehr oder weniger zwangsläufig zu ethnischen Kriegen und Massenmord führen müsse. Ob völkisches Denken in inhärenter Weise dazu angelegt ist, mehr oder weniger zwangsläufig in Inhumanität zu enden. Es ist dann sehr dringlich zu fragen, ob die Möglichkeit besteht, wenn nicht sogar die Notwendigkeit, den sogenannten "völkischen Gedanken" in tieferem Sinne human zu vertreten. Also: Ob so etwas wie ein "völkischer Humanismus" - zumindest der Möglichkeit nach - gedacht werden könne. Und sei es nur versuchsweise. Ob er durchgespielt werden könne. Auch ganz unabhängig von den mehr oder weniger polemischen Zusammenhängen, in denen dieser Begriff heute - mitunter - gebraucht wird.

// Bis zum Jahr 2020 hat ein Begriff wie "völkisch" wieder eine ganz neue Wahrnehmung und ein neues "Framing" in der Öffentlichkeit erhalten. Es bleibt weiter schwierig, sachlich und emotionslos Fragen rund um solche Begrifflichkeiten zu erörtern. //

Das bislang in der Wissenschaft nur wenig berücksichtigten Denksystem der naturalistischen Denkerin Mathilde Ludendorff und damit der Ludendorff-Bewegung ganz allgemein, sowie der Diskurse, in die diese eingebettet waren, scheint jedenfalls einen solchen Grad von Differenziertheit aufzuweisen, daß es an ihm - wie vielleicht an wenig anderen Diskursen - ermöglicht wird, solche Fragestellungen theoretisch durchzuspielen und zu erproben.

Von verschiedenen Autoren ist darauf hingewiesen worden, daß sich in dem Denksystem einer Mathilde Ludendorff überraschend moderne mit archaischen oder auch auf den ersten Blick ganz abwegigen Inhalten und Wortgebräuchen vereinigt finden (vgl. etwa: 1).

Ist ein "völkischer Humanismus" möglich?

An dieser Stelle dafür nur ein erstes Beispiel als ein erster Zugang zu einem solchen Fragekreis. In dem ersten philosophischen Werk von Mathilde Ludendorff, erschienen 1921 unter dem Titel "Triumph des Unsterblichkeitwillens" (7), wird der Gedanke formuliert: "Aller Menschen Dasein ist heilig". Dies geschieht in folgendem Kontext:

... Dein eigenes Dasein ist heilig,
Der Sippen, des Volkes Dasein ist heilig,
Und aller Menschen Dasein ist heilig,
Weil alle Menschen auf Erden
Bewußtsein des Gottes werden könnten,
Solange ihre Seele das Göttliche noch erlebt.
So darfst du durch Töten
Nur dir und dem Volke in Todesnot
Jenseitserleben schützen. ...

Der Satz "Aller Menschen Dasein ist heilig" erscheint natürlich auf den ersten Blick als ein geeigneter Anknüpfungspunkt, um über die Möglichkeit eines etwaigen "völkischen Humanismus" nachzudenken.

Doch letztlich würde sich dann insgesamt ja früher oder später doch die Frage anschließen, wie sich denn diese Mathilde Ludendorff und die Ludendorff-Bewegung überhaupt während des Dritten Reiches und des Zweiten Weltkrieges gegenüber dem Nationalsozialismus, gegenüber seinen imperialistischen Kriegen und gegenüber seinen inhumanen Verbrechen positioniert haben. Welche Handlungsspielräume hat es hier gegeben? In welcher Weise sind sie genutzt worden? Ist es richtig, wenn die Ludendorff-Bewegung für sich in Anspruch nimmt, dem Widerstand gegen Adolf Hitler und gegen den Nationalsozialismus zugerechnet werden? Und falls dies bejaht werden müßte: inwiefern? Und inwiefern ganz sicherlich auch nicht? (8-10) (Zu diesen Fragen noch eine Ergänzung ganz am Ende dieses Artikels, siehe unten.)

Mit diesen Ausführungen sollen nur erste Andeutungen gegeben werden, welche Fragen hier zu behandeln wären. Es können noch viele weitere Gründe genannt werden - die in künftigen Veröffentlichungen der Studiengruppe auch genauer erläutert werden sollen, die es einem geraten erscheinen lassen können, gerade das kulturgeschichtliche Phänomen "Ludendorff-Bewegung" einer genaueren Analyse zu unterziehen, wenn man nach naturalistischen Diskursen des 20. Jahrhunderts fragt.

Ein exemplarischer Fall naturalistisch-völkischen Denkens und Handelns im Deutschland des 20. Jahrhunderts

Als weitere Gründe, warum zu diesem Zweck exemplarisch unter anderem gerade Mathilde Ludendorff behandelt werden soll, ist darauf zu verweisen, daß sie - das wird vielfach in der Literatur bestätigt - keineswegs eine unbegabte Frau gewesen ist. Als eine der ersten Frauen studierte sie Medizin und Psychiatrie bis zur Promotion. In den Jahren vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges arbeitete sie als Assistentin des Begründers der naturwissenschaftlichen Psychiatrie, nämlich Emil Kraepelins (Wiki) in München.

Zugleich war sie schon in jener Zeit aus der Kirche ausgetreten. Sie war Mitglied im Monistenbund Ernst Haeckels (Wiki) geworden. In nur allzu typischer Weise stammte sie zudem aus einer traditionsreichen protestantischen Pfarrerfamilie. In ihrem ersten philosophischen Werk "Triumph des Unsterblichkeitwillens" von 1921 (7) versuchte sie die Grundlegung einer neuen Philosophie, Religion und Weltdeutung in Anknüpfung an wissenschaftliche Kerneinsichten ihres Freiburger akademischen Lehrers, des frühen deutschen Darwinsten August Weismann (Wiki). Die von ihm gelehrte Trennung von Keimbahn und Körperzellen und die damit einhergehende, von ihm gelehrte "potentielle Unsterblichkeit der Einzeller" ist der naturwissenschaftliche Ausgangspunkt des naturalistisch-philosophischen Diskurses seiner Schülerin.

Kritische, sachliche Auseinandersetzung statt Pauschalurteile

Wie der einzelne Autor oder Kommentator, der im Rahmen dieser Studiengruppe Diskussionsbeiträge abgibt, zu dem Philosophieren von Mathilde Ludendorff selbst steht, ob er Teile darin - wie etwa der Autor Frank Schnoor (1) - zumindest als bedenkenswert ansieht oder ob er dieses Philosophieren schlankweg als verwerflich ansieht, ob er es als Gesamtprodukt dem "Abfallhaufen der Geschichte" für Wert erachtet, das ist dem einzelnen zu überlassen. Die Studiengruppe will ein Forum bieten, keine unfehlbaren Antworten geben. Aber auch oberflächlich pauschalisierende oder popularisierende "Propaganda" soll nicht betrieben werden, pauschalisierenden Gefühlsurteilen das Wort nicht überlassen bleiben.

Soweit es sich also um sachliche, kritische und selbstkritische Positionierungen handelt, die zunächst zu urteilen versuchen, bevor sie verurteilen, und die auch die Mühen des Studiums umfangreicherer Originalquellen nicht scheuen, sind sie als Diskussionstandpunkte im Rahmen der Studiengruppe willkommen. Beiträge, die eine aufrichtige, innere und kritische Distanz, die sich zu allen Aspekten dieses Quellenmaterials heute mehr oder weniger zwangsläufig und von selbst ergeben muß, nicht oder nur in Teilen erkennen lassen, sind nicht unbedingt die willkommensten. Es muß durchaus damit gerechnet werden, daß ihnen - zumindest im Rahmen dieser Studiengruppe - kein Forum gegeben wird.

Denn es ist zu offensichtlich, wieviel Mißbrauch in der Geschichte mit solchem, hier zu erörterndem Gedankengut getrieben worden ist, als daß einem erneuten Mißbrauch auch nur eine Spalt breit die Tür geöffnet werden darf.

Weitere Ergänzung: Ein zentraler Aspekt der Biographien von Erich und Mathilde Ludendorffs wird es - wie oben schon angesprochen - bleiben, ihrem Verhältnis zum Nationalsozialismus und zum Dritten Reich nachzugehen. Der Historiker Manfred Nebelin hat dazu in der Rezension zu einer Neuerscheinung in der geschrieben (FAZ, Juni 2014):

"Leider bleibt es hier wieder bei spärlichen Hinweisen, etwa zur Rolle von Ludendorffs zweiter Ehefrau, der Nervenärztin und Religionsphilosophin Mathilde von Kemnitz ('die wirre Mathilde'). So lassen sich die ungeklärten Fragen nach dem Verhältnis Ludendorffs zu Hitler, der NS-Ideologie und dem 'Dritten Reich' nicht zufriedenstellend beantworten."

Zu diesen und zahlreichen anderen ungeklärten Fragen will die Studiengruppe im Rahmen ihrer Möglichkeiten Beiträge leisten. Eine der wichtigsten Antworten auf die soeben gestellten Fragen findet sich schon seit Jahrzehnten - und von der Wissenschaft fast gänzlich unbeachtet - in der Biographie über den Hitler-Gegner Ludwig Beck (Autor: Klaus-Jürgen Müller) (StgrNat2012). An die Forschungsergebnisse dieser Biographie sollte künftig in weiteren Forschungen und historischen Einordnungen verstärkt angeknüpft werden.

/ Erstveröffentlichung: 14.10.2009, 
Ergänzung: 24.01.2013,
letzte Überarbeitung: 3.5.2020 /
_________________
  1. Schnoor, Frank: Mathilde Ludendorff und das Christentum. Eine radikale völkische Position in der Zeit der Weimarer Republik und des NS-Staates Deutsche Hochschulschriften, Kiel 1998 (und weitere bei Wikipedia genannte Literatur)
  2. Dörfler-Dierken, Angelika: Rezension von Frank Schnoor „Mathilde Ludendorff und das Christentum“ (2001). In: Theologische Literaturzeitung, Monatsschrift für das gesamte Gebiet der Theologie und Religionswissenschaft, Bd. 129/2004, Nr. 7 und 8, S. 814 – 817
  3. Hostetler, John A.: Amish Society. The Johns Hopkins University Press, 4th Edition 1993
  4. Mildenberger, Florian: Erotik, Polygamie, Muttertum. Die Wandlungen der Mathilde Ludendorff. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, 07-08/2006
  5. Fritz Tobias: Ludendorff, Hindenburg und Hitler. Das Phantasieprodukt des Ludendorff-Briefes. In: Uwe Backes; Eckhard Jesse; Rainer Zitelmann (Hrsg.): Die Schatten der Vergangenheit. Impulse zur Historisierung des Nationalsozialismus. Propyläen Verlag Frankfurt/Main und Berlin 1990
  6. Wiwjorra, Ingo: Ethnische Anthropologie. Zwischen scientistischer Innovation und völkischer Tradition. In: Puschner, Uwe; Großmann, G. Ulrich (Hg.): Völkisch und national. Zur Aktualität alter Denkmuster im 21. Jahrhundert. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009
    Sarrazin, Thilo: Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen. Deutsche Verlags-Anstalt, München, 7. Auflage 2010
  7. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. Verlag Hohe Warte, Franz von Bebenburg, Pähl/Obb. 1959 (1. Auflage 1921)
  8. Müller, Klaus-Jürgen: Generaloberst Ludwig Beck. Eine Biolgraphie. Ferdinand Schöningh, Paderborn u.a. 2008, 2009
  9. Lindner, August (Büsum): Ludendorff - Widerstandskämpfer im Dritten Reich? Unveröffentlichtes Manuskript in dem Nachlaß des Autors. Bundesarchiv Koblenz und Landesarchiv Schleswig (Mit Briefwechseln des Autors mit den Historikern Walter Hubatsch, S. Kaehler, Egmont Zechlin und W. Foerster.)
  10. Nebelin, Manfred: Erich Ludendorff - ein völkischer Prophet. In: Revue d'Allemagne et des Pays de langue Allemande. Themenheft "Religion, 'religiosités' et politique dans les extrêmes droites allemandes de 1870 à 1933". April/Juni 2000, S. 245-256
  11. Bading, Ingo: Ludendorffs empörte Telegramme an Hindenburg im Jahr 1933 Zur Frage der Echtheit von Ludendorffs Telegramm an Hindenburg vom 1. Februar 1933, 22. August 2013, https://studiengruppe.blogspot.com/2013/08/ludendorffs-emporte-telegramme.html

Sonntag, 9. Dezember 2012

"Ein Jahrhundert nach meinem Tode ..."

Das "Vermächtnis" Mathilde Ludendorffs (1937 / 1966)

Das deutsche Volk steht gegenwärtig, um die Jahreswende 2012/13, in der schwersten Schicksalsstunde seiner Geschichte. Während der äußere Wohlstand seit Ende der 1940er Jahre in Westdeutschland und seit 1989/90 auch zwischen Elbe und Oder die ständig noch wachsende innere Korruption und das gegenseitige seelische Missverständnis und die seelische Stumpfheit verdeckt und übertüncht, die sich durch fast jede Familie heute ziehen, die ein seelisch wertvolles Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern, zwischen Ehepartnern, im engeren und weiteren Familien- und Freundeskreis, sowie in der Gesellschaft, im Volk insgesamt fast unmöglich machen, entwickelt sich auch allein die bloße demographische Lage des deutschen Volkes mit jedem Jahr noch kulturzerstörender als im jeweiligen Vorjahr. Ja: "Deutschland schafft sich ab", wie der viel verkaufte Buchtitel des Jahres 2010 lautete.

Abb. 1: Die Feier des 60. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1937 in Tutzing
Erich und Mathilde Ludendorff und mit ihnen die Anhänger der Philosophie Mathilde Ludendorffs sahen die Rettung für das deutsche Volk und für die Kulturen der Völker weltweit schließlich allein in der Verbreitung und Annahme der Philosophie Mathilde Ludendorffs. "Einen anderen Weg, als wir weisen, gibt es nicht," hat Erich Ludendorff Ende 1936 in seinem nach seinem Tod veröffentlichten "Vermächtnis" niedergeschrieben.

Abb. 2: Mathilde Ludendorff auf der Feier zu ihrem 60. Geburtstag am 3. Oktober 1937 in Tutzing
Und tatsächlich scheint gerade die enge Verbindung und Verknüpfung einer scharfen Aufklärung über das Wirken von Hintergrundmächten mit dem Angebot einer modernen, naturwissenschaftsnahen, also am - für alle Menschen gültigen - naturwissenschaftlichen Kenntnisstand orientierten evolutionären, humanistischen Philosophie in der Tradition der Aufklärung und der Evolutionsforschung, eine Philosophie, die über die Existenz natürlich gewachsener, das heißt aus der Evolution hervorgegangener Völker eben so wenig achtlos hinweggeht, wie gegenüber der Frage des Menschen nach dem Sinn des Lebens und dem Sinn der Existenz dieses Weltalls - tatsächlich scheint eine solche, womöglich in sich widerspruchsfreie und sich gegenseitig ergänzende und vervollständigende Verbindung und Verknüpfung eine starke weltgeschichtliche Kraft darstellen zu können.

Zumindest dann, wenn die vielen heutigen, zumeist - trotz zahlenmäßigen Umfangs - ganz hilflos und ohnmächtig wirkenden, weil geistig zersplitterten Kräfte, die einen gesellschaftlichen Aufbruch fördern - zuletzt etwa die "Occupy-Bewegung" mit Georg Schramms "Zorn-Rede" in Frankfurt am Main -, sich auf eben eine solche enge Verbindung und Verknüpfung besinnen würden. Und wenn sie dieselbe mit jener hochstehenden Moral, die womöglich in der Philosophie Mathilde Ludendorffs enthalten ist, auch nach außen hin vertreten würden. Zumindest scheint sehr viel Anlass gegeben zu sein, dass diese Behauptung sehr ernst geprüft werden sollte.

Abb. 3: Mathilde Ludendorff auf der Feier zu ihrem 60. Geburtstag am 3. Oktober 1937 in Tutzing
Durch den Fortgang des naturwissenschaftlichen Fortschritts in der Soziobiologie, in der Humangenetik, in der Intelligenzforschung (siehe Sarrazin-Debatte), in der Evolutionsforschung, sowie durch die sich ständig verschärfende soziale und kulturelle Krise der Völker und Kulturen der Nordhalbkugel scheint das Angebot dieser seltenen Verknüpfung immer tagesaktueller, ja, geradezu immer alternativloser zu werden. Und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die sich geradezu aufdrängende Erkenntnis von der kulturerhaltenden Notwendigkeit der Annahme der hier gegebenen Verknüpfung schon in der nächsten Generation als gültig anerkannt werden wird und sich dann - und deshalb - weitgehend widerstandslos ausbreiten wird.

Abb. 4: Die Feier des 60. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1937 in Tutzing
Jedenfalls war dies - so ungefähr - die Erwartung von Mathilde Ludendorff. Sie selbst empfand es als ungewöhnlich, ja fast als ein Missverständnis, dass sie als eine der wenigen Philosophen in die Geschichte eingehen sollte, die ein - für geistesgeschichtlich bedeutsame Philosophen - seltenes Verständnis und eine seltene Anerkennung schon zu ihren Lebzeiten erhalten sollte von einer größeren Gruppierung von Anhängern.

Abb. 5: Während der Feier des 60. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1937 in Tutzing
Die Feier des 60. Geburtstages von Mathilde Ludendorff am 3. Oktober 1937

Diesen Gedanken sprach sie aus bei Anlaß der Feier ihres 60. Geburtstages am 3. Oktober 1937 in München. Unter anderem aus diesem Grund soll diese Feier im vorliegenden Beitrag etwas genauer behandelt und dokumentiert werden (vgl. auch Abb. 1 bis 5). Zu ihrem 80. Geburtstag am 4. Oktober 1957 berichtete Mathilde Ludendorff über die Feier ihres 60. Geburtstages (s. Quell 1957, S. 931):
Heute vor 20 Jahren hatte der Feldherr zum letzten Male in seinem Leben die Feier des 4. 10. an meinem 60. Geburtstag trotz seiner 2 Tage zuvor erfolgten plötzlichen sehr ernsten Erkrankung hier im Garten abzuhalten beschlossen. Er legte mir dabei ans Herz, daß sie so geartet sein sollte, daß niemand mir meine durchwachten Nächte und so große Sorge um ihn, niemand ihm seine Krankheit anmerken möge.
Und im Jahr 1938 wird über diese Feier berichtet (4):
Keiner der Erschienenen konnte ahnen, daß er zum letzten Male dem Feldherrn gegenüberstehen und ihn sprechen hören sollte. 
Und (4):
Trotz seiner schweren Krankheit, die in jenen Tagen bereits ihre dunklen Schatten vorauswarf, sahen sie den Feldherrn so, wie sie ihn kannten ...
In einem anderen Berichtet heißt es in der selbstverständlichen Sprache der damaligen Zeit zusammenfassend (1):
Am 3. Oktober 1937 waren mehr als tausend Deutsche Volksgeschwister aus allen Teilen des Reiches nach Tutzing gekommen um der Schöpferin der Deutschen Gotterkenntnis persönlich die Glückwünsche zu ihrem 60. Geburttag überbringen zu können. Frau Dr. Ludendorff begrüßte jeden Einzelnen der Teilnehmer, an die sich anschließend der Feldherr mit einer kurzen Ansprache wandte. Eine eindrucksvolle Feier im "Vier-Jahreszeiten"-Saal in München beschloß würdig diesen Tag, der für alle Teilnehmer zu einem Erlebnis geworden war.
Und ein detaillierterer Bericht lautete (2):
Um den Bitten von zahlreichen Anhängern der Deutschen Gotterkenntnis (Ludendorff) zu entsprechen, ihre Wünsche Mathilde Ludendorff zu ihrem 60. Geburttage persönlich entgegenbringen zu können, waren der Feldherr und die Philosophin aus den Bergen zurückgekehrt. Mathilde Ludendorff hatte sich bereit erklärt, sie schon am 3., einem Sonntage, entgegenzunehmen, um den Deutschen, die im Erwerbs- und Berufsleben stehen, die Ermöglichung ihres Wunsches zu erleichtern. Mit Sonderzügen und Kraftwagen waren aus allen nahen Deutschen Gauen, ja auch von Ostpreußen, von Schleswig und vom Rhein her, aus Schlesien und Saarbrücken Deutsche aller Berufsstände, Frauen, Männer und Jungvolk herbeigeeilt. Sie nahmen in festlicher Stimmung Aufstellung vor dem Hause in Tutzing. Schönes Herbstwetter mit herbstlichem Sonnenschein verschönte die Stunden.
In dem Bericht heißt es weiter (2):
Der Feldherr begrüßte die Schöpferin der Deutschen Gotterkenntnis mit einem Heilruf und richtete an die Versammelten wenigen Worte der Begrüßung. Mathilde Ludendorff schritt zu den Anwesenden und nahm von jedem Einzelnen, ihm die Hand reichend und Worte tauschend, den Glückwunsch entgegen. Das nahm bei der großen Zahl der Anwesenden Stunden in Anspruch. Währenddesen unterhielt der Feldherr sich mit einzelnen Anwesenden über das Fortschreiten des Ringens für Deutsche Gotterkenntnis. Nachdem Mathilde Ludendorff ihren Rundgang beendet hatte, richtete der Feldherr noch kurze Worte an die Anwesenden, um ihnen zu zeigen, wie sie der Philosophin durch ihr Ringen ihre Dankbarkeit erweisen könnten. (...) Dann wandte sich der Feldherr dem Ringen gegen die überstaatlichen Mächte und ihre Helfershelfer zu, die zwischen dem Werke Deutscher Gotterkenntnis und den Personen, die es vertreten, Scheidewände durch Lügen und Verdrehungen errichten möchten. 
Es sollte dies tatsächlich die letzte öffentliche Rede Erich Ludendorffs sein. Denn nur zweieinhalb Monate später, am 20. Dezember 1937, starb er an jener erwähnten Krankheit, die schon damals "ihre Schatten vorauswarf", nämlich Leberkrebs. Teilnehmern blieben von dieser Ansprache Sätze in Erinnerung, enthalten im letzten Teil der Ansprache, wie "Ich stelle fest - der 'Osservatore Romano', das Blatt des Papstes, lügt!" oder "Kämpfen Sie fanatisch!" (Friedrich Fuch in: Quell 8/57, S. 347)

Nachmittags fand dann die Feier in dem genannten Festsaal in München statt. In ihrer dortigen Ansprache sagte Mathilde Ludendorff Worte (2), von denen sie nachmals wünschte, daß diese auch auf ihrer eigenen Totenfeier vorgelesen werden würden. Und dort sind sie dann auch im Frühsommer 1966 aus diesem Anlass vorgelesen worden (3). 1966 wurden sie "das Vermächtnis Mathilde Ludendorffs" genannt. - Erich Ludendorff hatte schon an dieser Nachmittagsveranstaltung nicht mehr teilnehmen können. In dieser Ansprache sagte sie (2):
Ich habe in Ihrer aller Namen dem Feldherrn gedankt, daß er bei unserer Feier in Tutzing die Worte an Sie gerichtet hat und so diesem Tage geschichtliche Weihe gab. Diese seine Worte lassen es erst verstehen, daß es zu einer solchen Feier kam. Ist es doch ein sehr seltenes Ereignis, daß der Geburtstag eines noch lebenden Philosophen, der wirklich wertvolle und unsterbliche Erkenntnis gab, in einem größeren Kreise gefeiert wird. Dergleichen geschieht sonst meist bei jenen, die die Mitwelt rasch und leicht überzeugen, weil sie die zur Zeit schon herrschenden Einsichten in ihren Werken in eine gute Wortgestaltung bringen. Kulturschöpfer aber führen auf bisher noch nicht betretenen Wegen näher zum Göttlichen hin. So sind sie einsam und am einsamsten unter ihnen allen sind die Philosophen. Ihre Erkenntnisse und die moralischen Wertungen, die sich aus diesen ergeben, gestalten gewöhnlich nicht an der Geschichte der Gegenwart, sondern an der kommender Jahrhunderte. So rettet ihnen denn auch die Verständnislosigkeit der Mitwelt ihre traute, so für Schaffen und Erleben geschätzte Einsamkeit. Es bedarf also, wenn ich so sagen soll, fast einer Entschuldigung, zumindesten aber einer Erklärung, die uns begreiflich macht, daß meine philosophischen Werke, die das gründlichste Umdenken und Umstellen erwarten, das je durch philosophische Werke gefordert wurde, nicht, wie ich bei dem Schaffen der ersten derselben mit Sicherheit annahm, erst ein Jahrhundert nach meinem Tode durchdringen werden.
Die Erklärung liegt in der wichtigsten Ursache des Werdens der Gotterkenntnis meiner Werke. Es herrschte in den Jahren 1920/21, als ich mein Werk "Triumph des Unsterblichkeitwillens" schrieb, Todesnot der Kulturen aller Völker. Das gottwidrige Ziel, seelisch entwurzelte, mischblütige Sklaven unter herrschgierigen Priesterkasten jüdischer Lehren an Stelle arteigener, gottlebendiger freier Völker allein noch auf Erden bestehen zu lassen, war in manchen Ländern voll erfüllt, in anderen seufzten die Völker unter ebenso machtgierigen anderen asiatischen Priesterkasten. (...) Wir sahen vor allem auch unser Deutsches, entwaffnetes Volk in der gleich großen Not, in der es ein Jahrhundert zuvor unter der Tyrannei des Korsen geschmachtet hatte. Dies Erkennen der Todesnot der Kulturen aller Völker und das Erleben der stärksten Verantwortung, Wandel zu schaffen, weckten mich zu einer seelischen Wachheit, aus der heraus ich die letzten Fragen vom Sinn des Menschenlebens und der angeborenen Unvollkommenheit, vom Sinn des Todesmuß und der Art der Erfüllung des Unsterblichkeitwillens im sterblichen Menschen, im Einklang mit der Erkennntis der Forschung beantwortete und in meinem Werke niederlegte. So wie vor hundert Jahren der Philosoph Fichte die Einsamkeit seines Schaffens aufgab und sein Volk durch die Reden an die Deutsche Nation zum Freiheitkampf wachrüttelte, so war es auch mir dann eine Selbstverständlichkeit, ein Gleiches zu tun. Nach dem Schaffen dieses ersten philosophischen Werkes gab ich die Abgeschlossenheit, in der ich lebte, auf, stellte zunächst weiteres Schaffen zurück, um mich dem völkischen Freiheitkampfe, soweit dies meine Pflichten möglich machten, zu widmen.

Das ist die eine Erklärung dafür, daß nicht erst nach hundert Jahren, wie ich es annahm, irgendeiner nach den wenigen Exemplaren meiner philosophischen Werke greifen werde, um dann das Volk zu ihnen zu führen. Weit wesentlicher war ein anderes Ereignis. Da ich in meinem Schaffen das Unheil der christlichen Wahnlehren für das Leben der Völker und die Abwehr der Priesterkasten ebenso klar erkannte, wie den segensreichen Schutz, den die Erkenntnis meines Werkes "Triumph" hiergegen sein konnte, so sah ich natürlich in dem völkischen Freiheitkampfe vor allem als Ziel die Befreiung von Wahnlehren und Machtgier der Priesterkasten, ich fand aber hierfür fast nirgends ein Verstehen. (...) Da führte dicht vor dem 9. November 1923 dieser Umstand zu einer Unterredung mit dem Feldherrn und bei ihm fand ich zu meiner großen Überraschung sofort tiefstes Verstehen für meine Fernziele. Ein solches Verstehen führte zu gemeinsamem Kampfe und zu der reichen Lebenserfüllung gemeinsamen Lebens. Elf Jahre währt nun schon der ununterbrochene Kampf an der Seite des Feldherrn gegen die unheilvollen Wege und Ziele weltberrschender, zum Teil geheimer Priesterkasten und währt die Aufklärung des Volkes und der Völker über dise und über den Segen der Gotterkenntnis, die ich indessen in weiteren Werken vollendete. Da diese nun den unsterblichen Namen des Feldherrn trugen, öffnete er ihnen einen breiten Weg in das Volk. Da aber der Feldherr zugleich in unermüdlicher Volkserziehung sich für die Bedeutung des Kampfes gegen die Wahnlehren und für die Völker rettende Bedeutung der Erkenntnis meiner Werke einsetzte, so war die natürliche Folge das seltene Ereignis, daß ich es miterlebe, wie viele Zehntausende sich von der Erkenntnis meiner Werke überzeugten.

Schon einmal gab es einen großen Feldherrn, der es den Menschen durch sich selbst erwies, daß höchste Feldherrnkunst und philosophisches Erkennen nicht so weit auseinanderliegen, wie die meisten Menschen es annehmen, da doch die klare Erkenntnis des Wesentlichen bei beiderlei Begabung das Wichtigste ist. Dieser Feldherr, der zugleich ein tiefer Kenner und Werter der Philosophie gewesen ist, war Friedrich der Große. Auch er sah schon den Segen der Wahrheit in der Beantwortung der letzten Fragen des Lebens. Auch er erkannte voll die Unhaltbarkeit des Wahnes der Christenlehre. Aber sein Leben und Schicksal brachten es mit sich, daß die starke Sonderung des Volkes von dem König das herrschende Vorurteil, die ungeheure Unterschätzung der Bedeutung des Einzelnen im Volke und seine klare Einsicht in die Tatsächlichkeit nicht überwand. Für das Volk hielt er den von Priestermachtgier geschaffenen Trug für gut genug, wenn nicht gar für notwendig. Der Feldherr Ludendorff, der in dem gewaltigsten aller Kriege Jahre hindurch Haupt und Herz des Volkes war, war seit jenem unseligen 26. Oktober 1918 nicht mehr durch ein Amt, nur noch durch seine unsterbliche Leistung vom Volke gesondert. Er, der im Kriege die Bedeutung der Leistung des Einzelnen an der Front so hoch gewertet hat, war unfähig, die seelische Haltung des Einzelnen im Voke so zu unterschätzen, daß er einen unheilvollen Wahn über die letzten Fragen des Lebens für diess Volk noch für brauchbar gehalten hätte. Von der ersten Stunde der persönlichen Überzeugung von der Bedeutung der Erkenntnisse meiner philosophischen Werke war es ihm auch klar, daß das gesamte Volk und die Völker der Erde unter den Segnungen dieser klaren Erkenntnis gerettet und aus den gefährdenden Entartungen freigemacht werden konnten. Kein Amt an der unmittelbaren Geschichtegestaltung der Gegenwart raubte ihm Zeit für seine hehre Geschichtegestaltung der Zukunft. Er erforschte die Mittel und Wege der überstaatlichen Todfeinde freier Völker, enthüllte sie in seinen Werken, gab dem Volke zum ersten Mal durch diese Enthüllungen volksrettende geschichtliche Erfahrung und führte sie gleichzeitig zu der Klarheit der Gotterkenntnis.

Dank so seltenen Geschehens kam es denn auch zu dieser seltenen Feier des Geburttages eines lebenden Philosophen. Wie nun könnte ich in dieser Feierstunde meiner Eigenart, einen solchen Tag zu begehen, treu bleiben und Ihnen zugleich einen Anteil an diesem Feste gewähren, der sich in Ihrer Seele auswirken kann? Nun, ich dächte doch, indem ich Ihnen mitteile, welchen Sinn ich in einer solchen Feier sehe, und zudem ein Beispiel gebe, wie sie innerlich zu bereichern ist.
Die Ansprache Mathilde Ludendorffs war von Klavierwerken von Robert Schumann und Franz Schubert umrahmt worden, die von ihrer Schwester, der Konzertpianistin Frieda Stahl, vorgetragen worden waren (2).

Abb. 6: Hochgebirge (Neuseeland)

Die Totenfeier für Mathilde Ludendorff am 20. Mai 1966

Auch während der Totenfeier am 20. Mai 1966 war das Verlesen dieser Worte von Musik umrahmt worden (3).

Abb. 7: Todesanzeige für Mathilde Ludendorff
Diesmal spielte die Konzertpianistin Frieda Stahl nicht selbst, sondern ein Streichquartett. Aber sie wird die Musik ausgewählt haben und auch im Nachhinein die erläuternden Worte zu dieser Musik geschrieben haben.
Abb. 8: Totenfeier für Mathilde Ludendorff am 20. Mai 1966
Da die Möglichkeit besteht, soll auf diese Musik hier im Beitrag mit hingewiesen werden. Sagt doch Mathilde Ludendorff schon am Anfang ihrer Ansprache:
Es ist Unrecht, Worte an Menschen zu richten, nachdem die gottnaheste aller Künste, die Musik, in solcher Vollendung zu Ihren Seelen sprach.
1966 war die Feier umrahmt worden von den ersten drei Sätzen des Streichquintetts von Franz Schubert in C-dur, Opus 163 (siehe Abb. 8).

Abb. 9: Aufbahrung des Sarges im Haus in Tutzing, 1966
Proben einer offenbar sehr guten Aufnahme desselben aus dem Jahr 2007 finden sich im Internet vom Artemis-Quartett von Truls Mörk. Als eine vollständige Aufnahme desselben findet sich im Internet gegenwärtig eine solche, die  von "3Sat" ausgestrahlt worden ist - allerdings ohne Angabe der Musizierenden. (Die ersten beiden Sätze sind jeweils in zwei Teilen ins Netz gestellt worden.)

1. Allegro ma non troppo (a, b)

In der Beschreibung der Totenfeier heißt es zu dieser Musik:
Franz Schuberts Streichquartett in C-Dur, Opus 163 klingt auf. Der zwei ganze Takte ausgehaltene C-dur-Akkord setzt leise ein, schwillt allmählich voll an, um schließlich in einen wehmutsvollen Septimenakkord überzugehen und abzuklingen. Nach dieser langsamen Einleitung wird es lebendig. Das frohe Hauptthema wird immer kraftvoller und dramatischer, bis es schließlich auf der Dominante endet. Nun naht das zweite Thema, in Es-dur, beglückend gefühlsbetont, schwelgend im Sanglichen, ganz Klangwunder. Dann tritt noch ein drittes, scharf zugeschnittenes, aber leises Thema hinzu. Aus ihnen formt sich kämpferische Konfliktstimmung, die aber immer wieder zu klangschöner Lyrik hinüberführt. Ein Menschenleben voll Glück und Weh, voll Kampf und Streit: ein großes Menschenleben in Musik! Und doch immer wieder zurückführend zu der Erkenntnis: "Nicht Kampf ist das Leben des Menschen, nein, jenseits des Kampfes erst ist das Erleben der Seele!" Der erste Satz des Quintetts, vorgetragen vom Sonnleitner-Quintett, verklingt. ...
Das Zitat ist entnommen dem philosophischen Erstlingswerk von Mathilde Ludendorff "Triumph des Unsterblichkeitwillens". 1966 wurden dann auf Wunsch von Mathilde Ludendorff Worte vorgetragen, die Erich Ludendorff 1937 über seine Frau geschrieben hatte in dem von ihm 1937 herausgegebenen Buch "Mathilde Ludendorff, ihr Werk und Wirken" (siehe: 3, S. 483 - 487). Dann begann der zweite Satz aus dem Schubertschen C-dur-Quintett.
2. Satz - Adagio (ab)

Dazu wird geschrieben:
Ein seliges Singen hebt an, zart und verhalten, klanglich verinnerlicht und mehr der Tiefe verbündet. Plötzlich ist die Stimmung wie umgewandelt: Eine nächtig düstere, sehr ausgedehnte Partie in f-moll mit scharfem Sechzehnteltriolenmotiv in den Celli, Ringen seelischer Gewalten, bildet den einschneidenden Gegensatz zu dem Hauptthema. Und wenn dieses auch später wiederkehrt, so doch nicht mehr in der anfänglichen Selbstvergessenheit, sondern beständig von mahnenden Stimmen aus der Tiefe begleitet. Dieses Adagio Franz Schuberts ist der Kern der Totenfeier, der mit Allgewalt die Seelen erfüllt.
1966 wurden dann die Worte des Vermächtnisses von Matilde Ludendorff selbst vorgetragen (siehe: 3, S. 490 - 500). Deren erster Teil ist oben schon zitiert worden. Der zweite, wohl noch wesentlichere Teil (2, S. 547ff; 3, S. 495ff) beginnt mit folgenden Worten:
... Wenn ich nun solchem Feiertag diesen Sinn gebe, so wissen Sie zugleich schon, daß ich an ihm nicht nur das reiche Glück der Gegenwart erlebe, sondern daß er für mich ein Erklingen der ganzen hehren Symphonie des Lebens bedeutet, mit allem Leid und Glück, das es barg und mit allem Gottgehalte, den das Leben schenkte. Unter diesem Reichtum ist auch gar mancher, der zu meinem Schaffen hinüberführt, und an dem ich Sie ein Weilchen Anteil nehmen lassen kann. Sie haben in den Wroten, die Sie zuvor hörten, schon erfahren, daß die Felsengipfel des Hochgebirges meiner Seele und so auch meinem Schaffen Heimat wurden. Ihre Unerreichbarkeit für allen Kleinmut und alle Verzagtheit, ihre Unnahbarkeit für alles Gelärme und Gedränge der Menschen, ihre Festigkeit in allen Wettergewalten, ihre hehre Einsamkeit und heilige Stille, ihre erschütternd ernste Schönheit, wenn Wetterwolken sie umbrauen, ihre leuchtende Herrlichkeit, wenn Schnee sie übergleißt, ihre freudige, kraftvolle Festlichkeit im Sonnenschein, ihre zarte Verklärtheit in Mondnächten, hatten es mir angetan. Es hätte nicht mehr der Gefahren, die das Klettern im Fels mit sich bringt, bedurft, um mir ihr Bild zum seelenweckenden Gottgleichnis werden zu lassen. Eine Feier meines Todes ohne einen stillen Gang zu ihnen in der Erinnerung wäre mir schwer denkbar. Erinnerung ist die Königin, die über alle Wirklichkeit herrscht. Erinnerung hält das Erhabene, das Göttliche fest, und läßt alles Beschwerende, alles Hemmende dem Gedächtnis entgleiten. Erinnerung kann wie ein Märchen alles so herrlich wie möglich gestalten, und so läßt sie denn auch bei dem Aufbruch bald nach Mitternacht von der hohen Berghütte nahe den Felsengipfeln von hellem Mondschein die Bergewelt zauberisch verklären! Rings um uns leuchtet die zarte Schönheit der fast wie gewichtslos scheinenden Felsenriffe. Tiefes Schweigen. Nur dann und wann ein helles Klingen des Eispickels an den Stein oder ein Hinabrollen eines Steines von der Geröllhalde, auf der wir zur Scharte ansteigen; sonst feierliche Stille. Taghell leuchtet der Mond in diesen Höhen, und da Tritte und Griffe am Grat uns wohlvertraut sind, so erreichen wir kurze Zeit nach unserem Einstieg schon den Gipfel. Atemberaubend ist die Schönheit des Fernblicks auf die mondüberlichteten Gipfel, und märchenhaft sind die wunderbaren Farben der Mondnacht hier oben. Das leuchtend tiefe Blau des Himmels, die satten Farbentöne der Felsen in der Nähe und zarten der Gipfel in der Ferne enthüllen Gott im erhabenen Gleichnis. Unsere Seele gibt sich dieser schweigenden Schönheit hin und wüßte nicht mehr zu sagen, wieviel Zeit in Wirklichkeit verronnen ist, bis nun der Mond hinter einem Felsen untergeht. Doch kündet es jetzt die Nacht, daß sie noch Herrscherin der Stunde ist, denn nun der Mond schwand, versinken die fernen Gipfel im Dunkel; doch über uns breitet sich nun die unermeßliche Schönheit des klaren Sternenhimmels. ...
Zum gesamten Text siehe (3). Mathilde Ludendorff setzt das Erlebnis der einsamen Bergnacht im Hochgebirge und des Sternenhimmels dann auch in Bezug zu dem naturwissenschaftlichen Wissen des 20. Jahrhunderts über das Weltall und zu der Deutung dieses Wissens durch ihre Philosophie.

Viele der Worte dieses Vermächtnisses kann man heute als Mensch, der sich von Christentum, Okkultismus und sonstigem religiösem Wahn befreit hat und in der Welt und im Leben mehr an Bedeutung zu sehen gewillt ist als es etwa ein atheistisches Weltbild anzuerkennen bereit ist, wohl nur schwer ohne Anteilnahme lesen. Da dieses Vermächtnis im Weltnetz heute - wie es scheint - noch nirgendwo dokumentiert ist, ist es einmal vollständig zugänglich gemacht worden (3) und wird in diesem Beitrag auf dieses hingewiesen.
3. Satz - Scherzo: Presto - Trio: Andante sostenuto

Zur Musik heißt es wiederum:
Als wollte er diese Worte der großen Toten an das mitlebende Geschlecht aufnehmen, setzt nun der dritte Satz des Schubertschen C-dur-Quintetts ein. Machtvoll wiederholen stürmische Geigen und Celli in kräftigen C-dur-Motiven den Aufruf der letzten Worte. Sie werden abgelöst durch eine ernste seelenvolle Weise, durch ein langsames, sehr verhaltenes Trio in ganz anderer Takt- und Tonart. Die Weise kehrt zur tiefen Trauer zurück, wird immer verhaltener, immer stiller. Ganz unvermittelt setzt dann der erste Teil wieder ein, die Trauer zu feierlichem, kraftvollem Tun wandelnd; in unvergänglicher Musik der gleiche Weckruf wie die Worte der Toten.
Abb. 10: Wettergebräunt - die Schwestern Frieda Stahl und Mathilde Ludendorff 1952 auf der Berghütte in Klais in Oberbayern (Aufnahme durch die Haushälterin Annemarie Kruse [gest. März 2016])
Dieses Vermächtnis Mathilde Ludendorffs ist eines jener vielen, von ihr stammenden Lebenszeugnisse, das bei der Beurteilung ihrer Person vierlerorts sicherlich noch nicht genügend berücksichtigt und gewürdigt worden ist.
Abb. 11: Trauerfeier auf der Terrasse des Hauses Ludendorff
Überraschend auch, welche vielfältigen Erlebnisse und Bezüge sich an diese Worte, dieses Vermächtnis Mathilde Ludendorffs knüpfen, die eine Zeitspanne zwischen 1937 und 1966 überspannen, geradezu so, als seien beide Tage - der 60. Geburtstag und der Todestag - nur ein Tag gewesen. Und auch dies war ja für sie der Sinn eines Geburtstages (2):
Der Geburttag, der zu Ihrer begrenzten Zahl der Lebensjahre ein neues hinzufügt, gemahnt Sie wieder an das Wissen:
Todumloht ist Dein Leben in jeder Stunde. Unfall, Krankheit und Feindestat können Dich allerwärts aus der Reihe der Lebenden ausscheiden und fern, am Ende der Tage, harrt Deiner, auch wenn Du all jenen Gefahren siegreich widerstandest, das Todesmuß, das unwiderrufliche. (...) Deutlicher aber als die jährliche Wiederkehr gemahnt die Jahrzehntwiederkehr des Geburttages an das Todwissen. Vor allem läßt sie weit vernehmbarer noch den ernsten Schritt des Alterstodes, des Todesmuß, vernehmen.

Deshalb wohl ward es allmählich Sitte, dieser Jahrzehntwiederkehr vom 50. Geburttage an ernster zu nehmen und ausgeprägter zu feiern. Es ist das eine liebe Site, wenn sie im Menschen Ähnliches auslöst wie etwa die letzten Tage eines Aufenthaltes in besonderer Naturschönheit. Mögen wir solchen Aufenthalt noch so bewußt, noch so eindringlich erleben, sobald wir über die Hälfte der schönen Tage hinaus sind, scheint die Zeit eilen zu wollen, und je mehr sich dann diese Tage der Abschidstunde nähern, um so mehr geleitet alle Freude schon der Trennungschmerz. Er aber macht das Erleben nur noch inniger, nur noch vertiefter. Jeder neue Tag, der nach solcher Jahrzehntfeier noch erlebt wird, scheint dem Menschen um so mehr wie ein köstliches, keineswegs mit Sicherheit erwartetes Geschenk.
Abb. 12: Das Grab in Tutzing nach der Beerdigung, 1966
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(Dieser Beitrag ersetzt und erweitert einen älteren zum gleichen Thema, der am 23.3.2012 erschienen ist.)
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  1. Der 60. Geburtstag Frau Dr. Mathilde Ludendorffs. Fotoseite. In: Quell, Folge 14, 20.10.1937, hinter Seite 552
  2. Die Feier des sechzigsten Geburttages Mathilde Ludendorffs. In: Quell, Folge 14, 20.10.1937, S. 542 - 551
  3. Ludendorff, Mathilde: Worte zur eigenen Totenfeier (Vermächtnis). In: Mensch & Maß, 6. Jg., Folge 11, 9.6.1966, S. 483 - 500 (Scribd)
  4. Der Abschied. Die letzte Ansprache des Feldherrn. In: Am Heiligen Quell Deutscher Kraft, Folge 20, 20.1.1938; Lichtbildseiten nach S. 796
  5. Kn., W. (wohl Wilhelm Knake): Feierstunden. Eine Rückschau (auf die Feier von Mathilde Ludendorffs Geburtstag 1956). In: Der Quell, Folge 24/1956, S. 1118 – 1120 

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