Mittwoch, 8. November 2017

Erich Ludendorff im Jahr 1919

Zusammenstellungen von Fotografien Erich Ludendorffs aus den Jahren 1914 bis 1918 sind hier auf dem Blog pro Jahr jeweils schon ein Beitrag gewidmet worden. Diese Reihe soll mit dem vorliegenden Blogbeitrag fortgesetzt werden für das Jahr 1919. Dabei sollen auch nach und nach Inhalte des Lebens von Erich Ludendorff im Jahr 1919 dokumentiert werden. Dabei soll nicht im Vordergrund stehen, wie bedeutungsvoll diese Lebensinhalte waren, eher steht das Kriterium Vollständigkeit im Vordergrund. Die meisten Fotografien Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1919 stammen aus dem November und sind entstanden im Umfeld der aufsehenerregenden Aussagen Hindenburgs und Ludendorffs vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Reichstages im 18. November 1919. Obwohl dieser Umstand einigermaßen sicher sein dürfte, können derzeit dennoch die meisten der hier dokumentierten Fotografien noch kaum sicher nach Tag und Ort zugeordnet werden.

Ludendorff als Ehrengast im Freundeskreis rund um den Berliner "Kladderadatsch" (1919)


Nirgendwo in seinen Lebenserinnerungen berichtet Erich Ludendorff (1865-1937) (Wiki), daß er schon in seiner Zeit als Leutnant im Seebataillon 1887 bis 1890 - vermutlich in Kiel - den Verleger der Berliner politisch-satirischen Wochenzeitschrift "Kladderatsch" (Wiki) kennengelernt hatte. Es war dies ein Rudolf Hofmann. Und gleich nach seiner Rückkehr aus Schweden im Frühsommer 1919 bewegte er sich eine Zeit lang im Umkreis dieses Verlegers. Vermutlich war ihm dieser Personenkreis nicht bedeutend genug, um ihn in seinen Lebenserinnerungen zu erwähnen. Dieser Personenkreis ist aber durchaus bezeichnend für jenes Umfeld, in dem sich Ludendorff damals bewegte in einem Lebensabschnitt, den er mit den Worten "auf nationalen Wegen" kennzeichnete.

Abb. 1: Hindenburg besucht Ludendorff in der Viktoriastraße in Berlin (wohl November 1919)

Im Rückblick auf sein Leben meinte Erich Ludendorff, daß er sich bis zum März 1920 auf tradionell "nationalen Wegen" bewegt habe im Umkreis jenes Patriotismus, den es schon im Kaiserreich gegeben hatte. Und genau hierzu gehörte auch der Mitarbeiterkreis des "Kladderadatsch". Am 23. Februar 1919 war er von Schweden nach Berlin zurück gekehrt (1, S. 46). Zunächst hatte er bei seinem Freund, dem Hauptmann Breuer, gewohnt, dann einige Tage im Hotel Adlon. Hier besuchte ihn der damalige Freikorpsführer Oberst Wilhelm Reinhard (1869-1955) (Wiki). Im Zusammenhang mit ihm kommt Ludendorff ein wenig auf jenes oberflächlich-nationale Umfeld zu sprechen, in dem er sich damals bewegte (1, S. 52):
Er (Reinhard) bat mich, doch eines Mittags zu Hiller zu kommen, um dort mit seiner näheren Umgebung zusammen zu sein. Ich staunte über "Hiller". Das war in der Vorkriegszeit eine der teuersten Gaststätten Berlins. Ich ging hin. Prächtige Menschen waren dort versammelt, durchglüht von dem Wunsche, die Ordnung in Berlin und im Reich wiederherzustellen, aber darüber hinaus ohne klares Wollen. Die Aufmachung selbst allerdings behagte mir nicht. Wein spielte eine große Rolle für recht viele.
In der Vorkriegszeit hatte zu den Gästen des Restaurants Hiller, eines kleinen Restaurants Unter den Linden 62/63, nahezu der gesamte deutsche Hochadel gezählt (Wiki). Bei diesem Anlaß traf Ludendorff nun auch, wie er berichtet, den Konsul Salomon Marx (1866-1936) (Wiki). Er finanzierte damals die Freikorps (1, S. 52):
Was mich besonders erstaunte, war der Umstand, daß ich in diesem Kreise den judenblütigen Konsul Marx antraf, der, wie ich später hörte, das Freikorps Reinhard "finanziert" hat. Konsul Marx hat mich einmal in Pleß besucht, ich habe ihn dann auch später gesehen. Er war eine Persönlichkeit, die, wie mir schien, bestimmte Ziele verfolgte, ohne daß ich sie recht erkannt hatte. Heute ist es mir klar, daß er einer der Juden war, die in sogenannten rechtsgerichteten Kreisen Einfluß zu gewinnen hatten, um diese nach dem Willen des Juden zu leiten. Ging es nicht durch Geheimorden, so ging es durch wirtschaftliches Abhängigmachen der Rechtsbewegung und durch Bildung von "Organisationen", in denen dann die Geheimorden bequem wirken konnten.

Abb. 2: Hindenburg besucht Ludendorff in der Viktoriastraße in Berlin (wohl November 1919)

Ludendorff erhielt zwar in seiner Berliner Wohnung in der Viktoriastraße viele Besuche, etwa von den Söhnen des Kaisers Wilhelm II. oder von Prinzen anderer vormals regierender Häuser in Deutschland (1, S. 54). Aber, so Ludendorff weiter (1, S. 55):
Sehr viele Bekannte blieben auch aus und mieden mich ängstlich. Hierunter recht viele Offiziere der früheren Obersten Heeresleitung.
Im Generalstabsgebäude, das er damals für eine Unterredung mit dem Oberst von Mertz aufsuchte, sei er "beinahe frostig begrüßt" worden:
In der Tat trennte mich damals schon eine Welt von früheren Kameraden, deren Charakter sich in der Revolutionszeit so wenig bewährt hatte.
Sein ehemaliger Reserveoffizierskamerad aus dem Seebataillon, Rudolf Hofmann, ist nun Ludendorff gegenüber offensichtlich nicht frostig eingestellt gewesen. Dieser hatte die Verlagsbuchhandlung seines Vaters schon im Jahr 1881 übernommen gehabt (Wiki). Offenbar tat er aber auch noch danach zeitweise Dienst als Reserveoffizier im Seebataillon und hatte vermutlich dabei den Leutnant Ludendorff kennengelernt (2, S. 192). Als Leutnant war Ludendorff dann Ende der 1880er Jahre mehrmals in Hofmanns Grunewald-Villa zu Besuch, wenn er in Berlin weilte. Und das tat er ja nicht selten, schließlich lebten Ludendorffs Eltern und Geschwister ebenfalls in Berlin.

Bei diesen Besuchen hatte Ludendorff flüchtig auch den im Haus von Hofmann lebenden Schriftleiter der Zeitschrift "Deutsche Rundschau" (Wiki) kennengelernt: Paul Lindenberg (1859-1943) (Wiki) (2, S. 192). Über dessen Erinnerungen sind die hier genannten Zusammenhänge überliefert und sie bilden die Grundlage für den ersten Teil des vorliegenden Blogbeitrages (siehe auch Anhang ganz unten). Der "Kladderadatsch" war damals längst eine Institution im politischen und kulturellen Leben Berlins. Mit seinen zahlreichen, bekannten Karikaturen war er im Laufe der Jahre zu einem Bismarck-treuen Wochenblatt geworden, zu einem Wochenblatt, durch das Bismarck oft überhaupt erst für viele Menschen bekannt und volkstümlich geworden ist (siehe z.B. Bildersuche). - Nur die vielleicht berühmteste Bismarck-Karikatur, nämlich "Der Lotse geht von Bord" (Wiki), ist nicht im "Kladderadatsch" erschienen, sondern am 29. März 1890 im britischen Magazin "Punch". Aber ansonsten wird die Bedeutung dieser Karikaturen auch in dem Umstand ersichtlich, daß in den derzeitigen Wikipedia-Artikel zu Bismarck mehrere dieser Karikaturen aus dem "Kladderadatsch" zur Veranschaulichung eingestellt worden sind.

Abb. 3: Vormaliger Vizekanzler Karl Helfferich (1872–1924), Hindenburg und Ludendorff (wohl 18. November 1919)

Seine Rolle als "Institution" behielt das Wochenblatt auch noch nach dem Ersten Weltkrieg bei. Zum Stammtisch des "Kladderadatsch" gehörte auch der einstmals von Kaiser Wilhelm II. sehr favorisierte und protegierte Theaterdichter Joseph von Lauff (1855-1933) (Wiki). Bevor dieser Schriftsteller geworden war, war er ebenfalls zwanzig Jahre lang Berufsoffizier gewesen. Es handelte sich bei den Angehörigen dieses Kreises um patriotische, kaisertreue Schriftsteller, Künstler und Verleger im Stil der Vorkriegszeit, die bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch alle ihre Anstrengungen in den Dienst der deutschen Kriegsführung stellten. Auch "Dr. Toeche", also Konrad Toeche-Mittler (1869-1954) (Munziger), der damalige Inhaber des Verlages E.S. Mittler & Sohn, des bedeutendsten Berliner Militärverlages, in dem 1919 auch die "Kriegserinnerungen" Erich Ludendorffs erscheinen sollten und mehrere nachfolgende Veröffentlichungen Ludendorffs, gehörte zum Bekanntenkreis von Paul Lindenberg und wird in seinen Erinnerungen erwähnt (2, S.  105)

Abb. 4: Vormaliger Vizekanzler Karl Helfferich (1872–1924), Hindenburg und Ludendorff (wohl 18. November 1919)

Gleich am Anfang des Krieges hatte Lindenberg 1914 als Kriegsberichterstatter an der Schlacht bei Tannenberg teil genommen (2, S. 179-183). Hier hatte er den ihm nur flüchtig von früher her bekannten "Leutnant" Ludendorff nun in ganz anderer Stellung wieder getroffen. (Siehe mehr dazu unten im Anhang dieses Blogbeitrages.) von Lauff war ebenfalls Kriegsberichterstatter geworden. Und so wie auch die Münchner bekannte satirische Zeitschrift "Simplicissimus" mit Olav Gulbransson und Ludwig Thoma (1867-1921) (Wiki) ihre Anstrengungen in den Dienst der Kriegsführung stellte (3), so auch der Berliner "Kladderadatsch".

Und so wie Erich Ludendorff Ende Juli 1921 Ludwig Thoma besuchte zur politischen Aussprache (3), so fand er zwei Jahre zuvor in Berlin im Umkreis des "Kladderadatsch" politische Freunde. Seit 1909 war Schriftleiter des "Kladderadatsch" Paul Warncke (1866-1933) (Wiki) gewesen. Dieser hatte in dieser Zeit zahlreiche patriotische Gedichte veröffentlicht, auch auf Hindenburg und Ludendorff.

Abb. 5: Vormaliger Vizekanzler Karl Helfferich, Hindenburg (x), Ludendorff (xx), General von Lüttwitz (November 1919)
(Ort und Anlaß vorerst nicht bekannt, vielleicht am 1.11.1919)

Der Stammtisch des "Kladderadatsch" versammelte sich jedes Jahr zum 1. März, um des Geburtstages Otto von Bismarcks zu gedenken, den viele Mitglieder des Stammtisches - auch Paul Lindenberg - noch persönlich in Friedrichsruh besucht und gesprochen hatten. Das Lokal des Stammtisches waren die "Trarbach'schen Weinstuben" in Berlin-Charlottenburg. Es könnte ein ähnliches Lokal wie das von Ludendorff schon genannte "Hiller" gewesen sein. Jedenfalls spielte natürlich auch dort - so wie bei Hiller - der Wein eine Rolle. Viele der Schriftsteller dieses Kreises gehörten einer Generation an, die etwa zehn bis sechs Jahre vor Erich Ludendorff geboren worden ist. In diesem Kreis jedenfalls sah sich Ludendorff mit Wohlwollen und Anerkennung empfangen (was dieser in seinen Lebenserinnerungen wie gesagt - als ihm inzwischen sicherlich zu unerheblich - nicht erwähnte).

Abb. 6: Hindenburg und Ludendorff, wohl November 1919, vorerst unbekannter Ort und Anlaß (Hindenburg und Ludendorff tragen beide Zylinder, was auf anderen Fotos dieses Jahres nicht der Fall ist)

3. April 1919 -  Ludendorff in Trarbach's Weinstuben


Schriftsteller Lindenberg berichtet über den "Kladderadatsch"-Stammtisch (2, S. 119f):
Nach Kriegsende fanden sich an unserem Tisch so manche Mitkämpfer ein, an erster Stelle neben Ludendorff sein unermüdlicher Helfer im Osten und Westen, General der Infanterie von Eisenhart-Rothe. (...) Fregattenkapitän Bogislaw von Selchow erzählte von dem Ringen bei Skagerrak und den heißen Kämpfen in Flandern. Seine Kriegsdichtungen gehörten zu den besten der Zeit. (...) Drei andere Freunde vertauschten den Waffenrock mit dem bürgerlichen Kleid: Joseph von Lauff, der liebe rheinische Poet, Paul Oskar Hoecker (...) und Walter Bloem.
In dem Ludendorff-Kapitel seiner Lebenserinnerungen berichtet Lindenberg dann (2, S. 195):
... Erst nach dem Krieg sah ich in Berlin Ludendorff wieder. Da mögen einige Tagebuchaufzeichnungen folgen: 3. April 1919. Abends am "Kladderadatsch"-Tisch in Trarbachs Weinstuben, General Ludendorff als Gast. Großer Besuch, viele befreundete Schriftsteller, Künstler, Reichstagsabgeordnete, Offiziere. Ludendorff sitzt zwischen Rudolf Hofmann und mir, sein schmales, energisches Gesicht von gesunder Färbung, die schlanke Figur straff, jeder Zoll Soldat. Nach dem kurzen gemeinsamen Essen hält Paul Warncke, der so manch packendes Gedicht im "Kladderadatsch" Hindenburg und Ludendorff gewidmet hatte, eine zündende Ansprache an den gefeierten Gast.
Während der Rede sei Ludendorff sehr nervös gewesen, habe Brotkrümelchen gerollt. Zur Antwort-Rede sei er dann gleich aufgestanden (2, S. 195):
Er erwähnt zunächst, daß er seit dem 26. August vergangenen Jahres zum erstenmal wieder im Kreise nationalgesinnter Männer weile und welche Freude ihm dies bereite, eine Genugtuung für manche Enttäuschung. Sein Tun und Handeln sei von bestimmter Seite oft falsch ausgelegt worden, aber er möchte hier eins hervorheben: Als er zu Beginn des Krieges das Lied singen hörte "Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand, Dir Land voll Lieb und Leben, mein deutsches Vaterland", da habe ihn dies tief ergriffen und er habe sich im Stillen gelobt, nur dem deutschen Vaterlande zu dienen, dessen Wohl und Gedeihen seine ganze Kraft zu widmen! Das habe er gehalten und er werde es ferner halten, wenn dies das Vaterland wünsche. Sein dreifaches Hoch gälte dem deutschen Vaterland!
Abb. 7: Hindenburg und Ludendorff auf dem Weg zum parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Reichstages am 18. November 1919, links wohl Karl Helfferich

Dieses Lied gilt tatsächlich als das "Lieblingslied des Feldherrn", insofern zeigt diese Angabe, daß die Erinnerungen von Paul Lindenberg als zuverlässig anzusprechen sein werden. Auch an anderen genannten Umständen ist das erkennbar (etwa daran, daß Ludendorff ihm von einer persönlichen Begegnung mit dem älteren Moltke erzählte). Lindenberg berichtet weiter (2, S. 195f):
Im Laufe des Abends unterhielt ich mich viel mit Ludendorff, der auch von unserem Zusammensein in Kreuznach sprach: "Damals bestand noch die feste Hoffnung auf ein glückliches Ende des großen Kampfes. Wir hatten ja unsere Ansprüche zurück geschraubt, aber ohne Siegespreis wollten wir nicht nach Haus heimkehren. Amerika machte uns einen unerwarteten Strich durch die Rechnung. Wir wären jedoch auch mit ihm fertig geworden, mit unserem unvergleichlichen Heer, wenn die Heimat Stand gehalten hätte - nur wenige Monate noch!" Ich erkundige mich nach seinem Kriegsbuch, das erst Anfang Juli erscheinen würde, ein starker Band von sechshundert Seiten: "Das Werk hat mir viel Arbeit gemacht, ich habe in Schweden von 7 Uhr früh bis 1 Uhr nachts daran gearbeitet." Sprechen von Hindenburg. Ludendorff: "Er ist sehr alt geworden, verstehe kaum, daß er noch aushält, hat die Zeit zum guten Abgang verpaßt. Seine Frau hat großen Einfluß auf ihn."
Hindenburg arbeitete ja damals immer noch in der "Obersten Heeresleitung", die inzwischen in Kolberg ansässig geworden war. Ludendorff habe weiter ausgeführt, so Lindenberg (2, S. 196):
Dann: "Die heftigen Angriffe gegen mich haben mich zuerst sehr erschüttert, jetzt habe ich mein seelisches Gleichgewicht wieder gefunden. Hoffentlich rafft sich das Bürgertum endlich auf, um sich der bolschewistischen Strömungen zu erwehren. Nach meiner Ansicht hat die schlechte Ernährung viel zur Entnervung weiter Volkskreise beigetragen."
Die öffentlichen Angriffe gegen Ludendorff durch führende damalige Regierungsmitglieder beschäftigen Ludendorff damals sehr und er nahm in mehreren Schriften dazu Stellung.

April bis August 1919 - Erich Ludendorff im "Kollegen-Kreis"


Abb. 8: Paul Lindenberg -
Unter Hindenburgs
siegreichen Fahnen (1918)




Da Lindenberg ein Buch über Hindenburg schreiben wollte, besuchte er Ludendorff am Vormittag des 29. April 1919 in der Viktoriastraße 26, wo Ludendorff inzwischen - zunächst nur als vorübergehend gedacht - eine Wohnung bei der Schwiegermutter Newman seines ehemaligen Mitarbeiters von Treuenfeld gefunden hatte. Dort unterhalten sie sich zunächst darüber, ob Ludendorff nicht in Berlin-Lichterfelde eine Wohnung finden könne (2, S. 196f):
Ich gebe Ludendorff einige meiner Kriegsschriften und die in großer Auflage erschienene Erzählung "Unter Hindenburgs Fahnen". Ludendorff weist auf den farbigen Umschlag hin, der Hindenburg und ihn hoch zu Roß zeigt: "Das ist historisch unrichtig. Hindenburg ist während des ganzen Feldzuges nie aufs Pferd gestiegen, ich nur sehr selten, wir machten alle Fahrten mit dem Auto."
Von dem Militärmaler Carl Röchling (1855-1920) (Wiki), der dieses Bild gemalt hat (4), ist bis heute bekannt geblieben sein Gemälde "The Germans to the Front" aus dem Jahr 1900. Das Bild, von dem hier die Rede ist, ist offenbar im Internet nicht zugänglich. Allerdings wurden Hindenburg und Ludendorff von Kriegsmalern damals häufiger zu Pferde gemalt, zumal am Anfang des Krieges im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen an der Ostfront (5). Unter anderem sagte Ludendorff in diesem Gespräch auch über die Folgen der Revolution:
"Alle unsere sittlichen Begriffe sind ins Wanken gekommen, das Rechtsempfinden wird vergewaltigt."
Am 23. August 1919 besuchte Paul Lindenberg Ludendorff erneut. Sie unterhalten sich über den großen Erfolg von Ludendorffs Kriegserinnerungen (2, S. 197f):
Auf eine weitere Frage nach neuen Plänen erwidert er: "Ich habe noch nichts Bestimmtes beschlossen, bin vorläufig hier gut aufgehoben. Wer kann unter den jetzigen Zuständen und Umständen schon Pläne für die Zukunft fassen!"
Für den 29. August 1919 hatte Rudolf Hofmann einen kleinen Freundeskreis zur Pfirsichbowle in den Grunewald, Hagenstraße 9 eingeladen mit der abschließenden Bemerkung "Übrigens kommt Ludendorff!" Lindenberg berichtet (2, S. 198):
Im Freien, nahe dem Wald, war gedeckt, aber ein Gewitter trieb uns ins Haus.
In den Tischreden wurde der Schlacht von Tannenberg vor fünf Jahren gedacht. Ludendorff
erwähnte die ernsten Zeiten und daß er das feste Vertrauen in bessere habe, gab seiner Freude Ausdruck, in diesem von treuem vaterländischem Geist erfüllten Kreise weilen zu können, er sei jetzt durch sein Buch Kollege von uns geworden, er leere sein Glas auf das Wohl dieser Runde nationalgesinnter Männer.
In diesem Kreis mag Erich Ludendorff dann auch Joseph von Lauff begegnet sein. Und dadurch ordnet sich ein Geschenk weitaus besser in seine Biographie ein als uns das bislang verständlich erschienen war, nämlich der Umstand, daß Joseph von Lauff Ludendorff zu Weihnachten 1932 eines seiner Werke schenkte (6).

So wie hinsichtlich des "Simplicissimus" (3) wäre es sicherlich auch einmal interessant zu recherchieren, welche Stellungnahmen es von Seiten des "Kladderadatsch" zu dem weiteren Lebensweg von Erich Ludendorff gegeben hat. (Siehe dazu UB Uni-Heidelberg, bzw. Digi.UB.Uni-Heidelberg.) Vermutlich war der "Kladderadatsch" aber nicht so sehr mit Ludendorff beschäftigt wie der "Simplicissimus", da Ludendorff ja schon 1920 von Berlin nach München umzog. 1922 jedenfalls veröffentlichte er ein "Interview" mit Erich Ludendorff (GB). Unter "Sensationelles von Ludendorff" erschien ein Witzgedicht darüber, daß der Historiker Delbrück unter den Ahnen Ludendorffs eine jüdische Großmutter entdeckt habe (GB). Delbrück hatte ja Ludendorffs Kriegsführung außerordentlich scharf kritisiert.

Im Anhang seien die Passagen in den Lebenserinnerungen von Paul Lindenberg zu Erich Ludendorff  noch etwas detaillierter dokumentiert.


Abb. 9: Ludendorff und Hindenburg vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß,
Zeiczhnung von Herbert Rothgaengel, November 1919

24. November 1919 - Ludendorff in der Garnisonkirche in Potsdam


Für die Aussage vor dem Untersuchungsausschuß des Reichstages kam Hindenburg schon eine Woche früher nach Berlin (12, S. 406):
Schon seine Ankunft in Berlin am 12. November 1919 glich einem Triumphzug: Er wurde mit militärischen Ehren am Bahnhof Zoologischer Garten willkommen geheißen, und die Reichswehr stellte ihm zwei Offiziere für die Zeit seines Berliner Aufenthalts als Adjutanten zur Verfügung. (...) Hindenburg machte sich in der einen Woche seiner Berliner Aufenthaltes in der Öffentlichkeit keineswegs rar und verschaffte seinen Verehrer genügend Gelegenheit, ihm Ovationen darzubringen.
Ludendorff berichtet (1, S. 74):
General v. Hindenburg wohnte, meinem Vorschlage zufolge, bei dem früheren Staatssekretär Helfferich. (...) Ich sah General v. Hindenburg bei ihm, aber auch in meiner Wohnung in der Viktoriastraße. Er besuchte mich hier, um zu hören, wie ich mir das Auftreten vor dem Untersuchungsausschuß dächte.
Am 18. November 1919 fand dann dieser Auftritt von Hindenburg und Ludendorff vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Reichstages statt (1, S. 75-85). Kurt Tucholsky beispielsweise hat einen Bericht über diesen Auftritt geschrieben (11):
Der Zuschauerraum hält den Atem an, wenn Ludendorff spricht. Die Augen der Offiziere in Zivil glitzern hart. Aber so war es hier immer: (...) Sprach Ludendorff, so atmete der Zuschauerraum: Ja - und sprach Doktor Sinzheimer, so sagten die deutschen Seelen: Nein - und die Offiziersfrauen, die da saßen, fühlten: Unser Reich soll wiederkommen. (...) Schlägt nicht das Herz des Volkes für die beiden? (...) Meine Deutschen (...). Sie sind doch sonst nicht so ritterlich, so zartfühlend, so unendlich taktvoll - und das bei zwei Erfolglosen?
Aber, so stellt Tucholsky fest:
Hier spricht das Herz. (...) Hier spricht nicht das Gehirn - hier spricht nur das Herz. Und hätten diese beiden einen scheußlichen Totschlag begangen: eine halbe Nation stünde auf und nähme sich ihrer an.
Erich Ludendorff selbst schreibt über die Zeit nach dem Auftreten vor dem Untersuchungsausschuß (1, S. 95):
In der Sorge für Heer und Volk war ich eins mit den unendlich vielen Deutschen Männern und Frauen. Ich traf mich mit dieser Sorge im besonderen mit Geheimrat Kapp, General v. Lüttwitz, Oberst Bauer und Hauptmann Papst.
Letzterer gründete die "Nationale Vereinigung", die den nachmaligen Kapp-Putsch - wie man aus dem Nachhinein weiß: ziemlich dilettantisch - vorbereitete. Ludendorff weiter (1, S. 100f):
Ich begrüßte es, daß die Verhandlungen vor dem Untersuchungsausschuß am 18.11.1919 die Bewegung gefördert hatten. Auch sonst war ich in ihr tätig, ohne mich etwa der Deutschnationalen Partei anzuschließen. Ich wurde gebeten, bei nationalen Veranstaltungen zu sprechen und bei Veranstaltungen nationaler Jugend zugegen zu sein. Das öffentliche Sprechen ist mir nicht leicht geworden, ich hatte Abneigung zu überwinden. (...) Es (...) lag meinem Einsamkeitsbedürfnis fern. (...) Damals im Winter 1919/20 habe ich den an mich herantretenden Bitten zu reden, entsprochen und war herzlich froh, wenn die Versammlung zu Ende war. Ich wollte dem Volke helfen, wo es mir möglich war. Die Eindrücke, die ich von den Veranstaltungen für die Jugend mit nach Hause nahm, waren recht zwiespältiger Natur. ...
Abb. 10: "An die Kurzsichtigen - Ihr sucht die Wahrheit? Wenn sie aber erscheint, wünscht ihr sie zu allen Teufeln"
Karikatur im Kladderadatsch, November 1919

Eine dieser genannten Veranstaltungen, die Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen aber nicht ausdrücklich nennt, war am 24. November 1919 ein Gedächtnis-Gottesdienst in der Garnisonkirche in Potsdam, der von der Deutschnationalen Volkspartei organisiert worden war. In diesem Gottesdienst sprach auch Erich Ludendorff als Hauptredner. Es handelte sich um eine viel beachtete Gegenveranstaltung zur Tagung der Deutschen Nationalversammlung in Weimar. Die Teilnahme Ludendorffs an dieser Veranstaltung spielt gegenwärtig - 2017 - im Zusammenhang mit Erörterungen rund um die Frage, ob die Garnisonkirche in Potsdam wieder aufgebaut werden soll, eine Rolle. Der Autor Matthias Grünzig hat zur Geschichte der Garnisonkirche eine Studie vorgelegt. Über sie wird berichtet (PNN, 5.7.2017):
Grünzig gibt einen Überblick über die zahlreichen Veranstaltungen, die in der Garnisonkirche stattfanden, etwa die von der DNVP organisierte Heldengedächtnisfeier vom 24. November 1919, bei der auch der vormals kaiserliche General Erich Ludendorff sprach. An diesem Tag habe sich, so Grünzig, „zum ersten Mal seit der Revolution das antidemokratische Lager mit einer Großveranstaltung“ zurückgemeldet.
Laut der von Grünzing (10) zitierten Zeitungsartikel der damaligen Zeit (9) war diese Rede Ludendorffs schon im November 1919 in der Öffentlichkeit umstritten. In einer Darstellung zur Geschichte der Garnisonkirche aus dem Jahr 1964 heißt es, für die Familien der Gefallenen des Weltkrieges (8, S. 87)
fand am 24. November 1919 in der Garnisonkirche ein Gedächtnisgottesdienst statt. Garnisonprediger Vogel hielt die Predigt, General Ludendorff sprach zu den Angehörigen und zur Gemeinde. Vom Turm aber erschallten, als wäre nichts geschehen, die Glockenlieder "Üb' immer Treu' und Redlichkeit" und "Lobet den Herrn" - weithin über die Stadt, die Havel, ihre Seen und die benachbarten Wälder und Hügel.
Matthias Grünzig, ein Gegner des Wiederaufbaus der Garnisonkirche, referiert den Inhalt von Ludendorffs Rede folgendermaßen (10):
Zunächst interpretierte er die Novemberrevolution auf seine Weise: „Und welches war die Ursache dieses abgrundtiefen Unglücks? Wir wichen zur Genugtuung unserer Feinde von dem alten Preußengeist ab, der uns groß gemacht hat. (…) Die Selbstsucht überwucherte alles Edle im Volk, und kein Gärtner war da, der das Unkraut mit Stumpf und Stiel ausrottete. Und die anderen ließen es wachsen, statt es zu zertreten. Und daran meine verehrten Anwesenden, trägt ein jeder von Ihnen mit die Schuld!“ Dann entwickelte er ein politisches Programm, das auf die Errichtung einer Militärdiktatur hinauslief. Ein weiterer Redner war Johann Rump. Rump war ein nationalistischer Pfarrer, der später der NSDAP beitrat. Rump bezeichnete die Demokratie als „Irrweg“ und geißelte die „furchtbare Schande des Heute“. Seine Rede endete mit einer Prophezeiung: „Auf den Winter deutscher Schmach wird der Frühling deutscher Herrlichkeit folgen“.
Die hier versammelten Kräfte drängten offensichtlich auf ein solches Handeln wie es dann drei Monate später im Kapp-Putsch zum Ausdruck kam. Man darf sich aber übrigens fragen, ob es richtig ist, die damaligen monarchischen Kräfte immer so plakativ und rundweg heraus "antidemokratische" Kräfte zu nennen. Das waren alles Bismarck-Anhänger. War Bismarck denn ein "Antidemokrat"? Natürlich sahen diese monarchischen Kräfte im Angesicht der Gefahr des Bolschewismus die Notwendigkeit einer starken, sicherlich auch einer diktatorischen Regierung wie sie Bismarck in einer solchen Lage sicherlich auch als notwendig angesehen hätte. Aber das war für sie ja nicht zwangsläufig der "Normalfall" staatlichen Seins. Sie wurde nur gefordert im Angesicht der vielfältigen politischen Krisen und Probleme, in denen sich Deutschland damals befand.

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  1. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1940
  2. Lindenberg, Paul: Es lohnte sich, gelebt zu haben. Erinnerungen. Vorhut-Verlag Otto Schlegel, Berlin 1941 (370 S.) (GB)
  3. Bading, Ingo: Die Ludendorff-Bewegung im Spiegel des "Simplicissimus". Studiengruppe Naturalismus, 11. Februar 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2012/02/die-ludendorff-bewegung-im-spiegel-des.html
  4. Lindenberg, Paul: Unter Hindenburgs siegreichen Fahnen. Erzählung aus dem Weltkrieg 1914/15. Mit mehrfarbigem Umschlagbild von C. Röchling und Innenbildern von Willy Werner und A. Roloff Person. Paul Schreiter Verlag, Berlin [1918] (269 S.)
  5. Bading, Ingo: Ludendorff-Verehrung zwischen "Kunst, Kitsch und Krempel". Studiengruppe Naturalismus, 10. März 2013, http://studiengruppe.blogspot.de/2013/03/ludendorff-verehrung-im-bereich-von.html
  6. Bading, Ingo: "Gott ansehen mit klaren, fröhlichen, deutschen Augen". Der niederrheinische Schriftsteller Joseph von Lauff als Verehrer Erich Ludendorffs (1932). Studiengruppe Naturalismus, 23. Dezember 2010, http://studiengruppe.blogspot.de/2010/12/gott-ansehen-mit-klaren-frohlichen.html
  7. Ludendorff, Erich: Mein militärischer Werdegang. Blätter der Erinnerung an unser stolzes Heer. Ludendorffs Verlag, München 1935
  8. Schwipps, Werner: Garnisonkirche Potsdam. Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, 1964 (104 S.) (GB); Be.bra Verlag, 2001 (134 S.) (GB)
  9. Ludendorff in der Potsdamer Garnisonkirche, in: Germania, Nr. 544, 26.11.1919; Ludendorff in Potsdam, in: Germania, Nr. 545, 27.11.1919; Das Kultusministerium gegen die Potsdamer Totenfeier, in: Berliner Lokal-Anzeiger, 26.11.1919; Eine Kundgebung in der Garnisonkirche zu Potsdam, in: Tägliche Rundschau, 25.11.1919; Neue Ludendorff-Demonstration, in: Vorwärts, Nr. 604, 26.11.1919
  10. Grünzig, Matthias: „Der Geist von Potsdam“ gegen den „Geist von Weimar“. Vortrag auf der Tagung „Das Projekt Garnisonkirche“ in Potsdam am 18.3.2017, https://www.bundes-esg.de/fileadmin/user_upload/aej/Studium_und_Hochschule/Downloads/Themen/gruenzig_GarnisonkircheVortragGeistWeimarText.pdf
  11. Wrobel, Ignaz (d. i. Kurt Tucholsky: Zwei Mann in Zivil. In: Die Weltbühne, 27.11.1919, Nr. 49, S. 659, http://www.textlog.de/tucholsky-mann-zivil.html
  12. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Siedler-Verlag, München 2007



Anhang - Weitere Auszüge aus Lindenberg's Erinnerungen



Die Lebenserinnerungen des Berliners Paul Lindenberg (2) kreisen um die Menschen, die er in seinem langen Leben kennen gelernt hat. Er gliedert sie in "Die von der Feder" (u.a. Fontane, Wildenbruch, Theodor Storm), "Die einst Kronen trugen" (v. a. Könige der Balkan-Länder), "Männer des Schwertes" (u. a. der ältere Moltke, Hindenburg, Ludendorff, Falkenhayn, von Francois und andere), Diplomaten (Bismarck, Hohenlohe, Bülow), Künstler (Menzel, Begas, Klinger). Auch Robert Koch und Karl Peters widmet er Kapitel, ebenso den Wagner-Festspielen in Bayreuth. Bemerkenswert sind etwa seine persönlichen Erinnerungen an den alten Theodor Storm und dessen letzten Berlin-Besuch.

1889 - Ludendorff besucht einen Offizierskameraden im Grunewald


Was berichtet Paul Lindenberg über Erich Ludendorff? Zunächst die ersten flüchtigen Begegnungen in Ludendorffs Leutnants-Zeit (2, S. 192):
Ein gastliches Haus in Berlin war das des Verlagsbuchhändlers und Besitzers des "Kladderadatsch" Rudolf Hofmann. (...) Als Reserveoffizier gehörte er einem Seebataillon an, und die vorübergehend in Berlin weilenden oder hierher kommandierten Offiziere desselben zählten häufig zu seinen Gästen. Während Hofmanns den ersten Stock des Eckhauses Link- und Eichhornstraße bewohnten, hatte ich unter ihnen mein bescheidenes Junggesellenheim. Und wenn wir uns oben verabschiedet hatten, kehrten die jüngeren Offiziere meist bei mir noch ein und genehmigten sich den üblichen "Satteltrunk". Wiederholt gehörte zu ihnen Ende der 80er Jahre auch ein schlanker Leutnant, den Hofmann während der gemeinsamen Dienstzeit in Kiel - es kann auch später gewesen sein - näher kennengelernt hatte: Ludendorff. Viele Jahre sollten vergehen, bis in der Grunewaldvilla Hofmanns die Erinnerungen an jene ferne, sorglose Zeit aufgefrischt wurden.
Ludendorff hatte in Berlin-Lichterfelde drei Jahre lang die Kadettenanstalt besucht (1879-1882) (7, S. 6f). Im April 1887 war er zum Leutnant befördert worden und überraschend zum Seebataillon nach Wilhelmshafen und später nach Kiel versetzt worden (7, S. 20ff). Diese Kommandierung dauerte bis 1890. Auch 1905 war er noch einmal vier Wochen lang zur Marine kommandiert. Danach lebte er in seiner dreijährigen Zeit als Schüler der Kriegsakademie, die sich Unter den Linden befand (1890-1893) wiederum in Berlin (7, S. 27-30) und später als Lehrer derselben Kriegsakademie (1906-1908). Und schließlich lebte er in Berlin natürlich während seiner Tätigkeit im Großen Generalstab (am Königsplatz) (1894/95 und 1904-1913).

Rudolf Hofmann wird zu gleicher Zeit als Reserveoffizier in dem Seebataillon Dienst geleistet haben, in der Ludendorff diesem angehört hat und so könnten sie sich kennen gelernt haben.  Da die Eltern und Geschwister Erich Ludendorffs in Berlin lebten, wird Ludendorff auch Ende 1880er Jahre während seiner Kommandierung nach Wilhelmshafen und Kiel viel Anlaß gehabt haben, regelmäßig nach Berlin zu kommen. Und in dieser Zeit können die genannten Besuche bei Hofmann stattgefunden haben. Und da Ludendorff ab 1890 drei Jahre Schüler der Kriegsakademie in Berlin war, könnte er auch in dieser Zeit bei Hofmann und Lindenberg zu Besuch gewesen sein.

August 1914 - Als Kriegsberichterstatter in Osterrode und Insterburg


Am 24. August 1914 ist Paul Lindenberg als Kriegsberichterstatter beim Armee-Oberkommando (A.O.K.) in Riesenburg in Ostpreußen. Er erlebt an diesem und den folgenden Tagen die Schlacht bei Tannenberg mit. Er berichtet von den großen Flüchtlingstrecks gen Westen, die der Abbruch der Schlacht bei Gumbinnen mit sich gebracht hatte (2, S. 178). Er folgt Hindenburg, Ludendorff und dem A.O.K. nach Osterrode (2, S. 179):
Es ist in einem Mädchenlyzeum untergebracht. (...) Hier wurden in den nüchternen, weißen Schulzimmern, deren Wände mit großen Karten des östlichen Kriegsschauplatzes behängt waren und in denen auf hölzernen Tischen die Generalstabskarten mit den eingesteckten bunten Fähnchen lagen, die entscheidendsten Entschlüsse gefaßt und deren umgehende Ausführung angeordnet. (...) Trotz des vielen Hin und Her ging es ernst und verhalten zu in den Gängen, auf den Treppen, den Fluren und Zimmern des baumumrauschten Gebäudes, vor dem die kleine Standarte des Armee-Oberkommandos angebracht war.
Lindenberg sieht Hindenburg und Ludendorff zum ersten mal mittags im Speiseraum von Rühls Hotel in Osterrode (2, S. 179):
Während der kurzen Mahlzeiten kamen fortwährend Ordonnanzen und Feldjäger mit Meldungen, die General Ludendorff in Empfang nahm und durchlas. (...) Mit wenigen, schnell niedergeschriebenen Worten
reagierte Ludendorff darauf mit Anweisungen und Befehlen. Lindenberg erlebt dann in Hohenstein die Gefangenenkolonnen der Russen und die frischen Soldatengräber zu beiden Seiten der Straße (2, S. 181):
In den Gräben längs der Chaussee hunderte toter Russen. (...) Entsetzlich sah es im Städtchen selbst aus. (...) Die Mehrzahl der Häuser war völlig zerstört, teilweise schon ausgebrannt, teilweise brannten sie noch. (...) Durch diese Ruinenstadt marschierten unserer Truppen. (...) Die Mienen waren ernst, kein Scherzwort ertönte, kein Gesang, jeder schien ergriffen von der Schwere des Tages.
Nach Berlin gelangte die Meldung vom Sieg bei Tannenberg am 30. August 1914 über eben diesen Paul Lindenberg schneller als über den offiziellen Nachrichtenoffizier ("Pressesprecher") des A.O.K.. Am 1. September erlebte Lindenberg dann mit, wie zwei gefangengenommene russische Generäle vor Hindenburg gebracht wurden. Lindenberg in seinem Ludendorff-Kapitel (2, S. 193):
In Osterrode traf ich Ludendorff wieder während der Schlacht von Tannenberg. Aus dem Leutnant war der General und Generalstabschef geworden, am Hals trug er den ihm für seine Lütticher Heldentat verliehenen Pour le merite. Nach Tannenberg ging's in Ostpreußen rasch vorwärts, bis am 11. September im befreiten Insterburg kurze Rast gemacht wurde. Ludendorff bat uns Kriegsberichterstatter, die wir zum A.O.K. des Ostheeres gehörten, zu einer Besprechung im Oberkommando. Gleich der erste Eindruck war ein sehr starker. In jeder Bewegung der schlanken, hohen Gestalt lag Tatkraft, Entschlossenheit, Kraft und Würde, tief der Blick seiner hellen Augen, ein kerndeutscher Mann, der unbegrenztes Vertrauen einflößte. Jedem bot er die Hand, dankte für die gute und schnelle Berichterstattung unter oft recht ungünstigen Umständen.
In seinen weiteren Ausführungen soll Ludendorff in betonter Weise auf die Feindschaft Englands hingewiesen haben, das der unerbittlichste Kriegsgegner Deutschlands sei.

24. August 1917 - Mit bulgarischen Journalisten in Bad Kreuznach


Lindenberg berichtet dann über die nächste Begegnung mit Ludendorff (2, S. 193f):
Mitte August 1917 geleitete ich im Auftrag des Auswärtigen Amts die zu einem Besuch Deutschlands eingeladenen bulgarischen Journalisten an die Westfront. Den Abend des 24. August verbrachten wir, einer Aufforderung des Großen Haupquartiers folgend, in Kreuznach. Nach dem gemeinschaftlichen Essen begaben wir uns zur Villa Imhoff, die Hindenburg bewohnte. Dieser und Ludendorff empfingen uns in der Gartenveranda. Im Laufe des Gesprächs mit Ludendorff erinnerte ich ihn an seine Voraussage in Insterburg über Englands Teilnahme am Krieg. Ein Lächeln flog über seine Züge: "Meine damaligen Ansichten sind die gleichen geblieben, eher seitdem noch verstärkt worden. Die Engländer werden bis zuletzt aushalten, sie wissen genau, worum es geht. Wir haben in Brüssel Geheimakten gefunden, aus denen Englands Bohren und Treiben seit langem klar hervorgeht. Als unser Marinekorps beim Vormarsch 1914 die 2,4 Kilometer lange Mole von Zeebrügge besetzte, fand es alles vor: Riesenhafte Lagerschuppen, Geleisanlagen, elektrische Kähne, zum Laden und Löschen englischer Transporte. Das waren Vorbereitungen für den Kriegsfall." (...) Interessiert erkundigte sich Ludendorff nach diesem und jenem, kommt auf unser Zusammensein in Osterode zu sprechen, die damalige fortreißende Kampflust an der Front und Begeisterung in der Heimat: „Wir halten aus, aber vieles in der Heimat bereitet uns große Sorge! Auch die Briefe, die von dort an die Truppen gesandt werden. Sieht man denn nicht ein, daß wir aushalten müssen und werden? Aber man darf nicht das Rückgrat mürbe machen. Warum bringt man nicht die üblen Schreier, die lamentierenden Stubenhocker und Allerweltsbesserwisser energisch zur Ruhe?"
Solchartige Erinnerungen mögen wertvoll auch deshalb sein, weil sie Einblicke in das alltägliche Leben von Ludendorff gewähren unabhängig von seiner eigenen Sichtweise.

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