Das Deutschland der 1950er Jahre aus der Sicht eines westfälischen Ziegeleiarbeiters und Nachtwächters (1958 bis 1961)
Vor drei Jahren war hier auf dem Blog ein Beitrag eingestellt worden über meinen Opa Otto Bading (1906-1979) (StgrNat2012). In diesem hatte nichts über seine weltanschauliche Haltung, insbesondere nach 1945 mitgeteilt werden können. Denn darüber war dem Autor dieser Zeilen bis dahin nichts Sicheres bekannt gewesen. Nun fanden sich aber alte, erhalten gebliebene Familienbriefe, zumeist von ihm an seinen damals 24- bis 29-jährigen Sohn, geschrieben in den Jahren 1958 bis 1963. Außerdem fanden sich noch tagebuchartige Notizen des Sohnes ab 1955, aufgrund deren manche Fotografien aus den Familienalben besser eingeordnet werden können (z.B. Abb. 1 bis 4). Aus solchen Quellen kann im folgenden das schon gegebene Lebensbild meines Opas noch etwas ergänzt werden.
Ostern 1955 - In Tutzing
Am 1. April 1955 war Karfreitag vor Ostern. Mein Opa fuhr mit Frau und Sohn an diesem Tag - vermutlich mit dem Zug - von Borgholzhausen in Westfalen über Warburg und Kassel bis Würzburg. Am nächsten Tag ging es weiter bis Ingolstadt zu einem Besuch bei der Schwester meines Opas, Tante Elfriede. Sie hatte nach Ingolstadt geheiratet. Ihr Ehemann dort hatte eine Jagd gepachtet. Dort in Ingolstadt verbrachte man eine vergnügte Woche, ging mehrmals auf die Jagd, besichtigte die Stadt, die Festungsanlagen und das Museum. Für den 9. April (Sonnabend) lautet der Kalendereintrag des damals 21-jährigen Sohnes:
In Tutzing, es sprachen Frau Ludendorff, Herr von Unruh, Herr Limpach, Herr von Loefler, Herr von Bebenburg.
Dort wurde an den 90. Geburtstag Erich Ludendorffs erinnert. Opas Sohn machte eine Landwirtschafts-Lehre in Westfalen. In jenen Jahren sind seine Tagebuchnotizen geprägt von der täglichen, vielfältigen landwirtschaftlichen Arbeit. Etwa einmal in der Woche ging man ins Kino. Am 28. September 1955 erklärte Opas Sohn seinen Austritt aus der evangelischen Kirche (in der er während der Kriegsgefangenschaft seines Vaters noch konfirmiert worden war). Am 6. November 1955 stellte er seinen Aufnahmeantrag beim "Bund für Gotterkenntnis" in Tutzing.
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| Abb. 1: Walter Löhde und Oberst Leon, Hasselborg Ostern 1956 |
Zu Ostern 1956 besuchte der Sohn eine Jugend-Geschichtstagung des Verlages Hohe Warte in Hasselborn (Taunus) (Ostern 1956), auf der mehrere bekannte Persönlichkeiten der Ludendorff-Bewegung sprachen. Nicht zuletzt auch, weil er in den ersten Jahren nach 1945 nicht mehr die Schule besuchen konnte und sie nicht abgeschlossen hatte, machte der dort gebotene Inhalt und die Persönlichkeiten, die ihn boten, großen Eindruck auf den Sohn. Dieser hielt im Tagebuch fest:
29. März – Donnerstag, mit Eilzug nach Hasselborn/Taunus. Jugendtagung. [29.3.] Heute in Hasselborn eingetroffen. Es liegt wunderschön! [30.3.] Begrüßung. Herr Löhde sprach über die Kirchengeschichte und die Päpste bis zur Gründung des Jesuitenordens. [31.3.] Herr Löhde sprach über die Freimaurerei und Jesuiten in den letzten 300 Jahren. [1.4.] Herr Vater sprach über Bismarck und seine Zeit, abends ein Osterfeuer angesteckt, bei dem wir die Nacht über blieben. [2.4.] Herr Vater sprach über den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Aussprache und Abschied. Er fiel wohl allen schwer!
(Weitere Fotografien von dieser Tagung hier.) Im Herbst 1956 weckte der Volksaufstand in Ungarn so manche Hoffnung auf die Wiedervereinigung zwischen West- und Mitteldeutschland. Auch im Kalender von Opas Sohn, wo sonst nichts Politisches festgehalten ist, steht jetzt: 24. Oktober: „Aufstand in Ungarn“. So auch noch der Eintrag an mehreren Tagen danach. 28. Oktober: „Aufstand in Ungarn erfolgreich“. 4. November: „Aufstand wird zusammengeschossen. Ägypten wird Gewalt angetan“. 7. November: „Noch immer schwere Kämpfe in Ungarn“. 9. und 10. November: „Die Kämpfe in Ungarn gehen zu Ende. Weiterhin passiver Widerstand“. 29. November: „100.000 Ungarn auf der Flucht“.
Für 1. Dezember lautet der Eintrag: „Vati arbeitslos“. Mein Opa hatte also seine Arbeit verloren oder aufgegeben.
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| Abb. 2: Feier des 80. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1957 |
Der Sohn besuchte im Mai 1957 für eine Woche seine gesamte Verwandtschaft und frühere Nachbarschaft im Havelland, seine Oma Emma Bading in Bahnitz, seine Tante Emma Lindenberg in Wusterwitz, seine Tante Friedel Bleis in Zollchow, das Ehepaar Sachtleben in Brandenburg am Altstädtschen Markt, wo er während der Kriegszeit in Pension gelebt hatte, um die Schule in Brandenburg besuchen zu können, die Verwandtschaft in Radewege, die Nachbarn in Bahnitz und andere mehr.
Die Verwandtschaft und Nachbarschaft in der Heimat (1957)
Man erhält hier einen Eindruck davon, in welchen verwandtschaftlichen und nachbarlichen Beziehungen die Familie auch schon vor dem Krieg gelebt hatte. Er schrieb darüber in seinen Kalender:
12. Mai - Post von Oma mit Aufenthaltsgenehmigung.
Mit "Oma" ist hier die Mutter seines Vaters gemeint, Emma Bading, geborene Mohr (1882-1968), die als letzte der Familie noch in Bahnitz auf dem Hof im Giebelzimmerchen lebte. Weiter schreibt er:
16. Mai - Donnerstag (...) Abends 8 Uhr abgefahren in die Heimat. Freitag / 10 Uhr in Wusterwitz, Oma daselbst, Karten gespielt abends.
In Wusterwitz lebte seine Tante, Opas Schwester, Emma Lindenberg, geborene Bading (geb. 1904):
Sonnabend / ab nach Brandenburg zu Sachtlebens, nach Pritzerbe bei Familie Mangelsdorf, John, Jonas, mit Sukenik getrunken, abends 9 Uhr in Bahnitz.
Sonntag / Anneliese in Radewege geb. (?) in Bahnitz gebadet, Spaziergang durch die Felder und an die Schleuse, Erika Tönniges getroffen.
Montag / nach Premnitz (Anmelden). Milow (Opa Ohm) und Zollchow. Leicht windig.
Dienstag / Mit Willi Bleis per Rad von Zollchow nach Vieritz, übern Berg zu Koiles (?), Milow, Premnitz, Pritzerbe, Fohrde, Radewege, Butzow, Gortz nach Bollmannsruh und zurück. Mit Cristel in Bagow gesprochen.
Mittwoch, Angeln gefahren, mit Hffs. unterhalten, abends bei Cristoph Pf. zu Gast.
Donnerstag, bei Köppens eingeladen. In Pritzerbe im Kino: „Aida“ von Verdi.
Freitag, mit Kahn nach Briest hoch und wieder zurück. Schwere Arbeit. In Pritzerbe Anzug gekauft, abends bei Cristoph Pfeifer und Gundel.
Sonnabend / zu Fuß durch die Felder, abends in Tieckow bei Ziems und Wahlversammlung.
Sonntag / Zur Kirche nach Nitzahn, Prüfung der Konfirmanden. In Bahnitz Feldbesichtigung, bei Trenck eingeladen, nachmittags in Möthlitz, abends Tanz in Fohrde!!
27. Mai – Montag / Abschied. Mit Bus nach Premnitz [unleserlich] per Bahn Brandenburg-Wusterwitz. Um 7.30 ab Wusterwitz.
28. Mai – Dienstag / morgens 8 Uhr hier wieder eingetroffen.
Mein Opa ist übrigens nach 1953 nie wieder in die "Ostzone" zurück gekehrt. Unter anderem weil er sich nicht sicher genug fühlte darüber, daß er nicht doch noch wegen der Ereignisse von 1953 rund um die Zwangskollektivierung in Haft genommen werden könnte.
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| Abb. 3: Feier des 80. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1957 |
Im Oktober 1957 besuchte der Sohn die Ludendorff-Herbsttagung in Tutzing:
3. Oktober – Donnerstag / Fahrt nach Tutzing über Hannover – München. Ankunft: 22 Uhr. Unterkunft: Tutzinger Hof. Freitag / I. Ansprache am Grabe des Feldherrn und am Hause Ludendorff. II. Festveranstaltung in der Turnhalle. Abends Volkstanz. Sonnabend / Feierstunde in München. Mitgliederversammlung im Kurtheater/Tutzing – abends Volkstanz. 6. Oktober - Sonntag / Tagung der Arbeitsgemeinschaften (Lebenskunde), nachmittags Bootsfahrt auf dem See, abends Abfahrt aus Tutzing.
Hierbei werden die Fotos aus Abbildungen 2 bis 4 entstanden sein. Nun aber zu den eingangs erwähnten Briefen meines Opas. In ihnen spielte die Landwirtschaft weiterhin eine Rolle. Am 27.
April 1959, also mitten im Frühling, schrieb er in einem Brief etwa:
Kokomoors Rüben
sind nicht gut aufgegangen. Es war zu trocken und nach meiner Meinung
war der Boden nicht fest genug gewalzt. Auch der Bauer hinter der Aue
links hat schlecht stehende Rüben. Der Roggen ist hier schon einen
halben Meter lang. In manchen Jahren war er zu Hause am 1. Mai erst
15 cm lang.
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| Abb. 4: Feier des 80. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1957 |
Opa wohnte nun in Westfalen und dort gab es viel bessere Böden als im sandigen Havelland. Und 1959 war er ja erst sechs Jahre aus der eigenen Wirtschaft sozusagen "ausgeschieden". Im
Sommer half er - wie auch schon in den Vorjahren - bei der Ernte aus:
Bei Stukes habe ich
Roggen einfahren geholfen.
Bei Stukes war sein Sohn von 1955 bis Anfang 1958 als Landwirtschafts-Lehrling angestellt gewesen.
Opa als Ziegeleiarbeiter und Nachtwächter (1953
bis 1963)
Abends drehte Opa Zigarren in Handarbeit als Zuverdienst. Vor allem aber hatte er 1953 zunächst Arbeit in einer Ziegelei gefunden. Ziegeleien kannte er aus seiner Heimat. Hatte es doch beispielsweise in Bützer an der Havel drei Ziegeleien gegeben und hatte doch der Großvater seiner Frau Johanna als Schiffer die produzierten Ziegel bis Hamburg geliefert. Dem Inhaber der Ziegelei Witte in Bützer hatte dieser Großvater auch gelegentlich bei Rechnungsfehlern ausgeholfen (3). Wie mein Opa aber nun über
die Arbeit in der Ziegelei dachte, ist einem Brief zu entnehmen, den
er am 15. Januar 1961, nachdem er schon zwei Jahre als Nachtwächter
arbeitete, schrieb:
Auf der Ziegelei
Detering in Rahden ist ein Arbeiter tödlich verunglückt. Es ist der
alte „Haken Papa“, von dem ich schon erzählt habe. Da
wird der Pastor am Grabe gepredigt haben: „Wenn das Leben köstlich
gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ So ein Lügner.
Das Leben eines Ziegeleiarbeiters ist nicht köstlich, sondern eine
menschenunwürdige Schinderei und Sklaverei. Hätte der Pfaffe nur 1
Jahr in einer Ziegelei arbeiten müssen, er hätte sich aufgehängt.
Haken Papa hat 32 Jahre am Ofen gearbeitet.
Man hört hier sicherlich mancherlei Beweggründe heraus, weshalb sich mein Opa eine andere berufliche Tätigkeit gesucht hatte, nämlich als Nachtwächter. Am
11. Oktober 1959 hatte er über eine andere Beerdigung geschrieben:
Hast Du die
Todesanzeige im „Quell“ gelesen? Dr. Schäfer in Rahden ist
gestorben. Ein Gesinnungsfreund aus Bielefeld hat die Totenfeier
gehalten. Es soll sehr schön gewesen sein. Die Kirchenglocken haben
zur Beerdigung nicht geläutet. Aber Blasmusik war da. Für die
Rahdener war das mal was Neues. Pastor Kallmann soll im
Konfirmandenunterricht folgendes dazu gesagt haben. Eine
Konfirmandin: „Dr. Schäfer hätte auch an ein höheres Wesen
geglaubt“. Darauf P. Kallmann: Was heißt höheres Wesen, eine
Katze auf dem Dache ist auch ein höheres Wesen. - An dieser
verärgerten Aussage sieht man, daß die Priester nicht kampflos ihre
Vorrangstellung aufgeben.
Schon 1958 hatte mein Opa wegen der schweren
Arbeitsbedingungen in der Ziegelei eine Stelle als Nachtwächter
angenommen. Am 20. April 1958 schrieb er:
Ich bin nun schon 3
Wochen Nachtwächter. Es kostet auch Nervenkraft, des Nachts wachen
und am Tage zu schlafen.
Er bedauert das vor allem deshalb, weil er dadurch noch weniger zum Lesen kam als es ihm zuvor schon möglich gewesen war.
Was
hat mein Opa gelesen? (1958 bis 1961)
Aber was hat er in dieser Zeit alles so gelesen? Am 20. April 1958 schrieb
er von dem Besuch offenbar eines Gesinnungsfreundes:
Er brachte mir ein
paar Bücher über die Schlacht von Stalingrad.
Am
Ende des Briefes wird deutlich, was er noch las:
Noch ein Wort aus
dem „Triumph“. „Halte Dir heilig den Leib, der Dich in
leblangen Mühen hintragen möchte zum Leben zur frohen Wanderung zur
Höhe.“
Er zitierte hier aus dem ersten philosophischen Buch von Mathilde Ludendorff "Triumph des Unsterblichkeitwillens". Am 27. April 1959 schrieb er:
Gestern kam ein
Buch an. "In den Gefilden der Gottoffenbarung". Sehr schön. Habe schon
tüchtig drin studiert.
Daran ist erkennbar, daß mein Opa tatsächlich in den philosophischen Büchern von Mathilde Ludendorff gelesen hat. So genau habe ich das zuvor nicht gewußt. Er schreibt außerdem:
Lese jetzt das Buch
von Bardeche Nürnberg usw. Fürchterlich waren die Grausamkeiten,
die vom Malmedy-Prozeß bekannt wurden.
Der Franzose Maurice Bardèche (1907-1998) gehörte zu der ersten
Generation der „Geschichtsrevisionisten“, die sich sehr
kritisch mit den Nürnberger Prozessen und den Folgeprozessen beschäftigte. Da konnte es nicht ausbleiben, daß er deshalb heute auch zu den „Holocaust-Leugnern“ gezählt wird, ein Begriff, der in den 1990er Jahren aufkam. Im Brief vom 16. April 1960 freut sich mein Opa sehr über ein neues Buch über Friedrich Schiller:
Herr Pahmayer hat
für seine Schulbibliothek das Buch von Walter Löhde „Schiller im
politischen Geschehen seiner Zeit“ gekauft. Damit hat er
Zivilcourage bewiesen. Er hat mir das Buch geliehen, und ich habe es
in den letzten Tagen gelesen. Also großartig. Walter Löhde ist der
beste Schriftsteller von uns. Das Buch ist besser als das, was wir
haben „Schiller, ein deutscher Revolutionär“.
Dieses Urteil ist vollständig nachvollziehbar. Diese Bücher von Walter Löhde sind tatsächlich gut geschrieben und zusammen gestellt. Am 16. Juli 1960 schreibt
mein Opa über die Wochenzeitung „Volkswarte“, die gerade ihr
dreijähriges Bestehen feierte:
Der German Pinning
gefällt mir immer besser. Und auch die Elsbeth Knuth. In der letzten
Folge gibt sie es aber dem Pater Leppich. Und das freut einen denn ja
auch. Auch der Artikel von Beißwenger: Urlaubsverlängerung
2 x 4 Wochen im Jahr ist gut.
Zu
Ostern 1961 schrieb er:
Die jesuitische
Strategie im „Quell“ zwei mal lesen! Wichtig.
Diese Ermahnung könnte man sich noch heute zu Herzen nehmen. Darüber machen sich die Menschen viel zu wenig Gedanken. Und am 27. Oktober
1961 schrieb er:
Habe das Buch
Volksseele studiert.
Er spricht hier von dem Buch von Mathilde Ludendorff mit dem Titel „Die
Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte“. Er hat sich also wirklich um ein Verständnis dieser Bücher bemüht.
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Abb. 4: Mein Opa und meine Oma 1958 in Westfalen im Kabinenroller
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Nun
sei noch aus den Bemerkungen meines Opas aus jener Zeit ganz allgemein
zum Zeitgeschehen etwas wiedergegeben.
Bemerkungen meines Opas zum Zeitgeschehen (1959 bis 1961)
Am 11. Oktober 1959 schrieb er, was
er sicherlich zuvor in der Wochenzeitung der Ludendorff-Bewegung „Volkswarte“ oder in der Halbmonatsschrift „Quell“
gelesen hatte, nämlich über den Ludendorff-Anhänger Arthur Götze:
Daß der Götze zu
9 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, ist neben einigen anderen
Dingen ein Zeichen dafür, daß die überstaatlichen Mächte zum
Angriff gegen die Völkischen vorgehen. Wir werden auf dem Gebiet
noch Schlimmes erfahren.
Mein Opa sollte vollständig recht behalten: Zu Weihnachten 1959 kamen die groß von den Medien
aufgebauschten, Geheimdienst-inszenierten Hakenkreuz-Schmierereien in
Köln und in der ganzen westlichen Welt. Damit lief die erste Welle der
sogenannten „Vergangenheitsbewältigung“ (s. Armin Mohler) an. Auf dieser Welle reitend erfolgte dann im Mai 1961 das Verbot des
„Bundes für Gotterkenntnis“ und der Zeitschrift "Quell". Am 5. März 1961 schreibt mein Opa
über irgendwelche Straßenkrawalle in Bonn, wobei noch einmal
heraus zu suchen wäre, um welche es sich dabei gehandelt haben könnte. Doch
danach sagt er gleich etwas sehr Grundsätzliches:
Mutti sagt: „Du
sollst Dich aus den Straßenkrawallen heraus halten.“ Damit rettest
Du auch das Vaterland nicht mehr. Und von mir gleich noch einen Satz
von Schiller: „Die Menschen kommen
nur selten anders als durch Extreme zur Wahrheit und meist nur durch
große Irrtümer zu ruhiger Weisheit.“
Die Deutsche Reichspartei wollte mich als Kandidaten für die
Landtagswahl aufstellen. Zwei Mann waren hier und wollten mich
überreden. Habe aber abgelehnt. Mutti war noch mehr dagegen. Sie
würde mich nicht wählen, sagte sie.
Die Deutsche Reichspartei wurde damals wohl häufiger ablehnend beurteilt. Im November 1961 schrieb ein Mensch an Opas Sohn in einer anderen Sache, er sei auch Mitglied der DRP, wisse aber auch,
daß die Ludendorff-Bewegung mit Recht die politischen Parteien negativ beurteilt.
Nach den damals erreichten 0,8 % in der Bundestagswahl sei er wieder ausgetreten, "auch in den sogenannten nationalen Parteien" sei der "Wurm" drin. Wie erstaunlich wenig hat sich am Verhältnis zu den Parteien bei klar blickenden Leuten seit 60 Jahren geändert. Bzw., nein, anders herum: wie erstaunlich wenig haben sich all die Parteien geändert, einschließlich all der Partei-Neugründungen seither. Später, in den 1970er Jahren, ließ sich mein Opa noch als Kandidat der „Grünen Liste
Umweltschutz“ in Hessen aufstellen. Womöglich war das auch
wirklich noch eine bessere Idee, als bei der Deutschen Reichspartei
mitzumachen, der Vorgängerpartei der NPD, die sicherlich ebenso Geheimdienst-gesteuert und -inszeniert war wie letztere.
Der
Mai 1961 brachte dann die bundesweiten polizeilichen Ermittlungen
gegen die Ludendorff-Bewegung. Opas Sohn warf seine Arbeit als
Angestellter der Landwirtschaftskammer in Bonn hin, nachdem er seinem Chef
nicht versprechen wollte, ab jetzt nicht mehr politisch aktiv zu sein.
Er war aber auch froh darüber, diesen Büroberuf los zu sein. Noch bevor
meine Oma davon erfuhr, schrieb sie ihm am 28. Mai 1961:
Wie geht es Dir?
Hat Dich die Polizei aufgesucht? Im Rundfunk wird ja nicht viel von
der Aktion gesprochen. Im „Gruß an die Zone“ wurde nur mal
erwähnt, daß man in Berlin 4 Ludendorffer verhaftet hat. Der
Gedanke, daß Ihr Gutes gewollt habt, wird Dir in diesen Tagen die
nötige Ruhe geben, die Du vielleicht brauchst, wenn Unangenehmes auf
Dich zukommt. Wie verhält man sich denn Dir gegenüber in Eurem
Büro? Falls Du dort gekündigt wirst, schade wäre es schon, aber
Arbeit findest Du auch hier jeder Zeit.
Während
der Zeit des Verbotes der Zeitschrift „Quell“ wurden von
Ludendorff-Anhängern verschiedene Rundschreiben versandt. Worum es
sich bei dem folgenden von meinem Opa in einem Brief Erwähnten handelte, wäre noch einmal herauszusuchen:
Das beiliegende
Schreiben von Johannes Marquardt
ist prima. Davon will Otto Puhlmann
der
Ingolstädter Schwager
aber nichts wissen.
(…) Interessant ist auch der beiliegende Brief des Abg. Schwann
über die Kriegsgefahr.
Im Oktober 1961 wurde eine neue Zeitschrift begründet, „Mensch & Maß“.
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| Abb. 5: Opas Schwester Emma und ihr Mann Otto Lindenberg aus Wusterwitz auf Westbesuch - etwa 1965 |
Am 12. Oktober schrieb mein Opa:
Die Zeitschrift
„Mensch und Maß“ habe ich gleich bestellt. Dagegen kann ich mich
für die „Neue Politik“ und für den „Deutschen Beobachter“
nicht sonderlich erwärmen. Die Schreiber haben meiner Ansicht nach
noch sehr wenig Leid erlebt. Die Kriegstreiber treten immer schärfer
hervor. Wir Deutsche haben aber jeden Krieg schon verloren, bevor er
begonnen hat. Denn wenn die Feinde eines Volkes in der eigenen
Führung sitzen, ist nichts zu machen.
Die
Zeitschrift „Neue Politik“ wurde seit 1956 von einem Wolf Schenke
(1914-1989) herausgegeben, warnte vor einem Atomkrieg und trat für
den - sicher vernünftigen - Gedanken ein, daß ein wiedervereinigtes
Deutschland neutral zwischen Ost und West stehen müsse.
Am
17. Januar 1962 schreibt Opas alte Mutter Emma Bading aus dem Heimatdorf an
der Havel in der DDR an ihren Enkelsohn, der seine Arbeit hingeworfen hatte, im rauhen
bäuerlichen Umgangston der Familie:
Am Sonntag war
Onkel Otto Lindenberg hier, er hat geschimpft, daß Du aus deinem
Beruf bist raus gegangen und du sollst die verdammte Politik lassen,
was hast du davon, du landest noch im Gefängnis. Möchtest du das?
Dann hilft dir Mathilde auch nicht.
Damit war natürlich Mathilde Ludendorff gemeint. Otto Lindenberg (s. Abb. 5) war damals mit 64 Jahren
Lehrer in Wusterwitz. Er hatte sich nach 1945 ideologisch „umgestellt“ und konnte sich ein „Politiktreiben“ ganz
bestimmt nicht erlauben. Die beiden Teile Deutschlands lebten sich damals schnell auseinander. Immerhin nahm die
Verwandtschaft doch noch sehr rege aneinander Anteil. Zehn bis fünfzehn Jahre später, als ich Jugendlicher war, wäre wohl eine so selbstverständliche Bewertung von Lebensentscheidungen im jeweils anderen Teil Deutschlands, wo man ja letztlich doch die Verhältnisse gar nicht richtig übersehen konnte, nicht mehr gemacht worden.
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| Abb. 6: Das Alte Pfarrhaus in Wernswig, in dem wir ab 1973 mit Oma und Opa lebten - Davor Opas blauer Ford, den er 1973 gebraucht erwarb, und auf den er sehr stolz war |
Am 10. Januar 1962 schrieb Opa:
In der „Neuen
Politik“ ist ein Aufsatz von Prof. Matthies, sehr interessant. Und
auch der Leitartikel von Rolf Schwenka zum Jahreswechsel. Allmählich
gefällt mir diese Zeitschrift immer besser.
Am
14. Februar 1962 schreibt er über die Zeitschrift „Mensch und Maß“:
Interessant ist der
Bericht von Freiherr von Bebenburg über die politische Lage.
Den muß man mehrmals lesen. Er vergleicht Bismarck, Hitler und
Adenauer miteinander. So gut und so klar und so lehrreich findet man
selten einen Aufsatz.
Am 25. März 1962 schrieb er:
Außerdem kam noch
ein Brief von Freiherr von Bebenburg über den Streit zwischen ihm und
Herrn Löhde. Sehr interessant.
Hierbei
handelte es sich um eine interne Auseinandersetzung in der
Ludendorff-Bewegung, in der Walter Löhde Franz von Bebenburg - mit
schwerwiegenden Argumenten - vorwarf, das Verbot der Zeitschrift
„Quell“ im Mai 1961 schon zuvor sehr bewußt provoziert zu haben. Und wer hätte das genauer mitbekommen sollen als der langjährige Schriftleiter dieser
Zeitschrift selbst? von Bebenburg wehrte sich damit, daß er den Bruch zwischen Mathilde Ludendorff und Walter Löhde zwischen 1945 und 1950 öffentlich machte, um Walter Löhde zu diskreditieren. Damit sollte er vor allem deshalb Erfolg haben, weil die Menschen so vergeßlich sind und auch diese Auseinandersetzung bald wieder vergessen haben.
Mit diesen kurzen Auszügen soll ein wenig veranschaulicht werden, wie solche Geschehnisse bei einem "gewöhnlichen Anhänger", der nicht selbst schriftstellerisch tätig war, angekommen und verarbeitet worden sind. Bei einem Anhänger, der nur Volksschulbildung aufwies, aber lebenslang sich weiterzubilden bemüht gewesen ist.
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Abb. 7: Meine Oma und mein Opa mit Enkelkindern und einem Schwiegersohn im Garten, 1977
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Mein
Opa liebte es, wie ich mich auch noch gut erinnern kann, gelegentlich
allgemeinere „Lebensweisheiten“ und Lehren von sich zu geben.
„Ich habe keine Lust, mich mit Narren zu unterhalten" (G. E. Lessing)
So ein bisschen klang ja dieser "lehrerhafte" Ton auch schon aus den bisherigen Briefstellen heraus. Er nahm sich dabei aber nicht gar so besonders wichtig. Auch in seinen Briefen findet sich davon etwas. Und eine Auswahl davon soll hier am Abschluß stehen,
nachdem seine Gedankenwelt durch die gebrachten Briefausschnitte ein wenig hat veranschaulicht werden können. Am 27. Oktober 1961
schrieb er:
Folgendes fiel mir
noch ein: Mein Vater sagte des öfteren: „Es geht nirgends
verrückter zu als in der Welt.“ Ich stehe dagegen heute auf dem
Standpunkt, daß alles seine Richtigkeit hat. Nach dem Naturgesetz
von „Ursache und Wirkung“ und nach dem Gesetz der Kraft siegt
immer der Stärkere. „Eine härtere Säure treibt eine schwächere
aus ihrer Verbindung.“ Weiter: „Wenn die Guten nicht kämpfen,
siegen die Schlechten.“
Am 21. Januar 1962 schrieb er, nachdem er davon berichtet
hat, daß sich ein Mitmensch nur lauwarm für die Zeitschrift „Mensch
& Maß“ interessiert hatte:
Dabei fällt mir
ein Spruch von Hölderlin ein: „Geh unter schöne Sonne, sie
achteten Dein nur wenig, denn mühelos bist Du über die Sterblichen
aufgegangen.“ Bei meinen langen Nachtwachen habe ich auch über ein
anderes Wort von Friedrich Hölderlin nachgedacht. Er sagte: „Weine
nicht, Vaterland, es ist dir, Liebes, nicht ein einziger zu viel
gefallen.“
Der Zweite Weltkrieg war 17 Jahre her. Und mein Opa hatte sicherlich manchen Anlaß, über die vielen Gefallenen und Toten nachzudenken, die er als Soldat erlebt hatte, bzw. die es im engeren Verwandten- und Bekanntenkreis gab. Er könnte an seinen Neffen gedacht haben, gefallen 1943 in Rußland (GAj2012), an seinen Cousin, der 1945 in Zollchow nach schwerer Folterung durch die Russen mitsamt seiner ganzen Familie Selbstmord begangen hat (Prbl2017). Weiter:
Sehr verwandt ist
auch ein Wort von U. v. Hutten, wenn er schreibt: „Sterben kann
ich, aber Deutschland sterben sehen, kann ich nicht.“
Das hat mein Opa aus der Erinnerung zitiert - aber nicht ganz richtig. Das Original-Zitat von Ulrich von Hutten lautet: "Sterben kann ich, aber Knecht sein kann ich nicht." Im Gesamtzusammenhang lautet es:
Wenn die Feinde der
Tyrannei des römischen Papstes, wenn alle mutigen Verfechter der
Wahrheit und Freiheit Lutheraner genannt werden, dann will ich lieber
diesen Namen tragen, als meiner Pflicht, wider Rom zu kämpfen,
untreu werden. Denn sterben kann ich, aber Knecht sein kann ich
nicht! Auch Deutschland geknechtet sehen, kann ich nicht.
Mein Opa schrieb am 16. April 1960:
In dem oben angeführten Buch (Walter Löhde, Schiller im politischen Geschehen seiner Zeit) steht ein ganz besonders guter Ausspruch von Lessing: „Ich habe keine Lust, mich mit Narren zu unterhalten“. Den Satz muß man zu allen Zeiten beherzigen. Denn es hat gar keinen Wert, mit Menschen zu reden, die nicht weiter denken können, als ein Schwein scheißt. Dazu kommt noch die große Schar derjenigen, die wohl denken können, aber ohne Wärme ums Herz und Gemüt. Kalt, herzlos, verlogen und schlecht. Diesen geht man am besten auch möglichst aus dem Wege.
Soweit einige Ergänzungen zum vorherigen Blogbeitrag (hier zurück zum ---> ersten Teil). Aus all dem wird erkennbar: Mein Opa hätte sich über die Blogarbeit seines Enkelsohnes sehr gefreut und wäre ihr mit großem Interesse gefolgt. Die Fragen des Lebens - für den einzelnen und die Völker insgesamt - sind ähnliche geblieben.
Und ich spüre bei meinem Opa doch ein gewisses beunruhigtes Bohren im Nachdenken und Nachsinnen, das auch weiterhin Ansporn sein kann. Unsere Vorfahren haben über so viele Fragen so ernsthaft gegrübelt, haben in ihrem Handeln versucht, das Rechte zu treffen. Sind wir heute schon gar so arg über sie hinaus gekommen?
/ Letzte Ergänzungen,
Überarbeitungen:
30.4.17, 2.10.17 /
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