"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Donnerstag, 17. September 2015

Ein Groschenroman-Autor nimmt Mathilde Ludendorff in Schutz (1938)

Der Hamburger Autor Hanns-Claus Roewer veröffentlichte Schriften über Erich Ludendorff (1935 bis 1938)

Etwa zwischen 1935 und 1938 sind drei wenig verbreitete, kleine Hefte erschienen über Erich Ludendorff und die Ludendorff-Bewegung, und zwar folgende:
  • Roewer, Hanns-Claus: Ludendorff und die neue Wehrmacht. W. Nölting, Hamburg; Franz Winter, Leipzig 1935 (15 S.)
  • Revor, John (d. i. Hanns-Claus Roewer): Ludendorff als Feldherr, Politiker und Mensch. Eine Würdigung nach geschichtlichen Quellen im Lichte absoluter Objektivität. Uhlenhorst-Verlag, Hamburg o. J. (um 1934/35?) (16 S.)
  • Revor, John (d. i. Hanns-Klaus Roewer): Ludendorffs deutsche Gotterkenntnis. Heiden- oder Christentum? Für und wider das Haus Ludendorff! Uhlenhorst-Verlag, Brenner, Hamburg, o. J. (15 S.)
Abb. 1: John Revor - Ludendorffs deutsche Gotterkenntnis (o.J.)
Die beiden letzteren erschienen unter Pseudonym. Deshalb konnten diese Hefte von den Zeitgenossen wahrscheinlich gar nicht ihrem eigentlichen Autor zugeordnet werden. Bei diesem handelte es sich um Hanns-Claus Roewer (1901-1969). Er schrieb unter Pseudonymen wie "Johannes" oder "John Revor". Seine Veröffentlichungen - zumeist Groschenromane (in der Sprache der damaligen Zeit) - erschienen auch unter Namen wie "Hans Klaus Roewer", "Hans Claus Roewer" oder "H. C. Roewer". Hanns-Claus Roewer war offensichtlich Hamburger. Er wurde in Hamburg geboren und starb auch dort. Er hat Geschichten im Hamburger Dialekt veröffentlicht, sowie einen Stadtführer für Hamburg. Er hat in den Bereichen Drama, Roman, Film und Novelle veröffentlicht. Sein Schwerpunkt lag aber eindeutig auf der Veröffentlichung von Groschenromanen, von denen er bis in die 1960er Jahre alljährlich drei bis vier Stück veröffentlichte. Eine ganz vorläufige Bibliographie findet sich unten zusammen gestellt, erarbeitet anhand von Internetangaben (1-62).

1935 brachte Hanns-Claus Roewer auch eine der ersten Bildergeschichten über die Micky-Maus im deutschsprachigen Raum heraus. Ob nun die genannten drei wenig verbreiteten Schriften über Erich Ludendorff in der Publizistik der Ludendorff-Bewegung selbst jemals besprochen worden sind, wäre noch einmal zu überprüfen. Bis auf weiteres wird es wohl ein wenig rätselhaft bleiben müssen, warum ein Autor, der über sein Leben hinweg im Wesentlichen mit heiteren Groschenromanen seinen Lebensunterhalt bestritten hat, sich zwischen 1935 und 1938 ausgerechnet so ernsten Themen wie der Christentums-Kritik, sowie Erich Ludendorff und der Ludendorff-Bewegung und ihren weltanschaulichen Grundlagen zugewandt hat.

Abb. 2: John Revor - Ludendorff als Feldherr, Politiker und Mensch (o.J.)
Im Geist von "Schwarz-Weiß-Rot" im Jahr 1938?

Man wird die drei Schriften am eheste als "vom Zeitgeist ergriffene" verstehen können. Zusätzlich könnte im vorliegenden Beitrag noch der Arbeitsthese nachgegangen werden, dass es sich bei diesen drei Schriften auch um Auftragsarbeiten gehandelt haben könnte. Die dritte genannte Schrift ist auf dem Umschlagbild schwarz-weiß-rot umrandet. Diesen Umstand wird man ungewöhnlich nennen müssen für die Hochzeit des Nationalsozialismus. Identifizierten sich doch mit "Schwarz-Weiß-Rot" weniger die Nationalsozialisten, sondern eher frühere Sympathisanten mit der DNVP, also die "Deutschnationalen", denen wohl in der Regel auch ein großer Teil der Offiziere der Reichswehr bis 1933 nahe gestanden hatte, und mit denen jene unter diesen Offizieren weiter sympathisiert haben werden, die dem Nationalsozialismus weiterhin kritisch und distanziert gegenüber standen oder deren Haltung sich diesbezüglich sogar verstärken sollte.

Hier auf dem Blog ist schon verschiedentlich darauf hingewiesen worden, dass es nach den Morden des sogenannten "Röhm-Putsches" vom 30. Juni 1934 und nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 2. August 1934 viele Versuche von seiten der Wehrmachtführung gegeben hat, den General Erich Ludendorff als ein Gegengewicht gegen die Übermacht Adolf Hitlers und seiner Partei in Deutschland in Stellung zu bringen.

Es erscheint nicht unwahrscheinlich, dass diese drei Schriften über Erich Ludendorff und seine Gotterkenntnis auch aus dem Umfeld solcher Bestrebungen heraus entstanden sein könnten. Das Bemerkenswerte vor allem der dritten dieser drei Schriften ist, dass diese in ihrer Annäherung an die Philosophie Mathilde Ludendorffs sogar noch weiter geht, als sich dazu selbst ein - Erich Ludendorff so offen und aufnahmebereit gegenüberstehender - General wie Ludwig Beck verstehen wollte. Roewer geht mit dieser Schrift auch sehr deutlich hinaus über jene "Synthese"-Versuche zwischen Christentum und Ludendorffscher Weltanschauung, wie etwa ein Wilhelm Breucker sie Erich Ludendorff gegenüber in Vorschlag gebracht hatte (siehe dazu früheren Beitrag hier auf dem Blog).

"Der General und seine hochherzige Gattin"

Schon der Schrift "Ludendorff als Feldherr ...", deren bibliographische Datierung "1934/35" womöglich doch eher auf das Jahr 1936 zu verlegen sein wird, konnte man anmerken, wie sehr ihr Autor mit der Erkenntnis ringt, dass Erich Ludendorff nach den Maßstäben der damaligen Zeit als ein rundum vorbildlicher Mensch zu gelten hätte. Ludendorff, so ruft man sich bei der Lektüre derselben in Erinnerung, war damals - zumal auch unter "deutschnationalen" Christen - politisch und weltanschaulich von allen Seiten so umstritten, dass sich diese Erkenntnis erst gegen eine Vielzahl von Vorbehalten und Vorurteilen auch in diesem Autor selbst nach und nach durchsetzen musste. Und zwar indem er sich zunächst einmal vor allem an Nachschlagewerke und allgemein anerkannte Werke der Kriegsgeschichte hielt. Zu dieser Erkenntnis gelangt der Autor sichtlich "notgedrungen". Schon in dieser Schrift schreibt Hanns-Claus Roewer aber auch mit Hochachtung vor Mathilde Ludendorff (S. 13):
Die Anschauungen des Hauses Ludendorff, die von dem General und von seiner hochherzigen Gattin in gleicher Weise getragen wird, verdient mit Recht Kulturarbeit genannt zu werden. Allein schon die Prägung des Wortes von den "Überstaatlichen Mächten" stellt eine Kulturtat dar. (...) Mit seiner Kampfansage gegen jene überstaatlichen Mächte knüpft Ludendorff zugleich an die Ideen und Gedankengänge jener Männer an, die bereits im Zeitalter der Aufklärung einen erbitterten (...) Kampf gegen Rom und seine Trabanten (...) führten. Was jene Männer wie Paul Lagarde, Nietzsche und viele andere mehr vielleicht nur zum geringeren Teil erkennen konnten, hat sich in Ludendorffs Gedankenwelt prismenartig zusammengedrängt.
Im weiteren spricht er dann schon in dieser Schrift von "Karl dem Sachsenschlächter", vom Gang nach Canossa, von dem geschichtlichen Ringen zwischen dem deutschen Volk und "Rom" einigermaßen auf der Linie eines typischen Kirchen- und Christentumskritikers.

All dies ist deshalb so bemerkenswert, weil die zumeist sehr konservativ-christlich eingestellte Wehrmacht-Generalität mit der christentumskritischen und weltanschaulichen Seite der Person Erich Ludendorffs am meisten Schwierigkeiten gehabt hat. Und ganz diesen Schwierigkeiten entsprechend betont denn Hanns-Claus Roewer in seiner dritten Schrift auch zunächst das "deutschnationale" Christentum, wie es sich noch in den "Kriegserinnerungen" von Erich Ludendorff wiederspiegelt (S. 5). Er betont dies in anderer Art, als Erich Ludendorff selbst auf sein vormaliges Christentum in späteren Lebensjahren verwiesen hat. Vor allem aber betont er (S. 4), dass
das Haus Ludendorff sich ohne Zweifel um den Kampf einer deutschen Wiedergeburt und besonders des deutschen Glaubenslebens verdient gemacht hat. Soviel man auf der einen Seite die Verdienste des Generals und seiner Gattin Mathilde anerkennt, genau so ist man auf der Gegenseite eifrig bemüht, das Ansehen des Generals und sein Ringen um die Wiedergeburt der deutschen Seele in Mißkredit zu bringen.
Dass eine solche Schrift aus der Sicht eines vermutlich "deutschnationalen" Autors etwa im Jahr 1938 überhaupt entstehen konnte, kann nur daran liegen, dass eben auch traditionell christlich und konservativ eingestellte Menschen sich so ihre eigenen Gedanken machten über den damaligen Kirchenkampf und über die seit 1935 einsetzende bis dahin größte deutsche Kirchenaustrittsbewegung. Diese Entwicklungen konnten es auch "deutschnational" eingestellten Menschen womöglich erleichtern, Erich Ludendorff in seiner weltanschaulichen Entwicklung zu folgen.

"Was ist Wahrheit?"

Hanns-Claus Roewer verweist im weiteren auf die Gemeinsamkeit der damaligen nichtchristlichen Glaubensbewegungen rund um das Haus Ludendorff, rund um Jakob Wilhelm Hauer und rund um Arthur Dinter (S. 7). Den Worten Roewers glaubt man entnehmen zu können, dass er noch kurz vor der Niederschrift derselben selbst Christ gewesen ist, schreibt er doch so unvermittelt auf einen christentumskritisches Zitat von Erich Ludendorff:
Allerdings, die 100 % Christen werden fragen: "Was ist Wahrheit?" Diese Frage (...) gehört zum eisernen Rüstzeug aller Christen. Dann plötzlich werden alle Philosophen alter und neuer Zeit herangezogen und dienen als Kronzeugen, dass es keine Wahrheit gebe, bis man dann wieder mit kühnem Schwung auf vielen Umwegen dabei landet, dass die einzigste Wahrheit in der Bibel verankert liege, eben jenem Buch, welches die historische Existenz des Christus nicht einmal beweist, eher noch in Frage stellen kann.
Einen Satz weiter schreibt Hanns-Claus Roewer ganz im damaligen Ton der Zeit - aber natürlich auch in Übereinstimmung mit Erich Ludendorff:
In unendlicher Gedankenlosigkeit hat sich die Lüge des Christentums durch die Jahrhunderte geschlichen ...
Er schreibt dann wiederum von "Karl dem Sachsenschlächter" und ähnlichen Dingen. Man glaubt hindurch zu spüren, dass ihm das alles eigentlich nicht ureigenstes, persönlichstes Anliegen ist, um das er selbst gerungen hat, sondern dass er vornehmlich einem Zeitgeist folgt, einer Zeitstimmung folgt bei diesen Ausführungen. Im weiteren nimmt Hanns-Claus Roewer dann die Gotterkenntnis Mathilde Ludendorffs gegen christliche Kritik in Schutz. Er bringt dann ein längeres Zitat von ihr selbst:
Dass wir Gott erkennen können, beweist uns das eigene Leben und der Glaube aller Völker in überreichlichem Maße, und ich erwähnte mit Absicht Beispiele aus dem Negervolke, auf das die entwurzelten Christenvölker gewöhnlich mit Dünkelhaftigkeit herabblicken. Wenn jemand bestreitet, dass es Gotterkennen gibt, so befindet er sich im Gegensatz zu den Tatsachen, die jeder gottwache Mensch in sich erlebt, die jedes wahre Kunstwerk mit überwältigender Klarheit kündet. Was ihm an dem Inhalt meiner Werke also nur ungewohnt sein kann, und was ihm zu dem Irrwahn verlockte, dass die Grenzen der Vernunft ein Gotterkennen unmöglich macht, ist nur der Umstand, dass die Gotterkenntnis meiner Werke über das Einzelerkennen früherer Zeiten zu einer Gesamterkenntnis gelangt ist, die sich im vollen Einklang mit der Tatsächlichkeit befindet und die Grundfragen des Lebens daher beantworten konnte. Gesamterkenntnis der großen Grundfragen des Lebens wurde in unserer Zeit möglich, weil die Naturforschung bis zu den Grenze der Vernunft gelangt war, und die Philosophie das Gebiet, auf dem die Vernunft allein angwandt werden darf, erkannt hatte. ... Gott mit der Vernunft begreifen ist unmöglich, Gott durch die Synthese des Gotterlebens in uns mit Wissen der Vernunft zu erkennen, ist dagegen möglich.
Damit sollen zunächst erste Leseeindrücke wiedergegeben sein. Die hier geäußerten Vermutungen dazu, wie Hanns-Claus Roewer dazu gekommen ist, diese drei Schriften zu schreiben, müssen einstweilen allerdings pure Spekulation bleiben. 

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  1. Roewer, Hanns-Claus: "Murz" der Kater und die Mickymäuschen. Seltsame Abenteuer. Ein Märchen mit Moral. Uhlenhorst, Hamburg 1935 [Sehr seltene frühe Mickymausiana]
  2. Die Verlorene. Novelle. 1935
  3. Hanns-Claus Roewer: Familie Hummel. Ein lustiger Gegenwartsroman aus Hamburg.1935
  4. Roewer, Hanns-Claus: Piepenreimers und Consorten. Roman aus dem Hamburg unserer Tage. W. Nölting, Hamburg 1935
  5. Tagebuch meiner Geliebten. 1935
  6. Röwer, Claus Hanns: Hamburg, Deutschlands Tor zur Welt! - Führer (Guide) der großen Stadtrundfahrt. Köbner &Co, Hamburg-Altona, o.J. (1930er/1940er Jahre)
  7. Jümmers op'n Teppich blieven. Deftige Sooken tom Vorlesen. Nölting, Hamburg [1936]. - 48 S.
  8. Pst! Nicht so laut! Und andere Glossen über die Zeitgenossen. 1938
  9. Roewer, Hans Klaus: Um ein Stück Papier. Kriminalroman. 1938 (252 S.)
  10. Revor, Revor: Helen contra Laing. Kriminalroman. Auffenberg, Berlin-Wilmersdorf 1939 (255 S.)
  11. Revor, Revor: Chiefinspector Leslie. Kriminalroman. Auffenberg, Berlin-Wilmersdorf 1939 (255 S.)
  12. Urlaub mit Hindernissen. 1940 [Kelter-Romane Band 119]
  13. Roewer, Hanns-Claus: Hamburger Grog. Deftige Begebenheiten aus der alten und neuen Hansestadt. Arthur Sudau, Berlin 1943; H. G. Schulz, 1952 (3. Aufl.)
  14. Schicksalsnacht. Novelle. 1947
  15. Alles im Leben ist Abschied. 1947
  16. Die Schwestern Passati. Schicksalsroman aus dem Artistenleben. Mardicke/Marken-Vlg. 1950 [Güldensee Romanhefte-Serie Nr. 40]
  17. Falsches Geld und echte Liebe. Ein heiterer Roman. 1950
  18. Double für die Toskani. Roman. 1950
  19. Als der Komet am Himmel. Roman. 1950 [Lore Romane Band 78]
  20. Kinder der Manege. Mardicke, 1951
  21. Adam contra Eva. 1951
  22. Der Mann mit dem Tick. 1951
  23. Gezählte Tage. 1952 [Güldensee-Romane]
  24. Wie die Alten sungen. Roman. 1952 [Lore Romane Band 170]
  25. Das himmelblaue Himmelbett. Ein lustigerer Eheroman. 1952
  26. Der Klub der Ehebrecher. 1953
  27. Versiegelte Lippen. Ein Schicksalsroman aus der Jetztzeit. 1954
  28. Unsere Guste macht das schon. Kelter, 1954
  29. Das himmelblaue Himmelbett. 1954
  30. Hannes mit den Strampelhöschen. Kelter, 1955
  31. Hyronimus bekommt Besuch. Kelter, 1955
  32. Ilsa und der Taschenmann. 1955
  33. Fritz Krause hat vermietet. Ein lustiger Roman. 1955
  34. Meiers Trude aus Buxtehude. 1956
  35. Der Vatertag. Ein lustiger Roman. 1956
  36. Kaffee, Krach und Kabeljau. 1956
  37. Ehekrach in Buxtehude. Ein lustiger Roman. 1956, 1960
  38. Mein Mund musste schweigen. 1957
  39. Lügen haben kurze Beine. Ein heiterer Roman. 1957
  40. Johannes - die Perle eines Mannes. Ein lustiger Roman. 1957
  41. Eifersucht ist eine Leidenschaft. 1957
  42. Liedertafel Harmonie. 1957
  43. Roewer, Hanns-Claus: Wovon soll der Schornstein rauchen? Ein lustiger Roman. Verlag C.S. Dörner & Co., Düsseldorf 1957, 1958
  44. Der Casanova der Elbchaussee. 1958
  45. Nachts sind alle Katzen grau. Ein lustiger Roman. 1958
  46. Otto und die Tugendrose. Ein lustiger Roman. 1958
  47. Die Petersilienhochzeit. 1959
  48. Vater werden ist nicht leicht. 1959
  49. Das Glück kam aus Klein-Kleckersdorf. Ein lustiger Roman. 1959
  50. Die verpumpte Braut. 1959
  51. Eine Tochter fiel vom Himmel. 1960
  52. Die Unschuld vom Lande. 1960
  53. Conchita durch drei. 1960
  54. Das Geheimnis der kalten Mamsell. 1960
  55. Oskar in der feinen Schale. 1960
  56. Auguste Pechvogel. 1960
  57. Lockruf des Lebens. Ein Roman von der Wasserkante. 1960
  58. Freitag der Dreizehnte. 1960
  59. Fritze Krause hat vermietet. 1961
  60. Der Schmugglerkönig von St. Pauli. 1961
  61. ... und ganz ohne Feigenblatt. 1962
  62. Roewer, Hanns-Claus: 100 Jahre H.F. Crone Söhne. 1867-1967. Hamburger Kartonagen-Werk. Die Geschichte eines Familienunternehmens. Have, Hamburg, 1967

Donnerstag, 10. September 2015

Die Grafikerin und Malerin Lina Richter (1875-1969) (II)

Nachdem in einem früheren Beitrag schon vornehmlich die politische und religionskritische Grafikerin Lina Richter (1875-1969) als Illustratorin der Kampfschriften der Ludendorff-Bewegung behandelt worden ist, sollen in diesem neu zusammen gestellten zweiten Teil Werke vor allem der Malerin Lina Richter vorgestellt werden. 

Abb.: Bergwald - Gemälde von Lina Richter (1934)
Es soll also hier die liebevollere, gemütvolle, friedlichere Seite dieser Künstlerin dokumentiert werden. Dazu wird der ursprüngliche Blogartikel in zwei Teile geteilt und werden einige Abschnitte des ersten Teiles mit in diesen zweiten übernommen.

Abb.: Hochgebirge - Gemälde von Lina Richter (1934)
Die drei ersten hier eingestellten Gemälde wurden in den "Tannenberg-Jahrweisern" des Ludendorff-Verlages der Jahre 1934 und 1938 veröffentlicht.

Abb.: Das Wettersteingebirge bei Klais - Gemälde von Lina Richter (1938) 
Sie zeigen Lina Richter als Landschaftsmalerin. In einem Brief vom 14. Juni 1953 an ihre Kinder erwähnt Mathilde Ludendorff über ihre Tätigkeit zum Erhalt ihres Hauses als Gedenkstätte über ihren Tod hinaus aus Anlass des Auszuges der drei dort bis dahin einquartierten Flüchtlingsfamilien, um deretwillen sie viel Inventar bei ihren Kindern ausgelagert hatte:
Den Kramer von Tante Lina hänge ich über mein Bücherbrett.
Ob es sich dabei um das zweite hier eingestellte Gemälde handelt, ist einstweilen nicht bekannt.

1934 - "Mutterfreuden - Mutterleiden"

Aber auch in menschlichen Zusammenhängen konnte sie sich friedvolleren Lebensbereichen voll zuwenden als Künstlerin. 1934 brachte sie eine Kunstmappe heraus mit dem Titel "Mutter". Mathilde Ludendorff schrieb die begleitenden Worte (Quell, 20.12.1934, S. 699):
In cyklischer Folge reihen sich Gedanken und Bilder über: Junge Liebe - Mutterschaft - Mutterfreuden - Mutterleiden - Der Tod als Vollender - aneinander. (...) Als guter Freund und zweites Ich geleitet der Tod die müde gewordene Mutter "still und friedreich aus dem Nicht-mehr-Schaffen in das Nicht-mehr-Sein".
Abb.: Ein Blatt aus der Kunstmappe "Mütter"
Diese Bilderfolge macht also deutlich, wie wesentlich für Lina Richter - ebenso wie für ihre Schwester Mathilde Ludendorff - das Gedenken an den eigenen Tod war als endgültiger Abschluss und als Vollendung des eigenen, persönlichen, niemals wiederkehrenden Daseins. Ja, wie der Gedanke an den Tod zu einer Art "zweitem Ich" werden kann.

Abb.: Adler über Gebirgsspitzen - Zeichnung von Lina Richter
Spätestens 1955 entstand die Zeichnung eines Adlers, der über Gebirgsspitzen auffliegt, eine Zeichnung, die zum Schmuck der Urkunden verwendet wurde, die die Aufnahme von neuen Mitgliedern in den "Bund für Gotterkenntnis" bestätigte.

1938 - "Des Deutschen Kindes Wunderland"

Das hinderte sie aber sicherlich nicht, so lebensfröhlich wie in ihrer Jugend zu bleiben. Vielleicht, nein wahrscheinlich, war dieses zweite Ich, das Todwissen, gerade erst die Voraussetzung für Lebensfröhlichkeit und für ein starkes Stehen im Leben.

Abb.: "Des Deutschen Kindes Wunderland - Erzählungen und Bilder" (1938)
Womöglich vor allem auch in Gedanken an ihre eigenen beiden Töchter (oder gar schon Enkelkinder?) gab Lina Richter 1938 zwei Kinderbücher heraus, "Des Deutschen Kindes Wunderland" und "Freunde des Kindes in Wald und Flur".

Abb.: "Des Deutschen Kindes Wunderland - Erzählungen und Bilder" (1938)
Zu diesen beiden Kinderbüchern ist zunächst nichts weiter zu sagen. Einen Eindruck von ihnen geben die folgenden Abbildungen.

Abb.: "Des Deutschen Kindes Wunderland - Erzählungen und Bilder" (1938)


Abb.: "Des Deutschen Kindes Wunderland - Erzählungen und Bilder" (1938)


Abb.: "Des Deutschen Kindes Wunderland - Erzählungen und Bilder" (1938)


Abb.: "Des Deutschen Kindes Wunderland - Erzählungen und Bilder" (1938)
Unter den Verlagsmitteilungen des Ludendorffs-Verlages heißt es im November 1938 über das Ende des Monats neu erscheinende Buch von Lina Richter (Quell, 20.11.1938):
... Auch die Gedichte und Geschichten sind von Lina Richter verfasst.
Abb.: "Freunde des Kindes in Wald und Flur - Erzählungen" (1938)
Und eine Folge später heißt es unter anderem (S. 528):
In sechs mit gemütwarmen, zarten und künstlerischen Bildern belebten Geschichten erlebt das Kind die Schicksale einer Schneeflocke, die Reisen einer Frau Schwalbe, das Wesen des Regenbogens, das Werden eines Schmetterlings und eines Schneckenhäuschens und das Geheimnis der Frühlingsapfelblüte. (...) Schon Vierjährige können den Inhalt fassen und auch für Zwölfjährige ist er noch nicht zu "kindlich".

Abb.: "Freunde des Kindes in Wald und Flur - Erzählungen" (1938)
In der Folge vom 5. Februar 1939 wird der zweite Band angekündigt. Und in der Folge vom 7. April 1939 heißt es:
Mit Malvorlagen zum Selbstausmalen durch die Kinder.
Es wird auch eine sehr positive Besprechung des Buches im "Kosmos" (Wien) von Professor Georg Müller gebracht. Und auch eine Elly Ziese schreibt eine Besprechung dieses Buches (S. 39). 

Abb.: Haus Ludendorff, Zeichnung von Lina Richter, 1933 oder später (7)
Um das Jahr 1947 war Lina Richter bei ihrer Schwester Mathilde Ludendorff in Tutzing anwesend, als diese einen Besuch erhielt und über den Fortgang der Vorbereitungen für das Spruchkammerverfahren gegen sie unterrichtet wurde. Dieses begann dann erst Ende 1949 (das ist noch genauer herauszusuchen).

Die beiden Teile dieses Blogbeitrages können bislang kein abgerundetes Bild vom Leben und Schaffen von Lina Richter geben. Es ist auch nicht bekannt, ob Enkel- oder Urenkelkinder oder wer immer sonst einen etwaigen Nachlaß von Lina Richter hütet. Das Ludendorff-Archiv in Tutzing, das Tage der Offenen Tür mit geschlossener Tür abhält (siehe anderwärts) scheint auch nicht sehr hilfreich zu sein, um in diesen Fragen weiterzukommen. Es ist schon seit langem nicht mehr recht erkennbar, welche Aufgaben dieses Ludendorff-Archiv für sich sieht. Außer - "Maulwurfsarbeit". 

Lina Richter starb 1969, drei Jahre nach ihrer Schwester Mathilde Ludendorff. Ihr folgte 1971 die dritte Schwester, die Pianistin Frieda Stahl. Der Verleger Franz von Bebenburg hielt allen drei Schwestern die Grabrede. Das ist im Grunde alles schon lange her!
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  1. Mütter - Ein Mappenwerk von Lina Richter und Mathilde Ludendorff. 2 Mappen mit je 5 Kunstreproduktionen mit Begleitworten von Mathilde Ludendorff . Ludendorffs Verlag, München 1934  (besprochen in: Quell, 20.12.1934)
  2. Richter, Lina: Des Deutschen Kindes Wunderland. Freunde des Kindes in Wald und Flur. Erzählungen. Bd. 1: Mit 10 farbigen Abbildungen und Buchschmuck. Ludendorffs Verlag, München o.J. [19384. Tausend (38 S.) (Ebay-Angebote 4.8.2012, 23.9.2013; Bd. 21939 (40 S.)
  3. Ludendorff, Mathilde: Schöpfunggeschichte. 1. Das Schöpfunglied in heiligen Nächten. 2. Das Werden des Weltalls. Ludendorffs Verlag GmbH, München 1940 – nur dichterischer Teil mit 12, z.T. farbigen Illustrationen (ohne Angabe der Künstlerin, sicherlich Lina Richter) 
  4. Ludendorff, Mathilde: Schöpfunggeschichte. 19. - 20. Tausend. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 [Der Seele Ursprung und Wesen, Erster Teil] – wohl erstmals dichterischer und Prosateil in einem Band; mit Schwarz-Weiß-Illustrationen, zum Teil neue („Dieses Bild und alle folgenden wurden von Lina Richter nach wissenschaftlichen Werken geschaffen.“)
  5. v. Be.: Worte zur Totenfeier Lina Richters (1875-1969). In: Mensch und Maß, Folge 12, 23.6.1969, S. 564 – 566
  6. v. Be.: An der Totenbahre Frieda Stahls. (1885-1971) In: Mensch und Maß, Folge 21, 9. 11. 1971, S. 1003 – 1007, 960
  7. Richter, Lina: Tutzing Haus Ludendorff. Zeichnung, 1933 oder später

Samstag, 8. August 2015

Mein Opa - ein gewöhnlicher Ludendorff-Anhänger als Beispiel (Teil 2)

Das Deutschland der 1950er Jahre aus der Sicht eines westfälischen Ziegeleiarbeiters und Nachtwächters (1958 bis 1961)

Vor drei Jahren war hier auf dem Blog ein Beitrag eingestellt worden über meinen Opa Otto Bading (1906-1979) (StgrNat2012). In diesem hatte nichts über seine weltanschauliche Haltung, insbesondere nach 1945 mitgeteilt werden können. Denn darüber war dem Autor dieser Zeilen bis dahin nichts Sicheres bekannt gewesen. Nun fanden sich aber alte, erhalten gebliebene Familienbriefe, zumeist von ihm an seinen damals 24- bis 29-jährigen Sohn, geschrieben in den Jahren 1958 bis 1963. Außerdem fanden sich noch tagebuchartige Notizen des Sohnes ab 1955, aufgrund deren manche Fotografien aus den Familienalben besser eingeordnet werden können (z.B. Abb. 1 bis 4). Aus solchen Quellen kann im folgenden das schon gegebene Lebensbild meines Opas noch etwas ergänzt werden.

Ostern 1955 - In Tutzing

Am 1. April 1955 war Karfreitag vor Ostern. Mein Opa fuhr mit Frau und Sohn an diesem Tag - vermutlich mit dem Zug - von Borgholzhausen in Westfalen über Warburg und Kassel bis Würzburg. Am nächsten Tag ging es weiter bis Ingolstadt zu einem Besuch bei der Schwester meines Opas, Tante Elfriede. Sie hatte nach Ingolstadt geheiratet. Ihr Ehemann dort hatte eine Jagd gepachtet. Dort in Ingolstadt verbrachte man eine vergnügte Woche, ging mehrmals auf die Jagd, besichtigte die Stadt, die Festungsanlagen und das Museum. Für den 9. April (Sonnabend) lautet der Kalendereintrag des damals 21-jährigen Sohnes:

In Tutzing, es sprachen Frau Ludendorff, Herr von Unruh, Herr Limpach, Herr von Loefler, Herr von Bebenburg.

Dort wurde an den 90. Geburtstag Erich Ludendorffs erinnert. Opas Sohn machte eine Landwirtschafts-Lehre in Westfalen. In jenen Jahren sind seine Tagebuchnotizen geprägt von der täglichen, vielfältigen landwirtschaftlichen Arbeit. Etwa einmal in der Woche ging man ins Kino. Am 28. September 1955 erklärte Opas Sohn seinen Austritt aus der evangelischen Kirche (in der er während der Kriegsgefangenschaft seines Vaters noch konfirmiert worden war). Am 6. November 1955 stellte er seinen Aufnahmeantrag beim "Bund für Gotterkenntnis" in Tutzing.

Abb. 1: Walter Löhde und Oberst Leon, Hasselborg Ostern 1956

Zu Ostern 1956 besuchte der Sohn eine Jugend-Geschichtstagung des Verlages Hohe Warte in Hasselborn (Taunus) (Ostern 1956), auf der mehrere bekannte Persönlichkeiten der Ludendorff-Bewegung sprachen. Nicht zuletzt auch, weil er in den ersten Jahren nach 1945 nicht mehr die Schule besuchen konnte und sie nicht abgeschlossen hatte, machte der dort gebotene Inhalt und die Persönlichkeiten, die ihn boten, großen Eindruck auf den Sohn. Dieser hielt im Tagebuch fest:

29. März – Donnerstag, mit Eilzug nach Hasselborn/Taunus.  Jugendtagung. [29.3.] Heute in Hasselborn eingetroffen. Es liegt wunderschön! [30.3.] Begrüßung. Herr Löhde sprach über die Kirchengeschichte und die Päpste bis zur Gründung des Jesuitenordens. [31.3.] Herr Löhde sprach über die Freimaurerei und Jesuiten in den letzten 300 Jahren. [1.4.] Herr Vater sprach über Bismarck und seine Zeit, abends ein Osterfeuer angesteckt, bei dem wir die Nacht über blieben. [2.4.] Herr Vater sprach über den Ersten und Zweiten Weltkrieg. Aussprache und Abschied. Er fiel wohl allen schwer!

(Weitere Fotografien von dieser Tagung hier.) Im Herbst 1956 weckte der Volksaufstand in Ungarn so manche Hoffnung auf die Wiedervereinigung zwischen West- und Mitteldeutschland. Auch im Kalender von Opas Sohn, wo sonst nichts Politisches festgehalten ist, steht jetzt: 24. Oktober: „Aufstand in Ungarn“. So auch noch der Eintrag an mehreren Tagen danach. 28. Oktober: „Aufstand in Ungarn erfolgreich“. 4. November: „Aufstand wird zusammengeschossen. Ägypten wird Gewalt angetan“. 7. November: „Noch immer schwere Kämpfe in Ungarn“. 9. und 10. November: „Die Kämpfe in Ungarn gehen zu Ende. Weiterhin passiver Widerstand“.  29. November: „100.000 Ungarn auf der Flucht“.

Für 1. Dezember lautet der Eintrag: „Vati arbeitslos“. Mein Opa hatte also seine Arbeit verloren oder aufgegeben.

Abb. 2: Feier des 80. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1957

Der Sohn besuchte im Mai 1957 für eine Woche seine gesamte Verwandtschaft und frühere Nachbarschaft im Havelland, seine Oma Emma Bading in Bahnitz, seine Tante Emma Lindenberg in Wusterwitz, seine Tante Friedel Bleis in Zollchow, das Ehepaar Sachtleben in Brandenburg am Altstädtschen Markt, wo er während der Kriegszeit in Pension gelebt hatte, um die Schule in Brandenburg besuchen zu können, die Verwandtschaft in Radewege, die Nachbarn in Bahnitz und andere mehr. 

Die Verwandtschaft und Nachbarschaft in der Heimat (1957)

Man erhält hier einen Eindruck davon, in welchen verwandtschaftlichen und nachbarlichen Beziehungen die Familie auch schon vor dem Krieg gelebt hatte. Er schrieb darüber in seinen Kalender:

12. Mai - Post von Oma mit Aufenthaltsgenehmigung.
Mit "Oma" ist hier die Mutter seines Vaters gemeint, Emma Bading, geborene Mohr (1882-1968), die als letzte der Familie noch in Bahnitz auf dem Hof im Giebelzimmerchen lebte. Weiter schreibt er:
16. Mai - Donnerstag (...) Abends 8 Uhr abgefahren in die Heimat. Freitag / 10 Uhr in Wusterwitz, Oma daselbst, Karten gespielt abends.
In Wusterwitz lebte seine Tante, Opas Schwester, Emma Lindenberg, geborene Bading (geb. 1904):
Sonnabend / ab nach Brandenburg zu Sachtlebens, nach Pritzerbe bei Familie Mangelsdorf, John, Jonas, mit Sukenik getrunken, abends 9 Uhr in Bahnitz.
Sonntag / Anneliese in Radewege geb. (?) in Bahnitz gebadet, Spaziergang durch die Felder und an die Schleuse, Erika Tönniges getroffen.
Montag / nach Premnitz (Anmelden). Milow (Opa Ohm) und Zollchow. Leicht windig.
Dienstag / Mit Willi Bleis per Rad von Zollchow nach Vieritz, übern Berg zu Koiles (?), Milow, Premnitz, Pritzerbe, Fohrde, Radewege, Butzow, Gortz nach Bollmannsruh und zurück. Mit Cristel in Bagow gesprochen.
Mittwoch, Angeln gefahren, mit Hffs. unterhalten, abends bei Cristoph Pf. zu Gast.
Donnerstag, bei Köppens eingeladen. In Pritzerbe im Kino: „Aida“ von Verdi.
Freitag, mit Kahn nach Briest hoch und wieder zurück. Schwere Arbeit. In Pritzerbe Anzug gekauft, abends bei Cristoph Pfeifer und Gundel.
Sonnabend / zu Fuß durch die Felder, abends in Tieckow bei Ziems und Wahlversammlung.
Sonntag / Zur Kirche nach Nitzahn, Prüfung der Konfirmanden. In Bahnitz Feldbesichtigung, bei Trenck eingeladen, nachmittags in Möthlitz, abends Tanz in Fohrde!! 
27. Mai – Montag / Abschied. Mit Bus nach Premnitz [unleserlich] per Bahn Brandenburg-Wusterwitz. Um 7.30 ab Wusterwitz. 
28. Mai – Dienstag / morgens 8 Uhr hier wieder eingetroffen.

Mein Opa ist übrigens nach 1953 nie wieder in die "Ostzone" zurück gekehrt. Unter anderem weil er sich nicht sicher genug fühlte darüber, daß er nicht doch noch wegen der Ereignisse von 1953 rund um die Zwangskollektivierung in Haft genommen werden könnte.

Abb. 3: Feier des 80. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1957

Im Oktober 1957 besuchte der Sohn die Ludendorff-Herbsttagung in Tutzing:

3. Oktober – Donnerstag / Fahrt nach Tutzing über Hannover – München. Ankunft: 22 Uhr. Unterkunft: Tutzinger Hof. Freitag / I. Ansprache am Grabe des Feldherrn und am Hause Ludendorff. II. Festveranstaltung in der Turnhalle. Abends Volkstanz. Sonnabend / Feierstunde in München. Mitgliederversammlung im Kurtheater/Tutzing – abends Volkstanz. 6. Oktober - Sonntag / Tagung der Arbeitsgemeinschaften (Lebenskunde), nachmittags Bootsfahrt auf dem See, abends Abfahrt aus Tutzing. 

Hierbei werden die Fotos aus Abbildungen 2 bis 4 entstanden sein. Nun aber zu den eingangs erwähnten Briefen meines Opas. In ihnen spielte die Landwirtschaft weiterhin eine Rolle. Am 27. April 1959, also mitten im Frühling, schrieb er in einem Brief etwa:

Kokomoors Rüben sind nicht gut aufgegangen. Es war zu trocken und nach meiner Meinung war der Boden nicht fest genug gewalzt. Auch der Bauer hinter der Aue links hat schlecht stehende Rüben. Der Roggen ist hier schon einen halben Meter lang. In manchen Jahren war er zu Hause am 1. Mai erst 15 cm lang.

Abb. 4: Feier des 80. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1957

Opa wohnte nun in Westfalen und dort gab es viel bessere Böden als im sandigen Havelland. Und 1959 war er ja erst sechs Jahre aus der eigenen Wirtschaft sozusagen "ausgeschieden". Im Sommer half er - wie auch schon in den Vorjahren - bei der Ernte aus:

Bei Stukes habe ich Roggen einfahren geholfen.

Bei Stukes war sein Sohn von 1955 bis Anfang 1958 als Landwirtschafts-Lehrling angestellt gewesen.

Opa als Ziegeleiarbeiter und Nachtwächter (1953 bis 1963)

Abends drehte Opa Zigarren in Handarbeit als Zuverdienst. Vor allem aber hatte er 1953 zunächst Arbeit in einer Ziegelei gefunden. Ziegeleien kannte er aus seiner Heimat. Hatte es doch beispielsweise in Bützer an der Havel drei Ziegeleien gegeben und hatte doch der Großvater seiner Frau Johanna als Schiffer die produzierten Ziegel bis Hamburg geliefert. Dem Inhaber der Ziegelei Witte in Bützer hatte dieser Großvater auch gelegentlich bei Rechnungsfehlern ausgeholfen (3). Wie mein Opa aber nun über die Arbeit in der Ziegelei dachte, ist einem Brief zu entnehmen, den er am 15. Januar 1961, nachdem er schon zwei Jahre als Nachtwächter arbeitete, schrieb:

Auf der Ziegelei Detering in Rahden ist ein Arbeiter tödlich verunglückt. Es ist der alte „Haken Papa“, von dem ich schon erzählt habe. Da wird der Pastor am Grabe gepredigt haben: „Wenn das Leben köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ So ein Lügner. Das Leben eines Ziegeleiarbeiters ist nicht köstlich, sondern eine menschenunwürdige Schinderei und Sklaverei. Hätte der Pfaffe nur 1 Jahr in einer Ziegelei arbeiten müssen, er hätte sich aufgehängt. Haken Papa hat 32 Jahre am Ofen gearbeitet.

Man hört hier sicherlich mancherlei Beweggründe heraus, weshalb sich mein Opa eine andere berufliche Tätigkeit gesucht hatte, nämlich als Nachtwächter. Am 11. Oktober 1959 hatte er über eine andere Beerdigung geschrieben:

Hast Du die Todesanzeige im „Quell“ gelesen? Dr. Schäfer in Rahden ist gestorben. Ein Gesinnungsfreund aus Bielefeld hat die Totenfeier gehalten. Es soll sehr schön gewesen sein. Die Kirchenglocken haben zur Beerdigung nicht geläutet. Aber Blasmusik war da. Für die Rahdener war das mal was Neues. Pastor Kallmann soll im Konfirmandenunterricht folgendes dazu gesagt haben. Eine Konfirmandin: „Dr. Schäfer hätte auch an ein höheres Wesen geglaubt“. Darauf P. Kallmann: Was heißt höheres Wesen, eine Katze auf dem Dache ist auch ein höheres Wesen. - An dieser verärgerten Aussage sieht man, daß die Priester nicht kampflos ihre Vorrangstellung aufgeben.

Schon 1958 hatte mein Opa wegen der schweren Arbeitsbedingungen in der Ziegelei eine Stelle als Nachtwächter angenommen. Am 20. April 1958 schrieb er:

Ich bin nun schon 3 Wochen Nachtwächter. Es kostet auch Nervenkraft, des Nachts wachen und am Tage zu schlafen.

Er bedauert das vor allem deshalb, weil er dadurch noch weniger zum Lesen kam als es ihm zuvor schon möglich gewesen war.

Was hat mein Opa gelesen? (1958 bis 1961)

Aber was hat er in dieser Zeit alles so gelesen? Am 20. April 1958 schrieb er von dem Besuch offenbar eines Gesinnungsfreundes:

Er brachte mir ein paar Bücher über die Schlacht von Stalingrad.

Am Ende des Briefes wird deutlich, was er noch las:

Noch ein Wort aus dem „Triumph“. „Halte Dir heilig den Leib, der Dich in leblangen Mühen hintragen möchte zum Leben zur frohen Wanderung zur Höhe.

Er zitierte hier aus dem ersten philosophischen Buch von Mathilde Ludendorff "Triumph des Unsterblichkeitwillens". Am 27. April 1959 schrieb er:

Gestern kam ein Buch an. "In den Gefilden der Gottoffenbarung". Sehr schön. Habe schon tüchtig drin studiert.

Daran ist erkennbar, daß mein Opa tatsächlich in den philosophischen Büchern von Mathilde Ludendorff gelesen hat. So genau habe ich das zuvor nicht gewußt. Er schreibt außerdem:

Lese jetzt das Buch von Bardeche Nürnberg usw. Fürchterlich waren die Grausamkeiten, die vom Malmedy-Prozeß bekannt wurden.

Der Franzose Maurice Bardèche (1907-1998) gehörte zu der ersten Generation der „Geschichtsrevisionisten“, die sich sehr kritisch mit den Nürnberger Prozessen und den Folgeprozessen beschäftigte. Da konnte es nicht ausbleiben, daß er deshalb heute auch zu den „Holocaust-Leugnern“ gezählt wird, ein Begriff, der in den 1990er Jahren aufkam. Im Brief vom 16. April 1960 freut sich mein Opa sehr über ein neues Buch über Friedrich Schiller:

Herr Pahmayer hat für seine Schulbibliothek das Buch von Walter Löhde „Schiller im politischen Geschehen seiner Zeit“ gekauft. Damit hat er Zivilcourage bewiesen. Er hat mir das Buch geliehen, und ich habe es in den letzten Tagen gelesen. Also großartig. Walter Löhde ist der beste Schriftsteller von uns. Das Buch ist besser als das, was wir haben „Schiller, ein deutscher Revolutionär“.

Dieses Urteil ist vollständig nachvollziehbar. Diese Bücher von Walter Löhde sind tatsächlich gut geschrieben und zusammen gestellt. Am 16. Juli 1960 schreibt mein Opa über die Wochenzeitung „Volkswarte“, die gerade ihr dreijähriges Bestehen feierte:

Der German Pinning gefällt mir immer besser. Und auch die Elsbeth Knuth. In der letzten Folge gibt sie es aber dem Pater Leppich. Und das freut einen denn ja auch. Auch der Artikel von Beißwenger: Urlaubsverlängerung 2 x 4 Wochen im Jahr ist gut.

Zu Ostern 1961 schrieb er:

Die jesuitische Strategie im „Quell“ zwei mal lesen! Wichtig.

Diese Ermahnung könnte man sich noch heute zu Herzen nehmen. Darüber machen sich die Menschen viel zu wenig Gedanken. Und am 27. Oktober 1961 schrieb er:

Habe das Buch Volksseele studiert.

Er spricht hier von dem Buch von Mathilde Ludendorff mit dem Titel „Die Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte“. Er hat sich also wirklich um ein Verständnis dieser Bücher bemüht.

Abb. 4: Mein Opa und meine Oma 1958 in Westfalen im Kabinenroller

Nun sei noch aus den Bemerkungen meines Opas aus jener Zeit ganz allgemein zum Zeitgeschehen etwas wiedergegeben. 

Bemerkungen meines Opas zum Zeitgeschehen (1959 bis 1961)

Am 11. Oktober 1959 schrieb er, was er sicherlich zuvor in der Wochenzeitung der Ludendorff-Bewegung „Volkswarte“ oder in der Halbmonatsschrift „Quell“ gelesen hatte, nämlich über den Ludendorff-Anhänger Arthur Götze:

Daß der Götze zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, ist neben einigen anderen Dingen ein Zeichen dafür, daß die überstaatlichen Mächte zum Angriff gegen die Völkischen vorgehen. Wir werden auf dem Gebiet noch Schlimmes erfahren.

Mein Opa sollte vollständig recht behalten: Zu Weihnachten 1959 kamen die groß von den Medien aufgebauschten, Geheimdienst-inszenierten Hakenkreuz-Schmierereien in Köln und in der ganzen westlichen Welt. Damit lief die erste Welle der sogenannten „Vergangenheitsbewältigung“ (s. Armin Mohler) an. Auf dieser Welle reitend erfolgte dann im Mai 1961 das Verbot des „Bundes für Gotterkenntnis“ und der Zeitschrift "Quell". Am 5. März 1961 schreibt mein Opa über irgendwelche Straßenkrawalle in Bonn, wobei noch einmal heraus zu suchen wäre, um welche es sich dabei gehandelt haben könnte. Doch danach sagt er gleich etwas sehr Grundsätzliches:

Mutti sagt: „Du sollst Dich aus den Straßenkrawallen heraus halten.“ Damit rettest Du auch das Vaterland nicht mehr. Und von mir gleich noch einen Satz von Schiller: „Die Menschen kommen nur selten anders als durch Extreme zur Wahrheit und meist nur durch große Irrtümer zu ruhiger Weisheit.“ Die Deutsche Reichspartei wollte mich als Kandidaten für die Landtagswahl aufstellen. Zwei Mann waren hier und wollten mich überreden. Habe aber abgelehnt. Mutti war noch mehr dagegen. Sie würde mich nicht wählen, sagte sie.

Die Deutsche Reichspartei wurde damals wohl häufiger ablehnend beurteilt. Im November 1961 schrieb ein Mensch an Opas Sohn in einer anderen Sache, er sei auch Mitglied der DRP, wisse aber auch,

daß die Ludendorff-Bewegung mit Recht die politischen Parteien negativ beurteilt.

Nach den damals erreichten 0,8 % in der Bundestagswahl sei er wieder ausgetreten, "auch in den sogenannten nationalen Parteien" sei der "Wurm" drin. Wie erstaunlich wenig hat sich am Verhältnis zu den Parteien bei klar blickenden Leuten seit 60 Jahren geändert. Bzw., nein, anders herum: wie erstaunlich wenig haben sich all die Parteien geändert, einschließlich all der Partei-Neugründungen seither. Später, in den 1970er Jahren, ließ sich mein Opa noch als Kandidat der „Grünen Liste Umweltschutz“ in Hessen aufstellen. Womöglich war das auch wirklich noch eine bessere Idee, als bei der Deutschen Reichspartei mitzumachen, der Vorgängerpartei der NPD, die sicherlich ebenso Geheimdienst-gesteuert und -inszeniert war wie letztere.

Der Mai 1961 brachte dann die bundesweiten polizeilichen Ermittlungen gegen die Ludendorff-Bewegung. Opas Sohn warf seine Arbeit als Angestellter der Landwirtschaftskammer in Bonn hin, nachdem er seinem Chef nicht versprechen wollte, ab jetzt nicht mehr politisch aktiv zu sein. Er war aber auch froh darüber, diesen Büroberuf los zu sein. Noch bevor meine Oma davon erfuhr, schrieb sie ihm am 28. Mai 1961:

Wie geht es Dir? Hat Dich die Polizei aufgesucht? Im Rundfunk wird ja nicht viel von der Aktion gesprochen. Im „Gruß an die Zone“ wurde nur mal erwähnt, daß man in Berlin 4 Ludendorffer verhaftet hat. Der Gedanke, daß Ihr Gutes gewollt habt, wird Dir in diesen Tagen die nötige Ruhe geben, die Du vielleicht brauchst, wenn Unangenehmes auf Dich zukommt. Wie verhält man sich denn Dir gegenüber in Eurem Büro? Falls Du dort gekündigt wirst, schade wäre es schon, aber Arbeit findest Du auch hier jeder Zeit.

Während der Zeit des Verbotes der Zeitschrift „Quell“ wurden von Ludendorff-Anhängern verschiedene Rundschreiben versandt. Worum es sich bei dem folgenden von meinem Opa in einem Brief Erwähnten handelte, wäre noch einmal herauszusuchen:

Das beiliegende Schreiben von Johannes Marquardt1 ist prima. Davon will Otto Puhlmann

der Ingolstädter Schwager

aber nichts wissen. (…) Interessant ist auch der beiliegende Brief des Abg. Schwann über die Kriegsgefahr.

Im Oktober 1961 wurde eine neue Zeitschrift begründet, „Mensch & Maß“. 

Abb. 5: Opas Schwester Emma und ihr Mann Otto Lindenberg aus Wusterwitz auf Westbesuch - etwa 1965

Am 12. Oktober schrieb mein Opa:

Die Zeitschrift „Mensch und Maß“ habe ich gleich bestellt. Dagegen kann ich mich für die „Neue Politik“ und für den „Deutschen Beobachter“ nicht sonderlich erwärmen. Die Schreiber haben meiner Ansicht nach noch sehr wenig Leid erlebt. Die Kriegstreiber treten immer schärfer hervor. Wir Deutsche haben aber jeden Krieg schon verloren, bevor er begonnen hat. Denn wenn die Feinde eines Volkes in der eigenen Führung sitzen, ist nichts zu machen.

Die Zeitschrift „Neue Politik“ wurde seit 1956 von einem Wolf Schenke (1914-1989) herausgegeben, warnte vor einem Atomkrieg und trat für den - sicher vernünftigen - Gedanken ein, daß ein wiedervereinigtes Deutschland neutral zwischen Ost und West stehen müsse2.

Am 17. Januar 1962 schreibt Opas alte Mutter Emma Bading aus dem Heimatdorf an der Havel in der DDR an ihren Enkelsohn, der seine Arbeit hingeworfen hatte, im rauhen bäuerlichen Umgangston der Familie:

Am Sonntag war Onkel Otto Lindenberg hier, er hat geschimpft, daß Du aus deinem Beruf bist raus gegangen und du sollst die verdammte Politik lassen, was hast du davon, du landest noch im Gefängnis. Möchtest du das? Dann hilft dir Mathilde auch nicht.

Damit war natürlich Mathilde Ludendorff gemeint. Otto Lindenberg (s. Abb. 5) war damals mit 64 Jahren Lehrer in Wusterwitz. Er hatte sich nach 1945 ideologisch „umgestellt“ und konnte sich ein „Politiktreiben“ ganz bestimmt nicht erlauben. Die beiden Teile Deutschlands lebten sich damals schnell auseinander. Immerhin nahm die Verwandtschaft doch noch sehr rege aneinander Anteil. Zehn bis fünfzehn Jahre später, als ich Jugendlicher war, wäre wohl eine so selbstverständliche Bewertung von Lebensentscheidungen im jeweils anderen Teil Deutschlands, wo man ja letztlich doch die Verhältnisse gar nicht richtig übersehen konnte, nicht mehr gemacht worden.

Abb. 6: Das Alte Pfarrhaus in Wernswig, in dem wir ab 1973 mit Oma und Opa lebten - Davor Opas blauer Ford, den er 1973 gebraucht erwarb, und auf den er sehr stolz war

Am 10. Januar 1962 schrieb Opa:

In der „Neuen Politik“ ist ein Aufsatz von Prof. Matthies, sehr interessant. Und auch der Leitartikel von Rolf Schwenka zum Jahreswechsel. Allmählich gefällt mir diese Zeitschrift immer besser.

Am 14. Februar 1962 schreibt er über die Zeitschrift „Mensch und Maß“:

Interessant ist der Bericht von Freiherr von Bebenburg über die politische Lage. Den muß man mehrmals lesen. Er vergleicht Bismarck, Hitler und Adenauer miteinander. So gut und so klar und so lehrreich findet man selten einen Aufsatz.

Am 25. März 1962 schrieb er:

Außerdem kam noch ein Brief von Freiherr von Bebenburg über den Streit zwischen ihm und Herrn Löhde. Sehr interessant.
Hierbei handelte es sich um eine interne Auseinandersetzung in der Ludendorff-Bewegung, in der Walter Löhde Franz von Bebenburg - mit schwerwiegenden Argumenten - vorwarf, das Verbot der Zeitschrift „Quell“ im Mai 1961 schon zuvor sehr bewußt provoziert zu haben. Und wer hätte das genauer mitbekommen sollen als der langjährige Schriftleiter dieser Zeitschrift selbst? von Bebenburg wehrte sich damit, daß er den Bruch zwischen Mathilde Ludendorff und Walter Löhde zwischen 1945 und 1950 öffentlich machte, um Walter Löhde zu diskreditieren. Damit sollte er vor allem deshalb Erfolg haben, weil die Menschen so vergeßlich sind und auch diese Auseinandersetzung bald wieder vergessen haben.

Mit diesen kurzen Auszügen soll ein wenig veranschaulicht werden, wie solche Geschehnisse bei einem "gewöhnlichen Anhänger", der nicht selbst schriftstellerisch tätig war, angekommen und verarbeitet worden sind. Bei einem Anhänger, der nur Volksschulbildung aufwies, aber lebenslang sich weiterzubilden bemüht gewesen ist.

Abb. 7: Meine Oma und mein Opa mit Enkelkindern und einem Schwiegersohn im Garten, 1977

Mein Opa liebte es, wie ich mich auch noch gut erinnern kann, gelegentlich allgemeinere „Lebensweisheiten“ und Lehren von sich zu geben. 

Ich habe keine Lust, mich mit Narren zu unterhalten" (G. E. Lessing) 

So ein bisschen klang ja dieser "lehrerhafte" Ton auch schon aus den bisherigen Briefstellen heraus. Er nahm sich dabei aber nicht gar so besonders wichtig. Auch in seinen Briefen findet sich davon etwas. Und eine Auswahl davon soll hier am Abschluß stehen, nachdem seine Gedankenwelt durch die gebrachten Briefausschnitte ein wenig hat veranschaulicht werden können. Am 27. Oktober 1961 schrieb er:

Folgendes fiel mir noch ein: Mein Vater sagte des öfteren: „Es geht nirgends verrückter zu als in der Welt.“ Ich stehe dagegen heute auf dem Standpunkt, daß alles seine Richtigkeit hat. Nach dem Naturgesetz von „Ursache und Wirkung“ und nach dem Gesetz der Kraft siegt immer der Stärkere. „Eine härtere Säure treibt eine schwächere aus ihrer Verbindung.“ Weiter: „Wenn die Guten nicht kämpfen, siegen die Schlechten.“

Am 21. Januar 1962 schrieb er, nachdem er davon berichtet hat, daß sich ein Mitmensch nur lauwarm für die Zeitschrift „Mensch & Maß“ interessiert hatte:

Dabei fällt mir ein Spruch von Hölderlin ein: „Geh unter schöne Sonne, sie achteten Dein nur wenig, denn mühelos bist Du über die Sterblichen aufgegangen.“ Bei meinen langen Nachtwachen habe ich auch über ein anderes Wort von Friedrich Hölderlin nachgedacht. Er sagte: „Weine nicht, Vaterland, es ist dir, Liebes, nicht ein einziger zu viel gefallen.“
Der Zweite Weltkrieg war 17 Jahre her. Und mein Opa hatte sicherlich manchen Anlaß, über die vielen Gefallenen und Toten nachzudenken, die er als Soldat erlebt hatte, bzw. die es im engeren Verwandten- und Bekanntenkreis gab. Er könnte an seinen Neffen gedacht haben, gefallen 1943 in Rußland (GAj2012), an seinen Cousin, der 1945 in Zollchow nach schwerer Folterung durch die Russen mitsamt seiner ganzen Familie Selbstmord begangen hat (Prbl2017). Weiter:
Sehr verwandt ist auch ein Wort von U. v. Hutten, wenn er schreibt: „Sterben kann ich, aber Deutschland sterben sehen, kann ich nicht.“
Das hat mein Opa aus der Erinnerung zitiert - aber nicht ganz richtig. Das Original-Zitat von Ulrich von Hutten lautet: "Sterben kann ich, aber Knecht sein kann ich nicht." Im Gesamtzusammenhang lautet es:
Wenn die Feinde der Tyrannei des römischen Papstes, wenn alle mutigen Verfechter der Wahrheit und Freiheit Lutheraner genannt werden, dann will ich lieber diesen Namen tragen, als meiner Pflicht, wider Rom zu kämpfen, untreu werden. Denn sterben kann ich, aber Knecht sein kann ich nicht! Auch Deutschland geknechtet sehen, kann ich nicht.

Mein Opa schrieb am 16. April 1960:

In dem oben angeführten Buch (Walter Löhde, Schiller im politischen Geschehen seiner Zeit) steht ein ganz besonders guter Ausspruch von Lessing: „Ich habe keine Lust, mich mit Narren zu unterhalten“. Den Satz muß man zu allen Zeiten beherzigen. Denn es hat gar keinen Wert, mit Menschen zu reden, die nicht weiter denken können, als ein Schwein scheißt. Dazu kommt noch die große Schar derjenigen, die wohl denken können, aber ohne Wärme ums Herz und Gemüt. Kalt, herzlos, verlogen und schlecht. Diesen geht man am besten auch möglichst aus dem Wege.

Soweit einige Ergänzungen zum vorherigen Blogbeitrag (hier zurück zum ---> ersten Teil). Aus all dem wird erkennbar: Mein Opa hätte sich über die Blogarbeit seines Enkelsohnes sehr gefreut und wäre ihr mit großem Interesse gefolgt. Die Fragen des Lebens - für den einzelnen und die Völker insgesamt - sind ähnliche geblieben.

Und ich spüre bei meinem Opa doch ein gewisses beunruhigtes Bohren im Nachdenken und Nachsinnen, das auch weiterhin Ansporn sein kann. Unsere Vorfahren haben über so viele Fragen so ernsthaft gegrübelt, haben in ihrem Handeln versucht, das Rechte zu treffen. Sind wir heute schon gar so arg über sie hinaus gekommen?




/ Letzte Ergänzungen, 
Überarbeitungen:
30.4.17, 2.10.17 /

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  1. Ein Autor, Redner und Ordner der Ludendorff-Bewegung, der auch die Nutzung der Atomenergie kämpfte.
  2. 1951 erschien das nationalrevolutionäre, von der DDR finanzierte "Deutscher Beobachter - Unabhängiges, gesamtdeutsches Wochenblatt". Da dies aber offenbar nur ein Jahr erschien, kann dies hier von meinem Opa nicht gemeint sein.
  3. Bading, Ingo: Bauern, Büdner, Häusler und Kuhhirten Meine Oma und ihre Vorfahren aus dem Dorf Zollchow im Havelland. Preußenblog, 30. September 2017, http://preussenlebt.blogspot.de/2017/09/bauern-budner-hausler-und-kuhhirten.html 

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