"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Sonntag, 7. August 2011

Der Schriftsteller Walter Erich von Bebenburg/Richartz (1927-1980)

Ein erschütterndes Lebensschicksal
/ Vorbemerkung: Dieser Aufsatz hat eine Aktualisierung erhalten - siehe hier --> Stud.gr. Nat. 4/2017. Um unsere Erkenntniswege transparent zu halten, soll er hier in der ursprünglichen Form eingestellt und veröffentlicht bleiben, auch wenn er noch nicht alles Wesentliche enthält, was wir heute über die Hintergründe zum Lebensschicksal von Walter Erich von Bebenburg wissen. / 

Der Schriftsteller des Absurden Walter Erich von Bebenburg (1927-1980) (Wiki) war mütterlicherseits ein Enkelsohn der naturalistischen Philosophin und Psychologin Mathilde Ludendorff (1877-1966). Da seine allein erziehende Mutter Ingeborg die meiste Zeit seiner Kindheit und Jugend bei ihrer eigenen Mutter und bei ihrem Stiefvater Erich Ludendorff lebte (1) und schließlich auch den nachmaligen Leiter des Nachfolgeverlages des Ludendorff-Verlages heiratete, des 1949 gegründeten Verlages Hohe Warte, nämlich Franz Karg von Bebenburg, gibt es kaum einen Angehörigen seiner Generation, der persönlich einer Frau wie Mathilde Ludendorff näher gestanden ist, als er.

Abb. 1: (Wohl) Walter Erich von Bebenburg an der Hand seiner Großmutter Mathilde Ludendorff am 70. Geburtstag Erich Ludendorffs in Tutzing am 9. April 1935 - (Ehrenposten vor dem Haus, hinter beiden General Bronsart von Schellendorf) (Herkunft: Ebay, Oktober 2014)

Mathilde Ludendorff hat in ihrer philosophischen Psychologie von den besonderen seelischen Gesetzen gesprochen, unter denen nahe Angehörige - und auch enge Mitarbeiter - von schöpferischen Menschen, von Kulturschaffenden stehen. Und sie hat diese Gesetze und seelischen Gefahren noch einmal um so bedrohlicher erachtet, um so umkämpfter und umfehdeter jenes Geistesgut ist, für das diese Kulturschaffenden und Mitarbeiter in ihrem Leben - und oft auch mit ihrem Leben - stehen.

Natürlich dachte sie dabei auch an sich selbst und ihre Angehörigen. Doch wer würde bei diesen Worten Mathilde Ludendorffs nicht auch an das Lebensschicksal von Friedemann Bach denken, des ältesten Sohnes von Johann Sebastian Bach? Zumindest so wie es in der romanhaften Biographie von Albert Emil Bachvogel und in der ihr folgenden Verfilmung von 1941 dargestellt ist? Wer würde dabei nicht an die schweren Sorgen Ludwigs van Beethoven denken, die ihm nach dem Tod seines Bruders die Vaterpflichten für seinen Neffen Johann (?) auferlegten? Wer würde dabei nicht an den ältesten Sohn von Theodor Storm denken, dem sein Vater viele schwere Stunden durchwachter, sorgenvoller Nächte widmete?

Wer würde dabei nicht an jene zahlreichen Werke etwa des niederländischen Malers Rembrandt van Rijn denken, in denen er sich das Thema "verlorener Sohn" stellte? Wer nicht an die "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke, die zahlreiche autobiographische Züge enthalten und die auch mit dem Thema des "verlorenen Sohnes" enden? "Man wird mich schwer davon überzeugen," so leitete Rilke diesen Teil ein, "dass die Geschichte des verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt werden wollte ..."

Abb. 2: (Wohl) Walter Erich von Bebenburg an der Hand seiner Großmutter Mathilde Ludendorff am 70. Geburtstag Erich Ludendorffs in Tutzing am 9. April 1935 - (neben beiden General Bronsart von Schellendorf, hinter ihnen Frieda Stahl [?]) - wohl auf dem Weg zur Ehrenformation für Erich Ludendorff (Herkunft: Ebay, Oktober 2014)

Auch wenn man sich in der politischen und kulturellen Geschichte des 20. Jahrhunderts sonst umsieht, wird man mancherlei besondere Spannungen im Verhältnis von Eltern und Kindern finden können. Etwa im Lebensschicksal von Bernward Vesper (1938-1971) (Wiki), dem langjährigen Freund von Gudrun Ensslin, Sohn des viel gelesenen nationalsozialistischen Schriftstellers Will Vesper (1882-1962) (Wiki). (Auf dem Foto von Abbildung 6 Vater und Sohn im Jahr 1957.)

Ein Enkelsohn Mathilde Ludendorffs wird zu einem Schriftsteller des Absurden

Immer wieder kommt Mathilde Ludendorff im sechsten Band ihrer Lebenserinnerungen auf "das Walterchen" zu sprechen. Als sie 1930 ihre psychologische Philosophie der Kinderseele und der Erziehung schrieb ("Des Kindes Seele und der Eltern Amt") krabbelte es um ihre Füße herum. Und es versonnte auch in den Folgemonaten und -jahren, wie sie schrieb, immer wieder den Alltag der Großeltern. In einem Brief an ihre eigene Mutter und an ihre Schwestern schreibt Mathilde Ludendorff am 12. August 1932 vom Starnberger See aus unter anderem (zit. n. 1, S. 263):

Bei der Tagung war zufällig Walterchen drei Tage bei uns, da Ingeborg in Stuttgart eingeladen war. Er war lieb und artig, fragte nur so drauf los. Das hat mich sehr ausgeruht. So fragte er unter allerhand Unsinn auch auf einmal: "Omama, wie tief ist denn die Nacht?" - "Wie meinst Du das?" - "Na, am Tag, da sehe ich wie tief alles ist, wie weit da Ammerland fort ist und der Dampfer, aber in der Nacht, da sehe ich das Ufer nicht."

Wir sprachen bei Tisch, daß ich am Sonntag die "Moral" behandeln werde. Da fragte das Bubchen: "Was ist denn Moral?" Erich sagte: "Das Artigsein, aber Du bist ja sehr artig hier, willst Du denn auch bei der Mama artig sein?" Da sagte er im Brustton der Überzeugung: "Opa, ich kann überhaupt nicht mehr unartig sein, denn ich kann ja neuerdings einen Zeppelin zeichnen; das war ja nur schuld, weil das ja noch nicht ging, jetzt bin ich immer artig!" - Ein süßes Kind, aber wie wird es, wie kann es einmal werden? -
Diesen Band Lebenserinnerungen schrieb Mathilde Ludendorf im Frühjahr 1937 nieder. Als sie ihre Lebenserinnerungen 1955 (nach einigen Anmerkungen zu schließen) das letzte mal durchsah, um sie druckfertig zu machen, da wird sie zu dieser Frage schon konkretere Gedanken gehabt haben. Es kam ihr aber offenbar nicht in den Sinn, diesen Brief um diese schon etwas besorgten Gedanken zu kürzen.

Drei Jahre später, 1935, als Walter Erich acht Jahre alt ist, sieht man ihn an der Hand seiner Großmutter auf seltenen Fotos vom 70. Geburtstag Erich Ludendorffs in Tutzing am 9. April 1935 (siehe Abbildungen 1 und 2), die im Oktober 2014 auf Ebay zum Verkauf angeboten wurden.

Selbst noch das Niederschreiben der eben genannten Lebenserinnerungen Mathilde Ludendorffs steht in einem gewissen Zusammenhang mit diesem Enkelkind. Berichtet Mathilde Ludendorff doch im fünften Band derselben (1967, S. 11f):
Es war der erste Morgen des Jahres 1937. Bei unserem Frühgang am Seeufer hörten wir den jubelnden Ruf "Prost Neujahr", den unser Enkelkind uns vom Giebelstübchen aus entgegen sandte, um uns durch diese unerwartete List das Neujahr abzugewinnen. (...) Dann aber wurde mein Mann ernst und sagte: "Wir wollen nicht fahrlässig sein und deshalb dieses Jahr wieder damit beginnen, an unseren Lebenserinnerungen weiter zu schreiben."

Gemäß des Wunsches von Mathilde Ludendorff wurden die letzten beiden Bände ihrer Lebenserinnerungen erst nach ihrem Tod veröffentlicht. Sie starb 1966. Der sechste Band wurde 1968 vom Stiefvater Walter von Bebenburgs veröffentlicht.

Abb. 3: Mathilde und Erich Ludendorff auf einem Spaziergang mit ihrem "Walterchen", wohl 1936 oder 1937 (aus: 4)

1937 war das Walter Erich zehn, 1938 elf Jahre alt. 

"Das Haus mit dem Sonnenschein des Kinderlachens durchsonnt"

Und 1938 schrieb Mathilde Ludendorff über ihn, ohne seinen Namen zu nennen, wobei sie auf ihre schon niedergeschriebenen Lebenserinnerungen Bezug nahm (11, S. 129):

In meinen Lebenserinnerungen habe ich die Sonnenseite eines ernsten Schicksals, die schon vom zweiten Jahre unserer Ehe an auf Jahre hinaus mein Enkelsöhnchen in unser Haus führte, berichtet und manches liebe Vorkommnis erzählt, das unser Haus voll ernsten Kampfes mit dem Sonnenschein des Kinderlachens durchhellt hat. In jenen Jahren und später, als der Junge jedes Jahr für lange Ferienwochen in Tutzing zu Gast war, ward er von großväterlicher Liebe überschüttet. Auf den Spaziergängen ließ der Feldherr sich Kindermärchen und später Heldensagen von dem Knaben erzählen, äußerte seine Spannung auf den Fortgang, rätselte, wie es nun weitergehen werde, und freute sich über des Kindes Glückseligkeit, aber auch über die Früchte eines klaren Rasseerkennens in jungen Deutschen Kinderseelen. Wie manches Mal hat auch der Großvater die Waffenkammer mit den selbst geschnitzten Schwertern, Schilden und Lanzen besichtigt und die Waffen ausgewählt, die der Enkel am anderen Morgen, wenn er uns auf unserem Frühgange entgegen trabte, mitbringen sollte. Dann schritt er stolz vor uns her nach Hause, und wir beteuerten, wie nötig uns sein Schutz sei. Reich fluten die lieben Erinnerungen an alle die sonnigen Stunden durch meine Seele.

In ihrer Kinderpsychologie vertritt Mathilde Ludendorff die Meinung, daß Kinderseelen der "Volksseele", die aus dem Unterbewusstsein des Menschen heraus wirken würde, noch näher stehen würden als die Erwachsenen, und dass aus dieser heraus auch ihr kindliches Handeln sehr häufig entspringen würde. Dies ist hier angesprochen, wenn in der Sprache der damaligen Zeit von "klarer Rasseerkenntnis in jungen Deutschen Kinderseelen" gesprochen wird. Wobei sie auch die Volksdichtungen der Märchen und Heldensagen als aus der Volksseele heraus gestaltet ansieht, worauf zu einem großen Teil die Wirkung derselben auf Kinderseelen beruhen würde..

In einer Stelle ihres Buches "Des Kindes Seele und der Eltern Amt" hat Mathilde Ludendorff womöglich ebenfalls an ihr Zusammenleben mit ihrem Walterchen gedacht. Sie lautet (1954, S. 183):

Es läßt sich kaum etwas Köstlicheres denken als dies Familienleben genialer Eltern mit ihren Kleinen. Es birgt einen wunderreichen Zauber des tagtäglichen Erlebens, wie er harmonischer und inniger kaum ersonnen werden kann. Die Vertreibung aus diesem Paradies schließt sich meist bald an den Eintritt der Kinder in die Schule an. Die Schar der Altersgenossen, die aus einem ganz anders gearteten Familienleben kommen, und gar manche andere Ereignisse bewirken, daß die Einsargung des Ichs

- eine nach Mathilde Ludendorff wichtige seelische Gesetzmäßigkeit beim Älterwerden - 

rasche Fortschritte macht.

Ob nun das Erscheinen der Lebenserinnerungen Mathilde Ludendorffs im Jahr 1968 einer der Auslöser für Walter Erich von Bebenburg war dafür, den Roman "Tod den Ärtzten" zu schreiben? 


"Ein süßes Kind, aber wie wird es, wie kann es einmal werden?"


Dieser wurde jedenfalls 1969 unter seinem Schriftstellernamen Walter Richartz veröffentlicht (2). Er ist mit Recht als eine Auseinandersetzung mit der Ludendorff-Bewegung (Wiki) empfunden worden und mit der geistigen Umwelt, in der Walter Erich von Bebenburg als Enkelsohn Mathilde Ludendorffs aufgewachsen war. Diesen Umstand kann man jedenfalls als Grund genug betrachten, sich denselben und den Lebensgang Walter Erich von Bebenburgs insgesamt im Rahmen der Themenstellungen der "Studiengruppe Naturalismus" genauer anzusehen (3).


Nur nebenberuflich war Walter Erich von Bebenburg /Richartz als Schriftsteller tätig. Hauptberuflich war er Leitender Chemiker bei der Firma Degussa in Frankfurt am Main. Bis zu seinem Lebensende hat er unter Schriftstellern viele Freunde gehabt. Noch heute wird er von vielen Literaturkennern geschätzt. Einer seiner Freunde, Sven Hanuschek, faßt auf Paraplui.de die schriftstellerische Lebensleistung von Walter von Bebenburg/Richartz folgendermaßen zusammen:
Richartz hat vier große Romane veröffentlicht, elf Erzählungsbände (zum Teil bei Diogenes und Haffmans, zum Teil in bibliophilen Verlagen), zusammen mit Urs Widmer hat er Shakespeares Stücke in Prosa nach- und neu erzählt (1978), es gibt 13 Hörspiele, außerdem Essays, Stücke, Rezensionen, Editionen, natürlich Forschungsbeiträge auf dem Gebiet der Chemie. Überdies war Richartz ein gefragter Übersetzer, seine Arbeiten auf diesem Gebiet sind weiterhin fast vollständig im Buchhandel lieferbar: Henry David Thoreau, Lewis Carroll, Stephen Crane, Raymond Chandler, Dashiell Hammett, F. Scott Fitzgerald, William Faulkner, Patricia Highsmith, Edward Gorey.
Abb. 4: 1969

Was nun den Leser an dem Roman "Tod den Ärzten" am meisten verwundert: Warum hat von Walter von Bebenburg das Bedürfnis empfunden, diesen Roman zu schreiben? Was brachte die Vehemenz des schillernden Gedankenreichtums, der vielen skurrilen Erfindungen, auch Worterfindungen in dem Roman hervor? (180 Seiten in der 1997-Ausgabe von Diogenes.) Welche Bedürfnisse waren es, die ihn trieben?

Es ist klar, daß ein so einfallsreicher, skurriler und absurder, "bis an die Grenzen getriebener" Roman den Verfasser innerlich umtreiben muß. Man könnte sich ja denken: Zehn Seiten zu dem Thema "Verschwörungstheorie" einmal ganz drollig und witzig, skurril zusammen geschrieben, sollten doch reichen, um ein Bedürfnis zu stillen. Ein solches Thema erschöpft sich doch irgend wann auch einmal. Für Walter von Bebenburg, respektive Richartz galt das aber - augenscheinlich - nicht. Beim Lesen seines Romanes wird sehr bald deutlich: Um diesen Roman zu schreiben, hatte zuvor sehr viel in ihm "arbeiten" müssen.

Aus der Vermutung heraus, daß seine Großmutter Mathilde Ludendorff, in deren nächster Nähe er fast von Geburt an aufgewachsen ist, jene Frau war, die am meisten Einfluß auf seine Jugend ausgeübt hat (3, 4), ist auch an den Beginn einer - auch biographischen - Studie über von Walter von Bebenburg / Richartz ein Foto des neunjährigen Walter von Bebenburg gebracht worden: Auf einem Spaziergang zusammen mit seinen Großeltern Mathilde und Erich Ludendorff. Sommer 1936 gezeigt (s. Abb. 3) (3).

Die Rezensionen zu dem Roman "Tod den Ärtzten" waren seiner Zeit begeistert. Noch heute hat Walter von Bebenburg manchen Anhänger unter Schriftstellern und in der Literaturwissenschaft. "Die Zeit" etwa schreibt:

Ein völlig außer Rand und Band geratenes explosives und komisches Pamphlet, wie es gerade die deutsche Literatur selten hervorbringt.
Die "Neue Züricher Zeitung" schreibt:
Ein hochaktureller politischer Roman, einer der eindrücklichsten und überzeugendsten, die uns in den vergangenen Jahren erreichten. Richartz hat eine beneidenswerte Position innerhalb der zeitgenössischen Prosa inne.
Die "Frankfurter Rundschau" (2, S. 189):
"Der aggressivste deutsche Schriftsteller unserer Zeit." "... seine harte Wortkunst."
Abb. 5

Der Roman spielt sehr mit der absurden Sinnlosigkeit, mit dem "Existentialistischen" in allen Erscheinungen des persönlichen und gesellschaftlichen Lebens. Das heutige Zeitbewußtsein muß sich davon, insofern es Verantwortungsgefühl besitzt, nicht mehr besonders angesprochen fühlen. Es ist vielleicht auch ein ernsthafteres, weniger "verwitzeltes". Man macht sich quasi nicht mehr über alles und jedes lustig, wie das offenbar so stark das Bedürfnis jener 1968-er Generation gewesen ist, zu der Walter von Bebenburg, resp. Richartz gehört hat. Gerne kürzte er seinen Schriftstellernamen (Walter Erich Richartz) geheimnisvoll-verspielt mit "W.E.R." ab.

Der Roman zeigt zumindest eines auf: Walter Erich von Bebenburg war bestimmt nicht unbegabt. Sollte es genau dieser Umstand gewesen sein, der Menschen, die Mathilde Ludendorff nicht freundlich gesonnen waren, dazu veranlaßt hat, auf ihren geliebten "Walter" in seiner Jugendzeit schlechte Einflüsse auszuüben? Diese Frage soll im folgenden behandelt werden.

Abb. 6: Will und Bernward Vesper, 1957 - Vater und Sohn

Die Eigenart des Romans "Tod den Ärtzten" von Walter Richartz/von Bebenburg kann man sich auch verdeutlichen, wenn man ihn mit dem Roman "1984" von George Orwell vergleicht, erschienen 1948.


Vergleich mit "1984" von George Orwell


Die Themen sind grob gesehen ähnlich: Es gibt eine Weltverschwörung - den "Big Brother" und eine führende Klasse (Orwell), bzw. die alles beherrschenden "Ärtzte" (von Bebenburg). Und es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, die das Wagnis eingehen, sich gegen diese große "Weltverschwörung" zu stellen. Die Ludendorff-Bewegung sah und sieht sich unter anderem als eine solche Gruppierung an, ähnlich wie die heutigen "Infokrieger". George Orwell empfand sich als ohnmächtig gegenüber einem solchen "Big Brother" und nahm sich nach Vollendung seines Romanes das Leben.


Aber auch der Unterschied zu von Bebenburg/Richartz wird bald deutlich: Orwell hat im letzten Sinne nicht gespielt. Es war ihm ernst, wenn er den "englischen Sozialismus" ("engSoz") der Beteiligung an dieser Verschwörung anklagte. "1984", so ist von wissenschaftlichen Orwell-Biographien gut verdeutlicht (etwa von Schröder), beschreibt - nach Orwell's Verständnis - einfach nur die Situation von "1948", nicht eine Zukunftsvision. Es beschreibt seine Kriegserfahrungen als Mitarbeiter der BBC, des "Wahrheitsministeriums" seines Romans. Bei Walter von Bebenburg /Richartz hingegen wird nirgendwo Ernst erkennbar. Er dreht alles ins Witzige, Skurrile, Absurde, Lächerliche.


Es erübrigt sich die Frage: Was will Walter von Bebenburg/Richartz mit diesem Roman? Die Worte der "Frankfurter Rundschau"
Die Kaputtmacher, Naturschänder und Lebensverächter aller Schattierungen waren seines wuchtigen Einspruchs sicher

könnten eher absurde Sätze des Romanes selbst sein, als daß mit ihnen wirklich sinnvoll charakterisiert werden könnte, was Walter von Bebenburg/Richartz nun eigentlich mit seinem Roman hätte bewirken wollen. Gab es überhaupt irgendwelche "Absichten"? Oder steht hinter diesem Roman wie hinter allem bloß die krude, ganz und gar unbeantwortete Frage: "W.E.R."? - Wer bin ich eigentlich?


Worin lag das Bedürfnis, "Tod den Ärtzten" zu schreiben?

Über Walter von Bebenburg/Richartz ist schon 1994 eine wissenschaftliche, auch biograpische Studie als Dissertation erstellt worden (4). Im Jahr 2007 stellte die renommierte literaturwissenschaftliche Zeitschrift "Die Horen" in einem 368-Seiten starken Band die Schriftsteller Walter von Bebenburg/Richartz und Günter Graß nebeneinander (5).


Abb. 7: "Doppel-Talente Günter Grass und Walter E. Richartz" (2007)

Der als schlank und hochgewachsen geschilderte Walter von Bebenburg/Richartz entstand als Sohn einer kurzen Ehe der ältesten Tochter Mathilde Ludendorffs, die diese mit seinem leiblichen Vater, einem "flotten" Marineoffizier und Schürzenjäger, eingegangen war. Es war der Korvettenkapitän a. D. Karl Richartz, damals "Herr auf Griemshorst bei Stade" (12). Nach der Scheidung der Mutter verbrachte Walter Erich eine verträumte Kindheit und Jugend (4, S. 21):

Man bezog 1938 ein neues Haus in dem Ort Pähl, der sich wenige Kilometer von Tutzing entfernt befindet. (...) Richartz fuhr jeden Tag in die Kreisstadt Weilheilm/Oberbayern, um die dortige Oberschule zu besuchen. Da seine Mutter ihn weitgehend gewähren ließ und sein strengerer Stiefvater für die Dauer des gesamten Zweiten Weltkrieges Soldat war und nach seiner Rückkehr im Sommer 1945 zunächst als reisender Buchhändler arbeitete, konnte sich Richartz, wenngleich isolierter, so doch in gewisser Weise eigenständiger entwickeln.
Nach dem Abitur noch 1944 zum Kriegsdienst an die Ostfront eingezogen, konnte er nach kurzer russischer Kriegsgefangenschaft, aus der er floh, noch im Frühjahr 1945 in die Heimat zurückkehren (4, S. 21):
Von den Menschen seiner Umgebung dürfte die Großmutter mit ihrem energischen und - abseits der Feindbilder - durchaus warmherzigen Wesen den größten Eindruck auf Richartz hinterlassen haben. (...) Anfang 1946, 19 Jahre nach der Geburt von Walter Richartz, gebar seine Mutter einen zweiten Sohn. Bis zu ihrem Tod im Jahre 1970 verfiel sie seitdem in schwere manisch-depressive Zustände. Richartz liebte seine Mutter, doch der "weltanschauliche" Graben war später unüberwindlich geworden, da seine Mutter Anhängerin der "Ludendorff-Bewegung" blieb.
Walter von Bebenburg nannte sich als Schriftsteller nach seinem leiblichen Vater Karl Richarz (1887- 1966) (ab), einem früheren Korvettenkapitän und Marineschriftsteller (Amaz.), der in beiden Weltkriegen Kriegsdienst geleistet hatte, zu dem er aber nie eine engere Bindung entwickelte. Mathilde Ludendorff deutet in ihren Lebenserinnerungen an, daß seine geschiedene Mutter Ingeborg mit Unterstützung ihrer Eltern Mathilde und Erich Ludendorff um 1930 herum schwere und langwierige gerichtliche Auseinandersetzung auszustehen hatte, um das alleinige Sorgerecht für ihren Sohn zugesprochen zu erhalten. Seinen bürgerlichen Namen von Bebenburg hatte Walter erhalten, nachdem seine Mutter Franz Karg von Bebenburg geheiratet hatte und dieser ihn adoptiert hatte.

Im Winter 1945/46 begann Walter von Bebenburg in München ein Chemie-Studium.
"In erster Zeit bewohnte er ein Zimmer im Haus seiner Großmutter." (Also in Tutzing.) "Seit 1948 hatte er in München ein eigenes Zimmer." (4, S. 22)

Walter von Bebenburg hat also die Einquartierung der Flüchtlinge bei seiner Großmutter und die häufigen Befragungen und Verhöre derselben durch die amerikanischen Besatzungsoffiziere miterlebt.


1949 - Besuch beim Vater in Hamburg ...
Abb. 8

In seinem Freundeskreis begann sich Walter jedoch intensiv mit Jazz-Musik zu beschäftigen, was schon eine innere Abkehr von seiner Großmutter andeutete. Mit 22 Jahren, 1949, besuchte nun Walter von Bebenburg erstmals seinen Vater Karl Richarz in Hamburg. Dies schildert er in seiner 1966 erschienenen Erzählung "Prüfungen eines braven Sohnes". In der Umgebung seines Vaters, den er insgesamt nicht als sehr sympathisch schilderte, herrschte nun nach seiner Darstellung auf dem Gebiet des Geschlechtlichen ein so lockerer Umgangston, daß man fast sagen muß, es wäre die Absicht dieser Umgebung gewesen, ihn dort zusammen mit einer jungen Verwandten sein Ersterlebnis auf dem Gebiet des Geschlechtlichen erleben zu lassen. So berichtete es Walter von Bebenburg selbst in der genannten Erzählung.

Wenn man bedenkt, welche hohe Bedeutung die Psychologin Mathilde Ludendorff in ihrer Sexualpsychologie dem Ersterlebnis zuspricht, bekommt man eine Ahnung davon, mit welchem Entsetzen Mathilde Ludendorff diese Erzählung gelesen hätte, wäre sie nicht im Jahr des Erscheinens derselben gestorben.

... als Folge einer verkommenen, christlichen Intrige des Bruders Mathilde Ludendorffs?

Einen zusätzlichen Schlüssel zu den Vorgängen rund um diesen "braven Sohn" erhält man aber, wenn man einen Brief liest, den Mathilde Ludendorff in dieser Zeit an ihren Bruder Fritz Spieß geschrieben hat. Fritz Spieß war im Gegensatz zu seinen drei Schwestern nicht aus der Kirche ausgetreten und hat innerhalb der Familie einen sehr christlichen Standpunkt vertreten. Er war empört, daß seine Mutter kein christliches Begräbnis erhalten hatte, sondern noch vor ihrem Tod aus der Kirche ausgetreten war und Mitglied in der weltanschaulichen Vereinigung "Deutschvolk e.V." geworden war, der Vorgängervereinigung des "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)", den ihre Tochter und ihr berühmter Schwiegersohn gegründet hatten, und daß sie deshalb auch ein entsprechendes nichtchristliches Begräbnis wünschte.


Mathilde Ludendorff schrieb nun im Januar 1950 an ihren Bruder. Und sie schrieb dabei auch von ihrem Sohn Hanno, der laut Auskünften aus dem Umkreis der Urenkel von Mathilde Ludendorff (vom 28.12.2011), 1946 geheiratet hatte und im August 1947 Vater seiner Tochter Hannelore von Kemnitz geworden ist (6 - 8), ein Enkelkind Mathilde Ludendorffs, von dessen angeratener Taufe offenbar im folgenden Brief die Rede ist. Ebenso ist von ihrer beider Schwester Frieda Stahl, geborene Spieß, der Pianistin, die Rede und ihrem Enkelkind und von ihrer beider Schwester Lina Richter, geborene Spieß, der Malerin und Zeichnerin:

Tutzing den 21.1.50
Lieber Fritz,

Durch Zufälle kam es mir zur Kenntnis, daß Du ohne mit der Mutter von Walter, mit Ingeborg und Franz, der Walter adoptiert hat, Walter die Anregung gegeben hast, mit seinem Vater Richarz und seiner Halbschwester ohne Wissen seiner Eltern in Verbindung zu treten. Zum Glück hatte Walter nach langen Wochen, in denen er seinen Eltern mit Verschweigen der Wahrheit, also mit Unwahrhaftigkeit gegenüberstand endlich die Kraft, wenigstens nachträglich den Eltern Mitteilung zu machen. Du hast bei dem Zusammentreffen mit Ingeborg weder vorher noch nachher über Deine Worte zu Walter gesprochen, erst recht mir kein Sterbenswort bei unserem Zusammensein gesagt.

Ebenso erfuhr ich auf meine Frage hin, daß Du den Versuch machtest, Hanno zu überzeugen, eine christliche Taufe meines Enkelkindes sei wegen Erschwernissen in der Schule und Nachteile im Leben nötig oder anzuraten. Nur der Umstand, daß Hanno es ablehnte, die ernste Frage religiöser Überzeugung nach solchen Gesichtspunkten zu entscheiden, hat es verhindert, daß mir der gleiche Schmerz bereitet wurde wie ihn Friedel durchlebte, als ihr einziger 6-jähriger Enkel in einer Überzeugung getauft wurde, die sie gründlich ablehnt oder aber Hanno hinter meinem Rücken das Kind hätte taufen lassen!!!

Wir haben, das ergibt sich aus den Tatsachen, so grundverschiedene Auffassungen über die Offenheit, die man Geschwistern gegenüber schuldet, ehe man in so wichtigen Fragen deren Kinder und Enkel im entgegengesetzten Sinne der Überzeugung der Geschwister zu beeinflussen beginnt, daß mir, die ich solche grundsätzliche Offenheit als notwendige Voraussetzung geschwisterlichen Vertrauens ansehe und eine Auseinandersetzung über diese unterschiedlichen Auffassungen niemals als eine Überwindung derselben ansehen könnte, daß mir nur die Möglichkeit bleibt, mir klar zu sagen, einen Bruder nach meiner Auffassung, also einen Menschen, der niemals in so wesentlichen Fragen meine Kinder oder Enkel meiner Überzeugung entgegen beeinflußt oder beeinflussen will, ohne mir, der Mutter oder Großmutter zuvor das offen zu sagen, habe ich nicht.

Das hindert mich natürlich nicht, Dir von Herzen alles Gute für Deinen Lebensabend, der ja nun wieder etwas rosiger vor Dir liegt, zu wünschen.

Meinen Kindern, die ein wundervolles Band des Vertrauens zu mir haben, habe ich vom Inhalte dieses Briefes Kenntnis gegeben und ich weiß schon zuvor, daß sie meinen Entschluß voll und ganz verstehen, Lining und Friedel haben mir schon ausgesprochen, daß auch sie keinen anderen Weg für mich sehen.

Für Dein warmes Mitgefühl an meiner Lage sage ich Dir herzlichen Dank. Ich behalte es in meinem Erinnern an die unerträglichsten Jahre meines Lebens. Wenn Du nun meine Kinder und deren Gatten oder meinen Enkel Walter in lebenswichtigen Fragen meiner Überzeugung entgegen beeinflußt oder zu beeinflussen versuchst, so fällt das Unrecht aus, daß Du es mir verschweigst, denn nun bist Du ja von der Pflicht enthoben, mir das mitzuteilen, da ich mich von Dir trenne.

Mit allen guten Wünschen
Tilli

Mathilde Ludendorff, die von der Verführung von Walter (durch seine Halbschwester?) wahrscheinlich nichts wußte, empörte sich schon allein wegen der beabsichtigten Verführung zur Taufe so sehr, daß sie mit ihrem Bruder brach.


Erste Heirat mit 23 Jahren

Nachdem man diese Geschehnisse zur Kenntnis genommen hat, verfolgt man die Lebensschicksale von Walter von Bebenburg mit noch erhöhter Anteilnahme. Noch im Jahr 1950 heiratete er eine Jugendfreundin. Er wechselte zum Wintersemester 1950/51 von der Universität München an die Universität Hamburg. Und schon im Jahr 1952 ließ er sich wieder scheiden.


Im Dezember 1952 beendete er dann sein Studium der Chemie mit der Diplomprüfung. Im Jahr 1955 promovierte er in Chemie und ging 1957 als Chemiker in die USA. Kurz bevor er Deutschland verließ und nachdem er sich von allen Verwandten, auch seinen Eltern und Großeltern in Bayern verabschiedet hatte, lernte er seine spätere zweite Frau kennen (4, S. 24, Anmerkung 17). In den USA heiratete er sie und kehrte im November 1960 zusammen mit dem gemeinsamen ersten Sohn nach Deutschland zurück. Der Sohn wurde ebenfalls Franz benannt wie der Stiefvater Walters von Bebenburg, der auch den Vornamen Franz trug.


Abb. 9
1961 begann Walter von Bebenburg für die nächsten zwanzig Jahre als leitender Angestellter bei der Chemiefirma Degussa in Frankfurt in der Pharmazie zu forschen. Er entwickelte ein neues, gängiges Schmerzmittel. Die genannte literaturwissenschaftliche Studie zu Walter von Bebenburg-Richartz (4) formuliert einen "Dank", in dem es heißt:
Mari, Franz und Pitt von Bebenburg machten mir unveröffentlichte Texte und Photos von Richartz zugänglich und erzählten mir von ihm.
Hiermit sind wohl die zweite Frau und die beiden Kinder angesprochen (4, S. 249):
Ausführliche Gespräche über sein Wesen durfte ich auch mit vielen ehemaligen Freunden, Bekannten, Arbeitskollegen, mit Hochschullehrern und den Verlegern von Richartz führen, wofür allen an dieser Stelle herzlicher Dank gesagt sei.
Zu diesen zählte offensichtlich auch der Stiefvater und Verleger Franz von Bebenburg, denn über das einzige Foto des Buches (siehe oben) heißt es (4, Vorsatztext):
Für die Abdruckerlaubnis der Photographie (Walter E. Richartz mit den Großeltern Mathilde und Erich Ludendorff, 1936) danke ich Herrn Franz von Bebenburg, Dießen/Ammersee.
Walter von Bebenburg-Richartz hat nach seinem Erstlingsroman "Tod den Ärtzten" noch zahlreiche andere Romane und Erzählungen geschrieben, die in diesem Beitrag zunächst nicht mehr behandelt werden sollen. 2012 ist in der Zeitschrift "Chemie in unserer Zeit" Walter E. Richartz' gedacht worden (9, 10):
Ein Spaziergang durch das literarische Werk des Erzählers, Übersetzers, Chemikers, Experimentators und Alltags-Surrealisten von Sven Hanuschek.  In diesem Beitrag steht der Schriftsteller W. E. Richartz im Mittelpunkt. Über den Chemiker berichtet Heribert Offermanns im voranstehenden Kurzaufsatz (S. 158–159).

Die Mutter von Walter von Bebenburg/Richartz starb im Jahr 1970.

Selbstmord 1980

Sein Stiefvater heiratete sehr bald eine neue Frau Duppel, die zwei Söhne mit in die Ehe brachte (Wolfgang und Wilfried Duppel, die beide heute sozusagen "Schaltstellen" innerhalb der Ludendorff-Bewegung besetzen).

Abb. 10: "Büroroman"
Walter von Bebenburg/Richartz gab im Jahr 1979 seine Arbeit als Leitender Angestellter bei Degussa auf, da er unter dieser trotz aller beruflichen Erfolge sehr litt. Dieses Leiden spiegelt sich unter anderem in seinem "Büroroman" wieder. Er wollte sich - wie ihm das schon von vielen zuvor angeraten worden war - vollzeitlich dem Schriftsteller-Beruf zu widmen (4, S. 194 - 196):

Den Erinnerungen von Freunden und Bekannten zufolge hatte Richartz große Angst, durch den Wechsel zum Beruf des freien Schriftstellers in Armut zu geraten. (...) Doch Gründe, sich schon bald in der Gosse enden zu sehen, bestanden eigentlich nicht. (...)

Im Frühjahr 1979 lud Richartz zusammen mit seiner Ehefrau zu einem "Befreiungsfest" nach Hungen ein, im darauffolgenden Sommer verließ er sie und das gemeinsame Haus in Sprendlingen-Buchschlag, südlich von Frankfurt. Ende August 1979 mietete er sich eine kleine Wohnung in Frankfurt-Bornheim und pendelte fortan zwischen seiner Wohnung in Hungen, der Frankfurter Stadtwohnung, der Firma und dem Wohnort seiner Geliebten hin und her. Bereits im Oktober 1979 versuchte er, sich mit Schlaftabletten das Leben zu nehmen.

In seinen letzten Lebensmonaten entfremdete er sich fast völlig von der Hungener Schloßgemeinschaft und von den Mitgliedern der [Schriftsteller-Vereinigung] "Patio". Auch die Zeit mit den durchaus geschätzten Kollegen in der Firma ging nun endgültig zu Ende.

Regelmäßig sah er nur noch seine Geliebte, die sich jedoch nicht fest an ihn binden wollte. Wie es heißt, kämpfte er in den Zeiten der Trennung von ihr fast ohnmächtig gegen seine übergroßen, plötzlich freigewordenen Verschmelzungssehnsüchte. Richartz hielt das Experiment, freier Schriftsteller zu werden, für gescheitert. Sein letzter öffentlicher Auftritt war Ende Januar 1980 in Berlin anläßlich einer Lesung. Wenige Tage später vergiftete er sich in einem Waldstück oberhalb von Klingenberg am Main. (Der Todesort von Richartz befindet sich am Rande einer ehemaligen germanischen Fluchtburg.)

Richartz war zeitlebens ein ungeheuer tatkräftiger, arbeitsamer, fleißiger Mensch gewesen. Ein Schriftstellerfreund vermutete (4, S. 234):

Als er dem Käfig entsprang, ging er aus Mangel an Gerüst zugrunde, wie Weichtiere sterben, wenn ihnen die Schale zerschlagen wird.

Man kann seine Ergriffenheit oder Erschütterung angesichts dieses Lebensschicksales nicht verhehlen.

Nachkommen Walter Erich von Bebenburgs

Es sei noch angefügt und ergänzt: Einer seiner Söhne ist Pitt von Bebenburg (geb. 1962 - siehe Bild), ein viel schreibender Korrespondent der "Frankfurter Rundschau" am Wiesbadener Landtag (Fr. Rdsch.).

Abb. 11: Pitt von Bebenburg

Er scheint sich als politisch linksstehend zu empfinden, scheint das aber auch ähnlich kritisch zu sehen, wie etwa ein Jan Fleischhauer. Am 19. Januar 2010 hat er nämlich im Rahmen einer Veranstaltung der Friedrich Naumann-Stiftung mit dem Autor des Buches "Unter Linken", Jan Fleischhauer, diskutiert

über das „Lebensgefühl Links“ und die persönlichen Erfahrungen mit „den Linken“.
Hierfür wurde er folgendermaßen vorgestellt:
48, verheiratet, ist Hessen-Korrespondent der Frankfurter Rundschau. Studium der Soziologie. Journalistische Tätigkeit seit 1980 überwiegend für die FR, zeitweise auch für den Sender Freies Berlin (Fernsehen) und den Hessischen Rundfunk (Hörfunk). Politischer FR-Redakteur seit 1991, FR-Korrespondent in Berlin (2000 bis 2003) und in Wiesbaden (seit 2005).

In der "Frankfurter Rundschau" hat er in den letzten Jahren eine Vielzahl von Artikeln veröffentlicht (--> Übersicht abc). Er beschäftigt sich mit dem Ausgang von Wahlen ebenso wie mit hochpolitischen Affären wie die um die hessischen Steuerprüfer (hier eine nur eine ganz kleine, willkürliche Auswahl: 5.11.082.9.0927.9.0928.9.096.1.10).



/ Erster Entwurf: 10.10.2007, 
Ergänzungen, Überarbeitungen: 
2010, 2011, 9.2.13, 4.10.14, 30.5.15, 10.11.15 /

_____________________
  1. Ludendorff, Mathilde: Freiheitskampf wider eine Welt von Feinden an der Seite des Feldherrn Ludendorff. VI. Teil von "Statt Heiligenschein und Hexenzeichen mein Leben". Verlegt bei Franz von Bebenburg, Pähl 1968
  2. Richartz, Walter E.: Tod den Ärtzten. Roman. (1969) Diogenes Verlag, Zürich 1997
  3. Hanuschek, Sven: Reklame für Richartz. Auf: http://parapluie.de/archiv/epoche/richartz/
  4. Arzt, Gregor: Walter E. Richartz. Über literarische und naturwissenschaftlliche Erkenntnis. Mit einer Bibliographie zu Walter E. Richartz. Igel Verlag Wissenschaft, Paderborn 1995 (Diss. FU Berlin 1994)
  5. Morawietz, Kurt; Tammen, Johann P.: Doppel-Talente. Günter Grass und Walter E. Richartz. Die Horen, Bd. 227, Wirtschaftsverlag, 368 Seiten, 2007
  6. Radler, Rudolf, „Ludendorff, Mathilde, geborene Spieß“, in: Neue Deutsche Biographie 15 (1987), S. 290-292 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd11857485X.html
  7. Bading, Ingo: Hanno von Kemnitz, der Sohn Mathilde Ludendorffs - Fragen zu seinem Nachlaß. Studiengruppe Naturalismus, 17.12.2011
  8. Brief aus dem Umkreis eines Urenkels von Mathilde Ludendorff vom 28.12.2011 
  9. Prof. Dr. Dr. Heribert Offermanns: W.E. Richartz, W. von Bebenburg – Schriftsteller und Chemiker : Doppelbegabung – Doppelexistenz – Doppelbelastung (pages 158–159). Chemie in unserer Zeit  Volume 46, Issue 3, pages 158–159, Juni 2012 First published online: 4 Jun 2012 | DOI: 10.1002/ciuz.201200591
  10. Prof. Dr. phil. Sven Hanuschek: “Walter E. Richartz hat anders getickt als die anderen, aber sehr leise”. First published online: 4 Jun 2012  DOI: 10.1002/ciuz.201200556  In: Chemie in unserer Zeit Volume 46, Issue 3, pages 160–166, Juni 2012 
  11. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938
  12. Scheele, Hans: Ahnentafel des Feldherrn Erich Ludendorff. Zentralstelle für Deutsche Personen- und Familiengeschichte, 1939 (12 S.) [Ahnentafeln berühmter Deutscher, Band 5, Ausgabe 1] (Google Bücher)

Donnerstag, 2. Juni 2011

Paul von Hindenburg - Ein Nachruf von Erich Ludendorff (1934)

Unheilsfiguren der deutschen Geschichte: Paul von Hindenburg, Adolf Hitler - 1933
Erich Ludendorff veröffentlichte in seiner Halbmonatsschrift "Am Heiligen Quell Deutscher Kraft" vom 20.8.1934 einen Nachruf auf Paul von Hindenburg. In seinem Tenor deckt sich dieser so auffallend mit dem heutigen Stand der Forschung zu dem Generalfeldmarschall von Hindenburg (1), daß er hier noch einmal wieder gegeben werden soll:
Der Reichspräsident v. Hindenburg ist am 2. 8. 9 Uhr früh gestorben. Er war im Weltkriege vom 22. 8. 1914 ab Oberbefehlshaber der 8., später der 9. Armee, sowie Oberbefehlshaber Ost, vom 29. 8. 1916 ab Chef des Generalstabes des Feldheeres.

Der Feldherr Ludendorff schreibt in "Meine Kriegserinnerungen", nachdem er auf Bitten von Bekannten, die sich später als Freimaurer entpuppt haben, den ursprünglichen Wortlaut um einiges geändert hatte:

"Ich trug dem Generalfeldmarschall nach Rücksprache mit meinen Mitarbeitern kurz und knapp meine Gedanken für Anlage und Leitung aller Operationen vor. Ich hatte die Genugtuung, daß der Generalfeldmarschall stets - von Tannenberg an bis zu meinem Abgang im Oktober 1918 - mit meinem Denken übereinstimmte und meine Befehlsentwürfe billigte."

Er hat stets das getan, was General Ludendorff vorgeschlagen hat; in diesem lag in den entsprechenden Bereichen der Schwerpunkt der Kriegführung.

Über das Handeln des Generalfeldmarschalls von Hindenburg am 9. und 11. 11. 1918 und am 23. 6. 1919 hat Archivrat Volkmann geschrieben. Wir weisen auf diese beachtenswerten Ausführungen hin.

General v. Hindenburg wurde im April 1925 von den Deutschnationalen und den völkischen Parteien als Reichspräsident gewählt. Er regierte indes im wesentlichen mit Zentrum und Sozialdemokratie. Demzufolge sagte er kurz vor dem Tannenbergtage 1925 den Besuch bei General Ludendorff, zu dem er sich selbst aus eigenem Antriebe angesagt hatte, ab. Locarno-Pakt und Young-Pakt kennzeichnen diese Amtsperiode des Reichspräsidenten.

Er wurde im März 1932 von Sozialdemokratie und Zentrum von neuem als Reichspräsident gewählt, und zwar gegen die Deutschnationalen und Nationalsozialisten. Er wandte sich dann diesen zu und regierte seit dem 30. 1. 1933 mit den Nationalsozialisten.

So der Lebensgang. -
Historiker Prof. Wolfram Pyta
Das - und nicht mehr - wußte General Ludendorff aus Anlaß des Todes von Paul von Hindenburg zu dessen Leben in seiner Zeitschrift zu sagen.

"Ich halte ihn für einen der schlechtesten Charaktere, die je gelebt haben."

In seinen Lebenserinnerungen, die 1936 niedergeschrieben und 1955 veröffentlicht wurden, drückte sich Ludendorff noch deutlicher aus (III. Band, S. 92f):
Ich halte ihn für einen der schlechtesten Charaktere, die je gelebt haben. Er sprach von der Liebe zum Könige und verriet ihn dadurch, daß er ihm den Rat gegeben hatte, nach Holland zu fahren, und zur schwer zu bewegen war, hierfür einen Teil der Verantwortung zu tragen. Mit seiner Zustimmung wurden die Soldatenräte im Heere eingeführt. Während er nach seinem Verrat an mir (am 26. 10. 18) einen Vergleich mit mir erstrebte, ließ er in seinem Buche "Aus meinem Leben" auf Seite 87 jene Stelle einfügen oder schrieb sie selbst - die den Verdacht erwecken sollte, ich hätte in der Durchführung der Schlacht von Tannenberg geschwankt, während er selbst stark geblieben sei -, um sich dadurch "einen Anteil am Siege von Tannenberg" zu sichern. Rechts gewählt, regierte er links, links gewählt, regierte er rechts und hatte als Staatsoberhaupt von der Industrie ein Geschenk angenommen in Neudeck, was ein Staatsoberhaupt nie hätte tun dürfen.
Der Sache nach hat Wolfram Pyta in seiner Hindenburg-Biographie nichts Besseres über Hindenburg zu sagen gewußt. Pyta hat sich höchstens "vornehmer" ausgedrückt.
_____________________________________

  1. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Siedler, München 2007
  2. Wehler, Hans-Ulrich: Zwischen Bismarck und Hitler - Wolfram Pytas herausragende Biographie über Hindenburg, eine deutsche Unheilsfigur. In: Zeit, 46/2007, S. 16

Mittwoch, 6. April 2011

"Ludendorff-Buchhandlungen" - Ein Blick in die Anhängerschaft der Ludendorff-Bewegung

In den 1930er und 1940er Jahren befand sich in der Mitte Berlins, auf einer der bekanntesten Straßen, nämlich in der Friedrichstraße, Ecke Jägerstraße, eine "Ludendorff-Buchhandlung" (Abb. 1). Durch das Ebay-Angebot einer Feldpostkarte aus dem Jahr 1943 (vom Mai 2012) (Abb. 1), sowie durch ein ebensolches Angebot von Quittungen des "Ludendorff's-Verlags, Zweigstelle Berlin, Friedrichstraße 75, Ecke Jägerstraße" aus den Jahren 1938 und 1943 wird man auf diesen Umstand aufmerksam. 

Abb. 1: Ludendorff-Buchhandlung in Berlin (Feldpostkarte aus dem August 1943) **)

Obwohl sowohl die Friedrich- wie die Jägerstraße zu den wichtigsten Straßen in der Kulturgeschichte Berlins gehören und als solche auch schon monographische Behandlung erfahren haben, ist die Existenz einer solchen Ludendorff-Buchhandlung in ihnen offenbar noch nicht erwähnt oder behandelt worden (1).*) In München ist man damit offenbar schon weiter. In einer Veröffentlichung des Jahres 2006 wird der Karlsstraße 6 gedacht, des Verlagssitzes des Ludendorff-Verlages (9, S. 32):

1929 gründeten Ludendorff und seine Frau Mathilde (...) in der Karlsstraße Ludendorffs Volkswarte-Verlag, der nach 1933 als Ludendorffs-Verlag in der Romanstraße 7 firmierte. (...) Der Verlag existierte nach 1945 ohne Unterbrechung weiter und ging 1953 im Verlag Hohe Warte in Pähl bei Weilheim auf, der bis 2003 von Mathilde Ludendorffs Schwiegersohn Franz Freiherr Karg von Bebenburg geleitet wurde.

Ludendorff-Buchhandlungen als Außenstellen des Ludendorff-Verlages in München hat es in den 1930er und 1940er Jahren in vielen Städten Deutschlands gegeben (vgl. auch Abbildungen 1-6).

Eine zusammenhängende Darstellung ihrer Geschichte ist noch nicht vorgelegt worden.

Unter anderem von Angelika Dörfler-Dierken (7) angeregte Untersuchungen zur Soziologie und zum sonstigen "Innenleben" der Ludendorff-Bewegung würden durch eine Auseinandersetzung mit der Geschichte dieser Ludendorff-Buchhandlungen sicherlich eine nicht unbedeutende Ergänzung erfahren.

Im folgenden Beitrag werden nach und nach bruchstückhafte Details zusammengetragen, die zu dieser Geschichte gehören. Auch zu dem Verlag insgesamt, von dem diese Buchhandlungen betrieben worden sind, bzw. von dem sie ihre Bücher bezogen. Nämlich dem "Ludendorff's Verlag G.m.b.H." in München.

Abb. 2: Photographie aus einem Privatnachlaß; ohne weiteren Angaben, offenbar Stand auf einer Buchmesse, etwa 1937

(Auf Abbildung 2 ist offenbar ein Stand auf einer Buchmesse fotografiert worden. Als jüngste Veröffentlichungen sind auf der Photographie zu erkennen die Schriften "Seelenmißbrauch in Klöstern" und "Abgeblitzt - Antwort auf Theologengestammel", "Modernisteneid und katholische Wissenschaft", alle drei aus dem Jahr 1937.)

Am 12. Mai 1931 fand eine "Bundesführertagung" des Tannenbergbundes in Mittweida statt (8, S. 102f):

Das bleibende Ergebnis dieser Tagung war die Einrichtung einer Ludendorff-Buchhandlung in Berlin, der ersten Ludendorff-Buchhandlung.

Von dieser gibt es eine Fotografie (Getty Images). Sie hatte als Ladenschild: "Ludendorffs-Volkswarte-Verlag, Zweigstelle Berlin". In der Auslage erkennt man Ludendorffs Kriegserinnerungen und eine Portrait-Fotografie Erich Ludendorffs. Ein ausgehängtes Plakat handelt offenbar von "Die politischen Verbrechen der Freimaurerei".

Nicht zuletzt in den Jahren von 1931 bis 1933 standen die Ludendorff-Buchhandlungen im Zentrum der politischen und weltanschaulichen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus und dem Christentum.  So wurde zum Beispiel eine solche in Isenhagen-Hankensbüttel im Jahr 1931 mit Naziparolen und Hakenkreuzen beschmiert (siehe Abbildung 5: "Nieder mit Ludendorff -  Deutschland erwache - Heil Hitler"). So wurden 1933 in der Ludendorff-Buchhandlung in Frankfurt am Main unter der Anleitung örtlicher Kirchenbeamter Bücher durch die Polizei beschlagnahmt. Darüber empörte sich Ludendorff wiederholt in seiner Wochenzeitung "Ludendorffs Volkswarte" und legte auch Beschwerden bei staatlichen Stellen ein. Die folgende Meldung findet sich in der vorletzten Ausgabe der Wochenzeitung "Ludendorffs Volkswarte" vor ihrem Verbot. In der Ausgabe vom 16.7.1933:

Zertrümmerung der Ludendorff-Buchhandlung Ülzen
Aus Ülzen erhalten wir über das neueste Ergebnis wahnsinniger Zerstörungswut einen vorläufigen Bericht, dem wir nachstehendes entnehmen:
"Am 28.6.33, abends 10 Uhr, erfuhr ich in meiner Wohnung, daß unser Laden vollständig demoliert sei, und daß sich ein großer Menschenauflauf dort angesammelt habe. Ich ging sofort zur Tatstelle und fand diese Auskunft voll und ganz bestätigt. Der Laden sah furchtbar aus. Die Eingangstür war gewaltsam aufgebrochen, die großen Schaufensterscheiben von innen vollkommen zerschlagen und verbogen, die Holzteile waren in die vorbeifließende Ilmenau geworfen, sämtliche Schriften der Schaufensterauslage, der Regale, Zeitungen, Flugblätter usw. waren wirr durcheinandergeworfen, zum Teil zerrissen, Fensterscheiben und Glasschrankscheiben zerschlagen. Das Ganze ein Bild wahnsinnigster Zerstörungwut.
Seit Tagen ging dsa uns bekannt gewordene Gerücht um, daß noch in dieser Woche die Buchhandlung ausgehoben werden solle. Sicherheithalber hatten wir sämtliche wertvollen Schriften aus dem Laden entfernt, so daß unser Schriftenverlust nicht erheblich ist ..."

Auch in der Holstenstraße in Lübeck gab es eine Ludendorff-Buchhandlung. 2011 sind einprägsame Erinnerungen von Hertha Dittmer, der langjährigen Inhaberin dieser seinerzeit zweitgrößten Buchhandlung Lübecks, erschienen (2).

Hertha Dittmer, Inhaberin der "Ludendorff-Buchhandlung" in Lübeck

Es waren auch schon 1982 Briefe von Mathilde Ludendorff an Hertha Dittmer veröffentlicht worden (4). Allerdings - wie sehr häufig in der Zeitschrift der Ludendorff-Bewegung ("Mensch & Maß") - wieder einmal auffallend lieblos. Ohne alle Erläuterung und ohne umfassendere Einordnung in die biographischen oder zeitgeschichtlichen Zusammenhänge. Die ja Lesern auch schon 1982 gar nicht mehr vor Augen stehen konnten. Zumal solchen Lesern, die man ja etwaig neu hätte hinzugewinnen wollen. Die merkwürdige, oft an Lieblosigkeit erinnernde Art, wie in dieser Zeitschrift und in dem Verlag Hohe Warte, der sie betreibt, jeweils zuvor unveröffentlichte Dokumente zur eigenen Geschichte veröffentlicht werden, ist immer wieder auffallend. Auch die Seltenheit solcher Veröffentlichungen über Jahrzehnte hinweg, ist auffallend.

Auch wird auffälliger Weise gar nicht mitgeteilt, in wessen Besitz sich die Originale dieser Briefauszüge befinden, an welchem Ort sie aufbewahrt wurden und wer überhaupt die Zusammenstellung der Briefauszüge vorgenommen hat. Von einem Archiv oder "Ludendorff-Archiv" ist jedenfalls in der Veröffentlichung ebenfalls an keiner Stelle die Rede. Auch wird nicht gesagt, ob die Originalbriefe sich etwa im Besitz von Gunther Duda befanden, der damals als langjähriger Vorsitzender des "Bundes für Gotterkenntnis" sehr viele Originalunterlagen gesammelt hat.

All das erweckt den Eindruck, als wolle man eine umfassendere, anteilnehmende Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte anhand noch unveröffentlichter Dokumente und Erinnerungen keinesfalls noch zusätzlich fördern. Als wolle man auf vorhandene Archive nicht noch zusätzlich aufmerksam machen. Stattdessen werden lieber immer wieder "formelhafte" Gedenk- und Erinnerungsartikel veröffentlicht, die Altbekanntes - zumeist aus den Lebenserinnerungen beider Ludendorffs und aus ihren Periodika - zum x-ten male wiederholen. Selten wird in ihnen dann - fast so, als solle es keiner bemerken - in einer Anmerkung auf bis dahin unveröffentlichte Dokumente verwiesen oder diese sogar zitiert.

Wollte man sich so dem Aufruf Erich Ludendorffs nachkommen: "Deutsche, wühlt in der Geschichte!" - ? - Oder wollte man genau das nicht noch zusätzlich fördern? Wo doch jeder weiß, dass die Auseinandersetzung mit der Geschichte ihre Lebendigkeit bezieht aus der Auseinandersetzung mit jeweils noch unveröffentlichten, unbekannten Dokumenten.

Abb.: H. Dittmer - "Das Geisteswerk Mathilde Ludendorffs", 1931

Wie aus den Erinnerungen von Hertha Dittmer hervorgeht, wurde ihr früh verstorbener Ehemann - Lehrer wie sie selbst - vom Ehepaar Ludendorff sehr geschätzt.

1931 - "Der innere Reichtum seines Erlebens war Ewigkeit"

Er hatte die erste oder eine der ersten Einführungen in die Philosophie von Mathilde Ludendorff verfasst, zuerst veröffentlicht in "Ludendorffs Volkswarte", dann auch in gesonderter Schrift (5, 6) (s. Abb.). Die Hochschätzung geht auch hervor aus dem Brief von Mathilde Ludendorff an Hertha Dittmer vom 1. März 1931 aus Anlass des Todes ihres Ehemannes (4):

Meine liebe Frau Dittmer,

Sie haben so schweres Schicksal zu tragen, dass die Ehrfurcht vor dem Schmerz die Menschen, die Ihren Mann als Mitkämpfer in dem gewaltigen Geisteskampfe besonders hochschätzten und Ihr Leid mitempfinden, am liebsten schweigen möchte! -

Ihr Mann hat den Sinn des Menschenlebens voll erfüllt, und wenn auch sein Leben der Zeitrechnung nach um Jahrzehnte kürzer gewesen ist als manches andere Menschenleben, so war der innere Reichtum seines Erlebens Ewigkeit, und das werden Sie am besten wissen, die Sie in der Ehe erlebten, wie er bis zum letzten Tage über das lange und so schwere körperliche Leiden, das andere zu wehklagenden Egoisten werden lässt, mit Geisteskraft siegte und den Geisteskampf mit uns führte!

Nun ist es etwa ein Jahr her, seit Sie mich in Hetendorf fragten, ob wir die Mitarbeit Ihres Mannes annehmen wollten. Ein Jahr reicher Zusammenarbeit liegt nun hinter uns und heute danke ich Ihnen, liebe Frau Dittmer, dass Sie uns den prächtigen Mitkämpfer und verstehenden Freund zuführten, wenngleich wir hierdurch nun doppelt mit Ihnen den Frühtod beklagen!

Der Reichtum der Freundschaft, den Sie mit Ihrem Gatten erlebten, wird Ihrer wehwunden Liebe die Kraft geben, Ihr Leid zu tragen!

Im Jahr 1930 hatte in Hetendorf in der Lüneburger Heide auf dem Gutshof der Familie Bothmer die erste von Mathilde Ludendorff abgehaltene Erziehertagung stattgefunden. Darauf beziehen sich sicherlich die Worte Mathilde Ludendorffs. Mathilde Ludendorff hatte zusammen mit den dortigen Erziehern einen "Lehrplan der Lebenskunde für Deutsch-Gottgläubige Jugend" aufgestellt. Und es wurden nun Hefte mit "Lehrstoff zum Lehrplan der Lebenskunde für Deutsch-Gottgläubige Jugend" zusammengestellt. Hertha Dittmer gehörte zu den Mitarbeitern:

Heft 1: 1. und 2. Schuljahr. Zusammengestellt von Hertha Dittmer. Ludendorffs Verlag, München o.J.; 11. u. 12. Tsd. 1936
Heft 2: 3. und 4. Schuljahr. Ludendorffs Verlag, München 1933; neue erweiterte Auflage 1937
Heft 3: 5. Schuljahr. Zusammengestellt von Dr. Sohrt. Ludendorffs Verlag, München 1933, 6.-8. Tsd. o.J. (1935)
Heft 4: 7. und 8. Schuljahr. Ludendorffs Verlag, München 1937

Im "Tannenberg-Jahrweiser" des Jahres 1934 veröffentlichte Hertha Dittmer den Aufsatz "Unterricht für Deutsch-Gottgläubige Jugend". Darin spricht sie von den Gefahren des christlichen Religionsunterrichtes für die kindliche Seele und erörtert im Anschluss den Lehrplan für Lebenskunde von Mathilde Ludendorff.

Die Erinnerungen von Hertha Dittmer, sicherlich bald nach ihrer Pensionierung im Jahr 1971 verfasst, sind sehr lebendig geschrieben. Während der Tannenbergbund und seine Zeitung "Ludendorffs Volkswarte" im Sommer 1933 verboten wurden, bestand der Verlag als Wirtschaftsunternehmen - und mit ihm auch seine Ludendorff-Buchhandlungen - fort. In der Halbmonatsschrift "Der Quell" erschien am 20.2.1934 etwa folgende Anzeige:

Deutsche Volksgeschwister, die bereit sind, für ihren Wohnort die Handelsvertretung für den Vertrieb unserer Verlagserzeugnisse zu übernehmen, um sich damit eine Verdienstmöglichkeit zu schaffen, wollen sich unter Beifügung eines kurzen Lebenslaufes umgehend melden.Ludendorffs Verlag GmbH. München 2 NW. Karlstraße 10

Für eine solche Tätigkeit entschied sich schließlich auch Hertha Dittmer, offenbar auf Anraten Erich Ludendorffs. 

Abb. 3: Ludendorff-Buchhandlung in Lübeck, Holstenstraße 42, Postkarte, gestempelt 29.11.1939 (3)

Zuerst war sie in der Ludendorff-Buchhandlung in Hamburg tätig. 

1936/37 - Ludendorff-Buchhandlung in Lübeck, die Anfänge

Auch in dieser Zeit wechselte sie Briefe mit Erich und Mathilde Ludendorff. Am 3. Februar 1936 schrieb Erich Ludendorff etwa an sie (10, S. 1119):

Rechnen Sie damit, daß die christliche Reaktion unser gesamtes Werk zerschlagen will, wenn nicht alle freien Deutschen dauernd an den Reichsjustizminister schreiben, gelingt ihr das Werk.
Und knapp drei Wochen später, am 21. Februar 1936 (10, S. 1119):
Die Geheime Staatspolizei haßt nichts so wie das Haus Ludendorff und deutsche Gotterkenntnis. Es ist traurig, aber es ist nun einmal so. 
Und am 17. April 1936 schrieb er an Hertha Dittmer (10, S. 1119):
Ich danke für Ihre Wünsche und ich begrüße es, daß Sie freien Deutschen die letzten Worte sprechen. Die Deutschen sind noch nicht so weit, daß sie aus sich heraus dies tun können. Es muß ihnen noch geholfen werden. Fassen Sie so Ihr Handeln auf.
Hertha Dittmer wurde also auch tätig als Rednerin bei Beerdigungen. Schließlich gründete Hertha Dittmer im Juli 1937 als Inhaberin eine Ludendorff-Buchhandlung in Lübeck in der Holstenstraße 42, also ganz in der Nähe des berühmten Holstentores von Lübeck. Über ihre Anfangszeit als früh verwitwete, alleinerziehende Mutter schreibt Hertha Dittmer (2):
Zuerst war es sehr schwer: keine Käufer - ganz anders als ich Hamburg. Ich war verzweifelt. Frau Dr. Ludendorff tröstete mich und sagte: "Es wird schon werden!" Aus meiner Weltanschauung heraus arbeitete ich weiter. Dann mußte ich für 6 Wochen nach Leipzig auf die Buchhändlerschule. Ich war froh, daß ich einen Beruf hatte, der meinen Interessen und meinem Wesen entsprach. Wie dankbar war ich, daß ich durch den Feldherrn in diesen Beruf kam. Ich würde immer wieder Buchhändlerin werden, trotz allem.
Mit "trotz allem" ist wohl vornehmlich der unentwegte, nervenaufreibende Kampf mit den Behörden gemeint, den sie schildert. Und weiter schreibt sie - um auch einen Eindruck von den Stimmungsgehalten zu geben, die damals unter den Inhabern von Ludendorff-Buchhandlungen handlungsleitend sein konnten (2):
Im August 1937 war ich in Tutzing bei einer Tagung. Der Feldherr und Frau Dr. Ludendorff begrüßten jeden Teilnehmer. Der Feldherr sagte zu mir: "Na, Frau Dittmer, können Sie denn nun Ihr Kind bei sich haben?" Ich war tief erschüttert über diese innigen Worte, über die Güte, die aus den Augen des Feldherrn sprach.
Ein Mann wie der Feldherr, der größere Sorgen hatte und größere Verantwortung trug, dachte an das Schicksal einer einfachen Frau aus dem Volke. Mir selbst kamen Tränen der Dankbarkeit, der innigen Freude über diese erlebte Stunde. Vorher musste ich oft mein Kind einer Nachbarin überlassen, da ich viel für Ludendorffs Verlag unterwegs war. (...)
Mit der Zeit hatte ich mehr Kunden, da ich neben den Ludendorff-Büchern auch andere wissenschaftliche Bücher führte.
Am 20. Oktober 1937 schrieb Mathilde Ludendorff an Hertha Dittmer (4):
Herzlichen Dank für Ihre guten Wünsche. Es freut mich, dass Sie mir auch von den guten Erfolgen der Buchhandlung in Lübeck berichten können. Immer wieder stellt es sich heraus, wie viel von der Art und Weise des einzelnen Kämpfers zu arbeiten abhängt. Ein anderer würde wahrscheinlich dauernd über den "zu schweren Boden" in Lübeck geklagt haben.

Persönliche Worte, die geschrieben wurden, als auch Mathilde Ludendorff den Tod ihres Ehemannes (am 20. Dezember 1937) zu beklagen hatte, sind nicht abgedruckt, aber sicher geschrieben worden.

1938 - "Lassen Sie sich durch keinerlei Enttäuschungen in der Freudigkeit, Ihr Bestes zu tun, dämpfen."

Am 26. Februar 1938 schreibt Mathilde Ludendorff jedenfalls (4):

Herzlichen Dank für Ihren Bericht über die Gedenkfeier. Lassen Sie sich durch keinerlei Enttäuschungen in der Freudigkeit, Ihr Bestes zu tun, dämpfen. Enttäuschungen sind unvermeidlich und auch nicht an einen Ort gebunden. Sie haben schönen Aufstieg in Ihrer Buchhandlung und das ist schon sehr viel wert. Wichtig wäre es, wenn es Ihnen gelänge, einen Lehrer für den Lebenskundeunterricht zu finden. Ich lege Ihnen für die Besprechung die kurze Begründung der Notwendigkeit dieses Unterrichtes bei, die ich auch in das Ministerium gehen ließ. 
Hier ist offenbar eine Gedenkfeier zum Tod Erich Ludendorffs angesprochen. Auf einen noch weitergehenden Vorschlag von Hertha Dittmer, wohl zusammen mit anteilnehmenden Worten zum Geburtstag Erich Ludendorffs, antwortete Mathilde Ludendorff am 19. April 1938 (4):
Herzlichen Dank für Ihre warmen Worte des Anteils.

Ihr  Gedanke, den abgehenden Schülern ein solches Schreiben zuzusenden, ist recht glücklich. Vergessen Sie aber auch die jungen Mädchen nicht und versuchen Sie einmal in Erfahrung zu bringen, ob dieses Schreiben irgendwie einen Erfolg gezeitigt hat. Wir wollen alle mit höchstem Eifer weiterkämpfen. Es ist das einzige, was den Schmerz des großen Verlustes etwas erleichtert.
Und als handschriftlicher Zusatz zu dem mit Schreibmaschine geschriebenen Brief:
Durch Führererlass ist es verboten, in Zeitschriften Polemik gegen die Kirchen und das Christentum zu führen. - Nun wird der Schriftenreihebezug um so wichtiger.
Denn offensichtlich war dieser Führererlass nur auf die Zeitschriften beschränkt und musste man sich in Schriften und Büchern daran nicht halten. Am 22. Dezember 1938 heißt es in einem wohl vervielfältigten allgemeiner gehaltenen Brieftelegramm (4):
Für Ihr treues Gedenken an die Wiederkehr des Todestages des Feldherrn sage ich Ihnen meinen herzlichen Dank.

Möge sich das Gedenken als Kraft auswirken in Ihnen, unserer Idee zu dienen und das Vermächtnis des Feldherrn zu erfüllen.

In diesem Jahre gilt es nun, unsere Bewegung wieder dem stillen und steten Wachstum zuzuführen, das sie in all den Jahren, da der Feldherr sie führte, gezeigt hat.

Mit diesen Worten reagiert Mathilde Ludendorff auf die Tatsache, dass nach dem Tod Erich Ludendorffs die Zahl der Bezieher der Zeitschrift wieder stark zurückging. Diese war ja erst ab dem Jahr 1935, in dem der 70. Geburtstag Erich Ludendorffs vom Dritten Reich gefeiert wurde, überraschend stark angewachsen.

1939 - "Ihre tapfere Arbeit freut mich!"

Wie einer damaligen Postkarte zu entnehmen ist, standen im Schaufenster die Porträtbüsten von Mathilde und Erich Ludendorff (siehe Abb. 2). Am 4. März 1939 schreibt Mathilde Ludendorff über schlechte Erfahrungen mit Mitgliedern der NSDAP als "Ordner" (also Veranstalter) von Vorträgen (4):

Einliegend Ihre Beilagen mit herzlichem Dank zurück. Die Beanstandungen sind allseitig und wir tragen ihnen dadurch Rechnung, dass wir den Generalvertretern 
gemeint: des Ludendorff-Verlages
mitteilen, Parteimitglieder niemals zu bitten, als Ordner für Vorträge tätig zu sein, damit sie den Anordnungen ihrer Vorgesetzten nachkommen können.

Ihre tapfere Arbeit freut mich!
Es wäre noch der Frage nachzugehen, um welche Anordnungen von Vorgesetzten es sich dabei handelt. Am 11. März 1940 schreibt Frieda Stahl, die Schwester Mathilde Ludendorffs, aus Hamburg, wo sie ein Klavierkonzert gegeben hatte, an letztere:
Frau Dittmer aus Lübeck war auch da, ihr Laden geht ganz gut, sie hat auch noch Bestellungen auf das neue Werk von Erich.

Dabei handelte es sich um den gerade erst erschienenen ersten Band der Lebenserinnerungen von Erich Ludendorff (für die Jahre 1919 bis 1925), für den nun genug Käufer gefunden werden mussten, damit der Ludendorffs Verlag sich auch in der Zeit des Krieges halten konnte.

- Neben anderem ist in den Erinnerungen von Hertha Dittmer auch viel von dem Kampf mit den Behörden die Rede, mit der Polizei, mit der Gestapo, mit dem Kreisleiter der NSDAP, mit dem Arbeitsamt, mit der Handelskammer. Während des Krieges ist die Inhaberin sogar einmal persönlich nach Berlin gefahren, um dort im Propagandaministerium vorzusprechen. Bei der Bombardierung Lübecks wurde die Buchhandlung beschädigt. (Wie parallel auch die Berliner, von der heute kein Stein mehr steht.)

1948 - Die bestbesuchte Veranstaltung seit Monaten in Lübeck

Ihre Lübecker Buchhandlung ist nach 1945 - in Absprache mit Mathilde Ludendorff - als "Schiller-Buchhandlung" weitergeführt worden. Hertha Dittmer organisierte in Lübeck auch die Vorträge der Ludendorff-Bewegung. In der Zeitung "Die Welt" vom 21. Oktober 1948 wird berichtet (15):

Vor ausverkauftem Haus sprach Frau Dr. Mathilde Ludendorff am Montagabend über den "Segen der Gotterkenntnis". Sie wolle ihre Lehre keinem Andersgläubigen aufzwingen und niemand bedrängen, da sich ihre "Gotterkenntnis" nur an die Suchenden wende, die nicht mehr an die herrschende Gotteslehre glauben könnten. Der Vortrag Mathilde Ludendorffs war die am besten besuchte Veranstaltung Lübecks seit der Währungsreform.

Die Währungsreform war im Juni 1948 durchgeführt worden. Hertha Dittmer ist in Vortragsankündigen für Lübeck der 1950er Jahre häufig angegeben (bsp. "Quell", 9.3.1957, 2. Umschlagseite)


1945 - 1971 - Schiller-Buchhandlung in Lübeck

Ihre Buchhandlung bestand in Lübeck bis zum Jahr 1971. Im Buchhandels-Adressbuch von 1952 heißt es unter Spez. (wohl "Spezialgebiete") über die Schiller-Buchhandlung von Hertha Dittmer in der Holstenstraße 42 in Lübeck (13):

Philosophie, Technik, Wissenschaften
In der Zeitschrift "Mensch & Maß" erschien in der Folge vom 23. April 1973 ein Leserbrief von Hertha Dittmer:
Wie schön, daß unter "Leserbriefe" das herrliche Gedicht "Du sollst an Deutschlands Zukunft glauben ..." in Erinnerung gebracht wurde. Mich hat es stark berührt, da ich zur Zeit über viele geschichtliche Ereignisse und Persönlichkeiten lese. Möge doch in unserer deutschen Jugend das Erwachen kommen, damit wir wieder ein deutsches Volk werden.

Hertha Dittmer starb mit 87 Jahren im Januar 1979. Der "Bund für Gotterkenntnis" und Franz von Bebenburg schrieben in der Todesanzeige (12):

An die fünfzig Jahre hat sie unermüdlich für die Verbreitung der Gedankenwelt des Hauses Ludendorff gewirkt, zuerst in der Zweigstelle des Ludendorff-Verlages in Hamburg, dann als Leiterin der Ludendorff-Buchhandlung in Lübeck. Nach den Zerstörungen des Krieges gründete sie die "Schiller-Buchhandlung" in der Lübecker Holstenstraße, in der sie bis vor kurzem tätig war. Ihr warmherziges Mitgefühl, ihr sonniger Humor und ihre strahlende Lebensbejahung trotz aller schweren Zeiten schufen ihr einen weiten Freundeskreis. Voll Dankbarkeit gedenken wir dieser liebenswerten, aufrechten Frau und wertvollen Mitstreiterin.
Abb. 4: Die Ludendorff-Buchhandlung in Magdeburg (aus "Ludendorffs Volkswarte", 1931)

In der Unterhaltungsbeilage von "Ludendorffs Halbmonatsschrift", genannt "Scheinwerfer - leuchten" erscheint am 5. September 1938 auf der Titelseite eine große Anzeige:

Parteitagsbesucher 
kommt in die 
Ludendorff-Buchhandlung
Nürnberg, Pfannenschmiedsgasse 12.
Unser Stand während des Reichsparteitags befindet sich Ludendorff-, Ecke Hainstraße am Wodanplatz. Kostenloses Schriftenmaterial steht zur Verfügung.

Um 1940 hat auch eine Nichte Mathilde Ludendorffs, eine Tochter ihrer Schwester, der Pianistin Frieda Stahl, Edith Stahl, in Ludendorff-Buchhandlungen gearbeitet, unter anderem in der in Köln.

Edith Stahl, Mitarbeiterin der Ludendorff-Buchhandlung in Köln (um 1940)

Sie hat über ihre Arbeit ihren Verwandten in Briefen und Gesprächen berichtet.

In der letzten erschienenen Folge von "Ludendorffs Halbmonatszeitschrift" ("Am Heiligen Quell Deutscher Kraft"), die auch nach 1933 weiterbestehen durfte und Jahr für Jahr wieder mehr Bezieher hatte, in der Folge vom 8. 9.1939, bevor der Zeitschrift vom Staat das Papier entzogen wurde, findet sich im Anzeigenteil von Verlagsseite aus die folgende Liste offizieller Ludendorff-Buchhandlungen:

Ludendorff-Buchhandlungen

Berlin W 8, Friedrichstraße 75, Ecke Jägerstraße, Ruf 12 36 57
Berlin-Charlottenburg 4, Wilmersdorfer Straße 41, Ruf 31 17 21
Berlin N 54, Schönhauser Allee 177 (Senefelderplatz), Ruf 44 42 14, auch Leihbücherei
Bielefeld, Obernstraße 6
Bremen, Schüsselkorb 17, Ruf 2 58 84
Breslau, Am Rathaus 20/21
Chemnitz, Marktgäßchen 12
Dortmund, Betenstraße 7
Dresden, König-Johann-Straße 17, Ruf 1 04 86
Düsseldorf, Straße der SA. 73
Essen, Hindenburgstraße 14
Frankfurt a. M., Kaiserstraße 18 - 20
Hamburg, Rathausstraße 9 - 11, Ruf 33 38 04
Hannover, Schillerstr. (Eckhaus Ernst-August-Platz 4)
Kassel, Hohenzollernstr. 38
Kiel, Holstenstr. 90, Ecke Schevenbrücke
Köln, Hohestraße 66, Fernspr. 22 66 82
Leipzig, Katharinenstraße 5, Tel. 2 32 38
Lübeck, Holstenstraße 42, Ruf 2 95 33
Magdeburg, Himmelreichstr. 19, Tel. 3 46 66
München, Karlsplatz 8
Nürnberg, Pfannenschmiedsgasse 12
Osnabrück, Johannisstr. 49, Tel. 52 48
Stuttgart, Zeppelinbau, Tel. 2 27 31
Buenos Aires, Theodoro Messerer, Cangallo Nr. 338, Tel. 34-05 94
Im Anzeigenteil wird auch sonst vielfach auf diese Ludendorff- und andere Buchhandlungen Bezug genommen, da die viele Anzeigen-Auftraggeber Kontakt anbieten nicht nur allgemein "über den Verlag" oder über ihre eigene Adresse, sondern oft auch über die angegebenen, jeweiligen örtlichen Ludendorff-Buchhandlungen. Um ein Beispiel zu bringen:
Ältere Hausgehilfin
konfessionell nicht gebunden, zuverlässig u. kinderlieb von Privathaushalt nach Köln gesucht, Angeb. mit Bild u. Gehaltsanspr. an
Ludendorff-Buchhandlung, Köln, Hohe Straße 66
In diesen Anzeigen wird neben den genannten noch auf andere Buchhandlungen Bezug genommen etwa (nach der Folge vom 25.8.1939):
- Buchhandlung Hans Pfeiffer, Landsberg (Warthe), Wollstr. 55

Die Berliner Ludendorff-Buchhandlung konnte sich also in der Friedrichstraße, Ecke Jägerstraße noch bis zum Jahr 1943 halten.  

Abb.5: Schaufenster der Ludendorff-Buchhandlung in Magdeburg (aus: "Ludendorffs Volkswarte", 1931)

Gelegen zwischen der Wilhelmsstraße - dem damaligen Regierungsviertel -, dem Gendarmenmarkt, wo sich das Schiller-Denkmal des Bildhauers Begas vor dem Schauspielhaus findet, und dem 1933 neu von den Nationalsozialisten erbauten Gebäude der Reichsbank unter Hjalmar Schacht am anderen, östlichen Ende dieser Straße (heute Auswärtiges Amt), lag sie den Regierenden des Reiches damals wahrhaftig "vor der Haustür".

Der Haß des Joseph Goebbels

Wenn man nun berücksichtigt, wieviel Haß etwa ein Joseph Goebbels in seinen Tagebüchern über die Ludendorff-Bewegung und explizit auch über ihre Buchhandlungen ausschüttet, so könnte derselbe auch davon mitbestimmt gewesen sein, daß Goebbels nicht allzu selten selbst an dieser Ludendorff-Buchhandlung in der Mitte Berlins vorbei gekommen ist.

Auf dem genannten Ebay-Angebot heißt es zu den beiden Quittungen noch:

Sehr interessant die Rückseite: "Sie finden in unserer Buchhandlung das gesamte Schrifttum des Hauses Ludendorff sowie eine große Auswahl an Büchern der Gebiete: Vorgeschichte, Rassenkunde, Naturkunde sowie des militärischen, des schöngeistigen und des Jugendschrifttums und der völkischen Aufklärungsschriften über: Rom, Juda und Freimaurerei. Auch alle sonstigen Bücher können Sie durch uns beziehen."

In "Ludendorffs Halbmonatsschrift" findet sich im Anzeigenteil noch eine ergänzende Liste von Verlagsseite geschaltet (zitiert nach der Folge vom 25.8.1939).  

Abb. 6: Ludendorff-Schaufenster in Isenhagen-Hankensbüttel mit Hakenkreuz-Schmierereien (aus "Ludendorffs Volkswarte", 1931)

Hier handelt es sich offenbar nicht um explizite Ludendorff-Buchhandlungen, aber um solche, die in regelmäßigem geschäftlichen bis freundschaftlichen Kontakt mit der Verlagszentrale in München standen:

Das Schrifttum des Ludendorff Verlages führen bzw. vermitteln:
Augsburg, Spitalgasse A 208/I, Friedrich Adolf
Ballenstedt/H., Buchh. Straßburger, Hindenburgallee
Bellinchen/Oder, Hellmuth Röthke
Bütow, Lauenburger Str. 18, Gg. Wengerowski
Dessau, Adolf-Hitler-Platz 15, Auguste Nöpking
Dresden-A. 20, Krusestr. 5, Helene von Busse
Einswarden/Old., Heiligenwiehmstr. 25, Wilhelm Lauw
Frankfurt/M. 1, Grüneburgweg 94/I, P.  Futterknecht
Görlitz, Demianplatz 26, Kurt Scheuner
Großenhain/Sa., Albertstr. 6, Walter Harras
Halberstadt, Roonstraße 66, Luise Becker
Hirschberg/Rsg., Adolf-Hitler-Str. 42, Adolf Mätz
Innsbruck, Maximilianstr. 33, Bernhard Sander
Konrwestheim, Emil Bäßler
Kriescht, Nm., Kurt Löffler
Nordmark/Schleswig, Hunnenstraße 8, D. Asmussen
Oldenburg i. O., Achternstr. 51, Herbert Wilkens
St. Pölten, Adolf-Hitler-Platz 5, Franz Umlauf
Rathenow, Straße der SA 30, Karl Grüneberg
Regensburg, Wahlenstr. 8, Betti Weber
Rositz/Thür., Altenburger Str. 7, Felix Schirmer
Rostock, Wismarsche Str. 49, Hartwig Bahl
Schwerin i. Meckl., Hindenburgplatz 9, A. Wilcke
Soest, Osthofenstr. 68, Otto Loos
Stettin, Neue Straße 10, Erna Rüchel
Südholstein/Lauenburg, Wilhelm Bohlken, Rellingen
Tübingen-Lustnau, Weiherstr. 2, Irmgart Löschmann
Wernigerrode/H., Kaiserstr. 64, Gustav Härtel
Wilhelmshaven, Halligenweg 64, Ernst Böhl
Würzburg, Karmelitenstr. 24, Hermann Blank
Sonderburg/Dänemark, Lökken 16, C. Lundberg

Im Nachlaß des früheren Tannenbergbund-Landesleiters Herbert Frank (im Institut für Zeitgeschichte, München) finden sich laut Findbuch ebenfalls Fotografien von Ludendorff-Buchhandlungen.

Hermann Hiller, Inhaber der Ludendorff-Buchhandlung in der Berliner Friedrichstraße (bis 1939)

Schlaglichtartig wird das Geschehen um diese Ludendorff-Buchhandlungen auch erläutert durch die erste Gefallenenanzeige, die in der allerletzten Folge von "Ludendorffs Halbmonatsschrift" vom 25. 9. 1939 enthalten ist:

Am 16. 9. 1939 erreichte uns die Mitteilung, daß der Leiter unserer Zweigstelle Berlin, Friedrichstraße 75
Hermann Hiller
als Soldat gefallen ist.
Wir verlieren in ihm nicht nur einen unserer befähigtsten Mitarbeiter im Außendienst, sondern einen Kameraden, der die Bedeutung des großen Kulturkampfes des Hauses Ludendorff voll erfaßte und es als seine Lebensaufgabe ansah, sich dafür mit ganzer Kraft einzusetzen.
Der Verlag verdankt ihm viele wertvolle Anregungen, deren letzte noch die zur Schaffung der schönen Gedenkausgabe des Tannenbergbuches war.
Seine Persönlichkeit ist unserer Erinnerung tief eingegraben.
Ludendorffs Verlag

Hermann Hiller hatte auch gelegentlich Kurzrezensionen für die Zeitschrift verfaßt (etwa über die 1939 erschienene SS-nahe, Satanismus-nahe Schrift "Luzifers Hofgesind", die er allerdings gar nicht als dem Satanismus nahestehend erkannte).

Buchhändler Schreckenbach, Inhaber der Ludendorff-Buchhandlung in der Berliner Friedrichstraße (1939 - 1945)

Während des Zweiten Weltkrieges war Inhaber der Buchhandlung in der Berliner Friedrichstraße ein Herr Schreckenbach. Dieser hat noch bis in die 1980er oder 1990er Jahre in Berlin gelebt, wo ihn, so weit man hört, noch viele Menschen gekannt haben. Er soll ein hochgewachsener Mann gewesen sein. Herr Schreckenbach saß für sechs Jahre, etwa von 1945 bis 1951, im Konzentrationslager Bautzen ein. Er war von irgendjemanden denunziert worden. Dort hat er Hunger und Isolationshaft kennengelernt. Noch in den 1980er Jahren soll er darüber in Vorträgen berichtet haben.

Ob ein Nachlaß von Herrn Schreckenbach sichergestellt ist und auswertbar ist entzieht sich ebenso unserer Kenntnis, als auch, ob es sichergestellte Nachlässe oder Erinnerungen anderer Inhaber von Ludendorff-Buchhandlungen gibt.

Eine ausführlichere Darstellung der Geschichte der Ludendorff-Buchhandlungen hätte sicherlich herauszuarbeiten, wie stark sie von 1931 bis 1933 im Zentrum des Kampfes gegen den Nationalsozialismus standen, welchen Repressalien sie nach 1933 Stand zu halten hatten, wie sie aber auch zeitweise ihre Kundschaft auf Mitglieder der NSDAP erweitern konnten und welche Schicksale ihrer nach 1945 harrten.


/ Veröffentlicht: 6.4.2011; 
letzte Ergänzung um [4 - 6]:  18.7.2013; 
um [9]: 13.8.2013; 31.3.2015 /


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*) In der "Jägerstraße", die den "schönsten Platz Berlins", den Gendarmenmarkt quert, befand sich unter anderem der berühmte Salon der Rahel Varnhagen von Ense (Jägerstraße 54). Gäste waren dort unter anderem Heinrich von Kleist, die Brüder Humboldt, Leopold von Ranke, G.F.W. Hegel und viele andere. In dieser Straße befand sich für mehrere Jahre auch die Wohnung Leopold von Rankes (Jägerstraße 10), das Geburtshaus Alexanders von Humboldt und die Dienstwohnung Friedrich Schleiermachers. Über die Familie Mendelssohn heißt es:
In der Jägerstraße, einer Keimzelle des Berliner Bankenviertels, besaß die Familie Mendelssohn sechs Häuser. Hier expandierte ihre Firma zur größten Privatbank Berlins. Hier trafen sich die Nachkommen des Philosophen Moses Mendelssohn, eine großbürgerliche Dynastie von Bankiers, Künstlern und Gelehrten, zu Gesellschaften mit Freunden und Geschäftspartnern.
In der heutigen Jägerstraße 51, der Mendelsohn-Remise, befindet sich derzeit eine Dauerausstellung zur Geschichte dieser Straße (s.a.: abcdefg).

**) Die Karte ist am 18.8.43 an eine "Familie Joh. Moll, Bensheim-Auerbach/Bergstr., Ludwigstr. 22" gerichtet und hatte den Wortlaut: "Gefr. Frey (?) 28379 - Liebe Familie Moll. Seit 2 Tagen habe ich meinen Front ... (?) übernommen. Die Refrist (?) erreichte mich ganz plötzlich und unerwartet. Jetzt lebe ich also wieder in der Welt der Bücher. Mit herzlichen Grüßen, Ihr Wolfgang 


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  1. Kreher, Wolfgang; Vedder, Ulrike (Redaktion): Von der Jägerstraße zum Gendarmenmarkt. Eine Kulturgeschichte aus der Berliner Friedrichstadt. Verlag Dietrich Reimer / Verlag Gebrüder Mann, 2006
  2. Dittmer, Hertha: Erinnerungen an vergangene Jahrzehnte. In: Mensch & Maß. Folge 16, 23.8.2011, S. 734 - 745
  3. sunnyafternoon-2009 (Verkäufer): Alte s/w Foto AK Ludendorff Buchhandlung Lübeck Fliegerhorstkompanie Schleswig. In der Hansestadt Lübeck-Holstenstrasse. Die Karte ist am 29.11.1939 gelaufen. Poststempel und Kompaniestempel. Diese Karte war ursprünglich wohl auf Karton geklebt und weist rückseitig Klebespuren auf (siehe Foto 2). Ebay-Angebot zum 26. Juli 2012
  4. Ein deutscher Philosoph in unserer Zeit. Aus Briefen Mathilde Ludendorffs. In: Mensch & Maß, Folge 24, 23.12.1982, S. 1128 - 1135 
  5. Dittmer, H.: Das Geisteswerk Mathilde Ludendorffs. Zusammengestellt aus Besprechungen und ergänzt von H. Dittmer. Ludendorffs Volkswarte-Verlag, München 1931 (53 S., mit einer s/w Portraitabbildung Ludendorffs als Frontispiz)
  6. Dittmer, H.: Was weißt Du von Mathilde Ludendorff ? Zusammengestellt aus Besprechungen. Ludendorffs Verlag, München 1934 (64 S.)
  7. Bading, Ingo:  Studiengruppe "Naturalismus, völkische Subkulturen, Ethik und Politik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung". Das Studium einer völkischen Subkultur. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 8. Juni 2010  
  8. Kopp, Hans: Geschichte der Ludendorff-Bewegung. Erster Band: 1925 - 1939. Verlag Hohe Warte, Pähl 1975  
  9. Pustet, Anton: Ort und Erinnerung. Nationalsozialismus in München. Technische Universität München, Architekturmuseum 2006 (225 S.) (Google Bücher
  10. Wächter, Dieter (d.i. Gunther Duda): Ludendorffiana 1917 - 1937. Im Gedenken an den 20.12.1937. In: Mensch & Maß, Folge 23 und 24, 9. und 23.12.1987, S. 1063 - 1070 und 1111 - 1120
  11. Dittmer, H.: Weltanschauung, die Grundlage des Lebens. Von Lehrer H. Dittmer, unserem verstorbenen Mitkämpfer für Geistesfreiheit. In. Ludendorffs Volkswarte, Folge 10, 13. 3. 1932  
  12. Todesanzeige für Hertha Dittmer (1892 - 1979). In: Mensch & Maß, Folge 4, 23.2.1979, S. 192
  13. Buchhandels Adressbuch. Verzeichnis der Mitglieder der Landes- und Fachverbände in der Bundesrepublik Deutschland und in West-Berlin. Buchhändler-Vereinigung. 1952 (Google Bücher)
  14. Dittmer, Hertha: Unterricht für Deutsch-Gottgläubige Jugend. In: Tannenberg-Jahrweiser 1934. Ludendorffs Verlag, München 1934, S. 60-67
  15. Zeitungsartikel über Mathilde Ludendorff. In: Pressemappe 20. Jahrhundert der Deutschen Zentralbibliothek für Wirtschaftswissenschaften (ZBW). http://webopac.hwwa.de/PresseMappe20E/Digiview_MID.cfm?mid=P011697

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