Mittwoch, 8. Februar 2012

Der Schriftsteller Hermann Rehwaldt, der Mitarbeiter Erich und Mathilde Ludendorffs (III)

Teil 3: 1954 - 1972

Einleitendes

In Teil 1 und in Teil 2 wurden Angaben zum Leben Hermann Rehwaldts zwischen 1898 und 1954 zusammengetragen. In dem parallel zu dem folgenden Beitrag erarbeiteten 4. Band der Dokumentation "Völker wider Gotteswahn - Die drei großen Welttheokratien und ihr Ende" (erschienen im Februar 2012) sind wenig bekannte Aufsätze vor allem Hermann Rehwaldts aus den Jahren 1954 bis 1972 zu den Themen Okkultismus und Hintergrundpolitik-Kritik behandelt und dokumentiert worden. Dort werden die gewichtigeren Lebensinhalte Hermann Rehwaldt in diesem Zeitraum behandelt.

In dem vorliegenden Beitrag wird vor allem - ergänzend dazu - noch der persönliche Briefwechsel Hermann Rehwaldts mit Mathilde Ludendorff ab 1954 dokumentiert. Offensichtlich sind persönliche Briefe von und an Rehwaldt aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg während desselben verloren gegangen. (Die Familie von Rehwaldt scheint ja auch ausgebombt worden zu sein.) Erhalten und bekannt geworden ist jedenfalls bislang nur der im folgenden zu dokumentierende Briefwechsel mit Mathilde Ludendorff ab 1954. Er könnte von der Tochter Hermann Rehwaldts in den Auktionshandel gekommen sein. Wenn diese Tochter auf unsere Beiträge über ihren Vater hier im Internet aufmerksam würde und noch ergänzende Angaben und Dokumente nachliefern könnte, würden wir uns sehr freuen. Ihr Name und Aufenthaltsort sind uns derzeit nicht bekannt. Vertraulichkeit wird natürlich zugesichert.

In Abb. 4 ist ein Überblick über das Konvolut dieses Briefwechsels zu sehen. (Von ihm werden im folgenden Abschriften von Kopien der Originalbriefe eingestellt - mit Dank an den derzeitigen Besitzer dieses Konvoluts.) In diesen Briefen werden aus heutiger Sicht nicht unbedingt immer die weltbewegendsten Dinge behandelt. Das geschieht mehr noch in der genannten Dokumentation.  Stattdessen geben diese Briefe einen kleinen Einblick in die Art des Austausches zwischen Mathilde Ludendorff und einem ihrer inzwischen älter gewordenen Mitarbeiter. Rehwaldt lebte 1954 in Solingen, später ist von Essen die Rede.

Eindrücke in Westdeutschland als Spätheimkehrer 1954

1959 hat Hermann Rehwaldt am Beginn seines Romans "Die Kommenden" seine Eindrücke fünf Jahre zuvor bei seiner Rückkehr aus neunjährigen Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion festgehalten: 
Das Deutschland des "deutschen Wunders" erschien mir fremd und irgendwie aus dem Geleise. Die nahezu neun Jahre Gefangenschaft in Karaganda und hinter dem Ural bildeten einen tiefen und breiten Abgrund zwischen Vergangenheit und Gegenwart, und das, was ich auf den Straßen der großen Stadt des Ruhrgebietes sah, verwirrte und erschreckte mich. Junge Mädchen in engen Hosen und - wie es mir schien - Hausschuhen vor grell erleuchteten und mit Waren aller Art gefüllten Schaufenstern der Geschäfte, junge Männer in unförmigen Pullovern und elefantenhufenförmigen, gummibesohlten gelben Schuhen, zahllos blitzende Kraftwagten, grelle, schreiende Lichtreklamen, Beton- und Glaspaläste der Banken und Versicherungsgesellschaften - und dazwischen Ruinen, ausgeräumte Grundstücke, Spuren der schon vergessenen Bombenteppiche. Die Hast, das irgendwie unecht klingende Lachen, die knallrot bemalten Lippen, das noch unechtere, sämtliche Zähne vorweisende Grinsen - war das noch Deutschland?

Ich stand entschlußlos an einer Straßenecke und ließ das Bild des "deutschen Wirtschaftswunders" auf mich einwirken. Gott, ich war ja selbst Teilhaber an diesem "Wunder". Gestern noch in einheitlich dunkelblauem Watteanzug mit imitierter Pelzmütze hinter dem dreimeterhohen, stachdrahtbewehrten Lagerzaun, von Soll bedrängt und von den "Blauen" - so nannten wir die Offiziere des uns überwachenden MWD in den Lagern und Gefängnissen der UdSSR - und Holzaugen bespitzelt und immer gewärtig, im Bunker zu landen oder in ein Straflager verschickt zu werden, - und heute wohlbestallter Angestellter einer Weltfirma, ein freier Mann, der ohne Begleitung eines mit MP bewaffneten Wachsoldaten über die Straße gehen konnte, wohin es ihn beliebte, der jedes Lokal betreten und sich alles bestellen durfte, wonach es ihn gelüste, - unglaublich.
Abb. 1: Ein Spätheimkehrer
Wie schon am Anfang des ersten Teiles erwähnt, war während des Krieges die erste Frau von Hermann Rehwaldt gestorben. Bei seiner Rückkehr konnte ihn nur noch seine Tochter begrüßen. Am 4. Januar 1954 begrüßte ihn Mathilde Ludendorff mit einem Brief:
(Handschriftlich)
Tutzing, 4.1.54
Sehr geehrter Herr Rehwaldt,

Eben höre ich, daß Sie nun endlich aus der schweren Gefangenschaft entlassen wurden!

Die Sorge um alle die so schwer Leidenden ist um eine nun gemildert!

Bitter aber ist in solchen Stunden die Lage, durch die Spruchkammer-Prozesse und Urteile so ausgeplündert zu sein, daß die Freude des so selbstverständlichen Helfens nun ausfallen muß.
Mit allen guten Wünschen und herzlichen Grüßen
Mathilde Ludendorff
Den Antwortbrief Rehwaldts hat Mathilde Ludendorff aufgehoben:
Solingen, den 7.1.1954

Euer Exzellenz,
hochzuverehrende Frau Doktor!
Es ist mir eine hohe Ehre, nach der Heimkehr den Willkommgruß Ihrer Exzellenz empfangen zu haben. Überhaupt war der Empfang in der Heimat förmlich überwältigend wie auch der erste Eindruck nach dem Wiederauftauchen aus dem Inferno. Ich gestatte mir, meinen verbindlichsten Dank für die so überaus freundlichen Begrüßungsworte auf diesem Wege auszudrücken, zugleich mit der Hoffnung, diesen Dank persönlich nachzutragen. Wann es mir jedoch gesundheitlich möglich sein wird, vermag ich im Augenblick nicht zu übersehen.
Wie schwer es fällt, durch äußere Umstände an gewünschter Hilfeleistung verhindert zu sein, kann ich aus eigener Erfahrung begreifen. Doch es wird für uns Spätheimkehrer von allen Seiten so viel getan, daß man sich darüber keine Gedanken zu machen braucht. Und außerdem – die Inanspruchnahme einer solchen Hilfe ist nicht jedermanns Sache.
Genehmigen Sie, hochverehrte Exzellenz, den Ausdruck meiner tiefempfundenen Hochachtung zugleich mit den aufrichtigsten Wünschen zu Ihrem persönlichen Wohlergehen und zum weiteren Fortschreiten des Kampfes um die Deutsche Volkwerdung. 
Ihr gehorsamst ergebener
H. Rehwaldt
Am 23. 6. 1954 erscheint eine Rezension von Rehwaldt über das "Rätsel Rußland". Und am 23. 7. 1954 schreibt Hermann Rehwaldt in der Zeitschrift "Quell" unter seinem neuen Schriftstellernamen German Pinning. Diesen hatte er angenommen, da sein Bruder noch in der DDR lebte. Rehwaldt berichtete über seine Gefühle und Eindrücke als Spätheimkehrer:
Kaum zu glauben! Es ist nun schon ein halbes Jahr vergangen, seit man wieder zu Hause ist. Seit Stacheldraht, "Dawai, dawai!", "Kasch", Objekt, Baracke, Kapusta, blaue Mützen mit rotem Rand und "Losungen" quer über die Straße, am Tor, an den Wänden, seit alles dieses Vergangenheit geworden ist. ... Aber die Gedanken wollen nicht von denen weichen, die drüben, hinter dem Eisernen Vorhang geblieben sind. ... Können sich die Menschen hier in die Geistesverfassung dieser modernen Sklaven überhaupt hineindenken? Auch wir, zu unserer Schande sei es gesagt, wir, die wir dieses Leben neun Jahre lang haben ertragen müssen, auch wir beginnen hier, in dem höllischen Tempo der neuen deutschen Gegenwart, es fast zu vergessen.
Er berichtet über das Hoffen und Bangen in den letzten Monaten seiner Kriegsgefangenschaft und davon, daß zwei Drittel der Kameraden seines Lagers noch nicht entlassen wären:
Die Nerven waren zum Platzen gespannt. ... Zwei Drittel, etwa 250 Mann, sind aber noch drüben. Und warten. Und zerquälen sich Hirn und Herz in ihrer Sehnsucht nach den Lieben daheim, nach der Freiheit, die nun schon kaum mehr vorstellbar für sie ist.
Er berichtet über den Mißbrauch der Kriegsgefangenen, ihr Festhalten und Freilassen je nach Lage der  aktuellen Tagespolitik und endet:
Von dem Verbrechen aber, unschuldige Leute jahrelang hinter Stacheldraht in einem menschenunwürdigen Sklavenstatus zu halten, redet auch schon heute niemand mehr. Und darum rede ich als Heimkehrer.
1955 – Rehwaldt wieder berufstätig

Abb. 2: Fa. Krupp in Essen, Hauptverwaltung
Offenbar hat Rehwaldt aus Anlaß des Geburtstages von Erich Ludendorff am 9. April 1955 an  Mathilde Ludendorff geschrieben (nicht im Konvolut enthalten). Solche Zuschriften erhielten Erich und Mathilde Ludendorff zu Gedenktagen wie Geburtstagen immer in sehr großer Zahl von Verehrern, auch Blumen und anderes. Darauf antworteten sie mit Postkarten, die teils vorgedruckt waren, und zu denen sie teils persönliche Bemerkungen hinzufügten. Mathilde Ludendorff antwortete an Rehwaldt:
(größtenteils handschriftlich, Postkarte mit Vordruck, Vordruck hier als nicht kursiv wiedergegeben)
Tutzing, den 28.4.55


Sehr geehrter Herr Rehwaldt,

Herzlichen Dank für Ihr warmes Gedenken!

Sehr habe ich mich darüber gefreut, daß Ihre Berufstätigkeit Ihnen wiedergegeben wurde! Im übrigen es geht aufwärts!

Es lebe die Freiheit!

M. Ludendorff
Rehwaldt hatte also Anfang 1955 die schon im ersten Teil erwähnte Anstellung als Dolmetscher und Übersetzer bei der Firma Krupp in Essen angetreten, bei der er möglicherweise schon in den 1930er oder 1920er Jahren angestellt war. Denn in seinem - sicherlich zum Teil autobiographischen - Roman "Die Kommenden" (Herbst 1959 in der Volkswarte in Fortsetzungen veröffentlicht) steht an einer Stelle (30.10.59, S. 6):
"Sie sind 1954 zurückgekommen? Und Sie sind bei Ihrer alten Firma sofort angekommen? Zufrieden? Ich sehe, Sie sind in Ihrem Element." Er wies auf meinen unordentlich mit einem Haufen Papieren und Büchern bedeckten Schreibtisch. Ich lachte. "Es macht Spaß, natürlich. Und Sie? ..."

1955 - "Enträtseltes Rußland" erscheint und wird in der "Zeit" besprochen

Anfang 1955 erschien auch Rehwaldts erste Nachkriegs-Buchveröffentlichung beim Verlag Hohe Warte: "Enträtseltes Rußland", ein Band, in dem er mehrere Aufsätze in überarbeiteter Form zusammenfaßte, die zuvor im "Quell" einzeln erschienen waren.

Dieses Bändchen erhielt Ende Februar 1955 eine kurze Besprechung in der "Zeit", die an diesem Buch nichts erwähnenswert findet außer darin entdeckten angeblichen "Antisemitismus". Hermann Rehwaldt antwortete darauf in der Quell-Folge vom 9. Mai ebenso befremdet, wie man auch heute noch diese Besprechung in der "Zeit" liest, wenn man zuvor den Band selbstgelesen hatte. Rehwaldt baute zum Beispiel seine Erörterungen über das russische Judentum sehr breit auf der heute widerlegten Hypothese von der Abstammung der aschkenasischen Juden von den Chasaren auf. Das hat aber damals nicht nur er getan, sondern auch viele Juden selbst. Und er spricht auch ausdrüclich von der "beschämenden Kristallnacht im 'Dritten Reich'" (S. 204).  Abschließend hatte er gefragt (S. 205):
Spielen nun die Juden in der Sowjetunion die Rolle, die ihnen von unserer Propaganda im Dritten Reich zugeschrieben wurde? Sind sie tatsächlich die geheimen Lenker und Nutznießer des Systems?
Und Rehwaldt beantwortete diese Frage in seinem Buch von 1955 bestimmt nicht weniger zurückhaltend und weniger differenziert, als diese Frage heute durch die Geschichtswissenschaft ganz allgemein behandelt wird. Rehwaldt antwortete deshalb auf diese Besprechung vollkommen angemessen:
Danach wurde also das ganze Buch von 250 Seiten nur geschrieben, um auf etwa 10 Seiten die antisemitischen Gefühle des Verfassers auszutoben.
Man fragt sich, ob es sich heutige Besprechungen in der "Zeit" noch ebenso einfach machen könnten und würden wie damals. Und man muß sich sagen: Staatstragenden Zeitungen wie der "Zeit" ist zwar auch heute noch so ziemlich alles zuzutrauen. Aber man möchte doch vermuten, daß man es heute selbst in dieser Zeitung nicht mehr gar so plakativ machen könnte. Und das ist - wie bei vielem - wohl im wesentlichen nur einem Umstand zu verdanken: Dank des Internets könnte das heute viel schneller durch die Leserschaft überprüft werden, als das in den 1950er Jahren möglich war. Man erhält hier einen kleinen Einblick, wie "simpel" und "einfach" es sich damals die "staatstragenden" Medien mit solchen Nonkonformisten wie der Ludendorff-Bewegung machten. Auf jeden Fall ist die Schrift "Enträtseltes Rußland" von Rehwaldt ernster zu nehmen und differenzierter zu beurteilen, als dies damals die "Zeit" getan hat.

1956 – "Die Zertrümmerung des Götzen Stalin"

- Offenbar auf Weihnachtsgrüße Rehwaldts antwortete Mathilde Ludendorff:
(handschriftlich, Postkarte mit Vordruck, Vordruck hier als nicht kursiv wiedergegeben)

Tutzing, 26. XII. 55
Sehr geehrter Herr Rehwaldt,

Herzlichen Dank für Ihr warmes Gedenken!
Wie sehr teile ich Ihr Wünschen!
Es lebe die Freiheit!
M. Ludendorff
Der 20. Parteitag der KPdSU im Februar 1956 in Moskau fand große Beachtung in der Welt. Hermann Rehwaldt behandelte ihn - ebenfalls sich verwundernd die "Augen reibend" - in seinem Aufsatz vom 23. April 1956 unter dem Titel "Stalin endgültig begraben". Auf Wikipedia heißt es über diese Einleitung der "Tauwetter-Periode":
Auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 kritisierte Chruschtschow in einer „Geheimrede“ am 25. Februar den Personenkult um Stalin und die damit verbundenen Verbrechen. Die sowjetische Führung leitete in der Folge eine grundlegende Wende in der Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik ein, die als Entstalinisierung bekannt wurde. Es entwickelte sich die Tauwetter-Periode: Sowohl innen- als auch außenpolitisch kehrte eine gewisse Entspannung ein. Chruschtschow ließ zahlreiche Straflager (GULag) öffnen und unschuldig Inhaftierte entlassen. Ganze Bevölkerungsteile wurden rehabilitiert.
Es scheint dies auch der Auslöser dafür gewesen zu sein, daß Hermann Rehwaldt an Dr. Edmund Reinhard, den Vorsitzenden des „Bundes für Gotterkenntnis“ einen Brief geschrieben haben (nicht im Konvolut enthalten), in dem er vorschlug, das erste der philosophischen Werke Mathilde Ludendorffs, "Triumph des Unsterblichkeitwillen", ins Russische zu übersetzen. Rehwaldts Gruß anläßlich des Geburtstages Erich Ludendorffs beantwortete daraufhin Mathilde Ludendorff folgendermaßen:
(handschriftlich, Postkarte mit Vordruck, Vordruck hier als nicht kursiv wiedergegeben)

Tutzing, den 19. IV. 56
Sehr geehrter Herr Rehwaldt,

Herzlichen Dank für Ihr warmes Gedenken!

Da mich zur Zeit eine Grippe erwischt hat, nehme ich eine der Druckkarten für Ostermond-Briefe, um Ihnen den Brief an Herrn Dr. Reinhard kurz zu beantworten.

Natürlich müßte die Dichtung in Prosa übersetzt werden. Es müßte aber in einer Anmerkung geschrieben werden, daß sie im Deutschen eine Dichtung sei, die der Russe in dieser Form nicht gewohnt sei. Wenn wir auch während der Diamatherrschaft keine Möglichkeit hätten, das Buch nach Rußland zu bringen und zu verkaufen, so liegen die Dinge heute doch so, daß Chruschtschow, seit wenigen Jahren Stalin II benannt, evtl. als solcher gestürzt wird. Möglich ist das jedenfalls. Daher möchte ich Sie bitten, doch Herrn Dr. Reinhard oder mir zu schreiben, was die Übersetzung kosten wird.

Sie bereit liegen zu haben, halte ich jedenfalls für gut. Der Bund wird dann entscheiden, ob er erst noch einen Zuwachs der Mitgliedschaft abwartet muß oder ob er Ihnen gleich den Auftrag geben kann.

Mit herzl. Ostergrüßen,

Es lebe die Freiheit!

Dr. M. Ludendorff.
Abb. 3: "Niemals w. u. Kinder Kommunisten!" (1951)
Was hier Mathilde Ludendorff mit der Möglichkeit des Sturzes des "Stalin II" durch General Schukow gemeint hat, hat sie in ihrem Aufsatz "Weltenwende wollen wir", erschienen am 23. Mai 1956, noch einmal ausführlich erläutert. Hermann Rehwaldt antwortete zunächst:
(handschriftlicher Entwurf, ohne Datum)

Hochzuverehrende Exzellenz!

Mit gehorsamstem Dank bestätige ich Euer Exzellenz Zeilen vom - - .

Euer Exzellenz werden mir nicht verübeln, daß ich nur mit den größten Hemmungen an die gewaltige Aufgabe, den „Triumph des U.“ ins Russische zu übertragen herangehe, da ich mir der ungeheuren Verantwortung für sinngemäße und stilistisch vollkommene Wiedergabe des Textes voll bewußt bin.

Was das Honorar für die Übersetzung anbelangt, so gelten die üblichen Sätze für eine Schreibmaschinenzeile mit 60 Anschlägen für wissenschaftliche Stoffe – bei einer solchen Arbeit natürlich nicht, da die Kosten auf diese Weise ins Ungeheure steigen müssen. Bei Buchübersetzungen wird daher von Fall zu Fall Übereinkunft getroffen, entweder in Form einer Pauschale oder von Prozenten vom Verkaufspreis.

Da ich, wie ich schon Herrn Dr. Reinhard geschrieben habe, die Arbeit nur nebenberuflich übernehmen kann und selbst an ihr interessiert bin, möchte ich die Festsetzung des Honorars Euer Exzellenz überlassen, ebenso die Bestimmung der Zahlungsweise.
Es folgen drei durchgestrichene Zeilen eines unvollendeten Satzes.

1956 - Die Hoffnung auf das Anwachsen des "Bundes für Gotterkenntnis"

In ihrem Antwortbrief erwähnt Mathilde Ludendorff nun auch den Aufsatz von Hermann Rehwaldt "Stalin endgültig begraben", der am 23. April 1956 (in Folge 8) erschien war, und auf den sie selbst Bezug genommen hatte in ihrem Aufsatz "Weltenwende wollen wir", der am 23.5. (in Folge 10) erscheinen sollte. In dem letzteren Aufsatz behandelt Mathilde Ludendorff zunächst den von Erich Ludendorff schon vor 20 Jahren vorausgesehenen "prunkvollen Abstieg" des britischen Weltreiches, in ihren Worten den "Zusammenbruch des Weltreiches zu einem kleinen Inselvolk" (u.a. infolge der Entkolonialisierung). Dieser Abstieg würde nur noch durch den Frankreichs übertroffen, aber auch die Weltherrschaftsstellung der USA hätte sich seit 1945 vermindert. Und in diesen "prunkvollen Abstieg" der anderen Mächte würde sich nun auch die verblendete Sowjetunion mit eingliedern:
... Und doch wollen wir diese Verblendung noch gering nennen, verglichen mit jener Zertrümmerung des Parteigottes Stalins auf dem 20. Parteikongreß. German Pinning hat in Folge 8/56 in der Abhandlung "Stalin endgültig begraben" den gründlichen Nachweis dafür erbracht, was die Zertrümmerung des Götzen Stalin und der Beweis all seiner großen Verbrechen deshalb bedeuten müssen, weil doch ein gut Teil seiner Vergehen nicht ohne Mitwirkung oder Duldung von seiten der heute führenden Staatsleiter begangen wurden. Wie sollte es da wohl mit Sicherheit verhütet werden können, daß zumindesten ein Teil der schweren Verurteilungen - wenn auch nur in voller Verschwiegenheit - von vielen Werktätigen im Volke ähnlich verurteilt werden? Mindestens ebenso schwer aber wiegt es, daß auch nach der nunmehrigen Abschaffung des Personenkultes und der Einführung der "Kollektiven Autorität" der Zwangsstaat mit all seinen unvermeidbaren schlimmen Auswirkungen bestehen bleibt. Ein Ameisenstaat unvollkommen geborener Menschen, denen die weisen Erbinstinkte der Ameisen fehlen, soll hier fortbestehen. Anküpfend an die Abhandlung von German Pinning möchte ich auf die psychologische Auswirkung hinweisen, die die Zertrümmerung des Götzen Stalin bei Chruschtschow selbst unweigerlich auslösen muß. Da auch er Gewalt im Zwangsstaate ausübt, wird seine Sorge von Tag zu Tag mehr wachsen, daß man ihn einst Stalin II. nennen und dementsprechend behandeln könne. Mindestens ebenso gewiß ist es für mich, daß er in dieser zunehmenden Sorge ein stets wachsendes Mißtrauen General Shukow gegenüber hegen wird. Dieser war im zweiten Weltkrieg der tatsächliche Sieger, und da er besonders von Stalin schlimm und undankbar behandelt wurde, so ist er der Bewunderung in seinem eigenen Volke nun umso sicherer.
Der sich stetig steigernde Machtzuwachs Shukow's wird von Mathilde Ludendorff noch ausführlicher erläutert. Shukow könnte mittelfristig, so meint sie, entweder gestürzt werden oder - was Mathilde Ludendorff zu diesem Zeitpunkt für wahrscheinlicher hält - selbst die Zügel an Stelle von Chruschtschow in die Hand nehmen. Er hätte immer Maß gehalten und sich nie zu Rachehandlungen gegenüber innenpolitischen Gegnern hinreißen lassen, so Mathilde Ludendorff und:
Er hat seine Sorge für sein Volk keinen Augenblick vergessen.
Mathilde Ludendorff glaubte jedenfalls zu diesem Zeitpunkt angesichts der von ihr geschilderten weltpolitischen Lage eine
tröstliche Hoffnung auf Rettung in Todesgefahren
hegen zu können. Diesen Aufsatz jedenfalls erwähnt sie in ihrem Brief an Rehwaldt:
(Brief, handschriftlich; mit anderer Handschrift darüber noch – irrtümlich - das Datum hinzugefügt: „6.5.54“)

Dr. Mathilde Ludendorff
(13b) Tutzing, Hauptstr. 74
Tutzing 2.5.56

Sehr geehrter Herr Dr. Rehwaldt,

Herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft, den Triumph ins Russische zu übertragen! Da Herr Dr. Preisinger nun sein wichtiges Amt im Bund angetreten hat, hoffe ich auf Aufschwung der Zahl der Beitrag zahlenden Mitglieder! Hat dieser sich eingestellt, dann werden wir dem Gedanken nähertreten! In einer Abhandlung für Folge 10 habe ich an Ihren Artikel in Folge 8 über Stalins Hinrichtung bei meinem Blick auch unter anderem auf Rußland unmittelbar angeknüpft!

In einer Woche hoffe ich auf meiner Berghütte in Klais endlich von einer allzu anhänglichen Grippe frei zu werden, um im Herbst durch Feierstunden, die uns unter anderem auch nach Essen führen, helfen zu können.

Mit herzlichen Grüßen und unserem ... Es lebe die Freiheit

Dr. M. Ludendorff
Der erwähnte Geschichtslehrer Dr. Werner Preisinger aus Schleswig-Holstein ist auch schon in früheren Beiträgen erwähnt worden. 

1956 - Schwierigkeiten, die Philosophie Mathilde Ludendorffs ins Russische zu übersetzen

Im Verlauf seiner Übersetzungsarbeit schreibt Rehwaldt nun den folgenden, vielleicht doch in vielem sehr pessimistisch klingenden Brief. Dabei ist noch einmal daran zu erinnern, worauf schon im ersten Teil hingewiesen wurde, nämlich daß Rehwaldt selbst Wert auf die Feststellung gelegt hat, daß er die russische Sprache ebenso gut beherrschen würde wie die deutsche: "Es ist sozusagen meine zweite Muttersprache" (in: "Enträtseltes Rußland", S. 9). Er schreibt also nun:
(Brief, maschinenschriftlich)
den 11.6.56
Euer Exzellenz

kann ich mitteilen, daß ich bereits den ersten Prosaabschnitt des „Triumph des Unsterblichkeitwillens“ übertragen habe. Es tauchten dabei eigentlich unvorhergesehene Schwierigkeiten auf, auf die ich Euer Exzellenz aufmerksam machen möchte.

Es gibt im Russischen überhaupt kein Wort für „Gemüt“. Es wird meist mehr schlecht als recht mit „Charakter“, „Laune“ usw. übersetzt, und ich muß gestehen, daß es mir fast unmöglich erscheint, diesen Begriff dem Russen voll und ganz klar zu machen. Bis jetzt kam es nur einmal vor, und ich konnte es umschreiben. Wie ich später werde verfahren müssen, weiß ich noch nicht.

Das russische Wort für „Sinn“ (Geruchssinn usw.) ist das gleiche wie für Gefühl, weshalb es jedesmal einer näheren Bezeichnung bedarf, um den Begriff zu präzisieren. Überhaupt braucht der Russe das Wort „tschuwstwo“ (= Sinn, Gefühl, Ahnung usw.) in sehr verschiedenem Sinn. Für „Ahnung“, „Ahnen“, hat er kein Wort – er „fühlt“ es eben und ahnt es nicht.

Für Erleben und Erlebnis gibt es nur ein Wort – „pereshiwanije“, das heute in der Umgangssprache völlig verballhornt wurde. Wenn einer über etwas traurig ist, dann „erlebt“ er. Auch darin liegt eine Schwierigkeit, weil man beim Gebrauch dieses unumgänglichen Wortes in den Geruch des Kitsches kommen kann. Wie übrigens beim Wort Seele auch. Es sind nämlich auch in der russischen Sprache Verschiebungen eingetreten, verbunden mit einer Proletarisierung, richtiger Prostituierung der Sprache.

Von Kant, Veden, Schopenhauer hat heute kein Russe eine Ahnung, es sei denn er studiert Philosophie – eine äußerst seltene Erscheinung. Längere Fußnoten ermüden. Ich würde empfehlen, eine Art Kleinlexikon am Schluß des Werkes anzufügen, indem das Wesentliche über derlei Namen und Begriffe mitgeteilt wird. Überhaupt ist die Allgemeinbildung, selbst in der kümmerlichen Art des amerikanischen Westens, in der SU nicht anzutreffen. Ärzte, Ingenieure usw. sind enge Spezialisten und völlige Ignoranten in allem, was mit ihrem Fach nicht zusammenhängt. Übrigens: Düring ist schon bekannter – aus den Diamatstunden (Anti-Düring).

Soll ich den ersten Abschnitt Euer Exzellenz zusenden? Vielleicht findet sich jemand, der ihn lesen und zurückübersetzen könnte. Ich würde es sehr begrüßen, weil ich manche Passagen im russischen Geist freier übertragen mußte, um sie überhaupt für den russisch-sowjetischen Leser faßlich zu machen.

Mit gehorsamstem Dank für den ehrenvollen Auftrag und mit ergebensten Grüßen

bin ich,
Euer Exzellenz gehorsamst ergebener
Dieser Brief klingt außergewöhnlich pessimistisch angesichts der Tatsache, daß es gerade auch zu jener Zeit im russischen Volk Psychologen gegeben hat, die den Bau der menschlichen Psyche in vielem ähnlich gesehen haben wie Mathilde Ludendorff. Beziehungsweise bezüglich der Tatsache, daß gerade dem russischen Volk von vielen eine besondere psychologische Begabung zugesprochen worden ist. (Man denke an Dostojewski, Rilke und andere). Hermann Rehwaldt hat die Sowjetunion ja durch die Augen eines Kriegsgefangenen in ebensolchen Lagern erlebt. Sein Urteil über "den Sowjetmenschen" scheint demjenigen zu ähneln, das ein Edwin Erich Dwinger 1941 und 1942 in seinen Tagebuchblättern als Soldat an der Ostfront festgehalten hat über diesen angeblich grauen, entseelten Einheitstypus.
Eines ist klar: 1956 waren ganz andere Zeiten als jene, in denen Rainer Maria Rilke mit Lou Andreas-Salomé Rußland bereiste. So tiefe Urteile wie die damaligen eines Rilke, die voller "Ahnung" waren, findet man bei Rehwaldt nie. Er war wohl eher ein nüchterner Tatsachen-Mensch.


Abb. 4: Der Briefwechsel von H. Rehwaldt mit Mathilde Ludendorff 1954 - 1962
Mathilde Ludendorff jedenfalls zog nach diesem Brief sehr schnell die Konsequenzen. Sicherlich spürte sie durch die Zeilen Rehwaldts dessen Unsicherheiten durch und daß er eben doch als Übersetzer von philosophischen und kulturellen Texten nicht gerade der geeignetste sein mußte. Sie nimmt aber, um die Schlußfolgerungen abschließend zu machen, seine Worte genau so wie er sie schreibt:
(maschinenschriftlich, Fraktur)
Klais, den 15.6.56
Sehr geehrter Herr Rehwaldt!

Viel herzlichen Dank dafür, daß Sie den ersten Prosaabschnitt schon übersetzt haben. Was Sie mir aber über das Fehlen denkbar wichtiger Worte in der russischen Sprache, die ganz unentbehrlich sind, um die Übersetzung unantastbar in ihrer Wiedergabe zu gestalten, mitteilen, macht es mir ganz klar, daß der Plan scheitern muß! Wie wesentlich ist es, daß Ihre gründliche Kenntnis der heutigen russischen Sprache das Unheil aufgedeckt und den Plan daher als undurchführbar gezeigt hat! Ich bitte Sie natürlich herzlich, den schon übersetzten Teil vom Bunde der Abmachung entsprechend besolden zu lassen. Und danke Ihnen noch einmal herzlich!

Herzliche Grüße

Dr. M. Ludendorff

Rehwaldt heiratet ein zweites mal

Noch im gleichen Jahr sandte Rehwaldt an Mathilde Ludendorff seine Heiratsanzeige. Sie ist zwar nicht im Konvolut enthalten, was Mathilde Ludendorff antwortete, aber schon:
Klais, d. 7.9.56 (?)
Sehr geehrter Herr Rehwaldt,

Auf meine Berghütte wurde mir die Anzeige Ihrer Heirat nachgesandt!

Nehmen Sie viel herzliche Glückwünsche. Nach so hartem Lebensschicksal wird Ihre Seele das Glück in voller Erschlossenheit erleben!

Im Quell werden Sie die Anzeige der Feierstunden über Dichtungen aus „Des Menschen Seele“ lesen. Sollten Sie und Ihre Frau dieselbe aufsuchen, so werde ich jedenfalls dafür Sorge tragen, daß ich Sie beide nach Schluß der Feier kurz sprechen kann. Sie brauchen nur Ihren Namen an den Empfang durch Zeilen zu sagen.

Herzl. Grüße,

Dr. M. Ludendorff
Der letzte Satz ist schwer leserlich. Die Jahreszahl im Datum könnte 1954 oder 1956 heißen. Da es aber im "Quell" von 1954 keine Anzeigen für Feierstunden gibt, 1955 und 1956 aber schon, wird es sich um das Jahr 1956 handeln. Zumal nur 1956, nicht aber 1955 eine solche auch in Essen abgehalten wurde, und zwar am 14. 10. im Städtischen Saalbau, Kammermusiksaal, Huyssenallee. So angekündigt in den Folgen vom 9.9., 23.9. und 9.10.1956: "Feierstunden des Bundes für Gotterkenntnis (L). Dr. Mathilde Ludendorff und Frieda Stahl veranstalten folgende Feierstunden ..." Und dann sind die Zeiten und Orte in acht Städten zwischen Flensburg und Stuttgart angegeben, nicht aber die Inhalte der Feierstunden.

Einer "Rückschau" auf diese Feierstunden in der Folge vom 23.12.1956 (S. 1118 - 1121) ist aber zu entnehmen, daß Mathilde Ludendorff in diesen nicht aus ihrem Buch "Des Menschen Seele", sondern aus aus ihrem Buch "Des Kindes Seele und der Eltern Amt" vorgelesen hat. Die Lesungen der einzelnen Abschnitte wurden jeweils umrahmt von Klaviermusik ihrer Schwester Frieda Stahl, einer Konzertpianistin. Über sie heißt es in dieser Rückschau unter anderem:
Frau Stahl hat ihr technisches Rüstzeug und ihr feines, solides Können der hohen Schule des gestrengen Wiener Meisters Leschetitzky zu verdanken, der gemeinsam mit Franz Liszt ein Schüler Czerny's war. Leschetizky hat eine große Zahl der bedeutendsten Pianisten zu seinen Schülern gewählt. In ihrem seit Jahrzehnten an der Kölner Hochschule für Musik ausgeübten Lehramt hat Frau Stahl diese ehrwürdige Tradition an eine große Schülerzahl weitergegeben.  
1957 wird die Wochenzeitung "Volkswarte" begründet. In ihr läßt Hermann Rehwaldt neben anderen Aufsätzen eine dreiteilige Aufsatzfolge über die unterstellte Weltmacht der Theokratie in Tibet erscheinen. In seinem Aufsatz "Hitler und Tibet" wird dann insbesondere das Buch "Gurdiew der Magier" behandelt. Darüber schreibt Mathilde Ludendorff dann in der Zeitschrift "Quell" (23.8.57, S. 754):
Es hat mich herzlich gefreut, daß in Folge 6 der "Volkswarte" (…) der Aufsatz von German Pinning: "Hitler und Tibet", steht. Er zeigt, wie schon seit dem Jahre 1927 Hitler der Priesterkaste Tibets unterstellt war und die Befehle zu seinem Handeln durch Gurdjew aus Tibet empfing.  
1958 – „Vor einem neuen Äon“ erscheint, Rehwaldt muß sich von Überarbeitung erholen

Der oben erwähnte, längere Zeit unentschiedene Machtkampf zwischen Chruschtschow und Schukow ist dann übrigens im Oktober 1957 doch noch zu Gunsten von Chruschtschow entschieden worden. Aber auch Shukow hatte sich - nach einigem Zögern - für die Niederwerfung des Aufstandes in Ungarn ausgesprochen.  Auf einen Weihnachtsgruß Rehwaldts antwortete Mathilde Ludendorff 1958:
(halb vorgedruckte Grußkarte)
Tutzing, 2. I. 58
Herzlichen Dank für warmes Gedenken!
Und viel herzl. Neujahrswünsche

Es lebe die Freiheit!

Dr. M. Ludendorff
Im Konvolut ist dann ein Programmzettel enthalten, der hier gekürzt wiedergegeben wird:
Vortragsfolge
Feierstunde am 16. März 1958

(…) Kammermusiksaal, Essen (…)

1 Frau Frieda Stahl
(…)

2 Frau Dr. Mathilde Ludendorff
(…)

Es wird gebeten, von Äußerungen des Beifalls und des Dankes abzusehen.
Rehwaldt hat diese Feierstunde mit Klavierkonzert und Lesung also wahrscheinlich ebenso besucht wie eine ähnliche Veranstaltung 1956. Die nächste Postkarte stammt von Mathilde Ludendorff:
(maschinenschriftlich, Postkarte)
Tutzing, d. 6.5.58
Sehr geehrter Herr Rehwalt (sic!)!

Aus der Einlage von Herrn Josch zu meinem Brief ersehen Sie daß er mich gebeten hat, Ihnen die Schrift, die ich beilege, zur Einsicht zu senden, was ich hiermit mit herzlichen Grüßen tue.

Dr. Mathilde Ludendorff
Von Wilfried von Josch war schon im Jahr 1940 eine Schrift im Ludendorffs Verlag erschienen. Es wird nicht klar, um welche Schrift es sich hier handelt. Hinweise darauf finden sich im Konvolut offenbar nicht. Rehwaldt antwortete - die von ihm erwähnte Meniersche Krankheit ist eine Krankheit des Innenohres verbunden mit Drehschwindel, Ohrensausen und Hörverlust, möglicherweise eine Folge der Kriegsgefangenschaft und eventuell von Folterungen (?):
(maschinenschriftlicher Brief, Durchschlag)
den 4.6.1958
Euer Exzellenz

bitte ich zunächst um Entschuldigung, daß ich erst heute den Eingang Ihrer Zeilen mit dem Manuskript von Josch bestätigen kann. Ende April/Anfang Mai erkrankte ich nämlich an der sogenannten Menierschen Krankheit und mußte anschließend radikal mit allem aussetzen und Ferien machen, die ich in Italien verbrachte, um dem heimischen konstant schlechten Wetter zu entgehen.

Nunmehr geht es mir wieder gut, und ich schrieb Herrn v. Josch lt. Anlage. M. E. können wir mit seiner Arbeit tatsächlich nichts anfangen, wenn es vielleicht auch interessant wäre, darauf hinzuweisen, daß nicht nur in Deutschland die Erkenntnis der überstaatlichen Mächte vorhanden war.

Was mich anbelangt, so führt der Arzt meine Erkrankung auf Überarbeitung zurück, womit er wohl auch recht hat, denn ich hatte wirklich viel zu tun und schrieb abends außerdem noch einiges. Damit werde ich wohl einige Zeit noch etwas kürzer treten müssen.

Ich gestatte mir, Euer Exzellenz meiner Frau und meine herzlichsten Wünsche auszusprechen und verbleibe

mit aufrichtiger Hochachtung

Ihr ergebener
1958 - Es ist "ungehere Arbeit, gegen Okkultorden zu schreiben" - Mathilde Ludendorff

Der Brief an v. Josch („lt. Anlage“) ist im Konvolut nicht enthalten. Mathilde Ludendorff schreibt:
(maschinenschriftlich, Postkarte)
Klais, den 8.6.58
Sehr geehrter Herr Rehwaldt,

gerade wollte ich Ihnen meine Freude über das Buch „Vor einem neuen Äon“ schreiben und ihm herzlich große Verbreitung wünschen, da höre ich von Ihrer Erkrankung. Da ich selbst früher gegen Okkultorden schrieb, weiß ich, welch ungeheure Arbeit Ihr Buch Ihnen abverlangte.

Mit herzlichen Wünschen guter Besserung
und Grüßen auch an Ihre Frau,

(handschriftlich) Dr. M. Ludendorff
Ihre Karte scheint sich mit der Zusendung eines Widmungsexplars von "Vor einem neuen Äon" an Mathilde Ludendorff überschnitten zu haben. Sie schreibt nochmals:
(handschriftlich, Postkarte)
Klais 12.6.58
Sehr geehrter Herr Rehwaldt,

Sie haben indessen sicher mein Briefchen erhalten, in dem ich meine Freude über Ihr wichtiges Buch aussprach und ihm gute Verbreitung wünschte.

Heute erhalte ich nun das Buch „Vor einem Neuen Äon“ mit Ihrer Widmung! Viel herzlichen Dank! Noch einmal möchte ich meinen Wunsch wiederholen, daß Sie sich nach der großen Anstrengung eine gründliche Erholung gönnen!
Ihnen und Ihrer Frau herzliche Grüße
Dr. M. Ludendorff
1959 - Rehwaldt arbeitet in Paris an der Schrift "Wer steht hinter de Gaulle?"

Im Jahr 1959 reist Hermann Rehwaldt nach Paris, schreibt er doch in einem Aufsatz, veröffentlicht am 15.4.1960:
Während meines Aufenthaltes in Paris vor einem Jahr ...
Und noch im gleichen Jahr 1959 entsteht die wohl wichtigste Schrift seines Lebens, nämlich "Wer steht hinter de Gaulle?" über den französischen okkulten Geheimbund der "Synarchie", der hinter der Regierung Petain stand, und von dem Rehwaldt annimmt, daß er auch im Jahr 1959 weiterbestehen würde (S. 94):
Man braucht nur nach Frankreich zu gehen und sich die Auslagen der Buchhandlungen, z.B. auf dem Boulevard St. Michel in Paris anzusehen und man weiß gleich, daß die Synarchie noch lebt. Die Werke des Vaters der Synarchie, Saint-Yves d'Alveydre, namentlich sein Buch "Mission der Juden", zwei dicke Bände, sind überall ausgestellt. Jaques Weiß, der Theosoph und Synarchist, macht mit seinem dicken Wälzer "La Synarchie" gute Geschäfte, da der Leser hofft, darin Enthüllungen über den aktuellen Geheimbund zu finden. (...) Bereits die Tatsache, daß ein solches Buch 1955 erschienen ist und heute verkauft wird, ist ein Beweis für die Existenz der Imperialen synarchistischen Bewegung: durch dieses Buch wird (...) für die Idee der Synarchie geworben.
Aufgrund dieser Entdeckung hat Rehwaldt dann auch Literatur über die Synarchie in der
Bibliotheque Ste. Genevieve in Paris 
studiert, da sie vergriffen und nur dort noch zu erhalten war, wie er schreibt (S. 15). Da sich zwar mit diesem Geheimbund der Synarchie in Frankreich viele Autoren beschäftigt haben, dieser aber ansonsten in Deutschland so gut wie nie behandelt worden ist, nimmt die Schrift Hermann Rehwaldts im deutschsprachigen Raum eine so wichtige Rolle ein (mehr dazu im 4. Band der Dokumentation "Völker wider Gotteswahn - Die drei großen Welttheokratien und ihr Ende").

Auch zum Geburtstag Mathilde Ludendorffs im Oktober 1959 werden Gruß- und Dankeskarten gewechselt, allerdings offenbar von Seiten Mathilde Ludendorffs ohne persönliche Zusätze. Ebenso zu Weihnachten 1962 zum "25. Todestag des Feldherren".

Soweit die Wiedergabe dieses Briefwechsels. Wohl in den 1960er Jahren hielt Hermann Rehwaldt einen Vortrag in Minden. Bei diesem Anlaß erzählte er laut Erinnerung eines Teilnehmers auch einiges aus seinem Leben. So berichtete er etwa, daß er als Schriftleiter Erich Ludendorff einmal noch kurz vor der Drucklegung, als eigentlich bei einem Ludendorff gar nichts mehr zu ändern gewesen wäre, eine andere Aufteilung der Überschrift vorgeschlagen hätte. So seien die Titelzeilen des Leitartikels aussagekräftiger zu lesen gewesen wären, auch wenn nur die obere Hälfte der Zeitung zu lesen gewesen wäre. Dies sei ja oft an Kiosken der Fall. Ludendorff sei darauf eingegangen.

1965, aus Anlaß des 100. Geburtstages von Erich Ludendorff veröffentlichte Hermann Rehwaldt Erinnerungen an ihn, 1966 aus Anlaß des Todes von Mathilde Ludendorff Erinnerungen an sie und 1969 aus Anlaß des Todes seines zehn Jahre älteren Freundes Karl von Unruh Erinnerungen an diesen. Aus allen diesen Erinnerungen ist schon im ersten Teil zitiert worden. Hermann Rehwaldt hat sich bis 1972 in Aufsätzen auch immer wieder mit Bücher von Roger Peyrefitte befaßt, sowie mit Veröffentlichungen über sonstige Hellseher und Scharlatane, die hinter dem Dritten Reich, hinter der Regierung Petain und hinter der Regierung de Gaulle und anderen Regierungen standen. Weitergehende Angaben findet man dazu wie gesagt in dem parallel erarbeiteten 4. Band der Dokumentation "Völker wider Gotteswahn - Die drei großen Welttheokratien und ihr Ende". Allerdings wären auch die dort gebrachten Aufsätze Rehwaldts noch einmal gründlicher auszuwerten und auf ihre heutige Gültigkeit zu überprüfen. Für seinen Roman "Die unsichtbaren Väter" von 1935 ist das schon vor einiger Zeit geschehen (vgl.: b).
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Mit Dank an den derzeitigen Besitzer des Briefkonvoluts Rehwaldt/Ludendorff für das Zusenden der Kopien! - Erster Entwurf: 15.10.09.
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Zur Bibliographie zu Hermann Rehwaldt siehe eigener Beitrag. Ansonsten benutzte Literatur:

a. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. II. Band. Meine Lebenserinnerungen von 1926 bis 1933. Verlag Hohe Warte, Stuttgart 1951
c. Bischof & Klein - 1892 - 1992. Jahrhundertbilanz eines westfälischen Verpackungsunternehmens. Kleins Druck- und Verlagsanstalt Lengerich 1992
d. von Josch, Wilfried: Ein seltsamer Staat, der platonische Staat in völkischer Betrachtung. Ludendorffs Verlag, München 1940 [Schriftenbezug 10, Heft 1]

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