Freitag, 28. Dezember 2012

Das Ludendorff-Archiv in Tutzing

- Betrieben im "Geist" eines Armin Mohler?

Erich und Mathilde Ludendorff waren zwei der frühesten Satanismus-, Okkultismus- und Hintergrundpolitik-Kritiker der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mathilde Ludendorff war in der Nachfolge von August Weismann, Ernst Haeckel und Emil Kraepelin zudem eine der frühesten Vertreterinnen evolutionären, darwinischen, naturwissenschaftsnahen ("naturalistischen") Denkens in der Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Wer sich dessen bewußt ist, fragt sich, wie eigentlich mit dem Nachlaß und geistigen Erbe von Erich und Mathilde Ludendorff umgegangen wird.

Das Ludendorff-Archiv in Tutzing sollte "allen zugänglich" sein. So hatte es Mathilde Ludendorff schon im Dezember 1938 öffentlich geäußert als ihren Willen für die Zeit nach ihrem Tod. Dies ist es aber seit 1966, also seit fast 50 Jahren, nicht gewesen. Es wurde sogar die testamentarisch vorgesehene Existenz dieses Ludendorff-Archivs, sowie die historische Relevanz desselben von seinen eigenen Betreibern mit ausdrücklichen Worten über Jahrzehnte bestritten. Diese Tatsache mußte unter Beobachtern viele Fragen aufkommen lassen.

Erste Anregungen zur Aufarbeitung der Geschichte der Ludendorff-Bewegung durch diese selbst - unter deutlichster Ausklammerung dieses Ludendorff-Archivs - kamen 1972 oder danach von Armin Mohler (59). Armin Mohler war der politische Berater und Redenschreiber von Franz-Josef Strauß. Strauß war einer der korruptesten Politiker der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte. Was nicht verhindern konnte, daß er noch anläßlich seines Todes belobhudelt wurde vom damaligen Erzbischof von München Josef Ratzinger. Armin Mohler war bekanntermaßen außerdem der Sekretär der "grauen Eminenz" aller Rechtskonservativen im Dunkelfeld zwischen "Neuen Nationalisten" und der SS, nämlich von Ernst Jünger. Jünger ist noch im hundersten Lebenjahr zur katholischen Kirche konvertiert. Beide, Mohler und Jünger, waren Freunde von: Werner Best, Carl Schmitt, Friedrich Hielscher. Nach heutigem Kenntnisstand - und aus der Sicht von Hintergrundpolitik-Kritikern - kann man also kaum mit schlimmeren Leuten zusammen kommen, als mit jemandem wie - - - Armin Mohler.

Das „Heilige Offizium (L)“ in Pähl

Aber nun waren es genau seine Anregungen (59), die von Ludendorff-Anhängern wie Hans Kopp, Gunther Duda, Franz von Bebenburg und Hans Binder befolgt worden sind, und die zu der von diesen betriebenen Aufarbeitung der Geschichte der Ludendorff-Bewegung führten. Oder zu dem, was diese darunter verstanden. (Es handelte sich nämlich vor allem um das trockene Referieren von schon längst Bekanntem.) - Noch fast ohne von solchen Hintergründen und Zusammenhängen zu wissen, verkörperten diese vier Autoren nach der Meinung anderer, kritischerer zeitgleicher Ludendorff-Anhänger und früherer Mitarbeiter von Mathilde Ludendorff den von ihnen sogenannten "Geist von Pähl". (Der Ort Pähl war der Verlagssitz von Franz von Bebenburg, des Schwiegersohnes und Testamentsvollstreckers von Mathilde Ludendorff, einige Ortschaften von Tutzing entfernt.) Ja, diese vier Autoren verkörperten für ihre damaligen Kritiker ein „Heiliges Offizium (L)“. (So geäußert von einem Verlags-Autor in einem privaten Brief im Oktober 1973 [3].) Die einen "Verrat an der Idee" betreiben würden.

Es will keineswegs mehr ausgeschlossen erscheinen, daß das Befolgen von Ratschlägen eines "Vertreters synarchistischen Geistes", wie Armin Mohler 1966 von Hans Kopp ausdrücklich und mit geradezu innerer Sicherheit bezeichnet worden ist (58), und ohne daß Mohler dagegen protestiert hätte, damit zusammenhängt, daß das Ludendorff-Archiv in Tutzing seit fast 50 Jahren bis heute nicht öffentlich zugänglich ist, ja, daß sogar seine Existenz beschwiegen und seine Relevanz bestritten wurde und wird.

Das Erkennen dieser Zusammenhänge machte zunächst noch einmal eine Rückversicherung notwendig über das Selbstverständnis Erich und Mathilde Ludendorffs hinsichtlich des Umgangs mit ihrem eigenen Nachlaß, bzw. ihres Selbstverständnisses hinsichtlich des Umgangs mit kulturgeschichtlich nicht unbedeutenden Nachlässen überhaupt. Denn Haltungen und Äußerungen der genannten vier Autoren und ihrer Verwandten in den letzten Jahrzehnten waren danach angetan, Beobachter diesbezüglich ganz irre zu machen. Und dieses gewünschte Selbstverständnis war dann zu vergleichen mit dem in die Tat umgesetzten Selbstverständnis seit ihrem Tod, vor allem durch die genannten vier Autoren. 

Zu diesen Fragen ist an dieser Stelle seit dem Dezember 2012 nach und nach eine sehr umfangreiche Ausarbeitung zusammengestellt worden, die sich in mehrere Fragerichtungen hin verästelte. Sie ist deshalb inzwischen (Oktober 2013) so umfangreich geworden (siehe ausführliche Fassung: Academia.edu), daß von ihr hier nun nur noch einige wichtigere Auszüge in chronlogischer Reihenfolge zusammengestellt bleiben sollen. So vor allem zeitgeschichtliche Texte und Textstellen, sowie Tatsachen selbst, die in diesem Zusammenhang von Bedeutung erscheinen. Dem Wirken der genannten vier Autoren kann auch noch in anderen Themenbereichen nachgegangen werden. Etwa in ihrem Jahrzehnte lang eingenommenen Verhältnis zur Naturwissenschaft oder zur Kritik von Satanismus (Gunther Duda). Und in ihrem ganz allgemeinen Vor-den-Kopf-Stoßen all jener, die mit dem "Geist von Pähl" nicht konform gingen und sich ein selbständiges Urteilen bewahrt hatten. Zu all dem werden derzeit mehrere andere Studien erarbeitet. (Wer weitergehendes Interesse an den Zusammenhängen und den diesbezüglichen Studien hat, bzw. Anregungen geben kann, wende sich bitte an den Bloginhaber.)

A. Zeugnisse zum Selbstverständnis Erich und Mathilde Ludendorffs zum Umgang mit Archiven und Nachlässen

1934 - Erich Ludendorff: "Das Archiv in Ordnung bringen"

Erich Ludendorff erwähnte das Archiv des Ludendorff-Verlages im dritten Band seiner Lebenserinnerungen, in dem er für das Jahr 1934 von dem neuberufenen Schriftleiter schrieb (S. 98f):
... Zugleich sollte er auch auf das Schmerzenskind des Verlages, das Archiv, ein Auge werfen, um es endlich einmal in Ordnung zu bringen.
Dieses Archiv des Ludendorff-Verlages wurde aus dem Anhänger- und Mitarbeiterkreis heraus angeschrieben, so zum Beispiel am 27. Mai 1934 von Herbert Frank (20, S. 5).

1936 - Würdigung der Mozart-Forschung - als exemplarisches Beispiel

Das Buch von Mathilde Ludendorff "Mozarts Leben und gewaltsamer Tod" aus dem Jahr 1936 trägt den Untertitel:
Nach Zeugnissen seiner nächsten Angehörigen und seinen eigenen Briefen / Ausgewählt aus der Biographie Nissens und Konstanze Mozarts und anderen Quellen.
Mozarts Witwe Constanze hatte - nach dem Tod ihres zweiten Ehemannes Georg Nikolaus von Nissen - 1828, 37 Jahre nach dem Tod Mozarts, eine von Nissen und ihr zusammengestellte "Biographie W. A. Mozart's" herausgegeben (13),
Nach Originalbriefen, Sammlungen alles über ihn Geschriebenen, mit vielen neuen Beilagen, Steindrucken, Musikblättern und einem Faksimile,
wie es auf der Titelseite von 1828 heißt. Mathilde Ludendorff bringt diese Titelseite von 1828 im Faksimile in ihrem eigenen Buch, weil sie dieses Buch für ihr eigenes sehr umfangreich ausgewertet hat. Sie schreibt anerkennend über dieses Werk von 1828 (2, S. 11):
Es ist nun Zeit, darauf hinzuweisen, mit welcher Sorgfalt und innigen Bewunderung sie (also Constanze Mozart) gemeinsam mit ihrem zweiten Manne, Georg Nikolaus v. Nissen, der Mozart aus tiefster Seele verehrte, der für dessen Kinder wie ein eigener Vater sorgte, sein Lebensbild und seine Leistung in dem Werke, dessen Titel auf der nächsten Seite folgt, festzuhalten getrachtet hat. (...) Dieses Buch umfaßt tausend Druckseiten.
Aus diesen Worten wird man schon eine sehr deutliche Haltung heraushören, die Mathilde Ludendorff gegenüber historischer Quellensicherung und Archivarbeit eingenommen hat.

Anfang 1938 - Erich Ludendorff - Die "Fülle seines Nachlasses"

Schon wenige Wochen nach dem Tod Erich Ludendorffs, nämlich am 20. Januar 1938, ist in seiner Zeitschrift "Quell" von der "Fülle des Nachlasses" die Rede:
An unsere Leser!
Gemäß dem letzten Willen des Feldherrn wird unsere Zeitschrift aus der Fülle seines Nachlasses laufend geschichtlich hochwichtige Beiträge bringen, sowohl solche, die vor Jahren nur einem beschränkten Leserkreis zugänglich waren, wie auch noch gänzlich unveröffentlichte Arbeiten. So wird der Feldherr durch seine Zeitschrift weiter zum Deutschen Volke sprechen.
Die Schriftleitung.
Einen Monat später, in der Folge vom 20. Februar 1938, erschien der folgende Aufruf (S. 884):
Achtung, Ludendorff-Archiv!
Im Bestreben, in unserem Archiv möglichst lückenlos alle wesentlichen Äußerungen des Feldherrn zu sammeln, wenden wir uns an unsere Leser mit der Bitte um tätige Unterstützung. Es haben zahlreiche Deutsche Briefe des Feldherrn erhalten, die Wertvolles für alle Zeit erhalten. Wir bitten nun, uns entweder gute druckfähige Lichtbildabzüge solcher Briefschaften des Feldherrn, oder die Originale selbst zu getreuen Händen zum Zweck des Photographierens zuzusenden. In letzterem Falle werden die Originalbriefe nach Aufnahme eingeschrieben zurückgesandt.
Zusendungen sind z. Hd. des Herrn Hanno v. Kemnitz an den Verlag zu richten.
Die Schriftleitung.
(Hanno von Kemnitz war einer der beiden Söhne Mathilde Ludendorffs, damals auch Mitarbeiter des Ludendorff-Verlages.)

Dezember 1938 - Mathilde Ludendorff: Der Nachlaß wird "allen zugänglich aufbewahrt"

Am 20. Dezember 1938 antwortete Mathilde Ludendorff auf Anfragen hinsichtlich des Nachlasses ihres verstorbenen Ehemannes auf der ersten Seite ihrer Zeitschrift "Quell":
An unsere Leser!
An der ersten Wiederkehr des Todestages des Feldherrn gebe ich auf eine große Anzahl von Anfragen und Bitten hin, die in diesem Trauerjahr an mich herantraten, nun die öffentliche Antwort.
Es ist nur zu begreiflich, daß Museen, ja auch einzelne Deutsche die so teuren Erinnerungen an des Feldherrn Soldatendienst und Weltkriegszeit besitzen möchten. Da ich als Alleinerbin Besitzer dieses Gutes bin, ist es auch mir allzu begreiflich, daß sich immer wieder Bittende an mich wenden. Ich bin hier gebunden an des Feldherrn Willen, der selbstverständlich alle diese Erinnerungen nicht Einzelnen nach meinem Tode vermacht wissen wollte, sondern sie dem Volke erhalten sehen will. Der Ort aber, an dem sie dem Volke nach meinem Tode aufbewahrt werden sollen, ist unser Heim in Tutzing; wollte er doch ausdrücklich, daß seine Feldherrnerinnerungen nicht von jenen an seinen Freiheit- und Kulturkampf und an unser gemeinsames Schaffen im Tutzinger Heim getrennt werden. In seinem Testamente schreibt er über die Absicht, das Tutzinger Heim dementsprechend nach meinem Tode ganz so erhalten zu sehen wie zu unseren Lebzeiten:
"Wenn ihnen möglich, sollen die Kinder meiner Frau das Haus in Tutzing so erhalten, wie es bei unseren Lebzeiten war, doch sollen sie dadurch nicht in Schwierigkeiten kommen."
So wie der Feldherr es mir mündlich als seinen Willen aussprach, habe ich vor allem an das Zeughaus in Berlin, nach Kreuznach, nach Lötzen an Erinnerungstücken geschenkt, was er nicht für das Tutzinger Haus zurückgehalten wissen wollte. Ich bitte von weiteren Bitten also absehen zu wollen. Es geht nichts von diesen Erinnerungen in Privatbesitz, sondern es wird in unserem Tutzinger Heime verbleiben und nach meinem Tode allen zugänglich aufbewahrt. Ebensoviele Anfragen gelangten an mich bezüglich der Bestattung des Feldherrn. Hier herrscht die irrige Vorstellung, als habe der Feldherr außer seiner klaren Anordnung, ihn an einer ganz bestimmten Stätte nicht zu bestatten (siehe Folge 10, Jahrgang 1935/36, Am Heiligen Quell), einer Anordnung, die durch die kirchliche Bestattung des Antichristen Friedrich des Großen wider dessen letzten Willen noch eine besondere, entschiedene Wortgestaltung erfuhr, gar keine letztwilligen Verfügungen hinterlassen. Das ist unrichtig.
Ich gebe aus seinem Testamente heute bei der ersten Wiederkehr seines Todestages daher folgendes bekannt. Der Feldherr ordnete an:
"Sterbe ich mit meiner Frau gemeinsam, so wünschen wir auf einer heidnischen Ahnenstätte gemeinsam bestattet zu werden."
Doch der Feldherr sah auch den Fall vor, daß wir nicht gemeinsam durch eins der vielen angedrohten Attentate ums Leben kämen, sondern der natürliche Tod uns trennen könne, so schreibt er:
"Sterbe ich vor meiner Frau, so bestimmt meine Frau, wo ich bis zu ihrem Tode bestattet werde. Ich werde dann gemeinsam mit meiner Frau auf die heidnische Ahnenstätte überführt, und wir ruhen dann daselbst gemeinsam."
Der Feldherr wußte durch unsere Gespräche hierüber sehr wohl, daß ich die Totenstätte, so lange ich lebe, so nahe wie irgend möglich der Heimstätte unseres gemeinsamen Lebens wissen wollte. Sollte es sich nicht irgendwann verwirklichen lassen, daß der ganze obere Teil des schönen Tutzinger Gemeindefriedhofes als unsere gemeinsame heidnische Stätte in einer würdigen Weise abgesondert wird, so wird die Gruft, die dicht neben der des Feldherrn unter dem großen Totenhügel bereit ist, nicht mein Grab, und der oben ausgesprochene Wille des Feldherrn findet dann auf andere Weise seine Verwirklichung. Dann bleibt aber jedenfalls die schöne und würdige Anlage des mir gehörigen Grabes in Tutzing, und es bleiben die Büste, Totenhügel und Baumanlage, wie ich sie gestalten ließ. Denn die Stätte, an der der lebmüde Leib unseres Feldherrn nach seinem Tode zuerst der Erde übergeben wurde und in der er ruhte, wird immer eine Weihestätte des Deutschen Volkes bleiben. Sie wird dank der Art ihrer Ausgestaltung Sinnbild seiner Wesensart sein, während die Stätten unseres Lebens, der nach unser beider Plänen angelegte Garten und das schlichte Heim im gleichen Orte am See den Nachfahren auch so manches von des Feldherrn Wesen und Leben erzählen werden.
Mathilde Ludendorff
April 1939 - Briefe Erich Ludendorffs sollen nicht in den Autographen-Handel geraten

In der "Quell"-Folge vom 7. April 1939 findet sich die Mitteilung (S. 19):
Gelegentlich des Geburttages des Feldherrn besteht Veranlassung darauf hinzuweisen, daß Deutsche, die Briefe des Feldherrn besitzen, dafür Sorge tragen, daß diese entweder zu ihren Lebzeiten oder nach ihrem Tode, so weit sie nicht würdig vererbt werden können, an Frau Dr. Mathilde Ludendorff bzw. an den Verlag zurückgegeben werden. Keineswegs dürfen solche Briefe jemals öffentlich preisgegeben oder gar durch Autographen-Händler gehandelt werden.
Der Verlag.
August 1939 - Eine Tischplatte mit der Unterschrift Erich Ludendorffs

Und in der "Quell"-Folge vom 25. August 1939 findet sich eine Fotografie betitelt "Die Meierei bei Frögenau", zu der es heißt:
An dieser Stelle weilte der Feldherr Erich Ludendorff einige Zeit während der Schlacht von Tannenberg. Vor die Meierei wurde ein großer Tisch gestellt, auf dem die Karten ausgebreitet wurden. Auf Wunsch schrieb vor der Weiterfahrt der Feldherr seinen Namen auf die Tischplatte. - Für diesen Tisch wurden der Besitzerin, die später in größter Not in Königsberg lebte, von japanischen Interessenten 20.000 Yen geboten; die Besitzerin lehnte jedoch ab, da sie das Erinnerungstück nicht ins Ausland geben wollte. Der Feldherr suchte im Jahre 1927 die in einer ärmlichen Dachwohnung lebende Deutsche Frau auf und drückte seine Anerkennung für ihr Verhalten aus, während er gleichzeitig nicht verhehlte zu bemerken, daß sich in Deutschland wohl niemand für dieses Erinnerungstück interessieren würde.
1950 - Das "Schopenhauer-Archiv wird mit Recht erweitert"

Im Januar 1951 verweist Mathilde Ludendorff darauf (48, S. 8), daß erst jüngst
in Frankfurt a. M. mit Recht in Verehrung des Philosophen Schopenhauer dessen Archiv mit allen Erinnerungen an ihn eigens noch in der Bibliothek erweitert wurde und sich die Presse über solche Ehrung freute.
1951 - "Der allgemeine Brauch, die Archive zu öffnen"

1951 brachte ihr Schwiegersohn, der Verleger Franz von Bebenburg, den zweiten Band der Lebenserinnerungen Erich Ludendorffs heraus (für die Jahre 1926 bis 1933, der Band für die Jahre 1919 bis 1932 war schon 1940 erschienen). Auf der ersten Seite schreibt er in einem "Vorwort des Herausgebers" (27, S. 9):
Dieses Buch ist ein historisches Dokument. Die Herausgabe dieser Lebenserinnerungen folgt lediglich dem allgemeinen Brauch, nach Abschluß einer Epoche die Archive zu öffnen, damit der Geschichtsforschung die Quellen zugänglich werden, deren sie für ihre wissenschaftliche Arbeit bedarf.
Und:
Sich aus den ursprünglichen Quellen über die vergangene Epoche zu unterrichten, gehört zu den Grunderfordernissen jeder ernsthaften Geschichtsforschung.
Nach dem Tod von Mathilde Ludendorff sollte derjenige, der diese Zeilen 1951 schrieb, Jahrzehnte lang verhindern, daß ein Archiv geöffnet und zugänglich würde, damit sich die "ernsthafte Geschichtsforschung" "aus den ursprüngelichen Quellen über die vergangene Epoche" unterrichten könne. - Die Frage stellt sich: Warum?

1954 - "Was die Erhaltung dieser Gedenkstätte bedeutet"
 
Abb.: Spendenaufruf Mathilde Ludendorffs vom 10. Januar 1954

Mathilde Ludendorff versandte am 10. Januar 1954 folgendes "Brieftelegramm":
Die Tatsache, daß durch wirtschaftliche Schicksalsschläge die Gefahr droht, daß das Haus, das der Feldherr als Gedenkstätte über unseren Tod hinaus erhalten sehen wollte, in die Hände eines Gläubigers übergeben werden muß, ist, wie Weihnachtsbriefe mir beweisen, zur Kenntnis vieler Mitglieder unseres Bundes gekommen. Sie fragen mich, wo und wie sie helfen können, dies Unheil abzuwenden. Ich freue mich über diese Bereitschaft und versichere Ihnen allen, das Unheil wäre wohl von mir schrittweise zu meistern, wenn jeder auf beiliegender Zahlkarte eine einmalige Spende von 10,- DM an das Konto 41777 Postscheckamt München so absenden würde, daß bis spätestens 10. Februar die Zahlung erfolgt ist.
All denen, die in der Lage und gewillt sind dies zu tun, danke ich warm, da ich weiß, was unserer Bewegung für alle Zukunft die Erhaltung dieser Gedenkstätte bedeutet.
Abb.: Dankschreiben M. Ludendorffs, Februar 1954
Im Februar 1954 versandte sie als Dankschreiben:
Mein Dank
Um die Gedenkstätte in Tutzing vor dem Zugriff eines Gläubigers zu retten, haben auch Sie mir eine einmalige Spende geschickt. Dafür danke ich Ihnen von Herzen. Inzwischen ist die Gefahr überwunden. Ich konnte die südliche Hälfte des Gartens günstig veräußern, die als Wiese erst 1937 hinzugekauft worden war. Ferner liefen die erbetenen Spenden sehr rege ein, und der Bund für Gotterkenntnis gab eine kleine Hypothek auf das Haus.
Ebenso wie die warme Hilfsbereitschaft hat mich aber auch das erwiesene Vertrauen gefreut. Es gab nur verschwindende Ausnahmen. Die meisten wußten genau, daß mein Handeln in diesem Schicksalsschlage jedenfalls mit der Moral meiner Werke im Einklang stand, steht und stehen wird, auch wenn ich Ihnen nicht im einzelnen auseinandergesetzt hatte, wieso es zu dieser Lage gekommen war. Diesem Vertrauen kann ich heute antworten:
In meinem notariell beurkundeten "Letzten Willen" steht, daß mein Haus Gedenkstätte sein und bleiben soll. Weder meine Erben noch Nacherben erhalten aus den geleisteten Spenden eine Bereicherung.
Diese Mitteilung wird alle irrigen Annahmen beseitigen. So wird unsere Bewegung aus meinem Brieftelegramm nicht den geringsten Schaden, sondern nur gute Nachwirkungen zu verzeichnen haben, wie ich dies so sehr hoffe.
Es lebe die Freiheit!
gez. Mathilde Ludendorff

1954, 1956, 1957, 1962 - Die Testamente Mathilde Ludendorffs

Testamente von Mathilde Ludendorff sind bekannt aus den Jahren 1954, 1956, 1957 und 1962. Im folgenden das, was an Inhalten aus diesen bekannt geworden ist. (Es sei noch darauf hingewiesen, daß keines dieser Testamente bislang vollständig bekannt ist.)

1.) 10. Februar 1954

Auf Seite 3 des Testamentes vom 10. Februar 1954 gedenkt sie eines "Ludendorff-Archivs" (3):
Es ist selbstverständlich, daß der Inhalt der Schreibtische, Schränke und Kommoden etz. in unserem Tutzinger und im Klaiser Heim, sofern es nicht für das Ludendorff Archiv im Tutzinger Heim Akten, oder Werkmanuskripte, wissenschaftliche Unterlagen unseres Aufklärungskampfes und Bibliotheken sind, von mir meiner Tochter Ingeborg vererbt sind mit der Bitte, meiner Schwester, Frau Frieda Stahl, alles, dessen sie bedarf, leblang zur Benutzung zu überlassen.
2.) 5. August 1956 

Im Testament vom Sommer 1957 (siehe gleich) ist die Rede sie von einer "letztwilligen Verfügung vom 5. August 1956". In dieser sind "Einzelbestimmungen für die Gestaltung des Grabes" enthalten.

3.) 20. Mai 1957 

Am 20. Mai 1957 setzte sie ein Testament auf, in diesem es heißt (22):
Mein Grundbesitz besteht aus:
1. dem Grundstück in Tutzing Hauptstraße 74
2. Berghütte in Klais mit Grundstück
3. unserer gemeinsamen Grabstätte auf dem Friedhof in Tutzing.
Alle drei Grundstücke sind nach meines Mannes Wunsch Gedenkstätten und auch nach meinem eigenen Wunsch Gedenkstätten und bleiben als solche erhalten.
Im Einzelnen bestimmte ich hierzu:
a) Meine Erben dürfen diese Grundstücke nur an den Bund für Gotterkenntnis ... veräußern, der sie als Gedenkstätte in würdigem Zustand zu erhalten hat. Diese Übertragung in das Eigentum des genannten Bundes hat spätestens beim Tode des zuletzt verstorbenen Erben zu erfolgen. Der Übernahmepreis nach dem Verkehrswert der beiden unter 1 und 2 aufgeführten Grundstücke ist durch einen gerichtlich vereidigten Grunstückschätzer zu schätzen, wobei der besondere Wert als Gedenkstätte außer Betracht zu bleiben hat. Die Übertragung des unter 3 aufgeführten Grabes hat unentgeltlich zu erfolgen, da sein Erwerb nur durch einen nicht genannt sein wollenden Spender möglich gemacht wurde.  (...)
Bilder, Büsten, überhaupt alle Einrichtungen, außer den Möbeln in den genannten 4 Haupträumen an beweglichen Sachen, zu der Gedächtnisstätte, als Ludendorff Archiv die im Tutzinger und Klaiser Heim befindlichen Akten, Werkmanuskripte, wissenschaftlichen Unterlagen unseres Aufklärungskampfes, Bibliotheken, besondere Erinnerungsstücke an die Feldherrntätigkeit meines lieben Mannes, und an den gemeinsamen Aufklärungskampf usw. Alle diese Gegenstände dürfen ebenfalls nur an den Bund für Gotterkenntnis (L) veräußert werden. Spätestens hat dies beim Tode des zuletzt gestorbenen Erbens zu geschehen ... Meinen sonstigen Hausrat in Tutzing und in Klais erhält meine Tochter Ingeborg, mit der Bitte, meiner Schwester Frieda Stahl alles, dessen sie bedarf, leblang zur Benutzung zu überlassen.
4.) Sommer 1957 

Im Sommer 1957 setzte sie ein handschriftliches Testament auf mit dem Wortlaut (45):
Die gemeinsame Grabstätte in Tutzing
Im Grabhügel meines lieben Mannes in Tutzing ist die Gruft für mich schon ausgebaut. Meines lieben Mannes Wunsch auf dem Sterbebette war, nicht den vor Jahren auf der Ahnenstätte in Seelenfeld von ihm selbst abgeschrittenen Totenhügel zu verwerten, sondern gemeinsam mit mir an der Stätte unserer Trauung und glücklichen Lebensjahre in einem Dauergrab zu ruhen. Trotz aller Ränke in der Nachkriegszeit ist es mir gelungen, das gemeinsame Grab als Eigentum zu erwerben. Meine oben getroffenen Bestimmungen sollen das Dauergrab für alle Zeiten sichern. Einzelbestimmungen für die Gestaltung des Grabes habe ich in einer letztwilligen Verfügung vom 5. August 1956 getroffen.
5.) 20. Januar 1962

1961 ist der "Bund für Gotterkenntnis (L)", der in den Testamenten als Eigentümer der Gedenkstätte Ludendorff vorgesehen gewesen war, verboten worden. Dieses Verbot wurde juristisch angefochten, der Rechtskampf zog sich aber in die Länge. Deshalb hat Mathilde Ludendorff für den Fall eines endgültigen Verbotes des "Bundes für Gotterkenntnis" am 20. Januar 1962 einen "Nachtrag zu meinem letzten Willen vom Mai 1957" verfaßt:
1. Für den Fall, daß das am 25. Mai 1961 ausgesprochene Verbot des Bundes für Gotterkenntnis (L) e. V. rechtskräftig und endgültig wird, bestimme ich folgendes:
Ich beauftrage die Testamentsvollstrecker, die Gründung eines Vereins zur Pflege und Erhaltung meiner Grundstücke als Gedächtnisstätten herbeizuführen. Er soll die Rechte und Pflichten übernehmen, die ich in meinem Testament dem Bund für Gotterkenntnis (L) e.V. übertragen habe. Es ist mein Wunsch, daß dieser Verein sich auch die Pflege und Verbreitung der Erkenntnisse meiner philosophischen Werke zur Aufgabe macht.
1960 - Das Bundesarchiv Koblenz fragt an

Zwischen 1960 und 1965 war der Leiter des Militärarchivs beim Bundesarchiv in Koblenz Hermann Teske (1902 - 1983). In seinem 1974 erschienenen Büchlein "Wenn Gegenwart Geschichte wird ..." berichtet er über ein Treffen mit Franz von Bebenburg im Oktober 1960 (38, S. 66f):
Am 28. Oktober 1960 hatte ich in meinem Münchener Hotel eine Unterredung mit dem Schwiegersohn des Generals Erich Ludendorff, Freiherrn Karg von Bebenburg. Herr von Bebenburg war ein seriöser, wissenschaftlich gebildeter und geistig allseitig interessierter Verleger. Nach einem guten Gespräch über beiderseits interessierende Themen versprach er, die noch in Tutzing im Hause seiner Schwiegermutter vorhandenen Unterlagen seines Schwiegervaters hinsichtlich ihrer Abgabe an die Forschung zu prüfen. Er war offensichtlich erfreut, daß ich lediglich an militärischen Unterlagen - und nicht an sensationellen Entdeckungen - interessiert war.
1964 - Gleiche Existenzgarantie für den "Bund für Gotterkenntnis" wie für den Jesuitenorden?

Im September 1964 legte der letzte Vorsitzende des "Bundes für Gotterkenntnis" vor dem Verbot, der Oberlandesgerichtsrat Dr. Edmund Reinhard, das Schwergewicht in der juristischen Anfechtung des Verbots des "Bundes für Gotterkenntnis" darauf, daß nach weiterhin gültigem Artikel 137 der Weimarer Verfassung die Existenz von Religionsgesellschaften und Weltanschauungsgemeinschaften nicht vernichtet werden dürfe (57), daß sie also einen höheren rechtlichen Schutz genießen würden, als gewöhnliche Philosophen-Gesellschaften oder sonstige Vereine. Ob es als ein widerspruchsloses Vorgehen angesehen werden kann, als jene Ludendorff-Bewegung, die es mit ihren eigenen sittlichen Normen für vereinbar gehalten hatte, auf die "Vernichtung der Freimaurerei" und das "Ende der Jesuitenmacht" hinzuarbeiten, also auf das staatliche Verbot von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, und die es mit diesen Normen auch für vereinbar gehalten hat, solche Verbote zu begrüßen (nämlich des Jesuitenordens im Bismarckreich und der Freimaurerei im Dritte Reich), sich nun auf 1919 erlassene Verfassungsartikel zu berufen, die die Existenzvernichtung solcher Vereinigungen grundsätzlich unmöglich machen, sei an dieser Stelle nur als Frage formuliert. (Zur historischen Entstehung der heutigen bevorzugten "öffentlich-rechtlichen" Stellung von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften aus monotheistischen religiösen Vorstellungen heraus siehe: GA-j!, 21.10.2013.)

Durch diese eigene juristische Argumentation und die Aufhebung des eigenen Verbots 1976, die damit erreicht und begründet wurde, wurde jedenfalls das Verbot solcher Gemeinschaften künftig staatlicherseits zusätzlich erschwert. So ist es durch das Grundsatzurteil von 1976, das die Aufhebung des Verbots des "Bundes für Gotterkenntnis" rechtskräftig machte, geschehen. In juristischen Erörterungen rund um das Verbot von "Scientiology" und ähnlichen Psychosekten spielte und spielt die Aufhebung des Verbots des "Bundes für Gotterkenntnis" im Jahr 1976 bis heute eine Rolle.

Der Tenor des damaligen Urteils und damaliger und heutiger Stellungnahmen zu diesem Thema lautet, daß das Verbot des "Bundes für Gotterkenntnis" 1976 nicht aufgehoben worden wäre, wenn Artikel 137 der Weimarer Verfassung dabei nicht mitberücksichtigt worden wäre (und damit implizit und unausgesprochen auch die rechtliche Bevorzugung des Jesuitenordens, der Freimaurerei und der christlichen Kirchen anerkannt und gefördert worden wäre). Man könnte zu der Schlußfolgerung kommen, daß eine Mathilde Ludendorff unter dieser Prämisse auf eine Aufhebung des Verbots verzichtet hätte. In diesem Falle jedenfalls wäre der Nachtrag zu ihrem Testament von 1962 vollumfänglich handlungsleitend geworden.

B. Die Testamentsvollstreckung (1966 - 2001)

Februar 1967 - "... Selbst bei völliger Treue zum Testament …"

Im Sommer 1966 starb Mathilde Ludendorff. Im Februar 1967 wurde von den "amtlich bestätigten Testamentsvollstreckern Frau Dr. Mathilde Ludendorffs", Franz von Bebenburg und Edmund Reinhard, ein fünfseitiges Faltblatt (etwas kleiner als DinA5-Format) versandt. Titel: "Das Haus Ludendorff in Tutzing - Erfüllung des Letzten Willens Frau Dr. Mathilde Ludendorffs" (22). Eingangs (22, S. 1f) wird aus dem Testament Mathilde Ludendorffs vom 20. Mai 1957 und aus dem Nachtrag dazu vom 20. Januar 1962 das zitiert, was oben schon angeführt wurde. Ohne allerdings die Ausführungen zum Ludendorff-Archiv zu erwähnen:
So lauten also die Verfügungen in ihrem Hauptteil, und es gilt nun zu überlegen, wie sie verwirklicht werden können. Dabei stehen zwei Daten fest:
1. Die Verwirklichung hat spätestens beim Tode des letzten Erben (die drei Kinder) zu erfolgen, und
2. muß der Erwerb zum Verkehrswert geschehen. Für unsere Überlegungen kommen noch weitere Gesichtspunkte hinzu: nämlich
3. Der Bund für Gotterkenntnis ist derzeit (...) handlungsunfähig. (...) Wann der Prozeß beendet sein wird, läßt sich nicht abschätzen; immerhin dauert er nun schon fast 6 Jahre. Der Auftrag vom 20. 1. 1962 läuft daher noch nicht im eigentlichen Sinne.
Dennoch könnte für die Zwischenzeit ein solcher Verein zur Erhaltung der Gedächtnisstätten bereits gegründet werden.
Es bietet sich jedoch noch ein anderer Weg an, der bis zum Ausgang des Prozesses beschritten werden könnte.
Dieser Weg, auf den wir noch zu sprechen kommen, ist um so mehr geboten, als ein weiterer Gesichtspunkt wichtig ist:
4. Je früher die Verwirklichung des Testaments in Angriff genommen wird, um so besser; denn heute übersehen wir die Verhältnisse in 10 Jahren nicht. Auch werden unsere Freunde älter, und mache sterben weg. Die Aufgabe, den Kaufpreis zum Verkehrswert aufzubringen, muß jedenfalls sogleich in Angriff genommen werden.
Für das Tutzinger Grundstück mit Haus liegen zwei Schätzungen vor. Sie ergeben einen Verkehrswert von DM 350 000 und DM 380 0000, im Mittel also 365 000.
Die beiden Söhne Frau Dr. Mathilde Ludendorffs stehen im 58., ihre Tochter im 61. Lebensjahr. Die Erben teilen wergen ihres vorgerückten Alters unseren grundsätzlichen Standpunkt, daß jetzt geprüft werden muß, ob und inwieweit das Testament bezüglich des Erwerbs durch den Bund für Gotterkenntnis bzw. durch einen Gedenkstättenverein erfüllt werden kann. (...)
Wenn wir heute die Mittel nicht zusammenbekommen, dann ist zu befürchten, daß dies nie mehr der Fall sein wird.
Die Gedächtnisstätte sollte aber so bald als möglich den Wechselfällen aller Erbschaftsangelegenheiten, d. h. aller dem Erbgang unterliegenden Güter entrissen werden, denen sie solange unterworfen bleibt, als sie Eigentum von natürlichen Personen ist. Erst dann - selbst bei völliger Treue zum Testament - ist eine Gedächtnisstätte als solche gesichert.
Da die Frage, ob Bund oder Gedenkstättenverein als Erwerber auftreten soll, jetzt nicht entschieden zu werden braucht, weil sich ein dritter zwischenzeitlicher Weg anbietet, so wollen wir ihn gehen, und deshalb hat sich Herr Eberhard Beißwenger als Treuhänder zur Verfügung gestellt. Als Treuhand-Bevollmächtigter verwaltet er die ihm zur Verfügung gestellten Gelder, führt die Verhandlungen mit den Erben und erwirbt die Grundstücke. Seine Tätigkeit endet an dem Tag, an dem entweder der Bund für Gotterkenntnis wieder handlungsfähig ist oder aber der erforderlichenfalls zu gründende Gedenkstättenverein ins Leben tritt. Ihnen übergibt der Treuhänder das Haus Ludendorff. Einer der beiden Vereine wird dann als Erwerber ins Grundbuch eingetragen.
Die Erben sind bereit, nach Kräften an der Lösung aller Probleme mitzuwirken. (...) Im Wege der Realteilung hat außerdem Frau v. Bebenburg das Haus in Klais übernommen und möchte es erst nach ihrem Tode in den  Besitz der im Testament vorgesehenen Erwerber übergehen lassen. Infolgedessen entfällt vorläufig für uns das Problem, auch diesen Besitzwechsel finanzieren zu müssen.
Deshalb muß sich unser Bestreben als erstes darauf richten, daß alle Interessenten an der Erhaltung der Gedenkstätte Tutzing zunächst eine Erklärung darüber abgeben, welchen Gesamtbeitrag sie im Laufe der Zeit zur Erfüllung der letzten Wünsche Frau Dr. Ludendorffs beisteuern wollen. Zugleich sollte jeder Interessent erklären, in welchen Jahres- bzw. Monatsraten er seine Zusagen verwirklichen werden. (...)
Hinzu kommt, daß irgendwelche Veröffentlichungen über das Vorhaben nicht geplant sind, also die Interessenten persönlich angesprochen werden müssen. (...)
Für die Einholung der Verpflichtungserklärungen sollten wir uns den 12. Mai 1967 - die erste Wiederkehr des Todestages - als Schlußtermin setzen. (...) An diesem Tage sollte der Treuhänder handlungsfähig werden. Wir wollen also uns als Ziel setzen, in drei Monaten diese Aktion durchzuführen.
Juli 1967 - Die Gründung des "Ludendorff Gedenkstätte e.V."

Fünf Monate später wurde der "Ludendorff Gedenkstätte e.V." gegründet:
Am 2. Juli 1967 haben sich auf Einladung der beiden Testamentsvollstrecker, Dr. E. Reinhard und Franz von Bebenburg, 14 junge Freunde des Hauses Ludendorff in Stuttgart zusammengefunden, um - dem letzten Willen entsprechend - den Verein "Ludendorff Gedenkstätte e.V." zu gründen.
So heißt es im Faltblatt zum 25-jährigen Bestehen des "Ludendorff-Gedenkstätte e.V." 1992 (21). 

Wäre aus dem Bewußtsein heraus gehandelt worden, das schon 1964 der Möglichkeit nach hätte vorhanden sein können (siehe oben), nämlich daß eine Aufhebung des Verbots des BfG nur wahrscheinlich ist, wenn das Schwergewicht der Argumentation darauf gelegt würde, daß man nach Artikel 137 der Weimarer Verfassung nur mit ebenso vielen Schwierigkeiten verboten werden könne wie (beispielsweise) der Jesuitenorden oder die Freimaurerlogen und hätte man deshalb auf eine solchartige Aufhebung des Verbotes verzichtet (weshalb der Rechtsstreit selbst nicht hätte abgebrochen werden müssen), dann hätte man eigentlich viel Berechtigung sehen können, die 1967 gegründete Vereinigung "Ludendorff-Gedenkstätte e.V." schon definitiv als eigentliche Nachfolge-Vereinigung des "Bundes für Gotterkenntnis" im Sinne des Testamentes von Mathilde Ludendorff anzusehen. 

Und zwar eben - wie von Mathilde Ludendorff für diesen Fall vorgesehehen - als Philosophen-Gesellschaft mit angeschlossener Gedenkstätte und mit angeschlossenem Ludendorff-Archiv. Mit einer entsprechend großen Anzahl von "fördernden Mitgliedern". Soweit übersehbar, hätte das die ursprünglich festgelegte Vereinsstruktur, die eine große Zahl von fördernden Mitgliedern nicht auschloß, hergegeben.

Den vier, schon eingangs genannten Autoren war es aber auch sonst wichtig, die Philosophie von Mathilde Ludendorff wie eine Religion zu behandeln, die ebensowenig wie eine Religion - angeblich! - durch die Naturwissenschaft widerlegt werden könne. Das widersprach zwar völlig dem Grundgedanken der Philosophie von Mathilde Ludendorff. Es paßte aber gut dazu, daß man künftig den Charakter der "Weltanschauungsgemeinschaft" noch stärker betonte als es zuvor schon geschehen war.

Januar 1968 - Der Treuhänder Eberhard Beißwenger sammelt Geld zum Erwerb der Gedenkstätte

Schon vor dem Januar 1968 hat Eberhard Beißwenger (1889 - 1984), ein langjähriger Autor der Ludendorff-Bewegung und eine Vertrauensperson Mathilde Ludendorffs (18, 19), spätestens ab 1977 ebenfalls ein Kritiker der eingangs genannten vier Autoren, in dieser Sache Rundbriefe versendet. Er schreibt in einem Rundbrief vom Januar 1968 (3):
Erfüllung des letzten Willens Frau Dr. Mathilde Ludendorffs
Ich komme heute mit einer erfreulichen Nachricht: Der Gedenkstättenverein, der das Tutzinger Heim des Feldherrn Erich Ludendorff und seiner Gattin Dr. Mathilde Ludendorff (...) erwerben und zusammen mit der Grabstätte  (...) und der Berghütte in Klais als Gedenkstätten erhalten soll, ist gegründet und ins Vereinregister Stuttgart eingetragen.
Aus diesem Anlaß schreibt er nichts zur Motivierung der - übereilt wirkenden - Gründung des Gedenkstättenvereins, und daß dies eine erhebliche Abweichung von der "Treue zum Testament" von Mathilde Ludendorff darstellt. Womöglich hat er das schon in einem früheren, bisher nicht bekannt gewordenen Rundschreiben behandelt und begründet. Weiter schreibt:
Die Abwicklung des Ankaufs des Hauses in Tutzing wird auch weiterhin durch mich erfolgen.
Im April 1969 berichtet Eberhard Beißwenger, daß der Ankauf noch keinen Abschluß erlangt hat.

Juli 1969 - Anfrage des Historikers Egmond Zechlin abschlägig beschieden

"Nach einer Mitteilung seines Schwiegersohnes" - also des Schwiegersohnes von Erich Ludendorff - "Franz Frhr. Karg von Bebenburg an den Vf., 1. Juli 1969" schreibt der Historiker Egmont Zechlin (1896 - 1992) (29, S. 194):
Da Ludendorffs Nachlaß für die Jahres des Ersten Weltkrieges kein relevantes Material mehr enthält, und die staatlichen Akten vor seiner Ernennung zum Ersten Generalquartiermeister im August 1916 weitgehend unergiebig sind, ist der Historiker fast ausschließlich auf den Briefwechsel in fremden Nachlässen angewiesen.
Januar 1970 - Das Haus ist vollständig vom Verein bezahlt

Unter dem 20. Januar 1970 schreibt Eberhard Beißwenger dann in einem Rundschreiben an Spender:
Ich kann Ihnen heute die erfreuliche Mitteilung machen, daß dank Ihrer Hilfe der Kaufpreis für die Ludendorff-Gedenkstätten von mir voll bezahlt werden konnte. (...) Damit habe ich meine Aufgabe als Treuhänder erfüllt. (...) Der Verein "Ludendorff Gedenkstätten" wurde von mir unterrichtet, daß von Ihnen bei mir bis zum 15.1.1970 DM 160,- eingegangen sind. Ich hoffe, daß Sie diesen Betrag, den Sie bis jetzt als Darlehen gewährt haben, in eine Spende an diesen Verein umwandeln, sobald dies aus steuerlichen Gründen möglich ist. Etwaige Beträge, die bei mir noch nach dem 15.1.1970 eingehen sollten, werde ich auf das bereits von Mathilde Ludendorff für den Unterhalt des Hauses errichtete Sonderkonto überweisen. (...)
Ich danke Ihnen für das in mich gesetzte Vertrauen und hoffe, daß die Gedenkstätten, die auch jetzt schon besucht werden können, den ihnen zugedachten Sinn für alle Zeiten erfüllen werden.
Es lebe die Freiheit!
Eberhard Beißwenger
Oktober 1970 - Die "Weltanschauungsgemeinschaft Gotterkenntnis Mathilde Ludendorff e.V." wird gegründet

Am 4. Oktober 1970 wird die "Weltanschauungsgemeinschaft Gotterkenntnis Mathilde Ludendorff e.V." gegründet laut ihres ersten Rundbriefes vom August 1971 (3). Gründer sind acht der damaligen Hauptautoren der Zeitschrift "Mensch & Maß", unter anderem Gunther Duda (1926 - 2010), Eberhard Beißwenger und Kurt Meyer-Böhm. Hinzu kamen zwei der Ehefrauen solcher Autoren. Zwei der Gründungsmitglieder (Beißwenger und Meyer-Böhm) sind schon 1978 wieder ausgetreten. Zeitweise übernahm der Autor Hans Kopp die Nachfolge Eberhard Beißwengers im Vorstand.

Dieser Verein fusionierte dann 1977 mit dem dann wieder zugelassenen "Bund für Gotterkenntnis", wobei praktisch die Führung auch des "Bundes für Gotterkenntnis" an den Vorstand des 1970 gegründeten Vereins überging. Schon mit dieser Gründung entschied man sich gegen eine von Mathilde Ludendorff als möglich vorgesehene Schwerpunktverlagerung auf eine weltanschaulich neutrale Philosophen-Gesellschaft mit angeschlossener Gedenkstätte und Archiv. Der Ludendorff Gedenkstätte e.V. taucht im Zusammenhang mit dieser Gründung in den bislang zugänglichen Dokumenten (3) nur einmal auf, nämlich in dem folgenden Abschnitt der Satzung der Weltanschauungsgemeinschaft:
Im Falle der Auflösung des Vereins geht sein Vermögen an den Verein "Ludendorff-Gedenkstätte e.V." in Stuttgart über, vorausgesetzt, daß dessen Gemeinnützigkeit behördlich anerkannt ist, andernfalls (...) an die Gemeinde Tutzing.
1971 - "Mitgliedskarten" für "fördernde Mitglieder"

Spätestens ab 16. Mai 1971 wurden von Ludendorff Gedenkstätte e.V. Empfangsbestätigungen folgender Art versandt:
Sehr geehrter ...
Wir danken Ihnen herzlich für Ihre Beitrittserklärung. Ebenfalls danken wir Ihnen für Ihre Bereitschaft, uns
einen jährlichen Mitgliedsbeitrag von DM 30,-- und
eine einmalige Spende von DM 970,-
zu unserem Verein Ludendorff-Gedenkstätte e.V. zu überweisen.
Mit freundlichem Gruß
...
2. Vorsitzender
Spätherbst 1971 - Frieda Stahl stirbt

Am 1. Februar 1970 starb Mathilde Ludendorffs Tochter Ingeborg von Bebenburg, im Spätherbst des darauffolgenden Jahres ist Mathilde Ludendorffs Schwester Frieda Stahl (1885 - 1971) gestorben, der Mathilde Ludendorff testamentarisch die lebenslange Nutzung des Tutzinger Hauses eingeräumt hatte.

Unter dem Datum des 12. Dezember 1971 stellte der "Ludendorff-Gedenkstätte e.V., Sitz Stuttgart" für seine "fördernden Mitglieder" eine "Mitgliedskarte" folgender Art aus (siehe Abb. 1):
Herr/Frau/Fräulein
(Name)
ist förderndes Mitglied des Vereins Ludendorff Gedenkstätte e.V.
Der Mitgliedsbeitrag beträgt DM 30,-.
Ihre bis heute eingegangenen Spenden in Höhe von
DM 1.000,--
bestätigen wir dankend.
Im Dezember 1971, also nach dem Tod von Frieda Stahl, steht in einem Rundbrief des "Ludendorff-Gedenkstätte e.V.":
Die Gedenkstätte steht den Freunden jederzeit offen. Auf Wunsch können zu Forschungs- und Studienzwecken Fotokopien angefertigt werden.
Faltblatt "Ludendorff-Gedenkstätte e.V." (etwa 1972)
1972 - Geplant: Leseraum, in dem die Bestände "zu geschichtlichen Studien und Forschungen eingesehen und genutzt werden können"

Etwa Anfang 1972 - jedenfalls naheliegenderweise in einer Zeit nach dem Tod von Frieda Stahl - heißt es in einem undatierten Faltblatt der "Vereins Ludendorff-Gedenkstätte e.V." über die Aufgaben desselben - neben der baulichen Erhaltung des Hauses und der Grabstätte an sich (genannt in Punkt 1 und 2):
... 3. Eine weitere wichtige Arbeit des Vereins ist die Ordnung der Bücherei sowie die Aufstellung eines Verzeichnisses über den Bestand, der eine große Zahl bedeutender Werke aufweist. Die meisten davon sind heute anderswo kaum mehr zugänglich.
4. Das umfangreiche Archiv mit seinen Schätzen an geschichtlichen Quellen und Dokumenten wird von zwei Mitgliedern geordnet und derart aufgebaut, daß Übersicht und müheloses Auffinden gewährleistet sind.
5. Ein Leseraum soll geschaffen werden, in welchem die Bestände von Bibliothek und Archiv nach Abschluß der unter 3 und 4 erwähnten Arbeiten zu geschichtlichen Studien und Forschungen eingesehen und benutzt werden können.
Weiter heißt es über diese angeführten Aufgaben:
Es sind Aufgaben von hohem ethischen Wert.
1977/78 - "Nicht mehr auffindbar" - Ein Brief Walther Rathenaus an Erich Ludendorff

Im Jahr 1983 berichtet der Historiker Gerhard Hecker über einen originalen Brief Walther Rathenaus an Erich Ludendorff, den Rathenau aus Anlaß der Entlassung Erich Ludendorffs am 26. Oktober 1918 geschrieben hatte. Er berichtet (37, S. 4, nebst Anm. 9)
Leider war es nicht möglich, den noch existierenden Nachlaß General Erich Ludendorffs einzusehen, der sich im Besitz des Vereins "Ludendorff-Gedenkstätte e.V." in Tutzing befindet. 
Und in der Anmerkung dazu:
Briefe des Betreuers des Nachlasses, Franz Frhr. Karg v. Bebenburg (Schwiegersohn Ludendorffs) an den Vf. vom 15.6.1977 und 20.7.1978.
Weiter schreibt er:
Der im Bundesarchiv-Militärarchiv, Freiburg/Br., noch vorhandene unbedeutende Nachlaßteil Ludendorffs erwies sich für die Zwecke dieser Arbeit als unergiebig. 
Unter anderem aufgrund dieser Mitteilungen von Bebenburgs schreibt er in seinem Buch (37, S. 451) (nur Google-Bücher-Ausschnitte):
Am 26. Oktober 1918 wurde Ludendorff seines Amtes enthoben. Rathenau war über Ludendorffs Entlassung "tief deprimiert", weil er in ihm trotz aller seiner Schwächen den einzigen Feldherrn in diesem Kriege gesehen hatte, "der allein die völlige Niederlage Deutschlands hätte abwenden können". Gustav Steinbömer erwähnt einen langen Brief, den Rathenau Ludendorff nach dessen Verabschiedung geschrieben hat, "in dem er in dieser geschichtlichen Stunde sein Verhältnis zu ihm klargelegt habe". Rathenau hat diesen Brief, "einen dicken Umschlag", Ludendorff persönlich überreicht. "So ging er allein zu Ludendorff hinein. Nach kurzer Zeit kam er heraus wie ein Mensch, der ein schweres Anliegen glücklich hinter sich gebracht hat. Er wurde gesprächig, fast aufgeräumt."
Rathenau und auch Ludendorff haben diesen Brief nie mehr erwähnt. Wilhelm Breucker, der diesen Brief einsehen konnte, spricht von einem "warmherzigen Schreiben", in dem Rathenau "sein schmerzliches Mitempfinden zum Ausdruck brachte", Ludendorffs Nachlaßverwalter Franz Frhr. Karg v. Bebenburg teilt mit, dieser Brief enthalte "nur wenige Zeilen des tiefen Bedauerns über die Entlassung Ludendorffs durch den Kaiser [...]. Das war alles."
Und in der Anmerkung schreibt Hecker dazu:
Brief Franz Frhr. Karg v. Bebenburgs vom 20. 7. 1978 an den Vf. Bebenburg hat diesen Brief Rathenaus an Ludendorff vor etwa 27 Jahren zuletzt eingesehen. Zur Zeit ist Rathenaus Schreiben angeblich nicht mehr auffindbar.
1984 - "Der Pfleger des Archivs"

In einem Brief vom 17. November 1984 an den Historiker James Cavallie ("Ludendorff und Kapp in Schweden - Aus dem Leben zweier Verlierer", 1995) hat sich Franz von Bebenburg offenbar als den "Pfleger des Archivs" dargestellt (1995, S. 248, Anm. 5). (Es wäre noch einmal nachzuschlagen, welche Auskünfte von Bebenburg Cavallie gegeben hat.)

Vor 1992 - "Wichtige Mitteilungen aus dem Tutzinger Ludendorffarchiv"

Im Jahr 1992 starb der schon mehrfach erwähnte Amtsrichter Rudolf Sand (1896 - 1992), langjähriger Briefpartner Erich und Mathilde Ludendorffs, Vorstandmitglied, bzw. Vorsitzender (1976/77) des "Bundes für Gotterkenntnis" und auch mehrjähriger Briefpartner des Ludendorff-Biographen Franz Uhle-Wettler. Von diesem erschien 1996 eine Ludendorff-Biographie, in der es heißt (31, S. 10):
Der Verfasser ist Frhr. Karg v. Bebenburg für wichtige Mitteilungen aus dem Tutzinger Ludendorffarchiv zu Dank verpflichtet.
Es ist naheliegend, daß diese wenigen "Mitteilungen" (keine Einsichtnahme) durch Rudolf Sand vermittelt worden sind.

Mai 1993 - Hans Kopp arbeitet im Ludendorff-Archiv

Im Mai 1993 veröffentlicht Hans Kopp einen Aufsatz in der Zeitschrift "Mensch & Maß", an dessen Beginn es heißt:
Unter den vielen Aktenstücken des Ludendorff-Archivs befindet sich auch ein Schnellhefter mit Briefen vom 1. Nov. bis 31. Dez. 1927, überschrieben mit "Privat-Briefe und gute Freimaurer". Beim Durchlesen dieses Aktes sind unterschiedliche Erkenntnisse zu gewinnen. (...) Es handelt sich um rund 150 Briefe an Ludendorff, zum Teil um Beilagen; 140 davon im Hefter vereinigt, 10 lose vorliegend, und um rd. 50 Antworten Ludendorffs bzw. der "Fortschrittlichen Buchhandlung" in München eines Herrn Osswald, Sckellstr.
Hans Kopp referiert einige Inhalte dieser Briefe. Und er schreibt abschließend - sicherlich etwas unerwartet für einen Autor der Freimaurer-kritischen Ludendorff-Bewegung (- vielleicht aber keineswegs unerwartet für einen jovialen Gesprächspartner Armin Mohlers):
Es erscheint heute überflüssig zu sein, sich mit der Freimaurerei zu befassen. Sie tritt als großbürgerlicher Verein auf ....
Dies ist bislang das einzige Zeugnis davon, daß jemand Archivalien des Ludendorff-Archivs ausgewertet hat und darüber veröffentlicht hat.

Das Ludendorff-Archiv in Tutzing besitzt seit einiger Zeit eine eigene Internetseite. Zwischen Dezember 2012, Oktober 2013 und März 2015 hat es auf dieser Internetseite keine Veränderungen gegeben. Seit mehr als zehn Jahren ist - erneut wie schon in den 1970er Jahren - in Aussicht gestellt worden, daß es - im Einklang mit dem Selbstverständnis Mathilde Ludendorffs - "allen zugänglich" werden solle, und daß für diesen Zweck eine Benutzungsordnung veröffentlicht werden würde. Über Fortschritte hinsichtlich dieser Ankündigung ist in den letzten zehn Jahren aber nichts bekannt geworden. Der "synarchistische Geist" Armin Mohlers und der katholischen Lobby, in deren Umfeld sich Mohler bewegte, scheint sehr lebendig zu sein.


Abb.: Internetseite des Ludendorff-Gedenkstätte e.V.
November 2013 - "In Familienbesitz"

Im November 2013 erscheint eine neue Dissertation über Mathilde Ludendorff von Seiten der Kassler Historikerin Annika Spilke. (Letzte Ergänzungen zu dieser Buchveröffentlichung sind hinzugefügt worden am 31. Juli 2013.) Annika Spilke schreibt in ihrer Einleitung (61, S. 44):
Der private Nachlaß, der sich im Familienbesitz befindet, ist bisher für historische Forschungen nicht zugänglich.
Und in der Anmerkung dazu:
Vergleiche hierzu die Angaben bei Amm ("Die Ludendorff-Bewegung", S. 14), Nebelin ("Ludendorff", S. 20). Aufgrund der von beiden beschriebenen Schwierigkeiten habe ich letztlich aus forschungspragmatischen Gründen darauf verzichtet, Kontakt zu dem Verein Ludendorff-Gedenkstätte aufzunehmen und eine Einsicht in den privaten Nachlaß zu beantragen.
Wozu "Forschungspragmatik" alles so gut ist. - Als wie treffend man die Bezeichnung "Familienbesitz" empfinden möchte, kann derzeit womöglich noch dahin stehen. Im mitgliederarmen, überalterten Verein Ludendorff-Gedenkstätte befinden sich mehrere Nachkommen der zweiten, nach 1970 geheirateten Ehefrau von Franz von Bebenburg (also des vormaligen Schwiegersohnes von Mathilde Ludendorff) mit dem Familiennamen Duppel. Direkte Nachkommen von Mathilde Ludendorff (also etwa Stiefkinder Franz von Bebenburgs aus erster Ehe) (oder etwa von Stiefkindern Erich Ludendorffs aus erster Ehe) sind - unseres Wissens - nicht Mitglieder dieses Vereins. Angesichts der Mitgliederarmut, der Überalterung und der "Forschungspragmatiken" im Umfeld dieses Archivs wird die Bezeichnung "Familienbesitz" künftig wachsende Berechtigung haben. So auch nach Selbstaussage jüngerer Vereinsmitglieder.

(letzte leichte Überarbeitung und Neuveröffentlichung: 25.3.2015)

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Literaturverzeichnis

  1. Bading, Ingo: Charlotte Knobloch fordert Auseinandersetzung mit Mathilde Ludendorff - Verschiebungen auf dem geschichtspolitischen Feld. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 23.8.2010
  2. Nebelin, Manfred; Blasius, Rainer A.: Stratege in eigener Sache. In: FAZ, 20.12.2012
  3. Privates Ludendorff-Archiv des Verfassers
  4. Bading, Ingo: Um "seiner Verdienste um die Bewegung" willen ... Ein nationalsozialistischer Ludendorff-Gegner erhielt noch 1944 seinen Judaslohn von Adolf Hitler. Studiengruppe Naturalismus, 17.12.2011
  5. Thalmann, Gideon; Reiter, Felix: Im Kampf gegen “überstaatliche Mächte”. Die völkische Ludendorff-Bewegung – von “Jugenderziehung” bis “Ahnenpflege”. Arbeitstelle Rechtsextremismus und Gewalt. Bildungsvereinigung ARBEIT UND LEBEN Braunschweig, April 2011 (56 S.)
  6. Thalmann, Gideon: Holocaust-Relativierung und Kindererziehung. Publikative.org, 6.12.2011
  7. Widmer, Jürgen T.: Ehemaliger Bogy-Leiter in der Kritik. Hans Binder soll völkisch-religiöser Vereinigung nahe stehen – Pädagoge wehrt sich. Schwäbische Zeitung, 14.2.2012
  8. Thalmann, Gideon: Ex-Schuldirektor in Bedrängnis. Blick nach rechts, 15.2.2012
  9. aa lindau (Antifaschistisches Recherche-Kollektiv Bodensee): Aktivitäten eines ehemaligen Oberstudienrats (Lindau am Bodensee). linksunten, 15.02.2012 (auch hier)
  10. Binder, Hans: Ein historischer Gang zu den Stätten der Erinnerung an Mathilde und Erich Ludendorff. In: Mensch & Maß, Folge 17, 9.9.2009, S. 769ff (mit Spendenaufruf)
  11. Ludendorff, Mathilde: Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart und Schiller. Ein Beitrag zur Deutschen Kulturgeschichte. Im Selbstverlag der Verfasserin (Fortschrittliche Buchhandlung), München 1928 (96 S.) (Scribd), 1929, Ludendorffs Volkswarte Verlag, München 1931, 1933 (156 S.), 1935, 1936 (212 S.) (52. - 55. Tsd.); Verlag für ganzheitliche Forschung, Viöl 1998, 2003
  12. Ludendorff, Mathilde: Mozarts Leben und gewaltsamer Tod. Nach Zeugnissen seiner nächsten Angehörigen und seinen eigenen Briefen. Ausgewählt aus der Biographie Nissens und Konstanze Mozarts und anderen Quellen. Ludendorffs Verlag, München 1936 (228 S.); Archiv-Edition, Viöl 1999
  13. von Nissen, Georg Nikolaus: Biographie W.A. Mozart's. Nach Originalbriefen, Sammlungen alles über ihn Geschriebenen, mit vielen neuen Beylagen, Steindrücken, Musikblättern und einem Fac-simile. Nach dessen Tode hrsg. von Constanze, Wittwe von Nissen, früher Wittwe Mozart. Breitkopf und Härtel, Leipzig 1928 (Zeno, Google Bücher)
  14. Langenberg, Johann (d.i. Mathilde Ludendorff): Ein spät entdecktes Kinderbild Mozarts. In: Quell, Folge 22, 23. 11. 1953, S. 1040–1043; wiederabgedruckt in: Mensch & Maß, Jg. 2001
  15. Powelz, Mike: Wer tötete Mozart? In: Hörzu Wissen, Nr. 1, Februar/März 2012, S. 92 - 99
  16. Frühe Lichtbilder von Mathilde von Kemnitz. In: Mensch & Maß, 10/2012, S. 518
  17. Ludendorff-Gedenkstätte e. V. - Gemeinnütziger Verein zur Förderung des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege der denkmalgeschützten Ludendorff-Gedenkstätten in Tutzing am Starnberger See: Fotoausstellung mit Fotografien von Mathilde von Kemnitz aus frühen Jahren: Familie und Wohnungen - Bergtouren - Reisebilder aus Tirol, Südtirol und Italien - Künstlerische Landschaftsfotografie mit Bildbearbeitungen, darunter preisgekrönte Aufnahmen. Tutzing, Herbst 2012
  18. Bading, Ingo: Eine Sekretärin Mathilde Ludendorffs In Briefen von 1957 bis 1959. Studiengruppe Naturalismus, 13. Januar 2012
  19. Bading, Ingo: "Stars ohne Badeanzüge" - Eine Mitarbeiterin Mathilde Ludendorffs 1957 bis 1959. Studiengruppe Naturalismus, 13. Januar 2012
  20. Institut für Zeitgeschichte, München: Archiv - Findmittel online. Bestand ED 414. Frank, Herbert. (143 S., als pdf.-Datei --> frei zugänglich)
  21. Ludendorff-Gedenkstätte e.V.: Haus Ludendorff Tutzing. 4-seitiges Din-A-5-Faltblatt zum 25-jährigen Bestehen des Vereins. 1992
  22. von Bebenburg, Franz; Reinhard, Edmund: Das Haus Ludendorff in Tutzing. Erfüllung des letzten Willens Frau Dr. Mathilde Ludendorffs. Faltblatt, 5 Seiten DinA5, o.D. [Februar 1967] (Scribd)
  23. Kopp, Hans: Geschichte der Ludendorff-Bewegung. Band 2: 1939 - 1976. Verlag Hohe Warte, Pähl 2002 (Google Bücher)
  24. Duda, Gunther: Erich Ludendorff und der 9. November 1923. Der Freiheitskampf für unser Volk und den Durchbruch der Gotterkenntnis. Verlag Hohe Warte, Pähl 2004
  25. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938
  26. Nebelin, Manfred: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler-Verlag, München 2010
  27. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volkschöpfung. Verlag Hohe Warte, Stuttgart 1950
  28. Ludendorff, Mathilde: Freiheitskampf wider eine Welt von Feinden an der Seite des Feldherrn Ludendorff. V. Teil von: Statt Heiligenschein und Hexenzeichen mein Leben. Franz von Bebenburg, Pähl 1967
  29. Zechlin, Egmont: Ludendorff im Jahre 1915. Unveröffentlichte Briefe. In: ders.: Krieg und Kriegsrisiko. Düsseldorf 1979
  30. Beißwenger, Heidrun: Emails an den Verfasser vom 8. und 9. Februar 2013
  31. Uhle-Wettler, Franz: Erich Ludendorff in seiner Zeit. Soldat - Stratege - Revolutionär. Eine Neubewertung. K.Vowinckel, 1996 - 503 S. (Google Bücher)
  32. historicimages04: 1961 Press Photo Door Sign of Mathilde Ludendorff. Forbidden "Gotterkenntnis." Ebay-Angebot zum 03. Mär. 2013
  33. Limpach, Erich: An der Wende. Ludendorffs Verlag, München 1933 (30 S.); 3., vermehrte Aufl.. Pfeffer & Balzer, Darmstadt 1934 ( 6.-8. Tsd.); 4. vermehrte Auflage, Pfeffer & Balzer, Darmstadt 1937 (38 S.); 5. völlig veränderte Aufl. Pfeffer & Balzer, Darmstadt o. J. (38 S.); 6. unveränderte Auflage, Druck und Verlag Pfeffer & Balzer, Darmstadt o.J. (15. - 18. Tsd.)
  34. Friedrichs Heimfahrt. Umbettungszeremonie in Potsdam. Spiegel TV 18.8.1991, 35 Min.; auch: Doku ab 2'57 bzw. 4'25; Yt.
  35. Köhncke, Fritz; v. Bebenburg, Franz: Worte zur Totenfeier für Fritz Vater. (1896 – 1969) In: Mensch und Maß, Folge 22, 23.11.1969, S. 1040 – 1052
  36. Ludendorff-Gedenkstätte e.V.: Spendenaufruf. In: Mensch & Maß, Folge 20, 23.10.1982, dritte Umschlagseite
  37. Hecker, Gerhard: Walther Rathenau und sein Verhältnis zu Militär und Krieg. Boldt 1983 (542 S.) (Google Bücher)
  38. Teske, Hermann: Wenn Gegenwart Geschichte wird ... Kurt Vowinckel Verlag, Neckargemünd 1974 (145 S.) (Google Bücher 1, 2)
  39. Sand, Rudolf: Ein Beitrag zur geschichtlichen Wahrheit. Zum 110. Geburtstag Erich Ludendorff. In: Mensch & Maß, Folge 7, 9.4.1975, S. 309 - 317 [sein Briefwechsel mit Ludendorff 1934/36 betreffend Jarres/Hindenburg-Behauptung betr. "Dirne Kriegsgeschichte"]
  40. von Bebenburg, Franz; Duda, Gunther: Dr. Edmund Reinhard (1893 - 1975). In: Mensch und Maß, Folge 12, 23. 6. 1975, II. Umschlagseite
  41. Sand, Rudolf: Nachruf Dr. jur. Edmund Reinhard (1893 – 1975). In: Mensch und Maß, Folge 13, 9. 7. 1975, Umschlagseiten II und III
  42. Kluge, Hellmuth; Sand, Rudolf; von Bebenburg, Franz Karg: Worte zur Totenfeier für Wilhelm Prothmann (1895 – 1968). In: Mensch und Maß, Folge 14, 23.7.1968, S. 640 – 651
  43. von Bebenburg, Franz: Das Ende eines politischen Prozesses. In: Mensch & Maß, Folge 3, 9.2.1977, S. 97 - 105
  44. Martens, Kurt: Offener Brief an das Archiv der deutschen Jugendbewegung, Ludwigstein, Witzenhausen, Herr Dr. Mogge. In: Mensch & Maß, Folge 7, 9. 4. 1978, S. 330 - 333
  45. von Bebenburg, Franz: Antwort der Schriftleitung. In: Mensch & Maß, Folge 14, 23. 7. 1979, S. 668f [btr. Testament MLs, Sommer 1957, zur Grabstätte]
  46. Werner, Walther (Pseudonym?): Erich Ludendorff über die polnisch-deutschen Beziehungen 1936/37. In: MuM, 9.4.1979, S. 289 - 294 [zitiert ein Brief Ludendorffs an Rudolf Sand]
  47. Knuth, Elsbeth: Aus der Sicht einer Autorin. In: Festschrift für Franz Freiherrn Karg von Bebenburg. Verlag Hohe Warte, Pähl 2000, S. 33 - 40
  48. von Unruh, Karl: Interview mit Mathilde Ludendorff. Einzige persönliche Antwort Dr. Mathilde Ludendorffs zum Spruchkammerurteil vom 8. Januar 1951. Sonderdruck der Zeitschrift "Der Quell", Januar 1951
  49. D.W. (= Gunther Duda): Globaler politischer Machtmißbrauch. Agents provocateurs. In: MuM, Folge 24, 23.12.1994, S. 1105 - 1110 [John Barron über KGB-inszenierte Hakenkreuzschmiereien Weihnachten 1959]
  50. Barron, John (Pseudonym): KGB. Arbeit und Organisation des sowjetischen Geheimdienstes in Ost und West. Scherz-Verlag, Bern und München 1974 (Mit einem Beitrag von Alexander Solschenizyn)
  51. Barron, John (Pseudonym): Der Erbe. Karriere eines KGB-Agenten. Reader's Digest 1981
  52. Fechter, Heinrich (d.i. Walter Löhde): Eine Beisetzung und ein Testament. Betrachtungen zur Beisetzung Friedrich Wilhelms I. und Friedrichs des Großen auf der Burg Hohenzollern. I. u. II. Teil. In: Quell, Folgen 20 u. 22, 23.10. und 23.11.1952, S. 926 - 935, 1036 - 1044
  53. Kopp, Hans: „Privatbriefe guter Freimaurer“. In: Mensch und Maß, Folge 9, 9.5.1993, S. 308 - 394 [über einen Schnellhefter im Ludendorff-Archiv in Tutzing benannt "Privat-Briefe und gute Freimaurer" aus dem Jahr 1927 mit rund 150 Briefen an Ludendorff nach dem Erscheinen von dessen Freimaurer-Buch]
  54. Dietmann, Arno (Pseudonym?): Die Särge des großen Preußenkönigs kehren heim. In: MuM, Folge 6, 23.3.1991, S. 276f
  55. Friedrichs II. von Preußen persönliches Testament. In: MuM, Folge 20, 23.10.1991, S. 923 - 925
  56. H.B. (= Hans Binder): An der Ludendorff-Grabstätte am 4. Gilbhart 1991. In: MuM, Folge 21, 9.11.1991, S. 977 - 980
  57. Stärker, Sigismund (= Edmund Reinhard): Drei Jahre Verbot der Ludendorff-Bewegung. In: MuM, Folge 17, 9.9.1964, S. 769 – 776
  58. Hauptmann, Karl (d.i. Hans Kopp): Besprechung von Armin Mohlers "Was die Deutschen fürchten - Angst vor der Politik, Angst vor der Geschichte, Angst vor der Macht" (1965). In: MuM, 6. Juli 1966, S. 608 – 615
  59. V., D. (?): Besprechung von Hans Kopp "Geschichte der Ludendorff-Bewegung", 2. Band. In: Mensch & Maß, Folge 5, 9. 3. 2003, S. 235 - 238 
  60. Donges, Fritz: Suchaufruf. In: Mensch & Maß, Folge 24, 23.12.1974, S. 1151 [btr. Einrichtung eines Ludendorff-Archivs durch einen Bildhauer, Schillerforscher und Autor der Zeitschrift] 
  61. Spilke, Annika: Geschlecht, Religion und völkischer Nationalismus: Die Ärztin und Antisemitin Mathilde von Kemnitz-Ludendorff (1877-1966). Campus Verlag, Frankfurt/M. 2013 (447 S.) [Diss. Uni. Kassel 2012] (Google Bücher) (Amazon)

Dienstag, 25. Dezember 2012

"Das Genie ringt sich durch" - Ein weiser Satz oder Irrtum?

Abb. 1: Ludwig van Beethoven
Begabung für das Schaffen auf kulturellem Gebiet - ringt es sich geradezu zwangsläufig durch? Oder türmen sich Gefahren um die Verwirklichung einer Begabung?

Vor mehr als zehn Jahren hatte der Titel eines Aufsatzes in der Zeitschrift der Ludendorff-Bewegung "Mensch und Maß" gelautet "Wurzelt unsere Zeit in der vormittelalterlichen Welt?" (1). Der Aufsatz hatte sich in einem weit gespannten gedanklichen Bogen um eine historische Einordnung einer "Schlüsselquelle" zur Spätantike und des Mittelalters, nämlich der "Bekenntnisse" des Römers und "Kirchenvaters" Aurelius Augustinus bemüht. Ausgrabungsstätten wie Pompeji und Herculaneum würden, so wurde an einer Stelle ausgeführt, Anschauungsmaterial liefern dafür, wie "überhitzt" und "überreizt" die ganze spätrömische Gesellschaft gewesen sein muß. Darauf folgten dann folgende Worte (1, S. 633):
... Und an dieser Stelle müssen einige grundsätzliche Überlegungen über das Wesen und die Entstehungsgründe von "Kultur" erfolgen. In einer solchen, soeben charakterisierten Atmosphäre wird es für einen gebildeten Menschen zunehmend unmöglich, geistig, künstlerisch, kreativ tätig zu sein. Kulturelle Produktionen aller Art bedürfen eines Mindestmaßes an moralisch-substantieller Grundlage in der Gesellschaft.

Der kulturschaffende Mensch ragt schon - ganz allein von seiner Natur her - über die "gewöhnlichen" Menschen hinaus, so daß er mehr als andere gefährdet ist (absturzgefährdet). Er ist empfindsamer. Alle Reize wirken auf ihn stärker, nicht schwächer, als auf den Durchschnitts-Menschen.

Wenn nun die moralischen Grundlagen der Gesellschaft "unter" ihm auch noch wegbrechen, wenn ihm noch nicht einmal mehr ein gewisses erforderliches Mindestmaß an Freundschaft und Liebe seiner Mitmenschen gewährt wird, die ihn moralisch aufrecht erhalten, ihn zu begeisternden Taten befähigen können, dann bricht auch er - ganz selbstverständlich - innerseelisch, moralisch zusammen. Und dann ist der Bestand der Gesellschaft mehr gefährdet als jemals zuvor.
Hierbei war in einer Anmerkung nur ganz allgemein auf Mathilde Ludendorffs Buch "Das Gottlied der Völker - Eine Philosophie der Kulturen" (5) verwiesen worden. Es wurde fortgesetzt:
Denn ein Kulturvolk, das in seiner Vergangenheit große kulturelle Leistungen hervorgebracht hat, muß untergehen, wenn es nicht mehr bereit, fähig und willens ist, auch künftig entsprechende kulturelle Leistungen hervorzubringen. Und für ein Kulturvolk heißt "kulturelle Leistungen hervorbringen" schlichtweg eigentlich nur, seine eigene Kultur auch zu leben. ...
Diese Ausführungen sind damals von einigen Lesern als im Widerspruch stehend zur Philosophie Mathilde Ludendorffs empfunden worden.

Einwände gegen die Behauptung einer kulturellen Gesetzmäßigkeit

Schon von der Schriftleitung war noch vor Erscheinen dazu (am 4. April 2000) geschrieben worden:
Dank für den vorzüglichen Beitrag über Augustinus und seine Zeit. Er gefällt mir ganz hervorragend. (...) Mit einer Stelle habe ich ein philosophisches Problem, was aber nicht heißt, daß ich eine Änderung durchsetzen will. Ich möchte die Gedanken nur anheim stellen. Auf S. 10 setzt sich der Verfasser mit den Voraussetzungen von Kulturschaffen und der Stellung des kulturschaffenden Menschen auseinander. Der Kulturschöpfer ist eben gerade nicht von seiner Umwelt abhängig, weil er sein Schaffen aus dem Transzendenten gestaltet, das er frei (also spontan und ursachlos) in seinem Ich erlebt. In diesem Erleben ist er von den Bedigungen der Umwelt völlig unabhängig (was nicht heißt, daß er sie nicht reflektiert). So schlecht die Umwelt auch sein mag: solange ihm Staat und Gesellschaft das Sittengesetz gegen seine Person gewährleisten, ist er zu kulturellem Schaffen fähig - selbst wenn niemand außer ihm hiervon Notiz nimmt. Zum Kulturwerk wird es aus sich selbst heraus und nicht, weil es Widerhall findet.

Sicher ist der Kulturschöpfer absturzgefährdet. Aber genauso wie ihn die Empfindsamkeit hinabziehen kann, kann diese Empfindsamkeit ihn auf seinem Weg zur seelischen Vervollkommnung weiter hinaufziehen. (...) Allein wenn die äußere Bedrängnis so groß ist, daß ihm ein Leben in Gotteinklang durch Gewalt nicht mehr möglich gemacht wird, wählt er den Tod.

Das alles ist eine Frage der Erhabenheit (nicht Gleichgültigkeit), die mit dem Grade der seelischen Vervollkommnung wächst und das Gegengewicht zu der höheren Empfindsamkeit des Kulturschaffenden bietet.

Man muß also die zwei Seiten einer Situation betrachten. Die Ursache für den beschriebenen Zusammenbruch ist also nicht im Einfluß der entsittlichten Umwelt auf den Kulturschaffenden zu suchen. ... Eher in einer Art "Glaubensumbruch" auch im Alten Rom? Ich weiß es auf Anhieb nicht.
- Wäre es nicht eigentlich sehr sonderbar, wenn die Umwelt gar keinen Einfluß auf das Schaffen von Kulturwerken durch Kulturschaffende hätte? Wäre es nicht merkwürdig, wenn sie gar keine Verantwortung tragen würde dafür, daß in ihr Kulturwerke entstehen oder nicht, daß in ihr Kulturschaffende tätig werden können oder nicht? Und wie?

Im Druck wurde das obige Zitat dann jedenfalls vom Schriftleiter doch noch dahingehend entschärft, daß es um die Worte "ganz selbstverständlich" gekürzt wurde. Damit war eine geradezu gesetzmäßige, innere "Zwangsläufigkeit" des unterstellten innerseelischen, moralischen Zusammenbruchs des "Kulturschöpfers" in einem moralisch degenerierten, zersetzten, untergehenden Kulturvolk - wie des römischen in der Spätantike - nicht mehr in der Deutlichkeit hervorgehoben. Aber wie auch sonst sollte man den Wechsel von der Fülle kulturellen Schaffens in der Antike zu einer Seltenheit desselben während des Mittelalters erklären können? Hier scheint doch eine gewisse kulturgeschichtliche Gesetzmäßigkeit vorzuliegen. Freilich nicht eine, die die Willensfreiheit auch des Kulturschöpfers an sich infrage stellt. Jedoch eine, die die Wahrscheinlichkeit kulturellen Schaffens sehr deutlich verändern kann.

"Ganz selbstverständlich" bedeutet hier: Dieser seelische Wandel ist - auch bei Kulturschaffenden - in einem solchen Zeitraum die Regel, nicht die Ausnahme. Damit ist nicht gesagt, daß seltene Ausnahmeerscheinungen nicht dennoch andere Entscheidungen über ihre Seele treffen. Aber diese sind dann eben nicht mehr selbstverständlich.

Eine Leserzuschrift formulierte dann auch noch zu der entschärften Version einen ähnlichen Einwand wie ihn schon der Schriftleiter formuliert hatte (2). Diese Leserzuschrift hatte mehrere verschiedene Themen des Aufsatzes angesprochen. Die anderen Themen waren in nachfolgenden Aufsätzen schon beantwortet worden (3, 4). Nur bezüglich des darin ebenfalls kritisierten, hier angeführten Zitates war bislang keine ausdrückliche Antwort erfolgt.

1935 - "Die Kraft zum Schaffen unsterblicher Werke sollte umweltbedingt sein?"
 
Und tatsächlich betont Mathilde Ludendorff die Unabhängigkeit der Schöfperkraft zu kulturellen Werken von Umwelt und Schicksals ganz außergewohnlich scharf. Sie widmet derselben in ihrem Buch "Das Gottlied der Völker" (zuerst erschienen 1935) ein ganzes Kapitel, benannt "Die Schöpferkraft erhaben über Umwelt und Schicksal". Es scheint zunächst jener behaupteten "Wahrscheinlichkeit" oder gar "Zwangsläufigkeit" kraß zu widersprechen. Und so konnte die Leserbrief-Schreiberin auch folgendes Zitat aus diesem Kapitel anführen:
Das Werk "Selbstschöpfung" brachte den Beweis, der schon in dem Werke "Des Menschen Seele" durch die Beschreibung der Seele als Wille und Bewußtheit begonnen war. Wir sahen, so unmöglich das uns zunächst schien, die unvollkommene Seele so beschaffen, daß sie unbekümmert ... um persönliche, eingeborene Eigenart, die ungeschmälerte Freiheit besitzt, sich in ihrem Leben zu Gott hin oder von ihm weg zu wandeln oder jedwede Selbstschöpfung durch eigene, ursachlose Tat in sich zu vollziehen. Mit dem bewußten Erleben des Göttlichen hätte sich auch keine andere Beschaffenheit der Seele des Menschen je einen lassen. Ja, wir sahen, daß das Meer von gottfernem Unheil, welches über der Menschengeschlechter Schicksal flutet, weil sie unvollkommen geboren wurden und werden mußten, unvermeidbar war. Denn nur die Erhaltung der Freiheit zur eigenen ursachlosen Tat, die Seele für oder wider Gott zu wandeln oder umzuschaffen, hat es ermöglicht, das Gottesbewußtsein auf Erden werden zu lassen.

Und nun sollte Kultur, die doch das Ziel der Schöpfung vollendet, die das bewußte Gotterleben der Zukunft bereichert, nicht diese Voraussetzung: unbedingte, fessellose Freiheit, zeigen, sollte Hörigkeit von Umwelt und Schicksal aufweisen? Kraft zum Schaffen unsterblicher Werke sollte aus der Umwelt zuströmen, von ihr mitbestimmt sein? Das Schicksal, das Naturgesetze und unvollkommene Menschen bereiten, oder gar ihre Antwort auf Leistung sollten die heilige Schaffenskraft, die spontan wie Gott selbst ist, stärken oder mindern können? Tief fürwahr stünde der Schöpfer in der Kultur dann unter dem Menschen, der keine Werke schenkt, aber sich selbst aus innerer Freiheit ursachlos umschafft! Wie aber könnte er dann über die Erfüllung des Sinns unseres Seins hinaus noch eines so hehren Amtes walten, Mitvollender des Schöpfungszieles zu sein? Unvereinbar ist jede geringste Hörigkeit von Umwelt und Schicksal den göttlichen Kräften zum Schaffen. Den Notwendigkeiten, die die Naturgesetze fordern, ist der Kulturschöpfer unterworfen, und weil er dies ist, kann er auch allgemein gültige Seelengesetze in sich nicht ändern. So sahen wir ihn den Seelenschädigungen der Suggestion ebenso ausgesetzt wie jeden anderen Menschen. Doch darüber hinaus ist er frei, wie sollte er auch, wenn seine Schaffenskraft abhängig wäre von Umwelt und Schicksal, jemals die Bedingnis erfüllen können, die wir schon klar erkannten: ursachlos seine Werke schaffen?
Das sind sehr deutliche und klare Ausführungen.

Doch wie können diese Ausführungen nun ein Einklang gebracht werden mit vielen Ausführungen des nachfolgenden Kapitels in demselben Buch "Das Gottlied der Völker"? Dieses nachfolgende Kapitel trägt die Überschrift "Das Werk wirkt Wandel im Schaffenden". Damit ist gemeint, das "Erstlingswerk" und alle nachfolgenden Werke eines Kulturschöpfers wirken noch weitaus stärker als die sonstige Umwelt auf diesen zurück. Je nachdem, ob und wie er sich ihrem Gehalt entsprechend bewährt oder nicht, würde sichsein Seelenschicksal gestalten. Aber diese Bewährung erfolgt natürlich jeweils in jener Umwelt, in der dieser Kulturschöpfer lebt. Die Inhalte dieses Kapitels können hier nicht vollständig zitiert werden. Es kann aber der vorletzte Absatz desselben zitiert werden, in dem die Inhalte desselben noch einmal zugespitzt anklingen (5, S. 94):
Erhaben zugleich und erschütternd ernst ist das Schicksal der Schaffenden an der Kultur schon in gottwachen Völkern, in denen diese frei sich entfaltet und heilig erachtet wird. Wie ernst muß das Los der Schaffenden sich gestalten in entarteten Völkern, die sinnlose Wirrnis über ihr Leben stellen, die Verkommenen und den plappernden Toten das Hüteramt der Kultur vertrauen, die Schaffenden in erhöhte Gefahren locken und allem Verbreiten der Kunst so gottferne Sitten geben. Dann sind jene, die ihren Werken die Treue halten und jene, die ihnen das Werden nicht weigern, unter allen denen, die in ihrem so hoffnungfroh begonnenen Leben irgendwann wankten und stürzten, Seltene unter den Seltenen!
"Seltene unter den Seltenen". Wie also sollte Mathilde Ludendorff nicht die Bedeutung des Schicksals und der Umwelt in Rechnung stellen für das Schaffen von Kulturwerken? Auch dies sind klare Ausführungen. Kulturelles Schaffen ist also in kulturferner Zeit in noch viel höherem Maße gefährdet als in kulturnahen Zeiten.

Dabei ist von Mathilde Ludendorff noch nicht erörtert, unter welchen Bedingungen es überhaupt zu einem "Erstlingswerk" kommen kann, das dann so starken Wandel bewirken kann in der Seele des Künstlers. Auch dafür, daß es zu einem solchen überhaupt kommen kann, müssen ja zunächst sehr spezielle Bedingungen vorliegen. (Musiker müssen eine frühe musikalische Ausbildung erhalten haben und vieles ähnliche mehr.)

1917/1936 - "Die naive Vorstellung, daß das Genie gar nicht umzubringen sei"

Das Werk "Das Gottlied der Völker" ist also auf solche und andere Zusammenhänge zunächst noch sehr genau zu studieren, bevor man hier zu einigermaßen abschließenden Urteilen wird kommen können. Aber Mathilde Ludendorff hat auch in anderen Zusammenhängen, etwa wenn es darum ging zu fragen, warum sich so wenige weibliche "Genies" in den letzten tausend Jahren "durchgerungen" hatten zu künstlerischem Schaffen, zu solchen Fragen geäußert. So schon in ihrem Buch "Das Weib und seine Bestimmung" (7), das erstmals 1917 erschien.

Es hat weitere Auflagen erlebt in den Jahren 1919, 1927, 1933, 1936 und 1976. Dabei ist es seit 1927 unverändert erschienen, wie ein Vergleich der Ausgaben (zumindest des zu bringenden Zitates) ergibt. Die Ausgaben von 1933, 1936 und 1976 bringen als jüngstes Vorwort immer nur das zur dritten Auflage von 1927. Auch 1936 also - noch zu Lebzeiten Mathilde Ludendorffs und nach der Veröffentlichung ihres Buches "Das Gottlied der Völker" - ist der Text dieses Buches unverändert erschienen. In den gleichen Jahren hat sie andere, früh entstandene Bücher (etwa "Triumph" oder "Der Minne Genesung") noch einmal bedeutend umgearbeitet, um sie an einen später gewonnenen Erkenntnisstand anzupassen. Man kann also dem Text eines schon früh entstandenen, aber auch 1936 nicht umgearbeiteten oder geänderten Buches entnehmen, wie Mathilde Ludendorff ihre Worte auch in "Das Gottlied der Völker" hatte verstanden wissen wollen und wie nicht.

Abb. 2: Ausgabe von 1990
Der Autor dieser Zeilen ist auf diese Worte erst vor kurzem gestoßen. Wobei ihm wieder der eingangs genannte Aufsatz und die hier erörterte Thematik in den Sinn kamen. Er war auf sie gestoßen über eine kleine Schrift mit dem Titel "Frau und Musik". Diese ist im Jahr 1980 aus der Frauenbewegung hervorgegangen und hat seither mehrere Auflagen erlebt (6). Dieses Büchlein enthält nämlich überraschenderweise auch einen Text Mathilde Ludendorffs, entnommen jenem Werk "Das Weib und seine Bestimmung". Und zwar in der Auflage von 1927 (6, 7). Schon die Tatsache, daß man in einem Büchlein, das im Jahr 1980 - laut Umschlagtext - in der Zeitschrift "Emma" positiv besprochen worden ist, einen sehr ausführlichen Text von Mathilde Ludendorff finden kann, stellte zunächst einmal eine Überraschung für sich dar. Er macht auf die Aktualität der hier behandelten Thematik auch in anderen Diskussionszusammenhängen aufmerksam.

Denn um wieviel mehr erhöhte sich die Überraschung, wenn man genau in dem hier abgedruckten Text eine Antwort fand auf die oben angeführten Einwände des Schriftleiters und der Leserbrief-Schreiberin im Jahr 2000. Eine Antwort, die mit Prägnanz, Schärfe und Dichte dann eben, wie gesagt, auch ein weiteres Kapitel des Buches "Das Gottlied der Völker" erläutert.

In beiden Büchern geht es um die Bedingungen kulturellen Schaffens. Allerdings sind die Zielrichtungen beider Bücher unterschiedlich. In dem ersten ("Das Weib ...") geht es Mathilde Ludendorff darum aufzuzeigen, warum es in den letzten tausend Jahren so wenige Frauen als Kulturschöpferinnen gegeben hat, und daß dies nicht an einer allgemeinen erblichen "Minderbegabung" der Frauen für kulturelles Schaffen liegen könne. Aber woran kann es dann liegen? Man kann verstehen, daß die geradezu "goldenen Worte" Mathilde Ludendorffs zu diesem Thema noch im Jahr 1980 und 1990 unter Musikwissenschaftlerinnen der Beachtung für wert empfunden worden sind. Im unverändert beibehaltenen Text sowohl der Ausgabe von 1919 wie von 1927 heißt es nämlich (1919, S. 72 - 74; 1927, S. 75 - 77; 1933, S. 73f; 1936, S. 72 - 74):
Dabei muß uns vor allen Dingen die Frage beschäftigen, ob es denn überhaupt Lebensverhältnisse und Anschauungen gibt, die künstlerische Produktionen erfolgreich unterdrücken können. Eine sehr alte Lebensweisheit "das Genie ringt sich durch" scheint diese Frage mühelos und befriedigend zu beantworten. Aber überall da, wo ein fertiges Sprüchlein in unserem Gedächtnis bereit liegt und wie ein Teufelchen aus dem Kasten springt, wenn das bezügliche Thema gestreift wird, können wir gar nicht skeptisch genug sein, denn dann handelt es sich meist um angelernte Vorurteile, die unserer Erkenntnis hinderlich sind. Wie ist wohl die Vorstellung entstanden, daß das Genie sich stets durchringt? Zweifellos richtig ist das Bild des Kampfes als typisch für das Genie. Der außergewöhnliche Mensch stellt nicht nur eine quantitative Steigerung der Durchschnittsbegabten dar, sondern er unterscheidet sich qualitativ unter anderem auch dadurch, daß er sich von der Masse nicht in bestimmte Formen einzwängen lassen will, sondern sich seinen Weg erkämpft. Das Sprüchlein besagt ferner, daß das Genie stets Sieger in diesem Kampfe ist und bleibt den Beweis hierfür schuldig. Im Kampf messen sich zwei Kräfte, und da die feindliche Kraft, die sich dem Genie entgegenstellt, die denkbar stärkste sein kann, kann der Sieg des Genies nicht in jedem Falle gesichert sein. Was zu dem Irrtum führte, war die richtige Beobachtung unterschiedlicher Existenzbedingungen des Genialen und des Durchschnittsmenschen. Die Lebensgeschichte des Genies, reich an Kämpfen, arm an satter Zufriedenheit, würde den Durchschnittsmenschen unglücklich machen. Er sieht, daß das Genie sich im Gegenteil dabei glücklich entfaltet und kommt zu der naiven Vorstellung, daß es überhaupt nicht umzubringen ist. Er kommt zu der merkwürdigen Weisheit, daß die Mimose überall gedeihe, also zäher sei, als das Gänseblümchen. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Niemand ist so zähe wie der Durchschnittsmensch, niemand ist verletzlicher als der geniale Mensch. Er braucht seine ganz besondere Kost, eine Mischung aus Kampf und Friede, von Freud und Leid, von Anerkennung und Verkennung; eine Mischung, die bei jedem Einzelnen wieder anders beschaffen sein muß. Das, was ihm die glücklichste Entfaltung gewährt, können wir also nicht im Einzelfall anordnen. Aber um so genauer können wir angeben, was jedem Genie Gift ist, nämlich alles das, was für den Durchschnittsmenschen höchstes Glück bedeutet: kleine Freuden, nach alten Vorurteilen und Gewohnheiten behaglich heruntergelebt. Die Schattenseiten eines derartigen Lebens: die Abhängigkeit von minderwertigen Menschen, täglicher Kleinkram der Sorgen, die für den Durchschnittsmenschen höchstens bedrückend sind, können geniale Schaffenskraft auf die Dauer töten. (...)
Wenn nicht nur eine kleine Gruppe, sondern alle Frauen im Alter von 18 Jahren selbständig ins Leben treten, und in dem Auf und Nieder, dem Kampf und Genuß des Lebens die Welt und das eigene Ich erkennen lernen, dann erst kann vielleicht aus manchem begabten Töchterchen eine schaffende Künstlerin werden.
Mathilde Ludendorff ist also in diesem Zitat durchaus der Meinung, daß
es Lebensverhältnisse und Anschauungen gibt, die künstlerische Produktionen erfolgreich unterdrücken können.
Interessanterweise hatte noch eine Rezensentin der Schrift von Eva Rieger und zugleich Ludendorff-Anhängerin Schwierigkeiten, diese These gelten zu lassen, schreibt sie doch (10):
Nun könnte man freilich gerade die in der "heilen Welt" eines evangelischen Pfarrhauses aufgewachsene Mathilde Ludendorff ebensogut als Beweis dafür anführen, daß sich das Genie eben doch durchringt.
Daß ein Einzelfall in solchen Fragen überhaupt kein Beweis ist, und ob es dieser es für sich überhaupt wäre, selbst wenn, muß hier gar nicht erörtert werden. Dieser Satz zeigt aber recht schön auf, daß Ludendorff-Anhänger sich tatsächlich schwer tun damit, diesen Gedanken der Philosophin nachzuvollziehen. - Im übrigen befand sich die Erforschung des Zusammenhanges zwischen Begabungen auf kulturellem Gebiet und der angeborenen Intelligenz eines Menschen zur Zeit der Niederschrift dieser Worte noch mitten in den Anfangsstadien. Wie überhaupt die Intelligenzunterschiede zwischen den Menschen und Völkern, die nach heutigem Kenntnisstand sehr eng mit dem Berufserfolg des einzelnen und mit dem Bruttosozialprodukt ganzer Länder zusammenhängen, von der Wissenschaft im allgemeinen damals noch nicht als grundlegend erkannt worden waren. Deshalb sind manche der Ausführungen und Begründungen Mathilde Ludendorffs heute überholt und veraltet, bzw. wären noch einmal genauer mit dem heutigen Wissensstand abzugleichen. So scheinen zum Beispiel Höchstbegabungen in der angeborenen Intelligenz nach heutigem Stand bei Männern etwas häufiger vorhanden zu sein als bei Frauen. Ansonsten aber dürfte die erbliche Intelligenzbegabung der Frauen kulturelles Schaffen ebenso ermöglichen wie die der Männer - wenn es eben nur auf diese ganz ähnlich verteilte angeborene Begabung ankäme. In der Weltgeschichte seit Entstehung der Schriftkultur hat es aber weltweit bislang keine Kultur gegeben, in der das weibliche Schaffen von Kulturwerken etwa fünf Prozent der Gesamtproduktion einer jeweiligen Kultur überschritten hätte (8). Ein Umstand, der ebenfalls zu denken gibt, zumal derselbe - um nur ein Beispiel zu nennen - sich nicht nur in Hochkulturen im indogermanischen Sprachraum vorfindet.

In jedem Fall erläutern die 1916 niedergelegten und bis 1936 beibehaltenen Ausführungen Mathilde Ludendorffs in "Das Weib und seine Bestimmung" noch einmal in andere Form ihre in dem Buch "Das Gottlied der Völker" von 1935 niedergelegten Gedanken.

Es geht in dem letzterem Buch darum, die von Mathilde Ludendorff philosophisch postulierte und begründete Freiheit der Wahl des Menschen für oder wider Gott in Parallele zu setzen zu der von ihr ebenfalls philosophisch postulierten Freiheit der Wahl des kulturell Begabten, Kulturwerke zu schaffen oder nicht. Es geht darum, daß die Umwelteinflüsse darüber nicht das letzte Wort haben können und dürfen, wenn nicht der von Mathilde Ludendorff philosophisch gedeutete Sinn der Schöpfung infrage stehen soll.

Abb. 3: Ausgabe von 1988
In Bezug auf die Willensfreiheit wie auch in Bezug auf die Umwelt- und Schicksalunabhängigkeit des kulturellen Schaffens argumentiert Mathilde Ludendorff mit "Wahrscheinlichkeiten". Bestimmte Umwelteinflüsse und Einflüsse des Erbgutes erhöhen oder vermindern die Wahrscheinlichkeit für einen bestimmten innerseelischen Wandel. Allerdings wäre nach ihrer Philosophie die vollständige (bzw. allein instinktmäßig vorgegebene) Zwangsläufigkeit eines seelischen Wandels mit dem Göttlichen nicht vereinbar. (Sie wären auch nur durch allerschwerste Verbrechen an der Kinderseele im negativen Sinne von Seiten der Umwelt zu erreichen [siehe dazu "Des Kindes Seele und der Eltern Amt"].).

Und in diesem Sinne sind auch ihre Worte zum künstlerischen Schaffen zu lesen. In letzter Instanz ist das künstlerische Schaffen, die Schaffenskraft - so sie überhaupt erst einmal vorhanden ist (als erbliche Anlage) - unabhängig von Umwelt und Lebensschicksal. So wie das auch ganz allgemein nach ihrer Philosophie für die Freiheit des Willens gilt. Das hervorzuheben, darauf kommt es ihr als Philosophin besonders an. Dabei übersieht sie sowohl als Philosophin wie als Frauenrechtlerin nicht die ganze Bandbreite des tatsächlich auch Verwirklichten.

2012 - Wie denken wir heute über kulturelles Schaffen? 

Und deshalb sieht ja Mathilde Ludendorff auch in der mangelnden kulturellen und politischen Betätigung der Frau gemäß ihrer eigenen Wesensart (also nicht in einer vermännlichten Betätigung derselben) einen der Hauptgründe für den Untergang von Kulturvölkern. Und in der Betätigung der Frau als Kulturschöpferin (beispielsweise in ihrem eigenen philosophischen Schaffen) sieht sie ja eine der wesentlichsten Voraussetzungen für das Überleben von Kulturvölkern. Wie also kann ihr diese Frage unbedeutend sein! Und deshalb mißt sie auch einem - womöglich kulturgesetzlich nachweisbaren - 5%-Anteil der Frauen am gesamtkulturellen Schaffen die allerhöchste Bedeutung zu.

Und entsprechend könnte ergänzend auf die Tatsache hingewiesen werden, daß der oben erwähnte griechische Philosoph Aurelius Augustinus fast dem gleichen Geburtsjahrgang angehörte, wie die letzte heidnisch-griechische Philosophin Hypatia von Alexandria. Und daß sich beider Lebensschicksal besonders dadurch unterscheidet, daß ein männlicher Heide Christ wird und ein gesegnetes Alter von 75 Jahren erreicht (Aurelius). Und daß eine weibliche Heidin Heidin bleibt und vom christlichen Mob ihrer Universitätsstadt etwa in ihrem 60. Lebensjahr zu Tode geschleift wird (Hypathia). Womöglich hätte ein Arzt, zuständig für das Leben und den Tod von Kulturen, auf die Sterbeurkunde der hellenistisch-römischen Kultur des Mittelmeerraumes als Sterbedatum das Todesjahr dieser letzten heidnischen Philosophin eintragen können. 415 "nach Christus" wurde das weibliche kulturelle Schaffen an sich getötet - im Namen Jesu Christi. Und damit eine Kultur insgesamt, die der Stellung der Frau in der Gesellschaft, in der Religion und Kultur eine ganz andere Bedeutung zugewiesen hatte, und ihr wesentlich mehr zugetraut hatte, als der nachfolgenden christlichen Gesellschaft und Kultur.

Und daran würde sich die Frage anschließen, wie weit wir eigentlich heute davon entfernt sind, daß die letzte bedeutende Vertreterin des abendländischen Geisteslebens von einem christlichen (oder islamischen?) Mob zu Tode geschleift wird. Womöglich - dem 21. Jahrhundert angemessen - vor laufender Kamera. - ?

Die philosophisch zu fordernde Möglichkeit zum kulturellen Schaffen von Frauen war auch noch nach der Antike immer gegeben. Was natürlich auch als wichtiger Beleg für die Richtigkeit der oben angeführten philosophischen Aussage Mathilde Ludendorffs heranzuziehen ist. Nur wurde diese Möglichkeit eben außerordentlich selten verwirklicht.

Und was Mathilde Ludendorff in "Das Weib und seine Bestimmung" nur für die auf kulturellem Gebiet begabten Frauen sagt bezüglich der "tausend Jahren Unheilszeit" unter der Herrschaft des Christentums, ist in ihrem Buch "Das Gottlied der Völker" und in dem eingangs erwähnten Aufsatz (1) auch von den Männern behauptet worden. Eine heidnisch-philosophische Geistigkeit ist seit den Zeiten des Aurelius Augustinus auch den Männern zunehmend unmöglich gewesen. Es sei denn, sie kleidete sich - wie bei Aurelius Augustinus - zumindest äußerlich ins christliche Mönchs-, Demuts- und Büßergewand und in die entsprechende tiefstehende Kleingeistigkeit, Engherzigkeit und Düsterkeit. Und es sei denn, sie bewegte sich von da ab auf einem ganz anderen Niveau und auf einer ganz anderen gesellschaftlichen Grundlage und in einer viel geringeren gesellschaftlichen Dichte, Lebendigkeit und Anteilnahme als in den vielen Jahrhunderten zuvor.

Denn zuvor konnte ja fast jede griechische Kleinstadt für sich in Anspruch nehmen, die Heimat eines bedeutenden Philosophen, eines bedeutenden Bildhauers oder eines bedeutenden Malers gewesen zu sein. Oder einer Priesterin Diotima, der gegenüber auch Philosophen vom Range eines Sokrates und eines Platon gerne bereit waren, ihr in philosophischen Kernfragen - etwa über die Liebe - das letzte Wort zu lassen.


(Zuerst erschienen: 25.8.2012; letzte Überarbeitung: 25.12.2012)
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  1. Meinecke, Erich: Wurzelt unsere Zeit in der vormittelalterlichen Welt? Eine Betrachtung und Besinnung. In: Mensch & Maß, Folge 14, 23.7.2000, S. 625 - 638; auch auf: Lulu.com, Sept. 2011
  2. Weiß, Anne: Leserbrief zu "Wurzelt unsere Zeit in der vormittelalterlichen Welt?" Erich und Mathilde Ludendorff über die Arbeitsethik der heidnisch-germanischen Vorfahren. In: Mensch & Maß, Folge 16, 23.8.2000, S. 766 - 768
  3. Rösner, Heinrich: Bismarcks engste Freunde. In: Mensch & Maß, Folge 6, 23. 3. 2001, S. 241 - 254
  4. Meinecke, Erich: "Mühsame Arbeit widerspricht der deutschen Volksseele". In: Mensch & Maß, Folge 23, 9.12.2001, S. 1057 - 1068 
  5. Ludendorff, Mathilde: Das Gottlied der Völker. Eine Philosophie der Kulturen. Ludendorffs Verlag, München 1935, 1936, 1938
  6. Ludendorff, Mathilde: Künstlerische Begabung (1927). In: Rieger, Eva (Hg.): Frau und Musik. Mit Texten von ... Mathilde Ludendorff, Alma Mahler Werfel, Clara Schuhmann, Cosima Wagner uvam. Fischer Taschenbuch-Verlag 1980, 1988 (253 S.) (Google Bücher); Furore Verlag, Kassel 1986, 1990 (2. Aufl.) (Google Bücher)
  7. Ludendorff, Mathilde (von Kemnitz): Das Weib und seine Bestimmung. Ein Beitrag zur Psychologie der Frau und zur Neuorientierung ihrer Pflichten. Verlag Reinhardt, München 1917 (191 S.); 2. vermehrte Auflage, Reinhardt Verlag, München 1919 (208 S.) (Google Bücher); 3. vermehrte Aufl., Verlag von Theodor Weicher, Leipzig 1927 (192 S.); Ludendorffs Volkswarte Verlag, München 1933 (11.-13. Tsd., 190 S.), Ludendorffs Verlag, München 1936 (3. Aufl., 14.-16. Tsd.); Nachdruck, Verlag Hohe Warte, Pähl 1976
  8. Murray, Charles: Human Accomplishment. The Pursuit of Excellence in the Arts and Sciences, 800 BC to 1950. Harper Perennial 2003
  9. Ludendorff, Mathilde: Künstlerisches Schaffen und Wahnlehren. Ludendorffs Verlag, München 1941 (45 S.)  [= Laufender Schriftenbezug 12, Heft 4] (Scribd
  10. Knuth, Elsbeth: Frau und Musik (Besprechung der gleichnamigen Schrift von Eva Rieger). In: Mensch & Maß, Folge 4, 23.2.1983, S. 175 - 180

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