- Oder: Beim Blättern in alten Familienalben
Dieser Blog widmet sich dem "Studium einer völkischen Subkultur" (StgNat2010), nämlich der Ludendorff-Bewegung (Wiki). Es entsprach dem Selbstverständnis der Ludendorff-Bewegung - als Teil der völkischen Bewegung -, daß in ihr alle "Stände" und Bevölkerungsschichten vertreten waren. Zahlreiche Bauern fühlten sich von ihr ebenso angezogen wie Juristen, Ärzte und Akademiker vieler Fachrichtungen, Volksschullehrer standen in ihr neben Schmiedemeistern, Beamte neben Arbeitern.
Da uns über die Biographie eines einzelnen, "gewöhnlichen" Ludendorff-Anhängers besonders viel Material vorliegt (1), soll diese exemplarisch in diesem Beitrag vorgestellt werden. Es handelt sich um die Biographie des Opas väterlicherseits des Verfassers dieser Zeilen.
Und um der Authentizität willen wird es Sinn machen, daß wir auch persönliche Erinnerungen an ihn aus der eigenen Kindheit mit einfließen lassen. Mein Opa Otto Bading lebte von 1906 bis 1979. Er stieß "erst" im Jahr 1936 zur Ludendorff-Bewegung. Zu diesem Zeitpunkt war er schon seit 1927 Mitglied der NSDAP gewesen und Träger des "Goldenen Parteiabzeichens". - - -
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| Abb 1: Mein Opa Otto Bading in den 1930er Jahren |
Er war also kein "alter Tannenberger", was auf viele Ludendorff-Anhänger zutraf, die noch lange nach 1945 die Ludendorff-Bewegung zahlenmäßig bestimmten. Sie wiesen meist ausgeprägte politische und wenig ausgeprägte philosophisches Interessen auf. Denn diese hatten irgendwann in den Jahren 1927 oder 1928 von Erich Ludendorff gehört und von seinem Kampf gegen die Freimaurerei. Sie hatten die damaligen großen Vortragsveranstaltungen des Ehepaares Ludendorff besucht mit tausenden von Zuhörern. Und sie waren von den Vorträgen beider mitunter so erschüttert gewesen, daß sie beherzte und forsche Anhänger wurden.
Sie hätten wohl von sich gesagt, daß ihre Volksseele durch Erich und Mathilde Ludendorff angesprochen worden sei, daß die Todesnot der Volksseele in ihnen sprach, als sie sich von dem Geistesgut und dem Geisteskampf beider beeindrucken oder gar erschüttern ließen.
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| Abb. 2: Mein Opa mit dem Hanomag-Trecker vor der Scheune |
Es gibt aber nun auch Biographien von Menschen, die erst Mitte der 1930er Jahre zur Ludendorff-Bewegung gestoßen sind. Die Biographie eines solchen soll im folgenden zur Darstellung gebracht werden.
In dem vorliegenden Blogartikel konnte ich wenig über die "persönlichen" Beziehungen meines Opas zum Gedankengut des Hauses Ludendorff mitteilen. Denn ich war erst zwölf Jahre alt, als er starb. Zu jenem Zeitpunkt war ich noch nicht alt genug, um mich mit ihm über Politik oder weltanschauliche Fragen unterhalten zu können. Ich habe aber später alte Briefwechsel gefunden zwischen meinem Opa und meinem Vater aus den 1950er Jahren, denen auch zu dieser Frage manches entnommen werden konnte (s. StgrNat2015).
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| Abb. 3: Mein Opa mit seinen Pferden (womöglich am Revers das Parteiabzeichen) |
Es ist im folgenden eine womöglich recht gewöhnliche Familiengeschichte des 20. Jahrhunderts zu erzählen. Sie weist eben dann nur die Besonderheit auf, daß hier eine Familie teilnahm an der ersten wirklich großen deutschen Kirchenaustrittsbewegung des 20. Jahrhunderts (Wiki), nämlich derjenigen der Jahre 1936 bis 1940, einer Kirchenaustrittsbewegung wie sie in Deutschland - vom rein quantitativen Umfang her - erst wieder im Jahr 1968 und danach erreicht worden ist.
Mein Opa wurde im Jahr 1906 in Bahnitz an der Havel geboren, einem Dorf etwa auf halbem Weg zwischen Brandenburg und Rathenow. Dieses Dorf liegt etwa achtzig Kilometer westlich von Berlin am Rande des heutigen Naturschutzgebiet Westhavelland. Es kann als sehr "abgelegen" bezeichnet werden. Es führt eine Autostraße hinein - aber keine hinaus. Die Straße endet an der Havel. Heute führt ein ruhiger "Havel-Radweg" (Rathen) am Dorf vorbei.
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| Abb. 4: Hof Bading in Bahnitz (neben dem Haus die Autogarage) |
Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war mein Opa acht Jahre alt. Mein Opa hat - meines Wissens - nie davon erzählt, wie er den Ersten Weltkrieg erlebt hat. - Wie Kinder seiner Generation die Zeit des Ersten Weltkrieges erleben konnten, geht vielleicht ganz gut hervor aus einem Buch des friesischen Schriftstellers Gustav G. Engelkes (1905-1973) "Weltkrieg brennt in Jungenherzen" (5). Engelkes war fast gleichen Jahrgangs wie mein Opa und es gibt auch noch weitere Parallelen in beider Leben. Sie traten beide 1935 aus der Kirche aus. Und auch Gustav G. Engelkes sympathisierte - wie mein Opa - ab dieser Zeit mit der Ludendorff-Bewegung. (Engelkes veröffentlichte im Ludendorffs Verlag und in Verlagen, die diesem nahe standen, viele Romane und Erzählungen.)
Ein abgelegenes Dorf im Westhavelland
Als junger Mann war mein Opa dann Mitglied des damals bestehenden Turnvereins in Bahnitz. Es gibt Fotos, auf denen er mit anderen stolz, stramm und selbstbewußt in Turnkleidung zu sehen ist. Da es solche auch von meiner Oma gibt, die in einem ganz anderen Dorf aufgewachsen ist, scheint das Turnen nach dem Ersten Weltkrieg eine weit verbreitete Vereinstätigkeit auf den damaligen Dörfern gewesen sein. Womöglich sollte sie den Wegfall der allgemeinen Wehrpflicht kompensieren, die dadurch zustande gekommen war, daß Deutschland nach dem Versailler Vertrag nur ein "Hunderttausend-Mann-Heer" von Berufssoldaten besitzen durfte.
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| Abb. 5: Meine Oma Johanna Bading in Bahnitz - Im Hintergrund der Obstgarten mit Hausgänsen |
Mein Opa war Bauer. Soweit sich die Stammbäume meines Opas und meiner Oma zurückverfolgen lassen, nämlich bis zum Ende des Dreißigjährigen Krieges, waren alle ihre Vorfahren Bauern und Müller. Und sie lebten alle im Umkreis von höchstens 50 Kilometern von Bahnitz entfernt. Das war also seit Jahrhunderten eine kleine, abgeschiedene Welt für sich.
Daß in dieser Region Otto von Bismarck zum Abgeordneten des preußischen Landtages gewählt worden war und daß aus ihr manche Beamte, Minister, Generäle oder Industrielle des preußischen Staates hervor gegangen sind, wird den Bauern auf den Dörfern gar nicht bewußt gewesen sein. Carl Bolle (Wiki) etwa, ein bedeutender Unternehmer im aufstrebenden Berlin Ende des 19. Jahrhunderts, war in dem nahe gelegenen Milow aufgewachsen. Seine dort erhaltene Villa stellte Bolle seinen Mitarbeitern zur Erholung zur Verfügung. Sie wird seit Jahrzehnten als Jugendherberge genutzt.
"Schlipfs Handbuch der Landwirtschaft", mit dem mein Opa 1923 ein Jahr lang an der Landwirtschaftsschule in Oranienburg die damals "moderne" Landwirtschaft lernte, befindet sich noch heute im Familienbesitz (2, 3). Wenn man sich recht erinnert, erzählte er, daß er von Bahnitz mit dem Fahrrad nach Oranienburg gefahren sei.*)
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| Abb. 7: Fotografie eines "Dixi" (als Beispiel) (Pressefoto: "Hitzetag in Berlin, Juni 1935 - Mann kühlt Auto mit Wasser") (Wiki) |
Mein Opa war einer der ersten Bauern im Dorf, der die jeweils modernen, neuen Maschinen anschaffte. Und er war auch einer der ersten, der 1928 den Führerschein machte und sich ein Auto erwarb. Einen "Dixi" (Wiki) (s. Abb. 7, s.a. [Wiki]).
Der ganze Stolz der großen Bauern auf den Dörfern der Mark Brandenburg - der Hof meines Opas hatte 44 Hektar - waren die Pferde (siehe Abb. 3). Mit Verwunderung hörte man davon, daß in anderen Teilen Deutschlands noch mit Kühen gepflügt wurde.
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| Abb. 8: Mein Opa mit seinen beiden ältesten Kindern vor seinem Haus (um 1935) |
Damals gab es noch keine gepflasterten "Bürgersteige" neben der Dorfstraße. Bei Regen standen große Pfützen vor den ausgefahrenen Hofeinfahrten - wie auf alten Fotos zu sehen ist (Abb. 4). Mein Opa heiratete im Jahr 1932 eine Bauerntochter aus dem nahe gelegenen Dorf Zollchow. Nämlich meine Oma Johanna Bading (1910-1985) (6). Noch im hohen Alter las sie gern "Kartoffeln mit Stippe" oder sah sich Fontane-Verfilmungen an (etwa: "Vor dem Sturm"). Weil sie in diesen die Welt ihrer ersten Lebenshälfte, jener bis 1945 wieder fand. Auch schenkte sie mir den Roman "Meines Vaters Pferde" von Clemens Laar und andere Pferde-Bücher, in denen sich diese Welt wiederspiegelte. Das war in etwa die Welt, in der auch meine Oma aufwuchs.
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| Abb. 9: 25. Mai 1935 - Mein Opa wird Mitglied im "BfG (L)" |
Wie so häufig in der damaligen bäuerlichen Welt weigerte sich der Vater meines Opas, ein Gustav Bading, lange, den Hof zu übergeben. Aus Trotz ging mein Opa 1927 - damals ein junger, stürmischer Mann - für einige Zeit nach Sachsen, um dort in der Industrie zu arbeiten. Zuerst war er als Wirtschaftsgehilfe in Thießen bei Wittenberg tätig, dann in einer Fabrik in Glauchau in Sachsen. Dort lernte er die NSDAP kennen und trat ihr 1928 bei.
Endlich übergab sein Vater 1928 den Hof und mein Opa konnte heiraten. Das war 1932.
1932 - Im Wahlkampf
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| Abb. 10: Meine Oma und mein Opa mit ihren beiden ältesten Kindern, flankiert rechts von Opas Schwester Lucie und links von einem anderen Mädchen aus dem Dorf (um 1935) |
Als einmal in einer Saalschlacht mit den Kommunisten in einer Gastwirtschaft (wohl in Plaue) sechzig Stühle zusammengeschlagen wurden, mußte die Mutter meines Opas den Schaden bezahlen.
Meinen Opa scheint das nicht weiter angefochten zu haben. Gerne klopfte er abends in der Gastwirtschaft eine Runde Skat (Abb. 6). Als ich etwa neun Jahre alt war, brachten mir meine Oma und mein Opa auch das Skatspielen bei. Und so auch zahlreiche "Sprüche", die Skatspieler so klopften und klopfen: "Und da verließen sie ihn und flohen in die Wüste" (beim Reizen) - und viele "Lebensweisheiten" ähnlicher Art. Jovialität war wohl das grundbestimmende Lebensgefühl meines Opas. Und vielleicht nicht nur meines Opas, sondern das der damaligen größeren Bauern auf den Dörfern überhaupt. Eine gewisse in sich ruhende Gelassenheit. Mein Opa war es auch, der mir das Schachspielen beibrachte. Es war ein großes Ereignis, als ich das erste mal gegen ihn gewann. (Oder als er mich gewinnen ließ. Darüber bin ich mir heute natürlich nicht mehr so sicher ...)
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| Abb. 11: Wohl in der Bahnitzer Feldmark - Otto und Johanna Bading mit Emma (Opas Schwester) und ihrem Mann Otto Lindenberg, einem Lehrer in Wusterwitz |
Mein Opa war bei Kindern sehr beliebt. Gern saßen wir auf seinem Schoß und machten "Hoppe, hoppe Reiter". Gerne hörten wir, wenn er bei den Weihnachtsliedern mit seiner kräftigen Stimme einfiel. Meine Oma warf ihn immer aus der Wohnung, wenn er seine starken "Overstolz Ohne"-Zigaretten (also ohne Filter) rauchte. Von diesen konnte sie ihn nicht abbringen und diese werden wohl auch zu seinem vergleichsweise frühen Tod beigetragen haben. Vielleicht sogar zum Asthma seines Enkelsohnes (wenn man epigenetische Markierungen berücksichtigt, die über zwei Generationen weiter gegeben werden können.) War er von meiner Oma wieder einmal ausgeschimpft worden, setzte er sich in seine Sitzecke im Flur vor mein Zimmer, zündete sich eine Zigarette an und hörte zu, während ich auf der Trompete "Der Trompeter von Vionville" übte. Diese Melodie kannte er.
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| Abb. 12: Opas Mutter Emma Bading mit ihrer Enkeltochter (1936) |
1934 wurde ihm sein erstes Kind, ein Sohn geboren, dem bis 1938 noch drei Töchter folgten.
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| Abb. 13: Meine Oma und mein Opa im Flugzeug, wohl auf dem damaligen Flugplatz Briest |
Gern ließ er sich am Feierabend oder sonntags in Pantoffeln, mit Zigarre im Mund vor der Haustür mit seinen Kindern fotografieren (Abb. 7-9).
1933 - Ortsgruppenleiter, Amtsvorsteher und Bezirksbauernführer![]() |
| Abb. 14: 10. Okt.1936 - Meine Oma wird Mitglied im BfG |
Als 1945 "die Russen" kamen, hat meine Oma nicht nur seine gesamte Bibliothek verbrannt, sondern offenbar auch alle Fotografien, die ihn in Parteiuniform zeigten. Jedenfalls ist davon keine mehr vorhanden.
Sonntags bei Picknick-Fahrten ins Grüne - mit dem
offenen Opel 6 (Wiki)
des Wusterwitzer Schwagers - scheint er durchaus gerne mal "den Führer"
gegeben zu haben (siehe Abb. 10). Er trug Anfang der 1930er Jahre ja
auch schon den Schnauzbart genau so wie sein
"großer Vorsitzender". Wie ernst er sich bei all dem genommen hat, ist
aus dem Nachhinein schwer zu sagen. Da war wohl immer auch eine Spur
jugendlicher Übermut und bäuerliche Verschmitztheit dabei.
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| Abb. 15: Meine Oma und mein Opa (1941) |
Mein Opa war ein Bauer, der kein Blut sehen konnte. Wenn geschlachtet wurde, war er immer woanders. Jedenfalls nicht der Nazi, den Hollywood & Co. gerne als Klischee zur Darstellung bringen.
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| Abb. 16: Johanna und Otto Bading mit ihren vier Kindern hinter der Scheune im Garten (1943?) |
Um seinen Ämtern nachkommen zu können, wurde neben der Haustür rechts das Wohnzimmer in ein Empfangsbüro mit Schreibtisch - und Klavier - umgewandelt. Hier konnten die Leute vorsprechen. Hier auch konnte mein Opa stundenlang am Klavier sitzen, ohne daß das Schelten meiner Oma über die dabei vergeudete Zeit etwas ausrichten konnte.
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| Abb. 17: Die Kinder inmitten von freilaufenden Schweinen und Hühnern |
Da mein Opa seine Ämter nicht mehr mit der Wirtschaftsführung eines Bauernhofes vereinbaren konnte, wurde für letztere - wohl ab 1935 - ein Wirtschafter angestellt. Und dieser Wirtschafter nun - und dies ist ja die "Pointe" dieses ganzen Beitrages - war Anhänger des "Hauses Ludendorff". Daß er mit Nachnamen Müller hieß, hat sich in der Familienüberlieferung gehalten, mehr aber nicht. Erste Zweifel darüber, daß der Nationalsozialismus das Richtige wäre, waren meinen Opa - wie so vielen - schon anläßlich der Röhm-Morde im Juni 1934 gekommen. Mit dem Gedankengut des Hauses Ludendorff bot sich dazu eine Alternative an, von der er sich in sicherlich recht ernsten Gesprächen Schritt für Schritt recht gerne wird überzeugen haben lassen.
1935 - Kirchenaustritt
Mein Opa hat noch in den 1950er Jahren geglaubt (wie ich seinen Briefen entnehme, die in einem weiteren Beitrag ausgewertet wurden) (Stgr2015), daß der vormalige NS-Gauleiter von Magdeburg, Rudolf Jordan, jüdischer Herkunft sei. Mit einer solchen Vermutung war die Unterstellung verbunden, daß die NSDAP das Gegenteil von dem bezwecken würde, was sie nach außen hin vorgab, daß sie also - neudeutsch - "gehijackt" wäre. Daß dies tatsächlich der Fall war und daß es dazu auch gar keiner Gauleiter jüdischer Herkunft bedurfte, dafür sind inzwischen viele Anhaltspunkte zusammen getragen worden. Aber das gehört nicht hierher.
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| Abb. 18: Die Töchter mit drei Lämmern |
Weitere Gründe waren: Das Kirchenchristentum hatte schon damals auf den norddeutschen Dörfern kaum noch Zugkraft. Mein Opa und meine Oma traten also 1935 aus der Kirche aus und wurden Mitglieder des "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)" (Abb. 7a, 11a). Sie ließen sich - den damaligen Gebräuchen folgend - standesamtlich als "gottgläubig" eintragen, nach dem März 1937 mit der staatlich anerkannten Religionszugehörigkeit "Gotterkenntnis (Ludendorff)".
Erich Ludendorff hatte spätestens seit 1927 in scharfem Gegensatz zu den Nationalsozialisten gestanden und hatte sie als die größte Gefahr des deutschen Volkes gekennzeichnet. Deshalb war 1933 auch der Tannenbergbund verboten worden. Ab etwa dem Jahr 1935 war Erich Ludendorff dem Dritten Reich auf halben Wege entgegengekommen, wenn er nun aussprach, daß Parteimitgliedschaft allein noch kein Hindernis für die Zugehörigkeit zu seiner Weltanschauungsgemeinschaft "Deutschvolk", ab 1937 "Bund für Deutsche Gotterkenntnis" genannt sei. Und in diesem Sinne wurde dies wohl auch von meinem Opa verstanden. Meine Oma war Mitglied der NS-Frauenschaft, Abteilung Volkswirtschaft-Hauswirtschaft. Und mit dieser fuhr sie 1937 zum Reichsparteitag nach Nürnberg. Sie war beeindruckt davon, wie dort die anwesenden Österreicher mit ihren skandierten Rufen "Wir wollen heim ins Reich" alle Sperren durchbrachen.
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| Abb. 19: Der Sohn auf dem Pferd, links mit dem serbischen Kriegsgefangenen Alexander (vor dem Kuhstall) |
Wahrscheinlich machten mein Opa und meine Oma in dieser Zeit auch einen Rundflug, wahrscheinlich auf dem Flughafen Briest, wie eine Fotografie belegt (Abb. 11).
Noch wenige glückliche Jahre waren bis zum Kriegsausbruch geschenkt (Abb. 11-13).
Der Kriegsausbruch brachte für meinen Opa als Bürgermeister und Ortsgruppenleiter die Pflicht, den Angehörigen die Gefallenen-Meldungen zu überbringen. Er mußte den Bauern auch die Kriegsgefangenen zuteilen oder sie denselben wieder entziehen, wenn diese sie nicht ordentlich behandelten. Womöglich ließen ihn auch solche Pflichten verstärkt nachdenken über seinen bisherigen politischen Weg und den von Deutschland insgesamt.
Seine Kinder jedoch verlebten - Krieg hin oder her - eine glückliche Kindheit auf einem Bauernhof voller Tiere (Abb. 14-16).
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| Abb. 20: Mein Opa als Soldat (1942) |
Auf unseren Hof kamen ein serbischer Kriegsgefangener, zwei russische Kriegsgefangene und eine russische Dienstverpflichtete. Der Serbe soll noch Wochen lang nach dem Einmarsch der Russen auf dem Hof geblieben sein und der Familie geholfen haben. Er ist den Kindern in menschlich hervorragender Weise in Erinnerung, wäre sehr gutmütig gewesen. Aber zu einem Drama kam es, als die Russin im Winter 1944 von dem Serben schwanger wurde. Sie lief von Genthin mit dem Kind zu Fuß bis nach Bahnitz, wobei das Kind starb. Darüber soll der kinderliebe Serbe todunglücklich gewesen sein.
1942 - Entlassung aus allen Ämtern
Doch zurück zu meinem Opa. Seine Zugehörigkeit zur Anhängerschaft von Erich und Mathilde Ludendorff hat er offenbar sehr ernst genommen. Womöglich entsprang daraus auch eine größere Gelöstheit, wie er sie auf den Fotos der Abbildungen 12 und 13 zeigt. Hier sieht man nicht mehr jene gewisse Steifheit, womöglich in Anlehnung an Adolf Hitler, wie er sie zuvor - sozusagen als Parteibonze - auf den Fotos mitunter demonstrierte hatte oder womöglich auch nur glaubte, demonstrieren zu müssen.
Was er nun scheint, so ernst genommen zu haben, führte allerdings zu einem Konflikt mit seinem Gauleiter Rudolf Jordan (Wiki) in Dessau. In den Kreisen der Ludendorff-Anhänger, die mein Opa damals kannte, wurde offenbar vermutet (wie schon erwähnt), daß Rudolf Jordan jüdischer Herkunft sei. Mein Opa beschwerte sich auf jeden Fall darüber oder war empört darüber, daß in der Presse des Gaues nicht ordentlich über Erich Ludendorff geschrieben wurde. Dahinter vermutete er böse Machenschaften. Leider ist es bislang nicht gelungen, die Zeitungsberichte über Erich Ludendorff zu finden, die meinen Opa damals so verärgerten. 1942 hat es aber sicherlich - angesichts der außenpolitischen Lage - in vielen Menschen in Deutschland innerlich gegrollt.**)
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| Abb. 21: Der Brückenkopf Colmar zwischen Thann im Süden und Schlettstadt im Norden, Dezember 1944 bis Januar 1945 (Wiki) - Mein Opa geriet schon gleich zu Beginn der Kämpfe um diesen Brückenkopf am 9. Dezember 1944 bei Thann in Gefangenschaft (s. Wiki) |
Mein Opa erhielt eine Vorladung zum Gauleiter. Es soll zu einem sehr erregten Gespräch zwischen beiden gekommen sein. Bei diesem soll man sich offenbar sogar angeschrien haben. Als mein Opa schimpfend den Raum verlassen hat, soll der Gauleiter ihm noch auf dem Gang hinterher gelaufen sein und ihn gebeten haben, doch nicht so laut zu schimpfen. So erinnert sich eine der Töchter.
Allerdings blieb dem Gauleiter dann doch nichts anderes übrig, als meinen Opa von allen Ämtern zu entheben. Und damit war er nicht mehr "unabkömmlich" gestellt. Er wurde unverzüglich zur Wehrmacht eingezogen.
Was soll man zu diesem Vorgang sagen? Daß die NSDAP vor und nach 1933 von Wallstreet-Banken finanziert und gefördert worden ist, dafür gibt es viele Hinweise. Auf diese weist zum Beispiel auch Karlheinz Deschner in "Der Molloch" hin. Insofern muß die Ahnung meines Opas, daß mit der damaligen Politik der NSDAP falsches Spiel gespielt worden ist, nicht völlig falsch gewesen sein. Daß er das nun ausgerechnet an einer solchen Einzelperson festmachte wie diesem Gauleiter, mutet ansonsten vielleicht doch eher etwas wenig weitsichtig an. Wie auch immer.
1942 - Mit 36 Jahren Rekrut
Mein Opa war inzwischen 36 Jahre alt geworden. Er hatte noch nie Militärdienst geleistet. In dem Alter, in dem man sonst Wehrdienst leistete, gab es aufgrund des Versailler Diktates das 100.000-Mann-Heer mit Berufssoldaten und ohne allgemeine Wehrpflicht. Er mußte nun also als "grüner" Rekrut (bei den Panzer-Grenadieren) anfangen. Und er fühlte sich als solcher bei Ausbildern, die zehn Jahre jünger waren als er selbst, sehr unwohl.
Am 1. April 1942 wurde er als "Gewehr-Schütze" zum Gefreiten befördert. Er kam zum Einsatz bei den Besatzungstruppen in Frankreich. Laut Soldbuch erhielt er zwei mal Ernteurlaub und zwei Sonderurlaube. An der Kanalküste baute er den sogenannten "Rommelspargel", der die Landung feindlicher Flugzeuge und Fallschirmspringer auf offenen Flächen verhindern sollte.
Bei einem Durchmarsch durch eine französische Stadt begegnete er einmal zufällig seinem Neffen Siegfried Lindenberg (1924-1943) aus Wusterwitz, der vor einer Kaserne Wache stand. Sie riefen sich eine Verabredung für den Abend zu und konnten sich noch einmal sprechen. Mein Opa sah seinen Neffen bei dieser Gelegenheit zum letzten mal. Siegfried war "blutjung", erst 19 Jahre alt. Er war hell begeistert vom Nationalsozialismus. Aus dieser Einstellung heraus war er wie selbstverständlich zu jedem Opfer bereit. Meinen Opa, der versuchte, ihm zu raten, seinen Kopf nicht gar zu weit heraus zu strecken, hat er wohl nicht verstanden.
1943 - Der Neffe in Rußland gefallen
Am 4. Dezember 1943 ist Siegfried Lindenberg als Unteroffizier des 9./Gren.Rgt. 431 im Ortslazarett Petrowitschi in Weißrußland seinen Verletzungen erlegen. An der dortigen Front standen die Divisionen in sehr schweren Abwehrkämpfen, bei denen die in die vorderen Gräben in Massen eingedrungenen Russen immer wieder in blutigsten Kämpfen von kleinem Kampfgruppen mit Handgranaten und im Nahkampf hinaus geworfen werden mußten (GAj2012).
Wenn wir in den 1980er Jahren von Westdeutschland aus unsere Tante Emma, Opas Schwester, in ihrem heimeligen, altertümlich eingerichteten Haus in Wusterwitz, errichtet Anfang der 1930er Jahre im Heimatstil, besuchten, durften wir sie nie an ihren Sohn Siegfried erinnern. Ihr kullerten dann die Tränen über's Gesicht und sie sagte gar nichts mehr. Sein Bild hing immer über ihrem Schreibtisch.
Tante Emma hatte in ihrer Großzügigkeit viel Ähnlichkeit mit unserem Opa. Die Tischplatte war bei ihr beim Essen immer zum Zerbersten überfüllt. "Nun eßt man' noch ein bisschen, eßt man' noch," waren ihre vielgebrauchten Worte, die auch dann noch ausgesprochen wurden, wenn man kugelrund bis zum Anschlag war, und an die man sich noch heute erinnert, wenn man an sie zurück denkt. In ihren Betten versank man in riesigen Kissen- und Deckenbergen. Ihr schönes Haus in Wusterwitz hatte sie sich erbauen können von dem Geld, das ihr mein Opa nach der Übernahme des Hofes als Anteil ausbezahlte.
Über ihre Jugend nach dem Ersten Weltkrieg schrieb sie mir einmal (1, S. 72):
Meine Kindheit war Arbeit. Bis 14 Jahren ging ich in die Schule. Als ich raus kam (1918), wurde hart gearbeitet. Die Arbeitskräfte und wir mußten arbeiten: die Kühe melken, schleudern, buttern, alles mit der Hand, wir hatten keine Maschinen, die Schweine füttern, Kartoffeln dämpfen für das Vieh, für Gänse, Hühner, Enten. Die wurden dann im Herbst geschlachtet und verkauft. Holz und Kohle reinholen, heizen. Im Winter wurde das Korn gedroschen, immer ein paar Stunden vormittags und nachmittags. Denn Geld wurde auch gebraucht und Futter brauchten wir für das Vieh auch. (...) Wir hatten noch keinen Fernseher noch Radio und haben gesungen aus voller Kehle.
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| Abb. 22: Dez. 1944 |
Nach der Invasion im Juni 1944 wurde mein Opa während des Rückzuges beim Übergang über die Schelde im Rücken leicht verletzt. Die Pferde, die er hielt, waren durch Granatsplitter an den Nüstern getroffen worden. Deshalb kam er blutüberströmt ins Lazarett und wurde mit Entsetzen in Empfang genommen. Aus dem nachfolgenden Genesungsurlaub wurde mein Opa vorzeitig abberufen, um noch einmal eingesetzt zu werden. Und zwar im Elsaß.
2023 habe ich über Recherchen versucht, die militärischen Vorgänge, innerhalb deren sich mein Opa damals bewegt haben muß zu rekonstruieren. Diese Ausführungen werden in einen eigenen Blogartikel ausgegliedert (StNat2026).
Offenbar haben jene Truppenteile, denen er angehörte, das Absetzen nach Osten und Süden verpaßt. Er geriet laut überlieferter Dokumente am 9. Dezember 1944 bei Thann in die Gefangenschaft der 1. französischen Armee (Abb. 22). Die Kämpfe an dem Frontabschnitt um Thann beruhigten sich nach dem 10. Dezember und die Front verlief noch bis zum 4. Februar 1945 auf der Ostseite des Städtchens Thann, dessen Bewohner deshalb noch wochenlang weiter in Kellern wohnen mußten (siehe auch Kriegstagebuch des OKH pdf).
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| Abb. 23: Februar 1953 (a) |
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| Abb. 24: Februar 1953 (b) |
Zwischen Ende 1944 und 1947 bekam meine Oma keine Nachricht über den Verbleib meines Opas. Mein Opa galt als vermißt. Das waren mehr als zwei ganze Jahre, in denen meine Oma nichts von ihm hörte. Nämlich die Jahre 1945 und 1946. In der französischen Kriegsgefangenschaft (Wiki) mußte mein Opa wochenlang unter freiem Himmel hinter Stacheldraht leben. Später mußte er bei elsässischen Bauern sehr schwer arbeiten.
Erst bei einer "Madame" soundso im Elsaß ging es ihm zum Teil sehr viel besser. Bei ihr scheint es ihm sogar gefallen zu haben. Sein Leben lang benutzte er gerne französische Worte wie "Chaiselongue", "Chaussee" oder ähnliches. Als er schreiben durfte, forderte er meine Oma auf, sie solle doch mit den Kindern zu ihm ins Elsaß kommen. Er wollte gar nicht mehr zurück in sein Heimatdorf, das jetzt von den Russen besetzt und kommunistisch geworden war.
Da sich meine Oma weigerte, kehrte er schließlich nach Hause zurück. Am 12. November 1947 ist er aus Gefangenschaft entlassen worden.
/ Ergänzung 21.2.2026: Es sollte an dieser Stelle noch etwas ergänzt werden, was dem Verfasser dieser Zeilen selbst erst 2017 voll bewußt geworden ist: Der Cousin meines Opas, der meinem Opa vielleicht sogar am nächsten gestanden hat, und der nicht nur desselben Namens war, sondern auch - wie mein Opa - Ortgruppenleiter und Ortsbauernführer war, nur nicht in Bahnitz, sondern in Zollchow, dem Herkunftsdorf meiner Oma, dieser Cousin ist 1945 nach dem Einmarsch der Russen schwer gefoltert worden, worauf er mit seiner gesamten Familie Selbstmord begangen hat (Prbl2017). In unserer Familie ist über vieles gesprochen worden - aber über das Schicksal dieser unserer Familie sehr nahe stehenden Familie zumindest nicht so, daß ein Heranwachsender wie der Verfasser dieser Zeilen das bewußt in sich aufgenommen hätte. Vielleicht hat der Verfasser dieser Zeilen Erwähnungen davon auch "ausgeblendet", weil er es für zu entfernte Verwandtschaft empfand und weil es womöglich auch ein zu großer, unvorstellbarer Horror war für einen Heranwachsenden. Aber meinen Opa und meine Oma muß es unglaublich getroffen haben, als sie von dem Schicksal des Cousins und seiner Familie gehört haben. Ich könnte mir vorstellen, daß sie sich sogar kennengelernt haben, als mein Opa seinen Cousin in Zollchow besucht hat. Es gilt aber zu berücksichtigen, daß die Menschen, die damals auf den Dörfern in Brandenburg lebten, viele solcher Schicksale hörten und erlebten - so etwa auch der Selbstmord der Familie Zander in Nitzahn (Stg2011). /
1953 - Nach Westdeutschland wegen der Zwangskollektivierung in der DDR
Das sonstige Kriegsende am 4. Mai 1945 in Bahnitz ist schon in dem eben zitierten Beitrag geschildert worden (Studgen2010). In diesen flossen auch Familienerinnerungen ein.
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| Abb. 25: Deutsche Kriegsgefangene als Arbeitskompanie im Elsaß, Juni 1945 (DW2014) |
Als mein Opa aus Kriegsgefangenschaft nach Hause zurückkehrte, war das Leben dort für die großen Bauern "kein Leben und kein Sterben". Die Russen hatten 1945 den gesamten Viehbestand beschlagnahmt. Meine Oma hatte vor allem mit den beiden älteren Kindern die Landwirtschaft so gut es ging weiter geführt.
Was das wohl für ein Wiedersehen war, als mein Opa zurück ins Dorf und zu seiner Familie kam.
Für meinen Opa war es dann sehr schwer, den Viehbestand wieder aufzubauen, um das "Ablieferungssoll", das vom Staat gefordert wurde, erfüllen zu können (Abb. 23, 24). Die großen Bauern wurden von staatlicher Seite schikaniert, wo es nur ging, damit diese "freiwillig" in die "Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft" (Wiki) eintreten würden.
Fast keiner der großen Bauern in Bahnitz hat dies getan. Sie sind fast alle im Jahr 1953 mit ihren Familien hinüber "in den Westen gegangen", also geflüchtet.
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| Abb. 26: Mein Opa, wohl Ende der 1950er Jahre in einem dreirädrigen Messerschmitt Kabinenroller, daneben eine seiner Töchter - Erste Zeichen des "Wirtschaftswunders" |
Mein Opa hatte 1947 keine Schwierigkeiten mit der "Entnazifizierungskommission". Zu ihr wurde er schon am 18. Dezember 1947 vorgeladen. Kommunistische Arbeiter sprachen sich als Zeugen für ihn aus. Nun, 1953, kam der kommunistische Bürgermeister eines abends spät an das Wohnzimmerfenster und flüsterte meinem Opa zu: Wenn du morgen früh nicht weg bist, muß ich dich festnehmen. Sein Sohn schrieb 1983 dazu in einer Stellungnahme:
Die Absicht der Machthaber war ab 1952 darauf gerichtet, die privaten landwirtschaftlichen Familienbetriebe zu zerschlagen und zu kollektivieren. Dazu wurden die größeren Betriebe mit einem Soll belegt, das sie nur unter besonders glücklichen Umständen erfüllen konnten. Mein Vater hatte nur die Wahl zwischen Gefängnis und Flucht.
Und so ist Opa noch in der Nacht nach Westberlin gefahren (ins Aufnahmelager Marienfelde). Wenig später kam die ganze Familie unauffällig nach. Die eine Hälfte der Kinder brachte Tante Emma nach Westberlin, die andere Hälfte fuhr mit meiner Oma, damit es nicht zu auffällig wurde. Dennoch wurde meine Oma im Zug von der Volkspolizei streng verhört, konnte sich aber durchmogeln. Im Aufnahmelager Marienfelde trafen sich dann die Familien fast aller großen Bauern des Dorfes wieder. Sie sind nur wenige Tage später ebenfalls geflüchtet.
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| Abb. 27: Mein Opa in Wehe/Westfalen (1963) |
Übrigens war sein Sohn während seiner Kriegsgefangenschaft vom Pfarrer in Bahnitz noch konfirmiert worden. Dieser Pfarrer erklärte seinem Sohn: "Wegen solcher Leute wie deinem Vater haben wir den Krieg verloren." Mag sein, daß die Menschen früher auf dem Lande schlichter dachten als das heute so üblich ist. Pfarrer wie diese verstärkten eher eine solche Schlichtheit als daß sie weitere Horizonte geöffnet hätten. Aber hinter dem Wort mag auch noch vieles von dem "Schrecken" des Kirchenkampfes auf dem Land stecken, den dieser Pfarrer erlebt haben mag. Solche Meinungen waren nach 1945 in Deutschland wohl recht häufig anzutreffen und viele Menschen sind ja damals wieder in die Kirchen eingetreten.
Oma und Opa übersiedelten nach Espelkamp in Westfalen, wo sie sich eine bescheidene Existenz aufbauen konnten.
Die Enkelkinder - Eine neue Generation wächst heran
Die Kinder waren nun alle aus dem Haus. Mein Opa arbeitete zunächst auf einem Gut bei Warburg, dann in einer Ziegelei als Ziegelei-Arbeiter, was er als eine fürchterliche Schufterei in Erinnerung behielt. Später suchte er sich eine Tätigkeit als Nachtwächter. Als solcher hatte er seine Ruhe vor den Menschen. Diese konnten ihm nach Kriegsende und Vertreibung mehr noch als zuvor den Buckel herunter rutschen. Als wirklich einmal Einbrecher kamen, versteckte er sich.
| Abb. 28: Mein Opa und ich auf meinem siebten Geburtstag (März 1973) |
Die Abbildungen 28 bis 32 zeigen meinen Opa, wie wir ihn alle in Erinnerung haben, die ihn noch kennengelernt haben.
In unserer Familie in Westdeutschland sagten wir zwar nicht wie die Juden "Und morgen in Jerusalem", also: "Und morgen in Bahnitz". Aber es war schon einigermaßen ausgemachte Sache in meiner Kindheit, daß ich nach der Wiedervereinigung, von der man als sicher ausging, den Hof in Bahnitz wieder übernehmen würde und die Familientradition fortsetzen würde.
Es kam zwar nicht alles anders - aber das meiste.
Mein Opa half an seinem Lebensende noch viel im Betrieb seines Sohnes mit, der selbständig war. Im großen Garten gab es immer irgendwo etwas zu tun. Wenn irgendwo ein großer Stein zu bewegen war, wenn ein Ast abzusägen war, holte er mich mit dazu und dann machten wir es gemeinsam. So lernte ich früh und ganz selbstverständlich, zu Hause zu helfen. Von ihm lernte ich beispielsweise auch den Umgang mit der Sense, damit ich jeden Abend meinen Kaninchen frisches Gras mähen konnte. Opa war ein selbstverständlicher Bestandteil unserer Kindheit. Er war bei allen Kindern sehr beliebt.
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| Abb. 30: Mein Opa (etwa 1976) |
Als mein Opa 1979 starb, kamen seine beiden Töchter aus den USA, kam seine Schwester und seine Schwägerin aus der DDR, kam sein Neffe aus Südafrika. Sie alle versammelten sich noch einmal um sein Grab. Und im Wohnzimmer wurden Familienerinnerungen ausgetauscht.
Es wurde mehr gelacht als geweint. Meinen Opa hatten alle gern gemocht.
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| Abb. 31: Mein Opa 1978 |
Was von meinem Opa bleibt? Es wird schon - "nimm nur alles in allem" - ein lebenswertes Leben gewesen sein, das er geführt hat.
Und das geistige Erbe, das er hinterlassen hat, seine Anhängerschaft zur Philosophie Mathilde Ludendorffs? Diesbezüglich scheint die Weltgeschichte noch kein abschließendes Wort sprechen zu wollen.
Aufgrund ihrer Nähe zur Naturwissenschaft und aufgrund der Tatsache, daß sie - mit dieser Nähe - zugleich eine überzeugende Sinndeutung des Werdens des Kosmos, der Lebenswelt und der Menschenwelt gibt - könnte sie der gegenwärtigen Generation und zukünftigen noch immer ähnlich viel zu sagen haben wie zu Lebzeiten meines Opas.
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| Abb. 32: Mit meinem Opa, März 1979 |
/ Ein zweiter Teil zu diesem Blogartikel folgt --> hier. /
______________________________- Bading, Ingo: Meine Ahnen und ihre Zeit. Facharbeit 10. Klasse, Realschule Homberg/Efze, Ostern 1982 (unveröffentlichtes Manuskript)
- Schlipf's Handbuch der Landwirtschaft. Vierundzwanzigste Auflage, Verlagsbuchhandlung Paul Parey, Berlin 1922
- Wölfer, Dr. phil Th.: Grundsätze und Ziele neuzeitlicher Landwirtschaft. Achte, neubearbeitete Auflage. Verlagsbuchhandlung Paul Parey, Berlin 1921
- Bading, Ingo: Kriegsbriefe Mathilde Ludendorffs - Seit Jahrzehnten ungetane Arbeiten des Ludendorff-Archives. Studiengruppe Naturalismus 29.1.2013, http://studiengruppe.blogspot.de/2013/01/kriegsbriefe-mathilde-ludendorffs.html
- Engelkes, Gustav G: Weltkrieg brennt in Jungenherzen! Verlag von Julius Beltz, Langensalza, Berlin, Leipzig 1933 (5. Aufl. 1935, 6. Aufl. 1936) (95 S.) (freies pdf)
- Bading, Ingo: Bauern, Büdner, Häusler und Kuhhirten Meine Oma und ihre Vorfahren aus dem Dorf Zollchow im Havelland. Preußenblog, 30. September 2017, http://preussenlebt.blogspot.de/2017/09/bauern-budner-hausler-und-kuhhirten.html





















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