Sonntag, 28. November 2010

"Ich bin der größte Revolutionär, den Deutschland heute hat." - Erich Ludendorff 1928

Neue Briefe aus den Jahren 1924, 1928 und 1946

Daß der ehemalige Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff nicht gering von seiner weltgeschichtlichen Rolle auch noch nach dem Erste Weltkrieg dachte, weiß jeder, der einen Blick in seine Schriften oder in seine Lebenserinnerungen ("Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär") geworfen hat. Allein dieses Selbstbild versetzte ihn wohl auch in die Lage, nach 1925 und bis 1937 als ein so scharfer Gegner Adolf Hitlers und seiner Kriegsabsichten aufzutreten, als der er bis dahin aufgetreten ist.

Dennoch mag es von Interesse sein zu erfahren, daß sich dieses Selbstbild Ludendorffs nicht nur in öffentlichen, sondern auch in privaten Briefäußerungen wiederspiegelte.

Vor einem Jahr sind aus den Jahren 1924 und 1928 zwei neue Briefe Erich Ludendorffs bekannt geworden, sowie eine Postkarte der Witwe Mathilde Ludendorff aus dem Jahr 1946. Sie sind alle gerichtet an einen Kaufmann Erwin Würth in Karlsruhe. Sie wurden im Juni 2009 für 600 Euro versteigert (1). Von Interesse ist, wie das Ehepaar Erich und Mathilde Ludendorff Verbindung hielt zu Menschen, die wie es selbst "auf der Suche" waren nach einem neuen weltanschaulichen und auch religiösen Fundament, und die ebenfalls offenbar auf Dauer von dem Agieren der NSDAP unbefriedigt geblieben sind.

Soweit der Wortlaut der hier zu behandelnden Briefe bislang bekannt geworden ist, soll er hier wiedergegeben werden. Einige Fehlangaben im Auktionskatalog werden hier schon stillschweigend korrigiert.

Abb. 1: (Wohl) Tagung der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung in Weimar 1924
Ein badischer Kaufmann zwischen Sozialdemokratie und Nationalsozialismus

Laut einer geschichtswissenschaftlichen Studie (2) war der Briefpartner Erwin Würth ein Kaufmann in Karlsruhe. 1919/20 war er Mitglied der SPD (2), zwischen 1924 und 1928 Mitglied der NSDAP. Zuletzt war er sogar Kreisleiter. 1928 trat er aus der NSDAP aus. 1933 versuchte er, in diese wieder einzutreten (2). Eine Biographie in bewegten Zeiten zwischen Sozialdemokratie auf der einen Seite, dem Nationalsozialismus auf der anderen und schließlich, wie aus den Briefen weiter hervorgeht, im Umkreis der Ludendorff-Bewegung. Erich und Mathilde Ludendorff scheinen Erwin Würth auch persönlich gekannt zu haben, so glaubt man es zumindest dem Tonfall der Postkarte Mathilde Ludendorffs an Erwin Würth aus dem Jahr 1946 entnehmen zu können.

Abb. 2: Erich Ludendorff und Albrecht von Graefe, "Nationalsozialistische Freiheitsbewegung", Tagung in Weimar 1924
Aktueller Anlaß der Veröffentlichung dieses Beitrages ist aber auch das derzeit laufende Ebay-Angebot eines vielleicht vergleichsweise seltenen Fotos (s. Abb. 1, Ebay, Ablauf 4.12.10 *)). Es wird angebotenen unter dem Titel "Ansichtskarte Ludendorff Gräfe N.S. Freiheitsbewegung Weimar 1924". Abgebildet ist Erich Ludendorff zusammen mit Albrecht von Graefe (1868 - 1933), offenbar während der Tagung der "Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung" in Weimar 1924.

Abb. 3: Erich Ludendorff auf der Tagung in Weimar 1924
1924: Die "Nationalsozialistische Freiheitsbewegung" unter  Ludendorff, von Graefe und Strasser  

Abb. 4: A.v. Graefe
In der "Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung" suchten Erich Ludendorff, Albrecht von Graefe und Gregor Strasser während der Festungshaft von Adolf Hitler die völkischen Parteien und Gruppierungen, insbesondere die süddeutsche NSDAP unter Gregor Strasser und die norddeutsche "Deutschvölkische Freiheitspartei" unter Albrecht von Graefe zu einigen (s. a. Abb. 3). Als "Nationalsozialistische Freiheitspartei" errrang dieser Zusammenschluß bei der Reichstagswahl im Mai 1924 32 Sitze.

Abb. 5: (Wohl) Anstecker 1924
Erich Ludendorff besuchte dazu - wie viele andere - Adolf Hitler mehrmals in Festungshaft. So am 12. April 1924 (Abb. 4) und am 12. Juni 1924 (s.a. Abb. 5: "Erich Ludendorff etwa habe eine Stunde mit Hitler sprechen dürfen, ohne dass ein Gefängniswärter dabei war").

Da Adolf Hitler bei diesem Einigungsversuch nicht kooperierte und nach seiner Entlassung aus der Festungshaft Anfang 1925 eigene Wege ging, ist dieser Versuch der Einigung gescheitert und bildeten später viele norddeutsche Ortsgruppen der "Deutschvölkischen Freiheitspartei" die Grundlage zur Gründung der dortigen Ortsgruppen der NSDAP. Auf Wikipedia (von dort auch Abb. 2) heißt es über Albrecht von Graefe:
Von Graefe, der im Kaiserreich der Deutschkonservativen Partei angehört hatte, beteiligte sich 1918 an der Gründung der DNVP. Im Sommer 1922 beteiligte er sich unter anderem mit Reinhold Wulle und Wilhelm Henning an der Gründung der Völkischen Arbeitsgemeinschaft in der DNVP, die im Dezember 1922 die Partei verließ und die Deutschvölkische Freiheitspartei (DVFP) gründete, deren Vorsitzender von Graefe bis 1928 war. Mit anderen Führungsfiguren der DVFP beteiligte er sich am 9. November 1923 am Hitler-Ludendorff-Putsch in München, bei dem er in der ersten Reihe marschierte.
Abb. 6: Vollständige Liste der Besucher Hitlers in Festungshaft 1924

Abb. 7: "Sprechkarte für Herrn Gen. Ludendorff, Reichst.Abg. v. Graefe u. Hptm. Röhm zum Besuche bei (...) Herrn Hitler (...) 12. Juni 1924 (...) Festungshaftanstalt Landsberg"
Albrecht von Graefe zählte sich laut Wikipedia auch zu den sogenannten "Deutschen Christen" (sprich nationalsozialistischen oder völkischen) und schrieb als solcher 1931 eine Schrift gegen das Christentum-kritische Buch von Mathilde Ludendorff "Erlösung von Jesu Christo" (3). Fragen zu solchen religiösen Themen sollten auch in dem Briefwechsel zwischen Ludendorff und Würth aufkommen (siehe unten).

Februar 1925: "Hitler will nur gegen den Marxismus kämpfen, auf weiteres verzichten"

Am 20. Februar 1925, kurz nach der Entlassung Adolf Hitlers aus dem Landsberger Gefängnis, schrieb Erich Ludendorff nun an Erwin Würth, und zwar offensichtlich als Antwort auf Fragen und Anregungen von Seiten Würths. Es ging damals um den Versuch Ludendorffs, die NSDAP Adolf Hitlers in Bayern und Süddeutschland mit der schon erwähnten Deutsch-Völkischen Freiheitspartei (DVFP) Albrecht von Graefes in Norddeutschland zu einer gemeinsamen "Nationalsozialistischen Freiheitspartei" zusammenzuschließen. Adolf Hitler gründete aber kurz nach seiner Entlasssung im Februar 1925 die NSDAP neu und verschloß sich einer Zusammenarbeit mit den Norddeutschen ebenso wie die Norddeutschen sich einer Zusammenarbeit mit Hitler (bis aufs Weitere) verschlossen.

 Abb. 8: Ludendorff an Erwin Würth, 20. 2. 1925 (Hermann Historica)
Folgendes nun schrieb Ludendorff in diesem neu bekannt gewordenen Briefdokument (Netzverweis als Erläuterung der angesprochenen Person dazu gegeben) **):

München, den 20. 2. 
Geehrter Herr Würth!
Leider habe ich keinerlei Einfluß auf Hitler. - Meine Freunde bitte ich, den großen Gedanken der Einheitlichkeit der Bewegung allen anderen voran zustellen sowohl Hitler als auch Wulle-Henning gegenüber, nur so kommen wir durch die schwere Krise.

Esser ist nicht nur kein Diplomat, sondern ein schwerer Schädling, er hetzt nur und baut nicht auf. Leider zieht Hitler keinen Trennungsstrich.

[Noch nie (?) / Nur vorübergehend (?) / Nur provisorisch (?)] hat er sich mir gegenüber mit dem Aufziehen der Freiheitspartei einverstanden erklärt; da er eine und seine Arbeiterpartei aufziehen will. Der Riß geht doch nicht vom Norden aus, würde sich Hitler in die Reichsführerschaft eingestellt haben, dann wäre alles in Ordnung gewesen, das aber wollte er nicht! Er hat mir gesagt, er wolle nur gegen den Marxismus kämpfen, auf weiteres verzichten.

Ich hoffe aber nun, daß Hitler endlich sprechen wird. Er hat es mir s. Z. sicher in Aussicht gestellt. Da ich aber keine Fühlung mit ihm recht habe, bin ich auch nur auf Vermutungen angewiesen. Ich ... bleibe auf dem Boden der Volksgemeinschaft ...
"Nur gegen den Marxismus kämpfen" heißt vor allem, sich nicht dezidiert antikatholisch positionieren wie es die norddeutsche "Deutschvölkische Freiheitspartei" und wie es auch Ludendorff taten. (Über die Versteigerung dieses Briefes ist übrigens 2009 von Iring Fetcher auch kurz in der FAZ berichtet worden.)

1928 - Erich Ludendorff: "Ich lehne das Christentum ab ..."

Am Anfang des Jahres 1928 hatte sich die Situation stark gewandelt. Erwin Würth trat 1928 aus der NSDAP aus. Erich Ludendorff hatte inzwischen - 1926 - Mathilde von Kemnitz geheiratet. Er hatte sich in ihre Philosophie eingearbeitet. Er hatte, wie er behauptete, deren "weltgeschichtliche Bedeutung" erkannt und er hatte im Herbst 1927 seinen "Freimaurerkampf" begonnen mit der Veröffentlichung seiner vielbeachteten Schrift "Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse".

Abb. 9: E. Ludendorff an Erwin Würth, 10. 1. 1928 (Hermann Historica)
Am 10. Januar 1928 schrieb Erich Ludendorff in Antwort offenbar auf Fragen und Anregungen von seiten Erwin Würths, unter anderem auch über religiöse Fragen und über das Christentum. Würth scheint offenbar eine Art "germanisches Christentum" befürwortet zu haben, so ähnlich wie vielleicht auch Albrecht von Graefe (s.o.), in der Jesus als ein "Arier" angesehen wird. Das folgende Dokument kann als sehr nützlich erachtet werden, die damalige Zeit und das damalige Denken und Fragen in bestimmten völkischen Subkulturen zu verstehen. Offenbar besteht der Brief aus zwei Blättern, von denen Vor- und Rückseite beschrieben ist. Leider ist der Brieftext bisher nur unvollständig bekannt geworden:
München, 10. 1.
Geehrter Herr Würth! 
Sie stellen schwere Fragen, die ich gern beantworte.

Ich lehne für das, was uns not tut, das Wort Socialismus ab. Das Wort Socialismus bedeutet im Sinne der Juden-Gesinnten: Enteignung. (das folgende unsicher) Abspaltung (?)  des ... aber des unterdrückt Deutschen (?) Selbsterhaltungwillen. Sie werden ja die letzten ... gelesen haben - müssen wie ich denken (?).

Ich will Besitz, freies Schaffen. Arbeiterrechte, selbstlosen Ausgleich im Volk. Das nennt man auch social. Der Jude hat diesen Ausdruck geprägt, um den Deutschen je nach Bedarf das Wort 'Socialismus' entgegenzustellen. Er denkt sich sein Teil. Der Gojim meint 'sozial' im edlen Sinne. So kommen schwere Wirrnisse.
(...), so ist für mich socialistisch der  (...)
[2. Seite:] 
(...) 
2. Ich glaube, ich bin der größte Revolutionär, den heute Deutschland hat, aber mit Schlagworten macht man gar nichts. Erst soll das Volk Volk werden, dann macht sich alles von selbst, wenn Wille und Führung da ist. Aber wie es heute ist, daß sich deutsche Nazis und deutsche Kommunisten den Schädel einschlagen, das mache ich nicht. Ich habe die Feinde klar gezeichnet. Welcher Weg einzuschlagen ist, hängt von den Verhältnissen ab.

3. Ich lehne das Christentum ab, weil die Lehre undeutsch u. kommunistisch ist. Sie hält keiner Kritik stand, auch die Evangelien sind von Juden geschrieben, selbst nach der Überlieferung lange nach Christi Tode.
Die Christen, die in Jesus den Juden sehen, sind logisch, die anderen machen Kompromisse mit sich selbst. 
[3. Seite:] 
Immer sagt Jesus, ich bin gekommen das Gesetz zu erfüllen.
Mein Gott durchdringt die Welt und verlangt ganz was andres als der Christengott. Ich soll nicht friedfertig sein, sondern mir, m[einer] Familie [und] m[einem] Volk das Leben erhalten, wozu haben wir denn Selbsterhaltungwillen. (...) Aufsatz (...)

Eine Reformation der christlichen Lehre gibt es nicht, was soll da reformiert werden. Das Urchristentum war viel schlimmer, als das spätere, das viele germanische Elemente aufnahm. M. ich hier (...) der ginge (...)

Ich kämpfe jetzt ... gegen die Freimaurer und der Kampf ist ein Weltkampf geworden. Mehr kann Niemand verlangen.
[4. Seite:] 
Nun habe ich außergewöhnlich lang geschrieben. Kämpfen Sie unbeirrt weiter!
Mit deutschem Gruß
Ludendorff.
1946 - Mathilde Ludendorff: "Wir haben seit 1925 gewarnt."

Weiterhin liegt eine Postkarte vor, datiert "Tutzing, 16.7.1946". Sie ist an Erwin Würth in Gemmingen, L.A. Sensheim adressiert. Das paßt zu den Angaben in dem genannten Buch (2), nach denen Erwin Würth schon 1925 völkische Propaganda auch auf den nordbadischen Dörfern gemacht hatte, explizit schon damals auch in Sinsheim (2). Der Inhalt der Postkarte wird hier dem Sinne nach wiedergegeben. In Fettdruck werden Phrasen mitgeteilt, die wörtliche Übereinstimmung mit dem Originaldokument aufweisen:
Sehr geehrter Herr Würth,

an dem "herben Schicksal", das Ihnen wiederfahren ist, nehme ich "warmen Anteil". Mein Mann und ich, wir haben "seit 1925 gewarnt". In Schriften und in Büchern. Das ist der einzige Trost in all dem Schicksal. Und es gilt "gegen alle unwahre Denunziation" darüber anzukämpfen. Ich wünsche Ihnen, daß Sie an Ihrem "neuen Lebensort" sich "heimisch" fühlen mögen und auch ein berufliches Auskommen finden mögen. "Die Hoffnung auf die Zukunft wollen wir alle nicht aufgeben."

"Es lebe die Freiheit!
Mathilde Ludendorff"
Diese drei Dokumente bieten - wie Mosaiksteine - kleine, zum Teil neue Einblicke in die Geschichte der völkischen Subkultur der Ludendorff-Bewegung, dem Umfeld ihrer Entstehung und ihrer Entwicklung. Erst im Rahmen einer Auswertung vieler hunderter solcher Dokumente und Zeugnisse insgesamt jedoch können auch diese Mosaiksteine erst ihre eigentliche, einigermaßen abschließende geschichtliche Bewertung erfahren. Auf eine solche grundlegendere Bewertung und Einordnung muß deshalb an dieser Stelle vorläufig verzichtet werden. Solche Beiträge wie dieser können nur Vorarbeiten zu einer Gesamtgeschichte einer solchen völkischen Subkultur darstellen.

(Erster Entwurf: 14.10.2009, Ergänzungen: 23.1.2012)

*) Von der Verkäuferin "jenni228".

**) Siehe dazu auch erneute Versteigerung bei Hermann-Historica April 2010, der zweite Brief wohl falsch datiert auf 1925.

Literatur:

1. Autographen und Urkunden aus vier Jahrhunderten in chronologischer Ordnung. Katalog 691. J.A. Stargardt Antiquariat, Berlin, Juni 2009, Nr. 893
2. Grill, Johnpeter: The Nazi Movement in Baden, 1920 - 1945. The University of North Carolina Press, Chapel Hill 1983
3. von Graefe, Albrecht: In Harmonie von deutschem Stolz und Demut vor Gott. Erwiderung eines deutschen Christen auf Frau Mathilde Ludendorff's „Erlösung von Jesu Christo“. Rethra-Verlag, Rostock 1931 

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