"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Freitag, 31. August 2012

April 1935 - Erich Ludendorff als Gesprächspartner des militärischen Widerstandes gegen Hitler (I)

Aufsatz in zwei Teilen (dies ist Teil 1 - hier: Teil 2)

Nach dem Tod des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg am 2. August 1934 ist Erich Ludendorff vielfach von den Spitzen des deutschen Staates und der Wehrmacht umworben worden. Er stand aber zugleich in einem scharfen Spannungsverhältnis zu diesen. Das Ergebnis umfangreicher Verhandlungen Erich Ludendorffs mit der Wehrmachtspitze, insbesondere mit Ludwig Beck, lautete für Ludendorff: "Die Wehrmacht wird bald die abgelehnteste Einrichtung im ganzen Deutschen Reich sein." Nach mancherlei Beschönigungen der Wehrmacht in den Jahrzehnten nach der Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland sollte Erich Ludendorff mit dieser Voraussage spätestens mit und seit der Wehrmacht-Ausstellung des Jahres 1995 (Wiki) recht behalten.

Über das Verhältnis Erich Ludendorffs zum Nationalsozialismus und zum Dritten Reich schreibt der Historiker Manfred Nebelin in einer Rezension in der FAZ im Juni 2014 (FAZ2014):
Leider bleibt es hier wieder bei spärlichen Hinweisen, etwa zur Rolle von Ludendorffs zweiter Ehefrau, der Nervenärztin und Religionsphilosophin Mathilde von Kemnitz („die wirre Mathilde“). So lassen sich die ungeklärten Fragen nach dem Verhältnis Ludendorffs zu Hitler, der NS-Ideologie und dem "Dritten Reich" nicht zufriedenstellend beantworten.
In der Tat: "Die ungeklärten Fragen nach dem Verhältnis Ludendorffs zu Hitler, der NS-Ideologie und dem 'Dritten Reich'". Ihnen ist auch der folgende Artikel gewidmet. Denn die sehr eigenartige Stellung, die Erich Ludendorff während des Dritten Reiches einnahm, ist bis heute überraschend wenig erforscht worden. 2008 ist in der neu aufgelegten "großen" Biographie des Generals Ludwig Beck von Seiten des Historikers Klaus-Jürgen Müller (1930-2011) (HsuHH) in einem sehr ausführlichen Kapitel auch viel Licht geworfen worden auf die Rolle Ludendorffs während des Dritten Reiches (1).

Abb. 1: Erich Ludendorff - Internationales Pressefoto, Ende März/Anfang April 1935

Die Historiker Manfred Nebelin und Rainer A. Blasius haben dann 2012 in ihrem Gedenkartikel zum 75. Todestag Erich Ludendorffs (7) an inhaltlich zentraler Stelle ein zeitgenössisches Zitat von Ludwig Beck gebracht ("Alle Schuld auf Ludendorff"), das - wie genauere Recherche ergibt - dieser schon 1980 erschienenen geschichtlichen Studie über Ludwig Beck von Klaus-Jürgen Müller entnommen ist (8), die das Verhältnis Ludendorff-Beck inhaltlich schon fast vollständig deckungsgleich dargestellt hat zu dem neu aufgelegten Buch desselben Autors aus dem Jahr 2008. Auf all das sind wir selbst erst 2012 gestoßen.

Es handelte sich also 2008 gar nicht - wie zunächst gedacht - um Neuerkenntnisse dieses Jahres 2008, sondern um die Wiederveröffentlichung genau derselben Erkenntnisse, wie sie schon 1980 veröffentlicht worden waren, wie sie aber seither so gut wie gar nicht wahrgenommen und rezipiert worden waren. Und zwar weder von der Wissenschaft selbst, noch von einer etwaig interessierten Öffentlichkeit. Auf das Bild Ludendorffs und seines Verhältnisses zum Dritten Reich hatte die Studie von 1980 seither gar keinen Einfluss genommen, da sie kaum jemanden in ihrer Bedeutung bekannt war und von niemanden dahingehend ausgewertet worden ist bis heute.

Ein bedeutendes Versäumnis des Ludendorff-Forschers Franz Uhle-Wettler

Ein Grund von mehreren dafür, dass das bis heute nicht geschehen ist, liegt sicher darin, dass die Bedeutung dieser Studie von 1980 in der sonst sehr verdienstvollen Ludendorff-Biographie von Franz Uhle-Wettler aus dem Jahr 1995 überhaupt nicht herausgearbeitet worden ist (auch nicht in ihrer kürzlich erfolgten Neuauflage beim Ares-Verlag). Dass diese Bedeutung also von dem Ludendorff-Forscher Franz Uhle-Wettler völlig übersehen worden ist.

Obwohl doch gerade er zu jener "Neubewertung" Veranlassung geben wollte, die im Untertitel seines Buches angekündigt wurde. Statt dessen behandelte er die Inhalte der Beck-Studie aus dem Jahr 1980 nur auf zwei Seiten seines Buches. Und das geradezu beiläufig (S. 415 - 417). Jedenfalls so, dass dabei keineswegs eine Neubewertung der Rolle Ludendorffs im Dritten Reich herausgearbeitet worden wäre, wie es gerade - und vor allem - anhand dieser Studie zu leisten war und ist.

Das eben angedeutete zeitgenössische Zitat, das ebenfalls derselben entnommen ist ("Alle Schuld auf Ludendorff"), wirft inhaltlich eine solches Füllhorn von Fragen auf, dass es wirklich verwunderlich ist, dass diese Beck-Studie aus dem Jahr 1980 dreißig Jahre lang zu keinerlei Erörterungen über die Rolle Erich Ludendorffs im Dritten Reich Anlass gegeben hat. Erich Ludendorff als einen bedeutenden Faktor innerhalb der Handlungen des deutschen militärischen Widerstandes gegen Hitler anzusehen, lag offenbar in den vielen Jahrzehnten nicht auf der als "volkspädagogisch sinnvoll" angesehenen Linie der deutschen Historikerschaft. Das ist noch heute unangenehm. Denn man müsste sich ja dann, wie auch im Eingangs-Zitat anklingt, damit auseinandersetzen, warum Ludendorff so handelte wie er es tat. Aus welchem weltanschaulichen Hintergrund heraus er das tat. Das ist alles - sicherlich! - sehr unangenehm. (Auch auf dem Wikipedia-Artikel zu Erich Ludendorff war übrigens diese für die Biographie Ludendorffs wichtige Studie von Klaus-Jürgen Müller aus dem Jahr 1980 bis zur Intervention des Autors dieser Zielen nicht genannt.)

Die neuen Erkenntnisse der Jahre 1980 (bzw. 2008) werden im vorliegenden Beitrag kurz genannt unter Anführung einiger der wesentlichsten Sachverhalte aus dem Buch von Klaus-Jürgen Müller. Es wäre allerdings eine sehr viel ausführlichere Auswertung angebracht, als sie im folgenden gegeben werden kann. Dieser vorliegende Beitrag zielt seinem ursprünglichen Anliegen nach vor allem darauf, heute weniger bekannte damalige Zeitungsartikel, Photographien und Filmaufnahmen zusammenzutragen, die rund um den siebzigsten Geburtstag Erich Ludendorffs am 9. April 1935 entstanden sind, und die zu erläutern sind mit Hilfe von zeitgenössischen Berichten. Unter anderem auch zwei Photographien aus einem noch bis vor kurzem unbekannt gebliebenen Fotoalbum aus dem privaten Besitz des Generals Werner von Blomberg.

März 1935 - "Er hat für Jahre in Vergessenheit gelebt, jetzt könnte er in den Generalstab zurückkehren"
Abb. 2: März 1935

Auch in der ausländischen Presse fand die Feier des 70. Geburtstages Erich Ludendorffs Aufmerksamkeit. Es wurden aus diesem Anlass viele Artikel über Ludendorff veröffentlicht. Eine Zusammenstellung derselben wäre von Wert. Im folgenden nur einige wenige erste Eindrücke mittel der rückseitigen Beschriftungen von zwei Pressefotos Ludendorffs, wie sie immer einmal wieder auf Ebay zum Verkauf angeboten werden. Auf einem britischen Pressefoto (Abb. 2), dessen Erläuterungstext auf der Rückseite (Abb. 3) offenbar schon am 25. März 1935 verfasst wurde, heißt es (eig. Übersetz.):

General Ludendorffs siebzigster Geburtstag könnte ihn als mächtigen deutschen Armeechef an den Tag bringen
Ein Porträt von General Ludendorff, das im Zusammenhang mit seinem siebzigsten Geburtstag am 9. April angefertigt wurde. General Ludendorff war einer von Deutschlands bedeutendsten Soldaten im Weltkrieg aber er hat für Jahre in Vergessenheit gelebt, besonders seit dem Machtantritt des Naziregimes. Nun wird es allerdings so verstanden, als ob er seinen Gegensatz mit Hitler ausgesöhnt hätte und mit der Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht besteht große Wahrscheinlichkeit, dass er in den Generalstab zurückkehren wird. 25. März 1935
Abb. 3: Pressefoto, 25.3.1935 (Rückseite)

Woher wohl solche Erwartungen kamen? Ludendorff selbst kann zu solchen doch keinen Anlass gegeben haben? Wurden solche Erwartungen bewusst "lanciert"? Etwa von der deutschen Wehrmacht-Führung, um Ludendorff in diese Richtung zu drängen?

Ein weiteres internationales Pressefoto von Erich Ludendorff war das in Abbildung 1 gebrachte. Es war auf der Rückseite (s. Abb. 3a) wie folgt beschriftet (eig. Übersetz.):

Internationales Nachrichten-Foto. Ludendorff im 70. Lebensjahr. Einstmals als ein Nazi-Verräter bezeichnet, nun gefeiert.
Berlin, Deutschland. Ein Foto von Erich Ludendorff, das vor wenigen Tagen aufgenommen worden ist, der heute, am 9. April, seinen 70. Geburtstag feiert. Einstmals von den Nazis als "Verräter" bezeichnet, weil er seine Ernennung als Kriegsminister durch Adolf Hitler zurückwies, wird Ludendorff, Deutschlands Kriegsheld, heute vom ganzen Land gefeiert. Dem Vorabend seines Geburtstages gab er eine besondere Note durch die Zurückweisung des Angebotes der Regierung zur Beförderung vom Generalquartiermeister zum Generalfeldmarschall.
Abb. 3a: Rückseite von Abb. 1

Die hier erwähnte Zurückweisung seiner Ernennung zum Kriegsminister durch Adolf Hitler ist eine Presseente. Doch auch hier fragt sich, wie sie entstehen konnte. Zumindest zeigt auch sie, was in den Köpfen damals alles herumspukte aus diesem Anlass. Vielleicht auch in manchen nationalsozialistischen Kreisen und in Hitlers Kopf selbst, wie sich noch in Goebbels Tagebüchern anlässlich des Todes von Erich Ludendorff im Dezember 1937 andeutet. Aber auch sonst ist dies natürlich ein aufschlussreicher Text.

Schon am Vorabend brachte dann etwa eine Münchner Zeitung (Abb. 4a) schon auf der Titelseite groß die Ankündigung der Ereignisse des nächsten Tages: "Die Wehrmacht am 70. Geburtstag des großen Heerführers".

Abb. 4a: Zeitungsmeldung am Vorabend
April 1937: "Einstmals der militärische Genius der Mittelmächte, nun der Vertreter des Heidentums und der Erzfeind des römischen Katholizismus"

In dem britischen Wochenmagazin "The Sphere" (erschienen von 1900 bis 1964) (Wiki) erschien übrigens zwei Jahre später, 1937, nachdem man sich mit dem zuvor in der internationalen Presse "vergessenen" Erich Ludendorff inzwischen vielleicht ein wenig mehr befasst hatte, ein Artikel mit der Überschrift "Ludendorff ist wieder da" (s. Abb. 5a):


Abb. 5a: Artikel im britischen Wochenmagazin "The Sphere" (1937)

Und der Untertitel redete nicht lang um den heißen Brei herum: "Einstmals der militärische Genius der Mittelmächte, nun der Vertreter des Heidentums und der Erzfeind des römischen Katholizismus". Auch der Inhalt dieses Aufsatzes wäre sicherlich von Interesse für eine allgemeinere Beruteilung der damaligen in Deutschland und international vorherrschenden Sichtweisen auf Ludendorff.

Abb. 4: Aus Blombergs privatem Fotoalbum: Ludendorff empfängt Brigadeführer der SA, 9.4.1935 

Dass Ludendorff 1935 die Ernennung zum Generalfeldmarschall durch Adolf Hitler ausgeschlagen hat, war keine Presseente. Dieser Umstand wird ja immer einmal wieder auch sonst in der Literatur erwähnt. Denn das war etwas Ungewöhnliches in damaligen Zeiten. Und dass Ludendorff bis weit über das Jahr 1933 hinaus in scharfer, öffentlicher Gegnerschaft zum Nationalsozialismus gestanden ist, war ebenso keine Presseente.

Abb. 5: Ludendorff empfängt Brigadeführer der SA, 9.4.1935 (Postkarte)

In erster, ganz vorläufiger Weise lässt sich die These aufzustellen, daß es sich bei Erich Ludendorff um eine "innervölkische Opposition gegen Hitler" gehandelt hat, gegen das durch Hitler repräsentierte "Hijacking" der völkischen Bewegung, und damit gegen wesentliche Teile der NSDAP und der Gestapo, gegen die dort vorherrschende Mord- und Kriegsmoral, natürlich auch gegen die okkulten und männerbündlerischen Hintergründe der NS-Bewegung und des Dritten Reiches. Um eine Opposition, von der führende Angehörige der ganz traditionell-christlichen Wehrmacht-Opposition glaubten, sie könnten sie vor ihren eigenen Karren spannen, bzw. sie könnten sich hinter Ludendorffs breitem Rücken verstecken und ihm die Verantwortung überlassen, die sie selbst schon dadurch übernommen hatten, dass sie Hitler überhaupt zum Reichskanzler hatten ernennen lassen und dass sie den Röhm-Morden seelenruhig zugesehen hatten.

Abb. 6: Ludendorff und Blomberg, 9.4.1935

Klar ist, daß Ludendorffs "Tannenbergbund" und die NSDAP sich seit etwa 1928 in scharfer Ablehnung gegenübergestanden und einander zum Teil scharf bekämpft hatten. Schon in seiner warnenden Schrift "Weltkrieg droht auf deutschem Boden" aus dem Jahr 1930, die in viele Weltsprachen übersetzt und in hohen Auflagen verbreitet worden war, hatte Erich Ludendorff der NSDAP und ihrer "hirnverbrannten Außenpolitik" ebenso wie der rechtskonservativen Frontkämpfervereinigung "Stahlhelm" ein gefährliches Spielen mit dem Gedanken unterstellt, durch die deutsche Beteilung an einem europäischen Krieg etwas Gutes für Deutschland bewirken zu können. Viele europäische Militärmächte erwarteten tatsächlich für das Jahr 1932 einen neuen Krieg - wovon auch schon Ludendorff 1930 ausging, und den er durch seine Veröffentlichungen zu "zerreden" versuchte. Dass 1932 kein Weltkrieg ausbrach, rechneten Erich Ludendorff und viele seiner Anhänger dem fanatisch geführten Aufklärungskampf gegen diesen Krieg durch den Tannenbergbund in jener Zeit zu.

Ludendorff hatte in jener Schrift sehr entschieden die Meinung geäußert, dass Deutschland in einem solchen Krieg nur Schlachtfeld würde. Er beschrieb die Folgen eines solchen Krieges schon 1930 in ziemlich deutlicher Weise so, wie sie sich dann auch 1945 für Deutschland einstellen sollten: Ostdeutschland und Osteuropa von der Ostsee bis zur Adria überrannt von der Roten Armee. In Westdeutschland westalliierte Truppen stehend, die Städte durch Bombenflugzeuge zerstört, die Menschen hungernd und aus ihrer Heimat vertrieben.

Abb. 7: Abschreiten der Ehrenkompanie - v. Fritsch, Ludendorff, v. Blomberg (dahinter wohl Karl Eberth und Wilhelm Adam, s.u.) Tutzing, 9.4.1935

Hingegen wusste Adolf Hitler noch 1944 einen innerparteilichen Ludendorff-Gegner, bzw. -Hetzer großzügig zu belohnen (Stgr2011), weil ihm auch noch 1944 deutlich bewusst gewesen sein muss, wie wesentlich der Kampf der NSDAP gegen den Tannenbergbund um 1930 herum für seinen eigenen politischen Erfolg gewesen ist.

Abb. 8:  Abschreiten der Ehrenkompagnie - Ludendorff, v. Blomberg, v. Fritsch - Tutzing, 9.4.1935 (Postkarte)

Am 2. August 1934 war nun der Reichspräsident Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, der Adolf Hitler am 30. Januar 1933 - für viele so überraschend - zum Reichskanzler ernannt hatte, gestorben. In der Wehrmachtspitze ebenso wie innerhalb der NSDAP erinnerten sich nun viele Erich Ludendorffs. Als den bedeutendsten lebenden Repräsentanten des "alten Heeres", ja, als "Mitkämpfer vom 9. November 1923" suchte man ihn für den neuen Staat zu gewinnen. In der Wehrmachtführung suchte man ihn als Gegengewicht gegen die Alleinherrschaft Hitlers und seiner Kriegspläne zu gewinnen. Hitler hat ebenfalls versucht, Ludendorff (neben Rosenberg) als Gegengewicht gegen die starken Einflüsse des Vatikans auf die deutsche Politik in Stellung zu bringen. Darin war er allerdings außerordentlich schwankend. Ludendorffs Gegnerschaft gegen die imperialistischen Bestrebungen der NSDAP waren ebenso bekannt wie seine Gegnerschaft gegen die katholische Kirche.

Abb. 9: Fliegerstaffel zur Ehrung Ludendorffs an dessen 70. Geburtstag, 9.4.1934, Tutzing (Postkarte)

Ludendorff ließ sich aber weder "vor den Karren" der NSDAP, noch "vor den Karren" der Wehrmacht spannen. Auffallenderweise fand dann kurz nach seinem Tod im Dezember 1937 die Blomberg-Fritsch-Krise statt und das Ersetzen der kriegsunwilligen Generäle und des kriegsunwilligen Außenministers durch Hitler willfährigerere Personen.

Abb. 10: Die Generäle von Fritsch, von Blomberg und Erich Ludendorff

Übrigens ein Geschehen, das der astrologiegläubige Geopolitiker Karl Haushofer damals im deutschen Rundfunk rundum positiv bewertete als ein "Sturmfest-Machen" des deutschen Staatsschiffes angesichts der schweren Krisen, die Haushofer für die nächsten Monate und Jahre zuversichtlich erwartete ... 

Abb. 11: Die Generäle von Fritsch, von Blomberg und Erich Ludendorff, rechts hinter Ludendorff Adjutant von Treuenfeld

(In seinen öffentlichen Rundfunk-Kommentaren betätigte sich Haushofer als ein Kriegshetzer, wie man es von Hitler selbst in jenen Jahren öffentlich so gut wie nie hörte.)

Abb. 12: Die Kapelle spielt

Zurück ins Jahr 1935: Die Versuche von Partei und Wehrmacht, Ludendorff vor ihren Karren zu spannen, begannen im Wesentlichen im Umfeld des 70. Geburtstages von Erich Ludendorff am 9. April 1935 (Abb. 4 - 20). 

Die Feier des 70. Geburtstages Erich Ludendorffs

Noch am Vorabend hatte Hitler - zur Überraschung für viele - für ganz Deutschland die Beflaggung aller Staatsgebäude angeordnet.

Auch beispielsweise der Oberbürgermeister der Stadt München beeilte sich, Erich Ludendorff zum Geburtstag zu gratulieren (wofür sich Ludendorff brieflich am 10. April bedankte).

Abb. 13: Mathilde Ludendorff, Blomberg, Fritsch und Erich Ludendorff auf der Gartenterrasse Ludendorffs in Tutzing kurz vor den Ansprachen Blombergs und Ludendorffs, 9.4.1935 (Weitze.net)
Die Wehrmachtführung unter dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generaloberst Werner von Blomberg, besuchte Ludendorff in seinem Haus in Tutzing und überbrachte die Glückwünsche des "Führers und Reichskanzlers". Die Wochenschau brachte Filmaufnahmen von dieser Geburtstagsfeier und einen kurzen Ausschnitt aus Ludendorffs Ansprache (Criticalpast). Bei dieser Aufnahme fällt auf, dass Erich Ludendorff nach seiner Rede keineswegs mit Hitler-Gruß "Sieg Heil!" ruft, wie es die Menge zuvor zum Teil getan hatte, sondern dass er drei mal den Arm schwenkt mit seitlich geöffneter Hand und dabei nur "Heil!" ruft. Interessanterweise folgte ihm die Menge dabei sehr einheitlich. Außerdem konnte man schon zuvor während der "Sieg Heil!"-Rufe der großen Menge in der Nähe der Filmkamera jemanden sehr deutlich "Heiho, Heiho!" rufen hören.

Abb. 14: Mathilde Ludendorff, Bronsart von Schellendorf, Werner von Blomberg, von Fritsch und Erich Ludendorff auf der Gartenterrasse in Tutzing (Weitze.net) 
Ob und in welcher Weise diese "Heiho"-Rufe eine Form der "Nonkonformität", ein unterschwelliger Protest gegen das Massenverhalten der damaligen Zeit darstellte, müsste noch einmal gesondert untersucht werden. Erich Ludendorff schreibt in seinen Lebenserinnerungen zu einer Vortragsveranstaltung am 4. Dezember 1932 in der "Neuen Welt" in Berlin zum Beispiel (1951, S. 375):
Wir hatten schon längst den Wunsch ausgesprochen, nicht mit Heilrufen oder sonstigen Rufen, wie Heil Ludendorff, begrüßt zu werden. Lieber sollte ein alter Armeemarsch bei unserem Eintreffen gespielt werden. Ich bevorzugte den Hohenfriedberger, jenen Marsch, den ich bei Eintreffen der ersten Truppen des XI. Armeekorps aus dem Westen nach der seelischen Anspannung der Schlacht von Tannenberg in tiefer Bewegung gehört hatte. Wir wünschten auch nicht Beifall während des Vortrages oder am Schluß.
"Heiho!" war im übrigen der Titel einer der Ludendorff-Bewegung nahe stehenden Jugendzeitschrift, die von einem vormaligen Angehörigen der Jugendbewegung, von Fritz Hugo Hoffmann, herausgegeben wurde (ZVAB). (Der langjährige Ludendorff-Anhänger Fritz Hugo Hoffmann ist 1939 sehr überraschend in das okkulte Lager gewechselt und hat Vorträge am Sanatorium des einflussreichen Okkultisten und Buddhisten Karl Stunckmann  [Pseudonym "Kurt van Emsen"] gehalten. Über sein etwaiges Nachkriegsschicksal ist einstweilen nichts bekannt.)

Abb. 15: Ludendorffs spricht - die Filmaufnahme dazu auf: "Criticalpast"
Mit "Heiho!" fing damals auch ein unter Neuheiden und Ludendorff-Anhängern populäres antichristliches, antipäpstliches Lied an: "Heiho, die Heidenfahnen weh'n, sie grüßen unsere Schar ...". Es enthält unter anderem die Strophe: "St. Peters Felsen wanket schon, bestürmt ihn, bis er bricht / wenn fällt der letzte Priesterthron, dann wird's in Deutschland licht." Zeitweise waren auch diese Worte als gegen den Nationalsozialismus gerichtet empfunden worden, der mit dem Reichskonkordat und anderem von Kirchenkritikern bis 1935 als "romhörig" empfunden worden ist.

Abb. 16: Mathilde und Erich Ludendorff auf ihrer Gartenterrasse, 9.4.1935 (Weitze.net) 
Noch im Jahr 1966 wird eine Werbeanzeige für Ferienaufenthalte auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein (in der Zeitschrift "Mensch & Maß", 9.4.1966) geschlossen mit den Worten: "Mit unserem vertrauten Gruß Heiho!" Woraus wohl auf eine allgemeinere Verbreitung dieser Grußform unter Ludendorff-Anhängern geschlossen werden kann.

Abb. 17: Mathilde und Erich Ludendorff auf ihrer Gartenterrasse, 9.4.1935 (Postkarte)
Ludendorff selbst hatte in den Vorgesprächen zu diesem Besuch klar gemacht, dass ihm ein Besuch Hitlers selbst unerwünscht sei. Ebenso wollte er sich von Hitler nicht zum Generalfeldmarschall ernennen lassen.

Abb.: Ehepaar Ludendorff auf der Terrasse ihres Hauses in Tutzing, 9. April 1935 (Herkunft: Ebay, Oktober 2014)
Ein privates Fotoalbum von Werner von Blomberg

Vor einiger Zeit ist ein privates Fotoalbum des Generalobersten Werner von Blomberg versteigert worden (bei Ebay). In ihm finden sich neben Manöverfotos und Fotos von zahlreichen gesellschaftlichen Anlässen,  Besprechungen und Dienstfahrten auf einer Seite auch zwei Fotos mit der handschriftlichen Erläuterung: "Ludendorffs 70. Geburtstag in Tutzing".  (Leider waren die Fotos bei Ebay nur in schlechter Qualität eingestellt worden, siehe Abb. 4 und 18.)

Abb. 18: Aus Blombergs privatem Fotoalbum: Blomberg und Fritsch bei Ludendorff in Tutzing, 9.4.1935
Oben auf der genannten Album-Seite befand sich zunächst das hier als Abbildung 4 wiedergegebene Foto. In einem sehr ausführlichen und reich bebilderten Bericht dieses Tages - wohl aus der Feder von Mathilde Ludendorff (2) - ist ein diesem sehr ähnliches Foto veröffentlicht worden. Es entstand während eines Besuches, der schon sehr früh am Morgen des 9.4.1935 stattfand, noch bevor die Wehrmacht-Generalität eintraf (2, S. 57):
... Danach meldeten sich, geführt von Herrn Lohbeck, Brigadeführer der S.A., die gerade in München zu einem Kursus versammelt waren und zuvor um den Empfang gebeten hatten. Der Feldherr sprach mit ihnen in eindringlichen Worten über die Notwendigkeit der seelischen Geschlossenheit des Volkes ...
Warum gerade auch dieses Foto, das noch vor der Ankunft von Blomberg's und von Fritsch's bei Ludendorff an diesem Tag entstanden ist, von so vielen anderen möglichen seinen Weg in das Album von Blomberg gefunden hat, darüber kann derzeit nur spekuliert werden. Ludendorff hatte sich geweigert, an diesem Tag Hitler zu empfangen. Vielleicht wurde das Zugeständnis Ludendorffs, dennoch diese Partei-, bzw. SA-Führer zu empfangen, von Blomberg als Zeichen grundsätzlicher Gesprächsbereitschaft auch mit Kräften der NSDAP empfunden?

Oder war es umgekehrt ein weiteres Signal des Mitgefühls mit den Ermordeten des 30. Juni 1934, zu denen zahlreiche enge frühere Mitkämpfer Ludendorffs gehörten (z.B. Röhm selbst, ebenso Gregor Strasser), und wie er es schon unmittelbar danach durch einen Privatbesuch bei der Witwe von Gregor Strasser zum Ausdruck gebracht hatte?

Abb. 19: Ludendorff begrüßt Anhänger
Links steht der "SA-Oberführer" Hermann Lohbeck, ein vielfach ausgezeichneter Offizier des Ersten Weltkrieges. Er stammte aus Düsseldorf (1892-1945, gest. in Frankfurt/Oder) und war 1933 Führer der dortigen SA-Brigade 75. Als solcher hatte er 1934, also nur ein Jahr vor diesem Besuch, offenbar in Opposition zum dortigen Gauleiter Karl Florian gestanden und auch schwere Auseinandersetzungen, zum Teil gewalttätiger Art sowohl mit anderen SA-Führern und -Kameraden, als auch mit diesem Gauleiter gehabt. Wobei auch Trunkenheit eine Rolle gespielt haben und auch eine Reitpeitsche benutzt worden sein soll (3, 4). Auf den ersten Blick drängt sich auf: Typischstes SA-Rabaukentum. Davon muss freilich Ludendorff, was diesen Einzelfall betrifft, nichts gewusst haben. 1935 ist Lohbeck deshalb ja auch rehabilitiert worden. Auch scheint es Berichte von Misshandlungen Gefangener durch Lohbeck zu geben (3). Durch derartige biographischen Angaben stellt sich die Frage natürlich noch einmal verschärft, warum Ludendorff an seinem Geburtstag, ein Dreivierteljahr nach den Röhmputsch-Morden, ausgerechnet SA-Führer empfing und warum von Blomberg ausgerechnet ein Foto davon in sein privates Album klebte.


Abb. 20: Ludendorff begrüßt Anhänger
Vielleicht deutet sich eine Antwort auf diese Frage an in Geschehnissen zwei Jahre später, im Sommer 1937, als Adolf Hitler und andere in seinem Umfeld im Zusammenhang mit der sogenannten "Landesverrats-Affäre" Mordpläne gegen Erich Ludendorff hegten (Stud. Nat. 01/2013). Da erhielt Erich Ludendorff eine sehr konkrete Warnung über diese Mordpläne Anfang Juli 1937, stammend von einem namentlich nicht genannten Sturmbannführer der SA, der von einem namentlich nicht genannten Brigadeführer der SA über jene Äußerungen gehört hatte, die Adolf Hitler am 5. Juni 1937 in einer Ansprache vor einer Gauleiter-Versammlung gemacht hatte. Und am 13. Juli 1937 erhielt Erich Ludendorff einen:
Brief aus Berlin, Feldherr möchte sich durch Leute der SA schützen lassen.

Aufsatz in zwei Teilen --> hier folgt: Teil 2


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  1. Müller, Klaus-Jürgen: Generaloberst Ludwig Beck. Eine Biographie. Hrsg. mit Unterstützung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Potsdam. Ferdinand Schöningh, Paderborn u.a. 2008, 2. durchgesehene Auflage 2009
  2. o. N. (wohl Mathilde Ludendorff): Des Feldherrn 70. Geburttag. Der Verlauf der Feier. In: Quell, 6. Jg. Folge 2, 20.4.1935, S. 52 - 74 (Scribd)
  3. Katta, Peter: SA Düsseldorf (Brigade 75). Auf: AxisHistory-Forum, 11.4.2007
  4. Wallraff, Horst: Friedrich Karl Florian (1894-1975), Gauleiter der NSDAP. Auf: Rheinische-Geschichte [8.1.12]
  5. historicimages-store: 1935 Press Photo Picture Erich Ludendorff April Day Few. Ebay-Angebot für 8 US-Dollar, Ablauf am 15. August 2012
  6. Tuohy, Ferdinand: Ludendorff Re-Emerges. In: The Sphere (UK weekly news magazine). A 1937 issue. Ebay-Angebot für 8,99 britische Pfund von "devonian35", [18. Juli 2012]
  7. Nebelin, Manfred; Blasius, Rainer A.: Stratege in eigener Sache. In: FAZ, 20.12.2012
  8. Müller, Klaus-Jürgen: General Ludwig Beck. Studien und Dokumente zur politisch-militäri­schen Vorstellungswelt und Tätigkeit des Generalstabschefs des deutschen Heeres 1933- 1938, Boppard a. Rhein 1980 (= Schriften des Bundesarchivs Bd. 30) 
  9. Brief von Erich Ludendorff an Oberbürgermeister Karl Fiehler . In: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia  Signatur: Ludendorff, Erich A III/2 (Kalliope)

Mittwoch, 13. Juni 2012

"Priesterliche Weltherrscher - ein Warnruf an alle freiheitliebenden Völker"

Der deutschamerikanische Humanist und Schriftsteller Rudolf Cronau warnt vor Welttheokratien

Im Jahr 1930 ist Mathilde Ludendorff in München angeklagt worden "wegen Religionsvergehens", weil sie eine positive Besprechung eines aufrüttelnden Buches veröffentlicht hatte. Der Titel des Buches lautete: "Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche oder: Schamanen, Wundertäter und Gottmenschen als Beherrscher der Welt. Ein Warnruf an alle freiheitliebenden Völker" (22). Erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg erhielt Mathilde Luendorff eine Mitteilung darüber, welche Person sich eigentlich hinter dem Pseudonym des Autors dieses Buches, nämlich hinter "Randolph Charles Darwin" verborgen hatte.

Abb. 1: Angeklagt wegen Religionsvergehens - Schrift von Mathilde Ludendorff aus dem Jahr 1930

Indem man von diesem Namen weiß, läßt sich das von ihr besprochene, Buch heute noch besser einordnen von der Motivlage des Verfassers her, wenn man nämlich einiges über das sonstige Leben und Wirken dieses nicht unbedeutenden Humanisten, Kirchen- und Priesterkritikers weiß.

Abb. 2: R. Cronau
Es handelt sich um den deutschamerikanischen Schriftsteller Rudolf Cronau (1855-1939) (Wiki). Er stammte aus Solingen, war aber schon früh nach den USA ausgewandert, und konnte schon zum Zeitpunkt der Herausgabe seines genannten Buches auf ein sehr reichhaltiges Abenteuer-, Reise- und Schriftsteller-Leben zurückblicken (vgl. 1, 2- 24). Unter anderem gilt er als einer der bedeutendsten Indianer- und Westernmaler. Wichtiger aber noch ist ist, daß er im Jahr 1919 eine Geschichte der Frauenemanzipation geschrieben hat (16). 

Heute befindet sich sein Nachlaß im Stadtarchiv von Solingen (1). Über ihn ist inzwischen auch allerhand Literatur erschienen (Auswahl: 24-29).

Seine Lebenserinnerungen hat unter den Titel gestellt "Auf des Lebens Wellen und Wogen - Fahrten, Kämpfe, Abenteuer und Leistungen eines stets wanderfrohen Überseedeutschen" (24). Er ist ein Freund von Carl Schurz gewesen und hat sich mit diesem in den USA für die dortigen Deutschen eingesetzt.

Ein Brief an Mathilde Ludendorff von 1953

Da aber der Zusammenhang des Pseudonyms "Randolph Charles Darwin" mit der Person dieses vielseitigen Rudolf Cronau noch heute in Internet und Öffentlichkeit wenig genannt wird - sowohl im Zusammenhang mit dem Buch "Entwicklung des Priestertums", als auch im Zusammenhang mit der Person Rudolf Cronau - wird es sicherlich Sinn machen, einmal den Brief zu zitieren, durch den Mathilde Ludendorff über die Person des Verfassers dieses gründlich und umfassend erarbeiteten priesterkritischen Buches aufgeklärt worden ist.

Abb. 3: Rudolf Cronau
Über den Absender des folgenden Briefes, Hanns Fischer, kann derzeit dabei leider nicht mehr mitgeteilt werden, als das, was aus dem Brief selbst hervorgeht:

Hanns Fischer
Chicago, Illinois, 9. November 1953
Liebe Frau Ludendorff!
Deutschland ist wieder einmal ein ganz entrechtetes Land und Volk. ... Ihre lieben Zeilen, wenngleich betrübend, bekräftigen leider meine Aussagen. ... Wenn ich erst einmal im Besitze aller Ihrer Schöpfungen bin, werde ich versuchen, gründlich darüber zu deuten, in Englisch aber. ...
„Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche“ von R. Ch. Darwin wurde öfters im "Quell" erwähnt. Hinter diesem Decknamen verbirgt sich Rudolf Cronau, ein Amerikaner deutscher Herkunft, der als Historiker und Forscher viele bedeutende Werke schuf. Er schrieb u. a. auch „Woman Triumphant“, das 1919 in New York erschien. Will versuchen, für Sie ein Buch aufzufinden. Ich war mit Cronau befreundet, weiß also viel von ihm und durch ihn. Er schrieb deutsch und englisch gleich meisterhaft, und hat nach dem ersten Weltkrieg viel, viel Leid in Deutschland gelindert. Daß selbst die sogenannten Deutschamerikaner ihn nicht kennen oder verschweigen, ist eben bezeichnend!
Mut und Vertrauen, liebe Frau Ludendorff, und nehmen Sie mir meine offenen Worte nicht übel. Recht herzlich, Ihr Hanns Fischer

Unter anderem zwei Jahre später, in ihrem Aufsatz "Die Hochflut des Okkultismus" vom 23.10.1955 (26), erinnert Mathilde Ludendorff einleitend auch noch einmal erneut an das Buch von Rudolf Cronau und ihre eigenen Erfahrungen mit ihm:

In einem sehr verdienstvollen Werke hatte vor einigen Jahrzehnten ein amerikanischer Forscher, der sich den Schriftstellernamen Charles Darwin beilegte, die "Entwicklung der Priesterreiche" eingehend geschildert. Er hatte aus unantastbaren Quellen all den Trug nachgewiesen, der in fernsten und fernen Jahrtausenden bis zur Gegenwart hin mit dem Glauben an Gott oder Götter, mit der Glückssehnsucht und Leidangst, vor allem Dingen mit der Todesangst getrieben wurde. So sehr sahen sich auch die Priester des 20. Jahrhunderts von den Tatsachen seiner Forschung noch enthüllt und tief getroffen, daß meine Besprechung dieses verdienstvollen Werkes in unserer Zeitschrift mir vor dreieinhalb Jahrzehnten eine Anklage wegen "Gotteslästerung" mit Hilfe des berühmten § 166 eintrug. Sofort nach dieser Anklage schrieb ich die heute leider vergriffene Schrift "Angeklagt wegen Religionsvergehen", die schon nach acht Tagen zu 100 000en ins Volk gegangen war. Sie hat damals unserem Aufklärungskampf so sehr geholfen, daß ich mich verpflichtet fühlte, in dem Schlußabschnitt dieser Schrift dem bei der Vorvernehmung von mir entdeckten Kläger, nämlich dem erzbischöflichen Ordinariat in München, meinen ausführlichen, herzlichen Dank auszusprechen.
Jenes Buch des Forschers Charles Darwin war eine sehr gründliche Aufklärung, die auch noch heute sehr zeitgemäß ist, denn die Todesnot des Gottesbewußtseins auf diesem Sterne ist wahrlich noch nicht überwunden! (...) Die umfassende Kenntnis der Naturgesetze hat den Völkern die Scheu vor den Naturgewalten genommen und läßt die Jugend nur allzu leicht an die Stelle dieser Scheu den Zynismus setzen, der sie so trefflich für eine Verleitung zur materialistischen Gottleugnung geeignet macht. Den wichtigsten Dienst leisten hierzu gerade - wenn auch völlig ungewollt - die Religionen. (...) Die so tief vom Gotterleben der Seele hinabgestürzten Priesterreiche behielten die urältesten Wege der Tröstungen und Hilfen nicht nur bei, sondern ließen den Okkultismus geradezu verhängnisvoll aufblühen. ...

Abb. 4: R. Cronau
Im weiteren führt sie aus, daß anstelle der christlichen Religion nicht nur materialistischer Zynismus aufblüht, sondern auch Okkultismus, der bis hin zum Satanismus einer solchen Okkultloge wie der "Fraternitas Saturnis" führt. Die "freiheitsliebenden Völker" haben wohl heute immer noch allen Grund, solchen Gefahren gegenüber auf "Warnrufe" wie jene des Rudolf Cronau zu hören.

In der Zeitschrift der Ludendorff-Bewegung "Der Quell" vom 9. Februar 1961 setzte Edmund Reinhard, der damalige zweite Vorsitzende des "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)", die Todesanzeige für einen "Dr. med. Hanns Fischer", Facharzt in Eßlingen/N.. Womöglich handelte es sich bei ihm um den obigen Briefschreiber. 

Nachbermerkung (10.3.23): Der Wikipedia-Artikel über Rudolf Cronau ist heute viel ausführlicher als vor zehn Jahren. Außerdem gibt es auch inhaltsreiche Artikel über ihn auf "Wikitree" (Wiki-Tree), auf dem sich Familienbilder finden, ebenso auf Wiki Commons und Wiki Source.

So daß man inzwischen einen noch deutlich besseren Überblick und Einblick in sein Leben und Wirken erhält. 

Sein Buch "Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche" ist auf Wikipedia immer noch nicht verzeichnet. 

Cronau war schon 74 Jahre alt, als er dieses Buch im Jahr 1929 heraus gebracht hat. Es wäre auch noch einmal der Frage nachzugehen, wie es dazu kam, daß dieses Buch ausgerechnet im Theodor Weicher-Verlag in Leipzig erschien, in dem ja auch die ersten Bücher von Mathilde Ludendorff erschienen sind. 

Der vorliegende Blogartikel verdient also eine gründliche Überarbeitung und Erweiterung. Cronau hat Jahre lang für die "Gartenlaube" in Leipzig gearbeitet. Er war befreundet mit Sitting Bull. Er war zwei mal verheiratet und hatte drei Kinder, die inzwischen alle drei schon verstorben sind.

____________
  1. Poensgen, Aline: Bestand Rudolf Cronau 1881-1939 - Findbuch. Stadtarchiv Solingen 1996 (pdf)
  2. Geschichte der Solinger Klingenindustrie, Stuttgart 1885, VII, 52 S. 2 Taf. (FA 94)
  3. Von Wunderland zu Wunderland. Landschafts- und Lebensbilder aus den Staaten und Territorien der Union von R.C. Mit Erläuterungen in Poesie und Prosa von Friedr. Bodenstedt, H.W. Longfellow u.a. (24 Lieferungen mit je 2 großen Bildern nebst 2 Blatt Text, Leipzig, 1886 (FA 197)
  4. Unter dem Sternbanner. Land und Volk der Vereinigten Staaten von Nordamerika in Wort und Bild geschildert von R.C. in Verbindung mit hervorragenden deutschen und amerikan. Schriftstellern. Fünfzig Lichtdruckbilder mit erläuterndem Text in Poesie und Prosa, Leipzig
  5. Fahrten im Lande der Sioux, Leipzig 1886
  6. Das Buch der Reklame. Geschichte, Wesen und Praxis der Reklame; Ulm 1887, 92, 80, 94, 128, 92 S. (MA 3077)
  7. Absonderliche Fahrten. Episoden aus einem Wanderleben, 1887
  8. Im wilden Westen. Eine Künstlerfahrt durch die Prairien und Felsengebirge der Union, Braunschweig 1890 VI. 383 S. (MA 317)
  9. Amerika. Die Geschichte seiner Entdeckung von der ältesten bis auf die neueste Zeit. Eine Festschrift zur 400j. Jubelfeier der Entdeckung Amerikas durch Chr. Columbus, 2 Bde, Leipzig 1892
  10. Illustrative Wolkenformen, 1897
  11. Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika. Eine Geschichte der Deutschen in den Vereinigten Staaten. Berlin 1. Aufl. 1909, 2. Aufl. 1924, 696 S.(GA 166) SEVERUS Verlag, (656 Seiten) (GB) (Gutenberg)
  12. England, ein Zerstörer der Völker, Chicago 1914, 19 S. (Na 47- 19)
  13. Do we need a third War for Independence, New York, 1914 (Na 47- 19)
  14. The British Blackbook, New York 1915, 121 S. (MA 42)
  15. German Achievements in America, 1916
  16. Woman triumphant. The Story of Her Struggles for Freedom, Education ans Political Rights, New York 1919, 300 S.
  17. The Discovery of America and the Landfall of Columbus, New Yorf 1921, 53 S. (MA 41)
  18. The Army of the American Revolution and its Organizer, New York, 1923, 150 S. (MA 173)
  19. The last Resting Place of Columbus. A Monograph Based on Personal Investigations, New York 1926 31 S. (Na 47-19)
  20. Prohibition and Destruction of the American Brewing Industry, New York 1926, 31 S. (KA 152)
  21. Die Deutschen als Gründer von New Amsterdam-New York und als Urheber und Träger der amerikanischen Freiheitsbestrebungen. Eine Denkschrift zur Erinnerung an den vor 300 J. erfolgten Erwerb der Insel Manhattan durch Peter Minuit u. an d. 150j. Feier des amerik. Unabhängigkeitskriegs, New York 1926, 70 S. (MA 55)
  22. Darwin, Randolph Charles (Pseudonym): Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche oder: Schamanen, Wundertäter und Gottmenschen als Beherrscher der Welt. Ein Warnruf an alle freiheitliebenden Völker. Theodor Weicher Verlag, Leipzig 1929; (Buchfreund); Nachdrucke: Verlag für ganzheitliche Forschung, Wobbenbüll, Husum 1979 (GB); Historia Verlag 2002; Historia Verlag, Ulm 2007; Dogma 2013
  23. Denkschrift zum 150. Jahrestag der Deutschen Gesellschaft der Stadt New York 1784-1934, USA 1934, 97 S. (KA 250)
  24. Auf des Lebens Wellen und Wogen. Fahrten, Kämpfe, Abenteuer und Leistungen eines stets wanderfrohen Überseedeutschen, New York 1939, 185 S. (masch.) (GA 306)
  25. Heinz Rosenthal: Leben und Werk eines Deutschamerikaners, Solingen 1954 (masch.) (GF 184)
  26. Ludendorff, Mathilde:  Die Hochflut des Okkultismus. In: Der Quell, Folge 20, 23.10.1955, S. 913-919
  27. R. Keller/Hans Lohausen: Rudolf Cronau. Journalist und Künstler, Solingen 1989
  28. Gerold Wunderlich: R. Cronau. Topographical Views of America [Ausstellungskatalog] New York 1993, 33 S. zahlr. Abb. (Kopie GA 3122)
  29. Jeanette Baden: Das Amerikabild Rudolf Cronaus, Magisterarbeit Bonn 1994. Weiteres s. hier u. im Katalog des Stadtarchivs Solingen (GA 3130)
  30. Ludendorff, Mathilde: Angeklagt wegen Religionsvergehens. Ludendorffs Volkswarte Verlag, München 1930 (51.-100. Tsd.); erneut: Archiv-Edition, Viöl, 2007 
  31. Hackländer, Sabine: Rudolf Cronau. 2012 (Yumpu)

Sonntag, 10. Juni 2012

Nur bruchstückhaft bekannt - Aufsätze Mathilde Ludendorffs vor 1927

Zur unerforschten Bibliographie der Zeitschriften-Aufsätze Mathilde Ludendorffs vor 1927

Neben der Veröffentlichung der umfangreicheren Schriften und Bücher (auch ihrer Dissertation) hat Mathilde Ludendorff, damalige von Kemnitz, schon sehr früh auch Aufsätze wissenschaftlichen, kulturellen, politischen und moralisch-aufrüttelnden Inhalts für verschiedene in- und ausländische Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbände verfaßt. (Für ausländische nicht zuletzt auch deshalb - wie sie in ihren Lebenserinnerungen berichtet - weil sie dadurch in der Inflationszeit als alleinerziehende Mutter dreier Kinder Honorarzahlungen in stabiler ausländischer Währung erhielt, die ihr Einkommen aus ihrer Nervenarzt-Praxis ergänzten.)

Es ist noch niemals der Versuch gemacht worden, etwa alle diese verstreuten Aufsätze und Artikel in einem Band zusammenzustellen und zu dokumentieren. Allerdings ist schon im Jahr 1937 der Versuch unternommen worden, diese Aufsätze zumindest bibliographisch zu erfassen (1). Sicherlich vor allem von Mathilde Ludendorff selbst. Soweit sie damals Angaben machen konnte, sollten Aufsatzmanuskripte oder Belegexemplare auch noch heute in dem von ihr selbst testamentarisch vorgesehenen "Ludendorff-Archiv" in Tutzing vorhanden sein. Allerdings ist auch angegeben, was schon bis 1937 "verloren" gegangen war. Und hier wäre noch allerlei Recherchearbeit zu leisten. (Durch das Internet könnte vieles dabei erleichtert sein.)

1917 bis 1923

Abb. 1: Süddt. Mh., 1927 (Beispiel)

Bibliographisch erfaßt (1) ist ein Aufsatz von 1917 für das "Neurologische Zentralblatt" (2). Verloren gegangen seien die "Mitteilungen" des 1920 von Mathilde Ludendorff (damalige von Kemnitz) gegründeten "Weltbundes nationaler Frauen", ebenso wie fast alle Aufsätze für die Auslandspresse in den Jahren 1922 und 1923 - und dementsprechend auch bibliographische Angaben zu diesen (1). Bibliographisch erfaßt sind hingegen drei Aufsätze für die "Süddeutschen Monatshefte" aus den Jahren 1914, 1920 und 1923 (3 - 5).

Hintergrundinfo: Die "Süddeutschen Monatshefte" wurden von 1903 bis 1933 von Professor Paul Nicolaus Cossmann (1869-1942)(Wiki) herausgegeben, der 1905 von der jüdischen Religion zum Katholizismus konvertiert war, während des Ersten Weltkrieges sich von seinen vorherigen liberalen Auffassungen ab- und monarchisch-konservativen Auffassungen zuwandte, und der aber 1933 aufgrund seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus ins Konzentrationslager kam. Dort ist er 1942 mit 73 Jahren im Krankenhaus des Konzentrationslagers Theresienstadt verstorbenen. Offensichtlich hatte er 1920 und 1923 bei der damaligen Mathilde von Kemnitz angefragt, als es um die Zusammenstellung eines Themenheftes "An die Jugend" (4) und eines Themenheftes "Wir deutschen Frauen" (5) ging. 

Bibliographisch erfaßt sind sodann (allerdings nicht vollständig, wie es heißt) Artikel aus den Jahren 1921 bis 1923 für die protestantische, konservative "München-Augsburger Abendzeitung". Es werden sieben Aufsätze nach Titel und Datum benannt.

Hintergrund-Info: Die "München-Augsburger Abendzeitung" galt seit 1920 als Sprachrohr der "Deutsch-Nationalen Volkspartei"  (Histor. Lex. Bayerns).

Diese Zusammenarbeit war eine Folge des Vortrages "Erotische Wiedergeburt", den Mathilde von Kemnitz im Januar 1921 im Auditorium Maximum der Universität München vor den Studenten Vortrag gehalten hatte. Sie schreibt in ihren Lebenserinnerungen (27, S. 179):

Eine Nachwirkung meines Vortrages war mir besonders willkommen. Von der Schriftleiterin der Beilage der Münchner Augsburger Abendzeitung, "Süddeutsche Frauenzeitung", Frl. G., wurde ich gebeten, auch in ihrer Zeitung für die Rettung der Jugend Aufsätze zu schreiben. Sie gelangten an mehr als 30 000 Menschen. Eine solche Wirkungsmöglichkeit begrüßte ich sehr.

Sie behandelte als erstes den "Thüringer Revolutionsunfug der Jugend" um den "barfüßigen Propheten" Friedrich Muck-Lamberti (Wiki) (27, S. 179). (Dessen Treiben im Umfeld von Okkultlogen ist auch Inhalt der logenverherrlichenden Novelle "Morgenlandfahrer" von Hermann Hesse.) Angeführt ist außerdem ihr Beitrag "Die Ehe als Erfüllung", der 1925 in dem damals recht bekannten "Ehe-Buch" des Hermann Graf Keyserling (1880-1946)(Wiki) enthalten war (6).

Hintergrund-Info: Das Ehe-Buch" des Hermann Graf Keyserling wurde 1926 auch in den USA in Übersetzung (7) ein großer Erfolg (8). Es ist im Netz vollständig verfügbar derzeit schon in englischer Sprache. Der Beitrag der Mathilde von Kemnitz ist hier angesiedelt zwischen so illustren Autoren wie dem Afrikaforscher Leo Frobenius, dem indischen Dichter Rabindranath Tagore, dem deutsch-jüdischen Schriftsteller Jakob Wassermann, dem deutschen Schriftsteller Thomas Mann, den Psychiatern Ernst Kretschmer, C. G. Jung und Alfred Adler, dem Buddhisten Paul Dahlke und dem Rabbiner Leo Baeck. Und - siehe Einführung - dem Schriftsteller Bernhard Shaw, der mit einem nachmalig vielzitierten Wort seinen Kopf aus der Schlinge (nämlich der Bitte um einen Beitrag zu einem so diffizilen Thema) zog.

Von den Aufsätzen des Jahres 1924 werden nun nur Titel genannt. Und es wird der Inhalt angegeben, ansonsten jedoch erfolgt die Angabe: "veröffentlicht in völkischen Zeitungen". Es geht hier vor allem um Berichte vom Hitler-Ludendorff-Prozeß in München. Doch ist in dieser Auflistung mindestens ein im Jahr 1924 erschienener Artikel (9) nicht genannt. Auch sie ist also nicht vollständig. Ob dies bewußt oder unbewußt geschehen ist, muß ungeklärt bleiben.

1924

Im Oktober 1924, also noch vor der Entlassung Adolf Hitlers aus der Landsberger Haft (am 20. Dezember 1924), veröffentlichte Mathilde von Kemnitz nämlich einen Aufsatz für die im Juni 1924 von Alfred Rosenberg gegründete Zeitschrift "Der Weltkampf" (9).

Hintergrund-Info: Über die Tätigkeit Alfred Rosenbergs als Herausgeber seiner Zeitschrift "Der Weltkampf" berichtet Ernst Piper in seiner Rosenberg-Biographie in dem gleichnamigen Kapitel (10) (frei im Netz zugänglich). Alfred Rosenberg war der Herausgeber dieser Zeitschrift bis 1930 (dann widmete er sich der Herausgabe der "Nationalsozialistischen Monatshefte"). 1930 bis 1931 war der Herausgeber Ernst von Reventlow, danach der Verleger der Zeitschrift, Boepple, selbst. Ab 1941 diente sie als "Wissenschaftliche Vierteljahresschrift des Instituts zur Erforschung der Judenfrage".

Piper schildert im nachfolgenden Kapitel übrigens sehr deutlich, wie Hitler nach seiner Haftentlassung und nachdem er sich von dem bayerischen Ministerpräsidenten Held den antichristlichen und antikatholischen Reißzahn hatte ziehen lassen, zu Rosenberg immer eine gewisse persönliche Distanz gehalten hat, die bis 1945 niemals mehr auf die frühere persönliche Nähe zwischen beiden vor dem 9. November 1923 zurückgenommen worden ist: Rosenberg war eben der Vertreter der antichristlichen Richtung der Partei, die Hitler von diesem Zeitpunkt an höchstens noch um gelegentlicher taktischer Vorteilnahmen willen betont wissen wollte, und die er nur deshalb nicht ausschalten konnte, weil sie eine zu starke Kraft innerhalb der NS-Bewegung darstellte. Das sollte sich dann insbesondere nach 1935 herausstellen.

Mathilde Ludendorffs Aufsatz "Das Hakenkreuz" (1924)

Die Ludendorffs sind ab Anfang 1925 zur Hitler-Bewegung nicht nur auf Distanz gegangen, sondern haben sich im Gegensatz zu Rosenberg entschieden von ihr getrennt. Im Wesentlichen referiert Mathilde Ludendorff in ihrem Aufsatz "Das Hakenkreuz" (9) nun Forschungsergebnisse des deutschen Archäologen Jörg Lechler (11), die dieser drei Jahre zuvor mit 27 Jahren veröffentlicht hatte (12), versehen mit einem Geleitwort seines akademischen Lehrers Professor Hans Hahne aus Halle.

In ihren Lebenserinnerungen äußert sich Mathilde Ludendorff mit großer Anerkennung über die vorgeschichtliche Abteilung des Museums Halle und dessen Leiter Professor Hans Hahne (1875-1935)(Wiki). Durch die Besichtigung dieses Museums habe sie ein ganz neues Bild von den vorchristlichen germanischen Vorfahren gewonnen. Das Bild des Wagner'schen "Bühnengermanen" mußte ja damals erst einem realistischeren Bild weichen. Immer wieder einmal bezieht sie sich in ihren Aufsätzen und Schriften auf die damit im Zusammenhang stehenden archäologischen Erkenntnisse, insbesondere auch zur Gleichstellung der Frau bei den Germanen. Sie besuchte das Museum noch einmal nach ihrer Heirat gemeinsam mit ihrem Ehemann Erich Ludendorff, der über diesen Besuch ebenfalls in seinen Lebenserinnerungen sehr beeindruckt berichtet. Hierbei hätten sie aber auch schon - wie bei so vielen damals - okkulte Vorstellungen bei Hahne angetroffen. Hahne war ein Arzt, der ab dem 30. Lebensjahr in Berlin Vorgeschichte bei Gustav Kossina studiert hatte. 1912 war er zum Direktor des Provinzialmuseums Halle berufen worden und unterrichtete dann auch an der dortigen Universität.

Der Archäologe Jörg Lechler
Abb. 2: "5000 Jahre ..."

Aber auch die Biographie des Archäologen Dr. Jörg Lechler (1894-1969)(Archae.-News) ist nicht uninteressant:

Er studierte in Berlin und Halle/Saale. 1913 bis 1918 grub er das Gräberfeld auf dem Sehringsberg bei Helmsdorf aus. 1923 bis 1924 war er Assistent am Tell-Halaf-Museum in Berlin und von 1924 bis 1935 Archäologe in der Prignitz. Ab 1936 lebte er in Detroit (USA), wo er bis 1965 am Art Institute der Wayne University arbeitete. Lechler prägte 1925 den Begriff Helms­dorfer Gruppe.

Er starb auch in Detroit. Und:

Er gilt als einer der Pioniere der Bronzezeit, die den Namen einer in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbreiteten Stufe, Kultur oder Gruppe der Bronzezeit in die Fachliteratur eingeführt haben.
Abb. 3: Jörg Lechler

Eine vorläufig zu ihm (mit Hilfe von Justbooks und Google Bücher) zusammengestellte Bibliographie (12 - 22) spiegelt wohl sein Wirken schon recht deutlich wieder. Lechler hat sich in den 1930er Jahren vor allem durch populärwissenschaftliche Bücher einen Namen gemacht. Noch heute eindrucksvoll zu lesen ist sein Buch "5.000 Jahre Deutschland", das den archäologischen Forschungsstand des Jahres 1935 sehr eindrucksvoll wiedergibt und an ein breites Publikum gerichtet ist. Ein vergleichbares Buch über den heutigen archäologischen Kenntnisstand könnte kaum genannt werden. Es müßte heute - nach der C14-Revolution in der modernen Archäologie - benannt werden "8.000 Jahre Deutschland" (sofern - wie 1935 - mit einem solchen Titel die Geschichte seßhafte Kulturen in Mitteleuropa gekennzeichnet sein sollte). 1939 veröffentlichte Jörg Lechler auch ein Buch über vorkolumbianische Entdeckung Amerikas. Auf diesem Gebiet haben erst die Forschungen der letzten Jahrzehnte einen ausreichend sicheren Wissensstand erbracht. Über sein Buch heißt es:

Dr. Lechler stieß bei seinen Forschungen auf Verbindungen von Wikingern und Moslems, woraus sich ein Fragenzusammenhang ergab, der sich zwischen Portugal, Grönland und  Vinland um die vorkolumbianische Entdeckung Amerikas spannt.

Das Hakenkreuz ein indogermanisches Zeichen?

Entsprechend ihrer wissenschaftlichen Ausbildung ist Mathilde von Kemnitz in ihrem eigenen Aufsatz "Das Hakenkreuz" an dem von Jörg Lechler referierten wissenschaftlichen Kenntnisstand ihrer Zeit zu diesem Thema orientiert. Das Thema Okkultismus spielt im Jahr 1924 im Zusammenhang mit dem Hakenkreuz für Mathilde von Kemnitz noch keine Rolle. Sie trug selbst zu dieser Zeit, wie auf einem Foto in ihren Lebenserinnerungen ihr erkennbar ist (Abb. 4), ein Kleid, dessen Saum mit Hakenkreuz-Stickerei geschmückt war. 

Abb. 4: Mathilde Ludendorff - "Im Frühjahr 1924" (aus: 25)

Und soweit das übersehbar ist, können ihre Ausführungen auch noch mit dem heutigen Kenntnisstand zur Geschichte des Hakenkreuzes (Wikipedia) als übereinstimmend angesehen werden. Während allerdings Mathilde Ludendorff noch betont, daß das Hakenkreuz in Indien archäologisch erst vergleichsweise spät auftreten würde (vielleicht schon, um okkult-buddhistischen Ausdeutungen entgegenzuwirken?), werden heute vorindogermanische Belege in der "Indus-Kultur" als die ältesten Belege dieses Zeichens hervorgehoben. 

Aber auch wenn dieses Zeichen schon vorindogermanischen Ursprungs sein sollte, ist es doch auffällig, daß es vor den Indogermanen nur sowohl am Ostrand wie am Westrand des nachmaligen Ursprungsraumes der Indogermanen im Nordschwarzmeer-Gebiet aufgetreten ist. Also in der Indus- und in der donauländischen Vinca-Kultur. Beiden Kulturen werden ja heute auch schon Schriften zugesprochen (23).

Abb. 5: Ludendorff-Adler

Von so positiven Bezugnahmen auf das Hakenkreuz wie 1924 - und wohl auch noch 1927 (bei Erich Ludendorff [24]) - liest man bei den Ludendorffs später nichts mehr. Nämlich nachdem ihnen klar wurde, wie sehr freimaurerische Okkultlogen die Mordmoral der Nationalsozialisten aufstachelten. Gegen beide - Logen wie NS-Mordmoral - begannen sie Artikel zu schreiben. Was sie selbst noch nicht wußten, war die Tatsache, daß jener Ludwig Müller von Hausen, der sich - laut Ludendorffs Lebenserinnerungen - bemüht hatte, Ludendorff ab 1917 in persönlichen Begegnungen über das unheilvolle Wirken der Freimaurerei aufzuklären, selbst in der Thule-Gesellschaft Todesurteile aussprach.

Ab der Zeit also, in der das Hakenkreuz in der Öffentlichkeit immer mehr mit "Braunhemden" identifiziert wurde, denen Ludendorff in seiner Zeitung zurief: "Zieht euch wieder weiße Hemden an." Und insbesondere auch, um so deutlicher beiden Ludendorffs die vergleichsweise früh begonnene, vielfältige Verwendung des Hakenkreuzes in okkulten Zusammenhängen (von der Theosophischen bis zur Thule-Gesellschaft) bewußt geworden sein wird.

Um sich davon abzusetzen, wählten sie dann ab 1930 als Abzeichen für ihren eigenen weltanschaulichen Verein "Deutschvolk" anstelle des Hakenkreuzes einen auffliegenden Adler (siehe Abb. 5).


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