Samstag, 2. Januar 2016

Ein Roman bewirbt die Philosophie von Mathilde Ludendorff (1940)

Voller literarischer Schwächen und "Unmöglichkeiten", dennoch ein wenig "nachklingend"

Abb. 1: Hans Klein
In dem letzten Blogbeitrag schrieben wir: Der westfälische Verleger Hans Klein (1892-1962) veröffentlichte im Sommer 1940 oder später einen 300-seitigen Roman - Titel "Heide Rieke" (1) -, der zwar nur wenig Verbreitung gefunden hat, der aber ungewöhnlicher Weise die Philosophie Mathilde Ludendorffs beworben hat.

Der Roman macht den Eindruck, als ob Hans Klein nach 1937 auch Mitglied des vom Ehepaar Ludendorff gegründeten "Bundes für Deutsche Gotterkenntnis" gewesen ist. Ob Hans Klein diese Mitgliedschaft auch ab 1949 wieder erneuerte, kann zunächst nicht gesagt werden.

Der genannte Roman weist sicherlich eine solche Fülle von literarischen Unreifen und Schwächen auf, dass man ihn allein ob zahlreicher solcher auf fast jeder Seite aufzeigbarer Merkmale allzu leicht "in der Luft zerreißen" kann mit den Mitteln literarischer Kritik. Vieles darin wirkt unecht, unplausibel, psychologisch unwahrscheinlich oder unwirklich, auch oft gar zu klischeehaft und ohne jeden eigenen selbständigen Gedanken, ohne jede eigene künstlerische oder anderweitige Idee. Ringt man sich aber trotz all dieser Merkmale aus rein zeitgeschichtlichem Interesse dazu durch, ihn ganz zu Ende zu lesen, bemerkt man, dass er doch auch "nachwirkt", dass seine Figuren - vielleicht auch jenseits aller Klischee's, die sie transportieren - Leben in einem gewonnen haben. Und dann fällt einem eine abschließende Beurteilung dieses Romans wieder schwerer.

Zu einer Einordnung desselben eignet sich wahrscheinlich am ehesten der Begriff "Tendenzliteratur". Dieser Begriff wird folgendermaßen definiert (Universallexikon):
Oft abwertend verstandene Bezeichnung für Literatur, die die künstlerischen Werte hinter politisch-ideologische Bezüge zurücktreten lässt oder in der diese Bezüge das eigentliche Anliegen des Autors sind.
Das heißt, die künstlerischen Werte des geschaffenen Werkes sind dem Schaffenden nicht um ihrer selbst willen wichtig. Oder zumindest gelingt es dem Schaffenden nicht, das Kunstwerk vollständig von ihnen erfüllt sein zu lassen. Sondern er versucht unbewusst oder bewusst - gerne auch mit eher schlichteren, durchsichtigeren Mitteln -, eine Anteilnahme beim Leser zu erreichen, eine Anteilnahme, die aber gegebenenfalls künstlich sein mag und die bei dem Schaffenden selbst während des Schaffens gar nicht in dem Umfang vorgelegen haben mag wie es jener Stoff an sich verlangt hätte, den er sich vorgenommen hatte, bzw. eine Anteilnahme, in die er sich gerne auch einmal "hinein gekünstelt" haben mag oder "hinein künsteln" musste. Aber wer mag bei der Ungewissheit des seelischen Geschehens in einem anderen Menschen sicher beurteilen, was nun tatsächlich jeweils vorgelegen hat? Auf Wikipedia heißt es zu dieser Literatur-Gattung (Wiki):
Die Bezeichnung geht zurück auf die Zeit des Jungen Deutschland und des Vormärz, als man eine leidenschaftlich vertretene politische oder weltanschauliche Orientierung eine „Tendenz“ nannte. Das Wort „Tendenzliteratur“ bildete das deutsche Pendant zu dem etwa gleichzeitig entstandenen französischen Begriff der „littérature engagée“, der als Fremdwort auch im Deutschen verwendet wird.
Im folgenden wäre also zu prüfen, inwiefern es statthaft sein könnte - und wenn ja in welchem Umfang - den 1940 oder Anfang 1941 erschienenen, 300-seitigen Roman "Heide Rieke" (1) unter einen solchen Gattungsbegriff einzuordnen. Dieser Roman hat nur wenig Verbreitung gefunden. Er ist derzeit in deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken (laut Karlsruher Virtuellem Katalog) nur zwei mal vorhanden (in der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig und am Institut für Zeitgeschichte in München). Und im Antiquariats-Buchhandel werden gegenwärtig etwa vier Exemplare angeboten (siehe Justbooks.de). Auch keiner der Bibliothekare oder Antiquare, die ihn bibliografiert haben, haben ihn gelesen, denn er wird von allen falsch datiert (im Angebot sind: 1920, 1930, 1933, 1936, 1949).

Für diesen Roman wird man sich heute auch nur noch dann interessieren, wenn man Interesse hat für das Geschichte der Ludendorff-Bewegung oder ihres Umfeldes um das Jahr 1940 herum. Für diese Thematik allerdings kann dieser Roman als ein bislang nicht beachtetes Zeitdokument gelten.

Über weite Strecken werden schon Zeitgenossen, so sie diesen Roman überhaupt in die Hand bekommen haben während des Zweiten Weltkrieges, ihn aus literarischer Sicht als nicht leicht zu verdauen oder gar abstoßend empfunden haben. Und zwar auch dann, wenn sie sich dem darin behandelten Gedankengut der Philosophie von Mathilde Ludendorff als nahe stehend empfunden haben. Denn viele Geschehens-Abläufe in ihm sind ganz unglaubhaft und unwahrscheinlich, auch psychologisch unwahrscheinlich. So werden darin etwa zwei Mordversuche geschildert, veranlasst durch einen katholischen Dorfpfarrer und zwar einfach aus dem Beweggrund heraus, dass die beiden zu Ermordenden aus der Kirche ausgetreten waren und dann auch andere in Familie und Dorf dazu veranlassen konnten, sich der Kirche zu entfremden. Es erscheint ganz unglaubhaft, dass ein solches Geschehen im dörflichen Alltag der späten 1930er Jahre irgendwo in Deutschland hätte statt haben können, bzw. auch nur eine geringe Wahrscheinlichkeit für sich hätte haben können.

Und auf dieser Linie werden im folgenden noch viele weitere Schwächen, ja künstlerischen, literarischen und psychologischen "Unmöglichkeiten" aufgezeigt werden können. Doch das genannte Nachklingen am Ende des Romans, das kaum etwas mit seinen weltanschaulich vermittelten Gedankeninhalten zu haben muss, lässt einen zu dem Schluss kommen, dass unter der Schicht der vielen inhaltlichen Ungeschicklichkeiten und Unmöglichkeiten doch noch eine weitere Schicht allgemeiner Menschenliebe zu finden sein mag. Dieser Zug warmer Menschenliebe wäre aber dann angesiedelt fern aller in dem Roman erörterten Gedankeninhalte, fern aller Ideologie oder Philosophie, es würde sich in ihr einfach wiederspiegeln eine offenbar auf Seiten des Verfassers vorliegende Wärme für die geschilderten Menschen an sich.

Zwischen diesen beiden Polen mag sich die Gesamtbeurteilung des im folgenden zu behandelnden Romans bewegen. Verfasser desselben war der westfälische Verleger Hans Klein (1892-1962). Dieser hat auch einen Gedichtband herausgegeben und später noch einige Jugendbücher geschrieben (1-10). Hans Klein bezieht sich auf das Gedankengut der Philosophie von Mathilde Ludendorff auf fast jeder Seite des Romans. Immer wieder werden in ihm Begriffe aus dieser Philosophie verwendet. Bis zum letzten Abschnitt allerdings ganz ohne den Namen Mathilde Ludendorff überhaupt irgendwo zu nennen oder anzudeuten. Erst ganz im letzten Abschnitt des Romans wird die Verfasserin dieser Philosophie namentlich genannt (1, S. 265):
... eine deutsche Frau von Kemnitz, die Gemahlin des Feldherrn Ludendorff.
Hier wird dann auch ein sehr gedrungener Überblick über die Gesamt-Aussagen ihrer Philosophie gegeben. In den Abschnitten davor fällt ihr Name nie, obwohl ständig ihre Gedanken behandelt werden. Höchstens fällt immer einmal wieder der Name von Erich Ludendorff.

Abb. 2: Heide Rieke - Roman
Wenn man den Roman nicht nur auszugsweise - wie im folgenden möglich - sondern im Zusammenhang liest (siehe frei zugängliche pdf-Datei) - und um so länger, um so mehr - um so ungenießbarer erscheint er einem. Er wirft zum Beispiel in unangenehmer Weise "spektakuläre" Ereignisse durcheinander mit ganz gelassenem weltanschaulich-philosophischem Nachdenken der Beteiligten und zwischen ihnen. Es kommen in ihm vor Familienleben, Wilderer-Geschichten, Liebesgeschichten, eine Feuersbrunst, ein Schützenfest und zwei Morde. In beiden Mordfällen wird sogar jemand aufgrund von Verwechslung ermordet, obwohl er gar nicht hatte ermordet werden sollen. Und beides mal handelt es sich - merkwürdigerweise - um die Mütter der beiden Familien, die die Hauptprotagonisten des Romans bilden. Man ist beim Lesen oft geneigt zu sagen: Ein "Plüschroman" der allerbesten Sorte, unterlegt mit Schauer-Effekten, auf die aber zugleich dann gar nicht so recht das Gewicht gelegt ist, nach denen die Beteiligten genauso ruhig-gelassen raisonnieren wie zuvor.

Der Roman spielt auf einem niedersächsischen Bauerndorf. Er dreht sich um die anfangs evangelische Förster-Familie Rieke (Vater, Mutter und zwei Kinder, das zweite davon die Tochter Heide Rieke), sowie um die katholische Bauernfamilie Schulte (Vater, Mutter und drei Kinder namens Hans, Rolf und Ilse). Dann gibt es in dem Dorf noch den Lehrer Rölling mit Tochter. Am Anfang des Romans wird Heide geboren, am Ende des Romans heiraten die drei Geschwister der Familie Schulte je ein Mitglied der Familie Rieke - nämlich den Witwer und seine Tochter Heide - und eine Tochter des Lehrers Rölling. Und alle Ehen werden kirchenfrei geschlossen. Bis zu diesem glücklichen Schluss müssen aber natürlich allerhand "Aufregungen" durchlebt und überstanden werden. Als eine der einschneidensten jene, dass Hans Schulte, der zweite Bauernsohn, nach dem Willen seiner bigotten Mutter Dominikanermönch werden soll.

Viel "Erzählstoff", viele Themen, die in diesen 300 Seiten enthalten sind. Und allzu oft muten die Themen wie Klischee's an, zumindest solche, wie man sie unter der kirchenfreien deutschen Bevölkerung Ende der 1930er Jahre als verbreitet wird ansehen dürfen. Der notwendige Gegenspieler des kirchenfreien Försters und seiner Kinder ist der "Herr Pfarrer", der Dorfkaplan, der - darunter geht es nicht - zunächst versucht, die bigotte Mutter der genannten Kinder zu verführen. Zwei von ihm geplante Mordversuche - an Heide Rieke und an Rolf Schulte - schlagen fehl und treffen solche, die nicht hatten ermordet werden sollen. Nämlich erst die Mutter von Heide und dann die Mutter der Schulte-Kinder.

Abseits von diesem "schröcklichen" Erzählstoff, der geradezu seine Anregungen aus dem "Pater Filucius" von Wilhelm Busch erhalten zu haben scheint (aber bei weitem nicht so humorvoll-beschwingt und mit Augenzwinkern erzählt wird), fällt auf, dass es in den ganzen 300 Seiten des Romans keinen einzigen irgendwie selbständigen oder selbständig gedachten Gedanken gibt. Es werden immer nur wieder weltanschauliche Gedanken erörtert, die der Philosophie Mathilde Ludendorffs sehr direkt entnommen sind oder die in jenen Jahren auch sonst gängige Münze waren zumindest im Umfeld der Ludendorff-Bewegung und in der damaligen Kirchenaustritts-Bewegung in Deutschland.

Schon im ersten Abschnitt des Romans heißt es ziemlich bald: "Förster Rieke ist ein Philosoph" (1, S. 14). Und als solcher hat er sich - darunter scheint es auch wiederum nicht zu gehen - mit Immanuel Kant und Arthur Schopenhauer beschäftigt. Und es geht auch darunter nicht: Die Kerngedanken dieser Philosophen haben sich ihm - welch Zufall! - in den gleichen Begrifflichkeiten herausgeschält wie sie von Mathilde Ludendorff benannt werden: "Grenzen der Vernunft" und "die Welt als Wille". Aber all das - diese philosophischen Gedanken - werden außerordentlich abstoßend sowohl eingeleitet als auch abgeschlossen von einer wüsten Wilderer-Geschichte. Und diese Wilderer-Geschichte ereignet sich außerdem auch noch ausgerechnet in jener Nacht, in der das zweite Kind des Försters - nämlich Heide - geboren wird. Ob es nicht mit ein bisschen weniger Plüsch auch gegangen wäre, kann der Leser nicht zu fragen unterlassen.

Werden hier die Inhalte der Philosophie von Mathilde Ludendorff nur nachgeplappert?

Es ist auffallend, dass der Roman viele Themen und auch die Erzählweise der oft schnulzigen "Heimatfilme" der 1950er Jahre, also aus der bigotten, christkatholischen Adenauer-Zeit vorweg nimmt. Das "göttliche Erleben", von dem auch gleich noch auf Seite 19 die Rede ist - und dann immer wieder - (auch dies ein Begriff aus der Philosophie von Mathilde Ludendorff), ist dem Verfasser nur unter großen Einschränkungen abzunehmen. Und dadurch wird sehr bald erkennbar, dass dieser Roman im Sinne echter Kunst wohl nur wenig bis gar keinen Wert hat.

Dass ein so zum Teil naiv-unbeholfen erzählter Roman ausgerechnet mit all seinen Begrifflichkeiten und Gedankeninhalten Bezug nimmt auf die Philosophie Mathilde Ludendorffs, lässt ihn unweigerlich nur noch um so schiefer dastehen. Er wird bei nicht wenigen Lesern schon damals dadurch auch Verärgerung hervorgerufen haben.

Jedenfalls kommt man, hat man ihn in der Hand, schnell zu dem Ergebnis, dass es wenig Sinn macht, diesen Roman etwa als ein zeitloses Kunstwerk zu lesen. Am ehesten ist es noch möglich, ihn als ein Ausdruck dessen zu lesen, was so an "Gedankeninhalten" verbreitet gewesen sein mag unter Anhängern der Philosophie Mathilde Ludendorffs bis zum Jahr 1940. An vielen Stellen fragt man sich geradezu konsterniert, wie der Verfasser sich so vollständig gegenüber dem inneren Gehalt der Philosophie von Mathilde Ludendorff verschließen konnte und glauben konnte, auf diesen Gehalt Bezug nehmen zu können auf eine so naiv-unbeholfene - oder auch "plüschige" - Weise. 

Abb. 3: Hans Klein - "Vom Sagen und Singen" (um 1960)
Im zweiten Abschnitt des Romans brennt zunächst der stolze Niedersachsenhof des Bauern Schulte nieder. Am Ende des Abschnitts ist er aber schon wieder aufgebaut. Dieses immer wieder erneut so flüchtige Hinweggehen des Verfassers über einschneidenste Lebensereignisse der Beteiligten muss man als abstoßend empfinden.

Wiederholtes flüchtiges Hinweggehen über einschneidende Lebensereignisse

Der Bauer ist katholisch und sein Glaube steht im Gegensatz, so der Erzähler, zu dem, was er aus dem Unterbewusstsein heraus fühlt. Der Niedersachsenhof, umstanden von uralten Eichen, habe schon den Aufstand des Sachsenherzogs Widukind gegen den Kaiser Karl miterlebt (1, S. 36):
Ein Volk, von den Priestern bis aufs Blut gepeinigt, erhob sich in heller Empörung gegen seine Peiniger. Tausende, die schon über ein Menschenalter Christen waren, schüttelten die Fremdreligion ab, so wenig Eindruck hatte das Christentum auf die germanische Seele gemacht.
Aber der Kaiser Karl nahm furchtbare Rache (1, S. 37):
Wer sich nicht bis zu einem festgesetzten Termin taufen ließ, wurde kurzerhand hingerichtet.
Und weiter: 
Aber immer und immer wieder raunt dieses Germanenblut in den Adern der Enkel und Urenkel und will nicht zur Ruhe kommen. (...) Einst wird das Raunen anschwellen zu einem mächtigen Vulkan, und ein neuer Widukind wird mit den Widersachern gründlich aufräumen. So hatte der Wind in den Gipfeln der Eichen sein Lied gesungen.
Diesen Rückblick gibt der Romanautor merkwürdigerweise wiederum sehr "gelassen", während er zugleich den Niedersachsenhof niederbrennen lässt und er dabei auch Menschenleben in Gefahr sein lässt. Aber so geht es dauernd weiter: Die Bäuerin des Hofes ist fanatische Katholikin und behandelt - "dementsprechend" ... (was sonst?) - das Gesinde auf dem Hof ungerecht (1, S. 40f). Und sie sieht - "dementsprechend" (was sonst?) - ihr höchstes Glück im "Zusammenscharren des Mammons" (1, S. 48). Eine plüschige Charakterisierung nach der nächsten. Die Ehe mit ihrem Mann ist deshalb auch nicht glücklich (1, S. 48). Aber noch mehr: Der Kaplan besucht sie häufig. Ihre halbwüchsigen Kinder beobachten, wie er dabei den Arm um ihre Schultern legt und ihr die Wange streichelt. Darunter geht es nicht. Und dafür bekommt der Kaplan dann im Dunkeln - als Jungenstreich - einen Eimer Wasser übergeschüttet. Ihren Sohn Hans aber hat sie - im Bündnis mit diesem Kaplan - der Kirche versprochen. Und dieser Sohn Hans ist trotz Zweifeln und trotz Wasser-Schütten und trotz Eichen-Rauschen auch über weite Strecken diesem Wunsch gegenüber ganz willig.

Abb. 4: Hans Klein - "Vom Sagen und Singen" (um 1960)
Im dritten Abschnitt des Romans ist Heide Rieke schon sechs Jahre alt und es wird sehr detailliert das Weihnachtsfest geschildert. Der Plüsch nimmt kein Ende (1, S. 61):
Frei ist der Mensch, losgelöst von seiner Unvollkommenheit, nur erfüllt mit den göttlichen Wünschen, nur mit dem Willen, Göttliches zu erleben. Deutsche Weihenacht!
Durch die Worte von Hans Klein hört man hier wie anderwärts eine nicht ganz unwesentliche Fehldeutung der Philosophie Mathilde Ludendorffs hindurch. Da das Erleben des Göttlichen nach Mathilde Ludendorff nur spontan und ursachlos erfolgen kann, steht simpler Willens-Entschluss, nämlich es erleben zu "wollen", mit dem Wesen dieses Erlebens in deutlichem Widerspruch. Vielleicht würde Mathilde Ludendorff sogar sagen: Wer so darüber reden kann, weiß gar nicht, was Gotterleben ist, sondern "plappert" nur hohle Worte darüber. Und dass ein solcher Umstand vorliegen könnte, das wird einem ja auch klar, um so länger man diesen Roman auf sich wirken lässt. - - - Förster Rieke erzählt seinen beiden Kindern Harald und Heide dann eine Geschichte über den Sinn des Weihnachtsfestes. Die Geschichte ist zugleich angefüllt mit einer ausgedachten Geschichte von den germanischen Vorfahren und ihrem Kampf mit wilden Tieren. (1, S. 66).

Auf der nächsten Seite sitzt dann Frau Rieke am Klavier und die Familie singt ein Weihnachtslied. Wobei der Gedanke aufkommt, dass Heide einmal eine große Sängerin werden könnte. Plüsch. Nachdem die Kinder ins Bett gegangen sind, spinnt der Erzähler den inneren Monolog des Försters folgendermaßen weiter (1, S. 69f):
Der Förster hat Heide nicht taufen lassen. Es widerstrebt ihm, sein Kind mit Jordanwasser zu besprengen. (...) Ihm ist immer klarer geworden, dass das Christentum reines Judentum bedeutet. (...) Jedenfalls bedankt er sich, Abrahams Same zu sein.
Das ist natürlich völlig im Einklang mit dem Zeitgeist der Jahre zwischen 1937 und 1940. Seinen älteren Sohn Harald hatte der Förster noch taufen lassen,
weil ihm damals das Wesen der Christenlehre noch fremd war. Doch heute ist er durch Forschen um manche Erkenntnis reicher geworden. (...) Dieses Vorgehen des Försters hat naturgemäß im Dorfe großes Aufsehen erregt, jedoch bei vielen geraden Menschen auch Bewunderung hervorgerufen.
Die beiden Pfarrer des Dorfes hätten deshalb erfolglos auf die Entlassung des Försters hingewirkt. In der Schule würde seine Tochter von vielen Schulkameradinnen gemieden. Andererseits aber bringt sie den alten Lehrer Rölling im Religionsunterricht durch ihre Fragen in Verlegenheit (1, S. 71):
Doch Lehrer Rölling ist kein Fanatiker. Er selbst befindet sich oft in Widersprüchen mit dem Grundgedanken der Bibel, und weil er daraus auch seinen Schülerinnen gegenüber kein Hehl macht und rücksichtslos alles Undeutsche kritisiert, erobert er sich die Herzen seiner Schülerinnen im Fluge. Heides liebste Stunde ist der Gesangunterricht. (...) Auf Anraten des Lehrers erhält Heide Klavierunterricht.
Abb. 5: Hans Klein - "Vom Sagen und Singen" (um 1960)
Dann ist Heide Rieke vier Jahre älter (1, S. 72f):
Der sechzehnjährige Hans Schulte hält es mit der zehnjährigen Heide und überall, wo er sie irgendwie erreichen kann, ist er zur Stelle. (...) Fast täglich besucht er Heide in der Försterei und spielt mit ihr vierhändig. (...) Schon lange hat der Kaplan das Spiel zwischen Hans und Heide beobachtet, welches sein ganzes Missfallen erregt. (...) Besteht doch die große Gefahr, dass Hans seiner Bestimmung, ein Diener der Kirche zu werden, (...) entsagen könnte.
Wieder einmal: So viel Plüsch auf einmal. Aber, mehr noch: Dass ein Sechzehnjähriger sich für ein zehnjähriges Mädchen interessiert und mit ihr fast täglich lange Wanderungen im Wald unternimmt, und dass das alle - bis auf den Kaplan - normal finden, wird man schon als reichlich "merkwürdig" empfinden müssen. Manchmal kommt einem der Gedanke, der Verfasser des Romans  könnte selbst Jesuit sein und dann möchte man fast sagen: Wenn ein Jesuit seinen Gedanken freien Lauf lässt, bleibt halt nichts mehr normal.

Ein katholischer, niedersächsischer Bauernsohn will Mönch werden

Da sich nun Hans in Gewissenskonflikten befindet, entschließt er sich zur Beichte beim Kaplan. Auch wieder so plüschig und simpel gestrickt, dieser Handlungsverlauf. Und diese Beichte schildert Hans Klein nun so, darunter geht es wiederum nicht (1, S. 75):
Über das Gesicht des Kaplans huscht dann das Lächeln eines Vampirs, das zwischen den Klauen sein Opfer hält, um es zu vernichten. Grauenhaft ist die Phantasie, mit der der Priester diesem deutschen Jungen die Schrecken der Hölle und des Fegefeuers ausmalt, die ihn erwarten, wenn er weiterhin mit dieser Ketzerin spielt. Er erinnert Hans an seine Bestimmung, Priester zu werden und an die Pflicht, sich an die Entsagungen aller weltlichen Genüsse zu gewöhnen.
Und natürlich hört Hans keine Eichen mehr rauschen, sondern die Folgen der Beichte bei Hans sind (1, S. 75):
Von nun an wagt er es nicht mehr, sich Heide zu nähern, er geht ihr aus dem Weg. (...) Der Gottesstolz in der Seele dieses einst kraftvollen Bauernsohnes erlischt langsam unter dem ständigen Einfluss dieses eifernden Priesters, bis er schließlich ein willenloses Werkzeug in dessen Hand ist.
Der Autor gibt sich jedenfalls nicht besonders viel Mühe, eine solche Entwicklung psychologisch plausibel nachvollziehbar zu schildern. Entweder gibt er sich keine Mühe - oder er kann es gar nicht. Aber schon folgt die nächste Klischee-Handlung. Während eines nächtlichen Spaziergangs des Försters mit seinen beiden Kindern versucht ein Einbrecher ins Fortshaus einzubrechen. Mit seinem Schuss verletzt der Einbrecher die Ehefrau und Mutter Hilde Rieke und wird auf der Flucht dann vom Förster selbst erschossen. Unter all dem geht es ja, wie wir nun wissen, nicht. Aber noch krasser: So wie nebenbei wird der Verdacht des Försters erwähnt, dass der Einbrecher eigentlich Heide - im Auftrag der katholischen Kirche - hätte ermorden wollen! (1, S. 80):
Der Förster behält diesen für ihn feststehenden Gedanken für sich.
Das ist wirklich alles etwas "starker Toback". Zu sagen, es wäre nur ein "krauser Roman", wäre ein Verharmlosung. Am Folgetag erliegt nun Hilde Rieke ihrer Verletzung. Ganz im Sinne der Philosophie von Mathilde Ludendorff sagt der Förster Rieke dann in seiner Trauerrede über den Tod (1, S. 88):
Ist er uns nicht ein Mahner, all das Göttliche unserer Seele jetzt zu erfüllen, jetzt, solange wir leben, diesen göttlichen Wünschen zum Guten, Wahren und Schönen zu lauschen, als auf Versprechungen des Himmels zu hoffen.
Hans Klein lässt den Förster Rieke dann unter anderem sagen (1, S. 89):
Mutter, meine lieben Kinder, war eine Frau, die ganz unbewusst diesen göttlichen Wünschen lebte, und deshalb trug sie das Köstlichste in sich, was eine Menschenseele überhaupt als Höchstes und Hehrstes erleben kann.
Auch bei der Formulierung "ganz unbewusst" handelt es sich um eine irreführende Formulierung, insofern es sich dabei - nach der Absicht des Autors - um eine Wiedergabe der Gedanken der Philosophie Mathilde Ludendorffs handeln sollte. Was ja auch nicht anders möglich ist. Treffender wäre dann eher formuliert gewesen: "anspruchslos" oder "absichtslos". Aber beide Eigenschaftswörter können ja an keiner einzigen Stelle zur Beschreibung des Werkes des Hans Klein als Ganzes angewandt werden. Nach der philosophischen Psychologie von Mathilde Ludendorff werden die "göttlichen Wünsche" nur von Kindern "ganz unbewusst" (genauer: unterbewusst) erlebt. Kennzeichen des erwachsenen Menschen ist es nach dieser Philosophie, dass in seiner Seele die göttlichen Wünsche bewusst gelebt werden und dass er sich des Wertes dieses Erlebens dann auch voll bewusst ist und auf diese Werte hin sein ganzes übriges Leben ausrichtet. Das geschieht beim erwachsenen Menschen durch bewusste Lebensentscheidungen. Auch an dieser Stelle wieder wird erkennbar, dass Hans Klein die Inhalte der Philosophie von Mathilde Ludendorff nur ganz äußerlich aufgenommen hat. Und dass er sie deshalb auch so irreführend wiedergibt. Auch der für die Mönchslaufbahn vorgesehene Bauernsohn Hans kommt - verbotenerweise - zum Grab. Er sagt zu Heide (1, S. 90):
Mutter folgt willenlos den Anordnungen des Kaplans und ich muss gehorchen.
Und er tut es, obwohl sein Bruder Rolf dem Kaplan aus Verachtung in einem Jungenstreich einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet hatte. Als Sechzehnjähriger. Dass gar zu viele Roman-Inhalte gar zu plump erdacht sind und innerlich im Widerspruch miteinander stehen, scheint Hans Klein gar nicht bewusst zu sein. Auch nicht, dass er immer wieder den schwer- bis schwerstwiegenden, einschneidenden Lebensereignissen, die er schildert, in der Folge gar nicht ausreichende seelische Anteilnahme widmet. Dass da gerade zwei Menschen erschossen worden sind, kann für alle Beteiligten nur ein schwer traumatisches Geschehen gewesen sein. Über das bestimmt nicht so harmlos zur Tagesordnung übergegangen werden könnte wie es im Roman - wiederholt - geschieht. In diesem werden dann sofort schon wieder ganz andere Dinge wichtig. Nämlich: Hans muss ins Kloster. Und die Unterhaltung darüber findet unmittelbar nach der Beerdigung statt (1, S. 92):
"Gehst du gerne, Hans?" will Heide wissen. "Der Kaplan hat meinen geistlichen Beruf rosig vor meinen Augen ausgemalt, das macht mich neugierig, doch hier, Heidelein, tief im Innern meiner Seele, fühle ich mich gar nicht wohl bei dem Gedanken, allem entsagen zu müssen."
Und das erste, was der Förster nach all diesen traumatischen Ereignissen tut, ist, dass er aus der Kirche austritt. Dies tut er vor allem, weil der Pfarrer eine Beerdigung seiner Frau auf dem kirchlichen Friedhof verweigert hat. Eine Motivation für den Kirchenaustritt, die Mathilde Ludendorff gerade auch in Aufsatz-Veröffentlichungen der Jahre 1938 und 1939 als ganz unmoralisch ablehnt. - Sollte Hans Klein den Entwurf zu diesem Roman im Wesentlichen zu diesem Zeitpunkt schon fertig geschrieben haben (wofür manches zu sprechen scheint), hätte er ihn an dieser Stelle unbedingt noch umschreiben müssen, um wenigstens äußerlich mit dem Denken Mathilde Ludendorffs in Einklang zu bleiben. Ein Hinweis vielleicht darauf, dass Hans Klein auch sehr oberflächlich gearbeitet haben könnte oder das Schrifttum der Ludendorff-Bewegung nicht besonders gründlich studiert haben könnte. - Noch am Abend nach der Beerdigung lässt Hans Klein den Förster folgende Gedanken haben (1, S. 94):
Unwillkürlich erinnert er sich des unerhörten Verhaltens des Pfarrers. Ein heiliger Zorn lässt seinen Gottesstolz aufflammen und einen Entschluss in ihm reifen, den er am nächsten Tage auszuführen sich endgültig vornimmt.
Nämlich den Kirchenaustritt.

Ständiges Verschweigen des Namens Mathilde Ludendorffs

Auf dem Rückweg von der Kreisstadt, wo er ihn vollzogen hat, führt der Förster Rieke dann ein langes Gespräch mit dem Lehrer Rölling über die Notwendigkeit des Kirchenaustritts. Hans Klein lässt den Lehrer Rölling sagen (1, S. 103):
"Sie haben sich wirklich ernstlich mit diesen uns alle bewegenden Fragen beschäftigt, Herr Rieke. Woher nehmen Sie dieses Wissen." "Das ist doch sehr einfach, Herr Rölling, aus dem Erkennen und dem klaren Denken. Vielleicht darf ich Sie auf folgendes hinweisen, das dem Denken Anlass gibt. All unsere deutschen großen Geisteshelden, ich nenne nur Friedrich den Großen, Friedrich von Schiller, Kant, Schopenhauer, Nietzsche, der Feldherr Erich Ludendorff, waren in ihrem Herzen Antichristen."
Es folgen dann Zitate aus den christentumskritischen Schriften von Friedrich dem Großen und Schiller. Nirgendwo weit und breit wird der Name Mathilde Ludendorff genannt, "die dem Denken Anlass gibt", die zumindest dem Denken von Hans Klein auf fast jeder Seite seines Romans Anlass gegeben hat. (Oder dem Nachplappern.) Erst ganz am Ende des Romans erfolgt dann ein sparsamer Hinweis. Hans Klein lässt seinen Förster Rieke dann weiter sagen (1, S. 105f):
Die Menschheit kennt nur körperliche Schäden wie Verletzungen und Krankheiten. (...) Doch das schleichende Gift seelischer Schädigungen (...) in Form von religiösen Fremdlehren (...) bleibt ihr unerkannt. (...) Nur einige wenige wache Seelen erkennen die Gefährlichkeit solchen Wirkens unter ihnen, an erster Stelle der geniale Feldherr Erich Ludendorff, der im Kampf um die Haltung seines Volkes die Mahnung prägte: "Machet des Volkes Seele stark". Ludendorff verlangt, die Verursacher seelischer Verkümmerungen höher unter Strafe zu stellen als körperliche Verletzungen.
Auch hier findet - wie sonst - eine sehr unklare Wiedergabe der Gedanken Erich und Mathilde Ludendorffs statt. "Induziertes Irresein" sowie seelische "Dressur" (Gehirnwäsche in Psychosekten) wird von ihnen als seelische Schädigungen benannt, die wie körperliche Verletzungen bestraft werden sollten. Religiöse oder ideologische Lehren sollen nach ihnen aber nicht allein deshalb schon vom Strafgesetzbuch bedroht werden, weil sie "Fremdlehren" sind oder vornehmlich seelische Verkümmerung hervorrufen könnten. Dass sich ein Mensch für seelische Verkümmerung entscheidet oder andere Menschen dahingehend beeinflusst, darf der Staat für sich nicht bestrafen, da hier das Gebiet der Freiheit herrscht. So die Ludendorffs. Auch hier zeigt sich wieder, dass sich Hans Klein nicht sehr genau mit dem Ludendorff'schen Denken beschäftigt hat. Über das Christentum lässt Hans Klein seinen Förster sagen (1, S. 107):
Eine solche Lehre tötet den Gottesstolz in der Seele des Volkes, der ihm schon aus dem Grunde erhalten bleiben muss, um es in Stunden höchster Gefahr abwehrfähig zu erhalten. Jedes Volk singt sein eigenes Gottlied begründet auf der Eigenart seines Rasseerbgutes. Ein Volk, das gezwungen ist, ein fremdes Lied zu singen, muss einst zu Grunde gehen. 
Damit wären wieder Kerngedanken Erich und Mathilde Ludendorffs ganz richtig wieder gegeben. Nachdenklich lässt Hans Klein seine beiden Protagonisten sich im Abendfrieden trennen. Der Lehrer Rölling setzt sich noch auf eine Bank vor seinem Haus. Und - welch Zufall: er belauscht dabei ganz unbeabsichtigt hinter der Hecke, vor der er sitzt, wie seiner Tochter ein Heiratsantrag gemacht wird vom Bauernsohn Rolf Schulte. Seine Tochter lehnt aber den Antrag ab, zumindest wenn er mit der Bedingung verknüpft ist, dass sie katholisch werden muss (1, S. 114):
Lehrer Röllig will vor Freude vergehen.
Auch hier wieder: Plüsch. Allerdings erneut mit einer gar zu typisch jesuitischen Verhaltensweise: Dem Belauschen, der Spionage. Welche Eltern belauschen denn - und sei es unabsichtlich - unbemerkt die Liebesgespräche ihrer erwachsenen Kinder? Entweder man macht sich bemerkbar oder man entfernt sich. Was soll sonst möglich sein? Merkwürdig genug weiterhin: Genau dieser Szene des Belauschens statt Weggehens wird auch noch eine Buchillustration gewidmet (1, S. 112). Und in dieser wird dem Lehrer Röllig auch noch ein solcher breitkrämpiger Hut aufgesetzt und ihm wird eine solche (maskenhafte) Miene gegeben, dass man sich fast fragen möchte: sehen sich so Jesuiten ...?

Belauschen von Intimitäten

Man hat bis hier erst das erste Drittel dieses Romans gelesen - und hat gründlich genug von ihm. Im folgenden wird deshalb etwas summarischer behandelt, was zuvor schon aus Google-Bücher-Ausschnitten über die weiteren Inhalte zusammen gestellt war. Der Autor lässt kein Klischee aus, er lässt also in der Breite und der Länge ein dörfliches Schützenfest stattfinden. Vier Jahre nach dem Tod seiner Frau kann dabei der Förster Rieke auch wieder fröhlich sein. Er wird sogar Schützenkönig. Und er wählt sich eine Schulfreundin seiner Tochter, Ilse Schulte, zur Schützenkönigin (1, S. 129):
Der König, Förster Rieke, führt seine Königin, Fräulein Ilse Schulte, zu den für das Paar bereitstehenden Sesseln. (...) Der erste Walzer gilt dem Königspaar und Förster Rieke führt seine Königin mit dem ihm eigenen Temperament leicht und sicher über den Tanzboden. Ach, wie sie die Köpfe zusammenstecken jene neunmalweisen, neugierigen, eifernden Dorfansässigen und Klatschbasen ... 
Und die Klatschbasen werden recht behalten! Denn tatsächlich wird der Förster Rieke noch am selben Abend der mehrere Jahrzehnte jüngeren katholischen Bauerntochter Ilse Schulte einen Heiratsantrag machen. Und diese sagt auch nicht nein ... Und wieder viele Seiten weiter führt der Bruder Rolf Schulte als Hoferbe (1, S. 15)
mit starker Hand den Pflug durch den heimatlichen Acker.
Und beim Blick über sein Erbe hat er folgende Gedanken (1, S. 153):
Die Gedanken schweifen zurück in jene Zeit vor mehr als tausend Jahren, in der ein Ahn als freier Bauer unter weit schwierigeren Verhältnissen den Acker durchfurchte, in der noch kein Mönch oder Priester die niedersächsischen Bauernhöfe mit einer orientalischen Heilslehre zu beglücken wagte und mit ihr unendliches Leid über die deutschen Gaue brachte.
Sein Bruder Hans Schulte ist inzwischen Novize des Dominikanerordens geworden (1, S. 188f):
Das Bemühen des Novizenmeisters oder des Provinzials, selbst seine intimsten Geheimnisse, die sehr oft auf das sexuelle Gebiet übergehen, zu ergründen, erfüllt ihn mit tiefster Verachtung. Die Eintönigkeit des Klosterlebens, das sich täglich fast in der gleichen Weise abwickelt, wie Beten, aszetische Vorträge hören, schaurige Betrachtungen anstellen, mystische Schriften lesen, dazwischen die Demütigungen, Bußen, Gehorsamsprüfungen, besonders die brutale Handhabung des Schweigeverbots seitens des Novizenmeisters will ihn schier in Raserei bringen. Wie oft muss er am eigenen Leibe Ungerechtigkeiten erfahren, wogegen er nicht einzuschreiten vermag, weil Beschwerden grundsätzlich im Sinne des Ordens entschieden werden.
All das ist recht offensichtlich angelehnt an die im Jahr 1937 im Ludendorffs-Verlag erschienene Schrift von Erich Gottschling, einem ehemaligen Dominikaner - "Seelenmissbrauch in Klöstern" (Stud. Nat. 09/2011). Also auch bei dieser Themenwahl nahm der Autor das "nächstliegende". Hans aber liest dann streng verbotene Bücher aus dem Giftschrank der Klosterbibliothek (1, S. 190):
Vor allen Dingen interessieren ihn die Philosophen Kant, Schopenhauer, selbst Nietzsche ist vertreten und wird eifrigst von ihm gelesen.
"Zufälligerweise" nun wieder nur genau jene drei Philosophen, auf die sich auch Mathilde Ludendorff positiv bezieht, aber die letztere wird natürlich wiederum nicht genannt. Hans wird beim Studium erwischt (1, S. 198). Die Gehorsamsverweigerung und die Widerrede von Hans hat Folgen (1, S. 169):
Sie haben sich (...) in Ausdrücken über die Heiligkeit unserer Religion und deren Vertreter ergangen, die wohl einzig in der Geschichte unseres Klosters dastehen. Ich darf wohl annehmen, dass Sie sich über die Folgen Ihres heftigen Vorgehens vollständig im klaren sind. Ihr Verhalten ist ein äußerst schwerer Bruch gegen die Regeln unseres Ordens.
Hans hält im Kloster eine Rede, mit der er begründet, was er am Schluss als Wunsch vorträgt, nämlich dass er aus dem Orden und dem Kloster austreten möchte (1, S. 198f):
Jedem denkenden Wesen muss es ohne weiteres einleuchten, dass eine Religion, die in ihrem Wesen gegen die einfachsten Grundbegriffe des Volkstums verstößt, von jedem gottsuchenden Menschen abgelehnt werden muss. Unserer Vernunft ist es nicht gegeben, das Göttliche sich vorzustellen, sondern die Seele, das Ich im Menschen, kann nur Gott erleben. Den persönlichen Gottesbegriff muss ich ablehnen, weil Gott nicht persönlich gedacht werden kann.
Am Ende seines Vortrages sagt er (1, S. 200):
Lassen Sie mich meine Ausführungen mit einem Gedicht schließen, das ihnen in einigen Zeilen so recht mein innerstes Seelenleben zu offenbaren vermag.
Dann wird ein Gedicht von Erich Limpach angeführt, das folgendermaßen lautet:
Gottbewußt
Mir ist der Himmel mehr als Kirchenenge,
Der Sturm mir lieber als der Glocken Klang.
In Einsamkeit und fern der lauten Menge
Lausch ich des Ew´gen heiligem Gesang.
Denn was Natur mir täglich offenbarte,
Das rührt zutiefst mich in der Seele an
Und gibt mir mehr als jenes Buch bewahrte,
An das als Deutscher ich nicht glauben kann.
Was mir Gebet und Priesterwort nie schenkte,
Den tiefen Frieden in der eignen Brust,
Ich fand ihn wieder, als ich selbst mich lenkte
Und ward des Gottes tief in mir bewusst.
                                      Erich Limpach
Durchaus ein schönes Gedicht. Und einem anderen, freieren Geist entsprungen als jenem, der in diesem Roman vorherrscht. Darauf hin wird Hans Schulte für Tage und bei Nahrungsentzug in eine Zelle gesperrt. In einer wilden stürmischen Nacht entflieht er dem Kloster als würde er einem Gefängnis entfliehen. Er muss dazu die Gitterfenster seines Kerkerfensters durchsägen. Nach dem Bruch mit dem Dominikanerorden studiert Hans Schulte in einer süddeutschen Universitätsstadt Jura. Er wird beim Ausbruch des Krieges Soldat und gewinnt beim Durchbruch der Maginotlinie das Eiserne Kreuz. Was sonst? Danach und nachdem er promoviert ist und die Philosophie von Mathilde Ludendorff kennengelernt hat, sieht er Heide Rieke wieder, die inzwischen schon den einen oder anderen Heiratsantrag um ihrer Jugendliebe willen abgelehnt hat. Er spricht sich mit ihr aus und verlobt sich mit ihr.

Abb. 7: Ullas Abenteuer
Über die Philosophie Mathilde Ludendorffs wird unter anderem äußerlich ganz richtig ausgeführt (1, S. 266):
(Der Mensch) hat als unvollkommenes Geschöpf die heilige Freiheit, sich selbst zu gestalten, d. h. die in ihm von Natur ruhenden göttlichen Wünsche, den Wunsch zum Schönen, den Wunsch zum Wahren, den Wunsch zum Guten und das göttliche Fühlen in sich zur höchsten Vollkommenheit gestalten zu lassen. Durch das in seinem Ich bewusste Aufleuchten dieser göttlichen Wünsche ist der Mensch das Bewusstsein des Jenseits oder Gottes.
Ebenso (1, S. 269):
Jeglicher Gottesbegriff muss abgelehnt werden, weil Gott mit der Vernunft nicht gedacht werden kann. Gott ist jenseits unseres Vernunftdenkens, jenseits von Raum, Zeit, Ursächlichkeit, jenseits aller Erscheinungen. Neben dem Erkenntnisorgan, der Vernunft, besitzt der Mensch in seiner Seele noch ein zweites, das Ich. Dieses "Ich" führt zu dem Erleben des Göttlichen durch Intuition, durch das Erleben, also in ganz anderer Form als die Vernunft, die an Raum, Zeit und Ursächlichkeit gebunden ist und sich nur mit der Erscheinungswelt innerhalb der Vernunftgrenzen befassen kann. ...

"... Dann verschwindet der Jude ohne jegliches Blutvergießen"

Es finden sich in diesem Roman an einer unscheinbaren Stelle Aussagen, die vielleicht doch nicht so unbedeutsam sein werden zur Beurteilung des Verhältnisses von damaligen Anhängern der Philosophie Mathilde Ludendorffs gegenüber der damaligen Judenpolitik des Dritten Reiches. An dieser Stelle nimmt der Erzähler unterschwellig und fast unbewusst Bezug auf die Auswanderungspolitik gegenüber den Juden und die Judendeportation. Dass er dabei zugleich Bezug nimmt auf ein angeblich notwendiges Verbot des Christentums, macht deutlich, dass man damals bezüglich solcher Dinge in recht anderen Zusammenhängen dachte als heute. Aber auch die zum Teil krass klingende inhaltliche Aussage der ersten Sätze dieses Absatzes wird durch die inhaltliche Aussage der späteren Sätze dann wiederum entschärft. Zunächst heißt es (1, S. 290):
Es ist nicht damit getan, den Juden rein körperlich aus einem Volk zu entfernen, sondern man muss in erster Linie seine Lehre, d. h. seine Weltanschauung verbieten. Solange die jüdische Fremdlehre frei und unbehindert durch Tausende von priesterlichen Vertretern dem Volk verkündet werden darf, ist es um das Judentum nicht schlecht bestellt. Um den Juden zu schlagen, muss aus der Seele des Volkes durch unermüdliche Aufklärung dessen Lehre gerissen und hierfür deutsche Weltanschauung gesetzt werden, dann verschwindet der Jude ohne jegliches Blutvergießen. Er weiß sehr wohl, dass in einem Lande, in dem deutsch gedacht und deutsch gefühlt wird, kein Betätigungsfeld für ihn vorhanden ist.
Nachdem in diesem Absatz das Verbot der "jüdischen Weltanschauung" (also von Christentum und Islam) gefordert worden ist, heißt es im darauf folgenden Absatz:
Je eher und schneller die Staatsführung das Volk in seiner Gesamtheit darüber aufklärt, um so früher wird Deutschland den Weg des seelischen Aufbaus erleben und damit zu einer unüberwindlichen Macht werden. Jeglicher Zwang muss dabei ausgeschaltet sein, denn Weltanschauung gilt es zu erkennen, nicht zu erzwingen. Wo Zwang und brutale Macht herrschen, kann das Samenkorn der deutschen Freiheit nicht gedeihen.
Als auffallend dürfte weiterhin zu bewerten sein, welche Namen und Personen in diesem Roman nicht behandelt sind. Es gibt keinerlei sich andeutende Bezüge zur NSDAP oder zu Adolf Hitler. Es tritt in dem Roman auch keine einzige Person auf, die etwa jüdischer Herkunft ist. Auf das Judentum kommt der Roman nur immer in dem Zusammenhang zu sprechen, dass das Christentum als eine "Propagandalehre" der Juden gekennzeichnet wird zur Zerstörung der Völker. Ansonsten gelten in diesem Roman katholische Priester als Feindbild. 

Der Illustrator Alfred Roenelt

Abschließend sei noch etwas zu dem Illustrator des Buches ergänzt, dem hessischen Künstler Alfred Roenelt (1898-1989) (Genealogy). Dieser hat Bücher für den Verlag Bischof & Klein illustriert zwischen den Jahren 1935 und 1951 (s. Detlef Heinsohn). Reich ist er dabei nicht geworden. Alfred Roenelt lebte mit seiner Frau und drei Kindern - Knut, Ursula und Gisela - in Großauheim bei Hanau. 1945 wurde er von einem amerikanischen GI besucht, der später Professor wurde und sich noch im Jahr 2000 an seinen Besuch im Jahr 1945 bei der Familie Roenelt und an das bescheidene Leben in dieser kunst- und musikliebenden Familie mit großer Begeisterung erinnerte. Er war auf Roenelt aufmerksam geworden, als er dessen Orgelspiel in der Kirche hörte, was er Jahre lang als Dorforganist praktizierte. Eine Verwandte schrieb diesem Amerikaner über Alfred Roenelt (12):
Er studierte Kunst an der Kunstakademie München. Das Leben als Künstler ohne Mäzen war nicht einfach. "Das deutsche Wirtschaftswunder ging vollständig an den Roenelts vorbei. Aber ich habe niemals ein Wort der Klage gehört, vielmehr Dankbarkeit und Zufriedenheit. Weil sie kein Geld hatten, kamen sie niemals aus Großauheim heraus."
Es erinnert dieses Leben ein wenig auch an das Leben anderer Schriftsteller und Künstler im Umfeld der Ludendorff-Bewegung, etwa an das von Hermann Rehwaldt oder von Gustav G. Engelkes. Verarmte Künstler, die durch ihre Mitarbeit an dem Verlag von Hans Klein ein wenig mehr Lebenssicherheit hinzu erhalten konnten. Es erinnert einen auch an das Leben des Großvaters des Autors dieser Zeilen, der nach 1945 seine Familie zeitweise vom Malen - mehr schlecht als recht - ernährte.

Kinderbuch-Autor

Hans Klein veröffentlichte etwa Ende der 1930er Jahre auch Gedichte, die immer wieder sehr deutlich an die Inhalte der Philosophie von Mathilde Ludendorff anklingen (2). Er gab diesen Gedichten in einer aufwendig erstellten Ausgabe wertvolle Fotografien bei. Kurz vor seinem Lebensende gab er seine Gedichte erneut heraus in einer ähnlichen, nun aber erweiterten Form (10) (s.a. Abb. 3-5). Wenn man sich über seinen Roman "Heide Rieke" ein Urteil gebildet hat, bekommt man auch ein besseres Bild darüber, wie man diese beiden Gedichtbände einordnen soll.

Abb. 8: Hans Klein - Ullas geheimnisvolle Abenteuer
Hans Klein verfasste auch zahlreiche Jugendbücher. So eine Struwelpeteriade mit dem Titel "Der Nasenklaus - Eine lehrreiche Geschichte für die Kleinen in Versen erzählt", erschienen 1948, so "Tante Mine und Fritzchen Tunichtgut - Ein fröhlicher Jungenstreich, in Versen erzählt von Hans Klein" 1948, so "Die Kuhjagd - Nach einer wahren Begebenheit in Versen erzählt von Hans Klein" 1949. 1959 erscheint "Ullas geheimnisvolle Abenteuer" und wohl ebenfalls Ende der 1950er Jahre "Sabine und ihr Geheimnis". Der Inhalt des letzteren Jugendbuches wird in Antiquariats-Anzeigen folgendermaßen wiedergegeben:
Sabine, die dreizehnjährige Tochter eines aus Ostpreußen geflüchteten Gutsbesitzers, der als Mühlenpächter bei einem Baron von Sogenburg eine neue Existenz gründete, empfindet schon früh das leidvolle, bedrückte Wesen ihres benachbarten Spielkameraden Karg von Sogenburg.
Der Frage, ob dies eine bewusste Bezugnahme auf den Namen des Verlegers Franz Freiherr Karg von Bebenburg darstellt, müsste noch einmal genauer nachgegangen werden. Ebenso macht es für eine Gesamtbeurteilung sicher Sinn, auch sonst die Inhalte der hier genannten Jugendbücher zu kennen. Erneut ist hier offenbar von auffallend frühreifen Kindern, bzw. Spielkameraden die Rede. Zu dem übrigen Leben von Hans Klein ist schon ein Beitrag hier auf dem Blog erschienen (11).

/Letzte von mehreren Umarbeitungen und Erweiterungen: 16. und 17.4.2016/
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  1. Klein, Hans: Heide Rieke. Roman. Zeichnungen von A. Roenelt. Verlag von Bischof und Klein, Lengerich in Westfalen o. J. (etwa 1938) (296 S.) (GB) (freies zugängliche pdf.-Datei)
  2. Klein, Hans: Sehen und Erleben. Bilder und Gedichte. Verlag Bischof und Klein, Buch- und Kunstverlag, Lengerich (Westfalen), o.J. (etwa 1938) (19 S.)
  3. Klein, Hans und Inge: Loddermarie. Eine Geschichte in Versen für die Jugend. Mit Bildern nach Original-Aquarellen von Inge Klein. Bischof & Klein, Lengerich (1948) [Struwelpeteriade]
  4. Klein, Hans: Der Nasenklaus. Eine lehrreiche Geschichte für die Kleinen in Versen erzählt. Mit Bildern nach Aquarell-Originalen von Inge Klein. Bischof & Klein, Lengerich o. J. (1948) [Struwelpeteriade]
  5. Klein, Hans: Tante Mine und Fritzchen Tunichtgut. Ein fröhlicher Jungenstreich. In Versen erzählt von Hans Klein und dazu passenden lustigen Bildern gezeichnet von Max Kellerer. Bischof & Klein, Lengerich in Westfalen 1948 (32 S.)
  6. Klein, Hans: Die Kuhjagd. Nach einer wahren Begebenheit in Versen erzählt von Hans Klein mit dazu passenden Karikaturen von J. Mac̨on. Bischof & Klein, Lengerich (Westf) 1949 (48 S.)
  7. Nielk, Jan [d.i. Hans Klein]: Ullas geheimnisvolle Abenteuer. Mit Bildern von Klaus Gelbhaar. Hirundo-Bücher, Kleins Druck und Verlagsanstalt, Lengerich/Westf. 1959 (109 S.) 
  8. Nielk, Jan [d.i. Hans Klein]: Sabine und ihr Geheimnis. Kleins Druck- und Verlagsanstalt, o. J. (254 S.)
  9. Klein, Hans: Vom Sagen und Singen. Gedanken in Wort und Ton. Gedichte und Lieder gestaltet und in Ton gesetzt von Hans Klein. Lengerich (Westfalen) [ca. 1960] (158 S.)
  10. Teuteberg, Hans Jürgen (1929-2015): Bischof + Klein 1892 - 1992. Jahrhundertbilanz eines westfälischen Verpackungsunternehmens. Kleins Druck- und Verlagsanstalt Lengerich 1992 (95 S.) (freies pdf -> hier)
  11. Bading, Ingo: Hans Klein (1892-1962) - Ein Verleger in Lengerich in Westfalen. Studiengruppe Naturalismus, 2.1.2016, http://studiengruppe.blogspot.de/2016/01/eine-zeitgemaere-form-der-religiositat.html
  12. Lindahl, Elder M.: Searching for an Old Friend. In: Pietisten. Volume XV, Number 1, Spring 2000, http://www.pietisten.org/spring00/friend.html
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