Samstag, 26. November 2011

Tacitus - Grundsätzliche Hochachtung seiner Wahrheitsliebe oder grundsätzlicher Zweifel?


Die völkische Bewegung vor dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere auch die Ludendorff-Bewegung, war durch eine große Hochachtung vor dem römischen Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus (58 - 120 n. Ztr.) gekennzeichnet. Dies geht aus vielen Zeugnissen hervor. Eindrucksvoll aus dem hier gebrachten Werbeblatt für eine Buchveröffentlichung aus dem Jahr 1934 (1). Also ein Jahr nachdem die Nationalsozialisten mit Hilfe der christlichen Kirchen an die Macht gekommen waren und in einer Zeit, in der die christlichen Kirchen als vom Staat geförderte Institutionen meinten, kräftigen Aufwind verspüren zu dürfen.

Mit Tacitus "für Gewissens- und Glaubensfreiheit" im Dritten Reich

Dagegen stellten sich die nicht- und antichristlichen Völkischen. Die in diesem Werbeblatt beworbene Schrift "Von Tacitus bis Nietzsche" ist von dem langjährigen Schriftleiter der Zeitschrift der Ludendorff-Bewegung, von Walter Löhde, zusammengestellt worden. Löhde schrieb anfangs unter dem Pseudonym "von der Cammer". Noch im selben Jahr erschien die Schrift aber in erweiterter Form unter dem Titel "Für Gewissens- und Glaubensfreiheit". Diesmal schon nicht mehr unter Pseudonym (2). Als solche erlebte die Schrift bis 1941 insgesamt vier Auflagen und trug sicherlich zu ihrem Teil bei zu der Kirchenaustrittsbewegung der Jahre 1936 bis 1940. 

Die Hochachtung vor der Wahrheitsliebe der heidnischen Philosophen, Dichter und Denker der Antike war für das gebildete Bürgertum der Zeit um 1900 etwas Selbstverständliches. Zumindest soweit keine christlichen Auffassungen mehr hineinspielten. Sie war ja Teil der humanistischen Bildung. Und deshalb geht sie auch aus vielen Äußerungen von Mathilde Ludendorff hervor. Auch noch in Aufsätzen lange nach 1945.

Wenn diese Hochachtung heute an vielen Orten wieder verloren gegangen ist, wenn die Wissenschaft die Wahrheitsliebe und Aufrichtigkeit der antiken Philosophen, Dichter und Denker heute zum Teil sehr unterschiedlich beurteilt, dann darf man sich schon fragen, ob bei einer auffällig kritischen Beurteilung der Wahrheitsliebe dieser Philosophen, Dichter und Denker nicht auch immer noch oder wieder so manches typisch christliche Vorurteil und manche christliche Bigotterie mit einfließen.

Wo doch die archäologische Forschung die Wahrheit des von Tacitus Mitgeteilten in vielen, ganz unerwarteten Zusammenhängen bestätigen konnte.

Oftmals gewinnt man, was etwa auch die heutige Behandlung eines solchen Geschichtsschreibers wie des Publius Cornelius Tacitus betrifft, jenen Eindruck, den Schiller einmal in die klassischen Worte faßte:
"Es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen. Und das Erhabne in den Staub zu ziehn."
Wer dazu neigt, der steht in anderen geistigen Traditionen als denen der Aufklärung, der humanistischen Bildung und des naturalistischen Denkens.
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  1. von der Cammer (d. i. Walter Löhde): Von Tacitus bis Nietzsche. Die gedanklichen Grundlagen des Kulturkampfes in Aussprüchen und Meinungen aus zwei Jahrtausenden. Zusammenstellung widerchristlicher bzw. widerkirchlicher Äußerungen führender Männer der Geschichte und des Geisteslebens. Nordland-Verlag, Düsseldorf 1934 (116 Seiten)
  2. Löhde, Walter: Für Gewissens- und Glaubensfreiheit. Das Christentum im Urteil großer Dichter, Denker und Staatsmänner. Ausgewählt und herausgegeben von Walter Löhde. Nordland-Verlag, Berlin 1934 (185 Seiten); 3. Aufl. 11. bis 15. Tausend 1940; 4. Aufl. 16. bis 35. Tausend 1941
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