Freitag, 20. November 2015

Erich Ludendorff auf "Deutschen Tagen" 1923 bis 1925

Da der Blogartikel "Einhunderttausend Deutsche auf dem Deutschen Tag in Halle" erweitert wurde, werden bislang darin enthaltene Ausführungen zu anderen "Deutschen Tagen" in diesem neuen Blogartikel eingestellt und von bislang unveröffentlichte Ausführungen zu diesem Thema ergänzt.

Abb. 1: "Deutscher Tag, 2. Sept. 1923"
(Herkunft: Ebay, 4/2016)
Als völkischer Politiker, Reichstagsabgeordneter und "nationaler Heros" nahm Erich Ludendorff in den Jahren 1923 bis 1925 an zahlreichen sogenannten "Deutschen Tagen" teil. Diese "Deutschen Tage" (WikiHLB) gehen zurück auf eine Idee des völkischen Literaturhistorikers Adolf Bartels. Sie sollten eine machtvolle "Heerschau" oder Demonstration völkischer und nationaler Vereinigungen und Verbände sein. Der erste "Deutsche Tag" wurde 1913 in Eisenach abgehalten. Weitere folgten 1920 in Weimar, 1921 in Detmold, 1922 in Coburg, 1923 in Nürnberg und Bayreuth. An dem genannten in Nürnberg hat Erich Ludendorff teilgenommen. Dieser fand am 1. und 2. September 1923 statt, also zwei Monate vor dem Hitler-Ludendorff-Putsch vom 9. November 1923. Schon dieser Umstand macht die Brisanz solcher "Deutscher Tage" in der damaligen Zeit deutlich.

Abb. 2: Aufmarsch der Teilnehmer zum Deutschen Tag in Nürnberg, 2. September 1923
(Herkunft: Historisches Lexikon Bayerns)

September 1923 - "Deutscher Tag" in Nürnberg

Zum "Deutschen Tag" in Nürnberg  kamen 100.000 Teilnehmer (WikiFoto) (s.a. 2, S. 320; 3, S. 209, 224). Eine Fotografie zeigt Ludendorff beim Abschreiten einer Front von angetretenen paramilitärischen Einheiten zusammen mit dem Prinzen Ludwig Ferdinand von Bayern und zwei Admirälen (einer davon Ludwig von Schröder?).

Abb. 3: Deutscher Tag in Nürnberg, 2. September 1923 - "General Ludendorff schreitet die Front der Hakenkreuzler ab." (Fotograf: Georg Pahl)
Wohl ein Teilnehmer (oder handelt es sich im folgenden nur um eine Satire von Karl Kraus?) schrieb in seinem Tagebuch zum 2. September 1923 über ...
... den zweiten Redner, den katholischen Geistlichen Kaplan Roth, einen Führer in der deutschnationalen und völkischen Bewegung. Der Redner vergleicht die heutige Zeit mit einem Vulkan, auf dem das deutsche Volk wohne und der mit dumpfen Grollen neue Gefahren verkünde. Die völkische Frage sei brennend geworden und lasse sich nicht mehr hinausschieben. Christliche Nächstenliebe sei nicht dazu da, dass wir dabei zugrunde gingen -
Tausende und aber Tausende von Männern und Frauen und Kindern bildeten Spalier auf den Straßen und füllten als Neugierige die Fenster. Überall Festesstimmung und Begeisterung. Mädchen und Frauen an den Fenstern und auf den Straßen hielten Körbchen mit Blumen, um damit die Helden des Tages zu überschütten. Die Ungeduld steigerte sich von Minute zu Minute. Musik klingt in der Ferne. Und schon werden die mit Blumen, Fahnen und Wimpeln geschmückten Autos mit den Ehrengästen sichtbar, die dem Zuge voraus zum Hauptmarkt fuhren, wo die Aufstellung der Ehrengäste zur Abnahme der großen Heerschau vorbereitet war. Ich sah u. a. Ludendorff und den Kronprinzen Rupprecht nebst dem bayerischen Erbprinzen, Hitler, von Bothmer, von Hutier usw. Sie alle wurden mit Blumen überschüttet, der Jubel und die Freude wollten kein Ende nehmen. Den eigentlichen Zug leiteten starke Abteilungen der in Galauniform erschienen Landespolizei ein. Dann folgten die Vertretungen des Deutschen Offizierbundes, die Abordnungen der Kriegervereine, darunter auch die Regimentsoffiziere bis zum General hinauf, hierauf die zum Befreiungskampf entschlossenen Mannen. Weiterhin die Studentenverbindungen aus München, Erlangen, Würzburg usw. in vollem Wichs, dann folgten die nationalen Verbände: Reichsflagge, Frankenland, Wiking, Blücher, Bayern und Reich, Ober- und Unterland, Nationalsozialisten und andere.
- In der Festhalle im Luitpoldhain sprachen Kronprinz Rupprecht, Ludendorff und Admiral Scheer vor etwa 100- bis 150tausend Menschen. Die Begeisterung lässt sich nicht schildern, die "Heil"-Rufe wollen nicht enden! Auf einmal große Bewegung. Es kommt wieder Leben in die Massen. Hitler besteigt das Rednerpult, stürmisch und unaufhaltsam von Hunderttausenden begrüßt. Er spricht von deutscher Kraft und Einigkeit. Unvergesslich ist mir ein Satz aus seiner Rede: "Jeder müsse entschlossen sein, dem anderen das Gesetz der Vaterlandsliebe aufzuzwingen!"
- Ein beträchtlicher Teil der Festteilnehmer aber wanderte in langen Zügen zur Burg hinauf, um noch die Beleuchtung der Burg mitzumachen. Majestätisch ragte dieses deutsche Wahrzeichen in hellem Feuerschein empor, mahnend und warnend zugleich. "Deutschland, Deutschland über alles", so sangen Hunderttausende in die Nacht hinein. Sie schickten ihren Treuschwur zum Himmel in der festen Hoffnung, dass unser guter alter Gott uns bald aus dem Sklavenjoch befreien möge! Still und ernst schritt ich durch die engen Gassen der alten, schönen Stadt nach meinem Heim. Gedanken und Vorsätze stürmten auf mich ein (...), als mich eine Hand auf die Schulter klopfte.(...) Wir drückten uns stumm die Hände. Es war der stille Schwur zur Arbeit fürs Vaterland! Ehe wir uns trennten, erzählte er mir noch eine selbsterlebte Begebenheit von der Feier der "Reichsflagge" im Kulturverein Nürnberg. Dort überreichte der Vorsitzende des Kulturvereins dem General Ludendorff im Namen der Bevölkerung Nürnbergs einen herrlichen Blumenstrauss mit der Versicherung, dass man die Nichtbeflaggung der städtischen Gebäude anlässlich des Deutschen Tages niemals vergessen werde. Auch die Umbenennung des Hindenburg-Platzes in Rathenau-Platz werde unvergessen bleiben.


Abb. 4: Der Deutsche Tag in Nürnberg, 2.9.1923 (Fotograf: Georg Pahl)
Erich Ludendorff selbst schreibt in seinen Lebenserinnerungen über diesen "Deutschen Tag" eine Spur kühler, aber nur eine Spur (3, S. 238):
Zunächst äußerte sich der Deutsche Freiheitwille in dem Elende der Inflation, der Schmach der Besetzung des Ruhrgebietes und des Abbaues des passiven Widerstandes in den sogenannten "Deutschen Tagen". Diese waren natürlich ein Widersinn. Jeder Tag hätte für uns Deutsche ein Deutscher Tag sein müssen, aber so weit hatten sich Millionen Deutsche schon von ihrem Volkstum entfernt, dass tatsächlich in Deutschland Deutsche Tage am Platze waren. Zurückschauend freue ich mich des Deutschen Erlebens jener Tage, in denen die Deutsche Volksseele aus dem Rasseerbgut im Unterbewusstsein wieder in das Bewusstsein stieg und die Deutschen doch wenigstens wieder zu echter Begeisterung befähigte, wenn sie natürlich auch in ihren Zielen recht unklar waren und vor allem den Ernst nicht begriffen, den diese Bewegung zu geben hatte.
Der Deutsche Tag in Nürnberg am 1. und 2. September 1923 brachte tatsächlich Deutsche Tage. Die völkischen Kampfverbände: die "Reichsflagge", der Bund "Oberland", die Sturmabteilungen der NSDAP. waren in großer Stärke erschienen, daneben beteiligten sich auch Krieger- und andere Vereine und Tausende von Deutschen, die keinem Verbande angehörten. Es waren ungetrübte Feierstunden, nur bezeichnend war es, dass ein römischer Priester nicht im Ornat bei dem Feldgottesdienst sprechen konnte, der natürlich für die damalige Zeit unvermeidlich war. Es sprach ein römischer Priester, Pfarrer Roth, im schwarzen Rock. Ich habe diesen Priester persönlich schätzen gelernt, obschon er sich nicht von dem Zwange seiner Kirche freimachen konnte. Es sprach natürlich auch ein evangelischer Pastor. So war es üblich. Auch mir war damals der Gedanke noch nicht gekommen, dass mit christlichen Kirchen ein Deutscher Freiheitkampf nicht zu führen ist. So musste ich denn auch diese Reden über mich ergehen lassen. Meine Augen aber beobachteten während dieser Zeit einen Adler, der hoch in blauer Luft über dem Festplatz kreiste und dann langsam nach Westen zog. 
Diese Worte über den Adler decken sich erstaunlicherweise fast wortgleich mit Worten und Gedanken in Ansprachen, die einen Tag zuvor, am 31. August 1923 - nicht von Ludendorff - auf dem "Fliegergedenktag" auf der Wasserkuppe in der Rhön gehalten wurden, an dem Ludendorff ebenfalls mit Hunderttausenden von Menschen teilnahm als prominentester Teilnehmer zusammen mit dem flugbegeisterten Admiral Prinz Heinrich von Preußen (4).

Diese "Fliegergedenktage", an denen Ludendorff 1921 auch in München zusammen mit Gustav von Kahr teilgenommen hatte (siehe ein früherer Beitrag), erwähnt Ludendorff aber in seinen Lebenserinnerungen, soweit übersehbar, nicht. Dass es sich dennoch bei dieser Erinnerung Ludendorffs an einen in den Lüften kreisenden Adler nicht um eine irrtümliche Erinnerung Ludendorffs handeln wird, ist einer Stellungnahme aus dem Jahr 1926 zu entnehmen zu dem für dieses Jahr geplanten "Deutschen Tag" in Nürnberg unter der Schirmherrschaft des Kronprinzen Rupprecht. In dieser Stellungnahme heißt es (Deutsche Wochenschau vom 1. August 1926):
Es gab einmal einen "Deutschen Tag" in Nürnberg, der war am 2. September 1923; der Adler in den Wolken, der nach Westen zog, gab dem Tage das Gepräge. Kronprinz Rupprecht war nicht erschienen, der Tag war ihm zu völkisch. General Ludendorff und Hitler standen im Mittelpunkt der Feier; vor allem wurde Ludendorff stürmisch begrüßt und gefeiert. Das war zugleich das Signal für Rupprecht, gegen ihn Stellung zu nehmen, wie das wenige Tage darauf im N. D. O. in München erfolgte.
Tenor der Stellungnahme ist, dass General Ludendorff für 1926 nicht geladen worden wäre und deshalb auch alle seine Anhänger von diesem "Deutschen Tag" 1926 fernbleiben würden und sollten. Ludendorff schreibt jedenfalls über den Deutschen Tag im Jahr 1923 weiter:
Nach der Versammlung fand ein Vorbeimarsch der Verbände statt. Prinz Ludwig Ferdinand von Bayern, Herr Hitler und ich nahmen ihn ab. Hieran schloss sich eine Fahrt im Kraftwagen durch die geschmückten Straßen Nürnbergs, ein Sturm der Begeisterung umbrauste mich. Vielleicht sahen viele der Anwesenden nicht gern, wie ich durch die Teilnehmer des Festtages in den Mittelpunkt der Feier gestellt wurde, sie ließen einmal ihr Deutsches Blut sprechen, statt Weisungen der überstaatlichen Gewalten zu folgen. Ich besuchte auch die Veranstaltung der "Reichsflagge", des Bundes "Oberland" und der NSDAP., wo mich Herr Streicher begrüßte. Überall wurde ich in gleicher Weise gefeiert. In der gemeinsamen Veranstaltung hielt ich nachstehende Ansprache.
Abb. 5: Wohl auf dem Deutschen Tag in Nürnberg am 2. September 1923 (Fotograf: Georg Pahl)
Kernsätze dieser längeren Ansprache seien hier zitiert, um einen Eindruck davon zu geben, welche Gedanken Ludendorff mit sich trug als Teilnehmer jener Veranstaltungen und auf jenen Fotos, die es von damals von ihm gibt:
Die völkische Bewegung ist eine Volksbewegung. Sie eint und schafft ein Volk von Brüdern mit starker Staatsgesinnung. Sie wird bekämpft, weil sie selbstlos ist, von selbstsüchtigen Widersachern. Um sich durchzusetzen, muss die völkische Bewegung stark und kraftvoll sein, sie muss herrschen wollen. Deutsch sind wir geboren, und als Deutsche wollen wir leben. (...)

Das ist die große Aufgabe des Deutschen Volkes in der Welt: ihr und sich selbst Deutsche Art und damit die höchsten Tugenden zu erhalten. Verlieren wir diese große, erhabene Aufgabe nie aus den Augen, auch nicht in unserer Not und in unserem Elend. Haben wir kein hohes sittliches Ziel mehr auf der Welt, so haben wir auch keine Berechtigung zu leben, und sind reif für den Untergang. Das Deutsche Volk aber soll leben, weil es für sich und die Völker der Erde die Pflicht hat zu leben.
Mai bis August 1924 - "Deutsche Tage" in Halle, Marburg, Siegen und Weimar

Der "Deutsche Tag" in Halle im Mai 1924 war der letzte bedeutende der sogenannten "Deutschen Tage". Ihm ist ein eigener Beitrag hier auf dem Blog gewidmet. Erich Ludendorff nahm zwei Wochen nach diesem auch noch an einem "Deutschen Tag" in Marburg (25. bis 30. Mai 1924) teil (3, S. 305; 4) (der auf dem deutschen Wikipedia-Artikel derzeit gar nicht erwähnt ist). Er war vor allem von Studentenverbindungen getragen (3, S. 340f). In der Reichstagswahl vom 6. Mai 1924 (6, S. 35):
hatte der „Völkisch-Soziale Block“ mit den Spitzenkandidaten Ludendorff und Hitler in Marburg 17,7% der Stimmen bekommen.
Mitte Juni 1924 nahm Ludendorff an einem "Deutschen Tag" in Siegen teil (3, S. 342). Die Tagung der "Nationalsozialistischen Freiheitspartei" vom 15. bis 17. August 1924 in Weimar war ebenfalls mit einem "Deutschen Tag" verbunden. An ihr nahmen sowohl Erich Ludendorff wie auch seine spätere Frau Mathilde, damalige von Kemnitz, teil (3, S. 304, 321, 348-352).

September 1924 - "Deutscher Tag" in Münster

Am 14. September 1924 nahm Erich Ludendorff an einem "Deutschen Tag" in Münster teil. Dieser stand unter der Leitung des vormaligen Weltkriegsteilnehmers und Freikorpsführers Franz Pfeffer von Salomon (1888-1968). Derselbe sollte später für eine Zeit lang der Führer der SA werden. Er hatte Erich Ludendorff vormittags auf dem Bahnhof in Münster mit einer Ehrenkompagnie begrüßt und geleitete ihn in die Stadt zu einem Mittagsmahl (2010):
Das Programm sah folgende Punkte vor: Empfang am Bahnhof, Autofahrt über den Prinzipalmarkt, Mittagessen im Nobelhotel Fürstenhof (das spätere Kino am Marienplatz), Vereidigung von Studenten als SA-Trupp in einer städtischen Schulturnhalle.
Darüber hieß es in einem internen Polizeibericht (1, S. 15):
Der General Ludendorff, dessen Besuch den Vaterländischen Verbänden galt, traf vormittags 10.15 Uhr mittels Eisenbahnzuges hier ein. (...) Hauptmann a.D. Pfeffer von Salomon geleitete Ludendorff zu dem vor dem Bahnhof bereitstehenden Auto. Als Ludendorff den Bahnhofsvorplatz betrat, wurde von einem Teil der dort anwesenden Personen (im ganzen etwa 500) "Heil, Heil" gerufen. Ein anwesender Mann rief: "Da bist Du ja, Du Massenmörder" und streckte die Hand nach ihm aus, ohne ihn zu treffen. Er konnte ihn auch nicht treffen, weil er zu weit entfernt war. Ludendorff fuhr dann über Bahnhofsstraße, Salzstraße, Prinzipalmarkt, Ludgeristraße zum Fürstenhof. (...) Im Fürstenhof hat ein Mittagsmahl von 250 Gedecken stattgefunden.
Weiter heißt es in diesem damaligen Polizeibericht (1, S. 15, 16, 18):
Etwa gegen 4 Uhr nachmittags betrat Ludendorff die Stadthalle unter Zurufen der dort Anwesenden "Heil, Heil". Die Stadthalle war voll besetzt, jedoch waren die Gänge frei. (...) Von seiten Ludendorffs wurden 8 bis 10 Banner geweiht. In seiner Ansprache hob er ausdrücklich hervor, dass es Pflicht eines jeden sei, treu zum deutschen Vaterlande zu halten. (...) Anwesend waren auch 4 Fahnenabordnungen hiesiger Studentenverbindungen. Schluss der Versammlung 5 Uhr nachmittags.
Gegen 6 Uhr (...) wurden diese Organisationen in der Turnhalle von dem Hauptmann von Pfeffer auf Ludendorff vereidigt. (..) "Ich schwöre dem Führer Ludendorff Treue". (...) Ludendorff betonte, dass man sich unbedingt auf die Verbände müsse verlassen können. Wem es in denselben nicht passe, der solle lieber austreten. 
Die auswärtigen Verbände wie Rheine, Osnabrück und mehrere Städte des neu besetzten Gebietes stellten den weitaus größten Teil der Teilnehmer.
Und weiter:
Der Andrang zu der Versammlung war außerordentlich groß. (...) Die Anfahrt des Hochschulringes (...) erfolgte in etwa 8 Wagen, die mit Chargierten der einzelnen Korporationen besetzt waren. (...) Bei der Ankunft von Exzellenz Ludendorff an der Stadthalle wurde er von anscheinend bestellten Angehörigen der kommunistischen Partei mit "Bluthund", "Nieder mit dem Krieg" und ähnlichen Ausdrücken empfangen, worauf anwesende Nationalsozialisten mit ihren Stöcken auf die vorgenannten Personen einschlugen und diese schleunigst das Weite suchten. Der Vorfall hat sich so schnell erledigt, dass ein weiteres Eingreifen nicht notwendig war.
Vier Monate später heißt es in einem internen Polizeibericht in Münster (1, S. 19f):
Eine Völkisch-National-sozialistische Organisation, die als Opposition gegen die Richtung Ludendorff-von Gräfe anzusprechen ist, besteht hier nicht. Die hier existierende National-sozialistische Freiheitsbewegung vertritt die Richtung Ludendorff.

Vor dem Ludendorff-Tag in Münster am 14.9.1924 bildeten der Westfalentreubund und der Stahlhelm einen Bestandteil des Völkisch-sozialen Blockes. Diese Organisationen nahmen geschlossen an den Ludendorff-Veranstaltungen nicht teil und haben sich seitdem von der völkischen Bewegung losgesagt. Die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung ist die Nachfolgerin des Völkisch-Sozialen Blockes.
Und in einem Polizeibericht vom 18. April 1925 (1, S. 20):
Ein "Schlageter-Jugendbund" ist hier vor einigen Wochen gegründet worden. (...) Der Vorsitzende ist ein Hauptmann a.D. Stiefelhagen, hier wohnhaft. Zweck und Ziel dieses Bundes sind dieselben wie die der Nat.Soz.-Freiheitsbewegung. Er vertritt die Richtung Ludendorff. 
Inhalte der Rede Ludendorffs in Münster wurde einen Tag später auch von einer internationalen Presseagentur verbreitet.

Abb. 6: Internationaler Pressebericht über Ludendorff in Münster, September 1924
Darin heißt es (eig. Übersetz.):
Ludendorff, Führer der faschistischen Partei in Deutschland, stellte heute in einer Rede in Münster, wo tausende von Nationalisten versammelt waren, eine neue Version von Deutschlands Kriegsschuld vor: "Das deutsche Volk als Ganzes war nicht schuld am Ausbruch des Krieges," sagte Ludendorff, "aber es gibt Männer, die einen Anteil an der Schuld haben. Es sind dies jene Führer, die es 1912 unterließen, jene Rekruten einzuziehen, die von der Armee gefordert worden waren." 
Erich Ludendorff war ja 1912 die treibende Kraft der Heeresreform gewesen und wurde um dessentwillen Anfang 1913 strafversetzt nach Düsseldorf. So ein kleiner Ausschnitt aus dem politischen Wirken Ludendorffs in den Jahren 1923 und 1924. Aber es folgten offenbar noch zahlreiche kleinerer solcher "Deutscher Tage".

1925 - "Deutscher Tag" in Aue/Erzgebirge

Abb. 7: "Etwa 1925" Ort, Zeit und Anlass sind nicht genannt (- möglicherweise Deutscher Tag in Aue/Erzgebirge?)
1925 nahm Erich Ludendorff an einem "Deutschen Tag" in Aue im Erzgebirge teil (3, S. 321, 352). Auf einem dieser Tage könnte das Foto aus Abb. 2 gemacht worden sein. Als Erich Ludendorff ein Jahr später, am 1. April 1926 an einer Bismarckfeier in Chemnitz teilnahm, zu er auch viele Anhänger aus Aue gereist kamen, sagte er dort (Deutsche Wochenschau, 11.4.1926):
Ich habe mich gefreut, auch meine Freunde aus Aue hier begrüßen zu können, gerade ihnen möchte ich sagen, wie gern ich zurückdenke an die Tage dort im vorigen Jahre.
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  1. Meldungen aus Münster 1924 - 1944. Geheime und vertrauliche Berichte von Polizei, Gestapo, NSDAP und ihren Gliederungen, staatlicher Verwaltung, Gerichtsbarkeit und Wehrmacht über die politische und gesellschaftliche Situation in Münster. Eingeleitet und bearbeitet von Joachim Kuropka. Verlag Regensberg Münster
  2. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938, nach S. 352
  3. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag GmbH, München 1941 (12. - 16. Tsd.)
  4. Zirlewagen, Marc: "Bekenntnis für den deutschen nationalen Gedanken." Ludendorffs Besuch der Deutschen Tage in Marburg im Mai 1924, in: "Einst und Jetzt. Jahrbuch für corpsstudentische Geschichtsforschung", Bd. 51/2006, S. 235 - 241
  5. Jenrich, Joachim: Das Fliegerdenkmal auf der Wasserkuppe. Der größte Tag der Wasserkuppe. Ein spannender Bericht. In: ders.: Die Wasserkuppe - Wissenswertes über einen interessanten Berg in der Rhön. Auf Rhoenline.de, 2004
  6. Kleinert, Hubert: Die NS-Vergangenheit ehemaliger politischer Funktionsträger im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Bericht an den Kreisausschuss/Kreistag Marburg-Biedenkopf. Hessische Hochschule für Polizei und Verwaltung (Gießen), Marburg 2013 (freies pdf
  7. Kraus, Karl: Gesammelte Glossen. Jazzybee Verlag Jürgen Beck, Altenmünster 2012 (197 S.) (GB)

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