Mittwoch, 9. Januar 2013

Erneut üble "Schmähungen der NSDAP und Adolf Hitlers"

Unerhört! Und durch wen? - "Wieder einmal" durch die Ludendorff-Bewegung! Zeter mordio!

Oder: Eigenartige Neuigkeiten aus der Wissenschaft. Die teilweise reichlich "merkwürdige" Begriffsverwendung der Bettina Amm und der "merkwürdige" Tenor in ihrer Anlayse der Ludendorff-Bewegung im Dritten Reich

Der neu erschienene Aufsatz der Historikerin Dr. Bettina Amm über "Die Ludendorff-Bewegung im Nationalsozialismus" (1) enthält mancherlei interessante Inhalte, die an anderer Stelle noch einmal erörtert werden sollen.

Im vorliegenden Beitrag soll zunächst nur die reichlich zu Verwunderung Anlaß gebende Tatsache behandelt werden, daß in ihm ohne weitere Eröterung Ausdrücke verwendet werden wie "Schmähungen" (1, S. 129, 130, 131) oder "Hetzpropaganda" (1, S. 133, 136). Ein recht auffallender Befund! Hatte doch schon der evangelische Theologe Frank Schnorr in seiner Disseration über Mathilde Ludendorff aus dem Jahr 2002 soweit übersehbar eine solche Sprache - man möchte sagen: natürlich - nicht benutzt. Er spricht durchgängig und wissenschaftlich angemessen zurückhaltend bis neutral von "polemischen Schriften" Erich und Mathilde Ludendorffs (7).

"Schmähkritik" ist ja auch von juristischer Bedeutung (s. Wikip.). Allerdings wird der Begriff der "Schmähung von Religionen" heute insbesondere in Bezug auf das Thema Islamkritik diskutiert. In der FAZ war vor einigen Monaten zu lesen (FAZ, 17.9.2012):
... Besondere Sprengkraft entfaltet die Schmähung von Religionen. Strenggenommen geht es dabei vor allem um eine einzige - den Islam. Denn das Verächtlichmachen des Christentums gehört auch im Westen zum Standardprogramm kritischer Aufklärung.  
"Standardprogramm kritischer Aufklärung". So möchte man es doch wohl auch meinen. Und angesichts dieses fast seit Jahrhunderten üblichen "Standards" fragt es sich nun, welches Selbstverständnis eigentlich die Historikerin Bettina Amm hinsichtlich desselben hat. Sie erörtert dies in ihrem Aufsatz an keiner Stelle. Man kann dasselbe nur implizit ihren Worten und Ausführungen entnehmen, sowie dem Gesamttenor des Aufsatzes überhaupt. Denn ganz besondere Merkwürdigkeit entfaltet ihre Begriffsverwendung, wenn sie nicht nur von einer "Schmähung" der Religionen oder der Kirchen spricht. Sondern im gleichen Atemzug auch von einer "Schmähung" der NSDAP und ihres - offenbar gottgesandten (?) - Führers Adolf Hitler!

Abb. 1: Hans Günther Strick - Antiklerikale Karrikatur in der Wochenzeitung "Volkswarte", 14. 3. 1958
"Schmähung" ist ein anderes Wort für "Beleidigung", "Beschimpfung", "Erniedrigung", "Verunglimpfung", "Verlästerung", "Herabsetzung" etc.. Der offenbar gottgesandte Führer Adolf Hitler und seine glorreiche Partei sind also von der Ludendorff-Bewegung - - - "geschmäht", verunglimpft worden. Unglaublich, möchte man ausrufen! Wie konnte sie es nicht unterlassen, den gottgesandten Führer Adolf Hitler Jahre lang herabzusetzen und ihn der übelsten Pläne und Machenschaften zu verdächtigen. Unglaublich einfach das!

Nicht zuletzt in einer solchen "tendenziellen" Wortverwendung, wie sie eigentlich "tendenzieller" nicht gedacht werden kann, liegt es begründet, daß sich der Artikel von Bettina Amm über weite Strecken überraschenderweise so liest wie ein Artikel aus der Zeit des Kulturkampfes oder des Kirchenkampfes selbst - also aus längst vergangenen Jahrhunderten. Im ersten Augenblick möchte man sagen: Wird so heute katholische Lobbyarbeit betrieben? Aber bei genauerer Überlegung mutet ein solches Vorgehen zunächst viel zu plump und naiv an, um es als einer bewußten Lobbyarbeit entsprungen anzusehen. (Aber wer weiß, womit man heute alles rechnen muß ...? Vielleicht haben sich irgendwelche Kreise gesagt: Probieren wir's doch einfach mal so. Wird schon keiner merken ... - ?)

Nein, nicht wie ein abgewogener Artikel aus heutiger Sicht und in abgeklärter, rückschauender Betrachtung schreibt Bettina Amm über weite Strecken. Und sie macht sich und anderen in sehr verräterischer Weise offenbar auch gar nicht die Prämissen klar, aus denen heraus sie urteilt. Auch scheint das jenen Historikern, die diesen Aufsatz als einen Vortrag auf einer Tagung sich angehört haben und die denselben in ihren Sammelband aufgenommen haben, kaum aufgefallen zu sein. (- ?)

Klerikalfaschismus - in der heutigen Wissenschaft?

Sind die Prämissen dieses Aufsatzes wirklich die Prämissen offener, demokratischer Gesellschaften, in denen Meinungsfreiheit herrscht, und in denen - auch, natürlich: auch - die katholische Kirche "nach Herzenslust" kritisiert werden kann? (Vergleiche dazu auch die beiden Karrikaturen aus der Ludendorff-Bewegung der 1950er Jahre in Abb. 1 und 2, die so treffend noch auf die heutige Zeit passen.) In der die strikte Trennung von Kirche und Staat gefordert werden kann? In der Schwarze Pädagogik ebenso kritisiert werden kann wie sexuelle und sonstige Gewalt gegen Kinder? Oder die Liguori-Moral, bzw. überhaupt die Moral der katholischen Kirche und der Bibel? In der die Kirchengeschichte kritisch behandelt werden kann?

Steht die Autorin Bettina Amm über weite Strecken wirklich auf dem Boden des Grundgesetzes? Oder steht sie im Innersten ihres Herzens auf der Seite jener, die durch die Diktatur des Nationalsozialismus - und des Faschismus in anderen Ländern - alle Kritik am Christentum und an der katholischen Kirche geknebelt wissen wollten? (- Oder gar: wollen?) Genau so nämlich liest sich ihr Artikel in einem neuen wissenschaftlichen Sammelband (1).

Erich Ludendorff hat, wie Bettina Amm vielleicht wissen könnte, die letztgenannte Gruppierung, also jene, die durch die Diktatur des Nationalsozialismus die Kritik am Christentum und an der katholischen Kirche geknebelt wissen wollten, oder die begrüßten, daß der Antritt des Dritten Reiches damit verbunden sein würde, unter anderem in einem Leitartikel gegeißelt mit dem Titel "Nationalsozialisten als Würger" (in seiner Wochenzeitung vom 20. März 1933 als Leitartikel). Dieser Artikel behandelte die freudige Erwartung auch auf Seiten evangelischer (!) Kirchenkreise, nämlich des evangelischen Presseverbandes im Februar 1932, daß das kommende Dritte Reich auch die böse, böse und kirchenkritische Ludendorff-Bewegung abwürgen würde.

Und Bettina Amm ist nun eine späte (- oder frühe?) Sympathisantin dieser - letztlich typisch klerikalfaschistischen - Kreise - ? Oder macht sie sich - und machen sich ihre Kollegen - nicht klar, was ihre Worte implizieren? Sie implizieren eine Zustimmung zur Geistesknebelung durch den Nationalsozialismus.

Kritik an Hitler und der Kirche - wurde sie mit Recht unterdrückt?

An keiner Stelle verdeutlicht nämlich Bettina Amm, mit welchem äußeren oder inneren Recht die Nationalsozialisten der Meinungsfreiheit der Ludendorff-Bewegung Einschränkungen hätten auferlegen dürfen oder sollen. Stärker noch Einschränkungen auferlegen, als dies während der gesamten Weimarer Republik geschehen war. Und sie verdeutlicht nicht, mit wieviel etwaigem "Unrecht" Erich Ludendorff dagegen dann auch noch protestierte. Wie konnte er!? Sie erörtert etwa die ganze damalige Problematik der "Gotteslästerungs-Paragraphen" an keiner Stelle. Eine Problematik, die Erich und Mathilde Ludendorff Jahre lang kontinuierlich im Auge behielten, nachdem Mathilde Ludendorff um einer Buchrezension willen auf Anregung des bischöflichen Ordinariats München wegen Gotteslästerung angeklagt worden war (vgl. ihre Schrift "Angeklagt wegen Religionsvergehen").

Die damalige Ludendorff-Bewegung nahm gegenüber dem Nationalsozialismus und gegenüber der katholischen Kirche nur jene Meinungsfreiheit für sich in Anspruch, jenes "Standardprogramm kritischer Aufklärung", wie sie damals alle gesellschaftlichen Gruppen für sich in Anspruch nahmen, die sich nicht bigotter christlich und/oder klerikalfaschistisch gaben, als es unbedingt hätte sein müssen (siehe auch: 2).

Abb. 2: Hans Günther Strick - Karrikatur in der Wochenzeitung "Volkswarte", 31. 1. 1958
Man erinnert sich nicht, jemals im wissenschaftlichen Schrifttum über die Geschichte der Ludendorff-Bewegung derartige Vorwürfe und einen solchen Tenor überhaupt gelesen zu haben. Aber vielleicht hat man das nur überlesen? Vielleicht hat man nur an der falschen Stelle gelesen? Vielleicht hätte man häufiger Kreuz.net oder Verlautbarungen der Pius-Bruderschaft lesen sollen? Und vielleicht hätte Bettina Amm dort publizieren sollen, anstatt mit einem solchen Tenor in wissenschaftlichen Sammelbänden zu publizieren?

Wer es mit Häme begrüßt, wenn Kirchen- und Christentumskritik schlechthin mit Hilfe von Diktatur unterdrückt wird, was soll man denn von einem solchen Menschen denken? Heutzutage - ? Was ist einem solchen Menschen sonst noch alles zuzutrauen? Und seinem - offenbar religiös motivierten - Denken?

"Écrasez l'infâme!" - "Zermalmt die Niederträchtige!"

Bettina Amm zeigt ja gar nicht auf, welche Komponenten der Kritik der Ludendorff-Bewegung an der katholischen Kirche (oder gar an Adolf Hitler!) etwa im heutigen Sinne oder im Sinne der Weimarer Verfassung verfassungsfeindlich gewesen sein könnten. Oder was etwa sogar ein "Standardprogramm kritischer Aufklärung" weit überschreiten würde. Diese Mühe gibt sie sich ja nirgendwo. Und dies aufzuzeigen, eine Grenze aufzuzeigen zwischen berechtigter Kirchenkritik und unberechtigter, wäre das erste Erfordernis, bevor man so freiweg und pauschal von "Schmähungen" und "Hetzpropaganda" schreibt.

Eine solche Unterscheidung dürfte auch gewiß nicht ganz einfach sein und ist wohl auch noch nirgendwo in der wissenschaftlichen oder juristischen Literatur umfangreicher versucht worden. Die Ludendorff-Bewegung wandte sich ja deshalb auch zu allen Zeiten gegen die Verschärftung von "Gotteslästerungs-Paragraphen". Denn sie wollte ebenso klar und deutlich wie Voltaire sagen dürfen: "Écrasez l'infâme!" "Zermalmt die Niederträchtige!"

Immer wieder sieht man Anlaß für die Vehemenz einer solchen Forderung. Zuletzt - und immer noch - der fortdauernde Umgang der katholischen Kirche weltweit mit der Mißbrauchs-Debatte. Und damit ist nur ein einziger Anlaß genannt. Bettina Amm hätte vielleicht einmal die Berliner Anti-Papst-Demo im letzten Jahr besuchen sollen, wo ein als Bischof verkleideter Demonstrant mit der Klobürste das Weihwasser auf alle Mitdemonstranten verteilte? Natürlich auch "Hetzpropaganda" und "Schmähungen" übelster Art. Klar! Aber was haben solche Beurteilungen in wissenschaftlichen Arbeiten zu suchen? Zumal in der heutigen Zeit in - - - nichtislamischen Ländern?

"Das Haus Ludendorff konnte sich nicht enthalten zu schmähen"

Wenn die Ludendorff-Bewegung in der Demokratie der Bundesrepublik verboten worden ist, so doch nicht wegen ihrer Kritik an der katholischen Kirche!? Oder ist einem da etwas völlig entgangen? Das ganze liest sich dann bei Bettina Amm jedenfalls so (1, S. 129):
Das Haus Ludendorff konnte sich nicht enthalten, zahlreiche Schmähschriften gegen die NSDAP und auch Hitler zu veröffentlichen ...
- Gemeint ist noch die Zeit vor 1933. "Schmähschriften"? Über die NSDAP und Hitler? Ist ja unerhört! (Die gleiche Wortwahl noch einmal auf S. 130.) Und dann weiter:
... natürlich hatte das unliebsame Folgen.
"Natürlich"! "Natürlich"! Allerdings. Außerordentlich nett! Faschismuskritik - nach den Worten von Bettina Amm "Schmähschriften" - hatten "unliebsame Folgen"!!!! Merkt denn Bettina Amm gar nicht, merken denn ihre Herausgeber gar nicht, was sie da niederschreibt? Leute landen im KZ. Leute kriegen von der SA die Hände gebrochen. Weil sie antikatholische und antiklerikale Karrikaturen veröffentlicht hatten. Oder werden zusammengeschlagen. Nun, Bettina Amm sagt: "Natürlich hatte das unliebsame Folgen"!!!! So schreibt sie im Jahre 2012 nach Christi Geburt. Daß - schmähende - Mohammed-Karrikaturen veröffentlicht wurden, hatte - "natürlich unliebsame Folgen". Was für ein Denken spricht sich aus in solchen Worten?

Nun. Ist ja "nur die Ludendorff-Bewegung", oder wie? Die Ludendorffs "konnten sich nicht enthalten", ihre Gegnerschaft publik zu machen! Was sollen denn all solche Redewendungen? Konnten sich auch die Sozialdemokraten - - - "nicht enthalten", ihre Gegnerschaft gegen die NSDAP publik zu machen? Und ... - - - - "natürlich hatte dies unliebsame Folgen"!? Sind wir schon wieder so weit? Daß in einer solchen Häme über Widerstand gegen den Nationalsozialismus geschrieben werden kann?

Unerhört, Erich Ludendorff änderte sein Verhalten nicht im Angesicht der Machtergreifung!

So lautet der Tenor der Bettina Amm über die Zeit der Heraufkunft der NS-Diktatur (1, S. 129):
Statt jedoch das Verhalten zu ändern, bereitete er (Ludendorff) sich auf ein solches Verbot vor.
Man hört es deutlich mit: Bettina Amm hätte es scheinbar lieber gesehen, wenn Erich Ludendorff sein Verhalten geändert hätte und die Nationalsozialisten und die katholische Kirche nicht kritisiert hätte - ? Insgesamt wirklich ein wenig absurd. Und keinem der beteiligten Historiker fällt das auch nur auf? Ist etwa alles allein durch die sehr offensichtlich prokatholischen Gefühle der Autorin entschuldigt? Ist denn Bettina Amm nicht geradezu ein klassisches Beispiel dafür, wie dicht katholisches Denken und geradezu das Herbeiwünschen von Diktatur noch heute sind? Wie aktuell klerikal-faschistisches Denken noch heute ist? Man entschuldige schon! "Statt jedoch das Verhalten zu ändern ..." steht da. Man entschuldige schon.

Bettina Amm führt dann weiter aus, daß viele Nationalsozialisten - wohlgemerkt: nach der Festigung ihrer Herrschaft! (was Bettina Amm nicht erwähnt!) - Kritik an der katholischen Kirche durchaus wieder duldeten oder gar gerne sahen. Natürlich nur, wenn dabei nicht mehr gleichzeitig auch die NSDAP kritisiert wurde. Natürlich! Einmal gebrochene Finger reicht ja wohl - oder? Und sie führt aus, daß der Tannenbergbund wegen seiner Kritik an der NSDAP, nicht wegen seiner antikatholischen Polemik verboten worden sei (1, S. 132). Das ist ihr also offenbar höchst wichtig. Warum bekommt man an dieser Stelle wieder das Gefühl, daß Bettina Amm es lieber gesehen hätte, wenn der Tannenbergbund wegen seiner antikatholischen Polemik schlechthin verboten worden wäre? Aber nein, so schreibt sie enttäuscht (1, S. 132):
... keineswegs sollte der "Kulturkampf" des Hauses Ludendorff davon betroffen sein!
Nämlich von dem Verbot des Tannenbergbundes. "Kulturkampf" soll heißen die Kritik der Ludendorff-Bewegung an der katholischen Kirche. Auch schon die "tendenziöse" Verwendung des Begriffes "Kulturkampf" ist kein wissenschaftlich neutraler Begriff in diesen Zusammenhang. Man spürt jedenfalls ein Bedauern in den Worten der Bettina Amm. Ein Bedauern, das ein wenig verräterisch ist bezüglich ihres Selbstverständnisses was - - - "Schmähungen der Religionen" betrifft. (Wobei die historische Richtigkeit des hier Behaupteten beileibe nicht bestätigt werden soll. Schließlich spricht Bettina Amm über die Zeit des Reichskonkordats und der "Gott segne unseren Führer Adolf Hitler!"-Euphorie in den christlichen Kirchen. Demgegenüber muß sich doch eine Bewegung und ihr Führer dankbar erweisen ...)

"Zügellose Hetzpropaganda gegen die katholische Kirche"

Und über die Zeit, nachdem sich auch der Ludendorffs Verlag den Bedingungen der - von vielen Beamten der evangelischen und katholischen Kirche begrüßten - Diktatur und Geistesknebelung untergeordnet hatte, um wenigstens noch insoweit zu wirken, wie es ihm möglich und sinnvoll erschien (unter, wie man unter Ludedorff-Anhängern und darüber hinaus sagte "Pfaffen- und Naziherrschaft") - über diese Zeit also schreibt Bettina Amm (1, S. 131):
Das Haus Ludendorff hatte innerhalb bestimmter Grenzen seine Lektion gelernt.
"Seine Lektion gelernt" - was spricht auch wieder aus diesen Worten!? In der Summe der Bewertungen und Redewendungen wird einfach deutlich, daß Bettina Amm diktatorischen Maßnahmen gegen Kirchenkritik keinesfalls abgeneigt gegenüber zu stehen scheint. Offensichtlich wäre Bettina Amm ganz damit einverstanden gewesen, wenn sich der Nationalsozialismus noch mehr als "Würger" antichristlicher und antikirchlicher Kritik betätigt hätte. Anders kann der Tenor ihrer Worte nicht verstanden werden. Sie schreibt dann schließlich sogar von einer (1, S. 133)
an Zügellosigkeit kaum zu überbietenden Hetzpropaganda gegen die katholische Kirche.
Natürlich wieder durch die Ludendorff-Bewegung. Ist ja wirklich unerhört so was! - Oder wie? Und so auch noch einmal an einer weiteren Stelle (1, S. 136). Womit wohl endgültig deutlich wird, daß solche Ausführungen auf Kreuz.net gehören, aber nicht in wissenschaftliche Publikationen.

Ist es "Hetzpropaganda" zu fragen, ob die Hölle ein Bestandteil der Kindererziehung sein sollte?

Wobei noch zu bemerken ist, daß die Kritik der Ludendorff-Bewegung an der katholischen Kirche gewiß nicht - wie Bettina Amm nahelegt - der Devisenschieber-Prozesse in jenen Jahren bedurft hätte, um ausreichend Anlaß zu Kritik zu finden. Die Devisenschieber- und Sittlichkeits-Prozesse waren innerhalb der Kirchenkritik der Ludendorff-Bewegung ein völlig untergeordnetes Thema. Aber natürlich ein auch behandeltes Thema.*) Das scheint Bettina Amm völlig entgangen zu sein. Warum auch hätte die Ludendorff-Bewegung dieses Thema nicht behandeln sollen? Aus heutiger Sicht hätte sie selbst - und jeder sonst - sich noch viel intensiver mit diesen Prozessen beschäftigen müssen, insbesondere die katholische Kirche selbst, ja, auch alle Kirchenkritiker (3 - 5)! Die Auswertung derselben stellt nämlich weiterhin - unter Kirchensympathisanten wie -kritikern - ein wissenschaftliches Desiderat dar (3 - 5).

Und ist es nicht - nur als Beispiel - auch heute noch zeitgemäß zu fragen, ob die Vorstellung von "der Hölle" ein "Bestandteil der Kindererziehung" sein sollte (1, S. 134)? Bettina Amm jedoch spricht stattdessen - einigermaßen süffisant - von "sensationelle(n) 'Enthüllungen'" (1, S. 134). Und reiht derartige Fragen offenbar ebenfalls ein unter die Kategorie "Schmähungen" und "Hetzpropaganda". In ähnlichen Zusammenhang scheint sie die von Mathilde Ludendorff kritisierte christliche Hexenverfolgung im Mittelalter einzuordnen (1, S. 134). Und kaum ein anderes inhaltliches Thema der Kirchen- und Christentumskritik der Ludendorffs wird in dem ganzen Aufsatz überhaupt nur benannt. Es wird auch nicht der Anflug einer Argumentation oder eines Beleges dafür geliefert, daß es sich bei der Kirchen- und Christentumskritik der Ludendorff-Bewegung um "Schmähungen" und "Hetzpropaganda" gehandelt habe. Das scheint für Bettina Amm so selbstverständlich wie wenig anderes zu sein.

Interessant ist es übrigens auch, daß Bettina Amm - aus ihrem offenbar katholischen Denken heraus - der Meinung ist, religiöse Schriften könnten die Macht eines (religiösen oder gar politischen) Führers "beschränken" (1, S. 128). Im ersten Augenblick sagt man sich: Doing, doing! Klopf, klopf an Gehirnschale. Auf eine solche schrille These kommt man wohl nur aus katholischem Denken heraus. Möchte sie damit etwa sagen, daß die Bergpredigt jemals die Macht eines religiösen oder gar politischen Führers "beschränkt" hätte? Spricht denn nicht die 2000-jährige Kirchengeschichte und allgemeine Geschichte auf fast jeder ihrer Seiten gegen eine solche These?

Aber bei genauerem Nachdenken wird natürlich klar: Religiöse Schriften stellen einen Machtfaktor dar, der andere Machtfaktoren einschränkt. Aber von solchen Machtfaktoren gibt es in der Geschichte unzählige. Von politischen, wissenschaftlichen, philosophischen oder Gesetzes-Schriften könnte das gleiche gesagt werden. Warum sind ihr gerade die religiösen so wichtig? Und vor allem käme es ja doch immer darauf an, in welchem Sinne Macht beschränkt - oder, was ja im Gegenteil auch ganz genauso der Fall ist - Macht erweitert wird durch einen bestimmten Machtfaktor, eben etwa durch "Schriften".

Wenn etwa die Macht der deutschen Kaiser im Investiturstreit "beschränkt" wurde, dann wurde sie beschränkt vornehmlich durch die Herrschgier der Priester, die sich auf religiöse Schriften berufen haben, nicht durch die Existenz religiöser Schriften an sich. Aber vielleicht meinte Ernst Troeltsch, auf den sich Bettina Amm bei dieser Behauptung beruft, vor allem auch ein eher protestantisches Prinzip. Die Buchstabengläubigkeit protestantischer Gruppierungen bis hin zur Bekenntniskirche, ihre Störrischkeit und Eigensinnigkeit haben natürlich auch einen für andere Gruppen machteinschränkenden Machtfaktor dargestellt, ohne Frage. Man wird das alles noch einmal bei Ernst Troeltsch nachlesen müssen, worauf Bettina Amm hier wirklich gezielt haben könnte.

Heute jedenfalls, so möchte man meinen, werden es doch vor allem Gesetzesschriften und juristische Schriften sein, sowie Meinungs- und Informationsfreiheit, eine freie Presse und aufgewachte und engagierte Bürger, die die Macht eines (religiösen oder gar politischen) Führers "beschränken" können. Nicht gerade und ausgerechnet - - - religiöse Schriften!

Vom Tenor jedenfalls über weite Strecken wirklich etwas sonderbare, merkwürdige - Neuigkeiten aus der Wissenschaft.

Nachtrag (Literaturhinweis)

*) (16. 1. 2013): Eine 2004 erschienene Dokumentation zur Thematik (6), auf die Bettina Amm womöglich noch gar nicht aufmerksam geworden ist, die sie jedenfalls in ihrem Aufsatz nicht zitiert, dokumentiert auf etwa 200 Seiten jeweils fast tagesaktuelle Stellungnahmen Erich und Mathilde Ludendorffs zum Kirchenkampf, bzw. allgemeiner zu allen Fragen rund um die "Glaubenskrise im Dritten Reich" und zur damit verbundenen ersten großen Kirchenaustrittswelle in Deutschland (ab 1935). Darin sind enthalten vor allem aktuell und nicht in Buchform behandelte Themen im Zusammenhang von Kirchen- und Christentumskritik. Der Fokus dieser Dokumentation liegt zwar nicht auf der Auseinandersetzung mit der katholische Kirche. Würde diese Auseinandersetzung jedoch zusätzlich vollständig dokumentiert, würde darin der Anteil der Stellungnahmen und Berichte über die Devisenschieber- und Sittlichkeitsprozesse noch mehr zu einer Nebensächlichkeit versinken, als er schon in diesem Band tut. In dem Band sind solche Stellungnahmen auf etwa drei von 200 Seiten dokumentiert (6, S. 186, 188, 198, 202f).

Im Anhang dieses Bandes (6, S. 317 - 320) werden unter "Nachweise zu in diesem Band nicht ausführlich behandelten Themen" fünf Aufsätze zum Themenbereich "Aufklärung über den christlichen Hexenglauben", 20 Aufsätze zum Themenbereich "Kampf gegen den Gotteslästerungs- bzw. Ketzer-Paragraph 166", acht Aufsätze zu "Kirchensteuer-Fragen", 14 Aufsätze zum Themenbereich "Kampf gegen die Teilnahme-Pflicht der Kinder am christlichen Religionsunterricht", vier Aufsätze zum Themenbereich "Skandal-Prozesse gegen die katholische Kirche: Devisenvergehen und § 175" (!), elf Aufsätze zum Themenbereich "Auseinandersetzung um die (bibelkritische Schrift) 'Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort!" angeführt.

Wenn diese Studie also einigermaßen ordentlich sollte erarbeitet worden sein und damit diese Nachweise einigermaßen vollständig wären, würde sich ungefähr ein Überblick ergeben über den umfangmäßigen Anteil der Behandlung der jeweiligen Themen an der "Gesamtproduktion". Die Behandlung der Thematik der Devisenschieber- und Sittlichkeitsprozesse würde also keineswegs heraustechen, sondern würde sich vielmehr als durch und durch "randständig" erweisen. Zumeist viel grundlegendere Fragen würden weitaus umfangreicher behandelt. Womöglich wäre es also dienlich gewesen, wenn sich Bettina Amm zunächst einmal auch in diesem Band einen Überblick verschafft hätte, ihn womöglich kritisch überprüft und rezensiert hätte, bevor sie ihren eigenen Aufsatz verfaßte und darin - ohne jede schriftlich niedergelegte Argumentation, Reflexion oder Begründung - Begriffe verwendete wie "Hetzpropaganda".

- Wie konnte ihr dieser Band aus dem Jahr 2004 eigentlich entgehen, wo er schon seit mehreren Jahren beispielsweise auf dem Wikipedia-Artikel zu Mathilde Ludendorff verzeichnet ist und auch auf dem "Karlsruher Virtuellen Katalog" derzeit neun mal für den deutschsprachigen Raum katalogisiert ist? Nämlich für die Nationalbibliotheken von Leipzig und Frankfurt am Main, die Universitätsbibliothek Gießen, die Erzbischöfliche Dombibliothek Köln, die Bibliothek der Evangelischen theologischen Fakultät Tübingen, die Fachbereichsbibliothek Geschichte der Universität München, die Landesbibliothek Kiel, die Universitätsbibliothek Greifswald und die Bibliothek des Konservatismus Berlin.

Eine Durchsicht dieses Bandes jedenfalls ergibt auf den ersten Eindruck keineswegs, daß es sich hier in der Mehrheit der Texte um oberflächliche, argumentativ billige "Hetzpropaganda" handelt. Sondern um durch und durch rationale, nachvollziehbare Stellungnahmen zu den öffentlich breit erörterten Fragen jener Zeit. Und wenn Erich Ludendorff etwa im Dezember 1933 einen Leitartikel über die Vorgänge in der evangelischen Kirche unter der Überschrift "Es kracht!" erscheinen ließ, so konnte, wie man in diesem Band nachlesen kann (6, S. 81), auch noch ein Wilhelm Niemöller in einer kirchengeschichtlichen Darstellung des Jahres 1948 diese Worte aufgreifen, sie am Anfang seines eigenen diesbezüglichen Kapitels zitieren, um dann weiter ausführen: "Es krachte wirklich." Und auch für die Kapitelüberschrift selbst wählte er die Charakterisierung Erich Ludendorffs, wenn er es nannte: "Der große Krach". - "Hetzpropaganda", übernommen von einem der bedeutendsten Historiker des Kirchenkampfes? Dies nur als ein Zeugnis dafür, daß die Stellungnahmen des "Hauses Ludendorff" zum Kirchenkampf und der nachfolgenden Kirchenaustrittsbewegung durchaus auf zustimmenden Widerhall stoßen konnten selbst unter führenden Vertretern der evangelischen und der bekennenden Kirche. (Wilhelm Niemöller war ja der Bruder von Martin Niemöller.)

Ergänzung (20.5.2015)

Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass Bettina Amm ihren Artikel auch sonst nicht sehr gründlich recherchiert hat. So finden sich folgende grotesken Falschbehauptungen (S. 146f):
Sie versucht, ihre durch "Ahnungen" und "überwache" Zustände gewonnenen "Erkenntnisse" wissenschaftlich zu unterlegen.
"Unterlegen" ist nicht richtig ausgedrückt. Wichtig war Mathilde Ludendorff vor allem - und bleibt entsprechend des Grundansatzes ihres philosophischen Denkens bis heute, dass die philosophischen Erkenntnisse nicht im Widerspruch zum naturwissenschaftlichen Kenntnisstand der Zeit stehen dürfen (wie die überkommenen religiösen Lehren). Außerdem können sich nach Mathilde Ludendorff philosophische und naturwissenschaftliche Erkenntnisse sehr oft sinnvoll gegenseitig befruchten, ergänzen und erläuterndes Licht aufeinander werfen. Aber auf solche "Feinheiten" kommt es ja Bettina Amm wohl sowieso nicht an - und soll auch uns darum hier gar nicht wesentlich sein. Noch deutlich krasser daneben haut Bettina Amm in den beiden Folgesätzen:
Sie (...) zieht auch die Astrophysik hinzu, wobei sie sich hier auf den Astrophysiker Hans Ludendorff, den Bruder Erich Ludendorffs, stützte.
Das ist eine ganz falsche Aussage, die zeigt, wie schlecht Amm recherchiert hat. Mathilde Ludendorff widmete Hans Ludendorff zwar anläßlich seines Todes im Jahr 1941 ihr Buch "Siegeszug der Physik", bezog sich in ihm aber nirgendwo inhaltlich auf speziell seine Forschungen oder Veröffentlichungen. - Aber noch eklatanter falsch recherchiert - und sozusagen gänzlich "neben der Spur" - ist der dann folgende Satz:
Zugleich scheute sie auch vor obskuren Lehren nicht zurück wie der Welteislehre Hanns Hörbigers, welche von Himmler innerhalb des Ahnenerbes gefördert wurde.
Genau das Gegenteil ist der Fall. Die Welteislehre wurde in der Halbmonatszeitschrift der Ludendorff-Bewegung "Quell" in den 1930er Jahren vielmehr kritisiert wie viele ähnlich okkulte Lehren der damaligen Zeit.

(Letzte Änderungen: 9.2.12, 20.5.15)

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  1. Amm, Bettina: Die Ludendorff-Bewegung im Nationalsozialismus - Annäherung und Abgrenzungsversuche. In: Uwe Puschner und Clemens Vollnhals (Hg.): Die völkisch-religiöse Bewegung im Nationalsozialismus. Eine Beziehungs- und Konfliktgeschichte (Schriften Des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen (5. Dezember) 2012 (Google Bücher)
  2. Bading, Ingo: "Was Romherrschaft bedeutet" - Die antikatholische Stimmung in der Ludendorff-Bewegung - einige Zeugnisse. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 30. 9. 2011 
  3. Bading, Ingo: Ein Brief an Karlheinz Deschner. Auf: Wissen bloggt, 2. 5. 2012 
  4. Hockerts, Hans Günter: Die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester 1936/1937. Eine Studie zur nationalsozialistischen Herrschaftstechnik und zum Kirchenkampf. Matthias-Grünewald-Verlag, Mainz 1971
  5. Bading, Ingo: Katholische Kirche - Kein Lernen aus der Vergangenheit? Schon 1936/37 ist Kindesmißbrauch in der römisch-katholischen Kirche breit und aufsehenerregend vor deutschen Gerichten behandelt worden. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt! Teil 1, 1. 10. 2012, Teil 2, 2. 10. 2012 
  6. Ludendorff, Erich und Mathilde: Die machtvolle Religiosität des deutschen Volkes vor 1945. Dokumente zur deutschen Religions- und Geistesgeschichte 1933 - 1945. Der Kampf um die geistige Führung zwischen dem Haus Ludendorff, dem Nationalsozialismus und den Kirchen. Zusammengestellt und erläutert von Erich Meinecke. Freiland-Verlag, Viöl 2004 
  7. Schnoor, Frank: Matilde Ludendorff und das Christentum. Eine radikale völkische Position in der Zeit der Weimarer Republik und des NS-Staates. Dr. Hänsel-Hohenhausen, Egelsbach u.a. 2002
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