Donnerstag, 23. Dezember 2010

"Gott ansehen mit klaren, fröhlichen, deutschen Augen"

"Ihr Buch verschönte mir die Feiertage ..." - Erich Ludendorff an Josef von Lauff zu Weihnachten 1932

"Ein Kulturkampfroman schlimmster Sorte", schrieb die "Calcarer Volkszeitung" im Jahr 1910 vor genau 100 Jahren, ein "kirchenfeindliches und zudem noch von Geschmacklosigkeit strotzendes Machwerk" (1). Es ging um den Roman "Kevelaer" des Schriftstellers Josef von Lauff (1855 - 1933).  

Auf diesen kaiserzeitlichen Schriftsteller, der noch heute am Niederrhein mitunter gerne gelesen wird, soll an dieser Stelle deshalb hingewiesen werden, weil derselbe sich offenbar noch im Jahr 1932, ein Jahr vor seinem Tod, von dem politischen und weltanschaulichen Wirken Erich Ludendorffs so angesprochen fühlte, daß von Lauff, Offizier und Kriegsberichterstatter im Ersten Weltkrieg, Ludendorff zu Weihnachten eines seiner letzten Werke, nämlich "Oh du mein Niederrhein", erschienen 1930, als Geschenk zusandte (2). Dieses Werk beginnt mit den Worten:
Wie schön ist die Erde! Alles grünt und blüht um mich, und drüben im Vorgehölz hinter der großen Weidenkoppel läßt der Vogel Bülow seine Wunderstimme vernehmen.
Ich bin schon längst in das ›biblische Alter‹ getreten. Das sechsundsiebenzigste Jahr winkt mir aus nicht allzu großer Ferne herüber, und ich freue mich, just um diese Zeit im Land, wo ich meine Jugend durchlebte, weilen zu können.
O du mein Niederrhein!
Ich stehe auf dem Leedeich, der sich von Kalkar über Till und Huisberden bis zum Emmericher Eiland hinzieht. Rings um mich her, in dem unermeßlichen Grasland, bestickte der Herr die Weiten mit Salbei, Vergißmeinnicht, Wiesenschaumkraut und Kuckucksblumen. Es ist wie ein Zauber, diesen bunten Teppich aus den tausend Nächten und der einen Nacht vor sich ausgespreitet zu sehen. Just auf der nämlichen Stelle habe ich oft als kleiner Junge mit meinen Kameraden gestanden, und wenn hoch über uns ein Storch langsamen Fluges vorübersegelte, riefen wir sehnsüchtig in den blauen Himmel hinein: »Euwer, Euwer, pillepoot, breng ons Moeder en Kindje!«
Alle Ortschaften, die um mich liegen, weiß ich mit Namen zu nennen. Ich kenne ihre Kirchtürme (...)
Es scheint sich um ein ansprechendes Stück Literatur zu handeln. Und das war offenbar auch der als "preußisch-trocken" geltende Militär Erich Ludendorff fähig wahrzunehmen. Erich Ludendorff antwortete nämlich am 28.12. - offenbar aus München - mit einem einseitigen Brief (2). In diesem stand unter anderem:
"Sehr geehrter Herr von Lauff,
Ihr Buch verschönte mir die Feiertage und erhöhte den Frieden des Weihnachtsfestes. Nehmen Sie meinen aufrichtigen Dank für Ihr schönes Buch vom Niederrhein. (...) Meine Frau und ich werden uns freuen, wenn wir Sie im Sommer hier sehen werden. (...)"
Also sogar ein Besuch wird verabredet. Es wird sicherlich manchen überraschen, Erich Ludendorff auf dem Höhepunkt der politischen Unruhen und Kämpfe rund um die Machtergreifung Adolf Hitlers um die Jahreswende 1932/33 sich mit solchen Inhalten beschäftigen zu sehen.
Josef von Lauff
"Eine Generation, die den heimischen Boden mehr liebt als das gelobte Land" 

Aber auch umgekehrt, mit Blick auf den Schriftsteller Josef von Lauff, stellt sich Überraschung ein. Daß von Lauff eine Geistesverwandtschaft gegenüber Ludendorff empfunden haben muß, insbesondere als dieser begann, sich - wie von Lauff schon lange zuvor - mit religiösen Fragen zu beschäftigen und den Ultramontanismus zu bekämpfen, das wird schnell erkennbar, wenn man den Inhalt des eingangs erwähnten, schon vor 100 Jahren erschienen Romans "Kevelaer" zur Kenntnis nimmt. Er handelte von dem bekannten, gleichnamigen katholischen Wallfahrtsort am Niederrhein und wenn man es richtig versteht (1), weckt derselbe noch heute so mancherlei "Befremden"  in manchen Teilen der dortigen katholischen Bevölkerung (- vielleicht sind es dort auch nur noch die Pfarrer selbst ...): 
Eine der Hauptfiguren des Romans ist der begabte Dr. Heinrich Vohwinkel, angestellt als Privatlehrer auf einem Gutshof in der Kevelaerer Heide. Aber nicht mehr lange: "Bald aber gab’s für ihn Arbeit, harte Arbeit, Geistesarbeit, Seelenarbeit – eine Arbeit, die ihm Hass und Lästerung einbringen konnte, wenn auch keinen Konflikt zwischen Pflicht und Gewissen." Er ist von höherer Stelle zum Schulrat für den Niederrhein berufen worden, "er sollte Leben erziehen, vaterländisches Leben, frei von Vorurteilen und von widersinniger Frömmelei ... Eine Generation sollte erwachsen, die den heimischen Boden mehr liebte als das gelobte Land, von dem gedungene Priester und Propheten erzählten. Deutsch fühlen, deutsch denken und Gott ansehen mit klaren, fröhlichen, deutschen Augen – auch das können und müssen katholische Menschen."
Da hatte Josef von Lauff also schon im Jahr 1910 Gedanken formuliert, die in Einklang mit den Ansichten Erich Ludendorffs 32 Jahre später standen, und die Ludendorff selbst nicht viel anders hätte sagen können. Weiter der Romaninhalt:
Zur selben Zeit wird Lene Isermann, Tochter eines Schäfers auf jenem erwähnten Gutshof, zur Leiterin der Kevelaerer Mädchenschule ernannt. Auch sie träumt von der Erziehung der ihr anvertrauten Kinder zu selbstbewussten Patrioten. 

Die beiden jungen idealistischen Menschen stoßen auf eine größtenteils engstirnige und frömmelnde Kevelaerer Bevölkerung – die von den vielen Pilgergruppen gut zu leben weiß, welche jährlich den Ort aufsuchen. (...)

In ihrer Antrittsrede, schon bald vom erbosten Pfarrer unterbrochen, lässt die neu installierte Junglehrerin keinen Zweifel an ihrer pädagogischen Mission. Sie wolle keine "Weltanschauung der Pharisäer" lehren, welche "die Konfessionen hindert, friedlich miteinander zu gemeinsamen nationalen Zielen zu streben. Wer den Frieden will in unserm schönen Vaterlande, auf niederrheinischer Erde, wer nicht das Deutsche Reich und das deutsche Volk zerstören und zersetzen lassen will, der lege das Saatkorn der versöhnenden Weltanschauung in die Herzen der Kinder. Der sehe nicht über die Alpen fort, der suche nicht das Heil jenseits der Berge."
Schon diese wenigen Auszüge lassen erkennen, dass die Romane und Erzählungen des Josef von Lauff noch heute manchen Lese-Gewinn darstellen und auf manches berechtigte Interesse stoßen könnten. Und das Werk des Josef von Lauff scheint außerdem gut verdeutlichen zu können, an welche Art von parallelen, breiteren, gesellschaftlichen und kulturellen Strömungen und Stimmungen das weltanschauliche Wirken des Ehepaares Ludendorff Ende der 1920er Jahre anknüpfen konnte - und aus denen es hervorging.
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  1. Trautmann, Markus: Vor 100 Jahren schrieb Joseph Lauff den Roman "Kevelaer" Literarischer Spiegel der Konflikte. Auf:  Kirchensite.de 2010
  2. Schmolt, Axel: 14. Autographen-Auktion. Krefeld, 1. Oktober 2005, S. 43f; auch 18. Auktion 2007, S. 20, 20. Auktion, S. 27 (eigh. Brief (1 S. gr.-8) mit U., O., Dat., München, 28.12.(1932), u. eigh. adress. Umschlag, an den Schriftsteller Joseph von Lauff (1855-1933) in Wiesbaden,. - Beiliegend e.U. "Ludendorff" (Bleistift) auf Kärtchen mit Gebrauchsspuren; s. Abb.)

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