Mittwoch, 8. Februar 2017

Als Volk "ein geschlossenes Gebilde werden, das die Spaltpilze nicht mehr auseinander reißen können" (Dezember 1926)

Es sind Briefe Erich Ludendorffs überliefert an einen gleichgesinnten General, geschrieben in den Jahren 1920 und 1926. Sie werden in diesem Beitrag ausgewertet. Zunächst ging es um die Herausgabe von Kriegserlebnissen. Im Dezember 1926 schrieb Erich Ludendorff aber an diesen General über das, was ihm für die Zukunft des deutschen Volkes wichtiger als alles andere geworden war. Nämlich einen Einklang zu schaffen zwischen dem angeborenen Begabungsspektrum eines Volkes und seiner Weltanschauung, einen Einklang zu schaffen zwischen dem genetischen Begabungsprofil eines Volkes und seiner gelebten Kultur. Dieses damals von Erich Ludendorff formulierte "Kampfziel" ist heute vom Prinzip her so aktuell wie nie. Das wird abschließend angedeutet. Womit der Bogen geschlossen ist zum Titel dieses Blogs, der da lautet "Studiengruppe Naturalismus", wobei das naturwissenschaftsnahe Denken der Ludendorff-Bewegung als das Kernelement dieser Weltanschauung charakterisiert wird, und zwar als das zukunftsträchtigste.

Im September 1920 gab der Verlag Mittler & Sohn in Berlin eine "Volksausgabe" von Erich Ludendorffs "Kriegserinnerungen" heraus. Einen Monat später, im Oktober 1920, gab der J. F. Lehmann's Verlag in München eine zweibändige, 600-seitige Sammlung von Kriegserlebnissen heraus, an der viele Kriegsteilnehmer mitwirkten, unter anderem auch Erich Ludendorff. Diese letztere Ausgabe griff schon im Titel eine damals in Deutschland weit verbreitete Formel auf, sie hieß: “Im Felde unbesiegt - Erlebnisse im Weltkrieg erzählt von Mitkämpfern” (1). Ein pensionierter deutscher General war der Herausgeber dieser Sammlung, Gustaf von Dickhuth-Harrach (1856-1932) (Wiki) und der Verkauf seines Briefnachlasses gab Anlass zum Erarbeiten dieses Beitrages.

  Abb. 1: General von Dickhuth-Harrach - In der Mitte als Divisionskommandeur der 201. I.D. im Gespräch mit einem benachbarten k.u.k.-Divisionsgeneral im Sumpfwald Baranowitschi, Oktober 1916 (Wiki)
Zunächst: Wer war dieser General? Auf Wikipedia finden sich zwei Fotografien von ihm (Abb. 1, 2). Am 27. Januar 1914 war er Gouverneur der deutschen Grenzfestung Thorn an der Weichsel in Westpreußen geworden (Wiki):
Diese Position an der Ostfront hatte er über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs hinaus inne. Ab Februar 1915 fungierte Dickhuth als Führer eines nach ihm benannten Korps, das der Armeeabteilung Gallwitz unterstellt war und bei der Narew-Offensive zum Einsatz kam.
In diesen Funktionen hatte General von Dickhuth früh dem direkten Befehl des Generals Ludendorff und seiner Kriegsführung unterstanden. Es ist weiter zu erfahren:
Ende September 1915 wurde aus dem Korps die 87. Division gebildet. Seine Division gab Dickhuth-Harrach am 5. Juli 1916 ab und übernahm stattdessen die 201. Division, mit der er weiterhin an der Ostfront kämpfte. Am 11. November 1917 erfolgte seine Ernennung zum stellvertretenden Kommandierenden General des I. Armee-Korps.
Abb. 2: von Dickhuth-Harrach umgeben von seinem Stab der 201. I.D. in Okopy (bei Baranowitschi), Oktober 1916
- Der General steht als zweiter von links mit dem Rücken zum Betrachter  (Wiki)

Antwort auf einen Kommandierungswunsch (1914/18)

Während des Ersten Weltkrieges trug von Dickhuth-Harrach offenbar brieflich einen Kommandierungswunsch an Erich Ludendorff heran. Womöglich bewarb er sich um eine Stellung im Großen Generalstab. Jedenfalls ist folgende Antwort Ludendorffs in seinem Nachlass erhalten geblieben (Herkunft: Ebay, Okt. 2015; s.a. Bildarchiv):


Sehr geehrter Herr von Dickhuth!
Auf Ihr Schreiben vom 24.2. beehre ich mich zu erwidern, dass Euer Exzellenz hier notiert sind, allerdings stehen noch mehrere Herren auf der Liste, so dass auf eine baldige Kommandierung wohl kaum zu rechnen ist.
Mit vorzüglicher Hochachtung
Euer Exzellenz
sehr ergebener
Ludendorff.
Der Nachlass von von Dickhuth-Harrach, in dem dieser Brief enthalten ist, wird seit 2015 unzusammenhängend und in Einzelstücken in unregelmäßigen Abständen auf Ebay zum Verkauf angeboten. Bis Dezember 2016 sind immer wieder neue Briefe aus diesem Nachlass angeboten worden. Unter denselben fanden sich bislang vier fünf kürzere Briefe Ludendorffs an von Dickhuth-Harrach. Zweck des vorliegenden Beitrages ist es, sie in chronologischer Reihenfolge dokumentiert und in den geschichtlichen und sonstigen Zusammenhang einzuordnen, in dem sie jeweils geschrieben sind. Natürlich hatte von Dickhuth-Harrach - unter anderem um der Herausgabe der eingangs erwähnten Erlebns-Sammlung willen - auch mit vielen anderen damals bekannten Personen und Kriegsteilnehmern einen sehr regen Briefwechsel. Und es mag sehr wertvoll sein, diesen Briefwechsel auch einmal im Zusammenhang kennenzulernen und zu dokumentieren. An dieser Stelle kann aber ein solche Aufgabe nicht geleistet werden. Zum Teil wurden die Briefe mit der folgenden spärlichen Erläuterung zum Kauf angeboten:
Aus dem Nachlass der Familie Dickhuth-Harrach. Die Sammlung belegt den intensiven militärischen und auch persönlichen Kontakt des Generals mit der Kaiserfamilie.
Sie mag also den Kontakt mit der Kaiserfamilie belegen, aber natürlich nicht nur mit dieser.
Abb. 3: "Im Felde unbesiegt" (1920)

Der Kriegserlebnis-Sammlung "Im Felde unbesiegt" (Anfang Juni 1920)

Von dem Weltkriegserlebnis blieben die Kriegsteilnehmer auch nach seinem Ende weiterhin zutiefst aufgewühlt und erschüttert. Natürlich noch mehr von seinem für Deutschland ungünstigen Ausgang, der sich ihnen Anfang der 1920er Jahre tagtäglich in der Tagespolitik aufdrängte.

Aus diesen Gefühlslagen heraus gab von Dickhuth-Harrach die eingangs erwähnte Sammlung von Kriegserlebnissen heraus. Eine solche Sammlung sollte das deutsche Volk innerlich aufrichten und wieder stolz machen auf seine Taten in der allerjüngsten Vergangenheit.

Die Sammlung war geschmückt mit einer Titelvignette in Form der Silhouette des ausgemergelten Gesichts eines Frontsoldaten im Stahlhelm (Abb 3). Diese Titelvignette drückte den Geist dieser Sammlung und jener Jahre aus. Diese Sammlung war in den Folgejahren in den Bücherschränken vieler Bürgerhäuser zu finden.

Sie erfuhr weitere Auflagen und wurde schließlich auch noch um einen Band mit österreichischen Kriegserlebnissen bereichert.

Ein Beitrag Ludendorffs zu der Erlebnis-Sammlung ist erwünscht

Nach dem Wunsch von Dickhuth-Harrach sollte diese Ausgabe in Absprache mit seinem Verleger J. F. Lehmann auch einen Erlebnis-Bericht Erich Ludendorffs enthalten. Und wenn Erich Ludendorff keinen neu geschriebenen Text verfassen könne, so bat er um den Abdruck von Auszügen aus den ein Jahr zuvor erschienenen "Kriegserinnerungen" Ludendorffs. Diese waren wie gesagt in dem angesehenen Militärverlag E. S. Mittler & Sohn in Berlin erschienen. Zur Unterstützung seiner Bitte schickte von Dickhuth-Harrach auch einen Brief seines Verlegers J. F. Lehmann an Ludendorff mit.

Abb. 4: Br., 06/1920
Erich Ludendorff hat seit April 1919 im Bezirk Berlin-Tiergarten in der Viktoriastrasse 24a gewohnt. Er sollte dort bis August 1920 leben und dann von dort weg ziehen (St.gr. 01/2012). Vom 13. bis 17. März 1920 hatte der Kapp-Putsch in München statt gefunden, an dem Erich Ludendorff führend beteiligt war, und nach dessen Misslingen Ludendorff im April einige Wochen in Bayern verbrachte. Denn in Berlin konnte er sich für eine Zeit lang öffentlich nicht mehr sehen lassen (St.gr. 01/2016). Im Mai kam er wieder nach Berlin zurück. Er hatte sich aber zwischenzeitlich entschlossen, von Berlin nach München umzuziehen.

Durch die Rückeroberung Kiews durch die Rote Armee am 12. Juni 1920 ist Ludendorff "aufs Äußerste bewegt"

Aus dem Zusammenhang des im folgenden zu dokumentierenden Briefwechsels scheint sich zu ergeben, dass der erste (undatierte) Brief von Erich Ludendorff im Juni 1920 geschrieben worden ist. In diesem Brief schreibt Ludendorff nämlich von der "Gefahr im Osten", die ihn "aufs Äußerste bewegt". Aber worum handelte es sich dabei? Der Bolschewismus wurde damals in Russland von den sogenannten "weißen" Truppen bekämpft. Erich Ludendorff hatte dem Hauptmann Tröbst, der ihn um Rat fragte (siehe anderer Beitrag hier auf dem Blog), geraten, zu General Wrangel zu gehen. Über Freiherr Peter von Wrangel (1878-1928) (Wiki) heißt es auf Wikipedia:
Er wurde am 4. April 1920 zum Oberbefehlshaber aller Einheiten der Weißen auf der Krim gewählt, aus denen er dann die sogenannte Russische Armee formte. Wrangel galt als fähiger Administrator, der im Unterschied zu anderen Heerführern der Weißen gesetzlose Handlungen seiner Truppen nicht duldete. Zusammen mit einer lokalen Koalitionsregierung setzte er auf der von seinen Truppen beherrschten Krim radikale Reformen um. Insbesondere die seit langem überfällige Bodenreform war Grundlage eines ökonomischen Aufschwungs, so dass die Krim zu einer der wohlhabendsten Regionen im damaligen Russland wurde. Zudem nahm er diplomatische Beziehungen mit vielen der aus dem zerfallenden Russischen Kaiserreich hervorgegangenen neuen unabhängigen Republiken auf, wie etwa zur Ukraine und zu Georgien, da diese Staatengebilde gleichfalls die Bolschewiki bekämpften. Nachdem er die Hälfte seiner Armee in Kämpfen mit den Bolschewiki verloren hatte, entschloss er sich zum Abzug seiner Truppen von der Krim. Er stellte es jedem seiner Offiziere frei, sich mit ihm zusammen ins Unbekannte zu begeben oder aber zurückzubleiben und sich dem Risiko der Gefangennahme durch die Bolschewiki auszusetzen. Die letzten Einheiten seiner Armee verließen die Krim am 16. November 1920. Wrangel selbst begab sich über die Türkei und Tunesien nach Jugoslawien und fungierte dort als Oberhaupt der aus Russland geflohenen Weißen.
Auch der neu gegründete polnische Staat griff in die Geschehnisse ein. Er war 1919 neu gegründet worden und hatte nicht nur vormals deutsche Provinzen zum Teil mit Gewalt besetzt. Am 7. Mai 1920 eroberte General Josef Pilsudski Kiew. Dadurch wurde aber der russische Patriotismus angefacht. Auf Wikipedia heißt es (Wiki):
Am 30. Mai 1920 veröffentlichte der ehemalige General Alexei Brussilow, ein bekannter Veteran des Ersten Weltkrieges, in der Prawda die Aufforderung „An alle früheren Offiziere, wo immer sie auch sind“, in der er sie ermutigte, alte Kränkungen zu vergessen und sich der Roten Armee anzuschließen. Brussilow betrachtete es als die patriotische Pflicht eines russischen Offiziers, der bolschewistischen Regierung Hilfe zu leisten, die seiner Meinung nach Russland verteidigte. Auch Lenin entdeckte den Nutzen des russischen Patriotismus.
Abb. 5: Brief, etwa 06/1920 (Rücks.)
An den Generalen Wrangel und Brussilow wird erkennbar, welche Rolle damals die abgetretenen, vormals erfolgreiche Generale des Ersten Weltkrieges auch in der Politik spielen konnten. Leicht konnte in parallelen Vorgängen natürlich auch jederzeit Erich Ludendorff wieder in Deutschland in ähnlicher Weise an Bedeutung erlangen. Und genau das war ja auch durch den Kapp-Putsch angestrebt worden. Um solche Gedanken mag auch der Brief von Dickhuth-Harrach an Erich Ludendorff gekreist haben. Er wird von der damaligen Undankbarkeit des deutschen Volkes Ludendorff gegenüber geschrieben haben.

Und aus solchen Gefühlen und Gedankengängen heraus hat Erich Ludendorff dann auch seine Antwort geschrieben, die im folgenden wiedergegeben wird. Am 12. Juni hatte nämlich nun die Rote Armee Kiew zurück erobern können. Und damit bereitete sie sich darauf vor, in schnellen Stößen nach Westen vorzudringen. Und spätestens seit diesen Tagen hatte Ludendorff Anlass, besonders konkret von einer "Gefahr im Osten" zu sprechen, die ihn "aufs Äußerste" bewegte. Er schreibt darüber in seinen Lebenserinnerungen (Bd I, S. 131f):
Im August siedelte ich nach Bayern über. Es war gerade eine Zeit weltpolitischer Spannung, die auch uns auf engste berührte. Es war Lenin gelungen, unterstützt durch den Juden und die Freimaurerei der Erde, Herr aller Unternehmungen zu werden, die von außen her gegen die Sowjetrepublik in Szene gesetzt waren. Admiral Koltschak, beraten von Tschechen und Franzosen, der in Sibirien bereits bis zum Ural vorgedrungen war, war schon im Februar 1920 ermordet worden. Der Zug des Generals Judenich aus Estland auf Petersburg misslang bei dem Mangel an Unterstützung durch England. General Denikin im Süden Russlands, von den Franzosen im Stich gelassen, trat ab. Sein Nachfolger, General Wrangel, kämpfte daselbst noch erfolgreich. Polen war in die Ukraine eingefallen.
Dies war, so Ludendorff, mit Unterstützung Frankreichs geschehen, das auch Wrangel erneut unterstützte:
Aber die freimaurerischen Strömungen in Frankreich verhinderten schließlich tatkräftiges Handeln. Der Bolschewismus fand unter den Truppen des Generals v. Wrangel Eingang. Sie wurden geschlagen. General v. Wrangel musste nun das Unternehmen aufgeben und mit dem Rest seiner Truppen Russland verlassen. Sowjetrussland wandte sich gleichzeitig gegen Polen und bedrängte es aufs schwerste.
Dies war ungefähr der Stand, als Erich Ludendorff den folgenden Brief schrieb.

"Das Verbrechen, das das deutsche Volk an sich selbst begeht" (etwa 20. Juni 1920)

Sein undatierter Brief an von Dickhuth-Harrach (Abb. 4 und 5) ging - wie sich aus dem folgenden ergibt - am 25. Juni 1920 oder einige Tage früher bei diesem in München ein, wurde also etwa am 20. Juni 1920 geschrieben (Herkunft: Ebay, Dez. 2016):
WV. Viktoriastr. 24a
Sehr verehrte Exzellenz!
Den Brief von Lehmann schicke ich mit Dank zurück. Ich werde sehen, ob Dr. Toeche nachgibt. Irgendetwas Neues zu schreiben, fehlt mir die seelische und körperliche Muße. Die Gefahr von Osten bewegt mich auf's Äußerste und dann bin ich mitten im Umzuge. Ich schaffe es nicht.
Was die Welt nach wie vor über mich sagt, ertrage ich mit größtem Gleichmut, rechts ist dabei oft nicht besser wie links. Ich will nichts vom Volk, wendet es sich nochmals mir zu, dann ist sein Geschick bereits besiegelt und davor soll es Gott bewahren. Ich fürchte, Er wird es noch ... (?) strafen für das Verbrechen, das es an sich selbst beging und jeden Tag von Neuem begeht.
Mit besten Empfehlungen
Ihr sehr ergebener Ludendorff.
Abb. 6: Br., 7.7.1920
Bei dem hier genannten "Dr. Toeche" handelte es sich um  Konrad Toeche-Mittler (1869-1954) (Munziger), den damaligen Inhaber des Verlages E.S. Mittler und Sohn, in dem die Kriegserinnerungen Erich Ludendorffs ein Jahr zuvor erschienen waren. "Jeden Tag von Neuem" beging das deutsche Volk dieses "Verbrechen" nach Meinung Ludendorffs nicht nur dadurch, dass es die Waffen niedergelegt hatte, sondern natürlich - unter anderem - auch durch die im März 1920 erfolgte Niederschlagung des Kapp-Putsches.

"Gerade in den Tagen meines Umzugs nach München war alles auf des Messers Schneide." (Ludendorff)


von Dickhuth-Harrach antwortete am 25. Juni 1920 (Inhalt bislang nicht bekannt). Darauf schrieb Ludendorff erst wieder zwei Wochen später, da er, wie er dann schrieb, zwischenzeitlich "verreist" war. In dieser Zeit sollte der Vormarsch der Roten Armee unter General Tuchatschewski Richtung Polen sehr zügig vorankommen. Er sollte dabei auch Südostpreußen (Soldau) streifen (Wiki) und erst am 16. August 1920 in der Schlacht von Warschau zum Stehen kommen. Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen (Bd. I, S. 132):
Die Armeen Sowjetrusslands waren im Vormarsch auf das Innere Polens. Seine Nordarmee drang unmittelbar an der Südgrenze Ostpreußens vor. Sie erreichte bereits den Korridor und weiter südlich die Gegend nordöstlich Warschau. Selbstverständlich konnte ich nicht den Wert der russischen Truppen völlig einschätzen, aber immerhin waren sie doch den polnischen überlegen gewesen und mit größter Spannung beobachtete ich die weiteren Vorgänge. Würde auch Polen der bolschewistischen Herrschaft unterworfen, d. h. bolschewisiert werden mit den Mitteln, die Lenin dabei schon in Russland angewandt hatte? Es wäre dann der kommunistischen Bewegung in Deutschland ein ungeheurer Auftrieb gegeben. Gerade in den Tagen meines Umzugs nach München war alles auf des Messers Schneide. Ich wunderte mich nur, wie wenig Deutsche, mit denen ich darüber sprach, an diesen Vorgängen im Osten Anteil nahmen. 
Am 7. Juli 1920 schrieb Erich Ludendorff (Abb. 6 und 7) (Anbieter "international.art.antique.gallery", Ebay, Dez. 2015):
W. 10. Viktoriastr. 24a     7./7.20
Sehr verehrte Exzellenz!
Ich bitte sehr um Verzeihung, wenn ich erst heute den Brief vom 25. beantworte. Ich war verreist bis gestern, konnte so aber erst mit Mittler sprechen. Dr. Toeche stimmt dem Abdruck unter Quellenangabe zu, wenn das Buch nicht vor Anfang November im Buchhandel erscheint. Da die Volksausgabe meiner Kriegserinnerungen im September herauskommt, glaubt er, diese Zeitbeschränkung trotz meines Zuredens machen zu müssen. Ich hoffe, dass ich damit auch Euer Exzellenz Wünschen entgegengekommen bin, und dass Herr Lehmann zufrieden ist.
Würde der Termin für die Volksausgabe meinerseits nicht bereits feststehen, so würde auch eine Zeitbeschränkung nicht bestimmt sein.
Ich bitte, die Kürze zu entschuldigen, da ich bereits morgen wieder auf einige Tage verreise - Bescheid (fehlt: aber) gleich geben wollte.
In stets gleichbleibender Wertschätzung
     Euer Exzellenz
          aufrichtig ergebener
               Ludendorff.
Abb. 7: Br., 7.7.1920
Auf diesen Brief hin mag von Dickhuth-Harrach noch einmal Argumente geschrieben haben, die vielleicht am 10. Juli bei Ludendorff eingingen, aufgrund deren man sich darauf einigen konnte, dass die Kriegserlebnis-Sammlung bei J.F. Lehmann in München doch schon im Oktober erscheinen könne. Diese Argumente mag Ludendorff dann dem Dr. Toeche vorgetragen haben, worauf er sicherlich um den 10. Juli herum an von Dickhuth-Harrach schreiben konnte (wiederum in einem undatierten Brief):
                                                                             W.10 Victoriastr. 24a 
Sehr verehrte Exzellenz!
Mittler ist einverstanden! Erscheinen des Lehmannschen Buches im Oktober. Ich glaube, nun ist alles nach Wunsch erledigt.
In großer Eile u. mit verbindlichem Gruß
Ihr sehr ergebener
Ludendorff.
Diese Briefe machen vieles deutlich. Unter anderem machen sie darauf aufmerksam, dass Erich Ludendorff in der Zeit nach dem Kapp-Putsch jeweils immer nur sehr kurz und "in Eile" in Berlin war. Er bereitete seinen Umzug nach München vor, der im August 1920 erfolgte. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Ludendorff dann über die Schlacht bei Warschau (Bd. I, S. 133):
Es fiel die Entscheidung. Der französische General Weygand, der Chef des Generalstabes des Marschalls Foch, war nach Warschau geeilt, dort waren auch französische Truppen über Danzig eingetroffen. In einem Gegenangriff von Warschau her war General Weygand die russische Nordarmee zurück, die, wie sich jetzt herausstellte, keinen inneren Halt hatte. Die bolschewistischen Armeen fluteten zurück. Deutschland war vor der unmittelbaren Nachbarschaft der Sowjetrepublik gerettet. Polen und Russland schlossen Frieden. 

"Selten packend" - Der Marine-Schriftsteller W. F. Schreiner


Wohl kurz nach dem eben wiedergegebenen Brief - oder parallel übrigen Briefwechsel - hat Ludendorff offenbar den folgenden weiteren Brief an von Dickfurth-Harrach geschrieben:
                                                                                                     Viktoriastr. 24 a
Sehr verehrte Exzellenz!
Darf ich Sie noch auf einen Schriftsteller aufmerksam machen, der selten packend Selbsterlebtes schreibt:
Wilhelm Schreiner
Hohenstein,
Langens……all.
Mit kameradschaftlichem Gruß,
Ihr
sehr ergebener
Ludendorff.
Brief, Sommer 1920
Auch dieser Brief scheint noch spätestens im August 1920 geschrieben worden zu sein, denn danach war Ludendorff nach München umgezogen. Bei dem hier genannten Wilhelm Ferdinand Schreiner (1889-1943) handelte es sich um einen Pfarrer und Marine-Schriftsteller, der spätestens seit 1915 auflagenstarke Schriften publiziert hat (2-19). Sein Nachlass befindet sich im “Archiv der Evangelischen Kirche im Rheinland”, wo es heißt (Archiv-EKir):
Er war literarisch tätig und publizierte zahlreiche Bücher überwiegend zum Ersten Weltkrieg sowie über Themen aus der Äußeren Mission.
In Düsseldorf, wo er 1943 bei einem Bombenangriff ums Leben kam, befindet sich noch heute ein Wilhelm-Schreiner-Haus (Schützenstr. 56). Um die Art seines Niederschreibens von Kriegserlebnissen zu charakterisieren, sei zitiert, was er 1915 im Vorwort zu seinem im Reclam-Verlag erschienenen Buch “Hohe Fahrt”, schrieb (das Buch hat bis 1937 - und noch 2010 und 2012 - Neuauflagen erlebt):
Die Geschichte des Seekriegs wird erst später geschrieben. Naturgemäß. Also bieten die folgenden Skizzen seine Geschichte insofern nicht, als sie nur Einzelbilder sind, auch insofern nicht, als sie eben nachgestaltete, nicht aber erlebte Wirklichkeit sind. Und trotzdem bieten die Skizzen Geschichte, denn sie entstanden in allen bedeutsamen Zügen aus den Erzählungen von Mitkämpfern. Grüß Gott auch alle, ihr Heldenbrüder! klar Schiff! und hohe Fahrt!
Es mag von Interesse sein, in die Bücher von Wilhelm Schreiner hineinzuschauen, der vielfältige Themen behandelt hat. Auch mag man natürlich fragen, wie Erich Ludendorff gerade auf ihn gekommen ist. Vielleicht ist er einfach in der Buchhandlung auf ihn gestoßen. Auch wäre zu prüfen, ob von Dickhuth-Harrach den Vorschlag Ludendorffs angenommen hat.

"In Blut, Religion, Kultur, Wirtschaft ein geschlossenes Gebilde zu werden" (1926)


Brief, 19. 12.1926
Im Jahr 1926 kam es noch einmal zu einem kurzen Briefwechsel zwischen Erich Ludendorff und von Dickhuth-Harrach. Am Ende dieses Jahres musste sich Erich Ludendorff einer schweren Kehlkopf-Operation unterziehen. Diese wurde von dem berühmten Arzt Dr. Ferdinand Sauerbruch durchgeführt. Aus diesem Anlass scheint Gustaf von Dickhuth-Harrach einmal wieder an Erich Ludendorff geschrieben zu haben. Jedenfalls stammt "aus dem Nachlass der Familie Dickhuth-Harrach" das folgende Antwortschreiben Erich Ludendorffs (Ebay, März 2016):
M. 19.12.26
Sehr verehrte Exzellenz!
Recht aufrichtigen Dank für Ihre warmen Worte. Die Operation war nicht ganz leicht, nun bin ich schon wieder ganz oben auf und hoffe, im Kampf für die Freiheit des Volkes - erst kommt die immer - bald wieder meinen Mann stellen zu können. Wenn nur meine alten Kameraden erkennen würden, wer die Feinde sind, und wie sehr wir zu arbeiten haben, in Blut, Religion, Kultur, Wirtschaft ein geschlossenes Gebilde zu werden, das die Spaltpilze nicht mehr auseinander reißen können. Meine Frau ist mir auch darin eine wirkliche Gefährtin und mehr.
Doch meine Wünsche zum Fest. Mit kameradschaftlichem Gruß
Ihr
Ludendorff.
Hier klingt vielleicht an einer der ersten Stellen in den schriftlichen Hinterlassenschaften Ludendorffs sein künftiges "Kampfziel" an, nämlich eine selbstgewählte Einheit schaffen zu wollen zwischen dem angeborenen Begabungsprofil eines Volkes einerseits und der von ihm gestalteten Weltanschauung, Kultur und Wirtschaft andererseits.

Ein Ziel, von dessen Sinn die Menschen heute - gerade infolge der großen Fortschritte in der modernen Humangenetik - viel leichter zu überzeugen sind als dies noch zu Lebzeiten von Erich Ludendorff möglich gewesen ist. So gibt es zum Beispiel auf dem Gebiet der Ernährung heute schon viele Bestrebungen, die lokale Ernährung einer Bevölkerung abzustimmen auf das lokal vorliegende Gen-Profil derselben Bevölkerung (siehe z.B. das Stichwort "nordic diet"). Ähnliche Zusammenhänge - etwa zwischen der angeborenen Intelligenz-Begabung eines Volkes und seiner Wirtschaft (etwa dem Bruttosozialprodukt) - sind inzwischen ebenfalls durch die Wissenschaft herausgearbeitet worden.

Auch für den Zusammenhang zwischen der in einem Volk vorliegenden Häufigkeit angeborener Neigungen zu Depression oder ADHS mit der jeweils ausgebildeten Kultur gibt es solide Forschungen. Da diese Zusammenhänge nicht nur auf der Populations-Ebene, sondern auch auf der Ebene der individuellen Genetik (Stichworte: "personal genomics", "maßgeschneiderte Medizin") immer mehr an Bedeutung gewinnen, werden sie insgesamt den Menschen in den nächsten Jahren immer bewusster werden. Den Menschen wird es dadurch immer leichter gemacht zu erkennen, dass dieses Kampfziel Erich Ludendorff aus dem Jahr 1926 so altbacken schon damals nicht war und auch noch heute nicht geworden ist. Sondern dass es einfach das gesellschaftliche Leben der Völker beschreibt entweder als Ist-Zustand oder als anzustrebendes künftiges Ziel.

/zuerst veröffentlicht: 3.1.2016,
 / letzte Überarbeitungen: 18.12.2016, 8.2. u. 6.5.2017 /
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  1. von Dickhuth-Harrach, Gustav (Hrsg.): Im Felde unbesiegt - Erlebnisse im Weltkrieg erzählt von Mitkämpfern. J. F. Lehmanns Verlag, München Bd. 1, 1920, 1923 (3. Aufl.); Bd. 2, 1922 (2. Aufl.) (326 S.), 1923 (3. Aufl.); Bd. 3 (Österreich) hrsg. von Hugo Kerchnawe 1923
  2. Schreiner, Wilhelm: Hohe Fahrt! Bilder und Skizzen aus dem Seekrieg. Philipp Reclam, Leipzig 1915; später auch unter: “Klar Schiff! Marine kämpft auf allen Meeren“ Steinkopf, Stuttgart 1937
  3. Schreiner, Wilhelm: Der Tod von Ypern. Die Herbstschlacht in Flandern; auch: Schicksal in Flandern. 7., neu bearbeitete und erweiterte Auflage, Oranien-Verlag, Herborn 1917; Verlag von J.F. Steinkopf, Stuttgart 1937 (13.-22. Tsd., 254 S.)
  4. Schreiner, Wilhelm: Harte Pflicht - Ein U-Bootsbuch. Reclam, 1917 (94 S.)
  5. Schreiner-Hohenstein, Wilhelm: Im Kampf um die Stadt. H. Wollermann, Braunschweig 1923 (93 S.), 1934 (159 S.)
  6. Schreiner, Wilhelm: Das Vermächtnis. Ein deutsches Schicksal. 1923
  7. Schreiner, Wilhelm: Im Zauber der Südsee. 1924
  8. Schreiner, Wilhelm: Im Kampf um die Welt. Hellmuth Wollermann, Braunschweig 1925 (5. Aufl.), 1926 (12. Aufl.) (121 S.)
  9. Schreiner, Wilhelm: Im Kampf ums Werden. Vom Weg einer christdeutschen Schar. 2. Auflage. Wollermann u. Maus, Braunschweig 1926 (167 S.)
  10. Schreiner, Wilhelm: Wir Männer in der Ehe. 1927
  11. Schreiner, Wilhelm: Um neuen Lebensgrund. Echo und Besinnung H. Wollermann (W. Maus), Braunschweig 1929 (230 S.)
  12. Schreiner, Wilhelm: Heliand-Weihnacht. Liturgische Christvesper. Zwei Gemeindefeiern.1930
  13. Schreiner, Wilhelm: Mein Zauberwinkel. Ein Büchlein vom Steingarten. Heilgarten-Bücherei Bd. 1.. Steinkopf, Stuttgart 1934
  14. Schreiner, Wilhelm: Der Weg des Hartmut Stein. Illustriert von A. Paul Weber. Wollermann, Braunschweig 1936, 1941
  15. Schreiner, Wilhelm und Hermann: Kompaß des Herzens - Ein Schicksal im großen Krieg; Einbandzeichnung von Paul Dietrich - Band 14 der Sammlung Acker-Bücherei - Nach dem Buch von Wilhelm Schreiner “Der Weg des Hartmut Stein” als Kurzbericht gestaltet von Hermann Schreiner. Acker-Verlag, Berlin 1937
  16. Schreiner, Wilhelm: Mein ganzes Vertrauen. Schicksalsstunden für Wilhelm den Schweiger. Wuppertal, Hermann Werner. (um 1940) (16 S.)
  17. Schreiner, Wilhelm: Rätsel Südsee. Jungs auf Forscherfahrt. 1941, 1942, 1946
  18. Schreiner, Wilhelm: Kampf um Batakland. 1948
  19. Schreiner, Wilhelm: Auf hoher Fahrt. Bilder und Skizzen aus dem Seekrieg. Europäischer Hochschulverlag, Maritime Press, 2010, 2012

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