"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)
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Mittwoch, 20. August 2014

Erich Ludendorff im Austausch mit Naturwissenschaftlern seiner Zeit

Sowie mit völkischen und kirchenfreien Zeitgenossen seiner Generation

Daß ein "Militär" wie Erich Ludendorff sich auch mit Naturwissenschaftlern wie Charles Darwin und vielen anderen beschäftigt hat, paßt nicht in das Bild, das man sich von einem durchschnittlichen "preußischen General" macht. Aber doch ist es so. So fern lagen Erich Ludendorff schon familiär bedingt die Naturwissenschaften nicht, war doch sein Bruder Hans an der Sternwarte in Potsdam Professor für Astronomie. Und schließlich war ja auch seine zweite Frau Mathilde Ludendorff Medizinerin und Assistenin des Begründers der naturwissenschaftlichen Psychiatrie Emil Kraepelin.

Aber auch in seinen Lebenserinnerungen berichtet Erich Ludendorff vom Austausch mit Naturwissenschaftlern seiner Zeit und zwar auch ganz unabhängig von den eben genannten Personen. So schreibt er etwa über das Jahr 1921 und über seine politisch-weltanschauliche Entwicklung vom "Nationalen" zum "Völkischen" (I, S. 175f):

Ich forschte und forschte über unsere Vergangenheit, über die wahren Zusammenhänge unseres politischen Lebens und für die Gewinnung von Grundlagen einer wirklichen Deutschen Volksschöpfung, die allen Stürmen der Zeit Stand halten würde und sich nicht so brüchig erwies wie unser Volksleben im Weltkriege. (...) Zahlreiche Besuche, die ich erhielt, konnten meinem Forschen dienen, andere hielten mich vom Forschen ab. Oft kamen die Besucher besorgten Herzens über die Not des Volkes und des Landes; aber ich war auch für einige "Sehenswürdigkeit".

Bei einigen Besuchern hatte er auch das Gefühl, dass sie ihn aushorchen und bespitzeln wollten, wozu er unter anderem auch die des Justizrates Claß zählte, des Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes. Weiter schreibt er:

Ähnlich wie mit den Besuchen ging es mir mit Briefen, die ich als Antwort auf erhaltene Briefe geschrieben habe, so kurz sie auch waren. Ich tat das persönlich, irgendeine Hilfe hatte ich nicht.

Unter seinen Besuchern zählt er auf neben Ausländern die Prinzen des Hauses Hohenzollern, verschiedene christliche Priester wie den Abt Schachleitner, frühere Mitarbeiter der Obersten Heeresleitung (I, S. 178f) und schreibt dann (I, S. 180):

Aus der Zahl der vielen Besuche möchte ich noch einen erwähnen, der für mein weiteres Denken bestimmend war. Es war der Besuch des Professors Kraepelin, Direktor der psychiatrischen Klinik Münchens.
Dieser suchte ihn wegen der Alkoholfrage auf. Dann schreibt Ludendorff (I, S. 182f):
Dem Besuche des Professors Kraepelin folgten noch Besuche der "Rassenhygieniker". Ich habe dieses Wort in Anführungsstriche gesetzt, um damit anzudeuten, dass es nicht zutraf! Zwar nannten sich die Besucher so, aber es waren doch schließlich mehr Vertreter einer wissenschaftlichen Erbgesundheitslehre. Mit der Rassenforschung war es 1920/21 noch recht schlecht bestellt. Vergeblich suchte ich Klarheit zu gewinnen über unsere Rassen und war daher von dem Besuche der "Rassenhygieniker", so bedeutungsvoll sie auch nach anderer Richtung für mich waren, enttäuscht. (...)
Ich hatte im Jahre 1921 mit diesen Studien, sowie mit den Studien über die Entwicklung des Menschengeschlechtes und die Lehren Darwins ein Gebiet beschritten, zu dem ich mich "instinktiv" hingezogen fühlte. Das Rasseerbgut des Volkes hatte wohl in der Todesnot des Volkes zu mir gesprochen und sollte immer klarer mein bewusstes Handeln beeinflussen.

Hier deutet er seine damalige weltanschauliche Entwicklung vom "Nationalen" zum "Völkischen" an mit dem Vokabular, das ihm erst ab 1924/25 bekannt geworden ist in der Gruppenpsychologie seiner zweiten Frau Mathilde Ludendorff (siehe ihr Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte", 1933).

Im vorliegenden Beitrag sollen Beispiele zusammengestellt werden für den Austausch Ludendorffs mit Chemikern, Medizinern, bzw. mit "Rassenhygienikern".

Ludendorff und der "geborene Demokrat", der Gießener Chemiker Karl Schaum (Februar 1922)

Abb. 1: Karl Schaum - Chemiker (aus: 10)

So wie mit Emil Kraepelin hatte Erich Ludendorff spätestens ab 1916 als Kopf der Obersten Heeresleitung natürlich auch viel mit Naturwissenschaftlern zu tun, schon um Fragen der Kriegsrüstung willen.

Im Herbst 1921 hatte Erich Ludendorff sein Buch "Kriegführung und Politik" abgeschlossen, das 1922 bei dem Verlag Mittler & Sohn in Berlin herauskam. Am 12. Februar 1922 schrieb er nun - sicherlich - an den Gießener Chemiker Direktor Karl Schaum (1870-1947) (Wikiengl.) den unten abgebildeten Brief (Herkunft: Ebay, April 2015) (9):

München, Heilmannstr. 5, 12./2. 1922
Sehr geehrter Herr Dir. Schaum!
Vor etwa 14 Tagen gab ich Mittler & Sohn den Auftrag, Ihnen mein letztes Buch zu übersenden. Ich bitte Sie, es als Zeichen meiner Dankbarkeit annehmen zu wollen.
Mit deutschem Gruß
Ludendorff.

Der Brief ist nur sehr kurz gefaßt, was dafür spricht, daß der Austausch mit Karl Schaum ansonsten nicht sehr umfangreich gewesen sein wird. Wofür Ludendorff Karl Schaum Dankbarkeit entgegen brachte, kann vorderhand nur gemutmaßt werden. Karl Schaum ist im Personenverzeichnis von Ludendorffs "Kriegserinnerungen" nicht genannt. Das Spezialgebiet von Karl Schaum war die Photochemie. Über sein Leben heißt es (pdf):

Teilnahme am Ersten Weltkrieg (Luftbildaufklärung)
Und genauer (11, S. 555):
Der Pionier der Photochemie Karl Schaum behandelte in "Photographie und Kriegs-Wissenschaft" zwei Anwendungsgebiete: Aufklärungsarbeit und Ballistik - und wurde als Freiwilliger bald darauf in die Abteilung für Fliegerphotographie eingesetzt.
In dem sehr liebevollen Nachruf des langjährigen Assistenten Schaums finden sich weitere Hinweise. Dort heißt es (10, S. 175):
Im Jahre 1915 aber begegnet auch er selbst uns bereits vorübergehend im Rock des gemeinen Soldaten, wobei er zur fliegerphotographischen Abteilung nach Adlershof bei Berlin verschlagen wird. Von Gesinnung und Haltung ein ebenso unkriegerischer wie unmilitärischer Mensch, trieb ihn ein verpflichtendes Gefühl, nicht abseits stehen zu dürfen, zu freiwilliger Meldung zum Heeresdienst, und damit zum Erlebnis einer Episode, aus der er mit seinem köstlichen Humor später die heitersten, anekdotenhaften Geschichten zu berichten wusste, die noch an Reiz gewannen, wenn man sich dabei die militärisch gewiss recht unglückliche Figur des Soldaten Schaum, des verkleideten Professors, vergegenwärtigte.

An späterer Stelle ist in diesem Nachruf von Karl Schaum übrigens als von jemandem die Rede, der sich gerne als den "geborenen Demokraten" bezeichnet hat. (Da Ludendorffs Zusammenarbeit mit dem "Goldmacher Tausend" erst in einen späteren Zeitraum fällt, kann es sich auch nicht um etwaig eingeholte Auskünfte in Fragen rund um diesen Themenkomplex gehandelt haben.)

Abb. 2: Brief Erich Ludendorffs an den Gießener Chemiker Karl Schaum, 12. Februar 1922 (Herkunft: Ebay, April 2015)(9)










Schaum war nicht der einzige Professor der Universität Gießen, mit dem Erich Ludendorff in diesen Jahren in Verbindung stand. Erich Ludendorff erwähnt auch den evangelischen Theologen Hans Schmidt (1877-1953) (Wiki) (I, S. 181):

Als Professor Schmidt, Gießen, die Alkoholfrage von einer anderen Seite aufgriff und dabei die großen Hemmungen erörterte, die eben unsere Angriffe im Frühjahr und Frühsommer 1918 tatsächlich durch die Plünderung der feindlichen Weinlager erfahren hatten, konnte ich das nur ernst begrüßen.

Er bringt sein Unverständnis über Kameraden zum Ausdruck, die in der Benennung dieser Umstände die "Ehre des Heeres" als beschmutzt ansahen:

Ich war da anderer Ansicht. Nur durch Wahrheit können wir genesen. Die von Professor Schmidt berührten Tatsachen enthielten Wahrheit. (...) Ich mußte mir selbst in der Rechtfertigung des Professors Schmidt Zurückhaltung auferlegen, sonst hätte ich den lieblichen Vorwurf zu hören bekommen, ich suche in dem Alkohol den "Sündenbock" für meine "verfehlte Kriegführung". So sind die Menschen! 

Schon in jungen Jahren hatte Schmidt als Pfarrer in Breslau die Folgen des Akoholmißbrauchs kennengelernt, war dann Soldat im Ersten Weltkrieg und in britischer Kriegsgefangenschaft. 1921 bis 1928 war er Theologie-Professor in Gießen (14, S. 20):

In diesen Gießener Jahren hat Hans Schmidt eine wesentliche Aktivität gegen den Alkoholismus entfaltet. (...) Er gab Reden und Studien heraus unter dem Titel "Die Alkoholfrage in der Religion" (Bd. 1 1926, Bd. 2 1927. (...) Die Alkoholproblematik hat Hans Schmidt offensichtlich nicht losgelassen, daß er ein so bedeutendes Aufgebot an Fachgelehrten zusammengebracht hat, die sich alle mit dieser Problematik unter ihrem Fachthema befassen wollten.

In seiner Schrift "Die Heerführer Deutschlands und der Alkohol im Kriege" aus dem Jahr 1927 brachte er drei Briefe Erich Ludendorffs zu der genannten Thematik. Schmidt schreibt zu diesen Briefen (zit. n. 13, S. 167):

Überall findet man, daß er meine Auffassung von der (verheerenden) Wirkung des Alkohols auf unsere Offensiven im Jahr 1918 teilt.

Das handschriftliche Schreiben, in dem Ludendorff den Abdruck dieser Briefe erlaubte, ist noch erhalten (Zvab):

                                   München den 12.6.
Hochverehrter Professor!
Gern stimme ich dem Abdruck zu. Mit 
deutschem Gruß
Ludendorff.

Das Jahr ist im Datum nicht genannt. Womöglich war es das Jahr 1927. 

"Er war voll und ganz Heide" - Der Würzburger Medizinprofessor Geigel

Daß ein so angesehener und weltweit berühmter General wie Erich Ludendorff sich nach dem Kapp-Putsch nach und nach der noch sehr kleinen und unbekannten völkischen Bewegung in Deutschland zuwandte, hat damals viele Menschen beeindruckt. Insbesondere natürlich solche Menschen seiner Generation, die das schon früher getan hatten als er selbst. Und noch einmal wurden viele Menschen beeindruckt, als bekannt wurde, dass er aus der Kirche ausgetreten war. Dies waren jeweils Anlässe dafür, dass sich Menschen aus völkischen und kirchenfreien Kreisen, die heute oft völlig vergessen sind, und die auch Erich Ludendorff zumeist in seinen Lebenserinnerungen gar nicht erwähnt, an ihn gewandt haben. Einige Beispiele sind in früheren Beiträgen hier auf dem Blog schon gebracht worden. Zumeist wird es wohl nur bei oberflächlichen Kontaktaufnahmen geblieben sein. In diesem Blogbeitrag sollen  zwei solcher Kontakte behandelt werden, zum einen mit dem Würzburger Medizinprofessor Richard Geigel und mit dem völkischen Naturwissenschaftler Otto Schmidt-Gibichenfels aus Halle-Rietleben.

Da hatte es in Würzburg einen katholisch getauften Professor der Medizin gegeben mit dem Namen Alois Geigel (1829-1887) (1). Dieser hatte sich schon in den 1880er Jahren öffentlich vom christlichen Glauben losgesagt und einen "deutschen Glauben" vertreten. Dabei war er auch "sonst" keineswegs altbacken-konservativ. Über ihn wird berichtet (2):

Er erkannte - wie vor ihm Rudolf Virchow am gleichen Ort - die Zusammenhänge zwischen Armut und Krankheit und ließ es an sozialkritischer Publizistik nicht fehlen.
Aber dann auch: 
Geigel bekannte sich öffentlich zum Atheismus und zu einer Schwärmerei für die nordische Sagenwelt.

Nun, ein "deutscher Glaube" dürfte nicht so ohne weiteres mit Atheismus gleichzusetzen sein und die Verwendung des Begriffes "Schwärmerei" deutet ebenfalls auf einen christlichen Hintergrund des Autors dieser Zeilen. 1884  jedenfalls hatte Alois Geigel eine Schrift heraus gegeben mit dem Titel "Über Wissen und Glauben", auch erschienen unter dem Titel "Andwaranaut - Ueber Wissen und Glauben", wobei der Begriff Andwaranaut der Name eines Goldringes aus der nordischen Sagenwelt war. Auf diese Schrift hatte ein K. Braun mit einer anderen Schrift geantwortet: " 'Deutscher Glaube'? - Entgegnung auf eine Schrift von Dr. A. Geigel, Prof. der Medicin an der Universität Würzburg - Über Wissen und Glauben". Alois Geigel war schon drei Jahre später im 58. Lebensjahr gestorben.

1919 wird in "Lebensläufe aus Franken" (hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für Fränkische Geschichte, Band 1) über diesen Alois Geigel berichtet (3, S. 106-116):

Geigel ist voll und ganz Heide. Ein der modernen Philosophie wie der Theologie gleich fremder Gottesbegriff wird eingeführt, ein Gott oder ein Göttergeschlecht, Leib und Leben nach Mannesart, selbst geworden, für sich und andere um das Gute und gegen das Schlechte ringend, nach Vollkommenheit strebend .... Erst im Jahre 1914 gelang es seinen Kindern, den Vertrag mit dem Verleger zu lösen und den Andwaranaut in einem ...
Abb. 3: Dr. Richard Geigel (1859-1930), Professor der Medizin in Würzburg

Der Sohn von Alois Geigel, Richard Geigel (1859-1930), scheint also nicht nur beruflich in die Fußstapfen seines Vaters getreten zu sein, indem er ebenfalls Professor der Medizin an der Universität Würzburg wurde. Er scheint dies auch weltanschaulich getan zu haben. Er gehörte zur Generation von Erich Ludendorff, war sechs Jahre älter als er. Wie eben erwähnt, hatte er 1914 die Schrift seines Vaters "Andwaranaut - Ueber Wissen und Glauben" erneut heraus gegeben zusammen mit einem Vorwort von Emil Hubricht, einem damaligen Schriftsteller der völkischen Bewegung.


Richard Geigel scheint auch sonst ein fröhlicher und weltoffener Mann gewesen zu sein. Berichtet doch der berühmte Chemiker Emil Fischer (1852-1919), der Begründer der klassischen organischen Chemie, über ihn (4, S. 122):
Durch Originalität zeichnete sich der Polikliniker Geigel aus, ein Meister in der Abfassung von feinen und leicht ironischen Gutachten, deren sich die Fakultät stets bediente, wenn sie unbequeme Zumutungen des Ministeriums in München bekämpfen wollte. Er war das Haupt einer Musikbande, die aus Würzburger Professoren oder Bürgern bestand - z. B. den beiden Brüdern Stöhr und dem Pharmakologen Kunkel. Während der Herbstferien hauste diese Gesellschaft zu Ammerland am Starnberger See und gab täglich kleine Konzerte, wobei das Hornblasen die Hauptrolle spielte. 
Dieser Brauch scheint auch noch in die 1920er Jahre hinein forgesetzt worden zu sein. Denn irgendwann Ende August eines Jahres zwischen 1924 und 1930 fragte Richard Geigel von Ammerland aus an, ob er Erich Ludendorff in München besuchen kommen könne. Erich Ludendorff antwortete darauf mit folgendem kurzen Brief (5).

Abb. 4: Kurzer Brief Erich Ludendorffs an Professor Richard (?) Geigel, 1920er Jahre

Der Poststempel ist verwischt. Er ist adressiert an "Herrn Prof. Dr. Geigel Ammerland am Starnb. See". Der kurze Brieftext lautet: 

Heilmannstr. 24.8. 
72401 
Sehr geehrter Herr Professor!
Ich bin am 30. wahrscheinlich zu sprechen, ich bitte nach Eintreffen um Anruf.
Mit deutschem Gruß
Ludendorff

Was Richard Geigel mit Erich Ludendorff besprochen hat, kann nur vermutet werden. Wahrscheinlich hat dieses Gespräch stattgefunden, nachdem bekannt geworden war, daß Erich Ludendorff aus der Kirche ausgetreten war, vielleicht auch, nachdem seine Frau Mathilde Ludendorff ihre Schrift "Deutscher Gottglaube" auf seinen Wunsch hin herausgebracht hat, eine sehr volkstümliche Heranführung an einige Inhalte ihrer Philosophie.

Richard Geigel hatte sich auch selbst mit volkstümlichen Schriften beschäftigt. Und sein 1924 erschienenes Buch "Beobachten und Nachdenken - Eine Anleitung zu Naturbeobachtungen" ist erst letzten Herbst vom Springer-Verlag neu herausgegeben worden (6; s. Amazon).


 ______________________________________________ 
  1. Artikel „Geigel, Alois“ von Julius Pagel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 274–275, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Geigel,_Alois&oldid=1705519 (Version vom 20. August 2014, 09:25 Uhr UTC)
  2. Herrlinger, Robert, „Geigel, Nikolaus Alois“, in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 141 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118861638.html
  3. Lebensläufe aus Franken. Hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für Fränkische Geschichte, Band 1. 1919
  4. Fischer, Emil: Aus meinem Leben - Geschrieben in dem Unglücksjahre 1918. Berlin 1922
  5. wolfrich (Verkäufer aus Homburg/Saar): um 1918 General Erich Ludendorff, Brief mit Umschlag, eigenhändige Unterschrift. Ebay-Angebot zum 24. Aug. 2014
  6. Geigel, Richard: Beobachten und Nachdenken - Eine Anleitung zu Naturbeobachtungen. 1924; erneut: Springer-Verlag, Heidelberg 2013 (Amazon)

"Auch aus meiner Einsamkeit heraus kämpfe ich" (22. Juli 1925)

Auch der Naturwissenschaftler und Schriftleiter Dr. Otto Paul Schmidt-Gibichenfels (1861-1933) gehörte zur Generation Erich Ludendorffs. Er war vier Jahre älter als Ludendorff. Aus seinem erhaltenen Briefwechsel mit Ludendorff geht hervor, dass Ludendorff die von ihm herausgegebenen Zeitschriften las und schätzte. Bis 1922 hatte er die vergleichsweise anspruchsvolle völkische Zeitschrift "Politisch-Anthropologische Monatsschrift" (1901-1922) herausgegeben, ab 1925 ihre Nachfolge-Zeitschrift "Die Sonne - Wochenschrift für deutsches Volkstum"  (1925-1927). Die erstere war 1901 von Ludwig Woltmann begründet worden unter dem Titel "Politisch-Anthropologische Revue". Nachdem Woltmann 1907 verunglückt war (im Mittelmeer ertrunken), übernahm zunächst der Lebensreformer Friedrich Landmann dieselbe, gab sie aber 1911 an Dr. Otto Paul Schmidt-Gibichenfels ab (1, S. 291f). Von da an fiel die Auflage der Zeitschrift allmählich ab. Im 10. Jahrgang von 1911/12 finden sich Aufsätze wie:

Arthur Moeller van den Bruck: Die Kultur der Etrusker S. 205-217, Ludwig Schemann: Neues aus der Welt Gobineaus S. 603-612, 635-650

Im 15. Jahrgang von 1916 findet sich Aufsätze wie (672 S.):

Erhaltung und Veredelung der germanischen Rasse; Franz Haiser: Freihandel; H. G. Holle: Nationalitätsprinzip oder völkische Lebenskraft?; Strünckmann: Heereskrankheiten und Kriegsseuchen; Hermann W. Siemens: Kritik der Rassenhygiene; Paul Buchholz: Wie muss die innere Kolonisation geleitet werden?; Ernst Wachler: Rasse und Dichtkunst; Fr. Sigismund: Frauenbewegung und Staat; Bohemicus: Über die Worte "deutsch-böhmisch", "böhmisch" u. ..
Abb. 1: Politisch-Anthropologische Monatsschrift - Monatsschrift für praktische Politik, für politische Bildung und Erziehung auf biologischer Grundlage, Jg. 1916/17

Es handelte sich also um Beiträge sehr allgemeiner Art und ein weites Themenspektrum betreffend. Unter der Herausgeberschaft von Schmidt-Gibichenfels ging die Bezieherzahl der Zeitschrift im ersten Jahr 1911 auf 1.200 zurück und schmolz in den nächsten zehn Jahren auf 800 (1, S. 292):

.... weshalb die Zeitschrift im Sommer 1920 in finanzielle Schwierigkeiten geriet und vom "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund" übernommen wurde, der sie als eine "der besten wissenschaftlichen Zeitschriften zur Förderung rassenbiologischer Erkenntnis" und als das "geistige Rüstzeug für die Durchführung unseres Kampfes um die Erhaltung des Deutschtums" würdigte. Nach dem Verbot des "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes" stellte die "Politisch-Anthropologische Monatsschrift im Herbst 1922 ihr Erscheinen ein.
Nach Ende der Zeitschrift 1922 tritt Schmidt-Gibichenfels 1925 kurzfristig als Mitherausgeber der Zeitschrift "Die Sonne - Wochenschrift für deutsches Volkstum" in Erscheinung. 1927 zieht er sich in seinen Geburtsort Nietleben zurück und publiziert in den 1930er Jahren vermehrt über Währungsfragen.

Leider ist aus den bisher zugänglichen Teilen des Briefwechsels zwischen Erich Ludendorff und Gibichenfels nicht alles vollständig und rund rekonstruierbar, so dass viele Fragen offen bleiben und eben vor allem konstatiert werden kann, dass es eine Verbindung zwischen beiden gegeben hat.

Abb. 2: Erich Ludendorff an Otto Paul Schmidt-Gibichenfels, 22. 7. 1925

Man darf vermuten, dass der Brief aus Abb. 1 aus dem Jahr 1925 stammt. Soweit er entzifferbar ist, hat er folgenden Wortlaut:

München, Heilmannstraße den 22.7. [1925]

Geehrter Herr Dr. Schmidt-Gibichenfels!

Aufrichtig freue ich mich, daß Sie jetzt die Schriftleitung der Sonne haben.
Denn damit bekommt sie / ... / wie ihn Ihre Anthropologischen Hefte hatten. 
Für Ihre Stellungnahme in der / ... ... / sage ich ihn(en) meinen Dank. Ich war bisher sehr allein, weil die Menschen so dumm und feige sind und glauben nur ihnen die eigenen ...vorerzählen. Auch aus meiner Einsamkeit heraus kämpfe ich. Bitte lesen Sie den kl. Aufsatz, er erscheint nach einer über den heutigen Tage 14 /?/ und ist hier schon erschienen.

Mit deutschem Gruß
Ludendorff.

Er ist schwer zu entziffern. Falls Leser weitere Lesarten entdecken, bitte melden!

"Ich lese Ihre Zeitschrift aufmerksam" (21. November 1925)

Auch der folgende Brief Ludendorffs könnte datieren auf den 21. 11. 1925. Gegebenenfalls aber auch auf den 21. 11. 1926.


Abb. 3: Erich Ludendorff an Otto Paul Schmidt-Gibichenfels, 21.11.1925 (od. 1926)

Der Wortlaut:

München, Heilmannstr., 21.11. 
Mein lieber Herr Schmidt-Gibichenfels.

Zunächst herzlichen Dank dafür, daß Sie mich auf Ihren Aufsatz hinweisen, nötig war es nicht, denn ich lese Ihre Zeitschrift aufmerksam. Ich stehe ebenfalls auf dem Boden Ihres Aufsatzes und bin auch der Ansicht, daß es in jedem Volk auf die "Herren" /oder "Gene"?/ ankommt. Den Herren wird es leichter, wenn die Masse die Notwendigkeiten einsieht u. die Form versteht. Eine Verbreitung Ihrer Ansichten ist mir immer erwünscht. Wo finden Sie aber auf der Rechten Verständnis für diese Fragen. Sie versteht ja auch nicht, daß um Deutschland zur Gesundung zu bringen, der Bolschewismus in Rußland getroffen werden muß. Und daß in dem Unvermögen, dies zu tun ein Teil unserer verzweiflungsvollen Zustände begründet ist.
Diese Ausführungen würden zu dem passen, was Erich Ludendorff schon über das Jahr 1921 in seinen Lebenserinnerungen schreibt (Bd. I, S. 177):
Auch Interviewer aus anderen fremden Staaten kamen zu mir, namentlich ließ Herr Arnold Rechberg sich angelegen sein, mir solche zuzuführen. Er wirkte für einen europäischen Block gegen Sowjetrußland, der durchaus damals meinen Ansichten entsprach. Wie sollten wir des Kommunismus Herr werden, wenn er uns tagtäglich von Rußland aus gebracht wurde? Bei diesen Besprechungen hörte ich denn auch Ansichten aus den entsprechenden Fremdstaaten.

Vielleicht datiert der Brief darum auch schon auf das Jahr 1921 und beziehen sich Ludendorffs Worte auf die erste Zeitschrift, die Gibichenfels herausgab. Dann würde auch die Redeweise von den "Herren" und von "Herrenschicht", die Ludendorff spätestens 1932 völlig ablehnte, verständlicher sein.

Zumindest im Jahr 1926 hat Otto von Schmidt-Gibichenfels mehrere Artikel in Ludendorffs Wochenzeitung "Deutsche Wochenschau" veröffentlicht über außenpolitische Fragen. So in der Ausgabe vom 14.3.1926 ("Der Rattenfänger" über Gustav Stresemann und anderes).

"Dem Besitz und der Leistung ihre Rechte geben" (5. 1. 1927)

Sodann gibt es noch einen weiteren Brief Ludendorffs an Otto Schmidt-Gibichenfels (s Kotte Autographen, pdf, S. 252 - "E. Brief mit U., o. O., 5. Januar 1927, 3½ Seiten auf 2 Bll. 8"):

Ich bin Ihrer Auffassung. Die Not heute bringt das Volk zur Besinnung, wenn’s sein Recht fordert. So betrachte ich es sogar nur aus /?/ daher, daß es sich nicht von Neuem von dem Juden und der Socialdemokratie einfangen läßt. Für mich ist die wirtschaftliche Frage nur insofern geklärt, daß wir sie erst lösen können nach Überwindung der politischen Machtstellung der Juden. Es ist ein enger Thorlauf [?].  Wenn wir diese Stellung überwinden, dann erst können wir wirtschaftliche  Maßnahmen treffen [...] Wir neigen aber wieder einmal dazu, daß wir uns die Köpfe einschlagen über das, was vielleicht nicht kommen könnte. Eins ist für  mich klar, daß wir beizeiten das Denken der Deutschen umstellen müssen u. dem Besitz u. der Leistung ihre Rechte geben, ebenso dem Dienst wie dem  Besitz an der Gemeinschaft [...].

Otto Paul Schmidt-Gibichenfels schrieb in einem Brief - Nietleben, 16. Februar 1937 wohl 1927 (da Gibichenfels ja schon 1933 starb!) (1 Seite gr.-4°. Gedruckter Briefkopf) - an Erich Ludendorff in Tutzing:

(…) Eure Exzellenz teilen mir (…) mit, daß Sie zur Zeit nicht imstande sind, meine Ihnen übersandte Schrift, die vor kurzem erschienen ist, zu lesen. Da es vielen so ergeht, habe ich in der Anlage versucht, Inhalt und Bedeutung meiner Schrift so kurz und klar, wie nur irgend möglich, darzulegen. Eure Exzellenz wissen sicher auch, daß Bismarck von seinen Räten verlangte, den wesentlichen Inhalt langer Aktenstücke in wenigen Worten wiederzugeben (…)“

Hier zeichnet sich eine Distanzierung zwischen beiden ab. 

"Ich nehme keine Aufsätze unmittelbar an."

Erich Ludendorff schrieb an den Schriftsteller und Naturwissenschaftler Dr. Schmidt-Gibichenfels in Rietleben bei Halle

Abb. 4: Erich Ludendorff an Schmidt-Gibichenfels, o. J.

 Er schrieb (E. Brief m. U., o. O., 2. April o. J., Seite 8, Antiquariat): 

M. 2. 4.
Sehr geehrter Herr Dr. Schmidt Gibichenfels,
 Ich nehme keine Aufsätze unmittelbar an. Diese ist der ... . Mit deutschem Gruß
Ludendorff.

Man müßte sich wohl mit der Person und den Aufsätzen von Otto Schmidt-Gibichenfels noch gründlicher auseinandersetzen, um zu einem lückenloseren Verständnis dieses Briefwechsels kommen zu können.


(Erster Entwurf: 31.10.09, Ergänzung: 27.9.2014, Ergänzung Schaum: 5.4.15)
_________________________________________
  1. Hufenreuter, Gregor: Wege aus den "inneren Krisen" der modernen Kultur durch "folgerichtige Anwendung der natürlichen Entwicklunglehre". Die Politisch-Anthropologische Revue (1902 - 194). In: Michel Grunewald und Uwe Puschner (Hg.): Krisenwahrnehmungen in Deutschland um 1900. Zeitschriften als Foren der Umbruchszeit im wilhelminischen Reich. Peter Lang Verlag, Bern 2010, S. 281 - 296 (Google Bücher)
  2. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Wen soll ich heiraten? Berlin 1907
  3. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Das Problem der besten Gesellschaftsordnung. Thüringische Verlags-Anstalt, Leipzig 1909  
  4. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Der Krieg als Kulturfaktor als Schöpfer und Erhalter der Staaten. Thüringische Verlagsanstalt, Hildburghausen 1912; Verlag Kraft und Schönheit, 1916 (32 S.) (Sonderdruck aus der Politisch-Anthropologischen Revue) (Google Bücher)
  5. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Politisch-Anthropologische Monatsschrift für praktische Politik, für politische Bildung und Erziehung auf biologischer Grundlage. Als "Politisch-Anthropologische Revue" begr. 1901 von Ludwig Woltmann. Thüringische Verlags-Anstalt, Hildburghausen-Berlin: X. Jg., 1911, XIII. Jg., 1915, Politisch-Anthropologischer Verlag, Berlin-Steglitz 1916/1917 XV. Jg., 1916, XIX. Jg., 1920/21 (572 S.), XX. Jahrgang 1921/1922 (566 S.)
  6. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Der Sozialismus im wahren und im falschen Sinne. Polit.-Anthropologischer Verl., 1919 (19 S.) 
  7. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Ordnung der Volks- und Weltwirtschaft auf neuer Grundlage. Ein Beitrag zur Ermöglichung eines wirklichen und dauerhaften Völkerfriedens nach Kriegsende. Akademischer Verlag, Halle 1939, 1940
  8. Erich Ludendorff: E. Brief m. U., o. O., 2. April o. J., ? Seite 8°. An den Schriftsteller u. Naturwissenschaftler Dr. Schmidt-Gibichenfels (1861-1933) in Rietleben b. Halle: "[?] Ich nehme keine Auflage [?] an [?] Mit deutschem Gruß [?]". Anbieter: Kotte Autographs GmbH D - 87672 Roßhaupten  Bestellnummer: 5958 Preis: 150.00 Eur. Auf: Antiquariat [15.1.2012] 
  9. Markus Brandes Autographs ("brandesautographs"): General Erich Ludendorff autographed letter signed. Ebay-Angebot für 262 US-Dollar, 5.4.2015
  10. Hock, Lothar: Karl Schaum zum Gedächtnis. In: Nachrichten der Giessener Hochschulgesellschaft, 17/1948, S. 170-181; auf: Giessener Elektronische Bibliothek, geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2013/.../NGH_17_1948_170_181.pdf
  11. Maurer, Turde: "... und wir gehören auch dazu". Universität und "Volksgemeinschaft" im Ersten Weltkrieg. Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 2015 (GB)
  12. Schmidt, Hans: Die Heerführer Deutschlands und der Alkohol im Kriege. Neuland-Verl., Berlin 1927 (23 S.) 
  13. Hampe, Ilse: Papsch im Ersten Weltkrieg. Briefe eines Stabsoffiziers (GB)
  14. Wallis, Gerhard: Hans Schmidt (1877-1953) - Wesen und Weg. In: Reformation und Neuzeit - 300 Jahre Theologie in Halle, 1694-1994. Hrsg. von Udo Schnelle. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1994 (GB), S. 17-29

Sonntag, 8. Januar 2012

Erich Ludendorff im Jahr 1922

Wenig bekannte Photographien 
- Das Jahr nach dem Kapp-Putsch und vor dem Hitler-Ludendorff-Putsch

Im Internet stößt man immer häufiger auf vergleichsweise seltene oder selten anmutende Photographien von Erich Ludendorff (WikiC, Postkarten). So daß man veranlaßt ist, diese einmal zusammenzustellen. In diesem Blogartikel werden Angaben gemacht zum äußeren Leben Erich Ludendorffs im Jahr 1922. In einem weiteren Blogartikel werden Angaben gemacht zur inneren geistigen Entwicklung Erich Ludendorffs im Jahr 1922, insbesondere im Austausch mit Naturwissenschaftlern und völkisch Denkenden seiner Zeit (9) (Stgr2014).

Abb. 1: Erich Ludendorff in Eisenach, 6./7. Mai 1922 - Auf einem Reit- und Fahrturnier - Postkarte (Ausschnitt von Abb. 2) (1)

Erich Ludendorff schreibt selbst über das Jahr 1922 (3, S. 201f):

In dem Jahre 1922 nahm mich die Politik immer mehr in Beschlag.

Er hätte ab dieser Zeit immer "schärfer" "völkische Anschauungen" vertreten und sich deshalb völkischen Gruppierungen um von Graefe, Wulle, Henning in Norddeutschland und Adolf Hitler in Süddeutschland angenähert (3, S. 202):

Meine Annäherung an diese als völkisch bezeichneten Gruppen wurde mir nun sowohl von meinen Deutschnationalen Bekannten, wie bald auch immer steigend von den Offizierverbänden verdacht, die an eine Wiederherstellung der Monarchie von heute auf morgen dachten und meine Gegengründe nicht verstehen konnten oder wollten.

Er hörte, 

es wäre doch verfehlt, mit einem "Gefreiten" - hier war Herr Hitler gemeint - zusammenzuwirken usw. usw..

Er habe dabei aber keine Rücksicht darauf genommen, ob er sich damit "schade" oder "nutze". 

In Erfurt (Ostern 1922)

Der Historiker Walter Frank erinnerte sich an eine persönliche Begegnung mit Erich Ludendorff zu Ostern 1922 auf einer nationalen Veranstaltung in Erfurt (s. Stg2015).

Vielleicht steht damit in Zusammenhang auch der Besuch Erich Ludendorffs in Eisenach, der in folgender Fotografie (Abb. 1 und 2) dokumentiert ist.

Am 5. Mai 1922 ist Erich Ludendorff im Kulmbach in Oberfranken zu Besuch bei dem dortigen Spinnereidirektor und Geheimrat Fritz Hornschuch (1874-1955) (Wiki, Fürth-Wiki(Frankenpost2023). Es sollte in den Folgejahren noch mehrere weitere Besuche Ludendorffs in Kulmbach geben (11), etwa 1924 (FränkTag1923) (s. Stgr2018). Hornschuch war der Besitzer jener Villa in München-Ludwigshöhe, die Erich Ludendorff im Jahr 1920 bezogen hat.

Auf einem Reit- und Fahrturnier in Eisenach im Mai 1922

Am 6. Mai 1922 besuchte Erich Ludendorff das Reit- und Fahrturnier in Eisenach. Dies kann einer Postkarte entnommen werden, die im Internet angeboten ist (Abb. 1 und 2). Ein solcher Besuch ist in seinen Lebenserinnerungen - wie so vieles - gar nicht erwähnt. Auf der Rückseite dieser Postkarte stehen handschriftlich die Namen:

Ilse, Frau Lindemann, Ludendorff, Frau Bartel, Münck, Frau Sottsch, Frau Köstein.

Was diese Gruppe von Menschen, von denen offenbar keiner in Ludendorffs Lebenserinnerungen erwähnt wird, miteinander verband, muß zunächst offen bleiben.*)**)

1913 hatte in Eisenach auch der erste der "Deutschen Tage" (Stgr2011) stattgefunden. Vielleicht wurde auch dieses Reit- und Fahrturnier des Jahres 1922 - wie auch die Fliegergedenktage jener Zeit - von der Öffentlichkeit als bedeutendes nationales Ereignis empfunden, zu denen die Menschen zu Tausenden und Zehntausenden strömten und zu denen Leute wie Ludendorff als Ehrengäste geladen wurden.

Abb. 2: Auf dem Reit- und Fahrturnier in Eisenach, 6./7. Mai 1922, Postkarte (1)

In der Forschungsbibliothek Gotha  findet sich ein Brief von Erich Ludendorffs, über dessen Inhalt zu erfahren ist (10):

Berlin, 09.05.2019.
Brief  Bemerkung:  
1 Auftrag Wegeerkundung b. Tambach-Brotterode

Das Datum ist hier offensichtlich falsch wiedergegeben. Tambach-Brotterode liegt 27 Kilometer südlich von Eisenach.  Lag dort womöglich eine der Kliniken, in denen die Morphiumsucht seiner Frau behandelt wurde?

Auf einer Regimentsfeier in Goslar (Juni 1922)

Mitte Juni 1922 besuchte Erich Ludendorff Goslar.

Abb. 3: Erich Ludendorff auf der Regimentsfeier des Vereins "Ehemalige 165er" in Goslar, 17./18. Juni 1922

Schon im Jahr 1919 hatten die Ehemaligen des Infanterie-Regiments 165 in Goslar aus Anlaß ihrer Regimentsfeier eine Anfrage an Erich Ludendorff gerichtet (siehe anderer Beitrag hier auf dem Blog). Am 17. und 18. Juni 1922 kam Erich Ludendorff nun nach Goslar zu einer solchen Feier. Über Goslar wird berichtet (Wiki):

Der nun jährlich stattfindende Jägertag wurde in den Folgejahren zweimal verboten und konnte dreimal aus wirtschaftlichen Gründen nicht stattfinden.
Abb. 4: Erich Ludendorff auf der Regimentsfeier des Vereins "Ehemalige 165er" in Goslar, 17./18. Juni 1922

Von dieser Feier sind hier drei historische Fotografien eingestellt (Abb. 3-5). Die Abbildungen 3 und 4 sind auch im ersten Band der Lebenserinnerungen Erich Ludendorffs (für die Jahre 1919-1925) enthalten (3, S. 161, 176).

Abb. 5: "Regimentstag Ehemaliger des 5. Hannoverschen Infanterie-Regiment Nr. 165 in Goslar 1922"

Das schon 1919 geplante Denkmal für die gefallenen Goslarer Jäger am Thomaswall in Goslar wurde erst am 19. September 1926 (Postk) eingeweiht.

450-Jahr Feier der Universität München (24. Juni 1922)

Am 24. Juni fand die 450-Jahr-Feier der Universität München statt. An ihr nahm auch Erich Ludendorff teil. Es war der Tag der Ermordung Walter Rathenaus und dies ist deshalb eine der wenigen Veranstaltungen des Jahres 1922, deren Teilnahme er in seinen Lebenserinnerungen erwähnt (3, S. 208f). Über die Sitzordnung wird berichtet (8, S. 482):

Die weitere Anordnung zeigte deutlich die Betonung der alten Eliten, da gleichberechtigt zum bayerischen Ministerpräsidenten, Graf Lerchenfeld, der links vom Rektor ging, auf der rechten Seite Kronprinz Rupprecht seinen Platz hatte. Eine Selbstverständlichkeit war es zudem, dass die Generäle Ludendorff, Möhl und Bothmer neben dem Regierungspräsidenten Ritter v. Kahr nicht fehlen durften. Ein weiteres Indiz für die konservativ-reaktionär ausgerichtete Veranstaltung läßt sich in der Ausschmückung der Universität im Lichthof mit den Fahnen des „alten Reiches“ greifen, während sich die Universitätsleitung beim Außengebäude „diplomatisch“ für weiß-blau entschieden hatte. Die Fahne der Weimarer Republik fand auf einer solchen Veranstaltung hingegen keinen Platz. Auch die Festrede, die der damalige Rektor Erich von Drygalski (1865-1949) hielt, spiegelte diese politische Ausrichtung der Veranstaltung.

Weiter heißt es (ebd., S. 486):

Bezeichnenderweise wurde der Festkommers auch nicht abgebrochen, als nach der Rede des Rektors die Ermordung von Reichsaußenminister Walther Rathenau bekannt wurde. Allein der bayerische Kultusminister Franz Matt bezeichnete die Tat als „frevelhaftes Verbrechen“, verurteilte den „Meuchelmord“ als zulässige Waffe im politischen Kampf und ermahnte dann die Studenten, bei der „Betätigung ihrer so schätzenswerten vaterländischen Gesinnung“ Besonnenheit zu bewahren. Trotzdem sei, wie ein Artikel in einer Brüssler Zeitung überspitzt formulierte, die „fête pangermaniste“ fröhlich weitergegangen. Auch wurde darin die Teilnahme des Kronprinzen, des Generals Erich Ludendorff und des Ritters von Kahr als „provocations pangermanistes“ angeprangert.

Erich Ludendorff gibt hierüber folgenden, recht bemerkenswerten Bericht (3, S. 208):

Am 24.6. wurde in München die Feier des 450jährigen Bestehens der Universität begangen. Eine große Zahl von Ehrengästen war geladen. Der Rektor magnificus, der Geograph Professor Dr. v. Drygalski, hielt die Festrede. Während der Feier erhielt der Kronprinz Rupprecht ein Telegramm. Es enthielt die Nachricht von der Ermordung Walter Rathenaus. Der Kronprinz beugte sich zu mir herüber, gleichsam, als wollte er damit andeuten, ich wisse davon. Nun, ich wußte nichts davon.

Es klang schon eine Sympathie des Erich von Drygalski (1865-1949) (Wiki) mit Erich Ludendorff an. er war gleichen Jahrgangs wie Ludendorff und 1901 bis 1903 der Leiter der ersten deutschen Antarktis-Expedition gewesen. In der Wissenschaftsgeschichte ist man sich bewußt, daß man damals als Historiker das Selbstverständnis hatte, unmittelbar auf das politische Leben der Nation Einfluß nehmen zu wollen und als Beispiel dafür wird angeführt (Winifried Schulze, 2010, S. 40, GB):

So lud die Münchner Universität 1922, zum 450. Jahrestag ihrer Gründung, General Ludendorff als Ehrengast ein, und Rektor Erich von Drygalski weigerte sich, das Universitätsgebäude mit dem Schwarz-Rot-Gold der Republik schmücken zu lassen.

Die 450-Jahr-Feier scheint nicht der einzige Anlaß gewesen zu sein, der von Drygalski mit Erich Ludendorff zusammen brachte. Erich Ludendorff berichtet in seinen Lebenserinnerungen über die völkischen Verbände in Bayern in den Jahren 1922 und 1923 (3, S. 201):

Es würde jedoch zu weit führen, wenn ich der Einzelheiten und der verschiedenen Veranstaltungen und Sonnwendfeiern gedenken würde, die ich von München aus mitmachte. Ich möchte für 1923 nur der Zusammenkunft des Bundes "Oberland" auf der alten Burg Hoheneck des Herrn Verlagsbesitzers Lehmann in Franken, unweit Nürnberg, gedenken, wo "Oberland" eine Schulungstagung abhielt. Damals führte mich auch Herr Hauptmann Heiß auf einer Autofahrt durch die schöne fränkische Landschaft, um verschiedene Teile seiner "Reichsflagge" zu begrüßen.

Von der Schulungstagung auf Burg Hoheneck gibt es den folgenden Bericht in den Erinnerungen des einflußreichen, okkultgläubigen, nationalsozialistischen Politikberaters Karl Haushofer, der von politisch einflußreichen Okkultgesellschaften in Japan 1937 öffentlich im deutschen Rundfunk sprach (siehe Beiträge über Haushofer auf "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!"). Dieser Haushofer berichtet (zit.n. Hans Adolf Jacobsen, 1979, S. 212, GB):

Mein inneres Verhältnis zu Ludendorff, den ich gut gekannt und viel gesehen habe, litt darunter, daß ich ihn nie für den großen Mann halten konnte, als der er sich selber vorkam, und vor allem seine zweite Frau nicht ernst zu nehmen vermochte. Zum wirklich großen Mann fehlten mir die Herzenswerte, die nach meinen kriegsgeschichtlichen Erfahrungen wesentlich für wirkliche Menschengröße, auch bei den großen "Raubtieren" der Weltgeschichte, waren, und der Herzenstakt, der vielleicht auch schwer aus seinem typisch ostelbischen Wesen Ausdruck fand. Vieles schien mir mehr Gußeisen als Stahl ... Zwei kennzeichnende persönliche Beobachtungen gaben mir ein gemeinsamer Aufenthalt auf Schloß Hoheneck im Aischgrund, wo wir als Ehrengäste des Bundes Oberland bei Weber und seinem Schwiegervater waren, und wo man sehr aufeinander angewiesen war und ein Abend in München mit österreichischen Kameraden zusammen, der gerade auf den Friedrichstag fiel.
Der Tierarzt Friedrich Weber (1892-1955) (Wiki) war der Leiter des Bundes Oberland und Schwiegersohn des damals bedeutenden völkischen Verlegers Julius Friedrich Lehmann (1864-1935) (Wiki). Lehmann hatte die Burg Hoheneck 1921 erworben und sie "nationalen Schulungen" zur Verfügung gestellt. Karl Haushofer weiter (Hans Adolf Jacobsen, 1979, S. 212f, GB):
In Hoheneck mußten wir zunächst einmal eine schwere Schelte des Schloßherrn mit über uns ergehen lassen, die einen Rudel junger Oberlandler traf.

Am Anreiseabend hätten diese, so Haushofer, zu viel Alkohol getrunken und das Schlo0 verunreinigt, ...

.... was der grimmige alte Antialkoholiker Lehmann mit Mißfallen gehört hatte, und am Morgen zu einer scharfen, wie es schien, wohlverdienten Gardinenpredigt ausnützte. Diese Kapuzinerpredigt prasselte nun auch auf Ludendorff, seinen Begleiter, Drygalski, und mich herunter, und ich höre noch im Ohr die halblaut, aber weithin verständlich gemurmelte Beschwerde Ludendorffs in meinen Ohren: "Weshalb schilt er mich denn; ich habe ihm jarnischt jetan." Die Beschwerde wurde zuletzt so laut, daß es Lehmann jählings zum ... (...). Ebenso ging es am Friedrichstag. Da war eine Abordnung des tapferen alten Salzburger Rainer-Regiments gekommen, die einen Fahnenspruch vom ....

(zitiert hier bisher nur nach Google-Bücher-Ausschnitten). Dieser Bericht Haushofers, der als okkultgläubiger Hetzer zu jenem Zweiten Weltkrieg, vor dem Erich Ludendorff immer wieder gewarnt hatte, Ludendorff in tiefster innerer Gegnerschaft gegenüber stehen mußte, mag mehr als bezeichnend empfunden werden. Er wirkt im Tenor auch an vielen Stellen unglaubwürdig. Hat Erich Ludendorff zum Beispiel "berlinert"? Und kann man sich vorstellen, dass Ludendorff so reagiert hat? Ludendorff berichtet ja viel mehr selbst in seinen 1940 veröffentlichten Erinnerungen, daß er schon in dieser Zeit aufgrund eines Besuches von Emil Kraepelin ebenfalls zu einem Gegner des Alkohols geworden war (3, S. 180f). An anderer Stelle wird berichtet (1986, S. 76, GB):

Und der rechtsradikale Hochschulring schloß sich, als Drygalski, der Professorengeneral Haushofer und Ludendorff alle drei zusammen als Ehrengäste und Festredner beim bayerischen Wehrverband Oberland auf Schloß Hoheneck ...
(Mehr dazu vielleicht auch in: Thomas Greif: Frankens braune Wallfahrt. Der Hesselberg im Dritten Reich. Selbstverlag des Historischen Vereins für Mittelfranken, 2007, 630 S., GB, wo es S. 65 heißt: "... benachbarten Staatswald schritt der inzwischen eingetroffene General Erich Ludendorff die etwa 250 angereisten Männer im Burghof ab. Beim sonntäglichen Feldgottesdienst im Burghof predigte der Ipsheimer Pfarrer Oskar Döderlein über das Thema 'Vaterlandsliebe' und weihte anschließend die Fahnen. Nach einer Ansprache Ludendorffs wurde das Heilige Abendmahl gereicht. Ein Foto - aufgenommen wahrscheinlich bei gleicher Gelegenheit ...")

"Tage Deutscher Begeisterung" - Hindenburg-Tag in München (21./22. August 1922)

Erich Ludendorff berichtet in seinen Lebenserinnerungen über seine Sorgen im Jahr 1922 bezüglich einer Abtrennung Bayerns vom übrigen Deutschen Reich (3, S. 212):

Ich begrüßte es deshalb, daß sich die Kreise um Herrn v. Kahr entschlossen hatten, den General v. Hindenburg zu einem Besuch nach Bayern einzuladen. Er sollte in München feierlich empfangen werden und dann einige Wochen in Dietramszell bei einer Familie v. Schilcher Aufenthalt nehmen. Das Ziel, das Herr v. Kahr mit der Einladung verfolgte, war die Stärkung des wittelsbachisch-monarchischen Gedankens in Bayern, ja, in ganz Deutschland. Das steht heute in mir fest, damals glaubte ich, es gälte noch der Stärkung des Deutschen Gedankens gegenüber separatistischen Umtrieben. Darum begrüßte ich das Kommen des Generals v. Hindenburg. In der Tat waren die Tage des Aufenthaltes des Generals v. Hindenburg in München - der 21. und 22.8. wirklich Tage Deutscher Begeisterung, mich „traf sogar ein Teil der Begeisterung“, recht zum Leidwesen meiner sogenannten Freunde in der bayerischen Generalität, die sich bemühten, General v. Hindenburg allein der Bevölkerung zu „präsentieren“. 

Einige Fotografien, die bei diesem Anlaß entstanden sind, sind zugänglich (Abb. 6 und 7). 

Abb. 6: Hindenburg bei der Ansprache an die Reichswehr vor der Akademie der Künste, hinter ihm Ludendorff, 21.8.1922, 11 Uhr

Prinz Albert, Hindenburg, Ludendorff und Krafft von Delmensingen sind zu erkennen.

Abb. 7: Hindenburg, Ludendorff, 21. August 1922 in München

Diese Fotografie ist auch im Bildarchiv der Süddt. Ztg. (SZPhoto) enthalten.

Offenbar wurden Kaiser Wilhelm II. in den Niederlanden Fotografien von diesen Feierlichkeiten in München gesandt, die er sich aufgehoben hat. In seiner erhaltenen Fotosammlung (Haus Doorn) finden sich jedenfalls mehrere Fotografien von diesem Hindenburg-Tag (Ludendorff mit Fahnen im Künstlerhaus; auf der Treppe, sowie: "Exz. Ludendorff und Exz. v. Kahr bei der Abfahrt" nach dem Besuch der Feierlichkeiten im Künstlerhaus in München). Außerdem entstand an diesem Tag auch eine Portraitfotografie von Erich Ludendorff in Zivil bei dem Münchner Fotografen M. Obergassner, die sich in der Fotosammlung des Haus Doorn findet.

Abb. 8: Erich Ludendorff am Hindenburg-Tag, den 21. August 1922 in München

Die Porträt-Fotografie aus Abb. 8 gibt es inzwischen auch koloriert (s. Klimbim). 

Im Oktober 1922 nahm Erich Ludendorff wieder an dem Treffen der Max-Josef-Ordens-Ritter teil (3, S. 147).

Zwischen dem 27. und 31. Oktober 1922 fand in Italien der berühmte "Marsch auf Rom" (Wiki) durch Benito Mussolini statt.

"Marsch auf Berlin" - Schirmherr der "Vaterländischen Verbände Bayerns"

Dieser "Marsch auf Rom" fand in Deutschland Widerhall. Auf Wikipedia finden wir die folgenden Ausführungen (Wiki):

In Bayern bildeten sich bereits 1922 unter dem Schirmherren Erich Ludendorff die "Vereinigten Vaterländischen Verbände Bayerns", die noch im selben Jahr, inspiriert von Benito Mussolinis Marsch auf Rom, einen Marsch auf Berlin planten. Gustav von Kahr, Anhänger der Vereinigung, wurde Generalstaatskommissar. Im Vorfeld des Hitlerputsches von 1923 zögerte Kahr, sich der Sache anzuschließen und wurde von Hitler zum Mittun gezwungen. Kahr widerrief dies aber bald, was letztlich zur Niederschlagung des Putsches beitrug.

Den hier benannten Zusammenhängen wäre noch einmal genauer nachzugehen. Sie werfen auf jeden Fall noch einmal ein wichtiges Licht auf die Vorgeschichte des Hitler-Ludendorff-Putsches vom 9. November 1923. Im Wikipedia-Artikel zu Gustav von Kahr (Wiki) ist das Jahr 1922 ausgespart. Dabei wird schon anhand des vorliegenden Beitrages deutlich, daß von Kahr öffentlich in diesem Jahr überall präsent war, und zwar in der Regel an der Seite Erich Ludendorffs. Wir lesen weiter (Wiki):

Es war dieses bayerische Vorbild, das auch auf Reichsebene die Bestrebungen eines Zusammenschlusses förderte. Die Vorbereitungen dazu waren im Dezember 1922 abgeschlossen. Am 20. Januar 1923 hatten sich 140 „nationale Verbände“ und Vereine von ehemaligen Offizieren zu den Vereinigten Vaterländischen Verbänden Deutschlands offiziell zusammengeschlossen.

Vorsitzender der genannten Vaterländischen Verbände war ein Fritz Geisler (1890-1945) aus Görlitz (Wiki):

Nach der Gründung der "Vereinigten Vaterländischen Verbände Deutschlands" 1922 wurde er zum geschäftsführenden Vorsitzenden dieser Organisation ernannt.

Es wäre noch einmal genauer zu prüfen, welche Rolle diese Gründung in der Vorgeschichte des Hitler-Ludendorff-Putsches vom 9. November 1923 hatte.

19. November 1922 - Ein Assistent des US-Militärattaché's in Berlin besucht Ludendorff in München

Der US-amerikanische Militärattaché in Berlin sandte seinen Assistenten Truman Smith (Wiki) nach München zur Beobachtung der dortigen völkischen Bewegung. Am 19. November 1922 besuchte dieser Erich Ludendorff. Er faßte das Gespräch mit Ludendorff danach folgendermaßen zusammen (zit. n. Berlin Alert - The Memoirs and Reports of Truman Smith. Hoover Press 1984, S. 57 - siehe Google Bücher):

I called Ludendorff at his home in the Heydeman Strasse. He gave me his political views. There are as follows:
1. Germany is sick from Marxism.
2. The war with Russia continues in a propagandistic form.
3. The Soviet propaganda feeds Marxism in Germany and prevents the German people from regaining their political health in a national sense.
4. Ludendorff had formerly believed that bolshevism had first to be stamped out in Russia, before it could be crushed in Germany. He has now changed his mind and thinks that bolshevism must first be crushed in Germany.
5. If Marxist bolshevism continues its victorious way, England, France, and America will successively fall victim to it.
6. All Allied countries have an interest in taking up the fight against bolshevism. Germany will be the battleground of these struggling forces in the coming years.
7. The Allies must support a strong German government capable of combating Marxism.
8. There is no possibility that a strong government will develop out of the existing chaotic parliamentary conditions in Germany.
9.
A strong national government in Germany can only be formed by patriotic men.
10. Such a strong national government must have adequate armed forces behind it.
11. The officers of the Reichswehr have done wonders, but the imposed twelve-year term in service is a great hindrance (Both noncommissioned officers and men are required by the Versailles treaty to serve twelve years.)
12. The twelve-year term of service must be reduced and the left (western) bank of the Rhine evacuated by the Allies, if a national government is to have a real chance of establishing itself in Germany.
13. It is quite proper that Germany should rebuild northern France, devastated during the war.

Ob Ludendorff das tatsächlich so verkürzt gesagt hat? Womöglich hat er es gesagt, um zu einer gemeinsamen Front auch mit Frankreich gegen den Bolschewismus zu kommen. Das geht aus den weiteren Ausführungen hervor:

14. Europe will go to ground unless France and Germany can come to some understanding. This is difficult for both, as there is still so much war feeling in each country. Ludendorff will throw (into the scales) the whole weight of his personality, prestige, and influence in German nationalistic circles in order to bring about an understanding with France.

Rund um den Hitler-Ludendorff-Putsch ein Jahr später in München und auch noch später rund um das Jahr 1933 gab es viele Gerüchte über eine Zusammenarbeit von deutschen Nationalsozialisten und Nationalisten mit dem französischen Geheimdienst. Wurde hier ausgelotet, inwieweit auch Ludendorff für eine solche Zusammenarbeit zu nutzen wäre? Weiter:

15. The English military strength is now weaker than ever before. Germany would be foolish to pin her faith longer on England.
16.
The Facist movement is the beginning of a reactionary awakening in Europe.
17. Ludendorff believes that Mussolini has real sympathy for the national cause in Germany. He does not believe that the Tyrolean question is of any real importance. He has learned that a compromise between Germany and Italian point of view will be found by Mussolini, who intends to order the autonomy of all Italian provinces.

Bei all dem hört man mehr Entgegenkommen gegenüber Italien und Frankreich heraus als das im Allgemeinen sonst bei Ludendorff der Fall ist. Auch hieran wird wieder erkennbar, für wie groß er die Gefahr des Bolschewismus sah. Weiter:

18. America must undertand that only a strong national government in Germany can preserve the country from chaos and insure reparations being paid to the Allies.

Alles in allem mehr Entgegenkommen auch gegenüber den USA als man dies sonst gehört hat bei Ludendorff. Truman Smith sollte später - 1937 - eine größere Rolle spielen im Zusammenhang mit den Deutschland-Besuchen von Charles Lindbergh.

Anhang

Das folgende sei nur vorläufig als Anhang diesem Blogartikel beigegeben.

Abb. 9: Heinrich von Preußen, der Bruder des deutschen Kaisers, und Erich Ludendorff am 31. August 1923 auf dem Fliegergedenktag auf der Wasserkuppe in der Rhön
(Foto in der internationalen Presse; Herkunft: Ebay, 07/2018

Es gehört eigentlich in einen Überblicksbeitrag zum Jahr 1923, dieser ist aber noch nicht erstellt (außer verschiedenen Beiträgen zu Einzelthemen zum Jahr 1923). 

Fliegergedenktag auf der Wasserkuppe in der Rhön, Herbst 1923


Deshalb bleibe der letzte Abschnitt vorerst in diesem Beitrag enthalten.


Abb. 10: Mit Großadmiral Heinrich Prinz von Preußen "ca. 1926" (Wiki
höchstwahrscheinlich am 31. August 1923 auf der Wasserkuppe 
(siehe Text)

Am 31. August 1922 wurde unter der Anteilnahme von hunderttausenden von Menschen auf dem Segelflugplatz auf der Wasserkuppe in der Rhön den gefallenen deutschen Fliegern des Ersten Weltkrieges gedacht. Erich Ludendorff hatte neben allgemeinen auch sehr persönlichen Gründe, an dieser Gedenkfeier teilzunehmen, waren doch zwei seiner ihm sehr nahestehenden Stiefsöhne während des Krieges als Flieger gefallen.

Auf dem regional recht bekannten Segelflugplatz auf der Wasserkuppe befindet sich noch heute das Fliegerdenkmal (Wiki). Es ist bekrönt von einem Adler (Abb. 11) (Wiki).

Abb. 11: Fliegerdenkmal
auf der Wasserkuppe
 

Diesem Adler wird in der Ikonographie des Nationalsozialismus von Seiten der Wissenschaft eine größere Bedeutung zugemessen. Er war von Seiten des Künstlers ursprünglich für einen ganz anderen Zweck geschaffen worden, nämlich für eine Toreinfahrt, und zwar offenbar schon vor dem Ersten Weltkrieg. Aus Sicht der Kunstgeschichte wurde dieser Adler nun zum "Urbild aller nationalsozialistischen Adler" (Wiki):

„Das Urbild aller nationalsozialistischen Adler mit allen Paraphernalia des Raubtiers, seiner wehrhaften Schönheit und seiner diskret unter seinem wohlig gespannten Gefieder verborgenen Energie. Angesichts des Klimas vor dem Ersten Weltkrieg ein nicht mehr unschuldiges Symbol monumental zur Schau gestellten Machtbewusstseins und dennoch ein Werk, das wegen seiner Originalität Respekt abnötigt. Es ist - allein von seinem Format her - mehr als eine bildhauerische Skizze tierischen Seins und Verhaltens, aber es hütet sich, jede anthropomorphe Parallele über das naturalistische Maß hinaus zu strapazieren. Die Sinnbelastung ergibt sich aus der Heraldik: Die Nähe zum Wappentier des Deutschen Reiches ist in dieser Größe nicht mehr zu übersehen; das wartende Spähen zu sehr auf die geopolitische Einsamkeit des Reiches zu beziehen, die irrtümlicherweise noch als aussichtsreich galt….“

In Form einer Bronzetafel (Wiki(siehe Abb. 12) wurden unter dieser Adlerskulptur die folgenden Worte angebracht:

Wir toten Flieger bleiben Sieger durch uns allein. Volk, flieg du wieder und du wirst Sieger durch dich allein.
Abb. 12: Fliegerdenkmal
auf der Wasserkuppe

Eingeweiht wurde dieses Fliegerdenkmal nun am sogenannten "Fliegergedenktag" des 31. August 1923 unter der Anteilnahme von 100.000 Menschen. Am selben Tag fand auch ein Segelflieger-Wettbewerb statt. Darüber wird in einer heimatkundlichen Veröffentlichung festgehalten (4):

Unvorstellbar ist es uns heute, wie damals eine derartige Menschenmenge aus allen Teilen Deutschlands zur Einweihung in die entlegene (...) Rhön gekommen ist. (...) Seit dem frühen Morgen strömen die Menschenmassen zur Wasserkuppe. (...)
100.000 Menschen wohnten der Feierstunde auf der Wasserkuppe bei. Zu den meist beachteten Gästen zählte der Bruder des ehemaligen Deutschen Kaisers Wilhelm II., der flugbegeisterte Prinz Heinrich von Preußen. (...) General Ludendorff. (...) Felix Graf Luckner, der "Seeteufel". (...) Man zählte insgesamt 34 Pour-le-merite-Flieger.
1923 leidet Deutschland noch immer unter den Folgen des verlorenen Ersten Weltkriegs. (...) In dieser Zeit wirtschaftlicher Depression und politischer Instabilität sehen die Teilnehmer der Denkmals-Einweihung auf der Wasserkuppe ihre Anwesenheit als stillschweigenden Protest gegen die im Vertrag von Versailles (...) ausgesprochenen Flugbeschränkungen gegen Deutschland. 

Während der Feier gab es auf dem Berg einen Sturm. Die Worte der Weiherede von Seiten des Vorsitzenden des deutschen "Ringes der Flieger", General von Eberhardt, nahmen bildlich vorweg, was die Teilnehmer des "Deutschen Tages" in Nürnberg einen Tag später, am 1. und 2. September 1923 tatsächlich erleben sollten (Stgr2011), nämlich einen in den Lüften kreisenden Adler, der nach Westen zog (Stud. Nat. 11/2015). Sie lauteten unter anderem (4): 


"Wie der Basalt des Denkmals in deutschem Boden wurzelt, so soll unsere Kraft in deutschem Boden wurzeln. Und eigene deutsche Kraft wird es sein, die alle Fesseln, die Schmach und Schande, die Not und Elend uns angelegt haben, wieder sprengen wird. Nach Westen blickt der Adler. Er weist uns den Weg, den wir gehen müssen. Die Inschrift des Denkmals sei unser Wahlspruch." (...) Für den erkrankten Schirmherren, den Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, ergriff jetzt sein Vertreter das Wort.
Die Worte Erich Ludendorffs aus diesem Anlaß sind zunächst nicht zu ermitteln. Weiter wird berichtet:
Die Schleife des Kranzes vom Bund der Jagdflieger trug den Vers: "Adler, Du halte Wacht! Um uns ist Schande und Nacht. Siehe dort hinter dem Rhein schlummert der Brüder Gebein bis einst der Morgen erwacht. Adler Du, halte die Wacht!" (...) Die Prominenz begab sich nun zur Besichtigung des Segelfliegerlagers. (...) "Der Fliegertag in der Rhön wird allen Teilnehmern unvergesslich bleiben."

Bei der Besichtigung des Segelflieger-Lagers wird auch das folgende Foto entstanden sein (Abb. 10).

Abb. 13: Mit Segelflug-Langstrecken-Weltrekord-Flieger A. Martens auf der Wasserkuppe, Herbst 1923 (G. Pahl, Wiki)

Der damalige Langstrecken-Weltrekordhalter im Segelflug Arthur Martens (1897-1937) (Wiki) (auch "Arthur Marthens") (auf Wikipedia derzeit fälschlich "Marteus") zeigt in die Ferne und erläutert Erich Ludendorff die Strecke eines solchen Fluges.

Am 12. und 13. Juli 1924 (Hood) fanden in Nürnberg-Fürth die Deutschen Fliegergedenktage (Postk), bzw. die Deutschen Fliegergedenktage (Postk) statt unter der Schirmherrschaft des Kronprinzen Rupprecht von Bayern (Wiki1, Wiki2): "Hunderttausende" versammelten sich zum "Feldgottesdienst für die Gefallenen", diesmal "auf der Deutschherrenwiese". Ludendorff nahm diesmal offenbar nicht mehr teil. Es war zwischen ihm und dem Kronprinzen Rupprecht während des Hitler-Ludendorff-Prozesses zu einem schweren Zerwürfnis gekommen.

Am 31. August 1924 fand wieder der Fliegergedenktag auf der Wasserkuppe in der Rhön statt (Postkarte), in diesem Jahr offenbar auch ohne Ludendorff.


/letzte Überarbeitungen: 18.12.2015; 17.01.2016: 
Die ursprünglichen Anfangsteile zu einem neuem Blogbeitrag 
ausgegliedert und zu einem weiteren/
/Januar 2018 Teile ausgegliedert in den Blogartikel 
"Erich Ludendorff im Jahr 1924"
und umbenannt zu "Erich Ludendorff im Jahr 1922"
 / Ergänzt um Ausführungen zu den Vereinigten Vaterländischen Verbänden: 28.2.2024 
zu Hornschuch in Kulmbach: 17.8.2025 /

________________
*) Erich Ludendorff erwähnt für das Jahr 1922 den aktiven Reichswehr-General Friedrich Lindemann (1868-1954) (Wiki) (3, S 180): "Mit General Lindemann von der Infanterie-Schule stand ich im Verkehr, besuchte auch die Infanterie-Schule selbst und sah hier neues militärisches Wollen." Friedrich Lindemann war aber erst vom 1. Januar bis 30. April 1923 Kommandeur der Infanterieschule in München.
**) Auch "der Pferdesport boomt Mitte der 20er Jahre wie nie zuvor und wird immer beliebter bei der Bevölkerung." (6) Derzeit finden sich zur Geschichte des Reitsports in Deutschland, geschweige denn auf regionaler Ebene, außerordentlich wenige Angaben im Internet. Daß auch der Reitsport - ebenso wie der Flugsport - in den frühen 1920er Jahren als ein Sport mit "nationaler Bedeutung" empfunden wurde, wird unter anderem deutlich anhand der Biographie des  Olympiameisters von 1928 Carl-Friedrich von Langen (1887-1934) (Wiki) (6). Über diesen wurde 1936 der Bestseller "... reitet für Deutschland" von Clemes Laar veröffentlicht. Dieser wurde 1941 auch prominent verfilmt.
Auch der viel gelesene Roman "Meines Vaters Pferde" von Clemens Laar, der 1950 veröffentlicht wurde, und den der Autor dieser Zeilen noch in seiner Jugend (von seiner märkischen "Kartoffeln mit Stippe"-Oma, einer bis an ihr Lebensende Pferde-begeisterten Bäuerin [1910-1983]), geschenkt bekommen hatte, sollte seiner Intention nach eine Ermutigung der Leser nach den schweren Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges darstellen. Sein Inhalt: Durch die Erinnerungen seines lebensfrohen Vaters, eines kaiserlichen Offiziers und leidenschaftlichen Reiters, wird ein in den Endtagen des Zweiten Weltkrieges lebensbedrohlich kriegsverletzter junger Panzersoldat, der zugleich mit seiner Verletzung allen Lebenswillen verloren hat, nach und nach wieder gesund.

________________________
  1. Postkarte, Angeboten auf Ebay zum 8.2.2010 von "kerstinskramkiste66" (Rückseite siehe Abb. rechts).
  2. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938, nach S. 352
  3. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag GmbH, München 1941 (12.-16. Tsd.) (Archive)
  4. Jenrich, Joachim: Das Fliegerdenkmal auf der Wasserkuppe. Der größte Tag der Wasserkuppe. Ein spannender Bericht. In: ders.: Die Wasserkuppe - Wissenswertes über einen interessanten Berg in der Rhön. Auf Rhoenline.de, 2004
  5. Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914 - 1918. Verlag Mittler & Sohn, Berlin 1919
  6. Kieschnick, Peter: Carl Friedrich Freiherr von Langen war Europas vielseitigster Reiter und Mecklenburgs erster Olympiasieger. [8.1.2012]
  7. von Drygalski, Erich: Zeitfragen der Universität. Rede zum 450jährigen Jubiläum der Ludwig Maximilians-Universität München, gehalten in der Aula am 24. Juni 1922. C. H. Beck, München 1922 (pdf
  8. Schreiber, Maximilian: Die Ludwig-Maximilians-Universität und ihre Jubiläumsfeiern in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In: Kraus, E. (Hg.): Die Universität München im Dritten Reich. Aufsätze, Teil I. Herbert Utz-Verlag, München 2006, S. 482
  9. Bading, Ingo: Erich Ludendorff im Austausch mit Naturwissenschaftlern seiner Zeit - Sowie mit völkischen und kirchenfreien Zeitgenossen seiner Generation. Studiengruppe Naturalismus, 20. August 2014 (Stgr2014)
  10. Brief von Erich Ludendorff  Forschungsbibliothek Gotha  Signatur: Chart. A 1918c, Bl. 815-816 (Kalliope)
  11. Wolfgang Schobert: Kulmbachs NSDAP. Die Wegbereiter zur Gründung der Ortsgruppe (Frankenpost 2023)

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