Im Bundesarchiv gibt es eine Mappe mit verschiedenen Dokumenten zu dem sporadischen Austausch zwischen Erich Ludendorff und Alfred von Tirpitz zwischen den Jahren 1916 und 1924 (BArch N 253/175) (Archiv-Portal).
Tirpitz hätte Reichskanzler werden sollen - 1917
Der älteste Sohn von Alfred von Tirpitz geriet schon 1914 in britische Gefangenschaft (Wiki). Deshalb wird ein maschinengeschriebener Bericht über den Besuch von Erich Ludendorff am 7. Februar 1919 in Hamburg und über ein Gespräch mit Erich Ludendorff aus diesem Anlaß von Seiten des zweiten Sohnes von Alfred von Tirpitz stammen, von Max von Tirpitz (1893-1956) (NDB).
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| Abb. 1: Alfred von Tirpitz (1849-1930) |
In diesem Bericht wird der Eindruck geschildert, den die Person Ludendorff auf den Berichtenden machte. Er war so groß, daß er "Herzklopfen" hatte, als er mit Ludendorff persönlich gesprochen hat. In dem Gespräch mit Ludendorff ist dann einerseits von der Angriffsbereitschaft der jungen Marineoffiziere in der Deutschen Flotte der ersten Kriegsjahre die Rede, andererseits spricht Erich Ludendorff nach diesem Bericht den Sohn von Alfred von Tirpitz mit den Worten an:
Ihr Vater ist ein großer Mann; es ist bedauerlich, daß er nicht Reichskanzler geworden ist. Als Hindenburg und ich 17 unseren ersten Angriff gegen Bethmann ansetzten, schlugen wir Ihren Herrn Vater als Nachfolger dem Kaiser vor. Doch der Kaiser ließ sich in derartigen Ausdrücken über Ihren Vater aus, daß eine weitere Diskussion unmöglich war.
Daß Erich Ludendorff schon im Juni 1923 auch bei Alfred von Tirpitz Sympathien mit Adolf Hitler voraussetzen konnte, geht aus dem im folgenden zitierten, handschriftlichen Brief an diesen hervor.
Hitlers Putsch-Versuch - 1. Mai 1923
Er bezog sich darin auf Ereignisse vom 1. Mai 1923 in München, auf die Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen (1) gar nicht eingeht. In seiner Schrift "Auf dem Weg zur Feldherrnhalle" aus dem Jahr 1937 geht er ebenfalls nur kurz auf die Ereignisse vom 1. Mai 1923 ein. Dort schreibt er (2, S. 33):
Warm begrüßte ich die nun folgende Annäherung der völkischen Verbände Münchens zu einem Kampfbunde. Allerdings verlief der 1. Mai noch nicht recht glücklich für sie. Sie hatten sich zu viel zugemutet. Am 20.5. fand in Schliersee die Enthüllung ...
... des Oberlanddenkmals statt. Also drei Wochen nach den Ereignissen vom 1. Mai 1923. Zur Enthüllung des Oberlanddenkmals ist schon ein eigener Artikel hier auf dem Blog erschienen (StgNat2011). Ludendorffs Brief an Tirpitz, geschrieben im Sommer 1923 ergänzt die Sichtweise Ludendorffs auf die damaligen Ereignisse.
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| Abb. 1: Erich Ludendorff an Tirpitz im Juni 1923 (erste Seite) |
Lassen wir uns von der KI zunächst erläutern, worum es am 1. Mai 1923 ging:
Adolf Hitler und rechtsextreme „vaterländische Kampfverbände“ in München versuchten, eine Machtprobe mit der Regierung zu erzwingen, indem sie die Maikundgebung der Gewerkschaften störten. Die Aktion scheiterte jedoch, da Polizei und Reichswehr das Gelände abriegelten und die Nationalsozialisten zur Aufgabe zwangen. Die Ereignisse des Tages liefen in folgenden Schritten ab: Machtdemonstration der Linken: Die Gewerkschaften und die SPD hatten zu einer großen Kundgebung und einem Maiaufmarsch auf der Theresienwiese aufgerufen, an der rund 25.000 Menschen teilnahmen. Rechter Putschversuch: Die NSDAP und ihr angeschlossene paramilitärische Verbände (wie die SA und der Bund Oberland) wollten dies unterbinden. Die Rechte sah den 1. Mai zudem als symbolträchtiges Datum für die Niederschlagung der Münchner Räterepublik im Jahr 1919. Plan der Rechten: Hitler hatte vor, die Gewerkschaftsveranstaltung zu überfallen, die rote Führung zu verhaften und damit die bayerische Regierung zu erpressen. Bewaffnete Putschisten sammelten sich auf dem Oberwiesenfeld (dem heutigen Olympiapark). Eingreifen des Staates: Die bayerische Regierung unter Ministerpräsident Eugen von Knilling zeigte überraschend Stärke und lehnte ein Verbot des Gewerkschaftsumzugs ab. Polizei und Reichswehr stellten sich schützend vor die Arbeiterbewegung und riegelten das Oberwiesenfeld ab. Entwaffnung: Die putschenden Verbände wurden umstellt und teilweise entwaffnet, um ein Blutbad zu verhindern. Hitler mußte klein beigeben und seine Männer abziehen, was für die Nationalsozialisten eine empfindliche und peinliche Niederlage bedeutete.
Erich Ludendorff schrieb nun in der nachfolgenden Zeit an Alfred von Tirpitz:
München, Heilmannstr. 8.6. [1923 ?]
Hochzugebietender Herr Großadmiral!
Euer Exzellenz danke ich für die gütigen Zeilen vom 25. Ich kann meinen Besuch in Elsdorf (?) nicht in Aussicht stellen, da ich nicht weiß, wann ich wieder mal nach Preußen komme. Ich sitze hier fest. Selbstverständlich werde ich gern Herrn A. Hitler unterstützen wie jeden, der praktische Arbeit tut, aber ich kann ihm so gar nichts Bestimmtes in Aussicht stellen. ... worüber Sie etwas hören wollen oder worüber ... zu sprechen ist.
Hier hat der 1. Mai unendlich viel zerschlagen. Die Schuld liegt bei Regierung und Nationalsozialisten. Bei ersteren wohl die größere, wenn auch die schwarze, rot-goldene u. feige bürgerliche Presse es anders darstellt. Die deutsche schwarz-weiß-rote Bewegung hat Schaden erlitten. Partikularismus, Separatismus können zufrieden sein. Wenn die maßgebenden Stellen im Norden nur diese Wegrichtung erkennen würden. Man will sie nicht sehen u. man glaubt mir wieder nicht, und so wird es kommen, wie es kommen muß, wenn man ... nach dieser Richtung in der Zukunft .. als politische ... solche Menschen hinstellt.
In Würzburg (?) am 4. 5. Mai hatte ich schöne Eindrücke. ... zu einer Hochschulring Woche. Ich sprach über die deutsche Armee, ich weiß nicht, ob die Zeitungen mein Werk bringen. Ich lege sie zur gütigen u. nachsichtigen Beurteilung bei.
In Verehrung bin ich, Herr Großadmiral,
Euer Exzellenz gehorsamer
Ludendorff
Studenten des hier erwähnten völkischen "Deutschen Hochschulrings" (Wiki) sollten am 8./9. November 1923 auch am Hitler-Ludendorff-Putsch beteiligt sein. Dieser Brief macht darauf aufmerksam, daß es schon am 1. Mai 1923 Hoffnungen auf einen Rechtsputsch in Bayern gegeben hatte.
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| Abb. 2: Erich Ludendorff an Tirpitz im Juni 1923 (zweite Seite) |
Außerdem gibt es einen Brief, der offenbar aus dem November 1924 an von Tirpitz geschrieben worden ist.
"Kolonnen, die getrennt geschlagen werden" - Ludendorff und Tirpitz im Reichstag 1924
Darin wird Bezug genommen auf den 29. August 1924.
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| Abb. 3: Erich Ludendorff an Tirpitz, November 1924 |
Wir lassen uns durch die KI belehren:
Am 29. August 1924 nahm der deutsche Reichstag den Dawes-Plan an. Dieses Abkommen regelte die Reparationszahlungen des Deutschen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg neu. Die Annahme des Plans markierte einen entscheidenden Wendepunkt für die Weimarer Republik: Das Abstimmungsergebnis: Zur Annahme war eine Zweidrittelmehrheit erforderlich, da hierfür Verfassungsänderungen nötig waren. Die Zustimmung wurde durch die Stimmen der demokratischen Parteien sowie überraschend der Hälfte der Abgeordneten der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) gesichert. Die Bedingungen: Im Gegenzug zur Festlegung der neuen, an die Wirtschaftskraft gekoppelten Zahlungen, sicherte Frankreich das Ende der Ruhrbesetzung zu. Zudem wurden internationale (vor allem US-amerikanische) Anleihen und Kredite ermöglicht.Die Folgen: Der Vertrag legte den Grundstein für die „Goldenen Zwanziger“. Er leitete eine Phase der wirtschaftlichen Stabilisierung ein, ebnete den Weg für den politischen Entspannungskurs von Außenminister Gustav Stresemann und führte zum Abzug der alliierten Truppen aus dem Ruhrgebiet.
Am 4. Mai 1924 ist Erich Ludendorff für die Deutsch-völkische Freiheitspartei zum Abgeordneten des Deutschen Reichstages gewählt worden und Alfred von Tirpitz für die DNVP zum Abgeordneten des Deutschen Reichstages gewählt worden. So erlebten beide die Abstimmung im Deutschen Reichstag über den Dawes-Plan am 29. August 1924 mit. Im gleichen Jahr brachte Alfred von Tirpitz sein Buch heraus "Der Aufbau der deutschen Weltmacht" (Cotta Nachf., Stuttgart/Berlin 1924). Offenbar hat er es Ludendorff zugesandt zusammen mit einem Brief. Ludendorff antwortete:
München, Heilmannstr. 11.11. [1924]
Hochverehrter Herr Großadmiral!
Euer Exzellenz danke ich für die gütige Zusendung Ihres bedeutungsvollen Werks mit der gleich bedeutungsvollen Zuschrift. Mögen die Kolonnen (?) dafür sorgen, daß sie nicht getrennt geschlagen werden. Ich kann meine schwere Sorge nicht unterdrücken, daß das am 29. August geschehen ist.
In Verehrung bin ich Herr Großadmiral
Euer Exzellenz
gehorsamer Ludendorff
Offensichtlich spielt Ludendorff hier auf innerparteiliche Auseinandersetzungen sowohl innerhalb der Deutsch-völkischen Freiheitspartei wie auch innerhalb der Deutschnationalen Volkspartei an.
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- Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag München 1941 (Archiv)




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