"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Mittwoch, 8. Juli 2026

Der Putsch-Versuch vom 1. Mai 1923 in München

Sporadischer Austausch zwischen Ludendorff und Tirpitz in den Jahren zwischen 1916 und 1924
- "Tirpitz hätte Reichskanzler werden sollen"

Im Bundesarchiv gibt es eine Mappe mit verschiedenen Dokumenten zu dem sporadischen Austausch zwischen Erich Ludendorff und Alfred von Tirpitz zwischen den Jahren 1916 und 1924 (BArch N 253/175) (Archiv-Portal).

Tirpitz hätte Reichskanzler werden sollen - 1917

Alfred von Tirpitz (1849-1930) (Wiki) hat in den 17 Jahren vor dem Ersten Weltkrieg die deutsche Hochseeflotte aufgebaut. Sein Flottenbau zog in jenen Jahren viel öffentliche Aufmerksamkeit auf sich. Die Prinzipien seines Flottenbaus bestätigten sich in der Seeschlacht vom Skagerrak am 31. Mai 1916 (Wiki), in der die kleinere deutsche Hochseeflotte der britischen Hochseeflotte schwere Verluste beibrachte. Daß sie dabei die britische See- und Hungerblockade aufbrechen könne, war dennoch von Vornherein unwahrscheinlich gewesen. 

Abb. 1: Alfred von Tirpitz (1849-1930)

Alfred von Tirpitz war schon im März 1916 als Marine-Minister entlassen worden, weil er den uneingeschränkten U-Boot-Krieg gefordert hatte. Tirpitz war 16 Jahre älter als Ludendorff. Fragt man die KI "Trage alles zusammen, was über das persönliche Verhältnis zwischen Ludendorff und Tirpitz bekannt ist", erhält man unter anderem folgende Ausführungen (leicht überarbeitet):

Ludendorff und Tirpitz teilten im Ersten Weltkrieg dieselben politischen Ziele. Sie sprachen sich beide für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg aus. Trotz ihrer politischen Übereinstimmung kam es zu keiner echten persönlichen Freundschaft. Ihr Verhältnis war von strategischem Zweckbündnis, gegenseitigem Respekt und Spät-Anerkennung geprägt. Das persönliche Verhältnis zwischen Erich Ludendorff und Alfred von Tirpitz umfaßt folgende Kernpunkte: Politische Allianz gegen Bethmann Hollweg: Beide lehnten den politischen Kurs von Theobald von Bethmann Hollweg ab. Im Februar 1917 versuchten Ludendorff und Hindenburg beim Kaiser, Tirpitz als neuen Reichskanzler durchzusetzen. Kaiser Wilhelm II. lehnte dies jedoch vehement ab. Gemeinsame politische Ziele nach dem Krieg: Nach der Niederlage waren beide in der deutschnationalen, völkischen Szene aktiv. Tirpitz wurde Politiker der deutschnationalen DNVP, während Ludendorff als Politiker in der Deutsch-Völkischen Freiheitspartei tätig war.

Der älteste Sohn von Alfred von Tirpitz, Wolfgang von Tirpitz, geriet schon 1914 nach einem Seegefecht vor England in britische Kriegsgefangenschaft (Wiki). Deshalb wird ein maschinengeschriebener Bericht über den Besuch von Erich Ludendorff am 7. Februar 1919 in Hamburg und über ein Gespräch mit Erich Ludendorff aus diesem Anlaß von Seiten des zweiten Sohnes von Alfred von Tirpitz stammen, von Max von Tirpitz (1893-1956) (NDB). (Wohl von Raffael Scheck falsch zugeordnet [5, S. 89].)

Abb. 2: Ludendorff, Hindenburg und Tirpitz bei der Beisetzung von Kaiserin Augusta in Sanssouci am 19. April 1921 (Wiki) - (weitere Fotografien ---> [StgNat2012])

In diesem Bericht wird der Eindruck geschildert, den die Person Ludendorff auf den Tirpitz-Sohn machte. Der Eindruck war so groß, daß er "Herzklopfen" hatte, als er mit Ludendorff persönlich ins Gespräch kommen konnte. Ludendorff hatte zuvor in seiner Ansprache kritisiert, daß die deutsche Flotte so lange geschont worden war und erst 1916 nach langem Drängen zum Einsatz gekommen war.

In dem Gespräch mit Ludendorff hat dann der Tirpitz-Sohn einerseits von der Angriffsbereitschaft der jungen Marineoffiziere in der Deutschen Flotte der ersten Kriegsjahre gesprochen, die ihm Ludendorff auch durchaus zugestand. Andererseits sprach Erich Ludendorff nach diesem Bericht den Sohn von Alfred von Tirpitz mit den Worten an:

Ihr Vater ist ein großer Mann; es ist bedauerlich, daß er nicht Reichskanzler geworden ist. Als Hindenburg und ich 17 unseren ersten Angriff gegen Bethmann ansetzten, schlugen wir Ihren Herrn Vater als Nachfolger dem Kaiser vor. Doch der Kaiser ließ sich in derartigen Ausdrücken über Ihren Vater aus, daß eine weitere Diskussion unmöglich war.

Ludendorff und Tirpitz nahmen beide teil an der Beisetzung der Kaiserin im April 1921 in Potsdam (Abb. 2).

Hitlers Putsch-Versuch - 1. Mai 1923

Daß Erich Ludendorff schon im Juni 1923 auch bei Alfred von Tirpitz Sympathien mit Adolf Hitler voraussetzen konnte, geht aus dem im folgenden zitierten, handschriftlichen Brief an diesen hervor. Er bezog sich darin auf Ereignisse vom 1. Mai 1923 in München, auf die Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen (1) gar nicht eingeht. In seiner Schrift "Auf dem Weg zur Feldherrnhalle" aus dem Jahr 1937 geht er ebenfalls nur kurz auf die Ereignisse vom 1. Mai 1923 ein. Dort schreibt er (2, S. 33):

Warm begrüßte ich die nun folgende Annäherung der völkischen Verbände Münchens zu einem Kampfbunde. Allerdings verlief der 1. Mai noch nicht recht glücklich für sie. Sie hatten sich zu viel zugemutet. Am 20.5. fand in Schliersee die Enthüllung ...

... des Oberlanddenkmals statt, an der Erich Ludendorff teilnahm. Also drei Wochen nach den Ereignissen vom 1. Mai 1923. Zur Enthüllung des Oberlanddenkmals ist schon ein eigener Artikel hier auf dem Blog erschienen (StgNat2011). Ludendorffs Brief an Tirpitz, geschrieben im Sommer 1923, ergänzt die Sichtweise Ludendorffs auf die damaligen Ereignisse.

Abb. 3: Erich Ludendorff an Tirpitz im Juni 1923 (erste Seite)

Lassen wir uns von der KI zunächst erläutern, worum es am 1. Mai 1923 ging:

Adolf Hitler und völkische, „vaterländische Kampfverbände“ in München versuchten, eine Machtprobe mit der Regierung zu erzwingen, indem sie die Maikundgebung der Gewerkschaften störten. Die Aktion scheiterte jedoch, da Polizei und Reichswehr das Gelände abriegelten und die Nationalsozialisten zur Aufgabe zwangen.
Die Ereignisse des Tages liefen in folgenden Schritten ab: Machtdemonstration der Linken: Die Gewerkschaften und die SPD hatten zu einer großen Kundgebung und einem Maiaufmarsch auf der Theresienwiese aufgerufen, an der rund 25.000 Menschen teilnahmen. Rechter Putschversuch: Die NSDAP und ihr angeschlossene paramilitärische Verbände (wie die SA und der Bund Oberland) wollten dies unterbinden. Die Rechte sah den 1. Mai zudem als symbolträchtiges Datum für die Niederschlagung der Münchner Räterepublik im Jahr 1919. Plan der Rechten: Hitler hatte vor, die Gewerkschaftsveranstaltung zu überfallen, die rote Führung zu verhaften und damit die bayerische Regierung zu erpressen. Bewaffnete Putschisten sammelten sich auf dem Oberwiesenfeld (dem heutigen Olympiapark). Eingreifen des Staates: Die bayerische Regierung unter Ministerpräsident Eugen von Knilling zeigte überraschend Stärke und lehnte ein Verbot des Gewerkschaftsumzugs ab. Polizei und Reichswehr stellten sich schützend vor die Arbeiterbewegung und riegelten das Oberwiesenfeld ab. Entwaffnung: Die putschenden Verbände wurden umstellt und teilweise entwaffnet, um ein Blutbad zu verhindern. Hitler mußte klein beigeben und seine Männer abziehen, was für die Nationalsozialisten eine empfindliche und peinliche Niederlage bedeutete.

Erich Ludendorff schrieb nun in der nachfolgenden Zeit an Alfred von Tirpitz:

München, Heilmannstr. 8.6. [1923]

Hochzugebietender Herr Großadmiral!

Euer Exzellenz danke ich für die gütigen Zeilen vom 25. Ich kann meinen Besuch in Elsdorf (?) nicht in Aussicht stellen, da ich nicht weiß, wann ich wieder mal nach Preußen komme. Ich sitze hier fest. Selbstverständlich werde ich gern Herrn A. Hitler unterstützen wie jeden, der praktische Arbeit tut, aber ich kann ihm so gar nichts Bestimmtes in Aussicht stellen, muß auch nicht nur seine ... worüber Sie etwas hören wollen oder worüber mit ihm nun zu sprechen ist.

Hier hat der 1. Mai unendlich viel zerschlagen. Die Schuld liegt bei Regierung und Nationalsozialisten. Bei ersteren wohl die größere, wenn auch die schwarze, rot-goldene u. feige bürgerliche Presse es anders darstellt. Die deutsche schwarz-weiß-rote Bewegung hat Schaden erlitten. Partikularismus, Separatismus können zufrieden sein. Wenn die maßgebenden Stellen im Norden nur diese Wegrichtung erkennen würden. Man will sie nicht sehen u. man glaubt mir wieder nicht, und so wird es kommen, wie es kommen muß, wenn man ... nach dieser Richtung in der Zukunft .. als politische ... solche Menschen hinstellt. 

In Würzburg (?) am 4. 5. Mai hatte ich schöne Eindrücke. ... zu einer Hochschulring Woche. Ich sprach über die deutsche Armee, ich weiß nicht, ob die Zeitungen mein Werk bringen. Ich lege sie zur gütigen u. nachsichtigen Beurteilung bei.

In Verehrung bin ich, Herr Großadmiral,

                                                  Euer Exzellenz gehorsamer 

                                                                          Ludendorff

Studenten des hier erwähnten völkischen "Deutschen Hochschulrings" (Wiki) sollten am 8./9. November 1923 auch am Hitler-Ludendorff-Putsch beteiligt sein. Dieser Brief macht darauf aufmerksam, daß es schon am 1. Mai 1923 Hoffnungen auf einen Rechtsputsch in Bayern gegeben hatte.

Abb. 4: Erich Ludendorff an Tirpitz im Juni 1923 (zweite Seite)

Außerdem gibt es einen Brief, der offenbar aus dem November 1924 an von Tirpitz geschrieben worden ist.

"Kolonnen, die getrennt geschlagen werden" - Ludendorff und Tirpitz im Reichstag 1924

Darin wird Bezug genommen auf den 29. August 1924.

Abb. 5: Erich Ludendorff an Tirpitz, November 1924

Wir lassen uns durch die KI belehren:

Am 29. August 1924 nahm der deutsche Reichstag den Dawes-Plan an. Dieses Abkommen regelte die Reparationszahlungen des Deutschen Reichs nach dem Ersten Weltkrieg neu. Die Annahme des Plans markierte einen entscheidenden Wendepunkt für die Weimarer Republik: Das Abstimmungsergebnis: Zur Annahme war eine Zweidrittelmehrheit erforderlich, da hierfür Verfassungsänderungen nötig waren. Die Zustimmung wurde durch die Stimmen der demokratischen Parteien sowie überraschend der Hälfte der Abgeordneten der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) gesichert. Die Bedingungen: Im Gegenzug zur Festlegung der neuen, an die Wirtschaftskraft gekoppelten Zahlungen, sicherte Frankreich das Ende der Ruhrbesetzung zu. Zudem wurden internationale (vor allem US-amerikanische) Anleihen und Kredite ermöglicht. Die Folgen: Der Vertrag legte den Grundstein für die „Goldenen Zwanziger“. Er leitete eine Phase der wirtschaftlichen Stabilisierung ein, ebnete den Weg für den politischen Entspannungskurs von Außenminister Gustav Stresemann und führte zum Abzug der alliierten Truppen aus dem Ruhrgebiet.

Am 4. Mai 1924 ist Erich Ludendorff für die Deutsch-völkische Freiheitspartei zum Abgeordneten des Deutschen Reichstages gewählt worden und Alfred von Tirpitz für die DNVP.

Abb. 6: "Eröffnungssitzung des neuen Reichstages am 27. Mai 1924. (...) Der frühere Großadmiral von Tirpitz (X) begibt sich zur Sitzung" - zusammen mit Walter von Keudell (rechts) (Fotograf Georg Pahl) (Bdarch) (weiteres: Wiki)

So erlebten beide die Abstimmung im Deutschen Reichstag über den Dawes-Plan am 29. August 1924 mit. Im gleichen Jahr brachte Alfred von Tirpitz sein Buch heraus "Der Aufbau der deutschen Weltmacht" (Cotta Nachf., Stuttgart/Berlin 1924). Offenbar hat er es Ludendorff zugesandt zusammen mit einem Brief. Ludendorff antwortete:

München, Heilmannstr. 11.11. [1924]

Hochverehrter Herr Großadmiral!

Euer Exzellenz danke ich für die gütige Zusendung Ihres bedeutungsvollen Werks mit der gleich bedeutungsvollen Zuschrift. Mögen die Kolonnen (?) dafür sorgen, daß sie nicht getrennt geschlagen werden. Ich kann meine schwere Sorge nicht unterdrücken, daß das am 29. August geschehen ist.

         In Verehrung bin ich Herr Großadmiral

                        Euer Exzellenz

                                     gehorsamer Ludendorff

Vielleicht hatte von Tirpitz in seinem Brief davon geschrieben, daß die "Kolonnen" der Deutschvölkischen Freiheitspartei einerseits und der Deutschnationalen Volkspartei andererseits zwar - wie seit 1866 die militärische Redensart geht - "getrennt marschieren, aber vereint schlagen" würden. Ludendorff war diesbezüglich seit dem 29. August 1924 offenbar nicht mehr so zuversichtlich wie von Tirpitz.

Der Freimaurer von Tirpitz und der Stahlhelm - 1929

In den Folgejahren ist dann viel passiert. Ludendorff hat sich von der Parteipolitik ganz abgewendet. Er trat aus der Evangelischen Kirche aus und nahm 1927 seinen Freimaurer-Kampf auf. Alfred von Tirpitz hingegen war - - - Freimaurer. Wie von Tirpitz über den Freimaurer-Kampf Erich Ludendorffs dachte, ist vorderhand nicht bekannt. 

Abb. 7: Admiral von Tirpitz im Gespräch mit dem Stahlhelm-Führer Duesterberg (rechts Seldte) - Reichsfrontsoldatentag vom Stahlhelm und Bund der Frontsoldaten am 1./2. Juni 1929 (Bdarch)

1928 zog Alfred von Tirpitz nach Feldafing bei München. Er nahm noch 1929, ein Jahr vor seinem Tod, an einer Stahlhelmtagung in München teil, bei der 100.000 Stahlhelmleute versammelt gewesen sind (Abb. 7). Ein Jahr zuvor schon hatte Erich Ludendorff auf ein Grußtelegramm des "Stahlhelm" bei einer solchen Gelegenheit geantwortet (3, S. 75):

"Den hunderttausend Frontsoldaten danke ich für den Gruß. Wir waren im Weltkrieg Landsknechte der überstaatlichen Mächte trotz unserer Hingebung für Kaiser und Reich. Mögen die Frontsoldaten das endlich erkennen und den Kampf gegen jene Mächte aufnehmen. Unsere Befreiung wird dann leicht sein."

Das Telegramm sei während der Tagung unterdrückt und nicht verlesen worden, so berichtet es Ludendorff. Da es in der Stahlhelm-Führung ebenfalls viele Freimaurer gab (dazu neuerdings: 4), war es sicher nahe liegender, im Folgejahr den greisen Großadmiral als Ehrengast einzuladen als den Freimaurer-Gegner Ludendorff.

Die Briefe von Alfred von Tirpitz an Ludendorff, die hier nicht zitiert werden konnten, werden im Ludendorff-Archiv in Tutzing liegen.

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  1. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1941 (Archiv)
  2. Ludendorff, Erich: Auf dem Weg zur Feldherrnhalle. Ludendorffs Verlag, München 1937
  3. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen, Band 2, 1926 bis 1933. Verlag Hohe Warte, Pähl 1951
  4. Fahrenwaldt, Matthias Albrecht: Der „Feldherr“ als Publizist. Erich Ludendorff 1919-1937. Dissertation, Düsseldorf, Heinrich-Heine-Universität, 2023; Online-Ressource Hochschulschrift (kostenfrei zugänglich) (UniDüsseldorf)
  5. Scheck, Raffael: Der Kampf des Tirpitz-Kreises für den uneingeschränkten U-Boot-Krieg und einen politischen Kurswechsel im Deutschen Kaiserreich 1916-1917. In: Militärgeschichtl. Mitteilungen 55/1996, S. 69-91 (freies pdf)

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