"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)
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Sonntag, 12. November 2017

"Diese völkischen Religionsdilettanten"

Ein angesehener katholischer Schriftsteller im Februar 1932 über die "Religionsknetereien" der "arischen Christen" der NSDAP und die "Ehrlichkeit" des Hauses Ludendorff diesen gegenüber

1932 erschien in der Wiener rechtskatholischen Zeitschrift "Das Neue Reich" der Aufsatz "Von Luther zu Ludendorff - Das Entweder-Oder der völkischen Religion" (2). Er beschäftigte sich auch mit den religionskritischen Stellungnahmen des Ehepaares Ludendorff.

Abb. 1: Spruchkarte der NSDAP zum Wählerfang innerhalb eines damals in nicht geringen Teilen noch ziemlich am Christentum hängenden Volkes

Der Aufsatz erschien unter einem sonst offenbar nie in der Zeitschrift benutzten Pseudonym, nämlich "Teutonicus". Dahinter verbarg sich einer der führenden katholischen Publizisten seiner Zeit, der auch die Achtung politischer und weltanschaulicher Gegner genossen habe - wie mit einem gewissen Respekt vermerkt wird (Wien-Wiki). Nämlich Joseph Eberle (Pseudonym Edgar Mühlen) (1884-1947) (Wiki). Er war der Schriftleiter selbst dieser Zeitschrift "Das Neue Reich - Christlichsoziale Wochenschrift für Kultur, Politik und Volkswirtschaft". Diese ist zwischen 1918 und 1938 in Wien erschienen. Und sie fand den größten Teil ihrer Leserschaft im katholischen Teil des Deutschen Reiches.

Eberle war katholischer Antisemit. Man darf dementsprechend auch annehmen: Freimaurer-Kritiker. Und er war konsequenter Unterstützer des Austrofaschismus. Und natürlich haben er und seine Zeitschrift sich - vom sicheren Hort des eigenen katholischen Glaubens aus - auch mit den religiösen Auseinandersetzungen ihrer Zeit beschäftigt. Eberle ist diesbezüglich gerade heraus, er scheint kein Intrigant gewesen zu sein, keiner, der mit doppeltem Boden argumentierte. Und er beobachtete - wie so viele Aufgewecktere - die starken zeitgeistigen Bewegungen weg vom Christentum, für die ja damals nicht nur die Sozialdemokraten und Kommunisten bekannt waren, sondern mehr noch im bürgerlichen Lager die völkische Bewegung. 

"Entjudaisierung des Christentums" im Dritten Reich

Als Antisemiten waren die Nationalsozialisten von vornherein dazu veranlagt, auf die "jüdische" Bibel scheel zu blicken. Und aus diesen Gefühlslagen heraus entstanden die starken Bestrebungen zur "Entjudaisierung des Christentums" innerhalb der evangelischen Kirche von Seiten der "deutschen Christen" bis hin zu Adolf Hitler, seinem Reichsbischof Müller und bis hin zu Alfred Rosenberg (Wiki). Diese Bewegung wurde auch von Seiten des Ehepaares Ludendorff immer wieder mit kritischen Aufsätzen begleitet und charakterisiert (zusammen gestellt in: 1).

Im folgenden wird davon ausgegangen, daß dieser Aufsatz vom Schriftleiter Joseph Eberle selbst stammte. Uns scheint zunächst nichts gegen, aber einiges für diese Annahme zu sprechen. Der Verfasser, Joseph Eberle also vermutlich, hatte, wie der Aufsatz zeigt, das im Vorjahr erschienene Buch "Erlösung von Jesu Christo" von Mathilde Ludendorff gelesen. Und das Lesen dieses Buches - sowie das Lesen der Kritik dieses Buches durch Alfred Rosenberg - mag ihn veranlaßt haben, einen Aufsatz zu schreiben darüber, daß die völkischen Religionsbestrebungen innerhalb des Protestantismus voller Halbheiten wären und daß sie deshalb für ehrliche Menschen ein "Entweder-Oder" fordern würden, ein "Entweder-Oder", vor das zumindest Erich und Mathilde Ludendorff ihre Leserschaft klar stellen würden. Eberle schreibt über Erich Ludendorff:

Man möge ihn bekämpfen, gut! Aber sein Werk ist danach angetan, ernst genommen zu werden. Was er und Mathilde Ludendorff zu der völkisch-religiösen Bewegung unserer Zeit zu sagen haben, ist zu schwerwiegend, um auf Dummejungenart damit fertig werden zu wollen. (...) Hier handelt es sich darum, daß bewiesen wird: eine völkisch-rassige Religion, und möge sich noch so viel vom Christentum an Anschauungen, Dogmen und Symbolen übernommen haben, kann nie und nimmer Christentum sein. (...) Wer sich der Logik Roms nicht beugen will, der muß sich dann als geistig gesunder und vor sich selbst ehrlicher Mensch der Ludendorffs unterwerfen.

Alfred Rosenberg und die mit ihm sympathisierenden Kreise waren von den katholischen Kräften schon im Jahr 1923 als Hauptgegner erkannt worden. (So äußert sich jedenfalls Putzi Hanfstaengel in seinen Erinnerungen über dieses Jahr.) Auch der "Preuße" Erich Ludendorff war schon in jenem Jahr und in den Folgejahren noch viel mehr von den Kräften des politischen Katholizismus in Bayern und anderwärts als ihr bewußter Gegner ausgemacht worden und als solcher innerhalb und außerhalb der völkischen Bewegung scharf bekämpft worden. Schon Ende 1924 hatten Versprechungen der Kräfte des politischen Katholizismus an Adolf Hitler über den bayerischen Ministerpräsidenten Held eine Trennung Hitlers von Ludendorffs Kurs gegen den politischen Katholizismus bewirkt.

Nach seiner Heirat mit Mathilde Ludendorff im Jahr 1926 und in Auseinandersetzung mit ihren philosophischen Werken hatte sich Erich Ludendorff dann entschiedener vom Christentum überhaupt abgewandt als die meisten völkischen Zeitgenossen seiner Zeit. 1929 hatte Ludendorff zusammen mit seiner Frau das Buch "Das Geheimnis der Jesuitenmacht und ihr Ende" heraus gebracht. Spätestens seit diesem Zeitpunkt scheint die völkische Bewegung in Deutschland von Seiten der Weltmacht Rom als die gefährlichste Gegnerin überhaupt ins Auge gefaßt worden zu sein. Karlheinz Weissmann, der "katholischste Protestant", den der Rechtskatholik Götz Kubitschek jedenfalls jemals in seinem Leben will kennen gelernt haben, erklärte in der Neubearbeitung des Buches "Konservative Revolution" von Armin Mohler, daß die völkische Bewegung ausgerechnet im Jahr 1929 ihre geistige Bedeutung verloren habe. Wie er ausgerechnet dieses Jahr 1929 ausgemacht hat, sagt er dabei nicht.

Während jedenfalls die elitären katholischen Strippenzieher längst die Ludendorff-Bewegung als den Hauptfeind ihrer Bestrebungen erkannt hatten Anfang der 1930er Jahre, war ihnen auch klar geworden, daß diesem Hauptfeind gegenüber die Kreise rund um Alfred Rosenberg vergleichsweise harmlos waren und man mit ihnen noch "taktieren" konnte, auch um die gefährliche Ludendorff-Bewegung dabei so weit als möglich ins Abseits stellen zu können. Wenn möglich sogar durch die NSDAP selbst.

Abb. 2: Ein Zeugnis für den Zeitgeist: Arischer Jesus - Karikatur im "Stürmer"

Von solchen elitär-katholischen Strippenziehereien scheint dem Autor des hier behandelten Aufsatzes wenig bewußt gewesen zu sein. Er freut sich beim Lesen von Mathilde Ludendorffs Buch "Erlösung von Jesu Christo" und der oberflächlichen Kritik Rosenbergs an diesem Buch nur, daß der einflußreich gewordenen Bewegung rund um Rosenberg mit dem Haus Ludendorff ein Gegner entstanden ist, den er selbst als den konsequenteren, weil nicht in Halbheiten steckenden bleibenden erkennen kann. Er sagt: Wenn schon nicht christlich, dann richtig nicht christlich. Er freut sich über Ehrlichkeit und Geradlinigkeit. Ein womöglich eher seltenes Geschehen in der damaligen katholischen Publizistik.

"Die Ehrlichkeit, zum Christentum ein glattes Nein zu sagen"

Eberle führt aus, daß alles "arische", "heldische" Christentum mit seinem "arischen", "heldischen" Jesus", um das sich in jenen Zeiten viele Nationalsozialisten und nationalsozialistische Pfarrer und - wie wir heute angesichts von Hitlers Bibliothek erahnen können - wohl auch Adolf Hitler selbst bemühten, unmöglichste, konfuseste "Halbheiten" seien:

Wir jedenfalls gestatten uns, demgegenüber die völkische Logik allein bei den Ludendorffs zu finden, die mit einer Klarheit, die wirklich nichts zu wünschen übrig läßt, im Gegensatz zu diesen völkischen Religionsdilettanten die völlige Einheit des alt- und neutestamentlichen Gottesbegriffs beweisen.
Als Beleg bringt er in einer Anmerkung an dieser Stelle:
Mathilde Ludendorff. Erlösung von Jesu Christo. München 1931. Seite 131 und öfter.
Die genannten "Religionsdilettanten" wollten ja damals ein angeblich "arisches", "heldisches" Geistesgut innerhalb der Bibel von dem übrigen jüdischen Geistesgut der Bibel aussondern, jeder wieder auf andere Weise, wozu eben gerne auch unterschiedliche Gottesbegriffe im Alten und Neuen Testament unterstellt wurden. Und Eberle ist nun froh, angesichts all dieses Halben und Konfusen in Mathilde Ludendorff jemanden gefunden zu haben, die wenigstens bei solchen Halbheiten nicht mitmachte. Er schreibt weiter - gegen Alfred Rosenbergs damalige Kritik an Mathilde Ludendorff:
Vollends sonderbar berührt es, wenn völkische Kritiker Mathilde Ludendorff, der Heidin, vorwerfen (...), sie schreibe ohne jede Berücksichtigung der protestantischen Bibelkritik.
Bekanntlich war für Rosenberg diese Bibelkritik die Grundlage, mit deren Hilfe er "wissenschaftlich" "aussortieren" wollte, was von den Bibelinhalten weiterhin als gültig anzusehen sei und was nicht. Solchen "Religionsknetereien" als welche Rosenbergs Hoffnungen und Erwartungen ganz richtig charakterisiert werden, schreibt Eberle ins Stammbuch:
Ludendorff jedoch erklärt mit einer Entschiedenheit und Überzeugtheit, die jedem Katholiken Ehre machen würde, die Einheit und Geschlossenheit des von der Kirche gelehrten Christentums, Mathilde Ludendorff weiß, daß die Schrift, so wie sie uns vorliegt und so wie die Kirche sie lehrt, das Christentum bedeutet. (...) Schon zu Anfang ihres Buches stellt sie den Grundsatz auf: "Da jedes Wort der Evangelisten als Wort Gottes den Völkern gelehrt wird und Vorbild für sie ist, so ist bei solcher Betrachtung jedes Wort der vier Evangelien gleich wichtig. Es müssen alle Worte beachtet werden. Keine kritische Behandlung des Christentums hat diese Grundforderung erfüllt und deshalb hat keine wirklich überzeugt." (Erlösung, S. 9)

Natürlich behandelt Eberle hier nicht, daß Mathilde Ludendorff zum "historischen" Wahrheitsgehalt des Inhalts der Bibel sowieso noch einen viel radikaleren Ansatz hat als die traditionelle protestantische Bibelkritik.  

Abb. 3: "Von Luther zu Ludendorff - Das Entweder-Oder der völkischen Religion" Sonderdruck aus "Das Neue Reich", 6., 13. und 20. Februar 1932

Sie unterstellt ja (was zwischenzeitlich auch zahlreiche andere Autoren getan haben), daß ein großer Teil der biblischen Jesus-Geschichte ursprünglich Buddha-Geschichten aus Indien gewesen wären, die von Juden in Alexandrien zu jüdischen Jesus-Geschichten umgeschrieben worden seien. 

"Das finstere Lachen des Heiden Ludendorff"

Und er behandelt hier nicht, daß Mathilde Ludendorff als Religionspsychologin und -philosophin die Wirkung der Bibelinhalte wichtig ist. Weil unabhängig von ihrem historischen Wahrheitsgehalt Menschen an diese Inhalte glauben, zumal buchstabengläubige. Und Eberle freut sich nun, daß Mathilde Ludendorff aus dieser Absicht ihres Buches her das Neue Testament als Ganzes nimmt und alle Teile gleichwertig behandelt. Er schreibt dann wieder zur politischen Ebene zurückkehrend:

Adolf Hitlers Halbheit, für ihn selbst so folgenschwer, liegt darin: ein völkischer, ein Rassestaat im Sinne der Nationalsozialisten ist als christliche Schöpfung, ja selbst als rein politische Schöpfung nur unter Duldung seitens des Christentums ein Unding.
Mit diesem Satz steht er völlig auf dem Standpunkt von Erich und Mathilde Ludendorff. Die elitären katholischen Strippenzieher, denen an dieser katholischen Duldung und Befürwortung des gerade entstehenden Dritten Reiches alles lag zu jenem Zeitpunkt, werden über solche Sätze entweder die Stirn gerunzelt oder gelächelt haben. Eberle weiter über den Christen und Katholiken Hitler:
Er ist nicht tief genug in den Geist des Christentums eingedrungen, um zu erkennen: dies Christentum ist ein Ganzes, bei ihm gibt es, seiner Natur nach, keine Privatsache, im Christentum ist der ganze Mensch, also auch der politische Mensch der Religion Gehorsam schuldig.

Und auch das ist ein Gedanke, den das Ehepaar Ludendorff wieder und wieder betont hat. Denn er enthält eine Fülle von Implikationen für den gesamten politischen und kulturellen Bereich, im Grunde für jeden Lebensbereich einer Gesellschaft. Diesen Gedanken erläutert denn Eberle noch weitergehend. Eberle führt dann Zeugnisse für all die Halbheiten der völkisch-christlichen "Religionskneter" an, die er offenbar bei Mathilde Ludendorff behandelt und in ihrem feierlichen Bombast schon als lächerlich kritisiert gefunden hat. Und auch er nennt sie "Schäferspiel mit geliehenen Masken und Fähnchen", nennt sie "Alfanzereien" und fährt dann nach dem Anführen solchen bombastischen Getöses und solcher arisch-christlicher Glaubensbekenntnisse fort:

"Mehr kann man nicht verlagen!" sagt Mathilde Ludendorff bissig dazu, aber ich wüßte außer den Ludendorffs niemanden zu nennen - ich spreche hier von den Völkischen -, der die gerade Ehrlichkeit aufgebracht hätte, zu dem Christentum ein glattes Nein zu sagen.
Und Eberle kennt - wie Mathilde Ludendorff - die psychologischen Ursachen für all die Halbheiten. Er wird quasi zum katholischen "Rosenberg"- und "Hitler-Versteher", wenn er schreibt:
Denn es gehört schon eine große Kraft, viel Überwindung dazu, mit liebgewordenen Anschauungen auf einmal ganz zu brechen. Die schönen Erinnerungen aus der gläubigen Jugendzeit sozusagen aus dem Gedächtnis zu streichen und mit umgekehrten Zeichen zu werten. Da ist es freilich viel bequemer, einfach zu sagen: früher haben wir das nur falsch verstanden und jetzt sind wir "im wahren Christentum". 
Eberle schreibt ganz auf konsequent-katholischer Linie:
Alle diese völkischen Christen vergessen, daß die christlichen Gebote, z. B. das der Feindesliebe, der Demut, der Missionierung des Erdkreises ("Gehet hin und lehret alle Völker") sich immer irgendwie geschichtlich-politisch, nicht nur rein religiös auswirken müssen. Mögen sie es sich, wenn nicht von einem Katholiken, so von Ludendorff, dem Antichristen, sagen lassen, daß das Christentum überpersönlich ist, also nicht und nie danach fragt, was dem einzelnen an der Lehre gefällt und was nicht; und noch etwas, was für die Völkischen wohl das Wesentlichste ist: nämlich daß selbst jedes Überbleibsel des Christentums, das man in die völkische Rassegemeinschaft übernimmt, sich früher oder später gegen den Rassestaat auswirken muß und ihm noch vor seinem endgültigen Gestaltwerden zu Fall bringen wird.
Daß sich solche Gedanken innerhalb Deutschlands ausbreiten könnten, daß war damals die große Sorge der elitär-katholischen Kreise. Und mit dieser Sorge sollten sie ja spätestens ab 1935 nur allzu deutlich recht behalten. Eberle führt dann zahlreiche Halbheiten insbesondere des damaligen "Geistchristentums" des Nationalsozialisten Artur Dinter (1876-1948) in diesem Sinne an und sagt dazu:
Mit diesem halben Christentum läßt sich weder eine "artgemäße Religion", noch "die Aufrichtung eines dritten Reiches, eines völkischen Großdeutschland" erreichen.
Und abschließend sagt er zu dieser Clownerie:
Klatscht Beifall, Freunde, die Komödie ist zu Ende. Und durch den öden Raum hallt nur noch das finstere Lachen des Heiden Ludendorff.
Dieser ganze Artikel ist womöglich ein eher ungewöhnliches Zeitzeugnis und ihm wurde deshalb hier ein ganzer eigener Beitrag gewidmet.

Abb. 4: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 2 

Abb. 5: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 3

Abb. 6: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 4

Aber in vielem erinnert er natürlich auch an die Predigten des Münchner Kardinals Faulhaber, die ein Jahr später unter dem Titel "Judentum, Christentum, Germanentum" erschienen. Kardinal Faulhaber war ein Befürworter der Teilnahme Deutschlands am Spanischen Bürgerkrieg, das der Durchsetzung des klerikal-faschistischen Franco-Regimes diente (Wiki):

Im November 1936 sprach Faulhaber in einer Predigt über die Bereitschaft zum Leiden und heroischen Taten, die die christliche Weltanschauung fordere. Als Beispiele nannte er den von NS- und anderen rechten Kreisen zum Märtyrer erhobenen Albert Leo Schlageter, auf dessen katholische Konfession er sich bezog, und die „Helden“ des Alcázar im spanischen Bürgerkrieg.

Bei ihm haben wir es also schon wieder mit einem Taktierer erster Sorte zu tun. Da ist nichts mehr ehrlich. Er läßt von verdächtigen Neuheiden katholische Kriege, bzw. Kriege im katholischen Interesse führen und fordert von ihnen "Leiden und heroische Taten". Da ist man wieder im tiefsten Sumpf angelangt, den man mit dem Aufsatz des "Teutonicus" einmal für eine kurze Weile hatte verlassen können.


/In Teilen überarbeitet: 25.12.2017/

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  1. Ludendorff, Erich und Mathilde: Die machtvolle Religiosität des deutschen Volkes vor 1945. Dokumente zur deutschen Religions- und Geistesgeschichte 1933 - 1945. Zusammengestellt und erläutert von Erich Meinecke. Freiland-Verlag, Viöl 2004
  2. Teutonicus (Pseud.): Von Luther zu Ludendorff. Das Entweder-Oder der völkischen Religion. In: Das Neue Reich. Jg. 14, 6., 13. und 20. Februar 1932, Folgen 19-21, S. 359-60, 379-80 und 401-02
  3. Bading, Ingo: Ludendorff regt die Veröffentlichung der Schrift "Protestantische Rompilger" an Tagebuch-Einträge von Alfred Rosenberg zwischen den Jahren 1936 bis 1938. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 19. September 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/09/ludendorff-regt-die-veroffentlichung.html

Samstag, 19. September 2015

Ludendorff regt die Veröffentlichung der Schrift "Protestantische Rompilger" an

Tagebuch-Einträge von Alfred Rosenberg zwischen den Jahren 1936 bis 1938

Im Jahr 2004 ist eine Dokumentation der halbmonatlich erschienenen Stellungnahmen Erich und Mathilde Ludendorffs zum Kirchenkampf während des Dritten Reiches erschienen (1). Zu dieser Dokumentation ist auf dem Blog im Januar 2013 etwa folgendes gesagt worden, was hier zunächst wiederholt werden soll:

Eine 2004 erschienene Dokumentation stellt auf etwa 200 Seiten jeweils fast tagesaktuelle Stellungnahmen Erich und Mathilde Ludendorffs zum Kirchenkampf, bzw. allgemeiner zu allen Fragen rund um die "Glaubenskrise im Dritten Reich" zusammen und zur damit verbundenen ersten großen Kirchenaustrittswelle in Deutschland (ab 1935). Darin enthalten sind vor allem auch alle bislang nicht in Buchform veröffentlichte Aufsätze zu Themen im Zusammenhang von Kirchen- und Christentumskritik.

Abb.: Protestantische Rompilger (1937)
Allerdings lag der Fokus dieser Dokumentation nicht auf der Dokumentation zur Auseinandersetzung mit der katholische Kirche. Im Anhang dieses Bandes (S. 317 - 320) wurden unter "Nachweise zu in diesem Band nicht ausführlich behandelten Themen" außerdem fünf Aufsätze zum Themenbereich "Aufklärung über den christlichen Hexenglauben", 20 Aufsätze zum Themenbereich "Kampf gegen den Gotteslästerungs- bzw. Ketzer-Paragraph 166", acht Aufsätze zu "Kirchensteuer-Fragen", 14 Aufsätze zum Themenbereich "Kampf gegen die Teilnahme-Pflicht der Kinder am christlichen Religionsunterricht", vier Aufsätze zum Themenbereich "Skandal-Prozesse gegen die katholische Kirche: Devisenvergehen und § 175" und elf Aufsätze zum Themenbereich "Auseinandersetzung um die (bibelkritische Schrift) 'Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort!" angeführt.

Dieser Band aus dem Jahr 2004 ist schon seit mehreren Jahren beispielsweise auf dem Wikipedia-Artikel zu Mathilde Ludendorff verzeichnet. Im "Karlsruher Virtuellen Katalog" ist er mindestens neun mal für den deutschsprachigen Raum katalogisiert. (Nämlich als Bestand der Nationalbibliotheken von Leipzig und Frankfurt am Main, der Universitätsbibliothek Gießen, der Erzbischöflichen Dombibliothek Köln, der Bibliothek der Evangelischen theologischen Fakultät Tübingen, der Fachbereichsbibliothek Geschichte der Universität München, der Landesbibliothek Kiel, der Universitätsbibliothek Greifswald und der Bibliothek des Konservatismus Berlin. Hinzu gekommen sind inzwischen auch die Bibliothek der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin.)

Diese Dokumentation aus dem Jahr 2004 enthält - und das soll Thema des vorliegenden Blogbeitrages sein - Lücken. Diese werden anhand einer neuen Veröffentlichung (2) erkennbar. Im vorliegenden Blogbeitrag soll deshalb nach und nach ergänzt werden, was man an Zeitzeugnissen entdeckt, die inhaltlichen in diesen Band gehören, dort aber noch nicht veröffentlicht worden sind. Also Ergänzungen, die sinnvollerweise in etwaige Neuauflagen einzuarbeiten wären.

Das lange Verschlossenhalten von Rosenbergs Tagebuch (1945 bis 2015)

Und zu diesen gehört zunächst ein Tagebuch-Eintrag von Alfred Rosenberg vom 19. August 1936. Die Überlieferungsgeschichte der Tagebücher von Alfred Rosenberg ist eine auffällige (2, S. 29ff). Auszüge derselben wurden während der Nürnberger Prozesse zugänglich gemacht (4). Der Hauptteil der Rosenberg'schen Tagebücher kam aber dann - unzulässigerweise - für lange Jahrzehnte in den Privatbesitz (!) des Anklägers Robert Kempner und blieb deshalb bis zum Jahr 2015 unveröffentlicht. Nur gut belesenen Fachleuten war bekannt, dass Kempner schon 1948 Auszüge aus diesen Tagebücher veröffentlicht hatte (3). Diese zum Verständnis der geistigen Entwicklungen im Dritten Reich sicher nicht unwichtige Veröffentlichung aus dem Jahr 1948 ist noch heute - zum Beispiel - nicht auf dem Wikipedia-Artikel zu Alfred Rosenberg verzeichnet.

Und selbst in der Veröffentlichung der Rosenberg-Tagebücher aus dem Frühjahr dieses Jahres fehlen nach Einschätzung der Herausgeber immer noch wichtige Bestandteile derselben. Nämlich Einträge zwischen Herbst 1941 und erster Hälfte 1942. Und auffallender Weise ist dies genau jener Zeitraum, in dem nach der heutigen - strafrechtlich geschützten - wissenschaftlichen Meinung innerhalb der deutschen Führungsspitze der Plan zur Ausrottung der europäischen Juden konkrete Gestalt angenommen hat. Welche Stellungnahmen und Hinweise es gibt in Bezug auf Alfred Rosenbergs Sichtweise auf die Judenmorde wird in der Einleitung sehr detailliert erörtert (2, S. 40-116), allerdings kann sich auch diese Darstellung an den entscheidenen Stellen nicht auf Tagebuch-Einträge stützen. Doch all das ist nicht das Thema des vorliegenden Blogartikels.

Es kann aber noch hinzugefügt werden, dass diese Tagebucheinträge von Alfred Rosenberg insgesamt einen weitaus weniger lamentierenden Eindruck machen, als seine schon lange bekannten Aufzeichnungen aus dem Nürnberger Gefängnis (1, S. 295-301; nach: 5). Die sicher nicht ganz unbedeutsame Kritik Rosenbergs an der Politik seines kulturpolitischen Rivalen und erklärten Gegners Josef Goebbels oder auch an der Politik des Gauleiters Erich Koch in der Ukraine ist schon in diesen Tagebuch-Blättern durchgängig enthalten. In ihnen wird Goebbels auch als verantwortlich erklärt für die Reichskristallnacht des Jahres 1938. Das Stichwort "Reichskristallnacht" fällt in der Rosenberg-Biographie von Ernst Pieper vier mal. Nirgendwo aber wird erörtert, dass Rosenberg die Reichskristallnacht laut eines schon 1956 veröffentlichten Tagebucheintrages abgelehnt hat! Da ein Zitat dieses Tagebuch-Eintrages derzeit offenbar auch sonst nirgendwo im Internet oder auf "Google Bücher" zu finden ist, soll es hier einmal ebenfalls gebracht werden. Rosenberg gibt ein Gespräch mit Heinrich Himmler über Josef Goebbels wieder, das wahrscheinlich im Dezember 1938 stattgefunden hat, und über das Rosenberg anfangs schreibt (2, S. 266f; 4):
Zunächst erzählte er (Himmler) die ganze Angelegenheit von Fritsch und von Blomberg und machte sein persönliches Unbeteiligtsein klar.
Nun, über das "Unbeteiligtsein" von Himmlers Gestapo denken wir allerdings - im Gegensatz zu hochgerühmten Spiegel- und Ifz-Historikern - ein wenig anders (siehe unsere Ausführungen über das Gestapo-Weisswaschbuch "Der Sturz der Generäle" auf dem Parallelblog). So "unbeteiligt" waren Heinrich Himmler und seine Gestapo ganz bestimmt nicht. Weiter gibt Rosenberg dann das Gespräch unter anderem folgendermaßen wieder:
Ich: Die Sache mit dem Judenprogrom war doch ebenso staatsschädigend. Dr. Goebbels hat nur auf Grund einer allgemeinen Anordnung des Führers gleichsam in seinem Namen die Aktion geboten. Görings Gegenbefehl kam zu spät. Schaden an Volksgut: fast 2 Winterhilfswerke: 600 Millionen!
Himmler: Ja; alles wird jetzt auf andere geschoben.
Ich: Für alles das, was Goebbels macht, müssen wir bezahlen. Es ist furchtbar.
Es würde wirklich zu weit führen, hier den Versuch einer weitergehenden Bewertung und Einordnung dieses Zitates zu unternehmen. Es soll nur als einer von vielen Hinweisen aufzeigen, dass zahlreiche Einzelheiten im Leben von Alfred Rosenberg, womöglich eine ganze, ihn eher entlastende Seite seiner Persönlichkeit, von der wissenschaftlichen Literatur bislang offenbar gar nicht zur Kenntnis genommen worden ist und deshalb gar nicht scheint aufgearbeitet zu sein. - Es stellt sich allerdings die Frage: Sollte das lange Verschlossenhalten der Gesamtheit der Tagebücher von Alfred Rosenberg genau diesem Zweck dienen?

Ab 1935 - "Ein Nachlassen der rein kirchlichen Kräfte"

Laut der eingangs genannten Dokumentation kennzeichnete Erich Ludendorff die Jahre 1933 und 1934 als "Jahre schwärzester pfäffischer Reaktion" (1, S. 3). Die Kirchenbeamten beider großer christlicher Kirchen sprühten vor Begeisterung für den nationalsozialistischen Staat und fühlten in diesem Aufwind für ihre eigenen Anliegen. Das Ermächtigungsgesetz für Adolf Hitler war ja auch mit Hilfe des katholischen Zentrums und vieler liberaler Protestanten beschlossen worden. Ihm folgte das Reichskonkordat mit der katholischen Kirche. In diesen Jahren traten denn auch weitaus mehr Deutsche wieder erneut in die christlichen Kirchen ein, als gleichzeitig aus diesen austraten.

Doch die dabei aufgekommenen scharfen Auseinandersetzungen zwischen den "Deutschen Christen" innerhalb der evangelischen Kirche einerseits und der "Bekennenden Kirche" andererseits, der heftige Streit zwischen ihnen führte - gemeinsam mit dem Antisemitismus, der auch auf das jüdische Christentum selbst ausgeweitet wurde und mit dem damals üblichen sonstigen Betonenen eines "heldischen", heidnisch-"germanischen Menschentums - in Deutschland dazu, dass sich immer mehr Nationalsozialisten geradezu angewidert von den christlichen Kirchen abwandten. Für die meisten von diesen wurde Alfred Rosenberg der Stichwortgeber, dessen Buch der "Mythos des 20. Jahrhunderts" dadurch plötzlich in den Mittelpunkt der weltanschaulichen Auseinandersetzungen innerhalb des Dritten Reiches geriet und dementsprechend von beiden christlichen Kirchen in jenen Jahren außerordentlich scharf bekämpft worden ist.

Aufgrund all dieser viele Zeitgenossen auch überraschenden Entwicklungen stellte Erich Ludendorff für das Jahr 1935 "ein Nachlassen der rein kirchlichen Kräfte" (1, S. 3) fest. Und die Jahre zwischen 1936 und 1938, in denen es zur bis dahin größten Kirchenaustrittsbewegung in der deutschen Geschichte gekommen ist (erst ab 1968 wurden wieder Zahlen ähnlichen Umfangs erreicht), kennzeichnete Erich Ludendorff sogar dahingehend, dass in ihnen der Nationalsozialismus das "Erwachen der deutschen Volksseele" insbesondere in Hinsicht auf weltanschaulich-religiöse Fragen "fördern" würde (1, S. 3).

Erich und Mathilde Ludendorff und die damalige Ludendorff-Bewegung waren diejenigen, die von vielen Zeitgenossen als jene angesehen wurden, die die beschriebenen Entwicklungen durch ihre Veröffentlichungen und ihre Mund-zu-Mund-Propaganda am rührigsten voran trieben.

Rosenberg meint, das Ehepaar Ludendorff hätte eine gute Schrift herausgebracht (August 1936)

Am 5. August 1936 veröffentlichte das Ehepaar Ludendorff - "entsprechend der heutigen Kampflage im Freiheitsringen" wie Erich Ludendorff schrieb - in ihrer Zeitschrift "Am Heiligen Quell Deutscher Kraft" jene Aufsätze, die dann auch als Sonderdruck unter dem Titel "Das große Entsetzen - die Bibel nicht Gottes Wort" veröffentlicht worden sind (1, S. 219). Der Bischof Otto Dibelius nahm zu dieser Schrift Stellung, ebenso gab es zahlreiche andere gegnerische Stellungnahmen. Erich Ludendorff antwortete auf diese in der gleichen Zeitschrift in der Ausgabe vom 20. Oktober 1936.

Zuvor allerdings, noch im August, schrieb er einen Brief an Alfred Rosenberg. Dessen abfällige Urteile in den "Nationalsozialistischen Monatsheften" des Jahres 1931 über Erich und Mathilde Ludendorff waren keineswegs vergessen. Eben so wenig die abfälligen Urteile Mathilde Ludendorffs über Rosenbergs Buch "Mythos" aus dem Jahr 1931 (1, S. 29-33). Ob der Wortlaut des Briefes von Erich Ludendorff an Alfred Rosenberg erhalten ist, ist einstweilen nicht bekannt. Alfred Rosenberg scheint aber durch diesen Brief insbesondere auch dazu angeregt worden zu sein, nun seine Schrift "Protestantische Rompilger" herauszugeben, die aus einem dem Haus Ludendorff sehr ähnlichen, außerordentlich polemischen, kämpferischen, antikatholischen und antichristlichen Geist heraus geschrieben worden war, und die ähnlich auflagenstark werden sollte wie sein Buch "Mythos des 20. Jahrhunderts" und seine Schrift "Dunkelmänner", und die einen ähnlichen Aufschrei in der protestantischen Welt auslösen sollte wie die beiden Vorgängerschriften. Jedenfalls spiegelt sich dieser Brief Erich Ludendorffs folgendermaßen in Rosenbergs Tagebuch-Eintrag vom 19. August 1936 wieder (zit. n. 2, S. 193f; auch in: 3):
Ich war erstaunt, heute einen Brief von Ludendorff zu erhalten. Unter Hintanstellung "persönlicher Bedenken" übersendet er mir das gemeinsam mit seiner Frau gemachte neue Erzeugnis "Die Bibel nicht Gottes Wort". Ich habe die Schrift gelesen, sie ist bedeutend besser als Mathildens sonstige Elaborate, die an Schwulst und Geschmacklosigkeit schwer zu übertreffen sind.
Er hält diese Schrift also - soweit man sieht - für gelungen. Es folgen dann noch einige Mathilde Ludendorff herabsetzende Ausführungen über sie als "Jugendstil-Philosophin" und über den von ihr "erhobenen philosophischen Regenschirm", der nicht zu Erich Ludendorff passen würde.

Zur Neufassung des Gotteslästerungsparagraphen § 166

Rosenberg schreibt dann weiter: Er - Ludendorff -
ficht jetzt als Sektierer für "die größte Philosophin des deutschen Volkes". Ludendorff hat - nicht unberechtigte - Furcht, dass der § 166 für Konfessionsschutz in beabsichtigter Form durchgebracht würde. Als ich damals diese schlau ausgeklügelte Fassung zu Gesicht bekam, die uns den Schutz unserer geschworenen Gegner aufbürden und uns selbst den Mund stopfen sollte, da habe ich sofort bei Heß geharnischten und begründeten Einspruch eingelegt. Die Frage wurde dann bearbeitet und in ausführlicher Begründung der Ablehnung an die Kirchenparagraphen-Kommission geschickt. Eine Zeitlang darauf fand dann bei Heß noch eine Sitzung statt, um den Standpunkt der Partei festzulegen. Ich schickte Ziegler mit unserem Vorschlag hin und dieser wurde dann auch einmütig angenommen. Es kann demnach nur einen Schutz der religiösen Überzeugung des Volkes geben, nicht Ausnahmen zugunsten einiger Konfessionen, die ihrerseits frech genug sind, alles zu beschimpfen, was ihren abgestandenen Kram nicht mehr als der Weisheit letzter Schluss gelten lassen kann.
Hier gebärden sich die protestantischen Priester beinahe noch herausfordernder als die römischen. In meinem Schreibtisch liegt seit fast einem Jahr ein Manuskript über sie unterm schmerzhaften Titel "Protestantische Rompilger". Möglich, dass ich es jetzt noch fertigschreiben und herausgeben werden, um den schnatternden Pfuhl noch weiter aufzuregen.
Die Auseinandersetzungen rund um die Neufassung des Gotteslästerungsparagraphen 166, die Erich Ludendorff bis zu seinem Lebensende im Dezember 1937 ein wesentliches Anliegen gewesen ist und um derentwillen er unter anderem auch an Hermann Göring schrieb, müssten noch einmal in einem eigenen Artikel zusammenfassend dokumentiert werden (siehe auch: Wiki).

Rosenberg erhält den "deutschen Nobelpreis" (September 1937)

Auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg wird am 7. September 1937 bekannt gegeben, dass Alfred Rosenberg - mit vier weiteren Nominierten - den in diesem Jahr gestifteten "deutschen Nobelpreis" verliehen bekommt, den "Deutschen Nationalpreis für Kunst und Wissenschaft". Die Entscheidung über die Nominierten hatte Hitler - zunächst nur vorläufig - am 3. September getroffen, sie sich aber bis zum 7. September vorbehalten (Wiki). Diese Verleihung an Rosenberg war eine der vielen Gesten Hitlers gegenüber dem Papst in Rom und gehört in die Abfolge der schwankenden Entscheidungen Hitlers während des Jahres 1937 in seiner Haltung gegenüber der katholischen Kirche hinein. Hierbei spielte sich auch vieles eher im politischen Hintergrund ab, von dem die große Öffentlichkeit damals kaum Kenntnis erhielt (siehe "Mordpläne Hitlers gegen Ludendorff"). Alfred Rosenberg, der - zumindest laut seines Tagebuches - von diesem Hintergrundgeschehen nur wenig scheint mitbekommen zu haben, zeigte sich über die Verleihung des Nationalpreises in seinem Tagebuch emotional außerordentlich bewegt. Er schrieb nach dem Parteitag in sein Tagebuch (2, S. 242-244):
Als entscheidendes Zeichen dieser Tage wurde von Partei und Ausland die Auszeichnung für mich durch Verleihung (als erstem unter den Lebenden) des Nationalpreises empfunden. Mit Recht. (...) Mit mir verknüpft sich nun einmal der Begriff des erbittertsten Kampfes gegen Rom. (...) Wenn der Führer auch amtlich sich zurückhalten musste, so hat er mich doch den Kampf führen lassen. Die Herausstellung meiner Person war somit Reichs-Programm geworden; die "privaten Ansichten" zur Grundlage der ganzen Revolution des Führers erklärt worden. (...) Ein päpstliches Organ hat die Preisverleihung an mich als Schlag ins Gesicht des Hl. Vaters erklärt. Dieser H. Vater hat dann auch vor deutschen Pilgern "mit Kummer" erklärt, es sei schrecklich, dass einer, der alles Katholische angreife, "zum Propheten des Reiches" erklärt worden sei.
Hitler hätten Tränen in den Augen gestanden als er Rosenberg die Verleihung des Nationalpreises an ihn - wohl Anfang September - mitgeteilt hätte. Weiter schreibt Rosenberg unter anderem:
Die Gauleiter haben zum Teil geheult. (...) Der gute Röver sagte dem Führer: "Das ist der schönste Tag meines Lebens." (...) Zur gleichen Zeit erschienen die "Protestantischen Rompilger". Ich hatte sie früher dem Führer zugeschickt: ob sie schon tragbar wären. Der Führer: Es ist ja sowieso jetzt schon alles gleich. - Und so laufen sie jetzt - zu Hunderttausenden und haben die ganze Pastorenbande in heftigste Unruhe versetzt. Viele allerdings schreiben mir mit freudigster Zustimmung.
Auch die Wirkungsgeschichte dieser sehr scharfen Schrift soll an dieser Stelle nicht erörtert werden (aber siehe: Wikipedia).
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  1. Ludendorff, Erich und Mathilde: Die machtvolle Religiosität des deutschen Volkes vor 1945. Dokumente zur deutschen Religions- und Geistesgeschichte 1933 - 1945. Der Kampf um die geistige Führung zwischen dem Haus Ludendorff, dem Nationalsozialismus und den Kirchen. Zusammengestellt und erläutert von Erich Meinecke. Freiland-Verlag, Viöl 2004 
  2. Matthäus, Jürgen; Bajohr, Frank (Hg.): Alfred Rosenberg - Die Tagebücher von 1934 bis 1944. S. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2015
  3. Kempner, Robert M. W.: Der Kampf gegen die Kirche. aus unveröffentlichten Tagebüchern Alfred Rosenbergs. In: Der Monat, Jg. 1, 1948, Nr. 10, S. 26-38
  4. Das politische Tagebuch Alfred Rosenbergs 1934/35 und 1939/40. Hrsg. und erläutert von Hans-Günther Seraphim nach der photographischen Wiedergabe der Handschrift aus den Akten des Nürnberger Prozesses. Musterschmidt, Göttingen 1956 
  5. Großdeutschland, Traum und Tragödie. Rosenbergs Kritik am Hitlerismus. Selbstverlag H. Härtle, München 1970 [enthält die letzten Aufzeichnungen Rosenbergs aus dem Nürnberger Gefängnis 1946]

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