"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)
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Mittwoch, 29. April 2020

Die Spanische Grippe im Jahr 1918 - Rettung oder Fluch für Deutschland?

Hoffnungen und Sorgen wegen der Spanischen Grippe im Sommer und Herbst 1918
Einen Livestream zu diesem Blogbeitrag gibt es --> hier.

Aus einem neuen Aufsatz in "Bild der Wissenschaft" geht zum großen Erstaunen sicherlich manches Lesers hervor, daß im Oktober 1918 völlig die gleichen Diskussionen in Deutschland, in Österreich und in der ganzen westlichen Welt geführt wurden wie sie heute wieder geführt werden (1). Man möchte doch nach dem Lesen dieses kurzen Aufsatzes sagen, daß es vielleicht auch einmal ganz erholsam ist zu erfahren, daß wir heute mit der Corona-Krise des Jahres 2020 gar nicht in einer so "historisch einmaligen Situation" leben wie es vielen anmutet, sondern daß wir gerade - fast - einen "Normalfall der Weltgeschichte" erleben. "Meine Güte," so möchte man aus diesem Blickwinkel ja fast sagen, "habt Euch mal nicht so, so etwas hat es bisher in jedem Jahrhundert gegeben. Das ist nichts gar so Ungewöhnliches." Der genannte Aufsatz gibt aber auch Anregung, einmal danach zu fragen, wie Erich Ludendorff als damaliger Leiter der deutschen Gesamtkriegsführung die Spanische Grippe im Jahr 1918 erlebt hat und wie er damit umgegangen ist. Dazu ist zu erfahren (2, S. 8):

Die  Oberste Heeresleitung (OHL) (Ludendorff) befragte am 30. Juni (1918) die für die letzte Offensive vorgesehenen drei deutschen Armeen, ob sie es wegen der Grippeepidemie für notwendig hielten, die Operationen um einige Tage hinter den ursprünglich für den 10. Juli anberaumten Angriffstermin zu verschieben. Zwei der drei befragten Großverbände plädierten dafür, trotz Grippe möglichst früh anzutreten. Lediglich die 7. Armee bat zunächst um einen dreitägigen Aufschub wegen der unter ihren Soldaten grassierenden Seuche. Sie revidierte diese Ansicht jedoch zwei Tage später, verlangte aber  nun  eine  Verschiebung wegen Transportproblemen, sodaß die Offensive gegen die französischen Stellungen letztlich nicht am 10.,  sondern am 15. Juli losbrach.
Abb. 1: Deutsche Soldaten, in der Schlacht von Amiens an der Westfront, August 1918, offenbar unmittelbar am Beginn eines Gegenangriffs (T-Online)

Damit hatte Erich Ludendorff also Grund genug - als er kurz vor diesem entscheidenden letzten Durchbruchs-Angriff bei Reims im Juli 1918 stand - nichts von der Grippewelle wissen zu wollen, die damals in Europa und Amerika begonnen hatte (FAZ 2009):

"Grippe kenne ich nicht!" Mit diesen Worten widersetzte sich Erich Ludendorff im Juli 1918 dem Drängen seiner Berater, die Operation "Hagen" in Anbetracht der dramatisch angestiegenen Zahl von Erkrankungen zu verschieben. Schließlich hoffte der Kopf der Dritten Obersten Heeresleitung, die Mittelmächte durch die Eroberung des strategisch wichtigen Eisenbahnknotenpunktes Reims dem "Endsieg" näherzubringen. Bekanntlich wehrten die Streitkräfte der Entente die letzte deutsche Offensive des Krieges nicht nur ab, sondern gingen - obgleich selber stark grippegeschwächt - zum Gegenangriff über.

Schlachtentscheidend war bei dieser letzten deutschen Offensive des Ersten Weltkrieges die Grippewelle selbst nicht gewesen. Schlachtentscheidend war vielmehr der Umstand, daß dem Feind - erstmals - der geheimgehaltene Angriffstermin bekannt geworden war und er deshalb die vorderste Linie rechtzeitig vor der deutschen Artillerie in Sicherheit hatte bringen können, so daß die Deutschen sich dann an der gut formierten und durch die deutsche Feuerwalze wenig beeinträchtigten zweiten Hauptkampflinie festrennen mußten (3). Dennoch wird an diesem Ausspruch erkennbar, daß in Zeiten, in denen es über Monate hinweg "Spitz auf Knopf" stand für die Deutschen dahingehend, ob sie den erhofften strategischen Durchbruch in Frankreich noch rechtzeitig schaffen würden oder nicht, diese Grippewelle einen auch psychologischen Faktor darstellte, jedenfalls einen Faktor, mit dem sich die Militärs beider Seiten immer wieder beschäftigen mußten und den sie in Rechnung stellen mußten. Am 18. Juli und 8. August 1918 kam es dann zu schweren Gegenangriffen der Alliierten an der Westfront, bei denen tiefe Einbrüche in die deutsche Front gelangen. Es wird berichtet (4, S. 112):

Den  Ausbruch  der Spanischen Grippe in seinen Armeen im Frühjahr und Sommer streift er (Ludendorff) in seinen Memoiren nur mit einigen Worten. Allerdings lastete er das Versagen der deutschen Truppen beim Durchbruch der  Alliierten  vom  18.  Juli und  vom  8.  August  zum  Teil  auch  der  Grippe  an:  Neben  den Überraschungseffekt des Angriffs am 18. Juli trat „die Schwächung der Divisionen infolge Grippe und einförmiger Nahrung“. Über die Niederlage am 8. August, von ihm als „schwarzer Tag des deutschen Heeres“ bezeichnet, sagte er später: „Die [41. Infanterie–]Division hatte Grippe gehabt, es fehlten ihr Kartoffeln. Die Stimmung, die die Leute aus der Heimat mitbrachten, war auch nicht gut.  Die  Transporte  kamen  heraus  in  einer  Form,  die  der  Zucht  und  Ordnung  nicht  mehr entsprach“. Er gab der Grippe  also  einen  kleineren Teil der Schuld an dem Versagen der deutschen Truppen im Sommer. Über die 2. Welle im Herbst schreibt er in seinen Memoiren dagegen kein Wort mehr. (...) Insgesamt stellt man aber auch bei Ludendorff fest, daß er der Grippepandemie keine große Bedeutung auf das Geschick seiner Truppen zumaß. Viel wichtigere Gründe waren für ihn - neben feindlicher Propaganda und zu leichten Strafen - das Wirken des Bolschewismus und der USPD, aber auch liberaler Politiker in der „Heimat“, dadurch „moralisch verdorbene“ Ersatztruppen, „Drückeberger“.
Auf Wikipedia heißt es dementsprechend über die Spanische Grippe (Wiki):
Die Grippewelle war zwar nicht kriegsentscheidend, schwächte aber die in vielerlei Hinsicht schwer angeschlagenen deutschen Truppen weiter und kann als ein Beschleuniger der Niederlage angesehen werden. Die Deutsche Frühjahrsoffensive 1918 lief sich fest und die letzte deutsche Offensive brachte nach einem Gegenangriff am 18. Juli 1918 die endgültige Kriegswende zugunsten der Alliierten. Ernst Jünger schrieb in den Stahlgewittern zur Lage an der deutschen Front im Juli 1918: "Gerade die jungen Leute starben über Nacht weg." Der deutsche General Erich Ludendorff, de facto Chef der Obersten Heeresleitung, führte in seinen Kriegserinnerungen für den 13. Juni 1918 an, daß - neben der schlechten Versorgungslage - die Grippeausfälle in der Truppe ein ernstes Problem gewesen seien, und schob am 3. Oktober 1918 gegenüber dem kurz darauf selbst an Spanischer Grippe erkrankten Reichskanzler Max von Baden die sich abzeichnende Niederlage unter anderem auf die Versorgungslage, die erdrückende Überlegenheit der Alliierten sowie auf die niedrige Kampfmoral und den schlechten Zustand seiner Truppen. Als eine von mehreren Ursachen für die letzten beiden Punkte benannte er die grassierende Grippewelle. (...) Auch andere Berichte zeigen, daß die Grippewelle das deutsche Heer zwar weniger traf als beispielsweise die amerikanischen Streitkräfte, aufgrund der desolaten Situation der deutschen Armee aber mehr zum Tragen kam. Zwischen 500.000 und 708.000 deutsche Soldaten erkrankten an der Grippe. Es wurde von Historikern angemerkt, daß die Seeblockade Deutschlands und der Sperrriegel der Westfront die Opferzahlen auf deutscher Seite abmilderten.
Nach den Kriegserinnerungen von Erich Ludendorff (5) und dem großen, quasi offiziellen Darstellungen der Geschichte des Ersten Weltkrieges durch das deutsche "Reichsarchiv" wird in einer Düsseldorfer medizingeschichtlichen Dissertation aus dem Jahr 2014 darüber im einzelnen berichtet (4):
In seinen Memoiren schreibt der General Erich Ludendorff über die Zeit Ende April 1918, daß bei den deutschen Truppen die ersten Grippefälle auftraten, die „militärärztlicherseits als leicht angesprochen“ wurden. Laut offiziellen Quellen verstärkte sich der Ausfall an Truppen aber erst Anfang  Juni. So  profitierten  die  Deutschen  bei  der  Blücher-Offensive vom 27.05. bis  04.06. noch von einer durch die Grippe verminderten Gefechtsstärke der 6. französischen Armee, die sich durch die „außerordentlich breiten Divisionsabschnitte der Ailette-Front besonders fühlbar machte.“ Bei der Operation Gneisenau vom 09.06. - 11.06. hatten dann schon die „bisher nur beim  Gegner  aufgetretenen  Massenerkrankungen an Grippe auch auf die deutschen Truppen“ übergegriffen. Die Vorbereitungen zum Angriff mußten bei „strengstem Haushalten mit den eng begrenzten Mitteln“ durchgeführt werden. Für diese Zeit schrieb Ludendorff den Kommentar: „Unsere Armee hatte gelitten. Die Grippe griff überall stark um sich, ganz besonders schwer wurde die Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht betroffen. Es war für mich eine ernste Beschäftigung, jeden Morgen von den Chefs die großen Zahlen von Grippeasufällen zu hören und ihre Klagen über die Schwäche der Truppen, falls der Engländer nun doch angriffe. Er war jedoch noch nicht so weit. Auch die Grippefälle vergingen. Sie ließen oft eine größere Schwäche zurück, als ärztlicherseits angenommen wurde“. Mitte Juni drängte für die deutschen Generäle die Zeit. Die amerikanischen Streitkräfte wurden immer zahlreicher, während die eigenen Truppen in den letzten beiden Schlachten (Blücher- und Gneisenauoffensive vom 27.05.-04.06.  bzw. 09.06.-11.06.) große Verluste hatten hinnehmen müssen. Dazu kam eine steigende Zahl von Grippe-Erkrankungen an der gesamten Westfront. Als die Planung für die Reims/Marneschutz-Offensive im Gange war, befragte das Kommando der Heeresgruppe  Deutscher  Kronprinz  am  30.  Juni  die  drei  Armeen,  die  den  Angriff  durchführen sollten, ob auf Grund der Grippeepidemie ein Aufschub zu empfehlen sei. Bei der Heeresgruppe Deutscher  Kronprinz  litten  zu  dieser  Zeit  fast  alle  Divisionen  mehr  oder  weniger  an  Grippe, „zahlreiche Änderungen in ihrer Verwendung“ seien nötig gewesen, da ihre Kampfkraft wesentlich herabgesetzt  war.  Dennoch  hielt  nur  die  7.  Armee  eine  Verschiebung  eventuell  für  notwendig. Schließlich wurde der Angriffstermin auf den 15. Juli verschoben. Als Grund dafür werden allein logistische Probleme angeführt. Es ist aber gut möglich, daß gerade diese logistischen Probleme grippebedingt  waren. So  schreibt  General  Kronprinz  Rupprecht  von  Bayern  (1869-1955)  in seinem Tagebuch am 11. Juli: „Bei der 6. Armee hat die Grippe wieder zugenommen. 15.000 Mann sind zur Zeit in ärztlicher Behandlung [...]. Auch bei den anderen Armeen ist die Zahl der Erkrankungen eine sehr hohe. Sollte nicht bald eine Besserung eintreten, könnte dies einen Aufschub von „Hagen“ bedingen, was in jeder Hinsicht sehr mißlich wäre, denn je rascher „Hagen“ auf „Reims“ und „Marneschutz“ folgen kann, desto größer sind die Aussichten auf Erfolg.“ Auch bei der Entente blieb diese Tatsache nicht unbemerkt. Als die Grippewelle im deutschen Heer ihren Höhepunkt erreicht, notierte Harvey Cushing, ein amerikanischer Offizier: “The expected third phase of the great German offensive gets put off from day to day. [...] When the offensive will come off no one knows. It probably won't be long postponed. I gather that the epidemic of grippe which hit us rather hard in Flanders also hit the Boche worse, and this may have caused the delay.” Ab 18. Juli erfolgte die alliierte Gegenoffensive, die sich, unterschiedlich erfolgreich, bis zum Ende des Krieges fortsetzte. Zusammenfassend stellt sich die  Auswirkung  der  Grippe  auf  die  einzelnen  Offensiven  der Deutschen folgendermaßen dar: Während der „Großen Schlacht von Frankreich“ vom 21.03. bis 05.04. und Operation „Georgette“ vom 09.04. bis 29.04. befand sich die erste Welle im Militär erst im Beginn, somit stellte sie auf beiden Seiten der Front kein ernsthaftes Hindernis dar. Während der Blücher- (vom 27.05. bis 04.06.) und Gneisenauoffensive (vom 09.06. bis 11.06.) war noch vor allem die französische Armee betroffen. Dagegen traf die Grippe während der „Marneschutz/Reims“-Offensive  bei  Reims  Mitte  Juli  und  bei  dem  kurz  darauf  folgendem Gegenangriff der Franzosen vermehrt die deutschen Truppen. Die verminderten Truppenstärken und die körperliche Schwächung der Soldaten durch die Grippe stellten einen ernsthaften Nachteil gegenüber  dem  Gegner  dar.  Insbesondere  wenn  man  in  Betracht  zieht,  daß die  Häufigkeit der Erkrankungen auf alliierter und auf deutscher Seite teils zeitlich versetzt war, bestätigt sich die Vermutung einer Abschwächung insbesondere der letzten Phase der deutschen Offensive. Die Spanische Grippe war allerdings nur ein weniger wichtiger Faktor, die letztendlich zum Scheitern des Angriffs im Westen führten.
Weiterhin wird berichtet (4, S. 85):
Die Nachrichten über eine angebliche Pestepidemie in der französischen Armee ließ bei manchen, medizinisch nicht bewanderten, Generälen wohl die naive Hoffnung aufkommen, diese würde dem Gegner Schaden zufügen und die eigenen Truppen verschonen:  So schreibt Generalstabsoffizier Mertz von Quirnheim Ende September (1918) in seinem Tagebuch: "Abends ist eine Besprechung bei General Ludendorff. Anwesend sind Bartenwerffer, Heye, Lersner, von Klepsch (k.u.k. Militärbevollmächtigter), Generalarzt Schjerning und ich. Warum Klepsch und Schjerning beigezogen waren, ahnte ich nicht. General Ludendorff teilte uns die Nachricht vom Ausbruch der Lungenpest in Frankreich mit. Da erklärte Schjerning auf Befragen, er glaube nicht an die Richtigkeit dieser Nachricht. Nach seiner Meinung handele es sich vielleicht um Fälle von Flecktyphus in Bordeaux. Kürzlich seien ähnliche Mitteilungen über den Ausbruch der Pest in Mailand eingetroffen. Über die Schweiz habe er dann festgestellt, daß es sich in Norditalien lediglich um eine besonders gefährliche Form von Grippe handele. Auf diese Erklärung Schjernings hin sagte General Ludendorff mit förmlich verfallener Stimme: 'Ich habe mich an diese Nachricht geklammert wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.'"

An diesem Ausspruch Erich Ludendorffs wird erkennbar, wie dramatisch die militärische Lage inzwischen für die Deutschen geworden war. Sie war der Anlaß dafür, daß Erich Ludendorff immer dringender von der politischen Führung des Deutschen Reiches forderte, Waffenstillstandsverhandlungen mit dem Gegner einzuleiten. (Weitere Aufsätze, in denen Erich Ludendorff erwähnt wird: Welt 2020, Welt 2018, Rote Fahne 2020.)

Vielleicht ist ebenfalls noch von Interesse, wie diese Grippewellen von der damaligen Ärztin Dr. med. Mathilde von Kemnitz erlebt worden sind, die fünf Jahre später Erich Ludendorff persönlich kennenlernen und ihn acht Jahre später heiraten sollte. Am 8. November 1918 hatte in München Kurt Eisner von den Unabhängigen Sozialdemokraten den "Freistaat Bayern" ausgerufen und den bayerischen König für abgesetzt erklärt. Mathilde von Kemnitz lebte damals in in Garmisch-Partenkirchen. Sie schreibt in ihren Lebenserinnerungen über den Januar 1919 (7, S. 63):

Die Züge, die mit der Außenwelt verbanden, gingen völlig unregelmäßig oder überhaupt nicht. Die Presse fehlte oder aber brachte nur die erbaulichen Berichte der Revolutionäre. Die Nahrungsmittelnot wurde sehr bald noch weit größer als zuvor im Kriege. Neben all diesem Ungemach erkrankten wir alle, wie ich es einem Briefe an meine Mutter aus dieser Zeit entnehme, zweimal in wenigen Monaten an schwerer Grippe. Ja, diese Grippe! Sie kam zu all dem Elend noch wie eine Pest in das Land. Die durch Unterernährung widerstandsarm gewordenen Menschen erlagen ihr im Heer und in der Heimat schon seit einigen Monaten. In Garmisch hörte seit dem Herbst 1918 das Totenglöckchen nur selten auf zu läuten. Es hatte fast täglich Tote zu melden. Unter meinen Patienten hatte ich auch Todesfälle, die mich schwer trafen. Nichts ist schmerzlicher für den Arzt als der  treuherzig, vertrauensvolle Blick der hoffnungslos Erkrankten und zugleich die völlige Hilflosigkeit gegen die schwersten Grippeformen, die innerhalb zweier Tage einen Gesunden unter den Zeichen der Blutvergiftung töten. Unter diesen Fällen, die mich stark mitnahmen, war besonders der Tod einer jungen Frau, die im letzten Jahrzehnt Ungeheuerliches in ihrer Ehe erlitten hatte, trostlos unglücklich in meine Sprechstunde gekommen war und der zum ersten Male die Hoffnung geweckt werden konnte, aus ihrem Elend frei zu werden. Am Morgen war sie noch gesund in meiner Sprechstunde gewesen und so glücklich und hoffnungsvoll. Zwei Tage später schon strich ich über die Stirn einer Toten, die ich nicht verlassen hatte, und die bis zum letzten Augenblicke flüsterte: "Frau Dr., Sie werden mir ja helfen, nicht wahr?" Ich hielt die Hand der Sterbenden; die Mutter, die Ansteckung fürchtete, hatte ihr dies verweigert. - So rüttelte das Leben die Seele in allseitigem Leid. Man sah in eine schwarze, nur allzu schwarze Gegenwart und Zukunft. Als die schwere Grippe uns selbst zum zweitenmal zu Anfang des Jahres 1919 traf, schrieb ich meiner Mutter, daß es undurchführbar war, meinen ernsten Stirnhöhlenkatarrh in München behandeln zu lassen. Die einzige Verbindung nach dort war ein Postflugzeug, das 600 Mark für den Flug forderte!

Womöglich trugen ja solche fehlenden Reisemöglichkeiten mit dazu bei, daß die Grippewelle dann schließlich doch abebbte. Der Erreger der Spanischen Grippe konnte erst 2005 in Leichen aus dem Permafrost in Alaska von der modernen Forschung entdeckt werden (9).

[Erg. 20.11.2021] Ottilie Reinerth, die alleinerziehende Mutter des nachmaligen deutschen Archäologen Hans Reinerth (1900-1990) (Wiki), schrieb im Frühjahr 1918 aus ihrer Heimat Siebenbürgen an ihren Sohn, der Archäologie studierte (10):

"... Hast Du die Spanische in Tübingen überwunden?  ... Ganz Bistritz hustet und spukt, auch ich -  wie ein alter Knecht. Nachkrankheiten. Die Genesenen sind leichtsinnig - Theater, Kino, Schulen gesperrt."

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  1. Nadja Podbregar: Wie man Seuchen in vergangenen Jahrhunderten begegnete, 28.4.2020, https://www.wissenschaft.de/geschichte-archaeologie/wie-man-seuchen-in-vergangenen-jahrhunderten-begegnete/
  2. Eckard Michels: Die „Spanische Grippe“ 1918/19 - Verlauf, Folgen und Deutungen in Deutschland im Kontext des Ersten Weltkriegs. VfZ 1/2010, https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2010_1_1_michels.pdf
  3. Rösner, Heinrich: Das entscheidende Jahr des Ersten Weltkrieges. In: Die Deutsche Volkshochschule, Folge 89, Januar 1994, S. 12-19
  4. Frieder Nikolaus Christian Bauer: Die Spanische Grippe in der deutschen Armee 1918: Verlauf und Reaktionen. Dissertation Zur Erlangung des Grades eines Doktors der Medizin der Medizinischen Fakultät der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf 2014 (Aus dem Institut für Geschichte der Medizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Direktor: Univ.-Prof. Dr. med. Dr. phil. Alfons Labisch, M.A. (Soz.) ML) https://docserv.uni-duesseldorf.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-38595/DissertationFBauerPDFA.pdf
  5. Erich Ludendorff: Meine Kriegserinnerungen 1914-1918, Berlin 1919, S. 496, 514, 540
  6. Gallus, Alexander: Rauchen als Medizin - Laura Spinney forscht der Spanischen Grippe nach, die heute fast vergessen ist - obwohl sie mehr Opfer forderte als der Erste Weltkrieg. Eine Rezension. 6. Juni 2018, Die Zeit Nr. 24/2018, 7. Juni 2018, https://www.zeit.de/2018/24/spanische-grippe-laura-spinney-forschung-erster-weltkrieg-opfer
  7. Ludendorff, Mathilde: Erkenntnis, Erlösung. Statt Heiligenschein oder Hexenzeichen - Mein Leben, Band 3, Verlag Hohe Warte, Pähl 1952 (GB
  8. Bading, Ingo: Erich Ludendorff und die Spanische Grippe im Jahr 1918, 29.4.2020, https://youtu.be/fvlFCQEYJ7Q
  9. Angelika Franz: Pandemie vor 100 Jahren - Spanische Grippe: Im Grab einer Toten bargen Forscher den Erreger, 29.03.2020, https://www.t-online.de/nachrichten/wissen/geschichte/id_87544904/spanische-grippe-virus-erreger-im-grab-eines-toten-geborgen.html
  10. Gunter Schöbel: Weichenstellerinnen - ein Blick hinter die Kulissen   der Fachdisziplin Vorgeschichte zwischen 1918 - 1939, Prähistorische Zeitschrift 8.10.2021, https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/pz-2021-2008/html; auch: 11/2021, https://www.pfahlbauten.de/wp-content/uploads/2021/11/Weichenstellerinnen_lay_01.pdf

Sonntag, 29. April 2018

Erich Ludendorff - In zentralen Punkten rehabilitiert durch die etablierte Geschichtsschreibung?

Erich Ludendorff und der totale Krieg - Gibt es Neubewertungen?
Ein Vortrag des britischen Historikers Alexander Watson an der britischen Offiziers-Akademie vor drei Jahren

Ich hatte schon in einem meiner neueren Videovorträge kurz darauf hingewiesen, daß es gegenüber bislang tabuisierten Themen wie "Rasse" oder "Erich Ludendorff", sprich gegenüber dem bisher tabuisierten völkischen Gedanken und seiner vornehmlichen Vertreter eine neue Argumentationsstrategie zu geben scheint. Der Humangenetiker David Reich behandelt das Thema "Rasse" neuerdings genauso wie der britische Historiker Alexander Watson (geb. 1979) (Wiki) schon im Mai 2015 die geschichtliche Bedeutung Erich Ludendorff behandelt hat. Nämlich einerseits wird rhetorisch und in Adjektiven so wie bisher auf dem völkischen Gedanken als das Schlimmste und Schrecklichste hingewiesen, während zugleich in der Sache derselbe in wesentlichen Punkten rehabilitiert wird.

Hier soll auf Alexander Watson hingewiesen werden. Dieser hat vor Offizieren der britischen Streitkräfte im Rahmen der "Joint Services Command and Staff College (JSCSC)" (Wiki) einen Vortrag gehalten, der eine völlige Neubewertung der geschichtlichen Bedeutung Erich Ludendorffs (1864-1937) (Wiki) enthält (1). Diese Neubewertung geht - im positiven Sinne - weit über das hinaus, was in der etablierten deutschen Historikerschaft gegenüber Erich Ludendorff seit 1945 an Sichtweisen hervorgebracht worden war. Er tat dies im Rahmen der dortigen "Forschungsgruppe Erster Weltkrieg". Dieser Vortrag ist - zumindest nach Datumangabe - schon seit 2015 auf Youtube zugänglich (1).

Alexander Watson sagt in diesem gut halbstündigen Vortrag einleitend (im folgenden alles eigene Transkription und Übersetzung) (1):

Erich Ludendorff ist keiner, der von den Historiker besonders liebevoll behandelt wird. Man erinnert sich nicht gern an ihn. Schon viele Zeitgenossen mochten ihn nicht, besonders in Österreich, wo man sich an ihn als an den "abscheulichen Preußen" erinnerte. (...) Er war Soldat, er war Militarist, er verkörperte die mörderischen Werte und Tugenden, die Nachteile und Probleme der preußischen militärischen Elite im frühen Zwanzigsten Jahrhundert. Und in mancher Hinsicht in übertriebener Weise. ... Und im weiteren Verlauf seines Lebens wurde er nicht nur ein Nationalist, ein Antisemit, ein Rassist, er war die meiste Zeit seines Lebens auch Sozialdarwinist, ein Mann, der glaubte, daß Krieg, Kampf zwischen Nationen unvermeidlich war. Er sah den Ersten Weltkrieg nicht als einen Krieg an wie wir ihn erinnern, nämlich einen "Krieg, um alle Kriege zu beenden", sondern mehr als einen Krieg, dessen Ergebnis in weitere Kriege münden würde, um Deutschland in eine Position zu bringen, so günstig wie nur immer möglich für alles, was die Zukunft bringen würde.

Natürlich sind diese Zeilen noch durchwirkt von hanebüchenen Fehlurteilen. Aber lassen wir sie erst einmal so im Raume stehen. Sie sind ja nichts Ungewöhnliches. Viel eher "alltäglich".

Man kann aber auch hinzufügen, daß hier deutlich wird, daß Watson sich mit Erich Ludendorff als Kritiker von Hintergrundpolitik, als Kritiker von überstaatlichen Mächten noch nicht besonders beschäftigt zu haben scheint, auch nicht mit den Motiven, die hinter dieser Hintergrundpolitikkritik stehen. Aber schon aus Buchtiteln Erich Ludendorffs wie "Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren" (1928) oder "Weltkrieg droht auf Deutschem Boden" (1930) sollte doch deutlich werden, daß Erich Ludendorff gerade nicht wollte, daß menschliche Geschichte sich als eine Geschichte ununterbrochener Kriegshetze und ununterbrochenen Völkermordens vollzog. Schon seine Wehrvorlage aus dem Jahr 1912 hat Erich Ludendorff doch immer charakterisiert von ihm gedacht als ein Mittel zur Kriegsvermeidung. Aber wer wollte solche "unwesentlichen Details" gar so wichtig nehmen .... Es ist "nur" Ludendorff, der "Schlimme", der "Schrecklichste" der Schrecklichen.

Abb. 1: Der britische Historiker Alexander Watson, 2015

Watson sitzt hier also allzu klar noch Sichtweisen über "Militarismus" auf, die propagandistische Elemente enthalten. Denn sonderbarer Weise werden ja die westlichen Demokratien, die nicht erst seit 1945 die Welt mit einem Meer von Krieg überzogen haben, nicht als "militaristisch" gekennzeichnet. Solche Dinge sind zu lächerlich, um ihnen überhaupt noch weiter Beachtung zu schenken. Man wird einfach nur die Hoffnung aussprechen dürfen, daß irgendwann auch einmal diesbezüglich die Realität unter Fach- und Militärhistorikern - wie jenen rund um Alexander Watson - ankommen wird. Das neu erschienene Buch von Niall Ferguson "The Square and the Tower - Networks and Power, from the Freemasons to Facebook" läßt ja auch diesbezüglich manche Hoffnungen aufkeimen. Doch zurück zu Alexander Watson. Dieser ist in seinen weiteren Ausführungen 2015 schon so viel mehr in der historischen Realität angekommen, daß es sich wirklich lohnt, sie zur Kenntnis zu nehmen. Und deshalb macht es Sinn und ist es wertvoll, fast seinen gesamten Vortrag weitgehend vollständig zu übersetzen. Er sagt nämlich weiter:

Es ist viel über Erich Ludendorff geschrieben worden. Aber interessanterweise fokussiert man dabei meistens auf Ludendorff als einen politischen Soldaten, man schaut auf sein politisches Handeln, seine Kriegsziele, seine expansiven Kriegsziele während des Krieges und was er in Deutschland innenpolitisch tat, mehr als auf alles andere. Die beiden wichtigsten Bücher über Ludendorff, Martin Kitchen's "The Silent Dictatorship" (1976) und Manfred Nebelin's "Diktator im Ersten Weltkrieg" (2010) behandeln Ludendorff als einen politisch Handelnden, als einen Herrscher - wie die Titel sagen - als einen Diktator oder als den Leiter einer Diktatur. Und dies ist ein Umstand, dem gegenüber meiner Meinung nach wirklich eine Neubewertung ansteht.
Ludendorff ist - natürlich - ein Soldat. Und um Ludendorf zu verstehen, muß man seine militärische Identität in den Vordergrund stellen. ... 1913 Kriegsakademie ...  Militärische Probleme, militärische Prioritäten sind es, mit denen er vornehmlich beschäftigt ist. Ich möchte im folgenden darauf hinaus, daß diese militärischen Probleme und Prioritäten im Zentrum dessen standen, was er tat, um zu erklären, was er in Deutschland während des Ersten Weltkrieges tat. Im August 1916 stieg er zur Leitung des deutschen Heeres auf, direkt unter Paul von Hindenburg. Er hatte den Titel Generalquartiermeister. Und er war de facto der Leiter der deutschen Armee vom August 1916 bis zu Ende Oktober 1918. Darüber hinaus war die sogenannte dritte Oberste Heeresleitung politisch und diplomatisch sehr aktiv. 1916 griff Ludendorff in die Innenpolitik ein, um die moralischen Grundlagen der deutschen Kriegsanstrengungen zu verbessern - ich werde später noch genauer erläutern, was ich damit meine. Er griff in die Wirtschaft ein, legte das Hindenburg-Programm auf, ein massives Programm, um Deutschland in Sachen Bewaffnung und Rüstung wieder auf gleich zu bringen mit den Alliierten an der Westfront, mit der Material-Ausstattung, auf die die Alliierten in Frankreich und Flandern zurück greifen konnten. Und er griff ebenso kraftvoll in die Diplomatie ein, indem er die Kriegsziele formulierte, für die Deutschland tatsächlich kämpfte. Eine Reihe von Arbeiten, die sich anschauen, was Ludendorff militärisch tat, verwerfen ihn im allgemeinen.

Im weiteren bezieht sich Watson auf die US-amerikanische Professorin für Deutsche Geschichte Isabel Victoria Hull (geb. 1949) (Wiki, engl). Sie sieht - laut dem englischen Wikipedia - Deutschland immer noch als hauptverantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und sie wird dafür kritisiert, daß sie die Folgen der britischen Hungerblockade gegenüber Deutschland verharmlosen würde, die 400.000 zivile Todesfälle in Deutschland zur Folge hatte. Vermutlich bezieht sich Watson im folgenden vor allem auf ihr diesbezügliches Buch "Absolute Destruction - Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany" (2005) (Amazon). Watson:

Isabel Hull hat argumentiert, daß seine (Ludendorffs) Mentalität ihn dazu verleitete, auf Taktik zu fokussieren, zurückzuführen auf seine Ausbildung als ein preußischer Offizier, und was typisch sei unter preußischen Offizieren, und was letztlich Deutschland in die Katastrophe geführt hätte, das Fehlen seines Willens, die Komplexität moderner Politik zu verstehen, sich realistisch mit der Wahrscheinlichkeit eines Verhandlungsfriedens zu befassen. Sie argumentiert, daß die Mentalität innerhalb des preußischen Offizierskorps fokussiert sei auf die Schaffung und die Perfektion von Gewalt. Ich werde argumentieren, daß es Probleme mit dieser Argumentation gibt. Denn Ludendorff war mit Diplomatie befaßt und mit Innenpolitik. Ich glaube, daß wir ihn umfassender zu verstehen haben als das hier geschieht. Ebenso militärisch. Denn Ludendorff hat sich niemals wieder von seiner Niederlage im Jahr 1918 erholt, verwirrt darüber, daß der Angriff im Frühjahr 1918, der den Krieg beenden sollte, nicht gelang, was dann zur Niederlage Deutschlands an der Westfront führte.

Niederlage wird man in diesem Zusammenhang als zu starkes Wort charakterisieren können. "Im Felde unbesiegt," lautete ja damals die Parole in weiten Teilen des deutschen Volkes. Und auch Ludendorff selbst sah sich an der Westfront nicht per se als "besiegt" an. Er sah die Völker Englands und Frankreichs als ebenso kriegsmüde und erschöpft an wie das deutsche und meinte, daß durch hinhaltenden Widerstand noch ein hinlänglich angemessenerer Ausgleichs-Friede hätte geschlossen werden können als er dann tatsächlich geschlossen worden ist. Und deshalb war er ja vom Kaiser entlassen worden Ende Oktober 1918. Watson weiter (1):

Holger Herwig meint in seinem Buch "Erster Weltkrieg", daß Ludendorff niemals über das intellektuelle Niveau eines Regimentskommandeurs hinausgekommen sei, der Infanterietruppen befehligt. Er glaubt, daß es ihm ihm darum gegangen sei, die feindlichen Linien irgendwo zu durchbrechen, die alliierten Armeen zu zerschlagen und sie dann zur Übergabe zu zwingen. Ich möchte darauf hinaus aufzuzeigen, daß hier ein massives Unterschätzen vorliegt. Natürlich ist es sehr schwierig, Ludendorff zu verteidigen. Denn er war eine außerordentlich unangenehme Person. Wer also sagen will, daß man ihn neu bewerten und ernster nehmen muß, ist wirklich in einer ziemlich peinlichen Lage. Aber wenn man ihn erstens nicht von seiner militärischen Seite her betrachtet und wenn man zweitens nicht die Herausforderungen berücksichtigt, mit denen man es bei dieser neuen Art von Kriegführung damals während des Ersten Weltkrieges zu tun hatte, mit diesem "totalen Krieg", dem er gegenüber stand, wenn man nicht von diesen Dingen ausgeht, wird man sein Handeln unmöglich verstehen können. Wenn man diese Sichtweise aber einnimmt, wird er zu einem viel interessanteren, innovativeren militärischen Denker als ihm das bislang zugesprochen worden ist. 
Nun, das sind doch ungewöhnliche Worte, so möchte man meinen. Watson will in seinem halbstündigen Vortrag dann kurz auf folgende Themen Schlaglichter werfen: Wie entwickelten sich Ludendorffs Kriegsziele? Wo kommen sie her? Worum ging es Ludendorff innenpolitisch? Und was tat er verteidigungsmäßig 1918? Waton (1):
Er war ein "active combat soldier", ein Frontsoldat (also gemeint: kein bloßer Stabsoffizier), der als solcher an der Ostfront geformt worden ist. Die Ostfront ist zu wenig erforscht, was den Ersten Weltkrieg betrifft. Aber es ist zugleich die interessanteste Front des Ersten Weltkrieges. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen gab es viel mehr Bewegung, es geschah viel mehr. Der Krieg war dort - viel mehr als an der Westfront - so, wie das preußische Militär erwartet hatte, daß ein Krieg aussehen würde. Der zweite Punkt ist, daß die Zivilbevölkerung der heutigen baltischen Staaten, Polens und der Ukraine viel mehr in den Krieg mit einbezogen war. In diesem Sinne war der Krieg seit 1914 viel mehr ein totaler Krieg.
Hier ist der Begriff totaler Krieg nicht im Sinne benutzt wie ihn Erich Ludendorff verstand. Denn gehungert haben die Menschen in Deutschland, nicht in den besetzten Gebieten. Aber auch das wieder nur am Rande. Watson weiter (1):
Es gab eine Verwaltung, es gab große Flüchtlingsbewegungen und es gab ebenso eine ausnutzende Besatzung, in einem viel größeren Umfang als im Westen zwischen 1914 und 1918. Das, was die Menschen wissen über Erich Ludendorff, ist natürlich der Sieg, den er mit Paul von Hindenburg erfochten hat bei Tannenberg, die Zerschlagung russischer Armeen, die in Ostpreußen eingedrungen waren, der nordöstlichsten Provinz von Deutschland Ende August 1914. (...) Um zu verstehen, wo Ludendorff herkommt und was er wollte angesichts der militärischen Situation des Krieges, um seine Politik und Kriegsziele zu verstehen, muß man auf dieses Eindringen (der russischen Truppen) auf eine andere Weise schauen, nicht auf seinen Erfolg Ende August 1914, sondern auf die acht Monate, in denen Deutschland unter fortdauernder Gefahr stand, von Seiten der russischen Kräfte. Es gab nicht einfach nur ein Eindringen in Deutschland, das in Tannenberg endete. Tatsächlich gab es drei russische Einmärsche in Deutschland. Zuerst im August und September 1914, dann der zweite nach Tannenberg, als die Russen im November 1914 zurück kamen, was zu einer kurzen Besetzung von Teilen Deutschlands bis Februar 1915 führte und schließlich ein kurzes Eindringen im März 1915. Deshalb war während dieses ganzen ersten Teiles des Krieges die vornehmlichste Erfahrung des deutschen Volkes und insbesondere Ludendorffs, der an dieser Front kämpfte, das fortdauernde Gefühl der Gefahr, das von diesen russischen Armeen ausging.
Auch dies ungewöhnliche Worte. Dabei sind diese Ausführungen so einfach und so klar wie ein Kindergesicht, so simpel und so schlicht, wie Wahrheit immer nur sein kann. Man muß ihnen nichts hinzusetzen. Und man kann immer nur sagen: Was für eine Schande, was für eine riesen große Schande für die gesamte Zeitgeschichtsforschung, daß so simple Dinge erst im Jahr 2015 - und ausgerechnet von einem britischen Historiker - gesagt werden müssen, daß man bislang kaum bereit war, diese Dinge wahrzunehmen und zu bewerten. Es sei weiter Watson gefolgt (1):
Das wirkte sich auf Ludendorffs, bzw. auf die deutschen Kriegsziele in zweierlei Weise aus: Zunächst verstärkte es das Gefühl, das schon vor dem Krieg vorhanden war von einer tiefen, tiefen Verunsicherung. Bei den ersten Kriegszielen, die bezüglich des Ostens formuliert worden sind, handelte es sich um den sogenannten polnischen Grenzstreifen, ein Streifen, der einfach östlich von Polen (? - gemeint ist sicher: von Deutschland) entlang lief, dazu erdacht, Deutschlands Grenzen zu verbessern, so daß es viel mehr Schwierigkeiten geben würde für ein erneuertes Rußland, ein weiteres mal in Deutschland einzumarschieren.

So simpel und schlicht kann manchmal Wissenschaft sein, sogar Geschichtswissenschaft. Einfach und klar wie ein Kindergesicht. Einfach das feststellen, was während des Ersten Weltkrieges jeder Schuljunge und jedes Schulmädchen in wußte Deutschland. Und was auch jedes Schulmädchen und jeder Schuljunge in England oder Frankreich hätte wissen können - wenn denn eben dort nicht eine unglaublich verlogene Hetzpresse die Deutschen mit Haß und Verleumdung überschüttete in einer Art, daß diese Verhetzung bis heute nachwirkt, sowohl in Deutschland wie in weiten Teilen der Welt. Die Wahrheit führt dieses Kriterium mit sich, daß sie einfach ist, daß sie schlicht ist, daß sie geradezu unschuldig ist. Auf solche Kriterien jedenfalls stoßen wir hier.

Im "stählernen Ring" der Einkreisung, des Zwei-Frontenkrieges und der britischen Seeblockade

Watson in der gleichen Weise weiter (1):

Große Kriegsziele von der Art, die Hitler nach 1941 hatte, vielmehr auch schon vor 1941, Ideen großer Annexionen waren tatsächlich nicht Teil von Ludendorffs Plänen oder Wünschen in der ersten Phase des Krieges. Aus dem Frühjahr 1915 haben wir von ihm geschriebene Briefe, in denen er sich beklagte über die übertriebenen Forderungen, die die "Annektionisten" in der Heimat aufstellten, und in denen er sich selbst nur für untergeordnete Grenzkorrekturen aussprach. In anderen Worten: Was er wollte, waren einfach besser zu verteidigende Grenzen entlang von Flußlinien. Zu dieser Zeit sind seine Gedanken über Krieg recht altmodisch. Wofür er sich interessierte, das waren Feldzüge zu Lande, Verteidigungsfähigkeit des Landes. Im Oktober 1915, sechs Monate später, hat sich das geändert und er beginnt, über viel größere Annektionen nachzudenken, insbesondere hinsichtlich von Litauen und das heutige Lettland, das damals Kurland genannt wurde, im wesentlichen die heutigen baltischen Staaten. Und es gibt zwei Gründe für diese Änderung. Und ich glaube, daß 1915 entscheidend ist für Ludendorff darin, die totale Natur der modernen Kriegsführung zu verstehen.

Eine Nebenbemerkung sei schon hier gestattet: Was bei allen Ausführungen von Watson auffällt, ist, daß der Begriff totaler Krieg gar nicht mehr als ein abscheulicher Begriff verwendet wird im (geschichts-)wissenschaftlichen Diskurs, sondern im wesentlichen als ein Begriff, der einfach vorhandene Sachverhalte beschreibt. Er wird also so verwendet und verstanden wie ihn Erich Ludendorff auch immer verwendet und verstanden hat. Nämlich nicht als eine Forderung, Krieg solle so oder so sein, sondern aus der Beschreibung des Sachverhalts, daß moderne Kriege so oder so sind, nämlich so, daß sie als totale beschrieben werden können, und daß aus dem Erkennen dieses Sachverhalts dann Schlußfolgerungen zu ziehen sind. Das falsche Verständnis ging von der Goebbels-Rede aus, in der er so bombastisch fragte "Wollt ihr den totalen Krieg?" zu einer Zeit, als der Krieg schon lange total geworden war und als es gar keine Frage mehr war, ob man es so haben wolle oder nicht. Zumal diese Frage in Zeiten von Konzentrationslager und Todesstrafe sowieso nur eine rein rhetorische war, eine moralisch also unglaublich flache. Aber das wiederum nur nebenbei.

Daß nun diese neuartige Verwendung des Begriffs totaler Krieg durch Alexander Watson aus einer breiteren, länderübergreifenden Denkbewegung unter politischen und strategischen Planern im Hintergrund ganz allgemein hervor gegangen ist, bzw. von solchen Ermutigung erfahren haben könnte, dafür werden weiter unten noch Anzeichen geben. Auf diesen Umstand sei aber schon an dieser Stelle hingewiesen. Watson weiter (1):

Zunächst, das ist einfach opportunistisch, im Sommer 1915 haben die Deutschen und Österreich-Ungarn die Russen bei Gorlitz und Tarnow geschlagen und haben die Russen aus dem vertrieben, was damals als Russisch-Polen galt. Es gab also einen riesigen Vormarsch Richtung Osten. Und deshalb war die Versuchung, das Land, das man besetzt hatte zu annektieren, nahe liegend. Zum zweiten aber zeigen Ludendorffs Briefe ernste Sorgen über das, was in der Heimat vor sich ging, insbesondere rund um die Nahrungsmittelversorgung. Deutschland hat als Folge der militärischen Maßnahmen und der Umnutzung des Transportsystems unter Nahrungsmittelknappheit gelitten seit August 1914. Das brachte Probleme der Nahrungsmittelversorgung der Städte mit sich infolge der massiven Mobilisation von Truppen, die die Eisenbahnwaggons nutzten.
Und im Verlauf des Herbst 1914 und 1915 wurde die britische Seeblockade zu einem wesentlichen Faktor. Die Briten stoppten die Lieferung von Kriegsmaterial nach Deutschland. Aber im November 1914 erklärten sie sogar die gesamte Nordsee zum Kriegsgebiet. Und sie stoppten auch andere Lieferungen, insbesondere Nahrungsmittellieferungen nach Deutschland. Und das führte zu schrecklicher Not während des Krieges. Es gibt viel Streit um die Zahlen. Aber wahrscheinlich starben in Deutschland fast eine halbe Million Menschen an Unterversorgung - zu großen Teilen aufgrund der Seeblockade. Es gab noch andere Gründe, aber die Seeblockade ist dafür sehr wichtig. Und Ludendorffs Briefe während des Frühjahrs und Sommers 1915 sind schlicht und einfach mit der Situation der Nahrungsmittelversorgung an der Heimatfront beschäftigt. Er schreibt an den Verantwortlichen der Heimatarmee, daß seine Männer Kartoffeln anbauen, um sie mit nach Deutschland zu bringen. Und der Grund, weshalb er zu dem Schluß kommt, daß Litauen und Kurland annektiert werden sollten, ist, daß sie eine Möglichkeit der landwirtschaftlichen Versorgung für Deutschland bieten. Es sollten dies landwirtschaftliche Provinzen werden, die Deutschland autark machen würden gegenüber der Seeblockade.

Er erhielt die Möglichkeit, mit wirtschaftlicher Kriegsführung zu experimentieren in diesem (auf der Karte gezeigten) dunkleren Gebiet, genannt Oberost. Das war der Name für das deutsche Oberkommando im Osten und Ludendorff war der Chef des Stabes. Und er beherrschte im wesentlichen dieses Gebiet, im dem sich heute die baltischen Staaten befinden, als seinen eigenen persönlichen militärischen Machtbereich. [16'10] Und während seiner Amtszeit gibt es eine große Ausnutzung von Ressourcen. Die grundlegende Regel, nach der das Militär, bzw. Ludendorff dieses Gebiet regierten, sagt 1916, daß das Interesse Deutschlands und der deutschen Armee nur untergeordnete Bedeutung ... (?) /unklar/. Es gibt da einige Entwicklung, Aufbau von Infrastruktur, denn die Armee benötigte Infrastruktur an der Ostfront. Deshalb wurden Straßen, Bahnen, Brücken über das gesamte Gebiet hinweg gebaut. Aber viel mehr wurde aus dem Land heraus geholt. Güter etwa im Wert von 77 Millionen Mark wurden in die Provinz investiert, in das besetzte Gebiet und Güter im Wert von etwa 338 Million Mark wurden der Provinz entnommen während der Kriegszeit.
Pferde, Rinder, Schweine und vor allem auch Holz. Litauen und Lettland haben große Wälder. Aber es ist nicht nur Oberost, das zu den deutschen Kriegsanstrengungen beiträgt. Und das ist ein entscheidender Punkt und eine Änderung in Ludendorffs Verständnis darüber, worum es in diesem Krieg geht. Ausgehend von seinem eingeschränkten Verständnis von Feldzügen und Grenzen, die verteidigt werden können, hin zur Erkenntnis: Das ist ein Wirtschaftskrieg, der sowohl das Militär wie auch die Bevölkerung in der Heimat betrifft. Und deshalb sind Ressourcen, materielle Ressourcen entscheidend. ... Die deutsche Kriegswirtschaft geht durch den Konflikt durch das Plündern dieser besetzten Gebiete. Die deutsche Armee besetzte Gebiete, in denen insgesamt 20 Millionen Menschen lebten, also etwa ein Drittel der Bevölkerung von Deutschland in jener Zeit. Und diese Ressourcen in Polen, Belgien, Nordfrankreich und in den heutigen baltischen Staaten erfahren massive wirtschaftliche Ausbeutung.
Und das ist es, was bei Ludendorff eine Änderung bewirkt. Sein Erkennen, daß es bei Sicherheit nicht allein um Grenzen geht, die man verteidigen kann, sondern daß es tatsächlich darum geht, materielle Ressourcen und insbesondere landwirtschaftliche Ressourcen zu bekommen und zu behaupten. Darauf wurde er gestoßen durch die britische Blockade und die wachsende ... in der Heimat. Daher kommen seine Forderungen nach Annektionen. Und das zieht sich hin bis 1917 und erreicht seinen Höhepunkt im Frieden von Brest-Litowsk im März 1918, der Frieden, durch den Rußland für immer aus dem Krieg ausscheidet. Noch einige Zitate von Ludendorff aus dem September 1917: "Ich bin der Meinung, daß es zu wünschen wäre, daß wir einen Frieden bekommen, bevor der Winter einsetzt, solange er uns ... eine wirtschaftliche und militärische Position gibt, die es uns erlaubt, einem weiteren Verteidigungskrieg ohne Furcht entgegen zu sehen." Typisch und bemerkenswert in diesem Zitat ist zunächst, daß Ludendorff auf diesem Verteidigungskrieg besteht. Und das ist zurückzuführen auf diese Erfahrung des Vormarsches der Russen in Ostpreußen, in Deutschland im Jahr 1914.
Ich will auch noch sagen, warum das so traumatisch ist. Es gab Greueltaten gegen die Deutschen, 1.500 deutsche Zivilpersonen sind durch die russische Armee ermordet worden, 13.000 sind gewaltsam nach Rußland deportiert worden, von denen etwa ein Drittel während des Krieges in der Internierung ums Leben kamen. 900.000 Gebäude sind absichtlich zerstört worden durch die russische Armee als Racheakte, Bestrafungen oder während des Kampfes. Und der Einmarsch brachte eine massive Flüchtlingskrise mit sich. 800.000 Flüchtlinge waren in Ostpreußen unterwegs oder sogar weiter nach Westen ins Herz Deutschlands im August 1914. Und während des zweiten Einmarsches im November 1914 waren es noch einmal 350.000, die hoffnungslos in anderen Teilen Deutschlands Zuflucht suchten. Es waren dies große Krisen, die die Deutschen und Ludendorff sehr beeinflußten. Und Ludendorff war ja im Herbst 1914 direkt involviert in die Bemühungen, insbesondere Männer von der Ostgrenze hinweg zu evakuieren in sicherere Regionen Deutschlands. Das ist also die eine Angelegenheit: der Verteidigungskrieg. Wir müssen nicht seiner Meinung sein, aber es ist wichtig zu wissen, wie er es sah.
Und zum zweiten betont er eine wirtschaftliche und militärische Position. Grenzen, die verteidigt werden können, sind nicht mehr genug. Und das wird durch ein weiteres Zitat illustriert, er sagt weiter unten: "Getreide und Kartoffeln sind Macht - genauso wie Kohle und Eisen." Und das ist ebenso eine Folge der Wirtschaftsblockade.
Über alle diese Ausführungen hinweg gilt wieder und wieder, das ist alles so wahr und so einfach, daß es sich schlichtweg immer nur um "Erkenntnisse" handelt, die damals jedes Schulkind in Deutschland hatte, ja, an seinem eigenen Bauch spürte. Nur eine zutiefst verhetzte und ideologisch verdrehte Zeitgeschichtsforschung braucht Zeit bis 2015 und länger, um solche allzu simplen Erkenntnisse ebenfalls zu gewinnen. Watson über Ludendorff (1):
Daher sehen wir bei ihm, daß seine Forderungen nach Annektionen wachsen.
Watson vertritt die These (1):
Ludendorffs Interventionen in der Innenpolitik und hinsichtlich der Kriegsziele, sowie seine militärische Strategie können abgeleitet werden von seinem innovativen Engagement hinsichtlich des Themas "totaler Krieg".

Es sei an dieser Stelle zunächst einmal abgebrochen mit der Übersetzung des Video-Vortrages von Watson aus dem Jahr 2015. Diese Übersetzung ist (zumindest für den Autor dieser Zeilen) sehr Zeit-intensiv. Es wäre sehr erfreulich, wenn sich jemand aus der Leserschaft fände, der uns den Rest auch noch übersetzt.

Abb. 2: A. Watson - Ring of Steel, 2014

Natürlich macht dieser Vortrag neugierig auf das Buch von Alexander Watson, das - auch - diesem Vortrag zugrunde liegt. Es erschien 2014 unter dem Titel "Ring of Steel - Germany and Austria-Hungary at War, 1914-1918" und hat 800 Seiten. Schaut man in dieses Buch hinein, wird einem klar, daß der hier behandelte Video im Grunde schon in komprimierter Form den Inhalt dieses Buches selbst enthält. Das Buch dient in ausgesprochenem Maße den deutschen Interessen und es ist dringend erforderlich, daß es - endlich - ins Deutsche übersetzt wird. Im Grunde enthält es über weite Strecken nur genau jenes Wissen, das damals - wie schon mehrmals gesagt - jedes deutsche Schulkind hatte. Da man dieses Wissen aber an anderen Orten und in derart "seriöser" Form nicht findet, ist dieses Buch ungeheuer bedeutsam. Alexander Watson ist richtiggehend ein "Deutschland-Versteher" in diesem Buch.

Sein Titel ist ins Deutsche etwa zu übersetzen mit "Die Stählerne Einkreisung - Deutschland und Österreich-Ungarn im Krieg 1914 bis 1918". Er soll vermutlich auch erinnern an das damalige Sprichwort in Deutschland "Gold gab ich für Eisen", als die opferwilligen Deutschen ihren Goldschmuck, ja, ihre goldenen Eheringe hingaben und dafür Eisenringe erhielten, die sie mit Stolz trugen - damit Deutschland diesen unglaublich schweren Krieg um seine schiere Existenz durchhält.

Bundesverteidigungsministerium fordert Resilienz-Aufbau in der deutschen Bevölkerung 2017

Oben wurde schon danach gefragt, wo die Umbewertung des Begriffes "totaler Krieg" herstammen könnte. Das "linkskritische" Internetportal "German Foreign Policy - Informationen zur deutschen Außenpolitik" (von einem Horst Teubert [Wiki]) hat im Juni 2017 folgendes berichtet:

Berlin (Eigener Bericht - german-foreign-policy)
Die aktuelle deutsche Diskussion über die Widerstandsfähigkeit ("Resilienz") der einheimischen Bevölkerung gegen Angriffe feindlicher Kombattanten geht auf Überlegungen aus dem Ersten Weltkrieg und der NS-Zeit zurück. General Erich Ludendorff, der 1916 in die Oberste Heeresleitung der kaiserlichen Armee berufen wurde, äußerte 1935, die "seelische Geschlossenheit des deutschen Volkes" sei die Voraussetzung für den Sieg im kommenden "totalen Krieg". Laut Ludendorff geht es darum, Bevölkerung, Militärführung und Politik zu einer "gewaltigen Einheit" zu "verschweißen", die sich als "Schicksalsgemeinschaft" versteht und ihre gesamte Energie in den Dienst der Kriegsführung stellt. Um dies zu gewährleisten, forderte der General unter anderem die Einführung einer "allgemeinen Dienstpflicht" für Männer und Frauen sowie die Lancierung entsprechender Propagandakampagnen - "schon im Frieden".
Initiativen der amtierenden Bundesregierung weisen Parallelen dazu auf. In der "Konzeption Zivile Verteidigung" des deutschen Innenministeriums etwa ist die Rede von einer Verfassungsänderung, durch die Frauen zu Tätigkeiten in "verteidigungswichtigen Bereichen" gezwungen werden können. Mittels eines "gesellschaftlichen Diskurses" soll die Bevölkerung außerdem dazu gebracht werden, "Risiken zu tragen" und Schadensereignisse zu "erdulden". ....

Soweit die Einleitung zu einem Volltext, der gegen eine Gebühr von 7 Euro lesbar wäre. Aber die Stoßrichtung ist schon in diesen einleitenden Worten erkennbar. Tatsächlich fällt der Begriff "Resilienz" auf den 143 Seiten des diesbezüglichen frei zugänglichen "Weißbuches zur Sicherheitspolitik" des Jahres 2016 aus dem Bundesministerium für Verteidigung, das sich mit Vorworten von Angela Merkel und Ursula von der Leyen, schmückt, gleich 27 mal (8). Da heißt es zum Beispiel (8, S. 56):

Staat, Wirtschaft und Gesellschaft müssen ihre Widerstands- und Resilienzfähigkeit erhöhen, um Deutschlands Handlungsfreiheit zu erhalten und sich robust gegen Gefährdungen zur Wehr zu setzen.
Oder (8, S. 59):
Sicherheitsvorsorge ist nicht nur eine staatliche, sondern wird immer mehr zu einer gemeinsamen Aufgabe von Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.
Es wird auch eine Definition des Begriffes Resilienz gegeben (8, S. 49):
Neben einem wirkungsvollen Beitrag zur Abschreckung strebt Resilienz auch den Ausbau der Widerstands- und Adaptionsfähigkeit von Staat und Gesellschaft gegenüber Störungen, etwa durch Umweltkatastrophen, schwerwiegende Systemfehler und gezielte Angriffe, an. Ziel ist es, Schadensereignisse absorbieren zu können, ohne daß die Funktionsfähigkeit von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig beeinträchtigt wird. Der Ausbau der Gesamtresilienz ist dabei das Produkt der fortschreitenden Resilienzbildung in den genannten Bereichen.
Was heißt denn hier "schwerwiegende Systemfehler"? Muß man bei einem solchen Begriff nicht an die satanistische, geheimgesellschaftlich organisierte Pädokriminalität denken, die laut der ARD-Fernsehdokumentation "Operation Zucker - Jagdgesellschaft" des Jahres 2016 die bundesdeutsche Führungsschicht so sehr durchzieht, daß eine wirksame Bekämpfung derselben nicht statt hat, ebenso wie dies von der elitären Pädokriminalität unter Margaret Thatcher vor wenigen Jahren bekannt geworden ist? Was sonst sollen "schwerwiegende Systemfehler" sein? Es wird auch der Begriff "Resilienzaufbau" erläutert (8, S. 60):
Die materielle Infrastruktur von Staat und Wirtschaft ist ebenso Angriffsziel wie die öffentliche Meinung, die vielfach Versuche externer Einflußnahme ausgesetzt ist. Nachhaltige Resilienzbildung in unserem offenen und demokratischen System ist daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Worauf das Weißbuch mit diesen Ausführungen nun eigentlich konkret hinaus will oder was die Hintergedanken bei diesen Ausführungen sind, müßte noch einmal gesondert überprüft werden (Krieg oder Cyber-Krieg mit Rußland). Jedenfalls werden hier Konzepte vom "totalen Krieg" und von seelischer Widerstandsfähigkeit neu überdacht, die insbesondere von Erich Ludendorff spätestens 1935 in die Debatte gebracht worden waren.

Erich Ludendorff forderte 1935 "Machet des Volkes Seele stark!"

Der britische Historiker Alexander Watson ist bislang in der deutschsprachigen Öffentlichkeit noch so gut wie gar nicht wahrgenommen worden, und zwar weder in der etablierten, noch in der alternativen Öffentlichkeit. Aber auf Youtube findet man inzwischen nicht nur den oben zitierten bemerkenswerten Vortrag von ihm aus dem Jahr 2015 (1), sondern auch ein ganz aktuelles Interview vom 18. März 2018 (4).

Oh, bevor ich zum Veröffentlichen des vorliegenden Aufsatzes komme, ist es schon wieder aus Youtube verschwunden - schade. Ich hatte vor einigen Wochen dazu notiert: Watson wird gefragt, worin sich die Kriegserfahrung der Bevölkerung der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn unterschied gegenüber der Kriegserfahrung der Bevölkerung Englands. Und Watson antwortete (4):

Ich glaube, der Hauptunterschied war vor allem eine viel stärkere Erfahrung des Gefühls von Bedrohung, eine viel, viel größere Erfahrung des Gefühls von Bedrohung. Denn man hat das Russische Reich an seiner östlichen Grenze, das gilt sowohl für das Deutsche Reich wie Österreich-Ungarn, das an Russisch-Polen und an die Ukraine grenzte. Und natürlich drangen in Deutschland im Jahr 1914 ebenfalls feindliche Truppen ein, ebenso in Österreich-Ungarn. Aus diesem Grund gab es ein viel stärkeres Gefühl für die große Hauptgefahr des Eindringens feindlicher Truppen, das man zur gleichen Zeit in Großbritannien gar nicht hat. Das ist das eine. Der andere große Unterschied sind die Entbehrungen, die Not des Krieges. Großbritannien führt Rationierung (von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern) nicht vor dem Februar 1918 ein. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland und Österreich-Ungarn Rationierung schon seit vollen drei Jahren. Und die Menschen befanden sich in einem Gefühl der Verzweiflung hinsichtlich ihrer Ernährung. Dieses Leiden - ebenso wie das Eindringen feindlicher Truppen - gehört nicht zur britischen Erfahrung während des Ersten Weltkrieges.

Wie bei allen Feststellungen von Watson sind auch diese fast allzu simpel. Bei allen solchen Feststellungen fragt man sich immer: Warum wurde das nicht schon viel, viel früher so simpel und einfach gesehen und gesagt? Nun, dann wäre ja plötzlich klar, daß es sich beim Ersten Weltkrieg für die Deutschen gar nicht um einen "Griff nach der Weltmacht" handelte (Wiki), sondern um einen Verteidigungskrieg auf Leben und Tod, so wie es die zeitgenössischen Deutschen alle sahen.

In Betreff der Kriegsschuld meint Watson, daß Österreich-Ungarn am meisten Schuld tragen würde, Rußland am zweit meisten und erst an dritte Stelle stünde Deutschland. Nun, womöglich wird man diese "Schuldspielchen" auch als einigermaßen "old-fashioned" empfinden dürfen, wenn man einfach feststellt, daß es international agierende Eliten waren, die den Nationalismus benutzten, um die am Krieg völlig unschuldigen Völker in diesen Krieg hinein zu hetzen und zu ziehen.

Watson mag aber insofern recht haben, als die österreichisch-ungarische Regierung - insbesondere angefeuert und ermutigt durch den Vatikan - eine herausforderndere Haltung einnahm als sie es angesichts der Brisanz des damaligen Pulverfasses Europas hätte tun dürfen. Er hat insofern überhaupt nicht recht, als es das völlig legitime Recht Österreich-Ungarns war zu fordern, daß aus dem Mord an seinem Thronfolger die entsprechenden Konsequenzen in Serbien gezogen werden. Er hat hinwiederum insofern recht, als Rußland der serbischen Regierung viel zu viel Rückhalt gegeben hat. Und er mag auch insofern recht haben, als die starre, bedingungslose "Nibelungentreue" des deutschen Reichskanzlers Bethmann-Hollwegs gegenüber Österreich-Ungarn ebenfalls - so wie die russische Haltung - auf elitäre, sprich freimaurerische, jesuitische und östlich-esoterische - Hintergrundpolitik zurück geführt werden mag als daß sie im Interesse der Völker Europas und des deutschen Volkes lag.

Ein wenig auffallend lächerlich ist, daß Watson England und Frankreich als so viel weniger schuldig am Krieg erklärt als die anderen genannten Nationen. Das zeigt, wie lächerlich all solche "Schuld-Portionierungen" nach Nationen hinsichtlich des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges sind.

Immerhin gibt er auch er nicht mehr Deutschland die "Allein-" oder "Hauptkriegsschuld", was man ja doch schon einmal als einen wichtigeren Fortschritt wird bezeichnen dürfen. Es liegt das also so ungefähr auf der differenzierteren Linie seines Fachkollegen, des australischen Historikers Christopher Clark (geb. 1960) (Wiki).

Der Historiker Christopher Clark

Dabei repräsentiert Christopher Clark weiterhin eine Geschichtsschreibung, die den bekannten, geschichtegestaltenden Lobbygruppen und Hintergrundmächten keine besondere Rolle in der Geschichtegestaltung zuschreibt. Schon deshalb wird sich die britische Königin beeilt haben, ihn zum Ritter zu schlagen. In Zeiten, wo noch ganz andere Veröffentlichungen als die von Christopher Clark Aufmerksamkeit erhalten.

Um so weniger die Deutschen als jenes Volk im politischen und kulturellen Geschehen unserer Zeit wahrnehmbar und spürbar werden, als das sie tausend Jahre lang spürbar und wahrnehmbar waren, nämlich als ein Volk kämpferischer kultureller, religiöser, politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Selbstbehauptung, Selbständigkeit und Freiheit, um so "normaler" und "entspannter" wird in Teilen der Geschichteswissenschaft die Sichtweise auf die deutsche Geschichte. Damit wird erkennbar, daß mit Geschichte und Geschichtswissenschaft seit hundert Jahren "Politik" gegen das Deutsche Volk und seine Selbstbehauptung betrieben wurde und betrieben wird ("Geschichtspolitik"). Diese Politik kann aber immer dann sofort abgebaut werden und in dem Maße, in dem das deutsche Volk sich nicht mehr für seine eigene Selbstbehauptung, Selbständigkeit und Freiheit interessiert.

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  1. Watson, Alexander: Erich Ludendorff in "Total War", 1914-1918 - A Reassessment. Speaking to the First World War Research Group at the Joint Services Command and Staff College, Shrivenham, 19 May 2015, https://youtu.be/iFe9orAVMXw
  2. Watson, Alexander: Enduring the Great War. Combat, Morale and Collapse in the German and British Armies, 1914–1918 (= Cambridge Military History Series). Cambridge University Press, Cambridge 2008
  3. Watson, Alexander: Ring of Steel. Germany and Austria-Hungary at War, 1914-1918. Penguin Books, London 2014 (Amazon)
  4. Watson, Alexander: The German view on the First World War. History Extra Podcast, 18.1.2018, https://www.youtube.com/watch?v=IqzWbtvKpAs (leider inzwischen wieder aus dem Internet genommen worden!)
  5. Kellerhoff, Sven Felix: Streiks deutscher Truppen erzwangen 1918 das Ende. In: Die Welt, 24. März 2014, http://la-loupe.over-blog.net/2014/03/streiks-deutscher-truppen-erzwangen-1918-das-ende.html
  6. Scianna, Bastian Matteo: Tagungsbericht: German Atrocities 1914 - Revisited, 27.10.2017 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 24.11.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7409>.
  7. Kellerhoff, Sven Felix: Gab es „Franktireure“ in Belgien 1914? In: Die Welt, 19.12.2017, https://www.welt.de/geschichte/article171725774/Historikerstreit-Die-Belgier-nicht-ein-Haar-besser-als-die-Kosaken.html
  8. https://m.bundesregierung.de/Content/Infomaterial/BMVg/Weissbuch_zur_Sicherheitspolitik_2016.pdf;jsessionid=798FB8BBB148AC7DB51AA14BD0395E2F.s4t1?__blob=publicationFile&v=2 
  9. https://giskoesgedanken.wordpress.com/2017/06/29/ludendorff-und-die-gegenwart/ 
  10. https://archive.org/details/Ludendorff-Erich-Der-totale-Krieg, https://archive.org/details/LudendorffErichDerTotaleKrieg1935130S.ScanFraktur 
  11. Teubert, Horst: Bürgerbeteiligung (II). Auf: German Foreign Policy (Aachen), 29.6.2017. Auf: http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/59628, auch: http://www.pflaster-info-agentur.de/index.php?p=news&area=1&newsid=48392
  12. Watson, Peter: Der deutsche Genius. Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis ... 
  13. Clark, Christopher: Iron Kingdom. The Rise and Downfall of Prussia 1600-1947. Allen Lane, London u. a. 2006 (Deutsch: "Preußen - Aufstieg und Niedergang" 2007)
  14. Clark, Christopher: The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914. Allen Lane, London u. a. 2012 (Deutsch: "Die Schlafwandler" 2013)
  15. Bading, Ingo: Eine "Verleumdungsschrift" gegen Erich Ludendorff "von noch nie da gewesener Wildheit"? Neuerscheinungen zu Erich Ludendorff. Studium generale, 23. März 2017, http://studiengruppe.blogspot.de/2014/01/neuerscheinung-uber-erich-ludendorff.html

Mittwoch, 8. November 2017

Erich Ludendorff im Jahr 1919

Für jedes einzelne Jahr von 1914 bis 1918 ist hier auf dem Blog schon eine chronologische - und möglichst vollständige - Zusammenstellung von Fotografien von Erich Ludendorff (1865-1937) (Wiki) gegeben worden. Diese Reihe findet mit dem vorliegenden Beitrag ihre Fortsetzung für das Jahr 1919. Nach und nach sollen dabei auch Inhalte aus dem Leben Erich Ludendorffs im Jahr 1919 eingearbeitet werden. Es soll dabei nicht im Vordergrund stehen, wie bedeutungsvoll diese Lebensinhalte jeweils waren. Es steht vielmehr das Kriterium der Vollständigkeit im Vordergrund.

Ludendorff auf Gut Hässleholmsgården in Schweden (27. November 1918 bis 23. Februar 1919)

Seit dem 27. November 1918 weilte Erich Ludendorff auf dem Gut Hässleholmsgården (Wiki) im mittleren Schweden, hundert Kilometer nördlich von Malmö (und damit von Kopenhagen) (s. G-Maps).

Abb. 1: Margarethe und Erich Ludendorff, Weihnachten 1918 in Schweden (aus: 16, S. 361)

Er wohnte dort - offenbar auf Vermittlung der finnischen Regierung und auf ihre Kosten - unter falschem Namen. Die finnische Botschaft in Berlin hatte zuvor bei dem Besitzer des Gutes, dem Dressurreiter und Rittmeister der schwedischen Armee, Ragnar Olson (1880-1955) (Wiki, engl), kurzfristig angefragt, ob die Unterbringung eines hochrangigen deutschen Generals bei ihm möglich sei.

Abb. 2: Ludendorff und das Ehepaar Olson auf Gut Hässleholmsgården

Ludendorff schrieb dort - in großer Zurückgezogenheit - seine Kriegserinnerungen. Olson selbst hatte zuvor viele Jahre in Berlin gelebt. Er hatte das Gut erst 1917 erworben.

Zehn Jahre später, 1928, würde er als Turnierreiter an den Olympischen Sommerspielen in Amsterdam teilnehmen und dort Bronze im Dressurreiten und Silber im Dressur-Mannschaftswettbewerb gewinnen. 1930 würde das Gut Hässleholmsgården erneut seinen Besitzer wechseln (Wiki). Auf dem schwedischen Wikipedia steht, Olson habe sich in Schweden einen schlechten Ruf erworben ("beryktad"), weil er Ludendorff als Gast beherbergt hätte (Wiki).

Ein Revolver im Dorfmuseum Bjärnum in Schweden

Ein Revolver im Museum des Dorfes Bjärnum, 15 Kilometer nördlich von Gut Hässleholmsgården, gab dem schwedischen Blogger Jan Elundius Anlaß, sich ausführlicher mit dem Aufenthalt Ludendorffs in Schweden zu beschäftigen, vor allem auch anhand schwedischsprachiger zeitgenössischer Quellen und Literatur. Denn der vormaliger Besitzer des Revolvers war Kommunist und sehnte 1918 auch für Schweden die kommunistische Revolution herbei. Als bekannt geworden war, daß Ludendorff in Schweden weilte, hat es unter Sozialisten und Kommunisten in Schweden viel Unmut über diesen Umstand gegeben. Es wurde öffentlich mit Gewalt gegenüber Ludendorff und seinem Gastgeber gedroht. In einer ausführlicheren Darstellung dazu wird über Olson berichtet (17):

... Er spannte sein Pferd Maharaja vor seinen eleganten Einspänner und fuhr zum Bahnhof Hässleholm. Er wollte im Hafen von Malmö einen unbekannten Gast in Empfang nehmen. Ragnar Olson, geboren in 1880 Krstianstad, war ein bekannter Dressurreiter, der mehrere deutsche Meisterschaften gewonnen hatte. Bis 1917 hatte er zusammen mit seiner Frau Mia, geborene Kockum, die aus einer wohlhabenden Schiffs-Besitzer-Familie stammte, in Berlin gelebt. Am Ende des Jahres kaufte Olson Hässleholmsgården, ein Gut kurz vor der erst vor wenigen Jahren begründeten Stadt. Der konservativ eingestellte Rittmeister hatte sich nicht länger sicher in Berlin gefühlt, er nahm an, daß der Krieg bald verloren gehen würde. Er fürchtete, daß die Sozialisten eine blutige Revolution planten.
Am 21. November 1919 hatte Olson ein Telegram der finnischen Botschaft in Berlin erhalten, das mit wenigen Worten fragte: "Können Sie sehr kurzfristig einen hochrangigen deutschen Offizier auf ihrem Gut als Gast empfangen?" Natürlich würde die finnische Botschaft alle Kosten für den Aufenthalt des Gastes übernehmen. ... Die aufgeregte Mia fürchtete schon, der unbekannte Gast könnte der Kaiser selbst sein.  ....
Ragnar Ohlson yoked his horse Maharaja to his elegant dogcart and drove down to Hässleholm´s railway station. In Malmö harbour he was going to receive an unknown guest. Ragnar Ohlsson, born in Kristianstad in 1880, was a well-known dressage rider who had won several German championships. Until 1917, he had together with his wife Mia née Kockum, born from a wealthy shipyard owning family, lived in Berlin. Later the same year Ohlson bought Hässleholmsgården, an estate just outside the recently founded town. The conservative lieutenant had no longer felt safe in Berlin, assuming that the war soon would be lost and fearing that the socialists planned a bloody revolution.
On the 21st November 1919 Ohlson received a telegram from the Finnish Embassy in Berlin, which briefly asked: "Can you with short notice receive a high-ranked German officer as guest at your estate?  Of course, the Finnish Embassy would cover all costs for the guest's stay. Without a doubt, Ragnar Ohlson responded that he would be most pleased to serve, but when he enquired who the guest might be, the Embassy responded that his identity was far too confidential to be communicated over telephone, or telegraph. The upset Mia Ohlson wondered frightfully if it the unknown gust could not be the Kaiser himself. The Swedish press had revealed that Wilhelm II had left Germany on the tenth of November and probably was in the Netherlands. Since the Finnish Embassy in Berlin was so reluctant to convey who the high-ranking guest could be it was quite possible that it could be the deposed and fleeing German emperor. Ragnar Ohlsson shook his head in disbelief, but he was uncertain. In the afternoon of November 27th, 1918, Lieutenant Ohlsson did in Malmö harbour welcome his mysterious guest whom he, in spite of the dark blue glasses and a shaved-away moustache, immediately recognized. The German guest had provided the Swedish authorities with a Finnish diplomatic passport, which declared:  The Finnish delegation in Berlin requests all concerned parties to allow the Finnish citizen and member of the Finnish Foreign Affairs Council, Ernst Lindström, to unrestrictedly obtain free passage and in case of need be provided with protection and assistance. However, it was not an alleged Ernst Lindström who arrived on Swedish soil. It was no less person than General Erich Ludendorff, who until a month ago in reality had been supreme commander of the German army, as well as sovereign dictator of the German Empire, dominating both the Kaiser and the actual Commander-in-Chief, Hindenburg. 

Am 27. November 1918 kam Ludendorff - von Kopenhagen aus - im Hafen von Malmö an. Er wurde von Olson dann von dort per Zug und Einspänner nach Hässleholmsgården begleitet. 

Abb. 3: Ludendorff auf Gut Hässleholmsgården

Und weiter (17):

... Er begann einen Tag nach seiner Ankuft mit dem Schreiben seiner Kriegserinnerungen, deren Umfang zum Schluß 827 Seiten ausmachten ohne alle Notizen aber mit einem großen Atlas vor sich auf dem Schreibtisch im Kinderzimmer der sechsjährigen Marit ...
... his 827 sided Meine Kreigserinnerung 1914-1918, which he began writing the day after his arrival at Hässleholmsgården by the desk in the room of Ohlson's six-year-old Marit, without any help of notes, but with a large atlas in front of him. The Ohlson couple asked their guest work if he did not want to work undisturbed by their little daughter, but uncle Lindström, who was known to be fond of children, answered that a man like him, who was used to work with a war waging around him,   liked to have a loveable little girl playing in the room. According to him, sensing the vicinity of a child had a calming effect on his nerves.

Und (17):

... Ludendorff stand um 9 Uhr auf, machte einen einstündigen Spaziergang in der winterlichen Landschaft, meistens allein, manchmal in Begleitung von Rittmeister Olson. Dann setzte er sich an den Schreibtisch und schrieb, während das Mittagessen und Abendessen zu ihm auf das Zimmer gebracht wurden. Um sieben Uhr abends kam der General dann nach unten in den Salon, wo er am Kamin dem aufmerksam zuhörenden Ehepaar Olson aus dem vorlas, was er während des Tages nieder geschrieben hatte.
At Hässleholmsgården, Ludendorff rose at nine o'clock, ventured on an invigorating one-hour stroll through the wintry landscape, usually alone, but sometimes in the company  of Lieutenant Ohlson. Then he sat down by the desk in Marit's room and wrote intensively, while lunch and dinner were brought up to him. At seven o'clock the general came down to the parlour where he by the fire place, to the attentively listening Ohlson spouses, read aloud what he had written during the day.

Am 23. Januar fragte Ludendorff bei Sven Hedin an, ob er zu einem Besuch nach Hässleholmsgården kommen könne. Hedin kam zwei Tage später und Ludendorff las ihm aus den Kriegserinnerungen vor. Hedin riet ihm, nicht zu offene Worte zu schreiben darüber, daß Hindenburg an den militärischen Leistungen der Kriegsführung keinerlei Anteil hatte (17):

Am frühen Morgen des 23. Februar war es sehr kalt, der Boden war so trocken, daß Rittmeister Olsen entschied, Ludendorff mit dem Einspänner zum Bahnhof nach Sösdala zu bringen.
Early in the morning of February 23rd it was very cold, but the ground was dry so Lieutenant Ohlson decided to bring Ludendorff with the dogcart down to the train station in Sösdala.

Das lag zwanzig Kilometer südlich von Hässleholmsgården und bot größere Gewähr dafür, daß Ludendorff nicht noch auf dem Bahnhof von unmutigen Kommunisten bedroht werden könnte. 

Ludendorff kehrte in das von der Revolution erschütterte Deutschland zurück. Einige Fotografien von seinem Aufenthalt in Schweden sind überliefert (Abb. 1 bis 3). Zu den weiteren Wohn- und Lebensorten Ludendorffs in diesem Jahr sind schon andere Artikel hier auf dem Blog erschienen (Stg Nat 2012).

Abb. 5: Das Arbeitszimmer Ludendorffs in der Viktoriastraße in Berlin 1919/20 (aus: Lebenserinner., S. 65)

Nirgendwo in seinen Lebenserinnerungen berichtet Erich Ludendorff, daß er schon in seiner Zeit als Leutnant im Seebataillon 1887 bis 1890 - vermutlich in Kiel - den Verleger der Berliner politisch-satirischen Wochenzeitschrift "Kladderatsch" (Wiki) kennengelernt hatte. 

Es war dies ein Rudolf Hofmann. Und gleich nach seiner Rückkehr aus Schweden im Frühsommer 1919 bewegte er sich eine Zeit lang im Umkreis dieses Verlegers. Vermutlich war ihm dieser Personenkreis nicht bedeutend genug, um ihn in seinen Lebenserinnerungen zu erwähnen. Dieser Personenkreis ist wohl dennoch bezeichnend für das Umfeld, in dem sich Ludendorff in jener Zeit bewegte, in einem Lebensabschnitt, den er mit den Worten "auf nationalen Wegen" kennzeichnete.

Abb. 1: Hindenburg besucht Ludendorff in der Viktoriastraße in Berlin (wohl November 1919)

Im Rückblick auf sein Leben meinte Erich Ludendorff, daß er sich bis zum März 1920 auf traditionell "nationalen Wegen" bewegt habe im Umkreis jenes Patriotismus, den es schon im Kaiserreich gegeben hatte. Hierzu gehörte auch der Mitarbeiterkreis des "Kladderadatsch". 

Februar 1919 - Rückkehr nach Berlin, Interview

Am 23. Februar 1919 war er von Schweden nach Berlin zurück gekehrt (1, S. 46). Zunächst hatte er bei seinem Freund, dem Hauptmann Breuer, gewohnt, dann einige Tage im Hotel Adlon.

Am 27. Februar 1919 gab er einem Vertreter der "Telegraphen-Union" (Wiki), einer Nachrichtenagentur, die zum Hugenberg-Konzern gehörte, ein erstes Interview. Es erschien noch am selben Tag in der Abendausgabe der "Frankfurter Zeitung" auf der Titelseite. In dem Artikel heißt es (13):

Je länger der Krieg dauerte, desto größeren Wert habe er auf die Stimmung im Volke gelegt. Bei der Auffassung des Ernstes unserer Lage und bei der ungeheuren Verantwortung, die auf seinen Schultern lag, habe er den Frieden gewünscht, aber nicht jeden Frieden. Ihm sei kein Fall bekannt, weder im Juni 1917 noch im März 1918, oder sonst irgend wann, wo ein Friedensschluß, auch der eines Verständigungsfriedens, auf der Grundlage des status quo möglich gewesen wäre. Alles sei an dem Vernichtungswillen des Gegners gescheitert. Mit diesem Vernichtungswillen des Feindes habe die Regierung rechnen müssen und er sei für ihn maßgebend gewesen bei allen seinen Entschließungen.
Meinen Widerstand, so fuhr der General fort, gegen diesen Vernichtungswillen gab ich erst auf, als ich sah, daß die Kriegsfähigkeit des deutschen Volkes einen entschiedenen Niedergang erlitten hatte. 

Dies sei ihm durch die Ereignisse des 8. August 1918 klar geworden:

Eine Besserung war bei den Zuständen und dem gebrochenen Kriegswillen in der Heimat, der auch den körperlich Tüchtigen fast für die Front wertlos machte, nicht zu erwarten. Vielmehr war mit einem weiteren Niedergang mit Sicherheit zu rechnen. (...) Darum trat ich Mitte August an die Regierung mit der Erklärung heran, daß wir den Feind durch kriegerische Ereignisse nicht mehr friedenswillig machen könnten. Daraufhin herrschte Einigkeit darüber, daß der Krieg jetzt auf schnellstem Wege zu beenden sei. (...) Ich bezweckte lediglich, daß mit den Verhandlungen überhaupt begonnen wurde. (...) Als es dann klar wurde, daß der Feind uns Bedingungen auferlegte, die uns ihm auf Gnade oder Ungnade ausliefern sollten, hoffte ich allerdings, daß die Volksabstimmung unter dem Druck dieser unglaublichen Zumutungen nun doch noch einen Aufschwung nehmen würde, der die Widerstandskraft des Heeres stärken und den Feind zu einer Milderung seiner Bedingungen zwingen würde. (...)
Zum Schluß der Unterredung erklärte der General: Ich stehe für meine Stellungnahme mit meiner ganzen Person ein und habe nur den Wunsch, den ich auch der Regierung übermitteln werde, einem Gerichtshof gegenübergestellt zu werden, der über meine Taten im Zusammenhang und aktenmäßig urteilen kann.

Der Wiedergabe der Ausführungen Ludendorffs wurde eine Stellungnahme angehängt eines - offenbar - namentlich nicht genannten Autors, der - der Sache nach - in Frage stellt, ob die Aussage Ludendorffs richtig sei, daß ein Status-Quo-Friede nicht möglich gewesen sei. Dazu heißt es in der Stellungnahme:

Vielleicht haben unsere großen Ansprüche im Osten nicht wenig dazu beigetragen, den Vernichtungswillen unserer Gegner nur zu stärken?

Außerdem wird die Kritik vorgetragen, Ludendorff sei unpsychologisch und übereilt vorgegangen bei der Forderung nach einem Waffenstillstandsangebot. 

Restaurant "Hiller", Konsul Salomon Marx

Ludendorff wurde in diesen Tagen im Hotel Adlon auch besucht von dem damaligen Freikorpsführer Oberst Wilhelm Reinhard (1869-1955) (Wiki). Im Zusammenhang mit ihm kommt Ludendorff ein wenig auf jenes oberflächlich-nationale Umfeld zu sprechen, in dem er sich damals bewegte (1, S. 52):

Er (Reinhard) bat mich, doch eines Mittags zu Hiller zu kommen, um dort mit seiner näheren Umgebung zusammen zu sein. Ich staunte über "Hiller". Das war in der Vorkriegszeit eine der teuersten Gaststätten Berlins. Ich ging hin. Prächtige Menschen waren dort versammelt, durchglüht von dem Wunsche, die Ordnung in Berlin und im Reich wiederherzustellen, aber darüber hinaus ohne klares Wollen. Die Aufmachung selbst allerdings behagte mir nicht. Wein spielte eine große Rolle für recht viele.

In der Vorkriegszeit hatte zu den Gästen des Restaurants Hiller, eines kleinen Restaurants "Unter den Linden" 62/63, nahezu der gesamte deutsche Hochadel gezählt (Wiki). Bei diesem Anlaß traf Ludendorff nun auch, wie er berichtet, den Konsul Salomon Marx (1866-1936) (Wiki). Dieser finanzierte damals - interessanterweise - die deutschen Freikorps (1, S. 52):

Was mich besonders erstaunte, war der Umstand, daß ich in diesem Kreise den judenblütigen Konsul Marx antraf, der, wie ich später hörte, das Freikorps Reinhard "finanziert" hat. Konsul Marx hat mich einmal in Pleß besucht, ich habe ihn dann auch später gesehen. Er war eine Persönlichkeit, die, wie mir schien, bestimmte Ziele verfolgte, ohne daß ich sie recht erkannt hatte. Heute ist es mir klar, daß er einer der Juden war, die in sogenannten rechtsgerichteten Kreisen Einfluß zu gewinnen hatten, um diese nach dem Willen des Juden zu leiten. Ging es nicht durch Geheimorden, so ging es durch wirtschaftliches Abhängigmachen der Rechtsbewegung und durch Bildung von "Organisationen", in denen dann die Geheimorden bequem wirken konnten.

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Abb. 2: Hindenburg besucht Ludendorff in der Viktoriastraße in Berlin (wohl November 1919)

Ein ehemaliger Reserveoffizierskamerad aus dem vormaligen Seebataillon, dem beide angehört hatten, Rudolf Hofmann, war Ludendorff gegenüber offensichtlich nicht so frostig eingestellt. Er hatte die Verlagsbuchhandlung seines Vaters schon im Jahr 1881 übernommen gehabt (Wiki). Offenbar tat er aber auch noch danach zeitweise Dienst als Reserveoffizier im Seebataillon und hatte vermutlich in diesem Zusammenhang den Leutnant Ludendorff kennengelernt (2, S. 192). Als Leutnant war Ludendorff dann Ende der 1880er Jahre mehrmals in Hofmanns Grunewald-Villa zu Besuch gewesen, wenn er in Berlin geweilt hatte. Das tat er nicht selten, denn seine Eltern und Geschwister lebten ebenfalls in Berlin.

Ludendorff als Ehrengast im Freundeskreis rund um den Bismarck-freundlichen "Kladderadatsch" (1919)

Bei diesen Besuchen hatte Ludendorff flüchtig auch den im Haus von Hofmann lebenden Schriftleiter der Zeitschrift "Deutsche Rundschau" (Wiki) kennengelernt: Paul Lindenberg (1859-1943) (Wiki) (2, S. 192). Über dessen Erinnerungen sind nun die im folgenden zu nennenden Zusammenhänge überliefert (siehe auch Anhang ganz unten). Der "Kladderadatsch" war damals längst eine Institution im politischen und kulturellen Leben Berlins. Mit seinen recht anschaulichen, treffenden Karikaturen war er im Laufe der Jahre zu einem Bismarck-treuen Wochenblatt geworden, zu einem Wochenblatt, durch das Bismarck oft überhaupt erst für viele Menschen bekannt und volkstümlich geworden ist (siehe z.B. Bildersuche). - Die berühmteste Bismarck-Karikatur allerdings, nämlich "Der Lotse geht von Bord" (Wiki), ist allerdings nicht im "Kladderadatsch" erschienen, sondern am 29. März 1890 im britischen Magazin "Punch". Ansonsten wird die Bedeutung dieser Karikaturen auch anhand des Umstandes deutlich, daß in den derzeitigen Wikipedia-Artikel zu Bismarck mehrere dieser Karikaturen aus dem "Kladderadatsch" zur Veranschaulichung eingebunden sind.

Abb. 3: Vormaliger Vizekanzler Karl Helfferich (1872–1924), Hindenburg und Ludendorff (wohl 18. November 1919)

Seine Rolle als "Institution" behielt das Wochenblatt auch noch nach dem Ersten Weltkrieg bei. Zum Stammtisch des "Kladderadatsch" gehörte auch der einstmals von Kaiser Wilhelm II. sehr favorisierte und protegierte Theaterdichter Joseph von Lauff (1855-1933) (Wiki). Bevor dieser Schriftsteller geworden war, hatte er ebenfalls zwanzig Jahre lang als Berufsoffizier in der Armee gedient. 

Es handelte sich bei den Angehörigen dieses Kreises um patriotische, kaisertreue Schriftsteller, Künstler und Verleger im Stil der Vorkriegszeit, die bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges auch alle ihre Anstrengungen in den Dienst der deutschen Kriegsführung gestellt hatten. 

Auch der Verleger Konrad Toeche-Mittler (1869-1954) (Munziger), in Quellen oft kurz nur "Dr. Toeche" genannt, der Inhaber des Verlages E.S. Mittler & Sohn, des bedeutendsten Preußischen Militärverlages, in dem 1919 auch die "Kriegserinnerungen" Erich Ludendorffs erscheinen sollten und mehrere nachfolgende Veröffentlichungen Ludendorffs, gehörte zum Bekanntenkreis von Paul Lindenberg und wird in seinen Erinnerungen erwähnt (2, S.  105).

Abb. 4: Vormaliger Vizekanzler Karl Helfferich (1872–1924), Hindenburg und Ludendorff (wohl 18. November 1919)

Gleich am Anfang des Krieges hatte Lindenberg 1914 als Kriegsberichterstatter an der Schlacht bei Tannenberg teil genommen (2, S. 179-183). Hier hatte er den ihm nur flüchtig von früher her bekannten "Leutnant" Ludendorff nun in ganz anderer Stellung erlebt. (Siehe mehr dazu unten im Anhang dieses Blogbeitrages.) von Lauff war ebenfalls Kriegsberichterstatter geworden. Und so wie auch die Münchner bekannte satirische Zeitschrift "Simplicissimus" mit Olav Gulbransson und Ludwig Thoma (1867-1921) (Wiki) ihre Anstrengungen in den Dienst der Kriegsführung stellte (3), so auch der Berliner "Kladderadatsch".

Und so wie Erich Ludendorff Ende Juli 1921 Ludwig Thoma besuchte zur politischen Aussprache (3), so fand er zwei Jahre zuvor im Umkreis des "Kladderadatsch" in Berlin politische Freunde. 

Seit 1909 war Schriftleiter des "Kladderadatsch" Paul Warncke (1866-1933) (Wiki) gewesen. Dieser hatte in dieser Zeit zahlreiche patriotische Gedichte veröffentlicht, auch auf Hindenburg und Ludendorff.

Abb. 5: Vormaliger Vizekanzler Karl Helfferich, Hindenburg (x), Ludendorff (xx), General von Lüttwitz (November 1919)
(Ort und Anlaß vorerst nicht bekannt, vielleicht am 1.11.1919)

Der Stammtisch des "Kladderadatsch" versammelte sich jedes Jahr zum 1. März, um des Geburtstages Otto von Bismarcks zu gedenken, den viele Mitglieder des Stammtisches - auch Paul Lindenberg - noch persönlich in Friedrichsruh besucht und gesprochen hatten.

Das Lokal des Stammtisches waren die "Trarbach'schen Weinstuben" in Berlin-Charlottenburg. Es könnte ein ähnliches Lokal wie das von Ludendorff schon genannte "Hiller" gewesen sein. Jedenfalls spielte natürlich auch dort - so wie bei Hiller - der Wein eine Rolle - wie der Name schon sagt.

Abb. 6: Hindenburg und Ludendorff, wohl November 1919, vorerst unbekannter Ort und Anlaß (Hindenburg und Ludendorff tragen beide Zylinder, was auf anderen Fotos dieses Jahres nicht der Fall ist)

Viele der Schriftsteller dieses Kreises gehörten einer Generation an, die etwa zehn bis sechs Jahre vor Erich Ludendorff geboren worden ist. In diesem Kreis jedenfalls sah sich Ludendorff mit Wohlwollen und Respekt empfangen.

3. April 1919 -  Ludendorff in Trarbach's Weinstuben

Schriftsteller Lindenberg berichtet nun über den "Kladderadatsch"-Stammtisch (2, S. 119f):

Nach Kriegsende fanden sich an unserem Tisch so manche Mitkämpfer ein, an erster Stelle neben Ludendorff sein unermüdlicher Helfer im Osten und Westen, General der Infanterie von Eisenhart-Rothe. (...) Fregattenkapitän Bogislaw von Selchow erzählte von dem Ringen bei Skagerrak und den heißen Kämpfen in Flandern. Seine Kriegsdichtungen gehörten zu den besten der Zeit. (...) Drei andere Freunde vertauschten den Waffenrock mit dem bürgerlichen Kleid: Joseph von Lauff, der liebe rheinische Poet, Paul Oskar Hoecker (...) und Walter Bloem.

In dem Ludendorff-Kapitel seiner Lebenserinnerungen berichtet Lindenberg dann (2, S. 195):

... Erst nach dem Krieg sah ich in Berlin Ludendorff wieder. Da mögen einige Tagebuchaufzeichnungen folgen: 3. April 1919. Abends am "Kladderadatsch"-Tisch in Trarbachs Weinstuben, General Ludendorff als Gast. Großer Besuch, viele befreundete Schriftsteller, Künstler, Reichstagsabgeordnete, Offiziere. Ludendorff sitzt zwischen Rudolf Hofmann und mir, sein schmales, energisches Gesicht von gesunder Färbung, die schlanke Figur straff, jeder Zoll Soldat. Nach dem kurzen gemeinsamen Essen hält Paul Warncke, der so manch packendes Gedicht im "Kladderadatsch" Hindenburg und Ludendorff gewidmet hatte, eine zündende Ansprache an den gefeierten Gast.

Während der Rede sei Ludendorff sehr nervös gewesen, habe Brotkrümelchen gerollt. Zur Antwort-Rede sei er dann gleich aufgestanden (2, S. 195):

Er erwähnt zunächst, daß er seit dem 26. August vergangenen Jahres zum erstenmal wieder im Kreise nationalgesinnter Männer weile und welche Freude ihm dies bereite, eine Genugtuung für manche Enttäuschung. Sein Tun und Handeln sei von bestimmter Seite oft falsch ausgelegt worden, aber er möchte hier eins hervorheben: Als er zu Beginn des Krieges das Lied singen hörte "Ich hab mich ergeben mit Herz und mit Hand, Dir Land voll Lieb und Leben, mein deutsches Vaterland", da habe ihn dies tief ergriffen und er habe sich im Stillen gelobt, nur dem deutschen Vaterlande zu dienen, dessen Wohl und Gedeihen seine ganze Kraft zu widmen! Das habe er gehalten und er werde es ferner halten, wenn dies das Vaterland wünsche. Sein dreifaches Hoch gälte dem deutschen Vaterland!

Dieses Lied galt noch bis an sein Lebensende unter Ludendorff-Anhängern als "das Lieblingslied des Feldherrn", insofern könnte diese Angabe ein Hinweis darauf sein, daß die Erinnerungen von Paul Lindenberg - bis zum Erweis des Gegenteils - als hinreichend zuverlässig gelten können. 

Abb. 7: Hindenburg und Ludendorff auf dem Weg zum parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Reichstages am 18. November 1919, links wohl Karl Helfferich

Auch an anderen genannten Umständen könnte das erkennbar sein. Etwa daran, daß Ludendorff ihm von einer persönlichen Begegnung mit dem älteren Moltke erzählte. Lindenberg berichtet weiter (2, S. 195f):

Im Laufe des Abends unterhielt ich mich viel mit Ludendorff, der auch von unserem Zusammensein in Kreuznach sprach: "Damals bestand noch die feste Hoffnung auf ein glückliches Ende des großen Kampfes. Wir hatten ja unsere Ansprüche zurück geschraubt, aber ohne Siegespreis wollten wir nicht nach Haus heimkehren. Amerika machte uns einen unerwarteten Strich durch die Rechnung. Wir wären jedoch auch mit ihm fertig geworden, mit unserem unvergleichlichen Heer, wenn die Heimat Stand gehalten hätte - nur wenige Monate noch!" Ich erkundige mich nach seinem Kriegsbuch, das erst Anfang Juli erscheinen würde, ein starker Band von sechshundert Seiten: "Das Werk hat mir viel Arbeit gemacht, ich habe in Schweden von 7 Uhr früh bis 1 Uhr nachts daran gearbeitet." Sprechen von Hindenburg. Ludendorff: "Er ist sehr alt geworden, verstehe kaum, daß er noch aushält, hat die Zeit zum guten Abgang verpaßt. Seine Frau hat großen Einfluß auf ihn."

Hindenburg arbeitete ja damals immer noch in der "Obersten Heeresleitung", die inzwischen in Kolberg ansässig geworden war. Hier äußert sich Ludendorff sehr zurückhaltend. Im Grunde hatte er gar kein Verständnis dafür gehabt, daß Hindenburg blieb als er selbst vom Kaiser entlassen worden ist. Ludendorff habe weiter ausgeführt, so berichtet Lindenberg (2, S. 196):

Dann: "Die heftigen Angriffe gegen mich haben mich zuerst sehr erschüttert, jetzt habe ich mein seelisches Gleichgewicht wieder gefunden. Hoffentlich rafft sich das Bürgertum endlich auf, um sich der bolschewistischen Strömungen zu erwehren. Nach meiner Ansicht hat die schlechte Ernährung viel zur Entnervung weiter Volkskreise beigetragen."

Die öffentlichen Angriffe gegen Ludendorff durch führende damalige Regierungsmitglieder beschäftigen Ludendorff damals sehr. In mehreren Schriften nahm er dazu Stellung.

April 1919 - Bezug einer Wohnung in der Viktoriastraße in Berlin

Im April 1919 zog Ludendorff um in eine Wohnung in der Viktoriastraße in Berlin. Diesem Lebensort ist schon ein eigener Blogartikel gewidmet worden (Stgen2012). In der Wohnung in der Viktoriastraße hat Ludendorff dann viele Besuche empfangen, etwa von den Söhnen des Kaisers Wilhelm II. oder von Prinzen anderer, vormals regierender Häuser in Deutschland (1, S. 54). Aber, so berichtet Ludendorff weiter (1, S. 55):

Sehr viele Bekannte blieben auch aus und mieden mich ängstlich. Hierunter recht viele Offiziere der früheren Obersten Heeresleitung.

Im Generalstabsgebäude, das er damals für eine Unterredung mit dem Oberst von Mertz aufsuchte, sei er "beinahe frostig begrüßt" worden:

In der Tat trennte mich damals schon eine Welt von früheren Kameraden, deren Charakter sich in der Revolutionszeit so wenig bewährt hatte.

Da der genannte Lindenberg ein Buch über Hindenburg schreiben wollte, besuchte er Ludendorff am Vormittag des 29. April 1919 in der Viktoriastraße 26, wo Ludendorff inzwischen - zunächst nur als vorübergehend gedacht - eine Wohnung bei der Schwiegermutter Newman seines ehemaligen Mitarbeiters von Treuenfeld gefunden hatte. 

April bis August 1919 - Erich Ludendorff unter Kriegsschriftstellern

Abb. 8: Paul Lindenberg -
Unter Hindenburgs
siegreichen Fahnen (1918)

Dort unterhielten sie sich zunächst darüber, ob Ludendorff nicht in Berlin-Lichterfelde eine Wohnung finden könne (2, S. 196f):

Ich gebe Ludendorff einige meiner Kriegsschriften und die in großer Auflage erschienene Erzählung "Unter Hindenburgs Fahnen". Ludendorff weist auf den farbigen Umschlag hin, der Hindenburg und ihn hoch zu Roß zeigt: "Das ist historisch unrichtig. Hindenburg ist während des ganzen Feldzuges nie aufs Pferd gestiegen, ich nur sehr selten, wir machten alle Fahrten mit dem Auto."

Der richtige Titel des hier genannten Buches von Paul Lindenberg lautet "Unter Hindenburgs siegreichen Fahnen". Von dem Militärmaler Carl Röchling (1855-1920) (Wiki), der dieses Bild gemalt hat (4), stammen die volkstümlichen Zeichnungen "Der Alte Fritz in 50 Bildern für Jung und Alt" aus dem Jahr 1895, sowie unter anderem sein Gemälde "The Germans to the Front" aus dem Jahr 1900. Das Bild, von dem hier die Rede ist, ist im Internet nicht zu finden. Allerdings wurden Hindenburg und Ludendorff von Kriegsmalern damals häufiger zu Pferde gemalt, zumal am Anfang des Krieges im Zusammenhang mit dem Kriegsgeschehen an der Ostfront (5).

Unter anderem sagte Ludendorff in diesem Gespräch auch über die Folgen der Revolution:

"Alle unsere sittlichen Begriffe sind ins Wanken gekommen, das Rechtsempfinden wird vergewaltigt."

Am 23. August 1919 besuchte Paul Lindenberg Ludendorff erneut. Sie unterhalten sich über den großen Erfolg von Ludendorffs Kriegserinnerungen (2, S. 197f):

Auf eine weitere Frage nach neuen Plänen erwidert er: "Ich habe noch nichts Bestimmtes beschlossen, bin vorläufig hier gut aufgehoben. Wer kann unter den jetzigen Zuständen und Umständen schon Pläne für die Zukunft fassen!"

Für den 29. August 1919 hatte Rudolf Hofmann einen kleinen Freundeskreis zur Pfirsichbowle in den Grunewald, Hagenstraße 9 eingeladen mit der abschließenden Bemerkung "Übrigens kommt Ludendorff!" Lindenberg berichtet (2, S. 198):

Im Freien, nahe dem Wald, war gedeckt, aber ein Gewitter trieb uns ins Haus.

In den Tischreden wurde der Schlacht von Tannenberg vor fünf Jahren gedacht. Ludendorff

erwähnte die ernsten Zeiten und daß er das feste Vertrauen in bessere habe, gab seiner Freude Ausdruck, in diesem von treuem vaterländischem Geist erfüllten Kreise weilen zu können, er sei jetzt durch sein Buch Kollege von uns geworden, er leere sein Glas auf das Wohl dieser Runde nationalgesinnter Männer.

In diesem Kreis mag Erich Ludendorff dann auch Joseph von Lauff begegnet sein. Und dadurch ordnet sich ein Geschenk weitaus besser in seine Biographie ein als uns das bislang verständlich erschienen war, nämlich der Umstand, daß Joseph von Lauff Ludendorff zu Weihnachten 1932 eines seiner Werke schenkte (6).

So wie hinsichtlich des "Simplicissimus" (3) wäre es sicherlich auch einmal interessant zu recherchieren, welche Stellungnahmen es von Seiten des "Kladderadatsch" zu dem weiteren Lebensweg von Erich Ludendorff gegeben hat. (Siehe dazu UB Uni-Heidelberg, bzw. Digi.UB.Uni-Heidelberg.) Vermutlich war der "Kladderadatsch" aber nicht so sehr mit Ludendorff beschäftigt wie der "Simplicissimus", da Ludendorff ja schon 1920 von Berlin nach München umzog. 1922 jedenfalls veröffentlichte er ein "Interview" mit Erich Ludendorff (GB). Unter "Sensationelles von Ludendorff" erschien ein Witzgedicht darüber, daß der Historiker Delbrück unter den Ahnen Ludendorffs eine jüdische Großmutter entdeckt habe (GB). Delbrück hatte ja Ludendorffs Kriegsführung außerordentlich scharf kritisiert.

Im Anhang seien die Passagen in den Lebenserinnerungen von Paul Lindenberg zu Erich Ludendorff  noch etwas detaillierter dokumentiert.

Abb. 9: Ludendorff und Hindenburg vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß,
Zeichnung von Herbert Rothgaengel, November 1919

Die meisten Fotografien Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1919 stammen dann aber schließlich erst aus dem November 1919. Sie sind entstanden im Umfeld der aufsehenerregenden Aussagen Hindenburgs und Ludendorffs vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Reichstages im 18. November 1919. Obwohl dieser Umstand einigermaßen sicher sein dürfte, können derzeit dennoch die meisten der hier dokumentierten Fotografien noch kaum sicher nach Tag und Ort zugeordnet werden.

Aber bevor wir auf diese Fotografien zu sprechen kommen, sei hier noch ein Thema behandelt, das selbst guten Kennern der Biographie von Erich Ludendorff kaum bekannt sein wird.

18. November 1919 - Hindenburg und Ludendorff  vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß

Für die Aussage vor dem Untersuchungsausschuß des Reichstages kam Hindenburg schon eine Woche früher nach Berlin (12, S. 406):

Schon seine Ankunft in Berlin am 12. November 1919 glich einem Triumphzug: Er wurde mit militärischen Ehren am Bahnhof Zoologischer Garten willkommen geheißen, und die Reichswehr stellte ihm zwei Offiziere für die Zeit seines Berliner Aufenthalts als Adjutanten zur Verfügung. (...) Hindenburg machte sich in der einen Woche seiner Berliner Aufenthaltes in der Öffentlichkeit keineswegs rar und verschaffte seinen Verehrer genügend Gelegenheit, ihm Ovationen darzubringen.
Ludendorff berichtet (1, S. 74):
General v. Hindenburg wohnte, meinem Vorschlage zufolge, bei dem früheren Staatssekretär Helfferich. (...) Ich sah General v. Hindenburg bei ihm, aber auch in meiner Wohnung in der Viktoriastraße. Er besuchte mich hier, um zu hören, wie ich mir das Auftreten vor dem Untersuchungsausschuß dächte.

Am 18. November 1919 fand dann dieser Auftritt von Hindenburg und Ludendorff vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuß des Reichstages statt (1, S. 75-85). Kurt Tucholsky beispielsweise hat einen Bericht über diesen Auftritt geschrieben (11):

Der Zuschauerraum hält den Atem an, wenn Ludendorff spricht. Die Augen der Offiziere in Zivil glitzern hart. Aber so war es hier immer: (...) Sprach Ludendorff, so atmete der Zuschauerraum: Ja - und sprach Doktor Sinzheimer, so sagten die deutschen Seelen: Nein - und die Offiziersfrauen, die da saßen, fühlten: Unser Reich soll wiederkommen. (...) Schlägt nicht das Herz des Volkes für die beiden? (...) Meine Deutschen (...). Sie sind doch sonst nicht so ritterlich, so zartfühlend, so unendlich taktvoll - und das bei zwei Erfolglosen?
Aber, so stellt Tucholsky fest:
Hier spricht das Herz. (...) Hier spricht nicht das Gehirn - hier spricht nur das Herz. Und hätten diese beiden einen scheußlichen Totschlag begangen: eine halbe Nation stünde auf und nähme sich ihrer an.
Erich Ludendorff selbst schreibt über die Zeit nach dem Auftreten vor dem Untersuchungsausschuß (1, S. 95):
In der Sorge für Heer und Volk war ich eins mit den unendlich vielen Deutschen Männern und Frauen. Ich traf mich mit dieser Sorge im besonderen mit Geheimrat Kapp, General v. Lüttwitz, Oberst Bauer und Hauptmann Papst.

Letzterer gründete die "Nationale Vereinigung", die den nachmaligen Kapp-Putsch - wie man aus dem Nachhinein weiß: ziemlich dilettantisch - vorbereitete. Ludendorff weiter (1, S. 100f):

Ich begrüßte es, daß die Verhandlungen vor dem Untersuchungsausschuß am 18.11.1919 die Bewegung gefördert hatten. Auch sonst war ich in ihr tätig, ohne mich etwa der Deutschnationalen Partei anzuschließen. Ich wurde gebeten, bei nationalen Veranstaltungen zu sprechen und bei Veranstaltungen nationaler Jugend zugegen zu sein. Das öffentliche Sprechen ist mir nicht leicht geworden, ich hatte Abneigung zu überwinden. (...) Es (...) lag meinem Einsamkeitsbedürfnis fern. (...) Damals im Winter 1919/20 habe ich den an mich herantretenden Bitten zu reden, entsprochen und war herzlich froh, wenn die Versammlung zu Ende war. Ich wollte dem Volke helfen, wo es mir möglich war. Die Eindrücke, die ich von den Veranstaltungen für die Jugend mit nach Hause nahm, waren recht zwiespältiger Natur. ...
Abb. 10: "An die Kurzsichtigen - Ihr sucht die Wahrheit? Wenn sie aber erscheint, wünscht ihr sie zu allen Teufeln"
Karikatur im Kladderadatsch, November 1919

23. November 1919 - Ludendorff im Theater des Westens

Am 23. November 1919, dem Totensonntag, sprach Erich Ludendorff im Theater des Westens in Berlin-Charlottenburg anläßlich einer Gedenkfeier "Zur Ehrung der Gefallenen" (15):

Meine Frau und ich sind hierhergekommen, um, obschon nicht Charlottenburger, diese Totenfeier mit Ihnen zu begehen. Droben auf dem Kirchhofe am Fürstenbrunner Weg liegen meine lieben Eltern, liegen liebe Verwandte, liegen endlich auch zwei tapfere Söhne, die den Heldentod starben für Kaiser und Reich. Jung, glühend vor Begeisterung zogen sie hinaus, wie Millionen deutscher Männer. Als Fliegeroffiziere erreichte sie die feindliche Kugel, und sie ließen ihr Leben wie zwei Millionen deutscher Kameraden.
Ich bin hierher gekommen, um mit Ihnen der Heldentaten der deutschen Soldaten zu gedenken. Gewaltigeres und Erschütternderes sah der Erdball noch nie als diesen Kampf. Deutschland in Unterlegenheit rang gegen die Welt, und diesen Titanenkampf führte das ganze deutsche Volk. An der Front kämpften kraftvolle deutsche Männer, und wir kämpften siegreich, solange das Volk in der Heimat hinter uns stand.
Was der deutsche Soldat geleistet hat, das steht unerreichbar fest in der Geschichte aller Zeiten. (...) Wir können stolz sein auf unsere Siege. Um sie aber richtig zu verstehen, müssen wir uns vergegenwärtigen, was der deutsche Soldat erlebt, erduldet und was er ertragen hat an Strapazen, an Hunger und Durst und nicht zum mindesten an Kälte in den vier Jahren diese gewiß furchtbaren Krieges. Wir haben an die Männer zu denken, die in dunkler Nacht zwischen platzenden Granaten hindurch über unwegsames Gelände hinweg nach vorn eilen, um den Kameraden vorn abzulösen oder ihm Verstärkung zu bringen. Wir haben an die Schrecken der Schlacht zu denken, in denen Munitionsmengen, wie sie Menschenverstand nie ersonnen hat, gegen Menschleiber geschleudert werden, die in verschlammten Trichterfeldern ihr Leben einsam fristen oder die zusammengepfercht in Unterschlupfen und Kellern hocken, hungernd, frierend, von Ungeziefer geplagt, den Tod im Auge. (...)
Heimat, liebe teure Heimat, vergiß nicht die, die für dich gestorben, und vergiß nicht, wie viele ihrer waren! Heimat, liebe teure Heimat, vergiß auch nicht die Hinterbliebenen, die nun in Sorge ihrem Leben entgegensehen!
Ich bin hierhergekommen, um an einer Stelle des deutschen Reiches den Toten Dank zu weihen. Und ich weiß mich darin eins mit den Führern, die hier oben sitzen. Ich weiß mich darin eins mit dem Generalfeldmarschall, zu dem wir alle mit Liebe und Verehrung sehen. Ich wieß mich darin eins mit dem deutschen Manne, der unser Kaiser und oberster Heerführer war, nach Gottes Willen, und dessen Liebe für seine Soldaten und seine Matrosen ich kenne, der heute fern von uns weilt, weil er in seinem Vertrauen auf die trügerischen Versprechungen der Feinde durch Opferung seiner Person uns einen besseren Frieden verschaffen wollte.
Ich habe bei Lüttich im Kampfe gestanden. Nach meinen Entwürfen gingen später viele deutsche Männer in den Tod. Was schwerer ist, selbst dem Tode ins Auge zu schauen, oder andere in den Tod zu führen, das muß jeder Führer, ob Gefreiter oder General, vor sich und seinem Herrgott in seinem Gewissen abmachen. Ich kann Ihnen nur sagen: Der Führer weit hinter der Front, der denkt nicht nur an Sieg oder Niederlage, der hat auch Söhne im Felde und Liebe daheim, der fühlt sich verantwortlich dem Manne im Felde im grauen Rock! (...) Und diese Pflicht zu tragen, war unendlich schwer. Sie war uns schwerer als der Kamf, den zu führen der Generalfeldmarschall und ich berufen waren. ....

24. November 1919 - Ludendorff in der Garnisonkirche in Potsdam

Eine weitere Veranstaltung, die Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen nicht ausdrücklich nennt, war ein Gedächtnis-Gottesdienst am 24. November 1919 in der Garnisonkirche in Potsdam, der - wiederum - von der Deutschnationalen Volkspartei organisiert worden war. In diesem Gottesdienst sprach auch Erich Ludendorff als Hauptredner. Es handelte sich um eine viel beachtete Gegenveranstaltung zur Tagung der Deutschen Nationalversammlung in Weimar. Die Teilnahme Ludendorffs an dieser Veranstaltung spielt gegenwärtig - 2017 - im Zusammenhang mit Erörterungen rund um die Frage, ob die Garnisonkirche in Potsdam wieder aufgebaut werden soll, eine Rolle. Der Autor Matthias Grünzig hat zur Geschichte der Garnisonkirche eine Studie vorgelegt. Über sie wird berichtet (PNN, 5.7.2017):

Grünzig gibt einen Überblick über die zahlreichen Veranstaltungen, die in der Garnisonkirche stattfanden, etwa die von der DNVP organisierte Heldengedächtnisfeier vom 24. November 1919, bei der auch der vormals kaiserliche General Erich Ludendorff sprach. An diesem Tag habe sich, so Grünzig, "zum ersten Mal seit der Revolution das antidemokratische Lager mit einer Großveranstaltung" zurückgemeldet.
Laut der von Grünzing (10) zitierten Zeitungsartikel der damaligen Zeit (9) war diese Rede Ludendorffs schon im November 1919 in der Öffentlichkeit umstritten. In einer Darstellung zur Geschichte der Garnisonkirche aus dem Jahr 1964 heißt es, für die Familien der Gefallenen des Weltkrieges (8, S. 87)
fand am 24. November 1919 in der Garnisonkirche ein Gedächtnisgottesdienst statt. Garnisonprediger Vogel hielt die Predigt, General Ludendorff sprach zu den Angehörigen und zur Gemeinde. Vom Turm aber erschallten, als wäre nichts geschehen, die Glockenlieder "Üb' immer Treu' und Redlichkeit" und "Lobet den Herrn" - weithin über die Stadt, die Havel, ihre Seen und die benachbarten Wälder und Hügel.

Matthias Grünzig, ein Gegner des Wiederaufbaus der Garnisonkirche, referiert den Inhalt von Ludendorffs Rede folgendermaßen (10):

Zunächst interpretierte er die Novemberrevolution auf seine Weise: „Und welches war die Ursache dieses abgrundtiefen Unglücks? Wir wichen zur Genugtuung unserer Feinde von dem alten Preußengeist ab, der uns groß gemacht hat. (…) Die Selbstsucht überwucherte alles Edle im Volk, und kein Gärtner war da, der das Unkraut mit Stumpf und Stiel ausrottete. Und die anderen ließen es wachsen, statt es zu zertreten. Und daran meine verehrten Anwesenden, trägt ein jeder von Ihnen mit die Schuld!“ Dann entwickelte er ein politisches Programm, das auf die Errichtung einer Militärdiktatur hinauslief. Ein weiterer Redner war Johann Rump. Rump war ein nationalistischer Pfarrer, der später der NSDAP beitrat. Rump bezeichnete die Demokratie als „Irrweg“ und geißelte die „furchtbare Schande des Heute“. Seine Rede endete mit einer Prophezeiung: „Auf den Winter deutscher Schmach wird der Frühling deutscher Herrlichkeit folgen“.

Im November 1919 wurde in der Zeitung "Neues Deutschland" sogar an "Hundert Jahre Ludendorff-Rede in der Garnisonkirche" erinnert (14). Die hier versammelten Kräfte drängten offensichtlich auf ein solches Handeln wie es dann drei Monate später im Kapp-Putsch zum Ausdruck kam. Man darf sich aber übrigens fragen, ob es richtig ist, die damaligen monarchischen Kräfte immer so plakativ und rundweg heraus "antidemokratische" Kräfte zu nennen. Das waren alles Bismarck-Anhänger. War Bismarck denn ein "Antidemokrat"? Natürlich sahen diese monarchischen Kräfte im Angesicht der Gefahr des Bolschewismus die Notwendigkeit einer starken, sicherlich auch einer diktatorischen Regierung wie sie Bismarck in einer solchen Lage sicherlich auch als notwendig angesehen hätte. Aber das war für sie ja nicht zwangsläufig der "Normalfall" staatlichen Seins. Sie wurde nur gefordert im Angesicht der vielfältigen politischen Krisen und Probleme, in denen sich Deutschland damals befand.

/ Ergänzt um Ausführungen 
mit Bezug zu den Literaturangaben ...
  •  (13, 14) - 26.11.2019,
  • (15) - 31.7.2020
  • (16, 17) - 26.8.2021 /


___________________________________________________________
  1. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1940
  2. Lindenberg, Paul: Es lohnte sich, gelebt zu haben. Erinnerungen. Vorhut-Verlag Otto Schlegel, Berlin 1941 (370 S.) (GB)
  3. Bading, Ingo: Die Ludendorff-Bewegung im Spiegel des "Simplicissimus". Studiengruppe Naturalismus, 11. Februar 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2012/02/die-ludendorff-bewegung-im-spiegel-des.html
  4. Lindenberg, Paul: Unter Hindenburgs siegreichen Fahnen. Erzählung aus dem Weltkrieg 1914/15. Mit mehrfarbigem Umschlagbild von Professor C. Röchling und Innenbildern von Willy Werner und A. Roloff Person. Paul Schreiter Verlag, Berlin [1918] (269 S.)
  5. Bading, Ingo: Ludendorff-Verehrung zwischen "Kunst, Kitsch und Krempel". Studiengruppe Naturalismus, 10. März 2013, http://studiengruppe.blogspot.de/2013/03/ludendorff-verehrung-im-bereich-von.html
  6. Bading, Ingo: "Gott ansehen mit klaren, fröhlichen, deutschen Augen". Der niederrheinische Schriftsteller Joseph von Lauff als Verehrer Erich Ludendorffs (1932). Studiengruppe Naturalismus, 23. Dezember 2010, http://studiengruppe.blogspot.de/2010/12/gott-ansehen-mit-klaren-frohlichen.html
  7. Ludendorff, Erich: Mein militärischer Werdegang. Blätter der Erinnerung an unser stolzes Heer. Ludendorffs Verlag, München 1935
  8. Schwipps, Werner: Garnisonkirche Potsdam. Haude & Spenersche Verlagsbuchhandlung, 1964 (104 S.) (GB); Be.bra Verlag, 2001 (134 S.) (GB)
  9. Ludendorff in der Potsdamer Garnisonkirche, in: Germania, Nr. 544, 26.11.1919; Ludendorff in Potsdam, in: Germania, Nr. 545, 27.11.1919; Das Kultusministerium gegen die Potsdamer Totenfeier, in: Berliner Lokal-Anzeiger, 26.11.1919; Eine Kundgebung in der Garnisonkirche zu Potsdam, in: Tägliche Rundschau, 25.11.1919; Neue Ludendorff-Demonstration, in: Vorwärts, Nr. 604, 26.11.1919
  10. Grünzig, Matthias: „Der Geist von Potsdam“ gegen den „Geist von Weimar“. Vortrag auf der Tagung „Das Projekt Garnisonkirche“ in Potsdam am 18.3.2017, https://www.bundes-esg.de/fileadmin/user_upload/aej/Studium_und_Hochschule/Downloads/Themen/gruenzig_GarnisonkircheVortragGeistWeimarText.pdf
  11. Wrobel, Ignaz (d. i. Kurt Tucholsky: Zwei Mann in Zivil. In: Die Weltbühne, 27.11.1919, Nr. 49, S. 659, http://www.textlog.de/tucholsky-mann-zivil.html
  12. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Siedler-Verlag, München 2007
  13. "Ludendorffs Rechtfertigungsversuch." In: Frankfurter Zeitung, Abendblatt, 27.02.1919 (Online 12.12.2018: FAZ, pdf
  14. Wilfried Neiße: Adel auf Anpassungskurs - 100 Jahre Ludendorff-Rede in der Garnisonkirche, Neues Deutschland, 25.11.2019, https://www.neues-deutschland.de/artikel/1129097.adel-auf-anpassungskurs.html
  15. Das Vermächtnis der Toten. Reden bei der Gedenkfeier zu Ehren der im Krieg Gefallenen, veranstaltet vom Kreisverband Charlottenburg der Deutschnationalen Volkspartei im Theater des Westens am 23. November 1919. Weihrede des Geh. Konsistorialrats Dr. D. Conrad, Gedenkworte des General von Ludendorff. Schlußwort Professor Dr. von Wilamowitz-Möllendorf. Deutschnationale Schriftenvertriebsstelle Berlin 1920. 15 S. SO (Deutschnationale Flugschrift. 42.) (Deutsche Nationalbibliothek) (zit. in der Zeitschrift "Mensch & Maß", 23.11.1991; ebenso zit. in Uhle-Wettler/Ludendorff, 3. Aufl. 2013, S. 460) 
  16. Cavallie, James: Ludendorff und Kapp in Schweden. Aus dem Leben zweier Verlierer. Lang, Frankfurt am Main [u.a.] 1995
  17. Jan Elundius: A big world in a small one - How World War II began in Hässleholm. (Schwedisch mit vollständigen Literaturangaben), Englisch: https://www.in-spite-of-it-all-trots-allt.se/products/a-big-world-in-a-small-one-how-world-war-ii-began-in-hassleholm/ ohne Jahr [26.8.2021]



Anhang - Weitere Auszüge aus Lindenberg's Erinnerungen

Die Lebenserinnerungen des Berliners Paul Lindenberg (2) kreisen um die Menschen, die er in seinem langen Leben kennen gelernt hat. Er gliedert sie in "Die von der Feder" (u.a. Fontane, Wildenbruch, Theodor Storm), "Die einst Kronen trugen" (v. a. Könige der Balkan-Länder), "Männer des Schwertes" (u. a. der ältere Moltke, Hindenburg, Ludendorff, Falkenhayn, von Francois und andere), Diplomaten (Bismarck, Hohenlohe, Bülow), Künstler (Menzel, Begas, Klinger). Auch Robert Koch und Karl Peters widmet er Kapitel, ebenso den Wagner-Festspielen in Bayreuth. Bemerkenswert sind etwa seine persönlichen Erinnerungen an den alten Theodor Storm und dessen letzten Berlin-Besuch.

1889 - Ludendorff besucht einen Offizierskameraden im Grunewald

Was berichtet Paul Lindenberg über Erich Ludendorff? Zunächst die ersten flüchtigen Begegnungen in Ludendorffs Leutnants-Zeit (2, S. 192):

Ein gastliches Haus in Berlin war das des Verlagsbuchhändlers und Besitzers des "Kladderadatsch" Rudolf Hofmann. (...) Als Reserveoffizier gehörte er einem Seebataillon an, und die vorübergehend in Berlin weilenden oder hierher kommandierten Offiziere desselben zählten häufig zu seinen Gästen. Während Hofmanns den ersten Stock des Eckhauses Link- und Eichhornstraße bewohnten, hatte ich unter ihnen mein bescheidenes Junggesellenheim. Und wenn wir uns oben verabschiedet hatten, kehrten die jüngeren Offiziere meist bei mir noch ein und genehmigten sich den üblichen "Satteltrunk". Wiederholt gehörte zu ihnen Ende der 80er Jahre auch ein schlanker Leutnant, den Hofmann während der gemeinsamen Dienstzeit in Kiel - es kann auch später gewesen sein - näher kennengelernt hatte: Ludendorff. Viele Jahre sollten vergehen, bis in der Grunewaldvilla Hofmanns die Erinnerungen an jene ferne, sorglose Zeit aufgefrischt wurden.

Ludendorff hatte in Berlin-Lichterfelde drei Jahre lang die Kadettenanstalt besucht (1879-1882) (7, S. 6f). Im April 1887 war er zum Leutnant befördert worden und überraschend zum Seebataillon nach Wilhelmshafen und später nach Kiel versetzt worden (7, S. 20ff). Diese Kommandierung dauerte bis 1890. Auch 1905 war er noch einmal vier Wochen lang zur Marine kommandiert. Danach lebte er in seiner dreijährigen Zeit als Schüler der Kriegsakademie, die sich Unter den Linden befand (1890-1893) wiederum in Berlin (7, S. 27-30) und später als Lehrer derselben Kriegsakademie (1906-1908). Und schließlich lebte er in Berlin natürlich während seiner Tätigkeit im Großen Generalstab (am Königsplatz) (1894/95 und 1904-1913).

Rudolf Hofmann wird zu gleicher Zeit als Reserveoffizier in dem Seebataillon Dienst geleistet haben, in der Ludendorff diesem angehört hat und so könnten sie sich kennen gelernt haben.  Da die Eltern und Geschwister Erich Ludendorffs in Berlin lebten, wird Ludendorff auch Ende 1880er Jahre während seiner Kommandierung nach Wilhelmshafen und Kiel viel Anlaß gehabt haben, regelmäßig nach Berlin zu kommen. Und in dieser Zeit können die genannten Besuche bei Hofmann stattgefunden haben. Und da Ludendorff ab 1890 drei Jahre Schüler der Kriegsakademie in Berlin war, könnte er auch in dieser Zeit bei Hofmann und Lindenberg zu Besuch gewesen sein.

August 1914 - Als Kriegsberichterstatter in Osterrode und Insterburg

Am 24. August 1914 ist Paul Lindenberg als Kriegsberichterstatter beim Armee-Oberkommando (A.O.K.) in Riesenburg in Ostpreußen. Er erlebt an diesem und den folgenden Tagen die Schlacht bei Tannenberg mit. Er berichtet von den großen Flüchtlingstrecks gen Westen, die der Abbruch der Schlacht bei Gumbinnen mit sich gebracht hatte (2, S. 178). Er folgt Hindenburg, Ludendorff und dem A.O.K. nach Osterrode (2, S. 179):

Es ist in einem Mädchenlyzeum untergebracht. (...) Hier wurden in den nüchternen, weißen Schulzimmern, deren Wände mit großen Karten des östlichen Kriegsschauplatzes behängt waren und in denen auf hölzernen Tischen die Generalstabskarten mit den eingesteckten bunten Fähnchen lagen, die entscheidendsten Entschlüsse gefaßt und deren umgehende Ausführung angeordnet. (...) Trotz des vielen Hin und Her ging es ernst und verhalten zu in den Gängen, auf den Treppen, den Fluren und Zimmern des baumumrauschten Gebäudes, vor dem die kleine Standarte des Armee-Oberkommandos angebracht war.
Lindenberg sieht Hindenburg und Ludendorff zum ersten mal mittags im Speiseraum von Rühls Hotel in Osterrode (2, S. 179):
Während der kurzen Mahlzeiten kamen fortwährend Ordonnanzen und Feldjäger mit Meldungen, die General Ludendorff in Empfang nahm und durchlas. (...) Mit wenigen, schnell niedergeschriebenen Worten
reagierte Ludendorff darauf mit Anweisungen und Befehlen. Lindenberg erlebt dann in Hohenstein die Gefangenenkolonnen der Russen und die frischen Soldatengräber zu beiden Seiten der Straße (2, S. 181):
In den Gräben längs der Chaussee hunderte toter Russen. (...) Entsetzlich sah es im Städtchen selbst aus. (...) Die Mehrzahl der Häuser war völlig zerstört, teilweise schon ausgebrannt, teilweise brannten sie noch. (...) Durch diese Ruinenstadt marschierten unserer Truppen. (...) Die Mienen waren ernst, kein Scherzwort ertönte, kein Gesang, jeder schien ergriffen von der Schwere des Tages.
Nach Berlin gelangte die Meldung vom Sieg bei Tannenberg am 30. August 1914 über eben diesen Paul Lindenberg schneller als über den offiziellen Nachrichtenoffizier ("Pressesprecher") des A.O.K.. Am 1. September erlebte Lindenberg dann mit, wie zwei gefangengenommene russische Generäle vor Hindenburg gebracht wurden. Lindenberg in seinem Ludendorff-Kapitel (2, S. 193):
In Osterrode traf ich Ludendorff wieder während der Schlacht von Tannenberg. Aus dem Leutnant war der General und Generalstabschef geworden, am Hals trug er den ihm für seine Lütticher Heldentat verliehenen Pour le merite. Nach Tannenberg ging's in Ostpreußen rasch vorwärts, bis am 11. September im befreiten Insterburg kurze Rast gemacht wurde. Ludendorff bat uns Kriegsberichterstatter, die wir zum A.O.K. des Ostheeres gehörten, zu einer Besprechung im Oberkommando. Gleich der erste Eindruck war ein sehr starker. In jeder Bewegung der schlanken, hohen Gestalt lag Tatkraft, Entschlossenheit, Kraft und Würde, tief der Blick seiner hellen Augen, ein kerndeutscher Mann, der unbegrenztes Vertrauen einflößte. Jedem bot er die Hand, dankte für die gute und schnelle Berichterstattung unter oft recht ungünstigen Umständen.

In seinen weiteren Ausführungen soll Ludendorff in betonter Weise auf die Feindschaft Englands hingewiesen haben, das der unerbittlichste Kriegsgegner Deutschlands sei.

24. August 1917 - Mit bulgarischen Journalisten in Bad Kreuznach

Lindenberg berichtet dann über die nächste Begegnung mit Ludendorff (2, S. 193f):

Mitte August 1917 geleitete ich im Auftrag des Auswärtigen Amts die zu einem Besuch Deutschlands eingeladenen bulgarischen Journalisten an die Westfront. Den Abend des 24. August verbrachten wir, einer Aufforderung des Großen Hauptquartiers folgend, in Kreuznach. Nach dem gemeinschaftlichen Essen begaben wir uns zur Villa Imhoff, die Hindenburg bewohnte. Dieser und Ludendorff empfingen uns in der Gartenveranda. Im Laufe des Gesprächs mit Ludendorff erinnerte ich ihn an seine Voraussage in Insterburg über Englands Teilnahme am Krieg. Ein Lächeln flog über seine Züge: "Meine damaligen Ansichten sind die gleichen geblieben, eher seitdem noch verstärkt worden. Die Engländer werden bis zuletzt aushalten, sie wissen genau, worum es geht. Wir haben in Brüssel Geheimakten gefunden, aus denen Englands Bohren und Treiben seit langem klar hervorgeht. Als unser Marinekorps beim Vormarsch 1914 die 2,4 Kilometer lange Mole von Zeebrügge besetzte, fand es alles vor: Riesenhafte Lagerschuppen, Geleisanlagen, elektrische Kähne, zum Laden und Löschen englischer Transporte. Das waren Vorbereitungen für den Kriegsfall." (...) Interessiert erkundigte sich Ludendorff nach diesem und jenem, kommt auf unser Zusammensein in Osterode zu sprechen, die damalige fortreißende Kampflust an der Front und Begeisterung in der Heimat: „Wir halten aus, aber vieles in der Heimat bereitet uns große Sorge! Auch die Briefe, die von dort an die Truppen gesandt werden. Sieht man denn nicht ein, daß wir aushalten müssen und werden? Aber man darf nicht das Rückgrat mürbe machen. Warum bringt man nicht die üblen Schreier, die lamentierenden Stubenhocker und Allerweltsbesserwisser energisch zur Ruhe?"

Solchartige Erinnerungen mögen wertvoll auch deshalb sein, weil sie Einblicke in das alltägliche Leben von Ludendorff gewähren unabhängig von seiner eigenen Sichtweise. 

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