"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Sonntag, 29. März 2026

Mein Opa - Soldat und Kriegsgefangener im Elsaß (1944 bis 1947)

Mein Opa gehörte zu den 37.000 deutschen Kriegsgefangenen, die nach 1945 im Elsaß festgehalten wurden (Lalsace2025). Zu dem 2012 veröffentlichten Lebensbericht meines Opas (s. StNat2012) habe ich 2023 einen Anhang verfaßt über die Kämpfe rund um Thann im Elsaß, in denen mein Opa im Dezember 1944 in Kriegsgefangenschaft geraten ist. 

 Abb. 1: Deutsch Kriegsgefangene im Elsaß - Standbild aus dem Dokumentarfilm "La libération de l'Alsace" (Yt) - "Un film du conseil general du bas-Rhin" (1968)

Während eines Urlaubes in Türkheim bei Colmar im Elsaß tauchen erneut Fragen auf, wie es meinem Opa nicht nur in den Kämpfen bei Thann ergangen sein mag, sondern auch später in Kriegsgefangenschaft bis 1947 im Elsaß. Da sein Kriegsgefangenen-Ausweis in Colmar ausgestellt worden ist, und da er seine drei Jahre Kriegsgefangenschaft nur im Elsaß verbracht hat, ist es ja nahe liegend, daß er auch in einem Kriegsgefangenenlager in oder bei Colmar festgehalten worden ist.

Und schnell finden sich von einem anderen deutschen Kriegsgefangenen, der bei Colmar als Kriegsgefangener festgehalten wurde, recht konkrete Berichte von dem dort Erlebten (4). Man hat sofort das Gefühl, daß mein Opa vieles davon sehr ähnlich erlebt haben könnte - vielleicht sogar ebenfalls in Colmar oder im Umland von Colmar. 

All das führt dazu, daß wir den 2023 erstellten Anhang hier in einen neuen Blogartikel ausgliedern und um Ausführungen zu deutschen Kriegsgefangenen im Umland von Colmar 1945 bis 1947 ergänzen.  

Das alles hat mit der Thematik des vorliegenden Blogs im Spezielleren gar nicht mehr zu tun, sondern ist ein allgemeiner regionaler Ausschnitt aus der Zeitgeschichte als Ergänzung zu dem Lebensbericht über meinen Opa.  

9. Dezember 1944 - Gefangennahme in Thann im Elsaß

Im Elsaß stand Ende 1944 die deutsche 19. Armee (Wiki) in Abwehrkämpfen gegen die 1. französische Armee (Wiki), die sich das Rhone-Tal entlang nach Norden vorgekämpft hatte.

Abb. 2: Die HKL des LXIII. Armeekorps am 24. November 1944 im Elsaß: Sie umfaßte Thann in weitem Bogen und war bei Bischwiller von Thann nur noch grob fünf Kilometer entfernt - Sie reichte von Rimbach-Guebviller im Norden über Masevaux und Reppe bis Montreux Vieux im Süden (GMaps)

Die 19. Armee hatte im September 1943 als Besatzungsarmee die gesamte französische Mittelmeerküste besetzt gehalten und war seit August 1944 von der 1. französischen Armee ins Rhone-Tal und entlang der Schweizer Grenze in schweren Kämpfen zurück gedrängt worden. Am 20. November 1944 hatte sie die Sperrfestung Belfort räumen müssen, vierzig Kilometer südwestlich von Thann im Elsaß, wo mein Opa vier Wochen später in Gefangenschaft geraten sollte. Die Geschehnisse werden auf der Internetseite des Museums Turckheim im Elsaß folgendermaßen dargestellt (MusTürkheim):

Das doppelte Vordringen zum Rhein
14. November 1944
- Beginn der alliierten Offensive in Richtung Elsaß.
19. November 1944
- der Rhein wird in Rosenau erreicht (CC3 der 1. Panzerdiv.)
21. November 1944
- Befreiung von Mühlhausen durch die 1. Panzerdivision (dann von Belfort durch die 5. PD - 2. DIM)
Parallel zu diesen Operationen wird Straßburg am 23. November 1944 befreit durch die 2. Panzerdivision (General Leclerc) angeknüpft an die 7. amerikanische Armee von General Patch.
Die 19. Armee ist reduziert auf 20.000 Leute, das entspricht einer französischen Division.
Am 30. November 1944 ändert General de Lattre plötzlich die Angriffslinie seiner Armee, d.h. "von Süden nach Norden über das Flachland" wird zu "von Osten nach Westen über die Berge".
Warum?
Das ganze Elsaß hätte zum 3. Dezember 44 befreit sein können.

Was für ein erschütternder Satz. Ist hier einmal erneut - wie bei so vielen anderen Gelegenheiten  - die "Hintergrund-Regie" in diesem Krieg zu spüren? Wenn die Westalliierten zu schnell vorgerückt wären, wären sie vor den Russen in Berlin oder sogar an der Oder gewesen. Die Kriegszielplanungen und -Vereinbarungen der Westmächte mit der Sowjetunion sahen aber ein Zusammentreffen beider Mächte an der Elbe vor (6) - so wie es dann auch geschehen ist - unter anderem aufgrund des langen Hinauszögerns der Errichtung der Zweiten Front im Westen. Wäre diese Entscheidung im Elsaß wiederum zurück zu führen auf "Hintergrund-Regie", hieße das einmal erneut, daß die ganzen weiteren schweren Menschenverluste im Elsaß auf deutscher wie auf westalliierter Seite zurück zu führen wären auf das westliche Kriegsziel: Sowjetisierung Osteuropas bis zur Elbe - um damit die Deutschen gründlich zu traumatisieren und für Umerziehung empfänglich zu machen - und nicht nur oberflächlich (6).

Man möchte wissen, wer der Verfasser dieses Museumstextes war und woher er seine Sicherheit bei diesem Satz nimmt. (Das Museum in Türkheim bei Colmar hat auch eine eigene Facebook-Seite [Fb]). 

Der deutsche Entlastungsangriff in den Ardennen begann erst am 16. Dezember 1944. Soll das heißen, daß man diesem Entlastungsangriff mit der vollständigen Besetzung des Elsaß hätte zuvor kommen können? Welche Überlegungen und Umstände führten zu dieser militärischen Entscheidungen des Generals de Lattre (1889-1952) (Wiki) Ende November 1944, des nachmaligen in Filmaufnahmen onkelhaft auftretenden "Befreiers des Elsaß"? Dieser Frage können wir an dieser Stelle nicht erschöpfend nachgehen. Wir lesen nun weiter (MusTürkheim):  

Ein Frontbogen formt sich um Colmar: eine 160 km lange Front zieht sich zu einem Kreis zusammen, südlich von Straßburg bis Mühlhausen über die Gipfel der Vogesen.
Die Operationen
Verstärkung der 19. Deutschen Armee:
Ankunft von frischen Truppen aus Deutschland (9 Infanteriedivisionen + 2 Panzerbrigaden).
Am 6. Dezember übernimmt Reichsführer Himmler persönlich das Kommando aller im Kampf stehenden Truppen im Frontbogen von Colmar. (...)
Colmar hört die Kanonen und hofft, wird aber noch nicht befreit.
Ende Dezember 1944: die Verteidigung von Straßburg ist in Frage gestellt durch die Gegenoffensive von von Rundstedt in den Ardennen. Eisenhower will seine Position aufgeben und seine Linien in die Vogesen (zurück) verlegen.

So der Verlauf im Großen. An der linken Flanke der 19. deutschen Armee verteidigt das LXIII. deutsche Armeekorps (LexdW):

Das Korps bildete die südliche Flanke der deutschen Westgrenze und lehnte sich an die Schweizer Grenze an. Am 18. November stießen alliierte Verbände durch die burgundische Pforte und öffneten so den Weg in die elsässische Tiefebene. Am 20. November wurde Belfort durch französische Einheiten besetzt und das Korps baute östlich der Stadt eine neue HKL auf. Am Abend des 24. November befand sich die Front des Korps in der Linie Rimbach - Masevaux - Reppe - Montreux Vieux.

Den Verlauf dieser Frontlinie muß man sich klar machen, wenn man den weiteren Verlauf der Kämpfe verstehen will (s. GMaps) (Abb. 2). Dieser weitere Verlauf war offenbar sehr deutlich von der oben genannten Entscheidung des Generals de Lattre beeinflußt. Das heißt, die Deutschen verteidigten auf den waldreichen Bergen auf der Westseite von Thann die Stadt Richtung Westen und auch Richtung Nordwesten, Richtung Bischweiler hin. Von dort her griffen die Franzosen der 1. Armee an, obwohl sie womöglich viel leichter durch die Ebene des Rheintales bei Straßburg gen Norden hätten durchstoßen können (LexdW):

Unter ständigen alliierten Angriffen und schweren Verlusten ging das Korps bis zum 10. Dezember 1944 auf die Linie Thann - Südrand St. André - südlich von Straßburg - Südteil Nonnebruchwald - Westrand Reiningen zurück. Am 14. November hatte das Korps noch eine Kampfstärke von 9.280 Mann. An diesem Tag (10. Dezember) ging nach schweren Kämpfen der Ort Thann verloren.

Vier Divisionen standen im Rahmen dieses Korps zu jenem Zeitpunkt im Einsatz. Keine der genannten stammte, soweit übersehbar, als solche aus Brandenburg. Aber man könnte sich diesbezüglich noch die einzelnen zugehörigen Regimenter genauer anschauen, ob es da eines gab, das aus Brandenburg stammte - um zu verstehen, warum mein Opa gerade in diese Ecke verschlagen wurde. Immerhin waren ja 9 Infanteriedivisionen neu der Front im Elsaß zugeführt worden. Alle Divisionen, die damals an der Westfront zum Einsatz kamen, insbesondere dann auch in der Ardennen-Offensive, waren ja dann Divsionen, die bei der Verteidigung der Ostgrenzen des Deutschen Reiches gegen die Sowjetunion fehlten.

Abb. 3: In den waldreichen Bergen westlich von Thann im Elsaß, auf dem Stauffen, dem Zuber und dem Steinby verlief die deutsche Hauptkampflinie, Front Richtung Westen - Auf einem dieser Berge wird mein Opa am 9. Dezember 1944 in Gefangenschaft geraten sein, nachdem Thann selbst schon von den Franzosen eingenommen worden war 

Die Amerikaner hatten also im Norden den Rhein erreicht und die Franzosen im Süden. Und dazwischen hielten die deutschen Soldaten in den Vogesen den Brückenkopf Colmar. Auch in Thann wartet ein Elsässer, J. Baumann, auf die Befreiung durch die Franzosen. Er machte sich Tagebuch-Notizen, in denen er sich über die Zurückeroberung Straßburgs und Mühlhausens freute und konsequenterweise schon in den nächsten Tagen mit der Befreiung von Thann rechnete. Diese sollte allerdings - zur Überraschung aller - noch viele Wochen auf sich warten lassen (9). Wir lesen (7):

Die Amerikaner und die 2. Pz. Div. befreien Straßburg am 25. November. Die 1. (französische) Armee erreicht am 18. November den Rhein und befreit am 20. Mühlhausen. Die Befreiung von Colmar, das sich in der Mitte des Kessels befindet, der die noch von den Deutschen besetzte Region bildet, scheint daher ganz nahe. Es sollten jedoch noch zweieinhalb Monate an Kämpfen einer seltenen Heftigkeit notwendig sein, bis die 1. Armee den deutschen Widerstand bezwingen konnte.

J. Baumann berichtet, daß man ab 22. November in Thann den Gefechtslärm vom 40 Kilometer entfernten Belfort herüber hörte. Er berichtet, wie in den Folgetagen der NS-Kreisleiter des Ortes und die Leiter anderer NS-Formationen ihre Sachen packten und abreisten, begleitet von der klammheimlichen Freude der beobachtenden Elsässer vor Ort - wie J. Baumann, die dem nationalsozialistischen Deutschland ablehnend gegenüber standen.

Die Kämpfe um Thann im Elsaß

Am 1. Dezember 1944 schreibt dieser Baumann in sein Tagebuch (9):

Heute Morgen um 10.30 Uhr gab der Kampfkommandant Oberstleutnant Wellenkamp den letzten verbliebenen deutschen Zivilisten Befehle, Thann unverzüglich zu verlassen. 

Am 2. Dezember (9):

Der deutsche Widerstand versteifte sich. Teile der Batterien, die nach Steinbach abgeordnet worden waren, kehrten über Nacht auf ihre alten Positionen in Thann zurück und schießen so viel sie können.

Steinbach liegt vier Kilometer östlich der Stadt (GMaps). Die deutschen Batterien schießen von Thann aus in die waldreichen Bergen westlich und nordwestlich von Thann. Dort wird mein Opa eingesetzt gewesen sein. Am 5. Dezember schreibt J. Baumann (9):

Von der Rosenburg und der Engelsburg aus feuern die Deutschen in Richtung Weckenthalkopf und in Richtung Alenborn. Truppen, zu Fuß oder motorisiert, fließen vom Saint-Amarin-Tal zurück (nach Süden) in die Ebene, während kleine Gruppen (nach Westen) ins Steinby-Tal stürmen. Sie marschieren im Gänsemarsch, müde, gleichgültig, schmutzig. Das ist freilich nicht mehr die "stolze Wehrmacht"! Und doch wehren sich diese Lumpen wie verrückt! 

Saint Amarin liegt zehn Kilometer nördlich von Thann, hinter Bitschwiller. Allenbourn ist eine kleine Siedlung am gleichnamigen Bachlauf vier Kilometer nordwestlich von Thann, hinter dem Weckenthalkopf. Vielleicht befand sich mein Opa unter den im Gänsemarsch ins Steinby-Tal marschierenden Soldaten. Dort sollten - nach Aussage von J. Baumann - am 9. Dezember viele deutsche Gefangene gemacht werden. Doch zunächst schreibt er über den 7. Dezember (9, S. 2):

Es kam der 7. Dezember. Die Offensive begann. Bitschiviller wurde (von den Franzosen) genommen. Am nächsten Tag findet der Angriff auf Thann statt.

Zum selben Tag schreibt er (9, S. 10):

Um 7 Uhr morgens, nach einer relativ ruhigen Nacht erschüttert ein höllischer Lärm unsere Herzen. Es ist die Generaloffensive auf Thann. Geschosse fallen hart auf die Höhe von Leimbach. (...) Das Bombardement dauert - mit nur wenigen Unterbrechungen - bis zu 10 Stunden. Nachmittags beginnt der Tanz erneut im Bereich Steinby. Die Bevölkerung hat sich in die Keller geflüchtet und wartet ungeduldig und ängstlich auf die kommenden Ereignisse. Nach 14 Stunden wird die Brücke Halle aux Blé mit Hilfe einer gewaltigen Sprengladung gesprengt.

Am 8. Dezember kommen laut Tagebuch durch den Beschuß zahlreiche Bürger von Thann ums Leben oder werden verletzt (9). 

Die Deutschen ziehen sich am 8. Dezember nach Süden und Südosten auf Vieux-Thann zurück. Sie sprengen um 11 Uhr die Bungert-Brücke. Die Franzosen ziehen in Thann ein. Der Tagebuch-Verfasser schreibt (9, S. 2):

Unsere Soldaten - Legionäre, marokkanische Infanterie, Jäger aus Afrika - erobern in schwerem Kampf die von den "Boches" gehaltenen Häuser, Haus für Haus, Straße für Straße, Viertel für Viertel. Der Zufall im Fortschritt der Kämpfe schafft seltsame Situationen. Überquellende Freude in einer Gasse, die bereits befreit ist, Angst und Unsicherheit in einer anderen, in der der Kampf immer noch tobt. Völlige Unkenntnis der Sachlage 50 Schritte weiter. Am 10. wird Thann schließlich vollständig gesäubert. Aber es ist noch nicht das Ende des Geschehens. Denn der Feind steht immer noch ganz nah. Manche bleiben nur wenige hundert Meter von der Stadt entfernt stehen, klammern sich an die "Drackhüffa", verschanzen sich in den Häusern von Vieux-Thann, werden in den Wäldern des Herrenstubenkopfes überfallen.

Der Herrenstubenkopf liegt vier Kilometer nord-nordöstlich der Stadt. Der Zeitzeuge berichtet von einem Tunnel eineinhalb Kilometer nördlich der Stadtmitte, in dem sich deutsche Truppenteile verschanzt haben. Dieser ist schwer umkämpft. Am Ende gehen dort etwa 50 deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Drei deutsche Panzer passieren im Rückzug nach Süden das Rathaus und bekämpfen die von Norden her nachdrängenden französischen Panzer. Um 16.40 Uhr dringen die französischen Panzer bis zum Rathaus vor.

Abb. 4: Von solchen Bergen wie dem Aussichtsberg Stauffen, Blick Richtung Norden hinunter auf die Stadt Thann im Elsaß, wird mein Opa am 9. Dezember 1944 in französische Kriegsgefangenschaft gegangen sein

Die Deutschen halten aber immer noch die Waldregion Steinby vier Kilometer westlich der Stadt, sowie die Berge Zuber und Stauffen in den waldreichen Bergen dazwischen (GMaps). Durch das Eindringen der Franzosen nach Thann hinein sind diesen Truppenteilen die Rückzugswege abgeschnitten. Der Zeitzeuge aus Thann schildert für den 9. Dezember einzelne Abschnitte des Kampfes um Thann. Er schildert den Kampf von Mörsern und Panzern in einzelnen Stadtteilen. Von Norden her kämpfen sich die Franzosen in den waldreichen Bergen vor (9):

Bedroht davon, umgangen zu werden, nutzen die Deutschen die Nacht aus, um sich zurückzuziehen. Auch in Richtung Steinby geht der (französische) Vormarsch weiter. Am Morgen wurde dieser Bereich zwischen 8 und 12 Uhr mit extremer Gewalt bombardiert, die offenbar darauf abzielte, den Rückzug der dortigen deutschen Truppen zu verhindern, die den Stauffen verteidigten, und die ihn erst in der Nacht zuvor durch Truppenteile aus Guebwiller verstärkt hatten. Über die Rue Kléber schieben sich die Panzer bis zum Croix du Stauffen hinauf, zeitweise sogar bis zum Staudamm des Parks, nachdem er einen deutschen Maschinengewehrschützen hart getroffen und liquidiert hatte, der wie ein Verrückter vor dem Restaurant Subiger geschossen hatte. Der Unvorsichtige ist am Fuße des Gekreuzigten zusammengebrochen, seine Arme wurden amputiert.

Guebwiller liegt 18 Kilometer nordöstlich von Thann und der Stauffen ist ein Aussichtsberg im Südosten von Thann. Die Rue Kléber führt vom Zentrum des Ortes aus nach Süden bis Leimbach. Mit Croix du Stauffen ist aber hier nicht das Lothringer Kreuz auf dem Berg gemeint, sondern ein Jesuskreuz an einem Haus in der Rue Kléber, das sich wohl noch nördlich des erwähnten "Park Albert 1er" befand.

Die deutschen Verteidiger auf waldigen Berghöhen - Sie werden umgangen und geraten in Gefangenschaft

 Am 10. Dezember schreibt J. Baumann in seinen Notizen (9):

In der Nacht evakuierten die Deutschen die Höhen von Stauffen und der Zuber-Aussicht. Die französischen Panzer dringen weiter in das Steinby vor. Sie holen dort 62 Gefangene aus dem Huck-Haus. Im Jenn-Haus ergeben sich weitere 25. 

Wenn wir es recht verstehen, handelte es sich dort oben in den Bergen um Wanderhütten. Es ist nahe liegend, daß sich mein Opa unter den hier gefangen Genommenen befunden hat. 

In einer allgemeineren Darstellung heißt es über diesen Angriff der 1. französische Armee (7):

Die Offensive beginnt am 5. Dezember, jedoch muß sich die 1. Armee angesichts des deutschen Widerstandes mit einem Vorrücken an den Flanken des Kessels und der Befreiung von Thann im Süden (10. Dezember) und Schlettstatt im Norden zufrieden geben.

Von Thann aus wurden nicht in Gefangenschaft geratene deutsche Truppenteile auch wieder 50 Kilometer weiter nach Norden an den Mont de Sigolsheim verlegt, wo die Kämpfe dann für diese Truppenteile weiter gingen (8):

Werner Schauer, Jahrgang 1925, damals Infanterist im Grenadierregiment 1213, schrieb sehr ausführliche Erinnerungen an seine Erlebnisse im "Brückenkopf Kolmar". Sein Bericht bestätigt, wie zusammengewürfelt und zum Teil unerfahren die Einheiten waren, die in diesen Tagen eingesetzt wurden. Er hatte bereits ab 7.12. an Kämpfen um den Mont de Sigolsheim teilgenommen. Am 12.12. sollte sein Regiment, wie es im Divisionsbefehl hieß, "im Zusammenwirken mit dem von Nordwesten angreifenden Regiment Ayrer den Feind auf dem Mont de Sigolsheim (vernichten)". (...) Er berichtet aber vom Angriff des Regiments Ayrer am 12. Dezember und dem Tod des Kommandeurs. Am Vortag hatte Schauer in Kientzheim einen Stabsfeldwebel kennen gelernt, der mit 22 älteren Luft-Nachrichten-Soldaten - dem Rest seiner in früheren Kämpfen bei Thann dezimierten Kompanie - jetzt am Mont de Sigolsheim eingesetzt werden sollte. Aus seinem Bericht zum 12.12.: "Abends höre ich, daß beim Angriff morgens um 10 Uhr der Zug des Stabsfeldwebels am linken Berghang von Granatwerfer-Salven wie von einer Lawine überrollt wurde. Dem Stabsfeldwebel zerriß es die linke Hand und den Arm. Die paar Überlebenden brachten ihn nach unten in den großen Weinkeller. Er konnte glücklich sehr schnell via Ammerschweier, Colmar, Breisach nach Freiburg gebracht werden. Unser Bataillonsarzt glaubt, daß er überleben wird. Unsere Gruppe ... war in etwa Bergesmitte eingesetzt und kam heil zurück."

Die Stadt Colmar selbst, in der mein Opa seinen Kriegsgefangenen-Ausweis ausgestellt erhielt, ist dann eineinhalb Monate später am 2. Februar 1945 von den Westalliierten nach schweren Kämpfen besetzt worden (Wiki).

Hungerlager in Colmar (1945 bis 1947) 

Über ein Kriegsgefangenenschicksal, das in vielem dem meines Opas geähnelt haben wird, ist zu lesen (4):

Im August 1947 wurde mein Vater Franz Bernkopf, der 1997 verstorben ist, aus französischer Kriegsgefangenschaft in Colmar entlassen. Er konnte allerdings nicht in seine Heimat im Riesengebirge zurückkehren, sondern fand seine Familie als vertriebene Sudetendeutsche auf einem Bauerhof in Gschwendt, Gemeinde Ascha, wo sie nach einem Aufenthalt im Flüchtlingslager Muckenwinkling eine Unterkunft gefunden hatten. Ihre Adresse hatte er durch einen glücklichen Zufall erfahren. An einem heißen Augusttag stand plötzlich ein Mann in abgerissener Wehrmachtsuniform vor dem Hoftor. Instinktiv spürte ich: Das ist mein Vater! Drei Jahre, seit meinem sechsten Lebensjahr, hatte ich ihn nicht mehr gesehen.

Sehr ähnlich könnte es auch gewesen sein, als mein Opa drei Monate später, im November 1947 aus der Kriegsgefangenschaft im Elsaß entlassen worden war und zurück nach Bahnitz an der Havel kam.

Abb. 5: In Kriegsgefangenschaft geratene deutsche Soldaten (Standbild aus 5)*) 

Der einzige Unterschied: Der älteste Sohn meines Opas war nicht neun, sondern 1947 schon 13 Jahre alt. Wir lesen weiter in dem Bericht (4):

Nachdem sich mein Vater nach einigen Wochen an das Leben in Freiheit gewohnt hatte, erzählte er manchmal aus der Zeit der Gefangenschaft in Frankreich. Für ein Kind mit neun Jahren hörten sich Vaters Erzählungen wie Geschichten aus einer anderen Welt an. Und es war ja auch eine andere Welt – die Welt der Gefangenschaft mit ihrem unsäglichen Leid, Hunger und Elend, die ein Kind nicht fassen konnte.
Erst 22 Jahre später, 1969 wurden Colmar und die Umgebung für mich zur erlebten Gegenwart. Zufällig hatte mein Vater in alten Aufzeichnungen die Anschrift seines damaligen Kommandoführers im Gefangenenlager Colmar gefunden. Er schrieb ihm einen Brief und dankte ihm, daß er den Kriegsgefangenen, Franz Bernkopf, vor dem Hungertod gerettet hatte.
Bei einem Morgenappell hatte Kommandoführer Arrus gefragt, wer mit der Sense Gras mähen könne. Vater meldete sich als Erster. Arrus nahm den Gefangenen Franz Bernkopf mit zu sich nach Hause und beschäftigte ihn für einige Zeit. Er mußte einen Bahndamm mähen und Holz hacken und wurde dort auch verpflegt. Das war seine Rettung, denn viele seiner Kameraden waren im Lager bereits an Unterernährung gestorben. Obwohl er sich noch in Kriegsgefangenschaft befand, durfte er sich frei bewegen. Für all das sei er ihm heute noch dankbar, so Franz Bernkopf in seinem Brief. Da die Anschrift nicht vollständig war, kam der Brief zunächst nicht an. Deshalb sandte Vater im März 1969 ein Schreiben an den Oberbürgermeister der Stadt Colmar und legte den ersten Brief bei.

Nun, alles das steht völlig im Einklang mit dem, was auch mein Opa erzählt hat. Auch ihm ging es nach der Einquartierung in einem Privathaushalt wesentlich besser.

Weiter im zitierten Bericht (4):

Er bat den Oberbürgermeister, nach dem Verbleib des Herrn Arrus zu forschen und fragte, ob der Bildhauer Antonie noch am Leben sei, der mithilfe der Gefangenen das Denkmal am Hartmannsweilerkopf geschaffen habe. (...) Nur zehn Tage später erhielt Franz Bernkopf ein Antwortschreiben aus Colmar. In ihm stand die genaue Anschrift des ehemaligen Kommandoführers Louis Arrus, aber auch, daß der Bildhauer Antonie bereits gestorben sei. (...)
Im August 1969 machte ich mich zusammen mit meinem Vater auf die Reise in seine Vergangenheit. (...) Der Bürgermeister (...) Als gebürtiger Elsässer sprach er natürlich deutsch, so war die Unterhaltung kein Problem.
Plötzlich öffnete sich Tür und zur größten Überraschung meines Vaters betrat Louis Arrus den Raum. Der Bürgermeister hatte ihn in der Zwischenzeit rufen lassen. Nun hatte Vater das Ziel der Reise erreicht: Er konnte seinem „Lebensretter" danken, der ihn vor dem Hungertod bewahrt hatte. (...)
Von der „Rapp-Kaserne", dem ehemaligen Gefangenenlager war nichts mehr vorhanden. Ich glaube, Vater war froh darüber. (...) Alt-Colmar mit seinen alemannischen Fachwerkhäusern gefiel uns besser. Das Viertel, die „Krütenau" (Krautgarten), wird durch seine schöne Lage am Fluß Lauch auch als „Klein-Venedig" bezeichnet. Natürlich besuchten wir auch das „Unterlinden-Museum", denn hier befindet sich der berühmte Isenheimer Altar von Mathias Grünewald.

Es sind entgegen dieses Berichtes doch noch Reste der Rapp-Kaserne in Colmar erhalten. Man findet sie nur wenige hundert Meter westlich des Hauptbahnhofs an der Ecke "avenue de la Liberté" und "avenue du Général de Gaulle" (GMaps). Diese Kaserne wurde 1887 bis 1889 erbaut und wird als "schönes Beispiel deutscher Militärarchitektur" angesprochen (Archi-Wiki). Das Zentrum der Stadt Colmar liegt östlich des Hauptbahnhofs, dort liegt auch das angesprochene Unterlinden-Museum, nur eine Viertelstunde Fußweg von der Rapp-Kaserne entfernt (GMaps).

Abb. 6: Halb zivil, halb militärisch - Kriegsgefangenenlager Colmar (aus 4) - Meinen Opa kann ich auf der Fotografie nicht erkennen, aber nahe liegend, daß er Ähnliches erlebte wie die hier Fotografierten 

Der Hintergrund der Haltung der Elsässer gegenüber den deutschen Kriegsgefangenen wird folgendermaßen erläutert (France24):

Die meisten Elsässer im wehrfähigen Alter, die „Malgré-nous“ (die Wehrpflichtigen), wurden zwangsweise in die deutsche Armee eingezogen. „Sie sind eine elsässische Mutter. Ihr Sohn trägt zwangsweise eine deutsche Uniform. Colmar ist befreit. Sie versteht sehr gut, was mit den deutschen Soldaten geschieht. Ich glaube, sie wollte nichts feiern“, resümiert der Historiker.

Der Isenheimer Altar in Colmar spielte auch für den wohl bekanntesten deutschen Kriegsgefangenen im Elsaß, für den deutsche Maler Otto Dix eine nicht geringe Rolle (Wintzenheim):

Der bekannteste Kriegsgefangene im KZ Colmar-Logelbach: Otto Dix (1891–1969). (...) Otto Dix wurde im Februar 1945 zum Volkssturm eingezogen. Er war in einem Bunker bei Bühl in Baden stationiert und geriet im April 1945 während des alliierten Vormarsches in Gefangenschaft. Über Baden-Baden und Straßburg erreichte er das KZ Colmar-Logelbach, das sich im ehemaligen Haussmann-Werk befand, das 1961 niederbrannte. Ein französischer Offizier aus Colmar zeigte ihm den Artikel „DIX“ in der Propyläen-Kunstgeschichte, woraufhin Dix Kontakt zu dem Maler Robert Gall aufnahm. Gall war bekannt für seine sakrale Kunst, darunter die vom Hortus Deliciarum inspirierte Dekoration, die sich noch heute auf dem Mont Sainte-Odile befindet. In Galls Atelier in Colmar, Rue Charles-Grad 12, entstanden die Skizze und das Triptychon „Madonna vor Stacheldraht und Trümmern mit Paulus und Petrus“ (Trippticon 1945). Zwischen den beiden Männern verband eine tiefe Freundschaft. Sie besuchten sich regelmäßig, um den Isenheimer Altar und die Madonna mit dem Rosenstrauch zu bewundern, die damals vorübergehend im Museum Unterlinden ausgestellt war.
Offiziell arbeitete Dix als Gärtner für die Familie Gall, doch sein Gastgeber nahm ihn auch mit ins kriegszerstörte Elsaß, zu den Ruinen des ehemaligen Colmarer Kessels, wo sie gemeinsam skizzierten. Parallel dazu fand Dix Arbeit bei der Karosseriebaufirma Dürr und Gangloff und fertigte spezielle Transparentfolien für die Befreiungsfeierlichkeiten an, die das Bildnis von General de Gaulle zeigten. In dieser Zeit holte Robert Gall Dix, ohne ihn namentlich zu erwähnen, zu Jess-Borocco, um das unvergessliche Plakat zur Feier der Wiedererrichtung des von den Nazis zerstörten Rapp-Denkmals zu gestalten. Ein seltenes und bewegendes Beispiel grenzüberschreitender kreativer Zusammenarbeit im schwierigen Kontext der unmittelbaren Nachkriegszeit, genauer gesagt – offiziell – zum ersten Jahrestag der Befreiung am 2. und 3. Februar 1946. In der Zwischenzeit fertigte der Kriegsgefangene Otto Dix Auftragsarbeiten an – Porträts und Landschaften der Vogesen –, die ihm ein relativ gutes, wenn auch nicht unglückliches Überleben bis zu seiner Befreiung und Rückkehr nach Deutschland, nach Hemmenhofen, im Februar 1946 ermöglichten.
Im Konzentrationslager Logelbach war Dix einer Künstlergruppe zugeteilt worden, deren Fortbestand vom Wohlwollen der französischen Behörden abhing. Hier liegt der Ursprung des Triptychons, dessen Skizze sich heute im Museum von Colmar befindet. Das gemalte Triptychon fand sofort einen Käufer und schmückte nie die katholische Gefangenenkapelle. Eine vereinfachte Version der zentralen Komposition wurde angefertigt; diese befindet sich heute in der Abtei Beuron im oberen Donautal. Das gemalte Triptychon hingegen befindet sich seit 1988 in Berlin, in der Wallfahrtskirche Maria Frieden (Bezirk Tempelhof, Ortsteil Mariendorf). Die Skizze begleitete Dix nach Hemmenhofen und kehrte erst nach seinem Tod 1969 nach Colmar zurück, als posthume Würdigung der Freundschaft zu Robert Gall, einem gebürtigen Colmarer.
Auszug aus den Memoiren des Bildhauers Hermann Berges (verstorben), der 1945/46 Kriegsgefangener in Colmar war:
Als Dix Teil der Künstlergruppe im Lager war, begannen die Vorarbeiten für den Altar der Kapelle. Fertiggestellt wurde jedoch nur das Marienbild. Die festen Seitentafeln wurden später von dem Maler Schober mit Kohle gezeichnet. Sie zeigten die Heiligen Petrus und Paulus in Gefangenschaft. Der unten abgebildete Holzschnitt zeigt die beiden Kohlezeichnungen von Schober an ihrem Platz.
Die vereinfachte Version der Madonna, die auf einem Kupferstich von 1946 zu sehen ist, ist signiert von W. Schick (einem weiteren Kriegsgefangenen und Künstler aus dem Lager Logelbach). Sie befindet sich heute in Beuron.
Ich selbst, Kriegsgefangener Hermann Berges, kehrte im Dezember 1945 krank ins Lager zurück. Als Bildhauer wurde ich Mitglied der Künstlergruppe. Otto Dix sowie die Feldgeistlichen beider Konfessionen hatten sich für mich eingesetzt. Schließlich wurde ich mit der Ausstattung der beiden Kapellen beauftragt.
Im Sommer 1946 wurde ich gebeten, eine Kopie von Dix’ Madonna anzufertigen. Es war wichtig, daß sich das Original nicht mehr im Lager befand.

Das "ehemalige Haussmann-Werk" (gouvfr) befand sich in der Haussmannstraße (rue Haussmann) in Logelbach, nur 2,3 Kilometer von der Rapp-Kaserne in Colmar entfernt (GMaps).

Dieser Blogartikel kann bei Gelegenheit weiter ergänzt werden.

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*) Wie viel kann in einem Blick liegen ...., ... wenn ein gerade in Kriegsgefangenschaft geratener deutscher Soldat, der bislang wußte, was er wollte und wie sein Auftrag lautete, einen ihn fotografierenden amerikanischen GI ansieht, einen amerikanischen Soldaten. "Fragende Reserviertheit" möchte man diesen Blick nennen. "Warum ausgerechnet gewinnt ihr den Krieg - und nicht wir", so mag die kopfschüttelnde Frage lauten, die in seinem Blick liegt. Und hinter diesem Blick liegt immer noch die stolze Haltung aus dem Jahr 1918: Daran, daß ihr etwa bessere Soldaten wäret als wir, daran liegt es gewiß nicht.

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  1. 1945 - Die Befreiung von Colmar, https://www.cheminsdememoire.gouv.fr/de/1945-die-befreiung-von-colmar [20.5.2023]
  2. Wolfgang Krebs. André Hugel, Eberhard Neher: Der Krieg im Elsass Ende 1944 und die sinnlosen Opfer (pdf) In: diess.: Wir waren Feinde: Elsässer, Deutsche, Amerikaner erinnern an die Kämpfe um die "Poche de Colmar" im Dezember 1944. Centaurus Verlag & Media 2015 (168 S.)
  3. J. Baumann: Chronique de la liberation de Thann. Extraits d'un Journal de guerre. 20.11.1944-5.2.1945. Erarbeitet bis zum 1. Dezember 1945 (pdf)
  4. Alois Bernkopf: Die zweite Rückkehr eines Kriegsgefangenen. Arbeitskreis Heimatgeschichte Mitterfels, 15. September 2014 (Heimatgeschichte2014)
  5. Schuften für den Erzfeind. Ein Film von Fabien Théofilakis und Philippe Tourancheau. Saarländischer Rundfunk 2017 (Yt2017)
  6. Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit Universität Mainz 1994 (Acad)
  7. Bading, Ingo: "Wer auf dem Tiger reitet, kann nicht absitzen" - Adolf Hitler angefeuert von Hellsehern und Astrologen. 2013 (Lulu

Samstag, 22. November 2025

Fritz Vater (1896-1969)

Seine historischen, völkischen Romane und Novellen

Der Schriftsteller Fritz Vater (1896-1969) wurde 1896 in Wiesbaden geboren (DNB). Er hat als junger Mann als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Lehrer. In der Zwischenkriegszeit wurde er auch Mitglied des "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes", sowie des "Jungdeutschen Ordens".

Abb. 1: Am Osterfeuer während einer Ludendorff-Tagung in Hasselborn im Taunus im Jahr 1956 - Von rechts: ein jugendlicher Teilnehmer, Oberst a. D. Walter Leon, (eine verdeckte Person), der Verleger Franz von Bebenburg, seine Ehefrau Ingeborg von Bebenburg (die älteste Tochter Mathilde Ludendorffs), der Schriftsteller Fritz Vater (hinter Ingeborg von Bebenburg), eine jugendliche Teilnehmerin

Anläßlich seiner Totenfeier wurde über Fritz Vater ausgeführt (1):

Nachdem er als Lehrer in seinem Beruf Fuß gefaßt hatte, hatte er 1921 mit Gertrud Würker die Ehe geschlossen. Seine Frau war vordem selbst Lehrerin gewesen. Der Ehe entwuchsen drei Kinder, ein Sohn und zwei Töchter.
Fritz Vater ist dann 1933 der NSDAP beigetreten und übernahm ab 1937 Schulungsaufträge im Rahmen der Hitlerjugend (1):
Als ihm 1937 die Möglichkeit geboten wurde, nach Frankfurt zu übersiedeln, ergriff er sie und übernahm dort auch eine Aufgabe, die ihm von seiten der Hitlerjugendführung angeboten wurde: ein Referat für Vorgeschichte innerhalb der Bannführung. "Die Aufgabe (...) schloß gleichzeitig die Möglichkeit in sich, mit führenden Männern der Museen und der praktischen Forschung Fühlung zu gewinnen und so meine eigenen Kenntnisse zu erweitern." Wegen dieser Tätigkeit und seiner (...) Mitgliedschaft bei der NSDAP entfernte man ihn 1945 aus dem Schuldienst. (...)

Schon unter dem Eindruck seiner Enttäuschungen über das nationalsozialistische Geschichtsbild, das ab 1933 plötzlich den Franken Karl zum Heros erhob, hatte Fritz Vater in den Jahren 1935 bis 1937 ein Werk über Karls Gegner Widukind verfaßt, eine "Saga vom Heldenkampf der Niedersachsen", das 1938 erschien. 1939/40 beendete er die Arbeit an "Herr Heinrich - Die Saga vom ersten Deutschen Reich". (...) Sein Referat in der HJ hatte ihn auch mit Prof. Bernhard Kummer in Verbindung gebracht, dessen Forschungen ihn in seinen Auffassungen bestärkten. Um so freudiger wandte er sich in der Zeit der erzwungenen Muße nach dem Zweiten Weltkrieg der Anregung Bernhard Kummers zu, die Sagaüberlieferung des Nordens über Siegfried mit den Berichten der römischen Geschichtsschreiber über Arminius zu verbinden und über Sigfried-Armin eine gleiche Saga zu schreiben wie über Weking-Widukind und Heinrich I.. Diese "Saga von Germaniens Befreiung" erschien 1953 im Verlag Hohe Warte. (...)

In den nun folgenden Jahren trat Fritz Vater in immer engere Verbindung zur Ludendorff-Bewegung und zum Verlag Hohe Warte. (...) Schließlich entsprach er der Bitte, Vorträge aus dem Gebiete seines großen Wissens zu halten und an Geschichtstagungen mitzuwirken. Die jungen Leute, die daran teilnahmen, und auch die Älteren, waren hingerissen und begeistert. So waren die nächsten Jahre ausgefüllt mit vielen Vortragsreisen und Tagungen. (...)

So verbrachte er noch vier Jahre als Lehrer an der Schule in Frankenberg, bis er sich vorzeitig pensionieren lassen konnte. Frische Kräfte erfüllten ihn, getreu einem Wort aus seinem "Herr Heinrich": "Es ist erst früh am Tage und die Sonne geht noch lange nicht unter."

Die historischen Romane und Novellen von Fritz Vater erfuhren auch innerhalb der Ludendorff-Bewegung und von Seiten Mathilde Ludendorffs selbst große Wertschätzung. Irgendwo erwähnt sie in ihren Briefen wohl, daß sie abendlich aus den Werken von Fritz Vater vorgelesen hat in ihrer kleinen Hausgemeinschaft mit ihrer Schwester Frieda Stahl und der Haushälterin Kruse.

Uns ist bislang nur eine Fotografie von Fritz Vater bekannt geworden (s. Abb. 1). Sie entstand auf einer Ostertagung der Ludendorff-Bewegung, die durch den Verlag Hohe Warte organisiert worden ist. Sie fand statt in Hasselborn (Wiki). Hasselborn liegt 20 Kilometer südlich von Wetzlar einsam inmitten der Wälder des Hintertaunus. Vielleicht war die Örtlichkeit von Fritz Vater ausgewählt und vorgeschlagen worden, der ja längere Zeit in Frankfurt am Main gelebt hatte.

In seinen letzten Lebensjahren entstanden auch noch die Novellenbände "Das Volk" und "Das Reich". Durch den Lehrer und Historiker Fritz Köhncke (1934-2023) sind noch in den 1980er und 1990er Jahren Lesungen aus diesen Novellenbänden zu echten Feierstunden geworden. Etwa die Lesung der Novelle über ein denkbares Gespräch zwischen der Gotenkönigin Amalaswintha und dem Gotenkönig Wittich. Wir erfahren außerdem (1):

Diesen beiden Bänden sollte noch der Band "Der Genius" folgen, in welchem Fritz Vater die entscheidenden Ereignisse im geistig-kulturellen Bereich in historischen Novellen gestalten wollte. Über diesem Vorhaben, das ihn bis zuletzt lebhaft beschäftigte, ist er gestorben.

Aus dem Nachlaß wurden in den Folgejahren noch einige Schriften und Aufsätze veröffentlicht, darunter der Aufsatz "Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden?", der Vortrag "Friedrich Schiller als Staatsmann", die Schrift "Hauptprobleme des Bismarck-Reiches (1871-1918)", sowie eine Besprechung des zweibändigen Werkes von Adolf Helbok "Deutsche Volksgeschichte" unter dem Titel "Der Weg des deutschen Volkes und die geschichtliche Wahrheit", sowie der Vortrag "Die Kulturkrisen der zwanziger und dreißiger Jahre" (mehr dazu siehe Literaturverzeichnis).

Zum Nachlaß Fritz Vaters

Wie schon vor Jahren zu erfahren war, lebte Fritz Vater gegen Ende seines Lebens im Zwist mit seiner Ehefrau. Er war auch krank. Deshalb lebte er bei Gunther Duda (1926-2010) in Dachau, dem nachmaligen langjährigen Vorsitzenden des "Bundes für Gotterkenntnis". Auf diese Weise ist der Nachlaß von Fritz Vater 1969 in den Besitz von Gunther Duda gelangt. Er befand sich zumindest vor zwölf Jahren noch im Besitz der Erben von Gunther Duda.

In diesem Nachlaß befanden sich auch unvollendete Buchmanuskripte. Obwohl nun diese Erben diesen Nachlaß von Gunther Duda vor zwölf Jahren gerne an das Ludendorff-Archiv in Tutzing abgegeben hätten, sah der Verein Ludendorff-Gedenkstätte es nicht als seine Aufgabe an, sich um solche Nachlässe zu kümmern. Wie weiterhin vor zwölf Jahren zu erfahren war, war zwischenzeitlich auch ein Teil des Nachlasses von Fritz Vater durch Wasserschaden vernichtet worden.

Warum Gunther Duda und seine Erben den Nachlaß von Fritz Vater seit 1969 der Auswertung insgesamt nicht breiter zugänglich gemacht haben, ist nicht nachvollziehbar. Kamen sie damit einem Wunsch von Fritz Vater nach? Jedenfalls ist der unwiderbringliche Verlust solcher unausgewerteten Nachlässe unverzeihlich.

1971 schrieb Duda einen Gedenkartikel auf Fritz Vater. Und offenbar aus dem Nachlaß veröffentlichte Gunther Duda noch 1974 eine Buchbesprechung von Fritz Vater in der Zeitschrift "Mensch & Maß".

/ Entwurf: 26.9.2013 /

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  1. Köhncke, Fritz; v. Bebenburg, Franz: Worte zur Totenfeier für Fritz Vater (1896-1969) In: Mensch und Maß, Folge 22, 23.11.1969, S. 1040-1052
  2. Vater, Fritz; Wehmeyer, Wolfgang (Musik): Parzivals Heimkehr. Ein tragisches Spiel in einem Aufzug. Eduard Bloch Verlag Berlin o.J. (Nachwort von Fritz Vater: Biedenkopf 1927) [Norddeutsche Laienspiele, hrsg. v. Erich Scharff, Heft 5]
  3. Vater, Fritz: Balzar von Flammersfeld : Heimatsp. in 5 Aufz. nach d. Roman von Dr. C. Spielmann. Bearb.. Kaesberger, Westerburg 1933 (88 S.) /vorhanden?/
  4. Vater, Fritz: Weking. Die Saga vom Heldenkampf um Niedersachsen. Verlag Franz Eher Nachf., Berlin 1938 (3. Aufl., 16. - 30. Taus.), 1944 (6. Aufl., 46. - 55. Tsd.); Verlag Hohe Warte, Pähl 1954
  5. Vater, Fritz: Herr Heinrich. Die Saga vom ersten Deutschen Reich. Verlag Franz Eher Nachf., Berlin 1941, 1942 (11. - 20. Tsd.), 1943 (21. - 30. Tsd.) (524 S.) /vorhanden?/; mit zahlr. Federzeichnungen von Hans-Günther Strick. Verlag Hohe Warte, Pähl 1955, 1963
  6. Vater, Fritz: Sigfried. Die Saga von Germaniens Befreiung. Verlag Hohe Warte, Pähl 1953, 1961, 1963
  7. Vater, Fritz: Die Zerstörung der Irminsul. Eine Studie zum Feldzug des Jahres 772. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (31 S.)
  8. Vater, Fritz: Das Reich. Geschichtliche Novellen aus zwei Jahrtausenden. Franz von Bebenburg, Pähl 1961, 1963 (209 S.)
  9. Vater, Fritz: Das Volk - der geschichtlichen Novellen - Novellen aus zwei Jahrtausenden. Zweiter Band. Franz von Bebenburg, Pähl 1964
  10. Engelhardt, Eberhard: Beweisanträge vom 25. Januar 1965. In: Der Rechtsstreit. Dokumente der Gegenwart XIV, verlegt bei Franz von Bebenburg, Pähl 1965
  11. Seifert, Gerhard: Nachruf für den Saga-Erzähler Fritz Vater. In: Deutsche Wochenschau, 2. 1. 1970, nachgedruckt in MuM 9.3.1970, S. 233f
  12. Vater, Fritz: Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden? (aus dem Nachlaß hrsg. von Fritz Köhncke). Franz von Bebenburg, Pähl 1970 (64 S.)
  13. Freymark, Gertraude: Fritz Vater: Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden? In: Mensch & Maß, Folge 10, 23.5.1971, S. 456 - 462 
  14. Vater, Fritz: Friedrich Schiller als Staatsmann. Vortrag gehalten Ostern 1960 auf der Geschichtstagung des Verlages Hohe Warte in Österreich. In: MuM, Folge 15, 9.8.1971, S. 677-697
  15. Duda, Gunther: Ein Leben für sein Volk. Fritz Vater zum 75. Geburtstag. In: Mensch und Maß, Folge 24, 23. 12. 1971, S. 1110–1117 
  16. Vater, Fritz: Hauptprobleme des Bismarck-Reiches (1871-1918). Verlag Hohe Warte, Pähl 1972 (64 S.)
  17. Vater, Fritz: Der Weg des deutschen Volkes und die geschichtliche Wahrheit. Gedanken zu einem notwendigen und mutigen Buch. In: Mensch & Maß, Folge 5, 9.3.1974, S. 197-206 [zu Adolf Helbok "Deutsche Volksgeschichte", 2 Bände]
  18. Vater, Fritz: Die Kulturkrisen der zwanziger und dreißiger Jahre. Vortrag aus dem Jahre 1965. In: Mensch & Maß, Folge 9, 9.5.1974, S. 385-399
  19. Traueranzeige für Fritz Köhncke 1934-2023. Flensburger Tagblatt 21.1.2023 (FlsTgbl)

Sonntag, 31. August 2025

Jean-Paul Laurens (1838-1921) - Maler und Ankläger

Ankläger der Verbrechen der Kirchengeschichte
- Zugleich ein glühender Anhänger der französischen Republik 

Der französische Maler Jean-Paul Laurens (1838-1921) (WikiMeisterdr, Artveewar ein glühender Anhänger der französischen Republik. Er steht als solcher der düsteren Zelotenmacht der katholischen Kirche mit voller Anklage gegenüber. Seine Werke sind entstanden aus flammender Empörung gegen die viele hundert Jahre andauernden Geistesknechtung durch die katholische Kirche. Laurens kann vielleicht dem deutschen Historiker Johannes Scherr (1817-1886) (Wiki) an die Seite gestellt werden, der - ebenfalls glühender Republikaner - in seinen historischen Darstellungen die Willkürherrschaft der katholischen Kirche und die christliche Bigotterie, wie sie sich in so vielen Formen durch die Jahrhunderte hindurch geltend gemacht hat, grell heraus stellt, geißelt und in Erinnerung hält

Abb. 1: Satan und der Engel der Freiheit, 1888

Beider Werke wecken Entsetzen und Abscheu gegenüber den Verbrechen der katholischen Kirche. 

Wie Laurens die Welt insgesamt gesehen hat, wird in der Zeichnung aus Abbildung 1 deutlich: Die Freiheit steht in schwerem Ringen mit den satanischen Kräften der Weltgeschichte. Aus dem Gesicht der Freiheit spricht keineswegs Triumph. Es spricht aus ihrem Gesicht: Erschöpfung und tiefes Leid. Nicht anders war auch der Blick des Ehepaares Ludendorff auf das Geschehen der Vergangenheit und Gegenwart. Zumindest Laurens und das Ehepaar Ludendorff haben früh erkannt, sie sehr der sogenannte "Fortschrittsoptimismus" von "Revolutionären" und "Republikanern" zugleich von dunklen Mächten gefährdet und infrage gestellt ist! 

Eine ähnliche Sicht auf die Welt findet sich in der Zeichnung "Der Erzengel Michael und Mephistopheles" (Abbildung 12). Mephistopheles argumentiert vor dem Erzengel leichtfüßig und "diabolisch", so möchte man meinen. Der Erzengel Michael hört erschöpft, skeptisch, nachdenklich und ungläubig zu.Er ist bereit, sofort wieder das Schwert zu erheben - in Abwehr. Aber er tut es ungern und letztlich schon erschöpft von all dem von Mephistopheles vorgetragenen Wahn und der vorgetragenen Verwirrung.

All das geschieht zu Füßen Gottes.

Um die Kunstwerke von Jean-Paul Laurens zu verstehen, ist aber fast immer eine historische Erläuterung notwendig. Sonst sieht man sie eher verständnislos an.*)

Abb. 2: Am Totenbett des Generals Marceau - Der österreichische Generalstab besucht das Sterbebett des französischen revolutionären Generals François Séverin Marceau-Desgraviers im Alter von 27 Jahren, am 21. September 1796. Nach dem Gemälde von J.P. Laurens von 1877

Ein Zeugnis dafür, wie sehr Laurens glühender Republikaner war, ist sein Gemälde "Der österreichische Generalstab besucht das Sterbebett des französischen revolutionären Generals François Séverin Marceau-Desgraviers 1796". Marceau hatte beim Kampf gegen den Aufstand in der Vendée mitgekämpft. Er war hierbei rasch in der militärischen Hierarchie aufgestiegen. Über den 27-jährigen General Marceau lesen wir (Wiki):

Welcher Respekt Marceau auch von seinen Gegnern entgegengebracht wurde, zeigen ihre außergewöhnliche Anteilnahme an seinem Tod und ihre Ehrenbekundungen bei seiner Bestattung in Koblenz am 25. September, die von den Franzosen aufmerksam gewürdigt wurden.

Laurens greift diese Respektbezeugung in seinem Kunstwerk heraus. Es wird durch diese Themenwahl seine heilige Begeisterung für die Sache der Revolution und der Republik, sowie ihrer Verteidiger deutlich. Laurens bekundet mit diesem Werk sich selbst als ein entschieden politischer Maler und Künstler. 

Abb. 2: Die Einsamkeit eines mittelalterlichen Herrschers nach seiner Exkommunikation durch die Kirche ("Exkommunikation von Robert dem Frommen", 1875)

Immer wieder sucht sich Laurens als eines seiner Hauptthemen das erschütternde Aufeinandertreffen von "geistiger" und weltlicher Macht in der Geschichte heraus. Er wählt immer wieder Szenen, in denen religiöse Zeloten auf weltliche Herrschaft treffen, Szenen, in denen die weltliche Macht in schwerster Weise angegriffen wird, infrage gestellt wird, gedemütigt wird.

Seine Gemälde fordern zu flammender Empörung gegenüber einem solchen Geschehen auf. 

Indem wir uns diese Dinge vor Augen führen, kommt in uns die Frage auf, wie ein so ruhiger Maler idyllischer Tierdarstellungen wie Hermann Eißfeldt (1875-1929) (WikiCom) dazu kommt - wohl um 1900 herum - in die Lehre zu gehen bei einem politisch so engagierten Historienmaler in Paris wie Jean-Paul Laurens (Stgr2025).

Wir wissen es vorerst nicht, werden aber aufgrund der Kenntnisnahme dieses Umstandes dazu veranlaßt, uns mit dem Werk von Jean-Paul Laurens ausführlicher zu beschäftigen. Da sich die Wahl der Themen der Hauptwerke von Jean-Paul Laurens vom Tenor und von ihrer Ausrichtung her vollständig deckt mit der Kirchenkritik der Ludendorff-Bewegung des 20. Jahrhunderts, paßt ein Beitrag über Jean-Paul Laurens inhaltlich sehr gut auf diesen Blog. 

Abb. 3: Jean-Paul Laurens, fotografiert von Paul Nadar

In einem seiner ersten betont kirchenkritischen Gemälde aus dem Jahr 1875 sehen wir dargestellt die Einsamkeit eines Herrschers nach seiner Exkommunikation durch die Kirche (s. Abb. 2).

Das Gemälde stellt König Robert II. den Frommen (972-1031) (Wiki) dar. Dieser wurde von Papst Gregor V. exkommuniziert, weil er eine Ehe eingegangen war, die kirchlich als unrechtmäßig galt (Wiki):

Roberts zweite Ehe führte zu Komplikationen mit dem Klerus, denn er stand als Cousin zweiten Grades in zu naher Verwandtschaft zu Bertha. Ihre gemeinsamen Urgroßeltern waren König Heinrich I. (der Vogler) und Mathilde von Sachsen.

Diesem Robert erging es also ähnlich wie zahlreichen anderen mittelalterlichen Königen. Laurens zeigt den König in seinem Gemälde vereinsamt, isoliert. Finstere Kleriker verlassen seinen Königspalast und Königsthron, nachdem sie ihm gegenüber die Exkommunikation ausgesprochen haben. Um den König legt sich Einsamkeit, dargestellt durch den weiten, leeren Raum des Palastes, der ihn umgibt. Die Szene ist ein Sinnbild für die Zeloten-Macht der katholischen Kirche, die Königen den Nacken beugt.

Das Bild löst Entsetzen aus beim Betrachter.

Abb. 4: Ein Zelot eifert gegen die mächtige Kaiserin von Byzanz ("Die Kaiserin Eudoxia", 1883) - Musée des Augustins, Toulouse

Als Deutscher fühlt man sich bei den Gemälden von Jean-Paul Laurens immer wieder an den Investiturstreit der deutschen Kaiser erinnert, insbesondere an den "Bußgang nach Canossa" des deutschen Kaisers Heinrich IV.. Aber auch an so viele andere, vergleichbare Geschehnisse. Wir fühlen uns natürlich auch erinnert an den flammenden Protest des Martin Luther gegen diese Geistesknechtung durch die katholische Kirche. Aber Laurens wählt nun vorwiegend Geschehnisse, die insbesondere für Deutsche viel weniger bekannt sind, die aus der französischen oder englischen Geschichte stammen oder die noch weiter zurück liegen. 

Ähnliche Gefühle löst er aus mit seinem Gemälde "Die Kaiserin Eudoxia". Das Gemälde stammt von 1883 (Abb. 4). Es behandelt ein Geschehen aus der Geschichte von Byzanz. 

Kaiserin Aelia Eudoxia (gest. 404) ist die Gemahlin des oströmischen Kaisers Arkadios. Sie gerät in den schwersten Konflikt mit dem Patriarchen Johannes Chrysostomos. Dieser kritisiert ihre Hofverschwendung und ihren Einfluß. 403 läßt sie den Patriarchen durch ein Konzil absetzen. Sie läßt ihn verbannen. Aber in der geschichtlichen Erinnerung behält die Kirche den Sieg: Denn kurz darauf stirbt sie. Laurens will mit seinem Gemälde sagen: Sie ist am Haß eines Zeloten zugrunde gegangen. Dieser Haß hat noch aus der Verbannung und aus der Ferne weiter wirkt.

Abb. 5: Ein Mönch vor dem Inquisitionstribunal ("Bernard Délicieux vor dem Inquisitionstribunal")

In der kirchlichen Überlieferung wurde das Schicksal dieser Kaiserin als Beispiel für Hochmut und Vergänglichkeit weltlicher Macht angeführt. Laurens stellt einerseits die Pracht weltlicher Herrschaft dar, andererseits die Düsternis und Bedrohung durch einen religiösen Fanatiker und seinen Anhang. Das Gemälde löst Entsetzen aus.

Auch die Aussage des Gemäldes in Abbildung 5 benötigt Erläuterung: Bernard Délicieux (um 1260-1320) (Wiki) war ein Franziskaner in Carcassonne und im Langeudoc. Er hat Verurteilungen durch die Inquisition infrage gestellt, da sie auf erfundenen Informantenberichten beruhen würden. Er wandte sich an den König, um die Auflösung der Inquisition zu fordern.

Schließlich wurde er aber umgekehrt unter Papst Johannes XXII. selbst vor das Inquisitionstribunal gestellt. Er wurde angeklagt der Aufwiegelung und der Ketzerei. Auf dem Gemälde steht er barfüßig, seine Hände sind am Rücken gebunden. Das Seil, das an der Decke befestigt ist, ist Teil einer Foltermaschinerie, mit der gedroht wird. 

Laurens zeigt Bernard Délicieux menschlich, in Einsamkeit, doch ruhig und aufrecht. Er steht vor den finsteren Richtern der Inquisition.

1319/20 ist er zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt worden. In dieser ist er kurz darauf gestorben, wohl aufgrund der vorausgehenden Folterungen. 

Délicieux ist das Symbol fast machtlosen, ohnmächtigen Widerstands gegen die Willkürherrschaft der Kirche. Der Betrachter ruft in seinem Innern: Nie wieder. So etwas darf nie wieder Wirklichkeit sein. Der Betrachter ist flammend empört über so viel Unrecht und verwegene Bosheit von Seiten der Kirche.

Abb. 6: Ein Mönch gegenüber geistigen Würdenträgern - ("Der Agitator des Langeudoc")

Im Gemälde in Abbildung 6 ist erneut dargestellt ein Mönch des Languedoc während des frühen 14. Jahrhunderts. Er stellt sich gegen die Willkür der Inquisition. Vielleicht ist hier ein weiteres mal Bernard Délicieux dargestellt, der in Carcassonne und Albi gegen die Dominikaner-Inquisition auftrat. Er ist in diesem Gemälde noch nicht gefangen gesetzt. Zornig, flammend empört weist er die kirchlichen Würdenträger auf das hohnsprechende Unrecht hin, das im Land geschieht. 

Die Gemälde des Laurens belehren über die Geschichte. Sie lassen Fragen entstehen, sie wecken Interesse für die Jahrhunderte lange Kirchengeschichte. Diese vollzog sich in Frankreich ähnlich erschütternd wie in Deutschland und wie sie sich in allen Ländern vollzieht, in denen die katholische Kirche herrscht. Bei ihrer Herrschaftsausübung nutzt die katholische Kirche den immensen finanziellen Reichtum, über den sie verfügt, sie hetzt Staaten und Regierende in Kriegen aufeinander, um an der Vernichtung der Ketzer und selbstbewußter Freidenker und ihrer staatlichen und familiären Strukturen zu arbeiten. 

Heute wie eh und je. 

Abb. 7: Ein Humanist ("Ein Florentiner")

In dem Gemälde "Ein Florentiner" stellt Laurens das bürgerliche Selbstbewußtsein dar, das in der Zeit der Renaissance entstand. Er stellt es dar als Gegenbild zum finsteren Zelotentum des Mittelalters, das mit der Renaissance in Florenz zum ersten mal nachhaltig und sieghaft überwunden wird.

Der dargestellte Florentiner wirkt entschlossen. Er wirkt entschlossen, der Finsternis des Mittelalters ein Ende zu bereiten.

Das Gemälde erinnert auch an Renaissance-Porträts etwa eines Albrecht Dürer in Deutschland.

Abb. 8: Als Jesuit "nie wieder einem sterblichen Herren dienen" - Franz von Borgia vor der Leiche der Kaiserin Isabella von Portugal

In dem Gemälde "Franz von Borgia vor der Leiche der Kaiserin Isabella von Portugal" gibt Laurens eine äußerst wesentliche geschichtliche Belehrung, vielleicht die wesentlichste seines ganzen Werkes. Das Gemälde stellt eine Szene aus den Gründerjahren jener geschichtlichen Kraft dar, die sich als Gegenkraft zu Renaissance, Humanismus, Protestantismus und Freidenkertum bildete, nämlich der Psychosekte des Jesuitenordens

Schwur über einer Leiche, "nie wieder einem sterblichen Herrn zu dienen"

Der dargestellte Franz von Borgia sollte der dritte General des Jesuitenordens werden. Er war geboren worden als ein Herzog von Gandía. Seine Bekehrung zum Jesuitenorden soll sich vollzogen haben, als dieser Franz von Borgia 1539 den Leichnam der jungen Kaiserin Isabella von Portugal, der Gattin des Kaisers Karl V., nach Granada überführen sollte. Er mußte hierzu, so lautet der Bericht, den Sarg öffnen, um ihren Körper zu identifizieren. Beim Anblick der entstellten Leiche soll er stark erschüttert gewesen sein, so daß er geschworen haben, „nie wieder einem sterblichen Herrn zu dienen“.

Dies sei das Schlüsselerlebnis für seinen Eintritt in den Jesuitenorden gewesen.

Laurens erschüttert und belehrt den Betrachter: Die Jesuitenorden dient keinerlei sterblichen Herren, er ist "überstaatlich". Er verweigert diesem den Gehorsam. Und er schwört dies - - - beim Anblick von verwesten Leichen. Und er sieht künftig in "sterblichen Herren" schon verweste Leichen.

Laurens stellt hier die ganze Abartigkeit des Jesuitenordens zur Schau.

Abb. 9: Die Rache von Papst Urban VI. (1318-1389) - Er foltert und tötet seine eigenen Kardinäle - Gravur von Laurens

In der Gravur aus Abbildung 9 wird dargestellt wie ein Papst des 14. Jahrhunderts seine eigenen Kardinäle foltern und ermorden ließ.

Abb. 10: Die ausgegrabene Leiche eines gestorbenen Papstes wird von einem lebenden Papst angeklagt 

In dem Gemälde aus Abbildung 10 ist die päpstliche "Leichensynode" dargestellt, die im Jahr 897 stattgefunden hat. In dieser ließ ein Papst die Leiche seines Vorgängers ausgraben und vor Gericht stellen (Wiki). Wie abartig, wie grauenvoll: Eine Leiche als Papst und außerdem noch angeklagt. Es ist dies das erste der großen antiklerikalen Historienbilder des Jean-Paul Laurens. Es entstand im Jahr 1870.

Abb. 12: Jean-Paul Laurens - Der Erzengel Michael und Mephistopheles

Laurens hat sich in seinen späteren Lebensjahren auch mit der Geschichte der Merowinger-Könige beschäftigt. Dafür hat er Vorstudien zu Gemälden angefertigt, so etwa eine Studie betitelt "Das Warten einer Merowinger-Königin". Auch diese Königin wirkt nicht sieghaft, sie wirkt nachdenklich, traurig.

Abb. 13: Das Warten einer Merowinger-Königin (1910)

Jean-Paul Laurens hatte am Anfang seines Schaffens noch Themen aus der Antike gewählt wie etwa "Der Selbstmord des Cato" oder "Der Tod des Tiberius". Ab 1870 hat er sich dann sehr häufig Themen der Kirchengeschichte angenommen.

Abb. 14: Der Papst und der Inquisitor, auch genannt "Sixtus IV und Tomas de Torquemada"

Der spanische Großinquisitor Torquemada (1420-1498) (Wiki) ist mindestens zwei mal Gegenstand seiner Kunst. 

Laurens stellt ihn dar, wie er mit düsterem Blick dem Papst Sixtus IV. seine blutrünstigen Pläne vorlegt (Abb. 14).

Abb. 15: König Ferdinand II. und Isabella von Spanien unterwerfen sich dem spanischen Großinquisitor Torquemada (1888)

Und Laurens stellt die Unterwürfigkeit des Königs Ferdinand II. und seiner Ehefrau Isabella von Spanien gegenüber dem Großiniquisitor Torquemada dar. Die "geistige" Macht herrscht über die weltliche Macht.**)

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*) Wir haben uns die Grundgedanken der Gemälde von Jean-Paul Laurens durch ChatGPT erläutern lassen, haben diese Grundgedanken aber mit eigenen Worten neu geschrieben und charakterisiert. Denn ChatGPT formuliert diesbezüglich allzu "formelhaft".
Abb. 16: "Es lebe der König!" - Die Tochter des Generals Bonchamps (1893)
**) Eine Anregung, sich mit dem vielfältigen Geschehen rund um die Französische Revolution und den Aufstand gegen diese zu beschäftigen, stellt auch das Gemälde von Laurens dar "Es lebe der König!" (Abb. 16) In diesem steht die kleine Tochter des schon gefallenenen Vendée-Generals Bonchamps (Wiki) vor dem Revolutionsgericht. Indem man sich mit dem Leben dieses Generals beschäftigt, erhält man viele Einblicke in die Ereignisse rund um diesen blutigen Bürgerkrieg in der Vendée. 1793 wurde er in der Schlacht tödlich verwundet und starb. Seine Ehefrau Madame de Bonchamps (Wiki) veröffentlichte 1821 ihre Memoiren. Sie berichtet, wie sie die Armeen der Aufständischen in der Vendée auch nach dem Tod ihres Mannes weiterhin zusammen mit ihren beiden Kindern begleitete. Sie berichtet, wie ihr Sohn während dieser Zeit an den Pocken starb. Sie berichtet, wie sie nach der Niederschlagung des Aufstandes verhaftet und zum Tode verurteilt wurde. Da sie selbst ebenso wie ihr Ehemann während des Krieges wiederholt die Erschießung von Gefangenen verhindert hatten, wurde von diesen ehemaligen Gefangenen eine Petition eingereicht, um ihre Begnadigung zu erreichen. Da das Revolutionstribunal aber mit der Begnadigung zögert, sendete sie ihre Tochter.
Das Gemälde von Laurens stellt nun jene Szene dar, in der Richter das Kind lächelnd baten, ihnen das „schönste Lied, das sie kenne“ vorzusingen, bevor sie ihr die Begnadigungspapiere aushändigen würden. Als das Mädchen zu ihrer Überraschung begann, voller Inbrunst ein Aufständischen-Lied zu singen (ein "Chouan-Lied") mit dem Refrain „Vive le Roi, à bas la République“, hören diese, einigermaßen durch den Bürgerkrieg abgebrühten Leute doch voller Nachsicht zu. Vielleicht auch mit der Ahnung, daß das alte Regime und seine Anhänger nicht tot zu kriegen sind. Das Begnadigungsschreiben wurde ihr trotzdem aushändigt. (Die zeitgleichen Aufständischen in der Bretagne nannten sich "Chouans" - siehe Wiki.) Das Gemälde vermittelt die Erkenntnis, daß in einem Bürgerkrieg wie diesem die Wahrheit nicht nur auf einer Seite liegt.

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