"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Samstag, 27. Juni 2026

"Am Ende marschieren sie alle in dieselbe Richtung"

"Westdeutsche Historiker sind nicht sehr originell"

Im Jahr 2023 ist an der Universität Düsseldorf die fast 300 Seiten umfassende Doktorarbeit "Der 'Feldherr" als Publizist" von Matthias Fahrenwaldt erschienen (1).

Und unser holdseliges Jahr 2026 hat uns schon im Februar mit der Tatsache beglückt, daß dieses Werk nun auch in englischer Sprache erschienen ist (2). Allerdings sei frei eingestanden: wir sind ziemlich irritiert - ziemlich, wenn wir nach der Durchsicht der deutschsprachigen Ausgabe dieses Buches (die frei zugänglich ist) im Vorwort zur englischsprachigen Ausgabe die folgenden holdseligen Worte lesen (2):

... Jedoch: die Geschichtswissenschaft wäre gewiß bloß eine Ansammlung von Chronisten, gäbe es nicht jene Historiker, die sich - geleitet von intellektueller Neugier und auf der Basis transdisziplinärer Ansätze - dadurch auszeichnen, daß sie gegen die herrschende Lehrmeinung denken. Neben dem Trend zur Internationalisierung in den Geisteswissenschaften und der Offenheit für multiperspektivische Ansätze ist dies ein wichtiger Impuls, um sich von jener Fessel zu befreien, die Heinz Maier-Leibnitz, der damalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 1979 gegenüber dem Magazin "Time" beschrieb: „In Amerika muß man anders sein, um akzeptiert zu werden. Westdeutsche Wissenschaftler sind nicht sehr originell. Sie gehen keine Risiken ein. Sie beobachten, was die anderen tun, und am Ende marschieren sie alle in dieselbe Richtung.
... But history would be a mere guild of chroniclers if it weren’t for historians who, pursuing transdisciplinary approaches and driven by intellectual curios ity, distinguish themselves by thinking against the received wisdom. Alongside a trend toward internationalization in the humanities and the embrace of approaches that incorporate multiple perspectives, this is an important stimulus for throwing off the constraint that Heinz Maier-Leibnitz, then the president of the German Research Foundation, described to Time magazine in 1979: “In America, you have to be different to be accepted. West German scientists are not very original. They don’t take risks. They watch what the others are doing, and in the end they all march in the same direction.” 

Wie gesagt, unsere Irritation kann nicht größer sein. Das wären doch alles Worte, die man nicht zur Lobpreisung dieses Buches vorbringen könnte, sondern vielmehr zu seiner Kritik. - "Gegen die herrschende Lehrmeinung"? Dieses Buch? Dieses Buch? Dieses Buch beobachtet nicht, "was die anderen tun"? Dieses Buch marschiert nicht - wie alle anderen - "in dieselbe Richtung"? Haben der Verfasser dieses Vorwortes und der Verfasser dieser Zeilen dasselbe Buch gelesen?   

Eine Doktorarbeit aus dem Jahr 2023

Sollen hier unterschwellig Scherze gemacht werden mit der Leserschaft? 

Oder ist der Kompaß des Verfassers dieses Vorwortes um so viele Mikro-Grade genauer, daß er - doch noch - unterschiedliche Richtungen erkennen kann? Er muß wahrlich ein Wunderstück an Kompaß  besitzen, um hier eine andere Richtung feststellen zu können. Wir können nur unsere ganze Hochachtung zum Ausdruck bringen über ein solches Wunderstück an Kompaß.

Aber so groß auch immer unsere Irritation sein mag: Die von uns zitierten Worte dieses Vorwortes sind - soweit wir das erkennen können - die einzigen nennenswerten, zitierenswerten in diesem ganzen, fast 300-seitigen Buch, erschienen beim renommierten DeGruyter-Verlag. So erschreckend uns dieser Umstand auch erscheinen mag, so daß wir fast zögern, ihn niederzuschreiben.

"Die Quellenlage scheint eher dünn zu sein ..."

Dennoch eine - allerdings wirklich nur kleine - inhaltliche Anmerkung: Ab der Seite 194 der deutschsprachigen Ausgabe wird die Anti-Ludendorff-Schrift des Hitler-Anhängers Georg Ahlemann "Der Nationalsozialismus in Abwehr" aus dem Jahr 1930 auf fünf Seiten behandelt. Hier auf dem Blog war diese Schrift schon vor 15 Jahren Thema, weil wir damals eine neue Quelle entdeckt hatten, um sie historisch einzuordnen (Stgr2011). Deshalb müssen wir nun wirklich aufhorchen, wenn die genannten fünf Seiten eingeleitet werden mit den Worten (1, S. 195):

Die Quellenlage zu Georg Ahlemann scheint eher dünn zu sein.

Aha. Sollte da nicht lieber gesagt werden: "Die Recherchearbeiten des Autors Matthias Fahrenwaldt scheinen eher dünn zu sein" - ? 

Während der Recherchen zu einer so umfassenden Doktorarbeit ist Matthias Fahrenwaldt also offenbar kein einziges mal im Internet auf den vorliegenden Internetblog gestoßen - ? Wir finden jedenfalls in seiner Arbeit keinerlei Hinweise, daß er auf den vorliegenden Blog gestoßen sein könnte. (Und sei es auch nur, um ihn danach nicht zu nennen - so etwas gibt es ja auch ...)

Woran mag das liegen? Wenn wir am heutigen Tag im Inkognito-Modus "georg ahlemann ludendorff" googeln, erscheint unser Blogartikel aus dem Jahr 2011 an sechster Stelle unter den Google-Treffern. Wenn wir nur googeln "georg ahlemann", erscheint unser Blogartikel von 2011 an 23. Stelle.

Aber hätte der Autor Fahrenwaldt nicht trotzdem während seiner Recherchen wenigstens "irgendwann" einmal - vielleicht in ganz anderen Zusammenhängen - auf unsere Blogarbeit stoßen können? Sagen wir im Zusammenhang mit dem von ihm immerhin beachteten Osthilfe-Skandal (GAj2010)? Und hätte er dann diese Blogarbeit nicht wenigstens darauf durchsehen müssen, ob in dieser wichtige Geschichtsquellen ausgewertet worden sind, die andernorts noch nicht Berücksichtigung gefunden haben, die aber wesentliche Einsichten mit sich bringen, um einen bestimmten Zusammenhang einzuordnen?

Die vor fünfzehn Jahren hier auf dem Blog behandelte Tatsache, daß Georg Ahlemann noch im Jahr 1944 von Adolf Hitler ein Rittergut in Westpreußen geschenkt erhalten hat, wird von Fahrenwaldt jedenfalls mit keinem Wort erwähnt.

Daß der Doktorand den vorliegenden Blog nicht kennt, wird gewiß - gewiß!, gewiß! - zu seinen geringsten Fehlern zählen ...

Insgesamt finden wir in seiner Arbeit fast nichts, was wir nicht schon vorher wußten. Er referiert Bekanntes. Aber dieses "Bekannte" referiert er außerdem auch noch mit einer auffallenden Stumpfsinnigkeit, ja, wir möchten sagen Schlafmützenhaftigkeit. Da diese sehr weit verbreitet ist, möchte man ihm ja fast betulich auf die Schulter klopfen und sagen: "Nur weiter, guter Mann, nur weiter! Es kann nichts passieren. Dir kann nichts passieren. Du gehst kein Risiko ein." Mit schlafwandlerischer Sicherheit umgeht er alle Abgründe, die sich auftun könnten, wenn man fragen stellt wie:

  • Haben sich die Voraussagen von Erich Ludendorff in "Weltkrieg droht auf Deutschem Boden" erfüllt oder nicht?
  • Hatte die Freimaurerei einen Anteil am Freimaurer-Mord von Sarajewo oder nicht? Oder spielen die Forschungsergebnisse von Vladimir Dedjer zum Thema keine Rolle?
  • War der amerikanische Geheimdienst - unkontrolliert von einer demokratischen Öffentlichkeit - bei "regime changes" weltweit beteiligt oder nicht? Tat er das im Interesse der USA oder waren "überstaatliche" Interessen im Spiel?
  • Waren die dadurch ausgelösten Migrationskrisen "unbeabsichtig"? Gewiß, nicht wahr?
  • Gibt es elitäre Pädokriminalität weltweit - oder nicht? Und welche Schlußfolgerungen ziehen wir daraus? Ist die 2010 bekannt gewordene Pädokriminalität im Jesuitenorden weltweit vernachlässigbar?
  • ...

Wie viel Schlafmützenhaftigkeit gehört dazu, die Schriften des Ehepaares Ludendorff sehr, sehr gründlich zu lesen und auch inhaltlich sehr gründlich wiedergeben zu können, und solche Gedanken nicht einmal ansatzweise in sich zuzulassen? Geschweige denn, sie auf Papier zu bringen?

Sind es staatliche oder "überstaatliche" Mächte, die einen Jeffrey Epstein Jahrzehnte lang so unbehelligt haben agieren lassen, lieber Herr Fahrenwaldt. Vermutlich Hirngespinste, hier von "überstaatlichen Mächten" zu sprechen, die sich der demokratischen Kontrolle schon seit langem, seit sehr langen Zeiten entzogen haben. Oder ist auch nur einer von jenen Menschen, die Epstein innerhalb der Wallstreet einflußreich gemacht haben, vor die Kameras der Weltöffentlichkeit gezerrt worden, um derselben "Fragen" zu beantworten - ? ? ? Ach nein? Komisch.

Bitte weiter schlafen. Bitte Mikro-Grade "Richtungwechsel" einschlagen, um nicht bloß Chronist zu sein. Bitte weiter - - - "Risiken" eingehen.

Immerhin hält Fahrenwaldt am Ende dieses Abschnittes über Georg Ahlemann fest (1, S. 199):

Bemerkenswert ist, daß der im Vergleich zur NSDAP sehr viel kleinere Tannenberg-Bund hier als ernsthafte Bedrohung wahrgenommen wurde.

Das hätte ja mal ein Ausgangspunkt sein können für ... "kontrafaktische Geschichtsschreibung" ....

Ach ja, soll noch auf ein paar andere "Kleinigkeiten" eingegangen werden? Ist der "Drill" in der preußischen Armee vor 1914 dasselbe wie Jesuiten-Dressur? War der Verfasser bei der Bundeswehr? Hat er schon mal einmal ein Maschinengewehr oder ein MG3 auseinander und wieder zusammen setzen müssen, während der Feldwebel mit der Stoppuhr daneben stand? Sicherlich völlig dasselbe wie Jesuiten-Dressur. Gewiß. 

Und vermutlich alles viel zu impertinente Fragen. 

____________

  1. Fahrenwaldt, Matthias Albrecht: Der „Feldherr“ als Publizist. Erich Ludendorff 1919-1937. Dissertation, Düsseldorf, Heinrich-Heine-Universität, 2023; Online-Ressource Hochschulschrift (kostenfrei zugänglich) (UniDüsseldorf)
  2. Fahrenwaldt, Matthias: Merchant of Ideologies: Erich Ludendorff (1919-1937). De Gruyter Oldenbourg, 2. Februar 2026 (mit einem Vorwort von Julien Reitzenstein) (DeGruyter)
  3. MA Fahrenwaldt: Erich Ludendorff. Untouchable Völkisch Ideologist fighting National Socialism with Idiosyncratic Conspiracy Theories. In: Handbook Ideologies in National Socialism. Volume 1, 
  4. De Gruyter  2025, Pages 327-335 (DeGruyter)
  5. Fahrenwaldt, Matthias A.: The Reception of Erich Ludendorff’s Memoirs in the Context of the Dolchstoß Myth, 1919–1925. Gekürzte Fassung veröffentlicht auf dem Portal Militärgeschichte mit DOI https://doi.org/10.15500/akm.18.01. Veröffentlicht am 18. Januar 2021 (PortalMilit.gesch.2021). Magisterarb. University of Oxford, 2020.

Samstag, 22. November 2025

Fritz Vater (1896-1969)

Seine historischen, völkischen Romane und Novellen

Der Schriftsteller Fritz Vater (1896-1969) wurde 1896 in Wiesbaden geboren (DNB). Er hat als junger Mann als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er Lehrer. In der Zwischenkriegszeit wurde er auch Mitglied des "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes", sowie des "Jungdeutschen Ordens".

Abb. 1: Am Osterfeuer während einer Ludendorff-Tagung in Hasselborn im Taunus im Jahr 1956 - Von rechts: ein jugendlicher Teilnehmer, Oberst a. D. Walter Leon, (eine verdeckte Person), der Verleger Franz von Bebenburg, seine Ehefrau Ingeborg von Bebenburg (die älteste Tochter Mathilde Ludendorffs), der Schriftsteller Fritz Vater (hinter Ingeborg von Bebenburg), eine jugendliche Teilnehmerin

Anläßlich seiner Totenfeier wurde über Fritz Vater ausgeführt (1):

Nachdem er als Lehrer in seinem Beruf Fuß gefaßt hatte, hatte er 1921 mit Gertrud Würker die Ehe geschlossen. Seine Frau war vordem selbst Lehrerin gewesen. Der Ehe entwuchsen drei Kinder, ein Sohn und zwei Töchter.
Fritz Vater ist dann 1933 der NSDAP beigetreten und übernahm ab 1937 Schulungsaufträge im Rahmen der Hitlerjugend (1):
Als ihm 1937 die Möglichkeit geboten wurde, nach Frankfurt zu übersiedeln, ergriff er sie und übernahm dort auch eine Aufgabe, die ihm von seiten der Hitlerjugendführung angeboten wurde: ein Referat für Vorgeschichte innerhalb der Bannführung. "Die Aufgabe (...) schloß gleichzeitig die Möglichkeit in sich, mit führenden Männern der Museen und der praktischen Forschung Fühlung zu gewinnen und so meine eigenen Kenntnisse zu erweitern." Wegen dieser Tätigkeit und seiner (...) Mitgliedschaft bei der NSDAP entfernte man ihn 1945 aus dem Schuldienst. (...)

Schon unter dem Eindruck seiner Enttäuschungen über das nationalsozialistische Geschichtsbild, das ab 1933 plötzlich den Franken Karl zum Heros erhob, hatte Fritz Vater in den Jahren 1935 bis 1937 ein Werk über Karls Gegner Widukind verfaßt, eine "Saga vom Heldenkampf der Niedersachsen", das 1938 erschien. 1939/40 beendete er die Arbeit an "Herr Heinrich - Die Saga vom ersten Deutschen Reich". (...) Sein Referat in der HJ hatte ihn auch mit Prof. Bernhard Kummer in Verbindung gebracht, dessen Forschungen ihn in seinen Auffassungen bestärkten. Um so freudiger wandte er sich in der Zeit der erzwungenen Muße nach dem Zweiten Weltkrieg der Anregung Bernhard Kummers zu, die Sagaüberlieferung des Nordens über Siegfried mit den Berichten der römischen Geschichtsschreiber über Arminius zu verbinden und über Sigfried-Armin eine gleiche Saga zu schreiben wie über Weking-Widukind und Heinrich I.. Diese "Saga von Germaniens Befreiung" erschien 1953 im Verlag Hohe Warte. (...)

In den nun folgenden Jahren trat Fritz Vater in immer engere Verbindung zur Ludendorff-Bewegung und zum Verlag Hohe Warte. (...) Schließlich entsprach er der Bitte, Vorträge aus dem Gebiete seines großen Wissens zu halten und an Geschichtstagungen mitzuwirken. Die jungen Leute, die daran teilnahmen, und auch die Älteren, waren hingerissen und begeistert. So waren die nächsten Jahre ausgefüllt mit vielen Vortragsreisen und Tagungen. (...)

So verbrachte er noch vier Jahre als Lehrer an der Schule in Frankenberg, bis er sich vorzeitig pensionieren lassen konnte. Frische Kräfte erfüllten ihn, getreu einem Wort aus seinem "Herr Heinrich": "Es ist erst früh am Tage und die Sonne geht noch lange nicht unter."

Die historischen Romane und Novellen von Fritz Vater erfuhren auch innerhalb der Ludendorff-Bewegung und von Seiten Mathilde Ludendorffs selbst große Wertschätzung. Irgendwo erwähnt sie in ihren Briefen wohl, daß sie abendlich aus den Werken von Fritz Vater vorgelesen hat in ihrer kleinen Hausgemeinschaft mit ihrer Schwester Frieda Stahl und der Haushälterin Kruse.

Uns ist bislang nur eine Fotografie von Fritz Vater bekannt geworden (s. Abb. 1). Sie entstand auf einer Ostertagung der Ludendorff-Bewegung, die durch den Verlag Hohe Warte organisiert worden ist. Sie fand statt in Hasselborn (Wiki). Hasselborn liegt 20 Kilometer südlich von Wetzlar einsam inmitten der Wälder des Hintertaunus. Vielleicht war die Örtlichkeit von Fritz Vater ausgewählt und vorgeschlagen worden, der ja längere Zeit in Frankfurt am Main gelebt hatte.

In seinen letzten Lebensjahren entstanden auch noch die Novellenbände "Das Volk" und "Das Reich". Durch den Lehrer und Historiker Fritz Köhncke (1934-2023) sind noch in den 1980er und 1990er Jahren Lesungen aus diesen Novellenbänden zu echten Feierstunden geworden. Etwa die Lesung der Novelle über ein denkbares Gespräch zwischen der Gotenkönigin Amalaswintha und dem Gotenkönig Wittich. Wir erfahren außerdem (1):

Diesen beiden Bänden sollte noch der Band "Der Genius" folgen, in welchem Fritz Vater die entscheidenden Ereignisse im geistig-kulturellen Bereich in historischen Novellen gestalten wollte. Über diesem Vorhaben, das ihn bis zuletzt lebhaft beschäftigte, ist er gestorben.

Aus dem Nachlaß wurden in den Folgejahren noch einige Schriften und Aufsätze veröffentlicht, darunter der Aufsatz "Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden?", der Vortrag "Friedrich Schiller als Staatsmann", die Schrift "Hauptprobleme des Bismarck-Reiches (1871-1918)", sowie eine Besprechung des zweibändigen Werkes von Adolf Helbok "Deutsche Volksgeschichte" unter dem Titel "Der Weg des deutschen Volkes und die geschichtliche Wahrheit", sowie der Vortrag "Die Kulturkrisen der zwanziger und dreißiger Jahre" (mehr dazu siehe Literaturverzeichnis).

Zum Nachlaß Fritz Vaters

Wie schon vor Jahren zu erfahren war, lebte Fritz Vater gegen Ende seines Lebens im Zwist mit seiner Ehefrau. Er war auch krank. Deshalb lebte er bei Gunther Duda (1926-2010) in Dachau, dem nachmaligen langjährigen Vorsitzenden des "Bundes für Gotterkenntnis". Auf diese Weise ist der Nachlaß von Fritz Vater 1969 in den Besitz von Gunther Duda gelangt. Er befand sich zumindest vor zwölf Jahren noch im Besitz der Erben von Gunther Duda.

In diesem Nachlaß befanden sich auch unvollendete Buchmanuskripte. Obwohl nun diese Erben diesen Nachlaß von Gunther Duda vor zwölf Jahren gerne an das Ludendorff-Archiv in Tutzing abgegeben hätten, sah der Verein Ludendorff-Gedenkstätte es nicht als seine Aufgabe an, sich um solche Nachlässe zu kümmern. Wie weiterhin vor zwölf Jahren zu erfahren war, war zwischenzeitlich auch ein Teil des Nachlasses von Fritz Vater durch Wasserschaden vernichtet worden.

Warum Gunther Duda und seine Erben den Nachlaß von Fritz Vater seit 1969 der Auswertung insgesamt nicht breiter zugänglich gemacht haben, ist nicht nachvollziehbar. Kamen sie damit einem Wunsch von Fritz Vater nach? Jedenfalls ist der unwiderbringliche Verlust solcher unausgewerteten Nachlässe unverzeihlich.

1971 schrieb Duda einen Gedenkartikel auf Fritz Vater. Und offenbar aus dem Nachlaß veröffentlichte Gunther Duda noch 1974 eine Buchbesprechung von Fritz Vater in der Zeitschrift "Mensch & Maß".

/ Entwurf: 26.9.2013 /

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  1. Köhncke, Fritz; v. Bebenburg, Franz: Worte zur Totenfeier für Fritz Vater (1896-1969) In: Mensch und Maß, Folge 22, 23.11.1969, S. 1040-1052
  2. Vater, Fritz; Wehmeyer, Wolfgang (Musik): Parzivals Heimkehr. Ein tragisches Spiel in einem Aufzug. Eduard Bloch Verlag Berlin o.J. (Nachwort von Fritz Vater: Biedenkopf 1927) [Norddeutsche Laienspiele, hrsg. v. Erich Scharff, Heft 5]
  3. Vater, Fritz: Balzar von Flammersfeld : Heimatsp. in 5 Aufz. nach d. Roman von Dr. C. Spielmann. Bearb.. Kaesberger, Westerburg 1933 (88 S.) /vorhanden?/
  4. Vater, Fritz: Weking. Die Saga vom Heldenkampf um Niedersachsen. Verlag Franz Eher Nachf., Berlin 1938 (3. Aufl., 16. - 30. Taus.), 1944 (6. Aufl., 46. - 55. Tsd.); Verlag Hohe Warte, Pähl 1954
  5. Vater, Fritz: Herr Heinrich. Die Saga vom ersten Deutschen Reich. Verlag Franz Eher Nachf., Berlin 1941, 1942 (11. - 20. Tsd.), 1943 (21. - 30. Tsd.) (524 S.) /vorhanden?/; mit zahlr. Federzeichnungen von Hans-Günther Strick. Verlag Hohe Warte, Pähl 1955, 1963
  6. Vater, Fritz: Sigfried. Die Saga von Germaniens Befreiung. Verlag Hohe Warte, Pähl 1953, 1961, 1963
  7. Vater, Fritz: Die Zerstörung der Irminsul. Eine Studie zum Feldzug des Jahres 772. Verlag Hohe Warte, Pähl 1954 (31 S.)
  8. Vater, Fritz: Das Reich. Geschichtliche Novellen aus zwei Jahrtausenden. Franz von Bebenburg, Pähl 1961, 1963 (209 S.)
  9. Vater, Fritz: Das Volk - der geschichtlichen Novellen - Novellen aus zwei Jahrtausenden. Zweiter Band. Franz von Bebenburg, Pähl 1964
  10. Engelhardt, Eberhard: Beweisanträge vom 25. Januar 1965. In: Der Rechtsstreit. Dokumente der Gegenwart XIV, verlegt bei Franz von Bebenburg, Pähl 1965
  11. Seifert, Gerhard: Nachruf für den Saga-Erzähler Fritz Vater. In: Deutsche Wochenschau, 2. 1. 1970, nachgedruckt in MuM 9.3.1970, S. 233f
  12. Vater, Fritz: Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden? (aus dem Nachlaß hrsg. von Fritz Köhncke). Franz von Bebenburg, Pähl 1970 (64 S.)
  13. Freymark, Gertraude: Fritz Vater: Können wir das Tragische in der Geschichte unseres Volkes überwinden? In: Mensch & Maß, Folge 10, 23.5.1971, S. 456 - 462 
  14. Vater, Fritz: Friedrich Schiller als Staatsmann. Vortrag gehalten Ostern 1960 auf der Geschichtstagung des Verlages Hohe Warte in Österreich. In: MuM, Folge 15, 9.8.1971, S. 677-697
  15. Duda, Gunther: Ein Leben für sein Volk. Fritz Vater zum 75. Geburtstag. In: Mensch und Maß, Folge 24, 23. 12. 1971, S. 1110–1117 
  16. Vater, Fritz: Hauptprobleme des Bismarck-Reiches (1871-1918). Verlag Hohe Warte, Pähl 1972 (64 S.)
  17. Vater, Fritz: Der Weg des deutschen Volkes und die geschichtliche Wahrheit. Gedanken zu einem notwendigen und mutigen Buch. In: Mensch & Maß, Folge 5, 9.3.1974, S. 197-206 [zu Adolf Helbok "Deutsche Volksgeschichte", 2 Bände]
  18. Vater, Fritz: Die Kulturkrisen der zwanziger und dreißiger Jahre. Vortrag aus dem Jahre 1965. In: Mensch & Maß, Folge 9, 9.5.1974, S. 385-399
  19. Traueranzeige für Fritz Köhncke 1934-2023. Flensburger Tagblatt 21.1.2023 (FlsTgbl)

Sonntag, 31. August 2025

Jean-Paul Laurens (1838-1921) - Maler und Ankläger

Ankläger der Verbrechen der Kirchengeschichte
- Zugleich ein glühender Anhänger der französischen Republik 

Der französische Maler Jean-Paul Laurens (1838-1921) (WikiMeisterdr, Artveewar ein glühender Anhänger der französischen Republik. Er steht als solcher der düsteren Zelotenmacht der katholischen Kirche mit voller Anklage gegenüber. Seine Werke sind entstanden aus flammender Empörung gegen die viele hundert Jahre andauernden Geistesknechtung durch die katholische Kirche. Laurens kann vielleicht dem deutschen Historiker Johannes Scherr (1817-1886) (Wiki) an die Seite gestellt werden, der - ebenfalls glühender Republikaner - in seinen historischen Darstellungen die Willkürherrschaft der katholischen Kirche und die christliche Bigotterie, wie sie sich in so vielen Formen durch die Jahrhunderte hindurch geltend gemacht hat, grell heraus stellt, geißelt und in Erinnerung hält

Abb. 1: Satan und der Engel der Freiheit, 1888

Beider Werke wecken Entsetzen und Abscheu gegenüber den Verbrechen der katholischen Kirche. 

Wie Laurens die Welt insgesamt gesehen hat, wird in der Zeichnung aus Abbildung 1 deutlich: Die Freiheit steht in schwerem Ringen mit den satanischen Kräften der Weltgeschichte. Aus dem Gesicht der Freiheit spricht keineswegs Triumph. Es spricht aus ihrem Gesicht: Erschöpfung und tiefes Leid. Nicht anders war auch der Blick des Ehepaares Ludendorff auf das Geschehen der Vergangenheit und Gegenwart. Zumindest Laurens und das Ehepaar Ludendorff haben früh erkannt, sie sehr der sogenannte "Fortschrittsoptimismus" von "Revolutionären" und "Republikanern" zugleich von dunklen Mächten gefährdet und infrage gestellt ist! 

Eine ähnliche Sicht auf die Welt findet sich in der Zeichnung "Der Erzengel Michael und Mephistopheles" (Abbildung 12). Mephistopheles argumentiert vor dem Erzengel leichtfüßig und "diabolisch", so möchte man meinen. Der Erzengel Michael hört erschöpft, skeptisch, nachdenklich und ungläubig zu.Er ist bereit, sofort wieder das Schwert zu erheben - in Abwehr. Aber er tut es ungern und letztlich schon erschöpft von all dem von Mephistopheles vorgetragenen Wahn und der vorgetragenen Verwirrung.

All das geschieht zu Füßen Gottes.

Um die Kunstwerke von Jean-Paul Laurens zu verstehen, ist aber fast immer eine historische Erläuterung notwendig. Sonst sieht man sie eher verständnislos an.*)

Abb. 2: Am Totenbett des Generals Marceau - Der österreichische Generalstab besucht das Sterbebett des französischen revolutionären Generals François Séverin Marceau-Desgraviers im Alter von 27 Jahren, am 21. September 1796. Nach dem Gemälde von J.P. Laurens von 1877

Ein Zeugnis dafür, wie sehr Laurens glühender Republikaner war, ist sein Gemälde "Der österreichische Generalstab besucht das Sterbebett des französischen revolutionären Generals François Séverin Marceau-Desgraviers 1796". Marceau hatte beim Kampf gegen den Aufstand in der Vendée mitgekämpft. Er war hierbei rasch in der militärischen Hierarchie aufgestiegen. Über den 27-jährigen General Marceau lesen wir (Wiki):

Welcher Respekt Marceau auch von seinen Gegnern entgegengebracht wurde, zeigen ihre außergewöhnliche Anteilnahme an seinem Tod und ihre Ehrenbekundungen bei seiner Bestattung in Koblenz am 25. September, die von den Franzosen aufmerksam gewürdigt wurden.

Laurens greift diese Respektbezeugung in seinem Kunstwerk heraus. Es wird durch diese Themenwahl seine heilige Begeisterung für die Sache der Revolution und der Republik, sowie ihrer Verteidiger deutlich. Laurens bekundet mit diesem Werk sich selbst als ein entschieden politischer Maler und Künstler. 

Abb. 2: Die Einsamkeit eines mittelalterlichen Herrschers nach seiner Exkommunikation durch die Kirche ("Exkommunikation von Robert dem Frommen", 1875)

Immer wieder sucht sich Laurens als eines seiner Hauptthemen das erschütternde Aufeinandertreffen von "geistiger" und weltlicher Macht in der Geschichte heraus. Er wählt immer wieder Szenen, in denen religiöse Zeloten auf weltliche Herrschaft treffen, Szenen, in denen die weltliche Macht in schwerster Weise angegriffen wird, infrage gestellt wird, gedemütigt wird.

Seine Gemälde fordern zu flammender Empörung gegenüber einem solchen Geschehen auf. 

Indem wir uns diese Dinge vor Augen führen, kommt in uns die Frage auf, wie ein so ruhiger Maler idyllischer Tierdarstellungen wie Hermann Eißfeldt (1875-1929) (WikiCom) dazu kommt - wohl um 1900 herum - in die Lehre zu gehen bei einem politisch so engagierten Historienmaler in Paris wie Jean-Paul Laurens (Stgr2025).

Wir wissen es vorerst nicht, werden aber aufgrund der Kenntnisnahme dieses Umstandes dazu veranlaßt, uns mit dem Werk von Jean-Paul Laurens ausführlicher zu beschäftigen. Da sich die Wahl der Themen der Hauptwerke von Jean-Paul Laurens vom Tenor und von ihrer Ausrichtung her vollständig deckt mit der Kirchenkritik der Ludendorff-Bewegung des 20. Jahrhunderts, paßt ein Beitrag über Jean-Paul Laurens inhaltlich sehr gut auf diesen Blog. 

Abb. 3: Jean-Paul Laurens, fotografiert von Paul Nadar

In einem seiner ersten betont kirchenkritischen Gemälde aus dem Jahr 1875 sehen wir dargestellt die Einsamkeit eines Herrschers nach seiner Exkommunikation durch die Kirche (s. Abb. 2).

Das Gemälde stellt König Robert II. den Frommen (972-1031) (Wiki) dar. Dieser wurde von Papst Gregor V. exkommuniziert, weil er eine Ehe eingegangen war, die kirchlich als unrechtmäßig galt (Wiki):

Roberts zweite Ehe führte zu Komplikationen mit dem Klerus, denn er stand als Cousin zweiten Grades in zu naher Verwandtschaft zu Bertha. Ihre gemeinsamen Urgroßeltern waren König Heinrich I. (der Vogler) und Mathilde von Sachsen.

Diesem Robert erging es also ähnlich wie zahlreichen anderen mittelalterlichen Königen. Laurens zeigt den König in seinem Gemälde vereinsamt, isoliert. Finstere Kleriker verlassen seinen Königspalast und Königsthron, nachdem sie ihm gegenüber die Exkommunikation ausgesprochen haben. Um den König legt sich Einsamkeit, dargestellt durch den weiten, leeren Raum des Palastes, der ihn umgibt. Die Szene ist ein Sinnbild für die Zeloten-Macht der katholischen Kirche, die Königen den Nacken beugt.

Das Bild löst Entsetzen aus beim Betrachter.

Abb. 4: Ein Zelot eifert gegen die mächtige Kaiserin von Byzanz ("Die Kaiserin Eudoxia", 1883) - Musée des Augustins, Toulouse

Als Deutscher fühlt man sich bei den Gemälden von Jean-Paul Laurens immer wieder an den Investiturstreit der deutschen Kaiser erinnert, insbesondere an den "Bußgang nach Canossa" des deutschen Kaisers Heinrich IV.. Aber auch an so viele andere, vergleichbare Geschehnisse. Wir fühlen uns natürlich auch erinnert an den flammenden Protest des Martin Luther gegen diese Geistesknechtung durch die katholische Kirche. Aber Laurens wählt nun vorwiegend Geschehnisse, die insbesondere für Deutsche viel weniger bekannt sind, die aus der französischen oder englischen Geschichte stammen oder die noch weiter zurück liegen. 

Ähnliche Gefühle löst er aus mit seinem Gemälde "Die Kaiserin Eudoxia". Das Gemälde stammt von 1883 (Abb. 4). Es behandelt ein Geschehen aus der Geschichte von Byzanz. 

Kaiserin Aelia Eudoxia (gest. 404) ist die Gemahlin des oströmischen Kaisers Arkadios. Sie gerät in den schwersten Konflikt mit dem Patriarchen Johannes Chrysostomos. Dieser kritisiert ihre Hofverschwendung und ihren Einfluß. 403 läßt sie den Patriarchen durch ein Konzil absetzen. Sie läßt ihn verbannen. Aber in der geschichtlichen Erinnerung behält die Kirche den Sieg: Denn kurz darauf stirbt sie. Laurens will mit seinem Gemälde sagen: Sie ist am Haß eines Zeloten zugrunde gegangen. Dieser Haß hat noch aus der Verbannung und aus der Ferne weiter wirkt.

Abb. 5: Ein Mönch vor dem Inquisitionstribunal ("Bernard Délicieux vor dem Inquisitionstribunal")

In der kirchlichen Überlieferung wurde das Schicksal dieser Kaiserin als Beispiel für Hochmut und Vergänglichkeit weltlicher Macht angeführt. Laurens stellt einerseits die Pracht weltlicher Herrschaft dar, andererseits die Düsternis und Bedrohung durch einen religiösen Fanatiker und seinen Anhang. Das Gemälde löst Entsetzen aus.

Auch die Aussage des Gemäldes in Abbildung 5 benötigt Erläuterung: Bernard Délicieux (um 1260-1320) (Wiki) war ein Franziskaner in Carcassonne und im Langeudoc. Er hat Verurteilungen durch die Inquisition infrage gestellt, da sie auf erfundenen Informantenberichten beruhen würden. Er wandte sich an den König, um die Auflösung der Inquisition zu fordern.

Schließlich wurde er aber umgekehrt unter Papst Johannes XXII. selbst vor das Inquisitionstribunal gestellt. Er wurde angeklagt der Aufwiegelung und der Ketzerei. Auf dem Gemälde steht er barfüßig, seine Hände sind am Rücken gebunden. Das Seil, das an der Decke befestigt ist, ist Teil einer Foltermaschinerie, mit der gedroht wird. 

Laurens zeigt Bernard Délicieux menschlich, in Einsamkeit, doch ruhig und aufrecht. Er steht vor den finsteren Richtern der Inquisition.

1319/20 ist er zu lebenslanger Kerkerhaft verurteilt worden. In dieser ist er kurz darauf gestorben, wohl aufgrund der vorausgehenden Folterungen. 

Délicieux ist das Symbol fast machtlosen, ohnmächtigen Widerstands gegen die Willkürherrschaft der Kirche. Der Betrachter ruft in seinem Innern: Nie wieder. So etwas darf nie wieder Wirklichkeit sein. Der Betrachter ist flammend empört über so viel Unrecht und verwegene Bosheit von Seiten der Kirche.

Abb. 6: Ein Mönch gegenüber geistigen Würdenträgern - ("Der Agitator des Langeudoc")

Im Gemälde in Abbildung 6 ist erneut dargestellt ein Mönch des Languedoc während des frühen 14. Jahrhunderts. Er stellt sich gegen die Willkür der Inquisition. Vielleicht ist hier ein weiteres mal Bernard Délicieux dargestellt, der in Carcassonne und Albi gegen die Dominikaner-Inquisition auftrat. Er ist in diesem Gemälde noch nicht gefangen gesetzt. Zornig, flammend empört weist er die kirchlichen Würdenträger auf das hohnsprechende Unrecht hin, das im Land geschieht. 

Die Gemälde des Laurens belehren über die Geschichte. Sie lassen Fragen entstehen, sie wecken Interesse für die Jahrhunderte lange Kirchengeschichte. Diese vollzog sich in Frankreich ähnlich erschütternd wie in Deutschland und wie sie sich in allen Ländern vollzieht, in denen die katholische Kirche herrscht. Bei ihrer Herrschaftsausübung nutzt die katholische Kirche den immensen finanziellen Reichtum, über den sie verfügt, sie hetzt Staaten und Regierende in Kriegen aufeinander, um an der Vernichtung der Ketzer und selbstbewußter Freidenker und ihrer staatlichen und familiären Strukturen zu arbeiten. 

Heute wie eh und je. 

Abb. 7: Ein Humanist ("Ein Florentiner")

In dem Gemälde "Ein Florentiner" stellt Laurens das bürgerliche Selbstbewußtsein dar, das in der Zeit der Renaissance entstand. Er stellt es dar als Gegenbild zum finsteren Zelotentum des Mittelalters, das mit der Renaissance in Florenz zum ersten mal nachhaltig und sieghaft überwunden wird.

Der dargestellte Florentiner wirkt entschlossen. Er wirkt entschlossen, der Finsternis des Mittelalters ein Ende zu bereiten.

Das Gemälde erinnert auch an Renaissance-Porträts etwa eines Albrecht Dürer in Deutschland.

Abb. 8: Als Jesuit "nie wieder einem sterblichen Herren dienen" - Franz von Borgia vor der Leiche der Kaiserin Isabella von Portugal

In dem Gemälde "Franz von Borgia vor der Leiche der Kaiserin Isabella von Portugal" gibt Laurens eine äußerst wesentliche geschichtliche Belehrung, vielleicht die wesentlichste seines ganzen Werkes. Das Gemälde stellt eine Szene aus den Gründerjahren jener geschichtlichen Kraft dar, die sich als Gegenkraft zu Renaissance, Humanismus, Protestantismus und Freidenkertum bildete, nämlich der Psychosekte des Jesuitenordens

Schwur über einer Leiche, "nie wieder einem sterblichen Herrn zu dienen"

Der dargestellte Franz von Borgia sollte der dritte General des Jesuitenordens werden. Er war geboren worden als ein Herzog von Gandía. Seine Bekehrung zum Jesuitenorden soll sich vollzogen haben, als dieser Franz von Borgia 1539 den Leichnam der jungen Kaiserin Isabella von Portugal, der Gattin des Kaisers Karl V., nach Granada überführen sollte. Er mußte hierzu, so lautet der Bericht, den Sarg öffnen, um ihren Körper zu identifizieren. Beim Anblick der entstellten Leiche soll er stark erschüttert gewesen sein, so daß er geschworen haben, „nie wieder einem sterblichen Herrn zu dienen“.

Dies sei das Schlüsselerlebnis für seinen Eintritt in den Jesuitenorden gewesen.

Laurens erschüttert und belehrt den Betrachter: Die Jesuitenorden dient keinerlei sterblichen Herren, er ist "überstaatlich". Er verweigert diesem den Gehorsam. Und er schwört dies - - - beim Anblick von verwesten Leichen. Und er sieht künftig in "sterblichen Herren" schon verweste Leichen.

Laurens stellt hier die ganze Abartigkeit des Jesuitenordens zur Schau.

Abb. 9: Die Rache von Papst Urban VI. (1318-1389) - Er foltert und tötet seine eigenen Kardinäle - Gravur von Laurens

In der Gravur aus Abbildung 9 wird dargestellt wie ein Papst des 14. Jahrhunderts seine eigenen Kardinäle foltern und ermorden ließ.

Abb. 10: Die ausgegrabene Leiche eines gestorbenen Papstes wird von einem lebenden Papst angeklagt 

In dem Gemälde aus Abbildung 10 ist die päpstliche "Leichensynode" dargestellt, die im Jahr 897 stattgefunden hat. In dieser ließ ein Papst die Leiche seines Vorgängers ausgraben und vor Gericht stellen (Wiki). Wie abartig, wie grauenvoll: Eine Leiche als Papst und außerdem noch angeklagt. Es ist dies das erste der großen antiklerikalen Historienbilder des Jean-Paul Laurens. Es entstand im Jahr 1870.

Abb. 12: Jean-Paul Laurens - Der Erzengel Michael und Mephistopheles

Laurens hat sich in seinen späteren Lebensjahren auch mit der Geschichte der Merowinger-Könige beschäftigt. Dafür hat er Vorstudien zu Gemälden angefertigt, so etwa eine Studie betitelt "Das Warten einer Merowinger-Königin". Auch diese Königin wirkt nicht sieghaft, sie wirkt nachdenklich, traurig.

Abb. 13: Das Warten einer Merowinger-Königin (1910)

Jean-Paul Laurens hatte am Anfang seines Schaffens noch Themen aus der Antike gewählt wie etwa "Der Selbstmord des Cato" oder "Der Tod des Tiberius". Ab 1870 hat er sich dann sehr häufig Themen der Kirchengeschichte angenommen.

Abb. 14: Der Papst und der Inquisitor, auch genannt "Sixtus IV und Tomas de Torquemada"

Der spanische Großinquisitor Torquemada (1420-1498) (Wiki) ist mindestens zwei mal Gegenstand seiner Kunst. 

Laurens stellt ihn dar, wie er mit düsterem Blick dem Papst Sixtus IV. seine blutrünstigen Pläne vorlegt (Abb. 14).

Abb. 15: König Ferdinand II. und Isabella von Spanien unterwerfen sich dem spanischen Großinquisitor Torquemada (1888)

Und Laurens stellt die Unterwürfigkeit des Königs Ferdinand II. und seiner Ehefrau Isabella von Spanien gegenüber dem Großiniquisitor Torquemada dar. Die "geistige" Macht herrscht über die weltliche Macht.**)

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*) Wir haben uns die Grundgedanken der Gemälde von Jean-Paul Laurens durch ChatGPT erläutern lassen, haben diese Grundgedanken aber mit eigenen Worten neu geschrieben und charakterisiert. Denn ChatGPT formuliert diesbezüglich allzu "formelhaft".
Abb. 16: "Es lebe der König!" - Die Tochter des Generals Bonchamps (1893)
**) Eine Anregung, sich mit dem vielfältigen Geschehen rund um die Französische Revolution und den Aufstand gegen diese zu beschäftigen, stellt auch das Gemälde von Laurens dar "Es lebe der König!" (Abb. 16) In diesem steht die kleine Tochter des schon gefallenenen Vendée-Generals Bonchamps (Wiki) vor dem Revolutionsgericht. Indem man sich mit dem Leben dieses Generals beschäftigt, erhält man viele Einblicke in die Ereignisse rund um diesen blutigen Bürgerkrieg in der Vendée. 1793 wurde er in der Schlacht tödlich verwundet und starb. Seine Ehefrau Madame de Bonchamps (Wiki) veröffentlichte 1821 ihre Memoiren. Sie berichtet, wie sie die Armeen der Aufständischen in der Vendée auch nach dem Tod ihres Mannes weiterhin zusammen mit ihren beiden Kindern begleitete. Sie berichtet, wie ihr Sohn während dieser Zeit an den Pocken starb. Sie berichtet, wie sie nach der Niederschlagung des Aufstandes verhaftet und zum Tode verurteilt wurde. Da sie selbst ebenso wie ihr Ehemann während des Krieges wiederholt die Erschießung von Gefangenen verhindert hatten, wurde von diesen ehemaligen Gefangenen eine Petition eingereicht, um ihre Begnadigung zu erreichen. Da das Revolutionstribunal aber mit der Begnadigung zögert, sendete sie ihre Tochter.
Das Gemälde von Laurens stellt nun jene Szene dar, in der Richter das Kind lächelnd baten, ihnen das „schönste Lied, das sie kenne“ vorzusingen, bevor sie ihr die Begnadigungspapiere aushändigen würden. Als das Mädchen zu ihrer Überraschung begann, voller Inbrunst ein Aufständischen-Lied zu singen (ein "Chouan-Lied") mit dem Refrain „Vive le Roi, à bas la République“, hören diese, einigermaßen durch den Bürgerkrieg abgebrühten Leute doch voller Nachsicht zu. Vielleicht auch mit der Ahnung, daß das alte Regime und seine Anhänger nicht tot zu kriegen sind. Das Begnadigungsschreiben wurde ihr trotzdem aushändigt. (Die zeitgleichen Aufständischen in der Bretagne nannten sich "Chouans" - siehe Wiki.) Das Gemälde vermittelt die Erkenntnis, daß in einem Bürgerkrieg wie diesem die Wahrheit nicht nur auf einer Seite liegt.

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