"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)
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Samstag, 14. Juli 2018

Dieter Henrich hat Mathilde Ludendorff gelesen

Dichter und Denker der deutschen Nachkriegsgeschichte, stammend aus dem Umfeld der Ludendorff-Bewegung
- Die Vergangenheit reicht über ein vielfältiges Wurzelgeflecht hinein in die Gegenwart

Die Vergangenheit reicht über ein vielfältiges Wurzelgeflecht in die Gegenwart hinein, so auch im Bereich der Familiengeschichte. In diesem Beitrag soll auf Familiengeschichten hingewiesen werden, die Berührungen aufweisen mit kulturell gehaltvolleren Teilen der völkischen Bewegung der 1920er und 1930er Jahre (einführender Teil). Zu den kulturell und geistig gehaltvolleren Teilen der völkischen Bewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte auch die Ludendorff-Bewegung. In den letzten Jahren werden immer wieder einmal Familiengeschichten bekannt, die auf irgendeine Weise in Berührung gekommen sind mit der Ludendorff-Bewegung, etwa weil die Eltern oder Schwiegereltern Ludendorff-Anhänger waren. Solche Familiengeschichten sollen in diesem Blogbeitrag zusammen gestellt werden. Sie werden nach und nach ergänzt, so wie zuletzt - 2024 - durch Hinweis auf Dieter Henrich.

Abb. 1: Die Lebenserinnerungen von Dieter Henrich (2021)

***

Viele Menschen haben ihre Familiengeschichte im 20. Jahrhundert aufgearbeitet, viele Menschen, deren Eltern oder Großeltern Nationalsozialisten waren oder die in der völkischen Bewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tätig waren. So auch der Autor dieser Zeilen in mehreren Blogbeiträgen.

In der überwiegenden Mehrheit der Familiengeschichten der Deutschen markiert das Jahr 1945 einen Bruch. Um so mehr zeitlichen Abstand zu diesem Bruch gewonnen wird, um so deutlicher tritt er heraus. Es ist dieses Jahr 1945 jenes Jahr, in der sich die Menschen der jüngeren Generation eines ganzen Volkes von der eigenen inneren, idealistischen Lebensanschauung, sowie auch der ihrer Eltern, Großeltern und Vorfahren abgewandt haben.

In dieser Hinsicht bildet das Jahr 1945 ein Bekehrungs-Ereignis, die "Bekehrung" eines ganzen Volkes, die "Umerziehung" eines ganzen Volkes, der Identitäts-Wechsel eines ganzen Volkes.

Damals wurde die gesamte deutsche Jugend zu einer neuen "Religion" bekehrt, zur Religion des Konsums, der Oberflächlichkeit, des Hedonismus, des ungeschönten Materialismus, des Wirtschaftswunders, des Wohlstandes und der Zerstörung der vielfältig überlieferten Werte, zu einer Religion des nie da gewesenen Zynismus und der Dummheit, ja, Verblödung, zu einer Religion des Absurden und des Nihilismus (mitunter genannt "Existentialismus"), zu einer Religion seelischer Leere und Hohlheit. Diese Bekehrung wurde heuchlerisch vertuscht unter der Maske der "neuen", "demokratischen", "humanistischen" Gesinnung, zu der Deutsche bis dahin - offenbar - nicht fähig gewesen seien.

Welche tiefe Trauer war noch Mitte der 1990er Jahre auf Treffen von westpreußischen Heimatvertriebenen erlebbar (so z.B. in Münster), wo man unter Hunderten von Menschen, unter Hunderten der einzige Angehörige der eigenen Generation (Jahrgang 1966) gewesen war und wo sich alle Menschen, die sich mit einem unterhielten, wunderten, weshalb man sich für die Geschichte Westpreußens, ihrer Heimat interessierte. Denn die eigenen Kinder der Anwesenden, die Kinder von Hunderten, Tausenden, nein, Millionen von Menschen interessierten sich praktisch durchgehend und allesamt nicht mehr für das, was ihren eigenen Eltern und Großeltern teuer und heilig war bis zur letzten Atemstunde ihres Lebens. So die Aussage eines jeden Anwesenden, mit dem man überhaupt nur ins Gespräch kam. Das Abwenden der nachwachsenden deutschen Generation von allem, was vorher war, war da spürbar wie selten. - Mit welchem Ziel? Mit welchem Anspruch? Wohin? - - -

"Moderne" Welt - - - ?!?

Es seien von solchen Brüchen in Familiengeschichten zunächst einige Beispiele genannt, insbesondere solche, die auf unseren Blogs schon behandelt worden sind oder Erwähnung gefunden haben.

Die deutsche Schriftstellerin Gisela Heidenreich (geb. 1943) (Wiki) ist die uneheliche Tochter eines Familienvaters und SS-Offiziers, der nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv mitgearbeitet hat bei dem "Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes" (Wiki) (1, 2). Dieses hat sich nachhaltig darum bemüht, das deutsche kulturelle Erbe und den dieses tragenden seelischen Gehalt auch über das Jahr 1945 hinweg zu retten. Wirkte und wirkt Gisela Heidenreich bei diesen Anliegen heute weiter mit? Ihre Mutter war nicht nur gut befreundet mit der langjährigen Sekretärin Adolf Hitlers, sondern Geliebte eines hochrangigen Diplomaten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, der sich aus Deutschland absetzte als ihm gerichtliche Verfolgung drohte (2). Mit diesen "Geheimnissen" ihrer Herkunft beschäftigte sich Gisela Heidenreich in mehreren Büchern gründlich. Fand sie dadurch ein weniger "ungebrochenes" Verhältnis zu dem Gehalt ihrer eigenen Familiengeschichte?

Der deutsche Schriftsteller Bernward Vesper (1938-1971) (Wiki), der langjährige Freund von Gudrun Ensslin, war Sohn des viel gelesenen nationalsozialistischen Schriftstellers Will Vesper (1882-1962) (Wiki). Noch als junger Erwachsener hat er sich Ende der 1950er Jahre - gemeinsam mit Gudrun Ensslin - im Umfeld des deutschen völkischen Schriftstellers Hans Grimm bewegt. Wie kam es - dennoch - zur Abkehr? Eine Abkehr, die im Selbstmord endete.

Der Schriftsteller des Absurden Walter Erich von Bebenburg-Richartz (1927-1980) (Wiki) war der älteste Enkelsohn von Mathilde Ludendorff, und zwar ein solcher, um den sich nach Meinung eines bekannteren Jesuitenschülers, der sich in der alternativen Öffentlichkeit bewegt, "streng gehütete Familiengeheimnisse" ranken, was dieser 2017 öffentlich äußerte, ohne diese Geheimnisse nun auch tatsächlich zu benennen (3). Aber womöglich aufgrund solcher "Geheimnisse" hat sich sich der Enkelsohn von der Weltanschauung und dem Lebensgehalt seiner Großmutter und Mutter abgewandt und wurde stattdessen - - - ein guter Freund von Günther Grass, eines ähnlich "Bekehrten". Eine Abkehr, die im Selbstmord endete.

Der Künstler Ingo Springenschmid (1942-2016) (Wiki) war ein Sohn des völkischen Schriftstellers Karl Springenschmid (1897-1981) (Wiki). Ingo Springenschmid hat lebenslang gerungen mit der Tatsache, daß er einen solchen Vater hatte wie er ihn hatte. Was bewirkte diese Abkehr von seinem Vater? Eine Abkehr, die ihn bis an sein eigenes Lebensende voll tiefen Zwiespaltes zurückließ, in der er keinen eigenen inneren Frieden fand (4). Und das bei einem Vater, der so viele mitreißende Bücher geschrieben hatte. 

Karl Springenschmid selbst hat schon in seinem Roman "Novè", der 1951 erschien, in der darin auftretenden Figur des Imre Almendinger einen kalten, herzlosen kommunistischen Funktionär dargestellt, der in vollständigem Gegensatz zu seinem Vater und zu seiner donauschwäbische Herkunft stand, die er verleugnete und der sich völlig wie ein komplett gehirngewaschener Funktionär verhielt.*)

Dieter Henrich hat Mathilde Ludendorff gelesen

[Ergänzung 8.3.24] 2021 hat der namhafte deutsche Philosoph und Hölderlin-Forscher Dieter Henrich (1927-2022) (Wiki) Lebenserinnerungen heraus gebracht (12). 

Im Klappentext zu ihnen heißt es (12):

Dieter Henrichs philosophische Autobiographie ist reich an prägnanten Erinnerungen an Personen und Begebenheiten in vielen Lebenssphären und Weltgegenden. Er wurde zu einem der einflußreichsten Philosophen seiner Zeit, mit einer ergebnisoffenen, undogmatischen Philosophie, in der die Freiheit des Subjekts als eine ermöglichte und nicht als eine aus Selbstmacht initiierte verstanden wird. In mit großer Offenheit geführten Gesprächen lernen wir einen eleganten, altersweisen Metaphysiker ohne System und ohne Lehrsätze kennen.

In dem Buch ist zu erfahren: Dieter Henrich wuchs in Kassel und Marburg als Einzelkind auf, nachdem zwei ältere Geschwister an der Spanischen Grippe gestorben waren. Als Kind eines Vaters, der in armen Verhältnissen aufgewachsen ist und deshalb Vermessungstechniker wurde, anstatt Jura studieren zu können, wie er es eigentlich gewollt hatte. Der Vater starb schon mit 57 Jahren im Jahr 1938 als Dieter Henrich erst 11 Jahre alt war. Dieser hatte ihm viel bedeutet. Henrich sagt über den Segen, den ihm sein Vater in der Sterbeminute gegeben hat (12):

Deshalb werde ich immer Gedanken fassen, in denen dieser Moment als eine letzte Bedeutungsquelle bewahrheitet bleibt.

Und etwas später allgemeiner über sein Philosophieren, das er dabei in Gegensatz stellt zu dem Philosophieren von Jürgen Habermas oder Niklas Luhmann (12):

Die Begründung muß aus sich selbst heraus überzeugen können. (...) Was ich theoretisch ausarbeite, muß aus dieser Begründung allein heraus überzeugen - und zugleich verfugt mit dem sein, was ich als meine eigene Erfahrung in Erinnerung halte und seitdem sprachlich und begrifflich zu durchdringen versuche. 

Das Buch ist als Gespräch verfaßt. Nachdem Henrich über seinen Vater gesprochen hat, fragen seine Gesprächspartner: "Kommen wir noch ein wenig genauer auf Ihre Mutter zu sprechen." Henrich antwortet (12):

Sie hatte eine ästhetisch-künstlerische Neigung. Meine Mutter sprach das an, was in der Religion das Geheimnisvolle ist. Sie hatte Freundinnen, die mit der Bewegung von Rudolf Steiner verbunden waren und die versuchten, mich ebenfalls zu gewinnen. Eine andere gute Bekannte meiner Mutter war Anhängerin der Sekte um Mathilde Ludendorff, der Frau des Generals. Sie verstand sich als völkische Theosophin, die mit ihren umfangreichen, meist in Versen verfaßten Werken eine Art militarisierter Mystik begründen wollte. Die mußte ich als Jugendlicher lesen, weil diese Tante mich dazu drängte. Meine Mutter selbst blieb immer protestantische Christin, zugleich offen gegenüber jeder Erfahrung des Heiligen, des Einbrechens einer numinosen Wirklichkeit, in die wir für sie auch im alltäglichen Leben bereits einbezogen waren.

Wenn man es recht versteht, handelte es sich bei dieser Tante also um eine Schwester seiner Mutter. Das dürfte etwa in den Jahren 1943 oder 1944 gewesen sein als er 16 und 17 Jahre alt war. Soweit man das diesem Buch entnehmen konnte, gehörte diese Lektüre zu seinen ersten Schritten in die Philosophie überhaupt. Mit 17 Jahren stellte er 1944 auch den Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP und wurde aufgenommen. [Ende Ergänzung 2024]

Wolfgang Jacobeit

Abb. 2: W. Jacobeit - Erinnerungen
(2000)

Wolfgang Jacobeit (1921-2018) (Wiki) (WerwarwerinderDDR) wurde in Naumburg an der Saale geboren, wo sein Vater - vermutlich schon als Physiklehrer - wirkte. Seine Mutter war eine Konzertsängerin. Aufgewachsen ist Wolfgang Jacobeit aber in Lyck in Ostpreußen, wohin sein Vater offensichtlich versetzt worden war oder sich hatte versetzen lassen. Sein Vater (Herbert Jacobeit) war bis 1931 Mitglied der NSDAP, wandte sich von dieser aber ab und wurde ein überzeugter Anhänger der Philosophie von Mathilde Ludendorff (5). In einer Rezension der Lebenserinnerungen von Wolfgang Jacobeit wird über dessen Jugenderinnerungen folgendes berichtet (6):

Der Vater, Gymnasiallehrer, war zeit seines Lebens ein fanatischer Anhänger Ludendorffs und des besonders auch durch dessen Frau Mathilde verbreiteten völkischen Mystizismus - wütend zerriß er 1931, als Hitler sich mit Ludendorff überwarf, das Mitgliedsbuch der NSDAP, der er sich schon zu Beginn der zwanziger Jahre angeschlossen hatte. Der musisch interessierten Mutter, die ihre Karriere als Konzertsängerin aufgab, als sie heiratete, war diese Gedankenwelt ihres Mannes fremd. Der einzige Sohn stand ihr besonders ...

Das weitere kann - wie vieles des folgenden - aufgrund nur beschränkter Google-Bücher-Ausschnitte nicht vollständig zitiert. In seinen Lebenserinnerungen berichtet Jacobeit, daß sein Vater zwei Brüder hatte, Edmund Jacobeit und Horst Jacobeit, die ähnlich wie sein eigener Vater gesinnt gewesen seien (5, S. 15):

Herbert und Edmund studierten in Jena weiter, waren aber völkisch-nazistischen Kreisen verbunden und beide brüsteten sich noch später, vom Jenaer Rathaus einmal die schwarz-rot-goldene Fahne herunter geholt zu haben.

In seinen Erinnerungen heißt es wörtlich weiter über das schon erwähnte Mitgliedsbuch der NSDAP seines Vaters, soweit das bislang von Google Bücher her zitiert werden kann (5, S. 16):

.... aus der Brieftasche die kleine Mitgliedskarte der NSDAP, zerriß sie in kleine Stücke und warf sie in den Papierkorb. Was war der Grund? Hitler und Ludendorff, die beiden Rädelsführer des Novemberputschs von 1923, hatten sich irgendwie entzweit, und dies später mit gewissen Folgen für die Anhänger der Weltanschauung von Mathilde und Erich Ludendorff. Das war nicht nur für meinen Vater Anlaß, der Nazipartei den Rücken zu kehren und sich ausschließlich einer fast abgöttisch-unterwürfigen Verehrung der Ludendorffs und ihrer "Deutschen Gotterkenntnis" sowie der Propagierung ihrer zahlreichen Schriften vor allem gegen die Juden, die Freimaurer, Jesuiten und deren vermeintliche Verbrechen an deutschen Geistesgrößen der Vergangenheit, zu widmen.

Seine Familie lebte in der masurische Stadt Treuburg (Wiki), eine Stadt, die nur fünf Kilometer westlich der russischen Grenze vor 1914, bzw. der polnischen Grenze vor 1939 lag, und die bis 1928 Marggrabowa hieß, dann aber mit Zustimmung der Bevölkerung zu "Treuburg" umbenannt worden ist. Diese Stadt ist 1945 durch die Kriegshandlungen zu 80 Prozent zerstört worden. Sie lag 25 Kilometer entfernt von der Stadt Lyck (5, S. 16): 

... Wir zogen mit Sack und Pack in die masurische Stadt Marggrabowa, wo Vater tatsächlich als Studienrat für Mathematik und Physik, man kann sagen, endlich nach Herzenslust so agieren konnte, wie er es sich wohl immer gewünscht hatte. Er kannte keinen Feierabend, experimentierte in einem neu eingerichteten Physiklabor und bereitete dort den Unterricht für den nächsten Tag ... 
Wolfgang Jacobeit berichtet über die Haltung der Ludendorff-Anhänger während des Dritten Reiches (5, S. 17):
.... Da saßen sie dann wie schlecht getarnte Verschwörer bei uns zu Hause, suchten ohne Unterlaß, diskutierten lautstark und waren sich darüber einig, daß die Nazis bald abgewirtschaftet haben würden. Mit dem Tod Ludendorffs 1937 und dem angeordneten Staatsbegräbnis vor der Münchner Feldherrnhalle - mein Vater nahm voller Erschütterung daran teil - kam es zur Versöhnung zwischen Hitler und Mathilde Ludendorff.

Daß es zur Versöhnung zwischen beiden gekommen sei, ist nicht richtig. Schon vor dem Tod Erich Ludendorffs war es im März 1937 zu einer - rein äußerlichen - "Versöhnung" Erich Ludendorffs mit Hitler gekommen. Nach dem Tod Erich Ludendorffs hatte Mathilde Ludendorff aber sehr große Schwierigkeiten, die Selbständigkeit ihrer Bewegung gegenüber den Vereinnahmungs- und Überschluckungsversuchen durch die SS und die NSDAP zu bewahren. Gleich bei Kriegsbeginn 1939 wurde ihrem Verlag das Papier entzogen, so daß ihre Zeitschrift nicht weiter erscheinen konnte, Regime-treue Zeitschriften jedoch konnten weiterhin erscheinen. Es ist halt die persönliche Sicht Jacobeit's, beeinflußt offenbar durch die Jahrzehnte lange DDR-Geschichtsschreibung, wenn er weiter schreibt (5, S. 17):

Warum auch nicht? Denn ich vermag auch heute noch kaum gravierende Unterschiede zwischen beiden Ideologien zu erkennen. Der Antisemitismus der Ludendorffer gebärdete sich nicht anders als der des "Stürmer". Die Irrationalität in "Glaubensfragen" war bei beiden im Prinzip nicht zu unterscheiden usw., was Herbert Jacobeit und andere zu extremen Ludendorff-Anhängern und zu Verfechtern der Deutschen Gotterkenntnis (Ludendorff)" werden ließ, war in erster Linie die Gestalt des "Feldherrn", hinter der der Gefreite Hitler kaum einen Platz zu beanspruchen hatte. Ich habe mit meinem Vater nie über dieses Thema gesprochen. Er hätte mir wohl auch kaum Bescheid gegeben, denn, wer auch immer an der Ludendorffschen Doktrin zweifelte oder Bedenken äußerte, war ihm sofort suspekt, und das ließ er den die Betreffenden bis zur Beleidigung spüren. Wie schon erwähnt, war für Herbert Jacobeit die Welt 1918 stehen geblieben und Ludendorff war für ihn die charismatische Figur schlechthin. Als sich nach 1923 die Koalition zwischen den beiden Rädelsführern des Putsches nicht mehr fortsetzen ließ, war die Hoffnung auf eine Rückkehr zur einstigen Gemeinschaft und damit zu den Verhältnissen von vor 1918 zunächst vertan. Hitler rüstete sich zur Macht durch den Aufbau einer Massenpartei. Er schuf sich eine neue Elite, in der die alte kaiserliche Generalität von Hindenburg bis Mackensen, dem Hohenzollernclan und anderen als Staffage für die großen Gepränge, Aufmärsche, Empfänge u. a. m. herhielten. Ludendorff befand sich nicht unter diesen. Warum nicht, wäre berechtigterweise zu fragen. Ich muß es offen lassen, weil es mich auch als Historiker nicht interessiert. Er scheint ein recht eitler Mensch gewesen zu sein, dem seine Getreuen den deutschen Sieg bei Tannenberg 1914 und den Handstreich auf Lüttich zuschrieben. Aber erst später habe ich davon erfahren, daß er als einer der rücksichtslosesten Fortsetzer des Krieges nach 1918 eine Zeit lang ins schwedische Exil ausweichen mußte. Die Ludendorff-Bewegung blieb trotz des Zwiespalts mit den Nazis bestehen. Die Bücher beider wurden in einem eigenen Verlag herausgebracht, und jede Woche erschien die Zeitschrift "Am heiligen Quell deutscher Kraft", von meinem Vater mit Ungeduld erwartet, von meiner Mutter und mir negiert. Herbert Jacobeit war handwerklich sehr geschickt. - - Er erwarb sich als Hobby die Kenntnisse und Fertigkeiten eines ... 

Leider im Internet nicht vollständig einsehbar. Und (5, S. 18):

Herbert Jacobeit verhielt sich ausgesprochen extrem, wenn ich nur daran denke, daß meine Mutter und ich viele Abende damit zubrachten, seinen Lesungen aus dem neuesten Heft des "Heiligen Quell" nicht nur zuzuhören, sondern sogar den Inhalt einzelner Abschnitte mit eigenen Worten ...
Und (5, S. 18):
Handgewebtes trugen die Frauen und hatten immer Sprüche oder Sentenzen von Mathilde Ludendorff parat. Mein Vater trieb einen regelrechten Personenkult um den "Feldherrn" und seine Frau, der sich kaum von dem der Nazis unterschied und deren zumindest ideologischer Beitrag zum Holocaust nicht von der Hand zu weisen ... 
Diese Ausführungen zeigen, daß sich der Sohn Wolfgang Jacobeit mit der Moral der Philosophie von Mathilde Ludendorff nie beschäftigt haben kann. Man fragt sich, wie es um das Verhältnis des Sohnes zu seinen Eltern und zu seinen Onkeln nach 1945 bestellt gewesen ist. Darüber ist vorderhand nichts zu erfahren. Über die Jugendlektüre, die Jacobeit - vermutlich - über sein Elternhaus erhielt, wird berichtet (8, S. 23):
... oder Gustav Freitags "Germanentreue", die mit "Ingo und Ingraban" begann, rechnen würde. (...) Von der Ludendorffschen "Aufklärungsliteratur" etwa zur Marneschlacht 1914 habe ich kaum Notiz genommen. Der Kult um "den Feldherrn" hat mich zu sehr ....
Interessanterweise berichtet er (5, S. 32):
In Lyck gab es auch einen anderen, eher akademischen Kreis von Ludendorff-Anhängern, die sich regelmäßig trafen, dann aus den weltanschaulichen Schriften namentlich von Mathilde Ludendorff lasen, die sich in ihrer völkischen Haltung einig waren und die dennoch mit Nazis nichts zu tun haben wollten; sie hatten alle etwas Sektiererhaftes an sich. - - Die Zeit in Lyck war für mich insofern noch etwas Besonderes, als meine Eltern meinetwegen einen Mitschüler aus einem Dorf unweit der polnischen Grenze aufnahmen: Walter von Lojewski, in dessen Elternhaus das Masurische als Umgangssprache galt. Er lebte mit uns bis zum gemeinsamen Abitur in Gumbinnen, war auch kein besonders guter Schüler, wurde aber in seiner Art ebenfalls Ludendorffanhänger, besuchte Tagungen in Tutzing und sonstwo, korrespondierte wohl auch mit Mathilde Ludendorff. Er entschied sich für die Laufbahn eines Berufsoffiziers bei der Luftwaffe, überstand den Krieg unbeschadet und wirkte bis zu seinem Tod Anfang der 1980er Jahre als Dorfschullehrer im Thüringischen. Ein paar Mal haben wir uns da noch getroffen. Er erinnerte sich gern so mancher Annehmlichkeiten im Haus meiner Eltern und vertrat das Ludendorffsche Gedankengut kaum weniger vehement als mein Vater. In dieser Hinsicht gab es niemals einen Konsens, wenn die Gespräche darauf kamen, obwohl wir inzwischen beruflich ausgewiesene und erfahrene Familienväter geworden waren. - Die Jahre in Lyck nahmen mit dem Jahr 1937 ein fast unrühmliches Ende. Herbert Jacobeit wurde nach Gumbinnen im östlichsten Ostpreußen versetzt, und das kam einer behördlichen Strafversetzung gleich: Er war in Lyck mit einem jüngeren Kollegen, der wohl dem "Stahlhelm" angehörte, aber noch nicht das "Ritual" der Feuertaufe des Krieges erfahren hatte, über eine neue Marschordnung der Reichswehr in Streit geraten. - Daß die Soldaten nunmehr in Dreierreihe statt wie 32 …

Erwähnt sei hier noch, daß aus der masurischen Adelsfamilie von Lojewski im 20. Jahrhundert mindestens vier namhafte Journalisten hervor gegangen sind: Sohn des masurischen königlichen Försters Gottfried von Lojewski war der Journalist Erich von Lojewski (geb. 1909 in Masuchowken, Kreis Lyck, Masuren, gest. 1970) (Wiki). Dessen Sohn war der Journalist Wolf von Lojewski (geb. 1937) (Wiki). Der Journalist Werner von Lojewski (1907-1980) (DNB) hinwiederum war Vater des Journalisten Günther von Lojewski (1935-2023) (Wiki). Es könnte naheliegend sein, familiäre Zusammenhänge zwischen Günther, Wolf und Walter von Lojewski zu vermuten. Das ist aber - zumindest über schnelle Recherche - nicht gleich zu klären.

All diese Angaben bilden Puzzle-Teile für die Geschichte der Ludendorff-Bewegung allgemein, aber insbesondere auf für die Geschichte derselben in Ostpreußen, zumal zu ihrer Geschichte in Ostpreußen ansonsten nur vergleichsweise wenig bekannt ist, zumal aus den 1930er Jahren. Aus den hier gebrachten Auszügen geht hervor, daß es lohnend sein wird, diese Erinnerungen noch einmal vollständig und im Gesamtzusammenhang auszuwerten.

Wolfgang Jacobeit war dann von 1970 bis 1986 Professor für Volkskunde an der Humboldt-Universität in Berlin. Im Jahr 2000 hat er dann Erinnerungen veröffentlicht (5), die wir hier auswerten, und die auch breiter rezensiert worden sind (9, 10). Wolfgang Jacobeit hat von 1939 bis 1941 Geschichte und Volkskunde an den Universitäten Leipzig und Königsberg studiert. 1941 wurde er zum Wehrdienst eingezogen, kam aber bis 1945 nie zum Kriegseinsatz. 1943 heiratete er in Elbing (HU Berlin):

Er schrieb seine Abschlußarbeit durch die Einberufung erst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in Göttingen bei Will-Erich Peukert. 1956 wechselte er von Göttingen an die Akademie der Wissenschaften in Berlin, habilitierte sich 1961, war dann von 1970 bis 1980 Direktor des Museums für Volkskunde in Berlin sowie seit 1970 zugleich Honorarprofessor und ab 1980 berufen als Lehrstuhlinhaber für Volkskunde am Bereich Ethnographie der Humboldt-Universität zu Berlin.

Sah er in Göttingen und Westdeutschland in jenen Jahren in der Volkskunde für sich keine Zukunft? Und was war aus seinen Eltern 1945 und später geworden? Jacobeit lebte jedenfalls lange Jahre in Birkenwerder. Als seine zweite Ehefrau Sigrid Jacobeit zur Leiterin der Gedenkstätte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück ernannt wurde, wechselte er seinen Wohnort nach Fürstenberg an der Havel, wo er auch begraben ist. 

Seine erste Frau und die Kinder wandten sich - offenbar noch während der DDR-Zeit - der anthroposophischen Bewegung zu, die Jacobeit ebenso heftig ablehnte wie zuvor die Ludendorff-Bewegung seines Vaters. 

Der Schriftsteller Peter Härtling und seine Schwiegereltern

Mit einer Tochter von Ludendorff-Anhängern aus Nürtlingen war der einstmalige elternlose Flüchtlings-Junge und deutsche Schriftsteller Peter Härtling (1933-2017) (Wiki) verheiratet. Auf Wikipedia ist über die schweren Jugenderlebnisse von Peter Härtling zu lesen (Wiki):

Peter Härtling verbrachte seine Kindheit zunächst in Hartmannsdorf bei Chemnitz, wo sein Vater eine Rechtsanwaltskanzlei unterhielt. Während des Zweiten Weltkriegs zog die Familie nach Olmütz in Mähren, gegen Ende des Kriegs floh sie vor der Roten Armee nach Zwettl in Niederösterreich. Im Juni 1945 starb der Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg übersiedelte Härtling nach Nürtingen. (...) 1946 nahm sich seine Mutter das Leben. Deren Vergewaltigung durch russische Soldaten hatte Härtling 1945 mitansehen müssen. (...) 1959 heiratete er die Psychologin Mechthild Maier. Das Paar hat vier gemeinsame Kinder.

Über die Eltern von Mechthild Maier erzählt Peter Härtling in seinen Lebenserinnerungen. Und dies findet folgendermaßen Erwähnung im inhaltsreichen Anmerkungs-Teil zum einleitenden Kapitel von Manfred Nebelins Ludendorff-Biographie (S. 14, Anmerkung 82):

Ein seltenes Zeugnis von der Spätblüte des "Deutschen Gottglaubens" im Nachkriegsdeutschland geben die Lebenserinnerungen des Schriftstellers Peter Härtling. Darin beschreibt dieser mit großem Einfühlungsvermögen und feinem Humor, wie die Bekehrungsversuche seines Schwiegervaters, eines angesehenen Nürtinger Arztes und eifrigen Lesers der Schriften Mathilde Ludendorffs, an ihm abprallten: "Wotans himmlischer Zug rauschte an mir ohne Wirkung vorbei".

Nun, gar so kenntnisreich scheint Peter Härtling bei diesem "Vorbeirauschen" nicht geworden zu sein, sonst hätte er mitbekommen müssen, daß die Philosophie von Mathilde Ludendorff mit "Wotans himmlischem Zug" nichts zu tun hat. Immerhin wird aber über Mechthild Maier berichtet:

Eine besondere Rolle in Härtlings Leben nahm dessen Ehefrau Mechthild ein, die er schon im Alter von 13 Jahren kennenlernte und deren Liebe ihn durch eine schwierige Kindheit und Jugend brachte. "Ihrer Liebe verdankte Papa sein Kraft, ohne sie hätte sich sein Lebenswillen nicht so entwickelt. Das wissen wir Kinder."

Er selbst wird mit den Worten zitiert (Deutschlandfunk 2016):

"Wir haben auch viel miteinander gemacht, die Mechthild und ich. Wir haben unglaublich viel, fehlt mir heute, wenn ich mit so 20- bis 22-Jährigen zusammen bin … die Diskutierwut, dieses der Sache auf den Grund gehen wollen. Ich weiß noch, die Mechthild hatte mit Kassner zu tun, mit der Physiognomie von ihm. Wir haben uns gefetzt und es war jedem wichtig, was er dachte. Das sind einfach Bausteine, die man aufeinandersetzt."
Und (Börsenblatt):
Seine Frau Mechthild Maier, mit der er seit 1959 verheiratet war und vier Kinder hatte, las als Erste seine Manuskripte, brachte die Schlußform in den Computer, denn Härtling bevorzugte das Schreiben auf einer alten mechanischen Schreibmaschine. Und er freute sich über Kritik von ihr, auch wenn sie seit Beginn des neuen Jahrtausends nicht mehr während des Lesens von einzelnen Kapiteln ihre Fragen und Anmerkungen einbrachte, sondern erst ganz am Schluß: "Sonst habe ich Angst, daß mich eine zu scharfe Kritik hemmt." Die Erfahrungen seiner Frau, die lange als Psychologin am Jugendamt gearbeitet hatte, brachte er auch bei seinen Kinderbüchern ein. In seiner ersten Erzählung in diesem Genre, "Das war der Hirbel" (1973), stellte er ein Kind in den Mittelpunkt, das nicht fähig ist, sich auszudrücken; es wurde ebenso Klassenlektüre in der Grundschule wie "Ben liebt Anna" (1979) über die zarte Liebe von Ben zum Aussiedlermädchen Anna. Mit diesen Büchern, mit "Oma" (1975), "Theo haut ab" (1977) oder "Paul, das Hauskind" (2010) setzte er Maßstäbe im Kinderbuch. Daß ein Autor für Erwachsene wie für Kinder schreiben kann, ist selten: Für sein kinderliterarisches Gesamtwerk wurde er 2001 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Man möchte meinen, daß Peter Härtling manchen Grund zu Dankbarkeit hätte haben können gegenüber seinen Schwiegereltern dafür, daß es ohne sie jene Frau nicht gegeben hätte, die so tiefgreifend Einfluß auf sein Leben genommen hat. - Auf Google Bücher kann man finden, daß der Name Ludendorff in den Texten von Peter Härtling immer einmal wieder fällt, aber selten in Zusammenhängen, bei denen man den Eindruck gewinnt, diese Erwähnungen hätten ihren Ursprung in Auseinandersetzung mit kundigeren Ludendorff-Anhängern gehabt. So bringt er an einer Stelle als Zitat gedichtete Worte der frühen 1920er Jahre, die da lauten (s. "Vergessene Bücher - Hinweise und Beispiele"):

"Der heilige Name Gneisenau ist auf unseren Lippen, wenn wir den Blick zu den geisterkühnen Zügen Ludendorffs erheben ..."

In "Lebensläufe von Zeitgenossen" fällt die Bemerkung:

... Zuerst habe er viel von Siegen gefaselt, der Unüberwindbarkeit der deutschen Truppen, habe Hindenburg und Ludendorff vergöttert, habe eine Litanei von Schlachtennamen heruntergebetet, als Refrain höre ...

Und in "Mein Lesebuch" finden sich die Bemerkungen:

... als Armeeführer, mit Ludendorff um die Weiterexistenz des Schlosses Coucy gerungen habe, das mit seinen romanischen Gewölben als architektonischer Edelstein zwischen die beiden Fronten geraten war. "Es war wirklich ...

Worauf sich diese Worte beziehen, kann man auf Wikipedia nachlesen (Wiki). Insbesondere der deutsche Heeresgruppenführer Kronprinz Rupprecht, der bayerische Thronfolger, hat sich offenbar für den Erhalt dieser Burg gegenüber Ludendorff eingesetzt, offenbar ohne Erfolg außer dem, daß dieser Vorgang später von Peter Härtling aufgegriffen wurde. Oder es finden sich die Ausführungen (s. "Ich war für all das zu müde" - Briefe aus dem Exil):

... Bolschewiken, jedenfalls aus verkehrten Nazis. Begreiflich. Aber damit begeben sie sich der Gnade, womit ihr einzigartiges Schicksal sie ausgezeichnet hatte. Sollen wir, die weder vor Ludendorff noch vor Hitler kuschten, uns nun vor der pfäffischen Unduldsamkeit von Leuten beugen, die teils auf ihre Rasse, teils auf eine gewiß nicht minder engstirnige und ...

Hier dürfte von kommunistischen Revolutionären die Rede sein. Um solche Google-Bücher-Schnippsel inhaltlich zu verstehen, müßten sie natürlich noch im Gesamtzusammenhang herausgesucht werden.

Jahrgang 1937 - Einar Schlereth, Journalist und Übersetzer

Überhaupt dürfte es allmählich Sinn machen, die Erinnerungen zahlreicher Kinder von Eltern, die insbesondere vor 1945 Ludendorff-Anhänger waren, und deren Kinder sich nach 1945 von dieser Weltanschauung abgewendet haben, im Überblick auszuwerten. Dazu wurden hier auf dem Blog auch schon die Erinnerungen des Westpreußen Einar Schlereth ausgewertet, des Dritte Welt-Experten, Journalisten und Übersetzers. Er hatte Ludendorff-Anhänger als Eltern. Er ist Jahrgang 1937 (Stud. Natur 2016). 

Jahrgang 1943 - Hans-Jürgen Krahl, Studentenführer und Lieblingsschüler Adornos

"Er war der Klügste von uns allen," hat Rudi Dutschke über ihn gesagt, über den früh verunfallten führenden Angehörigen der 68-Bewegung Hans-Jürgen Krahl (1943-1970) (Wiki). Dieser hat keine Familienangehörigen hinterlassen, die ihm heute noch das Grab pflegen können. Er schrieb in seinem Lebenslauf (Krahl-Seiten):

Gegen Ende des Krieges flohen meine Eltern mit mir vom damaligen Stettin in meine Geburtsstadt. Dort verbrachte ich meine Kindheit bis zum 15. Lebensjahre.

Auf Wikipedia heißt es über ihn (Wiki):

Krahl war nach eigenen Angaben Mitglied im Ludendorffbund, zu Beginn seines Studiums von Philosophie, Germanistik, Mathematik, Geschichte an der Universität Göttingen trat Krahl in die schlagende Verbindung Verdensia ein. 1961 wurde er Mitglied der CDU und war „ein eiferndes Gründungsmitglied der Jungen Union“ in Alfeld. Schon 1964 trat er dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bei, und 1965 begann er bei Adorno seine Dissertation zum Thema Naturgesetz der kapitalistischen Bewegung bei Marx. Krahl war der einzige Student und Mitarbeiter, den Adorno als gleichwertigen Gesprächspartner akzeptierte.

Nun aus der Autobiographie des oben erwähnten Dieter Henrich geht hervor, daß Adorno auch Dieter Henrich sehr schätzte, allerdings blieb Henrich auf Distanz zu Adorno, da er selbst Adorno nur für mittelmäßig hielt. 

Krahl, der "Lieblings-Schüler Adornos", schrieb 1971 über seine Herkunft, über die sonst wenig bekannt zu sein scheint, die folgenden kruden Ausführungen. Sie scheinen doch zudem nicht gerade gutes Schriftdeutsch zu verraten (zit. n. Die Zeit 2002):

"In Niedersachsen, jedenfalls in den Teilen, aus denen ich komme, herrscht noch zum starken Teil das, was man als Ideologie der Erde bezeichnen kann, und so habe auch ich mich, als ich meinen politischen Bildungsprozeß durchmachte, zunächst nicht anders als im Bezugsrahmen der Deutschen Partei bis zur Welfenpartei bewegen können. Ich konnte mir nicht einmal die Ideologien erarbeiten, die Liberalität und Parlamentarismus bedeuten, - wenn man bedenkt, daß die Dörfer, in denen ich aufgewachsen bin, jene Nicht-Öffentlichkeit noch pflegen in ihren Zusammenkünften, die an die Rituale mittelalterlicher Hexenprozesse erinnern.
Das ist schon alles sehr verklausuliert formuliert. Was will er sagen mit "Rituale mittelalterlicher Hexenprozesse"? Spricht er von völkischen Okkultlogen? Will er andeuten, daß er sich im Umfeld satanistischer, völkischer Psychosekten bewegt hat? Weiter schreibt er (zit. n. Die Zeit 2002):
Wenn man davon ausgeht, daß heute noch in vielen Teilen der Bundesrepublik, vom Bayerischen Wald bis zur niedersächsischen Heide, finsterste Ideologien der Mystik stattfinden, so war es sehr verständlich, daß mich mein Bildungsprozeß zunächst einmal in den Ludendorffbund trieb." Begriffliches Denken habe er "aus der Mystik Meister Eckharts und Roswithas von Gandersheim erfahren". Und mit dialektischem Witz fügt er an: "Ideologien, die, wenn man sie marxistisch interpretieren will, sicherlich ausgelegt werden können im Sinne eines utopischen Denkens, wie es Ernst Bloch getan hat, die aber, wenn man sie aus dem Erfahrungszusammenhang der herrschenden Klasse rezipiert, finsterste Unmündigkeit reproduzieren." 
Das war so die Art zu reden und zu schreiben in den 1960er Jahren. Sperrig-intellektuell, ohne besonders viel zu sagen. Weiter heißt es (zit. n. Die Zeit 2002): 
So sei es für ihn, fährt Krahl fort, schon "ein enormer Schritt an Aufklärung" gewesen, daß er 1961 der CDU beitrat und in Alfeld die Junge Union gründete. Hier habe "gewissermaßen eine Odyssee durch die Organisationsformen der herrschenden Klasse hindurch" begonnen, "und es gehört, das möchte ich mir ganz persönlich zugute halten, ein enormes Ausmaß auch an psychischer Konsistenz dazu, in dieser finsteren Provinz zwei Jahre kontinuierlich an CDU-Versammlungen von Kleinstadt-Honoratioren teilzunehmen ..."
Alles bleibt auf sehr merkwürdige, auffallende und nichtssagende Weise im Vagen (Krahl-Seiten):
Allerdings ist über die früheste Episode im Leben Krahls - den Ludendorffbund, einen von Mathilde Ludendorff gegründeten „Bund für Gotterkenntnis“, der das jüdisch kontaminierte Christentum durch einen „artgemäßen deutschen Glauben“ ersetzen wollte - kaum Genaues bekannt.

Insgesamt gesehen: Nachkriegsschicksale. Oft aufwühlender Art.

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*) Ergänzung 25.2.2026: Befragt man Google zu den Stichworten "Kommunistischer Funktionär Liebe", erhält man von der KI eine Antwort, in der sich vieles von den Charakterzügen wiederfindet, die auch Springenschmid seinem kommunistischen Funktionär unterstellt hat:
>>Das Liebesleben kommunistischer Funktionäre, insbesondere in der DDR oder in der Frühzeit des Kommunismus, war oft von der Prämisse geprägt, daß das Private politisch ist. Die Hingabe an die Partei und die sozialistische Idee stand idealerweise über den persönlichen Bedürfnissen.
Hier sind einige Aspekte der Liebe im Kontext kommunistischer Funktionäre:
Ideologische Überformung: Die Liebe sollte dem Aufbau der neuen Gesellschaft dienen. Romantische Beziehungen wurden oft als zweitrangig gegenüber der "Brüderlichkeit" und dem Dienst an der Gemeinschaft angesehen.
Partei-Ehe: Partnerschaften unter Funktionären wurden nicht selten nach politischer Zuverlässigkeit und ideologischer Harmonie geschlossen. Eine Trennung oder Affäre konnte als "moralisches Versagen" gewertet werden und die Karriere gefährden.
Doppelleben und Diskretion: Aufgrund der strengen moralischen Maßstäbe (oft eher konservativ als revolutionär im Bereich der Sexualität) führten manche Funktionäre ein Doppelleben. Dies betraf insbesondere Beziehungen, die nicht dem sozialistischen Ideal entsprachen.
Beispiel DDR: Obwohl die SED offiziell eine fortschrittliche Familienpolitik propagierte, herrschte in den oberen Funktionärsebenen oft eine strenge Kontrolle. Flirten und Partnersuche unterlagen der Beobachtung, um die Stabilität der "Partei-Familie" zu gewährleisten.
Spionage aus Liebe: In Einzelfällen wurde das Liebesleben von der Stasi instrumentalisiert oder dazu genutzt, Funktionäre zu erpressen oder zu motivieren (Beispiel "Romeo-Agenten" oder Spioninnen, die aus Liebe handelten).
Die "neue" Liebe: In der frühen Sowjetunion gab es Diskussionen über die Befreiung der Liebe von bürgerlichen Konventionen, was jedoch im Stalinismus in eine sehr konservative Sexualmoral umschlug. 
Zusammenfassend läßt sich sagen, dass die Liebe für kommunistische Funktionäre ein Spannungsfeld zwischen persönlichem Empfinden und politischer Pflicht darstellte.<<

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  1. Heidenreich, Gisela: Das endlose Jahr. Die langsame Entdeckung der eigenen Biografie - ein Lebensbornschicksal, 2002
  2. Bading, Ingo: Gisela Heidenreich und die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes Das Leben der Mutter von Gisela Heidenreich im Dritten Reich und mit seinen Folgen. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 3. März 2012, http://studgenpol.blogspot.com/2012/03/gisela-heidenreich-und-die-ns.html
  3. Bading, Ingo: "Streng gehütete Familiengeheimnisse" - Rund um den ersten Schwiegersohn von Mathilde Ludendorff Welche Rolle spielten Jesuiten für das Lebensschicksal des ältesten Enkelsohnes von Mathilde Ludendorff, des Schriftstellers Walter Erich von Bebenburg/Richartz (1927-1980)? Studiengruppe Naturalismus, 3. April 2017, http://studiengruppe.blogspot.com/2017/04/streng-gehutete-familiengeheimnisse.html
  4. Ingo Springenschmid (1942-2016) spricht über seine Kindheit und seinen Vater Karl Springenschmid. In: "Im Porträt: Ingo Springenschmid", Vorarlberg-Museum, 2015, 1'54 bis 5'00, auf: https://youtu.be/1NdJGjClDtg?t=1m54s
  5. Wolfgang Jacobeit: Von West nach Ost und zurück. Autobiographisches eines Grenzgängers zwischen Tradition und Novation. Westfälisches Dampfboot 2000 (298 S.) (GB)
  6. Rezension von 5. in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), Band 37 (Friedrich-Ebert-Stiftung, Forschungsinstitut, Historische Kommission zu Berlin), Verlag Historische Kommission, 2001 (GB), S. 510
  7. Thomas Scholze: Rezension zu: Jacobeit, Wolfgang: Von West nach Ost - und zurück. Autobiographisches eines Grenzgaengers zwischen Tradition und Novation. Münster 2000 , in: H-Soz-Kult, 17.04.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1094>.
  8. Götz, Uschi: Fremd in der Fremde - Mit Peter Härtling durch seine schwäbische Heimat. In: https://www.deutschlandfunkkultur.de/fremd-in-der-fremde-mit-peter-haertling-durch-seine.1001.de.html?dram:article_id=360080
  9. Weihrauch, Christian: Abschied von dem Schriftsteller - Hunderte Trauergäste erweisen Peter Härtling die letzte Ehre. Frankfurter Neue Presse, 19.07.2017. http://sdp.fnp.de/lokales/kreise_of_gross-gerau/Hunderte-Trauergaeste-erweisen-Peter-Haertling-die-letzte-Ehre;art688,2714109
  10. Hauck, Stefan: Der freundliche Skeptiker. Nachruf auf Peter Härtling. Börsenblatt, 10. Juli 2017, https://www.boersenblatt.net/artikel-nachruf_auf_peter_haertling.1348795.html
  11. Wesel, Uwe: Der Krahl - Das kurze Leben des legendären Frankfurter Studentenführers und sein langer Weg aus Ludendorffbund und Junger Union in die Revolte des Jahres '68. In: Die Zeit, 12. September 2002, 38/2002, https://www.zeit.de/2002/38/Der_Krahl
  12. Henrich, Dieter: Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie. C.H. Beck, München 2021 (GB)

Dienstag, 20. März 2018

Neue Quellen zur Geschichte der völkischen und Ludendorff-Bewegung in Ostpreußen (1925 bis 1945)

Ein Herr Vonberg in Bartenstein in Ostpreußen (gest. 1926) 
- Ein "Veteran" der völkischen Bewegung im Umfeld der "Deutschvölkischen Freiheitspartei"

Im März 2018 wurden vier Briefdokumente bekannt, die Erich Ludendorff in den Jahren 1925 und 1926 an Käthe Vonberg in Bartenstein in Ostpreußen, bzw. an ihren Ehemann gerichtet hat.

Abb. 1: Das Gutshaus Glittehnen bei Bartenstein in Ostpreußen (Wiki) 

Um wen könnte es sich bei dieser Käthe Vonberg und ihrem Ehemann gehandelt haben? Im "Amtsblatt der Preußischen Regierung zu Königsberg" von 1874 wird der "Gutsbesitzer Vonberg zu Rothgörken" als Amtsvorsteher aufgeführt (GB, S. 179), ebenso 1888 (GB). Rothgörken (Wiki) liegt 5 Kilometer südöstlich von Bartenstein. 1895 wird im "Handbuch des Grundbesitzes im Deutschen Reiches" als Besitzer des Rittergutes Rothgörken "mit Waldvorwerk Perkuiken" angeführt "F. Vonberg". Dieser war hier Gutsbesitzer bis 1909 (Bart).

Im "Deutschen Geschlechterbuch" des Jahres 1914 findet sich der Familienname Vonberg in Zusammenhang mit der Ortschaft Bartenstein (GB, a). Es ist da von einem Bruno Johannes Vonberg (geb. 1860) die Rede. Dieser wird auch in einem Adressbuch von 1888 angeführt als Gutsbesitzer in Glittehnen (GB). Glittehnen (Wiki) liegt 30 Kilometer östlich der Kreisstadt Bartenstein. Als seine Kinder werden angeführt:

1. Gertrud Elisabeth Margarete,
2. Heinrich Hans Werner * 13. 8. 1894 (Zwillinge)
3. Georg Bruno Hermann * 28. 12. 1895

Vielleicht wurde die älteste Tochter nach der Mutter Käthe Vonberg benannt.

Da Bruno Vonberg schon als Besitzer von Glittehnen im Jahr 1888 genannt wird, muß in den folgenden Ausführungen nicht alles stimmen (Ostpr):

1905 erwarb Bruno Vorberg (geb. 19.09.1860 in Klein-Karben) das Gut Glittehnen-Bartenstein. Seine Tochter Gertrud (geb. 13.8.1894) übernahm nach einer Erbauseinandersetzung mit ihren Geschwistern 1919 den Betrieb und heiratete Georg Borrmann. Seitdem lief das Gut unter dem Besitzernamen Borrmann bis 1945. Dazu schreibt Herr Hans-Egon v. Skopnik: Borrmann, dessen einziger Sohn 1943 bei Orel fiel, "war in ganz Ostpreußen bekannt ob seiner Bienenzucht. Am 20.01.1945 ging die Familie auf die Flucht, bei der die Ehefrau verstarb. Vater und Tochter verstarben in Leer. Die Familie ist erloschen."

Georg Borrmann hatte für seine 413 Bienenvölker zwei Imkermeister und zwei Imkergehilfen angestellt (GB1990) (s.a. pdf). 1975 gratulierte ihm das Ostpreußenblatt zum 85. Geburtstag (Archiv) ...

Borrmann, Georg, vom Gut Glittehnen, Kreis Bartenstein, jetzt 4493 Völlenerkönigsfehn, über Papenburg, Domänenstraße 290, am 24. Februar

Womöglich ein Nachkomme einer der beiden Brüder von Gertrud Elisabeth Margarete könnte der Fotograf Henning von Berg (geb. 1961) (Wiki) sein, der sich in den 1990er Jahren - am Anfang seiner Karriere - Henning-Volker Freiherr von Berg-Glittehnen nannte.*) 

Der Vonberg in Bartenstein wird in den Briefen von Erich Ludendorff als "Veteran der Bewegung" angesprochen, also sicherlich der völkischen Bewegung in Ostpreußen, der sich auch Erich Ludendorff zurechnete. Als solcher könnte er sich noch in deutlich anderen politischen und soziokulturellen Verhältnissen bewegt haben als ein viel bekannterer Vertreter der Familie von Berg in Ostpreußen, nämlich Friedrich von Berg.**) 

Abb. 1a: Gutshaus Glittehnen bei Bartenstein in Ostpreußen (Wiki)

Die neu bekannt gewordenen Schreiben dürften nicht ganz unwesentlich das Wissen um die Geschichte der völkische Bewegung in Ostpreußen der Jahre 1925 und 1926, sowie auch der Biographie Erich Ludendorffs jener Jahre ergänzen. Sie bringen natürlich - wie fast immer - viele Fragen der historischen Ein- und Zuordnung mit sich. Fragen in Richtung auf die Geschichte der Familie von Berg auf den Gütern Markienen, sowie Glittehnen und Rothgörken bei Bartenstein in Ostpreußen, sowie Fragen, in welche Art von Berührung der Hausminister der Hohenzollern Friedrich von Berg und der ihm gut bekannte deutsche Kronprinz Wilhelm (1882-1951) (Wiki), sowie dessen Sohn Wilhelm (1906-1940) (Wiki) der Freimaurer-kritischen, völkischen Bewegung ihrer Zeit in Ostpreußen und in Königsberg gekommen sind. Es handelt sich dabei um Fragen, die schon in einem früheren Beitrag hier auf dem Blog angerissen worden waren (2).

Mai 1924 - Wahlerfolg der "Deutsch-Völkischen Freiheitspartei" in Ostpreußen

Über die Geschichte der antisemitischen und völkischen Bewegung in Ostpreußen wird berichtet (3):

Wie überall im Reich nahmen auch in Ostpreußen antisemitische Ausschreitungen und Attacken zu. Bereits im Oktober 1919 entstand als Zusammenschluß mehrerer rechtsextremer Organisationen der "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund", dessen einziges Ziel der Kampf gegen die "Judenrepublik" war.
Es ist über sie zu erfahren (4, S. 168):
Vor dem Ersten Weltkrieg haben antisemitische Parteien in Ostpreußen keine Wahlerfolge erzielt; die Hochburgen dieser Parteien liegen in protestantisch-pietistischen Gebieten in Norddeutschland, im Königreich Sachsen und im Großherzogtum Hessen. Bereits 1921 ist es in Ostpreußen in den großen Städten wie Allenstein, Elbing und Königsberg zu ersten Zusammenschlüssen von Nationalsozialisten gekommen, noch vor 1923 gibt es in der Provinz auch erste Formationen der "Sturmabteilung" SA. (...) Wie überall im Reich schließen sich die Nationalsozialisten in Ostpreußen jetzt paramilitärischen Verbänden wie dem Stahlhelm sowie deutschvölkischen Gruppierungen an, so etwa dem "Preußenbund", dem "Bund Oberland" und dem "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund". Vor allem die Zusammenarbeit mit der Deutsch-Völkischen Freiheitspartei (DVFP) ermöglicht es den Nationalsozialisten, in Ostpreußen in organisierter Form weiterhin politisch tätig zu sein. In der Provinz erzielte das "Vereinigte Liste der Deutsch-Völkischen Freiheitspartei und der NSDAP" genannte Wahlbündnis bei den Reichstagswahlen vom 5. Mai 1924 mit 8,6 % ein gutes Ergebnis. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Provinz zu einer Hochburg antisemitischer Parteien entwickelt.
Am 1. April 1924 wurde Adolf Hitler im Hochverrats-Prozeß in München wegen des Hitler-Ludendorff-Putsches am 9. November 1923 zu Festungshaft verurteilt. Erich Ludendorff wurde freigesprochen. Erich Ludendorff versuchte in der Folge, die völkische Bewegung reichsweit weiter zu führen und zu einigen. Man entschied sich, an der Reichstagswahl vom 5. Mai 1924 teilzunehmen- Und man erzielte dabei Erfolge, wie sie völkische Parteien bis 1930 nicht mehr erreichen sollten im Deutschen Reich. Doch schon im Juni 1924 kam es innerhalb der völkischen Bewegung - insbesondere aus der bayerischen NSDAP heraus - zu schweren persönlichen Angriffen gegen Erich Ludendorff. Zu den schärfsten Gegnern Erich Ludendorffs innerhalb der NSDAP gehörte der damals erst 24-jährige Hermann Esser (1900-1981) (Wiki). Auf Wikipedia heißt es über ihn:
Gegen die Konkurrenz (...), die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung, polemisierte Esser 1924, deren Vorsitzender Erich Ludendorff habe sowohl im Weltkrieg als auch beim Putsch versagt. Die Vorwürfe, die in der als "alljüdisch" geltenden Frankfurter Zeitung veröffentlicht worden waren, sorgten für erhebliche Empörung im völkischen Lager.
Dieser Aufsatz von Hermann Esser war schon im Juni 1924 veröffentlicht worden. Aber die Auseinandersetzungen mit Esser blieb noch bis weit in das Frühjahr 1925 hin lebendig. Denn Esser erhielt die ganze Zeit über - zwar nicht offen, aber unterschwellig - Zuspruch und Unterstützung von Adolf Hitler selbst aus der Haftanstalt heraus (5, S. 62-64).

Im August 1924 besuchten Hindenburg und Ludendorff zunächst einmal wieder Ostpreußen zur Feier des zehnten Jahrestages der Schlacht von Tannenberg. Ludendorff selbst war vor den geplanten Feierlichkeiten in Königsberg und auf dem Schlachtfeld bei Osterode zu einem "Ostpreußentag" nach Tilsit im Memelland gefahren, und zwar am 24. und 25. August 1924. In seinen Lebenserinnerungen berichtet er weiter (6, S. 355):
Am 26. ging es dann weiter durch das Samland nach Königsberg. (...) In Königsberg wohnte ich bei der Familie Döring. Herr und Frau Döring standen an der Spitze der Deutschvölkischen Freiheitpartei in Königsberg und nahmen mich gastlich auf.***)
Dieser Besuch wird hier deshalb erwähnt, weil dieses Ehepaar Döring für die im folgenden zu schildernden Zusammenhänge von Bedeutung ist, aber sonst von Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen nicht erwähnt wird.

April 1925 - "Ehrgeizlinge und ihr "talmudisches Denken"

Im Februar 1925 wurde die NSDAP neu gegründet. Am 9. April 1925 hatte Erich Ludendorff - wie jedes Jahr - zu seinem Geburtstag viel Geburtstags-Post erhalten, diesmal vermutlich auch von einem Herrn Vonberg aus Bartenstein in Ostpreußen. Dieser hatte sich in seinem Brief - vermutlich - als einen "Veteranen" der völkischen Bewegung in Ostpreußen vorgestellt oder bezeichnet. 

Abb. 2: Schreiben Erich Ludendorffs an Herrn Vonberg in Bartenstein, ohne Jahr, vermutlich 14. April 1925 (Herkunft: Ebay, März 2018)

Jedenfalls lautete das Antwortschreiben Erich Ludendorffs vom 14. April, dessen Jahreszahl zwar nicht bekannt ist, dessen Inhalt aber am besten zum Jahr 1925 paßt:

14/4.
Geehrter Herr Vonberg!
Die Wünsche eines Veteranen der Bewegung sind für mich wertvoll. Sie werden mit mir fühlen, wie schlecht es mit ihr bestellt ist, seitdem Ehrgeizlinge, ihr Wesen und ihr Treiben u. talmudisches Denken zu herrschen beginnt.
Mit Deutschem Gruß
Ludendorff.

Es scheint unwahrscheinlich, daß dieser Brief schon im April 1924 geschrieben wurde. Denn zu dieser Zeit führte man noch Wahlkampf und es bestand Einigkeit innerhalb der völkischen Bewegung in Deutschland. In diesem Brief wird sich vielmehr die Stimmung wiederspiegeln während des Zerfalls der von Ludendorff geführten "Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung" dadurch, daß Hitler nach seiner Freilassung mit anderen, die hier Ludendorff als "Ehrgeizlinge" bezeichnen könnte, in München die NSDAP neu gründete. Worauf sich dabei genauer Ludendorffs Vorwurf vom "talmudischen Denken" bezieht, muß an dieser Stelle aber zunächst offen bleiben.

Die Tatsache, daß Ludendorff Vonberg als "Veteranen der Bewegung" anspricht, könnte darauf hindeuten, daß Vonberg schon vor 1914 in der völkischen Bewegung in Ostpreußen tätig gewesen ist. Vielleicht hat er schon damals - als Folge seines völkischen Denkens, das eine Bevorrechtigung des Adels ablehnte - seinen Namen von "von Berg" zu "Vonberg" umgeändert. Ähnliches ist ja auch bei vielen anderen Familiennamen zu beobachten.****)

Mai 1925 (?) - "Nehmen Sie meinen Dank"

Herr Vonberg könnte noch im gleichen Monat April 1925 ein weiteres mal an Erich Ludendorff geschrieben haben. Jedenfalls liegt aus demselben familiären Nachlaß noch ein weiterer Brief Ludendorffs an Vonberg vor, dessen Jahreszahl ebenfalls schwer zu entziffern ist (Abb. 3).

Abb. 3: Erich Ludendorff an Vonberg, 6.5.1925 (?)
(Herkunft: Ebay, März 2018)

Der Wortlaut dieses Briefes zumindest soweit entzifferbar:

München, den 6.5.25. (?)

Geehrter Herr Vonberg.
Nehmen Sie meinen Dank für Ihren Brief. Die Kluft (?) ... besteht (?) jetzt (?) bereits. Wir schlafen (?) weiter.
Mit Dank u. Gruß
                                  Ludendorff.

Da die hier vorgeschlagene Lesart bis auf weiteres sehr unsicher erscheint, ist diesem Brief zunächst nicht viel an Aussage zu entnehmen. Vielleicht bezieht er sich aber ebenfalls auf den Zerfall der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung im Jahr 1925.

Das nächste zu behandelnde Dokument in diesem Zusammenhang wurde dann vermutlich ein knappes Jahr später versendet. 

April 1926 -  Eine Dankeskarte Erich Ludendorffs

Aus demselben familiären Briefnachlaß wie die beiden eben zitierten Briefe stammt - nach Angaben der Ebay-Verkäuferin - nämlich auch eine signierte, ansonsten gedruckte Dankeskarte, die Erich Ludendorff im April - sicherlich als Dank für Geburtstagswünsche - versandte (Abb. 4).

Abb. 4: Gedruckte Dankeskarte, München, April 1926 (oder 1924?)
(Herkunft: Ebay, Februar 2018)

Da hier die Jahreszahl ähnlich wie im letzten hier zu behandelnden Brief (siehe Abb. 5) geschrieben ist, könnte angenommen werden, daß auch diese Dankeskarte aus dem Jahr 1926 stammt. (Ansonsten könnte auch die Jahreszahl "1924" in Erwägung gezogen werden.)

Dezember 1926 - Ein Beileidsschreiben Erich Ludendorffs

Der letzte Brief aus dem Dezember 1926 ist es eigentlich erst, der die historische Zuordnung des gesamten hier behandelten Konvoluts erlaubt. Es ist nämlich der einzige Brief, für den noch ein Briefumschlag erhalten ist. Und auf diesem ist er interessanterweise adressiert an eine "Frau Käthe Vonberg, Bartenstein". Von der Anbieterin wird der Brief aufgrund des Datums im Poststempel auf der Briefmarke ("27 DEZ 26.") auf das Jahr 1926 datiert.*****) (Da ausgerechnet hinter der 26 ein Punkt ist, könnte das Datum theoretisch natürlich auch gelesen werden als "26. Dezember 1927". Da müßte uns ein Briefmarken-Kenner einmal aufklären.)

Abb. 5: Beileidsschreiben Ludendorffs an Frau Vonberg in Bartenstein, Dezember 1926
(Herkunft: Ebay, März 2018)

Die handgeschriebene Jahreszahl im Brief selbst ist von Erich Ludendorff sehr undeutlich geschrieben, aber vielleicht soll es sich ja bei ihr auch um eine "26" handeln. Der Brieftext (soweit erkennbar):
München, den 27. 12. 1926 (?)
Sehr geehrte Frau Vonberg!
Hauptmann Döring sandte mir Ihre Anzeige über das plötzliche Ableben Ihres Herrn Gemahls. Auch ich möchte da nicht unter den wärmstens Anteilnehmenden fehlen und Ihnen mein herzlichstes Beileid zu dem schweren Verlust aussprechen, den aber nicht nur Sie und die Kinder, sondern wir Völkische in unserer Gesamtheit erlitten haben.
Ihr Ludendorff

Da als Adresse "Bartenstein" angegeben ist, ist es immerhin mehr als nahe liegend zu vermuten, daß es sich um einen Verwandten des schon eingangs erwähnten Friedrich von Berg (1) handelt, bzw. bei Käthe Vonberg.

Es kann ja immerhin sogar weiter gemutmaßt werden, daß dieser Verwandte in einem gewissen politischen Spannungsverhältnis zu Friedrich von Berg gestanden hat. Mehrmals deutet sich in der Biiographie von Friedrich von Berg an, daß dieser als konservativer Monarchist, sowie Seeckt- und Hindenburg-Freund in Gegnerschaft zu den damaligen "Völkischen" geriet, etwa 1932 innerhalb der Adelsgenossenschaft.

Auch nach dem Wortlaut dieses Briefes muß man nicht annehmen, daß Erich Ludendorff diesem Herrn Vonberg jemals persönlich begegnet ist, sondern vor allem in dem hier dokumentierten brieflichen Kontakt zu ihm stand. Die Tatsache, daß er erwähnt, daß die Völkischen in ihrer Gesamtheit den Verlust erlitten haben, zeigt wohl auf, daß Vonberg nicht nur ein gewöhnliches Mitglied der völkischen Bewegung in Ostpreußen war und als solches galt.

Und um es erwähnt zu haben: Ludendorff konnte ja zum Ableben des Friedrich von Berg im Jahr 1939 keinen Beileidsbrief mehr senden, da er selbst schon 1937 gestorben war. Auch scheint ja doch Friedrich von Berg eben nicht jene dezidiert völkische Einstellung vertreten zu haben, die in dem Beileidsschreiben von Ludendorff bei dem Gestorbenen voraus gesetzt wird, und mit der er sich als "Veteran der Bewegung" Ludendorff gegenüber hätte bezeichnen können.

1931 - Der Hohenzollern-Prinz Wilhelm über Ludendorffs Freimaurer-Kampf

1957 erhielt Mathilde Ludendorff ausgerechnet von einer Frau L. Döring (nun wohnhaft in Hann. Münden) Mitteilungen über das Verhältnis Kaiser Wilhelms II. zur Freimaurerei (2, 7). 

Abb. 6: Der vormalige Kaiser Wilhelm II. (Mitte) mit seinem ältesten Sohn Kronprinz Wilhelm (links) und dessen Sohn Prinz Wilhelm (rechts) - Doorn in den Niederlanden, 1927

Sie berichtete darüber in ihrer Zeitschrift "Quell" (7) (Hervorhebung nicht im Original):

Ende Juni erhielt ich eine Nachricht, die mir sehr lieb ist. Herr Walter Kahlewey, der in der Schlacht bei Tannenberg das Augenlicht verloren hat und später mit dem Feldherrn in Freimaurerangelegenheiten eng zusammengearbeitet hat, sandte einen Brief, den Frau L. Döring, Hann. Münden geschrieben hat. In ihm berichtet sie über die Wirkung, die das Werk des Feldherrn "Vernichtung der Freimaurerei" auf Kaiser Wilhelm in Doorn gemacht hat. Ich möchte diese Worte im Wortlaut unseren Lesern bekannt geben:
"Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, sagte mir 1931 in Königsberg, daß dieses Werk des General Ludendorff den Kaiser in Doorn tief erschüttert habe. Mit diesem Werk habe sich Ludendorff wieder unsterblich gemacht."

Prinz Wilhelm fiel im Frankreich-Feldzug 1940.
Das heißt also, die genannte Frau L. Döring sprach 1931 in Königsberg mit dem Prinzen Wilhelm. Und es ist naheliegend anzunehmen, daß das Gespräch deshalb auf Ludendorffs Freimaurerkampf kam, weil das Ehepaar Döring eben schon 1924 zum Führungspersonal der Deutschvölkischen Freiheitspartei in Ostpreußen gehörte. Und aus diesen Worten dürfte weiterhin hervorgehen, daß nicht nur der letzte Kaiser und sein ältester Sohn, sondern auch der älteste Enkelsohn des letzten Kaisers, der Prinz Wilhelm viel Anteil genommen hat an dem Kampf Erich Ludendorffs gegen die Freimaurerei. Mathilde Ludendorff schrieb 1957 weiter über den Dezember 1937, als Erich Ludendorff starb, sowie über den Besuch des Kronprinzen am 9. April 1935 in Tutzing (7):
Wenn ich bedenke, wie sehr des Kaisers Brief an den sterbenden Feldherrn ihm damals eine Freude war, so erfahre ich jetzt in tiefer Freude, daß das Werk "Vernichtung der Freimaurerei" dem Kaiser offenbar die Augen über die Urheber des Zusammenbruchs trotz aller Siege des Feldherrn geöffnet hat. Hiermit ist es auch geklärt, weshalb der Kronprinz bei seinem Besuche in unserem Hause anläßlich des 70. Geburtstages des Feldherrn so voll überzeugt war von der Gefahr der überstaatlichen Mächte und deshalb auch - nach dem Hohenzollern-Rechte hierzu befugt - seinen Söhnen verboten hatte, in die Loge einzutreten.
In den gleichen Zeitraum wird fallen, worüber Mathilde Ludendorff ein Jahr später in derselben Zeitschrift berichtete (2):
Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, der in Frankreich im 2. Weltkrieg an der Front gefallen ist, antwortete im kleinen Kreise, als gesagt wurde, daß die ganze Öffentlichkeit General Ludendorff nun totschwiege, seit er den Kampf gegen die Freimaurerei aufgenommen habe: "Die Welt habe von Ludendorffs Buch 'Vernichtung der Freimaurerei' usw. mit Entsetzen Kenntnis genommen. Ludendorff habe das große Verdienst, daß er diese Veröffentlichungen mit seinem unsterblichen historischen Namen gemacht habe."

Auffallend könnte erscheinen, daß Mathilde Ludendorff die Mitteilungen der Frau L. Döring nur über einen dritten erhielt. Man könnte mutmaßen, daß das Ehepaar Döring in Königsberg den Weg hinweg vom Christentum, den Erich Ludendorff nach 1926 eingeschlagen hat, nicht mehr mit gemacht hat, daß das Ehepaar sich aber im Umfeld der Familien Vonberg und von Berg bewegte, in der es auch auf den Prinzen Wilhelm 1931 gestoßen sein kann.

Jedenfalls wird man durch das neu bekannt gewordene Beileidsschreiben Erich Ludendorffs aus dem Dezember 1926 auf eine ganze Menge von neuen möglichen, bzw. sich andeutenden Zusammenhängen verwiesen, deren sich selbst Fachleute bislang nicht bewußt gewesen sein dürften, und die den Eindruck machen als ob es lohnend sein könnte, ihnen weiter nachzugehen.

Das Leben und Wirken des Friedrichs von Berg - sowie gegebenenfalls das seines uns namentlich womöglich nur vage gewordenen Verwandten - macht verständlicher, in welchem Rahmen politischen Denkens und Handelns sich auch dasjenige Erich Ludendorffs bewegte zwischen 1917 und 1933. Auch Erich Ludendorff hielt ja bis an sein Lebensende engen Kontakt zum deutschen Kronprinzen und verfolgte auch das Schicksal von dessen Sohn mit großer Aufmerksamkeit weiter (2). Durch das neu bekannt gewordene Beileidsschreiben Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1926 fällt also viel Licht auf Zusammenhänge, deren man sich ohne diese neue Quelle nicht leicht hätte bewußt werden können.

Alles in allem wird man jedenfalls annehmen können, daß Friedrich von Berg noch einen Bruder hatte, der mit der genannten Frau Käthe Vonberg verheiratet war, daß sie beide Kinder hatten, und daß Herr Vonberg aus politischer Anhänglichkeit Erich Ludendorff in den Jahren 1925 und 1926 Briefe schrieb und sich in diesen als "Veteran der Bewegung" kennzeichnete, also damals - wie das Ehepaar Döring in Königsberg - zu den leitenden Persönlichkeiten der Deutschvölkischen Freiheitspartei in Ostpreußen gehörte. Entweder wohnte dieser Bruder mit Frau und Kindern ebenfalls auf dem Gut seines Vaters Markienen bei Bartenstein oder in der nahe gelegenen Stadt Bartenstein, wo ja auch sein Bruder Friedrich von Berg in jüngeren Jahren Gerichtsassessor war.

Wolfgang Jacobeit, DDR-Volkskundler, als Sohn eines Ludendorff-Anhängers - Jahrgang 1921

Der Professor für Volkskunde an der Humboldt-Universität in Berlin von 1961 bis 1986, Wolfgang Jacobeit (geb. 1921) (WerwarwerinderDDR), hat im Jahr 2000 Erinnerungen veröffentlicht (8). Diese wurden breiter rezensiert (9, 10). Aus diesen geht hervor, daß er in Lyck in Ostpreußen aufgewachsen ist als Sohn eines dortigen Gymnasiallehrers und einer Konzertsängerin. Sein Vater, Herbert Jacobeit, war ein überzeugter Ludendorff-Anhänger. Wolfgang Jacobeit wurde 1941 zum Wehrdienst eingezogen, kam aber bis 1945 nie zum Kriegseinsatz. 1943 heiratete er in Elbing. Nach 1945 entschied er sich bewußt zu der der Weltanschauung seines Vaters gegenteiligen. Wie das so viele seiner Generation taten. 1956 ist er sogar von Westdeutschland in die DDR übersiedelt. Dort lebt er lange Jahre in Birkenwerder. Als seine Frau zur Leiterin der Gedenkstätte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück ernannt wurde, wechselte er seinen Wohnort nach Fürstenberg an der Havel, wo er wohl noch heute ansässig ist. Seine erste Frau und die Kinder wandten sich - offenbar noch in der DDR-Zeit - der anthroposophischen Bewegung zu, die Jacobeit ebenso heftig ablehnte wie zuvor die "Ludendorfferei" seines Vaters (10). In einer Rezension wird über seine Jugenderinnerungen berichtet (9):

Der Vater, Gymnasiallehrer, war zeit seines Lebens ein fanatischer Anhänger Ludendorffs und des besonders auch durch dessen Frau Mathilde verbreiteten völkischen Mystizismus - wütend zerriß er 1931, als Hitler sich mit Ludendorff überwarf, das Mitgliedsbuch der NSDAP, der er sich schon zu Beginn der zwanziger Jahre angeschlossen hatte. Der musisch interessierten ...
In seinen Lebenserinnerungen berichtet Jacobeit, daß sein Vater zwei Brüder hatte, Edmund Jacobeit und Horst Jacobeit, die ähnlich wie sein eigener Vater gesinnt gewesen waren (8, S. 15):
Herbert und Edmund studierten in Jena weiter, waren aber völkisch-nazistischen Kreisen verbunden und beide brüsteten sich noch später, vom Jenaer Rathaus einmal die schwarz-rot-goldene Fahne herunter ....
In seinen Erinnerungen heißt es wörtlich weiter über das schon erwähnte Mitgliedsbuch der NSDAP seines Vaters, soweit das bislang auf Google Bücher eingesehen werden kann (8, S. 16):
.... NSDAP, zerriß sie in kleine Stücke und warf sie in den Papierkorb. Was war der Grund? Hitler und Ludendorff, die beiden Rädelsführer des Novemberputschs von 1923, hatten sich irgendwie entzweit, und dies später mit gewissen Folgen für die Anhänger der Weltanschauung von Mathilde und Erich Ludendorff. Das war nicht nur für meinen Vater Anlaß, der Nazipartei den Rücken zu kehren und sich ausschließlich einer fast abgöttisch-unterwürfigen Verehrung der Ludendorffs und ihrer "Deutschen Gotterkenntnis" sowie der Propagierung ihrer zahlreichen Schriften vor allem gegen die Juden, die Freimaurer, Jesuiten und deren vermeintliche Verbrechen an deutschen Geistesgrößen der Vergangenheit, zu widmen. Es ...
Und (8, S. 16):
... Sack und Pack in die masurische Stadt Marggrabowa, wo Vater tatsächlich als Studienrat für Mathematik und Physik, man kann sagen, endlich nach Herzenslust so agieren konnte, wie er es sich wohl immer gewünscht hatte. Er kannte keinen Feierabend, experimentierte in einem neu eingerichteten Physiklabor und bereitete dort den Unterricht für den nächsten Tag ... 
Und (8, S. 17):
.... diskutierten lautstark und waren sich darüber einig, daß die Nazis bald abgewirtschaftet haben würden. Mit dem Tod Ludendorffs 1937 und dem angeordneten Staatsbegräbnis vor der Münchner Feldherrnhalle - mein Vater nahm voller Erschütterung daran teil - kam es zur Versöhnung zwischen Hitler und Mathilde Ludendorff.
Der letzte Teilsatz ist nicht richtig. Schon vor dem Tod Ludendorffs war es im März 1937 zu einer - rein äußerlichen - "Versöhnung" Erich Ludendorffs mit Hitler gekommen. Nach dem Tod Erich Ludendorffs hatte Mathilde Ludendorff vielmehr große Schwierigkeiten, die Selbständigkeit ihrer Bewegung gegenüber den Vereinnahmungs- und Überschluckungsversuchen staatlicher Stellen und der NSDAP usw. zu bewahren. Dementsprechend wurde ihrem Verlag auch gleich bei Kriegsbeginn 1939 das Papier entzogen, so daß ihre Zeitschrift nicht weiter erscheinen konnte, während Regime-treue Zeitschriften weiterhin fröhlich erscheinen konnten. Jacobeit also diesbezüglich wenig kenntnisreich weiter (8, S. 17):
Warum auch nicht? Denn ich vermag auch heute noch kaum gravierende Unterschiede zwischen beiden Ideologien zu erkennen. Der Antisemitismus der Ludendorffer gebärdete sich nicht anders als der des "Stürmer". Die Irrationalität in "Glaubensfragen" war bei beiden im Prinzip nicht zu unterscheiden usw., was Herbert Jacobeit und andere zu extremen Ludendorff-Anhängern und zu Verfechtern der Deutschen Gotterkenntnis (Ludendorff)" werden ... 
Und (8, S. 18):
Herbert Jacobeit verhielt sich ausgesprochen extrem, wenn ich nur daran denke, daß meine Mutter und ich viele Abende damit zubrachten, seinen Lesungen aus dem neuesten Heft des "Heiligen Quell" nicht nur zuzuhören, sondern sogar den Inhalt einzelner Abschnitte mit eigenen Worten ...
Und (8, S. 18):
Handgewebtes trugen die Frauen und hatten immer Sprüche oder Sentenzen von Mathilde Ludendorff parat. Mein Vater trieb einen regelrechten Personenkult um den "Feldherrn" und seine Frau, der sich kaum von dem der Nazis unterschied und deren zumindest ideologischer Beitrag zum Holocaust nicht von der Hand zu weisen ... 
Das ist natürlich heftiger Toback und zeigt, daß sich der Sohn Wolfgang Jacobeit mit der Moral der Philosophie von Mathilde Ludendorff nie beschäftigt haben kann. Man fragt sich, wie es um das Verhältnis des Sohnes zu seinen Eltern und zu seinen Onkeln nach 1945 bestellt gewesen ist. Über die Jugendlektüre, die Jacobeit vermutlich über sein Elternhaus erhielt, wird berichtet (8, S. 23):
... oder Gustav Freitags "Germanentreue", die mit "Ingo und Ingraban" begann, rechnen würde. (...) Von der Ludendorffschen "Aufklärungsliteratur" etwa zur Marneschlacht 1914 habe ich kaum Notiz genommen. Der Kult um "den Feldherrn" hat mich zu sehr ....
Interessanterweise berichtet er (8, S. 32):
In Lyck gab es auch einen anderen, eher akademischen Kreis von Ludendorff-Anhängern, die sich regelmäßig trafen, dann aus den weltanschaulichen Schriften namentlich von Mathilde Ludendorff lasen, die sich in ihrer völkischen Haltung einig waren und die dennoch mit Nazis nichts zu tun haben wollten; sie hatten alle etwas Sektiererhaftes ...

Aus diesen Auszügen geht hervor, daß es durchaus lohnend sein dürfte, diese Erinnerungen noch einmal vollständig und im Gesamtzusammenhang für das hier behandelte Thema auszuwerten.

Überhaupt dürfte es allmählich Sinn machen, die Erinnerungen zahlreicher Kinder von Eltern, die insbesondere vor 1945 Ludendorff-Anhänger waren, und deren Kinder sich nach 1945 von dieser Weltanschauung abgewendet haben, im Überblick auszuwerten. Dazu wurden hier auf dem Blog auch schon die Erinnerungen des Westpreußen Einar Schlereth ausgewertet, der Ludendorff-Anhänger als Eltern hatte. Er ist Jahrgang 1937 (StgrNat2016).

Zu diesem Thema ist hier auf dem Blog inzwischen ein eigener Blogartikel erschienen.


/Ergänzt um die Abschnitte mit den 
Literaturangaben 8-10 am 24.6.2018./
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*) 1997 wird in der Zeitschrift "Die andere Welt" (GB), 1998 wird in einer Schwulenzeitschrift von dem Fotografen Henning-Volker Freiherr von Berg-Glittehnen berichtet (Fliederlich1998): "Seit sechs Jahren fotografiert der 31-jährige Autodidakt Henning-Volker Alexander Freiherr von Berg-Glittehnen muskulöse Männer, stolze Jünglinge, ausdrucksstarke Greise und schüchterne Burschen aus der Nachbarschaft. ... der diplomierte Ingenieur ..." Es dürfte sich um jenen Fotografen handeln, der später unter dem Namen Henning von Berg (geb. 1961) (Wiki) bekannt geworden ist, über den es heißt (Wiki): "Henning von Berg was born in Northern Germany into a family with a nearly 550-year-old history" und der auf seiner eigenen Internetseite schreibt: "Henning von Berg is the last male descendent of a German noble family that traces back nearly 500 years. Despite, or because of this traditional background, he prefers to question conservative conventions and likes to intentionally break the rules to create new perspectives."
**) Bei den Vonbergs in Bartenstein könnte es sich - nach Ort, Name und weiteren personellen Verbindungen - um einen näheren oder entfernteren Verwandten des im letzten Blogartikel behandelten Friedrich von Berg handeln (1). Deshalb wurde in erster Auswertung hier auf dem Blog eine Darstellung der politischen Biographie von Friedrich von Berg zusammen gestellt (1). Erst in einem weiteren Schritt wurden die Ausführungen dieses Blogartikels aus dem vor einer Woche veröffentlichten Artikel (1) ausgegliedert.
***) Er schreibt weiter: "In der Veranstaltung in der Stadthalle sprachen außer mir der Forstmeister Gieseler aus Taberbrück nördlich Osterode, der die Deutschvölkische Freiheitpartei der Provinz leitete, und Hauptmann Röhm, der sich in meiner Begleitung befand. Auch diese Feier war von hohem Schwunge getragen."
Abb. 7: Datum des Poststempels
****) Beispielhaft sei etwa erinnert an den deutschen Anthropologen Andreas Vonderach (geb. 1964) (Wiki), dessen Familienname ursprünglich "von der Ach" lautete. Im übrigen hat es schon während der Revolution von 1848 in Meßkirch in Oberschwaben einen "M. Vonberg" gegeben, der dort einen Aufruf verfaßte (GB). Auch die Namensform "Vonberg" war also schon seit langem keine ungewöhnliche.
*****) Der Poststempel auf der Briefmarke des Briefumschlags: Abb. 7.
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  1. Bading, Ingo: Friedrich von Berg, der Hausminister des deutschen Kaiserhauses (1917 bis 1933) - Ein Angehöriger der politischen Elite rund um Hindenburg und Seeckt, ein Sachwalter der Interessen der Hohenzollern-Monarchie zwischen 1917 und 1933, ein Funktionär streng konservativer politischer Verbände. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 14. März 2018, http://studiengruppe.blogspot.de/2018/03/die-familie-friedrich-von-berg-in.html
  2. Bading, Ingo: Der deutsche Kronprinz - Begeistert von der Philosophie Mathilde Ludendorffs ... Und mit Vater und Sohn nicht nur ein Verehrer Erich Ludendorffs, sondern begeistert von dessen Freimaurer-Kampf. Studiengruppe Naturalismus, 4. April 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/04/der-deutsche-kronprinz-war-begeistert.html
  3. Kossert, Andreas: Damals in Ostpreußen. Der Untergang einer deutschen Provinz. 2010
  4. Pölking, Hermann: Ostpreußen - Biographie einer Provinz. bebra-Verlag, Berlin-Brandenburg 2012 (GB)
  5. Plöckinger, Othmar: Geschichte eines Buches - Adolf Hitlers "Mein Kampf". 1922-1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2011 (GB)
  6. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1940 (Gb)
  7. Ludendorff, Mathilde: Eine beachtliche Äußerung. In: Der Quell, Folge 19, 9.10.1957, S. 911 (Gb)
  8. Wolfgang Jacobeit: Von West nach Ost und zurück. Autobiographisches eines Grenzgängers zwischen Tradition und Novation. Westfälisches Dampfboot 2000 (298 S.) (GB)
  9. Rezension von 8. in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), Band 37 (Friedrich-Ebert-Stiftung, Forschungsinstitut, Historische Kommission zu Berlin), Verlag Historische Kommission, 2001 (GB), S. 510
  10. Thomas Scholze: Rezension zu: Jacobeit, Wolfgang: Von West nach Ost - und zurück. Autobiographisches eines Grenzgaengers zwischen Tradition und Novation. Münster 2000 , in: H-Soz-Kult, 17.04.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1094>.

Mittwoch, 14. März 2018

Friedrich von Berg, der Hausminister des deutschen Kaiserhauses (1917 bis 1933)

Ein Angehöriger der politischen Elite rund um Hindenburg und Seeckt, ein Sachwalter der Interessen der Hohenzollern-Monarchie zwischen 1917 und 1933, ein Funktionär streng konservativer politischer Verbände

"Gebot über allen Geboten:
Deutschland, wahre die Ehre!"

(Exzellenz Friedrich von Berg, 
vormaliger Oberpräsident von Ostpreußen 
- im Jahr 1923)

Nur Fachleuten sagt heute noch etwas der Name Friedrich von Berg (1866-1939) (Wiki, BA) (1, 2). Fachleuten für die Geschichte Ostpreußens, Fachleuten für die politische Geschichte der Endjahre des Ersten Weltkrieges, Fachleuten für die Geschichte der Weimarer Republik, Fachleuten für die Geschichte streng konservativer Verbände dieser Zeit. Bis vor wenigen Tagen war auch dem Autor dieser Zeilen der Name Friedrich von Berg nicht geläufig. Jedoch hatte Friedrich von Berg zu seinen Lebzeiten in Ostpreußen und darüber hinaus einen bekannten Namen, schon weil er aufgrund seiner Verwaltungslaufbahn bis an die Spitze der Provinzverwaltung Ostpreußens aufgestiegen war.

Der viel schreibende und dabei immer stark Stimmung machende Kommunist Kurt Tucholsky kannte die damaligen deutschen Bollwerke gegen den Kommunismus genauer als viele andere. Und er rannte gegen diese unentwegt an in seinen Zeitungsartikeln. In diesen fand dementsprechend auch der ostpreußische "Erzreaktionär" Friedrich von Berg wiederholt Erwähnung (21). In Ostpreußen selbst galt Friedrich von Berg nur als "Exzellenz von Berg". 1926 wurde ihm die Ehrendoktorwürde der Universität Königsberg verliehen. Er war Oberpräsident Ostpreußens während des Ersten Weltkrieges gewesen, Freund und lebenslanger Berater Kaiser Wilhelms II. (1859-1941) (Wiki), Hausminister des deutschen Kaiserhauses und Angehöriger der konservativen Elite rund um Paul von Hindenburg und Hans von Seeckt. Er war Vorsitzender des reaktionären "Adelsverbandes" und einflußreiches Mitglied zahlreicher anderer völkischer Verbände der frühen 1920er Jahre. Aufgrund dieser vielfältigen Tätigkeiten war sein Gut Markienen bei Bartenstein in Ostpreußen Anlaufpunkt bekannter Persönlichkeiten (Ostpreußen):
In der Kaiserzeit und während der Weimarer Republik war Markienen wegen des hochangesehenen Besitzers Friedrich von Berg Besuchsziel vieler Prominenter. Das Kronprinzenpaar war öfter hier, auch Reichspräsident v. Hindenburg und die Generale v. Mackensen, v. Seekt und v. Fritsch.
Eine Beschäftigung mit dem Leben dieses Friedrich von Berg erweitert das Bild der deutschen Geschichte und der Geschichte Ostpreußens zwischen 1914 und 1933 um eine bedeutende Komponente. Sie kann helfen, geschichtliche Vorgänge und Entwicklungen dieser Jahre deutlich besser zu verstehen, nicht zuletzt überhaupt das Ringen Deutschlands und Ostpreußens um ihr politisches und kulturelles Überleben.

Abb. 1: Friedrich von Berg (1866-1939), Hausminister des Hohenzollern-Hauses, enger Freund des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, Förderer der deutschnationalen und völkischen Kräfte in Ostpreußen

Im März 2018 wurden drei handgeschriebene Briefe Erich Ludendorffs und eine Postkarte aus den Jahren 1925 und 1926 bekannt, die geschrieben sein könnten an einen Bruder von Friedrich von Berg, bzw. an dessen Gattin Käthe Vonberg. Dieser Bruder wird in diesen Briefen von Ludendorff als "Veteran der Bewegung", sicherlich der völkischen Bewegung in Ostpreußen, angesprochen. Diese Briefe und Fragen nach ihrer historischen Einbettung lenkten die Aufmerksamkeit des Autors dieser Zeilen auf die Person Friedrichs von Berg. Diese Briefe und ihr Empfänger werden in einem weiteren Blogbeitrag gesondert behandelt (38), da scheinbar dieser Herr Vonberg sich in einem anderen politischen und damit vielleicht auch soziokulturellen Bezugsrahmen bewegt hat als jenem, von dem die Biographie Friedrich von Berg's geprägt ist.

August 1914 - Die erste Besetzung Ostpreußens durch Rußland

Die hier zu erzählende Geschichte des Friedrich von Berg beginnt - wie so vieles - im Jahr 1914. Tief hat das Schicksal Deutschlands während des Ersten Weltkrieges die Menschen aufgewühlt. Es gibt wohl keine deutsche Provinz, die so viele leidvolle Erfahrungen in dieser Zeit gesammelt hat wie Ostpreußen. Sowohl während des Krieges wie auch in der Zeit der Abstimmungskämpfe danach, sowie in der Zeit des Lebens mit dem sogenannten "Korridor", als Ostpreußen vom übrigen Reich durch polnisch gewordenes Staatsgebiet abgetrennt worden war. Beim letzteren handelt es sich um einen Umstand, der auch von dem Ministerpräsidenten Preußens, dem Sozialdemokraten Otto Braun, niemals anerkannt worden ist.

Zu diesen Schicksalen gehört, daß beispielsweise auch das Gutshaus des Landeshauptmanns von Ostpreußen, des eingangs genannten Friedrich von Berg, 1914 von den Russen geplündert worden ist (Ostpr). Friedrich von Berg selbst wurde in diesem Jahr zum "Staatskommissar für das Flüchtlingswesen" ernannt. Einen solchen gab es also schon im Jahr 1914 (1). Welch ein Aufatmen ging zunächst durch Ostpreußen, als Ende August 1914 die Schlacht von Tannenberg geschlagen war. Sicherlich spätestens seit dieser Schlacht war der Landeshauptmann von Ostpreußen, Friedrich von Berg, zu einem bedingungslosen Anhänger des Feldherrn-Gespanns Hindenburg und Ludendorff geworden so wie er zuvor schon als ein entschiedener, das heißt "streng konservativer", bzw. "reaktionärer" Vertreter des monarchischen Gedankens galt.

Abb. 2: Das Gutshaus Markienen bei Bartenstein in Ostpreußen (vor 1945)
Hier weilten das Kronprinzenpaar, Hindenburg, sowie die Generäle Mackensen, Seeckt und Fritsch oft zu Besuch

Friedrich von Berg, fast gleichen Jahrgangs wie Erich Ludendorff, war ein Studienfreund und Korpsbruder des deutschen Kaisers Wilhelms II.. 1903 war Friedrich von Berg Landrat des Kreises Goldap in Ostpreußen geworden und als solcher wieder häufiger in persönliche Berührung mit dem Kaiser und dessen Familie gekommen. Dies geschah immer dann, wenn diese in Rominten zur Elchjagd weilten. 1906 war Friedrich von Berg in das Zivilkabinett des Kaisers gekommen, 1909 war er dann Landeshauptmann von Ostpreußen geworden, also Chef der Provinzialverwaltung von Ostpreußen.

Als dieser Landeshauptmann erlebte er dann 1914 die Invasion Ostpreußens durch die Russen. 1935 wurde ein Hindenburg-Gedenkbuch veröffentlicht, in dem man auch Friedrich von Berg erzählen ließ (25, S. 162):

Exzellenz von Berg schilderte hier seine erste Begegnung mit dem Feldmarschall in Insterburg, wo er sich im Hauptquartier gemeldet hatte, um sich dort als Landeshauptmann und Flüchtlingskommissar nach dem Schicksal einer Familie zu erkundigen.
Seit dieser Zeit entstand zwischen Friedrich von Berg und Hindenburg ein Vertrauensverhältnis (4, S. 270). Weiter wird berichtet (17, S. 38):
Als von Batocki zum Aufbau des Kriegsernährungsamtes 1916 nach Berlin ging, übernahm von Berg das ostpreußische Oberpräsidium bis zur Rückkehr seines Vorgängers im Jahre 1918. von Berg erwarb sich die Achtung der Bevölkerung durch sein umsichtiges Verhalten während der Flucht anläßlich der ... [zitiert nur als Google-Bücher-Ausschnitt]

Im Jahr 1917 war der deutschen Reichskanzler von Bethmann-Hollweg von immer mehr Menschen als untragbar für die deutsche Politik erachtet worden, insbesondere auch von Hindenburg und Ludendorff.

Juni 1917 - Friedrich von Berg und der Sturz Bethmann-Hollwegs

Sie wußten von der Einstellung Friedrichs von Berg in diesen Fragen und luden ihn deshalb im Juni 1917 ins Hauptquartier nach Bad Kreuznach (4, S. 270):

Am 24. Juni versuchte er den Kaiser fast anderthalb geschlagene Stunden lang auf der Terrasse des Schloßhofs zu Bad Homburg, wo der Kaiser residierte, von der Notwendigkeit eines Kanzlerwechsels zu überzeugen. Bis dahin hatte noch kein Kanzlergegner ein derartig offenes Gespräch mit Wilhelm II. in der Causa Bethmann Hollweg führen können.
Friedrich von Berg führte aus, daß Bethmann-Hollwegs Abgang von allen Patrioten gefordert würde (5, S. 322). Hindenburg berichtete brieflich an seine Frau, was Friedrich von Berg ausgeführt hatte (zit. n. 2, S. 271):
Nicht die Konservativen allein wären gegen den Kanzler, sondern der größte Teil der Mitglieder aller Parteien, denen seine Schwäche und Unfähigkeit Sorgen für die Zukunft bereitet.
Ludendorff hat spätestens seit 1927 intensiv über die Rolle der Freimaurerei in der Politik publiziert, wobei er auch voraussetzte, daß Bethmann-Hollweg Freimaurer-Bruder gewesen wäre. Über diesen schrieb Ludendorff 1928 (7, S. 142):
Sein "Defaitismus" (...) zwang Br. von Bethmann, endlich den Posten als Reichskanzler zu verlassen, nachdem er schnell noch einen neuen Erlaß des Kaisers über die Änderung des Wahlrechts in Preußen herbeigeführt hatte. Ich hatte erklärt, nicht länger mit dem Reichskanzler zusammenarbeiten zu können. Leider hielt ich ihn damals auch nur für "defaitistisch", noch nicht für einen ausgesprochenen, bewußten Verderber der Deutschen.

Zu den "Hinterlassenschaften" Bethmann-Hollwegs in der deutschen Politik gehörte der Chef des Zivilkabinetts des Kaisers, Rudolf von Valentini (1855-1925) (Wiki) (2, S. 310-313).

Januar 1918 - Friedrich von Berg wird Nachfolger Valentini's

Dieser hat unglaublich viel Einfluß auf die wesentlichsten Personalentscheidungen des Kaiserreiches ausgeübt, schon im Jahr 1914. Er war gleichgestellt dem Chef des Militärkabinetts Moriz von Lyncker (1853-1932) (Wiki) und dem Chef des Marinekabinetts Georg von Müller (1854-1940) (Wiki). Friedrich von Berg schreibt in seinen 1920 handschriftlich niedergelegten, 1971 veröffentlichten Erinnerungen über das (2, S. 55):

merkwürdige Phänomen, daß nicht, wie man angesichts der Rolle des Militärs im Kriege hätte erwarten können, das Militärkabinett eine dominierende Stellung gegenüber dem Zivilkabinett einnahm, sondern daß der Chef des Zivilkabinetts, gestützt auf seine Vertrauensstellung beim Kaiser und seine engen Kontakte zu Hindenburg und Ludendorff, in Bereiche eingriff, die eigentlich in das Militärressort fielen.
Schon sehr früh hat der deutsche Kronprinz sich bei seinem Vater für die Entlassung auch von Valentini's eingesetzt - im Einklang mit Ludendorff. Der Kronprinz wurde dabei von der Kaiserin unterstützt. Der Vater setzte einer Entlassung Valentini's, mit dem er Jahre lang vertrauensvoll zusammen gearbeitet hatte, Widerstand entgegen (2, S. 48):
Als seinen Nachfolger hatten Hindenburg und Ludendorff, wie auch der Kronprinz, von vornherein den Oberpräsidenten von Ostpreußen, v. Berg, ins Auge gefaßt. Nachdem ein zweitätiger Besuch des Kaisers in Ostpreußen, bei dem er er sich unter Führung des Oberpräsidenten über die Wiederaufbauarbeiten unterrichtete, eine neue und wie sich herausstellte, geglückte Chance geboten hatte, die Gunst des Kaisers für Berg zu gewinnen,
verlangte Hindenburg am 14. Januar 1918 im persönlichen Gespräch mit dem Kaiser die Entlassung Valentini's. Denn dieser stünd für den "Linkskurs der Regierung". Der Kaiser fügte sich, begrüßte von Berg aber am 16. Januar 1918 mit den unwirschen und mürrischen Worten (zit. n. 2, S. 313):
Man hat mir befohlen, Dich zum Chef des Zivilkabinetts zu machen.
Es ist zu erfahren (2, S. 38):
Für den Monarchen selber war Friedrich v. Berg nicht einfach nur ein treuer Untergebener, auch wenn er etwas großsprecherisch behauptete, er "wird tun, was ich ihm sage", sondern sein persönlicher Vertrauter, den er mit dem vertraulichen Du und "Monzi" anredete. Einer ähnlichen Wertschätzung erfreute sich der Kabinettschef auch bei den beiden Feldherren an der Spitze der 3. OHL, von denen insbesondere Hindenburg große Stücke auf ihn hielt.
von Berg schreibt über die Folgezeit in seinen Erinnerungen (2, S. 104):
Das Leben gestaltete sich im allgemeinen in Homburg ganz harmonisch. Durch den Fortgang von Valentini war eine gewisse Koalition gesprengt. Müller fühlte sich vereinsamt und lebte eigentlich ganz für sich. Unterstützung fand er nur in dem Geh. Legationsrat v. Grünau, Vertreter des Auswärtigen Amts.
Dieser Georg von Müller hat in seinen Erinnerungen womöglich nicht ganz unwichtige Eindrücke über Friedrich von Berg und dessen Einfluß auf den Kaiser festgehalten (30, S. 148f):
... Den eigentlichen Urheber dieser Beeinflussung sah Müller in Friedrich von Berg, dem Nachfolger Valentinis im Geheimen Zivilkabinett. "Seit Berg da ist", notierte Müller in sein Tagebuch, "beherrscht jedenfalls der alte verderbliche Dünckel wieder S.M. u. seine Umgebung. ..." (...) "Die Randbemerkungen S.M. sind fortgesetztes Rasseln mit dem Schwert, Verachtung gegenüber den Diplomaten u. Antisemitismus." Erste antisemitische Äußerungen des Kaisers notierte Müller am 13. Februar 1918 in sein Tagebuch, als Wilhelm II. den amerikanischen Präsidenten Wilson beschuldigte, zusammen mit der "ganzen, internationalen Juden-..." (...) ... eine antisemitische Note hineingebracht habe. Die von Müller geäußerten kritischen Bemerkungen über Wilhelm II. dürfen allerdings nicht zu der Schlußfolgerung führen, daß Müller vom Grundsatz her ein Gegner der Monarchie war. Nicht am monarchischen System zweifelte der Admiral, sondern an der Person des Kaisers. [Nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert.]

Kaiser Wilhelm scheint gerade in den beiden letzten Kriegsjahren besonders geschwankt zu haben, ob er sich "mit der Sozialdemokratie ein neues Reich aufbauen" solle (wie er sich Ludendorff gegenüber anläßlich von dessen Entlassung äußerte) oder ob er mit den konservativ-monarchischen Kräften gehen sollte wie sie von Hindenburg, Ludendorff und auch Friedrich von Berg verkörpert wurden. Er scheint sich auffallend früh auch schon mit dem ersteren Gedanken beschäftigt zu haben. Und nur der Sturz Bethmann-Hollwegs und Valentini's scheint dafür gesorgt zu haben, daß der Kaiser eine Zeit lang von diesem Gedanken wieder abging.

Es folgte nun jedenfalls die große deutsche Frühjahrsoffensive im Westen unter Ludendorffs Führung. Nach größten Anstrengungen brachte sie aber dann doch nicht den erhofften Durchbruch. Ludendorff hatte alle Genialität aufgebracht, um diesen Durchbruch doch noch zu erreichen. Aber Mitte Juli waren nun die letzten militärischen Kräfte deutscherseits für Angriffshandlungen aufgebraucht, ohne daß der entscheidende Durchbruch hatte erreicht werden können. Gleichzeitig verstärkten sich die Kriegsgegner ständig weiter mit frischen US-amerikanischen Truppen.

Juli, August 1918 - Militärischer Sieg nicht mehr möglich

Als Chef des Zivilkabinetts nahm Friedrich von Berg an der Lagebesprechung vom 22. Juli 1918 teil. Er hielt über diese in seinem Tagebuch fest (5, S. 440):

Es war klar, daß wir einen entscheidenden Sieg nicht mehr erringen konnten. Es kam jetzt nur darauf an, die heftigen Angriffe der Feinde abzuwehren.

Schon am 22. Juli 1918 hatte Ludendorff diesen Sachverhalt also so klar dargestellt. Der 8. August 1918 brachte dann den auch von Ludendorff so gekennzeichneten "schwarzen Tag des deutschen Heeres". Es ging nun auch Ludendorff darum, ein Waffenstillstands-Angebot zu machen, wobei von vornherein klar war, daß man dem Kriegsgegner Zugeständnisse machen müßte, die man unter besserer militärischer Lage nicht gemacht hätte. Zur Bewertung von Ludendorffs Handeln in dieser Zeit ringt sich - mit dem Historiker Gerd Krumeich - die deutsche Geschichtswissenschaft gerade zu differenzierteren und sachlicheren Urteilen durch als diese Jahrzehnte lang vertreten worden sind (7).

Friedrich von Berg war auch bei der Besprechung im Großen Hauptquartier in Spa am 13. August 1918 anwesend (5, S. 446).

September 1918 - Friedrich von Berg rät Ludendorff, das Kanzleramt zu übernehmen

Der Ludendorff-Biograph Manfred Nebelin hält - unter anderem anhand der Aufzeichnungen Friedrichs von Berg - fest wie der Kaisers auf Ludendorffs Rückzugsbefehle vom 2. September 1918 reagierte (5, S. 452f):

Die Nachricht versetzte ihm einen derartigen Schock, daß er sich "in völliger Apathie" sogleich zu Bett begeben mußte. Nur mit viel Überredungskunst und dem Argument: "Wir können zwar den Sieg im Felde nicht mehr erringen, aber wir brauchen deshalb den Krieg nicht zu verlieren," gelang es der Kaiserin und Major Niemann zwei Tage später, Wilhelm II. neuen Mut einzuflößen und ihn zu bewegen, am Nachmittag des 4. September die Dienstgeschäfte wieder aufzunehmen, wenn auch - wie der Chef des Zivilkabinetts vermerkte - nur "leidlich teilnehmend". Berg dürfte sich dadurch veranlaßt gesehen haben, an Besucher, die - wie etwa der mit Wilhelm II. befreundete Reeder Albert Ballin - den Monarchen zu einer raschen Beendigung des Krieges drängen wollten, die Mahnung zu richten, "man dürfe den Kaiser nicht zu pessimistisch machen".
Ähnliches berichtet auch Bernhard von Bülow (11, S. 274). Auch den Rücktritt des Reichskanzlers Graf Hertling erlebte Friedrich von Berg am 29. September 1918 mit (5, S. 464). Es war klar, daß man innenpolitisch Zugeständnisse machen mußte, für die der Graf Hertling nicht einstehen wollte. von Berg machte daraufhin Ludendorff den Vorschlag, selbst die Reichskanzlerschaft zu übernehmen. es war dies ein Vorschlag, der Ludendorff schon ein Jahr zuvor von anderer Seite gemacht worden war. Ludendorff lehnte ab. Seine Begründung war, die Berufung eines Soldaten zum Reichskanzler
sei in einem Moment, wo das Heer zurückgehen müsse, für das Volk eine zu große Zumutung.

So halten es die Aufzeichnungen von Bergs fest (5, S. 464). Es drängt sich hier fast ein wenig der Gedanke auf, ob nicht Friedrich von Berg selbst Reichskanzler hätte werden können, und ob er das nicht auch selbst im Hinterkopf hätte haben können. Auch auf Bernhard von Bülow kam noch einmal das Gespräch mit Parlamentariern. Aber Friedrich von Berg mußte mitteilen, daß der Kaiser ihn auf keinen Fall wählen würde (11, S. 284).

Oktober 1918 - Friedrich von Berg tritt von seinem Amt zurück

Am 3. Oktober 1918 wurde der liberale Prinz Max von Baden Reichskanzler. Anlässlich der Publikation der Friedensnote des Reichskanzlers an den amerikanischen Präsident Wilson vom 6. Oktober 1918 berichtete der Nuntius Pacelli von München aus an den Vatikan über die Entstehung dieses Dokuments. Der Inhalt dieses Schreibens wird folgendermaßen wiedergegeben (33):

Der Plan der neuen Reichsregierung wurde durch ein Telegramm General Ludendorffs vom 1. Oktober vorangetrieben, in dem dieser erklärte, zwar noch einmal den feindlichen Angriff abgewehrt zu haben, der Durchbruch der Front lasse sich aber höchstens noch 48 Stunden vermeiden, weshalb er die augenblickliche Absendung der Friedensnote verlangte. Am 3. Oktober war der Entwurf des Gesuchs fertig gestellt. Nach der Formulierung des Vizekanzlers Payer sollten die 14 Punkte Wilsons nur der Ausgangspunkt für die Verhandlungen darstellen, was von Erzberger, der, trotz Widerständen aus der Umgebung des Kaisers, besonders des Chefs des Zivilkabinetts von Berg, zum Staatssekretär ohne Geschäftsbereich ernannt worden ist, als nicht ausreichend bezeichnet wurde. Am Ende setzte sich Erzbergers Forderung der Annahme der 14 Punkte auch gegen den Kompromißvorschlag durch, von einem Verhandlungsprogramm zu sprechen. Pacelli bedauert, daß sich Deutschland direkt an den Präsidenten der Vereinigten Staaten gewandt und nicht den Papst als Vermittler angerufen hat, obwohl Erzberger und andere Politiker dessen Vermittlung gern gesehen hätten. Wegen Artikel 15 des Londoner Vertrags wäre aber eine solche Vermittlung bei den Ententestaaten ohne Aussicht auf Erfolg gewesen.
Friedrich von Berg verurteilte Max von Baden als "linksgerichtet" und als "Wegbereiter des Bolschewismus" (1) und legte deshalb sein Amt nieder. In seinen Erinnerungen schreibt Friedrich von Berg (2):
Ich habe noch die Herrenhaussitzung am 31. Oktober mitgemacht, habe mich im Palais August Wilhelm am 31. gegen Abend sehr bewegt von der Kaiserin verabschiedet und bin am Abend nach Ostpreußen abgefahren, war am 1. November in Markienen, war zu Hause.
Richard von Kühlmann (1873-1948) (Wiki), der als ausgesprochene Gegner Erich Ludendorffs im Auswärtigen Amt im Jahr 1918 schon im Juni hatte zurücktreten müssen, bezeichnete Friedrich von Berg als "Totengräber der Monarchie" (s. Wiki). Wer allerdings so scharf von einem Richard von Kühlmann verurteilt wurde, an dem war vielleicht gerade deshalb etwas dran. Auf Wikipedia ist über Friedrich von Berg festgehalten (Wiki):
Bei seiner extrem konservativen Weltanschauung unterschied sich Berg in allen wesentlichen Fragen von seinem Corpsbruder Adolf Tortilowicz von Batocki-Friebe. So nahe er dem Kaiser über seinen Vater, das Corps und die Jagd in Rominten stand, so klar sah er die Schwächen Wilhelms II. "Wenn v. Berg den Kaiser trotzdem in seinem Sinne, dem starren Festhalten an der monarchischen Prärogative, am unbedingten Durchhalten gegen die feindliche Übermacht und die revolutionären Kräfte im Lande, zu steuern versuchte, so offenbar in der Vorstellung, daß er, Berg, berufen sei, den Monarchen vom Wege der ‚Ehre und Würde‘ der Monarchie, wie er sie sah, nicht abweichen zu lassen." (Potthoff, v. d. Groeben, 1993, S. 165 ff.).

Der Theologe Ernst Troeltsch, der zunächst ein Verfechter der Ideen von 1914 war, 1917 aber maßgeblich an der Gründung des "Volksbundes für Freiheit und Vaterland" beteiligt war, der ein Gegengewicht zu der "Deutschen Vaterlandspartei" bilden sollte, war von 1919 bis 1921 preußischer Abgeordneter für die DDP und hielt in dieser Zeit in seinen "Spectator-Briefen" fest, daß Friedrich von Berg den Kaiser von der Außenwelt abgeschnitten habe (12, S. 202).

Juli 1919 - Auslieferung des Kaisers, merkwürdige Gedanken Seeckt's 

Friedrich von Berg hält in seinen Aufzeichnungen fest, daß gelegentlich Hans von Seeckt (1866-1936) (Wiki) als Nachfolger Ludendorffs in Erwägung gezogen worden war (13, S. 192). Mit diesem Hans von Seeckt stand Friedrich von Berg jedenfalls schon im Jahr nach dem Krieg in guter Verbindung. Seeckt scheint wahrlich ein echter und rechter "Erfüllungspolitiker" gewesen zu sein, denn er hatte so seine eigenen Gedanken, wenn er an die Folgen einer Auslieferung des Kaisers an die Feindmächte dachte als "Kriegsverbrecher", wie es von diesen gefordert worden war. Seeckt sah - sicherlich mit Recht - die Gefahr, daß sich Offiziere der Reichswehr empören würden über diese Auslieferung. Am 8. Juli 1919 schrieb er dieserhalben an Friedrich von Berg (GB):

Seeckt sah nur einen Weg, um dieser Gefahr vorzubeugen: Der Kaiser sollte sich Friedrich den Großen zum Vorbild nehmen, der 1757 angeordnet hatte, daß sein Tod oder seine Gefangennahme auf die Fortführung des Krieges keinen Einfluß ... BI.2 f., Schreiben Gen.Maj. v. Seeckt vom 8.7.1919 an v. Berg-Markienen. [Zitiert hier vorläufig nur als Google-Bücher-Ausschnitt]
Wörtlich hatte er geschrieben (13, S. 235):
Wenn es zur Auslieferung Seiner Majestät kommt, so muß er sich abschiednehmend an seine Offiziere wenden und ihnen untersagen, irgendwelche Schritte für ihn zu tun, sondern sie verpflichten, schweigend weiter ihre Pflicht gegen das Vaterland zu erfüllen ... [Zitiert nur als Google-Bücher-Ausschnitt]
Das klingt ein wenig ähnlich wie das, was zu gleicher Zeit Max Weber im persönlichen Gespräch gegenüber Erich Ludendorff in Vorschlag brachte, nämlich, sich "selbstlos" "für Deutschland aufzuopfern" und sich von sich aus den Feindmächte zu stellen, das heißt auszuliefern. Ludendorff antwortete darauf, daß er eine etwas andere Vorstellung von der Ehre eines Staates zu haben scheine als Max Weber.

Seit dem Frühjahr 1919 war die Provinz Ostpreußen abgetrennt vom übrigen Deutschen Reich. Und die Ostpreußen erlebten, wie der neue polnische Staat in Front gebracht wurde gegen Deutschland und wie einflußreiche polnische Politiker nicht nur Danzig, die Provinzen Posen, Westpreußen und Oberschlesien, sondern auch Ostpreußen und Pommern für den neuen Staat Polen forderten. Über Friedrich von Berg ist in dieser Zeit zu erfahren (Wiki):
Nach seinem Abschied aus Berlin ging Berg zurück nach Ostpreußen. (...) 1920 (...) wurde er Erster Vorsitzender (Adelsmarschall) der Deutschen Adelsgenossenschaft, ein Amt, das er bis 1932 ausübte.
Andernorts ist festgehalten (32, S. 499):
Seit 1919 Bewirtschaftung des Gutes Markienen, etwa gleichzeitig rege politisch in der Provinz engagiert, Vorsitzender des monarchischen "Bunds der Aufrechten", 1919 Vorsitzender Provinziallandtag, 1920 Präsident Provinzialsynode (...), 1926 Dr. theol. h.c. Albertus-Universität Königsberg.

Der unmittelbar am 9. November 1918 gegründete "Bund der Aufrechten" wuchs deutschlandweit rasch auf 25.000 Mitglieder an (Wiki). Der Bund fand nach 1945 seine Fortsetzung in dem monarchistischen Verein "Tradition und Leben" (Wiki), der sich auch heute noch für die Wiederherstellung der Hohenzollern-Monarchie einsetzt unter dem Wahlspruch: "Der Demokratie die Krone aufsetzen".

Februar 1920 - Hindenburg soll sich gegen einen katholischen Kandidaten für die Wahl zum Reichspräsidenten aufstellen

Schon im Sommer 1919 war von vielen Seiten der Gedanke aufgekommen, daß Hindenburg als Kandidat für die Reichspräsidenten-Wahl aufgestellt werden sollte (4, S. 443ff). Um 1919/20 bekam Hindenburg über einen Briefwechsel mit Friedrich von Berg ein zustimmendes Signal von Seiten des vormaligen Kaisers in Doorn zu diesen Plänen (4, S. 448). Am 2. Februar 1920 wurde Hindenburg von Friedrich von Berg außerdem vor der katholischen Lobby-Arbeit im Reich gewarnt:

Rom ist in Bewegung,
so schrieb Friedrich von Berg an Hindenburg (2, S. 448, Anm. 25). Und zwar sei Rom in Bewegung, um einen katholischen Reichspräsidenten wählen zu lassen, was als Vorläufer aufgefaßt werden könnte, um die Wittelsbacher auf den deutschen Kaiserthron zu bringen. Dem müsse sich Hindenburg mit seiner Kandidatur entgegen stellen. Damit warnte also Friedrich von Berg schon 1919 vor denselben Entwicklungen, vor denen Erich Ludendorff ab 1923/24 auch in Bayern warnen sollte, und worüber er dortselbst mit dem katholischen Thronfolger Kronprinz Rupprecht 1924 in eine scharfe Auseinandersetzung kommen sollte. Für das Verhältnis zwischen Hindenburg und von Berg gilt (2):
Ihr Briefwechsel, Gespräche anläßlich der Tagung des Johanniterordens-Kapitels, Bergs Aufenthalte in Hannover und später in Neudeck, sowie Gegenbesuche Hindenburgs in Markienen sind ein Zeugnis ihres regen Kontakts.

Im Frühjahr 1920 legte Friedrich von Berg in handschriftlichen Aufzeichnungen seine Erinnerungen an seine Tätigkeit als Chef des Zivilkabinetts nieder (2, S. 77).

1920 - Die Adelsgenossenschaft

1971 sind sie veröffentlicht worden (2). Außerdem wurde er auf dem deutschen "Adelstag" zum Vorsitzenden der "Deutschen Adelsgenossenschaft" (DAG) (Wiki) gewählt. Diese ist 1874 von 30 preußischen Adeligen gegründet worden. Über die Tätigkeit von Friedrich von Berg als Vorsitzender dieser DAG ist zu erfahren (31, S. 298f):

... dem Adelstag von 1920 beschlossenen "Arierparagraphen", den die DAG in ihre Satzung aufnahm, war das "Deutsche Adelsblatt" stark antisemitisch-völkisch geprägt, Artikel über die Notwendigkeit der "Aufnordung" des deutschen Volkes im allgemeinen und des deutschen Adels im besonderen bildeten einen wesentlichen Bestandteil der im "Adelsblatt" vertretenen Ideologie. Der polemische Stil des "Adelsblatts" im Kampf gegen das parlamentarische "System" und seine Vertreter führte 1929 gar zu einer besonders grotesken Situation: Nachdem der Außenminister Stresemann in einer Ministerbesprechung am 3. September 1929 im Zusammenhang mit einem nun zu beginnenden "Abwehrkampf gegen die Hetzpropaganda der Opposition" die Aufmerksamkeit auf den "vergiftenden Kampf" des Organs der DAG "gegen den bestehenden Staat" gelenkt hatte, wurde den Offizieren und Beamten der Reichswehr sowie den Beamten mehrerer Reichsministerien die Mitgliedschaft in derjenigen Organisation verboten, der der Reichspräsident Hindenburg als Ehrenvorsitzender vorstand.
Die "Deutsche Adelsgenossenschaft" trug nicht nur dazu bei, weite Teile des Adels im Zeichen einer schroff antidemokratischen und oft vulgär-antisemitisch akzentuiert-.... Aufgabe der DAG sei, "jeden einzelnen und vor allen Dingen unsere Jugend" erziehen zu müssen. Wie sehr die im Grunde unpolitischen Werte, die Berg-Markienen als Leitgehalte dieser Erziehung nannte - "Oberster Grundsatz ist: Erziehung zur Pflicht, die mit Unterordnung, Disziplin, Selbstverleugnung beginnt." - von ihm als Leitgehalte eines politischen Programms verstanden wurden, deutet sich im Nachsatz an: "Wird dieser allererste Grundsatz befolgt, dann folgt alles andere, das sich die deutsche Adelsgenossenschaft zur Aufgabe gestellt hat, von ..." ... Denn schon die Aufgabe des in der DAG zusammengeschlossenen Adels, durch seine "Selbsterziehung" zur "Erziehung unseres deutschen Volkes" beizutragen, kennzeichnet das von Berg-Markienen dem Adel aufgegebene politische Ziel: die Gesellschaft ... [nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert]

Friedrich von Berg wurde auch Mitglied des völkischen "Heimatbund Ostpreußen" (19, S. 268). 2001 ist über diesen eine bislang unveröffentlichte Magisterarbeit erschienen unter dem Titel "Der Heimatbund - Konservative Opposition und völkischer Nationalismus in Ostpreußen 1919-1922" (20). Dieser Heimatbund entstand im Zusammenhang mit der völkischen "Heimatbewegung" der unmittelbaren Nachkriegszeit. Diese gab es damals überall in Deutschland (Wiki). 1933 ging der "Heimatbund Ostpreußen" in dem "Bund deutscher Osten" (Wiki) auf.

1923 - Kurt Tucholsky blickt auf die ostpreußischen Konservativen

Kurt Tucholsky schrieb Anfang der 1920er Jahre (21, S. 71):

Die Landräte tun, was sie wollen: das ist die Reaktion. Auf das kräftigste werden sie dabei unterstützt von zwei Vereinen, die, mit dem ganzen schweren Gelde der Deutsch-Nationalen ausgestattet, unsägliches Unheil anrichten: von der Staatsbürgerlichen Arbeitsgemeinschaft und vom Heimatbund. Von Gayl und von Hassel sind die Väter dieser edlen Zwillingsbrüder. Nirgends liegen so viel Waffen versteckt wie in Ostpreußen. Der Zusammenhang zwischen Verwaltungsbehörden, den Staatsanwaltschaften, der Reichswehr, den nationalen Vereinen, den Selbstschutz- Organisationen und diesen Waffenschiebungen wird gerichtlich niemals zu erbringen sein. Es gibt in Ostpreußen keine Organe, die, vom Gerichtsdiener bis herunter zum Generalstaatsanwalt, wirklich eingriffen. ... [zitiert nur als Google-Bücher-Ausschnitt]
Und (21, S. 157):
Was der Herr von Berg-Markienen und der sehr beachtliche Herr Hundertmarck eigentlich treiben, weiß kein Mensch. Aber sie wissen es. Sie stehlen dem lieben Herrgott die Zeit mit überflüssigen Organisationen. Die Agrarier und die ... Mit Müh und Not hat man jetzt eine besondere Berliner Geschäftsstelle des Herrn von Gayl abgewehrt, die den Oberpräsidenten Siehr ausschalten wollte. Sei es, daß auch in den Berliner Stellen zu viel gute Freunde der Ostpreußen sitzen, sei es, daß man sich - immer mal ... [zitiert nur als Google-Bücher-Ausschnitt]
Und (21, S. 194):
Die Republik tut nichts. Was nützen denn die Erlasse, die sich Unter den Linden sehr schön ausnehmen, wenn sich im Dorf und in der Stadt keiner darum kümmert. Der Oberpräsident Siehr in Ostpreußen ist ein ordentlicher Mann, der mit dem Kappisten Winnig nicht in einem Atem genannt werden darf - aber regiert wird das Land von dem Heimatbund des Erzreaktionärs von Gayl. Da entsteht jene Atmosphäre, in der die Helden gedeihen, die Erzberger ermordet und die erst jetzt ... [zitiert nur als Google-Bücher-Ausschnitt]

Der hier genannte Wilhelm von Gayl (1879-1945) (Wiki) war ein ostpreußischer, deutschnationaler Staatsbeamter und Politiker, der dann vom 1. Juni bis zum 3. Dezember 1932 Reichsinnenminister in der Regierung von Papen werden sollte. Danach zog er sich aus der Politik zurück.

1921 bis 1926 - Vermögensverwalter des Hohenzollern-Hauses

Von 1921 bis 1926 war Friedrich von Berg Leiter der Generalverwaltung des vormals regierenden preußischen Königshauses und vertrat als Generalbevollmächtigter der Hohenzollern zusammen mit dem Kaisersohn August Wilhelm von Preußen das ehemalige Königshaus in den Auseinandersetzungen mit dem Reich um das Hausvermögen. Er stand also weiterhin in engster Verbindung zu sicherlich allen Angehörigen der Kinder von Kaiser Wilhelm II. und seiner Enkel. Spätestens seit dieser Zeit stand er auch in Verbindung mit Sigurd von Ilsemann (1884-1952) (Wiki), dem langjährigen letzten Flügeladjutanten Kaiser Wilhelms II. in Holland (14).

Nach Ludendorffs Entlassung hatte Hindenburg selbst nicht seine Entlassung gefordert, wie Ludendorff das wie selbstverständlich erwartet hatte, sondern war geblieben. Und am 9. November 1918 hatte er dem Kaiser zur Flucht nach Holland geraten, da die deutschen Truppen für seine Sicherheit nicht mehr bürgen könnten. All diese Umstände ließen nicht nur in den Augen von Ludendorff ein schlechtes Licht auf Hindenburg fallen. Aber da er für eine künftige Reichspräsdentenschaft vorgesehen war, sollte er in der Öffentlichkeit auch nicht in zu schlechtem Licht stehen.

1922 erschien die Schrift "Der Kaiser am 9. November! Eine Klarstellung nach noch nicht veröffentlichtem Material" (4, S. 425). Der Kaiser hatte bald nach seiner Flucht nach Holland eine Niederschrift über die Ereignisse rund um seine Abdankung und seine Flucht nach Holland angefertigt. Diese Niederschrift war auch in den Besitz von Friedrich von Berg gelangt. Und er gab sie zur Veröffentlichung weiter. Entgegen den Wünschen des Kaisers wurde in dieser Veröffentlichung jedoch die Rolle Hindenburgs nicht klar herausgearbeitet, weil das Ansehen Hindenburgs nicht beschädigt werden sollte. Welche Rolle Friedrich von Berg dabei im einzelnen spielte, wäre noch zu klären. Aber von Berg wird wohl sehr früh auch zur engeren "Kamarilla" um Hindenburg gezählt und wird es ebenso befürwortet haben, daß Hindenburgs Ansehen nicht beschädigt wird. Im Sommer 1922 kam denn Hindenburg auch bei Friedrich von Berg auf Gut Markienen zu Besuch (23, S. 229):

Hindenburgs erste Ostpreußenreise hat 1922 stattgefunden und wurde von Gayl organisiert. Als Gastgeber fungierten Vertreter des adligen Großgrundbesitzes: Graf Lehndorff-Preyl, von Berg-Markienen, von Tettau-Kraphausen, Freiherr von Knyphausen-Kalittken, Frau von Hindenburg-Neudeck, von Oldenburg-Januschau. Graf zu Eulenburg-Prassen, Graf Lehndorff-Steinort, von Alvensleben-Rodehlen, Graf Dönhoff-Friedrichstein und abschließend Landeshauptmann von ...

Als Wilhelm II. am 5. November 1922 in Arnheim in Holland ein zweites mal heiratete, gehörte auch Friedrich von Berg zu den engeren Hochzeitsgästen (14, S. 358).

Juni 1923 - "Deutschland, wahre die Ehre!"

Im Antiquariatshandel ist gegenwärtig ein "Albumblatt" von Friedrich von Berg angeboten (Abbildung 3). Es ist vom Anbieter offensichtlich falsch auf das Jahr 1913 datiert, obwohl als Jahreszahl deutlich genug 1923 zu lesen ist, worauf auch viel besser der kurze und knappe Inhalt des Albumblattes paßt.

Abb. 3: "Deutschland, wahre die Ehre!"
Albumblatt "v. Berg Markienen"
(Herkunft: Zvab, März 2018)
Sein Wortlaut:
Gebot über allen Geboten:
Deutschland, wahre die Ehre!
8. Juni 23        v. Berg-Markienen

Schon im September 1923 gärt es in ganz Deutschland.

September bis November 1923 - "Ist es nicht ein Jammer? ..." 

Es bestehen Pläne, die vollziehende Gewalt an den General von Seeckt zu übergeben. am 11. September 1923 fährt Seeckt nach Sachsen (34):

Seeckt beruhigt in Ansprache an 3. Div. über die innere Lage. Er weist auf unser wirkliches Können hin, das in nationalen Kreisen oft unterschätzt wird, namentlich von alten Generalen, die unsere Zurückhaltung als Schlappheit und Furcht auslegen.
Seeckt reiste auch nach Bayern, um dort die Lage zu beruhigen. Am 19. September hatte er am Manöver der 7. Division in Amberg teilgenommen. Noch am gleichen Tag schrieb er an seine Frau (34) (s.a. GB, GB):
Nach Rheinbaben verließ mich eben Berg. Morgen u. a. Vorm. Roesicke und Hergt, Nachm. Spengler. Freitag Finanzen und Wirtschaft. […] schon auf dem Bahnhof empfing mich die Nachricht, daß man meine Abwesenheit von drei Tagen benutzt hatte, drei Dummheiten zu machen.
Seeckt berichtete seiner Frau, er habe Berg dessen politische Sorgen "zum Teil nehmen" können (34). Aber am Folgetag begegnet Seeckt ähnlichen Forderungen wie denen von Bergs (27, S. 454):
Am 19. September sprach Friedrich von Berg-Markienen bei Seeckt vor, und am 20. September folgten Roesicke, Graf Schwerin-Löwitz, von Goldacker und Arno Kriegsheim. Die Vertreter der Landwirtschaft drängten Seeckt, die Macht zu übernehmen. Vor allem erwarteten sie von Seeckt, daß er jeden sozialdemokratischen Einfluß auf die Regierung ausschalten würde, während sie als Gegenleistung zusagten, Lebensmittel in großem Umfange zur Verfügung zu stellen.
(ähnlich: 13, S. 374) Seeckt läßt im Truppenamt Vorbereitungen für den reichsweiten Ausnahmezustand treffen (34). Die Reichskrise, die hier gärte, entlud sich dann am 9. November 1923 im Hitler-Ludendorff-Putsch in München, der also keineswegs als ein isoliertes Ereignis und als ein Handeln allein der völkischen Gruppierungen angesehen werden kann. Überall im Reich gärte es ähnlich und wurden ähnliche Forderungen laut. von Selchow, der Adjutant von Seeckts, hielt in seinem Tagebuch fest (34):
Es gärt überall, die Stimme nach einem Diktator wird immer lauter! Seeckts Name wird immer öfters genannt und bald wird der Augenblick kommen müssen, an dem er aus seiner klugen Reserve heraus zur Aktivität schreiten muß, zwangsläufig. Wann ist der Moment? Noch nicht, denn erst im Moment der höchsten Gefahr muß der Diktator erstehen. - Besprechungen über Besprechungen mit den Rechtskreisen finden statt. Seeckt wird stark getrieben, er behält aber seinen kühlen Kopf. - Was geschieht, wenn die Rechtsorganisationen in Bayern jetzt losschlagen? Kampf der Reichswehr gegen die Rechtskreise? Unmöglich. Soll, wie es immer wieder von vielen Kreisen gefordert wird, soll Seeckt sich an die Spitze des Staates setzen, um dem vorzubeugen?
Über das Schicksal Ludendorffs im Hitler-Ludendorff-Putsch ist Seeckt (34)
"auf das tiefste bekümmert".
Sein Adjutant schreibt in sein Tagebuch:
Es ist scharf geschossen worden. Es hat Tote und Verwundete gegeben. Hitler und Ludendorff sind festgesetzt. Ist das nicht Tragik, daß ein General Ludendorff von Feldgrauen festgesetzt werden muß? Ist es nicht ein Jammer um soviel verpuffte nationale Kraft? 

Ein wenig möchte man als Nachgeborener da nachtreten und ausrufen: Und ist es nicht ein Jammer, daß der Tagebuchschreiber hier so jammert? Und sein Vorgesetzter nicht anders? Schon am Tonfall in diesen damals "alten, konservativen" Kreisen wird spürbar, daß eine ehrlich dreinschlagende Faust - wie jene der damaligen völkischen Bewegung in Bayern - geradezu eine geschichtliche "Notwendigkeit" für sich hatte. Erst von solchen "jammernden" Tagebucheinträgen her versteht man diese Notwendigkeit auch - sozusagen - "emotional". Wie hätten sich solche "Jammergestalten" zu irgendeiner Tat aufraffen können? Oder wollen? Man spürt schon allein aus diesen Worten heraus das revolutionäre Drängen und Wollen der - - - "Gegenseite" dieses von Seeckt, nämlich der "Rechtsorganisationen in Bayern". Das nämlich war der Kampf vom 9. November 1923: Ludendorff gegen Seeckt. Und Seeckt siegte. Jammernd und "auf das tiefste bekümmert".

September 1925 - Kronprinzenpaar und Söhne treffen sich mit Mackensen auf Gut Markienen

1925 gründeten Angehörige der Familie von Berg einen Familienverband und hielten alljährlich einen Familientag ab. Darüber heißt es 1934 im berühmten "Gotha" (18, S. 20):

Ein Familienverband der Grafen und Herren von Berg, eingetragen 17. Februar 1925 in das Vereinsregister Amtsgericht Berlin-Mitte, hält alljährlich Familientag ab, Vorsitzender: Wirklicher Geheimer Rat Fritz v. Berg, auf Markienen bei Bartenstein, Ostpreußen; Schriftführer: Regierungs-Rat a. D. F.-C. v. Berg, Dubkevitz bei Gingst, Rügen; Schatzmeister: W.-G. v. Berg, Bankdirektor, Berlin. - Vgl. auch den gleichnamigen Artikel im Taschenbuch der Adeligen Häuser, Teil 4, und den Artikel Berg-Schönfeld im Taschenbuch der Gräflichen Häuser.

Bei dem hier genannten Fritz von Berg handelt es sich vermutlich um Friedrich von Berg. Bekannt gewordene Pläne zu einem Sicherheitsabkommen des Deutschen Reiches mit Frankreich ließen Friedrich von Berg am 20. Mai 1925 aus Sorge um Ostpreußen beim Reichskanzler Luther vorsprechen und zwar in seiner Funktion als Vorsitzender des Provinziallandtages. Man wollte sich (vermutlich) im Westen auf den Status quo in der Grenzziehung zwischen Frankreich und Deutschland einigen und nun fürchtete man in Ostpreußen, daß es solchen Pläne auch in Bezug auf die Ostgrenzen geben könne, die die Abtrennung Ostpreußens vom Reich zementieren würden (35):

Ostpreußische Besorgnisse, daß die Reichsregierung sich bei der Weiterbehandlung der Probleme des Sicherheitspaktes und des Völkerbundes auch zu Konzessionen nach Osten drängen lassen könnte, waren dem Reichskanzler schon durch Exzellenz von Berg-Markienen und Graf Eulenburg bei einem Empfang in der Reichskanzlei am 20. Mai vorgetragen worden.
Luther hatte die Sorgen beschwichtigt (35):
Aus den deutschen Vorschlägen gehe eindeutig hervor, "daß der Inhalt des Vertrages sich auf die Westgrenze Deutschlands beschränken müsse. Ein Überspringen auf die Ostgrenze würde den Grundgedanken des Pakts völlig umwerfen."
1925 war der älteste Kronprinzen-Sohn Wilhelm (1906-1940) (Wiki) 19 Jahre alt. Von Jugend auf war er begeisterter Soldat gewesen. Die Presse brachte schon 1913, da war Wilhelm neun Jahre alt, eine Fotografie, wie der Prinz zu Pferd (aber in Zivil) Mackensen in Paradeuniform grüßt (Alamy). Untertitel war das Foto (Die Woche, 1913, S. 1486):
Prinz Wilhelm von Preußen, der älteste Sohn des Kronprinzenpaares, und General von Mackensen beim Regimentsexerzieren in Langfuhr.
Langfuhr liegt bei Danzig. Als der Kaiser das Langfuhrer Husarenregiment 1911 an seinen Sohn, den Kronprinzen übergab, wurden auch Filmaufnahmen von dem dortigen Regiment in seinen prachtvollen Husarenuniformen gemacht, die sich erhalten haben (39). Zwölf Jahre und einen Weltkrieg später nun, am 9. September 1925, traf Prinz Wilhelm zusammen mit seinen Eltern Mackensen wieder auf Gut Markienen. Und ein Jahr später erinnerte man sich an dieses Zusammentreffen, weil es jene Geschehnisse anbahnte, die am 1. Oktober 1926 zur Entlassung des Reichswehr-Chefs Seeckt führten. Seeckt hatte nämlich dem Kronprinzen-Sohn Wilhelm in der Folge die Teilnahme an einem Reichswehr-Manöver in Uniform erlaubt. Welch ein Frevel. Die ganze Weimarer Schickeria war empört. Das "böse" monarchische Unrechtssystem erhob wieder sein drohend und unheilvoll sein Haupt. Diese Empörung mußte ... (28, S. 214)
... Reichswehrchef von Seeckt erfahren, als er 1926 dem ältesten Sohn des Kronprinzen die Teilnahme an einem Manöver erlaubte. Mackensen kannte das militärische Faible jenes Prinzen Wilhelm noch vom Danziger Paradefeld, wo der halbwüchsige Reiter begeistert vor ihm salutiert hatte. Für Mackensen und seine Gattin hatte es im Vorjahr bei einer Ostpreußenreise auf dem Gut von Friedrich von Berg-Markienen, dem Generalbevollmächtigter des preußischen Königshauses und Vorsitzenden der Deutschen Adelsgesellschaft, ein "sehr herzliches" Wiedersehen mit dem Kronprinzenpaar und dessen Söhnen Wilhelm und Louis Ferdinand gegeben. Nach einem vierstündigen Zusammensein charakterisierte Mackensen die beiden Prinzen, von denen der Jüngere von 1951 bis 1994 der Chef der Hohenzollernfamilie wurde: "Sichere Ruhe und verständige Redeweise des Älteren. Der zweite mag elastischeren Geistes sein; er ist zweifellos ein sehr begabter Kopf und eigener Wille. Wilhelm ist ganz Preuße und Soldat im Denken und Auftreten, Louis Ferdinand international im besten Sinne des Wortes und vielleicht ein zukünftiger 'königlicher Kaufmann' im Bismarckschen Sinne." In diesem Fall verwarf Mackensen einmal ... ... [nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert]
Im gleichen Jahr 1926 setzten sich die öffentlichen Erörterungen rund um die "Fürstenenteignung", bzw. "Fürstenabfindung" (Wiki) weiter fort. Bezüglich dieses Themas spielte Friedrich von Berg ja eine zentrale Rolle. Am 9. April 1926 schrieb Friedrich von Berg für die Generalverwaltung des Preußischen Königshauses an den Reichskanzler in Betreff der Fürstenabfindung (Akten Reichskanzlei). Weiter ist zu erfahren (36):
Anfang Juli 1926 ersuchte der Bevollmächtigte des vormaligen Preußischen Königshauses v. Berg das Preußische Staatsministerium um die Wiederaufnahme von Vergleichsverhandlungen. In seiner Antwort vom 21.7.26 erklärte sich der Preußische Ministerpräsident Braun hierzu unter der Bedingung bereit, daß die Verhandlungen an das Ergebnis der Beratungen des Reichstages über den Entwurf des Fürstenabfindungsgesetzes anknüpften (...). Am 3.9.26 vermerkte Oberregierungsrat v. Stockhausen: "Die Verhandlungen zwischen dem Preußischen Staat und dem Vertreter des Kaiserlichen Hauses sind kürzlich wieder aufgenommen worden. […] Preußen soll in seinem Vorgehen und in seinen Forderungen gegenwärtig gemäßigt sein. Es hat den Anschein, als ob die Verhandlungen sich ganz gut anließen. Eine Veranlassung zum Eingreifen ist gegenwärtig daher seitens des Reichs nicht gegeben; vielmehr wird man mit angespanntester Aufmerksamkeit den Gang der Verhandlungen verfolgen müssen, um gegebenenfalls, insbesondere nach der Fürstenseite hin, einen Druck auszuüben, da unter allen Umständen vermieden werden soll, daß der Reichstag sich in seiner nächsten Session erneut mit der Frage der Fürstenabfindung beschäftigt." (R 43 I/2207, Bl. 167).
Am 8. September 1926 wird in einem Vermerk des Staatssekretärs Pünder festgehalten (36):
Anläßlich seines Aufenthaltes beim Herrn Reichspräsidenten in Dietramszell hat Herr Staatssekretär Meissner gestern mit dem Herrn Reichspräsidenten auch über den Stand der Fürstenentschädigung gesprochen. Der Herr Reichspräsident hat von sich aus auf Exzellenz von Berg eingewirkt in Richtung auf eine mäßigende Haltung der Fürstenvertreter. 

September 1927 - Reichspräsident Hindenburg auf Gut Markienen

Über den Reichspräsidenten Hindenburg wird berichtet (15, S. 48):

Zur Einweihung (des Tannenberg-Denkmals) am 18. 9. 1927 reiste der Reichspräsident von Swinemünde aus zur Umgehung des polnischen Korridors auf dem Kreuzer "Berlin" und begab sich nach feierlichem Empfang in der Deutschordensstadt Königsberg auf das Gut des befreundeten Geheimrats von Berg auf Markienen, "Adelsmarschalls", ehemaligen Chefs des kaiserlichen Zivilkabinetts und langjährigen Bevollmächtigten des Hauses Hohenzollern in Deutschland. Nach der Teilnahme an den ostpreußischen Reichswehrmanövern folgte der feierliche Tag der Denkmalseinweihung. Hindenburg, in der Uniform des kaiserlichen Generalfeldmarschalls, ... [nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert]
Die Reise (19, S. 268):
... wurde von Wilhelm von Gayl organisiert. Die Behörden wurden nicht konsultiert und erfuhren von dem Vorhaben erst aus der Presse. Das Programm des fast vierwöchigen Aufenthalts in der Provinz sah vor, daß Hindenburg stets bei adligen Republikgegnern übernachtete wie Elard von Oldenburg-Januschau, Graf Dönhoff-Friedrichstein sowie Mitgliedern des völkischen Heimatbundes wie Friedrich von Berg-Markienen, Graf zu Eulenburg-Prassen und Landeshauptmann Manfred von Brünneck. Die preußischen Behörden waren in der Zwickmühle: Weder wollten sie sich mit Statistenrollen in dem Schauspiel um ... [nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert]
In dem Hindenburg-Gedenkbuch von 1935 läßt man Friedrich von Berg auch folgendes erzählen (25, S. 162, 164):
.... "Das letztemal war der Reichspräsident bei mir", fährt Exzellenz von Berg weiter fort, "am Vorabend der Einweihung des Nationaldenkmals in Tannenberg. Der Tag ist uns allen unvergeßlich, wie er sich auch hier die Herzen in Markienen eroberte. Wie fuhren gemeinsam nach Tannenberg zu der denkwürdigen Feier, bei der sich dann allerlei ereignen sollte." Als ich am Abend Markienen verließ und die Schwarzbraunen vor einer altmodischen Chaise, die aber den Charme und die ... [nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert]
1930 besuchte Friedrich von Berg umgekehrt Hindenburg auf Gut Neudeck in Ostpreußen (4, S. 603). von Berg wurde als Angehöriger der "Kamarilla" um Hindenburg empfunden (15, S. 70):
Ist der Einfluß seiner "Freunde und Nachbarn" auf Hindenburg, obwohl deutlich erkennbar, doch im einzelnen sehr schwer nachzuweisen, so läßt sich die militärische Camarilla um den Reichspräsidenten in wesentlich konkreterer Form aufzeigen. Ragte aus den Kreisen der preußischen Großgrundbesitzer noch über den Geheimrat von Berg auf Markienen, den Frh. von Gayl und einige andere die kräftige Gestalt des Herrn von Oldenburg-Januschau deutlich heraus, so ist es hier vor allem der gewandte und intrigante General Kurt von Schleicher, dessen Einfluß und Einflüsterungen Hindenburg sich mehr und mehr hingab. Von des Generalfeldmarschalls späterem Generalquartiermeister Groener, der in seiner ersten Ehe .... [nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert]

Nun, das wurde 1959 geschrieben. Damals hatte Niall Ferguson (37) es noch nicht "hoffähig" gemacht, daß man als seriöser Historiker freimaurerische Seilschaften und Netzwerke als Antriebskräfte der Politik unterstellte. Diese werden aber wohl doch die eigentlichen Kräfte gewesen sein rund um den Feldherrn-Darsteller Paul von Hindenburg, diese ausgesprochene Unheilsgestalt der deutschen Geschichte (dazu wurde in anderen Blogbeiträge schon viel Material zusammen getragen).

Frühjahr 1932 - Einsatz für die erneute Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten

1931 weilte der Prinz Wilhelm, ältester Sohn des deutschen Kronprinzen, in Königsberg und äußerte sich in einem Gespräch über Ludendorffs Kampf gegen die Freimaurerei sehr positiv (38). Seit der Reichstagswahl von 1930 und dem dabei erfolgten plötzlichen großen Wahlerfolg der NSDAP veränderte sich sehr schnell sehr viel in Deutschland. Von Monat zu Monat war es auch für bislang traditionell konservativ gesonnene Menschen nicht mehr "unmöglich", sich mit dem Gedankengut der völkischen Bewegung und dem "Gefreiten" Hitler auseinanderzusetzen.

Friedrich von Berg allerdings blieb als treuer Gefolgsmann Hindenburgs auf alten Bahnen des Denkens und Handelns. Am 6. Februar 1932 veröffentlichte er als erster Vorsitzender der deutschen Adelsgenossenschaft eine Kundgebung, in der Hindenburg zur erneuten Kandidatur für das Reichspräsidentenamt aufgefordert wurde (Wiki). Weiter wird berichtet (4, S. 664):

Nach der Annahme der Kandidatur stellte sich jedoch heraus, daß Friedrich von Berg diesen Vorstoß auf eigene Faust unternommen hatte, weshalb er unter schweren innerverbandlichen Beschuß geriet. Am 17. Februar mußte er den Vorsitz der Adelsgenossenschaft niederlegen, was zum Ausdruck brachte, wie sehr gerade jüngere Adlige sich von dem klassischen Adelsverständnis abgewandt hatten und mit einer völkischen Definition von Adel liebäugelten.
Es ist dazu zu erfahren (2, S. 71):
Am 17. Februar 1932 legte er wegen dieser Differenzen schließlich den Vorsitz in der Adelsgenossenschaft nieder, ein Entschluß, der wie Hindenburg meinte, aus einer "verständlichen Verärgerung etwas übereilt gefaßt" sei. Bergs Rücktritt war nach dem Urteil seines Adoptivsohnes Hans-Hubert v. Berg ... [nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert]
Womöglich handelte es sich um solche Adlige, die - wie der Bruder von Bergs - ihren Namen von von Berg auf Vonberg umbenannten. Auf Wikipedia heißt es dazu (Wiki):
Seine monarchische Fraktion konnte sich nicht gegen die völkische durchsetzen.
Zur Reichspräsidentenwahl am 13. März und 10. April 1932 (Wiki) haben sowohl die Sozialdemokraten wie das katholische Zentrum öffentlich dazu aufgefordert, Hindenburg zu wählen, um einen Reichspräsidenten Hitler zu verhindern. Außerdem wird über Hindenburg berichtet (22, S. 514):
Vor allen Dingen die von ihm beileibe nicht in einer solchen Intensität erwartete deutliche Kritik des gesamten rechten Flügels an seiner Wiederkandidatur hatte ihn innerlich tiefer getroffen, als dies aus seinem offenen Brief an Friedrich von Berg-Markienen hervorgeht.
Darüber beklagte sich Hindenburg nach der Wahl bitterlich (16, S. 219):
Walter Zechlin, Reichspressechef, der bei täglichem Vortrag ein Kenner der Psyche Hindenburgs über Jahre geworden war, gibt eine plausible Erklärung. Er beschreibt, wie er am Tage nach der Wahl den Reichspräsidenten beglückwünschte und die Antwort erhielt: "Herr Zechlin, den Glückwunsch nehme ich nicht an. Wer hat mich denn gewählt? Mich haben die Sozis gewählt, mich haben die Katholiken gewählt. Meine Leute haben mich nicht gewählt." Wenn es zutreffen sollte, daß alle Ostpreußen, Westpreußen den Sohn der Heimat, alle Mitglieder der Adelsgesellschaft, alle Kriegskameraden der oberen Rangstufen wie Seeckt, der sich öffentlich neben Ludendorff für Hitler entschieden hatte, ihn nicht gewählt hatten, war es die Schuld Brünings, der SPD, der Katholiken? Hatte er vergessen, daß sich sehr viel mehr Protestanten als Katholiken nach den Ergebnissen der Wahl zu seinen Wählern zählten? Daß weder die Konservativen um Westarp und Berg-Markienen noch alle Stahlhelmer und Deutschnationale  gegen ihn gestanden hatten? Der Alte Herr war nicht im unklaren gelassen worden, daß zu den Kreisen des Sahm- ... ... [nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert]

Soweit es die in diesem Zitat erwähnte Person Erich Ludendorff betrifft, ist die getroffene Aussage allerdings ganz falsch. Erich Ludendorff bekämpfte 1932 die sich ankündigende Diktatur Hitlers ebenso wie die bestehende Präsidialdiktatur Hindenburgs, und zwar gleichermaßen entschieden und kraftvoll (siehe dazu andere Beiträge hier auf dem Blog).

Mai 1933 - Hitler wird um Wiederherstellung der Hohenzollern-Monarchie gebeten

Auch in die politischen Verhandlungen, die der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler unmittelbar vorangingen, war Friedrich von Berg involviert. So heißt es in einer taggenauen Chronologie zu dieser Zeit (26, S. 234):

... Hindenburg bei Ribbentrop zum Tee; signalisiert, daß das Projekt "nationale Front" beim alten Hindenburg Aussichten habe. zeitgleich: Die Großagrarier von der Osten-Warnitz, Oldenburg-Januschau und Berg-Markienen beim Reichspräsdenten. ca. 25.1. Gemeinsamer Brief der Industriellen Hamm und Kastl an Hindenburg mit der Forderung (auch im Namen von Krupp) nach alsbaldiger Berufung Hitlers zum Reichskanzler. Donnerstag, 26. 1. Papen verhandelt mit Hugenberg ... [nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert]
Der Historiker Friedrich Wilhelm Prinz von Preußen (1939-2015) (Wiki) berichtet (24, S. 118):
Der Ungewißheit hinsichtlich der Frage einer Wiedererrichtung der Monarchie suchte Hindenburg zu begegnen. Auf seinen Wunsch und durch seine Vermittlung kam es am 9. Mai 1933 zu einer Unterredung zwischen Hausminister Friedrich von Berg-Markienen und Reichskanzler Adolf Hitler. Reichswehrminister Werner von Blomberg war bei dieser Aussprache, die über eine Stunde gedauert hat, anwesend. Eine Niederschrift wurde am 15. Mai 1933 von Wilhelm von Dommes ... [nur als Google-Bücher-Ausschnitt zitiert]

Hitler erklärte, daß es für die Wiedererrichtung der Monarchie noch zu früh sei. Er arbeite auf diese jedoch als Abschluß seines politischen Wirkens hin (4, S. 840). Wie ehrlich es Hitler damit meinte, steht natürlich dahin. Vermutlich handelte es sich hierbei nur um eine taktische, hinhaltende Äußerung. Für die Wiederherstellung der Hohenzollern-Monarchie wäre jedenfalls der deutsche Kronprinz bereit gestanden, ebenso sein Sohn, der erst ein Jahr zuvor in Königsberg gesprächsweise die Erschütterung seines Großvaters über Ludendorffs Freimaurer-Kampf erwähnt hatte (3).

Insofern hätte damals die Wiederaufrichtung der Hohenzollern-Monarchie - als Alternative zum "Dritten Reich" - ein Segen für Deutschland sein können. Gerade auch der junge Prinz Wilhelm wurde von vielen Menschen als politisch hoch befähigt erachtet. Noch im Mai 1935 kam Friedrich von Berg gegenüber Sigurd von Ilsemann auf sein Gespräch mit Hitler zurück (14, S. 382). Am 9. März 1939 verstarb Friedrich von Berg mit 73 Jahren auf seinem Gut in Markienen. 1942 wird vom "Gotha" als Besitzer des Gutes Markienen genannt (GB):

Karl Ludwig Hans-Hubert, geb. Hannover 11. Sept. 1908 (adopt. 13. April 1927 von Friedrich (Fritz) von Berg, s. Tschb. der Adel. Häuser, Teil A), Bes. von Markienen (500 hea), Kr. Bartenstein, Ostpr., Ldwirt, Referendar a. D., Lt. in einem Inf.-Rgt. ERr des Joh.-O..

Während man die politische Biographie des Friedrich von Berg auf sich wirken läßt, stößt einem hierbei insbesondere das Wirken des Hans von Seeckt - und insbesondere im Jahr 1923 - noch als "unverstanden" auf.

Erste zusammenfassende Beurteilung

Man erhält auch bei Hans von Seeckt den Eindruck, den wir in anderen Blogartikeln schon hinsichtlich von Paul von Hindenburg in vielerlei Hinsicht erhärteten, nämlich daß sich auch Hans von Seeckt im Umfeld von Männer-Seilschaften bewegte, die viel freimaurerischen Charakter gehabt zu haben scheinen (siehe neuerdings: 37), ja, man glaubt auch im Hintergrund sogar recht deutlich den Admiral Canaris hindurch zu spüren.

Das muß nicht heißen, daß Friedrich von Berg selbst Freimaurer war, aber sein Jahre langes politisches Umfeld "färbt" doch irgendwie zunächst einmal auf ihn "ab". Es sind das jene Seilschaften, die den dezidierten Freimaurerkritiker Erich Ludendorff von den übrigen konservativen und völkischen Eliten seiner Zeit isolierten, um dann zunächst die konservativen und schließlich neue völkische Eliten an die Macht zu bringen, wobei die Zielsetzung jeweils war, ein kulturelles und politisches Selbstmordprogramm unter den deutschen Konservativen und Völkischen zu installieren und durchzuführen.

Soweit es die Provinz Ostpreußen betrifft, ist dieses Selbstmordprogramm schon 1945 zu großem Erfolg geführt worden.

Nachbemerkungen

[Ergänzung 27.7.2025] Im Jahr 2022 hat der 82-jährige Wilhelm von Gottberg (geb. 1940) (Wiki) das 280-Seiten starke Buch "Friedrich von Berg - Berater des Kaisers - Eine kritische Biographie" veröffentlicht (40). von Gottberg sagt (PAZ2025):

Berg war der Bruder meiner Großmutter, also mein Großonkel. Gleichwohl ist er in meinem Elternhaus nur wenig thematisiert worden. Wenn überhaupt, wurde jedoch mit großer Hochachtung von ihm gesprochen, aber irgendwie war er immer auch ein bisschen geheimnisumwittert. (...) Bergs Rückwärtsgewandtheit ist vielleicht auch damit zu erklären, daß er unverheiratet war und keine heranwachsenden eigenen Nachkommen erlebte. Ehefrau und Kinder sind ein starkes, wenn auch unbewußtes Regulativ für das eigene Verhalten. Hätte er eine intakte Familie gehabt, wäre der Blick automatisch in die Zukunft gerichtet gewesen.

Die Schwester dürfte Elisabeth (Else) von Gottberg, geb. von Berg (1872-1958) (DtBio) gewesen sein. Für einen langjährigen Leser des Ostpreußenblatts hat der Name Wilhelm von Gottberg einen mehr als guten Klang. Man hatte immer den Eindruck: von Gottberg ist ein Fels in der Brandung. Er macht dem alles zerbröselnden und alles zersetzenden Zeitgeist nicht einen Millimeter Zugeständnisse. Wenn man aber nun über die Inhalte der Biographie hört, daß das Wirken des Friedrich von Berg im Jahr 1918 eher negativ bewertet wird, da Deutschland Anfang des Jahres 1918 einen Verständigungsfrieden hätte erreichen können, der - unter anderem - durch Wilhelm von Berg verhindert worden wäre, dann hört man hier doch gleich allzu viele Zugeständnisse an den Zeitgeist auf einmal heraus, als daß man das Buch insgesamt nicht als eine Enttäuschung wird empfinden müssen.

Unsere Blogartikel zur Familie von Berg werden auf Wikipedia sehr fleißig zitiert (z.B.: Wiki, Wiki). Insofern kann unser Blogartikel von Herrn von Gottberg wohl nicht übersehen worden sein. Zumal es sonst kaum neuere, umfassendere Würdigungen zu Friedrich von Berg gibt. Wir werden bei einem künftigen Blick in das Buch selbst noch einmal genauer der Frage hinterher gehen, in welcher Weise dieses Buch eine Reaktion auf unseren Blogartikel ist - ob unser Blogartikel darin nun angeführt wird oder (wie so oft) nicht. Und warum von von Berg als "geheimnisumwittert" gesprochen werden konnte.

Der eingangs gebrachte Wahlspruch des Friedrich von Berg klang uns immer schon allzu martialisch. Heute werden wir darauf aufmerksam, daß auch noch ein ganz anderer Wahlspruch von ihm überliefert ist (Ahnen):

Das Ewige ist stille,
laut die Vergänglichkeit,
Schweigend geht Gottes Wille
über den Erdenstreit.

(Mörike)

Obwohl die Gefahr besteht, daß mancher aus diesen Zeilen gar zu viel lächerliche christliche Schicksalsergebenheit heraus lesen könnte, könnten diese Zeilen ob ihrer großen Poesie einen ein wenig mit vielem allzu Martialischem im Leben des Friedrich von Berg versöhnen.


/ Seit Veröffentlichung fortlaufend
erweitert und überarbeitet, 
zuletzt am: 21.3.2018, 27.7.25 /

__________________________

  1. Friedrich von Berg-Markienen, geb. in Markienen/Ostpreußen 20.11.1866, † ebenda 9.3.1939. Auf: http://eisenbahn-gumbinnen-goldap.de/gumbinnen/planung-und-bau/3/ (nach: Nils Köhler und Rüdiger Möller: „Die Nordmark helfe der Ostmark” Ostpreußische Kriegsflüchtlinge in Norderdithmarschen während des Ersten Weltkrieges Demokratische Geschichte, Band 14, S. 111-138)
  2. Heinrich Potthoff (Bearb.): Friedrich von Berg als Chef des Geheimen Zivilkabinetts 1918. Erinnerungen aus seinem Nachlaß. Droste Verlag, Düsseldorf 1971 (Quellen zur Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien Erste Reihe Bd. 7) (Gb)
  3. Bading, Ingo: Der deutsche Kronprinz - Begeistert von der Philosophie Mathilde Ludendorffs ... Und mit Vater und Sohn nicht nur ein Verehrer Erich Ludendorffs, sondern begeistert von dessen Freimaurer-Kampf. Studiengruppe Naturalismus, 4. April 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/04/der-deutsche-kronprinz-war-begeistert.html
  4. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Siedler Verlag, München 2007
  5. Nebelin, Manfred: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler Verlag, München 2010
  6. Ludendorff, Erich: Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren. Ersterscheinen 1928. Neu bearbeitet. Ludendorffs Volkswarte-Verlag, München 1931
  7. Kellerhoff, Sven Felix: „Ludendorff wollte nur eine Pause - und weiterkämpfen“. In: Die Welt 05.03.2018, https://www.welt.de/geschichte/article174192890/Kriegsende-1918-Was-der-wahre-Kern-der-Dolchstoss-Legende-ist.html 
  8. Kossert, Andreas: Damals in Ostpreußen. Der Untergang einer deutschen Provinz. 2010
  9. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1940 (Gb)
  10. Ludendorff, Mathilde: Eine beachtliche Äußerung. In: Der Quell, Folge 19, 9.10.1957, S. 911 (Gb)
  11. Bülow, Bernhard von: Memoirs 1909-1919. Putnam, London, New York 1932 (Archive); Übersetzung von: Denkwürdigkeiten, 3. Band (1931) 
  12. Troeltsch, Ernst: Spectator-Briefe und Berliner Briefe (1919-1922). Hrsg. von Gangolf Hübinger. DeGruyter, Berlin 2015 (GB)
  13. Meier-Welcker, Hans: Seeckt. Bernard U. Graefe, 1967 (GB) 
  14. Rall, Hans: Wilhelm II.. Eine Biographie. Styria, 1995 (GB) 
  15. Lucas, Friedrich J.: Hindenburg als Reichspräsident. L. Röhrscheid, 1959 (GB)
  16. Freytag, Nils: Quellen zur Innenpolitik der Weimarer Republik 1918-1933. WBG Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2010 (GB)
  17. Stüttgen, Dieter: Friedrich Wilhelm von Berg-Markienen (1916-1918). In: Studien zur Geschichte Preussens, Band 30, Quelle & Meyer, 1980 (GB)
  18. Perthes, J.: Gothaisches genealogisches Taschenbuch der adeligen Häuser: zugleich Adelsmatrikel der im Ehrenschutzbunde des deutschen Adels vereinigten Verbände, Teil 2, 1934 (GB)
  19. Kossert, Andreas: Ostpreussen - Geschichte und Mythos. Siedler, 2005 (GB)
  20. Rademacher, Noel: Der Heimatbund. Konservative Opposition und völkischer Nationalismus in Ostpreußen 1919-1922. Unveröffentlichte Magisterarbeit Berlin 2001 (zit. bei Kossert 2005)
  21. Tucholsky, Kurt: Gesammelte Werke. 1921-1924. Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 1975 (GB)
  22. Zaun, Harald: Paul von Hindenburg und die deutsche Aussenpolitik, 1925-1934. Böhlau, 1999 (GB)
  23. Hertz-Eichenrode, Dieter: Die Ostpreußenhilfe und Grenzhilfe von 1928. In: ders.: Politik und Landwirtschaft in Ostpreußen 1919-1930. Untersuchung eines Strukturproblems in der Weimarer Repbulik. Springer Fachmedien, Wiesbaden 1969 [Schriften des Instituts für Politische Wissenschaft, Band 23] (GB)
  24. Friedrich Wilhelm, Prinz von Preußen: "Gott helfe unserem Vaterland". Das Haus Hohenzollern 1918-1945. Langen Müller, 2003 (GB)
  25. von der Schulenburg, Dieter: Welt um Hindenburg. Hundert Gespräche mit Berufenen. Buch- und Tiefdruck Gesellschaft, 1935 (GB)
  26. Ruckhaberle, Dieter: 1933 - Wege zur Diktatur. Ausstellung Staatliche Kunsthalle Berlin und Neue Gesellschaft für bildende Kunst vom 9. 1. bis 10. 2. 1983. Staatliche Kunsthalle Berlin, 1983 (GB)
  27. Wulf, Peter: Hugo Stinnes. Klett-Cotta, 1979 (GB)
  28. Schwarzmüller, Theo: Zwischen Kaiser und "Führer". Generalfeldmarschall August von Mackensen. Eine politische Biographie. Schöningh, 1995 (GB)
  29. Plöckinger, Othmar: Geschichte eines Buches - Adolf Hitlers "Mein Kampf". 1922-1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2011 (GB)
  30. Fischer, Jörg-Uwe: Admiral des Kaisers. Georg Alexander von Müller als Chef des Marinekabinetts Wilhelms II.. P. Lang, 1992 (GB)
  31. von dem Bussche, Raimund: Konservatismus in der Weimarer Republik. Die Politisierung des Unpolitischen. C. Winter, 1998 (GB)
  32. Tilitzki, Christian: Die Albertus-Universität Königsberg. Ihre Geschichte von der Reichsgründung bis zum Untergang der Provinz Ostpreußen (1871-1945). Bd. 1: 1871-1918. Akademie-Verlag, Berlin 2012 (GB)
  33. Pacelli an Gasparri vom 06. Oktober 1918, Ausfertigung, in: 'Kritische Online-Edition der Nuntiaturberichte Eugenio Pacellis (1917-1929)', Dokument Nr. 6079, URL: <www.pacelli-edition.de/Dokument/6079> [Abgerufen 19. März 2018]
  34. Materialsammlung des Generalleutnants z. V. Lieber über die Beziehungen der Heeresleitung zum Kabinett Stresemann und ihre Einstellung zur deutschen Innenpolitik vom September bis November 1923. Akten der Reichskanzlei.
  35. Die Kabinette Luther I/II, Band 1, Dokumente, Nr. 110 Ministerbesprechung vom 24. Juni 1925. Akten der Reichskanzlei.
  36. Vermerk des Staatssekretärs Pünder über die Fürstenabfindung in Preußen. 8. September 1926. Akten der Reichskanzlei.
  37. Ferguson, Niall: The Square and the Tower. Networks and Power, from the Freemasons to Facebook. Penguin Press, 2018 (Amaz)
  38. Bading, Ingo: Neue Quellen zur Geschichte der völkischen Bewegung in Ostpreußen (1925 bis 1931) - Ein Herr Vonberg in Bartenstein in Ostpreußen (gest. 1926) - Ein "Veteran" der völkischen Bewegung im Umfeld der "Deutschvölkischen Freiheitspartei". Auf: Studiengruppe Naturalismus, 20. März 2018, http://studiengruppe.blogspot.com/2018/03/neue-quellen-zur-geschichte-der.html
  39. Übergabe des II. Husarenregiments an den Kronprinzen in Danzig. Filmaufnahmen, 1911, 4:50 Minuten, https://youtu.be/OVKqaP66Szs
  40. von Gottberg, Wilhelm: Friedrich von Berg - Berater des Kaisers - Eine kritische Biographie. Gerhard Hess Verlag 2022 (280 Seiten)

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