"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)
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Sonntag, 28. August 2016

Erich Ludendorff in Fotografien des Jahres 1916

In diesem Blogartikel sollen Fotografien Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1916 zusammen gestellt werden. Zu dem Sinn einer solchen Zusammenstellung ist schon im vorigen Beitrag einiges gesagt worden.

Abb. 1: Erich Ludendorff am Schreibtisch (ohne Datum, ohne Ort), wohl 1916

Abbildung 1 zeigt Erich Ludendorff am Schreibtisch. Laut Bildarchiv des Bundesarchives war es im Original beschriftet: "Generalquartiermeister Ludendorff in seinem Arbeitszimmer im Großen Hauptquartier". Danach wäre es erst in die zweite Hälfte des Jahres 1916 oder später zu datieren (das Bundesarchiv datiert es auf das Jahr 1918).

Abb. 2: Das Wohnzimmer Erich Ludendorffs in Kowno (ohne Datum) (aus dem Erinnerungs-Album eines Leutnants, der in Kowno Dienst tat) (Herkunft: Ebay 10/2013)

Abbildung 2 zeigt das Wohnzimmer Erich Ludendorffs in Kowno. (Das Foto stammt aus dem Erinnerungsalbum eines Leutnants, der 1916 in Kowno Dienst tat. Aus diesem Album folgen hier im Beitrag noch weitere Fotografien.

Abb. 3: "Prinz Heinrich, Generalfeldmarschall v. Hindenburg, Generalfeldmarschall v. Eichhorn in Kowno" (aus dem Erinnerungs-Album eines Leutnants, der in Kowno Dienst tat) (Herkunft: Ebay 10/2013)

Wohl im Winter 1915/16 weilten die Prinzen Heinrich und der Generalfeldmarschall von Eichhorn in Kowno als Besucher.

Abb. 4: Hindenburg und Ludendorff empfangen oder verabschieden einen Besucher, wohl auf dem Bahnhof in Kowno, vielleicht den Generalfeldmarschall von Eichhorn (aus dem Nachlass von Hans Tröbst)

Mitte März 1916 - In Berlin

Am 2. März 1916 schrieb Erich Ludendorff zwecks Verabredung mit dem Parteiführer der Nationalliberalen Partei (zit. n. 2, S. 205):

Ich (werde) vom 11. bis 14. III. In Berlin sein. Hochzeit des Prinzen Joachim. Einsegnung meiner Tochter und verschiedene Rücksprachen mit Berliner Behörden. (…) Ich wohne Kurfürstenstraße 112 und halte es nicht für ausgeschlossen, dass ich beobachtet werde. Ich bitte deshalb, dass sich die Herren ohne Namensnennung bei mir anmelden.

Portrait-Fotograf Nicola Perscheid

Spätestens Anfang März 1916 entstand eine zweite Portraitfotografie Erich Ludendorffs von Seiten des (schon im vorhergehender Blogbeitrag erwähnten) Porträt-Fotografen Nicola Perscheid (MKG Hamburg) (s. Abb. 5).

Abb. 5: Erich Ludendorff - Portraitfotografie von Nicola Perscheid (spätestens Anfang März 1916)

Von dieser zweiten Ludendorff-Fotografie Perscheids brachte ein Verleger eine Postkarte heraus, auf der der Schriftzug Ludendorffs aufgedruckt stand (s. Abb. 6):

Unverzagt durch!
G.Q. Ost, den 5.3.16
Ludendorff,
Generalleutnant

Postkarten mit solchen Schriftzügen gab es damals auch von Hindenburg und anderen militärischen Führern, bzw. vom Kaiser. Sie waren also nichts Ungewöhnliches und sind nicht als etwas zu betrachten, was etwa für Ludendorff damals besonders kennzeichnend gewesen wäre. Eher für die Art der Inszenierung in der damaligen Zeit.

Abb. 6: "Unverzagt durch! H.Q. Ost, den 5.3.1916 Ludendorff" (Postkarte)

(Nachdem Erich Ludendorff mit Hindenburg ab dem 30. August 1916 die dritte Oberste Heeresleitung bildete, wurde dieselbe Fotografie verbreitet mit dem Titel: "General der Infanterie Ludendorff der erste Generalquartiermeister. Neueste Aufnahme nach dem Leben von Nicola Perscheid".)

7. April 1916 - Das 50. Dienstjubiläum Hindenburgs

Am 7. April 1916 feierte Paul von Hindenburg sein 50. Dienstjubiläum. Aus diesem Anlass entstanden mehrere Fotografien (betitelt "in Kowno am 7. April 1916", siehe: 5) (eine solche wird aber vom Bildarchiv des Bunddesarchivs wohl falsch auf den Herbst 1916 datiert).

Abb. 7: Das 50. Dienstjubiläum Hindenburgs in Kowno am 7. April 1916 (Wiki)

Ludendorff berichtet (1, S. 255):

Anfang April 1916 wurde in Kowno das 50jährige Dienstjubiläum des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg gefeiert. Ich hielt eine kurze Ansprache und sagte dabei ohne jede weitere Ausführung, dass der Generalfeldmarschall in seinem ersten Dienstjahre am Feldzuge 1866 teilgenommen habe. Kaum waren meine Worte irgendwo gedruckt, als ich ein Schreiben des Reichskanzlers v. Bethmann bekam, meine Rede wäre in Wien übel vermerkt, da ich den Feldzug 1866 erwähnt habe.
Abb. 8: Das 50. Dienstjubiläum Hindenburgs in Kowno am 7. April 1916

Wohl mindestens zwei Fotografien zeigen Hindenburg und Ludendorff in der Nähe ihrer Villa in Kowno. 

Abb. 9: Das 50. Dienstjubiläum Hindenburgs am 7. April 1916 in Kowno

Vermutlich sind an diesem Tag auch Gruppenaufnahmen des Stabes in Kowno gemacht worden, gegebenenfalls die folgende.

Abb. 10: Der Stab in Kowno vermutlich aus Anlaß des 50. Dienstjubiläums Hindenburgs am 7. April 1916

Aus dem Erinnerungsalbum eines Landwehr-Leutnants (1916)

Das Fotoalbum eines schon erwähnten - namentlich nicht bekannten - Landwehr-, bzw. Landsturm-Leutnants, der von März 1916 bis Anfang 1917 in Kowno Dienst tat - danach an anderen Stellen der Ostfront - ist im Oktober 2013 bei Ebay zum Verkauf gelangt. In diesem findet sich auch das folgende Foto von Ludendorffs Stab in Kowno (Abb. 11).

Abb. 11: "S.E. Ludendorff, General Hoffmann und der Stab in Kowno"
 (aus dem Erinnerungs-Album eines Leutnants, der in Kowno Dienst tat)
(Herkunft: Ebay 10/2013)

Soweit übersehbar, hat diese Fotografie noch keine weite Verbreitung in der Literatur gefunden (?). Auf ihm steht in der Mitte Erich Ludendorff, links von ihm Hoffmann und um sie herum weitere Offiziere seines Stabes. Zu diesem Foto paßt auch ein anderes, dessen Betitelung aber höchstens kurze Zeit gültig gewesen sein dürfte (Abb. 12).

Abb. 12: General Ludendorff mit seinem Stab (vermutlich in Kowno)

Denn als "Erster Generalquartiermeister" hatte Ludendorff ja ab 30. August 1916 nicht mehr Max Hoffmann als engsten Mitarbeiter.

29. Mai 1916 - Besuch des Kaisers in Kowno

"Jeden Tag Besuch hier", hatte Max Hoffmann bereits in Lötzen in seinem Tagebuch vermerkt und der Ludendorff-Biograph Nebelin knüpft daran an (2, S. 191):

Tatsächlich setzten alle, die im wilhelminischen Deutschland Rang und Namen hatten, ihr möglichstes daran, in die dem Fabrikanten Rudolf Tillmanns gehörende Villa (...) eingeladen zu werden und nach dem Abendessen an dem berühmten runden Tisch in Hindenburgs Salon Platz nehmen zu dürfen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich das Gästebuch wie ein Auszug aus Degeners "Wer ist's?" liest. Neben den Mitgliedern des preußischen Königshauses sowie anderer Dynastien (König Friedrich August III. von Sachsen, Großherzog Friedrich II. von Baden, Herzog Ernst Günther zu Schleswig-Holstein, Herzog Ernst August zu Braunschweig und Lüneburg) waren es vor allem Militärs, Politiker und Industrielle, welche Kontakt zu Hindenburg und Ludendorff suchten.

Tirpitz und Staatssekretäre wie Helfferich, Wilhelm Solf, Theodor Lewald, Arthur Zimmermann, sowie Industrielle wie Emil Kirdorf, Walther Rathenau und Hugo Stinnes waren Gäste wie Nebelin aufzählt. Erst am 29. Mai 1916 kam der Kaiser selbst das erste mal nach Kowno.

Abb. 13: "Hindenburg und Ludendorff erwarten S.M." (wohl 29. Mai 1916 in Kowno) (ganz links Max Hoffmann)

Eine Fotografie "Hindenburg und Ludendorff erwarten S.M." ist vermutlich aus diesem Anlass entstanden (wenn die Hügel im Hintergrund zu Kowno passen, allerdings ist hier der rote Teppich länger als auf den Folgefotografien). Aus Anlass des 50. Dienstjubiläums Hindenburgs kam der Kaiser am 29. Mai 1916 nach Kowno. Er wurde begleitet von Falkenhayn (2, S. 191).

Abb. 14: Ankunft des Kaisers in Kowno am 29. Mai 1916 (aus dem Nachlass von Hans Tröbst)

(Übrigens feierte Erich Ludendorff sein eigenes fünfzigstes Dienstjubiliäum ohne alle öffentliche Aufmerksamkeit - wohl - im Jahr 1933. Nur der Deutsche Kronprinz Wilhelm erinnerte sich Ludendorffs und kam zu jenem Anlass zu Besuch.) Die bei der Begrüßung des Kaisers am 29. Mai 1916 auf dem Bahnhof in Kowno entstandenen Fotos sind sehr aussagekräftig.

Abb. 15: Ankunft des Kaisers in Kowno am 29. Mai 1916 - ganz rechts Falkenhayn (aus dem Nachlass von Hans Tröbst)

Hindenburg begrüßt den Kaiser, Falkenhayn steht abwartend daneben.

Abb. 16: Ankunft des Kaisers in Kowno am 29. Mai 1916 - ganz rechts Falkenhayn im Gespräch mit Ludendorff (aus dem Nachlass von Hans Tröbst)

Nachdem auch Ludendorff den Kaiser und Falkenhayn begrüßt hat, wendet sich der Kaiser den anderen begrüßenden Herren zu, während Falkenhayn - nach seiner oft kritisierten Art: ein wenig süffisant herablassend - ein Gespräch mit seinem Rivalen und nachmaligen Nachfolger Ludendorff beginnt. Die Fotos stammen aus dem Nachlass des einstmaligen preußischen Offiziers, Journalisten und Ludendorff-Anhängers bis 1926 Hans Tröbst.

Juni 1916 - Herzog Ernst-August in Kowno

In dem Album des namentlich unbekannten, schon erwähnten Landwehr-Offiziers finden sich Fotos von dem Besuch des Herzogs Ernst-August von Braunschweig-Lüneburg zusammen mit dem Prinzen Joachim von Preußen in Kowno im Juni 1916.

Abb. 17: "Ehrenkompagnie für Herzog Ernst-August"
 (aus dem Erinnerungs-Album eines Leutnants, der in Kowno Dienst tat)
(Herkunft: Ebay 10/2013)

Auch beim vorhergehenden Kaiserbesuch wird natürlich eine Ehrenkompagnie angetreten gewesen sein wie sie auf dieser Abbildung für den Empfang von Herzog Ernst-August angetreten ist.

Abb. 18: "Herzog Ernst-August, Prinz Joachim von Preußen, S. E. von Hindenburg, Ludendorff, Juni 1916 in Kowno"
 (aus dem Erinnerungs-Album eines Leutnants, der in Kowno Dienst tat) (Herkunft: Ebay 10/2013)

Abbildung 18 zeigt Hindenburg, im Hintergrund Ludendorff, zusammen mit den Besuchern auf dem Weg aus dem Bahnhof heraus. Nebelin schreibt (2, S. 192):

Nicht wenige Besucher verließen Kowno mit dem Eindruck, die von OberOst verwalteten Gebiete seien in Wahrheit Ludendorffs "Königreich". (...) Einige Grundzüge der Verwaltung von Ober-Ost verdienen in diesem Zusammenhang hervorgehoben zu werden. (...) Seine persönlichen Eindrücke von Ludendorffs rastloser Tätigkeit fasste der spätere Reichsinnenminister (Wilhelm Freiherr von Gayl) wie folgt zusammen: "Es war erstaunlich, was Ludendorff nebeneinander im Gedächtnis bewahrte. (Ludendorff) vergaß nie einen wichtigen Vorgang oder eine selbst gegebene Anregung. (...) Es war, als ob in seinem Kopf sich eine Unzahl von Schubladen befand. Man brauchte nur das Stichwort fallen zu lassen, dann zog er die Schublade auf und hatte die ganzen Vorgänge und eigene durchdachte Gedanken vor sich. (...) Diese Spannkraft und Leistungsfähigkeit gingen weit über normales Menschenmaß hinaus." Da erstaunt es nicht, dass einer der wichtigsten Mitarbeiter Ludendorffs in Kowno, Oberquartiermeister Oberst Ernst von Eisenhart Rothe, rückblickend bekannt hat, dass er Ludendorffs Wirken als Besatzungspolitiker als "Vorprüfung für den Reichskanzlerposten" angesehen habe.
Auch die Juden bekamen ungehinderte Religionsausübung gewährt und durften unter Ludendorff zwei berühmte Talmudschulen wieder eröffnen - im Beisein preußischer Offiziere (2, S. 193f).

Die "Ludendorff-Küche" in Kowno

In Kowno begründete der Felrabbiner Dr. Rosenak mit Unterstützung Erich Ludendorffs auch eine "Ludendorff-Küche".

Abb. 19: "Ludendorff-Küche" in Kowno, 1916 (Zeitungsausschnitt, 1916)

Diese sollte noch in späteren Jahrzehnten im späteren Verhältnis zwischen Erich Ludendorff und dem Judentum eine Rolle spielen, weil man jüdischerseits die Gründung dieser Küche im dankbaren Gedächtnis behielt.

25./26. Juli 1916 - Besprechung in Pleß

Während der Besprechungen der Reichsspitze in Pleß Ende Juli 1916 (2, S. 206) erschütterte der Reichskanzler Bethmann-Hollweg das Vertrauen des Kaisers in Falkenhayn. Max Hoffmann notierte sich am 31. Juli 1916 im Tagebuch (zit. n. 2, S. 209):

Der Feldmarschall und Ludendorff (kamen) von Pleß sehr befriedigt wieder. Falkenhayns Stern stark im Erblassen.

Ludendorff schreibt (1, S. 179):

Wir kehrten zunächst nach Kowno zurück. Ich nahm Abschied von der Stätte, wo ich eine glückliche Zeit friedlicher Arbeit und schließlich so kritischer Stunden verlebt hatte. Viele treue Mitarbeiter ließ ich in der Verwaltung zurück. Der militärische Stab blieb so, wie er zusammengesetzt war. Ich hatte vorgeschlagen, zunächst die Armee-Ober-Kommandos der bisherigen k.u.k. Front aufzusuchen, um ein eigenes Urteil über die Lage zu gewinnen. Bestimmungen über ein neues Quartier waren noch nicht getroffen. Ein Verbleiben in Kowno kam nicht in Betracht, es lag zu weit nördlich. Vorläufig wollten wir im Eisenbahnzug wohnen. General v. Eichhorn übernahm unter Beibehalt seines Oberkommandos über die 10. Armee den Heeresgruppenbefehel über die Armeegruppe Scholtz und die 8. Armee. Die 12. Armee trat unter den Befehl der Heeresgruppe des Generalfeldmarschalls Prinzen Leopold von Bayern. 

Möglicherweise stammt auch die folgende Fotografie aus Kowno.

Abb. 20: Ludendorff und Hindenburg in Bildmitte, vielleicht in Kowno - links und rechts von ihnen angetretene Feldsoldaten

Jedenfalls könnte das Dach über der Tür des Hauses "russisch" anmuten. 

Anfang August 1916 - Weggang von Kowno

Nebelin berichtet weiter (2, S. 209f):

Um sich vor Ort ein Bild von der Lage zu machen, besuchte (Ludendorff) Anfang August gemeinsam mit Hindenburg den Stab der Heeresgruppe Linsingen in Kowel sowie den der österreichisch-ungarischen 4. Armee in Wladimir. Es folgte eine Zusammenkunft mit dem Oberbefehlshaber der k.u.k. 2. Armee, General von Böhm-Ermolli, in Lemberg, zu welcher auch Seeckt hinzugezogen wurde. Da der künftige Schwerpunkt der Operationsführung im Süden der Ostfront liegen würde, schlug Ludendorff dem Generalfeldmarschall eine Verlegung des Hauptquartiers von Kowno nach Brest-Litowsk vor, wo er die stark beschädigte Zitadelle provisorisch wiederherstellen und zum Stabsgebäude umfunktionieren ließ.

Von dieser Reise nun scheinen sich mehrere Fotografien erhalten zu haben.

Abb. 21: "Hindenburg, Ludendorff und Linsingen, August 1916" - vermutlich in Kowel (ganz links Max Hoffmann)

Eine Postkarte (Abb. 21) zeigt "Hindenburg, Ludendorff und Linsingen" Anfang August 1916 bei der Besichtigung einer eroberten Ortschaft, vermutlich Kowel. Ludendorff schreibt (1, S. 180f):

Die Kämpfe bei der Heeresgruppe v. Linsingen hatten sich bis in die zweite Julihälfte hingezogen. Sie hörten nie völlig auf. Es lag schwer auf der Heeresgruppe. Die Front war nicht fest. (...) Die Stimmung dieses Oberkommandos war naturgemäß sehr ernst, aber entschlossen fest. Es herrschte volle Klarheit darüber, dass der Russe trotz seiner ungeheuren Verluste die Angriffe bald und auf lange Zeit hinaus fortsetzen würde. (...) Am Abend waren wir in Wladimir-Wolynsk beim k.u.k. 4. Armee-Kommando, das General v. Linsingen unterstand. Die Armee war ganz von deutschen Truppen durchsetzt. Der Oberbefehlshaber, Generaloberst v. Tertszczanski, ein nervöser Herr (...) hat dem General v. Linsingen viele Schwierigkeiten bereitet. Wir aßen bei ihm. (...) Die Soldaten machten einen guten und frischen Eindruck. General v. Tertszczanski sprach sich damals auffallend freimütig über das Verhalten der k.u.k. Truppen während der letzten Kämpfe aus. Es war kein erfreulichen Bild, das wir gewannen.

Die Lichtbildstelle des k.u.k. Pressequartiers archivierte eine Fotografie aus Kowel, beschriftet "Abfahrt von Exzellenz Hindenburg".

Abb. 22: "Kowel: Abfahrt von Exzellenz Hindenburg" - K.u.k. Kriegspressequartier, Lichtbildstelle - Wien 1916 (Wiki)

Eine weitere Postkarte (Abb. 23) zeigt Hindenburg und Ludendorff mit militärischem Gefolge auf einer Landstraße.

Abb. 23: Hindenburg und Ludendorff auf einer Landstraße (ohne Datum und Ort) - (ggfs. in Wladimir?)

Im Hintergrund knien alte Frauen und Kinder am Straßenrand, letztere offenbar in festlicher Tracht.

3. August 1916 - In Lemberg

Schließlich kamen sie am 3. August 1916 nach Lemberg (Abb. 24).

Abb. 24: Besuch in Lemberg am 3. August 1916

Abbildung 24 zeigt Hindenburg und Ludendorff, umgeben von deutschen und österreichisch-ungarischen Offizieren am 3. August 1916 in Lemberg. Ludendorff schreibt (1, S. 181):

Am nächsten Morgen waren wir in Lemberg, dem Hauptquartier des k.u.k. 2. Armee-Kommandos. Ich war ganz überrascht von der Schönheit Lembergs und dessen deutschem Aussehen. Es stand damit ganz im Gegensatz zu Krakau, das durchaus den Charakter einer polnischen Stadt hat. Wir lernten in General v. Boehm-Ermolli und seinem Chef, General Bardolf, klar sehende und richtig urteilende Soldaten kennen, mit denen zusammenzuarbeiten allen deutschen Dienststellen immer eine Freude war. (...) Wir verlebten im Kameradenkreise des Armee-Oberkommandos noch einige Stunden und schieden mit dem Gefühl, dass es selbst auf voller Höhe sei. (...) Rückfahrt nach Brest-Litowsk, wo wir uns mit unserem Zug zunächst aufhalten wollten.
Abb. 25: Hindenburg und Ludendorff in Lemberg am 3. August 1916 (Herkunft: Lvivcenter.org)

Auf Abbildung 25 ist Erich Ludendorff etwas verdeckt von dem verbündeten österreichisch-ungarischen Soldaten ganz rechts im Vordergrund. Es handelt sich womöglich um die Abreise von Lemberg.

4. August - Hauptquartier in Brest-Litwosk

Ludendorff weiter (1, S. 182f):

Unser Hauptquartier im Zuge auf dem Bahnhofe von Brest-Litowsk bot nichts Glänzendes. Wir waren ungemein dürftig untergebracht. Es fehlte für die Arbeit an Raum. Die großen Karten allein sind in ihrer Größe anspruchsvoll, und dann gab es auch noch zu schreiben. Ich habe Oberstleutnant Hoffmann bewundert, wie er mit seinem sogenannten Salon auskam; noch weniger Raum hatten die anderen Herren, und dazu brannte die Sonne erbarmungslos auf die Dächer der Wagen und machte den Aufenthalt unerträglich. Ich beschloss deshalb, sobald als möglich den Zug zu verlassen, und schlug dem Generalfeldmarschall Brest-Litowsk selbst als Quartier vor. Die Herren des Stabes bekamen einen gelinden Schreck. Die vollständig ausgebrannte Stadt kam überhaupt nicht in Frage, die Zitadelle war ein kleines Gefängnis. (...) Alles war verwildert und verwachsen. (...) Die Luft war feucht und dumpfig. (...) Aber es nutzte nichts, ein Entschluss musste gefasst werden. Ich ordnete die Einrichtung des Hauptquartiers in der Zitadelle an. Natürlich dauerte es geraume Zeit, bis alles fertig war und wir aus dem Zug erlöst wurden. Ich bin gerne in Brest gewesen und aus der Zitadelle nicht herausgekommen. Die selten schönen, hohen Weiden, die mit ihrem Geäst tief in die Gewässer herabhingen, die die Zitadelle durchströmten, und einige kurze Alleen gaben dem Ganzen einen freundlichen Charakter. Außerhalb der Festung war Einöde. (...) Ich hatte an dem Inordnungbringen Freude.

28. August 1916 - Erster Generalquartiermeister

Am 27. August 1916 erfolgte die Kriegserklärung Rumäniens an Österreich-Ungarn. Damit war Falkenhayn am Ende (2, S. 212). Am Folgetag entschied sich der Kaiser für die Entlassung Falkenhayns, mit dem er einen Tag zuvor noch in Seelenruhe Skat gespielt hatte. Am gleichen Tag wurden Hindenburg und Ludendorff in Brest-Litowsk aufgefordert, nach Pless zu kommen. Ludendorff (1, S. 186):

Am selben Tage 4 Uhr nachmittags verließen wir Brest, um nicht wieder an die Ostfront zurückzukehren. Hinter uns lagen zwei Jahre großer, gemeinsamer Arbeit und gewaltiger Erfolge.

In Pleß wurde Ludendorff zum General der Infanterie befördert, ihm wurde auf seinen Wunsch hin der Titel "Erster Generalquartiermeister" verliehen und er trat die Nachfolge Falkenhayns an (2, S. 215). Auffallend ist, dass der Ludendorff-Biograph Manfred Nebelin bis zu diesem Zeitpunkt in seiner Ludendorff-Biographie zu aller größten Teilen mit Hochachtung und großem Verständnis von Erich Ludendorff und seinen Leistungen spricht.

Abb. 26: Erich Ludendorff - Portraitfotografie von Arnold Overbeck, Düsseldorf

Zum Abschluß dieses Abschnittes noch einig nicht datierte Fotografien Erich Ludendorffs, die vor dem 30. August 1916 entstanden sein müssen, da ihm auf diesen der Rang eines Generalleutnants zugesprochen wird. Eine solche Portrait-Fotografie stammt von dem Fotografen Arnold Overbeck aus Düsseldorf.

Abb. 27: "Generalleutnant Ludendorff"

Ähnliches gilt für eine weitere Portrait-Fotografie.

Abb. 28: "Generalleutnant Ludendorff - Generalstabchef der Ostarmee"

Man wird als Faustregel sagen dürfen: Alle Fotografien, auf denen Erich Ludendorff als "Generalleutnant" bezeichnet wird, sind entstanden zwischen dem 27. November 1914 und dem 30. August 1916.

Ab 30. August - Im Großen Hauptquartier

Am 30. August 1916 wurde Erich Ludendorff also zum Ersten Generalquartiermeister ernannt und erhielt die militärische Gesamtleitung der deutschen Kriegsführung. Damit kam er in das "Große Hauptquartier", die wichtigste militärische Institution auf deutscher Seite während des Ersten Weltkrieges das war. Ihm gehörten neben der Obersten Heeresleitung (d.i. der Generalstab des Feldheeres) an: der Kaiser, der Reichskanzler, der Kriegsminister, die obersten Vertreter der Marine und andere Personen (s. Wiki). Der Sitz dieses "Großen Hauptquartiers" wechselte während des Ersten Weltkrieges folgendermaßen:

Bei Kriegsbeginn lag es vom 2. bis 16. August 1914 zunächst im Generalstabsgebäude in Berlin, dann vom 16. bis 30. August 1914 im Kurfürstlichen Schloß in Koblenz, ab 30. August 1914 in der ehemaligen deutschen Botschaft in Luxemburg, was nachträglich zu Spannungen führte. Ab dem 25. September in Charleville-Mézières. Im April 1915 verlegte es in das Schloß Pleß in Oberschlesien. Im Februar 1916 kehrte es nach Charleville-Mézières, im August 1916 wieder nach Pleß zurück. Vom 2. Januar 1917 bis zum 8. März 1918 war es in Parkhotel Kurhaus in Bad Kreuznach und Bad Münster am Stein-Ebernburg untergebracht. Der Kaiser residierte im Schloß Bad Homburg. Am 8. März 1918 wurde das Große Hauptquartier in das Hotel Britannique ins belgische Spa verlegt, wo es bis zum Kriegsende blieb. In Spa residierte der Kaiser in der Villa La Fraineuse des belgischen Großindustriellen Peltzer. Nach dem Waffenstillstand wurde das Große Hauptquartier nach Wilhelmshöhe verlegt, wo es bis zum 11. Februar 1919 verblieb. Letztmals wurde es dann nach Kolberg verlegt, wo es sich am 3. Juli 1919 auflöste. 

Zumeist lag der Sitz der Obersten Heeresleitung in unmittelbarer Nähe des Sitzes des Großen Hauptquartiers. Sich dies klar zu machen, ist wichtig, um viele Angaben zu Orten der Geschichte des Ersten Weltkrieges zu verstehen, an denen wichtige Entscheidungen getroffen wurden.

5. bis 9. September 1916 - Erste Besprechungen an der Westfront

Ludendorff schreibt (1, S. 208):

Am 5. September traten der Generalfeldmarschall und ich unsere erste Fahrt nach dem Westen an. Wir fuhren über Charleville, wo das Große Hauptquartier bisher noch seinen Sitz hatte, nach Chambrai, dem Hauptquartier des Kronprinzen Rupprecht von Bayern. Vor Charleville begrüßte uns der Kronprinz. Eine Kompagnie des berühmten Sturmbataillons v. Rohr bildete die Ehrenwache für den Generalfeldmarschall. (...) Die Oberste Heeresleitung musste aber in Pleß bleiben, da die Operationen gegen Rumänien eine enge Verbindung mit General v. Conrad in Teschen zur Voraussetzung hatten. Das Große Hauptquartier wurde daher nach dem Osten verlegt. Es fand in Pleß, Kattowitz und anderen Orten Unterkunft.

Und (1, S. 215f):

Die Besprechung in Cambrai war nutzbringend verlaufen. Die stille Größe der versammelten Führer und Chefs, die nun im Westen beinahe zwei Jahre in großen Abwehrkämpfen standen, während der Generalfeldmarschall und ich im Osten kühne Angriffsschlachten hatten gewinnen können, machte einen tiefen Eindruck. (...) Am 9. früh langten wir in Pleß wieder an. Ich war jetzt in meiner Stellung zu Haus und kannte mein Arbeitsgebiet. Es war ein gewaltiges Tätigkeitsfeld, das sich mir plötzlich auftat und das von mir vieles verlangte, dem ich bisher vollständig ferngestanden hatte. Ich musste tief in das Getriebe der Kriegführung und in das Heimatleben im großen und kleinen eindringen, mich aber auch in den großen Weltfragen mit ihren Problemen zurechtfinden. Die alten Geschäftszimmer - in einem Kavalierhaus des fürstlichen Schlosses - waren zu eng geworden; neue wurden in dem Fürsten Pleßschen Verwaltungsgebäude eingerichtet. Wir zogen in das Haus des Herrn Nasse, des Vermögensverwalters des Fürsten Pleß. Das regelmäßige Arbeiten begann.

Über die Geschichte des Gebäudes der Fürstlichen Zentralverwaltung hat es vor einigen Jahren einige Forschungen gegeben (6).

Fürstliche Zentralverwaltung in Pleß in Oberschlesien


Abb. 29: Fürstliche Zentralverwaltung, Pleß, Oberschlesien

Dabei ist wohl zu berücksichtigen, daß die folgenden Ausführungen nicht - wie angegeben - gültig sind für die Zeit ab Herbst 1914, sondern für die Zeit ab September 1916 (6):

Während des Ersten Weltkrieges, vom Herbst 1914 September 1916 bis Februar 1917, machte der Herzog von Pleß das Gebäude dem Großen Hauptquartier des deutschen Kaisers Wilhelm II. zugänglich. Der Kaiser selbst residierte im nahegelegenen herzoglichen Schloß. Vor einigen Jahren haben wir einen Versuch unternommen, die Verwendung der Räume während der Benutzung durch das Große Hauptquartier zu untersuchen.  Für uns war die Lage des Kabinetts Feldmarschall Paul von Hindenburgs, des Arbeitszimmers General Ludendorffs und der weiteren Dienststellen interessant. Leider konnten uns die deutschen Archive nicht helfen. Erst die Recherche im Plesser Archiv und in privaten Sammlungen erlaubten uns, dieses Problem zu lösen. Die entdeckten Akten bestätigten die Vermutung, daß sich die wichtigsten Stabsräume im ersten Stock befanden. Deswegen erstellten wir eine Skizze dieses Stockwerks mit Erklärungen zur Benützung der einzelnen Räume.

Hier die gebrachte Skizze.

Abb. 30: Fürstliche Zentralverwaltung in Pleß, Oberschlesien, 1. Stock mit Arbeitsräumen

Jeder der Räume konnte seinem Bewohner zugeordnet werden. Und das hieße, das Arbeitszimmer Ludendorffs hätte sich in obiger Abbildung auf der Stirnseite des Gebäudes hinten befunden, während Hindenburg vorn residierte. Weiter heißt es (6):

Im Palais empfing Hindenburg zahlreiche Persönlichkeiten. Selbst der Kaiser besuchte ihn und die Generäle der Mittelmächte, u.a. General Enver Pascha - der Gründer des späteren modernen türkischen Staates. Mit großer Hochachtung empfing der Feldmarschall den bulgarischen Zaren Ferdinand mit dem Thronfolger Boris, die zu einer Besprechung mit Wilhelm II. nach Pleß kamen.
Einen ungezwungenen Charakter hatten die Treffen mit den Helden der Kämpfe an Land, zu Wasser und in der Luft: unter ihnen der berühmte deutsche Flieger Manfred Baron v. Richthofen, Sieger in 80 Luftkämpfen. Wenn die Wände des Kabinetts von Hindenburg sprechen könnten, würden wir viele Erzählungen hören, wer hier zu Gast war und was für Entscheidungen über das Schicksal von Soldaten und Völkern hier getroffen worden waren. 
Jeden Morgen gingen Feldmarschall von Hindenburg und General Ludendorff die Schipka-Gasse vom Palais zum herzoglichen Schloß, um dem Kaiser über die aktuelle Lage an den Fronten Bericht zu erstatten und mit ihm eine politisch-taktische Besprechung abzuhalten.
"Es war hier in Pleß und nicht in Berlin, wo Kaiser Wilhelm II. mit Feldmarschall Paul von Hindenburg und General Erich Ludendorff während des ersten Weltkrieges Stabsberatungen führte, während derer politische und militärische Entscheidungen von höchster historischer Bedeutung getroffen wurden. Von da ging das Telegramm des damaligen Außenministers Arthur Zimmermann aus, das den Krieg in Nordamerika hervorrufen sollte. Hier wurde auch die Entscheidung über den totalen Unterwasserkrieg im Atlantik gefällt." Ausführlich schreibt darüber die amerikanische Schriftstellerin Barbara Tuchman in "Das Telegramm von Zimmermann".  (...) 

Der Aufenthalt von Kaiser Wilhelm II. in Pleß und die Verlegung des Großen Hauptquartiers dorthin bewogen die preußischen Zeitungen dazu, Pleß als "Klein-Berlin" zu bezeichnen. Für die deutschen Stadtbehörden war es eine große Ehre. Auf ihre Bitte änderte der Kaiser das alte Piastenwappen von Pleß in ein neues, mit den kaiserlichen Insignien. Ein Abschnitt der heutigen Bogedaina-Straße wurde in die Falkenhaynstraße umbenannt (zu Ehren des Vorgängers Hindenburgs als Chef des Generalstabs).

Auch nach dem Ende des Ersten Weltkrieges behielt das Gebäude noch eine politische Bedeutung (6):

1920 - 1922 verwaltete die Alliierte Regierungs- und Volksabstimmungskommission das schlesische Volksabstimmungsgebiet. Ihr ziviles und militärisches Personal bestand aus Franzosen, Briten und Italienern. Es wurde nach einem Sitz für die Kreiskontrollkommission der Alliierten gesucht.

30. November 1916 - Trauergottesdienst für Kaiser Franz Josef I.

Am 29. November 1916 starb in Wien der österreichischen Kaiser Franz Josef I.. Aus diesem Anlaß wurde auch im deutschen Großen Hauptquartier in Pleß ein Trauergottesdienst abgehalten.

Abb. 31: Ludendorff und Hindenburg nach dem Trauergottesdienst für den verstorbenen österreichischen Kaiser Franz Josef I. am 30. November 1916 in Pleß

Dabei entstand eine Fotografie, die sich noch heute in der Fotosammlung des Hauses Doorn (HuisDoorn) in den Niederlanden findet  ("Generalleutnant von Hindenburg und Generalleutnant Ludendorff begeben sich zum Gottesdienst") und es entstand auch eine solche Fotografie nach dem Gottesdienst.

19. Dezember 1916 - Im Schloß Pleß

Am 19. Dezember 1916 besuchte der König Ludwig III. von Bayern das Große Hauptquartier in Pleß und aus diesem Anlaß entstand die folgende Fotografie.

Abb. 32: "Im Großen Hauptquartier" im Schloss Pleß, 19. Dezember 1916

Sie zeigt (s.a. Fotosammlung Haus Doorn) von links nach rechts Hindenburg, Kaiser Wilhelm II., den Reichskanzler Bethmann-Hollweg, König Ludwig III. von Bayern, Erich Ludendorff und Admiral Henning von Holtzendorff. Erich Ludendorff schreibt über seine Zeit nach Einritt in die Oberste Heeresleitung (1, S. 206):

Die Oberste Heeresleitung und der Reichskanzler waren gleichgestellt. (...) Unser Verkehr mit der Reichsregierung wurde bald ein sehr reger allerdings auch unerfreulicher. Wir fanden nicht das erforderliche Entgegenkommen, nachdem wir der Regierung mitgeteilt hatten, was die Kriegführung von ihr unbedingt erwartete, um das deutsche Volk zum Siege zu befähigen. Die Vertretung der militärischen Interessen in allen außenpolitischen Fragen während des Krieges und für den Friedensschluss führte gleichfalls viele Berührungs- aber auch Reibungspunkte herbei.

Ludendorff nahm sich unter anderem des "Hilfsdienstgesetzes" an, das am 6. Dezember 1916 in Kraft trat (Wiki). Er betrieb das noch weit umfangreichere sogenannte "Hindenburg-Programm" (Wiki). Ohne letzteres hätten Deutschland und Österreich-Ungarn die beiden weiteren Kriegsjahre wahrscheinlich nicht überstanden.

_______________________________________________
  1. Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914 - 1918. Verlag Mittler & Sohn, Berlin 1919
  2. Nebelin, Manfred: Ludendorff - Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler-Verlag, Berlin 2010
  3. Pyta, Wolfram: Hindenburg. Herrschaft zwischen Hohenzollern und Hitler. Siedler-Verlag, München 2007
  4. komissbraut: Fotoalbum Hindenburg Ludendorff Herzog von Braunschweig Inf. Regiment 78. Ebay-Angebot zum 6.10.2013
  5. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938, S. 129 
  6. Orlik, Zygmunt: Die Herzogliche Generaldirektion zu Pleß. Auf: http://www.biurogk.com/palais_beschreibung.html [18.9.2013]

Donnerstag, 29. Dezember 2011

Ein deutscher Generalstabschef und die "Armeniergreuel" von 1915/16

Einiges zum Lebensweg des deutschen Generals Friedrich Bronsart von Schellendorf (1864-1950)

General Friedrich Bronsart von Schellendorf (1864-1950) (Wiki, engl.ital.) war ein lebenslanger enger Freund und Mitarbeiter Erich Ludendorffs. Er wird in der Geschichtswissenschaft seit Jahrzehnten - zusammen mit vielen anderen deutschen Offizieren und Beamten - in seiner Rolle als Generalstabschef der mit Deutschland verbündeten türkischen Armee der Mitverantwortung angeklagt an dem Völkermord an den Armeniern in den Jahren 1915/16 (Wiki) (siehe etwa: 1-10, zuletzt: 11). Wie dem diesbezüglichen Wikipedia-Artikel (Wiki) zu entnehmen ist, gibt es zu diesem Thema eine sehr umfangreiche Literatur. In dieser wird - soweit übersehbar - auch die Rolle von Bronsart von Schellendorf unterschiedlich bewertet.

Abb. 1: Friedrich Bronsart von Schellendorf

Von 1914 bis 1917 war er der Chef des Generalstabs der Osmanischen Armee und verstand sich als solcher sehr gut mit dem türkischen Staatschef Enver Pascha. 1916 besuchte er mit Enver Pascha Jerusalem, wovon sich eine Fotographie im Internet findet (Abb. 4). Die unterschiedliche Bewertung seiner Rolle geht auch aus Internetdiskussionen hervor. So sagte im Februar 2007 ein Dr. Christoph Heger in Reaktion auf ein diesbezüglich gebrachtes Zitat von Gunnar Heinsohn (Kreuz.net2007):

Was das Zitat von Prof. Heinsohn mit seiner monströsen Beschuldigung des nicht besonders sympathischen, aber mitnichten massenmörderisch gesonnenen Bronsart v. Schellendorf angeht: Ich kenne die Quellen, auf die sich Heinsohn stützt, und zwar die genannten (Vahakn Dadrian) wie auch die nicht genannten (Christoph Dinkel). Dazu kann ich nur sagen: Christoph Dinkel hat (wohl ohne Arglist) seine Quellen überinterpretiert und zum Beispiel nicht unterschieden zwischen militärisch notwendigen Evakuierungen und Deportationen mit Mordabsicht. Dadrians „History of the Armenian Genocide“ ist dagegen ein ambitiöses Machwerk.

Uns fehlen noch Lektürekenntnisse zur Forschungsliteratur rund um diese Fragen. Deshalb wollen wir im vorliegenden Artikel kein eigenes Urteil geben. Die hier genannten Urteile seien deshalb einfach nur in den Raum gestellt. Sicherlich sinnvoll wird es aber sein, zunächst einmal eine Eigendarstellung von General Bronsart von Schellendorf aus dem Jahr 1921 zur Kenntnis zu nehmen (12). Auf diese wird im Internet recht häufig verwiesen.

"Ein Zeugnis für Talaat Pascha" (1921)

Bronsart von Schellendorf hat schon selbst anläßlich eines Prozesses im Jahr 1921, in dem er zuerst als Zeuge aussagen sollte, dann aber doch nicht vorgeladen wurde, öffentlich "Ein Zeugnis für Talaat Pascha" abgelegt, einen damals führenden türkischen Politiker. Darin schrieb er über den Völkermord an den Armeniern, den er ja keinesfalls leugnet, folgendes (12):

Um die dem ermordeten Großwesir zur Last gelegten Armeniergreuel zu verstehen, ist es nötig, einen kurzen Rückblick zu tun.
Armeniergreuel sind uralt! Sie geschahen immer wieder, seit Armenier und Kurden im Grenzgebiet Rußlands, Persiens und der Türkei dicht beieinander wohnen.
Der Kurde ist Nomade und Viehbesitzer, der Armenier Ackerbauer, Handwerker oder Händler. Der Kurde hat keine Schulbildung, kennt Geld und Geldeswert nicht genau und weiß, daß Zinsennehmen durch den Koran verboten ist. Der Armenier nutzt als Händler die Unerfahrenheit des Kurden skrupellos aus und übervorteilt ihn. Der Kurde fühlt sich betrogen, rächt sich an dem Wucherer und - die "Armeniergreuel" sind fertig! Es muß ausdrücklich betont werden, daß Gegensätze in der Religion dabei niemals mitspielten.
Der uralte Zwist bekam neue Nahrung, als die Armenier während des großen Krieges einen gefährlichen Aufstand in den östlichen Grenzprovinzen der Türkei unternahmen; ein besonderer Grund dazu lag nicht vor, denn die von den "Mächten" der Türkei auferlegten Reformen begannen gerade zu wirken. Die Armenier hatten Sitz und Stimme in dem neuen Parlament, stellten sogar zeitweise den Minister des Auswärtigen. Sie hatten die gleichen sozialen und politischen Rechte wie die übrigen Völker des Staates. Die Ruhe in ihrem Lande wurde durch die von den französischen General Baumann ausgebildete Gendarmerie aufrecht erhalten.
Der Aufstand war von langer Hand vorbereitet, wie die zahlreichen Funde an gedruckten Aufrufen, aufhetzenden Broschüren, Waffen, Munition, Sprengstoffen usw. in allen von Armeniern bewohnten Gegenden beweisen; er war sicher von Rußland angestiftet, unterstützt und bezahlt. Eine armenische Verschwörung in Konstantinopel, die sich gegen hohe Staatsbeamte und Offiziere richtete, wurde rechtzeitig entdeckt.
Da sich alle waffenfähigen Mohammedaner beim türkischen Heer befanden, war es den Armeniern leicht, unter der wehrlosen Bevölkerung eine entsetzliche Metzelei anzurichten, denn sie beschränkten sich nicht etwa darauf, rein militärisch gegen die Flanke und gegen den Rücken der in der Front durch die Russen gebundenen türkischen Ostarmee zu wirken, sondern sie rotteten die muselmanische Bevölkerung in jenen Gegenden einfach aus. Sie begingen dabei Grausamkeiten, von denen ich als Augenzeuge wahrheitsgemäß bezeuge, daß sie schlimmer waren, als die den Türken später vorgeworfenen Armeniergreuel.
Zunächst griff die Ostarmee ein, um ihre Verbindungen mit dem Hinterlande aufrecht zu erhalten; da sie aber alle Kräfte in der Front gegen die russische Überlegenheit brauchte, auch der Aufstand immer weiter, sogar in entfernteren Gegenden des türkischen Reiches, um sich griff, wurde die Gendarmerie zur Dämpfung des Aufstandes herangezogen. Sie unterstand, wie in jedem geordneten Staate, dem Ministerium des Inneren. Der Minister des Inneren war Talaat, und er mußte als solcher die nötigen Anweisungen geben. Eile tat not, denn die Armee war in ihren sehr empfindlichen rückwärtigen Verbindungen schwer bedroht, und die muselmanische Bevölkerung flüchtete zu Tausenden in Verzweiflung vor den Greueltaten der Armenier. In dieser kritischen Lage faßte das Gesamtministerium den schweren Entschluß, die Armenier für staatsgefährlich zu erklären und sie zunächst aus den Grenzgebieten zu entfernen. Sie sollten in eine vom Krieg unberührte, dünn besiedelte aber fruchtbare Gegend überführt werden, nach Nord-Mesopotamien. Der Minister des Inneren und die ihm unterstehende, von dem französischen General Baumann für ihren Beruf besonders ausgebildete Gendarmerie hatten lediglich diesen Entschluß auszuführen.
Talaat war kein unzurechnungsfähiger, rachsüchtiger Mörder, sondern ein weitblickender Staatsmann. Er sah in den Armeniern die zwar jetzt von den Russen und den russisch-armenischen Glaubensgenossen aufgehetzten, aber in ruhiger Zeiten doch sehr nützlichen Mitbürger, und hoffe, daß es ihnen, entfernt von russischen Einflüssen und kurdischen Streitereien, in den neuen fruchtbaren Wohnsitzen gelingen würde, diese zukunftsreiche Gegend durch ihren Fleiß und ihre Intelligenz zu höherer Blüte zu bringen.
Talaat sah ferner voraus, daß die Ententepresse die Ausweisung der Armenier dazu benutzen würde, eine scheinheilige Propaganda gegen die "Christenverfolgungen" der Türken in Szene zu setzen und hätte schon deshalb gern jede Härte vermieden. Er hat Recht behalten! Die Propaganda setzte ein und hatte tatsächlich den Erfolg, daß überall im Auslande diese unglaubliche Dummheit geglaubt wurde. Christenverfolgung! Man bedenke; just in einem Lande, daß mit christlichen Großmächten eng verbündet, eine große Zahl christlicher Offiziere und Soldaten in seinem Heere als Mitkämpfer hatte.
Ich komme nun zur Ausführung des Planes der armenischen Umsiedelung. In einem Lande von der Ausdehnung des türkischen Reiches, daß aber so mangelhafte Verbindungen hat, befinden sich die Provinzen in einer mehr oder weniger großen Unabhängigkeit von der Zentralstelle. Die Gouverneure (Walis) haben mehr Gerechtsame als z.B. unsere Oberpräsidenten. Hierauf fußend, nehmen sie für sich in Abspruch, die Verhältnisse an Ort und Stelle oft richtiger beurteilen zu können als dies in Konstantinopel möglich war. Befehle des Ministeriums wurden daher gelegentlich anders ausgeführt, wie beabsichtigt. So ging es auf der Beamtenstufenleiter nach unten weiter, wo in vielen Fällen die Einsicht fehlte.
Die ungewöhnlich schwierige Aufgabe, außer vielen Tausenden von muselmanischen Flüchtlingen auch ebenso viele Armenier auf die richtigen Marschstraßen zu leiten, sie zu ernähren und unterzubringen, überstieg die Kräfte der wenigen vorhandenen und noch dazu ungeschulten Beamten. Hier griff Talaat mit größter Tatkraft und allen Mitteln ein. Die von ihm erlassenen zweckmäßigen Anweisungen an die Walis und an die Gendarmerie müssen noch vorhanden sein. Zahlreiche Schreiben des Ministeriums des Innern an das Kriegsministerium, die mir durch meine Dienststellung bekannt wurden, verlangten dringend Hilfe von der Armee; sie wurde gewährt, soweit die Kriegslage es zuließ: Nahrungs- und Beförderungsmittel, Unterkunftsräume, Ärzte und Arzneimittel wurden zur Verfügung gestellt, obwohl die Armee selbst empfindlichen Mangel litt. Leider sind trotz aller Mühe, ihr Los zu erleichtern, Tausende von muselmanischen Flüchtlingen und armenischen Ausgesiedelten den Anstrengungen der Märsche erlegen.
Hier liegt die Frage nahe, ob man solche Zustände nicht hätte voraussehen und die Umsiedelung unterlassen können. Abgesehen davon, daß die türkischen Flüchtlinge in ihrer berechtigten Angst vor den armenischen Schandtaten sich einfach nicht hätten aufhalten lassen, muß auch die Staatsnotwendigkeit der armenischen Abwanderung aus den Aufruhrgebieten bejaht werden! Die Folgen mußte man auf sich nehmen!
Nehmen wir einmal unsere jetzigen Zustände in Deutschland. Wenn ein Ministerium sich fände und die Macht hätte, anzuordnen: "Alle polnischen Aufrührer werden aus Oberschlesien entfernt und in Gefangenenlager gebracht!" – oder: "Alle gewalttätigen Kommunisten werden eingeschifft und an den Küsten Sowjet-Rußlands ausgebootet!", würde nicht ein Beifallssturm durch ganz Deutschland brausen? --
Vielleicht legen sich die Richter im Teilirian-Prozeß solche Fragen nachträglich vor. - - - Sie werden dann zu der harten Maßnahme der Armenier-Aussiedelung einen neuen Standpunkt gewinnen!
Talaat hat sich der militärischen Forderung, an der Mittelmeerküste alle Griechen ausweisen zu lassen, widersetzt, denn dort wurde "nur Spionage" getrieben. Ein gefährlicher Aufruhr, wie in Armenien, erfolgte nicht, obwohl der Gedanke dazu nahe lag. Talaat war ein Staatsmann, aber kein Mörder!
Nun aber die Greuel, die absichtlich an den Armeniern begangen worden sind. Sie sind so vielfach bezeugt, daß an der Tatsache nicht zu zweifeln ist.
Ich beginne mit den Kurden. Selbstverständlich benutzte dieser Volksstamm die seltene, vielleicht nie wiederkehrende Gelegenheit, die verhaßten Armenier, die noch dazu solche Schleußlichkeiten gegen Mohammedaner begangen hatten, bei ihrem Durchmarsch ausplündern und gegebenenfalls totzuschlagen. Der Leidenszug der Armenier führte viele Tage und Wochen lang durch Kurdistan! – Es gab keinen anderen Weg nach Mesopotamien.
Über das Verhalten der den armenischen Scharen truppenweise beigegebenen türkischen Gendarmen lauten die Urteile verschieden. An manchen Stellen haben sie ihre Schützlinge gegen kurdische Banden tapfer verteidigt: an anderen Orten sollen sie geflohen sein. Es wird ihnen auch vorgeworfen, mit den Kurden gemeinsame Sache gemacht, oder auch allein die Armenier ausgeraubt und getötet zu haben; der Beweis, daß sie hierbei auf höheren Befehl gehandelt hätten, ist nicht erbracht worden. Talaat kann nicht dafür verantwortlich gemacht werden; die Ereignisse spielten sich 2000 km von ihm entfernt ab, und die Gendarmerie hatte, wie bereits erwähnt, bis zum Ausbruch des Krieges eine lediglich französische Ausbildung erhalten.
Es kann auch nicht geleugnet werden, daß türkische Offiziere sich an Armeniern bereichert und vergriffen haben, wo aber eine derartige Handlungsweise zur Kenntnis der Vorgesetzten kam, wurde sofort scharf eingegriffen. So ließ Wehib Pascha, Oberbefehlshaber der türkischen Ostarmee, zwei Offiziere aus solchem Grunde kriegsgerichtlich erschießen; Enver Pascha bestrafte den Gouverneur von Aleppo, einen türkischen General, der sich auf Kosten der Armenier bereichert hatte, mit sofortiger Dienstentlassung und langer Freiheitsstrafe. Ich denke, diese Beispiele genügen, um zu beweisen, daß man die Armeniergreuel nicht wollte! Aber es war Krieg, und die Sitten waren verwildert. Ich erinnere an die Grausamkeiten, die Franzosen an unseren Verwundeten und Gefangenen verübt haben. Hat das Ausland endlich diese Schandtaten erfahren?
Außer dem ermordeten Großwesir ist, wie ich gehört habe, auch Enver Pascha vor dem deutschen Gericht angegriffen worden. Enver liebt sein Vaterland glühend; er ist ein ehrenhafter Soldat von großer Begabung und beispielloser Tapferkeit, deren Augenzeuge ich wiederholt war. Seiner Tatkraft allein ist die Neuschaffung des türkischen Feldheeres zu danken, das, von seinem Geist erfüllt, jahrelang gegen eine erdrückende Übermacht kämpfte – und heute noch für die Heimat kämpft! Kein deutscher Offizier ist berufener, über ihn und seinen Freund Talaat Pascha zu urteilen, wie ich, der ich von 1914 bis Ende 1917 als Chef des Generalstabes des türkischen Feldheeres in den engsten Beziehungen zu diesen beiden Männern stand.
Talaat Pascha ist ein Opfer seiner Vaterlandsliebe geworden! Möge es Enver Pascha gelingen, wenn seine Zeit gekommen ist, seiner Vaterland zu neuer Größe zu erheben! Daß diese beiden Männer mir in schwerer Zeit ihr volles Vertrauen, ich darf sagen, ihre Freundschaft, geschenkt haben, ist eine stolze Erinnerung für mich.

In seiner allgemeinen Haltung stellte Bronsart von Schellendorf in damaliger Zeit gewiss keine Ausnahme dar. Selbst die Politiker der deutschen SPD und der deutschen liberalen Parteien während des Ersten Weltkrieges

beschworen in der Regel die deutsch-türkische Waffenbrüderschaft und wollten den Burgfrieden mit dem Kaiser nicht gefährden

und verzichteten deshalb auf eine öffentliche Kritik der Armeniermorde. Darüber, welche Handlungsspielräume ein Bronsart von Schellendorf hatte, der sehr viel näher am Geschehen war als die deutsche Politik im allgemeinen, soll damit aber noch nicht beurteilt sein.

Abb. 2: Die deutsche Militärmission für die Türkei vor ihrer Abreise im Dezember 1913 am Bahnhof - vierter von links: Oberst Bronsart von Schellendorf
(Herkunft: Wikipedia)

Schon 1919 hatte Bronsart von Schellendorf in einem weit verbreiteten Denken der damaligen Zeit die häufig  zitierten Worte geäußert:

Der Armenier ist wie der Jude, außerhalb seiner Heimat ein Parasit, der die Gesundheit des anderen Landes, in dem er sich niedergelassen hat, aufsaugt. Daher kommt auch der Haß, der sich in mittelalterlicher Weise gegen sie als unerwünschtes Volk entladen hatte und zu ihrer Ermordung führte.

In diesen Worten schwingt - wie auch sonst - natürlich eine "Nachsicht" gegenüber dem damaligen türkischen Verbündeten durch, die heute nur noch wenige werden teilen wollen.

Abgesehen von den "Armeniergreueln" ...

Was ist aber über General Friedrich Bronsart von Schellendorf noch zu sagen, ganz abgesehen von seiner Zeugenschaft der Armeniermorde oder gar seiner Mitverantwortung für diese? Auch sonst hat er in seinem Leben viel erlebt und viel selbst handelnd gestaltet.

Schon die Kadettenschule hatte er im gleichen Jahrgang besucht wie der spätere General Erich Ludendorff (1864-1937). Und er war Erich Ludendorff dann sein Leben lang so eng verbunden geblieben, daß er Ludendorff auch auf seinen - für die damalige Zeit ungewöhnlichen - Wegen auf politischem und weltanschaulichem Gebiet bis an sein Lebensende folgte. Schon vor dem Ersten Weltkrieg hat sich Bronsart von Schellendorf für die Anschaffung von Feldküchen im deutschen Heer eingesetzt (12):

Für die Einführung der modernen Feldküche setzte sich der Generalleutnant Fritz Bronsart v. Schellendorf beim preußischen Kriegsministerium ein, nachdem er im russisch-japanischen Kriege die russische Feldküche kennen gelernt hatte. Bei einem Wettbewerb 1906 wurden 40 Modelle vorgeführt. ...

Gespräche mit Lyncker 1912 und 1924 über die Personalie der obersten deutschen Kriegsführung (Moltke, Ludendorff)

1912 hatte er ein geschichtlich bedeutsames Gespräch mit dem damaligen Chef des Militärkabinetts General Moriz Freiherr von Lyncker (1853-1932) (Wiki). In diesem legte Bronsart aufgrund guter persönlicher Kenntnis von Moltkes und seiner Familie dem General von Lyncker die Ungeeignetheit von Moltkes als Leiter in einem künftigen Krieg dar. Er begründete dies mit der Kränklichkeit von Moltkes, mit dem Pessimismus von Moltkes, der sicher glaube, daß der nächste Krieg für Deutschland verloren ginge, und mit den spiritistischen Interessen seiner Frau, die Moltke ihm, Bronsart gegenüber, sehr ernsthaft verteidigt und gerechtfertigt habe. von Bronsart nannte Lyncker nach anderen Vorschlägen Ludendorff als die damals bedeutendste militärische Begabung für die Leitung in einem künftigen Krieg. Lyncker jedoch meinte, daß keine der genannten Alternativen für Moltke beim Kaiser durchzusetzen seien, am wenigsten Ludendorff (19).

Ist der Ernst im Gesicht von Bronsarts im Dezember 1913 auch von solchen Erfahrungen her bestimmt (Abb. 2)?

Abb. 3: Fritz Bronsart v. Schellendorf

Als von Bronsart Lyncker im Jahr 1924 an dieses Gespräch erinnerte, betonte Lyncker, daß man Hindenburg Ludendorff nur an die Seite gestellt habe, weil und damit Hindenburg Ludendorff niemals reinreden würde (19). Die Aufzeichnungen über diese beiden Gespräche (19) stellen eine wesentliche Geschichtsquelle dar.

Abb. 4: von Schellendorf, Enver, Jamal

Im Herbst 1927 hatte Bronsart von Schellendorf auf Wunsch von Ludendorff die Leitung des Tannenbergbundes übernommen, der unter der Schirmherrschaft von Ludendorff stand, und der bis dahin von Konstantin Hierl geleitet worden war (Wiki) (s. Abb. 6 und 7). Bronsart von Schellendorf trat in der Folgezeit wie Erich Ludendorff aus der Kirche aus und bekannte sich zur Philosophie von Mathilde Ludendorff.

Abb. 5: F. Bronsart v. S. in der Mitte umgeben von türkischen Politikern

Noch 1935 war er deshalb beim Geburtstagsbesuch des Kriegsministers von Blomberg bei Erich Ludendorff (StgrNat2011) mit eingeladen (siehe Abb. 8 ganz rechts).

Abb. 6: Ludendorff mit Bronsart von Schellendorf

Der Nachlaß des Generals Friedrich Bronsart von Schellendorf liegt heute im Bundesarchiv Freiburg (14). Er enthält auf drei Mikrofiche-Rollen laut Nachlaßdatenbank:

Lebenserinnerungen, u. a. über Tätigkeit in der Türkei 1913-1917, 1914-1917 als Chef des Generalstabes der türkischen Armee; Aufzeichnungen; Schriftwechsel, u. a. mit Ludendorff; Zeitungsausschnitte. 

Erich Ludendorff beschreibt 1932 in einer Würdigung (15) auch, in welcher Weise General Bronsart tätig war, nachdem er im September 1919 aus dem aktiven militärischen Dienst ausgeschieden war:

Er schuf sich ein neues Leben. Er besuchte die landwirtschaftliche Hochschule in Hohenheim bei Stuttgart und kaufte sich den kleinen Besitz Runenberg bei Brunshaupten in Mecklenburg. Er bewirtschaftet ihn zusammen mit seinem früheren Burschen und dessen Frau, die seit 27 Jahren im Hause Bronsart angestellt sind. Auch wenn er den Bauern der Umgebung mannigfache Anregung zu geben vermochte und sich so seinen Wirkungskreis örtlich ausdehnte, genügte ihm dieses Leben nicht. Er mußte eintreten in den Lebens- und Freiheitkampf des Volkes.

Brunshaupten liegt zwei Kilometer südlich der Ostsee bei Kühlungsborn. Der Zeitzeuge Gernot Michaelis, Fehmarn (verst. 2018) berichtete, daß seine Mutter mit ihm zusammen den General Bronsart von Schellendorff noch 1947 in Mecklenburg besucht hat. Bronsart habe damals zusammen mit seinem Kutscher in einer "Bütnerei" gelebt, da er von den Kommunisten enteignet worden war. Seine Mutter hat ihren Besuch in Lebenserinnerungen festgehalten, die sie dem früheren Vorsitzenden des Bundes für Gotterkenntnis, Gunther Duda, für das Archiv der Geschichte der Ludendorff-Bewegung übergab. Vermutlich befinden sie sich heute im Privatnachlaß von Gunther Duda, bzw. von dessen Erben. Friedrich Bronsart von Schellendorf ist im Jahr 1950 in Kühlungsborn mit 86 Jahren gestorben, vermutlich immer noch in Brunshaupten lebend.

Abb. 7: Mit General Ludendorff am Grabe Bismarks, Friedrichsruh, 1926

Der Vater des Autors dieser Zeilen (1934-2015) erinnerte sich, daß er von Frau Bronsart von Schellendorf in den 1950er Jahren einen Brief bekommen hat, als er ein Flugblatt über Äußerungen von Konrad Adenauer zur Wiedervereinigung verbreitete. (Dieser persönliche Brief hat sich allerdings bisher nicht wieder finden lassen. Er erinnerte sich an Sylt als Absender, aber vielleicht hat er es mit Kühlungsborn/Brunshaupten verwechselt.) Etwa sieben Jahre später, um 1957, mußte die verbliebene Witwe Veronika Bronsart von Schellendorff Brunshaupten verlassen. Im Jahr 1967 konnte sie noch ihren hundertsten Geburtstag feiern. Und aus diesem Anlaß wurde berichtet (16):

Im hohen Alter von 90 Jahren mußte Frau von Bronsart mit Tochter und Schwiegersohn ihren Hof in Mecklenburg verlassen, weil ihr das Bleiben durch Maßnahmen der LPG unmöglich gemacht wurde. Bald nach ihrer Übersiedlung nach Bad Ditzenbach/Württ. schrieb sie: "Vierzig Jahre lang habe ich auf unserem kleinen Bauernhof ein sehr glückliches Leben geführt; man verläßt nicht gerne Haus und Hof, aber es blieb mir keine andere Wahl. Mein Schicksal ist das Schicksal von Millionen, ich darf kein Wort darüber verlieren."

Sie starb ein Jahr später (17). Weitere Erinnerungen, Lebenszeugnisse und Hinweise nehmen wir jederzeit gerne entgegen. Insbesondere steht auch noch eine gründliche Auswertung des genannten Nachlasses in Freiburg aus.

Abb. 8: Reichswehrminister Blomberg zu Besuch bei Ludendorff in Tutzing am 9. April 1935 (aus Blombergs privatem Fotoalbum), ganz rechts Bronsart von Schellendorf

Neue Forschungen zu den Armenier-Morden (2019)

Ergänzung 2.7.2019: Im Jahr 2019 ist ein Aufsatz von zwei italienischen Historikern erschienen, in dem es einleitend heißt (20):

In den sechs Jahrzehnten, die dem Ende des Krimkrieges von 1856 folgten, erfuhr das Ottomanische Reich eine Reihe von Flüchtlingskrisen, in denen mehr als 1,5 Millionen Muslime vom Balkan, Kaukasus, von Kreta und von der Krim durch Krieg und Verfolg gezwungen worden waren, ihre Heimat zu verlassen. Zur gleichen Zeit ereigneten sich innerhalb des Reiches episodisch umfangreiche Gewaltakte gegen die ottomanischen Christen: in Syrien und im Libanon 1860/61, in Rumelien 1877/78, in Ostanatolien 1894 bis 1896, in Cilicien 1909 und schließlich in allen Reichsteilen, die sich noch unter der Ottomanischen Herrschaft befanden 1915 und 1916. Dieser letzte Ausbruch von Gewalt führte zur Ermordung von 600.000 bis einer Million Menschen, durch die die anatolisch-armenische Minderheit fast vollständig ausgerottet wurde. Diese Ausrottung hat beträchtliche wissenschaftliche und öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen, aber Aufrufe, sie "in den breiteren Kontext von erzwungenen Migrationen, Bevölkerungsaustausch und Handlungen ethnischer Säuberung zu stellen, die das Ottomanische Reich und der moderne Mittleren Osten in der Zeit zwischen 1859 und 1950 neu formten" so wie jüngst in einem Artikel von David Gutman geschehen, sind bislang weitgehend ohne Folgen geblieben. 
Original: In the six decades that followed the end of the Crimean War in 1856, the Ottoman empire  experienced a string of refugee crises, receiving some 1.5 million Balkan, Caucasian, Cretan and Crimean Muslims forced to leave their homelands by wars and persecutions. At the same time, episodic large-scale violence against Ottoman Christians took place in the empire: in Syria and Lebanon in 1860–1, in Rumelia in 1877–8, in eastern Anatolia in 1894–6,  in  Cilicia  in  1909,  and  finally across all the territories still under Ottoman control in 1915–16. This last bout of killings consisted of between 600,000 and 1 million fatalities, almost entirely obliterating the Anatolian Armenian community. The extermination has garnered substantial scholarly and public attention, but calls for placing it ‘within the broader context of forced migrations, population exchanges, and acts of ethnic cleansing that reshaped the Ottoman Empire and the modern Middle East in the period of 1850 to 1950’, such as in a recent article by David Gutman, remain largely unanswered.

Und genau diese Forschungslücke versuchen die beiden Historiker mit ihrem neuen Aufsatz zu schließen. Der Aufsatz von David Gutman war 2015 erschienen (21). Die italienischen Historiker nun kommen zu dem Schluß (20, S. 24):

So sehr die Entscheidung, die ottomanischen Armenier auszurotten auch gewurzelt haben in "paranoiden Bedrohungsszenarien, die zu präventiven Schlägen gegen Kollektive führten", so waren solche Einschätzungen andererseits doch auch tief beeinflußt von der leidvollen Vergangenheit, die militärische Niederlagen, massive Bevölkungsverschiebungen und diplomatische Demütigungen beinhaltete. Anstatt eine Wiederholung dieser Geschichte zu riskieren, zogen die Führer der Unionisten und ihre Unterstützer die Durchführung der Vernichtung jener Gruppe vor, die vermutungsweise als Bedrohung angesehen wurde, jene, die als ein "Bulgarien des Ostens" in Erscheinung treten könnte wie sich Talaat Pasha noch 1918 auf die armenische Republik bezog.
Original: As much as the decision to annihilate the Ottoman Armenians was rooted in ‘paranoid threat assessments leading to pre-emptive strikes against collectives’, such appraisals were, in turn, deeply influenced by a painful past history - marked by military defeats, massive population displacements, and diplomatic humiliations. Rather than risk a repetition of this history, the Unionist leadership and its supporters preferred to pursue the destruction of the supposedly threatening group - the one on behalf of which a ‘Bulgaria of the East’, as Talaat Pasha was still referring to the Armenian republic in 1918, could have come into being.

Ohne daß wir uns gegenwärtig gründlich mit den beiden hier zitierten Aufsätzen auseinander setzen können, soll doch auf die Existenz dieses weiteren Interpretationsrahmens in der Wissenschaft aufmerksam gemacht werden.


/letzte Überarbeitungen 
dieses Beitrages: 
18.2.2017
Anhand Literaturangaben 20 und 21:
2.7.2019/
________________________________________________
  1. Gust, Wolfgang: Der Völkermord an den Armeniern. Die Tragödie des ältesten Christenvolks der Welt. Carl Hanser Verlag, München 1993 S. 267 (zit. n. Ulla Kux, 2005)
  2. Gust, Wolfgang: Der Völkermord an den Armeniern 1915/16. Dokumente aus dem Politischen Archiv des deutschen Auswärtigen Amts, Verlag zu Klampen, 2005
  3. Gust, Wolfgang: Antwort auf die Kritik Hilmar Kaisers. Auf: http://www.wolfgang-gust.net/
  4. Dadrian, Vahakn N.: German Responsibility in the Armenian Genocide: A Review of the Historical Evidence of German Complicity. Blue Crane Books, U.S., Mai 1996 (300 Seiten) 
  5. Dadrian, Vahakn N.: Warrant for Genocide: Key Elements of Turko-Armenian Conflict. Transaction Publishers. New Brunswick [u.a.] 1999 (224 Seiten)
  6. Dadrian, Vahakn N.: The History of the Armenian Genocide: Ethnic Conflict from the Balkans to Anatolia to the Caucasus. Berghahn Books Inc; 2004 (490 Seiten)
  7. Dinkel, Christoph: German Officers and the Armenian Genocide. In: Armenian Review, vol. 44, no. 1 (1991), 77-133
  8. Bloxham, DonaldA Reassessment of the German Role in the Armenian Genocide. Auf Hist.net
  9. Gottschlich, Jürgen: „Das ist hart, aber nützlich“. Der Völkermord an den Armeniern. die tageszeitung, 20. April 1995 (Rezension von Gust 1993)
  10. Schoeps, Julius H.: Der verdrängte Genozid. Armenier, Türken und ein Völkermord, für den bis heute niemand die Verantwortung übernehmen will. In: Compass - Informationsdienst für christlich-jüdische und deutsch-israelische Tagesthemen im Web, Februar 2005
  11. Schmid, Thomas: „Das ist hart, aber nützlich“. Der Völkermord an den Armeniern. In: Berliner Zeitung, 28.12.2011
  12. Bronsart von Schellendorf, Friedrich: Ein Zeugnis für Talaat Pascha. In: Deutsche Allgemeine Zeitung, 24.7.1921. Auf: Scribd.com oder auch auf: Politikcity.de ("Europas größtes türkisches Politikforum"), 30.12.2005 Siehe auch: A German Officer's "Genocide" Eyewitness Testimony. A Witness for Talaat Pasha General Lieutenant a.d. Bronsart von Schellendorf. Auf: The Other Side of the Falsified Genocide.
  13. Transfeldt, W.; Frhr. von Brand, K.: Wort und Brauch im deutschen Heer. Geschichtliche und sprachkundliche Betrachtungen über Gebräuche, Begriffe und Bezeichnungen des deutschen Heeres in Vergangenheit und Gegenwart. Verlag Helmut Gerhard Schulz (6. Aufl.), Hamburg 1967 (zit. n. "Historischer Service")
  14. Bronsart von Schellendorf, Friedrich: Lebenserinnerungen, u. a. über Tätigkeit in der Türkei 1913-1917, 1914-1917 als Chef des Generalstabes der türkischen Armee; Aufzeichnungen; Schriftwechsel, u. a. mit Ludendorff; Zeitungsausschnitte. - Umfang: 3 Mikrofilmrollen. - Erschließungsstand: Findkartei. http://www.nachlassdatenbank.de/viewsingle.php?category=B&person_id=1906&asset_id=2078&sid=124db5da4a4cb13ca807c
  15. Ludendorff, Erich: 50 Jahre im Dienst. (Eine Würdigung des Lebens von General Bronsart von Schellendorff.)  In: Ludendorff's Volkswarte, Folge 14 vom 10.4.1932, S. 5f
  16. Karg von Bebenburg, Franz Freiherr: Glückwünsche zum hundersten Geburtstag von Veronika Bronsart von Schellendorff. In: Mensch & Maß, Folge 16, 23.8.1967, innere Umschlagseite
  17. Todesanzeige für Veronika Bronsart von Schellendorf, geb. von Bronsart. In: Mensch & Maß, Folge 9, 9.5.1968, äußere Umschlagseite
  18. Bronsart von Schellendorf, Friedrich: Deutscher Adel und Freimaurerei. K. H. Heine, Wismar i. Mecklbrg. 3. Auflage 1930 (Scribd)
  19. o.V.: Wen die Götter verderben wollen, den schlagen sie vorher mit Blindheit. Zwei historische Gespräche vor dem Hintergrund des Ersten Weltkrieges. In: Mensch & Maß, Folge 13, 9.7.1985, S. 577 - 595 [Bronsarts Gespräche mit Lyncker 1912 und 1924 über die Ungeeignetheit von Moltkes und die Wahl Ludendorff als Nachfolger für ihn]
  20. Ferrara, A., & Pianciola, N. (2019). The dark side of connectedness: forced migrations and mass violence between the late Tsarist and Ottoman empires (1853-1920). Historical Research. doi:10.1111/1468-2281.12278
  21. Gutman, David: Ottoman historiography and the end of the genocide taboo: writing the Armenian genocide into late Ottoman history. In: Jour. Ottoman and Turkish Studies Association, ii (2015), 167–83, at p. 182

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