"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)
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Mittwoch, 27. November 2019

Ehrenvorsitzender der Angestellten-Gewerkschaft - Erich Ludendorff?

Zwei neu bekannt gewordene Briefe
- und viele offene Fragen

Im Wiener Autographen-Handel sind im November 2019 zwei handschriftliche Briefe Erich Ludendorffs zum Verkauf angeboten worden (Doroth., Nov. 2019). Der dortige Bearbeiter, Andreas Löbbecke, meint, die beiden Briefe hätten den gleichen Empfänger.*)

Abb. 1: Zwei Briefe Erich Ludendorffs, verfaßt in München (Dorotheum, November 2019)
Der erste Brief (Abb. 1, links) stammt aus dem Zeitraum 1920 bis 1933, der Zeitraum, in dem Erich Ludendorff unter dem genannten Absender "München, Heilmannstraße" wohnhaft war. Unser Vorschlag der Lesart des in Teilen nicht gerade leicht zu enträtselnden Wortlauts soll bis auf weiteres der folgende sein (Verbesserungsvorschläge, Korrekturen willkommen!) (die uns zweifelhaftesten Lesarten sind unterstrichen): 
                                           München, Heilmannstr. 13/4
Sehr verehrter Herr Hauptmann!
Vorkommnisse an meinem Geburtstage haben
mich darauf hingewiesen, daß die Ortsgruppe
München des D. n. H. nicht mehr so ist, wie ich
es für angemessen halte. Eine Besprechung,
die ich heute mit dem jugendlichen Vorsitzenden
hatte, hat mich darin bestärkt. Ich bin Ehren-
mitglied der Gruppe München und Ehrenvorsitzender
des Vereins und erwarte, daß die Grundsätze 
befolgt werden, die von Berlin für den 
Bund ausgegeben werden. Andernfalls würde
ich meine Ehrenmitgliedschaft zurück geben (sic?).
Da ich festgestellt habe, daß Sie noch 1. Vorsitzender sind,
so teile ich Ihnen vorstehendes mit.
Der Brief ist vier Tage nach dem 9. April, also nach dem Geburtstag Erich Ludendorffs geschrieben worden. Er könnte gut in das Jahr 1925, passen, in dem sich Erich Ludendorff nach und nach von immer mehr nationalen und völkischen Verbänden und Vereinigungen trennte, mit denen er zuvor in einem engeren Einvernehmen gestanden hatte und die ihn mit Ehrenmitgliedschaften, Ehrenvorsitz und dergleichen überhäuft hatten. Eventuell käme auch das Jahr 1926 infrage.

Insbesondere in der - im Jahr 1924 verbotenen - Münchner NSDAP hat sich schon ab Sommer 1924 - noch während der Festungshaft von Adolf Hitler - eine große Respektlosigkeit gegenüber Erich Ludendorff breit gemacht, verkörpert unter anderem in dem damals jungen Hermann Esser (1900-1981) (Wiki) (1, 2). Daß diese schon im April 1924 zum Ausdruck gekommen sein könnte, also kurz nach dem Ende des Prozesses gegen Hitler und Ludendorff, dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte. Deshalb ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, daß dieser Brief in das Jahr 1925, eventuell in ein späteres Jahr fällt (3, 4).

Denkbarer Adressat: Hans Bechly

Am naheliegendsten dürfte sein, daß es sich bei "D. n. H." um den - der DNVP und völkischen Kreisen nahestehenden - "Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verband" (DHV) (Wiki) (11) handelte, um jene Gewerkschaft, die nach 1945 als "Deutsche Angestellten-Gewerkschaft" neu gegründet worden ist. Über Verbindungen zwischen Erich Ludendorff und diesem Verband ist in der Literatur (Google Bücher) zunächst nicht so leicht etwas in Erfahrung zu bringen.

Verbandsvorsteher des DHV war von 1911 bis 1933 Hans G. W. Bechly (1871-1954) (Wiki, engl). Dieser gehörte nicht zum deutschvölkischen Flügel des Verbandes, sondern zum sozialpolitischen Flügel desselben. Bechly war auch zweiter Vorsitzender des damaligen nicht-sozialistischen Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) (Wiki) und anderer Gewerkschaften (5). Auf Verbandstagen der 1920er Jahre hat sich Bechly in Vorträgen immer wieder mit dem "nationalen Gedanken" beschäftigt (7-9). Bechly war offenbar Mitglied der liberaleren Deutschen Volkspartei (DVP) (10). Aber ab 1930 begann sich der DHV mit dem Nationalsozialismus zu arrangieren. Nach 1945 hat Bechly erneut die Deutsche Angestellten-Gewerkschaft (DAG) mit aufgebaut (6).

Es ist denkbar, daß Erich Ludendorff schon 1917 oder 1918 zum Ehrenvorsitzenden des DHV gewählt worden sein kann. Er kann dazu aber auch in den Jahren zwischen 1920 und 1923 gewählt worden sein.

Um wen es sich bei dem "jugendlichen Vorsitzenden" der Ortsgruppe München des DHV gehandelt haben kann, muß einstweilen ebenso offen bleiben. Sicher ist, daß ein nicht geringer Teil der Mitglieder des Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes schon früh der NSDAP nahe gestanden hat (11). Es kann sich also womöglich um einen Mann vom Schlage des späteren Gauleiters von Danzig und Westpreußen gehandelt haben, also um jemanden wie Albert Forster (1902-1952) (Wiki), jedenfalls ein Mann der Generation von Albert Forster. Forster war ebenfalls Mitglied im DHV und hielt sich ebenfalls im Jahr 1923 auch in München aufgehalten (5):
Der Bankkaufmann Albert Forster war seit 1923 Mitglied der NSDAP (...) und hatte sich schon am mißglückten Putsch in München beteiligt. Früh Mitglied im DHV, hatte man ihn 1932 allerdings wegen allzu extremistischer Neigungen ausgeschlossen.
Es hat also auch im Jahr 1932 noch kein bruchloses "Arrangieren" des DHV mit dem Nationalsozialismus gegeben. 1928 war Forster zeitweise Mitarbeiter des DHV in Fürth gewesen (Wiki).

Was sich aus diesem hier behandelten Brief nun für konkretere Folgen ergeben haben können, muß einstweilen ganz offen bleiben.

/Text stark erweitert:
18.3.2020/
_______________
  1. Bading, Ingo: Adalbert Volck gegen Erich Ludendorff (1924) Spaltungstendenzen in der Deutschvölkischen Freiheitspartei 1924, August 2014, https://studiengruppe.blogspot.com/2014/08/adalbert-volck-gegen-erich-ludendorff.html
  2. Bading, Ingo: "Ich bin der größte Revolutionär, den Deutschland heute hat." - Erich Ludendorff 1928 - Neue Briefe aus den Jahren 1924, 1928 und 1946, November 2010, https://studiengruppe.blogspot.com/2010/11/ich-bin-der-grote-revolutionar-den.html  
  3. Robert Probst, Völkischer Block in Bayern (VBl), 1924/25, publiziert am 02.08.2006; in: Historisches Lexikon Bayerns, URL: <http://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Völkischer_Block_in_Bayern_(VBl),_1924/25> (27.11.2019) 
  4. Mathias Rösch: Die Münchner NSDAP 1925-1933. Eine Untersuchung zur inneren Struktur der NSDAP in der Weimarer Republik. Walter de Gruyter 2014 (GB)
  5. Lange, Gunter: Die braune Gewerkschaft - Die machtvolle Angestelltengewerkschaft DHV. Die Zeit, 23. Mai 2013, Nr. 22/2013, https://www.zeit.de/2013/22/gewerkschaft-nationalsozialismus-dhv/komplettansicht.
  6. Erbschaft mit Saugnäpfchen. Der Spiegel, 23.04.1949, https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-44436110.html.
  7. Bechly, Hans und Prof. Dr. August Messer: Volkstum und Weltbürgertum. Eine Aussprache in zwei Aufsätzen und vier Briefen. Alldeutscher Verband, Hamburg, um 1918
  8. Bechly, Hans: Der nationale Gedanke nach der Revolution. Vortrag gehalten am vierzehnten Deutschen Handlungsgehilfentag in Leipzig, vom 18. bis 20. Oktober 1919. Hamburg, Deutschnationale Verlagsanstalt, 1919
  9. Bechly, Hans: Die Führerfrage im neuen Deutschland. Vortrag, gehalten auf dem 18. Deutschen Kaufmannsgehilfentag am 10. Juni 1928 in Dresden. Hamburg, Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Verband 1928
  10. Edmund, Rolf: Right-wing critics of Weimar. PowerPoint PPT Presentation, Slide 29, https://www.slideserve.com/rolf/right-wing-critics-of-weimar
  11. Pomplun, Jan-Philipp: Deutschnationaler Handlungsgehilfen-Verband. In: Handbuch des Antisemitismus, Bd. 5, hrsg. v. Wolfgang Benz u.a., München 2012 (GB)

1921 - "Lieber Obermayr!"


Als Name im zweiten Brief (Abb. 1, rechts) ist ein "Obermayr" angesprochen. Die Jahreszahl des Briefes ist nicht leicht zu bestimmen. 1911 - wie vom Bearbeiter vermutet*) - ist mit Sicherheit auszuschließen. Denn da war Erich Ludendorff noch völlig unbekannt und er lebte in Berlin, nicht in München. Am ehesten käme wohl 1921 in Frage. Seit März 1920 - seit dem mißlungenen Kapp-Putsch - hat Erich Ludendorff mehr in Bayern als in München gelebt, zunächst dort an verschiedenen Orten. So lebte er mehrere Wochen auf Schloß Neubeuern, 34 Kilometer östlich von Schliersee. Im August 1920 ist er dann - mit seiner Frau Margarethe - endgültig nach München in die Heilmannstraße gezogen (1). Der Brieftext lautet jedenfalls soweit bislang entzifferbar:
München, 20. 2. 21 [?]

Lieber Obermayr!
Ich war lange verreist, daher die späte Antwort. Meine Frau und ich werden kommen und danken für die Einladung. Wir werden vorher gewiß noch daran erinnert, sonst kann sich alles mögliche ereignen.
Anliegend das Gewünschte [?].
Mit bestem Gruß
Ihr sehr ergebener
Ludendorff.
Abb. 2: Pfarrer A. Obermayr, Schliersee
Eine Möglichkeit ist, daß hier der katholische Pfarrer Adalbert Obermayr (1875-1949) (Schliersee) von Schliersee angeschrieben worden ist. Dieser war 1945 zum Ehrenbürger von Schliersee ernannt worden (Mag. Schliersee). Vermutlich hat er die kirchlichen Handlungen durchgeführt bei der Enthüllung des Oberland-Denkmals in Schliersee am 30. September 1923, an der Erich Ludendorff teilnahm (4). Obermayr stand offenbar bis zum Hitler-Ludendorff-Putsch im November 1923 in Verbindung mit der völkischen Bewegung in Bayern (2, S. 141, 237):
Obermayr (...) distanzierte sich von der NS-Bewegung nach dem Putsch, ist aber nicht unter den durch die Nazis verfolgten Priestern aufgeführt.
Original: Obermayr was born in 1875, was ordained in Munich in 1900, and began as a parish priest in Schliersee in 1916. (...) Obermayr also distanced himself from the Nazi movement after the putsch, but he is not listed among the priests persecuted by the Nazis.
Die von Pfarrer Obermayr 1938 - in Zusammenarbeit mit dem Münchner Kardinal Faulhaber - errichtete und eingerichtete Bergkirche am Spitzingsee atmet noch heute in der Inneneinrichtung einen dem völkischen Zeitgeist sehr nahestehenden Geist (Mag. Schliersee). Obermayr schrieb 1946 Berichte über die Kämpfe um Schliersee am Ende des Zweiten Weltkrieges an die Leitung seines Bistums München-Freising (3) (Merkur 2015).

Aber aufgrund welcher Umstände hätte nun dieser Adalbert Obermayr schon im Februar 1921 in einer solchen persönlichen Verbindung mit General Ludendorff stehen sollen wie diese aus dem Wortlaut des Briefes heraus klingt? Insgesamt entsteht doch der Eindruck, daß Ludendorff im Jahr 1921 einen katholischen Pfarrer im Brief förmlicher und vornehmer im Tonfall angesprochen haben sollte als das hier der Fall ist ("Lieber Obermayr"). Auch war Ludendorff im Februar 1921 noch keineswegs so völkisch eingestellt wie im September 1923. Der Brief wirkt schnell hingeschrieben. Fürs erste möchten wir es deshalb nicht für plausibel halten, daß dieser Brief an den genannten Adalbert Obermayr gerichtet gewesen ist. An wen er aber dann gerichtet gewesen ist, muß vorerst offen bleiben.

Vorerst würde eine Datierung auf das Jahr 1921 jedenfalls mit bekannten Daten nicht in Widerspruch stehen: Erich Ludendorff hatte am 18. Januar 1921 an Reichsgründungsfeiern in München teilgenommen und am 7. Februar 1921 einen Vortrag in Hamburg gehalten (1). Das gibt zunächst Anlaß zu der Vermutung, daß er am 20. Februar 1921 durchaus Grund gehabt haben konnte zu schreiben, daß er "lange verreist" war.

Somit kann bislang nur der erste der beiden hier behandelten Briefe etwas konkreter in historische und biographische Zusammenhänge eingeordnet werden, nämlich in den Weg Ludendorffs vom "Nationalen" (bis 1922) zum Völkischen (bis 1925) und schließlich zu seinem Stehen "allein auf weiter Flur" (ab 1926). 
__________________________
*) Erläuterung des Angebotes von Dorotheum: >>Zwei e. B. m. U., München 20. 11. 1911 bzw. o. D. (13. 4.), 1 und 1 1/4 S., gelocht, ein Schreiben mit Ausriß in der Lochung, das andere mit repariertem horizontalen Riß in der Faltung, 8vo. An Herrn Obermayer mit Dank für eine Einladung: "... Ich war lange verreist, daher die späte Antwort. Meine Frau und ich werden kommen und danken für die Einladung ..." (20. 2. 1911). Im zweiten Brief an einen Hauptmann (wohl ebenso Obermayer) weist Ludendorff darauf hin, daß die Ortsgruppe München der d. u. h. (?) nicht mehr im angemessenen Zustand befindlich sei.  Experte: Mag. Andreas Löbbecke<< (Dorotheum, November 2019)
_____________________________
  1. Bading, Ingo: Erich Ludendorff in Fotografien des Jahres 1921 - Eine Chronologie in Bildern, 17. Januar 2016, https://studiengruppe.blogspot.com/2016/01/erich-ludendorff-im-jahr-1921.html
  2. Hastings, Derek: Catholicism and the Roots of Nazism: Religious Identity and National Socialism, Oxford University Press, 2011 (GB
  3. Reinhold Friedrich: Spuren des Nationalsozialismus im bayerischen Oberland. 2013 (GB)
  4. Bading, Ingo: Das Oberlanddenkmal in Schliersee - Seine Einweihung am 30. September 1923 eine politische Demonstration Die völkischen Wehrverbände Bayerns stehen zur Regierungsbeteiligung in Bayern und zum "Marsch auf Berlin" bereit , 20. Januar 2012, https://studiengruppe.blogspot.com/2012/01/das-oberlanddenkmal-in-schliersee-und.html
  5. Bading, Ingo: Erich Ludendorff auf Schloss Neubeuern in Oberbayern - Ein Aufenthalt von "ungeheurer Bedeutung" - "Nach schweren Tagen fand ich hier Frieden", April 1920, Januar 2016, https://studiengruppe.blogspot.com/2016/01/erich-ludendorff-auf-schloss-neubeuern.html

Sonntag, 17. Januar 2016

Erich Ludendorff in Fotografien des Jahres 1921

Eine Chronologie in Bildern

Im Internet stößt man immer häufiger auf vergleichsweise seltene oder selten anmutende Photographien von Erich Ludendorff. Unter anderem auf Wiki Commons (WikiCom) aber ebenso unter diversen Postkarten-Angeboten, auf dem Bildarchiv der Süddeutschen Zeitung (SZPhoto) und an ähnlichen Orten. So werden wir veranlaßt, diese einmal in einem Überblick chronologisch zusammenzustellen.

Der folgenden Artikel dient dazu, zumeist seltenere historische Fotografien von Erich Ludendorff aus den frühen 1920er Jahren historisch einzuordnen, zunächst nach Zeit, Ort und Anlaß, sodann nach den dargestellten Personen und der Bedeutung, die diese im damaligen Leben Erich Ludendorffs, bzw. des damaligen politischen Lebens, hier vor allem des damaligen Bayerns hatten. Der Artikel wird in einem ersten Entwurf veröffentlicht. Und soll nach und nach überall ergänzt und vervollständigt werden. Der Artikel versteht sich - wie viele hier auf dem Blog - als Vorarbeiten zu einer wissenschaftlichen Biographie Erich Ludendorffs. Und möchte auch so gelesen werden. Es geht zunächst mehr um Tatsachen-Feststellungen, weniger um die Bewertung dieser Tatsachen.

Abb. 1: Hindenburg, Ludendorff und Tirpitz am Neuen Palais in Potsdam-Sanssouci bei der Beerdigung der Kaiserin Auguste Viktoria, 19.4.1921

Nach dem mißlungenen Kahr-Putsch im März 1920 weilte Erich Ludendorff nur noch zeitweise in Berlin. Hierbei stellte er "im Mai" sein Buch "Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit 1916-1918" fertig, ebenso eine Volksausgabe seiner "Kriegserinnerungen" (1, S. 127). Am 20. August 1920 zog er um nach München-Ludwigshöhe (1, S. 126).  Hier und anderwärts sollte er in den Folgejahren zahlreiche öffentliche Veranstaltungen besuchen, von denen auch - zum Teil seltene - Fotografien erhalten sind, deren historische Einordnung nicht immer ganz einfach ist. Erich Ludendorff sagt zunächst ganz allgemein über diese Veranstaltungen (1, S. 155):

Der Besuch zahlreicher Veranstaltungen in München war mir dadurch erleichtert, dass mir von dem Kommandeur der Sicherheitspolizei, bald hieß sie Schutzpolizei, Oberst v. Seisser, einem früheren Generalstabsoffizier, ein Kraftwagen der Polizei für diese Zwecke zur Verfügung gestellt wurde. Mich begleitete zu ihnen “als mein Adjutant” Oberleutnant v. Grolmann, der ja in Berlin an der Verbrennung früher erbeuteter Fahnen am Denkmal Friedrichs des Großen beteiligt gewesen war. Er hatte den Abschied aus der Schutzpolizei Berlin infolge seiner Haltung in den Kapptagen erhalten und war nun auf meine Befürwortung hin bei der Schutzpolizei in München angestellt. Es war mir angenehm, bei den Veranstaltungen einen Gehilfen an meiner Seite zu haben, der auf manches Bedacht nahm, was mir gegenüber von den Veranstaltern zu berücksichtigen war.
Hier handelt es sich um Wilhelm von Grolman (1894-1985) (Wiki). Während des Zweiten Weltkrieges war von Grolman Polizeipräsident von Leipzig.

Die Max-Josef-Ordens-Ritter in der Michael-Hofkirche in München (Anfang Oktober 1920)

Erich Ludendorff schreibt (1, S. 147):

Die erste Gelegenheit, die sich mir bot, mit einem weiteren Kreise der bayerischen Offiziere zusammen zu kommen, war eine kameradschaftliche Vereinigung der Max-Josef-Ordens-Ritter Anfang Oktober 1920.

Dieser Orden ist mit dem Tod seines letzten Trägers 1985 erloschen. Von seinen Zusammenkünften scheinen im Internet zunächst keine Fotografien überliefert zu sein. Es wäre zu überprüfen, ob sich solche in Veröffentlichungen zur Geschichte dieses Ordens finden (Wiki). Träger des Max-Josef-Ordens finden sich aber auch sonst auf vielen Fotografien aus jenen Jahren, wie wir noch sehen werden. Zu ihnen gehörten auch der bayerische Kronprinz Rupprecht und zahlreiche hochdekorierte bayerische Offiziere jener Zeit.

Der Totensonntag 1920 in München (9. Oktober 1920)

In seinen Lebenserinnerungen berichtet Erich Ludendorff, dass die Stimmung im bayerischen Offizierskorps ihm gegenüber als "Preußen" eine sehr gemischte gewesen sei. Im Gegensatz dazu sei das Verhalten der Mannschaften (und damit gemeint wohl auch des Unteroffizierskorps) gewesen (1, S. 147f):

Ganz eindeutig Deutsch war das Verhalten der Mannschaften. Sie kannten keinen Gegensatz zwischen Bayern und Deutschland, eins war ihnen gleichbedeutend mit dem anderen. Das Kriegserlebnis hatte verbindend gewirkt. (...) Sie sahen in mir den Führer des Deutschen Heeres im Weltkriege neben dem General v. Hindenburg. Meine Taten waren ihre Taten. Sie blickten in Verehrung auf mich und waren stolz, wenn ich an ihren Veranstaltungen teilnahm. (...) Die erste solcher Veranstaltungen war am Totensonntag des Jahres 1920. Der Krieger-Verein Münchens ehrte in einer großen Feier die 8000 Söhne der Stadt, die im Weltkriege gefallen waren. Diese Feier war in den Tagen des Niedergangs ein Ereignis. Die Einstellung der Soldaten zu mir kam bei ihr deutlich zum Ausbruch. Sie waren wirklich nicht pazifistisch angekränkelt, auch wenn sie "Marxisten" gewesen sein mögen.
Die Rede, die gehalten wurde, hatte indes weniger meinen Beifall. (...) Die Toten wurden als Helden gefeiert. (...) Dagegen wurde der Lebenden, die eben soviel geleistet hatten wie die Toten, in keiner Weise gedacht.

Von dieser Veranstaltung aus dem Oktober 1920 sind zunächst keine Fotografien verfügbar, wohl aber von der gleichen Veranstaltung ein Jahr später (siehe unten).

Treffen mit Kronprinz Rupprecht (Anfang Januar 1921)

Der bayerische Kronprinz Rupprecht war der Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht während des Ersten Weltkrieges an der Westfront, nahm also innerhalb der militärischen Hierarchie eine der höchsten Positionen ein - auf der gleichen Hierarchieebene wie auch der Deutsche Kronprinz Wilhelm. In seinen "Kriegserinnerungen" behandelte Erich Ludendorff natürlich alle maßgebenden Persönlichkeiten. Über den bayerischen Kronprinz Rupprecht, den er im Herbst 1916 an der Westfront genauer kennen lernte, hatte er dort geschrieben (4, S. 216):

Er war aus Pflichtgefühl Soldat. Seine Neigungen waren keine soldatischen. Er ging an seine hohe militärische Stellung und ihre Aufgaben mit großem Ernste heran und hat, gestützt auf seine vortrefflichen Generalstabschefs - zu Beginn des Krieges der bayerische General Krafft v. Dellmensingen und jetzt General v. Kuhl - den großen Anforderungen entsprochen, die an einen Oberbefehlshaber zu stellen sind. Ebenso wie der deutsche Kronprinz war der bayerische einer Beendigung des Krieges ohne jeden Gewinn zugetan, aber ob die Entente darauf eingehen würde, das wusste auch er nicht. Mein Verhältnis zum Kronprinzen von Bayern ist stets gut gewesen.

In seinen - 1940 veröffentlichten - Lebenserinnerungen schrieb Erich Ludendorff über Kronprinz Rupprecht (1, S. 141f):

Er war eine gute, fürstliche Erscheinung. (...) Der Kronprinz selbst war kein Feldherr von Geburt. Ich hatte immer die Empfindung, als ob die Führung der Heeresgruppe ihm eine schwer zu tragende Last sei. Gewiss sah auch ich die Lage ernst an. Es galt nur nicht in Pessimismus zu verfallen, wozu der Kronprinz neigte, sondern mit allen Kräften die Lage zu meistern. So bestanden zwischen dem Kronprinz und mir tiefe Gegensätze. (...) Ich selbst konnte in "Meine Kriegserinnerungen" die militärischen Fähigkeiten des Kronprinzen nur wahrheitsgemäß beurteilen.

Und weiter berichtet er dann über eine Aussprache mit den Kronprinzen Rupprecht Anfang Januar 1921 (1, S. 143f):

Die Begrüßung war formell und kühl.

Man sprach noch einmal über verschiedene Operationen während des Ersten Weltkrieges, wobei, so Ludendorff,

gegensätzliche Auffassungen zum Ausdruck kamen, die natürlich einen Ausgleich irgendwelcher Art nicht ergaben. Politische Verhältnisse wurden im allgemeinen nicht berührt. (...) Aus einer Bemerkung konnte ich entnehmen, dass der Kronprinz es lieber gesehen hätte, ich wäre nicht nach München gezogen.

Da Kronprinz Rupprecht in damaligen bayerisch-monarchischen Kreisen als künftiger König von Bayern, wenn nicht gar als Deutscher Kaiser angesehen wurde, spielte er in den 1920er Jahren eine wesentliche Rolle innerhalb der bayerischen Politik.

Reichsgründungsfeiern studentischer Verbindungen am 18. Januar 1921 in München

Wie schon vor dem Ersten Weltkrieg wurde auch danach jedes Jahr der 18. Januar, der Tag der "Kaiserproklamation von Versailles", als "Reichsgründungsfeier" begangen. Dies geschieht wohl zum Teil bis heute in konservativen Burschenschaften. Erich Ludendorff schreibt über das Jahr 1921 (1, S. 151):

Besonders zahlreich waren die studentischen Veranstaltungen zur Reichsgründungsfeier im Januar 1921. (...) Die Studenten, unter denen damals noch viele Kriegsteilnehmer waren, waren von ehrlichem, nationalem Wollen erfüllt. Hatten ja z.B. Studenten der Marburger Universität eigene Formationen aufgestellt, die sich in Thüringen bei der Niederwerfung kommunistischer Aufstände betätigt hatten. Andere studentische Formationen hatten in den Ruhrkämpfen Anfang April 1920 erfolgreich gekämpft. 

Auch von diesen Reichsgründungsfeiern sind zunächst keine Fotografien zugänglich. Von späteren studentischen Anlässen, zu denen Hindenburg und Ludendorff eingeladen wurde, gibt es aber solche (siehe unten).

Ein Vortrag Ludendorffs vor dem Nationalklub in Hamburg (7. Februar 1921)

Am 7. Februar 1921 hielt Erich Ludendorff vor dem "Nationalklub" in Hamburg, einem 1919 gegründeten nationalen "Herrenklub", einen Vortrag. Diesen Vortrag erwähnt er - soweit übersehbar - in seinen Lebenserinnerungen nicht. Solchen "Herrenklubs" stand Ludendorff ab Ende der 1920er Jahre außerordentlich kritisch gegenüber. Über den Hamburger Nationalklub heißt es (Wiki):

In regelmäßigen Abständen lud der Klub führende Persönlichkeiten als Redner ein. Unter ihnen befanden sich beispielsweise Alfred von Tirpitz, Heinrich Claß, Erich Ludendorff, der Reichskanzler Hans Luther, Reichsaußenminister Gustav Stresemann, Hjalmar Schacht und Hans von Seeckt. Themen waren zum Beispiel: „Völkische Abwehr und Aufbaupolitik“ (Wulle, 1922), „Deutsche Volksgemeinschaft“ (v. Gayl, 1924), „Wir und der Osten“ (Volck, 1922), „Was können wir tun, um die Lösung der österreichischen Frage vorzubereiten?“ (Ebert, 1922).

Adolf Hitler hat mehrmals einen Vortrag gehalten, offenbar schon 1919. Ebenso der spätere völkische Ludendorff-Gegner Adalbert Volck (s. Ursula Büttner 1982), ebenso der mehrjährige völkische Parteifreund Ludendorffs Reinhold Wulle. Über Ludendorffs Vortrag gibt es im Nachlaß von Alfred von Tirpitz (DtDigtBibl) (im Bundesarchiv) eine ...

Aufzeichnung zu dem Besuch Ludendorffs im Nationalklub Hamburg 1919 u.a. betr. Flottenpolitik, 8. Feb. 1921.

Nach dem Historiker Bernhard Wien stammt diese Aufzeichnung von dem Sohn von Alfred von Tirpitz. Die Rede Ludendorffs kennzeichnete dieser offenbar damit, dass er schrieb von abgehackten Sätzen "wie das Prasseln von Hagelkörnern". Der Vortrag Ludendorffs sei ohne Gesten ausgekommen (Wien 2014, S. 93, 256). Ludendorff habe dort auch davon gesprochen, dass er dem Kaiser nach dem Rücktritt von Bethmann-Hollweg Alfred von Tirpitz zur Ernennung zum Reichskanzler vorgeschlagen hatte.

Soweit übersehbar, erwähnt Erich Ludendorff diesen seinen Vortrag vor dem Nationalklub in Hamburg weder in seinen Lebenserinnerungen noch auch sonst.

Als die letzte deutsche Kaiserin im April 1921 starb, wurde die Bedeutung dieses Geschehens etwa so ähnlich empfunden wie die Öffentlichkeit auf den Tod der Prinzessin Diana reagierte. Noch dazu ereignete sich der Tod in politisch bewegten Zeiten.

Die Beisetzung der Kaiserin Auguste Viktoria (19. April 1921)

Erich Ludendorff berichtet über die Kämpfe um Oberschlesien im April und Mai 1921 und schreibt dann weiter (1, S. 159):

Während der wirtschaftlichen, völkischen und seelischen Not, unter der Millionen Deutsche litten, erfolgte das Ableben der Kaiserin Auguste Viktoria am 11. 4. in Doorn. Eine tiefe Verehrung und die glühende Liebe zum Vaterlande verband mich mit der hohen, würdevollen Frau. (...) Die Kaiserin wurde am 19. 4. im Antiken-Tempel unweit des neuen Palais bei Potsdam beigesetzt. Ich beschloß, an der Beisetzung teilzunehmen. In Berlin stieg ich wie immer bei Frau Emma Heckmann ab, die mir ihr Haus für einen Berliner Aufenthalt gern zur Verfügung gestellt hatte. Von hier aus fuhr ich nach Potsdam und an Sansouci vorbei nach dem neuen Palais und seiner Eisenbahnstation Wildpark bei Potsdam. 

Die Familie Heckmann war damals eine bedeutende Berliner Unternehmerfamilie. Schon seit der Großelterngeneration betrieb sie in Berlin und später in Duisburg Kupfergießwerke. Die weiblichen Angehörigen der Familie waren in Berliner Wohltätigkeitsvereinigungen tätig.

Abb. 2: Hindenburg, Ludendorff und Tirpitz in Potsdam-Sanssouci bei Beerdigung Kaiserin Auguste Viktoria, 19.4.1921

Ludendorff war schon am 13. April 1921 nach Berlin gefahren. Einen Tag zuvor, am 12. April 1921, hatte er sich nämlich noch brieflich bei einem "Herrn Oberstleutnant von Wolff" in "Hannover Bödeckerstr. 7" für Geburtstagsglückwünschte bedankt (zit. n. Stgr2013):

München, 12.4.1921
Lieber Wolff!
Ihr Glückwunsch war mir eine Freude. Ihnen und Ihrer Gattin herzlichen Dank. Mit Bedauern (?) hörte ich das Schicksal der .... Die Revolution bemüht den Offizier nur so lange, als es ihr nützt, dann kommt der Fußtritt. N. mag klug sein, dafür ist er um so schuldiger.

Mit N. wird Noske gemeint gewesen sein. Weiter schrieb er:  

Wir leben hier in Zurückgezogenheit still und zufrieden, so weit das möglich ist u. sehen zu unserer Freude doch so manche alte Bekannte bei uns, auch diese Zahl wird kleiner. Das liegt ... nun mal in den Verhältnissen. Ich zog hierher, weil meine Schwester hier wohnt u. ich billig hier wohne, billiger als  in Preußen. Im übrigen bleibe ich Preuße auch hier.
Morgen fahre ich nach Berlin, es wird dort eine schwere Stunde geben, die Beisetzung Ihrer Majestät, da wird man wieder den Unterschied fühlen einst - jetzt.
Doch nun herzlichen Gruß
Ihr Ludendorff.
Über die Station Potsdam-Wildpark schrieb Ludendorff in seinen Erinnerungen (1, S. 159):
Hier traf mit einem Zuge aus Doorn der Sarg ein, der die sterblichen Überreste der Kaiserin barg. Die Fahrt durch Deutschland hatte Anlaß zu schönen Sympathiekundgebungen für sie und das Hohenzollernhaus gegeben, das so lange die Geschicke Preußens und dann Deutschlands geleitet hatte. Auf der Wildparkstation waren die Prinzen des königlichen Hauses - der Kronprinz weilte noch in Wieringen -, zahlreiche Generale und Admirale des alten Heeres, die Würdenträger des früheren kaiserlichen Hofes versammelt. Viele Tausende harrten außerhalb des Bahnhofes und längs des Weges, den der schier endlose Trauerzug eingeschlagen hatte.

Von diesem Ereignis haben sich viele historische Fotografien erhalten.

Abb. 3: "Hindenburg, Ludendorff, Tirpitz, Kluck und Mackensen im Trauerzuge" (Quelle)

Ludendorff weiter (1, S. 159):

In tiefer Stille fuhr der mit Kränzen überhäufte Sarg an der ergriffenen Menge vorüber. Wir schritten schweigend, General v. Hindenburg und ich mit Admiral v. Tirpitz, den Prinzen an der Spitze des Trauerzuges folgend, daher und begleiteten den Sarg bis in den Tempel, wo eine kurze und würdige Feier stattfand. Dann begab ich mich wieder zu meinem Kraftwagen. Es war, als ob eine Spannung der Menge sich löste. Sie gab mir gegenüber einer Begeisterung Ausdruck, die ich nach dem eben Durchlebten - ich möchte sagen nach dieser Feier - beinahe störend empfand, wenn nicht in ihr auch Zorn gegen das Deutsche Geschick und Erwartung auf eine Besserung gelegen hätte.

Im folgenden noch weitere Fotografien.

Abb. 4: Admiral von Tirpitz, von Hindenburg und Erich Ludendorff bei der Beisetzung der Kaiserin am 19. April 1921 in Potsdam

Auf der nächsten Fotografie ist das Neue Palais zu sehen.

Abb. 5: "Der Kaiserliche Leichenwagen vor dem Neuen Palais" (Quelle)

Und davor der Kaiserliche Leichenwagen.

Die Deutschen Fliegergedenktage in München (Mai 1921)

In den 1920er Jahren wurden in Deutschland "Fliegergedenktage" häufig gefeiert:

Bald nach Beendigung des Ersten Weltkrieges (...) waren verschiedene "kameradschaftliche Vereinigungen" ehemaliger Frontfliegerverbände entstanden. (...) Jährliche Großveranstaltung war seit 1920 die Oswald-Boelke-Gedenkfeier am 28. Oktober, dem Todestag des berühmten Jagdfliegers (40 Luftsiege, gefallen 1916).

Auch die Teilnahme an diesen Gedenkfeiern und Fliegertagen erwähnt Erich Ludendorff, soweit übersehbar, in seinen Lebenserinnerungen nicht.

Abb. 6: Fliegerhauptmann Franz Hailer, Gustav von Kahr, Erich Ludendorff und der Polizeipräsident Münchens Ernst Pöhner - Auf den Bayerischen Flieger-Gedenktagen, 19.-22. Mai 1921 (WikiEbay), NSDoku)

Ein 18-seitiges Heft des "Bayerischen Fliegerclubs" München berichtet über die Deutschen Fliegergedenktage, die vom 19. bis 22. Mai 1921 auf dem Flugplatz Schleißheim nördlich von München begangen wurden.

An ihnen nahm auch Erich Ludendorff teil - den Kopf ungewohnter Weise mit einem abgerundeten Hut, einer Melone, bedeckt - und zudem auch noch herzlich lachend - ein sehr seltener Anblick, was Photographien von seiner Person betreffen (Wiki). Und das noch dazu im Gegenüber eines Mannes, den er später als einen "verschlagenen" kennzeichnen sollte, nämlich im Gegenüber von Gustav von Kahr. Im Mai 1921 hielt er von Kahr aber noch für einen guten Politiker und erwartete sich Gutes von ihm, da er ja auch eine gegenüber der Berliner Regierung oppositionelle Politik betrieb. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Ludendorff über die zweite Jahreshälfte des Jahres 1920, über die Zeit, nachdem er von Berlin nach München gezogen war (1, S. 138):

Abb. 7: von Kahr (Quelle) 
Durch Oberst Bauer lernte ich auch bald die Herren v. Kahr und Pöhner kennen. Herr v. Kahr klein, untersetzt und leicht aufgeschwemmt, sowie alles andere als nordisch, war Protestant, aber Mitglied der Bayerischen Volkspartei. (...) In den Blicken des Herrn v. Kahr lag eine gewisse Verschlagenheit. Wie abhängig er von dem Willen des tatsächlichen Führers der Bayerischen Volkspartei, dem Bauerndoktor Geheimrat Heim, und damit von Nuntius Pacelli und Kardinal Faulhaber tatsächlich war, war mir damals noch unbekannt. Polizeipräsident Pöhner war eine ganz andere Erscheinung als Ministerpräsident v. Kahr. Er war groß und hager, sein Gesicht trug energische Züge. Er hatte die Polizei Münchens von allen zweifelhaften Elementen gesäubert; hier herrschte tatsächlich Ordnung. Irgendwelche bolschewistischen Unruhen waren in München unmöglich geworden. (...) Welche Gedanken die beiden Herren im einzelnen hatten, offenbarte sich nicht. Herr v. Kahr wusste gewiss selbst nicht, wohin er geführt werden würde, und Herr Pöhner dachte wohl nur in seinem Innersten an die Errichtung einer großen wittelsbachischen Monarchie.

Auf dem Bild (Abb. 6) steht rechts Polizeipräsident Pöhner. Links neben Gustav von Kahr scheint Hauptmann Franz Hailer zu stehen, der sich auch auf einem weiteren Foto von diesem Tag mit Ludendorff im Gespräch befindet (Abb. 8).

Abb. 8: "General Ludendorff nach Verlassen des Sportplatzes auf dem Oberwiesenfeld im Gespräch mit bekannten Deutschen Militärfliegern; von links nach rechts: Hauptmann Graim (wohl richtig: Greim), Hauptmann Hailer, Major Christen" (2, S. 289)

In Abbildung 8 ist laut Erläuterung aus dem Jahr 1938 (2, S. 289) zu sehen Robert Greim (jedenfalls finden sich zu einem "Hauptmann Graim" keine Angaben im Internet). Dieser Pour le Merite-Träger ist 1918 zusätzlich mit dem bayerischen Max-Josef-Orden ausgezeichnet worden, was die Erhebung in den Adelsstand als Robert Ritter von Greim (1892-1945) (Wiki) mit sich brachte. Mit diesem Namen sollte er im April 1945 noch von Adolf Hitler zum Nachfolger Görings als letzter Oberbefehlshaber der Luftwaffe eingesetzt werden. (Greim flog dazu am 23. April 1945 mit dem damaligen Fliegeridol Hanna Reitsch ins umkämpfte Berlin und einige Tage später wieder hinaus. Hanna Reitsch spricht in ihren Büchern mit großer Achtung von Greim. Er nahm sich zwei Wochen nach der Kapitulation das Leben.)

Hauptmann Franz Hailer (1886-1967) (Wiki) war seit Januar 1920 Angehöriger der Polizeifliegerstaffel. Ihm sollte ein Jahr später, 1922, eine spektakuläre Landung auf der Zugspitze gelingen (Flieger-Album).

Besuch bei Ludwig Thoma (27. Juli 1921)

Am 27. Juli 1921 besuchte Erich Ludendorff den Leitartikler des "Miesbacher Anzeigers" Ludwig Thoma (1867-1921) (Wiki). Einen Monat später schon sollte Ludwig Thoma mit 54 Jahren sehr plötzlich nach einer Operation sterben. Seine Worte zum Besuch Ludendorffs sind die letzten, die sich in seinem Tagebuch finden ("Letzte Aufzeichnungen"). Sie stammen vom 28. Juli 1921:

Gestern war General Ludendorff bei mir. Wir sprachen unter anderem über die unglückliche Idee, Polen für selbständig zu erklären. Er sagte mir, die Unwahrhaftigkeit Bethmanns sei ihm in vielen Dinge begegnet, nie wunderlicher als in dieser polnischen Affäre. (...) "Und hintendrein stellte es dieser Mann so dar, als hätte er unserem Drucke nachgegeben - obwohl er 14 Tage vor unserer Berufung schon mit Burian abgeschlossen hatte ..."
Tannenbergfeier in Königsberg (13. und 14. August 1921)

Über den Sommer 1921 schreibt Erich Ludendorff (1, S. 162-167):

In dieser Zeit des Niederganges beteiligte ich mich an vaterländischen Kundgebungen in Norddeutschland. Ich hielt es für meine Pflicht gegenüber dem sich gerade hier breitmachenden marxistischen Internationalismus, der jedes völkische Wollen und jede klare Überlieferung aus der Vergangenheit ersticken wollte und alles, was früher Großes war, mit seinem Hohne traf. Wie schmerzlich mir diese Feiern durch das Erinnern an unsere stolze Vergangenheit wurden, erlebte ich bald.
Ich hatte aus Königsberg von Freiherrn v. Gayl, der in der Verwaltung Ober-Ost unter mir gearbeitet hatte und jetzt in einem Siedlungunternehmen Ostpreußens tätig war, für den 13. und 14.8. eine Einladung nach Königsberg erhalten. Ich folgte ihr. (...) Ich fuhr über Swinemünde nach Pillau mit dem Dampfer. (...) In Pillau wurde ich von Festveranstaltern begrüßt. (...) Am 13. abends war eine Vorfeier in der Stadthalle mit Fackelzug und Festkommers. Die Begrüßung, die mir zuteil wurde, war eine ungemein warme. (...)
Am Nachmittag besuchte ich noch eine Volksveranstaltung im Tiergarten. Das Stück von Wilhelm Raabe "Tannenberg" wurde gegeben, und große sportliche Leistungen gezeigt. (...) Auch hier war viel Begeisterung und viel Wärme. (...) Am Vormittage war mir die Ehrendoktor-Urkunde der medizinischen Fakultät (...) überreicht worden. (...)
Nach den Feiern in Königsberg führte mich Herr v. Gayl in einer Autofahrt quer durch die Provinz nach dem Besitz des Herrn v. Oldenburg-Januschau, der in deren westlichem Teile lag.  (...) Gemeinsame Erinnerungen ließen die Tage schnell verstreichen. Leider musste ich mich später gegen Herrn v. Oldenburg wenden.

Von diesen Anlässen finden sich in den Lebenserinnerungen Erich Ludendorffs drei Fotografien (1, S. 128f, 160). (Fotografien sind ebenso erhalten aus dem Jahr 1925, als Ludendorff zusammen mit Hindenburg dort weilte, s. Fotoarchiv Süddt. Ztg.. Ebenso von Ostpreußen-Besuchen Ludendorffs und Hindenburgs in späteren Jahren, u.a. 1927.)

Regimentsfeier des Leib-Grenadier-Regiments in Frankfurt an der Oder (August 1921)

Erich Ludendorff schreibt weiter (1, S. 167):

Gleich darauf hatte ich eine Feier in Frankfurt a.O. Die Angehörigen des Leib-Grenadier-Regiments, dem ich einst von 1890 bis 1895 angehört hatte, hatten sich versammelt.

Auch hierüber ist zunächst keine historische Fotografie verfügbar. Ebenso wenig von dem Treffen mit Paul von Hindenburg in Pommern im August 1921, von dem Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen berichtet (1, S. 168).

Der Frontkämpfer-Tag in Berlin (25. August 1921)

Von Pommern aus fuhr Ludendorff weiter nach Berlin. An der Stelle, an der sich heute das 1934 bis 1936 errichtete Olympiastadion befindet, befand sich von 1913 bis 1934 das "Deutsche Stadion" (Wiki). Dem Frontkämpfer-Tag, der dort am 25. August 1921 stattfand, wird von manchen Berichterstattern fast eine ähnlich große politische Bedeutung zugesprochen wie dem Kapp-Putsch ein gutes Jahr zuvor. Denn es war eine Großveranstaltung der konservativ-monarchischen Kräfte in Deutschland. So heißt es darüber (GB):

In der Zwischenzeit traten Ungeduld, Vorurteile und Ängste der Rechten immer mehr zutage und erreichten im Sommer ihren einstweiligen Höhepunkt in einer rein politischen, antirepublikanischen Demonstration in Berlin, dem sogenannten "Frontkämpfertag". Am 24. August 1921 begleitete Ludendorff den Demonstrationszug von 2.000 Kriegsveteranen, der von dem 39 Jahre alten Prinzen Eitel Friedrich von Preußen, dem zweiten Sohn des ehemaligen Kaisers Wilhelm II., angeführt wurde. Im Stechschritt marschierten sie durch den Eingang des Berliner Stadions, auf dem in großen Lettern prangte: "Im Felde unbesiegt" und paradierten an der kaiserlichen Loge vorbei. (...) Anschließend hielt der Militärkaplan vor den 2.000 Zuhörern eine Rede, in der er behauptete, Deutschland könne seine Größe nur durch Militärmacht, Monarchie und die Rückkehr der Dynastie der Hohenzollern wiedergewinnen. Die drei anwesenden Generäle Ludendorff, Georg Graf von Waldersee und Rüdiger von der Goltz hielten ähnliche Ansprachen. Von der Goltz, der das baltische Freikorps kommandiert hatte, (...) verlas Glückwunschtelegramme nicht nur von Admiral Scheer und Großadmiral von Tirpitz, sondern auch von Hindenburg und dem ehemaligen Kaiser selbst. Letzteres löste einen rauschenden Jubel und anhaltenden Beifall für die Dynastie der Hohenzollern aus. Das Berliner Stadion, in dem sich die Veteranen versammelt hatten, wurde von zwei- bis dreitausend Jungen und Mädchen gefüllt, deren präziser Drill und militärische Bewegungen einem Augenzeugen zufolge "höchst beeindruckend" waren.

Die hier gefeierte Personengruppe der erfolgreichen deutschen Befehlshaber des Ersten Weltkrieges ist noch bis etwa 1924 immer einmal wieder in wechselnden Zusammensetzungen öffentlich aufgetreten, etwa auf dem Deutschen Tag in Halle 1924. Erich Ludendorff berichtet über diesen Berliner Frontkämpfertag eine Spur verhaltener als es damals in seinen Kreisen üblich war (1, S. 168f):

Viele Tausende von alten Frontkämpfern waren gekommen. Noch größer war die Masse der Zuschauer. General v. d. Goltz und ich hielten Ansprachen. Dann erfolgte ein Vorbeimarsch vor mir und den Ehrengästen, darunter auch Prinzen des königlichen Haues der Hohenzollern. Das rote Berlin hatte wiederum Uniformen des alten Heeres gesehen und sich überzeugen können, dass seine Überlieferung in weiten Kreisen der Bevölkerung noch recht lebendig wach war. Allerdings konnte ich mich nicht darüber täuschen, dass die Massen, aber auch die alten Kameraden, recht wenig über die wahren Zusammenhänge nachgedacht hatten. Wie vor dem Weltkriege herrschte ein gewisser Hurra-Patriotismus vor, der durch äußerliches, zuweilen lautes Auftreten Unklarheiten und Mangel an Gehalt verdeckte. Ich sah auch im Geiste die Millionen, die nicht anwesend waren, wenn andere sich über die Anwesenheit von Tausenden freuten.

Abschließend schreibt er:

Ich hatte schöne Tage in Norddeutschland verlebt und das Sehnen von Millionen nach Freiheit empfinden können. Nun kehrte ich wieder nach München zurück, wo die politischen Verhältnisse sich inzwischen weiter entwickelt hatten.

Im Bildarchiv der Süddeutschen Zeitung finden sich Fotografien von diesem Anlaß:

  • "Erich Ludendorff, Prinz Eitel Friedrich und Admiral von Schröder am Frontkämpfertag, 1921"
  • "Marschierende Offiziere am Frontkämpfertag, 1921"
  • "Im Rahmen des Frontkämpfertages marschiert das Freiwilligen-Corps Brüssow mit seiner Korps-Fahne vor Zuschauern in der Hauptstadt auf."

Im "Herbst 1921" schloss Erich Ludendorff dann die Arbeit an seinem Buch "Kriegführung und Politik" ab. Die zentralen Gedankengänge desselben bezeichnet er in seinen Lebenserinnerungen schon als "völkisch" (1, S. 183-190). Im Oktober 1921 nahm er erneut an einem Treffen der Max-Josef-Ordens-Ritter teil (1, S. 147), von dem er berichtet (1, S. 175), dass sich der Kronprinz Rupprecht auf diesem "entgegenkommender gegen mich als bisher" verhalten habe. Das sollte offenbar auch auf dem Trauergedenktag so sein, was zwar auf einer Fotografie gut zu sehen ist, in den Lebenserinnerungen Ludendorffs jedoch nicht erwähnt wird.

Der Trauergedenktag in München (9. Oktober 1921)

Schon während des Ersten Weltkrieges hat es "Opfertage" gegeben, an denen der Gefallenen und der Kriegsversehrten gedacht und für sie gesammelt wurde. Daraus entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg nach und nach der Volkstrauertag, der anfangs in verschiedenen Städten noch mit verschiedenen Namen benannt worden ist (Trauer- oder Opfertag, Trauergedenktag). Die Historikerin Alexandra Kaiser beschreibt diese Entwicklung und berichtet über das Jahr 1921 in München:

Am 9. Oktober (...) war München erneut Schauplatz eines - wie er nun angekündigt wurde - Opfer- und Gedenktags, der gemeinsam vom Bayerischen Kriegerbund und vom Hilfsbund der Münchener Einwohnerschaft veranstaltet wurde. (...) Die eigentliche Gedenkfeier, bei welcher der Kriegerbund als Dachorganisation der Kriegervereine wie im Jahr zuvor die Regie führte, fand diesmal auf dem Königsplatz statt. (...) Wie im Vorjahr begann der Gedenktag 1921 mit einem Aufmarsch der zahlreichen Krieger- und Militärvereine sowie der studentischen Korporationen, die auf dem Königsplatz Aufstellung nahmen. Der Platz war festlich dekoriert; Feuerschalen brannten; vor dem Säulengang des Kunstausstellungsgebäudes stand ein Feueraltar.

Auf historischen Fotografien ist zu sehen, dass auch Erich Ludendorff an dieser Veranstaltung vom 9. Oktober 1921 teilgenommen hat. Ebenso ist auf diesen zu sehen, dass er dabei - wohl vor Beginn der Feier - auch von dem Kronprinzen Rupprecht angesprochen worden ist. 

Abb. 9: Erich Ludendorff auf dem Trauer-Gedenktag auf dem Königsplatz in München, 9. Oktober 1921

Auf zeitgenössischen Fotografien ist Erich Ludendorff aus diesem Anlass zu sehen umringt von hohen bayerischen Generälen und Offizieren, sowie auch von Zivilpersonen. 


Abb. 10: Erich Ludendorff zweiter von rechts

Im Juli 1921, so berichtet Ludendorff (1, S. 171), war ein Brief des Kronprinzen Rupprecht veröffentlicht worden, in dem er sich als ausgesprochener Partikularist der deutschen und insbesondere bayerischen Öffentlichkeit vorgestellt hat und in dem er sich der konservativen Rechten zugleich als Monarchist und Thronfolger als bayerischer König, wenn nicht sogar als (besserer) Deutscher Kaiser empfahl. Ludendorff (1, S. 173):

Mit Recht bezeichnet der Historiker Professor Fester, mit dem ich auch über Geschichteforschung gesprochen habe, in seinem Buche über den letzten österreichischen Kaiser Karl diesen Brief als ersten Axthieb an die Wurzeln des Bismarckreiches.

Ludendorff vermutete, dass die Jesuiten hinter der Veröffentlichung dieses Briefes steckten. Auf dem Trauergedenk-Tag in München traf Ludendorff Kronprinz Rupprecht wieder und sprach mit ihm, umgeben von einflussreichen, monarchisch und konservativ gesonnenen bayerischen Offizieren. Dieses sicherlich nur kurze Zusammentreffen erwähnt Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen nicht.

Abb. 11: Kronprinz Rupprecht, Siry, Gen. Hemmer, Ludendorff, Oberst Seisser - "Trauer-Gedenktag" auf dem Königsplatz München am 9. Oktober 1921 - Der Kronprinz Rupprecht ist Ludendorff gegenüber "entgegenkommender als bisher"

Für den, der die vorhergegangen und nachherigen Ereignisse kennt, erzählt diese Fotografie aber womöglich sehr viel. Das Foto zeigt den Kronprinzen Rupprecht im Gespräch mit Erich Ludendorff. Zwischen ihnen hört diesem Gespräch zu jener Major a.D. Alexander Siry (geb. 1879), der in der Nacht vom 8. auf 9. November 1923 zwischen Ludendorff und Hitler einerseits und General von Lossow andererseits zu vermitteln suchte als - erfolgloser - Botschafter Ludendorffs bei dem General von Lossow. Lossow sollte sich in jener Nacht fünfmal und Kahr dreimal weigern, den Major Siry zu dem seit 23 Uhr dringend auf Nachrichten wartenden ehemaligen Generalquartiermeister zurück zu senden. Vielmehr drohte er Siry Schutzhaft an.

Abb. 12: Kronprinz Rupprecht, Ludendorff, Oberst Seisser - "Trauer-Gedenktag auf dem Königsplatz in München am 9. Oktober 1921"

Rechts neben Major Siry hört dem Gespräch zu Hans (von) Hemmer (1869-1931) (Wiki). Bei ihm handelt es sich um einen hoch dekorierten bayerischen Offizier des Ersten Weltkrieges. 1915 war er als Oberstleutnant Chef des Generalstabes der Südarmee unter General Felix Graf von Bothmer gewesen (an der Ostfront). 1917 war er zum Oberst befördert worden, 1918 Chef des Generalstabes der 19. Armee in Lothringen, also an der Westfront. In diesen Stellungen hatte er sich viele Verdienste erworben. Beim Ausscheiden aus dem aktiven Dienst im Jahr 1920 war er zum Generalmajor befördert worden.

Abb. 13: Trauer-Gedenktag München

Rechts neben, bzw. hinter Ludendorff steht schließlich - mit geradezu abschätziger Miene - Oberst Hans (von) Seißer (1874-1973) (Wiki). Bei ihm handelte es sich um den damaligen Chef der bayerischen Landespolizei. Er hatte einerseits Ludendorff, nachdem er nach Bayern gekommen war, einen Adjutanten gestellt (siehe oben). In der Nacht vom 8. auf 9. November 1923 sollte er sich jedoch - zusammen mit von Kahr und von Lossow - ebenfalls der zuvor mit Ludendorff und Hitler vereinbarten Zusammenarbeit entziehen.

Abb. 14: "Trauer-Gedenktag" auf dem Königsplatz in München am 9. Oktober 1921

Abbildung 11 zeigt nur einen Ausschnitt, Abbildung 12 die Gesamtszene, wobei deutlich wird, daß am selben Ort noch zahlreiche weitere Offiziere versammelt sind. Abbildung 13 und 14 zeigen weitere Fotografien von diesem Anlass, wobei auf letzterem in vorderster Reihe die Angehörigen des bayerischen Königshauses zu sehen sind, vielleicht steht daneben Erich Ludendorff.

Kadettentag in München (16. Oktober 1921)

Auch einen Kadettentag in München vom 16. Oktober 1921 erwähnt Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen nicht. Es sind aber von diesem Anlass Fotografien erhalten, die ihn zeigen.

Abb. 15: Erich Ludendorff mit einem Herrn in Zylinder

Vielleicht handelt es sich bei der Person, die links etwas im Abstand von Ludendorff auf Abbildung 15 steht, um seinen schon erwähnten damaligen "Adjutanten" Wilhelm von Grolman. Diese Person ist auch auf weiteren Fotografien (Abb. 16, 17, 19, 20) meist schräg versetzt hinter Ludendorff zu sehen.

Abb. 16: "Exzellenz v. Ludendorff schreitet die Front der in der Reichswehr befindlichen jungen Cadetten Offiziere ab"

Erich Ludendorff zählt in seinen Lebenserinnerungen seine Freunde im bayerischen Offizierskorps auf und seine bayerisch-partikularistischen Gegner innerhalb desselben, geführt vom Kronprinzen Rupprecht. Hierbei schreibt er über den Prinzen Leopold von Bayern, den bärtigen alten Mann auf vielen Fotografien des Ersten Weltkrieges und danach (1, S. 144):

Die Prinzen des wittelsbachischen Hauses schlossen sich indes, soweit ich mit ihnen in Berührung kam, wenigstens äußerlich betrachtet, nicht Kronprinz Rupprecht in ihrem Verhalten gegen mich an. Generalfeldmarschall Prinz Leopold von Bayern war stets von ausgesuchter Liebenswürdigkeit gegen mich. Er war Soldat. Ich habe sein soldatisches Fühlen schätzen gelernt, da er sich im Sommer 1915 als älterer Generalfeldmarschall dem Oberkommando des Generalfeldmarschalls v. Hindenburg unterstellte. (...) Als ich im August 1916 in die Oberste Heeresleitung berufen wurde, schwankte ich keinen Augenblick, dem Kaiser zu raten, dem Generalfeldmarschall Prinz Leopold von Bayern, dem Oberst Hoffmann als Chef beigegeben wurde, die Führung der Ostfront anzuvertrauen. Generalfeldmarschall Prinz Leopold von Bayern hat dieses Vertrauen voll gerechtfertigt. Nicht anders wie das Verhalten dieses Prinzen war das der Prinzen Arnulf und Ludwig Ferdinand.
Abb. 17: "S.K.H. Prinz Leopold v. Bayern (im Mantel), Exzellenz v. Ludendorff links, Exzellenz Krafft v. Delmensingen rechts Exzell. Generalleutnant Hübner (letzter Commandeur d. Cadetten Corps 1914)"

Über die Gruppe seiner Gegner im bayerischen Offizierskorps sagt er unter anderem (1, S. 145f):

Endlich trat als mein scharfer Gegner General Krafft v. Delmensingen hervor. Er war Chef des Generalstabes der Armee des Kronprinzen Rupprecht in Lothringen - der 6. - gewesen. Er hatte dann das Alpenkorps erhalten.

Krafft von Delmensingen ist ebenfalls in Abbildung 17, sowie 25 (ganz rechts) zu sehen. Als Befehlshaber des Alpenkorps konnte er den bekannten großen Sieg über die Italiener erringen (Isonzoschlacht). Erich Ludendorff schreibt weiter:

Nach gelungenem Angriff setzte ich das gleiche Armeeoberkommando an der Westfront ein. Seine Führung in der großen Schlacht von Frankreich war nicht gerade glücklich; aber diese Ansicht hatte ich für mich behalten. Woher eigentlich die Feindschaft des Generals v. Krafft kam, weiß ich nicht. Sie entsprang wohl im wesentlichen der Abneigung des Kronprinzen Rupprecht gegen meine Person.

Es existiert ein Gemälde, das Krafft von Delmensingen als Generalstabschef des Kronprinzen Rupprecht zeigt (von dem Maler Fritz Reusing, siehe GB).

Abb. 18: "S.K.H. Prinz Alfons v. Bayern links, Exzellenz Ludendorff mitte, Exzellenz v. Hartz rechts"

Von dem Kadettentag haben sich noch zahlreiche weitere Fotografien erhalten (s. Historische Bilddokumente).

Am 28. Oktober 1921 schrieb Wilhelm Breucker, "Zurzeit München", einen Brief an Ludendorff, den Ludendorff noch am gleichen Tag an die Presse weitergab zur Richtigstellung einer Behauptung des "Vorwärts" über Ludendorffs Reise nach Schweden, daß nämlich der Gedanke, unter falschem Namen mit einem ausländischen Paß nach Kopenhagen zu reisen, von Seiten der Regierung Ebert ausgegangen war (Deutsche Allgem. Ztg. 26.10.1921).

Die Beisetzung König Ludwigs III. in München (5. November 1921)

Erich Ludendorff nahm auch an den Beisetzungsfeierlichkeiten für das bayerische Königspaar am 5. November 1921 in München teil (1, S. 174f).

Abb. 19: Ludendorff am 5.11.1921 umringt von höheren bayerischen Offizieren 

Auch hier zeigen ihn zeitgenössische Fotografien umringt von höheren bayerischen Offizieren. Ludendorff berichtet (1, S. 174):

Die Feier gestaltete sich zu einer großen monarchischen Kundgebung. Es wurde von vielen erwartet, dass Kronprinz Rupprecht sich an diesem Tage als König von Bayern erklären würde. Ich habe diesen Schritt nicht von ihm erwartet, dazu fehlte ihm die Entschlossenheit, auch war die Lage wirklich nicht danach angetan. (...) Der endlose Trauerzug bewegte sich von der Ludwigskirche durch die Straßen Münchens nach der Frauenkirche. Ich schritt in ihm inmitten der bayerischen Generalität.

Der Augenblick, in dem der Kronprinz die Kirche verließ, sollte jener sein, in dem er sich zum König hätte ausrufen lassen. Die Fahnen senkten sich zwar vor ihm, er grüßte sie aber nur schweigend mit dem Marschallstab, so Ludendorff:

Korps Oberland hatte sich umsonst bereit gestellt, um einem etwaigen "Königsputsch" entgegenzutreten.

Abb. 20: Beisetzungsfeierlichkeiten für das bayrische Königspaar, 5. November 1921

Ludendorff schreibt weiter (1, S. 175):

Einige Tage später sprach ich dem Kronprinzen mein Beileid zum Heimgang seines Vaters aus.Er war, wie schon bei der Anfang Oktober stattgehabten Feier der Max-Josef-Ordens-Ritter entgegenkommender gegen mich als bisher. Glaubte er vielleicht, mich für seine Pläne zu gewinnen, nachdem er gehört hatte, mich welchem Jubel ich in Königsberg und Frankfurt a.d.O. begrüßt worden war?

Für den Winter 1921/22 berichtet Ludendorff über seine Forschungen (1, S. 175):

Ich forschte und forschte über unsere Vergangenheit, über die wahren Zusammenhänge unseres politischen Lebens und für die Gewinnung von Grundlagen einer wirklichen Deutschen Volksschöpfung, die allen Stürmen der Zeit Stand halten würde und sich nicht so brüchig erwies wie im Weltkriege.

In Coburg? (9. November 1921)

Abb. 21: Postkarte
(Herkunft: Ebay, z.B. Juli 2018)

Wiederholt wird auf Ebay eine Postkarte mit einer Handzeichnung der "Veste Koburg" und mit textlichen Bezügen zum Aufenthalt Martin Luthers daselbst angeboten, die Erich Ludendorff für "Herr Kandidat Hellwig" unter "9. November 1921" signierte (s. Abb.).

Weder in den Lebenserinnerungen Erich Ludendorffs, noch im Internet, noch auf Google Bücher finden sich derzeit Hinweise für einen Aufenthalt Erich Ludendorffs in Coburg am 9. November 1921.

Ausgeschlossen muß er deshalb aber noch nicht sein. In Coburg fanden am 13. November 1921 Stadtratswahlen statt, in denen die SPD einen herben Verlust hinnehmen mußte und die national-völkischen Parteien einen deutlichen Zuwachs verzeichneten (Stadtgesch. Coburg). Da könnte es natürlich sein, daß Erich Ludendorff - auch im Zusammenhang des vorhergehenden Wahlkampfes - nach Coburg eingeladen worden war.

In Coburg war in jener Zeit der Weltkriegsteilnehmer, Lehrer und völkische Aktivist Hans Dietrich (1898-1945) (Wiki) tätig. Ein Jahr später sollte er Adolf Hitler zu einem "Deutschen Tag" nach Coburg einladen (Stadtgesch. Coburg). Und nach der Reichstagswahl vom Mai 1924 sollte dieser Hans Dietrich derselben völkischen Reichstags-Fraktion angehören, die Erich Ludendorff zusammen mit Gregor Strasser und Albrecht von Graefe leitete. Somit könnten Bezüge aufgezeigt werden, in denen sich bewegend Erich Ludendorff zum 9. November 1921 nach Coburg eingeladen worden sein könnte. Aber einstweilen kann dazu nichts Sicheres gesagt werden.


Abb. 22: Postkarte
(Herkunft: Ebay, Juli 2018)

Hugo Stinnes benennt eines seiner Dampfschiffe "Ludendorff"

Im Jahr 1921 lief das Dampfschiff "Ludendorff" vom Stapel (Wiki). Es ist darüber zu erfahren (Wiki):

Die Stinnes-Reederei eröffnete ihren Ostasiendienst am 14. Oktober 1922 mit dem Frachter "Hindenburg", dem dann die "Emil Kirdorf" auf ihrer Jungfernreise folgte. Die neuen Schiffe unterhielten zusammen mit den großen, 12.000 tdw tragenden Frachtschiffen mit kleiner Passagiereinrichtung "Havenstein", "Ludendorff", "Tirpitz" und der unter Danziger Flagge laufende "Oliva" eine Linie mit monatlichen Abfahrten von Hamburg nach Ostasien.

Die Benennung der Dampfer ging auf den Hamburger Reeder Hugo Stinnes zurück, der zu jener Zeit ein großer Verehrer von Ludendorff war (10):

Hugo Stinnes (...) wurde von Demonstranten in Vegesack erwartet, als seine Schiffe "Ludendorff" und "Hindenburg" vom Stapel liefen. Vor allem die Sozialdemokraten erkannten in der Namensnennung der beiden Dampfer eine Betonung der politischen Gesinnung des Großindustriellen.

Abb 23: Dampfer Ludendorff, Postkarte

Für den Dampfer erwarb Stinnes auch ein Ludendorff-Portrait des Malers Wilhelm Petersen (9). Der Dampfer wurde - laut Wikipedia - noch im Jahr 1927 umbenannt in "Mecklenburg". Offenbar hatte sich Ludendorff auch bei Hugo Stinnes mit seinem Buch gegen die Freimaurerei "unmöglich" gemacht.

Abb. 24: Dampfer "Ludendorff" - Stapellauf 1921, umbenannt 1927

Wenn als Jahr für die Umbenennung auf Wikipedia 1927 angegeben wird, so wird dies durch einen "Heuerschein" infrage gestellt, nach dem das Schiff noch am 12. April 1928 mit dem Namen "Ludendorff" bezeichnet wurde.

Abb. 25: Heuerschein der Hamburg-Amerika-Linie
für das Schiff "Ludendorff" vom 12. April 1928 (Ebay 2016) 

Das Schiff endete 1939 durch Selbstversenkung nahe Sable Island.

/ Letzte Ergänzung: 26.8.2021 /
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  1. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1941 (12.-16. Tsd.; Erstausgabe: 1940)
  2. Ludendorff, Mathilde (Hg.): Erich Ludendorff - Sein Wesen und Schaffen. Ludendorffs Verlag, München 1938
  3. Kaiser, Alexandra: Von Helden und Opfern. Eine Geschichte des Volkstrauertags. Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2010 (GB)
  4. Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen. Mittler & Sohn, Berlin 1919
  5. Asmus, Burkhard: Republik ohne Chance? Akzeptanz und Legitimation der Weimarer Republik in der deutschen Tagespresse zwischen 1918 und 1923. Walter de Gruyter, Berlin 1994 (GB)
  6. Ludendorff, Erich: Urkunden der Obersten Heeresleitung über ihre Tätigkeit 1916-1918. Mittler & Sohn, Berlin 1920, https://archive.org/details/urkundenderobers00lude
  7. Ludendorff, Erich: Kriegführung und Politik. Mittler & Sohn, Berlin 1921, 2. durchgesehene Auflage 1922, https://archive.org/details/kriegfhrungundp00ludegoog
  8. Jenrich, Joachim: Das Fliegerdenkmal auf der Wasserkuppe. Der größte Tag der Wasserkuppe. Ein spannender Bericht. In: ders.: Die Wasserkuppe - Wissenswertes über einen interessanten Berg in der Rhön. Auf Rhoenline.de, 2004, http://www.rhoenline.de/fliegerdenkmal.html
  9. Ludendorff, Margarethe: Als ich Ludendorffs Frau war. Drei Masken Verlag, 1929, S. 20
  10. Kiesel, Wolfgang: Bremer Vulkan - Aufstieg und Fall. 200 Jahre Schiffbaugeschichte. 1997 (Google Bücher)

Freitag, 1. Januar 2016

Erich Ludendorff auf Schloß Neubeuern in Oberbayern - Ein Aufenthalt von "ungeheurer Bedeutung"

"Nach schweren Tagen fand ich hier Frieden" - Erich Ludendorff, April 1920

Vom 13. bis 17. März 1920 fand in Berlin der Kapp-Putsch statt. Erich Ludendorff war an diesem führend beteiligt gewesen. Der Putsch mißlang. In seinen Lebenserinnerungen schreibt Erich Ludendorff über die Tage danach (1, S. 123-125):

Wie ich erwartet hatte, nahm der Haß gegen mich in Berlin nach dem Mißlingen des Kapp-Unternehmens täglich zu. Ich wurde als der Verantwortliche hingestellt. Mir war in Berlin jede Betätigungsmöglichkeit irgendwelcher Art genommen. So ging ich denn Ende März nach München.

Man darf vermuten, dass er dort zunächst seine Schwester Gertrud Jahn besuchte, der er sehr nahe stand und nicht zuletzt um derentwillen er wenig später entschied, ganz nach München zu ziehen. Zunächst aber berichtet er weiter (1, S. 123-125):

(Ich) wurde dann durch Vermittlung von Forstrat Escherich auf oberbayerischen Landsitzen gastlich aufgenommen. Ich kannte Forstrat Escherich aus der Zeit, in der ich der Verwaltung des besetzten Gebietes im Bereich des Oberbefehlshabers Ost im Jahre 1915/16 vorstand. Ich hatte ihm die Verwaltung des gewaltigen, ehemalig kaiserlich-russischen Waldgebietes von Bjebowies übergeben. (...) Ich lebte sehr zurückgezogen. (...) In einem meiner Gastgeber, dem aus Hannover stammenden sächsischen Oberstleutnant v. Halkett, lernte ich einen vollendeten Edelmann kennen, der mit fanatischer Anhänglichkeit sich an sein welfisches Königshaus (...) gebunden fühlte. (...) Anfang Mai war ich wieder in Berlin. Der Aufenthalt in Bayern sollte aber für mich von ungeheurer Bedeutung sein, da mir der Gedanke kam, ich könne ja auch dauernd nach München ziehen, wo meine einzige noch lebende Schwester verheiratet war.

Von dem erwähnten Oberstleutnant von Halkett findet sich im Internet gegenwärtig nichts. Aber aus jener Zeit scheint ein undatierter Gästebucheintrag von Erich Ludendorff auf Schloß Neubeuern in Oberbayern zu stammen (2). Er lautet:

Nach schweren Tagen fand ich hier Frieden.
Das danke ich dem Schloß und seiner Herrin.
Ludendorff.
Abb. 1: Schloß Neubeuern, Oberbayern (Fotograf: Aisano, Free Art License 1.3)

Bei der von Erich Ludendorff erwähnten Herrin des Schlosses Neubeuern handelte es sich um die Baronin Julie von Degenfeld-Schonburg (1871-1942). 

Ludendorffs Gastgeberin, die Baronin Julie von Degenfeld-Schonburg

Diese war in ihrer Jugend eine Hofdame der Königin von Württemberg gewesen (3). Sie hatte 1895 den Baron Jan von Wendelstadt (-1909) geheiratet, der als guter Freund des Grafen Eulenburg höchsten Regierungskreisen in Deutschland nahe stand. Und dieser hatte das Schloß Neubeuern in Oberbayern kurz vor der Hochzeit erworben.

Abb. 2: Gästebucheintrag von Erich Ludendorff auf Schloß Neubeuern (pdf)

Das Schloß liegt 10 Kilometer südlich der Stadt Rosenheim oberhalb des Inntales und ist heute von der Autobahn A8 von München kommend Richtung Salzburg 20 Kilometer vor dem Chiemsee rechterhand zu erblicken. Zwar blieb die Ehe der Baronin Julie kinderlos, doch führte sie und ihre Schwägerin den von ihrem Ehemann und dessen Schwager begründeten Künstlerkreis auf Schloß Neubeuern nach seinem frühen Tod fort. Darüber wird berichtet (3):

Seit 1891 zählte Jan von Wendelstadt zu den ersten Kreisen des bayerischen Adels. (...) Zu seinem Freundeskreis gehörte Philipp Graf zu Eulenburg, der seit 1891 als preußischer Gesandter in München residierte. Graf Eulenburg, der über hervorragende Kontakte zur kaiserlichen Administration in Berlin verfügte, wird in diesem Sinne zusätzlich noch die Ambitionen von Jan von Wendelstadt verstärkt haben. In diesem Kreis hat Jan von Wendelstadt seine spätere Frau, Julie von Degenfeld-Schonburg, kennengelernt. (...)
Jan von Wendelstadt hatte schon seit Beginn der 1880er Jahre einen Künstlerkreis um sich versammelt, der sich in erster Linie aus Mitgliedern der Familie seiner Frau zusammensetzte. Zentrale Figur des Künstlerkreises war Eberhard von Bodenhausen-Degener (1868-1918). Der Jurist und Diplomat war seit 1895 einer der geistigen Väter der Kunstzeitschrift "Pan", die bis 1900 die künstlerischen Tendenzen der Zeit aufnahm und formulierte. Bodenhausen, der schon seit Beginn der 1890er Jahre mit Jan von Wendelstadt befreundet war, lernte bei einem Besuch auf Schloß Neubeuern seine spätere Frau Dora, die Schwester von Julie von Wendelstadt, kennen.

Wie schon erwähnt, führte die Baronin Julie nach dem Tod ihres Ehemannes im Jahr 1909 den Künstlerkreis zusammen mit ihrer Schwester fort (Wiki):

Sie bildete um sich einen Freundeskreis aus künstlerisch-schöpferischen Menschen, zu dem unter anderen Schriftsteller und Dichter wie Hugo von Hofmannsthal, Annette Kolb, Rudolf Alexander Schröder, Rudolf Borchardt, Henry van de Velde, Harry Graf Kessler, Eugen Roth, Carl Burckhardt, Henry von Heiseler, der Musiker und Komponist Max von Schillings und der Kunsthistoriker und Krupp-Direktor Eberhard von Bodenhausen gehörten. Dazu kamen bekannte süddeutsche Maler wie Carl Arnold, Bruno Paul, Leo Putz, Paul Hoecker, Arnold Böcklin, Alfred Haushofer, Franz von Lenbach, Walter Püttner, Ludwig von Hofmann, Hans Rossmann, Josef Sattler und Franz von Stuck. Ein Teil dieser Personen traf sich bis zum Ersten Weltkrieg alljährlich zu einer „Neubeurer Woche“. Danach wurde das Schloß als Lazarett genutzt.

Die  Gästebücher des Schloßes Neubeuern (GstbchNeubeuern) können dementsprechend noch heute viel kulturgeschichtliches Interesse auf sich ziehen. 1916 übrigens heiratete die verwitwete Julie von Degenfeld-Schonburg den ebenfalls verwitweten Hans-Wolfgang Herwarth von Bittenfeld (1871-1942) (Wiki). Dieser war bis 1914 deutscher Militärattaché in den USA gewesen, langjähriger Mitarbeiter des Großen Generalstabes und 1916 bis 1918 Leiter der Militärstelle des Auswärtigen Amtes. Als solcher wird er auch Erich Ludendorff recht gut bekannt gewesen sein. In dem Umstand, daß die Ehe mit Herwarth aber 1923 wieder geschieden wurde, mag es begründet liegen, daß im Gästebucheintrag von Erich Ludendorff ein Schloßherr gar nicht erwähnt ist. Dieser Herwarth übrigens bearbeitete im Auftrag von Josef Goebbels noch 1940/41 die damals als wichtig angesehene Nostradamus-Auslands-Propaganda das Auswärtigen Amtes.

Warum wurde Ludendorff nach Schloß Neubeuern empfohlen?

Zu dem oben genannten Freundeskreis der Baronin Julie zählten, wie es scheint, größtenteils Personen mit weniger ausgeprägtem politischem und wenn dann eher liberalem Hintergrund. Deshalb wäre zu fragen, wie es dazu gekommen ist, daß die Baronin Julie - wohl auf Bitten des genannten Forstrates Georg Escherich (1870-1941) (Wiki) - Erich Ludendorff bei sich aufgenommen hat. Escherich hatte nach dem Ersten Weltkrieg die Leitung des Forstamtes Isen inne, das 60 Kilometer nördlich von Schloß Neubeuern liegt. Er war im August 1919 zum Leiter der damals in Bayern gegründeten Einwohnerwehren ernannt worden (HistLexBayerns). Im März 1920 hatte er vergeblich versucht, sich in Bayern am Berliner Kapp-Putsch zu beteiligen. Deshalb versuchte der preußische Innenminister Carl Severing Anfang April 1920, seine Einwohnerwehren zu verbieten. Ebenfalls einstweilen vergeblich. Escherich hingegen versuchte, im März 1920 auf legalem Weg bayerischer Ministerpräsident zu werden. Dabei scheiterte er hinwiederum am Widerstand des späteren bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held (Wik):

Georg Escherich wurde im August von der nach Bamberg geflohenen bayerischen Regierung (Kabinett Hoffmann I) mit der Zusammenfassung bereits entstandener örtlicher Einwohnerwehren beauftragt. Für diese „Einwohnerwehr Bayern“ stellte der Landtag Geld zur Verfügung, und ab Dezember 1919 fungierte Escherich als deren Landeshauptmann. Da er die Restauration der Monarchie befürwortete, war er zudem der neu gegründeten Bayerischen Volkspartei (BVP) beigetreten. Deren rechtem Flügel gelang es im März 1920, die Koalition mit der SPD aus dem Amt zu drängen. Escherich soll dann versucht haben, selbst bayerischer Ministerpräsident zu werden, was der linke BVP-Flügel unter Führung des Regensburger Journalisten Heinrich Held allerdings verhinderte.
Sicher bezeugt ist durch einen Gästebucheintrag, daß der Forstrat Escherich ein Jahr später, am 4. und 5. Mai 1921, auf Schloß Neubeuern weilte (pdf). In jenen Jahren weilten aber auf Schloß Neubeuern auch andere führende Vertreter rechtskonservativer, bayerischer Politik. So insbesondere vom 31. Oktober bis 5. November 1919, im Dezember 1919, vom 25. Dezember 1920 bis 2. Januar 1921 der General Otto von Lossow (1868-1938) (Wiki) (pdf), der Leiter der bayerischen Teile der Reichswehr. Hat womöglich auch er - aufgrund seiner auffallend langen Aufenthalte auf Schloß Neubeuern - Einfluß genommen darauf, daß Erich Ludendorff auf Vermittlung des Forstrates Escherich auf Schloß Neubeuern untergebracht wurde? Das wird einstweilen nicht geklärt werden können. Am 5. September 1920 weilten dann aber auch Gustav von Kahr, Ritter von Epp, Ernst Pöhner und Ernst Röhm - anlässlich eines "2. Chiemgauschiessens" - auf Schloß Neubeuern (s. pdf1 und pdf2).

Erich Ludendorff jedenfalls war im April 1920 auf den Gedanken gekommen, in Bayern wohnhaft zu werden. In seinen Lebenserinnerungen schreibt er über seinen neuen Wohnsitz in München, was er sicherlich auch über das Schloß Neubeuern hätte sagen können (1, S. 134):
Am 20. August bewohnte ich nun das von mir gemietete Landhaus auf der Ludwigshöhe bei München. Die stille und schöne Villenvorstadt Prinz-Ludwigs-Höhe (...) bot Gelegenheit zu schönen und weiten, einsamen Spaziergängen, die für mich Lebensbedürfnis waren und geblieben sind. (...) Von meinem Garten hatte ich Einblick in das scharf eingeschnittene Isartal. (...) Der Blick war reizvoll.
Aber erst in der Folgezeit, so schildert er, habe er - über Oberst Bauer und Kapitän Erhard - persönliche Verbindung zu dem bayerischen Ministerpräsidenten von Kahr und dem Münchner Polizeipräsidenten Pöhner erhalten (1, S. 137). Mit dem General von Lossow scheint er sogar erst nach dem 20. Oktober 1923 das erste mal zusammen getroffen zu sein (1, S. 248).

Jedenfalls: Eine so "ungeheure Bedeutung" sah er in der Entscheidung zu diesem Umzug nach Bayern aus dem Nachhinein, weil er in Bayern nicht nur in nähere Berührung kam mit der dortigen völkischen Bewegung, was zum Hitler-Putsch vom 9. November 1923 führte, sondern ab 1923 insbesondere auch mit seiner späteren zweiten Ehefrau Mathilde Ludendorff.
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Ergänzung zur Datierung des Gästebucheintrages. Dieser Gästebucheintrag war zu dem Zeitpunkt, als dieser Blogartikel am 1.1.2016 verfasst wurde, von dem Bearbeiter (Reinhard Kaesinger) noch - und zunächst ja auch nicht ganz unplausibel - auf den 8. November 1918 datiert worden. Auf diese aber wahrscheinlich falsche Datierung von uns angeschrieben (mit den unten aufgeführten Argumenten), reagierte er gleich und schrieb am 2.1.2016 per Email über die vorherigen und nachfolgenden Einträge dieses Gästebuches:
Der letzte Eintrag ist von 2/1919, dann kommen zwei Leerseiten, eine mit dem Ludendorff-Eintrag und dann geht es mit 1940 weiter. Die Zwischenzeit ist in einem anderen Buch.
Somit spricht auch diese Abfolge der Einträge nicht für einen Ludendorff-Eintrag im November 1918. Auch der Bearbeiter hält jetzt die hier von uns genannte Datierung für wahrscheinlicher. Man hätte ja auch Ludendorffs Worte von den "schweren Tagen" auf den Ersten Weltkrieg beziehen können. Dann wäre es aber nahe liegender gewesen, wenn er von "schweren Jahren" gesprochen hätte. Somit wird es am wahrscheinlichsten sein, dass Ludendorff bei diesen Worten an die vier Tage des Kapp-Unternehmens in Berlin gedacht hat.

- - - Blicken wir zur Überprüfung dieser Datierung noch einmal kurz in die Lebenserinnerungen Erich Ludendorffs für die Zeit Ende Oktober, Anfang November 1918 (1). Am 26. Oktober 1918 war er auf Schloss Bellevue in Berlin vom Kaiser entlassen worden. Danach fuhr er von Berlin noch einmal ins Große Hauptquartier nach Spa in Belgien (1, S. 22f):
Am 27. Oktober hatte ich mich in Spa von den Kameraden des Großen Hauptquartiers verabschiedet. (...) Am 28. früh war ich bereits wieder in Berlin und nahm Wohnung in einer Pension in der Keithstraße. Eine eigene Wohnung hatte ich nicht. (...) In der ungeheuren Spannung jener Tage war es nicht ganz leicht, auf einmal nicht im Mittelpunkt aller Geschehnisse zu stehen, sondern abzuwarten, was die Heeresberichte, die Presse oder irgendein Extrablatt brachten.
Es war nahe liegend für Ludendorff, in jener spannungsreichen Zeit in Berlin zu bleiben und nicht irgendwo aufs Land nach Bayern zu gehen. Über seinen Wohnsitz in der Keithstraße ist schon ein Artikel hier auf dem Blog erschienen (4). Über die Folgezeit schreibt Ludendorff (1, S. 27):
Es ist nicht die Absicht, die traurige und ernste Geschichte der Deutschen Revolution zu schreiben. Ich will sie nur so weit mitteilen, als sie mir in der stillen Pension in der Keithstraße in Berlin entgegentrat.
Er erwähnt an keiner Stelle seiner Lebenserinnerungen, dass er in jener Zeit etwa nicht in Berlin gewesen wäre. Und er erwähnt schon gar nicht Bayern. Und bekanntlich ist er dann am 15. November zum Niederschreiben seiner Kriegserinnerungen von Berlin nach Schweden abgereist. Somit wird die bislang gegebene Datierung des Gästebucheintrages auf Schloss Neubeuern auf den 8. November 1918 falsch sein.
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  1. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen von 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1940, 1941
  2. Kaesinger, Reinhard: Gästebucheintrag von Erich Ludendorff auf Schloss Neubeuern. http://www.gaestebuecher-schloss-neubeuern.de/biografien/Ludendorff_Erich_General_Politiker.pdf [3.1.2016]
  3. Julie Freifrau von Wendelstadt geb. Gräfin Degenfeld-Schonburg, gen. Sisi. Auf: http://www.gaestebuecher-schloss-neubeuern.de/biografien/Wendelstadt_Baronin_Julie_von.pdf [3.1.2016]
  4. Bading, Ingo: Die "Kurfürstenstraße 112, Ecke Keithstraße" im Leben Erich Ludendorffs. Ein Wohnort Erich Ludendorffs in Berlin zwischen 1914 und 1918. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 7. März 2013, http://studiengruppe.blogspot.de/2013/03/die-kurfurstenstrae-112-ecke-keithstrae.html

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