"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Donnerstag, 14. August 2025

"Nieder mit Kahr, nieder mit Faulhaber!"

Die Tagebücher des Münchener Kardinals Faulhaber (1923-1939) als historische Quelle
- Wie spiegelt sich in ihnen das Wirken Erich Ludendorffs wieder? 

Die im vorigen Beitrag ausgewertete Internetseite pacelli-edition.de war zwischen 9. und 17. August 2025 nicht zugänglich. Wir hatten sie gerade erst in den ersten Augusttagen entdeckt und hatten uns in den letzten drei Blogartikeln umfangreich auf sie bezogen (der erste: Stgr2025).

Abb. 1: Die Feier der Goldenen Hochzeit des Prinzen Leopold und der Prinzessin Gisela von Bayern am 20. April 1923 zelebriert von Nuntius Pacelli - Links der Neffe des Prinzen, Kronprinz Rupprecht, rechts von Pacelli der Sohn des Prinzen Leopold, Prinz Georg von Bayern als Priester - Gemalt von Hermann Eißfeldt 1923 (Stammtafel: hdbg)

An ihrer Herausgabe wird seit 2010 gearbeitet (Münster2010). Was in dem genannten Zeitrum (noch) öffentlich zugänglich war und ist, sind die Tagebücher des Münchener Kardinals Faulhaber (1869-1952) (Wiki). Auch sie sind herausgegeben worden - wie die Nuntiaturberichte des Nuntius Pacelli - von dem Kirchenhistoriker an der Universität Münster Professor Hubert Wolf (UniMünster). Professor Wolf gehört zu jenen Katholiken in Deutschland, die dem Papst in Rom so allerhand Schwierigkeiten bereiten und zum Beispiel die Aufhebung des Zölibats für katholische Priester fordern. Er wird deshalb dafür kritisiert, daß er "Protestantismus" in die katholische Kirche hinein tragen würde. Wie kann er nur! Er muß ein sehr schlechter Mensch sein. An der Herausgabe der Tagebücher des Kardinals Faulhaber arbeitet er mit seinen Mitarbeitern seit 2014 (Münster2014).*) Ein Überblick über die neuen Erkenntnisse aus den Tagebüchern von Seiten der Herausgeber findet sich auch (ProjektFaulhaber).

Das Ehepaar Ludendorff und der Kardinal Faulhaber haben sich immer einmal wieder aufeinander bezogen. Somit dürften sich die Lebenserinnerungen der Ludendorffs wie ein Spiegelbild zu den Tagebücher des Kardinals Faulhaber lesen. Die wesentlichsten Inhalte sollen im folgenden einander gegenüber gestellt werden, wobei allerdings wichtige Auszüge aus den Erinnerungen der Ludendorffs erst später ergänzt werden sollen. In den Dokumenten spiegelt sich ein ständiges Ringen zwischen den klerikalen Kräften in Bayern und Deutschland mit den antiklerikalen Kräften, deren Hauptvertreter zwischen 1923 und 1937 Erich Ludendorff war. Ab 1933 wurden auch andere antiklerikale Kräfte wichtig wie Alfred Rosenberg oder die Deutsche Glaubensbewegung unter Jakob Wilhelm Hauer.

Überblick: 1923 betreiben die klerikalen Kräfte in Bayern Wittelsbacher Separatismus, lassen dann aber den Hitler-Putsch scheitern, weil die völkischen Kräfte ihnen nicht klerikal genug sind, sondern sogar in zu großen Teilen dezidiert antiklerikal. Dadurch ziehen die bayerischen klerikalen Kräfte für ein Jahr lang den stärksten Haß vieler Volksteile innerhalb von München und Bayern auf sich. Da Hitler sich aber offenbar schon vor dem Putsch und verstärkt danach sehr versöhnlich gegenüber den klerikalen Kräften zeigt, kommt es im Jahr 1924 zur Spaltung der völkischen Kräfte. Ludendorff ist in ihnen zunehmend isoliert. Er wendet sich auch ab 1926 ganz vom Christentum ab, womit er sich für die nächsten Jahren noch weiter isoliert. Mit dem Beginn der Präsidialdiktatur ab 1930 und mit dem aus dem Ausland finanzierten Aufstieg Hitlers bekommen die klerikalen Kräfte dann endlich wieder jenes Oberwasser, auf das sie schon 1923 hingearbeitet hatten. Faulhaber gibt 1932 1000 Mark in die schwarze Kasse der Münchener Polizei, da sie so umfangreich antiklerikale Bücher und Schriften beschlagnahmt, insbesondere aus dem Haus Ludendorff. "Schmiergeld" vom aller Feinsten. Aber gegen die antiklerikalen Kräfte war offenbar jedes Mittel recht. Ab 1935 wendet sich erneut das Blatt, das "Neuheidentum", deren prominenteste Vertreter nun Alfred Rosenberg und Ludendorff sind, bekommt in Deutschland immer mehr Zulauf. Aber der Nuntius Pacelli hat längst durch Reisen nach Frankreich und die USA die Grundlagen gelegt dafür, daß Kardinal Spellman in den USA während des Zweiten Weltkrieges grünes Licht geben kann für die Zerschlagung des protestantischen Preußen durch die Sowjetunion und für seine Katholisierung durch die Westverschiebung Polens. Damit trat endlich jene Zerschlagung und Bolschewisierung Preußens ein, die die klerikalen Kräfte schon 1923 erwartet, wenn nicht erhofft hatten.

Im 20. Jahrhundert vollzog sich ein furchtbares Geschehen.

Soweit zur Einleitung, als Überblick und als Zusammenfassung.

***

Erich Ludendorff schreibt über die erste Zeit seines Lebens in Bayern ab dem Sommer 1920 (6, S. 136f):

Rom schob immer mehr das Haus Wittelsbach in den Vordergrund, um die Stärke des monarchischen Gedankens in Deutschland zu prüfen, unter Umständen einem monarchischen Deutschland ein römischgläubiges Fürstenhaus zu geben, falls andere Pläne nicht glückten (...) wie die Gründung einer Donau-Monarchie aus Süddeutschland, der Tschechoslowakei und Österreich oder eine andere Gestaltung Deutschlands durch völlige Zerschlagung Preußens unter Verstärkung Bayerns auf zu großen Widerstand stoßen sollte. Rom hatte viele Karten in der Hand, um sich Deutschland in die Hand zu spielen und den Protestantismus endgültig zu vernichten, dem ich damals angehörte. Es war klar, daß ich in dieses Wirrwarr politischer Bestrebungen nur erst allmählich und auch unvollständig Einblick gewinnen konnte. (...) Die leitenden römischen Priester in Bayern, Nuntius Pacelli und Kardinal Faulhaber waren bei solchen Bestrebungen die treibenden Kräfte. Ersterer glatt und elegant - ein verschlagener Italiener, letzterer mehr bäuerlich, aber mit der vollendeten Dressur des römischen Priesters, standen sie beide auf der Höhe ihrer Aufgabe. Von August 1920 an trat ich in dieses Intrigenspiel unerhörtester Art ein.

Im Juli 1922 fand der Hochverratsprozeß gegen Hubert Freiherr von Leoprechting (1897-1940) (Wiki) statt. Erich Ludendorff berichtet, daß er über die in diesem Prozeß aufgedeckten Zusammenhänge und die Schlußfolgerungen, die sie noch weiterhin erlaubten, zutiefst erschüttert war. Leoprechting hatte im Auftrag des französischen Gesandten Dard umfangreich an der Zerschlagung des Deutschen Reiches gearbeitet und dabei mit vielen führenden deutschen Politikern, Beamten  und Presseleuten in Berlin und München in Verbindung gestanden, bzw. zusammen gearbeitet (6, S. 211):

Der Einblick erschütterte mich auf das Tiefste. So hatte ich mir die Umtriebe doch nicht vorgestellt. Noch mehr erschütterte es mich aber, daß selbst Deutschnationale und völkische Kreise ein Zerschlagen des Reiches für unabweisbar ansahen. (...) Es war für mich eine Genugtuung, daß die völkischen politischen Richtungen und die Kampfverbände, mit denen ich in Verbindung stand, den Gedanken der Einheit des Reiches durchaus hochhielten und allmählich an die Stelle der von Paris und Rom ausgehenden Parole "Los von Berlin" klar und deutlich die Parole "Auf nach Berlin" gaben, die von mir recht scharf betont war.

Vom 27. bis 30. August 1922 fand der Deutsche Katholikentag in München statt. Erich Ludendorff schreibt darüber in seinen Lebenserinnerungen (6, S. 213f):

In München fand der für 1922 vorgesehene Katholikentag unter außerordentlicher Beteiligung vieler Katholiken Norddeutschlands Ende August statt.

Er berichtet, er selbst sei von westfälischen Katholiken zu einer Veranstaltung im Löwenbräukeller eingeladen gewesen. Eine Bemerkung, die er dort zu einem protestantischen Sitznachbarn "über irgendein Wort des Kardinals Faulhaber gemacht" hatte, sei weiter verbreitet worden und habe "den Unwillen des Kardinals erregt". Faulhaber sei ein "hoher Grad persönlicher Eitelkeit" eigen gewesen. Ludendorff berichtet weiter (6, S. 214):

Bei diesem Katholikentag hatte nun Kardinal Faulhaber das auf alle Nationalen so gut berechnete Wort gesprochen "Die Revolution war Meineid und Hochverrat." Er konnte sich das leisten. Das Republikschutzgesetz galt für ihn nicht. Immerhin hatte er durch dieses Wort wieder die Erwartung geweckt, daß die bayerische Regierung doch schließlich gegen die Reichsregierung in Berlin stark handeln würde. Doch das erfüllte sich nicht. 

Faulhaber selbst lehnte auch von vornherein jede Verantwortung ab für einen Rechtsputsch, falls ein solcher mit dem Katholikentag zeitlich zusammen fallen sollte.  

1922 - Faulhaber zündelt mit Rechtsputsch - und fürchtet ihn

Schon zu dieser Zeit rechneten viele - auch Faulhaber - mit einem "Rechtsputsch" in München. Faulhaber schreibt darüber in seinem Tagebuch unter anderem:

Fürst Löwenstein (...). Die monarchistische Taste dürfte gar nicht angeschlagen werden: Als Lerchenfeld vom angestammten Königshaus sprach, ging ein Sturm durch die Halle - der Kronprinz blieb von den Studentenkommersen weg, obwohl er vorher zugesagt hatte, um keine Ovation hervorzurufen. Mit meinem Satz „Gottesrecht bricht Staatsrecht“ redete man auf katholische Offiziere ein, denn in jenen Tagen kriselte es sehr bedenklich für einen Rechtsputsch und ich dankte Gott als der Katholikentag vorüber war, ohne daß eine Explosion gekommen war. In meiner letzten Rede mußte ich deshalb die Verantwortung ablehnen, wenn ein Putsch zeitlich mit dem Katholikentag zusammenfallen sollte.

Genau diese "monarchistische Taste" hatte Faulhaber jedoch selbst schon in seiner Eröffnungsansprache angeschlagen, um dann aber diesbezüglich in seiner Abschlußrede für einen Rechtsputsch jede Verantwortung abzulehnen. Eine sehr widersprüchliche Haltung, die sich die Wege nach jeder Richtung hin offen ließ. Von Seiten der Herausgeber der Faulhaber-Tagebücher wird darüber geschrieben (ProjektFaulhaber):

Mit seiner in Teilen hochpolitischen Eröffnungsansprache, in der er die Revolution vom November 1918, die auf dem Weg zur Republik von Weimar nicht hinweggedacht werden konnte, als „Meineid und Hochverrat“ bezeichnete, provozierte der Erzbischof den Eklat, den er wenig später beklagte.

Faulhaber zündelt also einerseits mit dem Rechtsputsch, fürchtet sich aber zugleich vor ihm, will zumindest nicht für ihn verantwortlich gemacht werden. Leise, leise also heißt das Motto. Wenn es zum Rechtsputsch kommt, will die katholische Kirche nicht diejenige sein, die dafür verantwortlich gemacht wird. Zumal Faulhaber auch in Gegensatz geriet zu Adenauer, der die Weimarer Demokratie in Schutz nahm, und der den Vorsitz auf dem Kirchentag innehatte. Mit der Ausrufung der Monarchie hatten in Bayern im übrigen schon viele Kreise am 5. November 1921 anläßlich der Totenfeier für König Ludwig III. von Bayern gerechnet (Stgr2012). 

1923 - Februar - Steht Kronprinz Rupprecht unter jesuitischem Einfluß? 

Zwischen 1923 und 1929 ist der Graf Soden (Josef Graf von Soden-Fraunhofen) (1883-1972) (Wiki) Kabinettschef des Kronprinzen Rupprecht von Bayern. Am 18. Februar 1923 überbringt er dem Kardinal Faulhaber zwei Briefe, die der Kronprinz Rupprecht von katholischen Priestern erhalten hat (1):

Graf Soden: Bringt Grüße vom Kronprinzen und zwei Briefe von Geistlichen: Der eine will gerne Güter bewirtschaften mit Schwestern und davon den Arbeitern abgeben an Lebensmitteln - ohne Antwort; ...

... die Anfrage, den Münchener Arbeitern und ihrer Ernährungslage zu helfen, bleibt also offenbar "ohne Antwort". Sie stand nicht im Vordergrund der Anliegen des Kardinals Faulhaber. Und weiter (1):  

... der andere, Franz Xaver Fuchs aus Bubach, Diözese Regensburg, fragt ihn ...

- also den Kronprinzen Rupprecht -

... aus, ob es wahr sei: „Mir wurden die Religionen eingebläut, darum habe ich keine“ - so habe ihm ein Kapuzinerpater gesagt, das könne nur Pater Coelestin gewesen sein, zu dem allein der Kronprinz sich einmal so geäußert hätte - „mit Unrecht Schwaighofer“.

Hier ist angesprochen der Pater Coelestin Schwaighofer (1863-1934) (2). Er war der Beichtvater von König Ludwig des III. von Bayern (1845-1921), des Kaisers Karl I. von Österreich (1887-1922), sowie seiner Ehefrau Kaiserin Zita von Österreich-Ungarn (1892-1989) (Wiki). Die Kaiserin Zita stammte aus Italien. Sie hat 1917 Separatsfriedensverhandlungen mit Frankreich begonnen, und zwar über ihre beiden Brüder, die belgische Offiziere waren. Es war das ohne Wissen des Deutschen Reiches geschehen. Als Clemenceau diese im Frühjahr 1918 bekannt gemacht hat, ist sie in Österreich im Frühjahr 1918 in stärksten Mißkredit geraten (Stichwort "Sixtus-Affäre"). Wir lesen (Wiki):

Die deutschnationale Mundpropaganda in Österreich bezeichnete Zita nun als „italienische Verräterin“ und Karl als einen „den hohen Frauen welscher Abkunft ausgelieferten Pantoffelhelden“. Der vom Kaiser 1917 enthobene Generalstabschef Conrad kritisierte später in seinen Memoiren den in Österreich-Ungarn eingerissenen „Defätismus“ und schrieb:
„Besonders gefährlich aber waren diesbezüglich die Machenschaften, die Kaiserin Zita Hand in Hand mit ihrem Bruder Sixtus betrieb und in die sich der schwache Kaiser hineinreißen ließ, wobei es ihm nicht erspart blieb, in eine schiefe Stellung zu Deutschland zu geraten. Ein Schulbeispiel, wohin es führt wenn Frauenhände, wenn auch von den besten Absichten geleitet, sich in ernste politische oder militärische Angelegenheiten mengen.“

Welche Rolle hier der Beichtvater gespielt hat, ist vermutlich nie bekannt geworden. Sagen wir so: Die Kaiserin hätte auf ihr Handeln sicherlich verzichtet, wenn er ihr abgeraten hätte. Wir lesen weiterhin (Wiki):

2009 initiierte der Bischof von Le Mans, Yves Le Saux, das Seligsprechungsverfahren für Zita. Die katholische Kirche verehrt sie als Ehrwürdige Dienerin Gottes.

Das kann eigentlich nur heißen, daß sie im Einklang mit ihrem Beichtvater gehandelt hat. Was in dem Faulhaber-Tagebuch die Worte "mit Unrecht Schwaighofer" heißen, wird nicht ganz klar. Vielleicht gibt Faulhaber damit seine Meinung kund, daß ein Beichtvater solche Dinge nicht weiter erzählt haben könne, Schwaighofer würde hier also zu Unrecht verdächtigt. Weiter wird der Inhalt des Briefes des Franz Xaver Fuchs an den Kronprinzen Rupprecht folgendermaßen wieder gegeben (1):

2) Ob es wahr sei, daß er ... 

- also wiederum der Kronprinz Rupprecht -

... an einer Tafel geäußert: „Jetzt kommen die Juden und Pfaffen dran.“ 3) Außer anderen Dingen „auf sinnlichem Gebiet“ (Unsichere Lesart. Weitere Lesart: „seinen Gebieten“), ob der Erbprinz in Ettal die Sterbesakramente aus Unglauben verweigert habe - jetzt schrieb er „ergebenst“, später wieder „alleruntertänigst“ - ich schicke Auszug an den Bischof von Regensburg.

Als Erbprinz wird hier von Seiten der Herausgeber allzu vorschnell der zweite Sohn des Kronprinzen Rupprecht identifiziert. Es war dies Albrecht von Bayern (1905-1996) (Wiki). Aber warum sollte dieser bis zum Jahr 1923 irgendwann einmal Sterbesakramente verweigert haben? Lag er irgendwann einmal "im Sterben" in jenen Jahren? Das finden wir nirgendwo erwähnt. Könnte es sich nicht eher um den Erstgeborenen Luitpold von Bayern (1901-27. August 1914) handeln, der 1914 mit 13 Jahren an Polio gestorben ist (Wiki)? Mit 13 Jahren könnte man schon einmal die Sterbesakramente verweigern, zum Beispiel wenn man bis dahin schlechte Erfahrungen mit Priestern gesammelt hat. Oder wenn sich der eigene Vater kritisch gegenüber der Religion geäußert haben sollte. Zwar ist Luitpold offenbar nicht in Ettal bei Garmisch-Partenkirchen, sondern in Berchtesgaden gestorben (Geni). Aber bei Gerüchten wie diesen kann so etwas ja leicht verwechselt werden.

Ein ziemlich aufmüpfiger, verwegener Geistlicher also, dieser Franz Xaver Fuchs aus Bubach. Er stellt dem künftigen König von Bayern doch allerhand inquisitorische Fragen. Als Geistlicher glaubt man womöglich gerne einmal, ein Recht auf so etwas zu haben. Andererseits könnte ein solcher Brief durchaus auch dazu gedient haben, ein etwaiges noch vorhandenes oder künftiges Schwanken in der katholischen Linientreue des Kronprinzen Rupprecht vorsorglich auszuschließen. Der Brief macht auch deutlich, daß Kronprinz Rupprecht manchen Anlaß gehabt haben könnte, womöglich noch bestehende Zweifel an seiner katholischen Linientreue tunlichst künftig auszuschließen und sich weiter um Vertrauen zwischen sich und der Kirche zu bemühen - zum Beispiel um deren politische Unterstützung nicht zu verlieren. Die Weiterleitung dieses Briefes an den Bischof von Regensburg sollte wohl dazu dienen, daß es nicht zu weiteren, solchen "zweifelnden" Briefen käme. Faulhaber äußert in keiner Weise, daß er diesen Bedenken des Geistlichen irgendeine reale Bedeutung zuschreibt. Faulhaber scheint sich der Linientreue des Kronprinzen längst völlig sicher zu sein. Er schreibt weiter:  

Graf Soden beklagt sich, daß er persönlich verdächtigt würde, „der Kronprinz stehe unter jesuitischem Einfluß“, Ludendorff sei die Quelle - leider sei der Rektor Pfeilschifter ein Anhänger von Ludendorff

Der jesuitische Einfluß auf den Kronprinzen Rupprecht, so lautet also der Verdacht, ginge über den Grafen Soden. Worauf sich dieser Verdacht gründet, ist vorderhand nicht gleich erkennbar. Vielleicht unter anderem auf dem Umstand, daß der Graf Soden das Wilhelmsgymnasium in München besucht hat, das - von Jesuiten gegründet - bis heute "von der tiefen Religiosität der Jesuiten geprägt" ist (Wilhelmgymn)**).

Hier geht es also um Zweifel innerhalb der katholischen Kirche aus ganz anderer Richtung dahingehend, ob der Kronprinz Rupprecht der geeignete Mann sei, um die Monarchie in Bayern wieder aufzurichten. Sogar Katholiken wie der hier erwähnte katholische Theologe, Kirchenhistoriker und Rektor der Universität München Professor Georg Pfeilschifter (1870-1936) (Wiki), unterstellen, daß dieser jesuitische Einfluß über den Grafen Soden ausgeübt wird und sehen diesen Umstand kritisch.***) Man beachte, daß dieser Verdacht nach diesem Tagebucheintrag mit keinem Wort zurück gewiesen wird oder als lächerlich hingestellt wird. Es gibt in jedem Fall ein "Murren" innerhalb der katholischen Kirche selbst, auf das Kronprinz Rupprecht den Kardinal Faulhaber aufmerksam macht - womöglich damit dieser dann nicht allzu überrascht ist, wenn er von diesem Murren von anderer Seite aus erfährt. Und womöglich, um gegen dieses Murren innerhalb der Kirche ihm gegenüber vorzugehen. Der hier erwähnte Pfeilschifter übrigens (Wiki) ...

... gab 1918 eine dreibändige Sammlung der Feldpostbriefe katholischer Soldaten heraus. Eine Zusammenfassung erschien sogar in französischer Sprache.

Er hat dann 1925 die Vorläufer-Organisation der heutigen Goethe-Institute mitgegründet, nämlich die "Deutsche Akademie". Sie sollte (Wiki) ...

... "durch die Nation und mit der Nation (...) einem freien deutschen Volkstum helfen, in zäher und zielbewußter Arbeit seinen Platz an der Sonne wieder zu erringen."

Einer von vielen Katholiken in Bayern also, die vom völkischen Geist der Zeit "angefressen" waren, und deshalb jesuitischen und ultramontanen Bestrebungen innerhalb der katholischen Kirche äußerst kritisch gegenüber standen. 

Abb. 2: "Ludendorff hat alles auf sich bezogen" - Deutscher Tag in Nürnberg (Wiki), 2. September 1923 - "General Ludendorff schreitet die Front der Hakenkreuzler ab." (Fotograf: Georg Pahl)

Es ging also in der Übergabe dieser Briefe darum, die "eigenen Reihen" unter den Katholiken zu schließen und sie auf einheitliche Linie zu bringen. Kronprinz Rupprecht möchte das Vertrauen vergrößern, daß zwischen ihm und der katholischen Kirche besteht, indem er diese Briefe weiter leitet. Dieses Vertrauen ist ihm wichtig. Er steht ihm nicht gleichgültig gegenüber. Es war das ja auch zu jener Zeit, in der die Feier der Goldenen Hochzeit seines Onkels, des Prinzen Leopold von Bayern, zusammen mit dem Nuntius Pacelli vorbereitet worden ist. Pacelli war dem Kronprinzen schon zu diesem Zeitpunkt wichtiger als der Kardinal Faulhaber, denn Pacelli wurde gefragt, die Feier zu zelebrieren, nicht Faulhaber (s. Abb. 1). Das Bündnis mit der Kirche dürfte dem Kronprinzen auch deshalb so wichtig sein, weil er in Bayern starke Gegner seiner Pläne hat. Dies ist vor allem der General Ludendorff.

1923 - September - Pacelli - "Bayern wird sich vom Deutschen Reich trennen"

Am 10. September 1923 hat Faulhaber ein Gespräch mit dem Nunitus Pacelli. Er schreibt danach in sein Tagebuch:

Nuntius: (...) Konkordat (...). Kahr war bei ihm und sprach nur vom König, und es sei allgemein bekannt, wenn Stresemann abgewirtschaftet hat und eine linke Regierung kommt, dann wird Bayern sich trennen. Rupprecht habe gegen Ludendorff ohne Namen zu nennen Stellung genommen: Es gebe Leute, die eine führende Rolle spielen wollen. Soll auch später nach Adelholzen kommen.

Faulhaber zog sich Zeit seines Lebens gerne in das Schwesternheim (Wiki) der "Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von Paul" nach Bad Adelholzen bei Traunstein bei den Adelholzener Alpenquellen (Wiki) zurück. Einem ehelosen Priester werden ja "Barmherzige Schwestern" mitunter ganz gut tun. Für Adelholzen war also offenbar auch der Kronprinz Rupprecht angekündigt (oder von Kahr?).

Hier werden also klar die klerikal-Wittelsbacher Zielsetzungen in diesem Herbst 1923 benannt: Bayern wird sich von Berlin "trennen", sobald es zu einem Linksruck in der Berliner Regierung kommt. Dann wird es zusammen mit Österreich eine "Donaumonarchie" begründen. So sollte es später immer wieder empört auf den Straßen Münchens benannt werden (siehe unten).

1923 - September - "Ludendorff hat alles auf sich bezogen"

Am 22. September 1923 hat Faulhaber ein erneutes Gespräch mit dem Grafen Soden, dem Kabinettschef des Kronprinzen Rupprecht. Dieser berichtet über die Rede des Kronprinzen Rupprecht von Bayern vor dem Offiziersverein in München (hier genannt Tuefo):

Tuefo, 22.9.23. Im Auftrag seines Herrn Gruß. Die Rede hat geistigen Eindruck gemacht und wurde verstanden. Der Anlaß: Der Tag in Nürnberg gut gelaufen, wieder einmal weiß-blau und schwarz-weiß-rot - aber Ludendorff hat alles auf sich bezogen.

Es ist vom "Deutschen Tag" in Nürnberg die Rede. Ludendorff hat den "Weiß-Blauen" zu sehr im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gestanden. Drei Jahre später sollte Ludendorff über den für das Jahr 1926 geplanten "Deutschen Tag" in Nürnberg - diesmal unter der Schirmherrschaft des Kronprinzen Rupprecht - schreiben (in "Deutsche Wochenschau" vom 1. August 1926) (zit. n. Stgr2015):

Es gab einmal einen "Deutschen Tag" in Nürnberg, der war am 2. September 1923. (...) Kronprinz Rupprecht war nicht erschienen, der Tag war ihm zu völkisch. General Ludendorff und Hitler standen im Mittelpunkt der Feier; vor allem wurde Ludendorff stürmisch begrüßt und gefeiert. Das war zugleich das Signal für Rupprecht, gegen ihn Stellung zu nehmen, wie das wenige Tage darauf im N. D. O. in München erfolgte.

N. D. O. steht für Nationalverband Deutscher Offiziere. Auch Ludendorff empfand es also so, daß er auf dem "Deutschen Tag" in Nürnberg sehr stark im Mittelpunkt stand (s. Stgr2015). Der Graf Soden äußerte weiterhin über Ludendorff laut des Tagebuches von Faulhaber: 

Eine Äußerung von ihm

- also Ludendorff: 

Wir marschieren nach Berlin und machen linksum gegen Frankreich. Die drei Kampfverbände: Nationalsozialisten (aber mit Hitler nichts anzufangen), Reichsflagge (ihr geistiger Führer Heiß, Nürnberg, werde sich auch dem König gegenüber unterwerfen, glaubt man), Oberland ist bereits freiwillig dagewesen. Gedacht ist nach Artikel 48 der Verfassung ein /Unsichere Lesart. Weitere Lesart: an Staatskommissar, also legaler Anfang. Held war beim König und sagte: Es ist noch nicht die Stunde, aber wir müssen alles vorbereiten und Sie müssen hinter den Kulissen mitarbeiten. Seitdem tut das der König mehr wie früher. Das große Hindernis die Personenfrage, die Eifersucht: Ob Kahr oder Knilling. - Zwischen diesen beiden heute mittag eine Aussprache vor dem König. Eine andere wichtige Aussprache: Ludendorff.
Hat sich beim König ungerufen melden lassen und wird heute erscheinen, und der König wird ihm ein klares Wort sagen. Respondeo (Lateinisch „Ich antworte“): Wenn Bayern wieder wie nach dem Dreißigjährigen Krieg Deutschland rette, dann muß es unter Führung von Bayern sein!

Rupprecht wird also durch den Vorsitzenden der Bayerischen Volkspartei Heinrich Held (1868-1938) (Wiki), der von 1924 bis 1933 als bayerischer Ministerpräsident amtieren sollte, zu mehr Mitarbeit aufgefordert "hinter den Kulissen". Und Rupprecht geht auf diese Aufforderung ein. Es wird hier deutlich, daß dieser Held geradezu mehr zu sagen gehabt haben könnte als Rupprecht selbst. Es wird deutlich, daß Rupprecht eher der "Geschobene" ist und weniger der "Schiebende". An anderer Stelle erscheint es eher umgekehrt, so daß die eigentlich Schiebenden noch andere gewesen sein werden. Faulhaber übernimmt in diesem Tagebuch-Eintrag auch seinerseits die Bezeichnung "König" für Rupprecht.

Abb. 3:"Ludendorff hat alles auf sich bezogen" - "Deutscher Tag, 2. Sept. 1923" - Erich Ludendorff neben dem Prinzen Ludwig von Bayern (Herkunft: Ebay, 4/2016)

Und Faulhaber äußert sich im letzten zitierten Satz mehr als eindeutig. Er gibt in diesem nicht mehr nur die Meinungen und Berichte anderer wieder, sondern sehr klar seine eigene Meinung. Und das ist ein ziemlich krasser Satz, daß Deutschland im Dreißigjährigen Krieg von Bayern "gerettet" worden sei. Katholischer kann man sich gar nicht äußern als es hier zum Ausdruck kommt. Soll wohl der Massenmord von Magdeburg im Dreißigjährigen Krieg eine "Rettung Deutschlands" gewesen sein? Wovon? Doch nur vor dem Protestantismus. Aber welcher deutsche Protestant hätte jemals vom Protestantismus gerettet werden wollen? Was für ein krasser Satz also.

1923 - September - Will der Kronprinz Rupprecht in Frankreich "Eindruck machen"?

Nach dem Tagebuch Faulhabers berichtet ihm der bayerische Diplomat Alfred Graf Oberndorf am 23. September 1923 über die Stimmung in Frankreich:

Er hat eine Nummer in Temps mit boshaften Bemerkungen über die Rede des Kronprinzen - also nicht einmal das Abschütteln des Ludendorff hat dort Eindruck gemacht. Stresemann hat die Rede des Kronprinzen zweimal zitiert, offenbar um ihn zu ehren.

Hier hört man mehr oder weniger deutlich die Hoffnung auf Frankreich durch. Man will "Eindruck" gegenüber Frankreich machen, indem man sich Ludendorffs entledigt. Solche Worte, öffentlich bekannt geworden, hätten womöglich die Empörung im November 1923 über Faulhaber und die ihm unterstellte separatistische, klerikale Politik mit Hilfe der Wittelsbacher wohl noch leicht steigern können. 

Erich Ludendorff schildert in seinen Mitte der 1930er Jahre niedergeschriebenen Lebenserinnerungen die unklare politische Lage Anfang November 1923, in der wiederum die bayerischen, monarchischen Kräfte mit dem Staatsstreich gegen die Berliner Regierung "zündelten", ohne diesen nun wirklich umzusetzen. Und er schreibt (6, S. 255):

In dieser Lage trat nun das scharfe Drängen zur Tat von völkischen Unterführern in Erscheinung; ob sie das aus sich heraus taten oder Suggestionen zufolge, die eine Auslösung des Staatsstreiches von völkischer Seite wünschten, um die völkische Bewegung zu zerschlagen, muß ich dahin gestellt sein lassen

Er sieht also aus dem Nachhinein sehr wohl, daß diese Möglichkeit bestanden haben könnte. Er beschreibt überhaupt diese ganze Zeit zwischen 1919 und 1926/27 als einen persönlichen, politischen und weltanschaulichen "Lernprozeß". Aus dem Nachhinein beurteilt er dementsprechend Dinge oft anders als aus der jeweiligen Situation selbst heraus.

1923 - November - "Nieder mit Kahr, nieder mit Faulhaber!"

Umgekehrt gibt es dann längere Aufzeichnungen auch von Kardinal Faulhaber zu den Tagen rund um den 9. November 1923. Von der gleichen Stimmung wie diese Aufzeichnungen sind dann auch noch viele Tagebuch-Einträge des Jahres 1924 geprägt. Sie machen dem Nachlebenden - womöglich erstmals - mehr als deutlich, mit welcher kraß antiklerikalen Stimmung Faulhaber - zusammen mit Pacelli, dem Kronprinz Rupprecht, von Kahr und so weiter - während der Novembertage 1923 in München konfrontiert war. Kardinal Faulhaber und sein Umfeld hatten in dieser Zeit mehrfach große Sorge um das Leben des Kardinals. Er zog sich allerdings persönlich nicht aus München zurück wie dies der Vorsitzende der Bayerischen Volkspartei Heinrich Held tat und wie dieser dies auch Faulhaber anriet.

Abb. 3: Kronprinz Rupprecht und Kardinal Faulhaber 1921 (ProjFaulhaber)

Es kam schließlich so weit, daß selbst das Milchmädchen keine Milch mehr an Faulhaber liefern wollte, so sehr fürchtete es die Anti-Faulhaber-Stimmung ihrer Mitmenschen in München (2):

Persönliches zum Hitlerputsch, 9. November 1923.
8. November, abends 20.00 Uhr war eine Vertrauenskundgebung für Kahr im Bürgerbräukeller. Ich war bei den ausgewiesenen Pfälzern im Hotel Wagner, wo gegen 21.30 Uhr Expräsident Nortz mir mitteilte, Kahr sei von der Hitlergarde gefangen, Regierung gestürzt. Auf dem Heimweg war es noch ziemlich ruhig auf den Straßen.
9. November. 1.00 Uhr kommt Stadtrat Rauch zu mir und teilte mit: Kahr Ministerpräsident (Was, Kahr? Gegen den richtet sich ja das Ganze, - Ja. Er habe zu Regierungsrat Sommer geäußert: Ich konnte nicht anders, ich bin gezwungen worden), Ludendorff Führer der Nationalarmee, Hitler Reichskanzler .... Er meint, ob man nicht Rupprecht morgen Früh vor die Truppe stellen soll - das scheint mir unmöglich. Er will aber zu Soden gehen, der inzwischen selber verhaftet wurde. Knilling sei bei der Verhaftung zusammengebrochen.
7.30 Uhr (?) Dr. Brem - die Lage hat sich gedreht. 23.30 sei ein Funkspruch ergangen: Kahr, Lossow, Seisser hätten sich von Hitler losgesagt und rufen Reichswehr und Landespolizei auf, gegen ihn und für ihre rechtmäßige Regierung. Jetzt wäre wohl der Augenblick für Rupprecht einzutreten, wenn sie Herren der Lage bleiben. Er ersucht mich, wegzugehen.
8.00 Uhr Dr. Ludwig Müller: Er habe Telefonat bekommen, die bürgerlichen Zeitungen dürften nicht erscheinen bei Todesstrafe. Er kam die Nacht natürlich nicht aus den Kleidern. Dringend bittet er mich, wegzugehen, es seien zum Teil die gleichen Elemente wie 1918. Das Stadtbild vormittags noch ziemlich ruhig, aber Nachmittag großes Gedränge auf den Straßen.
Circa 10.00 Uhr Abgeordneter Mattes von Amberg - kommt wohl im Auftrag der Bayerischen Volkspartei, wenigstens sagt er: Wir waren heute Nacht im Frauenbund, Held ist nach Regensburg „verkrümmt“, - beschwört mich, fortzugehen, die kommenden Ereignisse seien unberechenbar. Auch wegen seiner zwei Schwestern in Indien im Kloster, von der französischen Oberin sehr mißhandelt - soll an den Bischof schreiben (ich würde seine Person bestätigen).
Ammann junior. Bringt einen Brief von seiner Mutter: „Da beim Endkampf zwischen Kahr, Lossow, Knilling einerseits und Hitler, Ludendorff andererseits Überraschungen nicht ausgeschlossen sind,“ die Bitte, ich möge mich zurückziehen. Giehrl schreibt darunter, daß er ganz dieser Meinung sei und am liebsten persönlich gekommen wäre. Der junge Ammann fügt dazu, „auch uns, der Jugend, müssen sie sich erhalten“.
Generalvikar Buchberger - war im Auto von Au zurückgekommen, unterwegs gar keine Controlle, auch nicht auf der Isarbrücke, wo sich die beiden Heere gegenüberstehen. Auch er bittet dringlich, nicht im Hause zu bleiben.
Nachmittags 15.00 Uhr Baron Stengel (unbekannt - ich glaubte bei der Anfrage, er komme im Auftrag des Kronprinzen): Ob ich nicht vermitteln könne zwischen den beiden, die alle das Gleiche wollten - respondeo: Die wollen nicht das Gleiche, Kahr ist die rechtmäßige Regierung, die anderen sind Revolutionäre, er meint, es müßten eben alle von ihrer Stelle zurücktreten, was nicht einzusehen ist. Außerdem: Er hätte einen Handelsvertrag mit Amerika über die Schweiz und will mir lange und breit auseinandersetzen - er meint offenbar, ich gebe Geld dazu - „Also dann können Sie nichts tun“.
Abends 18.30 Uhr zu Fuß ins Mutterhaus. Unterwegs bei den Anschlägen von Kahr stehen geblieben. Da fallen schon die Ausdrücke: Der Hund und andere Namen für Kahr. Die Anschläge zum Teil wieder abgerissen. Die Nacht war ziemlich ruhig. Zwar Schreien und Johlen vor der Chirurgischen Klinik und sonst in der Stadt, aber kein Schießen mehr.
Samstag, 10. November, gehe ich früh 8.00 Uhr wieder zurück, weil 9.00 Uhr Ordinariatssitzung ist.
14.30 Uhr mit Ministerialrat Sterner im Auto nach Töging zur Kirchenkonsekration. - In der Theatinerstraße berittene Landespolizei mit Lanzen und dahinter zwei Schutzmänner zu Fuß, um die Pfeifenden abzufangen.
Sonntag, 11. November, abends 20.00 Uhr zurück im Auto (Rubenbauer hatte mich auf Anruf von Pfaffenbüchler im Bahnhof erwartet) - die zur Bewachung der Promenadestraße befohlenen Schutzmänner kommen eine Stunde später sich entschuldigen, „sie hätten gerade in einer anderen Straße zu tun gehabt“ - die Straßen im Osten der Stadt sehr leer, in der Maximilians- und Maffeistraße steht Reichswehr im Sturmhelm. - Ein Schutzmann versichert in der Maffeistraße dem Ministerialrat Sterner, es sei alles ruhig, es sei kein Streik - also fahren wir weiter. Die Promenadestraße aber plötzlich belebt, unser Wagen wird sofort umringt von etwa dreißig Männern - sie lassen mich aber schweigend durch, auch als ich noch einmal zum Wagen zurück ging - erst als ich im Hause war, ging das Pfeifen und Schreien los und nun erfahren wir: Gestern in der Universität Versammlung gegen mich, dann Zug durch die Stadt und die Schreie: Nieder mit Kahr, nieder mit Faulhaber, - abends hätte ein Student bei der Katzenmusik eine Rede gegen mich gehalten (in Wirklichkeit hat er nur gerufen „nieder mit Faulhaber“), - aber bald leert sich die Promenadestraße. - Sekretär Wehner hat zu viel Angst, im Hause zu bleiben und geht noch heim.
Montag, 12. November. Früh 6.00 Uhr im Auto ins Mutterhaus - es ist noch dunkel - und dort den Vormittag geschlafen. Zucker trotzdem 0,4 und unregelmäßiger Puls.
14. November, Mittwoch. Weil Besuchstag, 5.30 Uhr zu Fuß vom Mutterhaus zurück.
Lurz schreibt lateinisch: Große Drohungen ausgestoßen, weil ich im Preysing-Palais mit Komissar Kahr und Prinz Rupprecht über die Donaumonarchie verhandelt hätte. Ich soll weggehen. 9.00 Uhr kommt Baronin Gebsattel: Die vaterländischen Verbände (mit vielen preußischen Generälen) verbreiten ein Flugblatt: Wer hat sein Wort gebrochen? Kahr. Beweis, um 1.00 Uhr nachts hat er Pöhner zugesichert, 3.00 Uhr war er bei Kardinal Faulhaber, 5.00 Uhr wurde Pöhner verhaftet - so wird gelogen. Gestern kam eine Schwester von den Guthirten an die Pforte: Sie hätte von der Frau eines Landespolizisten gehört, ich sei verhaftet. Herr Einweck, Schneider, schickte zwei Schwestern von der Löwengrube herüber, ich soll mich ja verwahren, er hätte so schreckliche Drohungen gehört.
12.00 Uhr Press-Müller erkundigt sich nach weiteren Vorkommnissen. Es ist gut, daß der antikatholische Charakter der Bewegung rechtzeitig an den Tag kam. „Nieder mit den Pfaffen und Juden“ heißt auf einmal jetzt die Parole. 14. November wird vom Milchlieferanten mitgeteilt, die ganze Stadt schimpfe so und er könne keine Milch mehr liefern, wir hätten ja auch keine Karten, höchstens ein Viertel Liter, aber die Leute dürften es nicht wissen.
Pater Heribert erzählt mir: Er war ausgegangen, um an seinem Habit die Stimmung zu probieren. Im Odeon habe einer eine Rede gehalten: Die erste Kugel für Kahr, die zweite Kugel für Faulhaber. Dann sei er zum Palais gegangen und habe lange warten müssen bis sie aufmachten. Inzwischen schreit einer: Da droben ist der Oberlump, und ein anderer: Der hat die Blutschuld von allen Toten. Also gerade wie beim Heiligen Vater für Duisburg.

Um zu verstehen, was mit dem letzten Satz gemeint ist, muß man länger recherchieren. Duisburg litt seit dem 8. März 1921 schwer unter der Ruhrbesetzung durch die Franzosen. Am 30. Juni 1923 hat es auf einer Rheinbrücke in Duisburg während der Überfahrt eines belgischen Militärzuges eine Explosion gegeben, bei der acht Menschen sofort starben und vier weitere später an den Verletzungen (Wiki). Die Belgier waren empört machten deutsche Attentäter und die Vermittlungsversuche des Papstes im Rheinland für das "Bombenattentat" verantwortlich, während deutsche Stellen von der Explosion eines Gasbehälters ausgingen. Am 9. Juli 1923 hatte Faulhaber über den Vermittlungsbrief des Papstes in seinem Tagebuch geschrieben: 

Baron Cramer-Klett - kommt von Rom zurück. (...) Ein französischer Prälat hätte gesagt: „Der Brief des Papstes ist das Schriftstück eines Verrückten.“ Der belgische Gesandte hätte gesagt: Der Heilige Vater sei für das Blut an der Duisburger Brücke verantwortlich. Es sei unerhört, wie sich die Franzosen über diesen Brief aufgeführt hätten.

Zugleich hätte der Papst Faulhaber dafür gelobt, daß er sich nicht in die Politik einmischen würde. Faulhaber will hier also sagen, daß die katholische Kirche leicht für Dinge verantwortlich gemacht würde, auch wenn sie sich eher neutral verhalten will. Stresemann hatte dann im übrigen am 26. September 1923 den Abbruch des passiven Widerstandes an der Ruhr verkündet, womit Frankreich als "Sieger" da stand.****) Zurück zu Faulhabers Erlebnissen am 14. November 1923 in München:  

Im Keller ein paar Fenster eingeworfen. Natürlich Schmähbriefe.
Einer von den Vaterländischen schreit: Jetzt wird mir's aber dumm, jetzt wollen sie die Donaumonarchie aufrichten, jetzt mache ich nicht mehr mit.
Freyberg erklärte Rauch beim Besuch: Er (Rauch) sei mit Kahr verwechselt worden, als er nachts bei mir war, und daher das Gerücht.
Siehe die Zuschriften voll Teilnahme, die Erklärung des Aktionskomitées. Milchmädchen kündigt die Milch, weil so viel geschimpft wird.
Unter den Briefen, die mich warnten nicht auszugehen, war auch einer von Lurz: Er erzählt mir 4.2.24 auf dem Philisterabend, Kreichgauer habe in den vaterländischen Kampfverbänden solche Reden gehört, daß er sich verpflichtet fühlte, mich zu warnen.

Ob man das aus anderen Quellen so gut erfahren könnte, wie stark antiklerikal die Stimmung in München war rund um den 9. November 1923? Der Nuntius Pacelli berichtet ähnliches, allerdings faßt er sich dabei kürzer. Dieselbe Stimmung wird auch sehr ausführlich in den Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff geschildert, in dieser natürlich sozusagen "von der Gegenseite" her. Das mag womöglich künftig an dieser Stelle noch ergänzt werden. 

1924 - Faulhaber bekommt Herzbeschwerden wegen des Wahlsieges der Völkischen

Faulhaber bricht seinen Urlaub ab, um auf die Verteidigungs- bzw. Anklagerede Ludendorffs im Hochverrats-Prozeß zu reagieren (ProjektFaulhaber, s.a. Kath2025 oder IFZMünch). Wir lesen dazu zusammenfassend:

Bis in das Frühjahr 1924 hinein wirft der gescheiterte Hitler-Ludendorff-Putsch vom 8./9. November 1923 seine Schatten. Ende Februar beginnt in München in der Infanterieschule der Hitler-Prozeß. Kardinal Faulhaber, der sich Mitte März nach Bad Adelholzen zurückgezogen hatte, ist schon nach wenigen Tagen gezwungen, seinen Erholungsurlaub beim Orden der Barmherzigen Schwestern zu unterbrechen, um durch eine Erklärung auf persönliche Angriffe des Generals a.D. und Putschisten Erich Ludendorff vor Gericht zu reagieren. Den 1. April, den Tag der Urteilsverkündung gegen Hitler, Ludendorff und ihre Mitverschwörer, erlebt Faulhaber in Spannung, weil Demonstrationen von Völkischen und Nationalsozialisten, die ihn weiterhin mitverantwortlich für das Scheitern des November-Putsches machen, vor dem Erzbischöflichen Palais angemeldet sind. Wenige Tage später, am 6. April, finden in Bayern Landtagswahlen statt. Das unerhörte Ergebnis der Völkischen, die landesweit 17 Prozent und in München gar 34 Prozent der abgegebenen Stimmen erhalten, überrascht den Erzbischof nicht, seien diese im Wahlkampf doch mit amerikanischer Reklame und der Stoßkraft des Neuen aufgetreten. Mit Herzbeschwerden erlebt Faulhaber die Siegesfeiern des völkisch-nationalen Blocks am nächsten Tag. Putschgerüchte, die im November zum ersten Jahrestag des gescheiterten Staatsstreichs in München kursieren, nennt er Gespensterfurcht. Mit Erleichterung und Freude registriert der Erzbischof schließlich den Zusammenbruch der völkischen Großmaultruppe bei den Wahlen vom 7. Dezember.

Am 29. März 1924 kommt es zum Abschluß des Bayerischen Konkordats (Wiki). Es wird dann im Januar 1925 ratifiziert - und zwar einerseits vom Nuntius Pacelli, andererseits vom bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held (s. Abb. 4).

Am 7. April 1924 schreibt Faulhaber etwa in sein Tagebuch:

Die Straße so aufgeregt nach dem „Sieg“ der Völkischen, daß ich nicht vor die Türe gehe und darüber wieder Herzbeschwerden bekomme.

Am 8. November 1924 schreibt er:

Samstag, 8. November. München nervös in der Erinnerung an die Ereignisse des vorigen Jahres - man redet viel von einem Putsch, der Rupprecht als König ausrufen soll - alles Gespensterfurcht. Ludendorff redet große Worte: Es sei ihnen ein Gottesdienst für die Gefallenen verweigert worden - was er sich wohl unter einem Gottesdienst für die Gefallenen denkt.

Am 7. Dezember 1924 schreibt er:

Sonntag, 7. Dezember. Wahltag für Reichstag und Gemeinde, aber ohne die Aufregung (...), weil die Völkischen (...) diesmal in heilloser Spaltung sind. Herr Pöhner ist am 2. Dezember ausgetreten und hat in letzter Stunde noch einmal dem Kriegsführer Ludendorff die Führerqualität abgesprochen. (...) Nachts, 22.30 Uhr, als die Resultate der Wahl und der Zusammenbruch der völkischen Großmaulgruppe bekannt wurden, fragt eine Frauenstimme am Telefon, ob und wann morgen der Herr Kardinal das Hochamt hielte. Nach den verschiedenen Drohungen könnte man mißtrauisch werden.

Man hört erneut die Sorge Faulhabers heraus bezüglich von Anschlägen auf seine Person.  

Abb. 4: Austausch der Ratifikationsurkunden des Bayerischen Konkordats zwischen Nuntius Pacelli und dem bayerischen Ministerpräsidenten Heinrich Held am 24. Januar 1925 (s. pdf) - Schräg links hinter Pacelli steht der damalige bayerische Justizminister Franz Gürtner (Wiki), der 1936/1937 als Reichsjustizminister die Sittlichkeitsprozesse gegen katholische Ordensangehörige und Priester hat führen lassen (GAj2011

Die hier erwähnte Spaltung innerhalb der völkischen Partei hatte sich unter anderem daraus ergeben, daß die Nationalsozialisten nicht mehr - so wie Ludendorff und die völkischen Parteien Norddeutschlands - gegen die katholische Kirche kämpfen wollten (Stgr2010, Stgr2014, Stgr2018).

1925 schloß Erich Ludendorff die wenigen Wehrverbände und Vereinigungen, die noch zu ihm hielten, zum Tannenbergbund zusammen. 1926 heirateten Erich und Mathilde Ludendorff. Erich Ludendorff trat aus der evangelischen Kirche aus. 1927 gab er sein berühmtes Buch gegen die Freimaurerei heraus, 1929 das Buch "Die Jesuitenmacht und ihr Ende". 1930 kam es zu dem plötzlichen, großen Wahlsieg der NSDAP in der Reichstagswahl und Ludendorff sollte im November 1931 an einen "Mitkämpfer" schreiben: "Möchte unser gemeinsamer Kampf die Deutschen vor ihrem grimmigsten Feinde, dem Nationalsozialismus bewahren". Er sah Hitler im Dienst "Roms" stehen und gab 1931 seine Schrift heraus "Hitlers Verrat der Deutschen an den Römischen Papst" (Arch). 

1930 - "Ludendorff kann nicht verantworten, was er schreibt"

In dieser Zeit kam es zu den verschiedensten Annäherungen zwischen der katholischen Kirche und der NSDAP. Am 26. März 1930 notiert Faulhaber über ein Gespräch mit dem Theologiestudenten Josef Gigl, der zugleich Mitglied der NSDAP war:

Adolf Hitler hätte ihm gesagt, Ludendorff könne nicht verantworten, was er schreibe.

Die katholische Kirche sah immer mehr die Möglichkeit sich hinter dem Rücken der Präsidialdemokratie und schließlich Adolfs Hitlers zu verschanzen, um unter anderem die Angriffe Ludendorffs auf sich loszuwerden. Auch dieses Zitat wird sich auf Schriften des Ehepaares Ludendorff gegen die katholische Kirche und das Christentum beziehen.

Abb. 5: Angeklagt wegen Religionsvergehens - Schrift von Mathilde Ludendorff aus dem Jahr 1930

Es ist das dasselbe Jahr, in dem Mathilde Ludendorff wegen der Rezension eines priesterkritischen Buchs (Stgr2012) - und offenbar auf Anregung des erzbischöflichen Ordinariats in München - angeklagt wurde wegen Religionsvergehens. Sie brachte in dieser Sache eine eigene Schrift heraus, in die Kardinal Faulhaber nicht sehr gern wird hinein gesehen haben (Abb. 5).

1932 - Antikatholische Bücher "verbieten" und "beschlagnahmen"

Am 7. Januar 1932 heißt es in seinem Tagebuch über eine Besprechung über katholische Presseaktivitäten nur kurz:

Ludendorff: [ ... ] Bücher [ ... ] verbieten. Tannenberg-Studentenbund. Hier Versammlungen.

Am 6. Februar 1932 scheint er nach einem Gespräch mit dem Münchener Polizeipräsidenten Dr. Julius Koch sehr aufzuatmen und notierte über dasselbe:

Hat 1923 Ludendorff verhaften müssen. Die erste Begegnung. Hat im Saal allen Mitgefangenen die Hand gegeben. Volkswarte von 40 000 auf 26 000 herunter. Kurier habe nur 1 800. Hier werden kaum 100 Stück verkauft, sobald man etwas unternimmt, bekommt er Auftrieb. Seinen Laden an einem Tag dreimal ausräumen lassen und dann gedroht, es würde überhaupt geschlossen.

Damit dürfte die Ludendorff-Buchhandlung in München gemeint sein. Schon die abfällige Sprache macht deutlich, welche Gefühle hier im Spiel sind. Faulhaber notiert weiter über das, was ihm der Polizeipräsident berichtet hat:  

Er läßt jeden Tag beobachten. Ludendorff ist hier durch von Rechts bis Links. Er sei nicht normal und besonders die Frau Mathilde. In den letzten Zeiten große Laster von Flugblättern und Broschüren beschlagnahmt und er empfand, daß sehr wohl ein Geschäftsmann.
Noch mehr von den Bibelforschern ganze Waggons und zwar in ganz Bayern. Man soll ihm Broschüren zuschicken. Das Gehalt seiner Beamten sei gut, weil nicht gekürzt, aber für die schwarze Kasse der Direktion eine Beihilfe willkommen (1 000 M. übergeben).
Man soll die Flugblätter einfach an ihn persönlich oder an die Direktion, Politische Abteilung schicken. Er verbiete nicht, weil gerichtlich zu langsam und zu unsicher, dagegen auf dem Wege der Verwaltung einfach Beschlagnahme - natürlich dürfe dann nicht der Kurier doch große Auszüge bringen. Mayer (vermutlich der Jesuitenpater Rupert Mayer) bringe die Polizei in furchtbare Verlegenheit. Je stiller es sei, desto besser.
Also setze ich die für 29. Februar angesetzten Versammlungen ab.
Er kann für ganz Bayern beschlagnahmen lassen.

Hier kommt klerikale Politik in Reinform zum Ausdruck. Da ist ein Katholik gegenüber dem Kardinal Faulhaber aber stolz, wie er mit den Kirchengegnern umspringt. Sie haben es ja offenbar nicht anders verdient. Faulhaber ist ganz begeistert: "Er kann für ganz Bayern beschlagnahmen lassen" - - - und gibt ihm prompt tausend Mark für die schwarze Kasse der Polizei. Wie irre ist das denn?!???!

Das ist Austrofaschismus in Reinform. So wünschte sich die katholische Kirche den ihr ergebenen Staat und natürlich auch das Dritte Reich. Daß sie genau so mit allen Kirchengegnern umspringen würden und kurzen Prozeß machen würden. Keine Gerichtsverfahren - einfach beschlagnahmen lassen alle kritischen Schriften, die der Kirche unerwünscht sind. Denn wenn man den Ludendorff öffentlich bekämpft, erhält er nur noch weiter Auftrieb.

Was steht alles in diesen - wenigen - Worten.

Innerhalb weniger Jahre haben sich jeweils viele Wandlungen vollzogen in dieser Zeit. Während die katholische Kirche vor und nach der Machtübernahme Adolf Hitlers noch kräftig im Aufschwung war, bekam sie das Erstarken des "Neuheidentums" innerhalb des Dritten Reiches ab dem Jahr 1935 immer stärker zu spüren. Viele Deutsche waren damals vom Kirchenkampf innerhalb der evangelischen Kirche abgestoßen und sind ab 1935 in wachsenden Zahlen sowohl aus der evangelischen wie der katholischen Kirche ausgetreten. Damit diese nicht direkt der Ludendorff-Bewegung in die Arme laufen würden, wurde von Jakob Wilhelm Hauer mit Unterstützung der SS die "Deutsche Glaubensbewegung" geschaffen, in der alle Nichtchristen gesammelt wurden - abgesehen von Erich und Mathilde Ludendorff. 

Mit dieser "Glaubensbewegung" und mit Alfred Rosenberg ist Faulhaber in den nächsten Jahren noch häufiger beschäftigt als mit dem Haus Ludendorff. Es macht womöglich Sinn, seine Tagebücher nach diesen Suchworten zu durchsuchen. Am 21. Juli 1934 schreibt er:

Prälat Grabmann - (...) In der Universität sei alles durcheinander. Wenn sie Vortrag halten würden gegen Deutsche Glaubensbewegung, würde man ihre Vorlesungen stören.

Und am 23. November 1934:

Rechtssyndikus von Heeg, Traunstein. (...) Er: Hitler sei ja nicht katholisch, seine Umgebung feindlich. Respondeo: Ich bin der Auffassung, Hitler ist im Grund seines Herzens katholisch, aber natürlich das Buch von Rosenberg.

Solche positiven Stellungnahmen Faulhabers gegenüber Hitler finden sich sehr viele in diesen Jahren in den Tagebüchern.

1935 - "Der Kampf gegen die Kirche wird immer schärfer"

Am 4. April 1935 notiert Faulhaber in seinem Tagebuch, was ihm der alte, deutsche Vatikan-Diplomat Bogdan von Hutten-Czapski sagt:

Von Papen habe er nie etwas gehalten. Sein Stern im Sinken, aber Ludendorffs Stern im Steigen. Ich: Wenn er dadurch von der Religionsphilosophie abgelenkt wird, ist es gut.

Auch hier ist mit wenigen Worten sehr viel gesagt. Es ist fast eine witzige Bemerkung. Gegen einen "politischen" Ludendorff, gegen einen "militärischen" Ludendorff scheint Faulhaber gar nicht so viel zu haben. Aber wehe, wenn er an die Stelle der christlichen Religion eine neue Weltanschauung, eine neue Philosophie setzen will, "Neuheidentum" vertritt. Gut, wenn er von diesem Vorhaben abgelenkt werden sollte. So Faulhaber. Am 9. April 1935 notiert Faulhaber:

Ludendorff siebzig Jahre, in Tutzing gratuliert die Wehrmacht Blomberg, Fritsch, Adam. Der Führer hatte für Staatsgebäude Beflaggung angeordnet, kam aber nicht persönlich. Glückwünsche überhaupt wenig, als ob es nur die Wehrmacht gewesen wäre. Abends spricht Beck vom Reichswehr[ ... ] „Der Gott der Schlachten“ führte ihn zu großen Siegen. Er hätte nichts als gesiegt, aber die Oberste Heeresleitung und die parlamentarische Vertretung hatte nicht den Weitblick wie er.

Am 24. April 1935 hatte Faulhaber ein Gespräch mit Cesare Orsenigo, der in Rom war und zwar nicht mit dem Papst, aber mit Pacelli gesprochen habe über die "Katholische Aktion", und dem er gesagt habe "Wir werden tun, was der Heilige Vater befiehlt. Aber zu bedenken, daß ... mit einem Schwerthieb." Die hier schwer lesbare Stelle könnte vielleicht heißen: "daß das nicht geschieht". Nun referiert Faulhaber über das Gespräch mit ihm:

Was ist in diesen Wochen passiert? Der Kampf gegen die Kirche wird immer schärfer. Ludendorff zum Geburtstag überaus gefeiert. Hitler hat kein Telegramm geschickt und war nicht persönlich dort, wartete in München mit dem Marschallstab. Aber Blomberg hat es gemacht. Psychologisch. Hitler hat keinen Hindenburg und braucht doch für den Kriegsfall eine höhere Stelle. Ebenso will Blomberg die Verantwortung nicht tragen.

Der Kardinal Faulhaber denkt hier also den Kriegsfall schon sehr selbstverständlich mit. Die damaligen "Friedensschalmeien" Hitlers scheinen ihn also nicht besonders beeindruckt zu haben. Und ganz klar sieht auch Faulhaber dasselbe, was Mathilde Ludendorff sah: Die Wehrmacht will Ludendorff vor ihren Karren spannen, um selbst keine Verantwortung übernehmen zu müssen (Stgr2012, a).

Am 16. Juni 1935 kommt der Rechtsanwalt Alfred Etscheid zu Faulhaber. Er ist Vertreter der katholischen Kirche in den Devisenschieber-Prozessen, die damals großes Aufsehen erregt haben, und die die katholische Kirche sehr schlecht dastehen ließen:

Es handelt sich um die Devisenprozesse. Stehen noch 60 bevor, in dieser Woche die Borromäerinnen sehr schlimm, er hat drei Generalvicare zu vertreten: Generalvicar Hildesheim, Sachsen und eventuell Breslau. Einer frei geworden gegen Caution. War in Rom, 19. März beim Heiligen Vater (der ihm sagte: Auch die nicht betroffenen Orden müssen solidarisch handeln). Hat mit Schacht persönlich gesprochen: Aufgrund des Unterwerfungsverfahrens die entzogenen Summen und dazu die gleiche Summe in Devisen als Buße. Er selber schätzt zuerst auf 12 Millionen, Schacht ließ berechnen und kam auf 2,5 Millionen. (...) Ich erkläre: Das deutsche Volk wegen dieser Sache dermaßen aufgepeitscht und erregt, daß es eine friedliche stille Reglung nicht hinnehmen wird. Am wenigsten die Blätter wie Schwarzes Korps, Durchbruch und Nordland und ähnliche und die scheinen eine große Macht gegenüber der Regierung: Also müßte die Regierung eine Erklärung bereit halten, und wenigstens übergangsweise noch einige Prozesse, die leichtere Fälle sind ... Er meint: Das Volk habe es satt und man möge sich halt die Leiden vorstellen. Ich: Das ist wahr, keine Beichte ... Ich erkläre Ja aus folgenden Gründen: 1) Eine legale Sache. Unterwerfungsverfahren. Mit Schacht alles vorbesprochen. Das gleiche auch sonst angewendet. 2) Der Führer muß natürlich gefragt werden und seine Zustimmung geben. Wenn er Nein sagt, gehen die weiteren Prozesse ihren Weg, ist nichts zu machen. 

Es werden im weiteren noch viele Details besprochen, um hier zu einer möglichst friedlichen Beilegung zwischen Staat und Kirche zu kommen.

1936 - Hitler taktiert gegenüber der katholischen Kirche

Am 10. August 1936 notiert Faulhaber:

Generalvicarstellvertreter Neuhäusler: (...) Der Prozeß gegen Ludendorff wegen Gotteslästerung? 

Es müßte noch einmal genauer recherchiert werden, worauf sich das bezieht oder bezogen haben könnte. Vielleicht auf Schriften wie Ludendorffs "Das große Entsetzen - Die Bibel nicht Gottes Wort!"

Am 4. November 1936 ist Faulhaber auf dem Obersalzberg. Es macht sich danach Notizen über ein sehr kontroverses Gespräch mit Hitler. In diesem kommt auch Ludendorff vor. Hitler erklärt, er habe sich von Ludendorff getrennt, weil seine Frau eine neue Religion haben wolle. Faulhaber beschwert sich, daß die "Deutsche Glaubensbewegung" gegen die Kirche und die christliche Religion hetzen würde. Hitler weist immer wieder darauf hin, daß er viele staatliche Untersuchungen gegen die Klöster (durch Reichsjustizminister Franz Gürtner) nieder geschlagen habe (womit er sich übrigens auch mitschuldig an katholischer Pädokriminalität gemacht hat) (GAj2011). Faulhaber referiert, was er Hitler dann vorträgt:

Drei Hindernisse: 1) Die Glaubensbewegung von Stuttgart. Er: Mit der haben wir nichts zu tun. Ich: Doch sie dürfen Versammlungen halten, Flugblätter verteilen, wir nicht. Eine furchtbare Sprache in den Versammlungen gegen das Christentum, gegen die Person Christi, die uns heilig ist. Im Theater „Der König reitet“.

Das bezieht sich auf die Uraufführung des Theaterstücks "Der König reitet" im Prinzregententheater in München am 22. Oktober 1936. Es handelt sich um ein Stück von Hildegunde Fritzi Anders (1904-1944) (Wiki). Mit dem "König" ist der "Bamberger Reiter" gemeint. Offenbar kommen in ihm Vertreter der Kirche nicht besonders sympathisch zur Darstellung. Faulhaber weiter:

Die Entchristlichung des öffentlichen Lebens. Entweder sie nicht oder wir auch. Wenn die Verständigung kommt: Werde ich das alles fällen, das wird den Frieden nicht stören. Wir haben mit dieser Bewegung nichts zu tun. 

Hitler redet sich hier ganz klar heraus. Er wird selbst nicht geglaubt haben, was er hier sagt. Hitler sage, so Faulhaber ...

... Immer wieder: Entweder wir siegen mit der Kirche oder ohne die Kirche ... 

Das ist im Grunde deutlich genug. Es ist so halb und halb eine Drohung. Hitler hat sich nicht zu jeder Zeit so aufbegehrend gegenüber der Kirche geäußert. Faulhaber erwidert: 

Keine Kleinigkeit, wenn die Deutsche Glaubensbewegung über Christus, der uns Gottessohn und Heiland ist, so spricht. Das ist für uns ein fremder Mann, wir lehnen das Christentum in jeder Form ab. Das Christentum muß aus dem öffentlichen Leben verschwinden, Trennung von Kirche und Staat, die Fakultäten aus den Universitäten. Darauf: Herr Kardinal, ich sage ihnen, ich werde diese Deutsche Glaubensbewegung aus der Welt schaffen. Ich: Aber sie wird von der Partei unterstützt, sie darf Flugblätter austeilen, Versammlungen halten, was wir nicht dürfen. If: Kleinigkeit ja, im Vergleich mit dem Großen, aber es stört den Frieden.

Hitler steht hier im Grunde ziemlich erbärmlich da. Plötzlich will er die Deutsche Glaubensbewegung aus der Welt schaffen. Auch er selbst hat das alles nicht mehr voll im Griff. Er ist aber auch nicht wirklich willens, das wirklich in den Griff zu bekommen. Er braucht einerseits die Kirche, läßt andererseits aber auch die Gegenkräfte gegen die Kirche von der Leine und taktiert. Er taktiert, taktiert, taktiert. Er taktiert durchgehend auch gegenüber Faulhaber. 

Am 10. November 1936 ist ein Privatdozent für Rechts- und Staatsphilosophie der Universität München bei ihm:

Professor Petraschek: (...) Vorlesungen sehr erschwert, wie scheint, an manchen Tagen nur ein Hörer. (...) Über die Unterredung sage ich im Vertrauen: Der Führer ist ein großer Staatsmann auf der großen Linie, kennt nicht das Kleine, das freilich für uns nicht immer Kleinigkeit ist, wie Glaubensbewegung. Aber daß er Rosenberg gewähren läßt? Für ihn kein Dogma oder sittlicher Gesichtspunkt, sondern was ist das liebe Volk. Er dankt für Vertrauen.

Eine noch deutlichere, solche Äußerung über Hitler sollte er ein Jahr später machen (siehe unten).

Am 13. Dezember 1936 führt Faulhaber ein Gespräch mit dem Reichspostminister Eltz-Rübenach. Dieseer sagt über Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts" und die Nachfolgeschriften Rosenbergs:

Der Index habe das Buch von 50 auf 50 000 gebracht und die Studien auf 500 000, und dann habe er die Dunkelmänner geschrieben und sei auf 750 000 gekommen.

Also erst die Empörung in der katholischen Kirche habe den Schriften Rosenbergs einen so großen Erfolg beschert. 

April 1937 - "Ludendorff darf sein Unwesen treiben"

Am 12. April 1937 notiert Faulhaber über ein Gespräch mit der Gräfin Elko von Schwerin, der Ehefrau des Friedrich Wilhelm Ludwig von Schwerin:

Darüber entsetzt, daß jetzt Ludendorff sein Unwesen treiben darf. - Ich vermute, mehr aus militärischen Gründen.

Faulhaber hat wieder den kommenden Krieg im Blick. Und er findet es fast gut, daß Ludendorff um dieses Krieges willen sein - weltanschauliches - "Unwesen" treiben darf. 

Abb. 6: Mathilde Ludendorff "Ein Blick in die Morallehre der katholischen Kirche" (1929)

Etwa seine Schrift herausgeben darf "Die Bibel nicht Gottes Wort" oder Mathilde Ludendorffs Schrift "Ein Blick in die Morallehre der katholischen Kirche", auf die Faulhaber indirekt noch 1939 zu sprechen kommt (Abb. 6) (siehe gleich). Und vieles andere mehr. (Ein Überblick hier: Stgr2017.)

Tagebuch-Eintrag am 28. September 1937:

Licentiat Heinrich Garrelts, Superintendent und Domprediger Verden/Aller. (...) Will mir danken für die Adventspredigten, die bei ihnen viel gelesen wurden. (...) Ich: Wir haben seit der Reformation vielleicht nie so viel Grund gehabt, uns die Hände zu reichen, es geht um die Grundlagen eines jeden Christentums. Sie wollen uns den Glauben an unseren Heiland nehmen und an das Evangelium, Rosenberg in seinem neuen Buch: Das Christentum sei schon deshalb geadelt, weil Germanen an das Christentum geglaubt haben. Zu dumm: Gott soll sich bei uns bedanken, daß wir an ihn glauben, diese Verdrehung des Gottesbegriffs. In meinen Predigten die Hand gereicht.

Soll offenbar sagen: die Hand gereicht den Protestanten.

Beim Weggehen: (...) Er will sich im Sterben doch lieber von mir beistehen lassen als von einem Deutschen Christen. So viel Gotteslästerung und darum Strafgerichte.

Es wird oft nicht ganz deutlich, wer was gesagt hat. Aber man ist sich ja größtenteils einig. Und so wird der Besucher Faulhaber schon aus dem Herzen gesprochen haben, wenn es denn nicht Faulhaber selbst gesagt haben sollte: "So viel Gotteslästerung und darum Strafgerichte." Womöglich die Psychologie, die überhaupt - gewollter Maßen - hinter dem Dritten Reich steht.

Am 29. Oktober 1937 ist der Standortpfarrer von München bei Faulhaber:

16.00 Uhr Oberpfarrer Lang: (...) Ich erzähle von der Aussprache mit dem Führer: Wie lang, er erklärte sich, die Deutsche Glaubensbewegung unterdrücken zu wollen und Amnestie. Meine Antwort. (...) Ich: Ich hätte dem Führer immer die Stange gehalten. Er sei doch ein außergewöhnlich großes staatsmännisches Genie.

Man ist erstaunt zu erfahren, wie positiv Faulhaber über Adolf Hitler und über seine Aussprache mit diesem noch über ein Jahr später denkt. Das wird auch der Grund sein, weshalb er das neuerliche Hervortreten Ludendorffs so milde beurteilt.

1939 - Leise, leise, sonst schreibt Mathilde Ludendorff wieder gegen uns

Am 4. Januar 1939 fürchtet sich Kardinal Faulhaber immer noch vor der Aufklärung der Ludendorff-Bewegung. Und zwar diesmal vor der Aufklärung über den Heiligen Liguori und seine Liguori-Moral (s. Abb. 6). Er hat ein Gespräch mit dem Redemptoristenprovinzial:

Redemptoristenprovinzial. 1) „Antragsschreiben“, daß der heilige Alfons Patron der Beichtväter werde. Dafür eine Broschüre. Ich: a) Wenn nur dadurch nicht wieder der Kampf losgeht. Ludendorff ist gestorben, aber die Verehrer seiner Frau schreiben noch. b) Ob man nicht in einer neuen deutschen Ausgabe die übertriebene Casuistik einfacher machen könnte.

Es scheint fast so, als ob das Ehepaar Ludendorff damals als die einzigen ernsthaften und ernst zu nehmenden Kirchenkritiker wahrgenommen worden wären vom Kardinal Faulhaber. Jedenfalls glaubte man dann im Jahr 1950, also in der "Adenauer-Zeit", auch auf diese Ludendorff-Bewegung nicht mehr Rücksicht nehmen zu müssen. Da erhob der Papst nämlich den „heiligen Alfons“ tatsächlich - wie schon 1939 beantragt - zum Patron der Beichtväter und Moraltheologen (Wiki).*****)

1945 - Reumütige Rückkehrer in die Kirche

Am 1. August 1945 schreibt er in sein Tagebuch:

Mittwoch, 1. August 45. Pfarrer Eichner, Fischbachau, bittet um Audienz für Anton Büchting (Propagandist der ehemaligen Glaubensbewegung). Zur Zeit bei seiner Schwiegermutter, Hauptlehrer Hubing, in Großdingharting. Er hatte deren Tochter [ ... ] geheiratet, das Kind nicht getauft. Jetzt will er alles gut machen. Responsum: Warten bis es nahe bevor steht. Seine Frau und Kind an unser Suchbüro verwiesen. Eingabe an Ehegericht.

Die hier vorgenommene Zusammenstellung könnte womöglich noch an vielen Stellen erweitert werden durch weitere Zitate aus den Faulhaber-Tagebüchern. Sie könnte auch vielem gegenüber gestellt werden, was zeitgleich von Seiten der Gegner der klerikalen Bestrebungen, insbesondere von Seiten der Ludendorff-Bewegung vorgebracht worden ist. So etwa der Kampf der Ludendorff-Bewegung gegen die die Beschlagnahmungen von Büchern oder der Kampf gegen den Gotteslästerungs-Paragraphen (um nur weniges zu nennen).

___________

*) Seit Juni 2019 sind Faulhabers Tagebuch-Einträge aus dem Jahr 1936 zugänglich, seit Dezember 2019 auch diejenigen aus dem Jahr 1937 (Münster2019). 
**) Wir lesen über das Wilhelmsgymnasium in München (Wiki): "Bis zur Einführung des Jesuitenverbots 1773 wurde das Gymnasium vom Jesuitenorden geleitet, der immer noch mit der Schule in Kontakt steht." Das Gymnasium rühmt noch heute geprägt zu sein von "weltoffenem Humanismus und der tiefen Religiosität der Jesuiten" (Wilhelmgymn).
***) Auch anläßlich der Hundertjahr-Feier der Universität München wird deutlich, daß Faulhaber diese Universität als viel zu antiklerikal und protestantisch empfindet. Am 1. Dezember 1926 sollte er in sein Tagebuch schreiben: "Das ist der Lohn und das Echo davon, daß die bayerischen Könige norddeutsche Lichter an ihre Universitäten gerufen." 
****) Zur weiteren Erläuterung die folgenden Auszüge aus dem Aufsatz "Katholische Kirche und französische Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg" aus dem Jahr 2016, in dem die damalige Lage des Deutschen Reiches auch noch einmal sehr deutlich wird (3)
Ih­ren Hö­he­punkt er­reich­te die fran­zö­si­sche Kir­chen­po­li­tik im Rhein­land mit der Ruhr­be­set­zung 1923/1924. Von An­fang an wand­ten sich Erz­bi­schof Schul­te und sei­ne Suf­frag­an­bi­schö­fe in Müns­ter, Pa­der­born und Trier mit öf­fent­li­chen Ap­pel­len, Hir­ten­brie­fen, vor al­lem je­doch mit ei­ner in­ter­na­tio­na­len pu­bli­zis­ti­schen Kam­pa­gne klar und ent­schie­den ge­gen die fran­zö­sisch-bel­gi­sche Mi­li­tär­ak­ti­on und die da­mit ver­bun­de­nen Re­pres­sa­li­en ge­gen die Be­völ­ke­rung. Der Kar­di­nal ver­trat ei­ne de­zi­diert na­tio­na­le Po­si­ti­on und bil­lig­te den pas­si­ven Wi­der­stand. In Frank­reich stie­ßen die von März bis Au­gust 1923 welt­weit aus Köln ver­brei­te­ten Pro­pa­gan­da­schrif­ten („Nach­rich­ten aus dem ka­tho­li­schen Deutsch­land/Échos de l’Al­le­ma­gne ca­tho­li­que“) auf hef­ti­ge Ab­leh­nung.
Die Ku­rie dräng­te dar­auf, die in­ner­kirch­li­che Po­le­mik zu be­en­den. Schul­tes Auf­for­de­run­gen an Papst Pi­us XI. (Pon­ti­fi­kat 1922-1939), öf­fent­lich ge­gen die ge­walt­sa­men Maß­nah­men an der Ruhr Stel­lung zu neh­men, wich der Hei­li­ge Stuhl aus mit Hin­weis auf nicht ein­deu­ti­ge Be­stim­mun­gen des Ver­sailler Ver­tra­ges. Ein­zel­ne fran­zö­si­sche Bi­schö­fe, vor al­lem je­doch Ar­mee­bi­schof Ré­mond ver­tei­dig­ten das ri­go­ro­se Vor­ge­hen des Mi­li­tärs im In­dus­trie­ge­biet.
Zur Be­ru­hi­gung der auf­ge­heiz­ten At­mo­sphä­re ent­sand­te der Hei­li­ge Stuhl den Va­ti­kan­di­plo­ma­ten Gus­ta­vo Tes­ta ins Ruhr­ge­biet – of­fi­zi­ell zur Über­prü­fung der dor­ti­gen kirch­li­chen La­ge, de fac­to zur Ver­mitt­lung zwi­schen Deut­schen und Fran­zo­sen und zur Be­richt­er­stat­tung an die Ku­rie. Bei­de Sei­ten be­grü­ß­ten die Maß­nah­me und hoff­ten auf die Un­ter­stüt­zung des Hei­li­gen Stuhls für ih­re je­wei­li­ge Po­si­ti­on. Ar­mee­bi­schof Ré­mond be­müh­te sich durch häu­fi­gen Kon­takt zu Tes­ta um des­sen Ver­trau­en und in­for­mier­te sei­ne zi­vi­len und mi­li­tä­ri­schen Vor­ge­setz­ten so­wie die Re­gie­rung in Pa­ris über die Ein­schät­zun­gen des Ge­sand­ten. Tes­ta such­te im Re­vier das Ge­spräch mit zahl­rei­chen Fran­zo­sen und deut­schen Ver­ant­wort­li­chen über die hu­ma­ni­tä­re, kirch­li­che und po­li­ti­sche La­ge.
Den Brief Pi­us XI. an Kar­di­nal­staats­se­kre­tär Ga­s­par­ri von En­de Ju­ni 1923, in dem der Papst Fran­zo­sen und Deut­sche zum Ein­len­ken und zum Ak­zep­tie­ren ei­ner un­par­tei­ischen Schieds­stel­le auf­for­der­te, lehn­te Mi­nis­ter­prä­si­dent Ray­mond Poin­ca­ré (1866-1934, Mi­nis­ter­prä­si­dent 1912-1913, 1922-1924, 1926-1929) als Af­front schroff ab. Tes­tas Mis­si­on stand kurz vor dem Schei­tern.
Nach dem En­de des pas­si­ven Wi­der­stan­des En­de Sep­tem­ber 1923, als Pa­ris an der Ruhr sein Ziel er­reicht zu ha­ben schien, droh­te das Reich aus­ein­an­der­zu­bre­chen. Kar­di­nal Schul­te und die an­de­ren rhei­nisch-west­fä­li­schen Bi­schö­fe der be­setz­ten Ge­bie­te ba­ten we­gen der ma­te­ri­el­len Not brei­ter Be­völ­ke­rungs­schich­ten aus­län­di­sche Ka­tho­li­ken um Hil­fe. Die un­über­sicht­li­che po­li­ti­sche La­ge im Rhein­land mit dem Er­star­ken se­pa­ra­tis­ti­scher Grup­pen be­un­ru­hig­te den Köl­ner Erz­bi­schof. Er setz­te sich bei Ti­rard für den An­satz Kon­rad Ade­nau­ers ein. Der Ober­bür­ger­meis­ter von Köln galt als wich­tigs­ter Po­li­ti­ker im Wes­ten des Rei­ches, der als Aus­weg aus der Kri­se Ver­hand­lun­gen mit dem Ziel ei­nes auf le­ga­lem Weg zu er­rich­ten­den Bun­des­staa­tes im Ver­band des Rei­ches vor­schlug. Schul­te lehn­te das Vor­ge­hen der Se­pa­ra­tis­ten eben­so ab wie Ti­rards Plan ei­ner un­ab­hän­gi­gen und neu­tra­len Rhei­ni­schen Re­pu­blik. In der Pfalz brach die Se­pa­ra­tis­ten­herr­schaft nach zu­neh­men­der Iso­lie­rung Frank­reichs, bri­ti­schem Wi­der­stand und öf­fent­li­chen Stel­lung­nah­men Bi­schof Se­bas­ti­ans Mit­te Fe­bru­ar 1924 zu­sam­men.
Der zu Be­ginn von Ti­rard, Ca­net und Ré­mond ver­folg­te An­satz ei­ner lang­fris­ti­gen fran­zö­si­schen Kir­chen­po­li­tik im Rhein­land wur­de mit der Ruhr­ak­ti­on ob­so­let. Das har­te Vor­ge­hen der Be­sat­zungs­trup­pen im Re­vier, tau­sen­de von Aus­wei­sun­gen und Ver­ur­tei­lun­gen und die pre­kä­re Ver­sor­gungs­la­ge mach­ten das an­ge­streb­te Ziel, die Ge­win­nung der Rhein­län­der als ka­tho­li­sches „Bru­der­vol­k“ für die Sa­che Frank­reichs un­glaub­wür­dig und un­rea­lis­tisch. Ar­mee­bi­schof Ré­mond er­wies sich im­mer deut­li­cher als un­nach­gie­bi­ger Be­für­wor­ter fran­zö­si­scher In­ter­es­sen­po­li­tik, der in Kar­di­nal Schul­te mehr und mehr sei­nen po­li­ti­schen, spä­ter auch wohl auch per­sön­li­chen Geg­ner sah.
Das Ende der französischen Pläne
Poin­ca­rés Ein­ver­ständ­nis mit ei­ner in­ter­na­tio­na­len Ex­per­ten­kom­mis­si­on zur Re­ge­lung der Re­pa­ra­ti­ons­fra­ge er­folg­te En­de Ok­to­ber 1923, als Frank­reich schein­bar den Hö­he­punkt sei­ner Nach­kriegs­po­si­ti­on er­reicht hat­te und Deutsch­land an vie­ler­lei ra­di­ka­len Kräf­ten zu zer­bre­chen droh­te. In Wirk­lich­keit wa­ren die vor­dring­li­chen Zie­le der Re­gie­rung in Pa­ris, Si­cher­heit und drin­gend be­nö­tig­te Re­pa­ra­tio­nen, noch kei­nes­wegs er­reicht, da es ei­ne en­ge Ver­flech­tung gab zwi­schen den Be­zie­hun­gen der Sie­ger­mäch­te un­ter­ein­an­der, den ei­ge­nen Re­pa­ra­ti­ons­an­sprü­chen so­wie der Fra­ge der in­te­r­al­li­ier­ten Schul­den. Seit lan­gem war die Ein­heit der Sie­ger brü­chig ge­wor­den.
*****) Einiges wenige mehr zur Liguori-Moral hatten wir einmal auf unserem Parallelblog behandelt (s. GAj2010).
________

  1. Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911-1952). Tagebucheintrag vom 18. Februar 1923, EAM, NL Faulhaber 10008, S. 18,19. Verfügbar unter: https://faulhaber-edition.de/10008_1923-02-18_T01. Letzter Zugriff am 11.08.2025
  2. Cölestin Schwaighofer, in: Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911-1952). Verfügbar unter: https://faulhaber-edition.de/03015. Letzter Zugriff am 13.08.2025.
  3. Kritische Online-Edition der Tagebücher Michael Kardinal von Faulhabers (1911-1952). Persönliches zum Hitlerputsch (Gesprächsprotokoll/Persönliche Reflexion), EAM, NL Faulhaber 10058, Fol. 8r-9r. Verfügbar unter: https://faulhaber-edition.de/BB_10058_0008r. Letzter Zugriff am 11.08.2024
  4. Selbach, Hans-Ludwig, Katholische Kirche und französische Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg, in: Internetportal Rheinische Geschichte, veröffentlicht 2016, abgerufen unter: https://www.rheinische-geschichte.lvr.de/Epochen-und-Themen/Themen/katholische-kirche-und-franzoesische-rheinlandpolitik-nach-dem-ersten-weltkrieg/DE-2086/lido/57d135f30a99a1.51722996 (abgerufen am 12.08.2025)
  5. Mathilde Ludendorff: Angeklagt wegen Religionsvergehens. Ludendorff Volkswarte-Verlag, München 1930 (45 Seiten) (GB)
  6. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Ludendorffs Verlag, München 1941 (Archiv)

Samstag, 9. August 2025

Hitler war der katholischen Kirche schon vor dem 9. November 1923 genehm - Ludendorff nicht

"Die separatistische Bewegung des Hauses Wittelsbach" im Jahr 1923
- Zur Vorgeschichte des 9. November 1923
- Die Berichte des päpstlichen Nuntius in Bayern Eugenio Pacelli nach Rom

Seit 2019 sind sie im frei Internet zugänglich: die Nuntiatur-Berichte des Kardinals Eugenio Pacelli (1876-1958) (Wiki) nach Rom aus den Jahren 1923 und 1924 (EdiPac). Sucht man in ihnen mit dem Suchwort "Ludendorff", wird erst deutlich, daß Erich Ludendorff in diesen eine nicht geringe Rolle spielte. Erich Ludendorff wurde von Seiten des Nuntius Pacelli tatsächlich als der Hauptgegner der katholischen Kirche im damaligen Bayern und im damaligen Deutschland wahrgenommen worden. Und zwar schon vor dem Hitler-Ludendorff-Putsch von 1923.

Abb. 1: Kirchenfürst Eugenio Pacelli, päpstlicher Gesandter in Deutschland, fotografiert um 1925 (MKGHamburg)

In der von Mathilde Ludendorff herausgegebenen Schrift über Erich Ludendorffs Blick auf den Nuntius Pacelli (1) erfährt man auch, daß, wie und warum Erich Ludendorff schon im Frühjahr 1923 von Seiten der katholisch-wittelsbacherischen Kräfte in Bayern so heftig bekämpft worden ist. Er war 1923 von München aus zu einem Besuch völkisch-nationaler Kräfte nach Klagenfurt in Kärnten gefahren (Stgr2025). Dort hatte man in ihm, weil er aus München kam, einen Vertreter der wittelsbachischen Politik gesehen und ihm gegenüber offen über Pläne gesprochen, Bayern vom übrigen Reich abzutrennen und mit Österreich zusammen zu schließen. Ludendorff hatte sich in Klagenfurt sofort in entschiedenem Maße gegen solche Pläne ausgesprochen und war dann gleich bei seiner Rückkehr nach München deshalb in der Presse scharf angegriffen worden (1, S. 22):

Nach meiner Rückkehr nach München erhob sich ein Sturm gegen mich in der schwarzen Presse Bayerns, namentlich in der Regensburgs, von wo aus er dann hinüberwehte in die Deutschlands, denn in dem Haß gegen mich, der mit der Furcht gepaart war, ich könne Einfluß in Deutschland gewinnen, waren sich alle Feinde des Deutschen Volkes nach wie vor einig. Jetzt bekam ich zu meinem Staunen zu lesen, ich hätte "mein Gastrecht" in Bayern mißbraucht, indem ich gegen das Haus Wittelsbach und Bayern gehetzt hätte.

Diese Ausführungen machen deutlich, warum wir auch schon in den Nuntiatur-Berichten Pacelli's von München nach Rom vor dem 9. November 1923 Ludendorff eine so große Rolle spielen sehen. Schon vor diesem Putsch hat man - nach diesen Berichten - Adolf Hitler andere Einstellungen gegenüber der katholischen Kirche zugeschrieben als Erich Ludendorff. Man hört durch die Berichte geradezu durch, daß die Erwartung bestanden hat, daß Erich Ludendorff bei der während des 9. November erwarteten blutigen Niederschlagung dieses Putsches gegebenenfalls ums Leben kommen könnte.

Abb. 2: Erich Ludendorff im Gespräch mit dem von ihm als "verschlagen" empfundenen Gustav von Kahr, Ministerpräsident, später Generalstaatskommissar von Bayern, sowie treuer Gefolgsmann Pacelli's - von Kahr fand 1923, daß sich Ludendorff zu sehr in die bayerische Politik einmischte - Hier beide auf den Bayerischen Flieger-Gedenktagen vom 19.-22. Mai 1921 (Wiki) in noch deutlich entspannterer Atmosphäre (Links von ihnen Fliegerhauptmann Franz Hailer und rechts der damalige Polizeipräsident Münchens Ernst Pöhner.)

Erich Ludendorff wurde dann aber endgültig zum Haßobjekt der katholischen Kirche und Pacelli's, als Faulhaber während des Hitler-Putsches mit haßerfüllten antikatholischen Demonstranten und Studenten in München zusammen stieß. Und mehr noch als schließlich wenige Monate später Erich Ludendorff seine "große" antiklerikale Verteidigungsrede im Hochverratsprozeß in München hielt, in der Zeugnisse dafür zusammen gestellt waren, daß die katholische Kirche seit 1914 bewußt an der Zerstörung des Bismarck-Reiches arbeiten würde. Pacelli bringt auf Nachfrage des Vatikans in Rom hin über Seiten hinweg Auszüge aus dieser Rede, für so wesentlich wurde sie gehalten. Die Regierungen in München und Berlin distanzierten sich beim Papst gegenüber dieser Rede und "entschuldigten" sich für diese.

Selbst im sozialdemokratischen "Vorwärts" wurde diese Rede als "Eselei" gekennzeichnet - zusammen mit dem gesamte Wirken Ludendorffs seit 1916. Pacelli zitiert das mit Genugtuung nach Rom. 

Aber der Reihe nach.

Die genannten Nuntiaturberichte sind schon seit 2003/06 der Forschung zugänglich. Sie wurden aber von Seiten der Forschung - soweit uns übersehbar - bislang so gut wie gar nicht ausgewertet. Eine beispielsweise 2007 erschienene, neue Biographie über Kronprinz Rupprecht von Bayern, die viele zuvor unbekannte oder wenig bekannte Perspektiven eröffnete, hatte keineswegs jene Eindeutigkeit, die bezüglich vieler ihrer Themen aus den Nuntiatur-Berichten des Pacelli klar hervor geht (s. Stgr2012). Vieles, was erst mit den 2019 online zur Verfügung gestellten Nuntiaturberichtetn klar wird, war in dieser Biographie so deutlich noch nicht sichtbar geworden. Um so wertvoller also, daß die Nuntiaturberichte 2019 online verfügbar gemacht wurden. Nun konnte man sich das offenbar erlauben. Nur noch "Fachleute" würden sich mit dem beschäftigen, was sie enthalten. Und die katholische Kirche hat im Jahr 2019 längst alle Ziele erreicht, um die in den Jahren 1923/24 so heftig gerungen worden ist: Insbesondere die Zerschlagung Preußens, die Bolschewisierung Ostdeutschlands, ja, sogar die Katholisierung und Entdeutschung eines Drittels des Territoriums des Deutschen Reiches von 1914.  

Abb. 3: Kronprinz Rupprecht von Bayern, ein treuer Gefolgsmann des Nunitus Pacelli - ihm war es nicht recht, daß Erich Ludendorff 1921 nach München umgezogen war - Hier im Gespräch mit Ludendorff, umgeben von den bayerischen Offizieren Hauptmann Siry, General Hemmer und Oberst Seisser - Auf dem "Trauer-Gedenktag" auf dem Königsplatz in München am 9. Oktober 1921 - An diesem Tag war der Kronprinz Rupprecht Ludendorff gegenüber "entgegenkommender als bisher"

 Wir lesen zunächst (UniMünster):

Eugenio Pacelli, der spätere Papst Pius XII. (1939-1958), ist eine der umstrittensten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Bereits als Nuntius in Deutschland von 1917 bis 1929 und dann als Kardinalstaatssekretär bis zu seiner Papstwahl am 2. März 1939 bestimmte er die vatikanische Politik maßgeblich mit. (...) Seit Februar 2003 beziehungsweise September 2006 sind in den vatikanischen Archiven die detaillierten Berichte zugänglich, die Pacelli als Gesandter des Heiligen Stuhls in München und Berlin Tag für Tag, manchmal sogar mehrmals täglich, nach Rom sandte. Seine Nuntiatur entwickelte sich in dieser Zeit zu einer Drehscheibe vatikanischer Europa- und Weltpolitik. Pacellis Schreiben eröffnen eine neue Perspektive auf die Entwicklung und die Rolle der katholischen Kirche in der Weimarer Republik, aber auch auf Politik und Alltagskultur dieser Jahre in Deutschland und Europa. Sie stellen das wichtigste zusammenhängende Quellenkorpus zum deutschen Katholizismus der Weimarer Zeit dar.

Wir stoßen auf diese Nunitaturberichte eher zufällig, weil wir in diesen finden, daß Nuntius Pacelli 1927 den Schwiegervater der erst kurz zuvor verheirateten Tochter Mathilde Ludendorffs (1926/27) ehrt. Durch diesen Umstand fällt einmal erneut ein völlig neues Licht auf die Geschichte der Tochter und des ältesten Enkelsohnes von Mathilde Ludendorff, zu der wir schon zuvor viele Anhaltspunkte für den Zeitgenossen verborgene jesuitische Einflußnahme festgestellt hatten (Stgr2025).

Aber diese jesutische Einflußnahme auf engste Familienangehörige Erich Ludendorffs ist ja nur eines von vielen Details in all dem, was sonst noch an Meinungen, Haltungen und Verhaltensweisen des Nuntius Pacelli in seinen Berichten Ludendorff gegenüber formuliert wird.

Nuntius Pacelli's Mitgefühl mit der Entente im Februar 1921

Am 5. Februar 1921 schreibt Pacelli (übersetzt aus dem Italienischen mit Google Übersetzer):

Deutschland befindet sich derzeit in einer äußerst kritischen Phase. Sobald die Beschlüsse der Pariser Konferenz bekannt wurden, erhob sich von allen Seiten ein heftiger, einstimmiger Protest gegen die dem deutschen Volk auferlegten „wahnsinnigen“, „unzulässigen“, „nicht durchführbaren“ und „tyrannischen“ Belastungen. Diese Empörung wurde, wenn auch natürlich in gemäßigterer Form, von Außenminister Simons wiederholt. In der Reichstagssitzung vom 2. Januar erklärte er, Deutschland sei zwar zu Verhandlungen bereit, könne die im Reparationsabkommen vorgesehene Vereinbarung jedoch nicht als mögliche Grundlage für neue Verhandlungen akzeptieren. Am folgenden Tag billigte und bekräftigte der Reichstag die Erklärungen des Ministers. Alle Parteien, mit Ausnahme der Kommunisten – die zudem aus revolutionärer Sicht die Auflagen der Entente ebenfalls ablehnen – erklärten, wie Präsident Löbe anmerkte, daß es unmöglich sei, diese Verpflichtungen zu übernehmen. Daher erklärte sogar der ehemalige Bundeskanzler Müller im Namen der sozialistischen Mehrheitsfraktion, daß keine deutsche Regierung bereit wäre, solche Vorschläge anzunehmen. Deutschland ist sich der Konsequenzen bewußt, denen es sich durch seine Ablehnung aussetzt, und der Sanktionen, die seine Feinde ihm auferlegen könnten; doch nach einer inzwischen berühmten Formel zieht es „ein Ende mit Schrecken einem Schrecken ohne Ende“ vor. Selbst die unabhängigen Sozialisten, die mit der Entente und insbesondere mit Frankreich verbündet waren, um die für die soziale Revolution notwendige Abrüstung zu erreichen, nahmen eine ablehnende Haltung gegenüber der Reparationsfrage ein. Seit dem 4. August 1914, so stellt die deutsche Presse mit Genugtuung fest, habe es im deutschen Volk nie wieder eine so vollkommene Einigkeit gegeben.
Die Beschlüsse der Pariser Konferenz umfassen bekanntlich zwei Teile: Reparationen und Abrüstung. Was die ersteren betrifft, so bekräftigt jeder in Deutschland die absolute Unmöglichkeit, die darin vorgesehenen enormen und phantastischen Zahlungen zu leisten, lehnt empört die lange Sklaverei ab, der selbst unschuldige zukünftige Generationen unterworfen bleiben würden, und prangert den wirtschaftlichen Ruin und die „Strangulation“ an, die diese Klauseln mit sich bringen würden. Was auch immer man von dieser angeblichen „Unmöglichkeit“ (über die es noch immer schwierig sein dürfte, ein sicheres Urteil zu fällen) halten mag.

Man halte fest: Pacelli spricht von "angeblicher Unmöglichkeit" und stellt sich damit in dieser Frage innerlich ziemlich eindeutig auf die Seite der Entente-Mächte und nicht auf die Seite des gesamten deutschen Volkes.

Abb. 4: Feier der Goldenen Hochzeit von Prinz Leopold und Prinzessin Gisela von Bayern zelebriert von Bischof Nuntius Pacelli - Links Kronprinz Rupprecht, rechts von Pacelli der Prinz Georg von Bayern, der katholischer Priester geworden war - Gemalt von Hermann Eißfeldt 1923 - Hermann Eißfeldt war Protestant, er hat später viele Porträts von Erich und Mathilde Ludendorff gemalt und deshalb Malaufträge von Seiten der Wittelsbacher und der Kirche verloren. 1929 beging er überraschend Selbstmord

Im weiteren erklärt er die Reparationsforderungen sogar für "verständlich". Genau das sollte ihm dann von Ludendorff in seiner großen Anklagerede vom 29. Februar 1924 zum Vorwurf gemacht werden (siehe unten). Pacelli erklärt die Reparationsforderungen für "verständlich", nicht jedoch die Abrüstungsforderungen, die auch die Einwohnerwehren Bayerns treffen würden, die das treukatholische Bayern bislang vor dem Kommunismus bewahrt hatten:

Trotz der Forderungen der Interalliierten Konferenz, die die französische Kammer als unzureichendes Minimum kritisierte, ist es dennoch verständlich, daß die Ententemächte, insbesondere diejenigen mit besonders schwierigen öffentlichen Finanzen, von den Besiegten Reparationen fordern, die, insbesondere in Frankreich, zum Wiederaufbau der vom Krieg verwüsteten Provinzen verwendet werden müssen. Weniger verständlich sind dagegen die Forderungen nach Abrüstung im Hinblick auf die Organisationen, die (angesichts der unbestreitbaren Unzulänglichkeit der Reichswehr mit nur noch 100.000 Mann, die Deutschland noch geblieben waren) die öffentliche Ordnung schützen sollen, woran die Entente selbst, wenn sie Reparationen erhalten will, ein höchstes Interesse haben muß. Abrüstung mag in der Tat gerechtfertigt und vernünftig erscheinen, da sie die Besiegten daran hindert, erneut zu den Waffen zu greifen. Nun ist es offensichtlich, daß Deutschland in seiner gegenwärtigen Lage militärisch absolut unfähig ist, die Entente anzugreifen. Was könnte beispielsweise die Bayerische Einwohnerwehr tun, selbst wenn man zugibt, daß sie aus dreihunderttausend Mann besteht (Herr Ministerpräsident von Kahr behauptet, es seien nur zweihunderttausend), viele von ihnen ältere Menschen, die nur mit Gewehren bewaffnet sind, gegen Frankreich, das über beeindruckende Stellungen am Rhein und eine äußerst schlagkräftige Armee verfügt, die mit den mächtigsten und modernsten Angriffsmitteln ausgestattet ist? Es erscheint daher unnötig hart, unter strengen Sanktionen die Entwaffnung und Auflösung dieser Einwohnerwehr zu fordern, die nach dem sehr traurigen bolschewistischen Experiment vom April/Mai 1919 in Bayern gegen alle Angriffe von rechts und links die Ruhe bewahrt hat.

"Unnötig hart". Hart also darf es schon sein. Die Reparationen dürfen "hart" sein, die Abrüstung darf "hart" sein. Aber letztere soll "nicht unnötig hart" sein. Der angeblich so "deutschfreundliche" Nuntius Pacelli. Wenn solche Worte im Jahr 1921 öffentlich bekannt geworden wären, hätte sich das deutsche Volk in großer Einigkeit gegen diesen Nuntius gestellt. Es hätte ihn als jemanden wahrgenommen, der auf Seiten der ehemaligen Feindmächte steht und Politik macht. Pacelli schrieb weiter in Verteidigung der bayerischen Einwohnerwehr dieses treukatholischen Landes:

Dies ist so wahr, daß dieses katholische Land, das in der ersten Zeit nach der Revolution aufgrund der Einmischung ausländischer Elemente das unruhigste und turbulenteste in ganz Deutschland war, heute zu einem Musterbeispiel an Ordnung und Arbeit geworden ist. Warum sollte man sie durch den Verlust ihrer Organisation der (von vielen hier als sicher bezeichneten) Gefahr eines Rückfalls in Anarchie und Chaos aussetzen? Es wurde gesagt (und das inoffizielle ... hat dies wiederholt behauptet), daß die bayerische Einwohnerwehr eine monarchische Restauration anstrebt, während die Entente ein Interesse daran hat, daß sich die von den linken Parteien vertretenen republikanischen und demokratischen Tendenzen in Deutschland entwickeln. Die Wahrheit ist jedoch, daß derzeit in Bayern kein ernsthafter Mensch an eine Wiederherstellung der Monarchie denkt. Im Gegenteil, die loyalsten Monarchisten sind auch die stärksten Gegner einer solchen Idee, sowohl weil die Proklamation der Monarchie weiterhin lebhafte Unruhen in den radikalen Parteien hervorrufen und das Land sehr wahrscheinlich in einen Bürgerkrieg und die Monarchie selbst in den endgültigen Ruin führen würde, als auch weil sie den König nicht den enormen Schwierigkeiten aussetzen wollen, mit denen das Land derzeit zu kämpfen hat. Die Rückkehr der Monarchie muß daher nach Ansicht ihrer Anhänger günstigeren Zeiten überlassen werden und eine spontane Folge des Volkswillens sein.

Man spürt, wie sehr Pacelli innerlich auf Seiten der katholischen Wittelsbacher steht und für sie denkt und fühlt.

Abb. 5: "Vorwärts", 1. März 1924 (DtDigBibl)

Etwas später schreibt er von "beklagenswerten Unvorsichtigkeiten":

Es läßt sich sicherlich nicht leugnen, daß in Bayern viele beklagenswerte Unvorsichtigkeiten begangen wurden und immer noch begangen werden. Unter ihnen müssen wir uns als Beispiel an das berühmte Landesfestschießen vom Sonntag, dem 26. September letzten Jahres erinnern, bei dem etwa vierzigtausend Mitglieder der Einwohnerwehr aus allen Teilen Bayerns (unter den wachsamen Augen der Vertreter der Entente) inmitten der Begeisterung der Bevölkerung durch die Straßen Münchens zogen, in geordneten Zügen, mit Gewehren bewaffnet und mit dem äußeren Anschein einer militärischen Organisation. Auch die Anwesenheit von General Ludendorff, der in der Nähe der bayerischen Hauptstadt lebt und bei Versammlungen auftritt, wo er herzlichen Beifall erhält, weckt innerhalb der Entente tiefstes Mißtrauen. Dennoch bleibt unbestreitbar, daß die Einwohnerwehr eine im Wesentlichen antikommunistische Organisation ist und für die Entente selbst keine wirkliche Bedrohung darstellen kann.

Man spürt, daß das "tiefste Mißtrauen" der Entente auch das Mißtrauen des Eugenio Pacelli selbst ist. Er erwartet schon zu diesem Zeitpunkt offenbar nichts Gutes von Ludendorff, obwohl er sich zu diesem Zeitpunkt, wenn wir es recht übersehen, noch gar nicht gegen irgendwelche separatistischen Pläne gestellt hatte.

"Ludendorff behindert die separatistische Bewegung des Hauses Wittelsbach" - September 1923

Zweieinhalb Jahre später scheint die Zeit zur Wiederherstellung der Monarchie schon bedeutend näher gekommen zu sein - nach Nuntius Pacelli. Am 10. September 1923 schreibt er nach Rom zunächst von den separatistischen Bestrebungen im Rheinland (Wiki), in deren Zusammenhang auch der dortige Oberkatholik und Oberbürgermeister von Bonn Konrad Adenauer eine - nach 1945 beschwiegene - bedeutende Rolle spielte: 

Immer hartnäckigere Gerüchte über eine durch Gold und französischen Druck begünstigte bevorstehende Loslösung der Rheinländer vom übrigen Deutschland haben bei vielen hierzulande die Überzeugung verbreitet, daß das Reich zum Zusammenbruch und Zerfall verurteilt sei, und haben daher die separatistische Idee hervorgebracht, mit der verbunden ist der Plan zur Wiederherstellung der Monarchie.

Daß das auch in Bayern durch Gold und französischen Druck begünstigt würde, erwähnt Pacelli nicht. Dieser Umstand war aber schon in den Prozessen gegen den Hochverräter Hubert Freiherr von Leoprechting (1897-1940) (Wiki) im Juli 1922 und im Prozeß gegen Georg Fuchs und Hugo Machhaus (1889-1923) (Wiki) im Juni 1923 bekannt geworden.*) Diese beiden Prozesse haben auch für die Erkenntnisgewinnung Ludendorffs eine große Rolle gespielt und waren Mitveranlassung für seine Beteiligung am Hitler-Putsch (2, 4).

Abb. 6: "Ludendorffs Warnung - Seine Rede vor dem Volksgericht München am 29. Februar 1924" (Deutscher Volksverlag E. Boepple München 1924)

Pacelli weiter: 

Herr von Kahr, ehemaliger Ministerpräsident Bayerns und jetzt Regierungspräsident von Oberbayern, zu dem auch München gehört, eine immer noch sehr einflußreiche Persönlichkeit, auf die die konservativen und monarchistischen Elemente in Bayern besonders zählen, besuchte mich gestern und sprach ohne Zögern mit mir darüber. Die bayerische Bevölkerung, sagte er, die mehrheitlich ihrem König (wie er Prinz Rupprecht während des Gesprächs zweifellos immer nannte) sehr verbunden sei, wolle die Monarchie und habe, obwohl sie sich als Deutsche fühle, nicht mehr die Absicht, von Berlin aus regiert zu werden. Die Wiederherstellung werde schwere Konflikte mit den sozialistischen Elementen mit sich bringen, besonders in einigen Zentren Nordbayerns; aber die Reichswehr sei loyal und die patriotischen Organisationen seien stark genug, um sich ihnen zu stellen. Herr von Kahr spielte auch auf die Idee einer Vereinigung Bayerns mit Österreich an, die man sich nach der Trennung erhoffe.

Genau das, was hier geäußert wird, hat Erich Ludendorff in all seinen Stellungnahmen zum Hitler-Ludendorff-Putsch vom November 1923 als gegeben unterstellt und als den Hauptgrund für seine Teilnahme an diesem Putsch genannt, und zwar, um genau diesen Separatismus zu verhindern. Bis heute wird genau dieser Separatismus als Hintergrund-Geschehen zum 9. November 1923 fast nirgendwo in den Geschichtsdarstellungen und Geschichtsbüchern zum 9. November 1923 auch nur ansatzweise erwähnt, geschweige denn ausreichend dargestellt. Mit diesem "wichtigsten zusammenhängenden Quellenkorpus zum deutschen Katholizismus der Weimarer Zeit" sollte dieser Aspekt wohl doch einmal wieder etwas deutlicher in das Sichtfeld rücken können. In dem Bericht heißt es weiter:   

Er (von Kahr) fügte hinzu, daß über die Haltung des Heiligen Stuhls die seltsamsten und widersprüchlichsten Gerüchte im Umlauf seien: Schon früher hieß es, er sei für eine Trennung, ...

holla die Waldfee - da haben wir es ja. Und von Kahr weiter: 

... jetzt behaupten einige stattdessen, er strebe vielmehr die Einheit des Reiches an. Ich erwiderte, daß beide Behauptungen gleichermaßen unbegründet seien, da es die unerschütterliche Maxime des Heiligen Stuhls sei, sich aus rein politischen Fragen herauszuhalten.

Zu diesen Worten wird von Kahr selbst innerlich geschmunzelt haben. Die ganze Offenheit, die hier von Kahr gegenüber dem Nuntius Pacelli bezüglich seine Pläne an den Tag legt, macht deutlich, daß er mit der vollen Zustimmung des Heiligen Stuhls und des Nuntius Pacelli gegenüber seinen Plänen zu allen Zeiten rechnete. Selbst wenn der Heilige Stuhl "in Worten" andere Haltungen vertreten würde, konnte er doch allein an der Offenheit, in der er mit Pacelli über diese Themen sprechen konnte, erkennen, daß er sich der Sympathien des Heiligen Stuhls sicher sein konnte. 

Abb. 7: "Die politischen Hintergründe des 9. November 1923 - Die Rede General Ludendorffs vor dem Volksgericht in München 1924" (Ludendorffs Verlag, München 1934)

Das wird in dem folgenden Absatz noch viel deutlicher: 

Die separatistische und restaurative Bewegung des Hauses Wittelsbach wird durch verschiedene in Bayern wirkende preußische Elemente, auch von rechts, etwas behindert, insbesondere durch Ludendorff, der sich (so von Kahr) übermäßig in die bayerischen Angelegenheiten einmische und die Leitung übernehmen möchte, während diese dem König obliegt. Am vergangenen Samstagabend hielt der König auf der Tagung des Nationalverbandes Deutscher Offiziere in München eine Rede (siehe Anhang), in der jedes Wort sorgfältig abgewogen war - wie Herr von Kahr bekräftigte - und in der er die Führungshaltung kritisierte, die Ludendorff einnehmen möchte, ohne ihn namentlich zu nennen. 

Es wird also schon hier klar benannt, wodurch "die separatistische Bewegung des Hauses Wittelsbach" behindert wird: "insbesondere durch Ludendorff".

Im September 1923 fand die hier erwähnte Tagung des Landesverbandes des Nationalverbandes Deutscher Offiziere in München statt. Bei dieser trat Kronprinz Rupprecht als Schirmherr auf und Hindenburg, der gerade in Bayern Urlaub machte, sandte Grüße. 

Dieser Nationalverband Deutscher Offiziere wurde also schon zu diesem Zeitpunkt unterschwellig in Frontstellung gebracht gegenüber Ludendorff. Diese Frontstellung gegen Ludendorff von Seiten des Nationalverbandes Deutscher Offiziere sollte im Jahr 1924 noch deutlicher zutage kommen. 

Es wird hier im übrigen auch deutlich, wie sehr aufeinander abgestimmt das Handeln von Kahrs und des Kronprinzen Rupprecht aufeinander war und wie offen darüber zum dritten gegenüber dem Nuntius Pacelli gesprochen werden konnte. Letzteres war nur möglich, weil man sich seiner Zustimmung und Sympathie sicher war, für die es natürlich auch sonst die reichsten Zeugnisse gibt. 

Wir lesen weiter:

Wenn sich Bayern tatsächlich abspalten und andererseits eine vom Reich unabhängige Rheinisch-Westfälische Republik errichtet würde, würde Letzteres – wenn es als solches fortbestehen sollte – fast ausschließlich aus protestantischen und größtenteils bolschewistischen Bevölkerungsgruppen bestehen, was die Lage der katholischen Kirche in diesen Ländern sehr schwierig machen würde.

Das war das einzige oder das wesentliche Problem, das Pacelli angesichts solcher künftig erwarteter Entwicklungen, bzw. Pläne hatte. Ansonsten hatte er recht wenig Probleme mit diesen Plänen. Man hört womöglich sogar heraus, daß es gar nicht das Schlechteste sein brauchte, die protestantischen, preußischen, ketzerischen Landesteile Deutschlands dem Bolschewismus anheim fallen zu lassen. (Was ja dann 1945 auch geschehen sollte, noch zu jener Zeit, in der Pacelli Papst sein sollte - und unter ausdrücklicher Zustimmung und Befürwortung des Kardinals Spellman in den USA in seinen Gesprächen mit Roosevelt.)

Hitler steht in "Ehrerbietung" von Kahr gegenüber - Ludendorff nicht - Oktober 1923

Ließen die bislang zitierten Berichte schon so gut wie keine Wünsche mehr offen an Deutlichkdeit, wird es womöglich noch spannender in dem Bericht vom 3. Oktober 1923. Denn hier kommt Pacelli nun auf die Rolle zu sprechen, die Adolf Hitler in diesen Plänen spielte:

Hochwürdigste Eminenz,

heute Morgen hat mich der Generalstaatskommissar in Bayern, Herr von Kahr, besucht. Er wiederholte mir gegenüber, wie schwer die Verantwortung auf ihm lastet und wie schmerzlich es für ihn ist, gegen die rechtsradikalen Elemente, die Nationalsozialisten, kämpfen zu müssen, mit denen er sich trotz ihrer Exzesse letztlich durch gemeinsame Ideale verbunden fühlt. Hitler hat ihm seine Ehrerbietung und persönliche Ergebenheit zum Ausdruck gebracht, und Kahr zweifelt nicht daran, mit ihm und seinen Anhängern zu einer Verständigung zu gelangen, was jedoch im Falle von General Ludendorff unmöglich erscheint. Darüber hinaus verfügt er über die Kraft, seine Autorität durchzusetzen; die Reichswehr (bekräftigte er) steht ihm in Bayern bis zum letzten Mann treu zur Seite.

Dieses Zitat macht die gesamte Situation am Vorabend des 9. November klar. Wenn also von Kahr, von Lossow und von Seisser in der Nacht vom 8. auf den 9. November 1923 sich vom Putsch Adolf Hitlers distanzierten, dann  nicht, weil für sie eine Zusammenarbeit mit Adolf Hitler ein Problem dargestellt hätte. Das einzige Problem war die "unmögliche" Zusammenarbeit mit Erich Ludendorff. Mit Hitler hätte man wittelsbacherischen Separatismus betreiben können - nicht aber mit Ludendorff. 

Auch in Rom kam ja die katholische Kirche mit dem Diktator Mussolini ganz gut zurecht. Dasselbe konnte man sich also schon vor dem Hitler-Ludendorff-Putsch auch mit Hitler vorstellen - wenn eben in diesen völkischen Kreisen dieser Ludendorff nicht so viel Einfluß haben würde. Und damit ist hier auch schon der Hauptgrund erkennbar, warum sich Hitler ab 1924 von Ludendorff distanzierte. Hitler wollte schon vor dem Putsch vom 9. November 1923 - so wie Mussolini - mit der katholischen Kirche an die Macht kommen, nicht gegen sie.

Das, was Bayern und das Rheinland damals von Italien unterschied, waren die engen staatlichen und wirtschaftlichen Verbindungen mit dem protestantischen Preußen und damit auch mit einer deutlich kritischeren Haltung in bürgerlichen Kreisen gegenüber der katholischen Kirche als es es eine solche im zeitgleichen Italien gab. Es ist klar, daß aus diesen Gründen die katholische Kirche in Deutschland und Bayern anders vorgehen mußte als in Italien.

"Nicht ohne Blutvergießen" - 9. November 1923

Am 9. November 1923 sendet Pacelli folgendes Telegramm nach Rom:

Gestern Abend erklärte Hitler, begleitet von bewaffneten Banden, die bayerische Regierung für zusammengebrochen, verhaftete den bisherigen Ministerpräsidenten und einen weiteren Minister und rief eine neue deutsch-nationale Regierung mit Ludendorf an der Spitze der Armee aus. Generalkommissar Kahr schloß sich, soweit ich weiß, der Bewegung offenbar zunächst nur an, um freie Hand zu bekommen und um Gegenmaßnahmen ergreifen zu können; man geht davon aus, daß er in Kürze wieder in sein Amt eingesetzt wird, aber wahrscheinlich nicht ohne Blutvergießen.
Pacelli

Angesichts der engen und offenen Verbindungen zwischen Pacelli und von Kahr kann man aus diesen Zeilen nur herauslesen, daß Pacelli "aus dem Nähkästchen" plaudert. Und er rechnet mit Blutvergießen. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, als ob das, was in diesem Satz enthalten ist:

Kahr schloß sich, soweit ich weiß, der Bewegung offenbar zunächst nur an, um freie Hand zu bekommen und um Gegenmaßnahmen ergreifen zu können,

schon vorher genau so geplant gewesen ist. Auch der Tagebuch-Eintrag von Faulhaber weist in diese Richtung, wenn er festhält:

Es ist gut, daß der antikatholische Charakter der Bewegung rechtzeitig an den Tag kam.

Vielleicht hatte man dann aber doch nicht mit der Vehemenz der antiklerikalen Stimmung in München und Bayern nach dem 9. November gerechnet. Noch am 9. November 1923 telegrafiert Pacelli erneut nach Rom:

Die Lage ist weiterhin kritisch. Nationalisten hetzen die Münchner Bevölkerung gegen den Klerus auf, insbesondere gegen den Kardinalerzbischof.

Am 14. November 1923 - nach "Niederschlagung" des Putsches - berichtet Pacelli nach Rom:

Eure Eminenz,
die Einzelheiten des nationalistischen Aufstands, der München in den letzten Tagen erschüttert hat (...), sind Eurer Eminenz inzwischen aus der italienischen Presse bekannt; daher brauche ich sie in diesem respektvollen Bericht nicht zu wiederholen. Zu einem Punkt, auf den ich bereits (...) hingewiesen habe, halte ich es jedoch für angebracht, Eurer Eminenz einige weitere Einzelheiten mitzuteilen: nämlich die antikatholischen Demonstrationen, die den Aufstand selbst begleiteten, die jedoch diejenigen, die die Veröffentlichungen rechtsradikaler Zeitungen wie des Völkischen Beobachters und des Heimatlandes verfolgt hatten, nicht überraschten.
Dieser Charakter zeigte sich vor allem in den systematischen Hetzkampagnen gegen den katholischen Klerus, mit denen die Anhänger Hitlers und Ludendorffs, insbesondere in öffentlichen Reden, die Bevölkerung aufhetzten und den Klerus so Beleidigungen und Spott aussetzten. Ihre Angriffe richteten sich jedoch insbesondere gegen diesen gelehrten und eifrigen Kardinalerzbischof, der in einer Predigt im Dom am 4. dieses Monats und in seinem Brief an den Reichskanzler, der von der Agentur Wolff am 7. dieses Monats veröffentlicht wurde, die Judenverfolgung verurteilt hatte. Hinzu kam das unbegründete und absurde Gerücht, das wahrscheinlich absichtlich in der Stadt verbreitet wurde und Seine Eminenz beschuldigte, die Meinung von Herrn von Kahr geändert zu haben. Wie allgemein bekannt ist, hatte er, während er zunächst im Bürgerbräukeller den Staatsstreich Hitler-Ludendorffs scheinbar unterstützt hatte, um Gewalt zu vermeiden, sich später dagegen ausgesprochen. – So kam es, daß während der Unruhen am vergangenen Samstagnachmittag eine große Gruppe von Demonstranten vor dem erzbischöflichen Palais marschierte und „Nieder mit dem Kardinal!“ rief. Glücklicherweise war Seine Eminenz nicht in München, da er an diesem Tag zur Weihe einer neuen Kirche in einem Ort in der Nähe von Mühldorf aufgebrochen war. Als er jedoch am folgenden Abend mit seinem Auto zurückkehrte, wurde er einer ähnlichen feindseligen Demonstration ausgesetzt. Diese antikatholischen Gefühle zeigten sich auch in den tumultartigen Studentenversammlungen, die vorgestern an der Universität stattfanden und an denen sich auch zwielichtige Elemente von außerhalb der Universität (und sogar aus Bayern selbst) beteiligten, was den Rektor schließlich dazu zwang, die Universität bis auf Weiteres zu schließen. Sogar an der Universität selbst, die in jüngster Zeit wiederholt Gegenstand der wohltätigen Fürsorge und Großzügigkeit des Heiligen Vaters gegenüber den Studenten war, gab es Aufschreie gegen den Papst, gegen den Erzbischof, gegen die katholische Kirche, gegen den Klerus, gegen die Jesuiten, gegen die „Weiße Internationale“ und gegen Herrn von Kahr, der, obwohl Protestant, von einem der Redner zum Ehrenmitglied der Gesellschaft Jesu ernannt wurde. Ich lege einen Artikel bei, der heute im Bayerischen Kurier erschienen ist und in dem diese bedauerlichen Ereignisse geschildert und gewürdigt werden.

Kühl, sachlich und nüchtern berichtet Pacelli diese Dinge nach Rom. Er berichtet also, es bestehe die unbegründete Vermutung ("das unbegründete und absurde Gerücht"), das Umschwenken von Kahr's sei unter dem Einfluß von Faulhaber geschehen. Bei der Offenheit, mit der sich von Kahr zuvor gegenüber Pacelli geäußert hatte, möchte man auch als nachlebender Historiker es nicht als unwahrscheinlich erachten, daß sich von Kahr bei diesem Umschwenken - wenn es nicht sowieso von vornherein so geplant gewesen war, so doch der Zustimmung des führenden Klerus in München sicher war, bzw. sicher sein konnte.

Ludendorffs Rede vor dem Volksgerichtshof in München - 29. Februar 1924

Ludendorffs Verteidigungsrede vor dem Volksgerichtshof ließ dann erneut die antikatholische Stimmung in Bayern hochgehen, wogegen sich die gesamte katholische Presse einmütig gewandt habe. Sie findet sich auch in Ludendorffs Lebenserinnerungen vollständig abgedruckt (3, S. 269ff). Pacelli's Bericht vom 3. März 1924 über sie lautet:

General Ludendorffs Angriffe auf den Heiligen Stuhl
Eure Eminenz,
im derzeit in München laufenden Prozeß nach dem nationalistischen Aufstand vom vergangenen November (...) machte General Ludendorff, einer der Angeklagten, in seiner Verteidigungsrede tendenziöse, wenn auch unbegründete Angriffe nicht nur auf die Deutsche Zentrumspartei und die Bayerische Volkspartei, sondern auch auf die Jesuiten, den Klerus, Seine Eminenz Kardinal Faulhaber und den Heiligen Stuhl selbst. Er warf ihm vor, eine deutschlandfeindliche Politik verfolgt zu haben und weiterhin zu verfolgen. Eure Eminenz, anbei finden Sie den Text der Rede selbst, wiedergegeben aus dem Bayerischen Kurier (Anlage I) und den Münchner Neueren Nachrichten (Anlage II). Sie ist ein charakteristisches Symptom des anhaltenden und blinden Fanatismus des intoleranten Protestantismus, der durch seinen eigenen Niedergang und das wachsende Ansehen des Papsttums verärgert ist.
Die katholischen Zeitungen haben es nicht versäumt, Ludendorffs Verleumdungen energisch zurückzuweisen, wie Eure Eminenz beispielsweise der ebenfalls hier beigefügten Ausgabe des Bayerischen Kuriers (Anlage III) entnehmen wird, in der bereits zwei Artikel veröffentlicht wurden, der erste von Baron von Cramer-Klett (Anlage II) und der zweite von der Redaktion der Zeitung selbst („Der Kampf gegen Rom“). Die inoffizielle Hoffmann-Korrespondenz hob die unermüdliche Nächstenliebe des Heiligen Vaters gegenüber den Bedürftigen in Deutschland hervor, mit einer Erklärung, die ebenfalls in der oben genannten Ausgabe des Bayerischen Kuriers wiedergegeben wurde. Eine ganze Reihe von Artikeln gegen Ludendorff erschienen nicht nur in der katholischen Presse, die zu Recht empört war, sondern auch - aus anderen Perspektiven - in nicht-nationalistischen Zeitungen im Allgemeinen. So widmete beispielsweise der sozialistische Vorwärts (Nr. 104) der Rede des Generals folgende ironische Bemerkungen: „Ludendorff versteht etwas von Strategie; wie viel, darüber streiten sich die Fachgelehrten. In der Politik ist er ein Esel von Gottes Gnaden. Eine Eselei war die Unterschätzung Amerikas, eine Eselei war das Eintreten für Eroberungsziele in einem Krieg, der höchstens durch ein Wunder als Verteidigungskrieg gewonnen werden konnte, eine Eselei war seine Flucht nach Schweden, eine Eselei war seine Rolle im Kapp-Putsch, eine Eselei war seine Rolle im Hitler-Putsch, eine Eselei war auch seine gestrige Rede.“

Auch Pacelli also schätzt die Situation so ein, daß im Jahr 1923 das Ansehen des Papstes in der Welt und in Deutschland "zunehmen" würde. Er meint genauer: Die Machtstellung des Papstes in der Welt und in Deutschland. Die hier zitierte Ausgabe des "Vorwärts" vom 1. März 1924 ist im Internet verfügbar (DtDigBibl) (Abb. 5). Pacelli registriert sozusagen mit Genugtuung, daß der "Vorwärts", der ansonsten auch selbst eher antiklerikal eingestellt war, sich in dieser Angelegenheit quasi "solidarisch" zeigt mit der katholischen Kirche. 

Der zitierte Leitartikel auf der ersten Seite des Vorwärts (Abb. 5) ist offenbar namentlich nicht gekennzeichnet, ist außerordentlich polemisch und geht auf die Inhalte von Ludendorffs Rede so gut wie gar nicht ein. Er will seine Leser offenbar davon "schützen", Sympathien für den Antiklerikalismus Ludendorffs zu entwickeln, der ja nun auch unter damaligen Sozialdemokraten weit verbreitet war. Pacelli weiter:

Heute Morgen besuchte mich Baron von Stengel, Ministerialrat im Auswärtigen Amt. Er wurde von Staatsrat Schmelzle (Vertreter des Ministerpräsidenten, derzeit abwesend in München) beauftragt, mir zu erklären, wie schmerzhaft diese Angriffe auf den Heiligen Stuhl für die bayerische Regierung waren. Er sagte, die bayerische Regierung sei sich der nicht nur korrekten, sondern auch wohlwollenden und freundlichen Haltung des Heiligen Stuhls gegenüber Deutschland während und nach dem Krieg durchaus bewußt und schätze diese. Die Regierung, fügte er hinzu, trage keine Verantwortung für die Aussagen einer Privatperson und erst recht eines Nicht-Bayern wie des oben genannten Generals. Ich fragte Herrn Baron, ob die Regierung beabsichtige, eine öffentliche (inoffizielle) Stellungnahme zu dieser Angelegenheit abzugeben, und er antwortete, die Angelegenheit sei geprüft worden, es bestehe jedoch die Sorge, daß angesichts des laufenden Prozesses eine solche Stellungnahme (die, wenn sie nicht ins Detail ginge, wirkungslos wäre) einerseits Ludendorff einen Vorwand für neue unangenehme Angriffe und andererseits wahrscheinlich Frankreich einen Vorwand für erneute Vorwürfe der Germanophilie gegen den Heiligen Stuhl bieten könnte.

Die Verteidigungsrede Ludendorffs schlägt so hohe Wellen, daß der Vatikan Pacelli um eine ausführliche Berichterstattung bittet. Am 10. April 1924 schreibt Pacelli:

Ich erfülle meine Pflicht und übersende hiermit Eurer Eminenz sowohl die oben erwähnte Rede von General Ludendorff in ihrem authentischen Text als auch einige Zeitungen, in denen hauptsächlich die absurden Anschuldigungen gegen den Heiligen Stuhl wegen seiner Haltung während und nach dem Krieg wiedergegeben werden. Sie lassen sich im Wesentlichen auf Folgendes reduzieren:
1) Während des Krieges verhielt sich der Vatikan nicht neutral, sondern feindlich gegenüber Deutschland und wohlwollend gegenüber Frankreich (Rede von General Ludendorff, Seite 14).
2) Pius X. hat laut einem Telegramm des  Freiherrn von Ritter, des bayerischen Ministers beim Heiligen Stuhl, Österreich zum Krieg gegen Serbien angestiftet.
3.) Beim Konsistorium vom 4. Dezember 1916 wurden sieben italienische und drei französische Kardinäle kreiert, jedoch keiner der deutschsprachigen, während die Erhebung der Inhaber der drei historischen Bischofssitze Breslau, Salzburg und Prag in den Purpurorden erwartet wurde. Der Heilige Vater erklärte, er wolle damit ein Zeichen seines Wohlwollens gegenüber Frankreich geben, und fügte den Wunsch hinzu: „Utinam renoventur gesta Dei per Francos!“ ("Mögen die Taten Gottes durch die Franken erneuert werden." ( Osservatore Rom., Nr. 338, 7. Dezember 1916).
Als die Ehrwürdigen Faulhaber und Schulte im Jahr 1921 zu Kardinälen ernannt wurden, bezeichnete Seine Heiligkeit sie vor allem als „Priester der römischen Kirche “ (Osservatore Rom. Nr. 58 vom 10. März 1921), während bei der Ernennung der französischen Kardinäle nie etwas Vergleichbares gesagt wurde.
4.) Benedikt XV. hat sich nie gegen die Entente-Mächte ausgesprochen, sondern immer gegen Deutschland (zum Beispiel indem er die Besetzung Belgiens verurteilte).
5.) Der Heilige Stuhl hat die Hungerblockade nicht verurteilt, in dessen Folge während und nach dem Krieg alte Menschen, Frauen und Kinder umkamen.
6.) Herr  von Stein, ehemaliger Kriegsminister Deutschlands, berichtet in seinem Buch „Erlebnisse und Betrachtungen aus der Zeit des Weltkrieges“, Leipzig 1919, daß der Heilige Stuhl sich oft im Namen der Franzosen, Italiener und sogar der Engländer und Amerikaner an die deutsche Regierung gewandt hat, während ihm keine besondere Intervention zugunsten der Deutschen bekannt ist.
7.) Seine Eminenzen Kardinal Gasparri in dem Brief vom 10. September 1917 an den hochwürdigsten Bischof von Valence – der als maßgebliche Interpretation der Päpstlichen Note für den Frieden bezeichnet wurde – und dann in einem weiteren an den hochwürdigsten Erzbischof von Sens, bekräftigte, daß die oben genannte Note zugunsten Belgiens und Frankreichs ausfiel. Dasselbe wurde in noch stärkeren Worten von Civiltà Cattolica (4. Mai 1918) wiederholt.
8.) L'Osservatore Romano Nr. 138 (17.968) vom 24. Mai 1919 erklärte, daß „das Vorgehen des Heiligen Stuhls während des Krieges stets zugunsten der Entente-Mächte und insbesondere Belgiens, Italiens und Frankreichs erfolgte“.
9.) Benedikt XV. bedauerte es, Franzose nur von Herzen zu sein und fuhr dann fort: "In diesem Wunsche und in diesem Gelöbnis ist der Franzose dem Herzen nach mit dem Franzosen von Geburt einig, um Frankreich die Vermehrung seines Ruhmes und seines Glückes zu wünschen." ("Benedict coeur, est telle, qu'en ce jour Nous faisons notre la joie ressentie par les français de naissance ..... Nous changes qu'on en fasse aussi part à celui qui sans être ne en France, veut être appelé l'ami de la France".) (L'Osservatore Romano N. 97 (17929) vom 7. April 1919). London behauptete 1921, den deutschen Einfluß im Vatikan zerstört zu haben.
(...) (?)
12.) Benedikt XV. nannte Frankreich in seiner Rede vom 14. August 1921 die „Mutter der Heiligen“ (L'Osservatore Romano Nr. 193 vom 15.-17. August 1921).
13.) Seine Heiligkeit Pius XI. verurteilte nicht die ungerechte Invasion des Ruhrgebiets, sondern die legitime Verteidigung der Deutschen durch Sabotageakte.
14.) Der Papst selbst stachelte in seiner Ansprache vom 23. Mai 1923 die Katholiken Deutschlands zur „Gegenreformation“ an. Dies ist die tendenziöse Interpretation, die die Großdeutsche Zeitung den Worten gibt: „...vel ex illa Germania catholica, quae lugendum ab Ecclesia Romana discidium, abhine quatuor saeculis factum, studio tam acri, tamque solid et apta vitae christianae disciplina, in medio ipso furore belli compensatovit, atque etiam in praesenti diskrimine.“ compensatot“ (Osservatore Rom. N. 118 vom 24. Mai 1923). (Deutsch: „... oder von jenem katholischen Deutschland, das die bedauerliche Trennung von der römischen Kirche, die vor vier Jahrhunderten stattfand, durch ein so scharfsinniges, so solides und der Disziplin des christlichen Lebens angemessenes Streben kompensierte, mitten in der Wut des Krieges und sogar in der gegenwärtigen Zwietracht.“
Darf ich zur Ergänzung des oben Gesagten hinzufügen, daß das nationalistische Organ „Großdeutsche Zeitung“ in seinen Angriffen gegen den Heiligen Stuhl auch Folgendes veröffentlichte:
Einer italienischen Zeitung zufolge habe ich „die kompromißlose Politik Frankreichs in der Reparationsfrage im Jahr 1920 unterstützt“. – Der Bayerische Kurier hat bereits in Nr. 94 vom 3. dieses Monats geantwortet, daß sich der Nuntius nie in politische Angelegenheiten eingemischt habe, die ihn nichts angingen, und daher auch nicht in solche Reparationsfragen.
In Anbetracht all dessen erscheint es, was Deutschland betrifft, höchst angemessen, die päpstlichen Akten zu veröffentlichen, auf die Eure Eminenz in dem respektvollen verschlüsselten Telegramm Nr. 85 anspielte, das mich heute Morgen erreichte, obwohl es meiner untergeordneten Meinung nach im vorliegenden Fall weniger ratsam wäre, sie in den bereits erwähnten Stimmen der Zeit, herausgegeben von den Vätern der Gesellschaft Jesu, zu veröffentlichen, da dies in der Öffentlichkeit Mißtrauen erregen und daher die erwartete Wirkung weniger weitreichend und wirksam machen könnte. Es ist für mich nicht leicht zu beurteilen, welche Auswirkungen eine solche Veröffentlichung in den Entente-Ländern, insbesondere in Frankreich, haben könnte.

Wir hatten schon oben gesehen, daß Pacelli tatsächlich in seinen eigenen Berichten nach Rom die "kompromißlose Politik Frankreichs in der Reparationsfrage unterstützt" hat, daß er "Verständnis" für sie hatte. 

Abb. 8: "Der Nationalverband Deutscher Offiziere in Selbstbeleuchtung!" - Eine Schrift Erich Ludendorffs von 1924/25

Das Jahr 1924 durchzieht dann im weiteren die Auseinandersetzung zwischen dem Kronprinzen Rupprecht von Bayern und Erich Ludendorff, weil letzterer ersteren unmittelbar nach dem 9. November 1923 in einem Interview als mitverantwortlich bezeichnet hatte für das Scheitern des Putsches. Dies faßte der Kronprinz als eine Ehrensache auf. Verschiedene Vermittlungsversuche zwischen beiden scheiterten, was wesentlich dazu beitrug, daß Ludendorff unter den "oberen Zehntausend" Deutschlands für Jahre hinweg nicht mehr so gelitten sein sollte wie er es zuvor gewesen war.

Dabei steht es heute sogar ausdrücklich auf Wikipedia (Wiki):

Trotz einigen Versuchen, ihn (den Kronprinzen Rupprecht) durch Ernst Röhm mit dem Versprechen einer Wiederherstellung der Monarchie zu gewinnen, wurde Rupprecht nie dazu verleitet, sich der NSDAP anzuschließen. Er half vielmehr, Gustav von Kahr davon zu überzeugen, Hitler während des Putsches 1923 nicht zu unterstützen.

Die Internetseite pacelli-edition.de war zwischen 9. und 17. August 2025 nicht zugänglich. Seither kann der vorliegende Beitrag noch nach und nach weiter vervollständigt werden. - Gleichzeitig mit diesem Aufsatz erscheint ein Video, in dem die Inhalte dieses Aufsatzes in Videoform referiert werden (siehe: Yt2025).

_____________

*) Machhaus war Hauptschriftleiter des "Völkischen Beobachters". Es ist hochinteressant, wie sein Wirken von Historikern eingeschätzt wird (Wiki): "Die Finanzierung von Machhaus’ Aktivitäten in den Jahren 1922 und 1923 und seine Verbindungen zum Hitler-Kreis gaben in späteren Jahren, so bei dem frühen Hitler-Biographen Konrad Heiden, wiederholt Anlaß zu Vermutungen, daß Machhaus in diesen Jahren als eine Art Verbindungsmann der NSDAP nach Frankreich fungiert haben könnte und daß er der NSDAP in ihrer Frühphase verdeckte finanzielle Unterstützungen durch den französischen Staat vermittelt habe, der durch eine Stärkung der radikalen Partei zu einer Destabilisierung des deutschen Staates habe beitragen wollen. Heiden verweist auf Mitteilungen, die er erlangt habe, daß französische Regierungsstellen der NSDAP über 8 oder 9 Zwischenstellen, die sich insbesondere im Saarland befunden hätten, Gelder hätten zukommen lassen. Heiden hält das Szenario einer bewußten Tätigkeit Hitlers für die Franzosen jedoch für äußerst unwahrscheinlich: Stattdessen stellt er die ihm als plausibler erscheinenden Möglichkeiten in den Raum, daß Machhaus der NSDAP französische Gelder vermittelt habe, ohne daß Hitler als geschworener Franzosenfeind von der Herkunft derselben gewußt habe (sondern hierüber getäuscht geworden sei) bzw. daß Hitler hiervon schließlich erfahren habe und Machhaus deswegen verstoßen habe. Auch Heiden bezweifelte, daß Machhaus' Tod ein authentischer Suizid gewesen war. Dies begründete er damit, daß Machhaus sich nach seinen Informationen in seiner Zelle mit seinem Hosengurt erhängt habe, was aber insofern verwunderlich sei, als es normalerweise üblich sei, Gefangenen anläßlich ihrer Inhaftnahme Gürtel und ähnliches abzunehmen. Dementsprechend hält er es für naheliegend, daß bei Machhaus’ „sonderbarem“ Suizid nachgeholfen worden ist."

___________

  1. Ludendorff, Mathilde (Hg.): General und Kardinal. Ludendorff über die Politik des neuen Papstes Pius XII. (Pacelli) 1917 - 1937. Zusammengestellt und herausgegeben von Mathilde Ludendorff. Ludendorffs Verlag, München 1939 (Heft 1 des "Laufenden Schriftbezuges 8") (Archiv)
  2. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Ludendorffs Verlag, München 1941 (Archiv)
  3. Ludendorff, General: Auf dem Weg zur Feldherrnhalle. Lebenserinnerungen an die Zeit des 9. 11. 1923 mit Dokumenten in 5 Anlagen. Ludendorffs Verlag, München 1937 (1. - 54. Tsd.) (156 S.) (ScribdArchiv, als Hörbuch); mit Dokumenten in 6 Anlagen. 1938 (55. - 64. Tsd.) (174 S.) (GB) (die schwerer erhältliche, ergänzte 6. Anlage). Faksimile-Druck der Ausgabe von 1937 in: Archiv-Edition, Verlag für ganzheitliche Forschung, Viöl 1996
  4. Ludendorff, Erich: Ludendorffs Warnung. Seine Rede vor dem Volksgericht München am 29. Februar 1924. Deutscher Volksverlag E. Boepple, München 1924 (Folge 2 der Reihe "Flugschriften der völkischen Bewegung") (67 Seiten); erneut Ludendorffs Verlag, München 1934
  5. von Kemnitz, Mathilde: Der göttliche Sinn der völkischen Bewegung. Festrede anläßlich der Geburtstagsfeier Ludendorffs in Prinz-Ludwigshöhe im April 1924. (pdf)

Beliebte Posts