"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Dienstag, 17. Juni 2014

Adolf Hitler bekam es wörtlich: "Nie will der Lebend'ge Lebendige knechten" - von Mathilde Ludendorff im Jahr 1923

Hitlers erhaltene Bibliothek bestätigt die Lebenserinnerungen Mathilde Ludendorffs - und die Erinnerungen Ernst Hanfstaengls an sie als eine "tapfere Frau"

Im August 1923 hat die naturwissenschaftsnahe Philosophin Mathilde Ludendorff (1977-1966) (Wiki) auf Bitten des NS-Vordenkers Gottfried Feder (1883-1941) (Wiki) Adolf Hitler aus ihrem damals ganz neu erschienenen Buch "Triumph des Unsterblichkeitwillens" vorgelesen. Was bis heute nicht bekannt war, ist der Umstand, daß sich in Hitlers Privatbibliothek eine Ausgabe dieses Buches erhalten hat, versehen mit einer handschriftlichen Widmung der Autorin selbst, die sie ihm - sicherlich aus diesem Anlaß - hineingeschrieben haben wird. Ohne Frage hätte diese Buchwidmung eine sinnvolle Verteidigung Mathilde Ludendorffs vor dem Spruchkammerverfahren in München 1949 und 1950 darstellen können, in der sie als Schuldige am Nationalsozialismus angeklagt war - wenn sie denn diese Buchwidmung so in Erinnerung gehabt hätte oder wenn gar damals schon das Original dieser Buchwidmung bekannt gewesen wäre. Die Widmung besteht aus zwei Auszügen aus dem Buch selbst, jeweils mit Seitenangabe zitiert. Im folgenden seien diese beiden Auszüge zunächst zitiert (16, S. 76; deutscher Text nach der Ausgabe von 1959):

V. Gesang "Das heilige Rätsel" (58)
Vergiß nie, du junge gesegnete Seele,
Wenn niemals das Jenseits du lässest,
So bist du vollkommener Gott,
Solange du lebest.
VII. Gesang "Runen des Seins" (73)
So schreite denn hin in die Gaue des Landes
Und künde den armen, von Machtgier geknechteten Sippen
Die wahren Runen des Seins!
Und künde dem lieben, todkranken Volke
Dies Trostwort der Mutter:
Nie will der Lebend'ge Lebendige knechten
Es knechtet der plappernde Tote nur plappernde Tote!!
Doch bist du lebendig, mein Volk,
So bist Gott du und frei!
Es wird wohl schon gesagt werden können, daß das deutliche Worte sind gegenüber einem Menschen wie Adolf Hitler:
Nie will der Lebend'ge Lebendige knechten
Es knechtet der plappernde Tote nur plappernde Tote!

Und es darf gefragt werden: Wer sonst hat Adolf Hitler jemals solche - oder vergleichbare Worte - als persönliche Widmung in ein Buch geschrieben und dann natürlich auch den Geist dieser Worte im mündlichen Gespräch ihm gegenüber vertreten? Im folgenden soll geschildert werden, was über die drei Begegnungen zwischen Mathilde Ludendorff (damalige Mathilde von Kemnitz) und Adolf Hitler im Jahr 1923 bekannt geworden ist und was über dieselben gesagt werden kann. Die erste fand im Februar 1923 wohl in München im Beisein von Parteiführern statt, die zweite fand im August 1923 im Haus von Gottfried Feder in Murnau statt und die dritte fand im Herbst 1923 im Haus von Mathilde von Kemnitz in Tutzing statt. 

Um zunächst einen Eindruck von der gesellschaftlichen Atmosphäre zu erhalten, in dem das zweite dieser Gespräche stattgefunden hat, sei auf eine Abbildung hingewiesen (Abb. 1). So ähnlich wie auf diesem Foto, das viele Jahre nach 1923, irgendwann in den 1930er Jahren entstanden ist, wird man sich auch die Situation vorstellen dürfen, in der es im August 1923 in Murnau in Oberbayern im Haus von Gottfried Feder abends zu einem der Gespräche zwischen Adolf Hitler und Mathilde von Kemnitz, spätere verheiratete Ludendorff gekommen ist (1-13).

Abb. 1: In der Goebbelswohnung am Reichskanzlerplatz in Berlin, 1930er Jahre: Adolf Hitler, Ernst Hanfstaengl (am Klavier), Magda Goebbels (?) und Freundin/Schwester/Schwägerin (?), Wilhelm Brückner, Joseph Goebbels

Über dieses Gespräch gibt es nicht nur eine Darstellung von Mathilde Ludendorff (3), sondern auch den Bericht eines Augenzeugen, nämlich von Ernst Hanfstaengl (1887-1975) (Wiki) (4). Da die Lebenserinnerungen von Ernst Hanfstaengl auch sonst nicht gerade das unwesentlichste Dokument zur Zeitgeschichte darstellen, soll im vorliegenden Beitrag etwas weiter ausgeholt werden. Es soll zunächst einmal versucht werden, das Wirken dieses Ernst Hanfstaengl insgesamt hintergrundpolitikkritisch auszuleuchten und einzuordnen. Dazu zunächst der folgende Exkurs, den der Leser gerne auch erst einmal überspringen kann, um dem Hauptgedanken der Einleitung weiter zu folgen (dann bitte weiter unter der übernächsten Überschrift: "Diese tapfere Frau" ...).

Exkurs: Ernst Hanfstaengl im Umfeld von Geheimdiensten und -gesellschaften

Internationale Okkultlogen müssen im Auge behalten, in welche politischen und weltanschaulichen Richtungen sich jene bewegen, die sie als ihre "Sendboten an die Völker" ansehen. Also die uns bekannten Vordergrund-Politiker, die uns, den Völkern, mitunter, nunja: "von der Vorsehung" gesandt werden. Also zum Beispiel Adolf Hitler.

Wie es scheint, haben die Okkultlogen schon sehr früh für einen solchen Beobachterposten den deutsch-amerikanischen Historiker und Kunstverleger Ernst Hanfstaengl in das persönliche Umfeld von Adolf Hitler gesandt. Um auf dem Laufenden zu bleiben und vielleicht auch, um dort einen etwaig möglichen oder notwendigen Einfluss auszuüben. Hanfstaengl stellt sich in seinen Erinnerungen so dar, als seien die meisten seiner Adolf Hitler gemachten Vorschläge von diesem nicht angenommen worden. Ob dies wirklich stimmt, bleibe dahingestellt. Wichtiger für die Geheimdienste wird in jedem Fall gewesen sein, was sie von ihm an Beobachtungen und Eindrücken aus erster Hand über Adolf Hitler bekommen konnten.

Schon seit 1914 war Hanfstaengl unter anderem bestens befreundet mit dem jüdischen Geheimagenten und Journalisten Rudolf Kommer (1886-1943) (Wiki) (4, S. 27ff). Dieser hatte laut Wikipedia während des Ersten Weltkrieges im Auftrag des österreichischen Geheimdienstes gearbeitet. Und sein zahlungskräftigster Gönner war - zumindest über viele Jahre - vor allem der jüdische Wallstreet-Bankier und Hitler-Finanzier Otto Hermann Kahn (s. Wiki). Beide Umstände erwähnt Hanfstaengl in seinen Erinnerungen nicht. Dadurch kann er natürlich auch die Bedeutung seiner Freundschaft zu Kommer gewissermaßen verschleiern, bzw. im Halbdunkel lassen.

Abb. 2: Ernst Hanfstaengl nach dem Zweiten Weltkrieg

Der amerikanische Geheimdienst war dann zumindest verwickelt in die Vorgänge, die zur Flucht von Hanfstaengl aus Deutschland im Jahr 1937 führten (8). Und dass der amerikanische Geheimdienst auch danach ein großes Interesse an diesem Ernst Hanfstaengl hatte, zeigt sich daran, dass Hanfstaengl von diesem Geheimdienst scharf im Auge behalten wurde (6, 7). Er wurde von einigen - vielleicht nur untergeordneten Abteilungen - des amerikanischen Geheimdienstes gar als ein Vertreter des innerdeutschen Widerstandes gegen Hitler wahrgenommen. Hanfstaengl rechnete in seinen politischen Analysen während des Zweiten Weltkrieges mit einem innerdeutschen Staatsstreich gegen Adolf Hitler und mit einer Machtübernahme gemäßigter Kreise rund um - man höre und staune: Ernst Jünger (7). Damit wären ja das anglo-amerikanische Bündnis mit der Sowjetunion, sowie die damit verbundenen gemeinsamen Kriegsziele "bedingungslose Kapitulation" und Zweiteilung Deutschlands und Europas entlang der Elbe (5) gefährdet gewesen. Hanfstaengl blieb deshalb auch die gesamte Kriegszeit über interniert (bis 1947!). Mal unter luxeriösen Bedingungen und als kein geringerer denn als Berater des amerikanischen Präsidenten Roosevelt, mal unter sehr schlechten Bedingungen. Seine Internierung erinnert an die Unterbringung deutscher Astrologen in Konzentrationslagern im Dritten Reich während des Zweiten Weltkrieges. Etwa an die des Wilhelm Wulff, der - aus dem KZ heraus (!) - Hofastrologe der deutschen Geheimdienstchefs Heinrich Himmler und Walter Schellenberg war (13).

Es soll hier nicht zu weit ausgeholt werden. Es sei nur zusammenfassend gesagt, dass Ernst Hanfstaengl viele gute Freunde hatte sowohl im Umfeld der amerikanischen Präsidentenfamilien Roosevelt und Wilson, der sie umgebenden, oft jüdischstämmigen politischen Berater, Wallstreet-Banker, außerdem im Umfeld der internationalen Satanisten (Aleister Crowley, Hanns Heinz Ewers), ebenso im Umfeld der deutschen Rechtskonservativen (Schacht, von Papen, Rudolf Diels, Oswald Spengler, Ernst Jünger).

Man darf sich bei einem solchen persönlichen Netzwerk schon das eine oder andere denken. Schon diese personellen Netzwerke sagen demjenigen, der viele Beiträge des Blogs "Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!" in den letzten Jahren gelesen hat, recht viel. Es scheint sich immer wieder um die gleichen Netzwerke, "Herrenklubs" und satanistischen Okkultlogen zu handeln.

Ziel internationaler Okkultlogen und Geheimdienste: Den Antisemitismus unterlaufen oder überwinden

Hanfstaengl berichtet nun in seinen Erinnerungen unter anderem über den Hitler-Ratgeber Dietrich Eckart (1868-1923) (Wiki), der als einer der wichtigsten geistigen Anreger Adolf Hitlers gilt (4, S. 50) (Hervorhebung nicht im Original):

Mir war er bald ein lieber Freund (...), der ungefähr aus den gleichen Beweggründen wie ich Hitler bereits vor Jahren unter seine Fittiche genommen hatte und laufend einen Teil seiner reichlich fließenden Tantiemen der Partei überließ.

Jede Formulierung hat hier Gewicht. Und so sei denn auch festgehalten: Für Hanfstaengl gibt es nicht nur andere Leute, die Adolf Hitler "unter ihre Fittiche nehmen". Unter anderem dadurch, dass sie ihn finanzieren. Sondern er selbst hat es genauso getan - nach seinen eigenen Worten. Und so hat er ja in der Tat auch selbst Adolf Hitler finanziert. So wie dies dann auch "Gönner" nahestehender Freunde tun sollten, die Adolf Hitler also womöglich auf diese Weise ebenfalls "unter ihre Fittiche" nahmen von eben jenem New York her, von dem ja auch Ernst Hanfstaengl nach Deutschland gekommen war. (So nimmt es ja beispielsweise auch Karlheinz Deschner in seinem Buch "Der Molloch" an.)

Die Worte "aus den gleichen Beweggründen wie ich" wird man sich dann ebenfalls auf der Zunge zergehen lassen können. Welche Beweggründe waren es denn dann? Dazu auch noch am Ende dieses Blogbeitrages ein Hinweis. Aber Dietrich Eckart selbst hilft ebenfalls schon weiter. Der habe Hanfstaengl einmal gesagt (4, S. 105) (Hervorhebung nicht im Original):

"Wissen's, Hanfstaengl, mit dem Antisemitismus von heute komme ich nicht mehr mit. Den habe ich transzendental in mir überwunden."
Abb. 3: Der dekadente Dandy Hanns Heinz Ewers

Ähnliche Äußerungen findet man übrigens auch sonst in den Schriften Dietrich Eckarts (nach freundlicher mündlicher Auskunft von Buchautor Stephan Berndt). Also war es womöglich auch einer der "Beweggründe", Hitler unter die Fittiche zu nehmen, um durch die Förderung Hitlers den Antisemitismus - zu überwinden. Also mit und in ihm selbst ein "Selbstmordprogramm" auszulösen. Hitler endete ja auch durch Selbstmord oder dadurch, dass er sich heroisch "zum Opfer darbrachte" (mit einigen Millionen anderen). Und das klingt dann auch sehr ähnlich wie das, was beispielsweise Friedrich Hielscher über den Antisemitismus der damaligen Zeit im deutschen rechtskonservativen Raum geschrieben hat. ("Israel ist auf 'das Reich' hin ausgerichtet und umgekehrt.") Es sind das auch Gedanken, die unter "völkischen" Freimaurern jener Zeit gänige Münze waren.

Da machte man ja dann zum Beispiel Moses oder Jesus zu "Ariern", um den gegen Moses und Jesus gerichteten Antisemitismus - zu unterlaufen, sprich, "zu überwinden". Und nach Alfred Kommer in der Wiedergabe von Ernst Hanfstaengl (siehe letztes Zitat dieses Beitrages) mussten die deutschen Rechtskonservativen und Völkischen unter jüdische Leitung gestellt werden, wenn sie es zu etwas bringen sollten. Was dann aber auch zu einem offenbar hinzunehmenden "Gnade Gott uns Juden und Deutschen"-Geschehen führen würde. So mag ja denn auch "die Vorsehung" mitunter arbeiten aus Sicht von okkult gesonnenen Menschen ...

Interessanterweise kommt Ernst Hanfstaengl in seinen Erinnerungen auch immer wieder darauf zu sprechen, dass er schon ab 1923 sehr bewusst und stetig die antiklerikale Richtung innerhalb der NSDAP rund um Alfred Rosenberg bekämpft hat. Und dass er eine Annäherung zwischen Adolf Hitler und der katholischen Kirche befürwortet hat und sie gefördert hat wo immer er konnte. Unter anderem auch 1923/24 gegenüber dem bayerischen Ministerpräsidenten Held. Und dies alles sogar, obwohl Ernst Hanfstaengl selbst und seine Familie, wie er sagt, evangelisch waren.

Man gewinnt also den Eindruck, dass Hanfstaengl selbst schon recht viel Bibelgläubiges "synkretistisch" in sich vereinigt und "transzendental überwunden" hatte. Warum auch nicht in jenen internationalen esoterischen Kreisen, in denen er sich bewegte. Sagen wir einmal in so illustren wie denen rund um Aleister Crowley - ebenfalls ein Mitarbeiter des britischen Geheimdienstes, wie viele vermuten, und wie es nichts weniger als naheliegend ist. - / Exkurs-Ende!/

"Diese tapfere Frau" - Ernst Hanfstaengl über Mathilde Ludendorff

Hanfstaengl ist nun überraschenderweise einer der wenigen, von dem ein einigermaßen authentischer, unabhängiger Augenzeugenbericht vorliegt über eine der drei persönlichen Aussprachen zwischen Mathilde von Kemnitz (spätere Ludendorff) und Adolf Hitler, die im Jahr 1923 stattgefunden haben, und über die es ja im nachhinein allerhand Gerüchte gab. Gottfried Feder, der diese Aussprachen im Jahr 1923 jeweils herbeigeführt hatte, starb schon 1941 mit 48 Lebensjahren. Die Ursachen seines frühen Todes werden auf Wikipedia (Deutsch und Englisch), sowie in der Neuen Deutschen Biographie (24) nicht erörtert. Es wäre noch zu prüfen, ob ein unveröffentlichter Nachlaß von Gottfried Feder vorhanden ist, dem Erinnerungen oder Zeugnisse zu diesem Gespräch entnommen werden können. Feder war verheiratet mit einer Schwester des deutschen Historikers Karl Alexander von Müller (1882-1964) (Wiki), die nervenärztlich von Mathilde von Kemnitz behandelt wurde. Dadurch entstand die enge Verbindung von Feder zu Mathilde von Kemnitz. Feder hinterließ zwei Söhne und eine Tochter (24). Sein Schwager, der Historiker, hat Erinnerungen hinterlassen, die noch einmal heran zu ziehen wären. Es sollte eigentlich angesichts solcher familiärer Verhältnisse nahe liegend sein, daß sich ein Nachlaß von Gottfried Feder erhalten hat.

Jedoch geben auch schon die Buchbesprechungen und Aufsätze von Gottfried Feder über das philosophische Werk von Mathilde von Kemnitz bis zum Jahr 1926 einen sehr deutlichen und klaren Eindruck von der großen Hochachtung, die auf seiner Seite gegenüber Mathilde von Kemnitz vorgelegen hat. In dem Aufsatz, den er im Jahr 1926 aus Anlaß der Hochzeit von Mathilde von Kemnitz mit Erich Ludendorff veröffentlicht hat, gewinnt man den Eindruck, daß er schon tiefer in ihr philosophisches Werk eingedrungen war, als zu diesem Zeitpunkt noch Erich Ludendorff selbst (25). Aus der großen Hochachtung Feders gegenüber Mathilde von Kemnitz ist ja allein das Zustandekommen der Aussprachen zwischen ihr und Hitler zu erklären.

In den Erinnerungen von Ernst Hanfstaengl aus dem Jahr 1970 (4) findet sich nun über eine der drei Begegnungen zwischen Adolf Hitler und Mathilde von Kemnitz ein durchaus anschaulicher und aufschlussreicher Bericht. Wie man aus seinen Erinnerungen überhaupt einen vergleichsweise dichten und auch authentischen Eindruck von dem politischen Leben und auch dem Privatleben rund um Adolf Hitler in jenen Jahren erhält. Wie richtig oder verzerrt dieser Eindruck auch sonst ist, darüber finden sich, soweit wir sehen, in den großen Hitler-Biographien und den dortigen Einschätzungen zum Quellenwert dieser Lebenserinnerungen von Ernst Hanfstaengl noch wenig konkrete Hinweise. Zumeist werden diese Erinnerungen einfach als glaubwürdige Quelle ausgewertet. Und man hat auch das Gefühl, daß man mit seinem Buch dichter dran ist als mit fast allen anderen Berichten, die über diese Zeit aus dem persönlichen Umfeld von Adolf Hitler bekannt sind.

Nun zu den Einzelheiten. Vom 14. bis 18. Juli 1923 hatte das 13. Deutsche Turnfest in München stattgefunden (Wiki, GA-j!). Hanfstaengl hatte damals die Einweihung von SA-Fahnen durch den Benediktiner-Abt Albanus Schachleiter (auch Alban Schachleiter; 1861-1937) (Wiki) anläßlich einer Gedenkfeier für Albert Leo Schlageter in München gegenüber Hitler in Vorschlag gebracht. Und da Hanfstaengl auch einer der ersten Augenzeugen des Reichstagsbrandes war (der zumindest von Hans Bernd Gisevius als okkultes Zeichen dargestellt wird), bekommt man so eine Ahnung davon, daß womöglich auch dieser "Opfertod" von Albert Leo Schlageter - wie später der von Hanfstaengl gemeinsam mit Ewers filmisch aufgearbeitete "Opfertod" von Horst Wessel - irgendeine Haupt- oder Nebenbedeutung im Denken oder sogar Handeln von Okkultlogen gehabt haben könnte. Jedenfalls erschien Hanfstaengl diese Einweihung der SA-Fahnen im Angesicht der von Alfred Rosenberg innerparteilich ausgehenden antiklerikalen Gefahren (4, S. 109f)

wie der Anbeginn einer neuen Phase in der nationalsozialistischen Bewegung im Zeichen religiöser und weltanschaulicher Toleranz - eine Hoffnung, die jedoch schon bald zuschanden werden sollte. Denn kaum eine Woche später veröffentlichte der "Völkische Beobachter" einen Leitartikel seines rabiaten Chefredakteurs (Alfred Rosenberg), in dem der Papst als Medizinmann (...) apostrophiert wurde.   

Ziemlich witzig ist hier, daß für Hanfstaengl eine solche Apostrophierung nun kein Ausdruck religiöser und weltanschaulicher Toleranz ist. Da werden die Bewertungen geradezu auf den Kopf gestellt und das macht deutlich, wie weit das "Mitgefühl" des Ernst Hanfstaengl mit Priestern ging. In diesem Falle mit katholischen. Man darf sie nicht "Medizinmänner" nennen.

Aber merkwürdigerweise stellt Hanfstaengl dann den Inhalt des nachfolgenden Kapitels 28 gar nicht mehr in Bezug zu diesem gescheiterten "Anbeginn einer neuen Phase weltanschaulicher Toleranz" innerhalb der NSDAP. Von einem "Ausflug nach Neuschwanstein" gemeinsam mit Adolf Hitler berichtet Hanfstaengl für den August 1923. Er fährt fort (4, S. 111f) (Hervorhebung nicht im Original): 

Eine Parteikundgebung in der Turnhalle in Murnau, zu der auch zahlreiche Teilnehmer aus München gekommen waren, bildete den Abschluß dieses Besuches. Gottfried Feder, der hier lebte, veranstaltete nach Schluß der Kundgebung eine kleine Teegesellschaft in seinem Hause, an der, außer Hitler und mir, auch noch einige andere Gäste, darunter Mathilde von Kemnitz, die spätere zweite Frau Ludendorffs, teilnahmen. Feder (...) erwies sich in seinen vier Wänden als Mann von beachtlicher Bildung und Kultur. Gleiches galt von seiner Frau. (...) So ergab es sich wie von selbst, daß ich nach dem Abendessen Frau Feder zu drei Schubertliedern begleitete, ...

- einen Eindruck von einer solchen Szene ergibt, wie oben schon gesagt, Abbildung 1 -

... während im Rahmen der weit geöffneten Terrassentür die mondhelle Augustnacht das ihre dazu beitrug, den Stimmungszauber dieser Stunden zu erhöhen. Nur Frau von Kemnitz widerfuhr bei dieser Gelegenheit das Mißgeschick, mit ihrer, von einem durchsichtigen Chiffronkleid eingehüllten imposanten Körpersilhouette derart in das Hintergrundlicht dieser weißen Nacht zu geraten, daß eine stehend von ihr erteilte Vorlesung über Rasseaufzucht und Freikörperkultur gleich eine recht anschauliche plastische Untermalung erfuhr.

Was sich hier also alles so im Gedächtnis dieses Herrn Hanfstaengl aufgespeichert hat und was er glaubt, der Nachwelt aus diesem überliefern zu müssen. Jedoch ist es wenig glaubhaft, daß Mathilde von Kemnitz damals über "Freikörperkultur" gesprochen hat. Das war, soweit übersehbar, für sie niemals ein Thema. Es macht dies vielmehr - ebenso wie die Schilderung ihrer "imposanten Körpersilhouette" - nur deutlich, welche anzüglichen Assoziationen bei Hanfstaengl noch in den 1960er Jahren auftauchten, wenn er an Mathilde Ludendorff dachte. Warum diese Assoziationen aufkamen, wird weiter unten wohl noch deutlicher werden. Und falls Hanfstaengl meinte, daß für die damalige Mathilde von Kemnitz "Rasseaufzucht" etwa ausgerechnet etwas vor allem mit "Freikörperkultur" zu tun hatte, so muß er da wohl ebenfalls vieles falsch verstanden - oder besser in seiner Erinnerung falsch assoziiert - haben. Hanfstaengl schreibt jedoch weiter, wobei eine inhärente Frauenabwertung natürlich auch schon in dem Umstand beschlossen liegt, daß er in Bezug auf Mathilde Ludendorff meistens nur den Vornamen gebraucht. Er schreibt (Hervorhebung nicht im Original):

Auch wenn ich mich mit den Lehrmeinungen der Dame Mathilde nie habe befreunden können, in ihrer geistigen Unabhängigkeit und Kompromißlosigkeit hat diese tapfere Frau stets meinen vollen Respekt gehabt.
Und weiter heißt es:
An jenem Abend im Hause Feder gestaltete sie ihre Auslassungen über Weltgeist und Weltall ein wenig zu ermüdend; ...
- Auch "Weltgeist" ist kein damaliger oder späterer Ausdruck, der in der Philosophie von Mathilde Ludendorff gebraucht wird. Insofern jedoch der pantheistisch verstandene "Weltgeist" der Philosophie Hegels damit gemeint sein sollte, würde Hanfstaengl hier wohl dennoch nicht allzu viel falsch verstanden haben. Mathilde Ludendorff spricht in ihren Werken eher davon, daß "das Weltall von Gott durchseelt" ist. Hanfstaengl berichtet weiter:
.... schließlich wandte sie sich mit ihrer Forderung nach einer neuen, im nordischen Ahnenerbe wurzelnden Religion direkt an Hitler. Der schien aber nicht bereit, sich auf religionsphilosophisches Glatteis locken zu lassen, sondern erklärte kurz angebunden: "Für mich hat das Weltall nur im astronomischen Sinne Bedeutung. Weshalb ich mich auch der Meinung derer anschließe, die glauben, daß es der Menschheit eines Tages gelingen wird, erfolgreich zu anderen Gestirnen vorzustoßen. Aber das sind reale Ziele. Und genauso begreife auch ich meine Aufgabe lediglich praktisch und politisch. Dabei will ich nicht ausschließen, daß es möglicherweise irgendwann einmal einen Philosophen geben wird, der aus dem, was wir wollen und erstreben, ein neues Glaubenssystem entwickelt."
Gerade rund um Alfred Rosenberg und rund um den führenden Philosophen des Dritten Reiches Alfred Bäumler hat es ja später solche Bestrebungen gegeben. Es sei erinnert an Eduard Baumgarten, Konrad Lorenz und andere, wie hier auf dem Blog in zwei anderen Beiträgen schon ausgeführt worden ist (26). Hanfstaengl weiter:
Darauf Frau Mathilde, sich zu voller Körpergröße straffend und das Denkerhaupt emporgereckt, als lausche sie bereits dem Flügelschlag der Ewigkeit: "Dieser Philosoph, Herr Hitler, steht bereits vor Ihnen!"
Ob es sich genau so zugetragen hat oder überhaupt zugetragen haben kann, soll an dieser Stelle dahin stehen. Mathilde Ludendorff selbst berichtet in ihren Erinnerungen (siehe unten), daß es ihr in diesem Gespräch um die Erkenntnis gegangen sei, "daß ein klares religiöses Erkennen die Grundlage des völkischen Ringens sei". Und so kommt es einem auch plausibler und schlichtweg sachlicher vor. Hanfstaengl jedenfalls weiter (Hervorhebung nicht im Original):
Angesichts solcher Glaubensstärke versuchte Hitler erst gar nicht, irgendwelche Zweifel anzumelden, sondern erhob sich nur wortlos kurz danach, um sich von unseren Gastgebern und den anderen Besuchern zu verabschieden. Da man uns zum gemeinsamen Übernachten das Gastzimmer des Hauses zur Verfügung gestellt hatte, machte ich mir einen Spaß daraus, ihn vor dem Einschlafen noch ein wenig mit den von Frau von Kemnitz entwickelten Perspektiven zu frozzeln.

"Da sehen Sie, was auf uns zukommt", sagte ich. "Nicht nur Kommunisten, sondern ganze Kolonnen von Amazonen und streitbaren Blaustrümpfen formieren sich, um Ihnen den Führungsanspruch streitig zu machen. Und ich fürchte, Herr Hitler, diese Damen werden noch weniger Spaß verstehen, als Moskaus Jünger. Da gibt's nur eins: Rasch auf die Seite legen und gut ausschlafen, um den kommenden Ereignissen mit wachen und furchtlosen Augen entgegenzublicken. Gute Nacht."

Man gewinnt insgesamt den Eindruck, daß diese Erzählung - wie manches andere in den Lebenserinnerungen von Hanfstaengl - eher romanhaft geschildert ist. Obwohl Hanfstaengl die Bestrebungen der Mathilde von Kemnitz in keiner Weise in Beziehung setzt zu den zeitgleichen von Alfred Rosenberg, hört man jedenfalls doch hindurch, wie hier ein reines Männermilieu sich frozzelnd davor fürchtet, daß ihm ein "Führungsanspruch" abhanden kommen könnte - gar durch eine Frau. Die Ludendorff-Bewegung ist ja auch später von Adolf Hitler als ein sehr gefährlicher Gegner wahrgenommen worden wie in vielen Beiträgen hier auf dem Blog deutlich wird. Das ging ja bis zu Mordplänen Hitlers gegen Erich Ludendorff im Jahr 1937. - Hanfstaengl kommt in seinen weiteren Erinnerungen auf den politischen und weltanschaulichen Kampf zwischen der NSDAP und der Ludendorff-Bewegung nicht mehr zu sprechen. Es wird dieser für ihn als Auslandspressechef der NSDAP ab dem September 1930 auch nicht unbedingt im Fokus der Aufmerksamkeit gestanden haben.

Daß er aber von der Art des Kampfes der NSDAP gegen Mathilde Ludendorff und gegen die Ludendorff-Bewegung allgemein manches mitbekommen haben muß, was auch die oben erwähnten Assoziationen mit hervorgerufen haben wird, geht aus einer Bemerkung an ganz anderer Stelle seiner Erinnerungen hervor. Eine Bemerkung, die er zur Charakterisierung des engsten ("Chauffeur-")Kreises rund um Adolf Hitler macht, eines Kreises, der Hitler - nach Darstellung von Hanfstaengl - allmählich immer stärker von seiner sonstigen Umgebung abgeschirmt hätte. Zur Kennzeichnung dieser "Chauffeureska"  schreibt Hanfstaengl nun unter anderem (4, S. 313):

Das geistige Niveau war gleich Null. Um ein Beispiel zu geben: Eines Tages war Schaub in den Besitz von Nacktbildern von Mathilde Ludendorff gekommen, vermutlich aufgenommen, als diese exzentrische Dame irgendwo eine Naturheilkur machte. Sie wurden mit wieherndem Gelächter herumgereicht.

Es ist naheliegend, daß dies um 1929 oder 1930 herum geschehen ist. Womöglich hatte diese Bilder der vormalige völkische Reichstagsabgeordnete Georg Ahlemann (1870-1962) an Adolf Hitler weitergegeben, der sich ja nicht zu schade dafür war, sie in seinem Tresor aufzubewahren. Anstatt sie einfach zurückzugeben. Julius Schaub (1898-1967) (Wiki) war von 1925 bis 1945 der persönliche Chefadjutant Adolf Hitlers. Sollte aber Hanfstaengl nun wirklich nicht mitbekommen haben, daß diese Fotografien eine nicht ganz unwichtige Rolle gespielt haben im Kampf der NSDAP gegen die Ludendorff-Bewegung (10-12) - - - um eben jenen "Führungsanspruch", den auch er, Hanfstaengl, schon 1923 frozzelnd als durchaus gefährdet angesehen hatte?

Jedenfalls wird deutlich, daß seine Erinnerungen an das Jahr 1923 auch von den nachherigen Erfahrungen mitgeprägt sind. Auch wenn diese nicht ausdrücklich genannt werden. Haben Kreise um Hanfstaengl also - nach Hanfstaengls eigenen "frozzelnden" Worten - die Ludendorff-Bewegung als gefährlicher angesehen als den Kommunismus? Die Frage darf gestellt werden. Eine solche Einstellung schwingt ja auch mit in den Worten Hanfstaengls, die da lauteten:

In ihrer geistigen Unabhängigkeit und Kompromißlosigkeit hat diese tapfere Frau stets meinen vollen Respekt gehabt.

Nun wird es sicherlich nicht ganz unwichtig sein, die Erinnerungen von Ernst Hanfstaengl an diese Gespräche den Erinnerungen von Mathilde Ludendorff gegenüber zu stellen.

Mathilde Ludendorffs Erinnerungen an diese Gespräche

Ihre Erinnerungen wurden im Frühjahr 1937 aufgeschrieben und im Jahr 1956 veröffentlicht. Die sicherlich nicht ganz unwichtige Frage, ob und wie umfangreich sie nach 1937 noch einmal überarbeitet worden sind, könnte nur an den Buchmanuskripten selbst geklärt werden, die im Ludendorff-Archiv in Tutzing vorliegen und im Testament Mathilde Ludendorffs ausdrücklich erwähnt werden (siehe andernorts). Und die auffallenderweise von Verantwortlichen für dieses Ludendorff-Archiv mitunter als "unbedeutend" abgetan werden. Mathilde Ludendorff schreibt jedenfalls in der bis heute veröffentlichten Fassung (3, S. 106f):

Als Gottfried Feder wieder und wieder drängte, ich solle doch Hitler einmal sehen und beurteilen und zu einem Parteitag (Februar 1923) kommen, lehnte ich dies zwar gründlich ab, versprach aber, mit ihm eine kleine Nachversammlung aufzusuchen. Es waren Hitler und etwa 20 Männer versammelt, die Gauführer der Partei waren. Er sprach zu ihnen, als stünde er dicht davor, ihnen allen hohe Stellungen im Staate zu verschaffen! So unterstützten seine Worte noch das, was ein fataler Zug um seinen Mund an sich schon über ihn verriet. Als er nun anfing, Mussolini als einen herrlichen Helden zu rühmen, da konnte ich diesem meinem Kommen nur dadurch einen Sinn geben, daß ich eingriff und sagte: "Mussolini hat Grausamkeiten begangen und begeht sie noch. Im deutschen Volke wird eine Bewegung nur dann Bestand haben können, wenn sie ohne derlei zur Macht kommt und sich an der Macht erhält. Wir wollen kein zweites Mittelalter!"

Etwas überrascht blickte er auf, um dann fast schreiend zu antworten, man müsse froh sein, wenn man so Großes wie Mussolini je werde leisten können, statt sich da Kritik anzumaßen. Mit dieser Antwort hatte er Gottfried Feder ungewollt gründlicher gewarnt, als ich es je hätte tun können, und ich sagte nur noch: "Sie werden natürlich Ihren Weg gehen, vielleicht werden Sie im Leben noch einmal an das, was ich sagte, zurückdenken." Zu Feder sagte ich nach unserem Weggehen: "Hitler hat Sie ja selbst sehr gut belehrt. Sorgen Sie, daß die Nachgiebigkeit seiner Umgebung nicht wächst, denn mindestens im gleichen Tempo wird seine Brutalität sonst wachsen! Da er aber ein außergewöhnlicher Willensmotor ist, sehe ich in dieser Hinsicht schwarz."

Falls es zu dieser Begegnung noch weitere, unabhängige Erinnerungen gibt, wären diese künftig für diesen Beitrag noch zu ergänzen. - Der folgende Absatz in den Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff bezieht sich dann auf jenes Zusammensein, an dem auch Ernst Hanfstaengl beteiligt war, und von dem Hanfstaengl berichtete (dessen Namen sie mit ä statt richtig mit ae schreibt) (Hervorhebung nicht im Original) (3, S. 107):

Wenige Monate darnach sollte mir eine Einladung zu Feders nach Murnau, zu der auch Hitler mit Hanfstängl gekommen war, beweisen, bis zu welchem Ausmaße zum Beispiel Regierungsrat L. die Huldigung und Vergottung schon betrieb. Doch ließ sich Hitler da noch Kritik an seinen unsinnigen Belehrungen über die Frauenbewegung und anderem von mir gefallen. Ja, ich sagte ihm auch, welches Unheil es für ihn bedeuten werde, wenn er von Schmeichlern oder von Urteilsunfähigen vergottende Worte anhören werde. Da er aber bei dieser Gelegenheit und anderwärts des öfteren zur Antwort gab: "Ich bin nur der Trommler, das Volk leiten muß ein Größerer, dem ich nur die Wege bereiten will. Ich selbst sehne mich darnach, nach dieser Arbeit mich auf einen stillen Landsitz, wahrscheinlich nach Berchtesgaden zurückzuziehen", so glaubte man ihm das so gut, wie er es sich damals wohl glaubte. Aber wie leicht, wie entsetzlich leicht wird dieser Mensch zu irgendeinem Aberglauben auch an sich selbst zu leiten sein, so sorgte ich. Doch als ich an diesem Tage dann hörte, wie er in Murnau das Volk zum Deutschsein und zum entschlossenen Handeln im Vortrag anfeuerte, sagte ich mir schließlich: Als Trommler wird er also nicht schaden, sondern vielleicht helfen können.

Falls alle diese Worte schon im Buchmanuskript von 1937 enthalten waren, müßten sie doch als sehr weitsichtig bezeichnet werden. Daß aber bei dieser Gelegenheit auch philosophische Themen besprochen wurden, wie Hanfstaengl sich erinnert, erwähnt Mathilde Ludendorff nicht. Dieses Thema erwähnt sie aber bezüglich des letzten Zusammentreffens mit Hitler (3, S. 107f):

Daß ich trotz dieses Einblickes im Herbst dieses Jahres noch einmal eine oft wiederholte Bitte Feders erfüllte, Hitler durch Vorlesen einer Stelle aus meinem philosophischen Werke davon zu überzeugen, daß ein klares religiöses Erkennen die Grundlage des völkischen Ringens sei und auch sein müsse, das habe ich mir später nicht verziehen! Ich sagte ihm: "Ich verspreche mir davon gar nichts, der Mann kann hier nicht folgen." Aber schon während ich das sprach, sagte ich mir, daß ich hierdurch, da ich ja wußte, daß er dicht vor einem geplanten Umsturz der Regierung stand, doch eine hohe Verantwortung auf mich lud und daß hier wohl Rücksichtslosigkeit gegen mich selbst notwendig sei. So kamen sie denn beide nach Verabredung in mein Haus. Es war tatsächlich dieses Vorlesen sehr unangenehm, und ich erhielt, als ich zehn Minuten darnach abschloß, die Antwort, die noch weit aufschlußreicher war, als ich sie erwartete: "Ein Gott, der sich so von einem Menschen in die Karten gucken läßt, der kann mir nicht imponieren. Ich kümmere mich nicht um religiöse Fragen, sondern ich will den Kommunismus besiegen. Die religiöse Frage ist leicht durch ein paar moderne zugkräftige Christusfilme erledigt. Ihre Zwillinge imponieren mir mehr als Ihre Bücher." Entsetzt muß ich ausgesehen haben, als mir diese Antwort ausgesprochen wurde, denn meine Tochter sah es mir an. "Ich weiß nun," antwortete ich ihr, "daß andere Menschen unser Volk retten müssen!" (...) Was Hitler später über diese seine Zusammenkunft mit Feder und mir der Führerin des Frauenordens vorzulügen oder vorlügen zu lassen für gut hielt, um meine Frauenehre zu besudeln, nahm sie offenbar freudig auf und verbreitete es.

Bei dem letzten Satz handelte es sich um das Gerücht, daß Mathilde Ludendorff sich Adolf Hitler als Ehefrau angeboten hätte oder ähnlich. Auch die Quellen für dieses Gerücht wären noch einmal herauszusuchen. Es scheint, daß Adolf Hitler selbst der Verursacher dieses Gerüchtes war. Die sonstigen Widersprüche und Gemeinsamkeiten zwischen den Erinnerungen von Mathilde Ludendorff und Ernst Hanfstaengl sind ja offensichtlich und müssen hier nicht weiter erörtert werden.

Hitlers erhaltene Bibliothek und darin sein Exemplar von Mathilde Ludendorffs "Triumph"

[Ergänzung 17.6.2014.] Es ist nun wahrscheinlich, daß Mathilde von Kemnitz bei der letzten behandelten Begegnung Adolf Hitler das Buch geschenkt hat, aus dem sie vorgelesen hat, und daß sie diesem die schon eingangs zitierte handschriftliche Widmung vorangestellt hat. Und dieses Buch hat Adolf Hitler dann bis 1945 in seiner Bibliothek aufgehoben. Es ist dann mit vielen anderen Büchern derselben nach Washington gebracht worden, wo es noch heute in "der größte Bibliothek der Erde", der Kongreß-Bibliothek eingesehen werden kann (15-22). (Auf diesen Umstand wurden wir erst aufmerksam ein Jahr nachdem wir im vorliegenden Blogartikel schon die Lebenserinnerungen von Ernst Hanfstaengl ausgewertet hatten so wie oben geschehen.) Obwohl die "Süddeutsche Zeitung" schon im Jahr 1945 über diese erhaltenen Bücher Adolf Hitlers berichtet hat (15) und der damalige Autor Hans Beilack den von ihm durchgesehenen Bestand im Münchner Dokumentenzentrum der Dritten US-Armee gerne vorzeigte, bevor er 1947 in die USA geschafft wurde, und obwohl in den 1970er Jahren über die Frage der Rückforderung dieser Bücher nach Deutschland in Zeitungen berichtet wurde und auch die deutsche Botschaft in Washington mit ihr befaßt gewesen ist, ist - sonderbarer Weise - keiner der bedeutenden Hitler-Biographen auf die Idee gekommen, diesen Bestand einmal gründlicher durchzusehen. Ein sehr auffälliger Umstand, der wohl noch nicht vollständig ausgeleuchtet worden ist.

Erst im Jahr 2000 ist die erste wissenschaftliche Studie über "Hitlers Bücher" erschienen. Und zwar auf Ungarisch von Seiten des rumänisch-ungarischen Siebenbürgen-Spezialisten Professor Ambrus Miskolczy (geb. 1947) (Wiki) (16). 2001 veröffentlichten dann zwei deutsche Historiker des "Deutschen Historischen Instituts" in Washington eine umfassende Bibliographie (17), bewerteten aber die Bedeutung dieser Bücher für eine Gesamtbeurteilung Hitlers überraschenderweise als denkbar gering.

Es mußte erst das Jahr 2003 kommen, damit der amerikanischer Journalist Ryback in einem vielbeachteten Artikel eine größere Zahl von Menschen und Wissenschaftlern auf diesen Bücherbestand und seine Bedeutung aufmerksam machte (18). Er zeigte sich - wie schon der ungarische Historiker - insbesondere beeindruckt davon, daß diese Restbestände von Hitlers Bibliothek - mehr sind es nicht - viele okkulte und christlich-religiöse Bücher enthalten.

Obwohl dieser amerikanische Journalist selbst nun hinwiederum diesen Umstand in seiner eigenen Buchveröffentlichung im Jahr 2008 zum Thema (22) überraschenderweise gar nicht mehr gründlicher herausstellt und behandelt, hat er dann doch schon im Jahr 2004 endlich einen deutschen (übrigens betont vatikantreuen) Historiker zu mancher wichtigen Neubewertung Adolf Hitlers veranlaßt (20). Trotz der Vatikan-Treue dieses Autors handelt es sich bei seinem Buch um ein sehr wichtiges, da es signalisiert, daß auch die "etablierte" Historikerschaft den okkulten Interessen Hitlers ein größeres Gewicht beizumessen gezwungen ist, als sie sich dazu bislang verstanden hat.

Schon der Ungar und so jetzt auch der Vatikantreue behandeln sogar die "gnostischen" Interessen Hitlers. Gut gesichert ist übrigens schon seit langem, daß Hitler überzeugter Anhänger der okkultnahen "Welteislehre" von Hörbiger gewesen ist. Viele Anhänger dieser Lehre haben zugleich auch an Astrologie geglaubt oder ihr bejahend gegenübergestanden. So etwa auch 1931 Egon Friedell in seiner "Kulturgeschichte der Neuzeit". Dies ist ein wichtiger Hinweis - unter vielen anderen - darauf, daß es sehr wahrscheinlich ist, daß auch Adolf Hitler selbst an Astrologie geglaubt hat. In seiner Bibliothek hat sich im übrigen auch ein Nostradamus-Buch gefunden, das die mehrfach von Zeitzeugen berichteten Nostradamus-Interessen Hitlers bezeugt.

Abb. 4: Fotografie eines Exemplars der Erstauflage von "Triumph des Unsterblichkeitwillens"
von Mathilde von Kemnitz (1922)

Der amerikanische Journalist Ryback schreibt (18) erst über intensive Lektüre christlicher Bücher durch Adolf Hitler (vielleicht Mitte der 1930er Jahre, als es viele für Hitler unerwartete Diskussionen rund um die "Deutschen Christen" und die "Reichskirche" gab). Ryback betont dann aber, daß Hitler eigentlich Antichrist gewesen ist und schreibt:

Hitler war der klassische Abtrünnige. Er rebellierte gegen die etablierte Theologie, in die er geboren worden war und in der er aufgewachsen war. Dabei suchte er die daraus resultierende spirituelle Leere zu füllen. Wie die Bibliothek Hitlers nahe legt, hatte er keinen Mangel an zeitgenössischen Propheten, die alternative Theologien hausieren gingen. Mathilde von Kemnitz, die Frau von Erich Ludendorff, dem verehrten General des Ersten Weltkrieges, der mit Hitler zusammen den Putsch in München durchführte, bewarb einen neo-teutonischen heidnischen Kult, der die Zerstörung der Kirchen und die Schaffung von Waldtempeln als Opferplätzen forderte 
Original: Hitler was the classic apostate. He rebelled against the established theology in which he was born and bred, all the while seeking to fill the resulting spiritual void. As the Hitler Library suggests, he found no shortage of latter-day prophets peddling alternative theologies. Mathilde von Kemnitz, the wife of Erich Ludendorff, the venerated World War I general who joined Hitler in the Munich putsch, promoted a neo-Teutonic pagan cult that called for the destruction of churches and the creation of forest temples and places of sacrifice.

Daß Mathilde Ludendorff einen "neo-teutonischen, heidnischen Kult" befürwortet haben soll, der die "Schaffung von Waldtempeln als Opferplätze" befürwortet habe, bezeugt hier natürlich nur die groteske, aber weit verbreitete Unkenntnis und Sorglosigkeit in der Recherche von Seiten des amerikanischen Journalisten Ryback. Eher sollte er da seine mangelnde Sorgfalt "bizarr" nennen, als jene Buchwidmung, auf die er dann zu sprechen kommt, die am Anfang unseres Blogbeitrages schon im deutschen Originalwortlaut zitiert worden ist und die für Ryback womöglich schon deshalb "geheimnisvoll" und wie eine "Verrücktheit" klingt, weil seine Übersetzung nicht jedes Mißverständnis auszuschließen scheint. Wäre denn, so mag vielleicht gefragt werden, als Übersetzung für "Jenseits" im Sinne von Mathilde Ludendorff nicht "beyond" oder "otherworld" besser geeignet als das Wort "afterlife", um den Gedanken zu verdeutlichen, der in der gebrachten Widmung enthalten ist, nämlich daß es nur um die Zeit des einzelnen Menschenlebens selbst geht, nicht um ein irgendwie geartetes übernatürliches Weiterleben nach dem Tod? Ryback jedenfalls schreibt:

A 1922 volume of her writings, Triumph of the Will to Immortality, bears a bizarre and cryptic inscription to Hitler.
Now don't forget you young, blessed soul,
If you never leave the afterlife
You will thus be a perfect God
For as long as you live.
Hitler tolerated Kemnitz's neo-pagan looniness until Ludendorff's death, in December of 1937. In the autumn of 1939 the Nazi government, invoking wartime rationing, terminated paper supplies for Kemnitz's publication At the Holy Well (Am Heiligen Quell), effectively silencing her movement. Kemnitz, who survived the war, never forgave Hitler the betrayal.

Ryback hat die Widmung aber nicht vollständig zitiert und auch nicht geschrieben, das es sich einfach um Zitate aus dem Buch selbst handelt, wie man dies bislang nur dem Buch des ungarischen Historikers entnehmen kann. Danach hat Mathilde von Kemnitz nämlich zwei Stellen aus ihrem Buch für die Widmung ausgewählt, so wie schon zitiert. 

Aber festgehalten sei: Durch diese unabhängige Überlieferung werden die Worte Mathilde Ludendorffs in ihren Lebenserinnerungen ziemlich einwandfrei bestätigt, ja, sogar noch verstärkt. Sie hat in ihren Lebenserinnerungen aus dem Nachhinein ihre Hitler gegenüber offen geäußerte Kritik keineswegs übertrieben. Womit auch das um 1930 in der NSDAP ausgestreute Gerücht immer unglaubwürdiger wird, sie hätte aus diesem Anlaß Hitler einen Heiratsantrag gemacht oder ähnliche Dinge mehr.

Hätte Mathilde Ludendorff sich an den Wortlaut dieser Widmung noch erinnert beim Verfassen ihrer Lebenserinnerungen, hätte sie also sicher viel Grund gehabt, diese Widmung zu zitieren. Weshalb das in künftigen Auflagen ihrer Lebenserinnerungen in einer Anmerkung ergänzt werden sollte. Auch wäre es sicher gut, noch eine Fotografie von dieser Widmung zu haben, um den letzten (auch noch vom ungarischen Historiker angedeuteten) Zweifel auszuräumen dahingehend, daß diese Widmung tatsächlich von ihr selbst stammt. Dazu müsste nur einfach einmal jemand die Kongreßbibliothek in Washington aufsuchen (21):

Wer die Bücher in der Hand halten möchte, der muß einen Laufzettel ausfüllen und wartet im Lesesaal.

Vielleicht findet sich noch ein Leser dieses Artikels, der uns eine Fotografie einsenden kann. Nach dem Literaturnachweis des ungarischen Historikers handelte es sich übrigens um die erste Auflage des "Triumph des Unsterblichkeitwillens" aus dem Jahr 1922 (23).

Der rumänisch-ungarische Historiker Professor Ambrus Miskolczy ist übrigens in Siebenbürgen geboren und aufgewachsen, sein Forschungsschwerpunkt stellt die Geschichte Siebenbürgens dar, er ist der österreichisch-ungarischen Monarchie zugetan und für ihn ist die Dreisprachigkeit Ungarisch-Rumänisch-Deutsch selbstverständlich (wie es auf seinem ungarischen Wikipedia-Eintrag heißt). Er vertritt in seinem Buch auch sonst mitunter recht freie und damit brauchbare Ansichten, wie man sie von deutschen Historikern selten hört. Etwa zum deutschen Historikerstreit von 1987. Er hat aus Anlaß dieser Einsichtnahme auch noch ein wenig in dem Hitler geschenkten Buch geblättert, zitiert aus den ersten und letzten Seiten und kommt von daher zu einer etwas angemesseneren Charakterisierung, als der amerikanische Journalist Ryback.

Miskolczy nimmt Bezug auf Martin Bormann, der ja auch ein "Deutschgottgläubiger" gewesen wäre und schreibt (Zitate hier nach Archive):

Natürlich, er schrieb nicht wie Frau Mathilde darüber, daß "die Relativität des Gewissens eine ungeheure Hemmnis aller moralischen Entwicklung ganzer Völker und der einzelnen Menschen ist"wahrscheinlich weil die meisten Menschen nicht die "Stimme Gottes" hören, die sie ruft. Die zehn Gebote sind nach ihrer genialen Erklärung ein buntes Gemisch. In der Tat: "So zeigt uns unsere Moral des Lebens neue Wege zur Erfüllung der Genialität des Fühlens, gibt uns neue Tafeln des Hasses und der Liebe, denn sie sagt uns: Deine Liebe und dein Haß seien geleitet von den göttlichen Wünschen ..." Was das genau heißt, wird bald deutlich: "Eine solche Liebe und ein solcher Haß verbietet wahllosen Opfersinn und wahllose Selbstfürsorge." (1922, S. 3, 370f)
Of course, he did not write like Lady Mathilde about "the relativity of the conscience, [which is] the enormous obstacle for all moral development of entire peoples and the individual person," probably because most people do not hear the "voice of God" calling them. The Ten Commandments, according to her ingenious declaration, are confused. In fact: "Our moral life shows new paths for fulfilling the ingenuity of feeling, and offers new stone-tablets to us of hatred and love, as it says to us: your love and hatred will be lead by the desires of ingenuity ..." What that exactly means will be clear shortly: "Such love an such hatred forbids unselected altruistic and egoistic deeds." (1922, S. 3, 370f)

Bei den Zitaten im Zitat handelt es sich vermutlich um eine Übersetzung aus dem Deutschen ins Ungarische und dann ins Englische, die Originalzitate wären noch einmal in der Auflage von 1922 herauszusuchen. 

[Ergänzung Ende]

Ob Mathilde Ludendorff 1937 oder 1956 übrigens die Rolle geahnt hat oder sich derselben bewußt gewesen ist, die Ernst Hanfstaengl in der Umgebung Hitlers spielte, und wie sie hier einleitend vermutungsweise umrissen wird, geht zumindest aus der zitierten Stelle ihrer Lebenserinnerungen nicht hervor.

Mord an Walther Rathenau  - "kein Verhängnis"? - Aber was dann?

Ihr war ja auch sicherlich noch nicht bekannt, was in der Rezension einer neuen Biographie über Ernst Hanfstaengl im Jahr 2008 von seiten eines Nürnberger Journalisten und Buddhisten, Magnus Zawodsky, festgehalten worden ist (Nürnberger Ztg.) (9, 14):

Zur Frage der okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus gibt es von (Paul) Conradi eine Notiz, deren Bedeutung ihm selbst entgangen ist: Zu Putzis (Ernst Hanfstaengls) Freunden in New York zählten auch der Esoteriker Hanns Heinz Ewers und der Satanist Aleister Crowley.

Hanfstaengl führte spätetens um 1930 sowohl Ewers als den mit diesem befreunden Wahrsager Hanussen bei Adolf Hitler ein (13). Und damit wären wir ja sehr dicht bei jenem "Aberglauben", von dem Mathilde Ludendorff offenbar schon sehr früh annahm, daß sich Adolf Hitler durch diesen "entsetzlich leicht" würde leiten lassen. Dieser Aberglaube hatte auch sehr viel mit Astrologie zu tun, zumal bedeutendste Astrologen ja schon an der Wiege der NSDAP selbst gestanden hatten (13). Und auch darüber ist Ernst Hanfstaengl auffallend gut informiert, schreibt er doch von einem Thema (4, S. 82)

für das Hitler stets ansprechbar war: Astrologie oder - besser gesagt - astrologisch verquickter Historismus.

Nun, "astrologisch verquickter Historismus", von dem ein Historiker und Freund von Karl Haushofer wie Ernst Hanfstaengl ja nun doch allerhand wissen müßte, ist eine außerordentlich brisante, verführerische Theorie, wenn sie in die Hand von solchen geopolitischen Imperialisten und Kriegshetzern gerät, wie Karl Haushofer (13), der von Ernst Hanfstaengl ebenfalls als menschlich sehr sympathisch dargestellt wird und keineswegs als Kriegshetzer. Ein Kriegshetzer war er aber eindeutig und leicht nachweisbar in aller Öffentlichkeit in den entscheidendsten Jahren 1937 bis 1939 ("Wer den Tiger reitet, kann nicht absteigen ...") (13).

Abb. 4: Hanfstaengl nach dem 2. Weltkrieg

Welches Denken in diesen esoterischen Kreisen in letzter Instanz vorgeherrscht haben könnte, wird vielleicht auch deutlich, wenn Hanfstaengl in seinen Erinnerungen von den Worten berichtet, die sein schon eingangs erwähnter Freund Rudolf Kommer am 24. Juni 1922, an dem Tag, an dem Walter Rathenau von deutschvölkischen, monarchisch gesinnten Offizieren ermordet worden war, geäußert haben soll (4, S. 29f) (Hervorhebung nicht im Original):

"Warum von einem Verhängnis reden, Hanfstaengl?" sagte er.

Für den Juden Kommer, ein Günstling des Wallstreet-Bankiers Kuhn, war also der Mord an dem Juden Walther Rathenau gar kein "Verhängnis". Ein Mord, für den es doch aller Wahrscheinlichkeit nach - wie für alle anderen prominenten politischen Morde jener Zeit Logenurteile im astrologiegläubigen Thule-Orden gegeben hat, in dessen Umfeld sich Hanfstaengl und seine Freunde ja selbst ständig bewegt haben. Aber warum nicht?:

"Was sich hier kundtut, ist Infantilismus, politischer Infantilismus. (...) Und jetzt sage ich Ihnen etwas, Hanfstaengl, was Sie meinethalben für verrückt halten mögen: Aus der ganzen monarchistischen Bewegung in Deutschland wird nie etwas Gescheites werden, solange nicht ein Jude die Sache in die Hand nimmt. ...
Das hatte ja auch, so könnte man sagen, Walther Rathenau in seinem Leben versucht. Zumindest hatte er sich zeitweise diesen Anschein geben wollen. Oder ob Kommer - und Hanfstaengl - bei diesen Worten an Kommer's Gönner Otto Hermann Kahn gedacht haben? Kommer jedenfalls weiter:
... Ihr Gojim seid für so etwas viel zu dumm und schießt euch immer bloß gegenseitig tot.
Nun, gerne in Form von Logenmorden in Erfüllung von Logenurteilen, ausgesprochen von ariosophischen, astrologiegläubigen Geheimlogen, wie wir an dieser Stelle ergänzen wollen. Kommer weiter:
Allerdings muß es dann auch der richtige Judentyp sein, einer von dem geistigen Format eines Friedrich Julius Stahl, der als konvertierter Jude aus Würzburg euren Preußen nach 48 überhaupt erst mal die geistigen Grundlagen für eine christlich-monarchische Staatsidee geliefert hat. Doch andererseits - und das ist die Kehrseite der Medaille! - gnade Gott uns Juden und auch euch Deutschen, wenn sich eines Tages den hirnlosen Brutalinstinkten eines auf "blonde Bestie" frisierten Gangstertums das Seelengift jüdischen Selbsthasses oder das weltanschauliche Spaltungsirresein geistig und moralisch defekter Mischlingstypen beigesellen sollte. (...) Dann ist England möglicherweise die letzte Zufluchtstätte, die letzte Hoffnung auf 'common sense'."
Solche Formulierungen wie "weltanschauliches Spaltungsirresein geistig und moralisch defekter Mischlingstypen" sollte man sich an dieser Stelle auch einmal auf der Zunge zergehen lassen. - - - "Spaltungsirresein"? - - - Hanfstaengl schreibt dazu jedenfalls weiter:
Ich sollte in den folgenden Jahren noch oft Gelegenheit haben, mich an diesen Ausspruch Rudolf Kommers zu erinnern.

Das sind auf den ersten Blick reichlich krude Gedankengänge. Doch auf den zweiten Blick darf man sich schon fragen: Sind sie etwa ein Schlüsselzitat? Wenn hier von "monarchischer Bewegung" die Rede ist, wird dem Tenor nach wohl auch schon die damalige "völkische Bewegung" mitgedacht worden sein. Und ein Jude sollte nun die geistigen Grundlagen etwa auch für die völkische Staatsidee liefern? Ein solches Denken wäre zumindest mit dem Denken von damaligen völkischen Freimaurer- und Okkultlogen kompatibel. Man denke nur an Friedrich Hielscher. Oder an Alfred Nossig, der unter anderem im Umfeld der "Anthroposophischen Gesellschaft" versuchte, mit den Nationalsozialisten zusammenzuarbeiten (mehr dazu auf unserem Parallelblog GA-j! in dem Beitrag über Harry Dörfel). Oder auch an Jan Eric Hanussen, der ja wohl über Hanfstaengl-Freund Ewers sich im persönlichen Umfeld von Hitler bewegte (13).

Das Erkennen von Netzwerken und Seilschaften in den (auf Wikipedia und anderwärts) immer dichter werdenden Details von so manchem Lebenslauf, Lebenserinnerungen der Beteiligten und unabhängig davon überlieferte historische Dokumente können jedenfalls nach und nach bei genauer Analyse doch manches erhellen und absichern, verifizieren und falsifizieren, worüber es Jahrzehnte lang bestenfalls vage Vermutungen und Gerüchte gegeben hat. Es wird immer besser erkennbar: Schon damals haben Geheimgesellschaften und Geheimdienste fast nichts dem Zufall überlassen. Und sie haben gegebenenfalls - und in echt satanistischem Sinne - noch nicht einmal politische Morde an Personen, die in ihrem eigenen Sinne tätig waren, als "Verhängnis" angesehen.



(Mit Dank für die Bücherspende [4] einer jüngst verstorbenen 
Blogleserin, durch die dieser Blogbeitrag angeregt wurde.)
(Dieser Artikel erschien am 5.6.2013 zuerst unter dem Titel 
"'Diese tapfere Frau' - Ernst Hanfstaengl über Mathilde Ludendorff 
- Seine Lebenserinnerungen als geschichtliche Quelle". Er wurde am 17.6.
 um die Inhalte der Literaturangaben 16-23 ergänzt 
und mit der jetzigen Überschrift versehen)

_______________________________________________________

  1. Feder, Gottfried: Bücher der Erkenntnis. Besprechung von "Triumph des Unsterblichkeitwillens" von Mathilde Ludendorff. In: Reichswart, 17.2.1923; Nachdruck in: Quell - Ludendorffs Halbmonatsschrift, 20.2.1934, S. 519f (Scribd)
  2. Feder, Gottfried: Zur Heirat Erich Ludendorffs und Mathilde von Kemnitz. In: Deutsche Wochenschau, Folge 38, 19.9.1926; Nachdruck in: Quell - Ludendorffs Halbmonatsschrift, 20.2.1934, S. 520 (Scribd)
  3. Ludendorff, Mathilde: Herrliches Schaffen und des Freiheitskampfes ernster Beginn. IV. Teil von: Statt Heiligenschein oder Hexenzeichen - Mein Leben. Verlag Hohe Warte, Pähl 1956, 2. Aufl. 1981 [verfaßt 1937]
  4. Hanfstaengl, Ernst: Zwischen Weißem und Braunem Haus. Memoiren eines politischen Außenseiters. Piper Verlag, München 1970; Lizenzausgabe für: Deutscher Bücherbund, Stuttgart 1970
  5. Bading, Ingo: Wie kam Stalin in die Mitte Europas? - Kriegsziele der westlichen Demokratien seit 1941. Magisterarbeit 1993 (Lulu)
  6. Mauch, Christof: Schattenkrieg gegen Hitler. Das Dritte Reich im Visier der amerikanischen Geheimdienste 1941 - 1945. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999 (432 S.)
  7. Widmann, Carlos: Play it again, Putzi. (Buchbesprechung von Christof Mauch). In: Spiegel 10/1999, 8.3.1999
  8. Gerlach, Rasmus: Unity, Putzi & Blondi - Hitlers Freunde und der amerikanische Geheimdienst. Deutschland/Germany 2003, 69 Min., Beta SP, Farbe/colour, deutsche Originalfassung (a, b) 
  9. Conradi, Peter: Hitlers Klavierspieler. Ernst Hanfstaengl – Vertrauter Hitlers, Verbündeter Roosevelts. Scherz, Frankfurt am Main 2007 (Rez. in Nürnberger Ztg. 2008)
  10. Bading, Ingo: Fotos als politische Druckmittel. Studiengruppe Naturalismus, 9.10.2007
  11. Bading, Ingo: Fotos als politische Druckmittel II. Studiengruppe Naturalismus, 2.1.2008
  12. Bading, Ingo: Um "seiner Verdienste um die Bewegung" willen ... - Ein nationalsozialistischer Ludendorff-Gegner erhielt noch 1944 seinen Judaslohn von Adolf Hitler. Studiengruppe Naturalismus, 17. Dezember 2011
  13. Bading, Ingo:  Die Schicksalsgläubigkeit des Adolf Hitler. 2. Teil: 1927 - 1933. GA-j!, 2012
  14. Zawodsky, Magnus: Der Mann, der Hitler Manieren beibrachte. Wer war "Putzi" Hanfstaengl? In: in Nürnberger Ztg., 29.01.2008
  15. Beilhack, Hans: Die Bibliothek eines Dilettanten. In: Süddeutsche Zeitung, 9. November 1945 (enthalten in: Ryback 2010, S. 309-312)
  16. Miskolczy, Ambrus: Hitler's Library. Central European University Press, Budapest, New York 2003 (ungar. OA. 2000)
  17. Philipp Gassert and Daniel S. Mattern: The Hitler library. A bibliography. Greenwood Press, Westport, Conn., London 2001, s.a.: pdf
  18. Ryback, Timothy W.: Hitler's Forgotten Library. The Atlantic, 1. Mai 2003
  19. Klingenberg, Axel: Leser Hitler. Was Adolf Hitler wirklich las. Führers Bettlektüre, letzter Teil. In: Jungle World Nr. 10, 25. Februar 2004
  20. Hesemann, Michael: Hitlers Religion. Die fatale Heilslehre des Nationalsozialismus. Überarbeit. Neuauflage, Sankt Ulrich Verlag, 2012 (OA. Pattloch 2004)
  21. Kornelius, Stefan: Die Bücher zum Wahn. Hitlers Hinterlassenschaft in Washington. In: Süddeutsche Zeitung, 16. Oktober 2008
  22. Ryback, Timothy W.: Hitlers Bücher. Seine Bibliothek - sein Denken. Fackelträger-Verlag, Köln 2010 (engl. OA. 2008)
  23. von Kemnitz, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. Ernst Reinhardt Verlag, München 1922 (371 S.)
  24. Noller, Sonja, "Feder, Gottfried" in: Neue Deutsche Biographie 5 (1961), S. 42 [Online-Version]; URL: https://www.deutsche-biographie.de/gnd119388766.html#ndbcontent
  25. Bading, Ingo: 1926 - Ein Jahr des Umbruchs im Leben Erich Ludendorffs Eine Art Chronologie zu einem wenig behandelten - aber vielleicht bedeutungsschwersten - Jahr im Leben Erich Ludendorffs. Studiengruppe Naturalismus, 25. März 2016, http://studiengruppe.blogspot.de/2016/03/1926-ein-jahr-des-umbruchs-im-leben.html 
  26. Bading, Ingo: Eduard Baumgarten - Eine große philosophische Synthese auf pragmatischer Grundlage? (I) Bislang weniger beachtete geistige Traditionslinien im Umfeld von Hans Albert und K. R. Popper. Und Folgeartikel (II). Studiengruppe Naturalismus, 30. August 2011, http://studiengruppe.blogspot.de/2011/08/eduard-baumgarten-eine-groe.html

Dienstag, 31. Dezember 2013

Erich Ludendorff - "Ein großer Freund des Films"

Erich Ludendorff, der Gründervater der Ufa - und seine Behandlung durch Filmschaffende und durch interviewte Historiker

In der Geschichte des Filmes nimmt Erich Ludendorff (1865-1937) die Rolle eines bedeutenden Förderers ein. Dies gilt für die Jahre 1916 bis 1918. In der Zeit danach haben die Filmschaffenden ihm bis heute nur noch Aufmerksamkeit zugewandt, geschweige denn Dankbarkeit. Wenn sich aber doch einmal der Film mit Erich Ludendorff befaßte, dann konnte leicht „die Demokratie in Gefahr“ geraten. Und produzierte Filme konnten dann schnell von der Reichsregierung verboten werden. So im Jahr 1924.

Soweit übersehbar, ist auch seit vielen Jahrzehnten keine moderne Filmdokumentation über einen der bedeutendsten Kritiker des politischen Einflusses alter religiöser Mächte wie der Freimaurerei und satanistischer Okkultlogen, der katholischen Kirche, des orthodoxen Judentums und der tibetischen Priesterkaste erstellt worden. Und das, obwohl es viele historische Filmaufnahmen von Erich Ludendorff gibt (1-16). Im vorliegenden Beitrag sollen Angaben über diese zusammengetragen werden.

Wenn Erich Ludendorff doch einmal behandelt wird, wird gerne auch einmal der Unterschied verwischt, der in der Beantwortung der Frage besteht, ob man als Kritiker und Gesellschaftsreformer die Existenz von Ideologien infrage stellt oder die Existenz von Menschenleben, weil sie Anhänger von bestimmten Ideologien oder Angehörige von bestimmten Völkern sind.

Erschütternde und eindrucksvolle Dokumentationen von Original-Filmaufnahmen vom Kriegsgeschehen im Ersten Weltkrieg gibt es hingegen schon seit langem. So wurde 2002 in Frankreich eine solche, sehr sehenswerte Dokumentation erstellt, die seit 2016 auch auf Deutsch verfügbar ist (30).

Im Dezember 2013 wurde schließlich eine Spiegel-TV-Dokumentation veröffentlicht1, in der Erich Ludendorff selbst eine größere Rolle spielt, als er das in vielen Jahrzehnten in Fernsehdokumentationen getan hat. Sie wird seit Januar 2014 immer einmal wieder im Fernsehen ausgestrahlt unter leicht wechselnden Titeln2. Und inzwischen (Mai 2015) ist auch der zweite, bzw. dritte, spannendere Teil dieser Dokumentation frei im Internet verfügbar (Youtube):

Diese Dokumentation ist aus historischen Filmaufnahmen zusammengestellt, von denen bisher manche nur sehr selten zu sehen gewesen waren oder die sogar erstmals einer größeren Öffentlichkeit gezeigt werden. Es werden Redebeiträge der Historiker Herfried Münckler, Manfred Nebelin, Thomas Weber und Christian Hartmann gebracht zur geschichtlichen Einordnung des Wirkens von Erich Ludendorff. Obwohl die Ludendorff-Biographie von Manfred Nebelin um ihrer Detailfülle willen sehr schätzenswert ist, erscheinen einem Herfried Müncklers und Christian Hartmanns Aussagen in dieser Dokumentation oft deutlich treffender und differenzierter (zumindest für die Zeit vor 1925). Nebelin macht Erich Ludendorff zum Beispiel schwere Vorwürfe zum Kriegsjahr 1918. Er sagt, Ludendorff hätte früher Waffenstillstand schließen sollen. Nebelin sagt aber nicht, ob denn die Gegenseite zu anderen Bedingungen dazu bereit gewesen wäre, als sie es dann im November 1918 war. Und diese Bedingungen werden auch in der Dokumentation als unangemessen charakterisiert. Und er sagt nichts darüber, ob Erich Ludendorff auch zu diesen Bedingungen frühzeitiger Waffenstillstand hätte schließen sollen. Und auf dieser Linie liegt noch vieles andere von Nebelin Geäußerte.

Natürlich könnte man auch noch viele andere Aussagen dieser Dokumentation hier erörtern, bzw. historische Fehler und Ungenauigkeiten an dieser Stelle richtigstellen. Die Aufnahmen von der Einweihung des Oberland-Denkmals in Schliersee 1923, die wir schon - wie wir glauben zutreffend eingeordnet haben3 - werden zum Beispiel merkwürdigerweise in das 22 Kilometer entfernte Rottach-Egern verlegt (siehe 32'00 – 34'00). Der zweite gebrachte Augenzeugenbericht vom "Feuerkampf" an der Feldherrenhalle am 9. November 1923 ist deutlich zur Rechtfertigung der schießenen Polizei abgefaßt, der von Seiten der Nationalsozialisten und von Seiten Ludendorff vorgeworfen worden war, auf einen Zug zumeist nicht bewaffneter Menschen geschossen zu haben. Der erste zitierte und eingeblendete Augenzeugenbericht macht dementsprechend auch keine Angaben darüber, von welcher Seite zuerst Schüsse gefallen sind. Die im Film nicht vorgelesenen Worte dieses eingeblendeten Berichtes lauten dann interessanterweise aber noch weiter:

Nach geraumer Zeit sah ich nun einen Zivilisten und einen Hitleroffizier, der an der Nase blutete, auf mich zukommen. Ich erkannte in dem Zivilisten General Ludendorff. - Ich ging auf L. zu und sagte ihm: "Exzellenz, ich muß sie in Schutzhaft nehmen". L. erklärte sich bereit mit den Worten: "Sie haben den Befehl hierzu und ich folge Ihnen".

Das Scheitern des Putsches war Ludendorff ja schon vor diesem Demonstrationszug klar gewesen.

Der Erich Ludendorff seit 1926 - Warum soll es so schwer sein, ihn zu beurteilen?

Im zweiten Teil - um 20:54 herum - könnten übrigens Szenen gebracht sein aus dem Film über den Deutschen Tag in Halle (siehe unten). Ab der 31. Minute kommt dann der vielleicht spannendste Teil. Es wird nämlich der Erich Ludendorff ab dem Jahr 1926 behandelt, ein Zeitabschnitt, der von der "etablierten" deutschen Historikerschaft bislang noch sehr wenig - und niemals zusammenhängend - behandelt worden ist. Es wird durch seine Wochenzeitung "Ludendorffs Volkswarte" geblättert und es wird eingeblendet eine Überschrift aus dem Jahr 1932:

Die große Lüge, daß die NSDAP völkisch sei.

Es wird darauf hingewiesen, daß Ludendorff meinte, daß die NSDAP "klerikalen Kräften ins Netz gegangen" sei. Mit den Historikern Manfred Nebelin und Christian Hartmann arbeitet der Film dann doch recht klar heraus, daß einer der Hauptgründe für die Trennung zwischen Ludendorff und Hitler ihr jeweiliges - entweder äußerst schwammiges (Hitler) oder äußerst klares (Ludendorff) - Verhältnis zu Religion und Kirche gewesen ist:

Der Mißbrauch, den die Religionen mit den Menschen und Völkern trieben, davon ist Ludendorff überzeugt, sei der Schlüssel zur Weltgeschichte.

Das ist ein starkes Wort. Und es ist ein wahres Wort. Hier wird wertvolle Aufklärung betrieben. Und dabei wird eingeblendet eine Werbeanzeige für die Schrift von Mathilde Ludendorff:

Von neuem Trug zur Rettung des Christentums.

Es werden dann auch ausführlicher Szenen aus einem Amateurfilm gebracht, in dem Erich und Mathilde Ludendorff beim Wandern in der Nähe ihrer Berghütte in Klais zu sehen sind und beim dortigen Frühstück, sowie beim dortigen Arbeiten. Die Szenen stammen wohl aus dem Jahr 1937, vielleicht auch aus dem Jahr 1935:

Ein seltener Amateurfilm zeigt das Ehepaar Mitte der 1930er Jahre in der Sommerfrische.

Es wird dann auch Ludendorffs Schrift behandelt:

Hitlers Verrat der Deutschen an den römischen Papst

Und über Mathilde Ludendorff wird ausgeführt:

Die resolute Schriftstellerin glaubt, die Naturentwicklung habe im Menschen ihren Höhepunkt erreicht, da sich in ihm das Bewußtsein Gottes widerspiegele.

Auch das ist eine wichtige, wertvolle und korrekte Wiedergabe von Kerngedanken ihrer Philosophie.

Der Historiker Christian Hartmann meint, aus heutiger Sicht würde man Ludendorffs Schriften seit 1926 als ziemlich "abgespaced" empfinden. ;-) Seine Gedanken darin hätten - nach Christian Hartmann - eher Bedeutung in einer Nervenheilanstalt als im politischen Leben. Sieh an, sieh an. Aber nachdem im Jahr 2018 das Buch von Niall Ferguson (31) über die Bedeutung freimaurerischer Netzwerke im politischen Geschehen erschienen ist, darf man vielleicht doch allmählich hoffen und erwarten, daß auch ein Historiker wie Christian Hartmann allmählich gegenüber dem Wirken eines Erich Ludendorff ab 1926 sachlicher und zurückhaltender wird. Vielleicht sind ja nicht die Inhalte der Veröffentlichungen von Erich Ludendorff ab 1926 "abgespaced", sondern einfach nur schlicht die Geschichte des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, die in diesen Büchern behandelt wird? Dieser Gedanke sei nur einmal so zum Nachdenken in den Raum geworfen ... Immer mehr Menschen drängt sich jedenfalls eher letzterer Gedanke auf. Womöglich mag es noch weite Wege haben, bis ein solcher in die Gelehrtenstuben - "etablierter" - deutscher Historiker dringt .... Ja, die Weltgeschichte läßt sich manchmal viel Zeit ...

Auch der Einfluß der Mathilde Ludendorff erscheint dem Christian Hartmann "sehr suspekt und auch sehr esoterisch"! ;-) Esoterisch ist nicht Mathilde Ludendorff, esoterisch ist der okkulte und religiöse Wahn, über den ihre Bücher aufklären. Aber das kann man manchen Menschen hundertmal sagen - es fällt ihnen dennoch oft in sehr auffallender Weise "schwer", einen solchen schlichten Gedanken zu verstehen. - Auf den Filmaufnahmen von Klais ist dann eine Kaffeerunde zu sehen mit einem der Söhne von Mathilde Ludendorff. Komisch ist aber doch, daß Ludendorff mit seiner "Bedeutung allein für die Nervenheilanstalt" einen so klaren Blick hatte für sehr konkrete "Bedrohungsszenarien" (Christian Hartmann), und zwar hier die Gefahren der Hitler-Bewegung. Ganz schön "abgespaced", oder, was der Filmtext (Michael Kloft) dann weiter formuliert:

Den Aufstieg Hitlers sieht der alte Herr mit Sorge. Für den Fall der Machtübernahme rechnet Ludendorff mit dem Entgleiten der in Blutrausch versetzten Massen wie nach der Französischen Revolution. (...) Als Hitler 1933 Reichskanzler wird, (...) thematisiert Ludendorff auch die Verhaftungswellen nach dem Reichstagsbrand. (...) Als sich Berichte über die Inhaftierung und Mißhandlung seiner Anhänger häufen, wendet sich Erich Ludendorff an Hindenburg. In Deutschland werde das Recht mit Füßen getreten, schreibt er, und der letzte Rest der Geistesfreiheit begraben. Wenn dereinst die Geschichte des deutschen Volkes geschrieben wird, so wird das Ende ihrer Reichspräsidentenschaft als die schwärzeste Zeit deutscher Geschichte beschrieben werden.

Wahrlich Gedanken für die Nervenheilanstalt im Jahre 1933. Oder hatte sich Christian Hartmann nur versprochen? Hatte er statt Nervenheilanstalt KZ sagen wollen? Man wird ja heute so leicht verwirrt. Wir halten diese Worte für derart wahnbehaftet, daß wir sie grün eingefärbt haben, damit auch jeder den Wahn erkennt, der hier vorliegt. Dann heißt es im Film sehr richtig über das Ludendorff-Archiv in Tutzing:

Historikern und Journalisten wird der Zugang zum Nachlaß Erich Ludendorffs verwehrt, der möglicherweise Aufschluß geben könnte über die seltsame Rolle des Generals in seinen letzten Lebensjahren.

Und auch auf diesen Umstand kann nicht oft genug hingewiesen werden. Den Buchstaben dieses Zitates haben wir darum einmal rote Farbe gegeben und haben ihnen eine größere Schrift gegeben. Es gibt wohl kein Publikationsorgan heute, das auf diesen Umstand regelmäßiger hinweist als der vorliegende Blog. So "seltsam" und "schwer zu verstehen" war die Rolle Erich Ludendorffs während des Dritten Reiches übrigens keineswegs. Und es liegt - auch ohne noch etwaig unbekannte Archivalien - genügend veröffentlichtes Material vor, um sich über diese Rolle ein Urteil zu bilden. Insbesondere die Ludwig Beck-Biographie des Historikers Müller enthält viel aufschlußreiches Material darüber, daß Erich Ludendorff schlicht dem militärischen Widerstand gegen Hitler zuzurechnen ist, und zwar dem drängendsten Teil desselben und daß er ab 1933 einen Staatsstreich der Wehrmacht gegen Hitler forderte.

- - - Die letzten im Film gebrachten Worte Manfred Nebelins über Erich Ludendorff kann man dann wieder als ganz und gar falsch erachten. Und vielleicht erntet Manfred Nebelin für eine solche Bewertung ebenso viel Kritik von Fachkollegen wie für seine Bewertung der Rolle Erich Ludendorffs im Ersten Weltkrieg.

Allgemein ist zu diesem Film natürlich - wie so oft - zu sagen, daß typischerweise nur das Vordergrundgeschehen behandelt wird und daß auf Hintergrundpolitik so gut wie gar nicht abgehoben wird. Es wird zum Beispiel auch gar nicht klar genug herausgearbeitet, wie viele Erkenntnisse über Erich Ludendorff - nicht nur vom Ludendorff-Archiv in Tutzing - Jahrzehnte lang in Archiven zurückgehalten wurden (und sicherlich auch gegenwärtig noch werden). Man denke nur an seine Telegramme an Hindenburg im Jahr 1933. Auch diese sind auffallend spät veröffentlicht worden.

Auf solches hintergrundpolitisches Taktieren nicht hinzuweisen, ist eigentlich schon für sich eine Geschichtsfälschung. Wenn doch inzwischen gut genug bekannt und erforscht ist, welche Macht und welchen Einfluß seit 1917 beispielsweise der sowjetische Geheimdienst hatte, seit 1933 die Gestapo (etwa in der Blomberg-Fritsch-Krise) und dann ihre Nachfolge-Organisationen: BND, MAD, „Bundesamt für Verfassungsschutz“4 und Ministerium für Staatssicherheit. Und spätestens seit 1945 auch der amerikanische CIA. (Wobei sich natürlich die Frage aufdrängt, ob der CIA tatsächlich erst 1945 - geradezu wie „Phönix aus der Asche“ - so machtvoll geworden sein soll und ob nicht Leute wie der im Film auch kurz erwähnte Putzi Hanfstaengl schon sehr früh in die Nähe von Oppostionspolitikern wie Hitler geschoben wurden, um genau über sie Bescheid zu wissen.) Und um diesen Aspekt der Geschichtsbetrachtung und -bewertung mit einzubeziehen, hätte man leicht an die damalige, bis heute gänzlich unerfüllte Forderung des amerikanischen Präsidenten Wilson aus dem Jahr 1918 anknüpfen können nach einem Ende aller „Geheimpolitik“....

„Vom Kulturwert des Film überzeugt“ - Ludendorff im März 1917

Erich Ludendorff und der Film war aber eigentlich die allgemeinere Themenstellung dieses Beitrages. Nach diesem einleitenden Abschnitt soll zunächst die Rolle behandelt werden, die Erich Ludendorff zwischen 1916 und 1918 für die Geschichte des Filmes spielte. Am 29. August 1916 wurde Erich Ludendorff zum Ersten Generalquartiermeister ernannt. Er wurde mit der deutschen Gesamtkriegsführung betraut. Niemand anderem traute man noch zu, das Ruder für Deutschland herumzureißen. Er machte sich sofort umfassende Gedanken über die materiellen und psychischen Grundlagen der weiteren Kriegsführung. Das stellt er ausführlich in seinen „Kriegserinnerungen“ dar. Er schreibt von den „geistlichen Waffen des Feindes“, von der „feindlichen Propaganda“ und der „Zersetzung der Volksstimmung“. All dem wollte er entgegenwirken durch die Leitung der eigenen Presse und eine effektive Propaganda nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland. Er schreibt5:

Ich fand bei meinem Eintritt in die Oberste Heeresleitung nur sehr dürftige Einrichtungen vor; sie verdienten nicht den Namen einer Propaganda-Organisation.

Unter der Leitung des Obersten Hans von Haeften (1870-1937) wurde eine Propaganda-Organisation mit drei Abteilungen aufgebaut. Ludendorff:

Oberst v. Haeften ist ein geistig ungemein hochstehender, von glühender Vaterlandsliebe erfüllter Offizier, der alles, was er erfaßt, mit seiner von idealem Schwung getragenen Arbeitskraft durchdringt und die Gabe besitzt, aufzubauen und seine Mitarbeiter fortzureißen. Das, was geschaffen wurde, war im wesentlichen sein und seiner Mitarbeiter Werk. Mit Wort und Bild, vor allem mit dem Film versuchte Oberst v. Haeften im neutralen Ausland Fuß zu fassen. (…) Die Bild- und Filmpropaganda wurde gefördert durch die Schaffung einer graphischen Abteilung, des Bild- und Filmamtes und später der Universum-Film-Aktiengesellschaft. Der Film ist ein Volkserziehungsmittel, als solches wollte Oberst v. Haeften es auch nach dem Kriege verwenden, seine Kriegsorganisation trug dem Rechnung. Bild und Film sowie graphische Darstellungen in Form von Plakaten wirken eindringlicher und zusammengefaßter als das geschriebene Wort und haben daher auf die breite Masse auch mehr Wirkung.

Das waren zu jener Zeit ja noch neue Gedanken. Der Historiker Manfred Nebelin schreibt6:

Im Gegensatz zur Reichsleitung und den meisten Zeitgenossen erkannte Ludendorff früh die Beeinflussungsmöglichkeiten, welche das neue Medium bot - insbesondere im Wettlauf mit den USA und Großbritannien, wo gleichfalls fieberhaft am Einsatz des Films zu Propagandazwecken gearbeitet wurde. Konsequenterweise gründete er daher Ende 1916 in der von Hans von Haeften geleiteten Propagandaabteilung des Auswärtigen Amtes ein Bild- und Film-Amt (BUFA), dessen Leitung Major Alexander Grau übernahm. Die dort produzierten Streifen fanden aber nur geringe Resonanz, weshalb Ludendorff am 4. Juli 1917 die „Vereinheitlichung der deutschen Filmindustrie“ forderte, „um nach einheitlichen Gesichtspunkten eine planmäßige und nachdrückliche Beeinflussung der großen Massen im staatlichen Interesse zu erzielen.“ Einen Geldgeber für das ehrgeizige Großprojekt fand der General in dem Direktor des angesehensten deutschen Bankinstituts: Emil Georg Stauß von der Deutschen Bank. Dieser beschaffte innerhalb kurzer Zeit 25 Millionen Mark und legte damit den Grundstein für die Universum-Film AG, die unter der Abkürzung UFA zum Aushängeschild des deutschen Filmschaffens werden sollte.
Auf Wikipedia ist zu lesen7:
Eine Vorstufe zur Gründung der UFA war das von der Obersten Heeresleitung am 13. Januar 1917 eingerichtete Bild- und Filmamt (Bufa). Die Aufgabe dieser Behörde, die als Reaktion auf den empfundenen Vorsprung der Feinde auf dem Gebiet der filmischen Propaganda gegründet wurde, bestand darin, auch im eigenen Land den Film für die psychologische Kriegführung nutzbar zu machen.
Am 19. März 1917 erläuterte Erich Ludendorff seine Gedanken noch einmal in einem Schreiben an einen Dr. W. Fr., einem Mitarbeiter der Zeitschrift „Die Filmwelt“8:
G. H. Q., den 19. März 1917
Ich habe Gelegenheit gehabt, besonders auf Grund der Tätigkeit der militärischen Filmtrupps und der von ihnen geschaffenen Aufnahmen mich von der hohen Bedeutung der Filmindustrie im Sinne der Belehrung und Aufklärung zu überzeugen.
Aus diesem Grunde lasse ich durch das Bild- und Film-Amt der Kinematographie in Deutschland die weitgehendste Förderung zuteil werden, soweit sich diese Industrie auf Bahnen bewegt, die einer im Sinne der Volksbildung und Volkserziehung günstigen Beeinflussung unserer Truppen an der Front und einer erwünschten Unterhaltung für sie dienlich sind.
So sehr ich alle Auswüchse und minderwertigen Produkte der Kinematographie für schädlich erachte, so sehr bin ich von dem Kulturwert dieser Industrie in dem oben umschriebenen Sinne überzeugt.
Ludendorff.
Das, was die hier erwähnten "Filmtrupps" geschaffen haben, findet in modernen Dokumentationen Anerkennung (30). Auf Wikipedia heißt es weiter:
Die Pläne des deutschen Generalstabs, insbesondere von Erich Ludendorff, gingen jedoch weit über die Einrichtung des Bufa hinaus. Ihm schwebte ein großer Filmkonzern vor, der - vom Staat gesteuert - den nationalen Interessen dienen sollte. Unter diesem Vorzeichen wurde die Universum-Film AG (UFA) am 18. Dezember 1917 in Berlin als Zusammenschluss privater Filmfirmen gegründet. Das Startkapital der Firma, an der neben der Reichsregierung und dem Kriegsministerium auch die Deutsche Bank beteiligt war, betrug 25 Millionen Reichsmark. Aufsichtsratsvorsitzender wurde der Direktor der Deutschen Bank, Emil Georg von Stauß.
Statt der Neugründung hatte der Generalstab zunächst auch eine Übernahme der erst 1916 gegründeten Deutschen Lichtbild-Gesellschaft e. V. (DLG) in Betracht gezogen, die jedoch zu stark unter dem Einfluß der Schwerindustrie und von Alfred Hugenberg stand.
Da Deutschland durch den Krieg von Filmimporten weitgehend abgeschnitten war, hatte der neue Konzern für die Eroberung des deutschen Marktes ideale Ausgangsbedingungen.
Zur Aufgabe der UFA war bei ihrer Gründung die Produktion von Filmen - Spielfilmen, Dokumentarfilmen, Kulturfilmen und Wochenschaubeiträgen - erklärt worden, die im Ausland Propaganda für Deutschland machen sollten. Nachdem es jedoch zu Spannungen zwischen den Gründungsmitgliedern kam, setzte sich bald die Deutsche Bank durch, die mit der Filmproduktion eher geschäftliche als militärische Interessen verband. Statt der Propagandafilme wurden nun aufwändige Unterhaltungsfilme wie Sumurun (Ernst Lubitsch, 1920) hergestellt. 1921 wurde die UFA, die inzwischen bereits den Löwenanteil der deutschen Kinofilme produzierte, privatisiert. ...

Würde man Ludendorff nicht als einen engstirnigen, nach rückwärts gewandten, konservativen Militär einschätzen wollen, würde man sich allein durch diese Ausführungen schon darauf stoßen lassen können, daß Ludendorff im Gegenteil ein sehr fortschrittlicher, auf der Höhe seiner Zeit stehender Mann war. Aber das darf ja - offenbar - nicht sein. Er war ja ein "Reaktionär".

Abb. 3: Ludendorff und die Gründung der Ufa im Jahr 1917

Im Großen Hauptquartier (1917 und 1918)

Eine Zusammenstellung kurzer Filmszenen, in denen Erich Ludendorff zu sehen ist, fand sich schon zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung des vorliegenden Blogartikels, nämlich im Jahr 20129: 1. Filmszene: Ludendorff mit Hindenburg und einem Mitarbeiter, 2. Szene: Ludendorff mit dem Kaiser, 3. Szene: Ludendorff wohl im kaiserlichen Hauptquartier (Kreuznach?) im Gespräch mit verschiedenen Militärs oder Politikern, 4. Szene: Ludendorff wohl auf einer völkischen Großveranstaltung unter freiem Himmel Anfang der 1920er Jahre. Es finden sich auch noch einige weitere Filmaufnahmen von Erich Ludendorff aus dem Großen Hauptquartier10.

(Aktualisierung 28.12.2014): Inzwischen sind weitere Filmaufnahmen zugänglich geworden (26-28), wodurch die älteren Filmszenen auch besser einzuordnen sind. Viele entstanden aus Anlaß des 70. Geburtstages von Paul von Hindenburg am 2. Oktober 1917.

„Erich Ludendorff ein großer Freund des Films“ (2. November 1918)

Drei Tage nach dem Rücktritt von Erich Ludendorff als Erster Generalquartiermeister am 30. Oktober 1918 erschien in der Zeitschrift „Die Filmwelt“ der Artikel „Der Stunde Gebot“ des schon erwähnten Dr. W. Fr. (29). Dieser hatte offenbar deutlich andere politische Überzeugungen als Ludendorff. Dennoch schreibt er:

Der Rücktritt des Ersten Generalquartiermeisters, Generals der Infanterie Ludendorff hat auch für uns ein besonderes Interesse; denn Ludendorff ist der Begründer des Kgl. Bild- und Filmamts; Ludendorff ist es gewesen, der den Film in den Dienst einer planmäßigen amtlichen Beeinflussung des In- und Auslandes gestellt hat. Man tut nicht unrecht, wenn man Ludendorff einen großen Freund der Kinematographie bezeichnet; freilich mit einer Einschränkung: denn Ludendorff will den Film nur in einer ganz bestimmten Richtung anerkennen.

Und dann kommt das oben schon gebrachte Zitat des Briefes Ludendorffs vom 19. März 1917. Und Dr. W. Fr. schreibt auf dieses folgend weiter:

„Belehrung“ und „Aufklärung“ will Ludendorff durch die Filmindustrie verbreiten; aber man weiß, daß diese „Belehrung“, daß diese „Aufklärung“ in einer ganz bestimmten Richtung liegen sollte, gelegen hat, in jener Richtung, welche die ja nunmehr der Auflösung verfallene Politische Abteilung des Großen Hauptquartiers, wie man jetzt wohl feststellen kann, nicht gerade zum Vorteil unseres Vaterlandes verfolgt hat. Freilich, das Bild- und Filmamt von einst ist nicht mehr jenes von heute: es ist längst abgebaut zugunsten der „Ufa“, die den „Auslandsdienst“ des Bild- und Filmamts übernommen hat und der wohl auch der Inlanddienst früher oder später übertragen worden wäre, wenn nicht die grundstürzende Änderung unserer politischen Verhältnisse dazwischen gekommen wäre.

Im weiteren ist dann von dem „hervorragenden politischen Leiter Erzberger“ die Rede, dem nunmehr die politische Propaganda und damit auch die Filmindustrie unterstellt wären.

Oberlanddenkmal-Einweihung in Schliersee - 30. September 1923

Szenen vom 30. September 1923, als das Oberland-Denkmal für die in Oberschlesien gefallenen Soldaten des „Bundes Oberland“ in Schliersee in Oberbayern enthüllt wurde (5), sind schon in einem eigenen Beitrag (Stgr2012) ausführlicher behandelt und historisch eingeordnet worden. Wer einen Dokumentarfilm erstellen möchte, braucht also zu diesem Teil nicht mehr gar so viel recherchieren. Einige zeitlich und örtlich bislang nicht genau zuzuordnenden Filmszenen gibt es außerdem wohl aus diesen frühen 1920er Jahren (6-8).

Es gibt Filmaufnahmen von zwei Szenen, in denen Erich Ludendorff zusammen mit seinem Verteidiger vor der Kriegsschule in München im Auto ankommt und aussteigt zur Teilnahme am Hitler-Ludendorff-Prozeß (33) (Yt).

Der Deutsche Tag in Halle (Mai 1924)

Ebenfalls ist schon der „Deutsche Tag in Halle“ in einem eigenen Beitrag behandelt worden11. Über diese Großveranstaltung, an der mehr als hunderttausend Menschen teilgenommen haben, ist ein patriotischer Film erstellt worden12, über den auf Wikipedia berichtet wird13:

Des Weiteren kam es noch zur Produktion eines Films mit dem Titel „Der deutsche Tag in Halle (Moltke-Denkmalsweihe)“ durch die Firma M.K. Theater Max Künzel (Leipzig), der 1924 zunächst Jugendverbot und dann ein generelles Aufführungsverbot im Reich durch die Zensurstellen erhielt. Die Begründungen im Verbots- und Berufungsverfahren führten außen- wie innenpolitische Überlegungen an und hoben insbesondere auf die Tatsache ab, daß der Film den Eindruck vermittele, Stahlhelm und Reichswehr machten gemeinsame Sache.

Ob dieser Film seither jemals irgendwo öffentlich vorgeführt worden ist, ist einstweilen nicht bekannt. Daß die Aufführung dieses Filmes von der Reichsregierung verboten worden ist, zeigt, daß erwartet wurde, daß eine große Wirkung von ihm ausgehen würde. Neben Erich Ludendorff nahmen an diesem Deutschen Tag in Halle auch der damals sehr populäre Felix Graf Luckner teil, jener „Seeteufel“, der ein Telefonbuch mit seinen bloßen Händen zerreißen konnte.

Walter Lohmann als Förderer des Films

Es dürfte im Zusammenhang des vorliegenden Beitrages von nicht geringer Bedeutung sein, daß der spätere Hofastrologe Heinrich Himmlers, Wilhelm Wulff, laut seiner Erinnerungen „Tierkreis und Hakenkreuz“ in den 1920er Jahren den Vorgänger des Geheimdienstchefs Admiral Wilhelm Canaris astrologisch beraten hat. Es war dies der heute namentlich kaum noch bekannte Kapitän Walter Lohmann.

Walter Lohmann hatte sich aus patriotischen Gründen Mitte der 1920er Jahre ebenfalls der Förderung des Filmes angenommen. Er ist etwa zu der gleichen Zeit, in der der Kinofilm über Erich Ludendorff verboten worden ist, in der sogenannten „Lohmann-Affäre“14 gestürzt worden.

Es wäre sicherlich sinnvoll, der Frage nachzugehen, ob es zwischen beiden Vorgängen nicht irgendwelche Zusammenhänge gibt. In jedem Fall machen beide Vorgänge deutlich, welche Bedeutung schon damals dem Film in der Politik zugemessen worden ist. Darum schließen sich auch allgemeinere Fragen an sie an: Welche Rolle spielte der Film zu Propagandazwecken schon in jener Zeit? Wilhelm Lohmann hatte die Bedeutung desselben erkannt, so heißt es, als er der Uraufführung des Filmes „Panzerkreuzer Potemkin“ beiwohnte. Er wollte die starke Wirkung von Filmen eben nun nicht nur vor allem zur propagandistischen Verbreitung der kommunistischen Weltrevolution genutzt wissen. Ein Gedanke, den Erich Ludendorff eben schon mehrere Jahre früher hatte.

Tannenbergfeierlichkeiten in Ostpreußen (August 1924)

Im „Deutsche Wochenschau Filmarchiv“ gibt es einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Die Tannenbergfeierlichkeiten in Ostpreußen“ (10):

Dokumentarfilm über die Feierlichkeiten anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Schlacht bei Tannenberg. Teilnehmer der Feierlichkeiten sind u.a. Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg und die an der Schlacht beteiligten Heerführer und Soldaten.

In den meisten Teilen steht bei diesen Teilen Hindenburg im Mittelpunkt:

Da es sich um einen Stummfilm handelt, wird der Film von zahlreichen Zwischentiteln unterbrochen!!! 10:00:00 – 10:01:50 Pillau: Schiff „Odin“ läuft in Hafen ein. Empfang. Generalfeldmarschall von Hindenburg schreitet Ehrenkompanie der Reichswehr ab (verschiedene Einstellungen). Männerchor singt zur Begrüßung. Hindenburg begrüßt Kriegsveteranen, teilweise in alter Uniform mit Pickelhaube. 10:01:45 – 10:02:55 Menge winkt Hindenburg mit Taschentüchern zu. Sitzende Zuschauer (Totale). Hindenburg auf Ehrentribüne. Massensportformationen von Jugendlichen auf dem „Walter-Simon-Platz“ (Totale). 10:02:50 – 10:03:10 Sportplatz der Palästra Albertina, Hindenburg zwischen Generälen (nah). 10:03:05 – 10:04:00 General Erich Ludendorff, Hindenburg u.a. zu Besuch in der Schwimmanstalt Prussia. Kinder und Jugendliche an der Badestelle der Schwimmanstalt Prussia (Totale). Hindenburg im Gespräch mit Ludendorff (Ludendorff von hinten). Hindenburg im Gespräch mit Dame. Steg der Badeanstalt, Badende (Totale). 10:03:55 – 10:04:50 Hindenburg wird mit offener Limousine auf Wiese gefahren, Sportler winken zur Begrüßun g.Veteranen am Barren. Turner am Reck, Hindenburg im Auto als Zuschauer. Hindenburg im offenen Automobil (nah). Veteranen machen Turnübungen auf Wiese. 10:04:45 – 10:05:30 Empfang im Tiergarten: Kinder in weißen Sportanzügen stehen für Hindenburg und Militärs Spalier. 10:05:25 – 10:08:50 Flughafen Königsberg: Flughafengebäude, Veteranen stehen auf Aussichtsterrasse. Veteranen steigen in Flugzeug Aufschrift „Junkers“. Pilot steht auf Tragefläche, posiert vor Kamera. Start Flugzeug „Junkers“. Flughafen Königsberg (Totale). Junkers klein am Himmel. Landebahn (Wiese) mit Zuschauern. Gelandete Junkers rollt heran. Passagiere, auch eine Frau, steigen aus Flugzeug (nah). Uniformierter schüttelt Pilot die Hand. Gäste auf Flughafengelände. Hindenburg und andere Veteranen auf Terrasse des Flughafengebäudes. Zwei Kriegsveteranen mit Orden behängt (nah). Abfahrt Hindenburg und andere Militärs mit Mercedes- / Daimler- Coupés. 10:08:45 – 10:09:35 Königsberger Hafen: Veteranenn, u.a. mit Pickelhaube, steigen auf Ausflugsschiff. Paddelboote. Abfahrt Ausflugsdampfer „Kneiphof Königsberg“ mit Veteranen und Frauen. 10:09:30 – 10:11:30 Die Schlacht bei Tannenberg (26. – 31.8.1914): Graphik / Trick: Schlachtpläne / Karten mit militärischen Strategien. 10:11:25 – 10:15:50 Junge Frauen in weißen Kleidern begrüßen ankommende Veteranen. Veteranen in Uniform mit Pickelhaube, Hindenburg begrüßt Veteran. Veteranen gehen durch Gasse von Schaulustigen. Menschenmenge (verschiedene Einstellungen). Militärkapelle. Hindenburg und Anhang schreiten Soldatengarde mit aufgepflanzten Bajonetten ab. Hindenburg, General-Feldmarsschall August von Mackensen (mit Husarenmütze) und andere schreiten an salutierenden Soldaten vorbei. Handschlag Hindenburg mit Veteran in Zivil. Abgang in Pferdekutschen. Abgang von Generälen und Offizieren zu Fuß. Verhülltes Ehrenmal, Menschenmenge teilweise mit Fahnen (Schwenk). Denkmal wird enthüllt. Hindenburg legt Kranz an Ehrenmal nieder. 10:15:45 – 10:18:53 Militärkapelle marschiert über Straße, bleibt am Rand stehen. Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten, Soldaten, Militärkapelle, Veteranen marschieren, Schaulustige am Straßenrand (verschiedene Einstellungen). Hindenburg auf Ehrentribüne salutiert, daneben Mackensen Gedenkstein, Aufschrift „Herr mach uns frei“ (nah).

Die militanten „Bilder“ jener Tage in diesen Filmaufnahmen gehen parallel zu den vielen militanten Bildern, die aus dem gleichen Zeitraum durch Fotografen festgehalten worden sind, und die auf dem Blog „Studiengruppe Naturalismus“ zusammengestellt worden sind.

Ein Film der Reichswehr über die Schlacht von Tannenberg (vor 1932)

Der vormalige Leiter des Militärarchivs in Koblenz, Hermann Teske, berichtet in seinen Erinnerungen über den General Friedrich von Boetticher15:

Zum ersten mal besuchte ich den General der Artillerie a. D. von Boetticher (...) am 18. Mai 1960. (...) Die Bedeutung seines Werdeganges liegt darin, dass er noch im sogenannten Großen Generalstab unter führenden Persönlichkeiten des Ersten Weltkrieges wie Ludendorff, Groener und Schleicher gearbeitet hat, dass er nach 1918 an der Wiedererrichtung des Generalstabes im 100.000-Mann-Heer an maßgeblicher Stelle beteiligt war.

Zu seinem Nachlass zählte unter anderem:

Nachlass-Stücke von den Generälen Groener und Schleicher, mit denen er befreundet war. (...) Schließlich 2000 m gut erhaltener Film über die Schlacht bei Tannenberg, hergestellt von amtlicher Seite, wahrscheinlich vom Generalstab des 100.000-Mann-Heeres, aufgenommen teils als Trickfilm, teils im Gelände der Schlacht, ehe es sich verändert hatte.
Dem 100.000-Mann-Heer war ja ein Generalstab ausdrücklich verboten worden durch den Versailler Vertrag, weshalb auch das Generalstabsgebäude in Berlin einem neuen Zweck zugeführt worden war. Es wird sich hier also um andere leitende Stellen des 100.000-Mann-Heeres gehandelt haben. Ob diese Filmaufnahmen schon irgendwo einmal verwertet worden sind, ist einstweilen unbekannt.

Der Spielfilm „Tannenberg“ (1932)

Am 8. September 1932 kam der Spielfilm „Tannenberg“ heraus von dem Filmregisseur Heinz Paul (1893-1983) (11, 12). Er ist in deutscher Fassung 105 Minuten lang, in amerikanischer Fassung 100 Minuten (s. Internet Movie Database, Online-Filmdatenbank, Nexusboard). Drehzeit war vom 17. Juni bis Juli 1932. Am 31. August und am 27. September 1932 fanden - erst in Wien, dann in Berlin - die Uraufführungen statt (Primus-Palast und Titania-Palast). Offenbar im Jahr 1934 hatte man gegenüber diesem Spielfilm viele Vorbehalte:

Wir alle haben es miterlebt, als unter der Leitung von Hindenburg und Ludendorff unsere tapferen Feldgrauen den vernichtenden Schlag gegen die weit stärkeren Russen an den Masurischen Seen ausführten und Ostpreußen von den Eindringlingen retten konnten. Es ist wohl der genialste Feldzugsplan der deutschen Geschichte gewesen, der hier zur Durchführung gelangte. Heinz Paul, sonst ein Spezialist und Routinier in Kriegsfilmen, wie er mit „Douaumont“ bewiesen hat, hat mit „Tannenberg“ einen schwachen Film gemacht: filmische Nachkonstruktion eines Schullesebuchs, reportagemäßig, didaktisch. Wo ist hier vor der grandiosen Kulisse das hinreißende dramatische und vor allem das bewegte filmische Element?
Die Schlacht von Tannenberg wurde in Wirklichkeit durch die heroischen Märsche der Truppen gewonnen. Die graphischen Karten des Majors Georg von Viebahn im Film zeigen es. Die Filmbilder zeigen es nicht. Dafür zeigen sie eine belanglose novellistische Spielhandlung mit Hans Stüwe als Ulanenrittmeister und Gutsbesitzer, Käthe Haack als Gattin, Hertha von Walther und Viktor de Kowa als Liebespaar.
Es gehört ein ungewöhnliches Maß von Takt dazu, Männer der Gegenwart, deren Name und Bild ihren Mitmenschen als heiliges Symbol großer Taten fest ins Bewusstsein eingeprägt sind, der Maske und Gebärde von Schauspielern in einer Weise anzuvertrauen, dass aus ihnen kein Zerrbild wird. Ganze Teile des Films, die den deutschen Reichspräsidenten, Generalfeldmarschall von Hindenburg, zum Gegenstand hatten, sind daher der Zensur zum Opfer gefallen, so blieb man vor dem Peinlichsten bewahrt.
An anderer Stelle heißt es über diesen Film (Urania 2009):
Der Film bietet nicht nur eine dramatische Geschichte, sondern hat auch selbst eine solche, weil der damalige Reichspräsident von Hindenburg nicht mit der Art und Weise einverstanden war, wie er präsentiert wurde, und den Film daher der Zensur unterzog.

Ein Besuch im Hause Ludendorff“ (1933)

Im Juli 1933 machte eine Anzeige in der wenig später verbotenen Wochenzeitung der Ludendorff-Bewegung, "Ludendorffs Volkswarte", darauf aufmerksam, daß ein Film fertiggestellt worden sei und vertrieben würde "mit ausdrücklicher Genehmigung des Schirmherrn" (Erich Ludendorff) "und seiner Gattin" (Abb. 3). Ob dieser Film noch irgendwo vorhanden ist, ist einstweilen unbekannt.

Abb. 5: Eine Anzeige in "Ludendorffs Volkswarte", 16. Juli 1933

„Deutschland ehrt General Ludendorff“ (9. April 1935)

Sodann gibt es Aufnahmen aus der Deutschen Wochenschau vom 9. April 1935 unter dem Titel "Deutschland ehrt General Ludendorff" (12). Hier hört man Erich Ludendorff selbst in einer Ansprache (Criticalpast). In einer Beschreibung des Filmarchivs "Deutsche Wochenschau" heißt es:

70. Geburtstag am 9.04.1935 TC 10:00:00 – 10:01:25 Erich Ludendorff in kaiserlicher Feldmarschallsuniform (falsch!, Generalsuniform) vor seiner Villa in Tutzing (bei München), nimmt Blumen und Glückwünsche entgegen. Menschenauflauf. Händeschütteln. Glückwunschpakete werden weitergereicht. TC 10:01:25 – 10:04:40 Ankunft Reichswehrminister Werner von Blomberg als offizieller Regierungsvertreter, Uniformierte mit Pickelhauben salutieren. Ludendorff mit Pickelhaube und von Blomberg kommen mit weiteren Militärs aus Haus, gehen gemeinsam zur Festwiese. von Blomberg und Ludendorff schreiten Ehrenkompanie ab, Fotografen. Flugzeugformation am Himmel. Ludendorff im Gespräch mit Wehrmachtssoldaten. Ludendorff und von Blomberg (nah). Blaskappelle der Wehrmacht spielt. Ludendorff (nah) hält Ansprache.
Urlaub in Oberbayern TC 10:04:45 – 10:08:35 Zug (Elektrolok) fährt vorbei (nah). Schild: Klais. Gebirgskette zwischen Karwendel und dem Wetterstein in Bayern (Schwenk). Schild: Zutritt untersagt. Landhaus im bayerischen Oberland. Mathilde Ludendorff und Erich Ludendorff (mit Wanderhut) wandern. Ludendorff (in zivil) liest Post (nah, außen). Ehepaar Ludendorff beim Essen (innen). Mathilde Ludendorff reicht Kaminholz von außen ans Fenster. Erich Ludendorff nimmt Holz mit jungem Mann entgegen. TC 10:05:30 – 10:10:50 Ehepaar Ludendorff überprüft witterungsgeschädigte Tannen am Haus. Landschaftsgärtner spricht mit Ehepaar. Kaffeetrinken mit Gästen (außen). Ludendorff (nah). Landschaft. TC 10:10:45 – 10:14:55 Mathilde Ludendorff an Schreibmaschine (außen). Erich Ludendorff korrigiert Texte (außen). Ehepaar Ludendorff vorm Haus. Ludendorff spricht (nah). Mathilde Ludendorff sitzt auf Wiese, Erich Ludendorff steht daneben. Spaziergang auf Bergwiese. Ehepaar Ludendorff sitzt auf Bank und genießt die Aussicht. Hütte im Tal, Berge im Hintergrund. Bergwipfel mit Schnee (nah). Privataufnahmen des Feldherrn im Ersten Weltkrieg, Hitler Putschisten und späteren völkischen Sektenführers (Deutsche Gotterkenntnis e.V.) Erich Ludendorff (1865-1937)

Soweit diese Filmbeschreibung.

Der Geburtstag Erich Ludendorffs (9. April 1937)

Laut einem Bericht (Zeitschrift „Mensch & Maß“, 23.2.1975) existieren
Filme von den Geburtstagen 1935 und 1937, sowie vom 22.12.1937.

So ist es verzeichnet auf einem Programm eines von Franz von Bebenburg veranstalteten „Ostertreffen in Bernried bei Tutzing“ zu Ostern 1975.

Abb. 4: Ludendorff, Hindenburg und Hoffman in dem Film "Tannenberg", dargestellt von Schauspielern (1932)

„Staatspolitischer Film 'Tannenberg'“ (Herbst 1937)

Der 1932 produzierte Spielfilm „Tannenberg“ wurde 1937 trotz der schon bei seinem Erscheinen bemerkten Mängel und Einschränkungen von einem Dr. Walther Günther im Auftrag der „Reichspropagandaleitung der NSDAP“ für den Unterricht empfohlen. Walther hat allerdings darauf aufmerksam gemacht, das das Ansehen des Filmes - durch den Lehrer oder andere – gründlicher vorbereitet werden müsse, da man sonst die Filmhandlung nur schwer verfolgen könne. Hierfür hat er eine im Sachlichen sehr spannend zu lesende Schrift verfasst16. In dieser Schrift steht nun auch auffallenderweise ganz die Person Erich Ludendorffs als der maßgebliche Schlachtleiter im Vordergrund und es wird auch umfangreich aus den Veröffentlichungen Erich Ludendorffs zitiert.

Sie fand in einer Besprechung, die am 5. November in der Zeitschrift Erich Ludendorffs erschien17, lebhafte Zustimmung. Da der Autor, ein Lehrer, in jener Zeit häufiger persönliche Gespräche mit Erich Ludendorff führte, ist diese Besprechung möglicherweise noch auf Anregung Erich Ludendorffs hin entstanden oder zumindest mit seiner Zustimmung. Dementsprechend erschien die Schrift von Walther Günther im Jahr 1940 auch im Ludendorffs Verlag selbst.

Der Staatsakt für Erich Ludendorff (22. Dezember 1937)

Von dem Staatsakt für Erich Ludendorff am 22. Dezember 1937 gibt es ebenfalls Wochenschau-Aufnahmen. In einer Beschreibung über dieselben heißt es:

TC 10:00:00 – 10:00:35 22. Dezember 1937: Menschenmenge säumt Straße, Wehrmachtssoldaten tragen Trauerkränze. Sarg mit Reichskriegsflagge auf offener Kutsche, Wehrmachtssoldaten und Offiziere begleiten Wagen. Verschiedene Militärgattungen im Trauerzug. TC 10:00:30 – 10:01:15 Gedenktafel zum 9. November 1923, Wachablösung der SS. Sarkophage der Gefallenden des 9. November 1923. Ehrentempel am Königsplatz. TC 10:01:15 –10:01:19 Hohe Wehrmachtsoffiziere steigen aus Limousine, Passanten machen Hitlergruß.
Im jährlichen Rundschreiben des Bundes für Gotterkenntnis vom 22. Februar 1988 heißt es:
Auf großes Interesse stieß auch die abendliche Filmvorführung: Eines Streifens über Erich und Mathilde Ludendorff aus dem Jahr 1935 und eines Streifens über die Trauerfeierlichkeiten und das Staatsbegräbnis am 22.12.1937.
Diese Filme liegen also möglicherweise im Ludendorff-Archiv des „Bundes für Gotterkenntnis“ vor, wenn es sich nicht um ausgeliehene Filme gehandelt hat.

Die Filmemacherin Irmgard von zur Mühlen - Eine Großnichte Erich Ludendorffs

Die Beziehungen zwischen der Familie Ludendorff und dem Film scheinen sich über drei Generationen hinweg bis heute gehalten zu haben. Ist doch eine Großnichte Erich Ludendorffs die Dokumentarfilm-Produzentin Irmgard von zur Mühlen (geb. 1936) (Wiki) (WDR, IMDB, Amazon, Youtube)18. Sie ist eine Enkeltochter von Gertrud Jahn, der Schwester Erich Ludendorffs. Angesichts der Themen der langen Liste der von ihr erstellten Dokumentarfilme (IMDB) könnte man sie ja als prädestiniert ansehen dazu, den längst fälligen Dokumentarfilm über ihren Großonkel Erich Ludendorff zu erstellen. (So wurde 2012 vorgeschlagen zu einer Zeit, als die nun eingangs erörterte Dokumentation schon erarbeitet wurde.)


(Erstveröffentlichung
dieses Beitrages
auf dem Internetblog
Studiengruppe Naturalismus“:
3.9.2012;
seither zahlreiche Ergänzungen
und Überarbeitungen, 
zuletzt - Anmerkung 30 und 31 -
22.3.2018)

__________________________________
1Kloft, Michael: Der Gefreite und sein General. Hitler, Ludendorff und der Erste Weltkrieg. 101 Minuten, DVD, Spiegel TV, Nr. 42, 2013 (auch auf Youtube)
22015 unter dem Titel „Hitler und Ludendorff - Der Gefreite und der General“ (D 2013), Der totale Krieg (1916-1918), Der Putsch (1919-1923) (siehe etwa hoerzu.de, Suchwort Ludendorff)
3Bading, Ingo: Das Oberlanddenkmal in Schliersee und seine Einweihung am 30. September 1923. Eine Machtdemonstration der völkischen Wehrverbände Bayerns - Sie stehen zur Regierungsbeteiligung in Bayern und zum „Marsch auf Berlin“ bereit im Krisenjahr 1923. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 20. Januar 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2012/01/das-oberlanddenkmal-in-schliersee-und.html
4Vgl. etwa Schenk, Dieter: Die braunen Wurzeln des BKA. Fischer Taschenbuch 2003; siehe dazu auch viele Beiträge von Ingo Bading auf dem Internetblog „Gesellschaftlicher Aufbruch – jetzt!“
5Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen 1914-1918. Mittler und Sohn, Berlin 1919, S. 301-303
6Nebelin, Manfred: Ludendorff – Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler Verlag, München 2010, S. 271f; er stützt sich auch auf: Oppelt, Ulrike: Film und Propaganda im Ersten Weltkrieg. Propaganda als Medienrealität im Aktualitäten- und Dokumentarfilm. Wiesbaden 2002
7http://de.wikipedia.org/wiki/UFA [30.5.2015]
8Dr. W. Fr.: Der Stunde Gebot. In: Die Filmwelt, 12. Jg., 44, 2. November 1918 (pdf), http://www.filmportal.de/material/der-stunde-gebot [8.4.2015]
9Zusammenschnitt von Filmaufnahmen von Erich Ludendorff; auf: http://www.youtube.com/watch?v=RDKfJUCgp88 [30.4.2015]
10Erich Ludendorff im Großen Hauptquartier; auf: http://www.youtube.com/watch?v=iacYvVizs-w [30.5.2015]; Erich Ludendorff überreicht Hindenburg im Großen Hauptquartier ein Geschenk und hält eine Ansprache. Auf: http://www.criticalpast.com/video/65675048813_John-Joseph-Pershing_Paul-Von-Hindenburg_World-War-I_Erich-Ludendorff [30.5.2015]; Erich Ludendorff und der Kaiser; außerdem Szenen aus dem Film „Tannenberg“ (mit Schauspielern, 1932). Auf: http://www.britishpathe.com/video/kaiser-wilhelm-ii-top-german-army-men-aka-german [30.5.2015]
11Bading, Ingo: Einhunderttausend Deutsche auf dem „Deutschen Tag“ in Halle, Mai 1924 - Erich Ludendorff als Teilnehmer des „Deutschen Tages“ in Halle im Mai 1924. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 4. Januar 2012, http://studiengruppe.blogspot.de/2011/09/ludendorff-auf-dem-deutschen-tag-in.html
12Der Große Deutsche Tag in Halle am 10. und 11. Mai 1924. Max Künzel, U. T. Lichtspiele, Leipzig (verboten 1926)
13http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Tag [30.5.15]
14http://de.wikipedia.org/wiki/Lohmann-Aff%C3%A4re_%28Weimarer_Republik%29 [30.5.2015]
15Teske, Hermann: Wenn Gegenwart Geschichte wird ... Kurt Vowinkel-Verlag, Neckargemünd 1974, S. 91f; s.a.: http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_von_Boetticher_%28General%29
16Günther, Walther: Tannenberg. Ein dokumentarischer Film über Die Schlacht von Tannenberg. Herausgegeben im Auftrage der Reichspropagandaleitung der NSDAP., Amtsleitung Film. Berlin 1937. [Staatspolitische Filme, Heft 5] (31 S.) [Erläuterungen zum Film für Unterrichtszwecke]; weitere Auflage: Ludendorffs Verlag 1940
17Niederstebruch, Walter: Staatspolitischer Film „Tannenberg“. In: Am Heiligen Quell Deutscher Kraft. Ludendorffs Halbmonatsschrift, 5. 11. 1937, S. 602f [Rez. der Schrift „Tannenberg“, Staatspolitischer Film, Heft 5]
18Bading, Ingo: „Parteigenossin Ihre Exzellenz Frau Margarethe Ludendorff“ - Eine Familiegeschichte zwischen Adolf Hitler und Erich Ludendorff. Studiengruppe Naturalismus, 19. Februar 2013 http://studiengruppe.blogspot.de/2013/02/parteigenossin-ihre-exzellenz-frau.html 

Literaturverzeichnis

  1. Zusammenschnitt von Filmaufnahmen von Erich Ludendorff; auf: http://www.youtube.com/watch?v=RDKfJUCgp88 [30.5.2015]
  2. Erich Ludendorff im Großen Hauptquartier; auf: http://www.youtube.com/watch?v=iacYvVizs-w [30.5.2015]
  3. Erich Ludendorff überreicht Hindenburg im Großen Hauptquartier ein Geschenk und hält eine Ansprache. Auf: http://www.criticalpast.com/video/65675048813_John-Joseph-Pershing_Paul-Von-Hindenburg_World-War-I_Erich-Ludendorff [30.5.2015]
  4. Erich Ludendorff und der Kaiser (historische Aufnahmen); außerdem Szenen aus dem Film "Tannenberg" (mit Schauspielern, 1932). Auf: http://www.britishpathe.com/video/kaiser-wilhelm-ii-top-german-army-men-aka-german [30.5.2015]
  5. Das Begräbnis der ehemaligen Kaiserin Auguste Victoria. Potsdam-Sanssoucie, 19. April 1921 (6'46). Ilag-Film-Konzern (Isenthal und Juttke) Berlin (Filmportal)
  6. Hitler auf dem Deutschen Tag in Nürnberg am 2. September 1923 (dort war auch Ludendorff, aber in dieser Filmsequenz nicht zu sehen)
  7. Erich Ludendorff während der Einweihung des Oberland-Denkmals in Schliersee am 30. 9. 1923 (Youtube) (a) /Auf Youtube leider nicht mehr verfügbar, siehe stattdessen: Agentur Karl Hoeffkes: Material Nr. 391 - u.a. Einweihung des Freikorpsdenkmals in Schliersee. 19'23 - 23'40, http://www.archiv-akh.de/filme?cid=28#1 
  8. Der Hitler-Ludendorff-Prozeß in München 1924. Auf: Criticalpast.com
  9. German crowd assembled for Lustgarten ceremony. Generals Paul von Hindenburg and Erich Ludendorff attend (auch „Deutscher Tag in Halle“ 1924?). Auf: http://www.criticalpast.com/video/65675040019_German-crowd_Lustgarten_Paul-von-Hindenburg_Erich-Ludendorff
  10. Erich Ludendorff an einem antikisienden Tor. Auf: Criticalpast.com
  11. Der Große Deutsche Tag in Halle am 10. und 11. Mai 1924. Max Künzel, U. T. Lichtspiele, Leipzig (verboten 1926) (lt. Wikipedia)
  12. Die Tannenbergfeierlichkeiten in Ostpreußen (1924). Stummfilm. Deutsche-Wochenschau.de (19 Min.)
  13. Paul, Heinz: Tannenberg. Ein dokumentarischer Film über die Schlacht bei Tannenberg. Verlag Albert Weiner, Berlin 1932
  14. Tönende Kriegsfilme. Auf: I.H.F International Historic Films. Offenbar Text aus Alois Funk "Film und Jugend". Verlag von Ernst Reinhardt, München 1934
  15. Der siebzigste Geburtstag von Erich Ludendorff / Urlaub in Oberbayern. 1935 (Amateurfilm, sw, stumm, 14min 55sec (PLS)). Deutsche-Wochenschau.de ) (vorgeführt vom "Bund für Gotterkenntnis" 1988)
  16. Germany honors General - Erich Ludendorff is honored on his 70th Birthday, at a parade in Germany. Filmaufnahmen (1 Minute und 11 Sekunden). 1935. Auf: Criticalpast.com
  17. Günther, Walther Dr. (Hg.): Tannenberg. Ein dokumentarischer Film über die Schlacht von Tannenberg. Herausgegeben im Auftrage der Reichspropagandaleitung der NSDAP., Amtsleitung Film. Berlin. 1937. [Staatspolitische Filme, Heft 5] (31 S.) [Erläuterungen zum Film für Unterrichtszwecke]; Ludendorffs Verlag 1940 (Google Bücher)
  18. Niederstebruch, Walter: Staatspolitischer Film "Tannenberg". In: Am Heiligen Quell Deutscher Kraft. Ludendorffs Halbmonatsschrift, 5. 11. 1937, S. 602f [Rez. der Schrift "Tannenberg", Staatspolitischer Film, Heft 5]
  19. Staatsbegräbnis Erich Ludendorff in München. 1937 (Amateurfilm, sw, stumm, 1min 19sec (PLS)). Deutsche-Wochenschau.de (vorgeführt vom "Bund für Gotterkenntnis" 1988)
  20. Funeral Of General Ludendorff 1937. Auf: Britishpate.com
  21. 1937 - Funeral of a Great General Erich Ludendorff. Auf: Youtube
  22. Kester, Bernadette: Filmfront Weimar. Representations of the First World War in German Films from the Weimar Period (1919 - 1933). Niederländisch 1998; englisch: Amsterdam University Press, Amsterdam 2003 [= Film Culture in Transition] (Google, Scribd)
  23. Bading, Ingo: „Parteigenossin Ihre Exzellenz Frau Margarethe Ludendorff“ - Eine Familiegeschichte zwischen Adolf Hitler und Erich Ludendorff. Studiengruppe Naturalismus, 19. Februar 2013 http://studiengruppe.blogspot.de/2013/02/parteigenossin-ihre-exzellenz-frau.html
  24. Teske, Hermann: Wenn Gegenwart Geschichte wird ... Kurt Vowinkel-Verlag, Neckargemünd 1974
  25. Kloft, Michael: Der Gefreite und sein General. Hitler, Ludendorff und der Erste Weltkrieg. 101 Minuten, DVD, Spiegel TV, Nr. 42, 2013, https://www.youtube.com/watch?v=vUgXlDuipWw, https://www.youtube.com/watch?v=XSURCPZTgCw (3. Teil: https://youtu.be/A5PtyCwJnMY
  26. Hindenburgs 70. Geburtstag im Großen Hauptquartier. Militärisch-amtlicher Film des Bild- und Film-Amtes (BUFA). (17'12) 2.10.1917 (Filmportal)
  27. Hindenburgs 70. Geburtstagfeier beim Kaiser im Großen Hauptquartier. Militärisch-amtlicher Film des Bild- und Film-Amtes (BUFA). (5'58) 2.10.1917 (Filmportal)
  28. Unser Hindenburg. Militärisch-amtlicher Film des Bild- und Film-Amtes (BUFA). (6'35) (Filmportal a); anderer Titel "Ein Tag bei Generalfeldmarschall von Hindenburg" (bessere Qualität) (Filmportal b
  29.  Dr. W. Fr.: Der Stunde Gebot. In: Die Filmwelt, 12. Jg., 44, 2. November 1918 (pdf), http://www.filmportal.de/material/der-stunde-gebot [8.4.2015]
  30. Laurent Veray (Filmregisseur, Historiker), Agnès de Sacy (Filmschaffende): L'Héroïque cinématographe. Dokumentation, Quark productions ECPAD, Frankreich 2002, 48 Min. (Film Documentaire), Deutsch: Die Kameramänner von Verdun. Arte 2008, https://youtu.be/8pxYDLTSlOQ
  31. Ferguson, Niall: The Square and the Tower. Networks and Power, from the Freemasons to Facebook. Penguin Press, 2018 (Amaz)  
  32. Ein Tag beim Generalfeldmarschall von Hindenburg, Bad Kreuznach 1917, https://www.filmothek.bundesarchiv.de/video/7526 
  33. Hitlerprozess 1924 in der Kriegsschule zu München, 1924 (Yt), https://www.filmothek.bundesarchiv.de/video/577247 

Beliebte Posts