"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Sonntag, 31. August 2014

Mein Großvater - Ein Leben in den Bergen

Jahrgang 1892 - Ein Salzburger Maler

Am 20. und 21. Juli 1936 ging ein Aufschrei durch die internationale Presse von Berlin über Paris, London bis nach New York und Sydney: Ein erneuter Versuch der Erst-Durchsteigung der Eiger-Nordwand war gescheitert. Das "Drama an der Nordwand": Alle vier beteiligten Bergsteiger waren ums Leben gekommen. Ein guter Bergsteigerkamerad meines Großvaters, der Salzburger Edi Rainer, war einer der vier Toten.

Dieses Drama ist in den vielen Jahrzehnten seither vielfach literarisch und filmisch aufgearbeitet worden. Unter anderem mit Schauspielern wie Luis Trenker (1962), Clint Eastwood (1975) oder Benno Führmann (2008) (9-13). Schon im Vorjahr, 1935, hatte der erste Versuch einer Durchsteigung in den Schweizer Alpen ein tödliches Ende gefunden. Seit dieser Zeit heißt eine Stelle in der Nordwand das "Todesbiwak".

Abb. 1: Ölgemälde meines Großvaters Wilhelm Schaufler (1892-1950)

Vom 1. bis 16. August 1936 sollten die Olympischen Sommerspiele in Berlin stattfinden. Für die Erstdurchsteiger der Eiger Nordwand war von Adolf Hitler eine Goldmedaille ausgesetzt worden. Die politischen Zusammenhängen, in denen sich dieses Drama abspielte, werden folgendermaßen umrissen (Wiki):

Der deutsche Botschafter in Österreich, Franz von Papen, unterzeichnete am 11. Juli 1936 das sogenannte Juli-Abkommen mit Österreich, das von Deutschland als Vorstufe zum Anschluß Österreichs gesehen wurde. Die deutsche Propaganda nahm mit Freude die Nachricht auf, daß am Fuß des Eigers Seilschaften aus Deutschland und Österreich darauf warteten, in die Wand einsteigen zu können. Ein gemeinsamer Aufstieg und Gipfelsieg wäre ein willkommenes Symbol auch für einen Zusammenschluß auf politischer Ebene gewesen.

Bei den vier Bergsteigern handelte es sich um:

  • Toni Kurz aus Berchtesgaden, 23 Jahre alt und
  • Andreas Hinterstoißer aus Bad Reichenhall, 21 Jahre alt. 

Diese beiden leisteten damals als Gebirgsjäger Dienst in Bad Reichenhall. Außerdem handelte es sich um die beiden Österreicher 

  • Willy Angerer, 24 Jahre alt und 
  • Edi (Eduard) Rainer, 27 Jahre alt.

Mein Großvater, der damals in Zell am See lebte, hob sich Zeitungsberichte über diese Tragödie auf.

Abb. 2: Edi Rainer links, Willy Angerer rechts

Und wenn man das bescheidene, zurückgenommene Gesicht von Edi Rainer auf einem überlieferten Foto sieht (Abb. 2), dann kann man sich schon denken, daß sich er und mein Großvater gut verstanden haben. Außerdem wird einem dabei schon auch klar, daß die Darstellung dieser beiden Menschen in dem Benno Führmann-Film aus dem Jahr 2008 mit der Wirklichkeit vergleichsweise wenig zu tun haben wird. In einem von meinem Großvater aufgehobenen Zeitungsartikel vom 24. Juli 1936 ("Nr. 168", wohl aus den "Salzburger Nachrichten" oder ähnlich) wird das Schicksal von Edi Rainer ausführlich behandelt. Er war laut dieses Berichtes

ein Salzburger, der vor etwa zwei Jahren nach Deutschland geflüchtet ist. Der 26jährige Eduard Rainer, Handelsangestellter in Salzburg, galt allgemein als ein vorzüglicher Alpinist und Skiläufer. Es war für seine hochachtbaren Eltern ein schwerer Schlag, als der Sohn gleich vielen anderen den Lockungen der nationalsozialistischen Politik zum Opfer fiel und sich verleiten ließ, sogar "aktive Politik" zu machen.
Aus diesen Worten spürt man heraus, daß der Verfasser derselben auf Seiten der austrofaschistischen Regierung Österreichs stand und aus deren Haltung heraus urteilte. Rainer wurde, wie weiter berichtet wird, verhaftet. Während eines Krankenhausaufenthaltes konnte er aber mit Hilfe eines Komplizen nach Deutschland fliehen, was "damals einiges Aufsehen erregt" hatte, so der Bericht:
Rainer wurde wie alle seine Leidensgenossen in die Legion eingereiht.
Mit "Legion" ist die "Österreichische Legion" gemeint (Wiki):
Eine ab 1933 aufgestellte paramilitärische Einheit, die sich aus ins Deutsche Reich geflüchteten österreichischen Nationalsozialisten rekrutierte. Ihre Mitglieder, überwiegend SA-Männer, wurden zunächst in verschiedenen Lagern Bayerns militärisch ausgebildet und bewaffnet und waren für einen eventuellen deutschen Einmarsch in Österreich vorgesehen.
Nach dem gescheiterten Putsch gegen Dollfuß im Juli 1934 traf diese Legion aber den Zorn Hitlers, so heißt es, aufgrund dessen sie ... (Wiki)
... im August 1934 ihre gesamten Waffenbestände (10.300 Gewehre und Karabiner, etwa 340 MG, 1.300.000 Schuss Munition) an die Reichswehr abliefern mußte und von ihren Standorten nahe der österreichischen Grenze abgezogen und in Lager im Norden des Reiches verlegt wurde.
So unter anderem nach Bocholt in Westfalen (s. Marius Lange). Vielleicht kann eine nähere Beschäftigung mit der Geschichte dieser "österreichischen Legion" (14) auch aufklären, welche Motive diese beiden österreichischen Bergsteiger leiteten, ob sie vielleicht sogar einen offiziellen oder halboffiziellen Auftrag hatten. (So wird es auch in der Verfilmung angedeutet, allerdings nur sehr "diffus".) Die Mutter von Eduard Rainer hatte - nach dem oben zitierten Zeitungsbericht - gerade erst eine Ausreisegenehmigung erhalten, um ihren Sohn in Deutschland besuchen zu können. Womöglich war diese Genehmigung schon in Ausblick auf einen erwarteten Erfolg an der Eiger-Nordwand erteilt worden? In dem Zeitungsbericht heißt es weiter über Edi Rainer:
Die Aussöhnung mit Deutschland mag wohl seine letzten Lebenstage mit einiger Hoffnung erfüllt haben, daß es im Laufe der Zeit wieder ermöglicht sein würde, Heimat und Eltern zu sehen.

Wenn man jedenfalls weiß, daß ein so bescheidener und zurückhaltender Mensch wie mein Großvater mit Edi Rainer befreundet war, bekommt man gleich einen ganz anderen Blick auf dieses damalige "legendäre" Geschehen in der Eiger-Nordwand. Weder nach der Fotografie von Edi Rainer, noch nach dem Charakter meines Großvaters kann ich mir denken, daß es sich bei Edi Rainer auch nur in irgendeiner Weise um einen typischen "SA-Rabauken" gehandelt hat.

Das Drama an der Eiger-Nordwand (1936)

Die vier Bergsteiger müssen sehr schlichte, einfache Menschen gewesen, wahrscheinlich gar nicht geeignet als Objekte "spektakulärer" Verfilmungen, wie sie seither erschienen sind (Wiki):

Im Juli 1936 befanden sich die Deutschen Toni Kurz und Andreas Hinterstoißer sowie die Österreicher Willy Angerer und Edi Rainer in Wartestellung unterhalb der Nordwand. Sie stiegen am 18. Juli, zunächst als konkurrierende Seilschaften, auf der gleichen Route in die Wand ein. (...) In der Wand schlossen sich die Seilschaften zusammen. (...) Nach einem gemeinsamen Biwak am Rande des zweiten Eisfeldes setzten sie den Aufstieg fort, kamen aber nur 200 Höhenmeter weiter. Dies bedeutete ein weiteres Biwak. Am folgenden Tag kamen sie weiterhin nur langsam voran und erreichten, gebremst durch den verletzten Angerer, das Todesbiwak. Das Quartett beschloß nun, gemeinsam abzusteigen. In der nächsten Biwaknacht kam es zu einem Wettersturz. Als sie auf dem Rückweg wieder zum Quergang gelangten, hatten die Felsen einen Eisüberzug, und damit war ihnen der Weg abgeschnitten. Einzige Möglichkeit blieb das direkte Abseilen. Sie erreichten eine Stelle oberhalb eines Stollenlochs der Jungfraubahn, wo sie vom Bahnwärter entdeckt wurden. Kurze Zeit darauf riß eine Lawine bis auf Toni Kurz alle Bergsteiger am 21. Juli in die Tiefe.
Andreas Hinterstoißer stürzte bis zum Fuß der Wand in den Tod. Toni Kurz und Willy Angerer waren zu jenem Zeitpunkt von Edi Rainer durch das Seil gesichert worden. Durch die Wucht ihres Sturzes wurde Edi Rainer vom Seil nach oben bis an den Haken gegen eine Felsspitze geschleudert, wobei er einen starken Schlag gegen das Zwerchfell erhielt. Eingeklemmt und bewegungsfähig quälte er sich wohl noch eine Stunde lang, bevor er starb. Willy Angerer wurde durch den Sturz gegen die Wand geschleudert und hing tot im Seil unterhalb von Toni Kurz, der die Lawine als einziger überlebte. Aber auch Toni Kurz konnte nicht gerettet werden:
Wegen der schlechten Bedingungen in der Wand mißlangen alle Rettungsversuche.
Die Rettungsmannschaft der Schweizer Bergwacht brachte sich trotz der flehentlicher Hilferufe von Toni Kurz über Nacht in Sicherheit. Kurz mußte die ganze Nacht über allein und bei Minus-Graden am Seil hängen - über sich und weiter unter sich je einen Toten am Seil. Über den nächsten Vormittag heißt es:
Zuletzt bekam der geschwächte Kurz beim Abseilen den Knoten eines zusammengeknüpften Seils nicht durch seinen Karabiner, so daß er wenige Meter über den Rettern hängend starb.

Was für ein Geschehen.

Abb. 3: Mönchsbergstiege in Salzburg - In diesem Haus ist mein Großvater aufgewachsen (Aufnahme aus dem Jahr 1981)

Kein Wunder, daß dieses Drama viele und kontroverse öffentliche und interne Erörterungen im Gefolge hatte. Das ist ja noch häufig davor und später bei schweren Bergunglücken der Fall gewesen. Man denke etwa an den Tod des Bruders von Reinhold Messner.

Von den sieben Kindern meines Großvaters ist fast allen eine große Liebe zu den Bergen und zum Bergsteigen in die Wiege gelegt worden, so wie mein Großvater selbst sie als Salzburger in die Wiege gelegt bekommen hatte. Aber vielleicht auch jene Spur Vorsicht, die sie solche schweren Bergunglücke vermeiden ließ.

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Mein Großvater

Die Skizzierung dieses Geschehens sollte als Einleitung dienen. Nun zu meinem Großvater selbst, Wilhelm Leonhard Oswald Schaufler (1892-1950). Nachdem hier auf dem Blog schon mein Opa väterlicherseits behandelt worden ist - ein ganz anderes Leben im Havelland, dem Herzland Preußens (Studgr2012) - bietet es sich an, im vorliegenden Beitrag die Familienalben und -erinnerungen weiter zu durchforsten und ähnlich auch meinen Großvater mütterlicherseits zu behandeln (s.a.: 1). Beide Großväter lebten 700 Kilometer voneinander entfernt in sehr unterschiedlichen Lebenszusammenhängen und wußten nichts voneinander.

Abb. 4: Im "Meldungsbuch des außerordentlichen Hörers Wilhelm Schaufler" an der "Universität zu Wien" (Oktober 1920 )

In diesem Beitrag werden Fotos aus Familienalben gebracht zusammen mit einer kleinen Auswahl jener Landschaftsbilder, die mein Großvater gemalt hat. Diese Bilder hängen noch heute in den Wohnungen seiner Kinder und Enkelkinder und prägen den Stimmungsgehalt derselben mit. Dazwischen eingestreut wird über das berichtet, was über sein Leben in den geschichtlichen Verwicklungen seiner Zeit noch in Erfahrung zu bringen ist. Wie mit dem eingangs gebrachten Bezug zur Eiger-Nordwand finden sich, wie wir sehen werden, in diesem Leben immer einmal wieder Bezüge zu allgemeineren zeitgeschichtlichen Geschehnissen.

Abb. 5: Die Hochzeit meiner Großeltern in Tamsweg im Lungau am 6. Mai 1938 - Knapp zwei Monate nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938

Mein Großvater wurde in Salzburg geboren und ist dort zusammen mit seinem vier Jahre älteren Bruder Alfred bei seinen Großeltern aufgewachsen. Denn ihr Vater ist früh gestorben. Ursprünglich waren die Schauflers eine Bauernfamilie aus der Nähe von Sankt Pölten. Der Vater meines Großvaters sollte zum Priester geweiht werden, wurde aber Berufsoffizier (Stgen2019), was ihm die Heirat mit einer Adligen ermöglichte.

Die Großeltern der beiden Brüder mütterlicherseits stammten nämlich aus der vornehmen, eigentlich italienischen Adelsfamilie der Nobile Cicogna (Wiki). Diese hatte Ende des 16. Jahrhunderts sogar den 88. Dogen von Venedig (Wiki) gestellt. Aus ihr sind bis ins 20. Jahrhundert viele höhere Beamte der österreichisch-ungarischen Monarchie hervorgegangen. Die Großeltern besaßen in Salzburg ein Haus an der Mönchsbergstiege, wo sie zusammen mit der unverheirateten Tante Olga lebten. Die Mutter meines Großvaters war 1866 "im Kanonendonner von Custozza" (Wiki) zur Welt gekommen, wie es in der Familienüberlieferung heißt.

Salzburg war natürlich eine Stadt, in der rundum die Berge zum Bergsteigen und -klettern nur so auffordern. Die Kindheitserinnerungen des Salzburger Schriftstellers Karl Springenschmid (1897-1981) (Wiki), der fünf Jahre jünger war als mein Großvater, können davon einen Eindruck vermitteln. Wie die Biographie Springenschmids (2) überhaupt manche Parallelen zu der meines Großvaters aufweist, etwa auch was die spätere Anteilnahme an der völkischen Bewegung der Zwischenkriegszeit betrifft, sowie die Nähe zum Nationalsozialismus in dessen Verbotszeit in Österreich. Und so wie Karl Springenschmid in seiner "Waldgänger-Zeit" nach 1945 die Erfahrungen des österreichischen Klerikalfaschismus, des Dritten Reiches und der Kriegszeit verarbeitete, so hatte auch mein Großvater in anderer Weise nach dem Krieg viel zu verarbeiten. Beide suchten dazu Zuflucht in den Bergen und in künstlerischer Betätigung. (Daß mein Großvater Springenschmid - zumindest als Schriftsteller - kannte, ist allerdings nicht überliefert.)

Abb. 6: Mein Großvater beim Malen, 1930er Jahre

Von Oktober 1911 bis Juli 1913 studierte mein Großvater zunächst vier Semester an der Technischen Hochschule in Wien. Am 1. September 1913 hat er seinen Militärdienst als Einjährig-Freiwilliger beim Infanterie-Regiment 75 in Salzburg angetreten. Dieses Regiment bestand - laut Internetangaben - zu einem hohen Anteil aus Tschechen. (Von diesen haben im Kriegsjahr 1917 viele die Front zu den Russen gewechselt, sind also desertiert.) Am 1. April 1914 war mein Großvater zum Gefreiten befördert worden und im August 1914 hätte seine Militärzeit beendet sein sollen und er wäre vermutlich an die Universität nach Wien zurück gekehrt .... 

Abb. 7: Fertig zum Abmarsch: Die dritte Ersatzkompagnie des Salzburger Rainer-Regiments im Jahr 1914 (Als Beispiel) (Rainer-Reg.)

Am 28. Juni 1914 wird der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajewo ermordet. Plötzlich geht es Schlag auf Schlag: Am 24. Juli erklärt Rußland seine Mobilmachung. Am 25. Juli Serbien. Am 28. Juli erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Am 31. Juli erklärt Deutschland den "Zustand Drohender Kriegsgefahr". Am 1. August gibt es den Mobilmachungsbefehl. Ebenso Frankreich.

Verletzt in der Schlacht nördlich von Lemberg (28. August 1914)

22 Jahre ist mein Großvater alt. Laut seines "Entlassungsscheines zugleich Kriegsdienstbestätigung" (aus dem Jahr 1919) und seines "Hauptgrundbuchblattes" (1916) endete am 8. August 1914 seine Ausbildung. Am 9. August folgte - sicherlich per Bahn - die Abfahrt an die russische Front. Abschied von den Mutter und Großeltern am Bahnsteig (so darf vermutet werden).

Abb. 8: Zell am See, Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)

Für den Zeitraum vom 9. August bis zum 3. September heißt es in den Dokumenten: "An der russischen Front". Die Zeitungen melden: Vormarsch der österreichisch-ungarischen Armee westlich von Lemberg Richtung Lublin. Marschieren, Einquartierung, Marschieren, Rast, Marschieren, fertig machen zum Essenfassen, Marschieren, Hören des Donnergrollens der Front, Marschieren, Einrücken bei Nacht in die vordersten Linien der Front, fertig machen zum Sturm. Rechts und links Gebete der gläubigen Menschen. Andere mögen durch grobe Witze ihrer inneren Spannung Luft machen. Schließlich: "Auf Befehl, Sprung auf, Marsch, Marsch, Sturmlauf, Hurra!!!" ... So geht es an der galizischen Front. Zunächst gibt es nur Siege. Vom 22. bis 25. August: Österreichischer Sieg bei Kraśnik, vom 26. bis 31. August: Österreichischer Sieg bei und Komarów (Wiki). Und mitten in diesen - aber sehr verlustreichen - Siegeslauf hinein erhält mein Großvater am 28. August 1914 - in der "Schlacht von Komarów" (Wiki) - einen Schuß durch den Fuß: "verwundet durch schweren Fußschuß"

Aus dem Nachhinein kann gesagt werden: So viel war in diesen wenigen ersten Tagen des Krieges noch gar nicht geschehen. Der Krieg war damals noch ganz frisch. Diese Schlachten waren nur eine Art "Auftakt". Sie geschehen in denselben Tagen, in denen - weiter oben im Norden, in Ostpreußen - die Schlacht von Tannenberg siegreich für die Deutschen geführt wird (26. bis 30. August 1914).

Wie mein Großvater diese Ereignisse erlebte, hat meine Großmutter, die neunzehn Jahre jünger war als mein Großvater und ihn 1933 kennen lernte, in ihren Lebenserinnerungen folgendermaßen dargestellt (3, S. 24):

Sehr beeindruckend waren für mich die Erzählungen aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, den er nach seiner einjährig-freiwilligen Zeit im Jahre 1913 alle vier Jahre bis zum Kriegsende 1918 mitgemacht hatte (als Leutnant). Zu Kriegsbeginn kam er nach Galizien, wo die Soldaten anfangs auf offenem Feld gegen den Feind (Russen) anrennen mußten. Links und rechts von ihm gab es Tausende von Gefallenen. Ihn traf eine Kugel im rechten Fußgelenk. Am Verbandsplatz wollten sie ihm den Fuß amputieren. Als Offizier ...
... Zu dieser Zeit wird er wohl - laut der genannten Unterlagen - noch Gefreiter, aber vermutlich als Einjährig-Freiwilliger Offiziersanwärter gewesen sein ....
... konnte er sich dagegen wehren und wurde dann mit dem alten Verband und hohem Fieber ins rückwärts gelegene Krankenhaus befördert. ....

Auf dem Salzburg-Wiki lesen wir (Wiki):

In der Liste der Nachrichten über Verwundete und Verletzte vom 21. September 1914 waren bereits zahlreiche Soldaten und Offiziere zu finden.

Es ist das - wie man im Internet sehen kann - eine sehr lange Liste, alphabetisch geordnet. Aber Wilhelm Schaufler ist dort nicht aufgeführt. 

Über diese Anfangsschlachten des Ersten Weltkrieges zwischen Rußland und Österreich-Ungarn in Galizien gibt es viele Erlebnisberichte, durch die man sich ein Bild machen kann. Auch der österreichische Maler Oskar Kokoschka hat, wie er in seinen Lebenserinnerungen berichtet, als Kürassier und Schwerverwunderter Erfahrungen gemacht, die nicht ganz unähnlich gewesen sein werden denen meines Großvaters. 

Abb. 9: 1940/41 - Wilhelm Schaufler mit seinem ältesten Sohn in Zell am See (fotografiert vom Wiener Schwiegervater, der die Fotos selbst entwickelte)

Zu den Kampfhandlungen in Galizien war es gekommen dadurch, daß die k.u.k-Armee auf breiter Front über die Landesgrenze hinweg offensiv gegen das 200 Kilometer nördlich von Lemberg gelegene Lublin vorgegangen war. Tomaszow (Wiki) liegt knapp hundert Kilometer nördlich von Lemberg (G-Maps). Hier kämpfte der linke Flügel der österreichischen Armee. Befehlshaber war General Viktor Dankl (Wiki):

Während des Ersten Weltkriegs fanden Ende August 1914 während der Schlacht von Komarów in der Umgebung des Ortes schwere Gefechte zwischen russischen und österreichisch-ungarischen Truppen statt. 

Während mein Großvater in Lazarette zurück gefahren wurde, sind die Kämpfe an der Front dann nicht mehr ganz so glücklich weiter gegangen wie zuvor (Wiki):

Trotz der österreichischen Siege bei Kraśnik (22.-25. August) und Komarów (26.-31. August) und anfänglich aussichtsreichem Vordringen der k.u.k. Truppen südlich Lublin wendete sich schon Ende August das Blatt. Nach mehreren Niederlagen vor allem auf dem rechten Flügel (Schlacht bei Złoczów am 26./27. August, Schlacht bei Brzeżany am 26. August) und dem Verlust Lembergs (30. August) befahl Conrad seinen bereits schwer angeschlagenen Armeen eine Gegenoffensive, die in der Schlacht bei Lemberg (7.-11. September) scheiterte. Am 11. September mußte das österreichisch-ungarische Oberkommando den allgemeinen Rückzug befehlen. Dieser war stellenweise von Auflösungserscheinungen begleitet; etwa 100.000 Soldaten gaben sich gefangen, erst östlich von Krakau und im Vorfeld der Karpaten kam die Absetzbewegung - begünstigt durch das zögerliche Nachrücken der ebenfalls stark geschwächten russischen Truppen - zum Stehen. Die Festung Przemyśl, in der mehrere Divisionen eingeschlossen waren, lag nun weit im russischen Hinterland (siehe Belagerung von Przemyśl). Für dieses Desaster - neben den Gefangenen wurden 322.000 Tote und Verwundete verzeichnet, zudem waren aufgrund des fluchtartigen Abrückens große Mengen Kriegsmaterial und etwa 1.000 dringend benötigte Lokomotiven verlorengegangen - machten die Wiener Regierung und das Armeeoberkommando in erster Linie die "arglistige Täuschung" durch ihren Bundesgenossen verantwortlich.

Man drohte von österreichischer Seite aus mit einem Sonderfrieden. In dieser Situation wurde Ludendorff (mitsamt seinem "Militär-Darsteller" Hindenburg) zur Verteidigung Schlesiens nach Breslau beordert. Schon am 28. September 1914 begannen von Schlesien aus der deutsche Vormarsch auf Warschau. Dieser entlastete die k.u.k.-Armee im Süden, die dadurch ebenfalls wieder offensiv werden konnte. Es wurde ein "Oberbebefehlshaber Ost" unter Ludendorff (mitsamt Hindenburg) gebildet, der glaubte, kriegsentscheidende Schläge gegen die russische Armee in Polen führen zu können. Dies konnte aber mangels Truppenzuführung aus dem Westen nicht umgesetzt werden. Damit waren schwere Auseinandersetzungen mit der Obersten Heeresleitung unter Falkenhayn verbunden (Wiki).

Beim Ersatzbataillon der "Rainer" in Salzburg (1915-1917)

Wie gesagt, war der Maler Oskar Kokoschka ebenfalls schwer verwundet worden und hat dann lange Zeit im Spital verbringen müssen. Er ist für die Heilbehandlung schließlich während des Krieges sogar zu einem Arzt nach Schweden geschickt worden. Auch die Verwundung meines Großvaters brauchte mindestens neun Monate, um auszuheilen. Meine Großmutter schreibt:

Lange mußte er mit Krücken gehen und nur den eisern durchgehaltenen Bewegungsübungen in Salzburg (er ging mit Krücken auf den Untersberg) ist es zu verdanken, daß er so weit wiederhergestellt wurde, daß er später seine Klettertouren (Watzmann Ostwand, Dachstein, Schweiz usw.) mit etwas versteiftem Knöchel machen konnte.

Er verbrachte diese Zeit im "Spital" in Wien bzw. in der Rekonvaleszenz-Abteilung in Neuhaus in Südböhmen. In der nachfolgenden Zeit wurde auch mein Großvater ein "Rainer", ein Angehöriger des traditionsreichen Salzburger Regimentes. In einem handgeschriebenen Lebenslauf schreibt er:

Mit 16. 3. 1915 wurde ich zum k.u.k. IR Nr. 59 transferiert und rückte am 1. 4. 1915 zum Ersatzbataillon nach Salzburg ein.

Es war dies das Salzburger "Hausregiment", das damals landesweit bekannte "k.u.k. Infanterieregiment Erzherzog Rainer Nr. 59", kurz nur "die Rainer" genannt (Salzburg-Wiki). Am 23. Mai 1915 erklärte überraschend Italien Österreich-Ungarn den Krieg und fiel damit den "Mittelmächten", mit denen es zuvor im Dreibund verbündet war, in den Rücken. Österreich-Ungarn hatte so gut wie keine Truppen, die es an die neue italienische Gebirgsfront schicken konnte. Alle einheimischen Regimenter waren an der Ostfront eingesetzt. Aus diesem Anlaß gab es damals erneut viele Freiwilligen-Meldungen. In seinem Lebenslauf schreibt mein Großvater: 

Bei der Kriegserklärung von Italien meldete ich mich, kaum schon marschfähig, freiwillig ins Feld nach Südtirol, kam aber vom 9.7. bis 9.9. an die russische Front. Durch Überanstrengung verschlechterte sich mein verwundeter Fuß, daß ich vom 10.9. bis 8.12. ins Spital und anschließend in die Reserveabteilung des IR 59 kommen mußte.

Im "Hauptgrundblatt" heißt es dazu am 20. Dezember 1915:

Als tauglich zu Hilfsdiensten als Schreiber zu verwenden (...). Das Gebrechen ist durch die (...) Militärdienstleistung herbeigeführt worden.

Ein Jahr lang war er dann beim Ersatzbataillon 59 bzw. beim Stationskommando Salzburg tätig.

Am 11. Februar 1916 wurde er hierbei zum "Zugführer", am 1. März zum "Kadett", am 7. September zum "Fähnrich der Reserve" und am 14. November zum "Leutnant im Ruhestand" befördert.

Abb. 9a: Als Fähnrich, 1916

Dabei heißt es wiederholt:

Als zum Truppendienste im Heer untauglich zu Lokaldiensten geeignet. - Als felddienstuntauglich zu Ausbildungsdiensten geeignet. - Als zum Truppendienste im Heere untauglich zu Lokal- und zu Ausbildungs- und Fliegerdiensten geeignet.

Ab dem 1. Januar 1917 besuchte er für acht Monate die Reserve-Offiziers-Schule in Stejr-Freistadt. 

Abb. 10: Zell am See - Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)

Nach weiteren zwei Monaten beim Ersatzbataillon in Salzburg gehörte er dann für fast ein Jahr - offenbar - zu den wachhabenden Offizieren des Kriegsgefangenenlagers Mauthhausen (Wiki).

Leutnant in Montenegro (1917/18)

Dann heißt es in seinen Papieren:

3. 9.17 - 1.11.18 russ. Kgf. Komp. 218 AZA 54a in Montenegro

Montenegro (Wiki) liegt nördlich von Albanien, westlich des Kosovo und südlich von Bosnien und Serbien. Vor 1914 war Montenegro ein unabhängiger Staat und mit Serbien verbündet. Montenegro ist ein kleines, sehr gebirgiges Land (Wiki):

Die unzugänglichen Hochgebirge werden durch steile abweisende Canyons zerteilt. Darunter gilt die Tara-Schlucht als tiefste Schlucht Europas.

Anfang 1916 hat Österreich-Ungarn Montenegro in einem kurzen Feldzug erobert. Montenegro war dann für zwei Jahre von der k.u.k.-Armee besetzt. Charakteristisch für die beiden Jahre Besatzungszeit war das sogenannte "Bandenwesen" montenegrinischer Freischerlern in den Bergen, die immer einmal wieder das Land unsicher machten und Überfälle ausführten (s. Abb. 11) (Wiki):

Für die Beherrschung des gebirgigen, unwegsamen Landes benötigte die k.u.k. Militärverwaltung mit über 40.000 Mann mehr als doppelt so viel Besatzungstruppen wie für Serbien. Zudem gab es ab Anfang 1918 eine Guerilla-Bewegung.

2019 ist ein neues Buch über diese Besatzungszeit erschienen (Abb. 11). 

Abb. 11: Der k.u.k.-Militärgouverneur von Montenegro Clam-Martinic und sein Mitarbeiter Schmidt-Zabierow in der Bildmitte umgeben von einer montenegrinischen Sicherungseskorte am 27. August 1918 am Kapetanovo Jezero rastend - nur wenig später kam es zu einem Feuergefecht (Umschlagbild von Brendel 2019).

Über die Besatzungstruppen heißt es darin (Brendel 2019, S. 105):

Dazu kamen 2.000 in Montenegro eingesetzte Kriegsgefangene, vor allem aus dem Russischen Kaiserreich, und 12.000 montenegrinische Zivilarbeiter. Über die teils freiwilligen, teils zwangsverpflichteten Zivilarbeiter gab es von Anfang ...

(Hier wie auch weiterhin zunächst nur als Google-Bücher-"Schnipsel" zitiert.) Zu den Bewachungstruppen dieser 2.000 russischen Kriegsgefangenen dürfte Leutnant Wilhelm Schaufler gehört haben. Welche Verhältnisse lernte er in Montenegro kennen? Was erlebte er? Über die k.u.k.-Militärverwaltung von Montenegro lesen wir (Brendel, S. 189):

So wurde die Februarrevolution im Russischen Kaiserreich nur am Rande zur Kenntnis genommen, obwohl sich dort etwa 2000 russische Kriegegefangene befanden. Noch erstaunlicher ist, daß der Toplica-Aufstand, der im Februar und März 1917 ...

... in Südserbien gegen die bulgarische Bestatzungsmacht ausbrach, offenbar nur wenige Beachtung von Seiten der Militärverwaltung von Montenegro fand. Vom 10. Juli 1917 bis 3. November 1918 war Militärgouverneur von Montenegro Heinrich Graf Clam-Martinic (s. Abb. 9a) (Brendel S. 215):

Die Lage in Clam-Martinic' neuem Zuständigkeitsbereich war alles andere als zufriedenstellend, da nach wie vor montenegrinische Banden - denen sich teilweise österreichisch-ungarische Deserteure und entflohene russische Kriegsgefangene angeschlossen hatten - in den abgelegenen Teilen Montenegros aktiv waren.

Es kam immer wieder zu Überfällen, so daß Kutschen und Autos nur noch mit bewaffneter Bedeckung unterwegs sein durften (Brendel, S. 218):

Mangles geeigneter verfügbarer Kampftruppen und Gendarmen wurden Trainsoldaten als Begleitmannschaften eingesetzt. (...) Die zunehmenden Sicherheitsprobleme in Montenegro veranlaßten Militärgouverneur Clam-Martinic dazu, "allgemein in Erinnerung zu bringen, daß wir in Montenegro im Feindesland leben und daher die gebotenen Vorsichtsmaßregeln nicht außeracht gelassen werden dürfen".

So in einer Verordnung vom 11. August 1917. Der Militärgouverneur verhandelte mit den aufständischen Banden und machte ihnen Amnestie-Versprechungen. Diese "weiche" Besatzungspolitik konnte er sich nur aufgrund seiner persönlichen Nähe zum Kaiser Karl erlauben. Als wichtigster politischer Führer der Aufsändischen galt der vormalige montenegrinische Kriegsminister Radomir Vešović (1871-1938) (Wiki). Vom Ersten Balkankrieg her genoß er aufgrund seiner damaligen militärischen Erfolge viel Ansehen im Land. Er hatte schon 1916 einen Aufstand geplant, der entdeckt worden war. Er war von einer österreichischen Patroille gefangene genommen worden, konnte ihr aber gemeinsam mit seinem Bruder entfliehen, wobei ein österreichischer Leutnant ums Leben kam. Er schloß sich den Tschetnik-Guerilla-Banden in den Bergen des nördlichen Montenegro an. Im Januar 1918 nahm er das Amnestie-Versprechen an und begab sich in österreichische Internierung. Aber (Brendel, S. 257):

Ende Januar 1918 war das Scheitern von Clam-Martinic' Plan, mithilfe des ehemaligen Kriegsministers Vešović die Bandenbewegung im Kreis Niksic in den Griff zu bekommen, nicht mehr zu leugnen.

Und (Brendel, S. 364f):

Clam-Martinic war über den Ausgang der Vešović-Affäre letztlich bitter enttäuscht, seine politischen Lösungsansätze für das Bandenproblem waren gescheitert. Insbesondere führte die Waffenstreckung der Symbolfigur Vešovićs nicht (...) zum Ende der Aufstansbewegung, sondern war vielmehr das Fanal zur Eskalation. (...) Mehr als 90 Prozent aller Zwischenfälle und Verluste beider Seiten während der Besatzungszeit sollten sich erst im Jahre 1918 ereignen.

Also just in der Zeit, in der Leutnant Schaufler dort Dienst leistete. Ende Oktober dann (Brendel, S. 355) ...

... war der geeignete Moment für die befürchteten "Erhebungen" gekommen: alle von den Besatzungstruppen teils fluchtartig geräumten Gegenden wurden von Banden besetzt. (...) Am 29. Oktober 1918 meuterten in Montenegro rumänischsprachige Truppen der österreichisch-ungerarischen Armee, am folgenden Tag liefen zum letzten mal kaiserlich-deutsche U-Bote aus der Bucht von Kotor aus.

Das Buch von Brendel bezieht sich im Quellenteil auch auf einen (Brendel, S. 373):

"Bericht über die im April 1918 stattgefundene Besichtigung der Kriegsgefanenen-Lager in Neszider, Boldogasony und Nagymegyer, der Internierten-Stationen in Karlstein und Grossau und der Konfiniertenstation in ...."

Hier gäbe es sicherlich noch mancherlei Anknüpfungspunkte in der Literatur, um die Verhältnisse besser kennen zu lernen, in denen sich der Leutnant Schaufler damals bewegte. Meine Großmutter berichtet (3, S. 24f):

Wieder eingerückt, kam er nach Bosnien und Herzegowina, Montenegro (das damals zu Österreich gehörte). Die Soldaten waren dort sehr durch die Partisanen gefährdet und durften sich nicht vom Zuge entfernen. Als Offizier hatte er jedoch die Möglichkeit, sich nicht an diese Anordnung zu halten. Zum Aquarellieren suchte er sich oft malerische Plätze aus. So bemerkte er eines Tages plötzlich einen Schatten auf dem Aquarellpapier. Hinter ihm stand ein Partisan mit einem Gewehr! Er malte ruhig weiter und der Schatten verschwand nach einiger Zeit. - Er mußte oft in Lebensgefahr gewesen sein.
Und (3, S. 24f):
Als der Rückzug im Oktober und November 1918 stattfand, war die Truppe bereits von der Hauptarmee abgetrennt, in einer Schlucht eingeschlossen und von Partisaninnen bewacht. In der Nacht konnten sie sich durch Überfall auf die Partisanen retten. Halbverhungert konnten sie sich in Gewaltmärschen zur Hauptarmee durchschlagen und fanden dort nur mehr als Proviant bereits mit Petroleum übergossene Brotlaibe vor, die dem Feind nicht in die Hände fallen sollten. Solch einen Brotlaib hat er auf einen Sitz verzehrt.

Und (3, S. 28):

Damals mußte er leider auch sein Pferd mit dem ganzen Gepäck und allen drei Skizzenbüchern aus dem Krieg in eine Schlucht stürzen. Beim Rückzug haben nur mein Mann und ein zweiter deutsch-österreichischer Offizier eintausend Soldaten nach Wien zurückgebracht. Die tschechischen, ungarischen, italienischen Offiziere usw. der k.u.k. Monarchie ließen damals die Truppen im Stich und kehrten heim in ihre Heimatländer. Die Ungarn wollten anfangs keine Eisenbahnwaggons für die Rückfahrt nach Wien und Verpflegung für die heimkehrenden Soldaten stellen. In Wien angekommen, war dort schon die Revolution ausgebrochen, die Monarchie abgeschafft und den Soldaten wurden die Achselstücke von den Schultern gerissen.

Es wird sich um eintausend deutschsprachige Besatzungssoldaten gehandelt haben, vielleicht in der Mehrheit ebenfalls dem Rainer-Regiment zugehörig. Es wird deutlich, was für ein irres und wirres Geschehen damals zu durchleben war. Es war das nichts Geringeres als der Zusammenbruch einer Welt, in diesem Fall der österreichisch-ungarischen Monarchie. 

Es ist verständlich, daß das Leben meines Großvaters von den vielen aufwühlenden Ereignissen und Erlebnissen des Ersten Weltkrieges geprägt geblieben ist. Es gilt das für das Leben fast aller Angehöriger seiner Generation, der Generation der "Frontsoldaten".

Abb. 12: Etwa 1944 - "Tante Traudel", ein "Pflichtjahrmädchen", mit den Kindern der damals rasch wachsenden Familie

Vom 30. November 1918 liegt dann ein Urlaubsschein vor für "dauernde Beurlaubung" des "Leutnant der Reserve Wilhelm Schaufler", ausgestellt vom "Ersatzbataillon des Infanterieregiments Erzherzog Rainer Nr. 59" in Salzburg.

Und vom 31. März 1919 dann jener "Entlassungsschein zugleich Kriegsdienstbestätigung", ausgestellt von derselben militärischen Einheit. Dieser Entlassungsschein ist ja schon mehrfach zitiert worden.

Ein verarmter Leutnant in Wien (1919)

Ein Jahr später wird Wilhelm Schaufler dann "außerordentlicher Hörer" an der "Universität zu Wien". Er gehörte zu der großen Schar der damals verarmten Kriegsheimkehrer. Ein Leutnant, der viel durchgemacht hat. Ein armer Schlucker zugleich. In seinem Lebenslauf schreibt er:

Da ich nach dem Kriege mittellos war, konnte ich meine Studien nicht fortsetzen und fand endlich eine Stelle als Erzieher und Lehrer für Handfertigkeit und Werkstättenleiter an der Bundeserziehungsanstalt für Knaben in Wiener Neustadt von 1. 4. 1920 bis 13. 9. 1923. 

Bastel- und Handarbeiten hat mein Großvater ja bis zu seinem Lebensende gerne gemacht.

In der Zeit danach war er für eineinhalb Jahre "als Beamter", also offenbar in der Verwaltung, einer Baufirma tätig (1923 und 1924). Es wechselten dann halbjährlich Arbeitslosigkeit, Anstellung als "Beamter" bei einer Expeditionsfirma und wieder Arbeitslosigkeit.  

Erst mit dem 1. April 1926 - also in der Zeit der wirtschaftlichen Stabilisierung - bekam er eine Daueranstellung beim Landesarbeitsamt Salzburg. Dort arbeitete auch sein Bruder Alfred. Noch im gleichen Jahr 1926 wurde mein Großvater Mitglied im Verein für Höhlenkunde Salzburg. Und am 4. Juni 1929 Mitglied des Salzburger Turnvereins. 

Am 1. November 1929 wurde er zum Amtleiter des Arbeitsamtes in Tamsweg im Lungau ernannt.

Abb. 13: Sommer 1945 - Mein Großvater (hinten), meine Großmutter (am Kinderwagen) und ihre lachenden Kinder beim Spaziergang in Zell am See

Die erste von ihm eingegangene Ehe scheiterte bald. Der Sohn, der aus dieser Ehe hervorging, kam in den 1930er Jahren beim Spielen mit Munition ums Leben. Für die Jahre 1928 und 1929 haben sich Auszüge aus dem Tourenbuch meines Großvaters erhalten. In diesem sind folgende Touren verzeichnet:

1928
28./29.2. Leoganger Steinberge, 30.2.-4.3. Glockner, 6.3. Diretissima Stuhlwand Urberg, 7.-8.7. Kommersee, 14.-15.7. kleine Watzmann Ostwand, 21.-22.7. Watzmanneck Bartolomä, 29.7. Sumpf (?), 5.8. Sumpf, 11./12.8. Barolomä Wand, 15.8. Berchtesgadener Hoch... Kamin (...)
1929
1.1. Roßfeld, 6.1. Roßfeld, 12./13.1. Stahlhaus, Schneiber, 20.1. Zistel, 26.1. Rauhenbichel, 27.1. Ehrentraudisalm, 3.2. Untersberg, 10.2. Zistel, 16./17.2. Tennengeb. Wieselstein (?), 23./24.2. Watzmannkind, 2./3.3. Hochkönig, 9./10.3. Wieserhörndl, 16./17.3. Berchtesgadener ... (?), 19.3. Untersberg Diretissima
Soweit übersehbar, waren das anspruchsvolle Klettertouren. Die seelischen Erschütterungen nach dem Ersten Weltkrieg werden auch meinen Großvater der völkischen Bewegung nahe gebracht haben.

Wie mein Großvater genau Tannenbergbund- und Ludendorff-Anhänger wurde, berichtet meine Großmutter in ihren Lebenserinnerungen nicht. Es wird dies über seinen Bruder Alfred geschehen sein, der in Salzburg eine völkische Buchhandlung betrieb und dort die sogenannte "Geschäftsstelle der Deutschen Volkshochschau" betrieb.

"Die Tages des Christentums sind gezählt!" (1931)

Es gab in jener Zeit es Pläne, eine dezidiert Katholische Universität Salzburg zu gründen. Diese Pläne sind von Seiten der katholischen Kirche bis zum Jahr 1962 weiter betrieben worden. Erst dann nahm man sie als gescheitert hin, worauf sich die katholische Kirche  - unter maßgeblicher Beteiligung eines gewissen elitären Kriminellen namens Joseph Ratzinger, damals Erzbischof von München, später Papst - 1980 entschloß, die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (Wiki) zu gründen. 

Daß es nie zu einer Katholischen Universität Salzburg gekommen ist, dazu leisteten womöglich auch die beiden Brüder Schaufler einen Beitrag. Im Jahr 1931 organisierte Alfred Schaufler nämlich in Salzburg eine aufsehenerregende Veranstaltung des Ludendorff'schen Tannenbergbundes gegen die Gründung einer solchen Katholischen Universität. Sie fand statt vom 8. bis 13. September 1931. Gewicht bekam diese Protestveranstaltung aber erst durch die damalige persönliche Teilnahme von Erich und Mathilde Ludendorff (4, 5).

Das Ehepaar Ludendorff besichtigte aus diesem Anlaß, wie sie in ihren Lebenserinnerungen schreiben, die Festung Hohensalzburg und das Mozarthaus. Inhaltlich und verantwortlich geleitet worden war diese Tagung von einem Dr. Georg Stolte aus Hannover. Dieser war Leiter des damals bestehenden "Tannenberg-Studenten-Bundes" (4, 5), dem auch Alfred Schaufler angehört haben wird. Dieser trat als Veranstalter der Tagung auf zusammen mit dem "Tannenbergbund / Landesverband Deutsch-Österreich". Weitere Einzelheiten zu dieser Tagung sind in einem parallelen Blogbeitrag zusammengetragen (5). 

Auch ist dort die Rolle behandelt, die Alfred Schaufler und meinem Großvater Wilhelm Schaufler dabei zukamen. Erich und Mathilde Ludendorff waren nicht zufrieden mit der Organisation dieser Tagung wie sie in ihren Lebenserinnerungen schreiben. 

Abb. 14: Oktober 1932 - Aufnahme in die weltanschauliche Vereinigung "Deutschvolk e.V." mit persönlicher Unterschrift Erich Ludendorffs

Diese Veranstaltung ist in ähnlicher Weise noch einmal ein Jahr später wiederholt worden, diesmal ohne die persönliche Anwesenheit Erich und Mathilde Ludendorffs (5).

Kirchenaustritt (1932)

Erich Ludendorff hat in seiner Ansprache in Salzburg unter anderem die Worte ausgerufen: "Die Tage des Christentums sind gezählt!" Mein Großvater ist wenig später aus der katholischen Kirche ausgetreten. Leider erwähnt meine Großmutter die ganze Tagung in ihren Lebenserinnerungen nicht. Doch erwähnt sie, wie mein Großvater im Jahr 1932 aus der katholischen Kirche ausgetreten ist. Dies war Voraussetzung, um Mitglied der kirchenfreien weltanschaulichen Vereinigung der Ludendorff-Bewegung "Deutschvolk e.V." werden zu können. Der "Deutschvolk e.V." war die Vorgänger-Organisation des "Bundes für Deutsche Gotterkenntnis (Ludendorff)", der 1937 gegründet wurde, und der mit Unterbrechungen bis heute besteht (heute: "Bund für Gotterkenntnis (Ludendorff)"). Meine Großmutter berichtet (3, S. 23):

Mein zukünftiger Mann war schon 1932 aus der katholischen Kirche ausgetreten. Er hat mir erzählt, daß der Pfarrer dies auch in der Tamsweger Kirche beim Sonntagsgottesdienst öffentlich verkündet hat und der Mesner die Kirchenglocken für die "verlorene Seele" läuten mußte. Zur Entschädigung für diese Mühe erhielt dieser von meinem Mann ein Trinkgeld von zwei Schillingen.

Man scheint das alles mit Humor genommen zu haben.

Aber in einem sehr deutlichen Gegensatz zu diesem Beitritt zum "Deutschvolk e.V." stehen die lebenslangen astrologischen Interessen meines Großvaters.

Astrologische Interessen

Er glaubte zwar eigentlich nicht daran, wie meine Großmutter später ihren Kindern erzählte. Er war also nicht von der Astrologie überzeugt. Aber das sagen ja auch heute noch fast die meisten, die sich trotzdem vergleichsweise intensiv mit ihr beschäftigen. Er erstellte Horoskope für alle seine sieben Kinder. "Erstaunlicherweise" (!) sollten sogar einige der Angaben in den Horoskopen sich im späteren Leben - zumindest eines seiner Söhne - als richtig herausgestellt haben!!!

Meine Großmutter hat die Horoskope und etwa sieben astrologische Bücher meines Großvaters auch noch nach seinem Tod aufgehoben. Da sich aber in der Familie niemand mehr für diese interessierte, wurden sie nach dem Tod meiner Großmutter nicht mehr aufgehoben. Seitdem der Autor dieser Zeilen von der großen Bedeutung der Astrologie in der völkischen Bewegung der 1920er und 1930er Jahre erfahren hat (siehe anderweitige Blogbeiträge), empfindet er darüber ein wenig Bedauern.

Von Erich und Mathilde Ludendorff sind solche astrologischen Interessen früh und außerordentlich scharf abgelehnt worden. Immer wieder haben beide in ihren Aufsätzen und Büchern die Astrologie als eine Volksgefahr und der Sache nach als eine "Einstiegsdroge" für weitere okkulte Verblödung dargestellt.

Als Beispiel sei angeführt, was Erich Ludendorff am 13. Dezember 1932 zwar nicht in einem öffentlichen Aufsatz in seiner Wochenzeitung, aber in den "Verordnungsblättern" seines "Tannenbergbundes" geschrieben hat (zit. n. Mensch und Maß, 2002, auf hohewarte.de; Hervorhebung nicht im Original):
Solange die Deutschen auf jeden theosophischen, ariosophischen, pansophischen Schwindel, auf Neugeist und Mazdaznan, auf sogenanntes armanisches, nordisches Weistum und Weihtum, oder den nordischen, kosmischen Christus hereinfallen, ist den Deutschen nicht zu helfen. Sie müssen doch in der Lage sein zu prüfen, ob das, was ihnen entgegengebracht wird, dem Selbsterhaltungswillen dienen oder ob es ihn schwächen soll … Bei der Verblödung der Deutschen spielt Astrologie ja eine ganz besondere Rolle. Jeder Anhänger der Astrologie ist aus dem Tannenbergbund zu entlassen, er hat nicht die einfachsten Begriffe deutschen Denkens in sich aufgenommen und ist deshalb nur ein Schaden für den Bund … Der Kampf gegen Geistesverblödung muß tatkräftig aufgenommen werden. Es ist heute das erkannte Streben der überstaatlichen Mächte, die Regierenden durch Erpresserstrippen oder Okkultismus usw. an sich zu ketten und im Volk durch "Laienapostel", ebenfalls durch Okkultismus aller Art, den Selbsterhaltungswillen zu schwächen. Tannenberger dürfen sogenannten germanischen Glaubensgemeinschaften nicht angehören, erst recht nicht irgendeiner "Gesellschaft" wie "Deutscher Orden" usw. oder sonstigen "Vereinen", in denen Geheimorden sichtbar wirken, wie in vielen kulturellen, namentlich sogenannten germanischen, arischen Kulturbestrebungen.

Daß meinem Großvater und seinem Bruder Alfred diese Gegnerschaft des Ehepaares Ludendorff gegen die Astrologie entgangen wäre, ist eigentlich kaum denkbar.

Eine Begegnung in den Schladminger Tauern

Im Jahr 1933 lernte mein Großvater meine Großmutter Ingeborg Willner (1911-1996) kennen. Dies geschah geradezu "wie im Roman" mitten im Gebirge. Meine Großmutter stammte aus einer vormals wohlhabenden Wiener (vormals schlesischen) Familie. Ihr Vater hatte in Gießen Agrarwissenschaften studiert und verwaltete in der Zwischenkriegszeit jene landwirtschaftlichen Güter in Österreich, die vormals im Besitz der Habsburger waren. Als seine aufgeweckte und vielseitig interessierte Tochter Medizin studieren wollte, riet er ihr aber davon ab. Deshalb lernte sie Krankenschwester. Diese junge 22-jährige Wiener Krankenschwester machte nun 1933 mit ihrem Vater und ihrer Schwester eine Bergtour in den Schladminger Tauern. Ehrfürchtig sahen sie oben im Gebirge einen Maler sitzen. Der Vater knüpfte ein Gespräch mit diesem an und bat ihn, seine beiden Töchter auf einen der nächsten Gipfel zu führen. 

Abb. 15: Etwa 1955 - Meine Großmutter mit fünf ihrer sieben Kinder

Nachdem sie von dort zurückgekehrt waren, sagte der Vater meiner Großmutter: Hast Du gesehen, der hatte am Revers einen Ludendorff-Adler. Den kannte meine Großmutter noch gar nicht, obwohl sie zu jener Zeit schon mehrere philosophische Bücher von Mathilde Ludendorff gelesen hatte (darüber ggfs. noch einmal in einem anderen Beitrag). Abends auf der Hütte merkte sich mein Großvater die Adresse, die meine Großmutter auf eine Postkarte nach Hause nach Wien schrieb. Und er knüpfte dann einen Briefkontakt mit ihr an.

In Tamsweg im Lungau (1937)

Sie besuchten sich in den nächsten vier Jahren gegenseitig und machten gemeinsame Wanderungen und Bergtouren. Aufgrund der bigott-katholischen Gesetzgebung des damals in Österreich herrschenden Klerikalfaschismus durfte mein Großvater als Geschiedener kein zweites mal heiraten. Meine Großmutter berichtet darüber, wobei fast jeder ihrer Sätze noch genauerer zeitgeschichtlicher Erläuterung und Einordnung bedürfte, so kompliziert lagen damals die Dinge (3, S. 23):

Da wir trotz beiderseitigen Kirchenaustrittes uns den damals für den Staat Österreich geltenden katholischen Kirchengesetzen unterwerfen mußten und nicht heiraten konnten, auch nicht zusammenziehen durften, da wir sonst im "Konkubinat" gelebt hätten und in diesem Falle mein Mann seine Stellung im Arbeitsamt als Angestellter im Staatsdienst verloren hätte, bemühte er sich für mich um eine Arbeit in Tamsweg, die er im Jahre 1937 bei Dr. Menz, als Ordinationsgehilfin fand.
Ich mußte mir extra ein Zimmer nehmen und bei meiner Vorgängerin innerhalb von vierzehn Tagen das Anfertigen von Zahnprothesen und Goldkronen erlernen. Dr. Menz hatte vormittags Allgemeine Praxis, nachmittags und Sonntag Vormittag wurde die Zahnbehandlung für die Bauern des Lungaues durchgeführt.
Auch den Warteraum mußte ich putzen. Die Bauern ließen besonders im Winter Wasserlachen vom an den Schuhen anhaftenden Schnee zurück. Die Gipsarbeiten und das Vulkanisieren der Zahnprothesen mußten im Zahnbehandlungsraum durchgeführt werden, ebenso das Schleifen. Es erforderte gute Einteilung und schnelles Wegräumen, um immer wieder alles sauber und ordentlich zu haben.
Auch mußte mein Mann, der schon viel früher mit seiner Arbeit fertig war, oft lange an unserem Treffpunkt und Badeplatz an der Taurach auf mich warten. In diesem Jahr lernte ich trotzdem den Lungau im Sommer und im Winter gut kennen.

Als gelernte Krankenschwester hatte meine Großmutter ja keinerlei Vorkenntnisse, die für eine Tätigkeit als Zahnarzthelferin notwendig gewesen wären.

Der "Vater des Lungaus" (1938)

Was aus diesen Worten nicht hervorgeht, was aber aus inzwischen erschienener zeitgeschichtlicher Literatur (6-8) entnommen werden kann, ist der Umstand, daß dieser Dr. Menz gar nicht einmal nur "irgendwer" war. Es handelte sich um den Sprengelarzt Dr. Otto Menz (1890-1980) (Salzburg-Wiki). Er war Mitglied der illegalen österreichischen NSDAP. 1938 ist er Kreisleiter der NSDAP geworden, wie man Angaben im Internet entnehmen kann und wie meine Großmutter ebenfalls in ihren Lebenserinnerungen andeutet. Schon im März 1931 war Dr. Menz bei Salzburger Gemeindewahlen als Redner der NSDAP aufgetreten. Es wird berichtet (6, S. 65, 67):

... Darunter auch der Tamsweger Arzt und spätere Kreisleiter Dr. Otto Menz, der eigentlich zu dieser Zeit noch Lungauer Gauleiter der Großdeutschen Volkspartei war.
Menz wurde während des Ständestaates - natürlich - als politisch unzuverlässig beurteilt (8, S. 45, 105). 1938 wurde er nun kommissarischer NSDAP-Kreisleiter des Lungau und "residierte" in der Bezirkshauptmannschaft Tamsweg (Salzburg-Wiki) (pdf). In einer Radiodokumentation aus dem Jahr 1988, deren Manuskript 2008 in die Geschichtszeitschrift Salzburgs übernommen wurde, heißt es über Otto Menz (7, S. 44):
Nach übereinstimmenden Berichten vieler Zeitzeugen dürfte auch der Lungauer Kreisleiter Dr. Menz nicht zu den Scharfmachern gezählt haben.
Zeitzeuge: „1938 hat der Lungau dadurch, daß der Kreisleiter so eine imponierende Persönlichkeit war und der Kreisleiter der Vater des Lungaues, der Arztvater des Lungaues genannt werden darf, hat der Kreisleiter in seiner gerechten Art usw. zum Beispiel bei der Vergebung der verschiedenen Posten z. B. Ortsgruppenleiter usw. keinen Rowdy in seinen Mitarbeiterstab hineingenommen. Da könnte ich Namen nennen, Leute, die sich in der Verbotszeit da irgendwie hervorgetan haben bei irgendeiner Rauferei usw., die hin und wieder schon entstehen konnten, und die geglaubt haben, sie haben nun die Verdienste, da hat der Dr. Menz von vornherein Ordnung geschaffen.“
Die Hilfsbereitschaft des Arztes Dr. Menz wird auch von Gegnern des Nationalsozialismus anerkannt. Manche mittellose Lungauer wurden kostenlos behandelt oder erhielten kleine Zuwendungen. In Tamsweg herrschte überhaupt ein anderes Klima als in den übrigen Nazihochburgen im Lungau. Die Halleiner Schulschwestern mußten zwar den Kindergarten aufgeben und die Schulen räumen, im Krankenhaus konnten sie aber bleiben. Dort wirkte mit Dr. Ellmautaler die ganze NS-Zeit hindurch ein erklärter Gegner des Regimes als Primar. Kreisleiter Dr. Menz war Konsiliararzt.

Diese Schilderungen und der Bericht meiner Großmutter bestätigen und ergänzen sich gegenseitig sehr gut. Würde meine Großmutter heute noch leben, könnte sie diesem Bericht sicherlich noch viele Einzelheiten hinzufügen. 

Abb. 16: Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)

Zu ihren Lebzeiten ist mir allerdings nie klar gewesen, daß sie Zahnarzthelferin eines regional- und zeitgeschichtlich keineswegs so unbedeutenden Zahnarztes gewesen ist.

Fahnen und Reden im Lungau (31. März 1938)

Wie gestaltete sich der Anschluß Österreichs an das Detusche Reich ab dem 12. März 1938 im einzelnen im Lungau? Hermann Göring spielte dabei eine große Rolle. Dieser hatte nämlich eine ganz besondere Beziehung zum Lungau (Wiki):

Hin und wieder besuchte der junge Hermann Göring die Familie Epenstein auf Schloß Mauterndorf (ca. 90 Kilometer südlich von Salzburg), das er später "die Burg seiner Jugend" nannte.
Und ähnlich auch noch einmal zum Mai 1945 (Wiki):
Nach Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 (...). Auf eine Frage, wohin er nun wolle, antwortete er: "Auf die Burg meiner Jugend." Er begab sich am 7. Mai 1945 auf die Fahrt zur Burg Mauterndorf (Österreich), und da es unsicher war, ob es den sowjetischen Streitkräften nicht doch noch gelingen würde, ins Murtal, also bis in den Salzburger Lungau vorzustoßen, entschied er sich, nach Schloß Fischhorn im Salzburger Pinzgau zu fliehen.
In "besseren Tagen" (aus der Sicht Görings), nämlich als Österreich an das Deutsche Reich angeschlossen wurde, besuchte Göring den Lungau. Und das war für den Kreis eine große Sache (7, S. 21-23):
Das Spektakel des Jahres spielte sich am 31. März in Tamsweg und Mauterndorf ab. Anscheinend der ganze Lungau war auf den Beinen, um Hermann Göring zu begrüßen, der von Graz kommend in seine Wahlheimat einzog. Alle Orte entlang der oberen Muhr und speziell die Strecke zwischen Tamsweg und Mauterndorf waren mit Triumpfbögen und Fahnen geschmückt und 13 Sonderzüge der Muhrtalbahn wurden eingesetzt, um die Menschenmassen heranzukarren. Die erste Begrüßung auf Lungauer Boden fand in Tamsweg statt. Die Tauernpost berichtete ausführlich:
„Dann bestieg Herr Bürgermeister Rath die kleine Rednertribüne vor dem Rathaus, gab seiner Freude Ausdruck, daß er als erster nationalsozialistischer Bürgermeister des Lungaues die Ehre habe, Herrn Generalfeldmarschall in unserer Mitte begrüßen zu können, teilte mit, daß der Marktplatz von heute ab Adolf-Hitler-Platz genannt werde, bat den Herrn Ministerpräsidenten um die Erlaubnis, die Kirchengasse, durch die die Weiterfahrt gehen werde, nunmehr Hermann Göring-Straße nennen zu dürfen und teilte dem Herrn Feldmarschall weiter seine Ernennung zum Tamsweger Ehrenbürger mit. Er schloß seine Rede mit einem dreifachen Sieg-Heil auf unseren geliebten Führer Adolf Hitler und den Getreuesten seiner Getreuen, Hermann Göring."
Der Empfang in Mauterndorf wurde laut „Tauernpost“ zur größten Veranstaltung, die der Ort je gesehen hatte. In seiner Rede ging Göring geschickt auf die miserablen Verkehrsbedingungen im Lungau ein und verfügte spontan, daß die Muhrtalbahn zu einer zweigleisigen Normalspurbahn mit Anschluß nach Radstadt ausgebaut werden müsse. Mit den Vorarbeiten sei sofort zu beginnen. Weiters sei in Turrach eine Eisenhütte zu errichten. Auch der Ausbau der Wasserkräfte im Lungau müsse in Angriff genommen werden, damit auch der entfernteste Bergbauer seinen Licht- und Kraftstrom beziehen könne. Für die Landwirtschaft versprach Göring Kredite und Beihilfen. Zum Abschluß geißelte er die religionsfeindlichen Bestrebungen der Kommunisten, mit denen sich Schuschnigg im letzten Augenblick noch verbünden wollte. Nach dieser Rede marschierten zu Ehren des Generalfeldmarschalls der Samson und die Zwerge auf und mehrere Trachtengruppen boten ländliche Tänze. Die Ehrenbürgerschaft erhielt Göring angeblich wegen seiner Verdienste um die Wasserleitung. Die Ernennung erfolgte allerdings schon am 15. März und somit lange vor Baubeginn.
In der illegalen Zeit wurde die Lungauer NSDAP von der Steiermark aus betreut. Nach dem Anschluß sollte der Bezirk auch politisch von Salzburg abgetrennt werden. Das konnte nur Göring verhindern!
Zeitzeuge: „1938, in den Märztagen, hat es auf ein Mal geheißen: So, der  Lungau gehört zur Steiermark. Das hat die Lungauer so bestürzt und so enttäuscht, daß wirklich absolut keine Freude aufgekommen ist, im Gegenteil, man hat den Kreisleiter Dr. Menz und den Organisationsleiter und noch einen Dritten förmlich bestürmt, sie müssen sofort nach Berlin fahren zu Göring und müssen Göring bitten, daß das wieder in Ordnung gebracht wird. Und sie sind nach Berlin gefahren und der Göring hat sie empfangen und hat zuerst gesagt: „Meine Herren, geographisch gehört der Lungau zur Steiermark." Dann hat er sie eine Zeit warten lassen und dann hat er gesagt: „Dem Herzen nach gehört der Lungau zu Salzburg." Und da waren sie natürlich dann glücklich, sind heim gefahren und dann ist eigentlich erst im Lungau der Anschluß mit Freude gefeiert worden.“

Eheschließung (6. Mai 1938)

In den im Jahr 1990 niedergeschriebenen Erinnerungen meiner Großmutter stellten sich diese Ereignisse rund um den Anschluß folgendermaßen dar (3, S. 26):

Der Anschluß Österreichs an das Dritte Reich im März 1938 wurde auch im Lungau groß gefeiert. Mein Chef Dr. Menz war damals Kreisleiter als Arzt und überließ die Ordination oft meiner Betreuung. Leider konnte ich die Patienten meist nur auf später vertrösten. Zur Feier des Anschlusses kam Hermann Göring in den Lungau, der in seiner Kindheit die Ferien oft im Schloß Mauterndorf verbracht hatte. Auf einer großen Wiese bei Mauterndorf wurden Tribünen mit Hakenkreuzfahnen errichtet, wo Göring mit Ansprachen von Dr. Menz empfangen wurde. Die Bevölkerung des ganzen Lungaus wurde mit Lastautos herangeschafft, um eine "Volksbewegung" auf die Beine zu stellen. Auch die Prangerstangen, der Samson und die Zwerge aus Zederhaus wurden aufgeboten. In Tamsweg gab es am nächsten Tag noch einen Fackelzug. Ich konnte alles aus nächster Nähe mitmachen, war damals schon im siebenten Monat schwanger und wußte, daß wir nun heiraten können.
Das deutsche Ehegesetz wurde allerdings in Österreich erst im Juli eingeführt, doch gab es ja noch das alte Gesetz von 1925 über die Dispensehe. Das Gesuch dazu ging mit der Befürwortung von Dr. Menz an den Landeshauptmann von Salzburg. Allerdings kannte sich niemand mit den Bestimmungen aus und das Gesuch wurde irrtümlich nach Wien geschickt, wo es gut unter einem Aktenberg geruht hätte, wenn Dr. Menz nicht der Sache nachgegangen wäre.
Am 3. Mai kam endlich die Bewilligung und nach dreitägigem Aufgebot konnten wir auf der Bezirkshauptmannschaft in Tamsweg heiraten. Dr. Menz und Herr Eckel waren unsere Trauzeugen. Meine Mutter und Schwester Helga trafen aus Wien ein und brachten Grüße von meinem Vater mit. Ich hatte die Geburt von Gernot (dem ersten Sohn) erst am 20. Mai erwartet, er kam aber schon am 12. Mai auf die Welt, sechs Tage nach unserer Hochzeit. Er war somit "ehelich" geboren. Meine Adoption durch Tante Olga war also nicht notwendig gewesen. Unser Hochzeitstag wurde gefeiert mit einem schönen Maienspaziergang durch blumige Almwiesen mit kleinen Stiefmütterchen und vielen hölzernen Zäunen, die überstiegen werden mußten.

Beruflich war die Arbeit auf dem Arbeitsamt in Tamsweg geprägt durch die preußischen Beamten, die sich hier wie anderwärts in Österreich nicht gerade beliebt machten.

Abb. 17: Aquarell von Wilhelm Schaufler (1892-1950)

Vielleicht ähnlich den "Besser-Wessi's" nach 1989 in den "neuen" Bundesländern.

In Zell am See (1938 bis 1950)

Am 12. Mai 1938 wurde der erste Sohn geboren. Ihm folgten in zügiger Abfolge sechs weitere Kinder. Der jüngste Sohn, das siebte Kind, wurde 1947 geboren. Einige Zeit später konnten meine Großeltern eine Wohnung im Haus von Dr. Menz beziehen (3, S. 27).

Allerdings wurde mein Großvater noch im Jahr 1938 nach Zell am See versetzt, um die Stelle als Leiter des dortigen Arbeitsamtes anzutreten (3, S. 28).

Zu dem Leben in Zell am See sind noch einige schöne Fotos in den Familienalben zu finden. Seit 1938 erhielten Familien mit vier oder mehr Kinder 14- bis 15-jährige "Pflichtjahrmädchen" (Wikip., Kollekt. Ged.). Meine Großmutter wird somit ihr erstes Pflichtjahrmädchen nach der Geburt ihres vierten Kindes 1942 bekommen haben. Auf Abbildung 12 ist ein solches Pflichtjahrmädchen mit den Kindern zu sehen - im Hintergrund das "Steinerne Meer". Meine Großmutter schreibt über ihre Pflichtjahrmädchen in ihren Lebenserinnerungen:
Ich hatte damals immer Pflichtjahrmädchen zur Hilfe. (Sie hießen Jolanda, Hierlanda, Klara usw.) So konnte ich mehrmals in der Woche in der Mittagspause meinen Mann im Arbeitsamt abholen und wir konnten in eineinhalb Stunden schnell mit der Seilbahn auf die Schmittenhöhe fahren und mit den Skiern abfahren. Der Preis für die Seilbahn war damals niedrig und ich hatte allmählich Übung im Ski Fahren bekommen. 

Eigentlich eine tolle Einrichtung, diese Pflichtjahrmädchen. Warum gibt es das heute nicht? - Eine andere, hier nicht eingestellte Aufnahme entstand vor einem Trafo-Häuschen oder etwas ähnlichem in Zell am See. Interessanterweise scheint an der Tür ein Propagandazettel gehangen zu haben mit den groß gedruckten Worten "Die Tat" und "Das Opfer". 

Abb. 18: Aquarell von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)

Leider ist das kleiner Gedruckte nicht zu entziffern. Mein Großvater war jedenfalls froh, daß er während des Zweiten Weltkrieges "unabkömmlich" gestellt war und nicht ein zweites mal in den Krieg mußte.

Entlassen - mit sechs Kindern (1945)

Ausgerechnet am 8. Mai 1945 brachte meine Großmutter ihr sechstes Kind zur Welt. Zu dieser Zeit waren alle ihre Wiener Angehörigen vor den Russen nach Zell am See geflüchtet (3, S. 31):

Es war der 8. Mai 1945, der Tag an dem die Amerikaner in Zell am See einmarschierten. Da wir Ausgangsverbot hatten und ich nicht wußte, ob mich meine Angehörigen im Krankenhaus besuchen konnten, blieb ich zur Entbindung lieber zu Hause. (...) Alle meine Angehörigen, die von Wien vor den Russen zu uns geflüchtet waren, mußten in die Küche verbannt werden. Ich vernehme noch heute im Geiste das Freudengeschrei aus der Küche, als die Hebamme die Ankunft von G. verkündet hatte.
Die ganze Zeit damals war recht aufregend. Gleich in unserer Nachbarschaft wurde im Hotel Austria amerikanisches Militär einquartiert. Im Großen und Ganzen ging es uns unter der Besatzungszeit verhältnismäßig gut. Die Amerikaner verteilten Carepakete und ich bekam für die Stillzeit und für die Kinder reichlich Lebensmittel. Nur für die Normalverbraucher gab es ziemlich knappe Zuteilungen. Und ich hatte damals mit den Verwandten 15 Leute zu verpflegen, was oft nicht leicht war. Meine Schwestern und meine Cousine Gisela wurden nach einiger Zeit bei einem Bauern untergebracht und mußten für ihre Verpflegung Bauernarbeit tun. Gisela war ein ganzes Jahr bei Frau Pf. in Thumersbach, bevor sie zu ihrem Vater, der von Schlesien flüchten mußte, zurückkehren konnte (nach Bad Gandersheim).

Zell am See war von den Fallschirmjägern der 101. US-Luftlandedivision besetzt worden, die sich als Hauptquartier das Grand Hotel wählte. Ein Scharfschütze dieser Divsion erinnert sich (16):

Es prima Land war das, um dort als Soldat Dienst zu tun. Niemand tat noch besonders viel Dienst, einige hielten sich mit Laufen fit, es gab einigen Drill, um uns einsatzbereit zu halten. Es war wirklich ein schöner Ort mit einem glasklaren See in der Mitte der Stadt. (...) Ausruhen nach einem harten Kampf. Noch nicht einmal die Krauts machten den Eindruck, als wollten sie noch irgendwie die Dinge aufrühren. An den meisten Tagen sah man Feindsoldaten aus den Bergen herunterkommen, um gegenüber den alliierten Truppen zu kapitulieren. Sie kamen zu hunderten herunter, hungrig und geschlagen, weit entfernt von dem Töten und Kämpfen, in dem wir mit ihnen gerade erst begriffen gewesen waren.   
Come war’s end we was pulling occupation duty in Zell am See, a middling-sized town in Austria near the foot of the Alps. Fine country to be soldiering in. No one was doing much work no more, some running maybe, some drilling to keep us sharp. Was a beautiful place, truly, with that glassy lake in the center of town. Why, shoot - compared to the aggravation we’d just fought through, the place we now stayed made a fellow feel almost lighthearted in spite of his weariness, as if he was relaxing on his front porch after a hard day’s work. Not even the Krauts felt like stirring things much up. Most days you’d see enemy soldiers hike out of the Alps and surrender to Allied troops. They came down by the hundreds all hungry and beat down, such a far sight from the killing and fussing we’d just been through with them.

Wie unterschiedlich mein Großvater und meine Großmutter zu den Zeitereignissen innerlich Stellung nahmen, geht aus dem nächsten Zitat meiner Großmutter hervor. 

Warum wurde mein Großvater 1938 Mitglied der NSDAP?

Sie selbst konzentrierte sich ganz auf das Familienleben und hatte damit gewiß genug zu tun. 

Abb. 19: Zell am See wurde am 8. Mai 1945 von den Amerikanern kampflos besetzt, von den Fallschirmjägern der 101. US-Luftlandedivision. Sie bezog mit ihrem Hauptquartier das Grand Hotel vor Ort. Dieses Foto entstand einige Wochen nach dem 8. Mai, als Deutsche im Auftrag der Amerikaner in Zell am See einen Sicherheitsdienst versahen (aus: WarHistory2012) (16)

Während mein Großvater, wie sie schreibt, sich "die ganze schwere Zeit sehr zu Herzen" nahm (3, S. 31f):

Mein Mann war der Erste gewesen in Zell am See, den man wegen seiner Parteizugehörigkeit zur NSDAP entlassen hatte. (...)  An dem Tag, als mein Mann nach Hause kam - nunmehr: "vogelfrei", fragte ich, was er nun tun wolle. Er sagte: "Malen!" und nahm sein Malzeug und malte ein wildbewegtes Bild vom See mit dem Kitzsteinhorn. Leider wurde es später verkauft. Denn nun mußten wir vom Verkauf der Bilder leben; solange die Leute noch Geld hatten - bis zur Währungsreform - ging dies auch. Viele der schönsten Bilder gingen damals weg. Mir tat es um jedes gute Bild leid. Diejenigen Bilder, die mir besonders am Herzen lagen, ließ ich mir von ihm schenken, um sie vor dem Verkauf zu schützen. Bin ich doch oft bei unseren Wanderungen dabei gewesen, als sie entstanden. (...)
Willi nahm sich die ganze schwere Zeit sehr zu Herzen. Sah er doch, nun stellungslos, keine Zukunft mehr für sich und die Familie. Da ich noch jünger und optimistischer war, sagte ich manchmal zu ihm: "Wir können noch von Glück sagen gegenüber vielen anderen Menschen, wir leben noch, die Kinder sind gesund, wir haben ein Dach über dem Kopf und sind noch nicht verhungert. Andere sind ausgebombt und haben Angehörige verloren."

Alle Umstände der Parteizugehörigkeit meines Großvaters, die zusätzlich dazu beigetragen haben können, daß er sich "die ganze schwere Zeit sehr zu Herzen nahm", sind aus dem Nachhinein nicht mehr restlos zu klären. In einem von ihm niedergeschriebenen Lebenslauf vom 8. April 1948 schreibt er:

Am 1. 4. 1926 wurde ich als Angestellter beim Arbeitsamte Salzburg aufgenommen, wo ich ununterbrochen bis zum 30. 6. 1945 verblieb. (...) Ich war Mitglied der NSDAP (ohne Funktionen und bin als Minderbelasteter eingestuft) und wurde ohne Wissen meiner vorgesetzten Behörde in Salzburg über örtliche Veranlassung von der amerikanischen Militärregierung am 30. V. 1945 meines Dienstes enthoben. Seither war ich als selbständiger Kunstmaler und anerkanntes Mitglied der Berufsgenossenschaft der bildenden Künstler tätig.

In der NSDAP-Mitgliederkartei sind allerhand Schauflers angeführt, darunter fünf Personen, die Wilhelm Schaufler oder Willy Schaufler heißen, darunter auch Personen aus Österreich - aber mein Großvater ist nicht dabei (Archives). Auch unter seinen anderen Vornamen findet er sich nicht. (Mein Großvater väterlicherseits fand sich hingegen schon.) Ist der Bericht eines der Kinder meiner Großmutter über die Zugehörigkeit des Großvaters zur NSDAP also doch richtig, der lautet:

Meine Mutter erzählte nicht allzulange vor ihrem Tod darüber: er wäre als inoffizielles Mitglied geführt worden, was er selbst gar nicht gewußt hätte. Bei der Aufforderung, in die Partei einzutreten (wohl 1938) hätte er dies abgelehnt, aber - österreichisch verbindlich - stattdessen der Partei eine Spende gemacht. Als (vormaliges) Mitglied des Tannenbergbundes wollte er der NSDAP nicht beitreten. Er wäre den politischen Entwicklungen schon in der Anfangszeit der NSDAP kritisch gegenübergestanden im Gegensatz zu seiner Frau, die optimistischer war. 1945 wäre er "denunziert" worden. Unsere Mutter wäre drei mal beim (jetzt kommunistischen) Bürgermeister in Zell am See vorstellig geworden, um die Entlassung unseres Vaters aus der "Strafarbeit" (er schaufelte als Hilfsarbeiter beim Staudammbau in Kaprun) zu erreichen mit dem Hinweis, daß er dieser schweren körperlichen Arbeit nicht gewachsen wäre und die große Familie möglicherweise eines Tages der Gemeinde zur Last fallen werde.

Das Schicksal der Mitglieder des vormaligen Tannenbergbundes und der Ludendorff-Anhänger nach 1933 ist noch wenig erforscht. Einige landeten im Konzentrationslager. Andere sind auch - früher oder später - der NSDAP oder der SS beigetreten. Noch Anfang der 1940er Jahre beklagten sich Gestapo-Stellen (beim Ludendorff-Anhänger Landesgerichtsdirektor Wilhelm Prothmann [?]), daß dies so unverhältnismäßig wenige wären. 

Umgekehrt sind auch manche vormalige Nationalsozialisten und SS-Männer, nachdem oder weil sie mit der Ludendorff-Bewegung in Berührung gekommen waren und aus der Kirche ausgetreten waren, innerlich in verschiedener Weise auf Distanz gegangen zur NSDAP. Ein gutes Beispiel dafür scheint mir mein Opa väterlicherseits zu sein, über den schon in einem anderen Blogbeitrag berichtet wurde.

Wie dargestellt war mein Großvater Wilhelm Schaufler bis 1936 nicht nur ein guter Freund von Edi Rainer, der offenbar auch aus patriotischen Gründen und in politischen Zusammenhängen von Salzburg aus ins Reich geflüchtet war, dort Mitglied der österreichischen Legion geworden war und 1936 an der Eiger-Nordwand den Tod gefunden hat, sondern er war 1937/38 auch dem "Vater des Lungau", dem Kreisleiter Dr. Menz, zu viel Dank verpflichtet. Da derselbe ihm so vielseitig geholfen hatte bei der Gründung seiner Familie.

Ob sich mein Großvater deshalb - und weil Dr. Menz offenbar auch nicht zu den "Scharfmachern" gehörte -  bewogen gefühlt hat, einer ihm angetragenen Umwandlung seiner ihm selbst womöglich bis dahin unbekannt gebliebenen inoffiziellen Parteimitgliedschaft in eine offizielle 1938 nicht zu widersprechen - über all das liegt offenbar nichts Gewisses mehr vor. Jedenfalls redet sich mein Großvater 1948 in seinem Lebenslauf nicht lange heraus. Wer weiß auch, was der Gefühlsüberschwang des Jahres 1938 bei meinen Großeltern, für die derselbe ja wie geschildert ein doppelter gewesen ist, alles ausgelöst hat.

Abb. 20: Zwangsarbeit bei den Ennskraftwerken vor 1945 (Amazon) - In ähnlicher Weise mußte mein Großvater nach 1945 Zwangsarbeit leisten beim Bau des Tauerkraftwerkes in Kaprun 

Mein Großvater hat nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg in Zeiten der Arbeitslosigkeit auch von dem Verkauf seiner Bilder gelebt. In dieser Zeit bezeichnete er sich als "Kunstmaler". Aber er hat darauf weder eine Existenz aufbauen können noch wollen.

Wiederanstellung beim Arbeitsamt Kaprun (1948)

Meine Großmutter berichtet weiter (3, S. 33):

Im August 1948 konnte Willi wieder in das Arbeitsamt eingestellt werden, doch mußte er nun auf der Außenstelle in Kaprun arbeiten und alle Tage hin und her fahren. Vorher hatte er als Hilfsarbeiter im Tauernkraftwerk arbeiten müssen, da wir nach der Währungsreform ohne Zahlungsmittel dastanden. (...)
Willi hat für den Speiseraum in der Küchenbaracke des Tauernkraftwerkes sieben große Bilder mit Leimfarben gemalt. Es wurden Jagdtiere gewünscht, die er in Landschaften seiner eigenen Skizzen gesetzt hat: Auerhahn auf einer Tanne in Abenddämmerung mit Steinernem Meer als Hintergrund, Gemse mit Großglockner, Murmeltier mit Kitzsteinhorn, Fuchs hinter einem Stein hervorkommend auf dem täglichen Waldweg der Arbeiter zum Lager, balzende Rebhühner usw.

Ob diese Bilder erhalten sind? Der Bau von zwei großen Staumauern für einen Stausee auf 2.000 Metern Höhe, also weit oberhalb der Baumgrenze im schwer zugänglichen Hochgebirge (Hochgeb.st.see Kaprun), war schon 1928 konzipiert worden. 1955 konnte das Tauernkraftwerk Kaprun schließlich in Betrieb genommen werden (Wik). Mit dem schwer durchführbaren Großprojekt war erst 1938/39 nach dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich begonnen worden. Der Kraftwerkbau spielte vor wie nach 1945 eine große Rolle in der Öffentlichkeit, wurde dargestellt als eine heroische Tat des Menschen im Kampf mit der Natur.

Schon während des Krieges wurden auch Zwangsarbeiter eingesetzt. Der Bau kam aber - laut Wikipedia - in dieser Zeit kaum voran: "Ab 1947 wurde das Projekt mit enormen Mitteln aus dem Marshallplan gefördert." 1955 konnte das Kraftwerk schließlich in Betrieb genommen werden. Welche Rolle der Kraftwerksbau in der Öffentlichkeit der damaligen Zeit spielte, geht auch noch aus dem Umstand hervor, daß ein Heimatfilm wie "Ruf der Wälder" (Wiki) (a) *) aus dem Jahr 1965 auf ihn Bezug nahmen:

In die Filmhandlung wurde das Tauernkraftwerk Kaprun einbezogen, das symbolhaft für den Wiederaufbau Österreichs nach Ende des Zweiten Weltkriegs stand und in mehreren österreichischen Heimatfilmen der Zeit eine zentrale Rolle spielte. (...) Gedreht wurde in und um Kaprun.

Die letzten Monate (Oktober 1949)

Über die Zeit sechs Monate vor dem Tod meines Großvaters berichtet meine Großmutter (3, S. 30):

Lange hatte er nichts mehr gemalt. Durch das Malen nur zum Verkauf hatte er wohl die Freude und die Fähigkeit verloren, die Naturstimmungen so wie früher mit dem Pinsel zu erfassen. Wie erstaunt war ich - es war sechs Monate vor seinem Tod - als er eines Tages von Kaprun nach Hause kam und mich bat, seine Mappe zu öffnen: Es waren zehn der besten Aquarelle drin, die er in der letzten Zeit in der Mittagspause in Kaprun gemalt hatte.

Das war also etwa im Oktober 1949. Ein halbes Jahr später, am frühen Morgen des 3. Mai 1950, starb mein Großvater ganz überraschend mit 58 Jahren. Womöglich starb er daran, daß er - wie auch mein Opa väterlicherseits - Raucher war, was ihm meine Großmutter nie hatte abgewöhnen können. (Ein genetischer Test des Blogautors bei 23andMe im Jahr 2016 brachte an den Tag, daß es in der Familie eine erhöhte genetisch mitbeeinflußte Neigung gibt, an Nikotinsucht zu erkranken. Ebenso übrigens gibt es auch eine erhöhte Neigung zur Glatzenbildung. Beides Eigenschaften, die sich bei beiden Großvätern finden.) Meine Großmutter berichtet (3, S. 30f):

Im letzten Jahr war er oft sehr nachdenklich, sprach nicht viel und ich wußte oft nicht, wo er mit seinen Gedanken war. (...) Damals war Willi befreundet mit dem Arzt Dr. Zoepnick, der auch Aquarelle malte. Er besuchte ihn öfters am Abend. Dr. Zoepenick war wohl damals auch schon krank. Er starb etwas später an Schlaganfall. Als Willi nach Hause kam, so gegen neun Uhr und wir schlafen gingen, ließ ich mir noch erzählen, worüber sie sich unterhalten hätten. Er teilte mir mit, Dr. Zoepnick hätte ihm gesagt, er hätte nach vielen Jahren versucht, wieder zu beten - merkwürdig, was ich davon hielte? - Nun, wir schliefen bald ein. Morgens gegen halb fünf Uhr wachte ich auf durch Willis Stöhnen und nach Luft Schnappen, wie es schon einmal vierzehn Tage zuvor der Fall gewesen war. Damals wachte er dann bald auf und erzählte mir, er hätte geträumt. Er träumte öfters vom ersten Weltkrieg und machte dabei alle Situationen, bei denen er in Lebensgefahr war, noch einmal durch. Bei Wiederholung solle ich ihn wecken. - Ich versuchte es diesmal, richtete ihn im Bett etwas auf. Aber es kam nur noch ein letzter Atemzug nach einem Krampf und das Ende war da.

Es ist niemals zu unterschätzen, was Kriege in Menschen auslösen. Meine Großmutter stand mit sieben Kindern allein da. Die sieben Kinder haben ihren Vater, der starb, als das älteste der Kinder erst zwölf Jahre alt war, als ihnen sehr zugewandt in Erinnerung.

Gerne bastelte er für die Kinder Spielzeug, kleine Kästchen, die er bemalte, Utensilien, die bis heute in ihrem Besitz geblieben sind. Alljährlich stellten die Mutter und ihre sieben Kinder - gemäß eines Brauches in Zell am See - zu Weihnachten auf seinem Grab hoch über dem Zeller See ein kleines Bäumchen auf und zündeten daran Kerzen an. Als das Grab aufgelassen wurde, kam der Grabstein auf einen Friedhof an den Bodensee. Unter diesem ist heute unsere Großmutter und einer ihrer Schwiegersöhne begraben.

Abb. 21: Ölgemälde von Wilhelm L.O. Schaufler (1892-1950)

1996 sagte dieser ihr Schwiegersohn anläßlich ihrer Beerdigung über sie und den Großvater:

Die beiden stellten ihr Leben unter eine neue und eigene Gottauffassung, fern von den herkömmlichen christlichen Religionen. (…) Aber nur 12 Jahre des erfüllten Zusammenseins waren geschenkt: Wilhelm Schaufler starb unerwartet im Jahre 1950, im Alter von 58 Jahren. Wir Jüngeren bedauern alle es sehr, daß wir ihn nicht selbst näher kennen gelernt haben. Die Bilder, die er malte, sind ein Spiegel seines Wesens. (...) Mutter ist es gelungen, (…) die sieben Kinder zu gesunden, bescheidenen und tüchtigen Menschen heranzuziehen, die alle eine gute Berufsausbildung erhielten, und von denen zwei sogar ein Hochschulstudium durchlaufen konnten.

Über das Leben von Großmutter sicher noch einmal in einem anderen Beitrag.


/ zuerst 17.11.2012; 
letzte Überarbeitungen: 
30.8.2014, 2.10.2016,
 27.11.21, 26.6.22, 20.5.23 [16] /
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*) Mit den Mitteln des Heimatfilmes (!) wurde schon damals den Deutschen und Österreichern Gastarbeiter-Zuwanderung und -Integration schmackhaft gemacht. Man merkt dem Film aber an, wie das, was heute "normal" ist im Zusammenhang mit Multikulti-Propaganda, damals noch neu und ungewöhnlich war.
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  1. Bading, Ingo: Meine Ahnen und ihre Zeit. Facharbeit 10. Klasse, Realschule Homberg/Efze, Ostern 1982 (unveröffentlichtes Manuskript)
  2. Laserer, Wolfgang: Karl Springenschmid (Biographie). Weishaupt, Graz 1987 
  3. Schaufler, Ingeborg (1911-1996): Meine Wanderungen durch Zeit, Gebirge, Täler und Familien. Lebenserinnerungen über acht Jahrzehnte. Geschrieben von Februar bis Dezember 1990. Als Manuskript im Familienbesitz.
  4. Stolte, Georg (Tannenberg-Studentenbund) (Hg.): Der Kampf um Salzburg. Vorträge und Ansprachen der Deutschen Volkshochschule Salzburg vom 8. - 13. Scheidings 1931. Ludendorffs Volkswarte-Verlag, München 1931
  5. Bading, Ingo: 1931 - Ludendorffer wider die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg. Studiengruppe Naturalismus, 17.11.2012 
  6. Schausberger, Franz: Alle an den Galgen! - Der politische "Takeoff" der "Hitlerbewegung" bei den Salzburger Gemeindewahlen 1931. Böhlau, 2005 (GB)
  7. Kolmbauer, Hans; Spatzenegger, Hans: Das achtunddreißiger Jahr im Bundesland Salzburg. Zusammenfassung einer achtteiligen Hörfunkserie. Radio Salzburg, März bis November 1988. Österreichische Widerstandsbewegung prov. Landesleitung Salzburg 1. Mitteilungsblatt. Die Österreichische Demokratische Freiheitsbewegung als Wegbereiter der Demokratie. Programmatisches Rundschreiben. In: Salzburg - Geschichte und Politik, 18. Jahr, 2008, Nr. 1/2, S. 7 - 60 (pdf)
  8. Stock, Hubert: "... Nach Vorschlägen der Vaterländischen Front". Die Umsetzung des christlichen Ständestaates auf Landesebene, am Beispiel Salzburgs. Böhlau Verlag, 2010 (GB)
  9. Trenker, Luis: Sein bester Freund, Spielfilm 1962 (Wiki)
  10. Oswald Oelz, Nadja Klier, Rupert Henning: Nordwand. Das Drama des Toni Kurz am Eiger. 1967
  11. Baur, Gerhard: Der Weg ist das Ziel - Die Eiger-Nordwand-Tragödie 1936. Bayerischer Rundfunk, Spielfilm 1981 oder 1986 (Film.at)
  12. Simpson, Joe: Drama in der Eiger-Nordwand. Dokumentarfilm, Discovery Channel, 2008 (Wiki) (Yt) Nach dem Buch desselben Autors "The Beckoning Silence" (dt.: "Im Banne des Giganten - Der lange Weg zum Eiger") (2003)
  13. Stölzl, Philipp: Nordwand. Spielfilm mit Benno Führmann, 2008 (Wiki) (Yt)
  14. Lukas Wieselberg: "Österreichische Legion" - Ein Ranking der Nazi-Dichte. In: science.ORF.at, 23.3.2011, http://sciencev2.orf.at/stories/1678805//index.html
  15. Brendel, Heiko: "Lieber als Kacake als an Hunger sterben". Besatzung und Widerstand im k. u. k. Militärgeneralgouvernement in Montenegro (1916-1918). Campus Verlag, Frankfurt/M. 2019 [Dissertation 2018 bei Sönke Neitzel, Potsdam] (GB
  16. Marcus Brotherton: Darrell “Shifty” Powers - Easy Company’s Sharpshooter. In: WarHistory2012

Mittwoch, 20. August 2014

Erich Ludendorff im Austausch mit Naturwissenschaftlern seiner Zeit

Sowie mit völkischen und kirchenfreien Zeitgenossen seiner Generation

Daß ein "Militär" wie Erich Ludendorff sich auch mit Naturwissenschaftlern wie Charles Darwin und vielen anderen beschäftigt hat, paßt nicht in das Bild, das man sich von einem durchschnittlichen "preußischen General" macht. Aber doch ist es so. So fern lagen Erich Ludendorff schon familiär bedingt die Naturwissenschaften nicht, war doch sein Bruder Hans an der Sternwarte in Potsdam Professor für Astronomie. Und schließlich war ja auch seine zweite Frau Mathilde Ludendorff Medizinerin und Assistenin des Begründers der naturwissenschaftlichen Psychiatrie Emil Kraepelin.

Aber auch in seinen Lebenserinnerungen berichtet Erich Ludendorff vom Austausch mit Naturwissenschaftlern seiner Zeit und zwar auch ganz unabhängig von den eben genannten Personen. So schreibt er etwa über das Jahr 1921 und über seine politisch-weltanschauliche Entwicklung vom "Nationalen" zum "Völkischen" (I, S. 175f):

Ich forschte und forschte über unsere Vergangenheit, über die wahren Zusammenhänge unseres politischen Lebens und für die Gewinnung von Grundlagen einer wirklichen Deutschen Volksschöpfung, die allen Stürmen der Zeit Stand halten würde und sich nicht so brüchig erwies wie unser Volksleben im Weltkriege. (...) Zahlreiche Besuche, die ich erhielt, konnten meinem Forschen dienen, andere hielten mich vom Forschen ab. Oft kamen die Besucher besorgten Herzens über die Not des Volkes und des Landes; aber ich war auch für einige "Sehenswürdigkeit".

Bei einigen Besuchern hatte er auch das Gefühl, dass sie ihn aushorchen und bespitzeln wollten, wozu er unter anderem auch die des Justizrates Claß zählte, des Vorsitzenden des Alldeutschen Verbandes. Weiter schreibt er:

Ähnlich wie mit den Besuchen ging es mir mit Briefen, die ich als Antwort auf erhaltene Briefe geschrieben habe, so kurz sie auch waren. Ich tat das persönlich, irgendeine Hilfe hatte ich nicht.

Unter seinen Besuchern zählt er auf neben Ausländern die Prinzen des Hauses Hohenzollern, verschiedene christliche Priester wie den Abt Schachleitner, frühere Mitarbeiter der Obersten Heeresleitung (I, S. 178f) und schreibt dann (I, S. 180):

Aus der Zahl der vielen Besuche möchte ich noch einen erwähnen, der für mein weiteres Denken bestimmend war. Es war der Besuch des Professors Kraepelin, Direktor der psychiatrischen Klinik Münchens.
Dieser suchte ihn wegen der Alkoholfrage auf. Dann schreibt Ludendorff (I, S. 182f):
Dem Besuche des Professors Kraepelin folgten noch Besuche der "Rassenhygieniker". Ich habe dieses Wort in Anführungsstriche gesetzt, um damit anzudeuten, dass es nicht zutraf! Zwar nannten sich die Besucher so, aber es waren doch schließlich mehr Vertreter einer wissenschaftlichen Erbgesundheitslehre. Mit der Rassenforschung war es 1920/21 noch recht schlecht bestellt. Vergeblich suchte ich Klarheit zu gewinnen über unsere Rassen und war daher von dem Besuche der "Rassenhygieniker", so bedeutungsvoll sie auch nach anderer Richtung für mich waren, enttäuscht. (...)
Ich hatte im Jahre 1921 mit diesen Studien, sowie mit den Studien über die Entwicklung des Menschengeschlechtes und die Lehren Darwins ein Gebiet beschritten, zu dem ich mich "instinktiv" hingezogen fühlte. Das Rasseerbgut des Volkes hatte wohl in der Todesnot des Volkes zu mir gesprochen und sollte immer klarer mein bewusstes Handeln beeinflussen.

Hier deutet er seine damalige weltanschauliche Entwicklung vom "Nationalen" zum "Völkischen" an mit dem Vokabular, das ihm erst ab 1924/25 bekannt geworden ist in der Gruppenpsychologie seiner zweiten Frau Mathilde Ludendorff (siehe ihr Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte", 1933).

Im vorliegenden Beitrag sollen Beispiele zusammengestellt werden für den Austausch Ludendorffs mit Chemikern, Medizinern, bzw. mit "Rassenhygienikern".

Ludendorff und der "geborene Demokrat", der Gießener Chemiker Karl Schaum (Februar 1922)

Abb. 1: Karl Schaum - Chemiker (aus: 10)

So wie mit Emil Kraepelin hatte Erich Ludendorff spätestens ab 1916 als Kopf der Obersten Heeresleitung natürlich auch viel mit Naturwissenschaftlern zu tun, schon um Fragen der Kriegsrüstung willen.

Im Herbst 1921 hatte Erich Ludendorff sein Buch "Kriegführung und Politik" abgeschlossen, das 1922 bei dem Verlag Mittler & Sohn in Berlin herauskam. Am 12. Februar 1922 schrieb er nun - sicherlich - an den Gießener Chemiker Direktor Karl Schaum (1870-1947) (Wikiengl.) den unten abgebildeten Brief (Herkunft: Ebay, April 2015) (9):

München, Heilmannstr. 5, 12./2. 1922
Sehr geehrter Herr Dir. Schaum!
Vor etwa 14 Tagen gab ich Mittler & Sohn den Auftrag, Ihnen mein letztes Buch zu übersenden. Ich bitte Sie, es als Zeichen meiner Dankbarkeit annehmen zu wollen.
Mit deutschem Gruß
Ludendorff.

Der Brief ist nur sehr kurz gefaßt, was dafür spricht, daß der Austausch mit Karl Schaum ansonsten nicht sehr umfangreich gewesen sein wird. Wofür Ludendorff Karl Schaum Dankbarkeit entgegen brachte, kann vorderhand nur gemutmaßt werden. Karl Schaum ist im Personenverzeichnis von Ludendorffs "Kriegserinnerungen" nicht genannt. Das Spezialgebiet von Karl Schaum war die Photochemie. Über sein Leben heißt es (pdf):

Teilnahme am Ersten Weltkrieg (Luftbildaufklärung)
Und genauer (11, S. 555):
Der Pionier der Photochemie Karl Schaum behandelte in "Photographie und Kriegs-Wissenschaft" zwei Anwendungsgebiete: Aufklärungsarbeit und Ballistik - und wurde als Freiwilliger bald darauf in die Abteilung für Fliegerphotographie eingesetzt.
In dem sehr liebevollen Nachruf des langjährigen Assistenten Schaums finden sich weitere Hinweise. Dort heißt es (10, S. 175):
Im Jahre 1915 aber begegnet auch er selbst uns bereits vorübergehend im Rock des gemeinen Soldaten, wobei er zur fliegerphotographischen Abteilung nach Adlershof bei Berlin verschlagen wird. Von Gesinnung und Haltung ein ebenso unkriegerischer wie unmilitärischer Mensch, trieb ihn ein verpflichtendes Gefühl, nicht abseits stehen zu dürfen, zu freiwilliger Meldung zum Heeresdienst, und damit zum Erlebnis einer Episode, aus der er mit seinem köstlichen Humor später die heitersten, anekdotenhaften Geschichten zu berichten wusste, die noch an Reiz gewannen, wenn man sich dabei die militärisch gewiss recht unglückliche Figur des Soldaten Schaum, des verkleideten Professors, vergegenwärtigte.

An späterer Stelle ist in diesem Nachruf von Karl Schaum übrigens als von jemandem die Rede, der sich gerne als den "geborenen Demokraten" bezeichnet hat. (Da Ludendorffs Zusammenarbeit mit dem "Goldmacher Tausend" erst in einen späteren Zeitraum fällt, kann es sich auch nicht um etwaig eingeholte Auskünfte in Fragen rund um diesen Themenkomplex gehandelt haben.)

Abb. 2: Brief Erich Ludendorffs an den Gießener Chemiker Karl Schaum, 12. Februar 1922 (Herkunft: Ebay, April 2015)(9)










Schaum war nicht der einzige Professor der Universität Gießen, mit dem Erich Ludendorff in diesen Jahren in Verbindung stand. Erich Ludendorff erwähnt auch den evangelischen Theologen Hans Schmidt (1877-1953) (Wiki) (I, S. 181):

Als Professor Schmidt, Gießen, die Alkoholfrage von einer anderen Seite aufgriff und dabei die großen Hemmungen erörterte, die eben unsere Angriffe im Frühjahr und Frühsommer 1918 tatsächlich durch die Plünderung der feindlichen Weinlager erfahren hatten, konnte ich das nur ernst begrüßen.

Er bringt sein Unverständnis über Kameraden zum Ausdruck, die in der Benennung dieser Umstände die "Ehre des Heeres" als beschmutzt ansahen:

Ich war da anderer Ansicht. Nur durch Wahrheit können wir genesen. Die von Professor Schmidt berührten Tatsachen enthielten Wahrheit. (...) Ich mußte mir selbst in der Rechtfertigung des Professors Schmidt Zurückhaltung auferlegen, sonst hätte ich den lieblichen Vorwurf zu hören bekommen, ich suche in dem Alkohol den "Sündenbock" für meine "verfehlte Kriegführung". So sind die Menschen! 

Schon in jungen Jahren hatte Schmidt als Pfarrer in Breslau die Folgen des Akoholmißbrauchs kennengelernt, war dann Soldat im Ersten Weltkrieg und in britischer Kriegsgefangenschaft. 1921 bis 1928 war er Theologie-Professor in Gießen (14, S. 20):

In diesen Gießener Jahren hat Hans Schmidt eine wesentliche Aktivität gegen den Alkoholismus entfaltet. (...) Er gab Reden und Studien heraus unter dem Titel "Die Alkoholfrage in der Religion" (Bd. 1 1926, Bd. 2 1927. (...) Die Alkoholproblematik hat Hans Schmidt offensichtlich nicht losgelassen, daß er ein so bedeutendes Aufgebot an Fachgelehrten zusammengebracht hat, die sich alle mit dieser Problematik unter ihrem Fachthema befassen wollten.

In seiner Schrift "Die Heerführer Deutschlands und der Alkohol im Kriege" aus dem Jahr 1927 brachte er drei Briefe Erich Ludendorffs zu der genannten Thematik. Schmidt schreibt zu diesen Briefen (zit. n. 13, S. 167):

Überall findet man, daß er meine Auffassung von der (verheerenden) Wirkung des Alkohols auf unsere Offensiven im Jahr 1918 teilt.

Das handschriftliche Schreiben, in dem Ludendorff den Abdruck dieser Briefe erlaubte, ist noch erhalten (Zvab):

                                   München den 12.6.
Hochverehrter Professor!
Gern stimme ich dem Abdruck zu. Mit 
deutschem Gruß
Ludendorff.

Das Jahr ist im Datum nicht genannt. Womöglich war es das Jahr 1927. 

"Er war voll und ganz Heide" - Der Würzburger Medizinprofessor Geigel

Daß ein so angesehener und weltweit berühmter General wie Erich Ludendorff sich nach dem Kapp-Putsch nach und nach der noch sehr kleinen und unbekannten völkischen Bewegung in Deutschland zuwandte, hat damals viele Menschen beeindruckt. Insbesondere natürlich solche Menschen seiner Generation, die das schon früher getan hatten als er selbst. Und noch einmal wurden viele Menschen beeindruckt, als bekannt wurde, dass er aus der Kirche ausgetreten war. Dies waren jeweils Anlässe dafür, dass sich Menschen aus völkischen und kirchenfreien Kreisen, die heute oft völlig vergessen sind, und die auch Erich Ludendorff zumeist in seinen Lebenserinnerungen gar nicht erwähnt, an ihn gewandt haben. Einige Beispiele sind in früheren Beiträgen hier auf dem Blog schon gebracht worden. Zumeist wird es wohl nur bei oberflächlichen Kontaktaufnahmen geblieben sein. In diesem Blogbeitrag sollen  zwei solcher Kontakte behandelt werden, zum einen mit dem Würzburger Medizinprofessor Richard Geigel und mit dem völkischen Naturwissenschaftler Otto Schmidt-Gibichenfels aus Halle-Rietleben.

Da hatte es in Würzburg einen katholisch getauften Professor der Medizin gegeben mit dem Namen Alois Geigel (1829-1887) (1). Dieser hatte sich schon in den 1880er Jahren öffentlich vom christlichen Glauben losgesagt und einen "deutschen Glauben" vertreten. Dabei war er auch "sonst" keineswegs altbacken-konservativ. Über ihn wird berichtet (2):

Er erkannte - wie vor ihm Rudolf Virchow am gleichen Ort - die Zusammenhänge zwischen Armut und Krankheit und ließ es an sozialkritischer Publizistik nicht fehlen.
Aber dann auch: 
Geigel bekannte sich öffentlich zum Atheismus und zu einer Schwärmerei für die nordische Sagenwelt.

Nun, ein "deutscher Glaube" dürfte nicht so ohne weiteres mit Atheismus gleichzusetzen sein und die Verwendung des Begriffes "Schwärmerei" deutet ebenfalls auf einen christlichen Hintergrund des Autors dieser Zeilen. 1884  jedenfalls hatte Alois Geigel eine Schrift heraus gegeben mit dem Titel "Über Wissen und Glauben", auch erschienen unter dem Titel "Andwaranaut - Ueber Wissen und Glauben", wobei der Begriff Andwaranaut der Name eines Goldringes aus der nordischen Sagenwelt war. Auf diese Schrift hatte ein K. Braun mit einer anderen Schrift geantwortet: " 'Deutscher Glaube'? - Entgegnung auf eine Schrift von Dr. A. Geigel, Prof. der Medicin an der Universität Würzburg - Über Wissen und Glauben". Alois Geigel war schon drei Jahre später im 58. Lebensjahr gestorben.

1919 wird in "Lebensläufe aus Franken" (hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für Fränkische Geschichte, Band 1) über diesen Alois Geigel berichtet (3, S. 106-116):

Geigel ist voll und ganz Heide. Ein der modernen Philosophie wie der Theologie gleich fremder Gottesbegriff wird eingeführt, ein Gott oder ein Göttergeschlecht, Leib und Leben nach Mannesart, selbst geworden, für sich und andere um das Gute und gegen das Schlechte ringend, nach Vollkommenheit strebend .... Erst im Jahre 1914 gelang es seinen Kindern, den Vertrag mit dem Verleger zu lösen und den Andwaranaut in einem ...
Abb. 3: Dr. Richard Geigel (1859-1930), Professor der Medizin in Würzburg

Der Sohn von Alois Geigel, Richard Geigel (1859-1930), scheint also nicht nur beruflich in die Fußstapfen seines Vaters getreten zu sein, indem er ebenfalls Professor der Medizin an der Universität Würzburg wurde. Er scheint dies auch weltanschaulich getan zu haben. Er gehörte zur Generation von Erich Ludendorff, war sechs Jahre älter als er. Wie eben erwähnt, hatte er 1914 die Schrift seines Vaters "Andwaranaut - Ueber Wissen und Glauben" erneut heraus gegeben zusammen mit einem Vorwort von Emil Hubricht, einem damaligen Schriftsteller der völkischen Bewegung.


Richard Geigel scheint auch sonst ein fröhlicher und weltoffener Mann gewesen zu sein. Berichtet doch der berühmte Chemiker Emil Fischer (1852-1919), der Begründer der klassischen organischen Chemie, über ihn (4, S. 122):
Durch Originalität zeichnete sich der Polikliniker Geigel aus, ein Meister in der Abfassung von feinen und leicht ironischen Gutachten, deren sich die Fakultät stets bediente, wenn sie unbequeme Zumutungen des Ministeriums in München bekämpfen wollte. Er war das Haupt einer Musikbande, die aus Würzburger Professoren oder Bürgern bestand - z. B. den beiden Brüdern Stöhr und dem Pharmakologen Kunkel. Während der Herbstferien hauste diese Gesellschaft zu Ammerland am Starnberger See und gab täglich kleine Konzerte, wobei das Hornblasen die Hauptrolle spielte. 
Dieser Brauch scheint auch noch in die 1920er Jahre hinein forgesetzt worden zu sein. Denn irgendwann Ende August eines Jahres zwischen 1924 und 1930 fragte Richard Geigel von Ammerland aus an, ob er Erich Ludendorff in München besuchen kommen könne. Erich Ludendorff antwortete darauf mit folgendem kurzen Brief (5).

Abb. 4: Kurzer Brief Erich Ludendorffs an Professor Richard (?) Geigel, 1920er Jahre

Der Poststempel ist verwischt. Er ist adressiert an "Herrn Prof. Dr. Geigel Ammerland am Starnb. See". Der kurze Brieftext lautet: 

Heilmannstr. 24.8. 
72401 
Sehr geehrter Herr Professor!
Ich bin am 30. wahrscheinlich zu sprechen, ich bitte nach Eintreffen um Anruf.
Mit deutschem Gruß
Ludendorff

Was Richard Geigel mit Erich Ludendorff besprochen hat, kann nur vermutet werden. Wahrscheinlich hat dieses Gespräch stattgefunden, nachdem bekannt geworden war, daß Erich Ludendorff aus der Kirche ausgetreten war, vielleicht auch, nachdem seine Frau Mathilde Ludendorff ihre Schrift "Deutscher Gottglaube" auf seinen Wunsch hin herausgebracht hat, eine sehr volkstümliche Heranführung an einige Inhalte ihrer Philosophie.

Richard Geigel hatte sich auch selbst mit volkstümlichen Schriften beschäftigt. Und sein 1924 erschienenes Buch "Beobachten und Nachdenken - Eine Anleitung zu Naturbeobachtungen" ist erst letzten Herbst vom Springer-Verlag neu herausgegeben worden (6; s. Amazon).


 ______________________________________________ 
  1. Artikel „Geigel, Alois“ von Julius Pagel in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 49 (1904), S. 274–275, Digitale Volltext-Ausgabe in Wikisource, URL: http://de.wikisource.org/w/index.php?title=ADB:Geigel,_Alois&oldid=1705519 (Version vom 20. August 2014, 09:25 Uhr UTC)
  2. Herrlinger, Robert, „Geigel, Nikolaus Alois“, in: Neue Deutsche Biographie 6 (1964), S. 141 [Onlinefassung]; URL: http://www.deutsche-biographie.de/pnd118861638.html
  3. Lebensläufe aus Franken. Hrsg. im Auftrag der Gesellschaft für Fränkische Geschichte, Band 1. 1919
  4. Fischer, Emil: Aus meinem Leben - Geschrieben in dem Unglücksjahre 1918. Berlin 1922
  5. wolfrich (Verkäufer aus Homburg/Saar): um 1918 General Erich Ludendorff, Brief mit Umschlag, eigenhändige Unterschrift. Ebay-Angebot zum 24. Aug. 2014
  6. Geigel, Richard: Beobachten und Nachdenken - Eine Anleitung zu Naturbeobachtungen. 1924; erneut: Springer-Verlag, Heidelberg 2013 (Amazon)

"Auch aus meiner Einsamkeit heraus kämpfe ich" (22. Juli 1925)

Auch der Naturwissenschaftler und Schriftleiter Dr. Otto Paul Schmidt-Gibichenfels (1861-1933) gehörte zur Generation Erich Ludendorffs. Er war vier Jahre älter als Ludendorff. Aus seinem erhaltenen Briefwechsel mit Ludendorff geht hervor, dass Ludendorff die von ihm herausgegebenen Zeitschriften las und schätzte. Bis 1922 hatte er die vergleichsweise anspruchsvolle völkische Zeitschrift "Politisch-Anthropologische Monatsschrift" (1901-1922) herausgegeben, ab 1925 ihre Nachfolge-Zeitschrift "Die Sonne - Wochenschrift für deutsches Volkstum"  (1925-1927). Die erstere war 1901 von Ludwig Woltmann begründet worden unter dem Titel "Politisch-Anthropologische Revue". Nachdem Woltmann 1907 verunglückt war (im Mittelmeer ertrunken), übernahm zunächst der Lebensreformer Friedrich Landmann dieselbe, gab sie aber 1911 an Dr. Otto Paul Schmidt-Gibichenfels ab (1, S. 291f). Von da an fiel die Auflage der Zeitschrift allmählich ab. Im 10. Jahrgang von 1911/12 finden sich Aufsätze wie:

Arthur Moeller van den Bruck: Die Kultur der Etrusker S. 205-217, Ludwig Schemann: Neues aus der Welt Gobineaus S. 603-612, 635-650

Im 15. Jahrgang von 1916 findet sich Aufsätze wie (672 S.):

Erhaltung und Veredelung der germanischen Rasse; Franz Haiser: Freihandel; H. G. Holle: Nationalitätsprinzip oder völkische Lebenskraft?; Strünckmann: Heereskrankheiten und Kriegsseuchen; Hermann W. Siemens: Kritik der Rassenhygiene; Paul Buchholz: Wie muss die innere Kolonisation geleitet werden?; Ernst Wachler: Rasse und Dichtkunst; Fr. Sigismund: Frauenbewegung und Staat; Bohemicus: Über die Worte "deutsch-böhmisch", "böhmisch" u. ..
Abb. 1: Politisch-Anthropologische Monatsschrift - Monatsschrift für praktische Politik, für politische Bildung und Erziehung auf biologischer Grundlage, Jg. 1916/17

Es handelte sich also um Beiträge sehr allgemeiner Art und ein weites Themenspektrum betreffend. Unter der Herausgeberschaft von Schmidt-Gibichenfels ging die Bezieherzahl der Zeitschrift im ersten Jahr 1911 auf 1.200 zurück und schmolz in den nächsten zehn Jahren auf 800 (1, S. 292):

.... weshalb die Zeitschrift im Sommer 1920 in finanzielle Schwierigkeiten geriet und vom "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund" übernommen wurde, der sie als eine "der besten wissenschaftlichen Zeitschriften zur Förderung rassenbiologischer Erkenntnis" und als das "geistige Rüstzeug für die Durchführung unseres Kampfes um die Erhaltung des Deutschtums" würdigte. Nach dem Verbot des "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbundes" stellte die "Politisch-Anthropologische Monatsschrift im Herbst 1922 ihr Erscheinen ein.
Nach Ende der Zeitschrift 1922 tritt Schmidt-Gibichenfels 1925 kurzfristig als Mitherausgeber der Zeitschrift "Die Sonne - Wochenschrift für deutsches Volkstum" in Erscheinung. 1927 zieht er sich in seinen Geburtsort Nietleben zurück und publiziert in den 1930er Jahren vermehrt über Währungsfragen.

Leider ist aus den bisher zugänglichen Teilen des Briefwechsels zwischen Erich Ludendorff und Gibichenfels nicht alles vollständig und rund rekonstruierbar, so dass viele Fragen offen bleiben und eben vor allem konstatiert werden kann, dass es eine Verbindung zwischen beiden gegeben hat.

Abb. 2: Erich Ludendorff an Otto Paul Schmidt-Gibichenfels, 22. 7. 1925

Man darf vermuten, dass der Brief aus Abb. 1 aus dem Jahr 1925 stammt. Soweit er entzifferbar ist, hat er folgenden Wortlaut:

München, Heilmannstraße den 22.7. [1925]

Geehrter Herr Dr. Schmidt-Gibichenfels!

Aufrichtig freue ich mich, daß Sie jetzt die Schriftleitung der Sonne haben.
Denn damit bekommt sie / ... / wie ihn Ihre Anthropologischen Hefte hatten. 
Für Ihre Stellungnahme in der / ... ... / sage ich ihn(en) meinen Dank. Ich war bisher sehr allein, weil die Menschen so dumm und feige sind und glauben nur ihnen die eigenen ...vorerzählen. Auch aus meiner Einsamkeit heraus kämpfe ich. Bitte lesen Sie den kl. Aufsatz, er erscheint nach einer über den heutigen Tage 14 /?/ und ist hier schon erschienen.

Mit deutschem Gruß
Ludendorff.

Er ist schwer zu entziffern. Falls Leser weitere Lesarten entdecken, bitte melden!

"Ich lese Ihre Zeitschrift aufmerksam" (21. November 1925)

Auch der folgende Brief Ludendorffs könnte datieren auf den 21. 11. 1925. Gegebenenfalls aber auch auf den 21. 11. 1926.


Abb. 3: Erich Ludendorff an Otto Paul Schmidt-Gibichenfels, 21.11.1925 (od. 1926)

Der Wortlaut:

München, Heilmannstr., 21.11. 
Mein lieber Herr Schmidt-Gibichenfels.

Zunächst herzlichen Dank dafür, daß Sie mich auf Ihren Aufsatz hinweisen, nötig war es nicht, denn ich lese Ihre Zeitschrift aufmerksam. Ich stehe ebenfalls auf dem Boden Ihres Aufsatzes und bin auch der Ansicht, daß es in jedem Volk auf die "Herren" /oder "Gene"?/ ankommt. Den Herren wird es leichter, wenn die Masse die Notwendigkeiten einsieht u. die Form versteht. Eine Verbreitung Ihrer Ansichten ist mir immer erwünscht. Wo finden Sie aber auf der Rechten Verständnis für diese Fragen. Sie versteht ja auch nicht, daß um Deutschland zur Gesundung zu bringen, der Bolschewismus in Rußland getroffen werden muß. Und daß in dem Unvermögen, dies zu tun ein Teil unserer verzweiflungsvollen Zustände begründet ist.
Diese Ausführungen würden zu dem passen, was Erich Ludendorff schon über das Jahr 1921 in seinen Lebenserinnerungen schreibt (Bd. I, S. 177):
Auch Interviewer aus anderen fremden Staaten kamen zu mir, namentlich ließ Herr Arnold Rechberg sich angelegen sein, mir solche zuzuführen. Er wirkte für einen europäischen Block gegen Sowjetrußland, der durchaus damals meinen Ansichten entsprach. Wie sollten wir des Kommunismus Herr werden, wenn er uns tagtäglich von Rußland aus gebracht wurde? Bei diesen Besprechungen hörte ich denn auch Ansichten aus den entsprechenden Fremdstaaten.

Vielleicht datiert der Brief darum auch schon auf das Jahr 1921 und beziehen sich Ludendorffs Worte auf die erste Zeitschrift, die Gibichenfels herausgab. Dann würde auch die Redeweise von den "Herren" und von "Herrenschicht", die Ludendorff spätestens 1932 völlig ablehnte, verständlicher sein.

Zumindest im Jahr 1926 hat Otto von Schmidt-Gibichenfels mehrere Artikel in Ludendorffs Wochenzeitung "Deutsche Wochenschau" veröffentlicht über außenpolitische Fragen. So in der Ausgabe vom 14.3.1926 ("Der Rattenfänger" über Gustav Stresemann und anderes).

"Dem Besitz und der Leistung ihre Rechte geben" (5. 1. 1927)

Sodann gibt es noch einen weiteren Brief Ludendorffs an Otto Schmidt-Gibichenfels (s Kotte Autographen, pdf, S. 252 - "E. Brief mit U., o. O., 5. Januar 1927, 3½ Seiten auf 2 Bll. 8"):

Ich bin Ihrer Auffassung. Die Not heute bringt das Volk zur Besinnung, wenn’s sein Recht fordert. So betrachte ich es sogar nur aus /?/ daher, daß es sich nicht von Neuem von dem Juden und der Socialdemokratie einfangen läßt. Für mich ist die wirtschaftliche Frage nur insofern geklärt, daß wir sie erst lösen können nach Überwindung der politischen Machtstellung der Juden. Es ist ein enger Thorlauf [?].  Wenn wir diese Stellung überwinden, dann erst können wir wirtschaftliche  Maßnahmen treffen [...] Wir neigen aber wieder einmal dazu, daß wir uns die Köpfe einschlagen über das, was vielleicht nicht kommen könnte. Eins ist für  mich klar, daß wir beizeiten das Denken der Deutschen umstellen müssen u. dem Besitz u. der Leistung ihre Rechte geben, ebenso dem Dienst wie dem  Besitz an der Gemeinschaft [...].

Otto Paul Schmidt-Gibichenfels schrieb in einem Brief - Nietleben, 16. Februar 1937 wohl 1927 (da Gibichenfels ja schon 1933 starb!) (1 Seite gr.-4°. Gedruckter Briefkopf) - an Erich Ludendorff in Tutzing:

(…) Eure Exzellenz teilen mir (…) mit, daß Sie zur Zeit nicht imstande sind, meine Ihnen übersandte Schrift, die vor kurzem erschienen ist, zu lesen. Da es vielen so ergeht, habe ich in der Anlage versucht, Inhalt und Bedeutung meiner Schrift so kurz und klar, wie nur irgend möglich, darzulegen. Eure Exzellenz wissen sicher auch, daß Bismarck von seinen Räten verlangte, den wesentlichen Inhalt langer Aktenstücke in wenigen Worten wiederzugeben (…)“

Hier zeichnet sich eine Distanzierung zwischen beiden ab. 

"Ich nehme keine Aufsätze unmittelbar an."

Erich Ludendorff schrieb an den Schriftsteller und Naturwissenschaftler Dr. Schmidt-Gibichenfels in Rietleben bei Halle

Abb. 4: Erich Ludendorff an Schmidt-Gibichenfels, o. J.

 Er schrieb (E. Brief m. U., o. O., 2. April o. J., Seite 8, Antiquariat): 

M. 2. 4.
Sehr geehrter Herr Dr. Schmidt Gibichenfels,
 Ich nehme keine Aufsätze unmittelbar an. Diese ist der ... . Mit deutschem Gruß
Ludendorff.

Man müßte sich wohl mit der Person und den Aufsätzen von Otto Schmidt-Gibichenfels noch gründlicher auseinandersetzen, um zu einem lückenloseren Verständnis dieses Briefwechsels kommen zu können.


(Erster Entwurf: 31.10.09, Ergänzung: 27.9.2014, Ergänzung Schaum: 5.4.15)
_________________________________________
  1. Hufenreuter, Gregor: Wege aus den "inneren Krisen" der modernen Kultur durch "folgerichtige Anwendung der natürlichen Entwicklunglehre". Die Politisch-Anthropologische Revue (1902 - 194). In: Michel Grunewald und Uwe Puschner (Hg.): Krisenwahrnehmungen in Deutschland um 1900. Zeitschriften als Foren der Umbruchszeit im wilhelminischen Reich. Peter Lang Verlag, Bern 2010, S. 281 - 296 (Google Bücher)
  2. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Wen soll ich heiraten? Berlin 1907
  3. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Das Problem der besten Gesellschaftsordnung. Thüringische Verlags-Anstalt, Leipzig 1909  
  4. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Der Krieg als Kulturfaktor als Schöpfer und Erhalter der Staaten. Thüringische Verlagsanstalt, Hildburghausen 1912; Verlag Kraft und Schönheit, 1916 (32 S.) (Sonderdruck aus der Politisch-Anthropologischen Revue) (Google Bücher)
  5. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Politisch-Anthropologische Monatsschrift für praktische Politik, für politische Bildung und Erziehung auf biologischer Grundlage. Als "Politisch-Anthropologische Revue" begr. 1901 von Ludwig Woltmann. Thüringische Verlags-Anstalt, Hildburghausen-Berlin: X. Jg., 1911, XIII. Jg., 1915, Politisch-Anthropologischer Verlag, Berlin-Steglitz 1916/1917 XV. Jg., 1916, XIX. Jg., 1920/21 (572 S.), XX. Jahrgang 1921/1922 (566 S.)
  6. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Der Sozialismus im wahren und im falschen Sinne. Polit.-Anthropologischer Verl., 1919 (19 S.) 
  7. Schmidt-Gibichenfels, Otto: Ordnung der Volks- und Weltwirtschaft auf neuer Grundlage. Ein Beitrag zur Ermöglichung eines wirklichen und dauerhaften Völkerfriedens nach Kriegsende. Akademischer Verlag, Halle 1939, 1940
  8. Erich Ludendorff: E. Brief m. U., o. O., 2. April o. J., ? Seite 8°. An den Schriftsteller u. Naturwissenschaftler Dr. Schmidt-Gibichenfels (1861-1933) in Rietleben b. Halle: "[?] Ich nehme keine Auflage [?] an [?] Mit deutschem Gruß [?]". Anbieter: Kotte Autographs GmbH D - 87672 Roßhaupten  Bestellnummer: 5958 Preis: 150.00 Eur. Auf: Antiquariat [15.1.2012] 
  9. Markus Brandes Autographs ("brandesautographs"): General Erich Ludendorff autographed letter signed. Ebay-Angebot für 262 US-Dollar, 5.4.2015
  10. Hock, Lothar: Karl Schaum zum Gedächtnis. In: Nachrichten der Giessener Hochschulgesellschaft, 17/1948, S. 170-181; auf: Giessener Elektronische Bibliothek, geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2013/.../NGH_17_1948_170_181.pdf
  11. Maurer, Turde: "... und wir gehören auch dazu". Universität und "Volksgemeinschaft" im Ersten Weltkrieg. Vandenhoeck & Rupprecht, Göttingen 2015 (GB)
  12. Schmidt, Hans: Die Heerführer Deutschlands und der Alkohol im Kriege. Neuland-Verl., Berlin 1927 (23 S.) 
  13. Hampe, Ilse: Papsch im Ersten Weltkrieg. Briefe eines Stabsoffiziers (GB)
  14. Wallis, Gerhard: Hans Schmidt (1877-1953) - Wesen und Weg. In: Reformation und Neuzeit - 300 Jahre Theologie in Halle, 1694-1994. Hrsg. von Udo Schnelle. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1994 (GB), S. 17-29

Mittwoch, 6. August 2014

Adalbert Volck gegen Erich Ludendorff (1924)

Spaltungstendenzen in der Deutschvölkischen Freiheitspartei 1924

Die Baltendeutschen Dr. Adalbert Volck (1868-1948) (DNB) (Vater) (1, S. 449) und Herbert Volck (1894-1944) (Wiki) (Sohn) gehörten beide schon im Baltikum dem "Alldeutschen Verband" an. Sie spielten in der deutschen, völkischen Bewegung der 1920er Jahre eine Rolle. Der Vater insbesondere im Jahr 1924 als norddeutscher "Platzhalter Adolf Hitlers" und als entschiedener Gegner Erich Ludendorffs während der Haftzeit von Adolf Hitler.

Abb. 1: Herbert Volck - "Rebellen" (1932)

Von dem Vater sind aktuell im Internet keine Fotografien zugänglich. Vater und Sohn waren während des Ersten Weltkrieges unabhängig voneinander quer durch Rußland nach Asien geflohen. Der Vater vom Baltikum aus, der Sohn weil er als abgestürzter deutscher Militärflieger in russische Kriegsgefangenschaft geraten war und aus dieser floh. Der Vater floh bis Japan und von dort über die USA weiter nach Deutschland, wo er im Jahr 1916 ankam. Der Sohn bis an die chinesische Grenze und von dort über den Kaukasus zurück nach Deutschland, wo er im Januar 1918 ankam.

Ob ihrer beider erfolgreiche Fluchtbewegungen von ähnlichen "Netzwerken" innerhalb Rußlands ermutigt oder auch unterstützt worden sind, ist nicht bekannt. Viele andere "Abenteurer" und Reisende, die sich im asiatischen Teil von Rußland oder in Japan aufgehalten haben, sind mit besonderen Sympathien etwa für den Islam, den Buddhismus, Tibet, den Okkultismus und vielerlei Geheimlehren zurückgekommen (vgl. etwa das Buch "Das schwarze Reich"). Oft handelte es sich dabei um "Ariosophen", also solche Theosophen, die besonders den Glauben an die nordische Herrenrasse im Gegensatz zu den nichtnordischen "Tschandalenrassen" betonten und die die Herkunft und das geistige Zentrum dieser nordischen Herrenrasse im Hochland von Tibet suchten.

Ausgerechnet einen solchen ariosophischen Astrologen hatte Herbert Volck schon vor seinem Absturz in Rußland kennen- und schätzen gelernt. Nämlich den nachmaligen Hamburger (Kriminal-)Astrologen Wilhelm Wulff (1893-1984). Dieser sollte später Hofastrologe des Reichssicherheitshauptamtes werden und nach 1945 von "Spiegel" und "Springer" noch mit mancherlei Publizität als "schillerndste Gestalt der deutschen Astrologiegeschichte" behandelt werden. Sie scheinen sich als Soldaten an der deutschen Ostfront kennen gelernt zu haben. Wulff berichtet über Herbert Volck (2, S. 43f):

Damals, irgendwo in Rußland, sagte ich ihm etwas über seine Zukunft und die gefährlichen Jahre, die ihm bevorstanden. Er hatte alles optimistisch aufgenommen.
Weiter schreibt Wulff über seinen damaligen Freund Volck (2, S. 43f):
Volck war immer lustig, er wirkte sehr gesund und sportlich, ein Spaßvogel, der es mit den militärischen Dienstvorschriften nie sehr genau nahm. Unsere Beförderung in den Offiziersrang stand damals bevor, doch mußte Volck erst sein Notabitur nachholen. Er war ein sehr guter Kamerad. (...) Er war nichts anderes als ein echter Abenteurer. Abenteuerlich waren nicht nur seine späteren politischen Engagements, sondern auch seine Kriegserlebnisse als Soldat. (...) Er ritt über dreißig Patrouillen in Frankreich, zum Teil hinter der französischen Front. (...) Von Sibirien versuchte er nach China zu fliehen, doch wurde er nahe der Grenze von einer Kosackenpatrouille aufgegriffen. Schon zum Tode verurteilt gelang ihm der Ausbruch aus einem russischen Gefängnis.

Auffällig ist vielleicht auch, daß der Vater Adalbert Volck schon 1922 eine lange Aussprache mit Dietrich Eckart gehabt haben soll, und daß der Sohn Herbert Volck sich in den 1920er Jahren als Entlarver kommunistischer Spione spezialisierte. Wobei man natürlich leicht auch in umgekehrter Richtung arbeiten konnte wie das kein geringerer als Reinhard Gehlen noch lange nach 1945 von Volcks Freund Martin Bormann angenommen hat und wie das auch von zahlreichen anderen Nationalsozialisten jener Zeit vermutet wird (Erich Koch etc.), bzw. wie das von allerhand "Nationalbolschewisten" und "Neuen Nationalisten" angenommen wird und werden kann.

Juni 1924 - In den Augen Ludendorffs ist Adalbert Volck ein "gewissenloser Saboteur"

Am 3. Juni 1924, während der Haftzeit Adolf Hitlers, wurde der Rechtsanwalt Adalbert Volck zum Oberhaupt der Nationalsozialisten von Norddeutschland ernannt. Er nannte sich selbst den "Platzhalter" Adolf Hitlers in Norddeutschland (3, S. 252f). Darüber wird berichtet (3, S. 256):

1905 organisierte Adalbert Volck den baltischen Selbstschutz in Nordlivland. Er gelangte im Ersten Weltkrieg auf abenteuerlicher Flucht quer durch Rußland über Japan und Amerika im Jahre 1916 nach Deutschland, ließ sich (...) dann in Lüneburg nieder. Er war Rechtsanwalt und Bankdirektor. Von Lüneburg aus betrieb er völkische Arbeit. Auf dem Coburger Treffen im Oktober 1922 lernte er Adolf Hitler kennen; mit Dietrich Eckart hatte er dort eine längere Aussprache. Im November 1922 wirkte er bei der Gründung der DFVP in Berlin mit. Er wurde im Frühjahr 1924 aus der DVFP ausgeschlossen, weil er sich mit Graefe, Wulle und Henning nicht verstand. Von diesem Zeitpunkt an war er ein entschiedener Verfechter der Hitlerbewegung. Die Gründe seines Ausscheidens aus der DVFP teilte er Ludendorff im März 1924 mit. Da Ludendorff hartnäckig an der Verschmelzung der beiden Richtungen im Sinne der DVFP festhielt, kam es zu einem gereizten Briefwechsel zwischen ihm und Volck.

Und  (3, S. 256):

Dr. Adalbert Volck erließ nach seiner Ernennung zum Leiter des Direktoriums bereits am 4. Juni 1924 einen Befehl mit der Anweisung, sämtliche Landesverbände "von jetzt ab nach diktatorischem Prinzip durchzuorganisieren". Im Befehl Nummer zwei hob er hervor, "daß Adolf Hitler unser Vorbild und Führer ist". In den nächsten Befehlen, die alle vom Juni 1924 stammen, wandte er sich schärfstens gegen den Parlamentarismus und gegen die Verschmelzung der NSDAP mit der Deutschvölkischen Freiheitspartei (DFVP).

Am 28. Juni 1924 schreib Erich Ludendorff an Adalbert Volck (zit. n. 3, S. 257) (Hervorhebung nicht im Original):

Geehrter Herr Volck!
Nehmen Sie meinen Dank für Ihren Brief vom 27.
Mitte Mai hat mir Herr Hitler aus sich heraus in Gegenwart von Kriebel, Rosenberg, Dr. Weber, Hptm. Weiß erklärt, er wünsche die Verschmelzung.
Wenn Hitler später schwankend geworden ist, so ist das auf die Tätigkeit gewissenloser Saboteure zurückzuführen. Am 12. 6. 1924 nahm Hitler einen ähnlichen Standpunkt ein wie Mitte Mai; er hielt damals die Grundlage für die Verschmelzung in naher Aussicht und befahl seinen Anhängern, bis zum Abschluß der Verhandlungen jeden gegenseitigen Kampf und Sonderbestrebungen zu unterlassen.
Sie schreiben nun in Ihrem Brief, Hitler wäre gegen die Vereinigung und darum hätten Sie sich einer Sondergruppe angeschlossen. Hitler sagte mir das letzte Mal, als ich ihn sah (15. 6.), es wären nicht alle einverstanden und gab mir Abschrift Ihres Briefes an ihn vom 11. . Ich erwähne das deshalb, damit Sie die Verantwortung erkennen, die Sie tragen, wenn Sie, wie ich zu Hitler sage, "400 %" Nationalsozialisten folgen. Im übrigen will ich nicht auf Sie einwirken, bedaure aber, daß schließlich persönliche Momente immer wieder bestimmend zu sein scheinen. Haben Sie keine Sorge, daß die Bewegung abstirbt. Sie wird auch von keinem Freikorps geführt (?). Leider fehlt uns jede Organisation und will man eine einrichten, so kommen die 400 %! Damit geht Kraft und Arbeit verloren. Diese Verantwortung tragen Sie mit.
Ich nütze dem Volke da, wo ich kann und wo ich Wirkungsfeld habe für meine Absichten. Die Redewendung, "ich wäre für das ganze Volk da" ist abgedroschen. Das ganze Volk will mich ja nicht, auch nicht einmal die 400 %. Jedenfalls danke ich für Beteuerungen, wenn man nur Schwierigkeiten macht. Ob ich klar sehe oder nicht, ist meine Sache, z.Zt. sehe ich noch recht klar!
Mit deutschem Gruß!
Ludendorff.

Von vornherein kann also der Verdacht nicht ausgeschlossen werden, daß die Arbeit des Adalbert Volck gezielt darauf hinwirkte, die völkische Bewegung zu spalten und das zu bewirken, wovor er warnte, nämlich, daß sie absterben würde. Und womöglich hat er hier im gleichen Geist gearbeitet wie später seine "Kollegen" Martin Bormann, Erich Koch und andere.

Wenn man diese Schilderung auf sich wirken läßt, dann war auch gar nicht Adolf Hitler selbst anfangs die treibende Kraft, die auf einen "Bruch" mit der Deutschvölkischen Freiheitspartei und mit Ludendorff hinarbeitete, sondern bestimmte Kräfte eher an der Basis, bzw. solche, die sich als solche ausgaben. Womöglich hat Adolf Hitler auf solche Kräfte auch nur reagiert und ließ sich von ihnen tragen gelassen.

Am 13. Juli 1924 wurden auf einer Tagung in Harburg unter anderem folgende Beschlüsse gefaßt (3, S. 259):

1. Volck sollte (...) feststellen, ob Hitler die Führung völlig niedergelegt habe und ob Strasser von ihm zum Vertreter ernannt worden sei. (...)
2. Ludendorff wurde als militärischer Führer anerkannt, doch wurde bestimmt, daß ohne Wissen und Einwilligung des Direktoriums auch mit ihm keine Verhandlungen geführt werden durften.
3. Sturmtruppen durften nur vom Direktorium Ludendorff unterstellt werden.
(...)
Am 18. Juli formulierte Adalbert Volck im Vorfeld der anstehenden Weimarer Tagung am 20. Juli als Richtlinie unter anderem (zit. n. 3, S. 260f):
Unser Programm lautet mit zwei Worten: "Adolf Hitler".

Auf der Tagung in Weimar ist Adalbert Volck am 20. Juli als "Platzhalter für Hitler" in Norddeutschland um eine Stellungnahme gebeten worden.

Juli 1924 - Vorwurf unter Völkischen, "im Auftrag von Moskau" zu handeln

Unter Anwesenheit Ludendorffs trug er unter anderem folgendes vor (zit. n. 3, S. 263f):

Heute ist die Ansicht ausgesprochen worden, daß der Wunsch des Herrn General Ludendorff uns ein Befehl sein müsse, d. h. daß wir gezwungen werden sollen, uns bedingungslos zu fügen und das ist einer grundsätzlichen Frage, die nur nach ernster Gewissensprüfung von jedem einzelnen entschieden werden kann.
Dies würde ihn gerade als Balten in einen schweren "Gewissenskonflikt" stürzen, da gerade die Balten Ludendorff sehr viel zu verdanken hätten:
Um so schwerer fällt es mir, mich dem Wunsche des General Ludendorff nicht fügen zu können. (...) Und so muß ich zu meinem Bedauern erklären namens der genannten Gebiete, daß ich für diese den Zusammenschluß ablehnen muß.
Es wird berichtet (Willing, S. 265 (Hervorhebung nicht im Original):
Bei diesen Worten setzte ein Tumult ein, einige Bravorufe, aber überwiegend "lehnsknechtisches" Gebrüll, Streicher schrie: "Sie sind hartherzig". Esser kreischte: "Balten seien keine Deutsche".
Volcks Ausführungen lösten lauten Widerspruch aus. Ludendorff ergriff nach der Mittagspause das Wort und zeigte sich empört über den Widerspruch, den Volck gegen ihn gewagt hatte: "er sagte kurz: nach den heutigen Erfahrungen sei ihm speiübel geworden, wenn das die völkische Bewegung sein solle, dann bedanke er sich für dieselbe und bedauere, in unserer Mitte geweilt zu haben". (...)

Zum Schluß wurde abgestimmt, wer für den Zusammenschluß und die Reichsleitung Ludendorff-Graefe mit Ludendorff auch als politischem "diktatorischen Befehlshaber" sei. Die große Mehrzahl war dafür. Dagegen stimmten Volck
und einige andere. In einem 1925 veröffentlichten Bericht "Die Wahrheit über Adolf Hitler und seinen Kreis" von Friedrich Plümer heißt es über das "pöbelhafte Benehmen Essers und Streichers" auf dieser Tagung, ihnen (zit. n. 3, S. 266) ...
... war es nämlich vorbehalten gewesen, durch höchst unsachliche Angriffe auf Dr. Volck von Lüneburg einen Mißton in die Einigkeit zu bringen. Zwei rheinische Vertreter erklärten wörtlich: "Diese beiden handelten doch im Auftrag von Moskau. Das ist bewußte Zerstörungsarbeit. Gott beschütze Exz. Ludendorff vor solchen Freunden!"

Insbesondere Esser sollte nur wenige Monate später selbst zu den wohl entschiedensten Ludendorff-Gegnern an der Seite Hitlers in jenem Zeitabschnitt werden. Interessant ist, daß der Vorwurf, im Auftrag von Moskau zu handeln, schon damals vielen naheliegend erschien. Es wäre sicherlich einmal interessant, alle Anhaltspunkte über die tatsächliche geheimdienstliche Unterwanderung der völkischen Bewegung, offenbar der einzigen, die Moskau wirklich als gefährlich empfand, durch "herumgedrehte" Moskauer Agenten oder "Doppelagenten" zu untersuchen. Sie als Möglichkeit zu berücksichtigen, wird also schon in dieser frühen Zeit immer richtig sein.

Am 29. Juli 1924 schreibt Hermann Fobke, der Freund Adalbert Volcks, der im Landsberger Gefängnis den Kontakt zu Hitler darstellte, an Volck (zit. n. 4, S. 54):

Bei der Beurteilung von Hitlers Verhalten ist neben seinem mir reichlich unverständlichen "Neutralitätsfimmel" zu berücksichtigen, daß er tatsächlich außerordentlich stark mit seinem Buch beschäftigt ist, von dem er sich sehr viel verspricht. Das Werk dürfte etwa Mitte Oktober  herauskommen.

Aufgrund der verbliebenen Unklarheiten wurde vom 15. bis 17. August 1924 eine zweite Tagung in Weimar abgehalten. 

August 1924 - Tagung in Weimar

In seiner Rede führte Ludendorff unter anderem aus (zit. n. 3, S. 267f) (Hervorhebung nicht im Original):

Noch gebricht es unserer Bewegung an Wucht. (...) Es gibt Unterführer, die sich überschätzen in eitler Verblendung. So bildet sich ein Partei-Bonzentum, so schlagen Spaltpilze immer wieder Wurzeln in unserer Partei, und es wird ihnen nicht entgegengetreten. Die Unterführerkrise bleibt ein ernstes Zeichen für uns. Wir haben Männer unter uns, die nicht zu uns gehören. Lehnen wir als Mitglieder grundsätzlich alle ab, die noch Bindungen haben außerhalb unserer Weltanschauung! (...) Grundsatz der gemeinsamen Bewegung ist schärfste Durchsetzung des Führergedankens.
Und es wird berichtet (3, S. 268f):
Die "Reichsführerschaft" gab am 25. August 1924 folgende Erklärung heraus: "Es hat sich unter den Herren Volck, Haase, Sunkel ein "Direktorium der nationalsozialistischen Arbeiterpartei" gebildet. Dieses Direktorium besitzt keine gültigen Vollmachten des Herrn Hitler und wird von den Unterzeichneten nicht anerkannt.
gez. Ludendorff, Strasser, v. Graefe
Volck antwortete darauf mit der Erklärung, daß auch die "Reichsführerschaft" keine Vollmachten von Herrn Hitler hätte. Am 7. September 1924 veranstaltete das Direktorium unter Volck eine Tagung mit den ihm unterstehenden Verbänden. Volck äußerte dort (zit. n. 3, S. 270):
Ludendorff steht dauernd an falscher Stelle und mit falscher Haltung. Das in Weimar gefallene Wort "der Wunsch Ludendorffs ist uns Befehl" ist ein Schlag ins Gesicht der völkischen Idee.

Am 7. November 1924 griff auch Arthur Dinter in einem Vortrag im Bürgerbräukeller in München Ludendorff schärfstens an (3, S. 273). 

November 1924 - Arthur Dinter

Nach der Haftentlassung Hitlers im Dezember 1924 zog sich Adalbert Volck zurück. Am 3. Februar 1925 schrieb er in einem Brief, daß er schon mit den ersten Maßnahmen Hitlers nicht einverstanden war (3, S. 281)! Und er mußte feststellen, daß auch Hitler an Volck und seiner Arbeitsgemeinschaft nicht viel Interesse hatte (4, S. 64).

Abb. 2: Adalbert Volck - "Die Tragödie des russischen Volkes und die Schuldlüge"
(Selbstverlag, Lüneburg 1926)

Aus den bisherigen Veröffentlichungen werden die Gründe für das Verhalten von Adalbert Volck noch nicht so recht verständlich. 1926 gab er eine Schrift heraus mit dem Titel "Die Tragödie des russischen Volkes und die Schuldlüge".

Ludendorff, Graefe und Strasser legten am 16. Februar 1925 ihre Reichsführerschaft nieder und erklärten die "Nationalsozialistische Freiheitsbewegung" für aufgelöst, nachdem bekannt geworden war, daß Hitler sich von Ludendorff trennte, weil er den Katholizismus nicht bekämpfen wollte, sondern nur den Marxismus, und daß er deshalb die NSDAP neu gründen würde (3, S. 284):

Ein "Freundeskreis der völkischen Bewegung" unter der Führung von Ludendorff, Reventlow, Feder und Jürgen Ramin zur Vertiefung der völkischen Anschauung wurde gegründet.

Herbert Volck wurde 1917 Geheimagent des deutschen militärischen Auslands- und Inlands-Nachrichtendienstes. Er behielt diese Funktion über die beiden Regimewechsel von 1918 und 1933 hinweg bei. Nach außen hin war er dabei nach 1918 und nach 1933 oft auch als "Privatdetektiv" tätig, um - wie so häufig - beim Auffliegen seine eigene Regierung, bzw. seine vorgesetzten Stellen (- Schwarze Reichswehr?, Organisation Consul?, Walter Lohmann?, Wilhelm Canaris? oder ähnliche) nicht zu kompromittieren. 

Abb. 3: Herbert Volck - Die Wölfe - Ullstein-Verlag (zuerst 1918, Folgeauflagen bis 1936)

Sein Lebenslauf und seine Tätigkeit weist viele Parallelen zu zeitgleich lebenden "Neuen Nationalisten" auf, die - wie Volck - politische, militärische, terroristische und geheimdienstliche Aktivitäten mit publizistischen Aktivitäten verbanden, und die nach 1945 weiterhin so gut vernetzt blieben, wie sie es bis dahin gewesen waren. Also der Kreis um Friedrich Hielscher, Werner Best, Ernst Jünger, Franz Schauwecker, Friedrich Wilhelm Heinz, die alle - wie Volck - über Geheimdienstkontakte verfügten, bzw. wahrscheinlich auch über Kontakte zu Geheimgesellschaften oder auch satanistischen Logen wie dem O.T.O..

Geheimdienst-Mitarbeiter Herbert Volck

O.T.O.-Oberhaupt Aleister Crowley jedenfalls weilte bis 1932 oft in Deutschland und stand dort und in Paris in gutem Kontakt mit dem rechtskonservativen Leiter des militärischen Geheimdienstes und Schleicher-Vertrauten Ferdinand von Bredow und mit dem freimaurerisch-okkulten Tat-Kreis. Wenn Volck über Krieg und "Kampf" spricht, klingt das oft sehr ähnlich wie bei den "Neuen Nationalisten". So etwa in seinem in Haftzeit geschriebenen, 1932 erstmals erschienenen, 1934 überarbeiteten und erweiterten Buch "Rebellen um Ehre" (1934, S. 133):

... der Krieg, der herrliche, grause Männerkampf ...

In diesen Worten klingt - wie auch im Tenor seiner Schriften sonst - eine Verherrlichung des Krieges und "des Kampfes" um seiner selbst willen an. Eine solche findet man allzu deutlich auch bei Friedrich Hielscher, bei Ernst Jünger ("Der Kampf als inneres Erlebnis") und zahlreichen anderen "Neuen Nationalisten". Und eine solche Haltung muß internationalen, satanistischen Logen sehr genehm sein, da sie auffallend gut kompatibel ist zu ihrer Ideologie. Im Satanismus wird ja auch das Böse um seiner selbst willen verherrlicht. Auch in den Trivialromanen des Ian Fleming über "James Bond" etwa kommt eine solche nihilistische Haltung zum Ausdruck. James Bond ist der "willige Vollstrecker" der Anweisungen seiner Vorgesetzten. Fleming und Crowley haben eng mit den deutschen O.T.O.-Mitgliedern und Okkultisten in Gestapo und Reichssicherheitshauptamt während des Zweiten Weltkrieges zusammen gearbeitet, etwa beim Herüberlocken von Rudolf Heß nach England.

Abb. 4: Herbert Volck (rechts) und sein Fluchtkamerad Josef Reis (links) nach ihrem 1000 Kilometer Fußmarsch durch Persien im deutschen Fliegerhauptquartier in Mossul, Januar 1918 (aus dem Buch "Die Wölfe")

Und so wie viele andere "Neue Nationalisten" (etwa Werner Best) bewegte sich Herbert Volck schon früh um Umfeld der Alldeutschen Bewegung. Schon Adalberg Volck ist Alldeutscher (O. Simons) und finanzierte auch im Januar 1919 das von seinem Sohn aufgestellte "Freikorps Lüneburg", bzw. "Freikorps Volck", das dann im Rahmen der "Eisernen Division" an den Baltikum-Kämpfen gegen die Rote Armee teilnahm.

Im Lebenslauf von Herbert Volck fallen auch zahlreiche Parallelen auf zu dem, was von dem Astrologen und Okkultlogengründer Rudolf von Sebottendorff in seinem Buch "Bevor Hitler kam" über die Thule-Gesellschaft berichtet wird. So wie Thule-Leute 1919 gegen die Räterepublik kämpften, so kämpfte Herbert Volck zeit seines Lebens - wie er vorgibt zumeist als "Einzelkämpfer" - und aus eigener Initiative heraus gegen den Bolschewismus.

Und wie Kapitän Walter Lohmann und so viele andere kriegsverherrlichende Freikorps-Leute, Thule-Leute und "Neue Nationalisten" bewegte sich Herbert Volck in jener Zeit im Umfeld der "Schwarzen Reichswehr" (Wiki), ihrer  Rüstungsbemühungen, ihrer Logen- und "Fememorde" (Morde und Mordversuche an Liebknecht, Luxemburg, Erzberger, Rathenau, Parvus Helphand jeweils - offenbar - aufgrund von Logenurteilen des Thule-Ordens, unter anderem unter Vorsitz des Ludwig Müller von Hausen (Wiki) und womöglich anderer "Logenrichter"). Und damit bewegte sich Herbert Volck im Umfeld des zumeist aus offizieller Sicht illegalen Waffenhandels und des illegalen Handels mit militärischen Ausrüstungsgegenständen. Diese wurden von den verschiedensten politischen Gruppierungen und Schiebern vor den Entwaffungskommissionen der Westmächte ("Entente") versteckt oder ins Ausland verkauft. Volck klärte als Detektiv solche Waffenschiebereien ins Ausland auf, um diese Waffen für die Schwarze Reichswehr (die "Weißen", wie er es nennt) zu sichern. Auch spionierte er die geheime militärische Ausrüstung und Übung der Kommunisten (der Roten Armee) in Thüringen. Also ein netter "James Bond der Zwischenkriegszeit".

Er bewegte sich - wie Martin Bormann oder Erich Koch - im Dunkelfeld von Spionage und Gegenspionage, von Agenten und umgedrehten Agenten. Schon Wilhelm Wulff deutet da viele Möglichkeiten an. So wie der Astrologe Wilhelm Wulff schon von Kapitän Lohmann und seinem Bewegen im Untergrund russischer Spionagetätigkeiten innerhalb Deutschlands berichtet, so berichtet er das auch von Herbert Volck. Es kann also keineswegs ausgeschlossen werden, daß Herbert Volck so wie Martin Bormann, Erich Koch, Friedrich Wilhelm Heinz, Otto John und so viele andere besonders stark in der Gefahr stand, ein von den Kommunisten herumgedrehter Agent zu werden. Gerade auch wenn er vorgibt, selbst ständig kommunistische Agenten herumgedreht und erpreßt zu haben. (Herumgedreht und erpreßbar zu sein wäre in diesen Kreisen vor sich selbst und anderen mit einer "nationalbolschewistischen" Haltung zu entschuldigen gewesen, wie sie ja etwa auch Friedrich Hielscher vertreten hat.)

1920 wurde die Eiserne Division (Wiki), der das Freikorps Lüneburg, bzw. Freikorps Volck angehörte, aufgelöst. Danach habe Herbert Volck wieder den Kontakt zu ihm, Wilhelm Wulff, dem Astrologen, gesucht (2, S. 44, 46):

Er hatte sich (...) viele meiner früheren Prognosen gemerkt und berichtete jetzt darüber. Freilich kam er vor allem mit Fragen über sein ferneres Leben. Er wollte wissen, ob er den Soldatenrock ausziehen, Zivilist werden und als Büroangestellter untertauchen sollte. (...) Ich hatte ihm vorgeschlagen, sich einen bürgerlichen Beruf zu suchen oder Schriftsteller zu werden. (...) Meine Ratschläge, sich nicht mehr um Militär und Politik zu kümmern und Kriminalromane zu schreiben (...) schlug er in den Wind.

1922 war der vielseitige Herbert Volck in den USA als Vortragsreisender tätig, sozusagen als Vorgänger seines berühmteren Nachfolgers, des Felix Graf von Luckner (Wiki). Also des "Seeteufels" und Freimaurers, eines ebenfalls erfolgreichen Abenteuer-Schriftstellers. Letzterer begann seine prodeutsche Vortragstätigkeit in den USA 1926. Volck hingegen mußte seine Vortragstätigkeit auf Intervention des deutschen Botschafters in den USA wieder einstellen. Womöglich hatte er sich auch auf Anraten und mit Unterstützung seines Vaters unternommen, der die deutschfeindliche Stimmung in den USA schon 1916 aus eigener Anschauung kennengelernt hatte. Außerdem war Volck - so gibt er an - als ganz unpolitischer Privatdetektiv nach den USA gereist, um den Verbleib eines Rembrandt-Gemäldes zu klären.

Herbert Volk und Martin Bormann bei Wilhelm Wulff

1923 trennte sich Volck von seiner ersten Frau. Den November 1923 erlebte Herbert Volck in Hamburg, wo er sich zusammen mit Martin Bormann vor der kommunistischen Verfolgung verstecken mußte. Und zwar bei niemand geringerem als bei seinem Astrologen Wilhelm Wulff, wie dieser berichtet.

1927 warnt ein Rundschreiben militärischer Dienststellen der Reichswehr (nach 1, S. 221) vor

"einem Leutnant d. Res. a. D. Herbert Volck, angeblich Schriftsteller und Privatdetektiv", der gegen die Überlassung eines hohen Geldbetrages kommunistische Spione aufzuspüren verspricht. Bei Auftauchen solle man ihn hinhalten und die Abwehr verständigen.

Womöglich ist dieses Schreiben von der Abteilung Abwehr (Wiki) veranlaßt worden. (Womöglich auch schon in Abstimmung mit dem Marinenachrichtendienst (Wiki) des Kapitän Walter Lohmann, die beide am 1. April 1928 miteinander vereinigt wurden und dann von Lohmanns Kollegen und Nachfolger, Wilhelm Canaris geleitet wurden.)

1928 arbeitet Herbert Volck als "Adjutant" des Dithmarscher Bauernführers Claus Heim, des Führers der schleswig-holsteinischen Landvolk-Bewegung. Für diese entwickelten auch andere "Neue Nationalisten" großes Interesse. Etwa Friedrich Hielscher. 1928 bis 1930 sitzt der "Bombenleger-Volck" Herbert Volck wegen der Sprengstoffanschläge der Landvolkbewegung im Gefängnis Zelle an Zelle mit dem "Neuen Nationalisten" Ernst von Salomon und schreibt - wie Salomon - an seinem neuesten "Abenteuer"-Buch.

Nach 1933 machte sich Herbert Volck Hoffnungen, Polizeipräsident von Berlin werden zu können, wenn nicht gar noch höhere Funktionen innerhalb der deutschen Polizei, bzw. der Gestapo. Als der Hellseher Eric Jan Hanussen von der Gestapo ermordet wurde, vertrat Herbert Volck die Gestapo gegenüber der Justiz und gegenüber jenen, die diesen Mordfall aufklären wollten. Zugleich machte er seinem eigenen Astrologen Wilhelm Wulff, dem vormaligen Astrologen des Canaris-Vorgängers Lohmann und dem nachfolgenden "Hofastrologen des Reichssicherheitshauptamtes", also von Arthur Nebe, Reinhard Heydrich, Heinrich Himmler, Walter Schellenberg und Felix Kersten, den Vorschlag, in Berlin die Position des ermordeten Hanussen einzunehmen. In gewisser Weise ist dies dann ja auch - zumindest nach 1941 - geschehen.

All das, was im vorliegenden Beitrag zusammen getragen wurde, sind sicherlich nur Teilausschnitte eines größeren Bildes zu den Lebensläufen von Vater und Sohn Volck. 1942 bis 1944 kam Herbert Volck - angeblich wegen Kritik der Kriegsführung, wie es auf Wikipedia heißt - ins Konzentrationslager, wo er 1944, im fünfzigsten Lebensjahr ums Leben kam, vier Jahre vor seinem Vater. Und ein so mächtiger Mann wie Martin Bormann, der einst sein Freund war, hätte ihn nicht retten können? Oder war er sogar der Veranlasser dieses frühen Todes? In der Geschichte der Geheimdienste des 20. Jahrhunderts gibt es noch viele Lücken.

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  1. Neander, Joachim: Zwei Entwurzelte: Friedrich Reck-Malleczewen und Herbert Volck. In: Garleff, Michael (Hg.): Deutschbalten, Weimarer Republik und Drittes Reich, Band 2. Böhlau, Köln 2007, S. 209 - 226 (Google Bücher)
  2. Wulff, Wilhelm Th. H.: Tierkreis und Hakenkreuz. Als Astrologe an Himmlers Hof. Bertelsmann Sachbuchverlag, Gütersloh 1968
  3. Franz-Willing, Georg: Putsch und Verbotszeit der Hitlerbewegung. November 1923 - Februar 1925. Verlag K.W. Schütz KG, Preußisch Oldendorf 1977
  4. Plöckinger, Othmar: Geschichte eines Buches. Adolf Hitlers "Mein Kampf": 1922-1945. Eine Veröffentlichung des Instituts für Zeitgeschichte. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, 2011 (aktualisierte Auflage) (Google Bücher
  5. Volck, Herbert: Die Wölfe. Mein sibirisch-kaukasisches Abenteuerbuch. Ullstein, Berlin 1918 (= Ullstein-Kriegsbücher 42); Neuausgabe: Die Wölfe. 33000 Kilometer Kriegsabenteuer in Asien. Ullstein, Berlin 1936
  6. Volck, Herbert: Reschett. Tragödie eines Starken. Leipzig 1922 (über seine Kaukasus-Erlebnisse)
  7. Volck, Adalbert: Völkisches Erleben und Wollen. (Geleitw.: Prof. Dr. Hofmeister) Selbstverlag (Herbert Volck) Lübeck, Moltkeplatz 9, 1924 (377 S.)
  8. Haase, Ludolf: Aufstand in Niedersachsen. Der Kampf der NSDAP. 1. Halbband 1921 (ohne Ortsangabe). 2. verbesserte und vermehrte Niederschrift 1924 (ohne Ortsangabe), vervielfältigtes Manuskript in Maschinenschrift (Handschriften-Abteilung der Niedersächsischen Staats- und Universitäts-Bibliothek Göttingen)
  9. Volck, Adalbert: Die Tragödie des russischen Volkes und die Schuldlüge. Selbstverlag, Lüneburg 1926 (135 S.) (Google Bücher)
  10. Volck, Adalbert: Die Romkirche, ihre Unfehlbarkeitslehre und deren Folgen. Lüneburger-Tagblatt-Druckerei, 1932 (84 S.)
  11. Volck, Herbert: Rebellen um Ehre. Mein Kampf für die nationale Erhebung 1918 - 1933. Herausgegeben von Erna Volck. Brunnen-Verlag / Willi Bischoff Verlag, Berlin 1932 (373 S.) (1.-10. Tsd., 11.-16. Tsd., 17. - 20. Tsd.); Neue, durchgesehene u. erg. Aufl. Bertelsmann, Gütersloh 1934 (466 S.) (41.-60.Tsd.), 1938, 1941 (5. Aufl.)(61. bis 90. Tsd., 91.-110. Tsd.); Verlag für ganzheitliche Forschung und Kultur, Viöl 1996
  12. Volck, Herbert: Öl und Mohammed. 'Der Offizier Hindenburgs' im Kaukasus. W. G. Korn, Breslau 1938
  13. Volck, Herbert: Odyssee für Deutschland. Ein Kampf in drei Erdteilen Mit Bildnis des Verfassers. W. G. Korn, Breslau 1939
  14. Jochmann, Werner: Nationalsozialismus und Revolution. Ursprung und Geschichte der NSDAP in Hamburg 1922–1933. Dokumente. Frankfurt am Main 1963 (Veröffentlichungen der Forschungsstelle für die Geschichte des Nationalsozialismus in Hamburg, Band 3)
  15. Simons, Olaf: Volck, Herbert 4.4.1894 - August 1944. Auf: http://www.polunbi.de/pers/volck-01.html (2004) 
  16. Kempe, Hans: Der Vertrag von Versailles und seine Folgen. Reinhard Welz Vermittler-Verlag Mannheim 2005
  17. Höge, Helmut: Volksfront/Natbol. "Hausmeisterblog" (TAZ-Blog), 22.01.2009

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