"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Frühe Lichtbilder von Mathilde von Kemnitz


Abb. 1: Gustav Adolf von Kemnitz bei der Gipfelrast - Aufnahme von Mathilde von Kemnitz (ca. 1910) (aus: 4)

Ende 2007, Anfang 2008 waren auf dem Parallelblog "Studium generale" zwei Beiträge veröffentlicht über frühe fotografische Versuche Mathilde Ludendorffs (1, 2).

Ludendorff-Gedenkstätte in Tutzing

Deren politische Bedeutung konnte hier auf dem Blog vor einem Jahr aufgrund neuer Dokumente sehr eindrucksvoll herausgestellt werden (3). Eine Neuerscheinung zu dieser Thematik (4) regt nun dazu an, die beiden Beiträge von 2007/08 hier auf dem Blog in aktualisierter und neu bearbeiteter Form einzustellen.

Vor zwei Jahren nämlich ist das Haus Ludendorff in Tutzing am Starnberger See mitsamt seinem "Ludendorff-Archiv" unter Denkmalschutz gestellt worden (GAj2010). Der zuständige Verein nennt sich seither:

Ludendorff-Gedenkstätte e.V. - Gemeinnütziger Verein zur Förderung des Denkmalschutzes und der Denkmalpflege der denkmalgeschützten Ludendorff-Gedenkstätten in Tutzing am Starnberger See.

Dieser Verein hat jüngst eine kulturgeschichtlich nicht uninteressante Ausstellung angeboten: "Frühe Lichtbilder von Mathilde von Kemnitz" (7):

Fotoausstellung mit Fotografien von Mathilde von Kemnitz aus frühen Jahren: Familie und Wohnungen - Bergtouren - Reisebilder aus Tirol, Südtirol und Italien - Künstlerische Landschaftsfotografie mit Bildbearbeitungen, darunter preisgekrönte Aufnahmen.

Aus dem Zusammenhang dieser Ausstellung wird auch die gleichzeitig erschienene Veröffentlichung (4) hervorgegangen sein.

Abb. 2: Mathilde und Gustav Adolf von Kemnitz: Die alte Holzbrücke über die Wörnitz in Harburg (Fotografie, ca. 1910) (aus: 4)

Der vormalige Ausgangspunkt unserer Ausführungen zu der Thematik der "Frühen Lichtbilder von Mathilde von Kemnitz" war ein Beitrag über die Freikörperkultur-Zeitschriften im 20. Jahrhundert (St. gen.). An ihn anknüpfend wurde auf fotographische Amateur-Versuche aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg durch Mathilde von Kemnitz und ihren damaligen Ehemann Gustav Adolf von Kemnitz hingewiesen. 

Mathilde Ludendorff schreibt selbst in ihren Lebenserinnerungen, daß sie in ihrer jungen Ehe zusammen mit ihrem ersten Ehemann mit der damals noch neuen Technik der Fotographie experimentierte. Und sie schreibt auch davon, daß Ergebnisse aus diesen Experimenten später in die Hände ihrer politischen Gegner geraten seien (sprich in die Hände Adolf Hitlers persönlich).

Liebhaber-Fotografie

Gustav Adolf von Kemnitz wird 1908 auch in der Zeitschrift für Amateur-Fotografie "Photographische Rundschau und photographisches Centralblatt" (Wiki), Band 22, 1908 auf Seite 88 erwähnt, nämlich daß er zum zweiten Vorsitzenden eines entsprechenden Vereines gewählt worden war (GB). Auch im Jahrgang 1910 finden sich beide erwähnt (S. 408) (GB):

... Sehr beachtenswert ist die Gruppe "Wallfahrer" von Gustav und Sanna von Kemnitz ...
In dieser Zeitschrift wurde im Jahrgang 1917, Band 54 auf Seite 349 neben dem Gefallenentod eines anderen Mitglieds dieses Vereins auch der Tod von Gustav Adolf von Kemnitz mitgeteilt (GB):

Mit Sicherheit müssen wir leider auch mit dem Tode unseres früheren II. Vorsitzenden Herrn Privatdozenten Dr. Gustav v. Kemnitz rechnen, der einem winterlichen Unfall in den Bergen zum Opfer gefallen ist. Auch er hat seine vollen Kräfte unseren Bestrebungen gewidmet. In unserer Gesellschaft wird den teuren Toten ...
Im Rahmen dieser Liebhaberei des Ehepaares von Kemnitz waren Arbeiten entstanden (Beispiele: Abb. 1 und 2), von denen sie einige auch zur Weltausstellung in Brüssel im Jahr 1910 (Wiki) einreichten. Im Ausstellungskatalog sind sie unter 28 weiteren Ausstellern verzeichnet im "Raum 11: Liebhaberphotographie" (8, S. 117):

Veranstaltet vom Ausschuß für die Abteilung Photographie auf der Weltausstellung Brüssel 1910. Geschäftliche Leitung: Deutscher Buchgewerbeverein, Leipzig. (...)
GUSTAV VON KEMNITZ, Neu-Pasing II bei München, Lützowstr. 3.
SANNA VON KEMNITZ, Neu-Pasing II bei München, Lützowstr. 3.

(Wie es in diesem Zusammenhang zu dem Vornamen "Sanna" anstelle von Mathilde gekommen ist, ist uns vorderhand nicht bekannt.) Auch im Jahrgang 1910 der Zeitschrift "Archiv für Buchgewerbe" wird offenbar über die Weltausstellung berichtet (GB) (zit. ebenso in: 9, S. 179):

Im einzelnen seien genannt: (...) mit Landschaften und Interieurs, ferner Sanna von Kemnitz-München-Pasing, Schneider-Leipzig und May-Hamburg, zweifarbige Gummidrucke von Hofmeister-Hamburg in der bekannten Virtuosität.

In einem Brief an ihre Mutter vom 10. Oktober 1910 schrieb die damalige Mathilde von Kemnitz jedenfalls im Zusammenhang mit der Feier ihres Geburtstages (zit. nach 6, S. 196):

Außer den Geschenken kam gerade am Abend die Nachricht, daß Gustav die silberne, ich die bronzene Medaille auf der Brüssler Weltausstellung bekommen haben. Doch ganz nett, gelt?
Mindestens zwei weitere im Rahmen dieser Liebhaberei entstandenene Lichtbilder (hier Abb. 6 und 7), die nie zu Ausstellungen eingereicht worden waren, haben später in den scharfen politischen Auseinandersetzungen zwischen der Ludendorff-Bewegung und der NSDAP - sowohl vor wie nach 1933 - eine Rolle gespielt (3). 

Auch in Gerichtsverhandlungen, bzw. Verleumdungsklagen. Diese letzteren beiden hier eingestellten Lichtbilder stammen aus den erhaltenen, damaligen Münchner Gerichtsunterlagen. 

Druckmittel gegen politische Gegner

Es ist von den nationalsozialistischen Gegnern der Ludendorff-Bewegung versucht worden, diese Fotografien als politisches Mittel zur Diskreditierung Mathilde Ludendorffs zu benutzen. Adolf Hitler selbst erwähnt diese Fotos noch in den 1940er Jahren in seinen protokollierten Tischgesprächen (3, 5).

Abb. 3: Mathilde Ludendorff, geb. Spieß an der Universität Freiburg, Sommer 1902 (aus: 6)

Man fragt sich aus heutiger Sicht erstaunt, wie solche vergleichsweise harmlosen, zugleich auch künstlerisch ansprechenden Fotos als politische Druckmittel benutzt werden konnten. Zumal wenn man Filme und Fotografien der von den Nationalsozialisten geschätzten Leni Riefenstahl kennt oder vieles andere aus dem Kulturleben der damaligen Zeit.

Aber natürlich können derartige Privatfotos von öffentlich bekannten Menschen zu ihren Lebzeiten immer allerhand Skandal und Aufsehen erregen. Das wäre heute nicht anders als damals. Erst durch den zeitlichen Abstand erscheinen uns heute die damaligen Lichtbilder als vergleichsweise "harmlos". Und aus Zuschriften, die wir auf die früheren Blogbeiträge (1, 2) von älteren Menschen erhielten, die Mathilde Ludendorff noch persönlich kennengelernt haben, geht hervor, daß es noch heute Menschen gibt, die es als unpassend empfinden, wenn solche Lichtbilder der von ihnen verehrten Mathilde Ludendorff weiter verbreitet werden. Sie berufen sich darauf, daß Mathilde Ludendorff dies ja ausdrücklich selbst nicht wollte.

Inzwischen sind diese Fotografien jedoch längst Dokumente der Zeitgeschichte geworden, die öffentlich zugänglich geworden sind, und von denen es - unserer Meinung nach - nur noch wenig Sinn macht, sie möglichst "unsichtbar" zu machen. Die heutige Zeit ist ja längst ganz anderes "gewohnt".

Abb. 4: Mathilde von Kemnitz in München-Planegg, Sommer 1905 (aus: 6)

Um sich die politische Brisanz solcher "Druckmittel" klar zu machen - bzw. wie sie eingeschätzt wurde, bzw. eingeschätzt werden mußte - muß man sich zum Beispiel die "Blomberg-Fritsch-Krise" von 1938 anschauen (Wiki) und die Art, mit der Adolf Hitler kriegsunwillige, führende Wehrmacht-Generäle aus ihren Amtsstellungen entfernte. 

Dem einen wurde der Vorwurf gemacht, daß er eine frühere Prostituierte geheiratet hätte, dem anderen wurden homosexuelle Neigungen unterstellt. Das genügte. Auch für die Niederschlagung des angeblichen "Röhm-Putsches" von 1934 wurden Vorwürfe auf sexuellem Gebiet als Vorwand benutzt. Dabei war allen Kenntnisreicheren klar, daß Adolf Hitler von den homosexuellen Neigungen Röhms nicht erst 1934 erfahren hatte, sondern sie Jahre lang stillschweigend duldete.

Abb. 5: Mathilde von Kemnitz als Ärztin an der Klinik, Winter 1912/13 (aus: 6)

Hitler bewahrte sich also all die Jahre zwei - aus heutiger Sicht harmlose - Fotografien von Mathilde Ludendorff in seinem Tresor auf als die in der Politik ach so beliebten "Kompromate", um sie gegebenenfalls gegen Erich Ludendorff oder Mathilde Ludendorff verwenden zu können (3, 5). 

Von beiden wußte oder ahnte er, daß sie sich mit den anderen Wehrmacht-Generälen einig waren, wenn es darum ging, den Ausbruch eines neuen Weltkrieges zu verhindern und dazu die Hitler-Regierung zu stürzen.

Abb. 6: Gustav Adolf von Kemnitz: Mathilde von Kemnitz (aus: 5)

Solchen Perspektiven gegenüber treten so manche eher abseitigen Vermutungen und Eröterungen des genannten Aufsatzes, wie sie sich schon in seinem Titel (5) andeuten, sehr stark in den Hintergrund.

Der Aufsatz von Florian Mildenberg aus dem Jahr 2006 (5) hat nun merkwürdigerweise sehr viele Quellen und Literatur zur geschichtswissenschaftlichen Analyse und Einordnung der Fotos in Abb. 6 und 7 ausführlicher herangezogen. Am wenigsten jedoch die naheliegendste Literatur, nämlich die Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff selbst (6). Im zweiten Band derselben, der 1936 erschienen ist (6), also auch ein paralleles Zeitzeugnis zu diesen Fotos und den politischen Machenschaften mit ihnen darstellt, zugleich wohl auch eine Abwehr des etwaigen Einsatzes dieser Druckmittel darstellt, nimmt Mathilde Ludendorff sehr ausführlich zu der Entstehung dieser Fotos Stellung.

Abb. 7: Gustav Adolf von Kemnitz: Mathilde von Kemnitz (aus 5)

Diese Ausführungen sind für den vorliegenden Beitrag noch einmal herausgesucht worden und sollen im folgenden weitgehend vollständig zitiert werden zusammen mit einigen in demselben Band enthaltenen Fotos der Verfasserin aus jenen Jahren und zusammen mit Kunstwerken, die im Text erwähnt werden.

Abb. 8: Stephan Sindig (1846-1922) (Wiki) -  "Zwei Menschen" (1889) - Museum Chemnitz

Noch eine Bemerkung: Man liest in diesen Lebenserinnerungen von Mathilde Ludendorff sehr gerne, weil sie von einem sehr reichen und sehr erfüllten Menschenleben Kunde geben, und weil man sich allein aufgrund dieser Lebenserinnerungen sehr angezogen fühlen kann von der Menschlichkeit und Warmherzigkeit, von der das Leben jener Frau, die diese Erinnerungen geschrieben hat, erfüllt gewesen sein muß.

Abb. 9: Lovis Corinth - Susanna beim Bade

Auch ihr Enkelsohn, der deutsche Nachkriegs-Schriftsteller Walter E. Richartz-von Bebenburg (1927-1980) (Wiki), der in der Nähe dieser Frau seine Kindheits- und Jugendjahre verbracht hat, hat niemals verleugnet, daß er seine Großmutter als eine sehr warmherzige Frau erlebt hat (siehe St. gen. 1, 2).

"Susanna beim Bade"

Man wird diesen Lebenserinnerungen auf vielen Gebieten also wohl auch dann noch Sympathie entgegenbringen können, wenn es einem nur schwer gelingt, der von dieser Frau gelehrten Philosophie und Psychologie - im Gesamten oder auch nur in Teilen - etwas abzugewinnen. (Aber siehe dazu auch noch zwei andere Beiträge: a, b

Natürlich ist bei allem, was eine solche Frau schreibt, immer der für heutige Ohren auch eigentümliche Duktus einer völkischen Lebensreformerin jener Zeit in Rechnung zu stellen.

Abb. 10: Rembrandt - Susanna beim Bade

In ihren Lebenserinnerungen berichtet Mathilde Ludendorff jedenfalls über ihr erstes Ehejahr im Jahr 1904 auf sehr vielen Seiten und mit vielen schönen Erinnerungen. Und dabei kommt sie dann auch auf die Entstehungsgeschichte jener Fotos zu sprechen (6, S. 141-143):

Unsere ziemlich leeren Wände waren erster Antrieb, unsere eben erst begonnene Lichtbildkunst gründlich zu fördern. Zunächst lernten wir das Vergrößern von Kunstwerken, die uns besonders eindrucksvoll waren. Dann aber genügte uns das nicht mehr. Wir feuerten unseren Schaffenseifer an den großen Künstlern Henneberg, Kühn und Watzek, die in jenen Jahren das Lichtbild zur Kunst erhoben hatten, an. Wir kauften technische und künstlerische Lehrbücher, um aus den Stufen des häufigen Versagens zu jenen des häufigen Gelingens allmählich emporsteigen zu können. Ganz umgekehrt wie bei der Malerei erweist die Landschaft an sich die größten Schwierigkeiten zu einer künstlerischen Aufnahme durch die Kamera. Der Mensch in der Landschaft, der dem Maler erst auf höchster Stufe gelingt, ist von der Kamera leichter festzuhalten. So ergab es sich ganz von selbst, daß dieses Kunstgebiet uns anfänglich am meisten Erfolg brachte. Die tiefe Einsamkeit der herrlichen Wälder unserer Umgebung erleichterte unsere Ziele. Wie sehr uns der Mensch als Kunstwerk der Schöpfung begeisterte, davon gab ja auch unser Heim von Anbeginn an Zeugnis. Hätten nicht die wirtschaftliche Schwierigkeit unseren Wünschen die engsten Grenzen gesetzt, so wäre es wahrlich nicht bei jenen Abgüssen griechischer Kunstwerke aus der Werkstatt Martinellis geblieben, die wir so eifrig von der harten Weiße des Gips befreit hatten. Wir hätten uns vor allen Dingen ein vollwertiges Abbild des Bildwerks Sindings "Zwei Menschen" ersehnt, das nordischer Minne so hehren Ausdruck verleiht, und mußten wegen der uns unerschwinglich hohen Preise dann mit einem kleinen Lichtbild dieses Bildwerks vorlieb nehmen. So kam es, daß auch unser eigener Schaffenseifer vor allem dem gleichen Gebiete galt. Die Natur hatte uns selbst genügend mit Ebenmaß gesegnet, sodaß wir unser Kunstziel nicht störten. (...) Eine tiefe Freude wurde uns das gemeinsame Kunstschaffen.

Viele Fotografien wurden auch, wie sie berichtet, auf nationale und internationale Kunstausstellungen eingesandt und erhielten Preise. Und von diesen sind erst kürzlich zwei weitere Arbeiten öffentlich bekannt geworden (4) (s. Abb. 1 und 2). Erläutert sei zu diesen, daß Harburg 130 Kilometer nordwestlich von München zwischen Schwäbischer und Fränkischer Alp liegt. 

Mathilde Ludendorff schreibt weiter und gibt mit ihren Worten den Lichtbildern, die im Jahr 2006 erstmals veröffentlicht wurden, eine ganz andere, neue Bedeutung als man dies zunächst hätte erwarten können. Auch könnte der Verfasser des Aufsatzes von 2006 Florian Mildenberger (4) manche dieser Worte zum Anlaß nehmen, sich bezüglich allzu billig und oberflächlich von ihm aufgestellter Thesen und Vermutungen eines anderen zu besinnen. Diese Worte verlieren nichts an ihrer Bedeutung und an ihrem Inhalt, wenn man sich den damals bei völkischen Lebensreformern üblichen antisemitischen Beiklang wegdenkt: 

Jene Bilder von uns in den einsamen Wäldern wählten wir nicht für diese Ausstellungen. Denn es fehlt der Lichtbildkunst das Umdichtenkönnen, das Loslösen von dem Vorwurf, das der Maler in seiner Hand hat. Das Bild wird von dem Einzelpersönlichen daher nicht genug in das Allgemeine erhoben, und so kann es auch niemals für die Allgemeinheit gedacht sein. Es muß denn ganz seltsam zugegangen sein, daß Jahrzehnte später politische Gegner, vor allem auch Pfaffen (nicht Geistliche) beider Konfessionen einige dieser Kunstbilder neben zynischen Bildern ohne jeden Kunstwert als von uns hergestellt unter verkommenen Menschen herumreichten, um damit jene Frau zu verlästern, die dem Volke eine Gotterkenntnis geschenkt hat, vor der ihre Bibellehren nicht mehr bestehen können. Das ahnten wir damals nicht, denn für so verkommen hielten wir unser Volk nicht. Es war verhüllte Zukunft. Aber hätten wir es geahnt, ja, gewußt, nun so hätten wir nicht ein einziges der Bilder ungeschaffen gelassen, nicht ein einziges vernichtet, statt für uns verwahrt, nicht ein einziges mit geringerer Kunstfreude Erscheinung werden lassen. Wohl aber hätte ich in späteren Jahren die Schlüssel zu der Sammlung der Platten besser verwahrt, um das seltsame Verschwinden zu verhindern. Alles, auch das widerlichste Wirken der Verkommenheit kann sinnvoll werden für die Rettung. Es scheiden sich die Völker. Die Reinheit der Germanen trennt sich von jüdisch-orientalischem Geist. Auf der einen Seite die Kunst der Griechen, des Tacitus Schilderung von der hehren Reinheit unserer Ahnen und herrliche Kunstwerke deutscher Meister trotz christlicher Lehren - auf der anderen Seite Juden und Christen mit ihren biblischen Erzählungen, mit ihren Lehren von der Sündhaftigkeit der Menschengestalt, mit oft so unreinem Blick, der nur unreine Begehrlichkeit kennt, und dem Bildwerk, das solcher Einstellung entspricht: "Die Belauschung der Susanne im Bade". Zur Kennzeichnung dieser tiefen Kluft zwischen Deutschsein und Christsein, die gar nicht oft genug dem Volke gezeigt werden kann, hat das hier erwähnte verkommene Verhalten politischer Gegner und Pfaffen und das Ertragen solchen Tuns von Seiten vieler Christen sehr beigetragen. -

So sang dieser Sommer sein jubelndes Lied einer glücklichen deutschen Minne, deutscher Kunst- und Naturfreude, und er hatte noch nicht seine Krönung erfahren, denn die geplante Alpenreise im Herbste stand noch bevor. ...

Es sind diesem Beitrag auch noch zwei Gemälde begegeben worden zur Illustrierung des Themas "Susanna beim Bade". Das erste von Lovis Corinth, das zweite von Rembrandt. Man kann den Vergleich des unterschiedlichen Geistes, den die Lebensreformer am Anfang des 20. Jahrhunderts geleitet hat mit jenem Geist, der aus solchen Gemälden spricht, recht treffend finden. Und das adjektiv christlich reicht zur Benennung des Gegensatzes völlig aus.

/ Ergänzt um Ausführungen 
zu [8]: 22.10.2022 /
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  1. Bading, Ingo: Fotos als politische Druckmittel. Studium generale, 9.10.2007, http://studgendeutsch.blogspot.de/2007/10/fotos-als-politische-druckmittel.html
  2. Bading, Ingo: Fotos als politische Druckmittel. Studium generale, 2.1.2008, http://studgendeutsch.blogspot.de/2008/01/fotos-als-politische-druckmittel-ii.html
  3. Bading, Ingo: Um seiner Verdienste um die Bewegung willen. Studiengruppe Naturalismus, 17.12.2011, http://studiengruppe.blogspot.de/2011/12/um-seiner-verdienste-um-die-bewegung.html
  4. Frühe Lichtbilder von Mathilde von Kemnitz. In: Mensch & Maß, 10/2012, S. 518
  5. Mildenberger, Florian: Erotik, Polygamie, Muttertum. Die Wandlungen der Mathilde Ludendorff. In: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, Heft 7/8, 2006, S. 621 - 643
  6. Ludendorff, Mathilde: Durch Forschen und Schicksal zum Sinn des Lebens. II. Teil von: Statt Heiligenschein oder Hexenzeichen mein Leben. Mit 12 Abbildungen. Ludendorffs Verlag, München 1937
  7. Fotoausstellung mit Fotografien von Mathilde von Kemnitz aus frühen Jahren: Familie und Wohnungen - Bergtouren - Reisebilder aus Tirol, Südtirol und Italien - Künstlerische Landschaftsfotografie mit Bildbearbeitungen, darunter preisgekrönte Aufnahmen
  8. Weltausstellung Brüssel 1910. Deutsches Reich - Amtlicher Katalog. Hrsg. vom Reichskommissar, Stilke, Berlin 1910 (375 S.), https://digital.ub.uni-paderborn.de/urn/urn:nbn:de:hbz:466:1-55564
  9. Christine Kühn: Kunstfotografie um 1900. Die Sammlung Fritz Matthies-Masuren, 1873-1938, 2003 

Sonntag, 9. Dezember 2012

"Ein Jahrhundert nach meinem Tode ..."

Das "Vermächtnis" Mathilde Ludendorffs (1937 / 1966)

Das deutsche Volk steht gegenwärtig, um die Jahreswende 2012/13, in der schwersten Schicksalsstunde seiner Geschichte. Während der äußere Wohlstand seit Ende der 1940er Jahre in Westdeutschland und seit 1989/90 auch zwischen Elbe und Oder die ständig noch wachsende innere Korruption und das gegenseitige seelische Missverständnis und die seelische Stumpfheit verdeckt und übertüncht, die sich durch fast jede Familie heute ziehen, die ein seelisch wertvolles Zusammenleben zwischen Eltern und Kindern, zwischen Ehepartnern, im engeren und weiteren Familien- und Freundeskreis, sowie in der Gesellschaft, im Volk insgesamt fast unmöglich machen, entwickelt sich auch allein die bloße demographische Lage des deutschen Volkes mit jedem Jahr noch kulturzerstörender als im jeweiligen Vorjahr. Ja: "Deutschland schafft sich ab", wie der viel verkaufte Buchtitel des Jahres 2010 lautete.

Abb. 1: Die Feier des 60. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1937 in Tutzing
Erich und Mathilde Ludendorff und mit ihnen die Anhänger der Philosophie Mathilde Ludendorffs sahen die Rettung für das deutsche Volk und für die Kulturen der Völker weltweit schließlich allein in der Verbreitung und Annahme der Philosophie Mathilde Ludendorffs. "Einen anderen Weg, als wir weisen, gibt es nicht," hat Erich Ludendorff Ende 1936 in seinem nach seinem Tod veröffentlichten "Vermächtnis" niedergeschrieben.

Abb. 2: Mathilde Ludendorff auf der Feier zu ihrem 60. Geburtstag am 3. Oktober 1937 in Tutzing
Und tatsächlich scheint gerade die enge Verbindung und Verknüpfung einer scharfen Aufklärung über das Wirken von Hintergrundmächten mit dem Angebot einer modernen, naturwissenschaftsnahen, also am - für alle Menschen gültigen - naturwissenschaftlichen Kenntnisstand orientierten evolutionären, humanistischen Philosophie in der Tradition der Aufklärung und der Evolutionsforschung, eine Philosophie, die über die Existenz natürlich gewachsener, das heißt aus der Evolution hervorgegangener Völker eben so wenig achtlos hinweggeht, wie gegenüber der Frage des Menschen nach dem Sinn des Lebens und dem Sinn der Existenz dieses Weltalls - tatsächlich scheint eine solche, womöglich in sich widerspruchsfreie und sich gegenseitig ergänzende und vervollständigende Verbindung und Verknüpfung eine starke weltgeschichtliche Kraft darstellen zu können.

Zumindest dann, wenn die vielen heutigen, zumeist - trotz zahlenmäßigen Umfangs - ganz hilflos und ohnmächtig wirkenden, weil geistig zersplitterten Kräfte, die einen gesellschaftlichen Aufbruch fördern - zuletzt etwa die "Occupy-Bewegung" mit Georg Schramms "Zorn-Rede" in Frankfurt am Main -, sich auf eben eine solche enge Verbindung und Verknüpfung besinnen würden. Und wenn sie dieselbe mit jener hochstehenden Moral, die womöglich in der Philosophie Mathilde Ludendorffs enthalten ist, auch nach außen hin vertreten würden. Zumindest scheint sehr viel Anlass gegeben zu sein, dass diese Behauptung sehr ernst geprüft werden sollte.

Abb. 3: Mathilde Ludendorff auf der Feier zu ihrem 60. Geburtstag am 3. Oktober 1937 in Tutzing
Durch den Fortgang des naturwissenschaftlichen Fortschritts in der Soziobiologie, in der Humangenetik, in der Intelligenzforschung (siehe Sarrazin-Debatte), in der Evolutionsforschung, sowie durch die sich ständig verschärfende soziale und kulturelle Krise der Völker und Kulturen der Nordhalbkugel scheint das Angebot dieser seltenen Verknüpfung immer tagesaktueller, ja, geradezu immer alternativloser zu werden. Und es ist nicht unwahrscheinlich, daß die sich geradezu aufdrängende Erkenntnis von der kulturerhaltenden Notwendigkeit der Annahme der hier gegebenen Verknüpfung schon in der nächsten Generation als gültig anerkannt werden wird und sich dann - und deshalb - weitgehend widerstandslos ausbreiten wird.

Abb. 4: Die Feier des 60. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1937 in Tutzing
Jedenfalls war dies - so ungefähr - die Erwartung von Mathilde Ludendorff. Sie selbst empfand es als ungewöhnlich, ja fast als ein Missverständnis, dass sie als eine der wenigen Philosophen in die Geschichte eingehen sollte, die ein - für geistesgeschichtlich bedeutsame Philosophen - seltenes Verständnis und eine seltene Anerkennung schon zu ihren Lebzeiten erhalten sollte von einer größeren Gruppierung von Anhängern.

Abb. 5: Während der Feier des 60. Geburtstages von Mathilde Ludendorff, 3. Oktober 1937 in Tutzing
Die Feier des 60. Geburtstages von Mathilde Ludendorff am 3. Oktober 1937

Diesen Gedanken sprach sie aus bei Anlaß der Feier ihres 60. Geburtstages am 3. Oktober 1937 in München. Unter anderem aus diesem Grund soll diese Feier im vorliegenden Beitrag etwas genauer behandelt und dokumentiert werden (vgl. auch Abb. 1 bis 5). Zu ihrem 80. Geburtstag am 4. Oktober 1957 berichtete Mathilde Ludendorff über die Feier ihres 60. Geburtstages (s. Quell 1957, S. 931):
Heute vor 20 Jahren hatte der Feldherr zum letzten Male in seinem Leben die Feier des 4. 10. an meinem 60. Geburtstag trotz seiner 2 Tage zuvor erfolgten plötzlichen sehr ernsten Erkrankung hier im Garten abzuhalten beschlossen. Er legte mir dabei ans Herz, daß sie so geartet sein sollte, daß niemand mir meine durchwachten Nächte und so große Sorge um ihn, niemand ihm seine Krankheit anmerken möge.
Und im Jahr 1938 wird über diese Feier berichtet (4):
Keiner der Erschienenen konnte ahnen, daß er zum letzten Male dem Feldherrn gegenüberstehen und ihn sprechen hören sollte. 
Und (4):
Trotz seiner schweren Krankheit, die in jenen Tagen bereits ihre dunklen Schatten vorauswarf, sahen sie den Feldherrn so, wie sie ihn kannten ...
In einem anderen Berichtet heißt es in der selbstverständlichen Sprache der damaligen Zeit zusammenfassend (1):
Am 3. Oktober 1937 waren mehr als tausend Deutsche Volksgeschwister aus allen Teilen des Reiches nach Tutzing gekommen um der Schöpferin der Deutschen Gotterkenntnis persönlich die Glückwünsche zu ihrem 60. Geburttag überbringen zu können. Frau Dr. Ludendorff begrüßte jeden Einzelnen der Teilnehmer, an die sich anschließend der Feldherr mit einer kurzen Ansprache wandte. Eine eindrucksvolle Feier im "Vier-Jahreszeiten"-Saal in München beschloß würdig diesen Tag, der für alle Teilnehmer zu einem Erlebnis geworden war.
Und ein detaillierterer Bericht lautete (2):
Um den Bitten von zahlreichen Anhängern der Deutschen Gotterkenntnis (Ludendorff) zu entsprechen, ihre Wünsche Mathilde Ludendorff zu ihrem 60. Geburttage persönlich entgegenbringen zu können, waren der Feldherr und die Philosophin aus den Bergen zurückgekehrt. Mathilde Ludendorff hatte sich bereit erklärt, sie schon am 3., einem Sonntage, entgegenzunehmen, um den Deutschen, die im Erwerbs- und Berufsleben stehen, die Ermöglichung ihres Wunsches zu erleichtern. Mit Sonderzügen und Kraftwagen waren aus allen nahen Deutschen Gauen, ja auch von Ostpreußen, von Schleswig und vom Rhein her, aus Schlesien und Saarbrücken Deutsche aller Berufsstände, Frauen, Männer und Jungvolk herbeigeeilt. Sie nahmen in festlicher Stimmung Aufstellung vor dem Hause in Tutzing. Schönes Herbstwetter mit herbstlichem Sonnenschein verschönte die Stunden.
In dem Bericht heißt es weiter (2):
Der Feldherr begrüßte die Schöpferin der Deutschen Gotterkenntnis mit einem Heilruf und richtete an die Versammelten wenigen Worte der Begrüßung. Mathilde Ludendorff schritt zu den Anwesenden und nahm von jedem Einzelnen, ihm die Hand reichend und Worte tauschend, den Glückwunsch entgegen. Das nahm bei der großen Zahl der Anwesenden Stunden in Anspruch. Währenddesen unterhielt der Feldherr sich mit einzelnen Anwesenden über das Fortschreiten des Ringens für Deutsche Gotterkenntnis. Nachdem Mathilde Ludendorff ihren Rundgang beendet hatte, richtete der Feldherr noch kurze Worte an die Anwesenden, um ihnen zu zeigen, wie sie der Philosophin durch ihr Ringen ihre Dankbarkeit erweisen könnten. (...) Dann wandte sich der Feldherr dem Ringen gegen die überstaatlichen Mächte und ihre Helfershelfer zu, die zwischen dem Werke Deutscher Gotterkenntnis und den Personen, die es vertreten, Scheidewände durch Lügen und Verdrehungen errichten möchten. 
Es sollte dies tatsächlich die letzte öffentliche Rede Erich Ludendorffs sein. Denn nur zweieinhalb Monate später, am 20. Dezember 1937, starb er an jener erwähnten Krankheit, die schon damals "ihre Schatten vorauswarf", nämlich Leberkrebs. Teilnehmern blieben von dieser Ansprache Sätze in Erinnerung, enthalten im letzten Teil der Ansprache, wie "Ich stelle fest - der 'Osservatore Romano', das Blatt des Papstes, lügt!" oder "Kämpfen Sie fanatisch!" (Friedrich Fuch in: Quell 8/57, S. 347)

Nachmittags fand dann die Feier in dem genannten Festsaal in München statt. In ihrer dortigen Ansprache sagte Mathilde Ludendorff Worte (2), von denen sie nachmals wünschte, daß diese auch auf ihrer eigenen Totenfeier vorgelesen werden würden. Und dort sind sie dann auch im Frühsommer 1966 aus diesem Anlass vorgelesen worden (3). 1966 wurden sie "das Vermächtnis Mathilde Ludendorffs" genannt. - Erich Ludendorff hatte schon an dieser Nachmittagsveranstaltung nicht mehr teilnehmen können. In dieser Ansprache sagte sie (2):
Ich habe in Ihrer aller Namen dem Feldherrn gedankt, daß er bei unserer Feier in Tutzing die Worte an Sie gerichtet hat und so diesem Tage geschichtliche Weihe gab. Diese seine Worte lassen es erst verstehen, daß es zu einer solchen Feier kam. Ist es doch ein sehr seltenes Ereignis, daß der Geburtstag eines noch lebenden Philosophen, der wirklich wertvolle und unsterbliche Erkenntnis gab, in einem größeren Kreise gefeiert wird. Dergleichen geschieht sonst meist bei jenen, die die Mitwelt rasch und leicht überzeugen, weil sie die zur Zeit schon herrschenden Einsichten in ihren Werken in eine gute Wortgestaltung bringen. Kulturschöpfer aber führen auf bisher noch nicht betretenen Wegen näher zum Göttlichen hin. So sind sie einsam und am einsamsten unter ihnen allen sind die Philosophen. Ihre Erkenntnisse und die moralischen Wertungen, die sich aus diesen ergeben, gestalten gewöhnlich nicht an der Geschichte der Gegenwart, sondern an der kommender Jahrhunderte. So rettet ihnen denn auch die Verständnislosigkeit der Mitwelt ihre traute, so für Schaffen und Erleben geschätzte Einsamkeit. Es bedarf also, wenn ich so sagen soll, fast einer Entschuldigung, zumindesten aber einer Erklärung, die uns begreiflich macht, daß meine philosophischen Werke, die das gründlichste Umdenken und Umstellen erwarten, das je durch philosophische Werke gefordert wurde, nicht, wie ich bei dem Schaffen der ersten derselben mit Sicherheit annahm, erst ein Jahrhundert nach meinem Tode durchdringen werden.
Die Erklärung liegt in der wichtigsten Ursache des Werdens der Gotterkenntnis meiner Werke. Es herrschte in den Jahren 1920/21, als ich mein Werk "Triumph des Unsterblichkeitwillens" schrieb, Todesnot der Kulturen aller Völker. Das gottwidrige Ziel, seelisch entwurzelte, mischblütige Sklaven unter herrschgierigen Priesterkasten jüdischer Lehren an Stelle arteigener, gottlebendiger freier Völker allein noch auf Erden bestehen zu lassen, war in manchen Ländern voll erfüllt, in anderen seufzten die Völker unter ebenso machtgierigen anderen asiatischen Priesterkasten. (...) Wir sahen vor allem auch unser Deutsches, entwaffnetes Volk in der gleich großen Not, in der es ein Jahrhundert zuvor unter der Tyrannei des Korsen geschmachtet hatte. Dies Erkennen der Todesnot der Kulturen aller Völker und das Erleben der stärksten Verantwortung, Wandel zu schaffen, weckten mich zu einer seelischen Wachheit, aus der heraus ich die letzten Fragen vom Sinn des Menschenlebens und der angeborenen Unvollkommenheit, vom Sinn des Todesmuß und der Art der Erfüllung des Unsterblichkeitwillens im sterblichen Menschen, im Einklang mit der Erkennntis der Forschung beantwortete und in meinem Werke niederlegte. So wie vor hundert Jahren der Philosoph Fichte die Einsamkeit seines Schaffens aufgab und sein Volk durch die Reden an die Deutsche Nation zum Freiheitkampf wachrüttelte, so war es auch mir dann eine Selbstverständlichkeit, ein Gleiches zu tun. Nach dem Schaffen dieses ersten philosophischen Werkes gab ich die Abgeschlossenheit, in der ich lebte, auf, stellte zunächst weiteres Schaffen zurück, um mich dem völkischen Freiheitkampfe, soweit dies meine Pflichten möglich machten, zu widmen.

Das ist die eine Erklärung dafür, daß nicht erst nach hundert Jahren, wie ich es annahm, irgendeiner nach den wenigen Exemplaren meiner philosophischen Werke greifen werde, um dann das Volk zu ihnen zu führen. Weit wesentlicher war ein anderes Ereignis. Da ich in meinem Schaffen das Unheil der christlichen Wahnlehren für das Leben der Völker und die Abwehr der Priesterkasten ebenso klar erkannte, wie den segensreichen Schutz, den die Erkenntnis meines Werkes "Triumph" hiergegen sein konnte, so sah ich natürlich in dem völkischen Freiheitkampfe vor allem als Ziel die Befreiung von Wahnlehren und Machtgier der Priesterkasten, ich fand aber hierfür fast nirgends ein Verstehen. (...) Da führte dicht vor dem 9. November 1923 dieser Umstand zu einer Unterredung mit dem Feldherrn und bei ihm fand ich zu meiner großen Überraschung sofort tiefstes Verstehen für meine Fernziele. Ein solches Verstehen führte zu gemeinsamem Kampfe und zu der reichen Lebenserfüllung gemeinsamen Lebens. Elf Jahre währt nun schon der ununterbrochene Kampf an der Seite des Feldherrn gegen die unheilvollen Wege und Ziele weltberrschender, zum Teil geheimer Priesterkasten und währt die Aufklärung des Volkes und der Völker über dise und über den Segen der Gotterkenntnis, die ich indessen in weiteren Werken vollendete. Da diese nun den unsterblichen Namen des Feldherrn trugen, öffnete er ihnen einen breiten Weg in das Volk. Da aber der Feldherr zugleich in unermüdlicher Volkserziehung sich für die Bedeutung des Kampfes gegen die Wahnlehren und für die Völker rettende Bedeutung der Erkenntnis meiner Werke einsetzte, so war die natürliche Folge das seltene Ereignis, daß ich es miterlebe, wie viele Zehntausende sich von der Erkenntnis meiner Werke überzeugten.

Schon einmal gab es einen großen Feldherrn, der es den Menschen durch sich selbst erwies, daß höchste Feldherrnkunst und philosophisches Erkennen nicht so weit auseinanderliegen, wie die meisten Menschen es annehmen, da doch die klare Erkenntnis des Wesentlichen bei beiderlei Begabung das Wichtigste ist. Dieser Feldherr, der zugleich ein tiefer Kenner und Werter der Philosophie gewesen ist, war Friedrich der Große. Auch er sah schon den Segen der Wahrheit in der Beantwortung der letzten Fragen des Lebens. Auch er erkannte voll die Unhaltbarkeit des Wahnes der Christenlehre. Aber sein Leben und Schicksal brachten es mit sich, daß die starke Sonderung des Volkes von dem König das herrschende Vorurteil, die ungeheure Unterschätzung der Bedeutung des Einzelnen im Volke und seine klare Einsicht in die Tatsächlichkeit nicht überwand. Für das Volk hielt er den von Priestermachtgier geschaffenen Trug für gut genug, wenn nicht gar für notwendig. Der Feldherr Ludendorff, der in dem gewaltigsten aller Kriege Jahre hindurch Haupt und Herz des Volkes war, war seit jenem unseligen 26. Oktober 1918 nicht mehr durch ein Amt, nur noch durch seine unsterbliche Leistung vom Volke gesondert. Er, der im Kriege die Bedeutung der Leistung des Einzelnen an der Front so hoch gewertet hat, war unfähig, die seelische Haltung des Einzelnen im Voke so zu unterschätzen, daß er einen unheilvollen Wahn über die letzten Fragen des Lebens für diess Volk noch für brauchbar gehalten hätte. Von der ersten Stunde der persönlichen Überzeugung von der Bedeutung der Erkenntnisse meiner philosophischen Werke war es ihm auch klar, daß das gesamte Volk und die Völker der Erde unter den Segnungen dieser klaren Erkenntnis gerettet und aus den gefährdenden Entartungen freigemacht werden konnten. Kein Amt an der unmittelbaren Geschichtegestaltung der Gegenwart raubte ihm Zeit für seine hehre Geschichtegestaltung der Zukunft. Er erforschte die Mittel und Wege der überstaatlichen Todfeinde freier Völker, enthüllte sie in seinen Werken, gab dem Volke zum ersten Mal durch diese Enthüllungen volksrettende geschichtliche Erfahrung und führte sie gleichzeitig zu der Klarheit der Gotterkenntnis.

Dank so seltenen Geschehens kam es denn auch zu dieser seltenen Feier des Geburttages eines lebenden Philosophen. Wie nun könnte ich in dieser Feierstunde meiner Eigenart, einen solchen Tag zu begehen, treu bleiben und Ihnen zugleich einen Anteil an diesem Feste gewähren, der sich in Ihrer Seele auswirken kann? Nun, ich dächte doch, indem ich Ihnen mitteile, welchen Sinn ich in einer solchen Feier sehe, und zudem ein Beispiel gebe, wie sie innerlich zu bereichern ist.
Die Ansprache Mathilde Ludendorffs war von Klavierwerken von Robert Schumann und Franz Schubert umrahmt worden, die von ihrer Schwester, der Konzertpianistin Frieda Stahl, vorgetragen worden waren (2).

Abb. 6: Hochgebirge (Neuseeland)

Die Totenfeier für Mathilde Ludendorff am 20. Mai 1966

Auch während der Totenfeier am 20. Mai 1966 war das Verlesen dieser Worte von Musik umrahmt worden (3).

Abb. 7: Todesanzeige für Mathilde Ludendorff
Diesmal spielte die Konzertpianistin Frieda Stahl nicht selbst, sondern ein Streichquartett. Aber sie wird die Musik ausgewählt haben und auch im Nachhinein die erläuternden Worte zu dieser Musik geschrieben haben.
Abb. 8: Totenfeier für Mathilde Ludendorff am 20. Mai 1966
Da die Möglichkeit besteht, soll auf diese Musik hier im Beitrag mit hingewiesen werden. Sagt doch Mathilde Ludendorff schon am Anfang ihrer Ansprache:
Es ist Unrecht, Worte an Menschen zu richten, nachdem die gottnaheste aller Künste, die Musik, in solcher Vollendung zu Ihren Seelen sprach.
1966 war die Feier umrahmt worden von den ersten drei Sätzen des Streichquintetts von Franz Schubert in C-dur, Opus 163 (siehe Abb. 8).

Abb. 9: Aufbahrung des Sarges im Haus in Tutzing, 1966
Proben einer offenbar sehr guten Aufnahme desselben aus dem Jahr 2007 finden sich im Internet vom Artemis-Quartett von Truls Mörk. Als eine vollständige Aufnahme desselben findet sich im Internet gegenwärtig eine solche, die  von "3Sat" ausgestrahlt worden ist - allerdings ohne Angabe der Musizierenden. (Die ersten beiden Sätze sind jeweils in zwei Teilen ins Netz gestellt worden.)

1. Allegro ma non troppo (a, b)

In der Beschreibung der Totenfeier heißt es zu dieser Musik:
Franz Schuberts Streichquartett in C-Dur, Opus 163 klingt auf. Der zwei ganze Takte ausgehaltene C-dur-Akkord setzt leise ein, schwillt allmählich voll an, um schließlich in einen wehmutsvollen Septimenakkord überzugehen und abzuklingen. Nach dieser langsamen Einleitung wird es lebendig. Das frohe Hauptthema wird immer kraftvoller und dramatischer, bis es schließlich auf der Dominante endet. Nun naht das zweite Thema, in Es-dur, beglückend gefühlsbetont, schwelgend im Sanglichen, ganz Klangwunder. Dann tritt noch ein drittes, scharf zugeschnittenes, aber leises Thema hinzu. Aus ihnen formt sich kämpferische Konfliktstimmung, die aber immer wieder zu klangschöner Lyrik hinüberführt. Ein Menschenleben voll Glück und Weh, voll Kampf und Streit: ein großes Menschenleben in Musik! Und doch immer wieder zurückführend zu der Erkenntnis: "Nicht Kampf ist das Leben des Menschen, nein, jenseits des Kampfes erst ist das Erleben der Seele!" Der erste Satz des Quintetts, vorgetragen vom Sonnleitner-Quintett, verklingt. ...
Das Zitat ist entnommen dem philosophischen Erstlingswerk von Mathilde Ludendorff "Triumph des Unsterblichkeitwillens". 1966 wurden dann auf Wunsch von Mathilde Ludendorff Worte vorgetragen, die Erich Ludendorff 1937 über seine Frau geschrieben hatte in dem von ihm 1937 herausgegebenen Buch "Mathilde Ludendorff, ihr Werk und Wirken" (siehe: 3, S. 483 - 487). Dann begann der zweite Satz aus dem Schubertschen C-dur-Quintett.
2. Satz - Adagio (ab)

Dazu wird geschrieben:
Ein seliges Singen hebt an, zart und verhalten, klanglich verinnerlicht und mehr der Tiefe verbündet. Plötzlich ist die Stimmung wie umgewandelt: Eine nächtig düstere, sehr ausgedehnte Partie in f-moll mit scharfem Sechzehnteltriolenmotiv in den Celli, Ringen seelischer Gewalten, bildet den einschneidenden Gegensatz zu dem Hauptthema. Und wenn dieses auch später wiederkehrt, so doch nicht mehr in der anfänglichen Selbstvergessenheit, sondern beständig von mahnenden Stimmen aus der Tiefe begleitet. Dieses Adagio Franz Schuberts ist der Kern der Totenfeier, der mit Allgewalt die Seelen erfüllt.
1966 wurden dann die Worte des Vermächtnisses von Matilde Ludendorff selbst vorgetragen (siehe: 3, S. 490 - 500). Deren erster Teil ist oben schon zitiert worden. Der zweite, wohl noch wesentlichere Teil (2, S. 547ff; 3, S. 495ff) beginnt mit folgenden Worten:
... Wenn ich nun solchem Feiertag diesen Sinn gebe, so wissen Sie zugleich schon, daß ich an ihm nicht nur das reiche Glück der Gegenwart erlebe, sondern daß er für mich ein Erklingen der ganzen hehren Symphonie des Lebens bedeutet, mit allem Leid und Glück, das es barg und mit allem Gottgehalte, den das Leben schenkte. Unter diesem Reichtum ist auch gar mancher, der zu meinem Schaffen hinüberführt, und an dem ich Sie ein Weilchen Anteil nehmen lassen kann. Sie haben in den Wroten, die Sie zuvor hörten, schon erfahren, daß die Felsengipfel des Hochgebirges meiner Seele und so auch meinem Schaffen Heimat wurden. Ihre Unerreichbarkeit für allen Kleinmut und alle Verzagtheit, ihre Unnahbarkeit für alles Gelärme und Gedränge der Menschen, ihre Festigkeit in allen Wettergewalten, ihre hehre Einsamkeit und heilige Stille, ihre erschütternd ernste Schönheit, wenn Wetterwolken sie umbrauen, ihre leuchtende Herrlichkeit, wenn Schnee sie übergleißt, ihre freudige, kraftvolle Festlichkeit im Sonnenschein, ihre zarte Verklärtheit in Mondnächten, hatten es mir angetan. Es hätte nicht mehr der Gefahren, die das Klettern im Fels mit sich bringt, bedurft, um mir ihr Bild zum seelenweckenden Gottgleichnis werden zu lassen. Eine Feier meines Todes ohne einen stillen Gang zu ihnen in der Erinnerung wäre mir schwer denkbar. Erinnerung ist die Königin, die über alle Wirklichkeit herrscht. Erinnerung hält das Erhabene, das Göttliche fest, und läßt alles Beschwerende, alles Hemmende dem Gedächtnis entgleiten. Erinnerung kann wie ein Märchen alles so herrlich wie möglich gestalten, und so läßt sie denn auch bei dem Aufbruch bald nach Mitternacht von der hohen Berghütte nahe den Felsengipfeln von hellem Mondschein die Bergewelt zauberisch verklären! Rings um uns leuchtet die zarte Schönheit der fast wie gewichtslos scheinenden Felsenriffe. Tiefes Schweigen. Nur dann und wann ein helles Klingen des Eispickels an den Stein oder ein Hinabrollen eines Steines von der Geröllhalde, auf der wir zur Scharte ansteigen; sonst feierliche Stille. Taghell leuchtet der Mond in diesen Höhen, und da Tritte und Griffe am Grat uns wohlvertraut sind, so erreichen wir kurze Zeit nach unserem Einstieg schon den Gipfel. Atemberaubend ist die Schönheit des Fernblicks auf die mondüberlichteten Gipfel, und märchenhaft sind die wunderbaren Farben der Mondnacht hier oben. Das leuchtend tiefe Blau des Himmels, die satten Farbentöne der Felsen in der Nähe und zarten der Gipfel in der Ferne enthüllen Gott im erhabenen Gleichnis. Unsere Seele gibt sich dieser schweigenden Schönheit hin und wüßte nicht mehr zu sagen, wieviel Zeit in Wirklichkeit verronnen ist, bis nun der Mond hinter einem Felsen untergeht. Doch kündet es jetzt die Nacht, daß sie noch Herrscherin der Stunde ist, denn nun der Mond schwand, versinken die fernen Gipfel im Dunkel; doch über uns breitet sich nun die unermeßliche Schönheit des klaren Sternenhimmels. ...
Zum gesamten Text siehe (3). Mathilde Ludendorff setzt das Erlebnis der einsamen Bergnacht im Hochgebirge und des Sternenhimmels dann auch in Bezug zu dem naturwissenschaftlichen Wissen des 20. Jahrhunderts über das Weltall und zu der Deutung dieses Wissens durch ihre Philosophie.

Viele der Worte dieses Vermächtnisses kann man heute als Mensch, der sich von Christentum, Okkultismus und sonstigem religiösem Wahn befreit hat und in der Welt und im Leben mehr an Bedeutung zu sehen gewillt ist als es etwa ein atheistisches Weltbild anzuerkennen bereit ist, wohl nur schwer ohne Anteilnahme lesen. Da dieses Vermächtnis im Weltnetz heute - wie es scheint - noch nirgendwo dokumentiert ist, ist es einmal vollständig zugänglich gemacht worden (3) und wird in diesem Beitrag auf dieses hingewiesen.
3. Satz - Scherzo: Presto - Trio: Andante sostenuto

Zur Musik heißt es wiederum:
Als wollte er diese Worte der großen Toten an das mitlebende Geschlecht aufnehmen, setzt nun der dritte Satz des Schubertschen C-dur-Quintetts ein. Machtvoll wiederholen stürmische Geigen und Celli in kräftigen C-dur-Motiven den Aufruf der letzten Worte. Sie werden abgelöst durch eine ernste seelenvolle Weise, durch ein langsames, sehr verhaltenes Trio in ganz anderer Takt- und Tonart. Die Weise kehrt zur tiefen Trauer zurück, wird immer verhaltener, immer stiller. Ganz unvermittelt setzt dann der erste Teil wieder ein, die Trauer zu feierlichem, kraftvollem Tun wandelnd; in unvergänglicher Musik der gleiche Weckruf wie die Worte der Toten.
Abb. 10: Wettergebräunt - die Schwestern Frieda Stahl und Mathilde Ludendorff 1952 auf der Berghütte in Klais in Oberbayern (Aufnahme durch die Haushälterin Annemarie Kruse [gest. März 2016])
Dieses Vermächtnis Mathilde Ludendorffs ist eines jener vielen, von ihr stammenden Lebenszeugnisse, das bei der Beurteilung ihrer Person vierlerorts sicherlich noch nicht genügend berücksichtigt und gewürdigt worden ist.
Abb. 11: Trauerfeier auf der Terrasse des Hauses Ludendorff
Überraschend auch, welche vielfältigen Erlebnisse und Bezüge sich an diese Worte, dieses Vermächtnis Mathilde Ludendorffs knüpfen, die eine Zeitspanne zwischen 1937 und 1966 überspannen, geradezu so, als seien beide Tage - der 60. Geburtstag und der Todestag - nur ein Tag gewesen. Und auch dies war ja für sie der Sinn eines Geburtstages (2):
Der Geburttag, der zu Ihrer begrenzten Zahl der Lebensjahre ein neues hinzufügt, gemahnt Sie wieder an das Wissen:
Todumloht ist Dein Leben in jeder Stunde. Unfall, Krankheit und Feindestat können Dich allerwärts aus der Reihe der Lebenden ausscheiden und fern, am Ende der Tage, harrt Deiner, auch wenn Du all jenen Gefahren siegreich widerstandest, das Todesmuß, das unwiderrufliche. (...) Deutlicher aber als die jährliche Wiederkehr gemahnt die Jahrzehntwiederkehr des Geburttages an das Todwissen. Vor allem läßt sie weit vernehmbarer noch den ernsten Schritt des Alterstodes, des Todesmuß, vernehmen.

Deshalb wohl ward es allmählich Sitte, dieser Jahrzehntwiederkehr vom 50. Geburttage an ernster zu nehmen und ausgeprägter zu feiern. Es ist das eine liebe Site, wenn sie im Menschen Ähnliches auslöst wie etwa die letzten Tage eines Aufenthaltes in besonderer Naturschönheit. Mögen wir solchen Aufenthalt noch so bewußt, noch so eindringlich erleben, sobald wir über die Hälfte der schönen Tage hinaus sind, scheint die Zeit eilen zu wollen, und je mehr sich dann diese Tage der Abschidstunde nähern, um so mehr geleitet alle Freude schon der Trennungschmerz. Er aber macht das Erleben nur noch inniger, nur noch vertiefter. Jeder neue Tag, der nach solcher Jahrzehntfeier noch erlebt wird, scheint dem Menschen um so mehr wie ein köstliches, keineswegs mit Sicherheit erwartetes Geschenk.
Abb. 12: Das Grab in Tutzing nach der Beerdigung, 1966
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(Dieser Beitrag ersetzt und erweitert einen älteren zum gleichen Thema, der am 23.3.2012 erschienen ist.)
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  1. Der 60. Geburtstag Frau Dr. Mathilde Ludendorffs. Fotoseite. In: Quell, Folge 14, 20.10.1937, hinter Seite 552
  2. Die Feier des sechzigsten Geburttages Mathilde Ludendorffs. In: Quell, Folge 14, 20.10.1937, S. 542 - 551
  3. Ludendorff, Mathilde: Worte zur eigenen Totenfeier (Vermächtnis). In: Mensch & Maß, 6. Jg., Folge 11, 9.6.1966, S. 483 - 500 (Scribd)
  4. Der Abschied. Die letzte Ansprache des Feldherrn. In: Am Heiligen Quell Deutscher Kraft, Folge 20, 20.1.1938; Lichtbildseiten nach S. 796
  5. Kn., W. (wohl Wilhelm Knake): Feierstunden. Eine Rückschau (auf die Feier von Mathilde Ludendorffs Geburtstag 1956). In: Der Quell, Folge 24/1956, S. 1118 – 1120 

Sonntag, 2. Dezember 2012

April 1935 - Die Witwen Ermordeter wenden sich an Erich Ludendorff

Herbst 1920 - Erich Ludendorff vermittelt die Zusammenarbeit zwischen Hitler und Gregor Strasser

Abb. 1: Gregor Strasser, 1928
Erich Ludendorff hatte einen Anteil daran, daß die Brüder Otto und Gregor Strasser (1892-1934) (Wiki) zur NSDAP gestoßen sind. Er hatte Gregor Strasser erstmals mit Adolf Hitler zusammen gebracht. Darüber wird berichtet (6, S. 387):

Nach Aussage von Otto Strasser ist die Verbindung zwischen seinem Bruder und Hitler auf Vermittlung des Generals Ludendorff zustande gekommen, der den Apotheker (also Gregor Strasser) im Herbst 1920 persönlich in Begleitung von Hitler in Landshuth aufgesucht hat.
Stand Ludendorff schon im Herbst 1920 in so enger Verbindung mit Hitler. Das darf freilich sehr bezweifelt werden. Das Gespräch, von dem hier berichtet wird, wird deutlich später stattgefunden haben, vermutlich frühestens im Herbst 1922, eher im Jahr 1923. Otto Strasser berichtete 1953 über dieses Gespräch in eigenen Worten (zit. n. 6, S. 387):
Gregor komplimentierte die Besucher ins Herrenzimmer, und dort begann die Unterhaltung tastend und unverbindlich. Ich atmete auf, als die Schwägerin zum Essen bat.

Nach dem Essen ging es weiter (zit. n. 6, S. 387):

Ludendorff schlug sofort den Nagel auf den Kopf. "Wir müssen die nationalen Kräfte zusammenfassen", sagte er mit einer Stimme, die sich fast leise angehört hätte, wenn nicht ein metallisch scharfer Ton darin geklungen hätte. "Die militärische Leitung der nationalen Verbände werde ich übernehmen. Die politische Schulung ist die Sache von Herrn Hitler." Er wandte sich an Gregor: "Wir haben die Hoffnung, daß Sie sich mit Ihrem Sturmbataillon Niederbayern mir militärisch unterstellen und sich politisch der Partei von Hitler anschließen." (...)
Immer wieder war es der General, der die auftauchenden Schwierigkeiten meisterte, und jedesmal fügte sich Hitler. Ludendorff schien den fanatischen Mann völlig in der Hand zu haben. "Deshalb mache ich auch mit", sagte Gregor, als wir am Abend über unsere Eindrücke sprachen.

1924 - "Reichsführerschaft" der "Nationalsozialistischen Freiheitspartei"

Auch im Jahr 1924 während der Gefängnishaft von Adolf Hitler bildeten Erich Ludendorff und Gregor Strasser zusammen mit Albrecht von Graefe die dreiköpfige Reichsspitze der "Nationalsozialistischen Freiheitspartei", eine vorübergehende Vereinigung der norddeutschen "Deutschvölkischen Freiheitspartei" mit der süddeutschen NSDAP (4). Ludendorff und Strasser waren zu dieser Zeit auch Fraktionskollegen als Abgeordnete dieser Partei im Deutschen Reichstag in Berlin.

1932 - "Ministersessel oder Revolution?"

Ob und welche Verbindungen es zwischen Erich Ludendorff und Gregor Strasser in der Zeit nach 1925 gegeben hat, muß einstweilen offen bleiben. 1932 zitiert Erich Ludendorff in seinen Artikeln aus der erregenden, Hitler-kritischen Schrift "Ministersessel oder Revolution?" des Bruders von Gregor Strasser, Otto Strasser, Worte Adolf Hitlers über die neue "Herrenschicht", die er zu bilden gedachte und anderes mehr.

1934 - Die Röhm-Morde aus der Sicht Erich Ludendorffs

Wenn man diese Vorgeschichte kennt, versteht man besser das Handeln Erich Ludendorffs nach den Röhm-Morden des 30. Juni 1934, denen auch Gregor Strasser zum Opfer gefallen war.  Auf Wikipedia sind die Umstände und Nachwirkungen seiner Ermordung, sowie die Gerüchte um diese sehr genau geschildert. Allgemein schrieb Erich Ludendorff über diese Morde in seinen 1955 veröffentlichten Lebenserinnerungen, verfaßt 1936 oder 1937 (1, S. 89f):

Wann wir die Nachrichten von dem furchtbaren Geschehen in der Nacht vom 30. 6. zum 1. 7. erhielten, weiß ich nicht. Meiner Frau und mir graute es, voll Abscheu wandten wir uns von dem Geschehen. (...) Die Nationalsozialisten, die in jener Nacht und am 1. 7. ihr Leben verloren, hatten Herrn Hitler unbedingten Gehorsam geschworen. Glaubte dieser sich berechtigt, daraufhin allein derart vorzugehen, so meine ich, das Recht hatte zu sprechen; lag ein Komplott vor, woran ich nicht glaube, so hatte die Untersuchung dieses Komplott voll aufzudecken. (...) Ich sah nach Berlin auf das Reichsministerium, ich sah auf den Reichswehrminister und auf den Reichspräsidenten. Wie würden sich diese verhalten? Und ich erlebte, daß Reichspräsident und Reichswehrminister das Vorgehen des Herrn Hitler billigten und das Reichsministerium ein Gesetz beschloß, daß die Ereignisse in der Nacht vom 30. 6. zum 1. 7. und am 1. 7. "rechtens" gewesen seien. (...) Ich konnte mich nicht wundern, daß den Deutschen immer mehr das Gefühl für Recht verloren ging; das war für mich eine besonders ernste Erscheinung. Fehlt das Rechtsgefühl in einem Volke, so ist damit eine der wesentlichsten Grundlagen völkischen Lebens zerstört. Das Gefühl: "Was geht es mich an, wenn andere durch Rechtlosigkeit betroffen werden", bahnt den Weg einem Denken, das jede Geschlossenheit des Volkes verhindert. Meine Frau und mich hat das Ungeheuerliche, das andere betroffen hat, auf das tiefste bewegt.

Es handelt sich bei diesem letzten Band der Lebenserinnerungen Erich Ludendorffs nur um "Notizen zum dritten Bande", also nicht um ein fertig vom Autor überarbeitetes Buch. Wie unvollständig dieser Band ist, zeigen Quellen, auf die mit dem vorliegenden Beitrag hingewiesen werden soll.

April 1935 - Ludendorff antwortet der Witwe Else Strasser

2004 bis 2006 ist nämlich in der "Landshuter Zeitung" eine 40-teilige Serie über Gregor Strasser und seine Ehefrau Else Strasser erschienen (2). Diese Artikelserie beruhte auf einer "Sammlung zu Gregor und Else Strasser", die dem Institut für Zeitgeschichte in München übergeben worden ist (3). Im Findbuch zu dieser Sammlung finden sich Erwähnungen Erich Ludendorffs. In ihm wird der Inhalt des 22. Teils der genannten Serie folgendermaßen angegeben (3):

Teil 22. Seine Exzellenz als Mittagsgast in der Wohnung. Signal stiller Sympathie General Ludendorffs für Else nach Gregors Ermordung. - In: Landshuter Zeitung vom [02. April 2005]

Und der Inhalt des 39. Teiles der genannten Zeitungsserie von Heinrich Egner (3):

Teil 39. Abschied für immer: Gestapo-Männer führen Gregor Strasser aus dem Haus. Himmler übergibt eine Urne mit der Nummer 16. - In: Landshuter Zeitung vom [16. Februar 2006].

Die Dokumentensammlung enthält auch ein Telegramm Erich Ludendorffs an Else Strasser vom 12. April 1935 (2). Hierüber berichtet der Historiker Richardi (6, S. 388):

Ludendorff bleibt der Besuch bei Gregor Strasser (im Jahr 1920) in Erinnerung. Als Else Strasser, die Ehefrau Gregors, ihm zum 70. Geburtstag am 9. April 1935 gratuliert hat, antwortet ihr der General am 12. April in einem Brieftelegramm aus Tutzing, wohin er mittlerweile gezogen ist: "Ihr Gedenken erfreute mich. Ich denke jener Stunden, in denen ich einst vor langen Jahren in Ihrem Hause weilte. Ich drücke Ihnen die Hand."

Im Online-Archiv der "Landshuter Zeitung" findet sich ein Nachtrag zu der Zeitungsserie. In diesem heißt es zu Anfang (5):

Nach Gregors Tod zogen sich wohl manche Bekannte von Else Straßer zurück. Nur wenige Freunde ohne Vorbehalte lassen sich nennen.

Die knappe Inhaltsangabe von Teil 22 hatte uns bislang (bis zum 29.2.24) zu dem Irrtum verführt, Ludendorff habe Else Strasser nach der Ermordung ihres Ehemannes besucht. Daß das nicht der Fall war, geht aber eigentlich klar aus seinem Telegramm vom 12. April 1935 hervor, deshalb ist das nun umgeschrieben worden.

"Ich habe keinerlei Verbindung zu Hitler, auch nach dem 9.4.1935 nicht"

[Ergänzung 29.2.2024] Denn auffälligerweise erfahren wir neuerdings noch von einer weiteren Witwe eines in den Röhm-Morden Ermordeten, die sich nach dem 9. April 1935 an Erich Ludendorff wandte. Und zwar die Witwe jenes Reichswehroffiziers Fritz von Kraußer (1888-1934) (Wiki), der am 9. November 1923 in München zwischen den Putschisten und der Reichswehr vermitteln wollte und der 1934 als enger Mitarbeiter Röhms ermordet worden war. Zunächst zu ersterem Ereignis (7):

Als Hauptmann wurde Friedrich Ritter von Kraußer im März 1923 zum Wehrkreiskommando VII nach München versetzt. Er war dort Offizier des Stabes, der seinen Sitz im ehemaligen Bayerischen Kriegsministerium in der Schönfeldstraße hatte. (...) Kraußer erhielt Kenntnis von dem Putsch, als er am 9. November zum Dienst erschien und das Wehrkreiskommando VII besetzt vorfand. Vor dem Gebäude in der Schönfeldstraße 15 standen sowohl Reichswehrsoldaten als auch Angehörige nationalsozialistischer Verbände beisammen. Kraußer erfuhr, daß der Landeskommandant Otto von Lossow (1868-1938) gegen Adolf Hitler und Erich Ludendorff (1865-1937) vorgehen wollte, und begab sich deshalb gemeinsam mit Major Friedrich Haselmayr (1879-1965) in den Bürgerbräukeller. Nach einem Gespräch mit Ludendorff fuhren die beiden mit einem Wagen, den sie im Hauptquartier der Putschisten erhalten hatten, zur Infanteriekaserne. Dort versuchten sie, mit General von Lossow zu sprechen. Dieser antwortete Major Haselmayr jedoch, daß er „mit diesen Lumpen“ nicht verhandle und man „gegen dieses Gesindel […] nur mit Gewalt vorgehen“ könne. Der Berufsoffizier Kraußer war über die verweigerte Unterstützung für den Hitler-Putsch so erbost, daß er sein Abschiedsgesuch bei der Reichswehr einreichte.

Weiter erfahren wir (7):

1926 trat Kraußer in den völkischen Tannenbergbund ein, in dem er als Geschäftsführer der Landesgruppe Süd agierte. Er verließ diesen im Juni 1928 wieder, da er nicht mehr mit dem vom Schirmherrn General Ludendorff eingeschlagenen Kurs übereinstimmte.

Zu jenem Zeitpunkt hatte der "Freimaurerkampf" Erich Ludendorffs begonnen. Im Dezember 1928 trat Kraußer in die NSDAP ein und machte ab 1931 im Stab von Ernst Röhm Karriere. Im Zuge der Röhm-Morde wurde auch Fritz von Kraußer - nach einigem Zögern von Seiten Hitlers - in Berlin-Lichterfelde erschossen, und zwar am 2. Juli 1934 (7):

Nach dem Tode Friedrich Ritter von Kraußers versuchte seine Witwe Gertrud von Kraußer mehr über die Hintergründe seiner Hinrichtung in Erfahrung zu bringen. Sie wollte ihren Mann vom Vorwurf der Verschwörung gegen Hitler befreien und ihn rehabilitieren. Dazu schrieb sie zahlreiche Briefe an Personen, wie etwa den Reichsbischof der deutschen evangelischen Kirche, Friedrich von Bodelschwingh, den Reichskriegsminister Werner von Blomberg und den General a.D. Erich Ludendorff. Ihre Versuche, über einflußreiche Personen oder Behörden an Informationen zu kommen und eine Audienz bei Hitler zu erhalten, scheiterten jedoch. Oft erhielt sie keine oder nur knappe Antworten.

Ihren Brief an Ludendorff leitete sie am 11. April 1935 mit den Worten ein (7):

Ew. Exzellenz!
Anläßlich Ihres Geburtstages kann ich nicht umhin, Ihnen zu sagen, wie unendlich ich mich freue, daß Sie dem deutschen Volke wiedergeschenkt sind und ich schicke Ihnen meine aufrichtigsten Glückwünsche!
Noch jemand hätte sich von ganzem Herzen über Ihr ... gefreut, wenn er es ...

Ludendorff antwortete (7):

Geehrte Frau v. Kraußer!

Es tut mir unendlich leid, daß ich Ihnen nicht behilflich sein kann. Ich habe keinerlei Verbindung mit Herrn Hitler, auch nach dem 9.4. nicht. Ich habe von dem tiefen Unglück, das Sie betroffen hat, mit ebensolchem Bedauern gehört. Sie werden aber verstehen, daß ich nichts veranlassen kann.

Mit Deutschem Gruße

Ludendorff

Briefe, geschrieben in Zeiten der Diktatur und Willkürherrschaft. 


/ Anhand der Inhalte aus Literaturangabe [6] 
ergänzt und umgeschrieben am 11.6.2014.
Ergänzt um den letzten Abschnitt: 29.2.2024  /

__________________
  1. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. 3. Band: Meine Lebenserinnerungen von 1933 bis 1937. Verlag Hohe Warte, Pähl 1955
  2. Egner, Heinrich: Else Straßer, die Frau des NS-Reichsorganisationsleiters. In: Landshuter Zeitung vom 28. August 2004 bis 3. März 2006. (vierzigteilige biographische Artikelserie zu Strasser und seiner Frau)
  3. Bestand Egner, Heinrich. Institut für Zeitgeschichte. Archiv. Findmittel Online. Bestand ED 911. http://www.ifz-muenchen.de/archiv/ed_0911.pdf [2.12.2012]
  4. Bading, Ingo: "Ich bin der größte Revolutionär, den Deutschland heute hat." - Erich Ludendorff 1928. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 28.11.2010  
  5. Egner, Heinrich: Nachtrag zur LZ-Serie: Ein langes Leben mit schmerzlichen Erinnerungen - Else Straßer, die Frau des NS-Reichsorganisationsleiters. Landshuter Zeitung, 10.3.2006
  6. Richardi, Hans-Günther: Hitler und seine Hintermänner. Neue Fakten zur Frühgeschichte der NSDAP. Süddeutscher Verlag, München 1991
  7. Anna Fuchs (Bearb.): Friedrich Ritter von Kraußer (1888-1934). Vom bayerischen Kadetten zum SA-Obergruppenführer. Diss. an der Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern 2023 (pdf)

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