"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Sonntag, 2. Dezember 2012

April 1935 - Die Witwen Ermordeter wenden sich an Erich Ludendorff

Herbst 1920 - Erich Ludendorff vermittelt die Zusammenarbeit zwischen Hitler und Gregor Strasser

Abb. 1: Gregor Strasser, 1928
Erich Ludendorff hatte einen Anteil daran, daß die Brüder Otto und Gregor Strasser (1892-1934) (Wiki) zur NSDAP gestoßen sind. Er hatte Gregor Strasser erstmals mit Adolf Hitler zusammen gebracht. Darüber wird berichtet (6, S. 387):

Nach Aussage von Otto Strasser ist die Verbindung zwischen seinem Bruder und Hitler auf Vermittlung des Generals Ludendorff zustande gekommen, der den Apotheker (also Gregor Strasser) im Herbst 1920 persönlich in Begleitung von Hitler in Landshuth aufgesucht hat.
Stand Ludendorff schon im Herbst 1920 in so enger Verbindung mit Hitler. Das darf freilich sehr bezweifelt werden. Das Gespräch, von dem hier berichtet wird, wird deutlich später stattgefunden haben, vermutlich frühestens im Herbst 1922, eher im Jahr 1923. Otto Strasser berichtete 1953 über dieses Gespräch in eigenen Worten (zit. n. 6, S. 387):
Gregor komplimentierte die Besucher ins Herrenzimmer, und dort begann die Unterhaltung tastend und unverbindlich. Ich atmete auf, als die Schwägerin zum Essen bat.

Nach dem Essen ging es weiter (zit. n. 6, S. 387):

Ludendorff schlug sofort den Nagel auf den Kopf. "Wir müssen die nationalen Kräfte zusammenfassen", sagte er mit einer Stimme, die sich fast leise angehört hätte, wenn nicht ein metallisch scharfer Ton darin geklungen hätte. "Die militärische Leitung der nationalen Verbände werde ich übernehmen. Die politische Schulung ist die Sache von Herrn Hitler." Er wandte sich an Gregor: "Wir haben die Hoffnung, daß Sie sich mit Ihrem Sturmbataillon Niederbayern mir militärisch unterstellen und sich politisch der Partei von Hitler anschließen." (...)
Immer wieder war es der General, der die auftauchenden Schwierigkeiten meisterte, und jedesmal fügte sich Hitler. Ludendorff schien den fanatischen Mann völlig in der Hand zu haben. "Deshalb mache ich auch mit", sagte Gregor, als wir am Abend über unsere Eindrücke sprachen.

1924 - "Reichsführerschaft" der "Nationalsozialistischen Freiheitspartei"

Auch im Jahr 1924 während der Gefängnishaft von Adolf Hitler bildeten Erich Ludendorff und Gregor Strasser zusammen mit Albrecht von Graefe die dreiköpfige Reichsspitze der "Nationalsozialistischen Freiheitspartei", eine vorübergehende Vereinigung der norddeutschen "Deutschvölkischen Freiheitspartei" mit der süddeutschen NSDAP (4). Ludendorff und Strasser waren zu dieser Zeit auch Fraktionskollegen als Abgeordnete dieser Partei im Deutschen Reichstag in Berlin.

1932 - "Ministersessel oder Revolution?"

Ob und welche Verbindungen es zwischen Erich Ludendorff und Gregor Strasser in der Zeit nach 1925 gegeben hat, muß einstweilen offen bleiben. 1932 zitiert Erich Ludendorff in seinen Artikeln aus der erregenden, Hitler-kritischen Schrift "Ministersessel oder Revolution?" des Bruders von Gregor Strasser, Otto Strasser, Worte Adolf Hitlers über die neue "Herrenschicht", die er zu bilden gedachte und anderes mehr.

1934 - Die Röhm-Morde aus der Sicht Erich Ludendorffs

Wenn man diese Vorgeschichte kennt, versteht man besser das Handeln Erich Ludendorffs nach den Röhm-Morden des 30. Juni 1934, denen auch Gregor Strasser zum Opfer gefallen war.  Auf Wikipedia sind die Umstände und Nachwirkungen seiner Ermordung, sowie die Gerüchte um diese sehr genau geschildert. Allgemein schrieb Erich Ludendorff über diese Morde in seinen 1955 veröffentlichten Lebenserinnerungen, verfaßt 1936 oder 1937 (1, S. 89f):

Wann wir die Nachrichten von dem furchtbaren Geschehen in der Nacht vom 30. 6. zum 1. 7. erhielten, weiß ich nicht. Meiner Frau und mir graute es, voll Abscheu wandten wir uns von dem Geschehen. (...) Die Nationalsozialisten, die in jener Nacht und am 1. 7. ihr Leben verloren, hatten Herrn Hitler unbedingten Gehorsam geschworen. Glaubte dieser sich berechtigt, daraufhin allein derart vorzugehen, so meine ich, das Recht hatte zu sprechen; lag ein Komplott vor, woran ich nicht glaube, so hatte die Untersuchung dieses Komplott voll aufzudecken. (...) Ich sah nach Berlin auf das Reichsministerium, ich sah auf den Reichswehrminister und auf den Reichspräsidenten. Wie würden sich diese verhalten? Und ich erlebte, daß Reichspräsident und Reichswehrminister das Vorgehen des Herrn Hitler billigten und das Reichsministerium ein Gesetz beschloß, daß die Ereignisse in der Nacht vom 30. 6. zum 1. 7. und am 1. 7. "rechtens" gewesen seien. (...) Ich konnte mich nicht wundern, daß den Deutschen immer mehr das Gefühl für Recht verloren ging; das war für mich eine besonders ernste Erscheinung. Fehlt das Rechtsgefühl in einem Volke, so ist damit eine der wesentlichsten Grundlagen völkischen Lebens zerstört. Das Gefühl: "Was geht es mich an, wenn andere durch Rechtlosigkeit betroffen werden", bahnt den Weg einem Denken, das jede Geschlossenheit des Volkes verhindert. Meine Frau und mich hat das Ungeheuerliche, das andere betroffen hat, auf das tiefste bewegt.

Es handelt sich bei diesem letzten Band der Lebenserinnerungen Erich Ludendorffs nur um "Notizen zum dritten Bande", also nicht um ein fertig vom Autor überarbeitetes Buch. Wie unvollständig dieser Band ist, zeigen Quellen, auf die mit dem vorliegenden Beitrag hingewiesen werden soll.

April 1935 - Ludendorff antwortet der Witwe Else Strasser

2004 bis 2006 ist nämlich in der "Landshuter Zeitung" eine 40-teilige Serie über Gregor Strasser und seine Ehefrau Else Strasser erschienen (2). Diese Artikelserie beruhte auf einer "Sammlung zu Gregor und Else Strasser", die dem Institut für Zeitgeschichte in München übergeben worden ist (3). Im Findbuch zu dieser Sammlung finden sich Erwähnungen Erich Ludendorffs. In ihm wird der Inhalt des 22. Teils der genannten Serie folgendermaßen angegeben (3):

Teil 22. Seine Exzellenz als Mittagsgast in der Wohnung. Signal stiller Sympathie General Ludendorffs für Else nach Gregors Ermordung. - In: Landshuter Zeitung vom [02. April 2005]

Und der Inhalt des 39. Teiles der genannten Zeitungsserie von Heinrich Egner (3):

Teil 39. Abschied für immer: Gestapo-Männer führen Gregor Strasser aus dem Haus. Himmler übergibt eine Urne mit der Nummer 16. - In: Landshuter Zeitung vom [16. Februar 2006].

Die Dokumentensammlung enthält auch ein Telegramm Erich Ludendorffs an Else Strasser vom 12. April 1935 (2). Hierüber berichtet der Historiker Richardi (6, S. 388):

Ludendorff bleibt der Besuch bei Gregor Strasser (im Jahr 1920) in Erinnerung. Als Else Strasser, die Ehefrau Gregors, ihm zum 70. Geburtstag am 9. April 1935 gratuliert hat, antwortet ihr der General am 12. April in einem Brieftelegramm aus Tutzing, wohin er mittlerweile gezogen ist: "Ihr Gedenken erfreute mich. Ich denke jener Stunden, in denen ich einst vor langen Jahren in Ihrem Hause weilte. Ich drücke Ihnen die Hand."

Im Online-Archiv der "Landshuter Zeitung" findet sich ein Nachtrag zu der Zeitungsserie. In diesem heißt es zu Anfang (5):

Nach Gregors Tod zogen sich wohl manche Bekannte von Else Straßer zurück. Nur wenige Freunde ohne Vorbehalte lassen sich nennen.

Die knappe Inhaltsangabe von Teil 22 hatte uns bislang (bis zum 29.2.24) zu dem Irrtum verführt, Ludendorff habe Else Strasser nach der Ermordung ihres Ehemannes besucht. Daß das nicht der Fall war, geht aber eigentlich klar aus seinem Telegramm vom 12. April 1935 hervor, deshalb ist das nun umgeschrieben worden.

"Ich habe keinerlei Verbindung zu Hitler, auch nach dem 9.4.1935 nicht"

[Ergänzung 29.2.2024] Denn auffälligerweise erfahren wir neuerdings noch von einer weiteren Witwe eines in den Röhm-Morden Ermordeten, die sich nach dem 9. April 1935 an Erich Ludendorff wandte. Und zwar die Witwe jenes Reichswehroffiziers Fritz von Kraußer (1888-1934) (Wiki), der am 9. November 1923 in München zwischen den Putschisten und der Reichswehr vermitteln wollte und der 1934 als enger Mitarbeiter Röhms ermordet worden war. Zunächst zu ersterem Ereignis (7):

Als Hauptmann wurde Friedrich Ritter von Kraußer im März 1923 zum Wehrkreiskommando VII nach München versetzt. Er war dort Offizier des Stabes, der seinen Sitz im ehemaligen Bayerischen Kriegsministerium in der Schönfeldstraße hatte. (...) Kraußer erhielt Kenntnis von dem Putsch, als er am 9. November zum Dienst erschien und das Wehrkreiskommando VII besetzt vorfand. Vor dem Gebäude in der Schönfeldstraße 15 standen sowohl Reichswehrsoldaten als auch Angehörige nationalsozialistischer Verbände beisammen. Kraußer erfuhr, daß der Landeskommandant Otto von Lossow (1868-1938) gegen Adolf Hitler und Erich Ludendorff (1865-1937) vorgehen wollte, und begab sich deshalb gemeinsam mit Major Friedrich Haselmayr (1879-1965) in den Bürgerbräukeller. Nach einem Gespräch mit Ludendorff fuhren die beiden mit einem Wagen, den sie im Hauptquartier der Putschisten erhalten hatten, zur Infanteriekaserne. Dort versuchten sie, mit General von Lossow zu sprechen. Dieser antwortete Major Haselmayr jedoch, daß er „mit diesen Lumpen“ nicht verhandle und man „gegen dieses Gesindel […] nur mit Gewalt vorgehen“ könne. Der Berufsoffizier Kraußer war über die verweigerte Unterstützung für den Hitler-Putsch so erbost, daß er sein Abschiedsgesuch bei der Reichswehr einreichte.

Weiter erfahren wir (7):

1926 trat Kraußer in den völkischen Tannenbergbund ein, in dem er als Geschäftsführer der Landesgruppe Süd agierte. Er verließ diesen im Juni 1928 wieder, da er nicht mehr mit dem vom Schirmherrn General Ludendorff eingeschlagenen Kurs übereinstimmte.

Zu jenem Zeitpunkt hatte der "Freimaurerkampf" Erich Ludendorffs begonnen. Im Dezember 1928 trat Kraußer in die NSDAP ein und machte ab 1931 im Stab von Ernst Röhm Karriere. Im Zuge der Röhm-Morde wurde auch Fritz von Kraußer - nach einigem Zögern von Seiten Hitlers - in Berlin-Lichterfelde erschossen, und zwar am 2. Juli 1934 (7):

Nach dem Tode Friedrich Ritter von Kraußers versuchte seine Witwe Gertrud von Kraußer mehr über die Hintergründe seiner Hinrichtung in Erfahrung zu bringen. Sie wollte ihren Mann vom Vorwurf der Verschwörung gegen Hitler befreien und ihn rehabilitieren. Dazu schrieb sie zahlreiche Briefe an Personen, wie etwa den Reichsbischof der deutschen evangelischen Kirche, Friedrich von Bodelschwingh, den Reichskriegsminister Werner von Blomberg und den General a.D. Erich Ludendorff. Ihre Versuche, über einflußreiche Personen oder Behörden an Informationen zu kommen und eine Audienz bei Hitler zu erhalten, scheiterten jedoch. Oft erhielt sie keine oder nur knappe Antworten.

Ihren Brief an Ludendorff leitete sie am 11. April 1935 mit den Worten ein (7):

Ew. Exzellenz!
Anläßlich Ihres Geburtstages kann ich nicht umhin, Ihnen zu sagen, wie unendlich ich mich freue, daß Sie dem deutschen Volke wiedergeschenkt sind und ich schicke Ihnen meine aufrichtigsten Glückwünsche!
Noch jemand hätte sich von ganzem Herzen über Ihr ... gefreut, wenn er es ...

Ludendorff antwortete (7):

Geehrte Frau v. Kraußer!

Es tut mir unendlich leid, daß ich Ihnen nicht behilflich sein kann. Ich habe keinerlei Verbindung mit Herrn Hitler, auch nach dem 9.4. nicht. Ich habe von dem tiefen Unglück, das Sie betroffen hat, mit ebensolchem Bedauern gehört. Sie werden aber verstehen, daß ich nichts veranlassen kann.

Mit Deutschem Gruße

Ludendorff

Briefe, geschrieben in Zeiten der Diktatur und Willkürherrschaft. 


/ Anhand der Inhalte aus Literaturangabe [6] 
ergänzt und umgeschrieben am 11.6.2014.
Ergänzt um den letzten Abschnitt: 29.2.2024  /

__________________
  1. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. 3. Band: Meine Lebenserinnerungen von 1933 bis 1937. Verlag Hohe Warte, Pähl 1955
  2. Egner, Heinrich: Else Straßer, die Frau des NS-Reichsorganisationsleiters. In: Landshuter Zeitung vom 28. August 2004 bis 3. März 2006. (vierzigteilige biographische Artikelserie zu Strasser und seiner Frau)
  3. Bestand Egner, Heinrich. Institut für Zeitgeschichte. Archiv. Findmittel Online. Bestand ED 911. http://www.ifz-muenchen.de/archiv/ed_0911.pdf [2.12.2012]
  4. Bading, Ingo: "Ich bin der größte Revolutionär, den Deutschland heute hat." - Erich Ludendorff 1928. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 28.11.2010  
  5. Egner, Heinrich: Nachtrag zur LZ-Serie: Ein langes Leben mit schmerzlichen Erinnerungen - Else Straßer, die Frau des NS-Reichsorganisationsleiters. Landshuter Zeitung, 10.3.2006
  6. Richardi, Hans-Günther: Hitler und seine Hintermänner. Neue Fakten zur Frühgeschichte der NSDAP. Süddeutscher Verlag, München 1991
  7. Anna Fuchs (Bearb.): Friedrich Ritter von Kraußer (1888-1934). Vom bayerischen Kadetten zum SA-Obergruppenführer. Diss. an der Hochschule für den öffentlichen Dienst in Bayern 2023 (pdf)

Samstag, 17. November 2012

1931 - Ludendorffer wider die Gründung einer Katholischen Universität in Salzburg

"Die Tage des Christentums sind gezählt"
- Erich und Mathilde Ludendorff in Salzburg 

1622 ist in Salzburg unter der Regierung des Kaisers Ferdinand II. eine Universität gegründet worden (Wiki):

Die Salzburger Hohe Schule erfreute sich bald als einzige nicht von den Jesuiten betriebene katholische Universität im Reichsgebiet großer Beliebtheit.

Diese Universität war 1810 nach der Angliederung Salzburgs an das Königreich Bayern wieder geschlossen worden. Es gab dann zu verschiedenen Zeiten Versuche, in Salzburg wieder eine Universität zu gründen. Diese sollten erst im Jahr 1962 erfolgreich sein. Es hat viele Jahre Bemühungen gegeben, diese Universität als eine Katholische Universität neu zu gründen. Auch als solche ist sie 1962 nicht wieder gegründet worden. 

Abb. 1: Werbeanzeige in "Ludendorffs Volkswarte", 26. Juli 1931 (Zeichnung von Lina Richter)

Im vorigen Blogbeitrag war eine Veranstaltung des Ludendorff'schen Tannenbergbundes erwähnt worden, die gegen die Gründung einer Katholischen Universität Salzburg gerichtet war (1). Zu dieser Tagung war mit sehr emotionalen Werbeplakaten und Werbeanzeigen eingeladen worden (Abb. 1). Die Vorträge dieser Tagung sind dann in einem eigenen Tagungsband veröffentlicht worden (Abb. 2 und 3) (2). Über diese Tagung soll im vorliegenden Beitrag einiges berichtet werden (vgl. auch: 3). Anfang der 1930er Jahre waren die Bemühungen zur Gründung einer Katholischen Universität intensiviert worden (aeiou):

Bemühungen um eine Wiedererrichtung der Universität Salzburg konzentrierten sich zunächst auf eine katholische Universität (Salzburger Hochschulwochen), die Anfang 1938 knapp vor der Verwirklichung stand. 

Es war der Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938, der als Folge nach sich zog, daß diese Pläne des austrofaschistischen Österreich nicht weiterverfolgt werden konnte. 

Abb. 2: Tagungsband der Tagung des Tannenbergbundes in Salzburg, 1931 (Titelseite mit einer Zeichnung von Lina Richter) (2)

Schon vom 3. bis 22. August 1931 hatten erste vorbereitende katholische "Salzburger Hochschulwochen" stattgefunden (SHW):

Als Sommeruniversität konzipiert, sollten sie die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg forcieren - ein über viele Jahre hinweg betriebenes Projekt, das ideengeschichtlich wie politisch weit bis in das 19. Jahrhundert zurückreicht.

Diese katholischen Salzburger Hochschulwochen finden seit 1931 - mit Unterbrechung der Jahre 1938 bis 1945 - alljährlich in Salzburg statt (WikiSalzburg-Wiki). Auch noch auf den katholischen Salzburger Hochschulwochen von 1954 forderte der damalige Erzbischof Andreas Rohracher die Errichtung einer katholischen Universität in Salzburg. Aber (SHW):

Nachdem die Gründung einer katholischen Universität in Salzburg 1962 gescheitert war, mußten sich die Hochschulwochen auf ein neues Profil festlegen.

Die 1810 aufgelöste Universität Salzburg wurde also 1962 wieder begründet - aber nicht als katholische, sondern als eine allgemeine.   

Abb. 3: Tagungsband der Tagung des Tannenbergbundes in Salzburg, 1931 - Inhaltsverzeichnis (2)

Gegenveranstaltungen wie die des Tannenbergbundes brachten in jenen Jahren zum Ausdruck, daß Widerstand gegen die Gründung von Katholischen Universitäten - mitunter - gegeben war. 

Als einzige Katholische Universität in Deutschland wurde schließlich 1980 - unter maßgeblicher Beteiligung des heutigen Papstes - die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt (Wiki) gegründet an einer abgelegeneren Örtlichkeit. (Und diese ist übrigens 2007 prompt in die Schlagzeilen geraten aufgrund von massenweiser - - - Vernichtung von Bücherbeständen! [siehe Wikipedia].)*)

In einer "Geschichte Salzburgs" (von Heinz Dopsch u.a. 1981) heißt es (4):

Eine "Abwehrversammlung" gegen die jesuitische "Geistesknebelung" mit General Erich Ludendorff war eine der Reaktionen,
die die Pläne zur Gründung einer Katholischen Universität in Salzburg hervorriefen. In einer "Geschichte des österreichischen Bildungswesens" heißt es (1982) (5):
Die Gegner veranstalteten deshalb am 13. September 1931 im Salzburger Großen Festspielhaus eine "öffentliche Abwehrversammlung" gegen die Errichtung einer katholischen Universität; einer der Hauptredner war General Erich Ludendorff.

Diese Gegenveranstaltung fand statt vom 8. bis 13. September 1931. Offenbar ist die Veranstaltung im Jahr 1932 in sehr ähnlicher Weise wiederholt worden. Diesmal allerdings ohne die Teilnahme Erich und Mathilde Ludendorffs. 

Alfred Schaufler - Organisator vor Ort

Federführend sind beide Veranstaltungen, die von 1931 und von 1932 geleitet worden von einem Dr. Georg Stolte aus Hannover, dem Leiter eines damals bestehenden "Tannenberg-Studenten-Bundes". Letzterer trat auch als Veranstalter auf zusammen mit dem "Tannenbergbund / Landesverband Deutsch-Österreich" (s. Abb. 5).

Abb. 4: Alfred Schaufler, geb. 1888, 1920er Jahre

Vor Ort lag die Organisation in den Händen von Alfred Schaufler, dem Leiter der "Geschäftsstelle der Deutschen Volkshochschule Salzburg". Wir lesen (s. Abb. 3 und 6):

Unterkunft: Besorgt die Geschäftsstelle in Salzburg. (...) (Massenlager S 0,50, 1 Bett in mehrbettigen Räumen ab S 1,-. Zimmer einbettig ab S 2,50).

Alfred Schaufler ist unterstützt worden von seinem jüngeren Bruder Wilhelm Schaufler, der damals als Angestellter im Arbeitsamt in Tamsweg arbeitete (siehe voriger Beitrag) (1). Beide waren Salzburger. Sie waren in Salzburg geboren worden und aufgewachsen. Wilhelm Schaufler war Frontsoldat im Ersten Weltkrieg gewesen.

Erich Ludendorff schreibt in seinen Lebenserinnerungen über den August und September 1931 (6, S. 323 - 325):

"Ludendorffs Volkswarte" (...) wurde wegen meiner vermeintlichen Angriffe auf den römischen Papst (...) bis zum 26. August verboten. Selbstverständlich erhoben wir Beschwerde beim Reichsgericht, natürlich vergeblich. (...) Ich konnte dieses ungeheuerliche reichsgerichtliche Urteil noch rechtzeitig in der Folge vom 13. 9. bringen und damit die Deutschen aufklären, die in Salzburg gegen die Einrichtung einer römischen Universität daselbst an der Tagung teilnahmen, welche seit Monaten vorbereitet war und in der Zeit vom 8. bis 13. stattfand.

In der Unterkunft, die - sicherlich - Alfred Schaufler, sein Bruder oder andere Organisationshelfer dem Ehepaar Ludendorff besorgt hatten, wäre nicht genug geheizt worden. Und so hätte sich Erich Ludendorff erkältet. Das ist den Kindern von Wilhelm Schaufler noch heute unklar in Erinnerung. Es wird dies bestätigt durch die Lebenserinnerungen von Erich Ludendorff ebenso wie denen von Mathilde Ludendorff.  

Abb. 5: Einladungsblatt für die Tagung im Jahr 1932

Erich Ludendorff schreibt weiter (6, S. 327f):

Die Tagung in Salzburg war eine Kampftagung gegen die Einrichtung einer römischen Universität in Salzburg. Sie war von verschiedenen studentischen Verbänden unter starker Beteiligung des Tannenbergstudentenbundes veranstaltet, sie bestand in einer Reihe von Vorträgen und in einer besonders feierlichen Veranstaltung im Salzburger Festspielhaus. Die Vorträge behandelten den Kampf der überstaatlichen Mächte gegen das Deutschtum und auch soziale Fragen, sowie Deutsche Gotterkenntnis und Deutsche Weltanschauung. Meine Frau und ich nahmen allein an einigen Vorträgen am 12. September und an der Veranstaltung am 13. teil. (...) Wir benutzten den Sonntagnachmittag, um uns auch das Mozarthaus anzusehen. (...) Die Unterbringung war recht eigenartig, das Wetter sehr ungünstig, so daß ich nachts im Bette fror und mir eine schwere Erkältung zuzog.

So sind diese Ausführungen in seinen Lebenserinnerungen enthalten, die 1951 veröffentlicht worden sind.

Abb.: 6 Einladungsblatt für 1932

Allerdings waren dies für Erich und Mathilde Ludendorff nicht die einzigen "Mißhelligkeiten". Ursprünglich war geplant worden, daß der Tannenbergbund in der Abschlußveranstaltung im Großen Festspielhaus "Gast" der beteiligten Studentenkorporation sein sollte. Nach ihrem Eintreffen am Samstag lehnten dies Erich und Mathilde Ludendorff ab. Dieser Umstand wurde durch Raumänderungen und Umstellungen des Programms abgestellt. Mathilde Ludendorff schreibt in ihren Lebenserinnerungen darüber (7, S. 209f):

Es braucht wohl nicht betont zu werden, daß diese Studentenkorporation, für die wir ganz gegen unseren Willen hätten sprechen sollen, kaum etwas mit unserem Kampfe gemeinsam hatte. Wie gut hätte man dann nachher behaupten können, wir versuchten, christliche Studenten aus der Kirche zu locken und ihre Tagungen dazu zu mißbrauchen! So war es von Drahtziehern wohl ausgedacht. Auf diese List waren Mitkämpfer hereingefallen, und wir hatten am Samstag viel, viel Mühe, die Schwierigkeiten zu rascher Änderung zu überwinden.

Sicherlich hatten sie sich dabei vor allem mit Georg Stolte auseinanderzusetzen. Aber womöglich auch mit Alfred Schaufler. 

Abb. 7: Einladungsblatt für 1932, Rückseite

Die Tagung wurde ansonsten von allen Beteiligten als ein großer Erfolg empfunden. Viele Autoren und Redner des Tannenbergbundes waren aus ganz Deutschland und Österreich gekommen und hatten Vorträge gehalten. Folgende Namen werden genannt (7, S. 209f): Professor H. Kräger (Berlin), ein Pfarrer Petras (Wohlau), Ludwig Engel (München), Fritz von Bodungen (Holstein), Rudolf Holoubek (Wien), Robert Schneider (Karlsruhe), Lena Oswald (Heidelberg), Richard Soyka (Wien), Rechtsanwalt Wieland (Ulm) und Hans Kurth (München). Die meisten von ihnen waren auch sonst Redner und Autoren im Tannenberg-Bund, bzw. in der Ludendorff-Bewegung.

"Die seltsame Fahrlässigkeit unserer Versorgung berührte uns merkwürdig"

Mathilde Ludendorff berichtet in ihren Lebenserinnerungen über die Abschlußveranstaltung (7, S. 210f):

Die Vorträge, die wir nach dem Singen eines wirksamen Canons hielten, waren eine ungeheure Anklage gegen Rom. Hatte Ludendorff unter dem Jubel der Anwesenden gesagt, "die Tage des Christentums sind gezählt!", so hatte ich meinen Beweis, daß Dogmengläubige nicht Wahrheitssucher, daher also auch nicht Wissenschaftler sein können, mit den Worten geschlossen: "Kraft der Gottnähe unserer Erkenntnis, kraft der Klarheit unserer Ziele, kraft der Reinheit unserer Beweggründe wird Rom untergehen." Dann sprach Erich Limpach eines seiner Gedichte, und wir sangen das niederländische Kampflied. Da wir uns vor unseren Vorträgen die Feste Hohensalzburg mit ihrer düsteren Geschichte gewaltsamer Romherrschaft und ihren Verließen angesehen hatten, waren wir zu unserem Wirken in die rechte Stimmung gekommen; der Besuch im Mozarthause erhöhte sie noch!
Wenn wir aber gehofft hatten, diese Tage könnten auch eine kleine Vorfeier unseres lieben 14. 9. werden, so hatten wir geirrt. Die unerwartete Wirrnis, die wir regeln mußten, und die seltsame Fahrlässigkeit unserer Versorgung berührte uns merkwürdig.

Der 14. 9. war im Jahr 1931 der fünfte Hochzeitstag von Erich und Mathilde Ludendorff. Diese Worte sind 1968 veröffentlicht worden.

Wie gesagt, ist die Tagung in ähnlicher Besetzung und zu ähnlicher Zeit ein Jahr später wiederholt worden (Abb. 4 bis 6). Diesmal allerdings ohne die Teilnahme Erich und Mathilde Ludendorffs.

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*) Ergänzung 1.5.23: Auf Wikipedia sind heute eine ganze Reihe von Katholischen Hochschulen für Deutschland, sowie für viele Länder weltweit verzeichnet (Wiki). Das hat aber womöglich unter anderem auch damit zu tun, daß überhaupt viele Bildungseinrichtungen sich heute "Universität" oder "Hochschule" nennen. Oft bestehen diese dennoch nur aus einzelnen Fakultäten, insbesondere der Theologischen Fakultät. Das könnte auch insofern Sinn machen als viele kritische Menschen schon länger der Meinung sind, daß Theologie im Kern keine Wissenschaft ist und deshalb an einer Universität - im Gegensatz zu dem Fach Religionswissenschaft - nichts zu suchen hat. 

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  1. Bading, Ingo:  Mein Großvater - Ludendorff-Anhänger in Österreich. Der Leiter des Arbeitsamtes Zell am See und Maler Wilhelm Schaufler (1892 - 1950). Studiengruppe Naturalismus, 17.11.2012 
  2. Stolte, Georg (Tannenberg-Studentenbund) (Hg.): Der Kampf um Salzburg. Vorträge und Ansprachen der Deutschen Volkshochschule Salzburg vom 8. - 13. Scheidings 1931. Ludendorffs Volkswarte-Verlag, München 1931 
  3. Padinger, Franz: Geschichte der Salzburger Hochschulewochen. In: Christliche Weltdeutung, SHW 1931 - 1981, hg. v. Paulus Gordan, Graz u.a. 1981, S. 23ff 
  4. Dopsch, Heinz u.a.: Geschichte Salzburgs. 1981
  5. Geschichte des österreichischen Bildungswesens". 1982  
  6. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. II. Band. Meine Lebenserinnerungen von 1926 bis 1933. Verlag Hohe Warte, Stuttgart 1951
  7. Ludendorff, Mathilde: Statt Heiligenschein und Hexenzeichen mein Leben. 4. Teil: Freiheitskampf wider eine Welt von Feinden an der Seite des Feldherrn Ludendorff. Franz von Bebenburg, Pähl 1968

Mittwoch, 17. Oktober 2012

"Diktator Ludendorff" - ist diese Kennzeichnung treffend?

Und: War Ludendorff eine deutsche "Verhängnisgestalt"?

/Die Inhalte dieses Blogbeitrages sind inzwischen zu großen Teilen in anderen, aktuelleren Blogbeiträgen gesammelt worden./

Von dem Politikwissenschaftler Peter Graf Kielmannsegg (geb. 1937), emeritierter Professor der Universität Mannheim, ist in der FAZ eine Rezension der Ludendorff-Biographie von Manfred Nebelin veröffentlicht worden (1, 2).

Abb. 1: "Hindenburg und Ludendorff erwarten S.M." (wohl 1915 oder 1916) (ganz links wohl Max Hoffmann)
In dieser Rezension heißt es unter anderem:
Durchgehend ist der Autor um ein differenzierendes Urteil bemüht, eine Bemühung, die beim Gegenstand Ludendorff weder einfach noch selbstverständlich ist.
Zu den Stärken des Buches rechnet er seine Detailschärfe und Quellennähe. Über die Schwächen des Buches sagt Graf Kielmannsegg:
Es fehlt an bilanzierenden Reflexionen über die Kernfragen, die sich einem Ludendorff-Biographen stellen: Was ist über den „Feldherrn“ Ludendorff zu sagen? War Ludendorff wirklich ein „Diktator“? Trifft das Urteil, mit dem das Buch den Leser entläßt: Ludendorff eine deutsche „Verhängnisgestalt“?
Es hat unter Kundigen nie einen Zweifel daran gegeben, daß Ludendorff, nicht Hindenburg der eigentliche Kopf der deutschen Kriegführung war. Nebelin bekräftigt diese Einschätzung.
Abb. 2: Ludendorff beim Kampfgeschwader III der Obersten Heeresleistung, Frühjahr 1917 (4) (Quelle)

Besonders bemerkenswert scheint dann aber doch auch folgendes Urteil des Grafen Kielmannsegg zu sein:
Das Urteil über das Vabanquespiel der Offensive von 1918 fällt im Allgemeinen hart aus. Auch Nebelin setzt da keinen anderen Akzent. Man wird freilich, um Ludendorff gerecht zu werden, zumindest fragen müssen, welche Alternativen zu diesem verzweifelten Versuch Deutschland 1918 denn noch hatte. In Paris und London gab es, jedenfalls seit die Regierungschefs Clemenceau und Lloyd George hießen, keinerlei Kompromißbereitschaft mehr. Man setzte auf Sieg und nichts als Sieg, gerade so wie Ludendorff. Sollte Deutschland kapitulieren, ohne besiegt zu sein? Vermutlich war das Kaiserreich seit dem Kriegseintritt der Vereinigten Staaten in einer militärisch wie politisch aussichtslosen Lage. In aussichtslosen Lagen Entscheidungen zu treffen, die der Nachwelt einleuchten, ist schwierig.
Abb. 3: Ludendorff - Abfahrt nach der Visite, Frühjahr 1917 (4) (Quelle)

Und dann weiter:
Den „Diktator“ Ludendorff rückt Nebelin mit dem Untertitel des Buches ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber trifft der Begriff die Verhältnisse? Allenfalls für das eine Jahr zwischen dem Sturz Bethmann-Hollwegs im Juli 1917 und dem Scheitern der großen Offensive im Westen hat er eine gewisse Plausibilität. Durchgehend gilt, dass Ludendorff nur so lange mächtig war, wie Hindenburg zu ihm stand. Bis zum Scheitern Bethmann-Hollwegs war zudem der Kaiser vor allem in den entscheidenden Personalfragen in einem keineswegs nur formalen Sinn die letzte Instanz. Am hartnäckigen und lange erfolglos geführten Kampf Ludendorffs zuerst gegen Falkenhayn und dann gegen Bethmann-Hollweg zeigt Nebelin das selbst auf. Auch an den Reichstag, die Gewerkschaften, die süddeutschen Staaten ist zu denken, wenn man sich ein Urteil über die Machtverhältnisse im Deutschland der Kriegsjahre bilden will. Ludendorff war vorübergehend der mächtigste Mann in Deutschland, ein Diktator, lässt man dem Begriff seine präzise Bedeutung, war er nicht.
Abb. 4: Erich Ludendorff vor einem Zugwagen auf einem Bahnsteig (5)

Und weiter:
Schließlich: die „deutsche Verhängnisgestalt“ Ludendorff. Das Wort verweist auf das deutsche Verhängnis, auf Hitler also. War Ludendorff ein Wegbereiter Hitlers? Anders als Hindenburg hat Ludendorff nach 1918 keine richtungsweisende Entscheidung mehr getroffen, auch 1933 nicht. Die Last, die Ludendorff, sekundiert von Hindenburg, mit der Erfindung der Dolchstoßlegende - der schäbigen Weigerung einzugestehen, daß Deutschland den Krieg militärisch verloren hatte -, der Republik aufbürdete, hat fraglos zu ihrem Scheitern beigetragen. Aber die Formel von der deutschen Verhängnisgestalt meint doch wohl mehr. Was sie meint, wird bei Nebelin schon deshalb nicht ganz klar, weil der Ludendorff der Jahre 1918 bis 1937 bei ihm nicht mehr auftritt.
     Abb. 5: Ludendorff und von der Schulenburg mit Offizieren in Valenciennes, Frankreich (1917?)

Manches, was Kielmannsegg sonst noch schreibt, steht dann aber irgendwie im Widerspruch zu dem soeben Zitierten. Wie auch immer! Viele andere Rezensionen zu diesem Buch lesen sich bei weitem nicht so selbständig urteilend. Die in der "Welt" von einem Klaus-Jürgen Bremm etwa beginnt mit den Worten:
Nacheinander demontierte er einen Generalstabschef, einen Reichskanzler und einen Außenstaatssekretär.
An so kurzen Sätzen wird einem bewußt, wie fehlerhaft das Reden vom "Dikator" Ludendorff sein kann. Um den Generalstabschef von Falkenhayn zu demontieren, hat der - - - "Diktator" Ludendorff immerhin zwei Jahre gebraucht. Und auch der Reichskanzler und der Außenstaatssekretär werden nicht nur deshalb gesürzt worden sein, weil sie sie sich Ludendorff als Gegner erworben hatten. Und so schreibt auch Volker Ullrich in der "Zeit" über die angebliche "Diktatur" Ludendorffs:
Doch das ist eine Übertreibung. Denn so mächtig Ludendorff auch war - allein herrschen konnte er nicht. Trotz seines Bedeutungsverlusts im Kriege hatte der Kaiser bei der Besetzung der höheren Reichsämter immer noch ein wichtiges Wort mitzureden. Vor allem aber verkennt der Autor das wachsende Gewicht der neuen Reichstagsmehrheit aus Sozialdemokratie, katholischem Zentrum und liberaler Fortschrittspartei, auf deren Wünsche die Militärs Rücksicht nehmen mußten.
Allmählich scheint also jener geschichtliche Abstand gewonnen zu sein, der zumindest in Teilen der deutschen Geschichtswissenschaft ein Abrücken von allzu schablonenhaften, plakativen Kennzeichnungen ermöglicht. Es dürfte sicherlich sinnvoll sein, diesen Umstand festzuhalten.

     Abb. 6: Ludendorff und von der Schulenburg mit Offizieren bei Valenciennes
Und nachdem hier auf dem Blog schon zwei Beiträge mit seltenen Photographien von Erich Ludendorff erschienen sind (01/2012 und 06/2012), soll dieser Anlaß genutzt werden, um einen dritten zu eröffnen. Oftmals lassen Photographien neue Fragen auftauchen, neue Themen in die Aufmerksamkeit treten. Und sie tragen möglicherweise ebenfalls zur Versachlichung von Beurteilungen bei.

Erich Ludendorff in seltenen Photographien (II)

Auf der Rückseite des "privaten Fotos" von Abbildung 1 (3) steht handschriftlich ohne Datumsangabe (siehe Abb. A im Anhang): "Hindenburg und Ludendorff erwarten S.M.", also Seine Majestät, den deutschen Kaiser, Wilhelm II.. Der rote Teppich liegt ausgerollt an einem Bahnsteig.

Ganz links glaubt man Ludendorffs engsten Mitarbeiter im Osten, Max Hoffmann, erkennen zu können. Das könnte ein Hinweis darauf sein, daß dieses Foto im Osten (Schlesien?) aufgenommen worden ist. Die Berge im Hintergrund könnten aber auch auf eine französische Karstlandschaft (?) hindeuten. Vielleicht ein Foto aus dem Jahr 1915, denn es werden noch "Pickelhauben" getragen.

Abb. 7: Ludendorff und von der Schulenburg mit Offizieren bei Valenciennes
Der Familienhistoriker Thomas Genth (2) schreibt über seinen Großvater und über das Foto in Abb. 2:
Ende 1916 wurde Adolf Genth vom neugegründeten Kampfgeschwader III der obersten Heeresleitung (Kagohl III) übernommen. (...) General Ludendorf bei der Visite des Kagohl III im Frühjahr 1917 auf dem Flugplatz St. Denis-Westrem (Belgien), dem Einsatzhafen der Kasta 13, der auch mein Großvater angehörte.

Abb. 8: Ludendorff und von der Schulenburg mit Offizieren bei Valenciennes
Und zu dem Foto in Abb. 3 schreibt er: "General Ludendorff mit seiner Exellenz von Schickfuss bei der Abfahrt nach der Visite."

Zeit und Ort zu Abbildung 4 sind nicht bekannt (5). Auf der Rückseite (vgl. Anhang, Abb. B) könnte in Handschrift stehen: "Ludendorf (sic) confeiant avec un offiziere d'Etat Major". Zu Deutsch: "Ludendorff vertraulich mit einem Stabsoffizier". (Siehe Kommentar zum Blogbeitrag.)

Abb. 9: Ludendorff und von der Schulenburg mit Offizieren bei Valencienne
Die folgende Bilderserie mit fünf Photographien (Abb. 5 - 9) (7) ist offensichtlich im Sommer entstanden. Sie sind auch schon an anderer Stelle schon veröffentlicht worden. Etwa in einer Folge vom 20. März 1934 des "Quell - Ludendorffs Halbmonatsschrift" mit dem Kommentar: "Bilder aus der Vorbereitung der Großen Schlacht in Frankreich - General Ludendorff bei einer Minenwerfer-Übung". Es werden kleinere Artilleriegeschütze und Granaten vorgeführt. Sie werden also im Sommer 1917 entstanden sein.

Abb. 10: OHL - Hindenburg und Ludendorff verabschieden älteren General oder Landesfürsten (aus einem Privatnachlaß)
In Abbildung 10 wird offenbar von Hindenburg und Ludendorff ein deutscher Fürst verabschiedet. vielleicht ist es der König von Bayern, der wenige Jahre später sterben sollte.

Abb. 11: "Ludendorff in Heiligblasien-Frühjahr 1918" (Postkarte)
Zu Abbildung 11: Heiligblasien liegt im Elsaß und heißt heute Saint-Blaise-la-Roche. Das Foto entstand wohl anläßlich eines Besuches der Heeresgruppe Kronprinz Rupprecht.

Abb. 12: Der Hetmann der Ukraine General Skoropadski zu Besuch bei Hindenburg und Ludendorff, September 1918 (ab)

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Anhang

Abb. B: Abb. mit Rückseite


Abb. A: Rückseite von Abb. 1

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  1. Nebelin, Manfred: Ludendorff. Diktator im Ersten Weltkrieg. Siedler Verlag, München 2010
  2. Graf Kielmannsegg, Peter: In der Hölle der Materialschlachten. Erich Ludendorff kämpfte im Ersten Weltkrieg einen aussichtslosen Kampf. War er Deutschlands Verhängnis? FAZ,  17.07.2011  
  3. ba-re 24408) (Verkäufer): Auf: Ebay.de  (Rückseite der Postkarte auf Abb. A im Anhang)  
  4. Genth, Thomas: Familienchronik der Familie Genth während des Ersten und Zweiten Weltkrieges. 2008. Auf: http://www.thomasgenth.de/html/beim_kg_iii_.html [22.7.2012]   
  5. konsolenspielehandel (Verkäufer): Foto AK Erich Ludendorff vor Zug Lokomotive am Bahnhof.  Ebay-Angebot zum 21.8.2012 (Rückseite der Postkarte auf Abb. B im Anhang)  
  6. the_collector.1962 (Verkäufer): Ludendorff in Heiligblasien Frühjahr 1918. Ebay, 7.10.2012  
  7. dw-auction: Frankreich , Ludendorff und v.d. Schulenburg mit Offizieren in Valenciennes. Ebay, 20.10.2012

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