"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Sonntag, 28. Januar 2018

"Quelle aller Variation ist das Erlebnis"

Vor hundert Jahren 
- Die Gedanken des Schweizer Wissenschaftsjournalisten Adolf Koelsch (1917/1919) über Evolution und ihre Rezeption durch Schriftsteller wie Rainer Maria Rilke und Thomas Mann

Im weiteren Sinne ist Thema dieses Blogs die Geschichte des naturwissenschaftsnahen Philosophierens im 20. Jahrhundert. Die Psychiaterin Mathilde von Kemnitz, spätere verheiratete Ludendorff (1877-1966) (Wiki) setzte im Jahr 1921 mit ihrem Buch "Triumph des Unsterblichkeitwillens" das naturwissenschaftsnahe Philosophieren ihrer Zeit fort, indem sie sich mit Grundgedanken der Evolutionstheorie von Charles Darwin auseinander setzte (1). Die zentrale Frage in ihrem Buch war für sie - wie für viele Zeitgenossen: Wie sind neue Pflanzen- und Tier-Arten in der Evolution entstanden? Waren so nüchterne Vorgänge wie Zufallsmutation und nachherige Auslese nach dem Nützlichkeits-Prinzip, bzw. dem Überlebensvorteil wirklich die einzigen Antriebskräfte der Evolution und der Artbildung? In ihrem Buch wurde diese These von Charles Darwin grundlegend infrage gestellt. Dieser These wurde ein neuer philosophischer Entwurf gegenüber gestellt, der auch vielfältige Schlußfolgerungen in Richtung auf die naturwissenschaftliche Forschung enthält.


Abb. 1: Adolf Koelsch (1879-1948), Wissenschaftsjournalist der "Neuen Züricher Zeitung"

In letzter Instanz ging es auch in diesem philosophischen Entwurf darum, dem Seelischen, dem Erleben des Wahren, Guten und Schönen in der Menschenseele einen Platz zu geben in der Evolution. Und zwar - so wie im Kulturleben - auch im naturwissenschaftlichen Denken einen zentralen und nicht nur randständigen. Das Erlebnishafte, das Seelische ist nach der Deutung von Mathilde von Kemnitz die Hauptantriebskraft der Evolution, sowie Ziel der Evolution. Die Nützlichkeitsprinzipien und Überlebensvorteile im rauen, nüchternen "Kampf ums Dasein" des Charles Darwin (aus denen dann ja auch der folgenschwere Sozialdarwinismus folgte) spielen nach dieser Deutung nur noch Nebenrollen, nicht die Hauptrolle.

Abb.: Adolf Koelsch - Das Erleben - 1919, Titelseite

Nun war Mathilde von Kemnitz mit solchen Anliegen zu ihrer Zeit - natürlich - nicht die einzige. Und im vorliegenden Blogbeitrag soll auf zeitlich parallele Auseinandersetzungen mit solchen Problemen hingewiesen werden. Auf Auseinandersetzungen, die offenbar auch aus ähnlichen Motiven gespeist gewesen waren, und die deshalb Aufmerksamkeit gefunden haben unter Schriftstellern jener Zeit.

Abb.: Adolf Koelsch - Das Erleben - 1919, Inhaltsverzeichnis

Im verregneten August 1917 saß der deutsche Dichter Rainer Maria Rilke (1875-1926) (Wiki) im Rilke-Turm auf Gut Böckel in Westfalen. Er blätterte in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift "Die neue Rundschau". Dabei stieß er auf einen Aufsatz, der ihn begeisterte (2, S. 565). Er war betitelt "Der Einzelne und das Erlebnis" (3). Der Aufsatz war mit dem Problem der Artbildung in der Evolution befaßt und stammte von dem Deutsch-Schweizer Biologen und Wissenschafts-Journalisten Adolf Koelsch (1879-1948) (Wiki). Zu dem gleichen Thema hat Koelsch zwei Jahre später ein ganzes Buch herausgebracht unter dem Titel "Das Erlebnis" (7). Adolf Koelsch war seit 1915 verantwortlich für die Naturwissenschafts-Kolumne der "Neuen Züricher Zeitung". Er sollte dies 33 Jahre lang bleiben, nämlich bis zu seinem Tod im Jahr 1948 (4). Er gab zahlreiche Sachbücher über die Biologie der Pflanzen und Tiere heraus. Die Einleitung des genannten Aufsatzes von 1917, den Rainer Maria Rilke da im verregneten August 1917 auf Schloß Böckel las - während in Flandern und bei Verdun die Trommelfeuer auf tausende von Soldaten niedergingen - beginnt mit den Worten (zit. n. 5):
Es handelt sich um die Frage, wie ein Geschöpf in den Besitz einer Fähigkeit kommen kann, die es vorher nicht hatte. Wie es möglich ist, daß es in seiner Verhaltensweise gegenüber der Welt abweicht von dem, was es war, und sich verwandelt in etwas Neues. Das heißt: variiert. Und was als Grundlage dieser Variation, ja schließlich als Grundlage aller Hinausentwicklung über Bestehendes zu betrachten sei. Ich behaupte: die Quelle aller Variation ist das Erlebnis.
Rainer Maria Rilke durfte durchaus gepackt sein, wurde doch hier in der Biologie etwas in das Zentrum der Artbildung, Evolution und Höherentwicklung gestellt, das auch ihm als Dichter und Kulturschaffenden von der höchsten Bedeutung war, nämlich das Erlebnis. Und es wird sofort deutlich, daß sich hier bei Adolf Koelsch und Rainer Maria Rilke Parallelen in den Motiven zum Denken der genannten Mathilde von Kemnitz vorlagen, das sich nur wenige Jahre später mit den gleichen Problemen beschäftigen sollte.

Rainer Maria Rilke schreibt an Jacob von Uexküll (1917)


Nach der Lektüre dieses Aufsatzes setzte sich Rainer Maria Rilke hin und schrieb einen Brief an den damals berühmten deutschen Biologen Jakob von Uexküll. Bei ihm handelte es sich um eine Kapazität, mit der Rilke schon zuvor persönlich bekannt geworden sein muß. Der Brief datiert auf den 17. August 1917 und beginnt (5):
Lieber Freund, sagen Sie, hab ich Recht, über diesen neuen Aufsatz von Adolf Koelsch im Augustheft der Rundschau so herzlich entzückt zu sein? Er scheint mir neben Ihren Schriften, die ich doch viel zu wenig kenne, das ....
beste an lebenswissenschaftlicher Literatur zu sein, das ihm in letzter Zeit begegnete. Rilke trug sich in dieser Zeit mit dem Plan, sich als Student an einer Universität einzuschreiben. Und dieser Aufsatz regte ihn dazu an, Biologie zu studieren (5):
Hätten Sie einen Rat für mich, der mich zu einer tätigen Berührung und Befreundung mit den Gegenständen dieser köstlich jungen Biologie zuwiese ...? (...) Wo mag Adolf Koelsch sein? (...) anderen früheren Essay, auf den Koelsch selbst hinweist: Die Erschaffung ....
Rilke ist also Feuer und Flamme. Leider kann sin Brief hier einstweilen nur insoweit zitiert werden als er im Internet zugänglich ist. In der Antwort scheint von Uexküll von einem regulären Studium an einer Universität abgeraten zu haben (nach 6, S. 238 [Rückübersetzung]):
Daß Sie ein außergewöhnliches Talent für Biologie und besonders für vergleichende Psychologie haben, wird durch Ihr Gedicht "Der Panther" deutlich. Die Beobachtung, die Sie dort beschreiben, ist meisterhaft. Vielleicht könnten Sie einen Philosophen der psychologischen Schule hören, aber ich glaube, daß Sie schon zu sehr ein Meister sind, um noch Student sein zu können.
Rilke hat den Gedanken eines regulären Biologie-Studiums dann wohl auch nicht mehr weiter verfolgt. Im weiteren Verlauf konnte er dann eine persönliche Verbindung mit Adolf Koelsch aufnehmen. Und nachdem Rainer Maria Rilke am 11. Juni 1919 von dem revolutionär und gegenrevolutionär aufgewühlten München aus in die Schweiz abgereist war, wo der bis dahin viel Reisende nun bis an sein Lebensende bleiben sollte, konnte er am 18. Juli 1919 in Zürich auch Adolf Koelsch als Besucher empfangen (2, S. 640).

Abb.: Adolf Koelsch - Das Erleben - 1919, Vorwort

Am 2. November 1919 konnte Rilke einen Gegenbesuch bei Adolf Koelsch in Rüschlikon machen. Rilke hat sich damals wiederholt mit seinem Gedanken von einem "Urgeräusch" beschäftigt. Bei diesem Besuch wurde davon gesprochen, ein "Ur-Geräusch-Experiment" durchzuführen (2, S. 653). (Ob dieses Thema im Zusammenhang mit dem allgemeineren Problem der Artbildung steht, wäre noch zu prüfen.) Am 13. Januar 1920 schreibt Rilke dann an eine ihm bekannte Frau Nölke von dem neuen Buch von Adolf Koelsch, "das sehr wichtig ist" (2, S. 667). Da der Inhalt dieses Buches heute noch nicht im Internet zugänglich ist, soll er in Auszügen in diesem Blogbeitrag durch Abfotografieren einiger der wichtigsten Seiten dokumentiert werden. Auf diesen Seiten gewinnt man einen ersten Eindruck von der Art des Denkens des Adolf Koelsch in diesen Fragen.

Abb.: Adolf Koelsch - Das Erleben - 1919, Seiten 340f

Deutlich wird zum Beispiel, daß sich in jener Zeit zwar gerade die Chromosomen-Theorie der Vererbung (Wiki) durchzusetzen begann in der Wissenschaft, daß sie aber noch nicht die Grundlage zum Denken von Koelsch lieferte. Er spricht diesbezüglich nur ganz allgemein vom Protoplasma. Insgesamt wird aber womöglich durchaus gefragt werden können, ob dieser Gedanke vom Erlebnis als dem grundlegenden Moment der Artbildung nicht im Zusammenhang mit dem Plasticity-first-Modell der Evolution gewissermaßen eine Wiederbelebung erfahren hat (8).

In diesem Zusammenhang dürfte auch von Interesse sein, daß Rainer Maria Rilke nicht der einzige Schriftsteller gewesen ist, dem der Aufsatz von Koelsch des Jahres 1917 ins Auge gefallen war. Auch etwa Thomas Mann hatte diesen Aufsatz gelesen und hat ihn später in seinem Roman "Der Zauberberg" verarbeitet (9).

Einstweilen gibt es keinen Hinweis darauf, daß auch die damalige Mathilde von Kemnitz - oder die spätere Mathilde Ludendorff - den Aufsatz von Adolf Koelsch aus dem Jahr 1917 zur Kenntnis genommen hat. Das Literaturverzeichnis ihres während des Zweiten Weltkrieges erarbeiteten Buches "Wunder der Biologie im Lichte der Gotterkenntnis meiner Werke" (10) ist unterteilt in "Fachwerke", "Laienbücher" und "Abhandlungen in Fachzeitschriften". Nirgendwo ist hier ein Aufsatz oder eine Schrift von Adolf Koelsch angeführt. Fachzeitschriften hat sie erst ab dem Jahrgang 1926 durchgesehen. Im übrigen ist die "Neue Rundschau" ja auch keine biologische Fachzeitschrift gewesen.

Abb.: Adolf Koelsch - Das Erleben - 1919, Seiten 342f

"Die Ursprünge des Produktiven"


Den "Ursprüngen des Produktiven" sind Koelsch und Rilke in den Folgejahren auch noch in ganz anderen Zusammenhängen nachgegangen. Am 8. September 1921 sandte Rilke an Lou Andreas-Salome einen neuen Artikel von Koelsch aus der "Neuen Züricher Zeitung" zu über ein Buch des Psychiaters Walter Morgenthaler (1882-1965) (Wiki). Dies behandelte die Krankengeschichte seines langjährig künstlerisch tätigen Schizophrenie-Patienten Adolf Wölfli (1864-1930) (Wiki) (11, 12). Koelsch schrieb bald nach Erscheinen (13, zit. n. 12):
Wo ist nicht ein Irrenhaus, das nicht solche Kranke hätte? Kranke, die in der Einbildung leben, große Künstler zu sein, und auf irgend eine Weise "an ihrem Werk" sind? (...) [Wölfli] ist wirklich ein besonderer Fall und verdient seinem ergreifenden menschlichen Schicksal nach auch als pathologisches Vorkommnis und als bildender Künstler durchaus die Monographie, die ihm der Berner Privatdozent Dr. W. Morgenthaler soeben gestiftet hat.
Koelsch spricht von Bildwerken,
die man mit gutem Gewissen als vollendete Kunstwerke bezeichnen kann.
Koelschs zwei ausführliche Artikel machten das Buch und den Künstler Wölfli in weiteren Kreisen bekannt. Und auch Rilke schrieb an Lou Andreas-Salome (2, S. 740):
der Fall Wölfli's wird dazu helfen, einmal über die Ursprünge des Produktiven neue Aufschlüsse zu gewinnen.
Das Buch hat damals weltweites Aufsehen erregt, wobei die Besprechung durch Koelsch einen maßgeblichen Anteil hatte (12). Insgesamt hat jedenfalls der Grundgedanke vom Erlebnis als "Quelle aller Variation" gerade auch vor dem Hintergrund der neuesten Entwicklungen in der evolutionären Forschung (8) etwas Bestechendes.

Abb.: Adolf Koelsch - Das Erleben - 1919, Seiten 136f

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  1. Ludendorff, Mathilde: Triumph des Unsterblichkeitwillens. Erstauflage 1921
  2. Schnack, Ingeborg: Rainer Maria Rilke. Chronik seines Lebens und seines Werkes. Erweiterte Neuausgabe, hrsg. von Renate Scharffenberg. Insel, Frankfurt am Main/Leipzig 2009
  3. Koelsch, Adolf: Der Einzelne und das Erlebnis. In: Die neue Rundschau, Berlin 1917, S. 1077-1100 (auch als Einzelschrift im selben Jahr bei S. Fischer Verlag, Berlin erschienen)
  4. Adolf Koelsch. http://www.linsmayer.ch/autoren/K/KoelschAdolf.html
  5. Rilke, Rainer Maria: Briefe von Gut Böckel - 24. Juli- 2. Oktober 1917. Einleitung von Theo Neteler. Pendragon Verlag, Bielefeld 2011 (GB)
  6. Fischer, Luke: The Poet as Phenomenologist. Rilke and the New Poems. Bloomsbury 2017 (GB
  7. Koelsch, Adolf: Das Erlebnis. S. Fischer Verlag, Berlin 1919
  8. Bading, Ingo: Epigenetik und die Evolution der Instinkte - Die neu aufgeworfene Frage: Sind Instinkte wirklich durch Punktmutationen entstanden oder nicht doch eher durch "phänotypische Plastizität"? Studium generale, 7. Oktober 2017, http://studgendeutsch.blogspot.de/2017/10/sind-instinkte-durch-punktmutationen.html
  9. Heimendahl, Hans Dieter: Kritik und Verklärung. Studien zur Lebensphilosophie Thomas Manns in den "Betrachtungen eines Unpolitischen", "Der Zauberberg", "Goethe und Tolstoi" und "Joseph und seine Brüder". (Diss. Berlin 1995) Königshausen & Neumann, Würzburg 1998 (GB)
  10. Ludendorff, Mathilde: Wunder der Biologie im Lichte der Gotterkenntnis meiner Werke. 1. Band, Verlag Hohe Warte, Stuttgart 1950; 2. Band, Verlag Hohe Warte, Pähl 1954
  11. Morgenthaler, Walter: Ein Geisteskranker als Künstler (Adolf Wölfli). Bern 1921, Nachdruck: Wien 1985
  12. Pallmert, Sigrid: Adolf Wölfli und Walter Morgenthaler oder der Beginn der Rezeption der Kunst der Geisteskranken. In: Zeitschrift für schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte 50, 1993, Heft 3, file:///C:/Users/User/Downloads/zak-003_1993_50__447_d.pdf
  13. Kölsch, Adolf: "Dämon I. und II.", in: Neue Zürcher Zeitung, Nr. 1243, 30.8.1921 u. Nr. 1249, 31.8.1921. Wiederabdruck in: Der Engel des Herrn im Küchenschurz. Über Adolf Wölfli, hg. Elka Spoerri, Frankfurt am Main 1987)

Montag, 18. Dezember 2017

Studiengruppe Naturalismus - Zu den Anliegen dieses Blogs

Studiengruppe
"Naturwissenschaftsnahes Philosophieren und Hintergrundpolitik-Kritik seit 1900 / Ludendorff-Bewegung"

Ein erster Beitrag zu den Anliegen dieses Blogs ist schon im Jahr 2010 erschienen (Stgr2010).

Abb. 1: Das Abzeichen der Ludendorff-Bewegung seit den 1930er Jahren: Ein auffliegender Adler, auch genannt "Deutschvolk-Adler", weil er ursprünglich Abzeichen war der 1933 verbotenen weltanschaulichen Vereinigung "Deutschvolk e.V."

Im folgenden sollen weitere Ausführungen dazu gegeben werden, insbesondere aus dem Blickwinkel des Jahres 2017 heraus, in dem eine sogenannte "alternative Öffentlichkeit" eine so viel größere Bedeutung erlangt hatte als sie diese zuvor besaß:

1.

Erich Ludendorff war einer der frühesten Hintergrundpolitikkritiker der Geschichte. Er ist bis heute der namhafteste, prominenteste und einflußreichste aller Hintergrundpolitikkritiker geblieben. Dies ist einer der Gründe dafür, daß es eine Perspektive gibt, aus der heraus gesagt werden könnte, daß Erich Ludendorff einer der geistig fortschrittlichsten Menschen seiner Zeit war, ja, daß ein Paul von Hindenburg und ein Adolf Hitler in Deutschland nur an die Macht gebracht worden sind, sowie daß andere, verquastetere, unklarere revolutionär-konservative Autoren nur deshalb bis heute in aufgeweckteren Kreisen gefördert worden sind und werden, um von seiner Person und von den Inhalten abzulenken, für die er stand.

Wissenschaftliche Veröffentlichungen zu fördern, die auf solche Umstände hinweisen, sollte eigentlich die Aufgabe des testamentarisch von Mathilde Ludendorff vorgesehenen Ludendorff-Archivs in Tutzing sein. Dieser Aufgabe kommt dieses Archiv seit seiner Gründung im Jahr 1967 nicht nach, womit es sich in Widerspruch zum Testament Mathilde Ludendorffs setzt. Dieser Blog versucht im Rahmen seiner Möglichkeiten, dieses Desiderat auszufüllen.

Ohne Zweifel besteht heute in der alternativen Öffentlichkeit ein kritisches Bewußtsein, das in seiner geistigen Tradition bei Erich und Mathilde Ludendorff begann, und von dem diese schon einen großen Teil vorweg genommen haben. Nur aus der Perspektive der alternativen Öffentlichkeit wird man einen angemessenen Blickwinkel auf das Leben und Werk von Erich und Mathilde Ludendorff gewinnen können.

2.

Einer der wesentlichsten Aspekte der Fortschrittlichkeit beider Denker besteht in ihrer Naturwissenschafts-Nähe, besteht darin, von der Darwinschen Evolutionstheorie und der modernen Physik auszugehen. Das findet sich ebenfalls sonst bei keinem revolutionär-konservativen Autor, ja, in der Breite, in der es hier vorliegt, stellt es sogar noch in der heutigen Universitäts-Philosophie ein Desiderat dar. (Ludendorffs Bruder Hans z. B. war Astronom und arbeitete zwei Jahrzehnte lang kollegial mit Albert Einstein zusammen. Er war deshalb auch niemals ein Anhänger der pseudowissenschaftlichen “Deutschen Physik”.)

Noch heute gibt es fortlaufend Neuerkenntnisse in der Naturwissenschaft, die nahtlos zu der philosophischen Weltdeutung Mathilde Ludendorffs zu passen scheinen, wodurch eine gegenseitige Ergänzung und Befruchtung möglich wird. Es seien nur stichwortartig genannt das Anthropische Prinzip oder Erkenntnisse, die auf den Punkt gebracht werden in Buchtiteln und -untertiteln wie “Naturgesetze steuern den Zufall” (M. Eigen), “Inevitable Humans in a Lonley Universe” (Conway Morris), “Gotteswahn” (R. Dawkins), “Deutschland schafft sich ab” (T. Sarrazin; genetische Begabungs- und Neigungsunterschiede zwischen Völkern), “Der Abbau des Menschlichen” (K. Lorenz), “Zorn und Zeit” (P. Sloterdijk), “Prinzip Verantwortung” (Hans Jonas) und viele andere mehr.

Die Konfrontation der Geisteswelt Erich und Mathilde Ludendorffs mit dem heutigen Wissensstand sehen wir als eine fruchtbare geistige Herausforderung an. Von dem Autor Hermin Leupold ist sie in umfassender Weise auf dem heutigen Wissensenstand geleistet worden (1).

Schon wer sich zum Beispiel einmal intensiver mit Biologie und Soziobiologie auseinandergesetzt hat, wird bei dem Studium des Werkes von Mathilde Ludendorff "Der Minne Genesung" (ursprünglich "Erotische Wiedergeburt", 1919) überrascht sein, wie fortschrittlich - noch für unsere Zeit - viele Gedanken darin sind. Bzw. wie konsequent darin evolutionäres Denken, insbesondere auf dem Gebiet der Sexualpsychologie, stattfindet. Man ist überrascht, in Mathilde Ludendorff so etwas wie eine frühe Soziobiologin bzw. Evolutionäre Psychologin zu entdecken. Und das gilt, wie bei weiterer Umschau in ihren psychologisch-philosophischen Büchern zeigt, nicht nur für dieses Buch, sondern zieht sich durch ihr ganzes Werk.

Umgekehrt stellt sich bei einer Lektüre der Trilogie von Kevin MacDonald über die gruppenevolutionären Strategien von Judentum und Antisemitismus (1994, 1998) sehr bald heraus, daß zwischen seiner evolutionspsychologischen Deutung dieser Phänomene und derjenigen Mathilde Ludendorffs eine große Zahl von Übereinstimmungen bestehen.

Solche Erfahrungen wecken Interesse an der Biographie von Mathilde Ludendorff - und damit auch an derjenigen von Erich Ludendorff.

3.

Für die am fortschrittlichsten denkenden Menschen von heute ist alternativlos der Evolutionäre Humanismus das Weltbild der Zukunft. Evolutionärer Humanismus schließt alle Weltbilder aus, die nicht mit dem modernen naturwissenschaftlichen Kenntnisstand zu vereinbaren sind. Er schließt deshalb zwangsläufig nicht nur Religions- und Ideologiekritik mit ein, sondern spätestens seit K.-H. Deschner und Colin Goldener, Robert Trivers, Richard Dawkins, Noam Chomsky, Kevin MacDonald, James Watson auch Hintergrundpolitik- und Lobbymächte-Kritik.

Viele zeitgeschichtliche Erscheinungen des Zwanzigsten Jahrhunderts, nicht zuletzt dann auch jene, die in der Kirchenaustrittsbewegung des Dritten Reiches zwischen 1935 und 1939 kulminieren, werden nicht vollgültig verständlich, wenn man nicht das Wirken und den Einfluß der Ludendorff-Bewegung für diese Zeit mit berücksichtigt. Das Anliegen der Studiengruppe ist es, hier zahlreiche Forschungslücken zu füllen, um zu einem besseren Verständnis, bzw. zu einer vollständigeren Kenntnis der deutschen Geschichte überhaupt beizutragen.

4.

Was die Biographien Erich und Mathilde Ludendorffs betrifft, muß zwangsläufig immer wieder ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus und zum Dritten Reich behandelt werden. Der Historiker Manfred Nebelin schreibt in einer Rezension zu einer diesbezüglichen Neuerscheinung (FAZ2014):

"Leider bleibt es hier wieder bei spärlichen Hinweisen, etwa zur Rolle von Ludendorffs zweiter Ehefrau, der Nervenärztin und Religionsphilosophin Mathilde von Kemnitz ('die wirre Mathilde'). So lassen sich die ungeklärten Fragen nach dem Verhältnis Ludendorffs zu Hitler, der NS-Ideologie und dem 'Dritten Reich' nicht zufriedenstellend beantworten."

Zu diesen und zahlreichen anderen ungeklärten Fragen will die Studiengruppe im Rahmen ihrer Möglichkeiten Beiträge leisten.   Eine der wichtigsten Antworten auf die soeben gestellten Fragen findet sich schon seit Jahrzehnten - und von der Wissenschaft fast gänzlich unbeachtet - in der Biographie über den Hitler-Gegner Ludwig Beck (Autor: Klaus-Jürgen Müller)(Stgr2012). An die Forschungsergebnisse dieser Biographie sollte künftig verstärkt angeknüpft werden in weiteren Forschungen und historischen Einordnungen.

Nachbemerkung: Dieser Blog hat seit seiner Gründung, also zwischen 2010 und 2017, mit dem Bemühen um Vollständigkeit alles zusammen getragen, was rund um seine Thematik - vor allem über das Internet (aber auch sonst) - bekannt geworden ist. Auf dieser Linie sollte weiter gearbeitet werden. Das wird aber vom Bloginhaber selbst mit dem bisherigen Anspruch an Vollständigkeit nicht mehr geleistet werden können. Aber es sollte doch noch andere Menschen geben, die in ähnlicher Weise eine solche Aufgabe für sich sehen. So schrieben wir am 18.12.2017, seither hat sich niemand gemeldet, aber der Aufruf ist weiter aktuell - auch noch im Mai 2023.

/ zuletzt durchgesehen: 
28.5.23 /

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  1. Leupold, Hermin (posthum): Philosophische Erkenntnis in ihrer Beziehung zur Naturwissenschaft. Aufsätze zur geschichtlichen Entwicklung der Erkenntnistheorie, zur Evolution des Weltalls und des Bewußtseins. Die Deutsche Volkshochschule, 23845 Bühnsdorf, 2001

Sonntag, 12. November 2017

"Diese völkischen Religionsdilettanten"

Ein angesehener katholischer Schriftsteller im Februar 1932 über die "Religionsknetereien" der "arischen Christen" der NSDAP und die "Ehrlichkeit" des Hauses Ludendorff diesen gegenüber

1932 erschien in der Wiener rechtskatholischen Zeitschrift "Das Neue Reich" der Aufsatz "Von Luther zu Ludendorff - Das Entweder-Oder der völkischen Religion" (2). Er beschäftigte sich auch mit den religionskritischen Stellungnahmen des Ehepaares Ludendorff.

Abb. 1: Spruchkarte der NSDAP zum Wählerfang innerhalb eines damals in nicht geringen Teilen noch ziemlich am Christentum hängenden Volkes

Der Aufsatz erschien unter einem sonst offenbar nie in der Zeitschrift benutzten Pseudonym, nämlich "Teutonicus". Dahinter verbarg sich einer der führenden katholischen Publizisten seiner Zeit, der auch die Achtung politischer und weltanschaulicher Gegner genossen habe - wie mit einem gewissen Respekt vermerkt wird (Wien-Wiki). Nämlich Joseph Eberle (Pseudonym Edgar Mühlen) (1884-1947) (Wiki). Er war der Schriftleiter selbst dieser Zeitschrift "Das Neue Reich - Christlichsoziale Wochenschrift für Kultur, Politik und Volkswirtschaft". Diese ist zwischen 1918 und 1938 in Wien erschienen. Und sie fand den größten Teil ihrer Leserschaft im katholischen Teil des Deutschen Reiches.

Eberle war katholischer Antisemit. Man darf dementsprechend auch annehmen: Freimaurer-Kritiker. Und er war konsequenter Unterstützer des Austrofaschismus. Und natürlich haben er und seine Zeitschrift sich - vom sicheren Hort des eigenen katholischen Glaubens aus - auch mit den religiösen Auseinandersetzungen ihrer Zeit beschäftigt. Eberle ist diesbezüglich gerade heraus, er scheint kein Intrigant gewesen zu sein, keiner, der mit doppeltem Boden argumentierte. Und er beobachtete - wie so viele Aufgewecktere - die starken zeitgeistigen Bewegungen weg vom Christentum, für die ja damals nicht nur die Sozialdemokraten und Kommunisten bekannt waren, sondern mehr noch im bürgerlichen Lager die völkische Bewegung. 

"Entjudaisierung des Christentums" im Dritten Reich

Als Antisemiten waren die Nationalsozialisten von vornherein dazu veranlagt, auf die "jüdische" Bibel scheel zu blicken. Und aus diesen Gefühlslagen heraus entstanden die starken Bestrebungen zur "Entjudaisierung des Christentums" innerhalb der evangelischen Kirche von Seiten der "deutschen Christen" bis hin zu Adolf Hitler, seinem Reichsbischof Müller und bis hin zu Alfred Rosenberg (Wiki). Diese Bewegung wurde auch von Seiten des Ehepaares Ludendorff immer wieder mit kritischen Aufsätzen begleitet und charakterisiert (zusammen gestellt in: 1).

Im folgenden wird davon ausgegangen, daß dieser Aufsatz vom Schriftleiter Joseph Eberle selbst stammte. Uns scheint zunächst nichts gegen, aber einiges für diese Annahme zu sprechen. Der Verfasser, Joseph Eberle also vermutlich, hatte, wie der Aufsatz zeigt, das im Vorjahr erschienene Buch "Erlösung von Jesu Christo" von Mathilde Ludendorff gelesen. Und das Lesen dieses Buches - sowie das Lesen der Kritik dieses Buches durch Alfred Rosenberg - mag ihn veranlaßt haben, einen Aufsatz zu schreiben darüber, daß die völkischen Religionsbestrebungen innerhalb des Protestantismus voller Halbheiten wären und daß sie deshalb für ehrliche Menschen ein "Entweder-Oder" fordern würden, ein "Entweder-Oder", vor das zumindest Erich und Mathilde Ludendorff ihre Leserschaft klar stellen würden. Eberle schreibt über Erich Ludendorff:

Man möge ihn bekämpfen, gut! Aber sein Werk ist danach angetan, ernst genommen zu werden. Was er und Mathilde Ludendorff zu der völkisch-religiösen Bewegung unserer Zeit zu sagen haben, ist zu schwerwiegend, um auf Dummejungenart damit fertig werden zu wollen. (...) Hier handelt es sich darum, daß bewiesen wird: eine völkisch-rassige Religion, und möge sich noch so viel vom Christentum an Anschauungen, Dogmen und Symbolen übernommen haben, kann nie und nimmer Christentum sein. (...) Wer sich der Logik Roms nicht beugen will, der muß sich dann als geistig gesunder und vor sich selbst ehrlicher Mensch der Ludendorffs unterwerfen.

Alfred Rosenberg und die mit ihm sympathisierenden Kreise waren von den katholischen Kräften schon im Jahr 1923 als Hauptgegner erkannt worden. (So äußert sich jedenfalls Putzi Hanfstaengel in seinen Erinnerungen über dieses Jahr.) Auch der "Preuße" Erich Ludendorff war schon in jenem Jahr und in den Folgejahren noch viel mehr von den Kräften des politischen Katholizismus in Bayern und anderwärts als ihr bewußter Gegner ausgemacht worden und als solcher innerhalb und außerhalb der völkischen Bewegung scharf bekämpft worden. Schon Ende 1924 hatten Versprechungen der Kräfte des politischen Katholizismus an Adolf Hitler über den bayerischen Ministerpräsidenten Held eine Trennung Hitlers von Ludendorffs Kurs gegen den politischen Katholizismus bewirkt.

Nach seiner Heirat mit Mathilde Ludendorff im Jahr 1926 und in Auseinandersetzung mit ihren philosophischen Werken hatte sich Erich Ludendorff dann entschiedener vom Christentum überhaupt abgewandt als die meisten völkischen Zeitgenossen seiner Zeit. 1929 hatte Ludendorff zusammen mit seiner Frau das Buch "Das Geheimnis der Jesuitenmacht und ihr Ende" heraus gebracht. Spätestens seit diesem Zeitpunkt scheint die völkische Bewegung in Deutschland von Seiten der Weltmacht Rom als die gefährlichste Gegnerin überhaupt ins Auge gefaßt worden zu sein. Karlheinz Weissmann, der "katholischste Protestant", den der Rechtskatholik Götz Kubitschek jedenfalls jemals in seinem Leben will kennen gelernt haben, erklärte in der Neubearbeitung des Buches "Konservative Revolution" von Armin Mohler, daß die völkische Bewegung ausgerechnet im Jahr 1929 ihre geistige Bedeutung verloren habe. Wie er ausgerechnet dieses Jahr 1929 ausgemacht hat, sagt er dabei nicht.

Während jedenfalls die elitären katholischen Strippenzieher längst die Ludendorff-Bewegung als den Hauptfeind ihrer Bestrebungen erkannt hatten Anfang der 1930er Jahre, war ihnen auch klar geworden, daß diesem Hauptfeind gegenüber die Kreise rund um Alfred Rosenberg vergleichsweise harmlos waren und man mit ihnen noch "taktieren" konnte, auch um die gefährliche Ludendorff-Bewegung dabei so weit als möglich ins Abseits stellen zu können. Wenn möglich sogar durch die NSDAP selbst.

Abb. 2: Ein Zeugnis für den Zeitgeist: Arischer Jesus - Karikatur im "Stürmer"

Von solchen elitär-katholischen Strippenziehereien scheint dem Autor des hier behandelten Aufsatzes wenig bewußt gewesen zu sein. Er freut sich beim Lesen von Mathilde Ludendorffs Buch "Erlösung von Jesu Christo" und der oberflächlichen Kritik Rosenbergs an diesem Buch nur, daß der einflußreich gewordenen Bewegung rund um Rosenberg mit dem Haus Ludendorff ein Gegner entstanden ist, den er selbst als den konsequenteren, weil nicht in Halbheiten steckenden bleibenden erkennen kann. Er sagt: Wenn schon nicht christlich, dann richtig nicht christlich. Er freut sich über Ehrlichkeit und Geradlinigkeit. Ein womöglich eher seltenes Geschehen in der damaligen katholischen Publizistik.

"Die Ehrlichkeit, zum Christentum ein glattes Nein zu sagen"

Eberle führt aus, daß alles "arische", "heldische" Christentum mit seinem "arischen", "heldischen" Jesus", um das sich in jenen Zeiten viele Nationalsozialisten und nationalsozialistische Pfarrer und - wie wir heute angesichts von Hitlers Bibliothek erahnen können - wohl auch Adolf Hitler selbst bemühten, unmöglichste, konfuseste "Halbheiten" seien:

Wir jedenfalls gestatten uns, demgegenüber die völkische Logik allein bei den Ludendorffs zu finden, die mit einer Klarheit, die wirklich nichts zu wünschen übrig läßt, im Gegensatz zu diesen völkischen Religionsdilettanten die völlige Einheit des alt- und neutestamentlichen Gottesbegriffs beweisen.
Als Beleg bringt er in einer Anmerkung an dieser Stelle:
Mathilde Ludendorff. Erlösung von Jesu Christo. München 1931. Seite 131 und öfter.
Die genannten "Religionsdilettanten" wollten ja damals ein angeblich "arisches", "heldisches" Geistesgut innerhalb der Bibel von dem übrigen jüdischen Geistesgut der Bibel aussondern, jeder wieder auf andere Weise, wozu eben gerne auch unterschiedliche Gottesbegriffe im Alten und Neuen Testament unterstellt wurden. Und Eberle ist nun froh, angesichts all dieses Halben und Konfusen in Mathilde Ludendorff jemanden gefunden zu haben, die wenigstens bei solchen Halbheiten nicht mitmachte. Er schreibt weiter - gegen Alfred Rosenbergs damalige Kritik an Mathilde Ludendorff:
Vollends sonderbar berührt es, wenn völkische Kritiker Mathilde Ludendorff, der Heidin, vorwerfen (...), sie schreibe ohne jede Berücksichtigung der protestantischen Bibelkritik.
Bekanntlich war für Rosenberg diese Bibelkritik die Grundlage, mit deren Hilfe er "wissenschaftlich" "aussortieren" wollte, was von den Bibelinhalten weiterhin als gültig anzusehen sei und was nicht. Solchen "Religionsknetereien" als welche Rosenbergs Hoffnungen und Erwartungen ganz richtig charakterisiert werden, schreibt Eberle ins Stammbuch:
Ludendorff jedoch erklärt mit einer Entschiedenheit und Überzeugtheit, die jedem Katholiken Ehre machen würde, die Einheit und Geschlossenheit des von der Kirche gelehrten Christentums, Mathilde Ludendorff weiß, daß die Schrift, so wie sie uns vorliegt und so wie die Kirche sie lehrt, das Christentum bedeutet. (...) Schon zu Anfang ihres Buches stellt sie den Grundsatz auf: "Da jedes Wort der Evangelisten als Wort Gottes den Völkern gelehrt wird und Vorbild für sie ist, so ist bei solcher Betrachtung jedes Wort der vier Evangelien gleich wichtig. Es müssen alle Worte beachtet werden. Keine kritische Behandlung des Christentums hat diese Grundforderung erfüllt und deshalb hat keine wirklich überzeugt." (Erlösung, S. 9)

Natürlich behandelt Eberle hier nicht, daß Mathilde Ludendorff zum "historischen" Wahrheitsgehalt des Inhalts der Bibel sowieso noch einen viel radikaleren Ansatz hat als die traditionelle protestantische Bibelkritik.  

Abb. 3: "Von Luther zu Ludendorff - Das Entweder-Oder der völkischen Religion" Sonderdruck aus "Das Neue Reich", 6., 13. und 20. Februar 1932

Sie unterstellt ja (was zwischenzeitlich auch zahlreiche andere Autoren getan haben), daß ein großer Teil der biblischen Jesus-Geschichte ursprünglich Buddha-Geschichten aus Indien gewesen wären, die von Juden in Alexandrien zu jüdischen Jesus-Geschichten umgeschrieben worden seien. 

"Das finstere Lachen des Heiden Ludendorff"

Und er behandelt hier nicht, daß Mathilde Ludendorff als Religionspsychologin und -philosophin die Wirkung der Bibelinhalte wichtig ist. Weil unabhängig von ihrem historischen Wahrheitsgehalt Menschen an diese Inhalte glauben, zumal buchstabengläubige. Und Eberle freut sich nun, daß Mathilde Ludendorff aus dieser Absicht ihres Buches her das Neue Testament als Ganzes nimmt und alle Teile gleichwertig behandelt. Er schreibt dann wieder zur politischen Ebene zurückkehrend:

Adolf Hitlers Halbheit, für ihn selbst so folgenschwer, liegt darin: ein völkischer, ein Rassestaat im Sinne der Nationalsozialisten ist als christliche Schöpfung, ja selbst als rein politische Schöpfung nur unter Duldung seitens des Christentums ein Unding.
Mit diesem Satz steht er völlig auf dem Standpunkt von Erich und Mathilde Ludendorff. Die elitären katholischen Strippenzieher, denen an dieser katholischen Duldung und Befürwortung des gerade entstehenden Dritten Reiches alles lag zu jenem Zeitpunkt, werden über solche Sätze entweder die Stirn gerunzelt oder gelächelt haben. Eberle weiter über den Christen und Katholiken Hitler:
Er ist nicht tief genug in den Geist des Christentums eingedrungen, um zu erkennen: dies Christentum ist ein Ganzes, bei ihm gibt es, seiner Natur nach, keine Privatsache, im Christentum ist der ganze Mensch, also auch der politische Mensch der Religion Gehorsam schuldig.

Und auch das ist ein Gedanke, den das Ehepaar Ludendorff wieder und wieder betont hat. Denn er enthält eine Fülle von Implikationen für den gesamten politischen und kulturellen Bereich, im Grunde für jeden Lebensbereich einer Gesellschaft. Diesen Gedanken erläutert denn Eberle noch weitergehend. Eberle führt dann Zeugnisse für all die Halbheiten der völkisch-christlichen "Religionskneter" an, die er offenbar bei Mathilde Ludendorff behandelt und in ihrem feierlichen Bombast schon als lächerlich kritisiert gefunden hat. Und auch er nennt sie "Schäferspiel mit geliehenen Masken und Fähnchen", nennt sie "Alfanzereien" und fährt dann nach dem Anführen solchen bombastischen Getöses und solcher arisch-christlicher Glaubensbekenntnisse fort:

"Mehr kann man nicht verlagen!" sagt Mathilde Ludendorff bissig dazu, aber ich wüßte außer den Ludendorffs niemanden zu nennen - ich spreche hier von den Völkischen -, der die gerade Ehrlichkeit aufgebracht hätte, zu dem Christentum ein glattes Nein zu sagen.
Und Eberle kennt - wie Mathilde Ludendorff - die psychologischen Ursachen für all die Halbheiten. Er wird quasi zum katholischen "Rosenberg"- und "Hitler-Versteher", wenn er schreibt:
Denn es gehört schon eine große Kraft, viel Überwindung dazu, mit liebgewordenen Anschauungen auf einmal ganz zu brechen. Die schönen Erinnerungen aus der gläubigen Jugendzeit sozusagen aus dem Gedächtnis zu streichen und mit umgekehrten Zeichen zu werten. Da ist es freilich viel bequemer, einfach zu sagen: früher haben wir das nur falsch verstanden und jetzt sind wir "im wahren Christentum". 
Eberle schreibt ganz auf konsequent-katholischer Linie:
Alle diese völkischen Christen vergessen, daß die christlichen Gebote, z. B. das der Feindesliebe, der Demut, der Missionierung des Erdkreises ("Gehet hin und lehret alle Völker") sich immer irgendwie geschichtlich-politisch, nicht nur rein religiös auswirken müssen. Mögen sie es sich, wenn nicht von einem Katholiken, so von Ludendorff, dem Antichristen, sagen lassen, daß das Christentum überpersönlich ist, also nicht und nie danach fragt, was dem einzelnen an der Lehre gefällt und was nicht; und noch etwas, was für die Völkischen wohl das Wesentlichste ist: nämlich daß selbst jedes Überbleibsel des Christentums, das man in die völkische Rassegemeinschaft übernimmt, sich früher oder später gegen den Rassestaat auswirken muß und ihm noch vor seinem endgültigen Gestaltwerden zu Fall bringen wird.
Daß sich solche Gedanken innerhalb Deutschlands ausbreiten könnten, daß war damals die große Sorge der elitär-katholischen Kreise. Und mit dieser Sorge sollten sie ja spätestens ab 1935 nur allzu deutlich recht behalten. Eberle führt dann zahlreiche Halbheiten insbesondere des damaligen "Geistchristentums" des Nationalsozialisten Artur Dinter (1876-1948) in diesem Sinne an und sagt dazu:
Mit diesem halben Christentum läßt sich weder eine "artgemäße Religion", noch "die Aufrichtung eines dritten Reiches, eines völkischen Großdeutschland" erreichen.
Und abschließend sagt er zu dieser Clownerie:
Klatscht Beifall, Freunde, die Komödie ist zu Ende. Und durch den öden Raum hallt nur noch das finstere Lachen des Heiden Ludendorff.
Dieser ganze Artikel ist womöglich ein eher ungewöhnliches Zeitzeugnis und ihm wurde deshalb hier ein ganzer eigener Beitrag gewidmet.

Abb. 4: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 2 

Abb. 5: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 3

Abb. 6: Sonderdruck "Von Luther zu Ludendorff", Februar 1932, Seite 4

Aber in vielem erinnert er natürlich auch an die Predigten des Münchner Kardinals Faulhaber, die ein Jahr später unter dem Titel "Judentum, Christentum, Germanentum" erschienen. Kardinal Faulhaber war ein Befürworter der Teilnahme Deutschlands am Spanischen Bürgerkrieg, das der Durchsetzung des klerikal-faschistischen Franco-Regimes diente (Wiki):

Im November 1936 sprach Faulhaber in einer Predigt über die Bereitschaft zum Leiden und heroischen Taten, die die christliche Weltanschauung fordere. Als Beispiele nannte er den von NS- und anderen rechten Kreisen zum Märtyrer erhobenen Albert Leo Schlageter, auf dessen katholische Konfession er sich bezog, und die „Helden“ des Alcázar im spanischen Bürgerkrieg.

Bei ihm haben wir es also schon wieder mit einem Taktierer erster Sorte zu tun. Da ist nichts mehr ehrlich. Er läßt von verdächtigen Neuheiden katholische Kriege, bzw. Kriege im katholischen Interesse führen und fordert von ihnen "Leiden und heroische Taten". Da ist man wieder im tiefsten Sumpf angelangt, den man mit dem Aufsatz des "Teutonicus" einmal für eine kurze Weile hatte verlassen können.


/In Teilen überarbeitet: 25.12.2017/

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  1. Ludendorff, Erich und Mathilde: Die machtvolle Religiosität des deutschen Volkes vor 1945. Dokumente zur deutschen Religions- und Geistesgeschichte 1933 - 1945. Zusammengestellt und erläutert von Erich Meinecke. Freiland-Verlag, Viöl 2004
  2. Teutonicus (Pseud.): Von Luther zu Ludendorff. Das Entweder-Oder der völkischen Religion. In: Das Neue Reich. Jg. 14, 6., 13. und 20. Februar 1932, Folgen 19-21, S. 359-60, 379-80 und 401-02
  3. Bading, Ingo: Ludendorff regt die Veröffentlichung der Schrift "Protestantische Rompilger" an Tagebuch-Einträge von Alfred Rosenberg zwischen den Jahren 1936 bis 1938. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 19. September 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/09/ludendorff-regt-die-veroffentlichung.html

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