"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Mittwoch, 15. Mai 2019

Erich Ludendorff wendet sich dem Rassegedanken zu (1920)

Anregungen dazu gaben zunächst Karl Ludwig Schemann und der Graf Gobineau (1920)

In seinen Lebenserinnerungen von 1940 beschreibt Erich Ludendorff (1865-1937) vergleichsweise genau, mit welchen Menschen, Büchern und Gedanken er sich nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg beschäftigt hat und wie er sich dabei von einem Politiker mit zunächst überkommener "nationaler" Ausrichtung zu einem solchen bewußt völkischer Ausrichtung wandelte. Es war damals noch ungewöhnlich, daß ein führender deutscher Militär sich dezidiert völkischen Gedanken zuwandte. Ludendorff erwähnt im Zusammenhang mit diesen Entwicklungen auch den den Freiburger Professor und völkischen Schriftsteller Karl Ludwig Schemann (1852-1938) (Wiki) (1). Dessen Werk habe gleich anfangs Einfluß genommen auf seine eigene geistige Entwicklung. 

Inzwischen kann diese Einflußnahme anhand des Briefnachlasses von Schemann genauer nachgezeichnet werden. Er liegt in der Universitätsbibliothek Freiburg vor (1).

Erstmals hat sich Ludwig Schemann brieflich am 30. September 1919 an Erich Ludendorff gewendet (2, S. 236). Er schrieb Ludendorff, um diesen auf seine Gedankenwelt und auf die Rassefrage aufmerksam zu machen. Ludendorff reagierte schnell positiv. Auch ließ er sich von Schemann anregen, den Grafen Gobineau über die Rassefrage zu lesen. 

Schemann und Ludendorff beziehen sich dann beide aufeinander in ihren Büchern zwischen den Jahren 1920 und 1925. Dazu werden in dem vorliegenden Beitrag erste Recherche-Ergebnisse gebracht. Sie sind künftig nach und nach noch auszubauen, insbesondere um das geistige Umfeld von Ludwig Schemann auszuloten (der Kreis um Richard Wagner), und um die Bedeutung des Austausches mit Ludwig Schemann für das weitere Denken Erich Ludendorffs nachzuvollziehen.

Abb. 1: Karl Ludwig Schemann

Als langjähriger Vorsitzender der Gobineau-Vereinigung hat sich Karl Ludwig Schemann die Aufgabe gestellt, seine Zeitgenossen auf das Lebenswerk des Grafen Gobineau aufmerksam zu machen und dessen Bekanntheit zu fördern. Wir lesen dazu (Handbuch des Antisemitismus, 2012, S. 288, GB):

Die Gobineau-Vereinigung wurde im Februar 1894 mit dem Ziel gegründet, die Werke des französischen Rassentheoretikers Arthur de Gobineau neu aufzulegen und ins Deutsche zu übersetzen. Dies war schon länger ein Wunsch Cosima Wagners, deren Mann mit Gobineau befreundet gewesen war und in seinen späten Schriften Gedanken des Franzosen rezipiert hatte. Vorsitzender der Vereinigung wurde Ludwig Schemann, der seine ungeliebte Anstellung als Bibliothekar in Göttingen aufgeben wollte und in der Vereinigung die Möglichkeit zu einem beruflichen Neuanfang als Privatgelehrter und Publizist sah. Wagner vermittelte ihm den Kontakt zu Gobineaus Nachlaßverwalterin Mathilde de La Tour. (...) Schemann emanzipierte sich in der Folge von Bayreuth und richtete sein Wirken auf den Alldeutschen Verband, den er als seine politische Heimat begriff, und andere völkische Gruppen aus. 

Der Nachlaß von Karl Ludwig Schemann steht der Forschung in der Universitätsbibliothek Freiburg zur Verfügung (1). Der Inhalt des Schemann-Nachlasses in Bezug auf Erich Ludendorff ist in der Literatur auch schon ausgewertet worden, nämlich von Bernhard Wien (2).

1920 - Erich Ludendorff gibt 25.000 Mark für die Druckkosten

Anhand seiner Ausführungen sei das folgende in einem ersten Durchgang rekapituliert. Am 2. Februar 1920 schickte Ludwig Schemann Erich Ludendorff das Manuskript seiner Schrift "Von deutscher Zukunft" (3) (Abb. 2) und schrieb dazu, daß er diese Schrift gerne Erich Ludendorff widmen wolle (2, S. 236). Erich Ludendorff hinwiederum zeigte sich vom Inhalt dieser Schrift sehr angetan, er sollte sich in seiner eigenen Buchveröffentlichung des Jahres 1921 sehr positiv auf sie beziehen.

Ende Februar, Anfang März 1920 besuchte Erich Ludendorff von Berlin aus Paul von Hindenburg in Hannover. Es geschah dies nur zwei Wochen vor dem Kapp-Putsch in Berlin. Damit in Zusammenhang stellt Bernhard Wien, daß Ludwig Schemann am 3. März 1920 sein Manuskript auch an Hindenburg schickte. Es ist also denkbar, daß Erich Ludendorff in persönlichem Gespräch Hindenburg auf den Autor Schemann hingewiesen hat. Hindenburg bedankte sich auch für die Zusendung schon am 10. März herzlich (2, S. 236f).

Erich Ludendorff hinwiederum antwortete auf die Zusendung der Schemann-Schrift am 23. Mai 1920 (2, S. 236).

In einem Brief vom 6. November (vermutlich 1920) sandte Erich Ludendorff Schemann dann sogar 25.000 Mark für die Druckkosten der Schrift "Von deutscher Zukunft" (2, S. 236). Ob Ludendorff über diese Summe aus privaten Mitteln verfügte und verfügen konnte (wie von B. Wien gemutmaßt) oder doch umfangreichere Gelder verwaltete, die ihm von Ludendorff-Verehrern zur Verfügung gestellt wurden, wird wohl noch zu klären sein. Wir erfahren (4, S. 49):

Seine Haltung zur Weimarer Republik hatte Schemann schon 1920 in seiner Schrift "Von deutscher Zukunft" dargelegt. "Was haben wir mit dem fluchbeladenen Geschlecht des 9. November gemein (...)?", so lautet die Fragestellung (S. 27). (...) Das ganze Werk ist "Seiner Exzellenz Herrn General der Infanterie Ludendorff in tiefer Verehrung gewidmet".

1921 - Erich Ludendorff in "Kriegführung und Politik"

Erich Ludendorff seinerseits berichtet in seinen Lebenserinnerungen über die Zeit nach seinem Umzug nach München im Sommer 1920 (1940, S. 182f):

In meinem Suchen nach Klarheit über die Rassen las ich auch, angeregt von Professor Ludwig Schemann, Freiburg i. Br., die Werke von Gobineau und beschäftigte mich mit den Mendelschen Gesetzen der Aufspaltung. Ich war um so mehr zur Rassenforschung angeregt, denn ich sah in Bayern einen Menschenschlag, den ich in Norddeutschland noch nicht angetroffen hatte. (...) Im Herbst 1921 beendete ich mein drittes Werk "Kriegführung und Politik".

Er schreibt (1940, S. 185):

Ich gebe nun noch ungekürzt meine Schlußbetrachtungen wieder, weil sie für mein Denken maßgebend sind und Zeugnis ablegen für die Anschauungen, die ich mir auf verschiedenen Gebieten herausgebildet hatte.

In diesen Schlußbetrachtungen zu "Kriegführung und Politik" hatte er unter anderem geschrieben (1940, S. 188):

Das Undeutsche in uns und um uns, von dem Ludwig Schemann spricht, liegt vornehmlich in dem Mangel an Rassegefühl, in der ungenügenden Berücksichtigung Deutscher Art in Schule und Recht, in der Überhebung der Geistesbildung über die Handfertigkeit, in der sich bei uns breit machenden, selbstsüchtigen Geisteshaltung, in der Bewertung des äußeren Wohllebens, im internationalen pazifistischen und defaitistischen Denken und schließlich in dem starken Hervortreten des jüdischen Volkes innerhalb unserer Grenzen begründet.

Auch an anderer Stelle seines Buches "Kriegführung und Politik" bezieht sich Erich Ludendorff auf Ludwig Schemann (6, S. 336) (dies und das folgende nur nach Google Bücher zitiert, deshalb unvollständig):

In unserer Einheitsfront haben wir, nach Ludwig Schemanns schönem Wort, "den Heldensinn, den Ordnungsgeist, die Disziplin und das Pflichtgefühl," - und ich setze hinzu: die stolze, selbstbewußte Einfachheit und Sparsamkeit, die ...

1925 - Schemanns "überschwengliche Verehrung" für Ludendorff

Im Jahr 1925 wird berichtet (Abwehrblätter - Verein zur Abwehr des Antisemitismus, 1925, GB):

Aus dem kürzlich erschienenen Buche des bekannten Antisemiten und Gobineau-Forschers Ludwig Schemann "Lebensfahrten eines Deutschen" druckt das "Dt. Tgb" einen Passus ab, in dem Ludendoff in überschwenglicher Weise verherrlicht wird. Schemann nennt Ludendorff ...

In dieser Schrift "Lebensfahrten eines Deutschen" schrieb Schemann über Erich Ludendorff (S. 365ff):

... Und Ludendorff? Er hat mir durch die Annahme der Widmung meiner vaterländischen Schrift "Von deutscher Zukunft. Gedanken eines, der auszog, das Hoffen zu lernen" eine hohe Gunst erwiesen, indem er es mir damit ermöglichte, meine tiefgehende Übereinstimmung in der Auffassung der deutschen Lebensfragen mit diesem größten unserer Führer öffentlich zu bekunden. Immer inniger habe ich mich ihm in der Folge verbunden gefühlt, immer in der stillen Hoffnung, daß, wenn doch noch einmal den guten Geistern unseres Volkes ihre Stunde schlagen sollte, er mit an erster Stelle berufen sein werde, in die Lenkung unseres Reichssteuers einzugreifen.

Vermutlich verlor sich aber in der Folgezeit diese engere Verbundenheit Schemann's mit Ludendorff. (Denn sonst müßte darüber ja doch noch etwas bekannt sein.) Ludendorff begann ab 1925, eigene Wege zu gehen. Schemann hingegen (Wiki)

wurde 1928 öffentlicher Förderer der Nationalsozialistischen Gesellschaft für deutsche Kultur. 1933 wurde er zum Ehrenbürger der Stadt Freiburg ernannt. 1937 wurde er Ehrenmitglied des nationalsozialistischen Reichsinstituts für Geschichte des Neuen Deutschlands und von Adolf Hitler mit der Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet.

Ob es von Seiten Schemanns auch kritische Sichtweisen auf den Nationalsozialismus gab (wie spätestens ab 1925 bei Ludendorff), muß einstweilen dahin gestellt bleiben. - Den hier insgesamt aufscheinenden Zusammenhängen kann also noch nach vielen Richtungen hin genauer nachgegangen werden. So könnte etwa die Auseinandersetzung Ludendorffs mit Rassefragen noch einmal im größeren Zusammenhang erörtert werden. Auch könnte der Verbindung Ludwig Schemanns zum Kreis um Richard Wagner genauer nachgegangen werden. An den Austausch Erich Ludendorffs mit Ludwig Schemann schließt sich übrigens auch sein Austausch mit vielerlei anderen, unter anderem naturwissenschaftlich oder anthropologisch orientierten Denkern, Forschern und Autoren seiner Zeit an (8).

1933 - Mathilde Ludendorff bezieht sich auf Ludwig Schemann

Nachtrag 14.3.23: 1930 erschien der zweite Band von Ludwig Schemann's Buch "Die Rasse in den Geisteswissenchaften - Studien zur Geschichte des Rassegedankens" (10). Auf dieses Buch bezog sich Mathilde Ludendorff in ihrem Buch "Die Volksseele und ihre Machtgestalter - Eine Philosophie der Geschichte" aus dem Jahr 1933 (9). Im letzten Teil desselben Buches behandelt sie unter anderem die antik-griechische Philosophen-Schule Stoa als eine Art Vorläufer-Lehre des Christentums (9). Dabei stützt sie sich oft wörtlich auf Ausführungen von Ludwig Schemann.

Nachtrag 29.8.23: Inzwischen haben wir uns mit dem Einfluß Karl Ludwig Schemann's auf das Werk Mathilde Ludendorffs "Die Volksseele und ihre Machtgestalter" aus dem Jahr 1933 ausführlicher beschäftigt (Stgen2023). Man wird annehmen können, daß Schemann alle seine Neuerscheinungen an Erich Ludendorff gesandt hat, und daß so seine Bücher auch in die Hände von Mathilde Ludendorff gekommen sind. 

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  1. Universitätsbibliothek Freiburg, Nachlaß Ludwig Schemann, 10 Briefe, 5 Briefabschriften, http://kalliope.staatsbibliothek-berlin.de/de/ead?ead.id=DE-611-HS-616943
  2. Wien, Bernhard: Weichensteller und Totengräber. Ludendorff, von Hindenburg und Hitler 1914-1937. Books on Demand, Norderstedt 2014 (GB)
  3. Schemann, Ludwig: Von deutscher Zukunft. Gedanken eines, der auszog, das Hoffen zu lernen. Theodor Weicher, Leipzig 1920
  4. Nemitz, Kurt: Die Schatten der Vergangenheit. Beiträge zur Lage der intellektuellen deutschen Juden in den 20er und 30er Jahren. Bibliotheks- und Informationssystem der Universität Oldenburg, 2000 (156 S.) (GB)
  5. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär. 1940 (GB)
  6. Ludendorff, Erich: Kriegführung und Politik. Mittler und Sohn, Berlin 1921
  7. Schemann, Ludwig: Lebensfahrten eines Deutschen. 1925 
  8. Bading, Ingo: Erich Ludendorff im Austausch mit Naturwissenschaftlern seiner Zeit Sowie mit völkischen und kirchenfreien Zeitgenossen seiner Generation. Studiengruppe Naturalismus, 20. August 2014, https://studiengruppe.blogspot.com/2014/08/erich-ludendorff-im-austausch-mit.html
  9. Ludendorff, Mathilde: Die Volksseele und ihre Machtgestalter. Eine Philosophie der Geschichte. Erstauflage 1933; Verlag Hohe Warte, Pähl 1955 (Archive)
  10. Schemann, Ludwig: Die Rasse in den Geisteswissenchaften. Studien zur Geschichte des Rassegedankens. Band 2, J. F. Lehmann's Verlag, München 1930 (GB

Montag, 29. April 2019

Juristen und Prozesse in der Geschichte der Ludendorff-Bewegung

1. Teil: Zugängliche Lebensdaten zu Rechtsanwalt und Kriegsgerichtsrat Dr. Wilhelm Heltge
- Ein wichtiger Rechtsanwalt Erich und Mathilde Ludendorffs 1928 bis 1935

Vorbemerkung

Juristen - Richter und Rechtsanwälte - haben in der Geschichte der Ludendorff-Bewegung eine ganz eigene, besondere Rolle gespielt. Denn Erich Ludendorff war schon spätestens ab 1924 in zahllose Prozesse verwickelt. Später war er dies gemeinsam mit seiner Frau Mathilde Ludendorff. Als nach 1945 der "Bund für Gotterkenntnis" neu gegründet wurde, wünschte sich Mathilde Ludendorff für den Vorstand desselben ausdrücklich Juristen, da immer wieder erneut zahlreiche juristische Fragen im Zusammenhang mit dieser Weltanschauungsgemeinschaft zu klären waren. Es ging darum, als Weltanschauungsgemeinschaft gleichberechtigt zu den großen christlichen Kirchen anerkannt zu werden und als solche anerkannt zu bleiben und nicht verboten zu werden. 1961 erfolgte dennoch ein Verbot. Die Aufhebung des Verbots konnte ab 1976 auf juristischem Wege erreicht werden aufgrund einer damals ganz neu von gerichtlicher Seite festgestellten besonderen "Existenzerhaltungsgarantie" von Religions- und Weltanschauungsgemeinschaften, die aus diesem Anlaß aus der Weimarer Verfassung und dem Grundgesetz abgeleitet wurde, und die seither - und bis heute - nicht nur den Fortbestand des "Bundes für Gotterkenntnis" gleichberechtigt mit monotheistischen Psychosekten garantiert, sondern zugleich auch die juristische Grundlage bildet für den Fortbestand von kriminellen Vereinigungen und Psychosekten wie: der Scientology-Kirche, der katholischen Kirche, dem Jesuitenorden und zahllosen "regulären", völkischen und satanistischen Freimaurer-Logen.

Abb. 1: Die Herren Prothmann, Marquardt, Reinhard, Sand und Panthel am Seitentor des Friedhofs in Tutzing, 10.10.1958 (aus: 11)

Auf Abbildung 1 stehen einige führende Persönlichkeiten des "Bundes für Gotterkenntnis" der 1950er Jahre vor dem damaligen Eingangstor zum Grab Erich Ludendorffs in Tutzing, und zwar von links: Der Berliner Kammergerichtsrat Wilhelm Prothmann (1895-1968), der vormalige Leipziger Landesgerichtsrat Dr. jur. Edmund Reinhard (1893-1975) und der Amtsgerichtsrat Dr. jur. Rudolf Sand (1896-1992). Alles drei waren Juristen, die damals dem Vorstand des "Bundes für Gotterkenntnis" angehörten (11). Auch der Nürnberger Rechtsanwalt Eberhard Engelhardt (1905-1991) spielte schon damals und nachmals eine wichtige Rolle, zunächst als Anwalt, später auch als Autor der Ludendorff-Bewegung. Ein weiterer Anhänger war der Berliner Rechtsanwalt Jürgen Harms, der wiederum Sohn des Berliner Professors Bruno Harms war. Zu allen diesen Personen liegen von Seiten des Verfassers dieser Zeilen mal umfangreichere, mal weniger umfangreiche biographische Vorarbeiten vor. Diese können früher oder später hier auf dem Blog (oder anderwärts) veröffentlicht werden. Mit recherchierende weitere Autoren sind dafür übrigens - wie immer - sehr willkommen. Denn bei solchen Arbeiten kann man in einer Welt von Details ertrinken.

So hat sich etwa die einzige Tochter des genannten Wilhelm Prothmann, Ingrid Prothmann (geb. 1933), nach dem Zweiten Weltkrieg für die Schauspielerei entschieden. Sie war ab den frühen 1950er Jahren mit dem damals nicht ganz unbekannten Schauspieler Rolf von Goth (1906-1981) (Wiki, IMDb) verheiratet. Dieser war ab dem Jahr 1927 in Rollen als Herzensbrecher auf der Filmleinwand zu sehen (Virtual History, Rolf von Goth), zumeist in Nebenrollen, mitunter aber auch in der Hauptrolle. Und aus der Ehe dieser Tochter ging wiederum ein heute noch lebender Berliner Jurist hervor. Außerdem hatten viele der genannten Juristen auch im Zweiten Weltkrieg Funktionen, die heute nicht als unumstritten gelten. So viel aber hier nur als allgemeinere Vorbemerkung.

Nun zum Thema dieses ersten Teiles: Der Rechtsanwalt Dr. Walter Luetgebrune (1879-1949) (Wiki) war von Januar bis März 1924 der Verteidiger Erich Ludendorffs in dem bekannten Hitler-Ludendorff-Prozeß in München gewesen (9) und wurde auch in nachfolgenden Jahren von Erich Ludendorff in juristischen Auseinandersetzungen oft in Anspruch genommen.

An seine Stelle trat ab 1928 der Berliner Rechtsanwalt Dr. Wilhelm Heltge (1887-1966) (1-3). Er wurde für die Jahre zwischen 1928 und 1935 der wichtigste Rechtsvertreter von Erich und Mathilde Ludendorff. Wilhelm Heltge ist 1887 in Wittstock an der Dosse geboren worden. Er hat in Greifswald und Berlin studiert und er promovierte im Jahr 1910 (4). Sicherlich hat er danach am Ersten Weltkrieg teilgenommen. 1920 hat er dann mit 33 Jahren Henriette Lisette Anna Heise (1889-1970) geheiratet. Sie war in Bad Salzuflen geboren worden. 1928 war Heltge schließlich 41 Jahre alt, hatte sich sicherlich auch weltanschaulich der damals entstehenden Ludendorff-Bewegung angenähert und arbeitete als Rechtsanwalt und Notar in Berlin.

1928 - Große Prozesse gegen die deutsche Freimaurerei

Im März 1928 führten zwei Freimaurer, darunter der Landesgroßmeister der "Großen Landesloge der Freimaurer von Deutschland", Graf Dohna-Schlodien, Beleidigungsprozesse gegen Erich Ludendorff. Erich Ludendorff berichtet darüber in seinen Lebenserinnerungen (3, S. 162):

Beide Prozesse ließ ich zuerst durch Dr. Luetgebrune führen. Da sie indes diesem nicht lagen, bat ich später Herrn Rechtsanwalt Dr. Heltge in Berlin, die Führung zu übernehmen. Dieser widmete sich mit größter Gewissenhaftigkeit und ungeheurem Fleiß der ihm übertragenen Aufgabe. Auch mir machte die Vorbereitung der Prozesse viel Arbeit. Aber ich gab insofern dem Schicksal die richtige Antwort, worauf es ja im Leben so oft ankommt, daß ich die Studien, die ich nun zu betreiben hatte, benutzte, um meine bisherigen Kenntnisse über das geschichtliche Wirken der Freimaurer immer mehr zu vertiefen, so daß aus diesem Studium wie von selbst das Werk "Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren" entstand.

Ab April 1929 begannen dann die Auseinandersetzungen Erich Ludendorffs mit seinem vormaligen Mitarbeiter Georg Ahlemann (10). Über diese schreibt Erich Ludendorff unter anderem (3, S. 223):

Schon im April (...) kamen Schreiben des Rechtsbeistandes der "Deutschen Wochenschau" mit den unmöglichsten Beschuldigungen eines Wirkens gegen sie. Ich ließ sie durch Dr. Heltge beantworten.

Der Rechtsanwalt Heltge wird auch erwähnt in einer diesbezüglichen Schrift von Kurt Zemke im Jahr 1931 (GB). - Über den Juni 1930 schreibt Mathilde Ludendorff in ihren Lebenserinnerungen (S. 107; zit. n. 12):

Noch immer schwebten damals über meiner Tochter die Schrecken des (Scheidungs-)Prozesses; aber sie war von uns so viel Prozeßführung (zeitweise waren es deren 9) gewohnt, war so unser täglicher Kamerad in all den schweren Zwischenfällen des Kampfes geworden, daß sie ruhiger daran trug als andere, die solchen Vergleich nicht haben.

Am 25. November 1930 schrieb Mathilde Ludendorff an ihre Mutter (zit. n. 12):

Ich weiß nicht, ob ich es Euch schon schrieb, dass unterdessen zwei Prozesse von den 9, die augenblicklich (einschließlich Ingeborgs) schweben, erledigt sind.

An vielen dieser Prozesse wird Heltge beteiligt gewesen sein. Um welche es sich im einzelnen handelt, wäre noch einmal herauszusuchen. - Aus den Jahren 1932 und 1933 gibt es dann eine Korrespondenz zwischen dem Rechtsanwalt Dr. Heltge in Berlin und dem Tannenbergbund-Landesführer von Berlin Robert Holtzmann (siehe Holtzmann-Nachlaß).

1933 - Gründung eines Ahnenstätten-Vereins in Berlin

In dieser Zeit gründete die Ludendorff-Bewegung eigene Friedhöfe, da nicht garantiert war, daß man als Nichtchrist auf christlichen Friedhöfen begraben werden konnte. Die erste solcher "Ahnenstätten" wurde 1931 in Hude bei Oldenburg gegründet. Zwei Jahre nach der Gründung dort bemühte man sich auch in Berlin um die Anlage einer solchen Ahnenstätte und um die Gründung eines diesbezüglichen Vereins. Die Akten zu diesem Ahnenstätten-Verein befinden sich im Landesarchiv Berlin unter dem Aktenzeichen Az. 95 VR 7581 + 55. Der Verein nannte sich - laut eines Schreibens vom 18. August 1933 - zunächst "Deutscher Bestattungsverein". Sein amtlicher Vertreter war wiederum der Rechtsanwalt Dr. Heltge, Berlin SW 61, Tempelhofer Ufer 1.

1932 bis 1936 - Prozeß Johannes Hertel gegen Ludendorff wegen "Beleidigung eines Staatsbeamten"

Abb. 2: Johannes Hertel (aus: Enz. Iran.)

In einer wissenschaftlichen Untersuchung, die im Jahr 2009 verfaßt worden ist und im Jahr 2012 erschienen ist, heißt es über Mitarbeiter Erich Ludendorffs Anfang der 1930er Jahre, nämlich Erich Schulz, Karl von Unruh, Hermann Rehwald, Erich Biermann (1898-1983) und Walter Löhde (8):

Biographische Angaben über diese Personen zu finden, ist nicht einfach.

Im Februar 2012 war schon eine lange Ausarbeitung über den hier genannten Hermann Rehwald erschienen (13). In der Zeit danach stießen wir auch auf einen Sohn des genannten Erich Biermann und standen 2013 mit ihm Verbindung. Er machte uns Mitteilungen über das Leben seines Vaters und seines Großvaters, die die Grundlage eines noch unveröffentlichten Artikels hier auf dem Blog bilden. Auch Vorarbeiten zu biographischen Skizzen zu Franz von Unruh und Walter Löhde gibt es. So viel nur zu diesem Satz.

In dieser wissenschaftlichen Untersuchung wird ein wenig unsauber gearbeitet, wenn unterstellt wird, daß Mathilde Ludendorff schon 1919 in ihrem Werk "Triumph des Unsterblichkeitwillen" die Behauptung aufgestellt hätte, daß die Bibel Plagiate indischer Schriften enthalten würde (8, S. 53). Diese Behauptung bezieht sich auf eine Ausgabe dieses Werkes aus dem Jahr 2008 und berücksichtigt nicht, daß spätere Auflagen gegenüber der Erstauflage umgearbeitet worden sein könnten.

Das Buch von Mathilde Ludendorff  "Erlösung von Jesu Christo", das im Jahr 1931 erschienen ist (14), hat in damaligen christlichen Kreisen hohe Wellen geschlagen. Viele Gegenschriften aus der Feder von protestantischen und katholischen Theologen erschienen. Der Ton insgesamt war in den meisten Fällen "kämpferisch" bis die Gegenseite "herabsetzend". Die Pfarrer Heinrich Roth und Johannes Leipold wandten sich in diesem Zusammenhang an den Leipziger Indologen Johannes Hertel (1872-1955)(Wiki). Sie baten um eine Begutachtung der Ausführungen zu unterstellten indischen Entlehnungen in der Bibel von Seiten Mathilde Ludendorffs in ihrem geannten Buch (8, S. 54).

Hertel verfaßte dazu eine eigene Schrift, die in protestantischen Kreisen weite Verbreitung fand (15). Diese Schrift rief auf Seiten der Ludendorff-Bewegung wiederum Antworten hervor (16, 17).

Im Februar 1933 reichte der schon aus früheren Jahren prozeßerfahrene Johannes Hertel Klage bei Gericht ein wegen Beleidigung eines Staatsbeamten. Er wollte dabei nicht nur die Beleidigungen selbst geahndet wissen, sondern vom Gericht auch den wissenschaftlichen Tatbestand durch indologische Gutachten festgestellt wissen (8, S. 55f). Erich Ludendorff schreibt in seinen Lebenserinnerungen zu dieser Klage (3, S. 371, s. GB):

Die Erwiderung brachte mir viel Arbeit. Ich hatte wieder Herrn Rechtsanwalt Dr. Heltge gebeten, die Verteidigung zu übernehmen. Mit größter Umsicht und eisernem Fleiß arbeitete er sich in dieses ihm fremde Gebiet ein. Im übrigen sahen wir dem Prozeß mit größter Ruhe entgegen.

Auf die bei Gericht eingereichte Stellungnahme antwortete Hertel im August 1933 mit einer neuen Stellungnahme (8, S. 58). 

Amnestie-Gesetzgebungen bewirkten zwischenzeitlich, daß die zuvor ebenfalls erhobenen Anklagen gegen Erich Ludendorff, Erich Biermann, Karl von Unruh und Walter Löhde wieder aufgehoben worden sind (8, S. 58). 

1934 blieben nur noch Ernst Schulz und Mathilde Ludendorff als Beklagte in diesem Beleidigungs-Prozeß übrig. Zunächst hatte das Gericht auch hier die Klage einstellen wollen, entschloß sich dann aber zur Weiterführung des Prozesses.

Außergerichtliche Einigung - 1935/36

Im Mai oder Juni 1935 - also nach dem öffentlich groß gefeierten 70. Geburtstag Erich Ludendorffs in Tutzing - waren beide Seiten zu einer außergerichtlichen Einigung bereit, wohl sogar zu einem persönlichen Treffen in Tutzing (8, S. 59) (wozu es aber wohl nicht gekommen ist - ?).

Nach zähen Verhandlungen wurde 1936 der Vergleich geschlossen. Erich Ludendorff erklärte sich bereit, die Prozeßkosten und die Auslagen für den Anwalt von Hertel zu tragen.

Über Suchmaschinen zu Archivalien in Deutschland kann man übrigens auf zahlreiche bislang unbekannte Archivalien zum Leben Erich und Mathilde Ludendorffs aufmerksam werden (Kalliope). Dabei finden sich derzeit gerade besonders viele Briefe aus dem Nachlaß dieses Leipziger Indologen Johannes Hertel in Sachen seines Prozesses gegen das Ehepaar Ludendorff.

So enthält der Briefnachlaß etwa auch Briefe eines Moritz Spieß, eines Verwandten des Vaters von Mathilde Ludendorff, der Erinnerungen an die Sanskrit-Kenntnisse des Vaters von Mathilde Ludendorff enthält.

1935 - Prozeß gegen Professor Elze

Rechtsanwalt Heltge wurde auch aktiv in dem Prozeß Erich Ludendorffs gegen den Berliner Geschichtsprofessor Elze im Jahr 1935 (GB). Dieser Prozeß spielte auch eine Rolle im Verhältnis Erich Ludendorffs zu den führenden Generalen der damaligen Wehrmacht und zur Hitler-Regierung. Deshalb wird dieser auch in den Ludendorff-Biographien von Franz Uhle-Wettler und Nebelin erwähnt. 

1935 wurde dem Rechtsanwalt Heltge der Sohn Ekkehard geboren (7). 1936 wird Heltge auch in einer Schrift des Karlsruher Rechtsanwalts Robert Schneider über seine Prozesse gegen die Freimaurerei erwähnt mit den Worten:

Herrn Rechtsanwalt Dr. Heltge in Berlin spreche ich meinen Dank aus für seine ausgezeichnete Mitarbeit in dem oben genannten Prozeß.
1939 wurde Wilhelm Heltge Justizrat (6). So auch laut der Zeitschrift "Deutsche Justiz" S. 226, außerdem war er Mitglied, bzw. Mitarbeiter des "Erbrechtsausschusses".

Im Anzeigenteil von "Ludendorffs Halbmonatsschrift" "Am Heiligen Quell Deutscher Kraft" erschien in der Folge vom 21. April 1939 die folgende Anzeige:
Abb. 3: Anzeige vom 21. April und 25. August 1939

Diese Anzeige wird nochmals geschaltet am 25. August 1939. Der mit Hilfe von Heltge 1933 gegründete Verein hatte 1939 169 Einzelmitglieder und 97 "Sippenmitglieder" (also wohl Familienangehörige). Allerdings wurde er 1955 "als tatsächlich nicht mehr bestehend von Amts wegen gelöscht". Denn das von dem Verein vor dem Krieg erworbene Grundstück in Blumenberg lag nun auf dem Gebiet der DDR.

1939 bis 1945 - Todesurteile als Kriegsgerichtsrat

Über die weiteren beruflichen Stationen Heltges ist zu erfahren (6):

1939 bis 1945 war er Kriegsgerichtsrat, später Flottenrichter, danach Richter zu Bielefeld und Landgerichtsdirektor zu Essen a. d. Ruhr.

Die Tätigkeit der Kriegsgerichtsräte während des Zweiten Weltkrieges ist heute hochgradig umstritten. Wir wollen an dieser Stelle nicht versuchen, zu einer Bewertung derselben zu kommen. Das ist eine eigene Thematik, in die man sich erst einarbeiten muß. Es soll hier nur verzeichnet werden, was beim derzeitigen Stand zusammengetragen werden kann dazu.

Vom August 1940 bis zum September 1941 war der Marineoberkriegsgerichtsrat Dr. jur. Wilhelm Heltge zusammen mit vier anderen Kollegen Dienstaufsichtsrichter und Rechtsberater des Kommandierenden Admirals der norwegischen Westküste (Axishistory 2012). Auf einem "Forum Marinearchiv" wird berichtet (17. Januar 2014):

Dr. Heltge verurteilte sechs Norweger zum Tode. Sie wurden auf der Insel Håøya (Oslofjord, Oscarsborg Festung) am 2. November 1941 hingerichtet. Sowohl die norwegischen wie die deutschen Archive scheinen keine Informationen über diese Tragödie zu enthalten.
Original: Dr. Heltge sentenced six Norwgians to death. They were executed on the island Håøya (Oslofjord, Oscarsborg festung) on 2. November 1941. Both Norwgian and German archives seem to (be) empty on information on this tragedy.

1944 war er als Marineoberkriegsgerichtsrat mit dem Fall eines schon zuvor mehrfach verurteilten, als "schwachsinnig" beurteilten Zivilmatrosen Friedrich Thomas befaßt, einem einstigen "Stricherjungen", der wegen Einbruchsdiebstahl und 2-monatigem unerlaubtem Fernbleiben von der Truppe zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt worden war, während sein Kamerad zum Tode verurteilt worden war (4):

Das Oberkommando der Kriegsmarine Berlin beauftragte den Marineoberkriegsgerichtsrat Wilhelm Heltge mit der Erstellung eines Rechtsgutachtens über die Urteile. Dieser schlug vor, das Urteil gegen Hans Köllner zu bestätigen und das gegen Friedrich Thomas "zur nochmaligen Prüfung der Sach- und Rechtslage und des Strafmaßes" aufzuheben. Das Oberkommando folgte seinem Vorschlag und ordnete die Vollstreckung von Hans Köllners Todesurteil an. Am 2. Mai 1944 wurde dieser am Schießstand in Hamburg-Rahlstedt, Höltigbaum, um 7.30 Uhr erschossen.

Über die erneute Gerichtsverhandlung heißt es:

Das Feldgericht folgte dem Gutachten, das auf Fahnenflucht statt unerlaubter Entfernung erkannte, und das frühere Teil-Strafmaß von "nur drei Jahren Gefängnis" mit der Begründung kritisierte, es sei erforderlich, "bei so lange Zeit (2 Monate) dauernden unerlaubten Entfernungen auch gegen das Gefolge mit schärfsten Strafen einzuschreiten. Es geht nicht an, dass junge, wehrfähige Männer glauben, ihre den Wehrdienst ersetzende Dienstverpflichtung weniger genau nehmen zu müssen. … Dabei kann der Schwachsinn des Angeklagten nicht zu einer milderen Beurteilung führen. Wer eine Strafverbüßung als so unangenehm empfindet, daß er sich seiner Dienststelle fernhält, ist auch fähig, das Unrecht neuer Straftaten zu erkennen und danach zu handeln. … Die Kriegsnotwendigkeiten erfordern hier rücksichtsloses Einschreiten gegen Schwächlinge, Minderwertige, Psychopathen und ähnlich Veranlagte." Es folgte auch der Erwägung, daß die Todesstrafe angebracht sei.

1956 bestand auf der Humboldt-Schule in Essen ein Ekkehard Heltge das Abitur und begann ein Jurastudium. Es wird ein Sohn von Wilhelm Heltge sein.

Wilhelm Heltge starb drei Monate nach Mathilde Ludendorff am 10. August 1966 in Bad Salzuflen. Auffallenderweise ist in der Zeitschrift "Mensch & Maß" im Jahr 1966 scheinbar keine Todesanzeige und kein Nachruf auf ihn erschienen. Es könnte von Interesse sein zu fragen, ob es in Bad Salzuflen oder anderwärts noch einen Nachlaß von Wilhelm Heltge gibt. Seine Frau starb 1970 in Essen und wurde ebenfalls in Bad Salzuflen begraben.

Erster Entwurf:
20.8.2014
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  1. Deutsches Geschlechterbuch (Genealogisches Handbuch Bürgerlicher Familien), Band 177, 1978, S. 243 (GB)
  2. Holler, Wolfgang (Berlin): Wilhelm und Henriette Heltge. Einträge auf http://gedbas.genealogy.net/person/show/1149102765 [29.4.19] (Verein für Computergenealogie)
  3. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter deutscher Volksschöpfung. Bd. 2: Meine Lebenserinnerungen von 1926 bis 1933. Verlag Hohe Warte, Pähl 1951
  4. Heltge, Wilhelm: Die Rechtsverhältnisse aus Paragraph 651 BGB. Inaugural-Dissertation. Druck von J. Abel 1910 (91 S.)
  5. Schneider, RA Robert: Die Freimaurerei vor Gericht. Neue Tatsachen über Weltfreimaurerei, deutsch-christliche Orden und geheime Hochgrade. Dritte, ergänzte und neubearbeit. Aufl., Karlsruhe 1936 (Archiv.org)
  6. Hildegard Thevs; Ulf Bollmann: Friedrich Thomas, geboren 1919, hingerichtet am 28.8.1944. Auf: Stolpersteine Hamburg, http://www.stolpersteine-hamburg.de/?&MAIN_ID=7&BIO_ID=3753 [26.6.14]
  7. Pukowski, Christian; Wuttke, Hans: Abitur 1956 - Humboldtschule Essen - 50 Jahre danach. 2006, S. 3; auf: https://www.yumpu.com/de/document/view/8909460/pdf-datei/45 [26.6.14]
  8. Neubert, Frank: Johannes Hertel vs. Mathilde Ludendorff: Prozesse und Diskurse. In: 200 Jahre Indienforschung – Geschichte(n), Netzwerke, Diskurse. Hrsg. von Heidrun Brückner und Karin Steiner. Harrassowitz Verlag · Wiesbaden 2012, https://germanindia.files.wordpress.com/2012/05/2023725.pdf
  9. Bading, Ingo: Erich Ludendorff im Jahr 1924. Studiengruppe Naturalismus, 30. Januar 2018, http://studiengruppe.blogspot.com/2018/01/erich-ludendorff-im-jahr-1924_30.html  
  10. Bading, Ingo: Um "seiner Verdienste um die Bewegung" willen ... Ein nationalsozialistischer Ludendorff-Gegner erhielt noch 1944 seinen Judaslohn von Adolf Hitler. Stud.gr. Nat., 17. Dezember 2011, https://studiengruppe.blogspot.com/2011/12/um-seiner-verdienste-um-die-bewegung.html
  11. Bading, Ingo: Vorarbeiten für ein "Who is who" der Geschichte der Ludendorff-Bewegung, Studgr. Nat., 1. September 2012, https://studiengruppe.blogspot.com/2012/09/vorarbeiten-fur-ein-who-is-who-in-der.html  
  12. Bading, Ingo: "Streng gehütete Familiengeheimnisse" - Rund um den ersten Schwiegersohn von Mathilde Ludendorff, Stgr. Natur., 3.4.2017, http://studiengruppe.blogspot.com/2017/04/streng-gehutete-familiengeheimnisse.html 
  13. Bading, Ingo: Der Schriftsteller Hermann Rehwaldt, der Mitarbeiter Erich und Mathilde Ludendorffs. Im mehreren Teilen, 2012, https://studiengruppe.blogspot.com/2012/02/der-schriftsteller-hermann-rehwaldt-als.html
  14. Ludendorff, Mathilde: Erlösung von Jesu Christo. Ludendorffs Verlag, München 1931
  15. Hertel, Johannes: Von neuem Trug zur Rettung des alten oder Louis Jacolliot und Mathilde Ludendorff. Verlag des Evangelischen Bundes, 1932
  16. Ludendorff, Mathilde: Statt Heiligenschein und Hexenzeichen - Mein Leben. Band 2, Ludendorffs Verlag, München 1932
  17. Schulz, Ernst: Amtliche Wissenschaft im Zeichen des Kreuzes. Eine Abrechnung mit Herrn Prof. Hertel und Genossen. Ludendorffs Verlag, München 1933 

Samstag, 14. Juli 2018

Dieter Henrich hat Mathilde Ludendorff gelesen

Dichter und Denker der deutschen Nachkriegsgeschichte, stammend aus dem Umfeld der Ludendorff-Bewegung
- Die Vergangenheit reicht über ein vielfältiges Wurzelgeflecht hinein in die Gegenwart

Die Vergangenheit reicht über ein vielfältiges Wurzelgeflecht in die Gegenwart hinein, so auch im Bereich der Familiengeschichte. In diesem Beitrag soll auf Familiengeschichten hingewiesen werden, die Berührungen aufweisen mit kulturell gehaltvolleren Teilen der völkischen Bewegung der 1920er und 1930er Jahre (einführender Teil). Zu den kulturell und geistig gehaltvolleren Teilen der völkischen Bewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gehörte auch die Ludendorff-Bewegung. In den letzten Jahren werden immer wieder einmal Familiengeschichten bekannt, die auf irgendeine Weise in Berührung gekommen sind mit der Ludendorff-Bewegung, etwa weil die Eltern oder Schwiegereltern Ludendorff-Anhänger waren. Solche Familiengeschichten sollen in diesem Blogbeitrag zusammen gestellt werden. Sie werden nach und nach ergänzt, so wie zuletzt - 2024 - durch Hinweis auf Dieter Henrich.

Abb. 1: Die Lebenserinnerungen von Dieter Henrich (2021)

***

Viele Menschen haben ihre Familiengeschichte im 20. Jahrhundert aufgearbeitet, viele Menschen, deren Eltern oder Großeltern Nationalsozialisten waren oder die in der völkischen Bewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts tätig waren. So auch der Autor dieser Zeilen in mehreren Blogbeiträgen.

In der überwiegenden Mehrheit der Familiengeschichten der Deutschen markiert das Jahr 1945 einen Bruch. Um so mehr zeitlichen Abstand zu diesem Bruch gewonnen wird, um so deutlicher tritt er heraus. Es ist dieses Jahr 1945 jenes Jahr, in der sich die Menschen der jüngeren Generation eines ganzen Volkes von der eigenen inneren, idealistischen Lebensanschauung, sowie auch der ihrer Eltern, Großeltern und Vorfahren abgewandt haben.

In dieser Hinsicht bildet das Jahr 1945 ein Bekehrungs-Ereignis, die "Bekehrung" eines ganzen Volkes, die "Umerziehung" eines ganzen Volkes, der Identitäts-Wechsel eines ganzen Volkes.

Damals wurde die gesamte deutsche Jugend zu einer neuen "Religion" bekehrt, zur Religion des Konsums, der Oberflächlichkeit, des Hedonismus, des ungeschönten Materialismus, des Wirtschaftswunders, des Wohlstandes und der Zerstörung der vielfältig überlieferten Werte, zu einer Religion des nie da gewesenen Zynismus und der Dummheit, ja, Verblödung, zu einer Religion des Absurden und des Nihilismus (mitunter genannt "Existentialismus"), zu einer Religion seelischer Leere und Hohlheit. Diese Bekehrung wurde heuchlerisch vertuscht unter der Maske der "neuen", "demokratischen", "humanistischen" Gesinnung, zu der Deutsche bis dahin - offenbar - nicht fähig gewesen seien.

Welche tiefe Trauer war noch Mitte der 1990er Jahre auf Treffen von westpreußischen Heimatvertriebenen erlebbar (so z.B. in Münster), wo man unter Hunderten von Menschen, unter Hunderten der einzige Angehörige der eigenen Generation (Jahrgang 1966) gewesen war und wo sich alle Menschen, die sich mit einem unterhielten, wunderten, weshalb man sich für die Geschichte Westpreußens, ihrer Heimat interessierte. Denn die eigenen Kinder der Anwesenden, die Kinder von Hunderten, Tausenden, nein, Millionen von Menschen interessierten sich praktisch durchgehend und allesamt nicht mehr für das, was ihren eigenen Eltern und Großeltern teuer und heilig war bis zur letzten Atemstunde ihres Lebens. So die Aussage eines jeden Anwesenden, mit dem man überhaupt nur ins Gespräch kam. Das Abwenden der nachwachsenden deutschen Generation von allem, was vorher war, war da spürbar wie selten. - Mit welchem Ziel? Mit welchem Anspruch? Wohin? - - -

"Moderne" Welt - - - ?!?

Es seien von solchen Brüchen in Familiengeschichten zunächst einige Beispiele genannt, insbesondere solche, die auf unseren Blogs schon behandelt worden sind oder Erwähnung gefunden haben.

Die deutsche Schriftstellerin Gisela Heidenreich (geb. 1943) (Wiki) ist die uneheliche Tochter eines Familienvaters und SS-Offiziers, der nach dem Zweiten Weltkrieg aktiv mitgearbeitet hat bei dem "Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes" (Wiki) (1, 2). Dieses hat sich nachhaltig darum bemüht, das deutsche kulturelle Erbe und den dieses tragenden seelischen Gehalt auch über das Jahr 1945 hinweg zu retten. Wirkte und wirkt Gisela Heidenreich bei diesen Anliegen heute weiter mit? Ihre Mutter war nicht nur gut befreundet mit der langjährigen Sekretärin Adolf Hitlers, sondern Geliebte eines hochrangigen Diplomaten aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges, der sich aus Deutschland absetzte als ihm gerichtliche Verfolgung drohte (2). Mit diesen "Geheimnissen" ihrer Herkunft beschäftigte sich Gisela Heidenreich in mehreren Büchern gründlich. Fand sie dadurch ein weniger "ungebrochenes" Verhältnis zu dem Gehalt ihrer eigenen Familiengeschichte?

Der deutsche Schriftsteller Bernward Vesper (1938-1971) (Wiki), der langjährige Freund von Gudrun Ensslin, war Sohn des viel gelesenen nationalsozialistischen Schriftstellers Will Vesper (1882-1962) (Wiki). Noch als junger Erwachsener hat er sich Ende der 1950er Jahre - gemeinsam mit Gudrun Ensslin - im Umfeld des deutschen völkischen Schriftstellers Hans Grimm bewegt. Wie kam es - dennoch - zur Abkehr? Eine Abkehr, die im Selbstmord endete.

Der Schriftsteller des Absurden Walter Erich von Bebenburg-Richartz (1927-1980) (Wiki) war der älteste Enkelsohn von Mathilde Ludendorff, und zwar ein solcher, um den sich nach Meinung eines bekannteren Jesuitenschülers, der sich in der alternativen Öffentlichkeit bewegt, "streng gehütete Familiengeheimnisse" ranken, was dieser 2017 öffentlich äußerte, ohne diese Geheimnisse nun auch tatsächlich zu benennen (3). Aber womöglich aufgrund solcher "Geheimnisse" hat sich sich der Enkelsohn von der Weltanschauung und dem Lebensgehalt seiner Großmutter und Mutter abgewandt und wurde stattdessen - - - ein guter Freund von Günther Grass, eines ähnlich "Bekehrten". Eine Abkehr, die im Selbstmord endete.

Der Künstler Ingo Springenschmid (1942-2016) (Wiki) war ein Sohn des völkischen Schriftstellers Karl Springenschmid (1897-1981) (Wiki). Ingo Springenschmid hat lebenslang gerungen mit der Tatsache, daß er einen solchen Vater hatte wie er ihn hatte. Was bewirkte diese Abkehr von seinem Vater? Eine Abkehr, die ihn bis an sein eigenes Lebensende voll tiefen Zwiespaltes zurückließ, in der er keinen eigenen inneren Frieden fand (4). Und das bei einem Vater, der so viele mitreißende Bücher geschrieben hatte. 

Karl Springenschmid selbst hat schon in seinem Roman "Novè", der 1951 erschien, in der darin auftretenden Figur des Imre Almendinger einen kalten, herzlosen kommunistischen Funktionär dargestellt, der in vollständigem Gegensatz zu seinem Vater und zu seiner donauschwäbische Herkunft stand, die er verleugnete und der sich völlig wie ein komplett gehirngewaschener Funktionär verhielt.*)

Dieter Henrich hat Mathilde Ludendorff gelesen

[Ergänzung 8.3.24] 2021 hat der namhafte deutsche Philosoph und Hölderlin-Forscher Dieter Henrich (1927-2022) (Wiki) Lebenserinnerungen heraus gebracht (12). 

Im Klappentext zu ihnen heißt es (12):

Dieter Henrichs philosophische Autobiographie ist reich an prägnanten Erinnerungen an Personen und Begebenheiten in vielen Lebenssphären und Weltgegenden. Er wurde zu einem der einflußreichsten Philosophen seiner Zeit, mit einer ergebnisoffenen, undogmatischen Philosophie, in der die Freiheit des Subjekts als eine ermöglichte und nicht als eine aus Selbstmacht initiierte verstanden wird. In mit großer Offenheit geführten Gesprächen lernen wir einen eleganten, altersweisen Metaphysiker ohne System und ohne Lehrsätze kennen.

In dem Buch ist zu erfahren: Dieter Henrich wuchs in Kassel und Marburg als Einzelkind auf, nachdem zwei ältere Geschwister an der Spanischen Grippe gestorben waren. Als Kind eines Vaters, der in armen Verhältnissen aufgewachsen ist und deshalb Vermessungstechniker wurde, anstatt Jura studieren zu können, wie er es eigentlich gewollt hatte. Der Vater starb schon mit 57 Jahren im Jahr 1938 als Dieter Henrich erst 11 Jahre alt war. Dieser hatte ihm viel bedeutet. Henrich sagt über den Segen, den ihm sein Vater in der Sterbeminute gegeben hat (12):

Deshalb werde ich immer Gedanken fassen, in denen dieser Moment als eine letzte Bedeutungsquelle bewahrheitet bleibt.

Und etwas später allgemeiner über sein Philosophieren, das er dabei in Gegensatz stellt zu dem Philosophieren von Jürgen Habermas oder Niklas Luhmann (12):

Die Begründung muß aus sich selbst heraus überzeugen können. (...) Was ich theoretisch ausarbeite, muß aus dieser Begründung allein heraus überzeugen - und zugleich verfugt mit dem sein, was ich als meine eigene Erfahrung in Erinnerung halte und seitdem sprachlich und begrifflich zu durchdringen versuche. 

Das Buch ist als Gespräch verfaßt. Nachdem Henrich über seinen Vater gesprochen hat, fragen seine Gesprächspartner: "Kommen wir noch ein wenig genauer auf Ihre Mutter zu sprechen." Henrich antwortet (12):

Sie hatte eine ästhetisch-künstlerische Neigung. Meine Mutter sprach das an, was in der Religion das Geheimnisvolle ist. Sie hatte Freundinnen, die mit der Bewegung von Rudolf Steiner verbunden waren und die versuchten, mich ebenfalls zu gewinnen. Eine andere gute Bekannte meiner Mutter war Anhängerin der Sekte um Mathilde Ludendorff, der Frau des Generals. Sie verstand sich als völkische Theosophin, die mit ihren umfangreichen, meist in Versen verfaßten Werken eine Art militarisierter Mystik begründen wollte. Die mußte ich als Jugendlicher lesen, weil diese Tante mich dazu drängte. Meine Mutter selbst blieb immer protestantische Christin, zugleich offen gegenüber jeder Erfahrung des Heiligen, des Einbrechens einer numinosen Wirklichkeit, in die wir für sie auch im alltäglichen Leben bereits einbezogen waren.

Wenn man es recht versteht, handelte es sich bei dieser Tante also um eine Schwester seiner Mutter. Das dürfte etwa in den Jahren 1943 oder 1944 gewesen sein als er 16 und 17 Jahre alt war. Soweit man das diesem Buch entnehmen konnte, gehörte diese Lektüre zu seinen ersten Schritten in die Philosophie überhaupt. Mit 17 Jahren stellte er 1944 auch den Antrag auf Mitgliedschaft in der NSDAP und wurde aufgenommen. [Ende Ergänzung 2024]

Wolfgang Jacobeit

Abb. 2: W. Jacobeit - Erinnerungen
(2000)

Wolfgang Jacobeit (1921-2018) (Wiki) (WerwarwerinderDDR) wurde in Naumburg an der Saale geboren, wo sein Vater - vermutlich schon als Physiklehrer - wirkte. Seine Mutter war eine Konzertsängerin. Aufgewachsen ist Wolfgang Jacobeit aber in Lyck in Ostpreußen, wohin sein Vater offensichtlich versetzt worden war oder sich hatte versetzen lassen. Sein Vater (Herbert Jacobeit) war bis 1931 Mitglied der NSDAP, wandte sich von dieser aber ab und wurde ein überzeugter Anhänger der Philosophie von Mathilde Ludendorff (5). In einer Rezension der Lebenserinnerungen von Wolfgang Jacobeit wird über dessen Jugenderinnerungen folgendes berichtet (6):

Der Vater, Gymnasiallehrer, war zeit seines Lebens ein fanatischer Anhänger Ludendorffs und des besonders auch durch dessen Frau Mathilde verbreiteten völkischen Mystizismus - wütend zerriß er 1931, als Hitler sich mit Ludendorff überwarf, das Mitgliedsbuch der NSDAP, der er sich schon zu Beginn der zwanziger Jahre angeschlossen hatte. Der musisch interessierten Mutter, die ihre Karriere als Konzertsängerin aufgab, als sie heiratete, war diese Gedankenwelt ihres Mannes fremd. Der einzige Sohn stand ihr besonders ...

Das weitere kann - wie vieles des folgenden - aufgrund nur beschränkter Google-Bücher-Ausschnitte nicht vollständig zitiert. In seinen Lebenserinnerungen berichtet Jacobeit, daß sein Vater zwei Brüder hatte, Edmund Jacobeit und Horst Jacobeit, die ähnlich wie sein eigener Vater gesinnt gewesen seien (5, S. 15):

Herbert und Edmund studierten in Jena weiter, waren aber völkisch-nazistischen Kreisen verbunden und beide brüsteten sich noch später, vom Jenaer Rathaus einmal die schwarz-rot-goldene Fahne herunter geholt zu haben.

In seinen Erinnerungen heißt es wörtlich weiter über das schon erwähnte Mitgliedsbuch der NSDAP seines Vaters, soweit das bislang von Google Bücher her zitiert werden kann (5, S. 16):

.... aus der Brieftasche die kleine Mitgliedskarte der NSDAP, zerriß sie in kleine Stücke und warf sie in den Papierkorb. Was war der Grund? Hitler und Ludendorff, die beiden Rädelsführer des Novemberputschs von 1923, hatten sich irgendwie entzweit, und dies später mit gewissen Folgen für die Anhänger der Weltanschauung von Mathilde und Erich Ludendorff. Das war nicht nur für meinen Vater Anlaß, der Nazipartei den Rücken zu kehren und sich ausschließlich einer fast abgöttisch-unterwürfigen Verehrung der Ludendorffs und ihrer "Deutschen Gotterkenntnis" sowie der Propagierung ihrer zahlreichen Schriften vor allem gegen die Juden, die Freimaurer, Jesuiten und deren vermeintliche Verbrechen an deutschen Geistesgrößen der Vergangenheit, zu widmen.

Seine Familie lebte in der masurische Stadt Treuburg (Wiki), eine Stadt, die nur fünf Kilometer westlich der russischen Grenze vor 1914, bzw. der polnischen Grenze vor 1939 lag, und die bis 1928 Marggrabowa hieß, dann aber mit Zustimmung der Bevölkerung zu "Treuburg" umbenannt worden ist. Diese Stadt ist 1945 durch die Kriegshandlungen zu 80 Prozent zerstört worden. Sie lag 25 Kilometer entfernt von der Stadt Lyck (5, S. 16): 

... Wir zogen mit Sack und Pack in die masurische Stadt Marggrabowa, wo Vater tatsächlich als Studienrat für Mathematik und Physik, man kann sagen, endlich nach Herzenslust so agieren konnte, wie er es sich wohl immer gewünscht hatte. Er kannte keinen Feierabend, experimentierte in einem neu eingerichteten Physiklabor und bereitete dort den Unterricht für den nächsten Tag ... 
Wolfgang Jacobeit berichtet über die Haltung der Ludendorff-Anhänger während des Dritten Reiches (5, S. 17):
.... Da saßen sie dann wie schlecht getarnte Verschwörer bei uns zu Hause, suchten ohne Unterlaß, diskutierten lautstark und waren sich darüber einig, daß die Nazis bald abgewirtschaftet haben würden. Mit dem Tod Ludendorffs 1937 und dem angeordneten Staatsbegräbnis vor der Münchner Feldherrnhalle - mein Vater nahm voller Erschütterung daran teil - kam es zur Versöhnung zwischen Hitler und Mathilde Ludendorff.

Daß es zur Versöhnung zwischen beiden gekommen sei, ist nicht richtig. Schon vor dem Tod Erich Ludendorffs war es im März 1937 zu einer - rein äußerlichen - "Versöhnung" Erich Ludendorffs mit Hitler gekommen. Nach dem Tod Erich Ludendorffs hatte Mathilde Ludendorff aber sehr große Schwierigkeiten, die Selbständigkeit ihrer Bewegung gegenüber den Vereinnahmungs- und Überschluckungsversuchen durch die SS und die NSDAP zu bewahren. Gleich bei Kriegsbeginn 1939 wurde ihrem Verlag das Papier entzogen, so daß ihre Zeitschrift nicht weiter erscheinen konnte, Regime-treue Zeitschriften jedoch konnten weiterhin erscheinen. Es ist halt die persönliche Sicht Jacobeit's, beeinflußt offenbar durch die Jahrzehnte lange DDR-Geschichtsschreibung, wenn er weiter schreibt (5, S. 17):

Warum auch nicht? Denn ich vermag auch heute noch kaum gravierende Unterschiede zwischen beiden Ideologien zu erkennen. Der Antisemitismus der Ludendorffer gebärdete sich nicht anders als der des "Stürmer". Die Irrationalität in "Glaubensfragen" war bei beiden im Prinzip nicht zu unterscheiden usw., was Herbert Jacobeit und andere zu extremen Ludendorff-Anhängern und zu Verfechtern der Deutschen Gotterkenntnis (Ludendorff)" werden ließ, war in erster Linie die Gestalt des "Feldherrn", hinter der der Gefreite Hitler kaum einen Platz zu beanspruchen hatte. Ich habe mit meinem Vater nie über dieses Thema gesprochen. Er hätte mir wohl auch kaum Bescheid gegeben, denn, wer auch immer an der Ludendorffschen Doktrin zweifelte oder Bedenken äußerte, war ihm sofort suspekt, und das ließ er den die Betreffenden bis zur Beleidigung spüren. Wie schon erwähnt, war für Herbert Jacobeit die Welt 1918 stehen geblieben und Ludendorff war für ihn die charismatische Figur schlechthin. Als sich nach 1923 die Koalition zwischen den beiden Rädelsführern des Putsches nicht mehr fortsetzen ließ, war die Hoffnung auf eine Rückkehr zur einstigen Gemeinschaft und damit zu den Verhältnissen von vor 1918 zunächst vertan. Hitler rüstete sich zur Macht durch den Aufbau einer Massenpartei. Er schuf sich eine neue Elite, in der die alte kaiserliche Generalität von Hindenburg bis Mackensen, dem Hohenzollernclan und anderen als Staffage für die großen Gepränge, Aufmärsche, Empfänge u. a. m. herhielten. Ludendorff befand sich nicht unter diesen. Warum nicht, wäre berechtigterweise zu fragen. Ich muß es offen lassen, weil es mich auch als Historiker nicht interessiert. Er scheint ein recht eitler Mensch gewesen zu sein, dem seine Getreuen den deutschen Sieg bei Tannenberg 1914 und den Handstreich auf Lüttich zuschrieben. Aber erst später habe ich davon erfahren, daß er als einer der rücksichtslosesten Fortsetzer des Krieges nach 1918 eine Zeit lang ins schwedische Exil ausweichen mußte. Die Ludendorff-Bewegung blieb trotz des Zwiespalts mit den Nazis bestehen. Die Bücher beider wurden in einem eigenen Verlag herausgebracht, und jede Woche erschien die Zeitschrift "Am heiligen Quell deutscher Kraft", von meinem Vater mit Ungeduld erwartet, von meiner Mutter und mir negiert. Herbert Jacobeit war handwerklich sehr geschickt. - - Er erwarb sich als Hobby die Kenntnisse und Fertigkeiten eines ... 

Leider im Internet nicht vollständig einsehbar. Und (5, S. 18):

Herbert Jacobeit verhielt sich ausgesprochen extrem, wenn ich nur daran denke, daß meine Mutter und ich viele Abende damit zubrachten, seinen Lesungen aus dem neuesten Heft des "Heiligen Quell" nicht nur zuzuhören, sondern sogar den Inhalt einzelner Abschnitte mit eigenen Worten ...
Und (5, S. 18):
Handgewebtes trugen die Frauen und hatten immer Sprüche oder Sentenzen von Mathilde Ludendorff parat. Mein Vater trieb einen regelrechten Personenkult um den "Feldherrn" und seine Frau, der sich kaum von dem der Nazis unterschied und deren zumindest ideologischer Beitrag zum Holocaust nicht von der Hand zu weisen ... 
Diese Ausführungen zeigen, daß sich der Sohn Wolfgang Jacobeit mit der Moral der Philosophie von Mathilde Ludendorff nie beschäftigt haben kann. Man fragt sich, wie es um das Verhältnis des Sohnes zu seinen Eltern und zu seinen Onkeln nach 1945 bestellt gewesen ist. Darüber ist vorderhand nichts zu erfahren. Über die Jugendlektüre, die Jacobeit - vermutlich - über sein Elternhaus erhielt, wird berichtet (8, S. 23):
... oder Gustav Freitags "Germanentreue", die mit "Ingo und Ingraban" begann, rechnen würde. (...) Von der Ludendorffschen "Aufklärungsliteratur" etwa zur Marneschlacht 1914 habe ich kaum Notiz genommen. Der Kult um "den Feldherrn" hat mich zu sehr ....
Interessanterweise berichtet er (5, S. 32):
In Lyck gab es auch einen anderen, eher akademischen Kreis von Ludendorff-Anhängern, die sich regelmäßig trafen, dann aus den weltanschaulichen Schriften namentlich von Mathilde Ludendorff lasen, die sich in ihrer völkischen Haltung einig waren und die dennoch mit Nazis nichts zu tun haben wollten; sie hatten alle etwas Sektiererhaftes an sich. - - Die Zeit in Lyck war für mich insofern noch etwas Besonderes, als meine Eltern meinetwegen einen Mitschüler aus einem Dorf unweit der polnischen Grenze aufnahmen: Walter von Lojewski, in dessen Elternhaus das Masurische als Umgangssprache galt. Er lebte mit uns bis zum gemeinsamen Abitur in Gumbinnen, war auch kein besonders guter Schüler, wurde aber in seiner Art ebenfalls Ludendorffanhänger, besuchte Tagungen in Tutzing und sonstwo, korrespondierte wohl auch mit Mathilde Ludendorff. Er entschied sich für die Laufbahn eines Berufsoffiziers bei der Luftwaffe, überstand den Krieg unbeschadet und wirkte bis zu seinem Tod Anfang der 1980er Jahre als Dorfschullehrer im Thüringischen. Ein paar Mal haben wir uns da noch getroffen. Er erinnerte sich gern so mancher Annehmlichkeiten im Haus meiner Eltern und vertrat das Ludendorffsche Gedankengut kaum weniger vehement als mein Vater. In dieser Hinsicht gab es niemals einen Konsens, wenn die Gespräche darauf kamen, obwohl wir inzwischen beruflich ausgewiesene und erfahrene Familienväter geworden waren. - Die Jahre in Lyck nahmen mit dem Jahr 1937 ein fast unrühmliches Ende. Herbert Jacobeit wurde nach Gumbinnen im östlichsten Ostpreußen versetzt, und das kam einer behördlichen Strafversetzung gleich: Er war in Lyck mit einem jüngeren Kollegen, der wohl dem "Stahlhelm" angehörte, aber noch nicht das "Ritual" der Feuertaufe des Krieges erfahren hatte, über eine neue Marschordnung der Reichswehr in Streit geraten. - Daß die Soldaten nunmehr in Dreierreihe statt wie 32 …

Erwähnt sei hier noch, daß aus der masurischen Adelsfamilie von Lojewski im 20. Jahrhundert mindestens vier namhafte Journalisten hervor gegangen sind: Sohn des masurischen königlichen Försters Gottfried von Lojewski war der Journalist Erich von Lojewski (geb. 1909 in Masuchowken, Kreis Lyck, Masuren, gest. 1970) (Wiki). Dessen Sohn war der Journalist Wolf von Lojewski (geb. 1937) (Wiki). Der Journalist Werner von Lojewski (1907-1980) (DNB) hinwiederum war Vater des Journalisten Günther von Lojewski (1935-2023) (Wiki). Es könnte naheliegend sein, familiäre Zusammenhänge zwischen Günther, Wolf und Walter von Lojewski zu vermuten. Das ist aber - zumindest über schnelle Recherche - nicht gleich zu klären.

All diese Angaben bilden Puzzle-Teile für die Geschichte der Ludendorff-Bewegung allgemein, aber insbesondere auf für die Geschichte derselben in Ostpreußen, zumal zu ihrer Geschichte in Ostpreußen ansonsten nur vergleichsweise wenig bekannt ist, zumal aus den 1930er Jahren. Aus den hier gebrachten Auszügen geht hervor, daß es lohnend sein wird, diese Erinnerungen noch einmal vollständig und im Gesamtzusammenhang auszuwerten.

Wolfgang Jacobeit war dann von 1970 bis 1986 Professor für Volkskunde an der Humboldt-Universität in Berlin. Im Jahr 2000 hat er dann Erinnerungen veröffentlicht (5), die wir hier auswerten, und die auch breiter rezensiert worden sind (9, 10). Wolfgang Jacobeit hat von 1939 bis 1941 Geschichte und Volkskunde an den Universitäten Leipzig und Königsberg studiert. 1941 wurde er zum Wehrdienst eingezogen, kam aber bis 1945 nie zum Kriegseinsatz. 1943 heiratete er in Elbing (HU Berlin):

Er schrieb seine Abschlußarbeit durch die Einberufung erst nach dem Ende des zweiten Weltkrieges in Göttingen bei Will-Erich Peukert. 1956 wechselte er von Göttingen an die Akademie der Wissenschaften in Berlin, habilitierte sich 1961, war dann von 1970 bis 1980 Direktor des Museums für Volkskunde in Berlin sowie seit 1970 zugleich Honorarprofessor und ab 1980 berufen als Lehrstuhlinhaber für Volkskunde am Bereich Ethnographie der Humboldt-Universität zu Berlin.

Sah er in Göttingen und Westdeutschland in jenen Jahren in der Volkskunde für sich keine Zukunft? Und was war aus seinen Eltern 1945 und später geworden? Jacobeit lebte jedenfalls lange Jahre in Birkenwerder. Als seine zweite Ehefrau Sigrid Jacobeit zur Leiterin der Gedenkstätte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück ernannt wurde, wechselte er seinen Wohnort nach Fürstenberg an der Havel, wo er auch begraben ist. 

Seine erste Frau und die Kinder wandten sich - offenbar noch während der DDR-Zeit - der anthroposophischen Bewegung zu, die Jacobeit ebenso heftig ablehnte wie zuvor die Ludendorff-Bewegung seines Vaters. 

Der Schriftsteller Peter Härtling und seine Schwiegereltern

Mit einer Tochter von Ludendorff-Anhängern aus Nürtlingen war der einstmalige elternlose Flüchtlings-Junge und deutsche Schriftsteller Peter Härtling (1933-2017) (Wiki) verheiratet. Auf Wikipedia ist über die schweren Jugenderlebnisse von Peter Härtling zu lesen (Wiki):

Peter Härtling verbrachte seine Kindheit zunächst in Hartmannsdorf bei Chemnitz, wo sein Vater eine Rechtsanwaltskanzlei unterhielt. Während des Zweiten Weltkriegs zog die Familie nach Olmütz in Mähren, gegen Ende des Kriegs floh sie vor der Roten Armee nach Zwettl in Niederösterreich. Im Juni 1945 starb der Vater in sowjetischer Kriegsgefangenschaft. Nach dem Krieg übersiedelte Härtling nach Nürtingen. (...) 1946 nahm sich seine Mutter das Leben. Deren Vergewaltigung durch russische Soldaten hatte Härtling 1945 mitansehen müssen. (...) 1959 heiratete er die Psychologin Mechthild Maier. Das Paar hat vier gemeinsame Kinder.

Über die Eltern von Mechthild Maier erzählt Peter Härtling in seinen Lebenserinnerungen. Und dies findet folgendermaßen Erwähnung im inhaltsreichen Anmerkungs-Teil zum einleitenden Kapitel von Manfred Nebelins Ludendorff-Biographie (S. 14, Anmerkung 82):

Ein seltenes Zeugnis von der Spätblüte des "Deutschen Gottglaubens" im Nachkriegsdeutschland geben die Lebenserinnerungen des Schriftstellers Peter Härtling. Darin beschreibt dieser mit großem Einfühlungsvermögen und feinem Humor, wie die Bekehrungsversuche seines Schwiegervaters, eines angesehenen Nürtinger Arztes und eifrigen Lesers der Schriften Mathilde Ludendorffs, an ihm abprallten: "Wotans himmlischer Zug rauschte an mir ohne Wirkung vorbei".

Nun, gar so kenntnisreich scheint Peter Härtling bei diesem "Vorbeirauschen" nicht geworden zu sein, sonst hätte er mitbekommen müssen, daß die Philosophie von Mathilde Ludendorff mit "Wotans himmlischem Zug" nichts zu tun hat. Immerhin wird aber über Mechthild Maier berichtet:

Eine besondere Rolle in Härtlings Leben nahm dessen Ehefrau Mechthild ein, die er schon im Alter von 13 Jahren kennenlernte und deren Liebe ihn durch eine schwierige Kindheit und Jugend brachte. "Ihrer Liebe verdankte Papa sein Kraft, ohne sie hätte sich sein Lebenswillen nicht so entwickelt. Das wissen wir Kinder."

Er selbst wird mit den Worten zitiert (Deutschlandfunk 2016):

"Wir haben auch viel miteinander gemacht, die Mechthild und ich. Wir haben unglaublich viel, fehlt mir heute, wenn ich mit so 20- bis 22-Jährigen zusammen bin … die Diskutierwut, dieses der Sache auf den Grund gehen wollen. Ich weiß noch, die Mechthild hatte mit Kassner zu tun, mit der Physiognomie von ihm. Wir haben uns gefetzt und es war jedem wichtig, was er dachte. Das sind einfach Bausteine, die man aufeinandersetzt."
Und (Börsenblatt):
Seine Frau Mechthild Maier, mit der er seit 1959 verheiratet war und vier Kinder hatte, las als Erste seine Manuskripte, brachte die Schlußform in den Computer, denn Härtling bevorzugte das Schreiben auf einer alten mechanischen Schreibmaschine. Und er freute sich über Kritik von ihr, auch wenn sie seit Beginn des neuen Jahrtausends nicht mehr während des Lesens von einzelnen Kapiteln ihre Fragen und Anmerkungen einbrachte, sondern erst ganz am Schluß: "Sonst habe ich Angst, daß mich eine zu scharfe Kritik hemmt." Die Erfahrungen seiner Frau, die lange als Psychologin am Jugendamt gearbeitet hatte, brachte er auch bei seinen Kinderbüchern ein. In seiner ersten Erzählung in diesem Genre, "Das war der Hirbel" (1973), stellte er ein Kind in den Mittelpunkt, das nicht fähig ist, sich auszudrücken; es wurde ebenso Klassenlektüre in der Grundschule wie "Ben liebt Anna" (1979) über die zarte Liebe von Ben zum Aussiedlermädchen Anna. Mit diesen Büchern, mit "Oma" (1975), "Theo haut ab" (1977) oder "Paul, das Hauskind" (2010) setzte er Maßstäbe im Kinderbuch. Daß ein Autor für Erwachsene wie für Kinder schreiben kann, ist selten: Für sein kinderliterarisches Gesamtwerk wurde er 2001 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

Man möchte meinen, daß Peter Härtling manchen Grund zu Dankbarkeit hätte haben können gegenüber seinen Schwiegereltern dafür, daß es ohne sie jene Frau nicht gegeben hätte, die so tiefgreifend Einfluß auf sein Leben genommen hat. - Auf Google Bücher kann man finden, daß der Name Ludendorff in den Texten von Peter Härtling immer einmal wieder fällt, aber selten in Zusammenhängen, bei denen man den Eindruck gewinnt, diese Erwähnungen hätten ihren Ursprung in Auseinandersetzung mit kundigeren Ludendorff-Anhängern gehabt. So bringt er an einer Stelle als Zitat gedichtete Worte der frühen 1920er Jahre, die da lauten (s. "Vergessene Bücher - Hinweise und Beispiele"):

"Der heilige Name Gneisenau ist auf unseren Lippen, wenn wir den Blick zu den geisterkühnen Zügen Ludendorffs erheben ..."

In "Lebensläufe von Zeitgenossen" fällt die Bemerkung:

... Zuerst habe er viel von Siegen gefaselt, der Unüberwindbarkeit der deutschen Truppen, habe Hindenburg und Ludendorff vergöttert, habe eine Litanei von Schlachtennamen heruntergebetet, als Refrain höre ...

Und in "Mein Lesebuch" finden sich die Bemerkungen:

... als Armeeführer, mit Ludendorff um die Weiterexistenz des Schlosses Coucy gerungen habe, das mit seinen romanischen Gewölben als architektonischer Edelstein zwischen die beiden Fronten geraten war. "Es war wirklich ...

Worauf sich diese Worte beziehen, kann man auf Wikipedia nachlesen (Wiki). Insbesondere der deutsche Heeresgruppenführer Kronprinz Rupprecht, der bayerische Thronfolger, hat sich offenbar für den Erhalt dieser Burg gegenüber Ludendorff eingesetzt, offenbar ohne Erfolg außer dem, daß dieser Vorgang später von Peter Härtling aufgegriffen wurde. Oder es finden sich die Ausführungen (s. "Ich war für all das zu müde" - Briefe aus dem Exil):

... Bolschewiken, jedenfalls aus verkehrten Nazis. Begreiflich. Aber damit begeben sie sich der Gnade, womit ihr einzigartiges Schicksal sie ausgezeichnet hatte. Sollen wir, die weder vor Ludendorff noch vor Hitler kuschten, uns nun vor der pfäffischen Unduldsamkeit von Leuten beugen, die teils auf ihre Rasse, teils auf eine gewiß nicht minder engstirnige und ...

Hier dürfte von kommunistischen Revolutionären die Rede sein. Um solche Google-Bücher-Schnippsel inhaltlich zu verstehen, müßten sie natürlich noch im Gesamtzusammenhang herausgesucht werden.

Jahrgang 1937 - Einar Schlereth, Journalist und Übersetzer

Überhaupt dürfte es allmählich Sinn machen, die Erinnerungen zahlreicher Kinder von Eltern, die insbesondere vor 1945 Ludendorff-Anhänger waren, und deren Kinder sich nach 1945 von dieser Weltanschauung abgewendet haben, im Überblick auszuwerten. Dazu wurden hier auf dem Blog auch schon die Erinnerungen des Westpreußen Einar Schlereth ausgewertet, des Dritte Welt-Experten, Journalisten und Übersetzers. Er hatte Ludendorff-Anhänger als Eltern. Er ist Jahrgang 1937 (Stud. Natur 2016). 

Jahrgang 1943 - Hans-Jürgen Krahl, Studentenführer und Lieblingsschüler Adornos

"Er war der Klügste von uns allen," hat Rudi Dutschke über ihn gesagt, über den früh verunfallten führenden Angehörigen der 68-Bewegung Hans-Jürgen Krahl (1943-1970) (Wiki). Dieser hat keine Familienangehörigen hinterlassen, die ihm heute noch das Grab pflegen können. Er schrieb in seinem Lebenslauf (Krahl-Seiten):

Gegen Ende des Krieges flohen meine Eltern mit mir vom damaligen Stettin in meine Geburtsstadt. Dort verbrachte ich meine Kindheit bis zum 15. Lebensjahre.

Auf Wikipedia heißt es über ihn (Wiki):

Krahl war nach eigenen Angaben Mitglied im Ludendorffbund, zu Beginn seines Studiums von Philosophie, Germanistik, Mathematik, Geschichte an der Universität Göttingen trat Krahl in die schlagende Verbindung Verdensia ein. 1961 wurde er Mitglied der CDU und war „ein eiferndes Gründungsmitglied der Jungen Union“ in Alfeld. Schon 1964 trat er dem Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) bei, und 1965 begann er bei Adorno seine Dissertation zum Thema Naturgesetz der kapitalistischen Bewegung bei Marx. Krahl war der einzige Student und Mitarbeiter, den Adorno als gleichwertigen Gesprächspartner akzeptierte.

Nun aus der Autobiographie des oben erwähnten Dieter Henrich geht hervor, daß Adorno auch Dieter Henrich sehr schätzte, allerdings blieb Henrich auf Distanz zu Adorno, da er selbst Adorno nur für mittelmäßig hielt. 

Krahl, der "Lieblings-Schüler Adornos", schrieb 1971 über seine Herkunft, über die sonst wenig bekannt zu sein scheint, die folgenden kruden Ausführungen. Sie scheinen doch zudem nicht gerade gutes Schriftdeutsch zu verraten (zit. n. Die Zeit 2002):

"In Niedersachsen, jedenfalls in den Teilen, aus denen ich komme, herrscht noch zum starken Teil das, was man als Ideologie der Erde bezeichnen kann, und so habe auch ich mich, als ich meinen politischen Bildungsprozeß durchmachte, zunächst nicht anders als im Bezugsrahmen der Deutschen Partei bis zur Welfenpartei bewegen können. Ich konnte mir nicht einmal die Ideologien erarbeiten, die Liberalität und Parlamentarismus bedeuten, - wenn man bedenkt, daß die Dörfer, in denen ich aufgewachsen bin, jene Nicht-Öffentlichkeit noch pflegen in ihren Zusammenkünften, die an die Rituale mittelalterlicher Hexenprozesse erinnern.
Das ist schon alles sehr verklausuliert formuliert. Was will er sagen mit "Rituale mittelalterlicher Hexenprozesse"? Spricht er von völkischen Okkultlogen? Will er andeuten, daß er sich im Umfeld satanistischer, völkischer Psychosekten bewegt hat? Weiter schreibt er (zit. n. Die Zeit 2002):
Wenn man davon ausgeht, daß heute noch in vielen Teilen der Bundesrepublik, vom Bayerischen Wald bis zur niedersächsischen Heide, finsterste Ideologien der Mystik stattfinden, so war es sehr verständlich, daß mich mein Bildungsprozeß zunächst einmal in den Ludendorffbund trieb." Begriffliches Denken habe er "aus der Mystik Meister Eckharts und Roswithas von Gandersheim erfahren". Und mit dialektischem Witz fügt er an: "Ideologien, die, wenn man sie marxistisch interpretieren will, sicherlich ausgelegt werden können im Sinne eines utopischen Denkens, wie es Ernst Bloch getan hat, die aber, wenn man sie aus dem Erfahrungszusammenhang der herrschenden Klasse rezipiert, finsterste Unmündigkeit reproduzieren." 
Das war so die Art zu reden und zu schreiben in den 1960er Jahren. Sperrig-intellektuell, ohne besonders viel zu sagen. Weiter heißt es (zit. n. Die Zeit 2002)
So sei es für ihn, fährt Krahl fort, schon "ein enormer Schritt an Aufklärung" gewesen, daß er 1961 der CDU beitrat und in Alfeld die Junge Union gründete. Hier habe "gewissermaßen eine Odyssee durch die Organisationsformen der herrschenden Klasse hindurch" begonnen, "und es gehört, das möchte ich mir ganz persönlich zugute halten, ein enormes Ausmaß auch an psychischer Konsistenz dazu, in dieser finsteren Provinz zwei Jahre kontinuierlich an CDU-Versammlungen von Kleinstadt-Honoratioren teilzunehmen ..."
Alles bleibt auf sehr merkwürdige, auffallende und nichtssagende Weise im Vagen (Krahl-Seiten):
Allerdings ist über die früheste Episode im Leben Krahls - den Ludendorffbund, einen von Mathilde Ludendorff gegründeten „Bund für Gotterkenntnis“, der das jüdisch kontaminierte Christentum durch einen „artgemäßen deutschen Glauben“ ersetzen wollte - kaum Genaues bekannt.

Insgesamt gesehen: Nachkriegsschicksale. Oft aufwühlender Art.

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*) Ergänzung 25.2.2026: Befragt man Google zu den Stichworten "Kommunistischer Funktionär Liebe", erhält man von der KI eine Antwort, in der sich vieles von den Charakterzügen wiederfindet, die auch Springenschmid seinem kommunistischen Funktionär unterstellt hat:
>>Das Liebesleben kommunistischer Funktionäre, insbesondere in der DDR oder in der Frühzeit des Kommunismus, war oft von der Prämisse geprägt, daß das Private politisch ist. Die Hingabe an die Partei und die sozialistische Idee stand idealerweise über den persönlichen Bedürfnissen.
Hier sind einige Aspekte der Liebe im Kontext kommunistischer Funktionäre:
Ideologische Überformung: Die Liebe sollte dem Aufbau der neuen Gesellschaft dienen. Romantische Beziehungen wurden oft als zweitrangig gegenüber der "Brüderlichkeit" und dem Dienst an der Gemeinschaft angesehen.
Partei-Ehe: Partnerschaften unter Funktionären wurden nicht selten nach politischer Zuverlässigkeit und ideologischer Harmonie geschlossen. Eine Trennung oder Affäre konnte als "moralisches Versagen" gewertet werden und die Karriere gefährden.
Doppelleben und Diskretion: Aufgrund der strengen moralischen Maßstäbe (oft eher konservativ als revolutionär im Bereich der Sexualität) führten manche Funktionäre ein Doppelleben. Dies betraf insbesondere Beziehungen, die nicht dem sozialistischen Ideal entsprachen.
Beispiel DDR: Obwohl die SED offiziell eine fortschrittliche Familienpolitik propagierte, herrschte in den oberen Funktionärsebenen oft eine strenge Kontrolle. Flirten und Partnersuche unterlagen der Beobachtung, um die Stabilität der "Partei-Familie" zu gewährleisten.
Spionage aus Liebe: In Einzelfällen wurde das Liebesleben von der Stasi instrumentalisiert oder dazu genutzt, Funktionäre zu erpressen oder zu motivieren (Beispiel "Romeo-Agenten" oder Spioninnen, die aus Liebe handelten).
Die "neue" Liebe: In der frühen Sowjetunion gab es Diskussionen über die Befreiung der Liebe von bürgerlichen Konventionen, was jedoch im Stalinismus in eine sehr konservative Sexualmoral umschlug. 
Zusammenfassend läßt sich sagen, dass die Liebe für kommunistische Funktionäre ein Spannungsfeld zwischen persönlichem Empfinden und politischer Pflicht darstellte.<<

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  1. Heidenreich, Gisela: Das endlose Jahr. Die langsame Entdeckung der eigenen Biografie - ein Lebensbornschicksal, 2002
  2. Bading, Ingo: Gisela Heidenreich und die NS-Vergangenheit des Auswärtigen Amtes Das Leben der Mutter von Gisela Heidenreich im Dritten Reich und mit seinen Folgen. Auf: Gesellschaftlicher Aufbruch - jetzt!, 3. März 2012, http://studgenpol.blogspot.com/2012/03/gisela-heidenreich-und-die-ns.html
  3. Bading, Ingo: "Streng gehütete Familiengeheimnisse" - Rund um den ersten Schwiegersohn von Mathilde Ludendorff Welche Rolle spielten Jesuiten für das Lebensschicksal des ältesten Enkelsohnes von Mathilde Ludendorff, des Schriftstellers Walter Erich von Bebenburg/Richartz (1927-1980)? Studiengruppe Naturalismus, 3. April 2017, http://studiengruppe.blogspot.com/2017/04/streng-gehutete-familiengeheimnisse.html
  4. Ingo Springenschmid (1942-2016) spricht über seine Kindheit und seinen Vater Karl Springenschmid. In: "Im Porträt: Ingo Springenschmid", Vorarlberg-Museum, 2015, 1'54 bis 5'00, auf: https://youtu.be/1NdJGjClDtg?t=1m54s
  5. Wolfgang Jacobeit: Von West nach Ost und zurück. Autobiographisches eines Grenzgängers zwischen Tradition und Novation. Westfälisches Dampfboot 2000 (298 S.) (GB)
  6. Rezension von 5. in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), Band 37 (Friedrich-Ebert-Stiftung, Forschungsinstitut, Historische Kommission zu Berlin), Verlag Historische Kommission, 2001 (GB), S. 510
  7. Thomas Scholze: Rezension zu: Jacobeit, Wolfgang: Von West nach Ost - und zurück. Autobiographisches eines Grenzgaengers zwischen Tradition und Novation. Münster 2000 , in: H-Soz-Kult, 17.04.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1094>.
  8. Götz, Uschi: Fremd in der Fremde - Mit Peter Härtling durch seine schwäbische Heimat. In: https://www.deutschlandfunkkultur.de/fremd-in-der-fremde-mit-peter-haertling-durch-seine.1001.de.html?dram:article_id=360080
  9. Weihrauch, Christian: Abschied von dem Schriftsteller - Hunderte Trauergäste erweisen Peter Härtling die letzte Ehre. Frankfurter Neue Presse, 19.07.2017. http://sdp.fnp.de/lokales/kreise_of_gross-gerau/Hunderte-Trauergaeste-erweisen-Peter-Haertling-die-letzte-Ehre;art688,2714109
  10. Hauck, Stefan: Der freundliche Skeptiker. Nachruf auf Peter Härtling. Börsenblatt, 10. Juli 2017, https://www.boersenblatt.net/artikel-nachruf_auf_peter_haertling.1348795.html
  11. Wesel, Uwe: Der Krahl - Das kurze Leben des legendären Frankfurter Studentenführers und sein langer Weg aus Ludendorffbund und Junger Union in die Revolte des Jahres '68. In: Die Zeit, 12. September 2002, 38/2002, https://www.zeit.de/2002/38/Der_Krahl
  12. Henrich, Dieter: Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie. C.H. Beck, München 2021 (GB)

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