"Deutsche, wühlt in der Geschichte!" (Erich Ludendorff)

Sonntag, 10. Juni 2018

Johannes Marquardt, ein Ludendorff-Anhänger seit 1925

Der folgende Beitrag ist zuletzt im Dezember 2013 bearbeitet worden und wird hier in der Fassung von vor fünf Jahren veröffentlicht. Er muß an den erkennbaren Lücken nach und nach noch inhaltlich ergänzt, erweitert und vervollständigt werden.

Johannes Marquardt (geb. 1885, gest. unbekannt) wurde in der Nähe von Dirschau bei Danzig geboren. Er stammte aus einer alten westpreußischen Familie (8, S. 2f). 

Abb. 1: Johannes Marquardt, Silberhochzeit (1937)

Mit 18 Jahren trat er 1903 in das Leibhusaren-Regiment in Danzig ein, wurde in diesem Unteroffizier, bis er nach einem Reitunfall 1908 in einen Zivilberuf wechseln mußte (8, S. 8-12). Er wurde Technischer Zeichner und Bauingenieur und heiratete im Jahr 1912 eine Frau aus dem Harz (8, S. 13f). 1914 bis 1920 war er Soldat. In dieser Zeit suchte er nach Orientierung und schloß sich 1924 in Halberstadt dem "Stahlhelm"-Bund" an. Nach dem Anhören eines Vortrages des damaligen Reichstagsabgeordneten Georg Ahlemann schloß sich Marquardt am 1. Mai 1925 zusammen mit der von ihm geleiteten Ortsgruppe Halberstadt dem "Frontkriegerbund" Erich Ludendorffs an. Auf die diesbezügliche Meldung an Erich Ludendorff antwortete dieser mit einem Dankesbrief, der mit den Worten begann, - wie Johannes Marquardt festhält - "Mein werter Kamerad Leutnant Marquardt!" (8, S. 21). Er berichtet weiter in seinen Lebenserinnerungen, die nur als Manuskript vorliegen (8): 

Auf des Feldherrn Vorschlag sollten wir uns dann geistig an den "Verlag für völkische Aufklärung" in Berlin wenden, dem die Herren Oberstleutnant Georg Ahlemann als Direktor und Major a. D. Weberstedt als Schriftleiter vorstanden. Ein weiterer Mitarbeiter war noch ein Major a. D. Holtzmann. Dieser Verlag gab damals die "Deutsche Wochenschau" heraus, in der der General seine ersten und ernsten völkischen Gedanken über seinen Freiheitskampf veröffentlichte. (...) Wir hatten ein Ziel und eine uns befriedigende Tätigkeit.

Nachdem sich die anderen genannten Personen Ahlemann, Weberstedt und Holtzmann schon Ende der 1920er Jahre, bzw. Mitte der 1930er Jahre von Ludendorff getrennt hatten, war Johannes Marquardt - und gerade in der Zeit nach 1945 - einer der ältesten "Mitkämpfer" Erich Ludendorffs. Er hatte sich Erich Ludendorff schon angeschlossen lange bevor viele spätere Anhänger sich diesem angeschlossen haben.

Über die Gründung des Tannenbergbundes 1925

Über den Zusammenschluß der völkischen Wehrverbände zum Tannenbergbund im Jahr 1925 berichtet Johannes Marquardt (offenbar von ihm chronologisch ganz falsch erst ins Jahr 1929 verlegt) (8, S. 24):

Als 3. Bundesführer des Frontkriegerbundes in München bekam ich den Auftrag, an der historischen Sitzung in Berlin teilzunehmen, der Zusammenkunft aller Führer der völkischen Wehrverbände im Hotel "Prinz Albrecht" in der Zimmerstraße gegenüber dem Preußischen Abgeordnetenhaus.
Marquardt berichtet von den Widerständen der einzelnen Formationen:
Ich bat den Feldherrn, mit einem Befehl die Auflösung der Wehrverbände und den Zusammenschluß zu einem großen Ganzen zu fordern. Da sagte Ludendorff lächelnd: "Ja, heute kann ich als Zivilperson keine Befehle mehr erteilen, solche Entschließungen müssen freiwillig und von unten heraus erfolgen." (...) So löste ich mich dann aus dem Verbande des Frontkriegerbundes, der sich schon innerlich mehr zu Hitler bekannt hatte, und trat mit einigen wenigen Verbandsführer und deren Mannen, darunter auch der Führer des aus den Kämpfen in Oberschlesien bekannt gewordenen Verbandes "Hindenburg", Major a. D. Hans-Georg von Waldow in Hannover, (...) zu Ludendorff und seinem Wollen. (...) So wurde ich also Mitbegründer des Tannenbergbundes als einem politischen Kampfbund ohne jede Uniformierung und Soldatenspielerei.
Auch Erich Ludendorff erwähnt Johannes Marquardt in seinen Lebenserinnerungen (zit. n. 8, S. 29):
Ich will hier auch Herrn Marquardt (...) gedenken, der die örtliche Gruppe des Frontkriegerbundes geführt hat und in klarer Erkenntnis der Notwendigkeit des Aufgehens der einzelnen Verbände in den Tannenbergbund das Aufgehen seiner Gruppe in diesem Bund gefördert hat.
Schon 1926 ging Johannes Marquardt in Brandenburg, Mecklenburg und Vorpommern auf Vortragsreise (8, S. 22) (Hervorhebung nicht im Original):
Im Herbst 1926 hatte ich dann Gelegenheit, Erich Ludendorff anläßlich seines ersten öffentlichen Auftretens nach seiner Halsoperation im "Landwehrkasino" in Berlin vorgestellt zu werden. Diese Stunde vergesse ich niemals, als ich diesem Großen Soldaten und Feldherrn, aber auch gütigen Menschen, in seine klaren hellen Augen schauen und persönliche Worte mitnehmen durfte. Er dankte mir noch einmal für den Übertritt meiner Kameradenschar zum Frontkriegerbund und für meine Erfolge während meiner ersten Vortragsreise. Seit dieser Begegnung wurde Ludendorff mein großes unumstößliches Vorbild in meinem ganzen späteren Leben. (...)

Anfang August 1927 (...) erschien die seit Wochen erwartete neueste Kampfschrift (...) "Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse". (...) Diese geistige "Atom-Bombe" schlug wie ein reinigendes Gewitter in Deutschland und in aller Welt ein. (...) Wer kann sich heute, außer uns wenigen alten damaligen Kämpfern eine Vorstellung machen von dieser Kampflage? Wer das nicht selber miterlebt hat, der hält diesen geistigen Durch- und Umbruch überhaupt nicht für möglich.

31. Januar 1929 - Morgenspaziergang mit Erich und Mathilde Ludendorff in Magdeburg an der Elbe

Marquardt berichtet (8, S. 26f):

Mitten in unsere erfolgreiche Kampfarbeit fiel auch eine lange Vortragsreise Erich und Mathilde Ludendorffs, die auf unseren besonderen Wunsch auch Halberstadt besuchen wollten. Nach bester Vorbereitung kam dann der große und für uns so denkwürdige Tag, der 31. 1. 1929! Zwei große Säle waren gemietet und für die Vorträge vorbereitet. Der größere Stadtparksaal faßte 2000 Personen, der kleine Elysiumsaal 1500, dieser brachte die Vorträge in Lautsprecherübertragung. Tags zuvor war ich nach Magdeburg beordert worden, wo ich das Ehepaar begrüßen konnte und den Verlauf des dortigen Vortragsarbends kritisch miterleben sollte. Er verlief gut. Mit Major v. Waldow bezog ich Hotelunterkunft, wo wir beide noch manches miteinander besprechen konnten. Am folgenden Morgen waren wir beide zum Quartier der hohen Gäste gebeten worden, wo noch einmal alle Dinge dieser wichtigen Vortragsreise, auch für Halberstadt und Hannover, besprochen wurden. Dann ging es zu einem unvergeßlichen Morgenspaziergang, bei dem wir Erich und Mathilde Ludendorff durch die Magdeburger Elbewiesen gingen. Die Witterung war (...) sehr milde. Die Unterhaltungen hatten bei uns dreien einen so nachhaltigen Eindruck hinterlassen, daß selbst das Ehepaar Ludendorff von dieser Morgenstunde hell begeistert war. Wir waren gebeten worden, uns auszusprechen, denn beide wollten wissen, wie es uns ums Herz war. Ich hatte eine gewisse Scheu, mit Frau Dr. Ludendorff umzugehen; aber diese einmalige große Frau machte mir die Antworten auf ihre Fragen sehr leicht.
Nach dem Vortrag waren Erich und Mathilde Ludendorff zum Abendessen bei der Familie Marquardt eingeladen (8, S. 28):
In meinem Hause zeigte sich der Feldherr als Mensch auf das herzlichste mit allen verbunden. Meiner sehr aufgeregten Frau wollte das Teewasser nicht schnell genug kochen. (...) Da nahm der Feldherr meine Frau neben sich und sagte zu ihr: "Aber Frau Marquardt, warum sind Sie denn so aufgeregt. Der Tee wird schon werden. Sehen Sie, dort in dem großen Saale, da sprach der General Ludendorff, aber hier bei Ihnen, da sitzt der Onkel Ludendorff vom Hause Marquardt!" (...) Beim Aufbruch sagte er zu uns: "Sollte ich wieder einmal nach Halberstadt kommen, dann bitte ich darum, nicht wieder in dem Gutshaus untergebracht zu werden. Dann möchte ich gerne bei Ihnen wohnen"! Diese Stunden mit allem Erleben hat meine Frau nie mehr vergessen können, ja, diese Stunde hat meiner Frau ihr seelisches Rückgrat für alle Zeiten gestärkt. Der "Onkel Ludendorff" kam ihr nie mehr aus dem Sinn!
Abends gab es noch eine Überraschung für Erich Ludendorff, wie Marquardt berichtet (8, S. 28f):
Ca. 40 alte Lüttichkämpfer vom August 1914 standen zur Begrüßung dem ehemaligen Führer der 14. Infanterie-Brigade gegenüber. Ludendorff war gerührt, das hatte er nicht erwartet. Er sprach mit jedem einzeln, drückte ihm die Hand und wünschte alles Gute für sein weiteres Leben. Mit den Kriegsverletzten unterhielt er sich besonders lange. Diese einstigen Kämpfer von Lüttich kamen größtenteils aus der Halberstädter Gegend. 
Marquardt schreibt (8, S. 29f):
Damals konnte man wohl sagen: "Es ist eine Lust, diesen Kampf mitzuerleben!"
Er berichtet auch (8, S. 30):
Als ich immer mehr als Landesredner eingesetzt werden mußte, übernahm mein Gauführeramt der Hauptmann a. D. B. Wentzel aus Blankenburg/Harz, Ehemann der regsamen Rednerin Frau Ilse Wentzel, von Beruf Lehrerin (...). - Herr Wentzel fiel als Major im 2. Weltkrieg, Frau Wentzel starb von eingen Jahren in ihrem Blankenburger Heim.

Marquardt berichtet auch von der Erzieher-Tagung in Hetendorf im Sommer 1930 (8, S. 30f). Marquardt machte Vortragsreisen fast durch ganz Deutschland, nach Ostpreußen ebenso wie nach Schleswig-Holstein, Sachsen und Thüringen. Seine Vortragsthemen lauteten "Ludendorffs Kampf gegen Priesterherrschaft und Diktatur" und "Weltkrieg droht auf deutschem Boden" (8, S. 32). Dabei erlebte Marquardt auch, wie die Abhaltung seiner Vorträge durch die Polizei gegen randalierende Nationalsozialisten geschützt werden mußte. In Ostfriesland will er die Leserzahl von "Ludendorffs Volkswarte" durch seine Vorträge von fünf auf 250 angehoben haben (8, S. 36f).

Aufgrund seiner beruflichen Schwierigkeiten arbeitete er ab 1935 in Küstrin wieder als ziviler Bauingenieur für die Wehrmacht und den Festungsbau (8, S. 38). Bei Kriegsausbruch 1939 war er 54 Jahre alt und mußte wieder Uniform anziehen (8, S. 44). Er arbeitete in Festungspionier- und Nachschub-Stäben in verschiedenen Teilen Deutschlands und Europas, unter anderem in Griechenland (8, S. 52) und ab Januar 1944 in Holland, wo Luftlandungen der Alliierten befürchtet wurden (8, S. 55). Im Dezember 1945 erlebte er auch noch das berüchtigte amerikanische Kriegsgefangenenlager Mainz-Bretzenheim (8, S. 57f). Am 28. Dezember 1945 konnte er zu seiner Familie nach Hause zurück kehren. Diese hatte inzwischen in Lörrach in Baden eine neue Heimat gefunden (8, S. 59).

Neuanfang in Lörrach 1952

Und dort fand Marquardt schließlich 1947 für die nächsten neun Jahre Arbeit als Bauingenieur für die französische Militärregierung des Kreises Lörrach (8, S. 60). Er berichtet (8, S. 61):

Ausgang des Winters 1951 zu 1952 schrieb ich an Frau Dr. Ludendorff nach Tutzing, meldete ihr meine neue Lage und meinen Verlust der alten Heimat, und bat um Auskunft, ob man wieder von vorne anfangen sollte. Ich schilderte ihr meine hiesigen Eindrücke und glaubte, es einmal versuchen zu können. Dazu brauchte ich aber Anschriften alter Leser von Volkswarte und Quell. Sie war recht erfreut über meine Meldung und ließ mir durch den Generalvertreter des neu eingerichteten Verlages "Hohe Warte", Herrn Franz August Stötzer aus Lemgo, schreiben, daß es ihr recht sei, wenn ich hier die Bewegung wieder vorantreiben würde. Herr Stötzer schickte mir ganze 12 Anschriften aus einem Gebiet von ca 50 km im Umkreis und bat mich, diese einmal zu einer Aussprache in Lörrach einzuladen. Nun, das tat ich, und so kam es denn Anfang Mai 1952 zu einer ersten zwanglosen Zusammenkunft von acht Personen im alten Hotel "Zur Krone" in Lörrach.
Im Spätherbst 1954 reichte Johannes Marquardt bei Mathilde Ludendorff ein Buchmanuskript ein, ein Aufklärungsbuch, wie er schreibt, über Erich Ludendorff, auch ein Gedenkbuch. Mathilde Ludendorff antwortete (zit. n. 8, S. 67):
Sehr geehrter Herr Marquardt! Mit großer Freude habe ich Ihre Schrift über den Feldherrn durchgelesen und sende sie an Herrn v. Bebenburg ... Ich habe ihm geschrieben, daß ich mich sehr freuen würde, wenn es möglich ist, daß die Schrift in den Ostertagen (1955) hier in Tutzing schon verkauft wird.
Und wohl einige Zeit später:
Der Druck Ihres Buches wird nach Angabe meines Schwiegersohnes bis zur Tagung unmöglich fertig gestellt werden können. Ich glaube aber, daß es uns gelingen wird, ihm Verbreitung zu verschaffen.

Mit freundlichen Grüßen und dem Rufe
Es lebe die Freiheit
gez. Dr. Mathilde Ludendorff
Der Verleger Franz von Bebenburg aber schrieb Marquardt nach mehreren Nachfragen am 7. August 1956 (8):
Sehr geehrter Herr Marquardt!

Bei meiner Arbeitslast ist es mir fast unmöglich, mich mit der schriftlichen Arbeit von Autoren zu befasen, darum habe ich mich - seither - außer dem einen Brief an Sie - in Schweigen hüllen müssen .... Ludendorff ist doch heute ein verfemter Mann ... Ich konnte mich aus Zeitmangel nicht näher mit der Sache befassen, so gern ich es tun würde.

Mit den besten Grüßen
Ihr
gez. v. Bebenburg

von Bebenburg wollte die Ludendorff-Biographie also offensichtlich nicht herausbringen. So recht klar wird zunächst nicht, warum er das nicht wollte.

Abb. 2: Johannes Marquardt (?) spricht am Grab Erich Ludendorffs, 4. Oktober 1957

Marquardt's Ludendorff-Biographie erschien dann 1965 im Pfeiffer-Verlag (6). Da dieses Buch allerdings gegen einige Urheberrechte verstieß, die sich im Besitz des Verlages Hohe Warte befanden, ging Franz von Bebenburg gerichtlich gegen dieses Buch vor.

Abb. 3: Prothmann, Marquardt, Reinhard, Sand, Panthel am Seitentor des Friedhofs in Tutzing, 10. 10. 1958

Die Einzelheiten rund um diese Auseinandersetzung müssen in diesem Beitrag noch nachgetragen werden. Hier werden nun nur noch einige historische Fotografien eingestellt, die sich in dem Manuskript der Lebenserinnerungen von Johannes Marquardt finden (Abb. 1 bis 6).

Abb. 4: Johannes Marquardt als Vortragsredner gegen Atomkernspaltung in Husum (1958/59)

Diese biographische Skizze ist künftig noch zu ergänzen.

Abb. 5: Johannes Marquardt mit südbadischen Freunden am Grab Erich Ludendorffs, 1961

/ Raum für Ergänzungen /

Abb. 6: Mathilde Ludendorff spricht zu Freunden aus Südbaden, Tutzing, Ostern 1961

/ Raum für Ergänzungen /


Abb. 7: Mathilde Ludendorff im Gespräch mit Johannes Marquardt, Tutzing, Ostern 1961


/Aufsatz veröffentlicht 
entsprechend des letzten 
Standes der Bearbeitung 
vom 24.12.2013/

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  1. Privates Ludendorff-Archiv des Verfassers
  2. Marquardt, Johannes: Jesuiten in der Schweiz? In: Der Quell, Bd. 8, 1956
  3. Marquardt, Johannes: Jämmerliche Versuche. In: Der Quell, Bd. 8, 1956, S. 990ff
  4. Marquardt, Johannes: 500 Jahre Universität Freiburg. In: Der Quell, Bd. 9, 1957
  5. Marquardt, Johannes: Atom das ernsteste Problem unserer Zeit. Lebenselement oder Lebenszerstörung; Unsere Welt im Alarmzustand drohender und vorsätzlicher Vernichtung (Die Gefahren der Atomkernspaltung vom Standpunkt der Gotterkenntnis "Ludendorff"). Vortrag, Selbstverlag, Lörrach/Baden 1958 (46 S.), 1970
  6. Mahlberg, Hartmuth (d.i. Johannes Marquardt): Erich Ludendorff. Zum Gedenken an seinem 100. Geburtstag. Leben und Wirken des bedeutenden Feldherrn und Politikers. Mit zahlr. Abb. a. Taf. u. Ktn.-Skizz. (Überarbeitung in militärischer Hinsicht durch Franz Biese.) Hans Pfeiffer Verlag, Hannover 1965 (334 S.)
  7. Marquardt, Johannes: Walter Löhde. Schriftsteller und Kulturhistoriker - ein Kämpfer für die Geistesfreiheit - Sein Leben und sein Werk. Zum 75. Geburtstag am 20.7.1965. Privatdruck 1965 (46 S.) (zit. in "Mensch & Maß", Jg. 2000) (Anitquariat Arzt, Hofheim)
  8. Marquardt, Johannes: Meine Lebens- und Kampfjahre. Erinnerungen 1885 - 1965. Selbstverlag, Manuskriptdruck o.J. [1969] (90 S.) (Versandbuchhandlung Bärwinkel)
  9. von Bebenburg, Franz Freiherr: Besprechung des Buches von Hartmuth Mahlberg (d.i. Johannes Marquardt) "Erich Ludendorff - Zum Gedenken seines 100. Geburtstag". In: Mensch & Maß, Folge 3, 9.2.1966, S. 138 - 143
  10. Aretz, Emil: Hexen-Einmal-Eins einer Lüge. Hohe Warte, Pähl 1970 (392 S.) (2 Auflagen), 1973, 1976, 1984 (5. Auflage)
  11. Aretz, Emil: Du und Dein Volk. Besinnung und Mahnung. Selbstverlag, Grainbach/Obb. 1972, 1973 (95 S.)

Sonntag, 29. April 2018

Erich Ludendorff - In zentralen Punkten rehabilitiert durch die etablierte Geschichtsschreibung?

Erich Ludendorff und der totale Krieg - Gibt es Neubewertungen?
Ein Vortrag des britischen Historikers Alexander Watson an der britischen Offiziers-Akademie vor drei Jahren

Ich hatte schon in einem meiner neueren Videovorträge kurz darauf hingewiesen, daß es gegenüber bislang tabuisierten Themen wie "Rasse" oder "Erich Ludendorff", sprich gegenüber dem bisher tabuisierten völkischen Gedanken und seiner vornehmlichen Vertreter eine neue Argumentationsstrategie zu geben scheint. Der Humangenetiker David Reich behandelt das Thema "Rasse" neuerdings genauso wie der britische Historiker Alexander Watson (geb. 1979) (Wiki) schon im Mai 2015 die geschichtliche Bedeutung Erich Ludendorff behandelt hat. Nämlich einerseits wird rhetorisch und in Adjektiven so wie bisher auf dem völkischen Gedanken als das Schlimmste und Schrecklichste hingewiesen, während zugleich in der Sache derselbe in wesentlichen Punkten rehabilitiert wird.

Hier soll auf Alexander Watson hingewiesen werden. Dieser hat vor Offizieren der britischen Streitkräfte im Rahmen der "Joint Services Command and Staff College (JSCSC)" (Wiki) einen Vortrag gehalten, der eine völlige Neubewertung der geschichtlichen Bedeutung Erich Ludendorffs (1864-1937) (Wiki) enthält (1). Diese Neubewertung geht - im positiven Sinne - weit über das hinaus, was in der etablierten deutschen Historikerschaft gegenüber Erich Ludendorff seit 1945 an Sichtweisen hervorgebracht worden war. Er tat dies im Rahmen der dortigen "Forschungsgruppe Erster Weltkrieg". Dieser Vortrag ist - zumindest nach Datumangabe - schon seit 2015 auf Youtube zugänglich (1).

Alexander Watson sagt in diesem gut halbstündigen Vortrag einleitend (im folgenden alles eigene Transkription und Übersetzung) (1):

Erich Ludendorff ist keiner, der von den Historiker besonders liebevoll behandelt wird. Man erinnert sich nicht gern an ihn. Schon viele Zeitgenossen mochten ihn nicht, besonders in Österreich, wo man sich an ihn als an den "abscheulichen Preußen" erinnerte. (...) Er war Soldat, er war Militarist, er verkörperte die mörderischen Werte und Tugenden, die Nachteile und Probleme der preußischen militärischen Elite im frühen Zwanzigsten Jahrhundert. Und in mancher Hinsicht in übertriebener Weise. ... Und im weiteren Verlauf seines Lebens wurde er nicht nur ein Nationalist, ein Antisemit, ein Rassist, er war die meiste Zeit seines Lebens auch Sozialdarwinist, ein Mann, der glaubte, daß Krieg, Kampf zwischen Nationen unvermeidlich war. Er sah den Ersten Weltkrieg nicht als einen Krieg an wie wir ihn erinnern, nämlich einen "Krieg, um alle Kriege zu beenden", sondern mehr als einen Krieg, dessen Ergebnis in weitere Kriege münden würde, um Deutschland in eine Position zu bringen, so günstig wie nur immer möglich für alles, was die Zukunft bringen würde.

Natürlich sind diese Zeilen noch durchwirkt von hanebüchenen Fehlurteilen. Aber lassen wir sie erst einmal so im Raume stehen. Sie sind ja nichts Ungewöhnliches. Viel eher "alltäglich".

Man kann aber auch hinzufügen, daß hier deutlich wird, daß Watson sich mit Erich Ludendorff als Kritiker von Hintergrundpolitik, als Kritiker von überstaatlichen Mächten noch nicht besonders beschäftigt zu haben scheint, auch nicht mit den Motiven, die hinter dieser Hintergrundpolitikkritik stehen. Aber schon aus Buchtiteln Erich Ludendorffs wie "Kriegshetze und Völkermorden in den letzten 150 Jahren" (1928) oder "Weltkrieg droht auf Deutschem Boden" (1930) sollte doch deutlich werden, daß Erich Ludendorff gerade nicht wollte, daß menschliche Geschichte sich als eine Geschichte ununterbrochener Kriegshetze und ununterbrochenen Völkermordens vollzog. Schon seine Wehrvorlage aus dem Jahr 1912 hat Erich Ludendorff doch immer charakterisiert von ihm gedacht als ein Mittel zur Kriegsvermeidung. Aber wer wollte solche "unwesentlichen Details" gar so wichtig nehmen .... Es ist "nur" Ludendorff, der "Schlimme", der "Schrecklichste" der Schrecklichen.

Abb. 1: Der britische Historiker Alexander Watson, 2015

Watson sitzt hier also allzu klar noch Sichtweisen über "Militarismus" auf, die propagandistische Elemente enthalten. Denn sonderbarer Weise werden ja die westlichen Demokratien, die nicht erst seit 1945 die Welt mit einem Meer von Krieg überzogen haben, nicht als "militaristisch" gekennzeichnet. Solche Dinge sind zu lächerlich, um ihnen überhaupt noch weiter Beachtung zu schenken. Man wird einfach nur die Hoffnung aussprechen dürfen, daß irgendwann auch einmal diesbezüglich die Realität unter Fach- und Militärhistorikern - wie jenen rund um Alexander Watson - ankommen wird. Das neu erschienene Buch von Niall Ferguson "The Square and the Tower - Networks and Power, from the Freemasons to Facebook" läßt ja auch diesbezüglich manche Hoffnungen aufkeimen. Doch zurück zu Alexander Watson. Dieser ist in seinen weiteren Ausführungen 2015 schon so viel mehr in der historischen Realität angekommen, daß es sich wirklich lohnt, sie zur Kenntnis zu nehmen. Und deshalb macht es Sinn und ist es wertvoll, fast seinen gesamten Vortrag weitgehend vollständig zu übersetzen. Er sagt nämlich weiter:

Es ist viel über Erich Ludendorff geschrieben worden. Aber interessanterweise fokussiert man dabei meistens auf Ludendorff als einen politischen Soldaten, man schaut auf sein politisches Handeln, seine Kriegsziele, seine expansiven Kriegsziele während des Krieges und was er in Deutschland innenpolitisch tat, mehr als auf alles andere. Die beiden wichtigsten Bücher über Ludendorff, Martin Kitchen's "The Silent Dictatorship" (1976) und Manfred Nebelin's "Diktator im Ersten Weltkrieg" (2010) behandeln Ludendorff als einen politisch Handelnden, als einen Herrscher - wie die Titel sagen - als einen Diktator oder als den Leiter einer Diktatur. Und dies ist ein Umstand, dem gegenüber meiner Meinung nach wirklich eine Neubewertung ansteht.
Ludendorff ist - natürlich - ein Soldat. Und um Ludendorf zu verstehen, muß man seine militärische Identität in den Vordergrund stellen. ... 1913 Kriegsakademie ...  Militärische Probleme, militärische Prioritäten sind es, mit denen er vornehmlich beschäftigt ist. Ich möchte im folgenden darauf hinaus, daß diese militärischen Probleme und Prioritäten im Zentrum dessen standen, was er tat, um zu erklären, was er in Deutschland während des Ersten Weltkrieges tat. Im August 1916 stieg er zur Leitung des deutschen Heeres auf, direkt unter Paul von Hindenburg. Er hatte den Titel Generalquartiermeister. Und er war de facto der Leiter der deutschen Armee vom August 1916 bis zu Ende Oktober 1918. Darüber hinaus war die sogenannte dritte Oberste Heeresleitung politisch und diplomatisch sehr aktiv. 1916 griff Ludendorff in die Innenpolitik ein, um die moralischen Grundlagen der deutschen Kriegsanstrengungen zu verbessern - ich werde später noch genauer erläutern, was ich damit meine. Er griff in die Wirtschaft ein, legte das Hindenburg-Programm auf, ein massives Programm, um Deutschland in Sachen Bewaffnung und Rüstung wieder auf gleich zu bringen mit den Alliierten an der Westfront, mit der Material-Ausstattung, auf die die Alliierten in Frankreich und Flandern zurück greifen konnten. Und er griff ebenso kraftvoll in die Diplomatie ein, indem er die Kriegsziele formulierte, für die Deutschland tatsächlich kämpfte. Eine Reihe von Arbeiten, die sich anschauen, was Ludendorff militärisch tat, verwerfen ihn im allgemeinen.

Im weiteren bezieht sich Watson auf die US-amerikanische Professorin für Deutsche Geschichte Isabel Victoria Hull (geb. 1949) (Wiki, engl). Sie sieht - laut dem englischen Wikipedia - Deutschland immer noch als hauptverantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und sie wird dafür kritisiert, daß sie die Folgen der britischen Hungerblockade gegenüber Deutschland verharmlosen würde, die 400.000 zivile Todesfälle in Deutschland zur Folge hatte. Vermutlich bezieht sich Watson im folgenden vor allem auf ihr diesbezügliches Buch "Absolute Destruction - Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany" (2005) (Amazon). Watson:

Isabel Hull hat argumentiert, daß seine (Ludendorffs) Mentalität ihn dazu verleitete, auf Taktik zu fokussieren, zurückzuführen auf seine Ausbildung als ein preußischer Offizier, und was typisch sei unter preußischen Offizieren, und was letztlich Deutschland in die Katastrophe geführt hätte, das Fehlen seines Willens, die Komplexität moderner Politik zu verstehen, sich realistisch mit der Wahrscheinlichkeit eines Verhandlungsfriedens zu befassen. Sie argumentiert, daß die Mentalität innerhalb des preußischen Offizierskorps fokussiert sei auf die Schaffung und die Perfektion von Gewalt. Ich werde argumentieren, daß es Probleme mit dieser Argumentation gibt. Denn Ludendorff war mit Diplomatie befaßt und mit Innenpolitik. Ich glaube, daß wir ihn umfassender zu verstehen haben als das hier geschieht. Ebenso militärisch. Denn Ludendorff hat sich niemals wieder von seiner Niederlage im Jahr 1918 erholt, verwirrt darüber, daß der Angriff im Frühjahr 1918, der den Krieg beenden sollte, nicht gelang, was dann zur Niederlage Deutschlands an der Westfront führte.

Niederlage wird man in diesem Zusammenhang als zu starkes Wort charakterisieren können. "Im Felde unbesiegt," lautete ja damals die Parole in weiten Teilen des deutschen Volkes. Und auch Ludendorff selbst sah sich an der Westfront nicht per se als "besiegt" an. Er sah die Völker Englands und Frankreichs als ebenso kriegsmüde und erschöpft an wie das deutsche und meinte, daß durch hinhaltenden Widerstand noch ein hinlänglich angemessenerer Ausgleichs-Friede hätte geschlossen werden können als er dann tatsächlich geschlossen worden ist. Und deshalb war er ja vom Kaiser entlassen worden Ende Oktober 1918. Watson weiter (1):

Holger Herwig meint in seinem Buch "Erster Weltkrieg", daß Ludendorff niemals über das intellektuelle Niveau eines Regimentskommandeurs hinausgekommen sei, der Infanterietruppen befehligt. Er glaubt, daß es ihm ihm darum gegangen sei, die feindlichen Linien irgendwo zu durchbrechen, die alliierten Armeen zu zerschlagen und sie dann zur Übergabe zu zwingen. Ich möchte darauf hinaus aufzuzeigen, daß hier ein massives Unterschätzen vorliegt. Natürlich ist es sehr schwierig, Ludendorff zu verteidigen. Denn er war eine außerordentlich unangenehme Person. Wer also sagen will, daß man ihn neu bewerten und ernster nehmen muß, ist wirklich in einer ziemlich peinlichen Lage. Aber wenn man ihn erstens nicht von seiner militärischen Seite her betrachtet und wenn man zweitens nicht die Herausforderungen berücksichtigt, mit denen man es bei dieser neuen Art von Kriegführung damals während des Ersten Weltkrieges zu tun hatte, mit diesem "totalen Krieg", dem er gegenüber stand, wenn man nicht von diesen Dingen ausgeht, wird man sein Handeln unmöglich verstehen können. Wenn man diese Sichtweise aber einnimmt, wird er zu einem viel interessanteren, innovativeren militärischen Denker als ihm das bislang zugesprochen worden ist. 
Nun, das sind doch ungewöhnliche Worte, so möchte man meinen. Watson will in seinem halbstündigen Vortrag dann kurz auf folgende Themen Schlaglichter werfen: Wie entwickelten sich Ludendorffs Kriegsziele? Wo kommen sie her? Worum ging es Ludendorff innenpolitisch? Und was tat er verteidigungsmäßig 1918? Waton (1):
Er war ein "active combat soldier", ein Frontsoldat (also gemeint: kein bloßer Stabsoffizier), der als solcher an der Ostfront geformt worden ist. Die Ostfront ist zu wenig erforscht, was den Ersten Weltkrieg betrifft. Aber es ist zugleich die interessanteste Front des Ersten Weltkrieges. Dafür gibt es zwei Gründe. Zum einen gab es viel mehr Bewegung, es geschah viel mehr. Der Krieg war dort - viel mehr als an der Westfront - so, wie das preußische Militär erwartet hatte, daß ein Krieg aussehen würde. Der zweite Punkt ist, daß die Zivilbevölkerung der heutigen baltischen Staaten, Polens und der Ukraine viel mehr in den Krieg mit einbezogen war. In diesem Sinne war der Krieg seit 1914 viel mehr ein totaler Krieg.
Hier ist der Begriff totaler Krieg nicht im Sinne benutzt wie ihn Erich Ludendorff verstand. Denn gehungert haben die Menschen in Deutschland, nicht in den besetzten Gebieten. Aber auch das wieder nur am Rande. Watson weiter (1):
Es gab eine Verwaltung, es gab große Flüchtlingsbewegungen und es gab ebenso eine ausnutzende Besatzung, in einem viel größeren Umfang als im Westen zwischen 1914 und 1918. Das, was die Menschen wissen über Erich Ludendorff, ist natürlich der Sieg, den er mit Paul von Hindenburg erfochten hat bei Tannenberg, die Zerschlagung russischer Armeen, die in Ostpreußen eingedrungen waren, der nordöstlichsten Provinz von Deutschland Ende August 1914. (...) Um zu verstehen, wo Ludendorff herkommt und was er wollte angesichts der militärischen Situation des Krieges, um seine Politik und Kriegsziele zu verstehen, muß man auf dieses Eindringen (der russischen Truppen) auf eine andere Weise schauen, nicht auf seinen Erfolg Ende August 1914, sondern auf die acht Monate, in denen Deutschland unter fortdauernder Gefahr stand, von Seiten der russischen Kräfte. Es gab nicht einfach nur ein Eindringen in Deutschland, das in Tannenberg endete. Tatsächlich gab es drei russische Einmärsche in Deutschland. Zuerst im August und September 1914, dann der zweite nach Tannenberg, als die Russen im November 1914 zurück kamen, was zu einer kurzen Besetzung von Teilen Deutschlands bis Februar 1915 führte und schließlich ein kurzes Eindringen im März 1915. Deshalb war während dieses ganzen ersten Teiles des Krieges die vornehmlichste Erfahrung des deutschen Volkes und insbesondere Ludendorffs, der an dieser Front kämpfte, das fortdauernde Gefühl der Gefahr, das von diesen russischen Armeen ausging.
Auch dies ungewöhnliche Worte. Dabei sind diese Ausführungen so einfach und so klar wie ein Kindergesicht, so simpel und so schlicht, wie Wahrheit immer nur sein kann. Man muß ihnen nichts hinzusetzen. Und man kann immer nur sagen: Was für eine Schande, was für eine riesen große Schande für die gesamte Zeitgeschichtsforschung, daß so simple Dinge erst im Jahr 2015 - und ausgerechnet von einem britischen Historiker - gesagt werden müssen, daß man bislang kaum bereit war, diese Dinge wahrzunehmen und zu bewerten. Es sei weiter Watson gefolgt (1):
Das wirkte sich auf Ludendorffs, bzw. auf die deutschen Kriegsziele in zweierlei Weise aus: Zunächst verstärkte es das Gefühl, das schon vor dem Krieg vorhanden war von einer tiefen, tiefen Verunsicherung. Bei den ersten Kriegszielen, die bezüglich des Ostens formuliert worden sind, handelte es sich um den sogenannten polnischen Grenzstreifen, ein Streifen, der einfach östlich von Polen (? - gemeint ist sicher: von Deutschland) entlang lief, dazu erdacht, Deutschlands Grenzen zu verbessern, so daß es viel mehr Schwierigkeiten geben würde für ein erneuertes Rußland, ein weiteres mal in Deutschland einzumarschieren.

So simpel und schlicht kann manchmal Wissenschaft sein, sogar Geschichtswissenschaft. Einfach und klar wie ein Kindergesicht. Einfach das feststellen, was während des Ersten Weltkrieges jeder Schuljunge und jedes Schulmädchen in wußte Deutschland. Und was auch jedes Schulmädchen und jeder Schuljunge in England oder Frankreich hätte wissen können - wenn denn eben dort nicht eine unglaublich verlogene Hetzpresse die Deutschen mit Haß und Verleumdung überschüttete in einer Art, daß diese Verhetzung bis heute nachwirkt, sowohl in Deutschland wie in weiten Teilen der Welt. Die Wahrheit führt dieses Kriterium mit sich, daß sie einfach ist, daß sie schlicht ist, daß sie geradezu unschuldig ist. Auf solche Kriterien jedenfalls stoßen wir hier.

Im "stählernen Ring" der Einkreisung, des Zwei-Frontenkrieges und der britischen Seeblockade

Watson in der gleichen Weise weiter (1):

Große Kriegsziele von der Art, die Hitler nach 1941 hatte, vielmehr auch schon vor 1941, Ideen großer Annexionen waren tatsächlich nicht Teil von Ludendorffs Plänen oder Wünschen in der ersten Phase des Krieges. Aus dem Frühjahr 1915 haben wir von ihm geschriebene Briefe, in denen er sich beklagte über die übertriebenen Forderungen, die die "Annektionisten" in der Heimat aufstellten, und in denen er sich selbst nur für untergeordnete Grenzkorrekturen aussprach. In anderen Worten: Was er wollte, waren einfach besser zu verteidigende Grenzen entlang von Flußlinien. Zu dieser Zeit sind seine Gedanken über Krieg recht altmodisch. Wofür er sich interessierte, das waren Feldzüge zu Lande, Verteidigungsfähigkeit des Landes. Im Oktober 1915, sechs Monate später, hat sich das geändert und er beginnt, über viel größere Annektionen nachzudenken, insbesondere hinsichtlich von Litauen und das heutige Lettland, das damals Kurland genannt wurde, im wesentlichen die heutigen baltischen Staaten. Und es gibt zwei Gründe für diese Änderung. Und ich glaube, daß 1915 entscheidend ist für Ludendorff darin, die totale Natur der modernen Kriegsführung zu verstehen.

Eine Nebenbemerkung sei schon hier gestattet: Was bei allen Ausführungen von Watson auffällt, ist, daß der Begriff totaler Krieg gar nicht mehr als ein abscheulicher Begriff verwendet wird im (geschichts-)wissenschaftlichen Diskurs, sondern im wesentlichen als ein Begriff, der einfach vorhandene Sachverhalte beschreibt. Er wird also so verwendet und verstanden wie ihn Erich Ludendorff auch immer verwendet und verstanden hat. Nämlich nicht als eine Forderung, Krieg solle so oder so sein, sondern aus der Beschreibung des Sachverhalts, daß moderne Kriege so oder so sind, nämlich so, daß sie als totale beschrieben werden können, und daß aus dem Erkennen dieses Sachverhalts dann Schlußfolgerungen zu ziehen sind. Das falsche Verständnis ging von der Goebbels-Rede aus, in der er so bombastisch fragte "Wollt ihr den totalen Krieg?" zu einer Zeit, als der Krieg schon lange total geworden war und als es gar keine Frage mehr war, ob man es so haben wolle oder nicht. Zumal diese Frage in Zeiten von Konzentrationslager und Todesstrafe sowieso nur eine rein rhetorische war, eine moralisch also unglaublich flache. Aber das wiederum nur nebenbei.

Daß nun diese neuartige Verwendung des Begriffs totaler Krieg durch Alexander Watson aus einer breiteren, länderübergreifenden Denkbewegung unter politischen und strategischen Planern im Hintergrund ganz allgemein hervor gegangen ist, bzw. von solchen Ermutigung erfahren haben könnte, dafür werden weiter unten noch Anzeichen geben. Auf diesen Umstand sei aber schon an dieser Stelle hingewiesen. Watson weiter (1):

Zunächst, das ist einfach opportunistisch, im Sommer 1915 haben die Deutschen und Österreich-Ungarn die Russen bei Gorlitz und Tarnow geschlagen und haben die Russen aus dem vertrieben, was damals als Russisch-Polen galt. Es gab also einen riesigen Vormarsch Richtung Osten. Und deshalb war die Versuchung, das Land, das man besetzt hatte zu annektieren, nahe liegend. Zum zweiten aber zeigen Ludendorffs Briefe ernste Sorgen über das, was in der Heimat vor sich ging, insbesondere rund um die Nahrungsmittelversorgung. Deutschland hat als Folge der militärischen Maßnahmen und der Umnutzung des Transportsystems unter Nahrungsmittelknappheit gelitten seit August 1914. Das brachte Probleme der Nahrungsmittelversorgung der Städte mit sich infolge der massiven Mobilisation von Truppen, die die Eisenbahnwaggons nutzten.
Und im Verlauf des Herbst 1914 und 1915 wurde die britische Seeblockade zu einem wesentlichen Faktor. Die Briten stoppten die Lieferung von Kriegsmaterial nach Deutschland. Aber im November 1914 erklärten sie sogar die gesamte Nordsee zum Kriegsgebiet. Und sie stoppten auch andere Lieferungen, insbesondere Nahrungsmittellieferungen nach Deutschland. Und das führte zu schrecklicher Not während des Krieges. Es gibt viel Streit um die Zahlen. Aber wahrscheinlich starben in Deutschland fast eine halbe Million Menschen an Unterversorgung - zu großen Teilen aufgrund der Seeblockade. Es gab noch andere Gründe, aber die Seeblockade ist dafür sehr wichtig. Und Ludendorffs Briefe während des Frühjahrs und Sommers 1915 sind schlicht und einfach mit der Situation der Nahrungsmittelversorgung an der Heimatfront beschäftigt. Er schreibt an den Verantwortlichen der Heimatarmee, daß seine Männer Kartoffeln anbauen, um sie mit nach Deutschland zu bringen. Und der Grund, weshalb er zu dem Schluß kommt, daß Litauen und Kurland annektiert werden sollten, ist, daß sie eine Möglichkeit der landwirtschaftlichen Versorgung für Deutschland bieten. Es sollten dies landwirtschaftliche Provinzen werden, die Deutschland autark machen würden gegenüber der Seeblockade.

Er erhielt die Möglichkeit, mit wirtschaftlicher Kriegsführung zu experimentieren in diesem (auf der Karte gezeigten) dunkleren Gebiet, genannt Oberost. Das war der Name für das deutsche Oberkommando im Osten und Ludendorff war der Chef des Stabes. Und er beherrschte im wesentlichen dieses Gebiet, im dem sich heute die baltischen Staaten befinden, als seinen eigenen persönlichen militärischen Machtbereich. [16'10] Und während seiner Amtszeit gibt es eine große Ausnutzung von Ressourcen. Die grundlegende Regel, nach der das Militär, bzw. Ludendorff dieses Gebiet regierten, sagt 1916, daß das Interesse Deutschlands und der deutschen Armee nur untergeordnete Bedeutung ... (?) /unklar/. Es gibt da einige Entwicklung, Aufbau von Infrastruktur, denn die Armee benötigte Infrastruktur an der Ostfront. Deshalb wurden Straßen, Bahnen, Brücken über das gesamte Gebiet hinweg gebaut. Aber viel mehr wurde aus dem Land heraus geholt. Güter etwa im Wert von 77 Millionen Mark wurden in die Provinz investiert, in das besetzte Gebiet und Güter im Wert von etwa 338 Million Mark wurden der Provinz entnommen während der Kriegszeit.
Pferde, Rinder, Schweine und vor allem auch Holz. Litauen und Lettland haben große Wälder. Aber es ist nicht nur Oberost, das zu den deutschen Kriegsanstrengungen beiträgt. Und das ist ein entscheidender Punkt und eine Änderung in Ludendorffs Verständnis darüber, worum es in diesem Krieg geht. Ausgehend von seinem eingeschränkten Verständnis von Feldzügen und Grenzen, die verteidigt werden können, hin zur Erkenntnis: Das ist ein Wirtschaftskrieg, der sowohl das Militär wie auch die Bevölkerung in der Heimat betrifft. Und deshalb sind Ressourcen, materielle Ressourcen entscheidend. ... Die deutsche Kriegswirtschaft geht durch den Konflikt durch das Plündern dieser besetzten Gebiete. Die deutsche Armee besetzte Gebiete, in denen insgesamt 20 Millionen Menschen lebten, also etwa ein Drittel der Bevölkerung von Deutschland in jener Zeit. Und diese Ressourcen in Polen, Belgien, Nordfrankreich und in den heutigen baltischen Staaten erfahren massive wirtschaftliche Ausbeutung.
Und das ist es, was bei Ludendorff eine Änderung bewirkt. Sein Erkennen, daß es bei Sicherheit nicht allein um Grenzen geht, die man verteidigen kann, sondern daß es tatsächlich darum geht, materielle Ressourcen und insbesondere landwirtschaftliche Ressourcen zu bekommen und zu behaupten. Darauf wurde er gestoßen durch die britische Blockade und die wachsende ... in der Heimat. Daher kommen seine Forderungen nach Annektionen. Und das zieht sich hin bis 1917 und erreicht seinen Höhepunkt im Frieden von Brest-Litowsk im März 1918, der Frieden, durch den Rußland für immer aus dem Krieg ausscheidet. Noch einige Zitate von Ludendorff aus dem September 1917: "Ich bin der Meinung, daß es zu wünschen wäre, daß wir einen Frieden bekommen, bevor der Winter einsetzt, solange er uns ... eine wirtschaftliche und militärische Position gibt, die es uns erlaubt, einem weiteren Verteidigungskrieg ohne Furcht entgegen zu sehen." Typisch und bemerkenswert in diesem Zitat ist zunächst, daß Ludendorff auf diesem Verteidigungskrieg besteht. Und das ist zurückzuführen auf diese Erfahrung des Vormarsches der Russen in Ostpreußen, in Deutschland im Jahr 1914.
Ich will auch noch sagen, warum das so traumatisch ist. Es gab Greueltaten gegen die Deutschen, 1.500 deutsche Zivilpersonen sind durch die russische Armee ermordet worden, 13.000 sind gewaltsam nach Rußland deportiert worden, von denen etwa ein Drittel während des Krieges in der Internierung ums Leben kamen. 900.000 Gebäude sind absichtlich zerstört worden durch die russische Armee als Racheakte, Bestrafungen oder während des Kampfes. Und der Einmarsch brachte eine massive Flüchtlingskrise mit sich. 800.000 Flüchtlinge waren in Ostpreußen unterwegs oder sogar weiter nach Westen ins Herz Deutschlands im August 1914. Und während des zweiten Einmarsches im November 1914 waren es noch einmal 350.000, die hoffnungslos in anderen Teilen Deutschlands Zuflucht suchten. Es waren dies große Krisen, die die Deutschen und Ludendorff sehr beeinflußten. Und Ludendorff war ja im Herbst 1914 direkt involviert in die Bemühungen, insbesondere Männer von der Ostgrenze hinweg zu evakuieren in sicherere Regionen Deutschlands. Das ist also die eine Angelegenheit: der Verteidigungskrieg. Wir müssen nicht seiner Meinung sein, aber es ist wichtig zu wissen, wie er es sah.
Und zum zweiten betont er eine wirtschaftliche und militärische Position. Grenzen, die verteidigt werden können, sind nicht mehr genug. Und das wird durch ein weiteres Zitat illustriert, er sagt weiter unten: "Getreide und Kartoffeln sind Macht - genauso wie Kohle und Eisen." Und das ist ebenso eine Folge der Wirtschaftsblockade.
Über alle diese Ausführungen hinweg gilt wieder und wieder, das ist alles so wahr und so einfach, daß es sich schlichtweg immer nur um "Erkenntnisse" handelt, die damals jedes Schulkind in Deutschland hatte, ja, an seinem eigenen Bauch spürte. Nur eine zutiefst verhetzte und ideologisch verdrehte Zeitgeschichtsforschung braucht Zeit bis 2015 und länger, um solche allzu simplen Erkenntnisse ebenfalls zu gewinnen. Watson über Ludendorff (1):
Daher sehen wir bei ihm, daß seine Forderungen nach Annektionen wachsen.
Watson vertritt die These (1):
Ludendorffs Interventionen in der Innenpolitik und hinsichtlich der Kriegsziele, sowie seine militärische Strategie können abgeleitet werden von seinem innovativen Engagement hinsichtlich des Themas "totaler Krieg".

Es sei an dieser Stelle zunächst einmal abgebrochen mit der Übersetzung des Video-Vortrages von Watson aus dem Jahr 2015. Diese Übersetzung ist (zumindest für den Autor dieser Zeilen) sehr Zeit-intensiv. Es wäre sehr erfreulich, wenn sich jemand aus der Leserschaft fände, der uns den Rest auch noch übersetzt.

Abb. 2: A. Watson - Ring of Steel, 2014

Natürlich macht dieser Vortrag neugierig auf das Buch von Alexander Watson, das - auch - diesem Vortrag zugrunde liegt. Es erschien 2014 unter dem Titel "Ring of Steel - Germany and Austria-Hungary at War, 1914-1918" und hat 800 Seiten. Schaut man in dieses Buch hinein, wird einem klar, daß der hier behandelte Video im Grunde schon in komprimierter Form den Inhalt dieses Buches selbst enthält. Das Buch dient in ausgesprochenem Maße den deutschen Interessen und es ist dringend erforderlich, daß es - endlich - ins Deutsche übersetzt wird. Im Grunde enthält es über weite Strecken nur genau jenes Wissen, das damals - wie schon mehrmals gesagt - jedes deutsche Schulkind hatte. Da man dieses Wissen aber an anderen Orten und in derart "seriöser" Form nicht findet, ist dieses Buch ungeheuer bedeutsam. Alexander Watson ist richtiggehend ein "Deutschland-Versteher" in diesem Buch.

Sein Titel ist ins Deutsche etwa zu übersetzen mit "Die Stählerne Einkreisung - Deutschland und Österreich-Ungarn im Krieg 1914 bis 1918". Er soll vermutlich auch erinnern an das damalige Sprichwort in Deutschland "Gold gab ich für Eisen", als die opferwilligen Deutschen ihren Goldschmuck, ja, ihre goldenen Eheringe hingaben und dafür Eisenringe erhielten, die sie mit Stolz trugen - damit Deutschland diesen unglaublich schweren Krieg um seine schiere Existenz durchhält.

Bundesverteidigungsministerium fordert Resilienz-Aufbau in der deutschen Bevölkerung 2017

Oben wurde schon danach gefragt, wo die Umbewertung des Begriffes "totaler Krieg" herstammen könnte. Das "linkskritische" Internetportal "German Foreign Policy - Informationen zur deutschen Außenpolitik" (von einem Horst Teubert [Wiki]) hat im Juni 2017 folgendes berichtet:

Berlin (Eigener Bericht - german-foreign-policy)
Die aktuelle deutsche Diskussion über die Widerstandsfähigkeit ("Resilienz") der einheimischen Bevölkerung gegen Angriffe feindlicher Kombattanten geht auf Überlegungen aus dem Ersten Weltkrieg und der NS-Zeit zurück. General Erich Ludendorff, der 1916 in die Oberste Heeresleitung der kaiserlichen Armee berufen wurde, äußerte 1935, die "seelische Geschlossenheit des deutschen Volkes" sei die Voraussetzung für den Sieg im kommenden "totalen Krieg". Laut Ludendorff geht es darum, Bevölkerung, Militärführung und Politik zu einer "gewaltigen Einheit" zu "verschweißen", die sich als "Schicksalsgemeinschaft" versteht und ihre gesamte Energie in den Dienst der Kriegsführung stellt. Um dies zu gewährleisten, forderte der General unter anderem die Einführung einer "allgemeinen Dienstpflicht" für Männer und Frauen sowie die Lancierung entsprechender Propagandakampagnen - "schon im Frieden".
Initiativen der amtierenden Bundesregierung weisen Parallelen dazu auf. In der "Konzeption Zivile Verteidigung" des deutschen Innenministeriums etwa ist die Rede von einer Verfassungsänderung, durch die Frauen zu Tätigkeiten in "verteidigungswichtigen Bereichen" gezwungen werden können. Mittels eines "gesellschaftlichen Diskurses" soll die Bevölkerung außerdem dazu gebracht werden, "Risiken zu tragen" und Schadensereignisse zu "erdulden". ....

Soweit die Einleitung zu einem Volltext, der gegen eine Gebühr von 7 Euro lesbar wäre. Aber die Stoßrichtung ist schon in diesen einleitenden Worten erkennbar. Tatsächlich fällt der Begriff "Resilienz" auf den 143 Seiten des diesbezüglichen frei zugänglichen "Weißbuches zur Sicherheitspolitik" des Jahres 2016 aus dem Bundesministerium für Verteidigung, das sich mit Vorworten von Angela Merkel und Ursula von der Leyen, schmückt, gleich 27 mal (8). Da heißt es zum Beispiel (8, S. 56):

Staat, Wirtschaft und Gesellschaft müssen ihre Widerstands- und Resilienzfähigkeit erhöhen, um Deutschlands Handlungsfreiheit zu erhalten und sich robust gegen Gefährdungen zur Wehr zu setzen.
Oder (8, S. 59):
Sicherheitsvorsorge ist nicht nur eine staatliche, sondern wird immer mehr zu einer gemeinsamen Aufgabe von Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft.
Es wird auch eine Definition des Begriffes Resilienz gegeben (8, S. 49):
Neben einem wirkungsvollen Beitrag zur Abschreckung strebt Resilienz auch den Ausbau der Widerstands- und Adaptionsfähigkeit von Staat und Gesellschaft gegenüber Störungen, etwa durch Umweltkatastrophen, schwerwiegende Systemfehler und gezielte Angriffe, an. Ziel ist es, Schadensereignisse absorbieren zu können, ohne daß die Funktionsfähigkeit von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltig beeinträchtigt wird. Der Ausbau der Gesamtresilienz ist dabei das Produkt der fortschreitenden Resilienzbildung in den genannten Bereichen.
Was heißt denn hier "schwerwiegende Systemfehler"? Muß man bei einem solchen Begriff nicht an die satanistische, geheimgesellschaftlich organisierte Pädokriminalität denken, die laut der ARD-Fernsehdokumentation "Operation Zucker - Jagdgesellschaft" des Jahres 2016 die bundesdeutsche Führungsschicht so sehr durchzieht, daß eine wirksame Bekämpfung derselben nicht statt hat, ebenso wie dies von der elitären Pädokriminalität unter Margaret Thatcher vor wenigen Jahren bekannt geworden ist? Was sonst sollen "schwerwiegende Systemfehler" sein? Es wird auch der Begriff "Resilienzaufbau" erläutert (8, S. 60):
Die materielle Infrastruktur von Staat und Wirtschaft ist ebenso Angriffsziel wie die öffentliche Meinung, die vielfach Versuche externer Einflußnahme ausgesetzt ist. Nachhaltige Resilienzbildung in unserem offenen und demokratischen System ist daher eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Worauf das Weißbuch mit diesen Ausführungen nun eigentlich konkret hinaus will oder was die Hintergedanken bei diesen Ausführungen sind, müßte noch einmal gesondert überprüft werden (Krieg oder Cyber-Krieg mit Rußland). Jedenfalls werden hier Konzepte vom "totalen Krieg" und von seelischer Widerstandsfähigkeit neu überdacht, die insbesondere von Erich Ludendorff spätestens 1935 in die Debatte gebracht worden waren.

Erich Ludendorff forderte 1935 "Machet des Volkes Seele stark!"

Der britische Historiker Alexander Watson ist bislang in der deutschsprachigen Öffentlichkeit noch so gut wie gar nicht wahrgenommen worden, und zwar weder in der etablierten, noch in der alternativen Öffentlichkeit. Aber auf Youtube findet man inzwischen nicht nur den oben zitierten bemerkenswerten Vortrag von ihm aus dem Jahr 2015 (1), sondern auch ein ganz aktuelles Interview vom 18. März 2018 (4).

Oh, bevor ich zum Veröffentlichen des vorliegenden Aufsatzes komme, ist es schon wieder aus Youtube verschwunden - schade. Ich hatte vor einigen Wochen dazu notiert: Watson wird gefragt, worin sich die Kriegserfahrung der Bevölkerung der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn unterschied gegenüber der Kriegserfahrung der Bevölkerung Englands. Und Watson antwortete (4):

Ich glaube, der Hauptunterschied war vor allem eine viel stärkere Erfahrung des Gefühls von Bedrohung, eine viel, viel größere Erfahrung des Gefühls von Bedrohung. Denn man hat das Russische Reich an seiner östlichen Grenze, das gilt sowohl für das Deutsche Reich wie Österreich-Ungarn, das an Russisch-Polen und an die Ukraine grenzte. Und natürlich drangen in Deutschland im Jahr 1914 ebenfalls feindliche Truppen ein, ebenso in Österreich-Ungarn. Aus diesem Grund gab es ein viel stärkeres Gefühl für die große Hauptgefahr des Eindringens feindlicher Truppen, das man zur gleichen Zeit in Großbritannien gar nicht hat. Das ist das eine. Der andere große Unterschied sind die Entbehrungen, die Not des Krieges. Großbritannien führt Rationierung (von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern) nicht vor dem Februar 1918 ein. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland und Österreich-Ungarn Rationierung schon seit vollen drei Jahren. Und die Menschen befanden sich in einem Gefühl der Verzweiflung hinsichtlich ihrer Ernährung. Dieses Leiden - ebenso wie das Eindringen feindlicher Truppen - gehört nicht zur britischen Erfahrung während des Ersten Weltkrieges.

Wie bei allen Feststellungen von Watson sind auch diese fast allzu simpel. Bei allen solchen Feststellungen fragt man sich immer: Warum wurde das nicht schon viel, viel früher so simpel und einfach gesehen und gesagt? Nun, dann wäre ja plötzlich klar, daß es sich beim Ersten Weltkrieg für die Deutschen gar nicht um einen "Griff nach der Weltmacht" handelte (Wiki), sondern um einen Verteidigungskrieg auf Leben und Tod, so wie es die zeitgenössischen Deutschen alle sahen.

In Betreff der Kriegsschuld meint Watson, daß Österreich-Ungarn am meisten Schuld tragen würde, Rußland am zweit meisten und erst an dritte Stelle stünde Deutschland. Nun, womöglich wird man diese "Schuldspielchen" auch als einigermaßen "old-fashioned" empfinden dürfen, wenn man einfach feststellt, daß es international agierende Eliten waren, die den Nationalismus benutzten, um die am Krieg völlig unschuldigen Völker in diesen Krieg hinein zu hetzen und zu ziehen.

Watson mag aber insofern recht haben, als die österreichisch-ungarische Regierung - insbesondere angefeuert und ermutigt durch den Vatikan - eine herausforderndere Haltung einnahm als sie es angesichts der Brisanz des damaligen Pulverfasses Europas hätte tun dürfen. Er hat insofern überhaupt nicht recht, als es das völlig legitime Recht Österreich-Ungarns war zu fordern, daß aus dem Mord an seinem Thronfolger die entsprechenden Konsequenzen in Serbien gezogen werden. Er hat hinwiederum insofern recht, als Rußland der serbischen Regierung viel zu viel Rückhalt gegeben hat. Und er mag auch insofern recht haben, als die starre, bedingungslose "Nibelungentreue" des deutschen Reichskanzlers Bethmann-Hollwegs gegenüber Österreich-Ungarn ebenfalls - so wie die russische Haltung - auf elitäre, sprich freimaurerische, jesuitische und östlich-esoterische - Hintergrundpolitik zurück geführt werden mag als daß sie im Interesse der Völker Europas und des deutschen Volkes lag.

Ein wenig auffallend lächerlich ist, daß Watson England und Frankreich als so viel weniger schuldig am Krieg erklärt als die anderen genannten Nationen. Das zeigt, wie lächerlich all solche "Schuld-Portionierungen" nach Nationen hinsichtlich des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges sind.

Immerhin gibt er auch er nicht mehr Deutschland die "Allein-" oder "Hauptkriegsschuld", was man ja doch schon einmal als einen wichtigeren Fortschritt wird bezeichnen dürfen. Es liegt das also so ungefähr auf der differenzierteren Linie seines Fachkollegen, des australischen Historikers Christopher Clark (geb. 1960) (Wiki).

Der Historiker Christopher Clark

Dabei repräsentiert Christopher Clark weiterhin eine Geschichtsschreibung, die den bekannten, geschichtegestaltenden Lobbygruppen und Hintergrundmächten keine besondere Rolle in der Geschichtegestaltung zuschreibt. Schon deshalb wird sich die britische Königin beeilt haben, ihn zum Ritter zu schlagen. In Zeiten, wo noch ganz andere Veröffentlichungen als die von Christopher Clark Aufmerksamkeit erhalten.

Um so weniger die Deutschen als jenes Volk im politischen und kulturellen Geschehen unserer Zeit wahrnehmbar und spürbar werden, als das sie tausend Jahre lang spürbar und wahrnehmbar waren, nämlich als ein Volk kämpferischer kultureller, religiöser, politischer, wirtschaftlicher und wissenschaftlicher Selbstbehauptung, Selbständigkeit und Freiheit, um so "normaler" und "entspannter" wird in Teilen der Geschichteswissenschaft die Sichtweise auf die deutsche Geschichte. Damit wird erkennbar, daß mit Geschichte und Geschichtswissenschaft seit hundert Jahren "Politik" gegen das Deutsche Volk und seine Selbstbehauptung betrieben wurde und betrieben wird ("Geschichtspolitik"). Diese Politik kann aber immer dann sofort abgebaut werden und in dem Maße, in dem das deutsche Volk sich nicht mehr für seine eigene Selbstbehauptung, Selbständigkeit und Freiheit interessiert.

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  1. Watson, Alexander: Erich Ludendorff in "Total War", 1914-1918 - A Reassessment. Speaking to the First World War Research Group at the Joint Services Command and Staff College, Shrivenham, 19 May 2015, https://youtu.be/iFe9orAVMXw
  2. Watson, Alexander: Enduring the Great War. Combat, Morale and Collapse in the German and British Armies, 1914–1918 (= Cambridge Military History Series). Cambridge University Press, Cambridge 2008
  3. Watson, Alexander: Ring of Steel. Germany and Austria-Hungary at War, 1914-1918. Penguin Books, London 2014 (Amazon)
  4. Watson, Alexander: The German view on the First World War. History Extra Podcast, 18.1.2018, https://www.youtube.com/watch?v=IqzWbtvKpAs (leider inzwischen wieder aus dem Internet genommen worden!)
  5. Kellerhoff, Sven Felix: Streiks deutscher Truppen erzwangen 1918 das Ende. In: Die Welt, 24. März 2014, http://la-loupe.over-blog.net/2014/03/streiks-deutscher-truppen-erzwangen-1918-das-ende.html
  6. Scianna, Bastian Matteo: Tagungsbericht: German Atrocities 1914 - Revisited, 27.10.2017 Potsdam, in: H-Soz-Kult, 24.11.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7409>.
  7. Kellerhoff, Sven Felix: Gab es „Franktireure“ in Belgien 1914? In: Die Welt, 19.12.2017, https://www.welt.de/geschichte/article171725774/Historikerstreit-Die-Belgier-nicht-ein-Haar-besser-als-die-Kosaken.html
  8. https://m.bundesregierung.de/Content/Infomaterial/BMVg/Weissbuch_zur_Sicherheitspolitik_2016.pdf;jsessionid=798FB8BBB148AC7DB51AA14BD0395E2F.s4t1?__blob=publicationFile&v=2 
  9. https://giskoesgedanken.wordpress.com/2017/06/29/ludendorff-und-die-gegenwart/ 
  10. https://archive.org/details/Ludendorff-Erich-Der-totale-Krieg, https://archive.org/details/LudendorffErichDerTotaleKrieg1935130S.ScanFraktur 
  11. Teubert, Horst: Bürgerbeteiligung (II). Auf: German Foreign Policy (Aachen), 29.6.2017. Auf: http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/59628, auch: http://www.pflaster-info-agentur.de/index.php?p=news&area=1&newsid=48392
  12. Watson, Peter: Der deutsche Genius. Eine Geistes- und Kulturgeschichte von Bach bis ... 
  13. Clark, Christopher: Iron Kingdom. The Rise and Downfall of Prussia 1600-1947. Allen Lane, London u. a. 2006 (Deutsch: "Preußen - Aufstieg und Niedergang" 2007)
  14. Clark, Christopher: The Sleepwalkers. How Europe Went to War in 1914. Allen Lane, London u. a. 2012 (Deutsch: "Die Schlafwandler" 2013)
  15. Bading, Ingo: Eine "Verleumdungsschrift" gegen Erich Ludendorff "von noch nie da gewesener Wildheit"? Neuerscheinungen zu Erich Ludendorff. Studium generale, 23. März 2017, http://studiengruppe.blogspot.de/2014/01/neuerscheinung-uber-erich-ludendorff.html

Dienstag, 20. März 2018

Neue Quellen zur Geschichte der völkischen und Ludendorff-Bewegung in Ostpreußen (1925 bis 1945)

Ein Herr Vonberg in Bartenstein in Ostpreußen (gest. 1926) 
- Ein "Veteran" der völkischen Bewegung im Umfeld der "Deutschvölkischen Freiheitspartei"

Im März 2018 wurden vier Briefdokumente bekannt, die Erich Ludendorff in den Jahren 1925 und 1926 an Käthe Vonberg in Bartenstein in Ostpreußen, bzw. an ihren Ehemann gerichtet hat.

Abb. 1: Das Gutshaus Glittehnen bei Bartenstein in Ostpreußen (Wiki

Um wen könnte es sich bei dieser Käthe Vonberg und ihrem Ehemann gehandelt haben? Im "Amtsblatt der Preußischen Regierung zu Königsberg" von 1874 wird der "Gutsbesitzer Vonberg zu Rothgörken" als Amtsvorsteher aufgeführt (GB, S. 179), ebenso 1888 (GB). Rothgörken (Wiki) liegt 5 Kilometer südöstlich von Bartenstein. 1895 wird im "Handbuch des Grundbesitzes im Deutschen Reiches" als Besitzer des Rittergutes Rothgörken "mit Waldvorwerk Perkuiken" angeführt "F. Vonberg". Dieser war hier Gutsbesitzer bis 1909 (Bart).

Im "Deutschen Geschlechterbuch" des Jahres 1914 findet sich der Familienname Vonberg in Zusammenhang mit der Ortschaft Bartenstein (GBa). Es ist da von einem Bruno Johannes Vonberg (geb. 1860) die Rede. Dieser wird auch in einem Adressbuch von 1888 angeführt als Gutsbesitzer in Glittehnen (GB). Glittehnen (Wiki) liegt 30 Kilometer östlich der Kreisstadt Bartenstein. Als seine Kinder werden angeführt:

1. Gertrud Elisabeth Margarete,
2. Heinrich Hans Werner * 13. 8. 1894 (Zwillinge)
3. Georg Bruno Hermann * 28. 12. 1895

Vielleicht wurde die älteste Tochter nach der Mutter Käthe Vonberg benannt.

Da Bruno Vonberg schon als Besitzer von Glittehnen im Jahr 1888 genannt wird, muß in den folgenden Ausführungen nicht alles stimmen (Ostpr):

1905 erwarb Bruno Vorberg (geb. 19.09.1860 in Klein-Karben) das Gut Glittehnen-Bartenstein. Seine Tochter Gertrud (geb. 13.8.1894) übernahm nach einer Erbauseinandersetzung mit ihren Geschwistern 1919 den Betrieb und heiratete Georg Borrmann. Seitdem lief das Gut unter dem Besitzernamen Borrmann bis 1945. Dazu schreibt Herr Hans-Egon v. Skopnik: Borrmann, dessen einziger Sohn 1943 bei Orel fiel, "war in ganz Ostpreußen bekannt ob seiner Bienenzucht. Am 20.01.1945 ging die Familie auf die Flucht, bei der die Ehefrau verstarb. Vater und Tochter verstarben in Leer. Die Familie ist erloschen."

Georg Borrmann hatte für seine 413 Bienenvölker zwei Imkermeister und zwei Imkergehilfen angestellt (GB1990) (s.a. pdf). 1975 gratulierte ihm das Ostpreußenblatt zum 85. Geburtstag (Archiv) ...

Borrmann, Georg, vom Gut Glittehnen, Kreis Bartenstein, jetzt 4493 Völlenerkönigsfehn, über Papenburg, Domänenstraße 290, am 24. Februar

Womöglich ein Nachkomme einer der beiden Brüder von Gertrud Elisabeth Margarete könnte der Fotograf Henning von Berg (geb. 1961) (Wiki) sein, der sich in den 1990er Jahren - am Anfang seiner Karriere - Henning-Volker Freiherr von Berg-Glittehnen nannte.*) 

Der Vonberg in Bartenstein wird in den Briefen von Erich Ludendorff als "Veteran der Bewegung" angesprochen, also sicherlich der völkischen Bewegung in Ostpreußen, der sich auch Erich Ludendorff zurechnete. Als solcher könnte er sich noch in deutlich anderen politischen und soziokulturellen Verhältnissen bewegt haben als ein viel bekannterer Vertreter der Familie von Berg in Ostpreußen, nämlich Friedrich von Berg.**) 

Abb. 1a: Gutshaus Glittehnen bei Bartenstein in Ostpreußen (Wiki)

Die neu bekannt gewordenen Schreiben dürften nicht ganz unwesentlich das Wissen um die Geschichte der völkische Bewegung in Ostpreußen der Jahre 1925 und 1926, sowie auch der Biographie Erich Ludendorffs jener Jahre ergänzen. Sie bringen natürlich - wie fast immer - viele Fragen der historischen Ein- und Zuordnung mit sich. Fragen in Richtung auf die Geschichte der Familie von Berg auf den Gütern Markienen, sowie Glittehnen und Rothgörken bei Bartenstein in Ostpreußen, sowie Fragen, in welche Art von Berührung der Hausminister der Hohenzollern Friedrich von Berg und der ihm gut bekannte deutsche Kronprinz Wilhelm (1882-1951) (Wiki), sowie dessen Sohn Wilhelm (1906-1940) (Wiki) der Freimaurer-kritischen, völkischen Bewegung ihrer Zeit in Ostpreußen und in Königsberg gekommen sind. Es handelt sich dabei um Fragen, die schon in einem früheren Beitrag hier auf dem Blog angerissen worden waren (2).

Mai 1924 - Wahlerfolg der "Deutsch-Völkischen Freiheitspartei" in Ostpreußen

Über die Geschichte der antisemitischen und völkischen Bewegung in Ostpreußen wird berichtet (3):

Wie überall im Reich nahmen auch in Ostpreußen antisemitische Ausschreitungen und Attacken zu. Bereits im Oktober 1919 entstand als Zusammenschluß mehrerer rechtsextremer Organisationen der "Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund", dessen einziges Ziel der Kampf gegen die "Judenrepublik" war.
Es ist über sie zu erfahren (4, S. 168):
Vor dem Ersten Weltkrieg haben antisemitische Parteien in Ostpreußen keine Wahlerfolge erzielt; die Hochburgen dieser Parteien liegen in protestantisch-pietistischen Gebieten in Norddeutschland, im Königreich Sachsen und im Großherzogtum Hessen. Bereits 1921 ist es in Ostpreußen in den großen Städten wie Allenstein, Elbing und Königsberg zu ersten Zusammenschlüssen von Nationalsozialisten gekommen, noch vor 1923 gibt es in der Provinz auch erste Formationen der "Sturmabteilung" SA. (...) Wie überall im Reich schließen sich die Nationalsozialisten in Ostpreußen jetzt paramilitärischen Verbänden wie dem Stahlhelm sowie deutschvölkischen Gruppierungen an, so etwa dem "Preußenbund", dem "Bund Oberland" und dem "Deutschvölkischen Schutz- und Trutzbund". Vor allem die Zusammenarbeit mit der Deutsch-Völkischen Freiheitspartei (DVFP) ermöglicht es den Nationalsozialisten, in Ostpreußen in organisierter Form weiterhin politisch tätig zu sein. In der Provinz erzielte das "Vereinigte Liste der Deutsch-Völkischen Freiheitspartei und der NSDAP" genannte Wahlbündnis bei den Reichstagswahlen vom 5. Mai 1924 mit 8,6 % ein gutes Ergebnis. Innerhalb weniger Jahre hat sich die Provinz zu einer Hochburg antisemitischer Parteien entwickelt.
Am 1. April 1924 wurde Adolf Hitler im Hochverrats-Prozeß in München wegen des Hitler-Ludendorff-Putsches am 9. November 1923 zu Festungshaft verurteilt. Erich Ludendorff wurde freigesprochen. Erich Ludendorff versuchte in der Folge, die völkische Bewegung reichsweit weiter zu führen und zu einigen. Man entschied sich, an der Reichstagswahl vom 5. Mai 1924 teilzunehmen- Und man erzielte dabei Erfolge, wie sie völkische Parteien bis 1930 nicht mehr erreichen sollten im Deutschen Reich. Doch schon im Juni 1924 kam es innerhalb der völkischen Bewegung - insbesondere aus der bayerischen NSDAP heraus - zu schweren persönlichen Angriffen gegen Erich Ludendorff. Zu den schärfsten Gegnern Erich Ludendorffs innerhalb der NSDAP gehörte der damals erst 24-jährige Hermann Esser (1900-1981) (Wiki). Auf Wikipedia heißt es über ihn:
Gegen die Konkurrenz (...), die Nationalsozialistische Freiheitsbewegung, polemisierte Esser 1924, deren Vorsitzender Erich Ludendorff habe sowohl im Weltkrieg als auch beim Putsch versagt. Die Vorwürfe, die in der als "alljüdisch" geltenden Frankfurter Zeitung veröffentlicht worden waren, sorgten für erhebliche Empörung im völkischen Lager.
Dieser Aufsatz von Hermann Esser war schon im Juni 1924 veröffentlicht worden. Aber die Auseinandersetzungen mit Esser blieb noch bis weit in das Frühjahr 1925 hin lebendig. Denn Esser erhielt die ganze Zeit über - zwar nicht offen, aber unterschwellig - Zuspruch und Unterstützung von Adolf Hitler selbst aus der Haftanstalt heraus (5, S. 62-64).

Im August 1924 besuchten Hindenburg und Ludendorff zunächst einmal wieder Ostpreußen zur Feier des zehnten Jahrestages der Schlacht von Tannenberg. Ludendorff selbst war vor den geplanten Feierlichkeiten in Königsberg und auf dem Schlachtfeld bei Osterode zu einem "Ostpreußentag" nach Tilsit im Memelland gefahren, und zwar am 24. und 25. August 1924. In seinen Lebenserinnerungen berichtet er weiter (6, S. 355):
Am 26. ging es dann weiter durch das Samland nach Königsberg. (...) In Königsberg wohnte ich bei der Familie Döring. Herr und Frau Döring standen an der Spitze der Deutschvölkischen Freiheitpartei in Königsberg und nahmen mich gastlich auf.***)
Dieser Besuch wird hier deshalb erwähnt, weil dieses Ehepaar Döring für die im folgenden zu schildernden Zusammenhänge von Bedeutung ist, aber sonst von Erich Ludendorff in seinen Lebenserinnerungen nicht erwähnt wird.

April 1925 - "Ehrgeizlinge und ihr "talmudisches Denken"

Im Februar 1925 wurde die NSDAP neu gegründet. Am 9. April 1925 hatte Erich Ludendorff - wie jedes Jahr - zu seinem Geburtstag viel Geburtstags-Post erhalten, diesmal vermutlich auch von einem Herrn Vonberg aus Bartenstein in Ostpreußen. Dieser hatte sich in seinem Brief - vermutlich - als einen "Veteranen" der völkischen Bewegung in Ostpreußen vorgestellt oder bezeichnet. 

Abb. 2: Schreiben Erich Ludendorffs an Herrn Vonberg in Bartenstein, ohne Jahr, vermutlich 14. April 1925 (Herkunft: Ebay, März 2018)

Jedenfalls lautete das Antwortschreiben Erich Ludendorffs vom 14. April, dessen Jahreszahl zwar nicht bekannt ist, dessen Inhalt aber am besten zum Jahr 1925 paßt:

14/4.
Geehrter Herr Vonberg!
Die Wünsche eines Veteranen der Bewegung sind für mich wertvoll. Sie werden mit mir fühlen, wie schlecht es mit ihr bestellt ist, seitdem Ehrgeizlinge, ihr Wesen und ihr Treiben u. talmudisches Denken zu herrschen beginnt.
Mit Deutschem Gruß
Ludendorff.

Es scheint unwahrscheinlich, daß dieser Brief schon im April 1924 geschrieben wurde. Denn zu dieser Zeit führte man noch Wahlkampf und es bestand Einigkeit innerhalb der völkischen Bewegung in Deutschland. In diesem Brief wird sich vielmehr die Stimmung wiederspiegeln während des Zerfalls der von Ludendorff geführten "Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung" dadurch, daß Hitler nach seiner Freilassung mit anderen, die hier Ludendorff als "Ehrgeizlinge" bezeichnen könnte, in München die NSDAP neu gründete. Worauf sich dabei genauer Ludendorffs Vorwurf vom "talmudischen Denken" bezieht, muß an dieser Stelle aber zunächst offen bleiben.

Die Tatsache, daß Ludendorff Vonberg als "Veteranen der Bewegung" anspricht, könnte darauf hindeuten, daß Vonberg schon vor 1914 in der völkischen Bewegung in Ostpreußen tätig gewesen ist. Vielleicht hat er schon damals - als Folge seines völkischen Denkens, das eine Bevorrechtigung des Adels ablehnte - seinen Namen von "von Berg" zu "Vonberg" umgeändert. Ähnliches ist ja auch bei vielen anderen Familiennamen zu beobachten.****)

Mai 1925 (?) - "Nehmen Sie meinen Dank"

Herr Vonberg könnte noch im gleichen Monat April 1925 ein weiteres mal an Erich Ludendorff geschrieben haben. Jedenfalls liegt aus demselben familiären Nachlaß noch ein weiterer Brief Ludendorffs an Vonberg vor, dessen Jahreszahl ebenfalls schwer zu entziffern ist (Abb. 3).

Abb. 3: Erich Ludendorff an Vonberg, 6.5.1925 (?)
(Herkunft: Ebay, März 2018)

Der Wortlaut dieses Briefes zumindest soweit entzifferbar:

München, den 6.5.25. (?)

Geehrter Herr Vonberg.
Nehmen Sie meinen Dank für Ihren Brief. Die Kluft (?) ... besteht (?) jetzt (?) bereits. Wir schlafen (?) weiter.
Mit Dank u. Gruß
                                  Ludendorff.

Da die hier vorgeschlagene Lesart bis auf weiteres sehr unsicher erscheint, ist diesem Brief zunächst nicht viel an Aussage zu entnehmen. Vielleicht bezieht er sich aber ebenfalls auf den Zerfall der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung im Jahr 1925.

Das nächste zu behandelnde Dokument in diesem Zusammenhang wurde dann vermutlich ein knappes Jahr später versendet. 

April 1926 -  Eine Dankeskarte Erich Ludendorffs

Aus demselben familiären Briefnachlaß wie die beiden eben zitierten Briefe stammt - nach Angaben der Ebay-Verkäuferin - nämlich auch eine signierte, ansonsten gedruckte Dankeskarte, die Erich Ludendorff im April - sicherlich als Dank für Geburtstagswünsche - versandte (Abb. 4).

Abb. 4: Gedruckte Dankeskarte, München, April 1926 (oder 1924?)
(Herkunft: Ebay, Februar 2018)

Da hier die Jahreszahl ähnlich wie im letzten hier zu behandelnden Brief (siehe Abb. 5) geschrieben ist, könnte angenommen werden, daß auch diese Dankeskarte aus dem Jahr 1926 stammt. (Ansonsten könnte auch die Jahreszahl "1924" in Erwägung gezogen werden.)

Dezember 1926 - Ein Beileidsschreiben Erich Ludendorffs

Der letzte Brief aus dem Dezember 1926 ist es eigentlich erst, der die historische Zuordnung des gesamten hier behandelten Konvoluts erlaubt. Es ist nämlich der einzige Brief, für den noch ein Briefumschlag erhalten ist. Und auf diesem ist er interessanterweise adressiert an eine "Frau Käthe Vonberg, Bartenstein". Von der Anbieterin wird der Brief aufgrund des Datums im Poststempel auf der Briefmarke ("27 DEZ 26.") auf das Jahr 1926 datiert.*****) (Da ausgerechnet hinter der 26 ein Punkt ist, könnte das Datum theoretisch natürlich auch gelesen werden als "26. Dezember 1927". Da müßte uns ein Briefmarken-Kenner einmal aufklären.)

Abb. 5: Beileidsschreiben Ludendorffs an Frau Vonberg in Bartenstein, Dezember 1926
(Herkunft: Ebay, März 2018)

Die handgeschriebene Jahreszahl im Brief selbst ist von Erich Ludendorff sehr undeutlich geschrieben, aber vielleicht soll es sich ja bei ihr auch um eine "26" handeln. Der Brieftext (soweit erkennbar):
München, den 27. 12. 1926 (?)
Sehr geehrte Frau Vonberg!
Hauptmann Döring sandte mir Ihre Anzeige über das plötzliche Ableben Ihres Herrn Gemahls. Auch ich möchte da nicht unter den wärmstens Anteilnehmenden fehlen und Ihnen mein herzlichstes Beileid zu dem schweren Verlust aussprechen, den aber nicht nur Sie und die Kinder, sondern wir Völkische in unserer Gesamtheit erlitten haben.
Ihr Ludendorff

Da als Adresse "Bartenstein" angegeben ist, ist es immerhin mehr als nahe liegend zu vermuten, daß es sich um einen Verwandten des schon eingangs erwähnten Friedrich von Berg (1) handelt, bzw. bei Käthe Vonberg.

Es kann ja immerhin sogar weiter gemutmaßt werden, daß dieser Verwandte in einem gewissen politischen Spannungsverhältnis zu Friedrich von Berg gestanden hat. Mehrmals deutet sich in der Biiographie von Friedrich von Berg an, daß dieser als konservativer Monarchist, sowie Seeckt- und Hindenburg-Freund in Gegnerschaft zu den damaligen "Völkischen" geriet, etwa 1932 innerhalb der Adelsgenossenschaft.

Auch nach dem Wortlaut dieses Briefes muß man nicht annehmen, daß Erich Ludendorff diesem Herrn Vonberg jemals persönlich begegnet ist, sondern vor allem in dem hier dokumentierten brieflichen Kontakt zu ihm stand. Die Tatsache, daß er erwähnt, daß die Völkischen in ihrer Gesamtheit den Verlust erlitten haben, zeigt wohl auf, daß Vonberg nicht nur ein gewöhnliches Mitglied der völkischen Bewegung in Ostpreußen war und als solches galt.

Und um es erwähnt zu haben: Ludendorff konnte ja zum Ableben des Friedrich von Berg im Jahr 1939 keinen Beileidsbrief mehr senden, da er selbst schon 1937 gestorben war. Auch scheint ja doch Friedrich von Berg eben nicht jene dezidiert völkische Einstellung vertreten zu haben, die in dem Beileidsschreiben von Ludendorff bei dem Gestorbenen voraus gesetzt wird, und mit der er sich als "Veteran der Bewegung" Ludendorff gegenüber hätte bezeichnen können.

1931 - Der Hohenzollern-Prinz Wilhelm über Ludendorffs Freimaurer-Kampf

1957 erhielt Mathilde Ludendorff ausgerechnet von einer Frau L. Döring (nun wohnhaft in Hann. Münden) Mitteilungen über das Verhältnis Kaiser Wilhelms II. zur Freimaurerei (2, 7). 

Abb. 6: Der vormalige Kaiser Wilhelm II. (Mitte) mit seinem ältesten Sohn Kronprinz Wilhelm (links) und dessen Sohn Prinz Wilhelm (rechts) - Doorn in den Niederlanden, 1927

Sie berichtete darüber in ihrer Zeitschrift "Quell" (7) (Hervorhebung nicht im Original):

Ende Juni erhielt ich eine Nachricht, die mir sehr lieb ist. Herr Walter Kahlewey, der in der Schlacht bei Tannenberg das Augenlicht verloren hat und später mit dem Feldherrn in Freimaurerangelegenheiten eng zusammengearbeitet hat, sandte einen Brief, den Frau L. Döring, Hann. Münden geschrieben hat. In ihm berichtet sie über die Wirkung, die das Werk des Feldherrn "Vernichtung der Freimaurerei" auf Kaiser Wilhelm in Doorn gemacht hat. Ich möchte diese Worte im Wortlaut unseren Lesern bekannt geben:
"Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, sagte mir 1931 in Königsberg, daß dieses Werk des General Ludendorff den Kaiser in Doorn tief erschüttert habe. Mit diesem Werk habe sich Ludendorff wieder unsterblich gemacht."

Prinz Wilhelm fiel im Frankreich-Feldzug 1940.
Das heißt also, die genannte Frau L. Döring sprach 1931 in Königsberg mit dem Prinzen Wilhelm. Und es ist naheliegend anzunehmen, daß das Gespräch deshalb auf Ludendorffs Freimaurerkampf kam, weil das Ehepaar Döring eben schon 1924 zum Führungspersonal der Deutschvölkischen Freiheitspartei in Ostpreußen gehörte. Und aus diesen Worten dürfte weiterhin hervorgehen, daß nicht nur der letzte Kaiser und sein ältester Sohn, sondern auch der älteste Enkelsohn des letzten Kaisers, der Prinz Wilhelm viel Anteil genommen hat an dem Kampf Erich Ludendorffs gegen die Freimaurerei. Mathilde Ludendorff schrieb 1957 weiter über den Dezember 1937, als Erich Ludendorff starb, sowie über den Besuch des Kronprinzen am 9. April 1935 in Tutzing (7):
Wenn ich bedenke, wie sehr des Kaisers Brief an den sterbenden Feldherrn ihm damals eine Freude war, so erfahre ich jetzt in tiefer Freude, daß das Werk "Vernichtung der Freimaurerei" dem Kaiser offenbar die Augen über die Urheber des Zusammenbruchs trotz aller Siege des Feldherrn geöffnet hat. Hiermit ist es auch geklärt, weshalb der Kronprinz bei seinem Besuche in unserem Hause anläßlich des 70. Geburtstages des Feldherrn so voll überzeugt war von der Gefahr der überstaatlichen Mächte und deshalb auch - nach dem Hohenzollern-Rechte hierzu befugt - seinen Söhnen verboten hatte, in die Loge einzutreten.
In den gleichen Zeitraum wird fallen, worüber Mathilde Ludendorff ein Jahr später in derselben Zeitschrift berichtete (2):
Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, der in Frankreich im 2. Weltkrieg an der Front gefallen ist, antwortete im kleinen Kreise, als gesagt wurde, daß die ganze Öffentlichkeit General Ludendorff nun totschwiege, seit er den Kampf gegen die Freimaurerei aufgenommen habe: "Die Welt habe von Ludendorffs Buch 'Vernichtung der Freimaurerei' usw. mit Entsetzen Kenntnis genommen. Ludendorff habe das große Verdienst, daß er diese Veröffentlichungen mit seinem unsterblichen historischen Namen gemacht habe."

Auffallend könnte erscheinen, daß Mathilde Ludendorff die Mitteilungen der Frau L. Döring nur über einen dritten erhielt. Man könnte mutmaßen, daß das Ehepaar Döring in Königsberg den Weg hinweg vom Christentum, den Erich Ludendorff nach 1926 eingeschlagen hat, nicht mehr mit gemacht hat, daß das Ehepaar sich aber im Umfeld der Familien Vonberg und von Berg bewegte, in der es auch auf den Prinzen Wilhelm 1931 gestoßen sein kann.

Jedenfalls wird man durch das neu bekannt gewordene Beileidsschreiben Erich Ludendorffs aus dem Dezember 1926 auf eine ganze Menge von neuen möglichen, bzw. sich andeutenden Zusammenhängen verwiesen, deren sich selbst Fachleute bislang nicht bewußt gewesen sein dürften, und die den Eindruck machen als ob es lohnend sein könnte, ihnen weiter nachzugehen.

Das Leben und Wirken des Friedrichs von Berg - sowie gegebenenfalls das seines uns namentlich womöglich nur vage gewordenen Verwandten - macht verständlicher, in welchem Rahmen politischen Denkens und Handelns sich auch dasjenige Erich Ludendorffs bewegte zwischen 1917 und 1933. Auch Erich Ludendorff hielt ja bis an sein Lebensende engen Kontakt zum deutschen Kronprinzen und verfolgte auch das Schicksal von dessen Sohn mit großer Aufmerksamkeit weiter (2). Durch das neu bekannt gewordene Beileidsschreiben Erich Ludendorffs aus dem Jahr 1926 fällt also viel Licht auf Zusammenhänge, deren man sich ohne diese neue Quelle nicht leicht hätte bewußt werden können.

Alles in allem wird man jedenfalls annehmen können, daß Friedrich von Berg noch einen Bruder hatte, der mit der genannten Frau Käthe Vonberg verheiratet war, daß sie beide Kinder hatten, und daß Herr Vonberg aus politischer Anhänglichkeit Erich Ludendorff in den Jahren 1925 und 1926 Briefe schrieb und sich in diesen als "Veteran der Bewegung" kennzeichnete, also damals - wie das Ehepaar Döring in Königsberg - zu den leitenden Persönlichkeiten der Deutschvölkischen Freiheitspartei in Ostpreußen gehörte. Entweder wohnte dieser Bruder mit Frau und Kindern ebenfalls auf dem Gut seines Vaters Markienen bei Bartenstein oder in der nahe gelegenen Stadt Bartenstein, wo ja auch sein Bruder Friedrich von Berg in jüngeren Jahren Gerichtsassessor war.

Wolfgang Jacobeit, DDR-Volkskundler, als Sohn eines Ludendorff-Anhängers - Jahrgang 1921

Der Professor für Volkskunde an der Humboldt-Universität in Berlin von 1961 bis 1986, Wolfgang Jacobeit (geb. 1921) (WerwarwerinderDDR), hat im Jahr 2000 Erinnerungen veröffentlicht (8). Diese wurden breiter rezensiert (9, 10). Aus diesen geht hervor, daß er in Lyck in Ostpreußen aufgewachsen ist als Sohn eines dortigen Gymnasiallehrers und einer Konzertsängerin. Sein Vater, Herbert Jacobeit, war ein überzeugter Ludendorff-Anhänger. Wolfgang Jacobeit wurde 1941 zum Wehrdienst eingezogen, kam aber bis 1945 nie zum Kriegseinsatz. 1943 heiratete er in Elbing. Nach 1945 entschied er sich bewußt zu der der Weltanschauung seines Vaters gegenteiligen. Wie das so viele seiner Generation taten. 1956 ist er sogar von Westdeutschland in die DDR übersiedelt. Dort lebt er lange Jahre in Birkenwerder. Als seine Frau zur Leiterin der Gedenkstätte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück ernannt wurde, wechselte er seinen Wohnort nach Fürstenberg an der Havel, wo er wohl noch heute ansässig ist. Seine erste Frau und die Kinder wandten sich - offenbar noch in der DDR-Zeit - der anthroposophischen Bewegung zu, die Jacobeit ebenso heftig ablehnte wie zuvor die "Ludendorfferei" seines Vaters (10). In einer Rezension wird über seine Jugenderinnerungen berichtet (9):

Der Vater, Gymnasiallehrer, war zeit seines Lebens ein fanatischer Anhänger Ludendorffs und des besonders auch durch dessen Frau Mathilde verbreiteten völkischen Mystizismus - wütend zerriß er 1931, als Hitler sich mit Ludendorff überwarf, das Mitgliedsbuch der NSDAP, der er sich schon zu Beginn der zwanziger Jahre angeschlossen hatte. Der musisch interessierten ...
In seinen Lebenserinnerungen berichtet Jacobeit, daß sein Vater zwei Brüder hatte, Edmund Jacobeit und Horst Jacobeit, die ähnlich wie sein eigener Vater gesinnt gewesen waren (8, S. 15):
Herbert und Edmund studierten in Jena weiter, waren aber völkisch-nazistischen Kreisen verbunden und beide brüsteten sich noch später, vom Jenaer Rathaus einmal die schwarz-rot-goldene Fahne herunter ....
In seinen Erinnerungen heißt es wörtlich weiter über das schon erwähnte Mitgliedsbuch der NSDAP seines Vaters, soweit das bislang auf Google Bücher eingesehen werden kann (8, S. 16):
.... NSDAP, zerriß sie in kleine Stücke und warf sie in den Papierkorb. Was war der Grund? Hitler und Ludendorff, die beiden Rädelsführer des Novemberputschs von 1923, hatten sich irgendwie entzweit, und dies später mit gewissen Folgen für die Anhänger der Weltanschauung von Mathilde und Erich Ludendorff. Das war nicht nur für meinen Vater Anlaß, der Nazipartei den Rücken zu kehren und sich ausschließlich einer fast abgöttisch-unterwürfigen Verehrung der Ludendorffs und ihrer "Deutschen Gotterkenntnis" sowie der Propagierung ihrer zahlreichen Schriften vor allem gegen die Juden, die Freimaurer, Jesuiten und deren vermeintliche Verbrechen an deutschen Geistesgrößen der Vergangenheit, zu widmen. Es ...
Und (8, S. 16):
... Sack und Pack in die masurische Stadt Marggrabowa, wo Vater tatsächlich als Studienrat für Mathematik und Physik, man kann sagen, endlich nach Herzenslust so agieren konnte, wie er es sich wohl immer gewünscht hatte. Er kannte keinen Feierabend, experimentierte in einem neu eingerichteten Physiklabor und bereitete dort den Unterricht für den nächsten Tag ... 
Und (8, S. 17):
.... diskutierten lautstark und waren sich darüber einig, daß die Nazis bald abgewirtschaftet haben würden. Mit dem Tod Ludendorffs 1937 und dem angeordneten Staatsbegräbnis vor der Münchner Feldherrnhalle - mein Vater nahm voller Erschütterung daran teil - kam es zur Versöhnung zwischen Hitler und Mathilde Ludendorff.
Der letzte Teilsatz ist nicht richtig. Schon vor dem Tod Ludendorffs war es im März 1937 zu einer - rein äußerlichen - "Versöhnung" Erich Ludendorffs mit Hitler gekommen. Nach dem Tod Erich Ludendorffs hatte Mathilde Ludendorff vielmehr große Schwierigkeiten, die Selbständigkeit ihrer Bewegung gegenüber den Vereinnahmungs- und Überschluckungsversuchen staatlicher Stellen und der NSDAP usw. zu bewahren. Dementsprechend wurde ihrem Verlag auch gleich bei Kriegsbeginn 1939 das Papier entzogen, so daß ihre Zeitschrift nicht weiter erscheinen konnte, während Regime-treue Zeitschriften weiterhin fröhlich erscheinen konnten. Jacobeit also diesbezüglich wenig kenntnisreich weiter (8, S. 17):
Warum auch nicht? Denn ich vermag auch heute noch kaum gravierende Unterschiede zwischen beiden Ideologien zu erkennen. Der Antisemitismus der Ludendorffer gebärdete sich nicht anders als der des "Stürmer". Die Irrationalität in "Glaubensfragen" war bei beiden im Prinzip nicht zu unterscheiden usw., was Herbert Jacobeit und andere zu extremen Ludendorff-Anhängern und zu Verfechtern der Deutschen Gotterkenntnis (Ludendorff)" werden ... 
Und (8, S. 18):
Herbert Jacobeit verhielt sich ausgesprochen extrem, wenn ich nur daran denke, daß meine Mutter und ich viele Abende damit zubrachten, seinen Lesungen aus dem neuesten Heft des "Heiligen Quell" nicht nur zuzuhören, sondern sogar den Inhalt einzelner Abschnitte mit eigenen Worten ...
Und (8, S. 18):
Handgewebtes trugen die Frauen und hatten immer Sprüche oder Sentenzen von Mathilde Ludendorff parat. Mein Vater trieb einen regelrechten Personenkult um den "Feldherrn" und seine Frau, der sich kaum von dem der Nazis unterschied und deren zumindest ideologischer Beitrag zum Holocaust nicht von der Hand zu weisen ... 
Das ist natürlich heftiger Toback und zeigt, daß sich der Sohn Wolfgang Jacobeit mit der Moral der Philosophie von Mathilde Ludendorff nie beschäftigt haben kann. Man fragt sich, wie es um das Verhältnis des Sohnes zu seinen Eltern und zu seinen Onkeln nach 1945 bestellt gewesen ist. Über die Jugendlektüre, die Jacobeit vermutlich über sein Elternhaus erhielt, wird berichtet (8, S. 23):
... oder Gustav Freitags "Germanentreue", die mit "Ingo und Ingraban" begann, rechnen würde. (...) Von der Ludendorffschen "Aufklärungsliteratur" etwa zur Marneschlacht 1914 habe ich kaum Notiz genommen. Der Kult um "den Feldherrn" hat mich zu sehr ....
Interessanterweise berichtet er (8, S. 32):
In Lyck gab es auch einen anderen, eher akademischen Kreis von Ludendorff-Anhängern, die sich regelmäßig trafen, dann aus den weltanschaulichen Schriften namentlich von Mathilde Ludendorff lasen, die sich in ihrer völkischen Haltung einig waren und die dennoch mit Nazis nichts zu tun haben wollten; sie hatten alle etwas Sektiererhaftes ...

Aus diesen Auszügen geht hervor, daß es durchaus lohnend sein dürfte, diese Erinnerungen noch einmal vollständig und im Gesamtzusammenhang für das hier behandelte Thema auszuwerten.

Überhaupt dürfte es allmählich Sinn machen, die Erinnerungen zahlreicher Kinder von Eltern, die insbesondere vor 1945 Ludendorff-Anhänger waren, und deren Kinder sich nach 1945 von dieser Weltanschauung abgewendet haben, im Überblick auszuwerten. Dazu wurden hier auf dem Blog auch schon die Erinnerungen des Westpreußen Einar Schlereth ausgewertet, der Ludendorff-Anhänger als Eltern hatte. Er ist Jahrgang 1937 (StgrNat2016).

Zu diesem Thema ist hier auf dem Blog inzwischen ein eigener Blogartikel erschienen.


/Ergänzt um die Abschnitte mit den 
Literaturangaben 8-10 am 24.6.2018./
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*) 1997 wird in der Zeitschrift "Die andere Welt" (GB), 1998 wird in einer Schwulenzeitschrift von dem Fotografen Henning-Volker Freiherr von Berg-Glittehnen berichtet (Fliederlich1998): "Seit sechs Jahren fotografiert der 31-jährige Autodidakt Henning-Volker Alexander Freiherr von Berg-Glittehnen muskulöse Männer, stolze Jünglinge, ausdrucksstarke Greise und schüchterne Burschen aus der Nachbarschaft. ... der diplomierte Ingenieur ..." Es dürfte sich um jenen Fotografen handeln, der später unter dem Namen Henning von Berg (geb. 1961) (Wiki) bekannt geworden ist, über den es heißt (Wiki): "Henning von Berg was born in Northern Germany into a family with a nearly 550-year-old history" und der auf seiner eigenen Internetseite schreibt: "Henning von Berg is the last male descendent of a German noble family that traces back nearly 500 years. Despite, or because of this traditional background, he prefers to question conservative conventions and likes to intentionally break the rules to create new perspectives."
**) Bei den Vonbergs in Bartenstein könnte es sich - nach Ort, Name und weiteren personellen Verbindungen - um einen näheren oder entfernteren Verwandten des im letzten Blogartikel behandelten Friedrich von Berg handeln (1). Deshalb wurde in erster Auswertung hier auf dem Blog eine Darstellung der politischen Biographie von Friedrich von Berg zusammen gestellt (1). Erst in einem weiteren Schritt wurden die Ausführungen dieses Blogartikels aus dem vor einer Woche veröffentlichten Artikel (1) ausgegliedert.
***) Er schreibt weiter: "In der Veranstaltung in der Stadthalle sprachen außer mir der Forstmeister Gieseler aus Taberbrück nördlich Osterode, der die Deutschvölkische Freiheitpartei der Provinz leitete, und Hauptmann Röhm, der sich in meiner Begleitung befand. Auch diese Feier war von hohem Schwunge getragen."
Abb. 7: Datum des Poststempels
****) Beispielhaft sei etwa erinnert an den deutschen Anthropologen Andreas Vonderach (geb. 1964) (Wiki), dessen Familienname ursprünglich "von der Ach" lautete. Im übrigen hat es schon während der Revolution von 1848 in Meßkirch in Oberschwaben einen "M. Vonberg" gegeben, der dort einen Aufruf verfaßte (GB). Auch die Namensform "Vonberg" war also schon seit langem keine ungewöhnliche.
*****) Der Poststempel auf der Briefmarke des Briefumschlags: Abb. 7.
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  1. Bading, Ingo: Friedrich von Berg, der Hausminister des deutschen Kaiserhauses (1917 bis 1933) - Ein Angehöriger der politischen Elite rund um Hindenburg und Seeckt, ein Sachwalter der Interessen der Hohenzollern-Monarchie zwischen 1917 und 1933, ein Funktionär streng konservativer politischer Verbände. Auf: Studiengruppe Naturalismus, 14. März 2018, http://studiengruppe.blogspot.de/2018/03/die-familie-friedrich-von-berg-in.html
  2. Bading, Ingo: Der deutsche Kronprinz - Begeistert von der Philosophie Mathilde Ludendorffs ... Und mit Vater und Sohn nicht nur ein Verehrer Erich Ludendorffs, sondern begeistert von dessen Freimaurer-Kampf. Studiengruppe Naturalismus, 4. April 2015, http://studiengruppe.blogspot.de/2015/04/der-deutsche-kronprinz-war-begeistert.html
  3. Kossert, Andreas: Damals in Ostpreußen. Der Untergang einer deutschen Provinz. 2010
  4. Pölking, Hermann: Ostpreußen - Biographie einer Provinz. bebra-Verlag, Berlin-Brandenburg 2012 (GB)
  5. Plöckinger, Othmar: Geschichte eines Buches - Adolf Hitlers "Mein Kampf". 1922-1945. Oldenbourg Wissenschaftsverlag, München 2011 (GB)
  6. Ludendorff, Erich: Vom Feldherrn zum Weltrevolutionär und Wegbereiter Deutscher Volksschöpfung. Meine Lebenserinnerungen 1919 bis 1925. Ludendorffs Verlag, München 1940 (Gb)
  7. Ludendorff, Mathilde: Eine beachtliche Äußerung. In: Der Quell, Folge 19, 9.10.1957, S. 911 (Gb)
  8. Wolfgang Jacobeit: Von West nach Ost und zurück. Autobiographisches eines Grenzgängers zwischen Tradition und Novation. Westfälisches Dampfboot 2000 (298 S.) (GB)
  9. Rezension von 8. in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (IWK), Band 37 (Friedrich-Ebert-Stiftung, Forschungsinstitut, Historische Kommission zu Berlin), Verlag Historische Kommission, 2001 (GB), S. 510
  10. Thomas Scholze: Rezension zu: Jacobeit, Wolfgang: Von West nach Ost - und zurück. Autobiographisches eines Grenzgaengers zwischen Tradition und Novation. Münster 2000 , in: H-Soz-Kult, 17.04.2001, <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-1094>.

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