Samstag, 8. August 2015

Mein Opa - ein gewöhnlicher Ludendorff-Anhänger als Beispiel (Teil 2)

Die Welt des Kalten Krieges aus der Sicht eines westfälischen Ziegeleiarbeiters und Nachtwächters (1958 bis 1961)

Vor drei Jahren war hier auf dem Blog ein Beitrag eingestellt worden über meinen Opa Otto Bading (1906 bis 1979). In diesem hatte ich nichts über seine weltanschauliche Haltung, insbesondere nach 1945 schreiben können. Denn darüber wusste ich bislang nichts Sicheres. Nun finde ich aber alte erhalten gebliebene Familienbriefe, zumeist von ihm an seinen 24- bis 29-jährigen Sohn geschrieben in den Jahren 1958 bis 1963. Und aus diesen kann das schon gegebene Lebensbild meines Opas noch etwas ergänzt werden.

Abb. 1: Mein Opa und meine Oma 1958 in Westfalen im Kabinenroller
Eine wirklich reservierte Haltung gegenüber der Mitwelt vermisse ich bei meinem Opa. Hätte er seine Mitwelt nicht noch gründlicher ablehnen müssen, wenn er hätte konsequent sein wollen? Aber die Menschen auf den Dörfern des Havellandes, aus denen er stammte, waren es seit Jahrhunderten gewohnt, sich in ihren Meinungen und Ansichten an die Meinungen ihrer Mitmenschen in der Dorfgemeinschaft, in der Verwandtschaft und in der weiteren Lebensumwelt anzupassen. Schon nur eine gewisse Unterscheidung gegenüber dieser Mehrheitsmeinung reichte meinen Großeltern offenbar. Aber angesichts des Gedankengutes, dem sie sich angeschlossen hatten, war das - so möchte man aus dem Nachhinein sagen - doch noch nicht genug.

Wenn man diese Erkenntnis auf sich wirken lässt, gewährt sie einen tiefen Blick in die Geschichte unserer Kultur und der europäischen Völker. Was für ein langer Weg wohl nötig war, damit Menschen so an ihre Umwelt angepasst lebten, wie dies noch meine Großeltern offenbar in ihrem Bauerndorf im Havelland und später im Westen taten?

Noch im Mittelalter hatten doch die Menschen oft noch mehr „Rotz“ und Trotz, Kaltschnäuzigkeit und Bürgerstolz in sich, wenn man sich so manche Quellen aus dieser Zeit durchliest in der markigen Sprache der damaligen Zeit. Mein Opa war 30 Jahre alt, als er das Gedankengut von Mathilde Ludendorff kennen lernte und hatte, um bis dort hin gelangen zu können, schon einen längeren weltanschaulichen Weg hinter sich. Nämlich weg von der christlichen Kirche. Und auch weg von überkommenen politischen Anschauungen. Diesen Weg nun konsequent fortzusetzen, dazu reichte dann offenbar die Kraft oder die innere Bereitschaft doch nicht mehr. Es gab punktuellen Trotz – zum Beispiel 1942 gegenüber dem Gauleiter (wie im genannten Beitrag schon berichtet).

Aber ein solcher Rotz und Trotz hätte wohl durchgängiger gelebt werden müssen, um auch noch Jahrzehnte später durchgängig als vorbildlich gelten zu können. Er hätte die ganze Persönlichkeit umkrempeln müssen.

Freilich hatten die Menschen der 1950er Jahre ein schweres Lebensschicksal hinter sich. Krieg, Kriegsgefangenschaft, russische Besatzung, Zwangskollektivierung, Flucht in den Westen, Verarmung, Neuaufbau von Null.

Aber hätten nicht gerade diese Umstände dazu führen müssen, dass sie mehr Rotz und Trotz in sich entwickelten anstatt – womöglich – eher weniger? Als Parteigenossen - als man die braunen Massen hinter sich wähnte - war es ja womöglich noch leicht, eine aufbegehrende, revolutionäre Lebenshaltung zu leben (vor dem Krieg - und auch das mit allen Einschränkungen gesagt). Aber jetzt, nach dem Zusammenbruch eines (äußerlich) völkischen Staates wäre dies ja noch viel notwendiger gewesen, da dieses Aufbegehren ja nun noch viel seltener gelebt wurde als es schon zuvor gelebt worden war. Doch hört man derartiges aus den Briefen meines Opas nicht wirklich nachhaltig überzeugend heraus.

Und dadurch ergibt sich eine gewisse Zwitterstellung, die aus den folgenden Zeugnissen spricht. Einerseits identifiziert man sich in ihnen mit dem Gedankengut der Philosophie von Mathilde Ludendorff und ihrer Hintergrundpolitikkritik. Andererseits lebt man die damit konsequenterweise verbundenen Grundhaltungen nicht so, wie sie hätten gelebt werden müssen. Und das obwohl doch Mathilde Ludendorff - zum Beispiel - in ihren damaligen Aufsätzen in der Zeitschrift "Quell" das doch eigentlich immer wieder hinreißend vorlebte und dazu aufforderte.

In den Familienbriefen wird deutlich, in was für bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen alle Familienmitglieder in den 1950er Jahren lebten. Aber hätte nicht auch das ein Anlass sein können und müssen, sich wenigstens innerlich, geistig über die Verhältnisse zu erheben? 

Mein Opa war ein großer Freund von Friedrich Schiller. Diese Prägung muss aus Jugendzeiten stammen. Vielleicht hatte er auf der Dorfschule einen Lehrer, der den Schülern gerade diesen Dichter nahe gebracht hatte. Mein Opa freute sich an den Gedichten und Briefen von Friedrich Schiller. Dass er sich nun aber auch im Sinne des Lebensvorbildes von Friedrich Schiller als Mensch umgestaltet hätte, davon ist nicht immer etwas hindurch zu spüren.

Einmal Bauer, immer Bauer (April 1959)

Zunächst einmal war mein Opa Bauer. Am 27. April 1959, also mitten im schönsten Frühling, schrieb er in einem Brief etwa:
Kokomoors Rüben sind nicht gut aufgegangen. Es war zu trocken und nach meiner Meinung war der Boden nicht fest genug gewalzt. Auch der Bauer hinter der Aue links hat schlecht stehende Rüben. Der Roggen ist hier schon einen halben Meter lang. In manchen Jahren war er zu Hause am 1. Mai erst 15 cm lang.
Er wohnte ja nun in Westfalen und dort gab es viel bessere Böden als im sandigen Havelland. Im Sommer half er bei der Ernte aus:
Bei Stukes habe ich Roggen einfahren geholfen.

Opa als Ziegeleiarbeiter und Nachtwächter (1953 bis 1963)

Abends drehte er Zigarren in Handarbeit als Zuverdienst. Vor allem aber hatte er 1953 zunächst Arbeit in einer Ziegelei gefunden. Wie er nun aber über die Arbeit in der Ziegelei dachte, ist einem Brief zu entnehmen, den er am 15. Januar 1961, nachdem er schon zwei Jahre als Nachtwächter arbeitete, schrieb:
Auf der Ziegelei Detering in Rahden ist ein Arbeiter tödlich verunglückt. Es ist der alte „Haken Papa“, von dem ich schon erzählt habe. Da wird der Pastor am Grabe gepredigt haben: „Wenn das Leben köstlich gewesen ist, so ist es Mühe und Arbeit gewesen.“ So ein Lügner. Das Leben eines Ziegeleiarbeiters ist nicht köstlich, sondern eine menschenunwürdige Schinderei und Sklaverei. Hätte der Pfaffe nur 1 Jahr in einer Ziegelei arbeiten müssen, er hätte sich aufgehängt. Haken Papa hat 32 Jahre am Ofen gearbeitet.
Hier konnte sich mein Opa also schon aufregen. Und diese Gründe werden es auch gewesen sein, dass er sich dann einen anderen Beruf - als Nachtwächter - suchte. Aber man könnte auch sagen, dass diese Empörung immer noch nicht genug ist. Der Ton ist immer noch zu ausgleichend, verbindlich. Schon am 11. Oktober 1959 hatte er über eine andere Beerdigung geschrieben:
Hast Du die Todesanzeige im „Quell“ gelesen? Dr. Schäfer in Rahden ist gestorben. Ein Gesinnungsfreund aus Bielefeld hat die Totenfeier gehalten. Es soll sehr schön gewesen sein. Die Kirchenglocken haben zur Beerdigung nicht geläutet. Aber Blasmusik war da. Für die Rahdener war das mal was Neues. Pastor Kallmann soll im Konfirmandenunterricht folgendes dazu gesagt haben. Eine Konfirmandin: „Dr. Schäfer hätte auch an ein höheres Wesen geglaubt“. Darauf P. Kallmann: Was heißt höheres Wesen, eine Katze auf dem Dache ist auch ein höheres Wesen. - An dieser verärgerten Aussage sieht man, dass die Priester nicht kampflos ihre Vorrangstellung aufgeben.
Während der geschilderte Vorgang empörend genug ist, klingt eine gewisse Gemütlichkeit und Betulichkeit durch die Worte meines Opas. Aber immerhin bleibe festgehalten: Von 90 Prozent seiner Mitmenschen wird mein Opa sich schon mit solchen Einstellungen wie der hier geäußerten als fortschrittlicher abgehoben haben in der damaligen Zeit. Es waren halt schon auch - wie man meinen möchte - "muffige" 1950er Jahre. Aber schon 1958 hatte mein Opa wegen der schweren Arbeitsbedingungen in der Ziegelei eine Stelle als Nachtwächter angenommen. Am 20. April 1958 schrieb er:
Ich bin nun schon 3 Wochen Nachtwächter. Es kostet auch Nervenkraft, des Nachts wachen und am Tage zu schlafen.
Er bedauert das vor allem deshalb, weil er dadurch noch weniger zum Lesen kommt als es ihm schon zuvor möglich gewesen war.

Was hat mein Opa in dieser Zeit so gelesen? (1958 bis 1961)

Was aber hat er in dieser Zeit so alles gelesen? Am 20. April 1958 schrieb er von dem Besuch offenbar eines Gesinnungsfreundes:
Er brachte mir ein paar Bücher über die Schlacht von Stalingrad.
Am Ende des Briefes wird deutlich, was er noch las:
Noch ein Wort aus dem „Triumph“. „Halte Dir heilig den Leib, der Dich in leblangen Mühen hintragen möchte zum Leben zur frohen Wanderung zur Höhe.
Das hier zitierte erste philosophische Buch von Mathilde Ludendorff "Triumph des Unsterblichkeitwillens" las mein Opa also auch. Und am 27. April 1959 schrieb er:
Gestern kam ein Buch an. In den Gefilden der Gottoffenbarung. Sehr schön. Habe schon tüchtig drin studiert.
Mein Opa hat sich also tatsächlich bemüht, in die Philosophie von Mathilde Ludendorff einzudringen. Und darüber hätte man wohl noch gerne so das eine oder andere Gespräch mit ihm geführt, nachdem man sich selbst einigermaßen vertraut gemacht hat mit dieser. Er schreibt außerdem:
Lese jetzt das Buch von Bardeche Nürnberg usw. Fürchterlich waren die Grausamkeiten, die vom Malmedy-Prozess bekannt wurden.
Der Franzose Maurice Bardèche (1907-1998) gehörte zur ersten Generation der „Geschichtsrevisionisten“, die sich sehr kritisch mit den Nürnberger Prozessen und den Folgeprozessen beschäftigte. Da konnte es nicht ausbleiben, dass er deshalb heute auch zu den sogenannten „Holocaust-Leugnern“ gezählt wird, ein eher politischer Kampfbegriff, der erst in den 1990er Jahren aufkam. Bei solcher Lektüre wäre gewiss manches von jenem Rotz und Trotz zu finden gewesen, nach dem man bei meinem Opa fragen könnte. Im Brief vom 16. April 1960 freut er sich sehr über ein neues Buch über Friedrich Schiller:
Herr Pahmayer hat für seine Schulbibliothek das Buch von Walter Löhde „Schiller im politischen Geschehen seiner Zeit“ gekauft. Damit hat er Zivilcourage bewiesen. Er hat mir das Buch geliehen, und ich habe es in den letzten Tagen gelesen. Also großartig. Walter Löhde ist der beste Schriftsteller von uns. Das Buch ist besser als das, was wir haben „Schiller, ein deutscher Revolutionär“.
Sich über die Schiller-Bücher von Walter Löhde zu freuen, gibt es sicherlich viele Gründe. Vieles von dem, was Walter Löhde veröffentlicht hat, hatte Feuer. Am 16. Juli 1960 schreibt mein Opa über die Wochenzeitung „Volkswarte“, die gerade ihr dreijähriges Bestehen feierte:
Der German Pinning gefällt mir immer besser. Und auch die Elsbeth Knuth. In der letzten Folge gibt sie es aber dem Pater Leppich. Und das freut einen denn ja auch. Auch der Artikel von Beißwenger: Urlaubsverlängerung 2 x 4 Wochen im Jahr ist gut.
Auch in diesen Worten ist eigentlich immer noch eine Spur zu viel „Gemütlichkeit“ zu spüren, zu viel Behaglichkeit a la Wilhelm Busch. Diese hatte für uns Kinder etwas Wohltuendes, Anheimelndes. Aber als Erwachsener fragt man doch noch nach anderem. Zu Ostern 1961 schrieb er:
Die jesuitische Strategie im „Quell“ zwei mal lesen! Wichtig.
Womit er sicherlich recht haben wird. Wir man noch mal nachlesen müssen! Und am 27. Oktober 1961 schrieb er:
Habe das Buch Volksseele studiert.
Er meint hier das Buch „Die Volksseele und ihre Machtgestalter“ von Mathilde Ludendorff. Er hat sich also wirklich um diese Bücher bemüht.

Bemerkungen meines Opas zum Zeitgeschehen (1959 bis 1961)

Nun sei noch ein wenig aus den Bemerkungen meines Opas aus jener Zeit ganz allgemein zum Zeitgeschehen wiedergegeben. Am 11. Oktober 1959 schrieb er, was er sicherlich zuvor in der Wochenzeitung der Ludendorff-Bewegung „Volkswarte“ oder in der Halbmonatsschrift „Quell“ gelesen hatte, nämlich über den Ludendorff-Anhänger Arthur Götze:
Dass der Götze zu 9 Monaten Gefängnis verurteilt wurde, ist neben einigen anderen Dingen ein Zeichen dafür, dass die überstaatlichen Mächte zum Angriff gegen die Völkischen vorgehen. Wir werden auf dem Gebiet noch Schlimmes erfahren.
Jedenfalls hatte mein Opa über diese Dinge ein klares Urteil. Denn er sollte tatsächlich damit recht behalten. Zu Weihnachten 1959 kamen dann die groß von den Medien aufgebauschten, Geheimdienst-inszenierten Hakenkreuz-Schmierereien in Köln und in der ganzen westlichen Welt. Die erste Welle der sogenannten „Vergangenheitsbewältigung“ (s. Armin Mohler) lief an. Und auf dieser Welle reitend erfolge im Mai 1961 das Verbot des „Bundes für Gotterkenntnis“ und der Zeitschrift "Quell". Am 5. März 1961 schreibt mein Opa über irgendwelche Straßenkrawalle in Bonn, wobei noch einmal herauszusuchen wäre, um was für welche es sich dabei gehandelt haben könnte. Doch danach sagt er gleich etwas sehr Grundsätzliches:
Mutti sagt: „Du sollst Dich aus den Straßenkrawallen heraus halten.“ Damit rettest Du auch das Vaterland nicht mehr. Und von mir gleich noch einen Satz von Schiller: „Die Menschen kommen nur selten anders als durch Extreme zur Wahrheit und meist nur durch große Irrtümer zu ruhiger Weisheit.“ Die Deutsche Reichspartei wollte mich als Kandidaten für die Landtagswahl aufstellen. Zwei Mann waren hier und wollten mich überreden. Habe aber abgelehnt. Mutti war noch mehr dagegen. Sie würde mich nicht wählen, sagte sie.
Der letzten Satz ist typisch für Opas trockenen Humor. Wollte er die zitierten Schiller-Worte als Schlussfolgerung aus der Geschichte und auch seiner eigenen Biographie zwischen 1927 und 1945 ziehen? Auch das wäre doch eigentlich etwas zu betulich. Es ging im Zweiten Weltkrieg wohl doch um mehr, als darum, die Menschen zu solchen Erkenntnissen zu bringen. Die Deutsche Reichspartei wurde aber damals wohl häufiger ablehnend beurteilt. Im November 1961 schrieb ein Mensch an Opas Sohn in einer anderen Sache, er sei auch Mitglied der DRP, wisse aber auch,
dass die Ludendorff-Bewegung mit Recht die politischen Parteien negativ beurteilt.
Nach den erreichten 0,8 % in der Bundestagswahl sei er wieder ausgetreten, "auch in den sogenannten nationalen Parteien" sei der "Wurm" drin. Später, in den 1970er Jahren, ließ sich mein Opa noch als Kandidat der „Grünen Liste Umweltschutz“ in Hessen aufstellen. Womöglich war das auch wirklich noch eine bessere Idee, als bei der Deutschen Reichspartei mitzumachen, der Vorgängerpartei der NPD, die sicherlich ebenso geheimdienstgesteuert und -inszeniert war wie letztere.

Der Mai 1961 brachte dann die bundesweiten polizeilichen Ermittlungen gegen die Ludendorff-Bewegung. Opas Sohn warf seine Arbeit als Angestellter der Landwirtschaftskammer in Bonn hin, nachdem er seinem Chef nicht versprechen wollte, ab jetzt nicht mehr politisch aktiv zu sein. Er war aber froh darüber, diesen Büroberuf los zu sein. Noch bevor meine Oma davon erfuhr, schrieb sie ihm am 28. Mai 1961:
Wie geht es Dir? Hat Dich die Polizei aufgesucht? Im Rundfunk wird ja nicht viel von der Aktion gesprochen. Im „Gruß an die Zone“ wurde nur mal erwähnt, dass man in Berlin 4 Ludendorffer verhaftet hat. Der Gedanke, dass Ihr Gutes gewollt habt, wird Dir in diesen Tagen die nötige Ruhe geben, die Du vielleicht brauchst, wenn Unangenehmes auf Dich zukommt. Wie verhält man sich denn Dir gegenüber in Eurem Büro? Falls Du dort gekündigt wirst, schade wäre es schon, aber Arbeit findest Du auch hier jeder Zeit.
Während der Zeit des Verbotes der Zeitschrift „Quell“ wurden von Ludendorff-Anhängern verschiedene Rundschreiben versandt. Worum es sich bei dem folgenden von meinem Opa in einem Brief Erwähnte handelte, wäre noch einmal herauszusuchen:
Das beiliegende Schreiben von Johannes Marquardt1 ist prima. Davon will Otto Puhlmann
der Ingolstädter Schwiegersohn
aber nichts wissen. (…) Interessant ist auch der beiliegende Brief des Abg. Schwann über die Kriegsgefahr.
Im Oktober 1961 wurde eine neue Zeitschrift begründet, „Mensch & Maß“ und am 12. Oktober schrieb mein Opa:
Die Zeitschrift „Mensch und Maß“ habe ich gleich bestellt. Dagegen kann ich mich für die „Neue Politik“ und für den „Deutschen Beobachter“ nicht sonderlich erwärmen. Die Schreiber haben meiner Ansicht nach noch sehr wenig Leid erlebt. Die Kriegstreiber treten immer schärfer hervor. Wir Deutsche haben aber jeden Krieg schon verloren, bevor er begonnen hat. Denn wenn die Feinde eines Volkes in der eigenen Führung sitzen, ist nichts zu machen.
Hatte er also schon Leid erlebt? Das ist natürlich gewiss - so wie alle damals. Aber mein Opa scheint es doch mehr umgetrieben zu haben als die meisten. Die Zeitschrift „Neue Politik“ wurde seit 1956 von einem Wolf Schenke (1914-1989) herausgegeben, warnte vor einem Atomkrieg und trat für den - sicher vernünftigen - Gedanken ein, dass ein wiedervereinigtes Deutschland neutral zwischen Ost und West stehen müsse2.

Am 17. Januar 1962 schreibt Opas alte Mutter Emma Bading aus dem Heimatdorf an der Havel in der DDR an ihren Enkelsohn, der seine Arbeit hingeworfen hatte, im rauen bäuerlichen Umgangston der Familie:
Am Sonntag war Onkel Otto Lindenberg hier, er hat geschimpft, dass Du aus deinem Beruf bist raus gegangen und du sollst die verdammte Politik lassen, was hast du davon, du landest noch im Gefängnis. Möchtest du das? Dann hilft dir Mathilde auch nicht.
Natürlich war Mathilde Ludendorff gemeint. Nun, über diese zornige Rede aus der alten Heimat werden Opa und sein Sohn nur gelächelt haben. Otto Lindenberg war damals mit 64 Jahren Lehrer in Wusterwitz, hatte sich nach 1945 ideologisch ganz „umgestellt“ und konnte sich ein „Politiktreiben“ ganz bestimmt nicht erlauben. Auch daran wird erkennbar, wie sich damals die beiden Teile Deutschlands auseinander lebten. Immerhin nahm die Verwandtschaft doch noch sehr rege aneinander Anteil. Zehn bis fünfzehn Jahre später als ich Jugendlicher war, war das schon lange nicht mehr der Fall. Nämlich dass jemand aus dem einen Teil Deutschlands jemandem aus dem anderen Teil Deutschlands Ratschläge zu seinem Handeln gegeben hätte. Am 10. Januar 1962 schrieb Opa:
In der „Neuen Politik“ ist ein Aufsatz von Prof. Matthies, sehr interessant. Und auch der Leitartikel von Rolf Schwenka zum Jahreswechsel. Allmählich gefällt mir diese Zeitschrift immer besser.
Am 14. Februar 1962 schreibt er über die Zeitschrift „Mensch und Maß“:
Interessant ist der Bericht von Fr. von Bebenburg über die politische Lage. Den muss man mehrmals lesen. Er vergleicht Bismarck, Hitler und Adenauer miteinander. So gut und so klar und so lehrreich findet man selten einen Aufsatz.
Am 25. März 1962 schrieb er:
Außerdem kam noch ein Brief von Fr. v. Bebenburg über den Streit zwischen ihm und Herrn Löhde. Sehr interessant.
Hierbei handelte es sich um eine Auseinandersetzung innerhalb der Ludendorff-Bewegung, in der Walter Löhde Franz von Bebenburg - mit schwerwiegenden Argumenten - vorwarf, das Verbot der Zeitschrift „Quell“ im Mai 1961 schon zuvor sehr bewusst provoziert zu haben. Und wer hätte das genauer mitbekommen sollen als der langjährige Schriftleiter dieser Zeitschrift selbst? von Bebenburg wehrte sich damit, dass er den langen Streit zwischen Mathilde Ludendorff und Walter Löhde zwischen 1945 und 1950 öffentlich machte, um Walter Löhde zu diskreditieren. Damit sollte er vor allem deshalb Erfolg haben, weil die Menschen so vergesslich sind und auch diese Auseinandersetzung bald wieder vergessen haben. (All das wäre noch noch einmal an anderer Stelle aufzuarbeiten.)

Mit diesen kurzen Auszügen soll ein wenig veranschaulicht werden, wie solche Geschehnisse bei einem "gewöhnlichen Anhänger", der nicht selbst schriftstellerisch tätig war, angekommen und verarbeitet worden sind. Bei einem Anhänger, der nur Volksschulbildung aufwies, aber lebenslang sich weiterzubilden bemüht gewesen ist.


Abb. 2: Meine Oma und mein Opa mit Enkelkindern und einem Schwiegersohn im Garten, 1977

Ich habe keine Lust, mich mit Narren zu unterhalten" (G. E. Lessing)  

Mein Opa liebte es, wie ich mich auch noch gut erinnern kann, gelegentlich allgemeinere „Lebensweisheiten“ und Lehren von sich und weiter zu geben. Auch in seinen Briefen findet sich davon etwas. Und eine Auswahl davon soll hier am Abschluss stehen, nachdem seine Gedankenwelt durch die gebrachten Briefausschnitte sicherlich ein wenig hat veranschaulicht werden können. Am 27. Oktober 1961 schrieb er:
Folgendes fiel mir noch ein: Mein Vater sagte des öfteren: „Es geht nirgends verrückter zu als in der Welt.“ Ich stehe dagegen heute auf dem Standpunkt, dass alles seine Richtigkeit hat. Nach dem Naturgesetz von „Ursache und Wirkung“ und nach dem Gesetz der Kraft siegt immer der Stärkere. „Eine härtere Säure treibt eine schwächere aus ihrer Verbindung.“ Weiter: „Wenn die Guten nicht kämpfen, siegen die Schlechten.“
Natürlich waren und sind beide Auffassungen richtig. Nämlich seine eigene wie auch die seines Vaters! Und auch hierin spiegelt sich eine gewisse Betulichkeit, eine gewisse zu große Behaglichkeit im Denken wieder. Am 21. Januar 1962 schrieb er, nachdem er davon berichtet hat, dass sich ein Mitmensch nur lauwarm für die Zeitschrift „Mensch & Maß“ interessiert hatte:
Dabei fällt mir ein Spruch von Hölderlin ein: „Geh unter schöne Sonne, sie achteten Dein nur wenig, denn mühelos bist Du über die Sterblichen aufgegangen.“ Bei meinen langen Nachtwachen habe ich auch über ein anderes Wort von Friedrich Hölderlin nachgedacht. Er sagte: „Weine nicht, Vaterland, es ist dir, Liebes, nicht ein einziger zu viel gefallen.“
Hier wird auch ein wenig deutlich, was meinen Opa damals umtrieb. Also die Frage nach dem Sinn der vielen gefallenen Freunde und Verwandten im Zweiten Weltkrieg. Die Frage, warum sich Erkenntnisse über die politischen und weltanschaulichen Zusammenhänge in dieser Welt so schwer durchsetzten. Und dann wird es fast zum Bekenntnis wenn er weiter schreibt:
Sehr verwandt ist auch ein Wort von U. v. Hutten, wenn er schreibt: „Sterben kann ich, aber Deutschland sterben sehen, kann ich nicht.“
Das ist ein trotziges Wort. Das könnte am Ende dieses Beitrages stehen. Aber leider muss ich hier meinen Opa ein wenig korrigieren, denn im originalen Wortlaut hatte Ulrich von Hutten das nicht genau so formuliert, sondern:
Wenn die Feinde der Tyrannei des römischen Papstes, wenn alle mutigen Verfechter der Wahrheit und Freiheit Lutheraner genannt werden, dann will ich lieber diesen Namen tragen, als meiner Pflicht, wider Rom zu kämpfen, untreu werden. Denn sterben kann ich, aber Knecht sein kann ich nicht! Auch Deutschland geknechtet sehen, kann ich nicht.
Am 16. April 1960 schrieb mein Opa:
In dem oben angeführten Buch (Walter Löhde, Schiller im politischen Geschehen seiner Zeit) steht ein ganz besonders guter Ausspruch von Lessing: „Ich habe keine Lust, mich mit Narren zu unterhalten“. Den Satz muss man zu allen Zeiten beherzigen. Denn es hat gar keinen Wert, mit Menschen zu reden, die nicht weiter denken können, als ein Schwein scheißt. Dazu kommt noch die große Schar derjenigen, die wohl denken können, aber ohne Wärme ums Herz und Gemüt. Kalt, herzlos, verlogen und schlecht. Diesen geht man am besten auch möglichst aus dem Wege.
So also mein Opa, der damals 55-jährige von seinem Hof vertriebene Bauer, der vormalige Ziegeleiarbeiter und nunmehrige Nachwächter. Seine Worte lassen Raum und atmen Großherzigkeit. Das ist es wohl, was man immer an ihnen wird schätzen können. Nach dem übertriebenen Fanatismus der 1930er und 1940er Jahre, der sich als Irrtum herausgestellt hatte, genoss man nun seinen Lebensabend. Es wird gut gewesen sein, dass die 1968er die Menschen aus dieser etwas zu behaglichen und betulichen "Gemütsruhe" wieder heraus gerissen haben.

So also mein Opa in den 1950er Jahren. Und dann kam Rudi Dutschke.

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1Ein Autor, Redner und Ordner der Ludendorff-Bewegung, der auch die Nutzung der Atomenergie kämpfte.

21951 erschien das nationalrevolutionäre, von der DDR finanzierte „Deutscher Beobachter – Unabhängiges, gesamtdeutsches Wochenblatt“. Da dies aber offenbar nur ein Jahr erschien, kann dies hier von meinem Opa nicht gemeinst sein.

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