Montag, 6. April 2015

Ein Ludendorff-Verehrer an der Spitze der deutschen Historikerschaft zwischen 1935 und 1945

Der Historiker Walter Frank - Ein Beispiel zur Illustration der Stellung Erich Ludendorffs im Dritten Reich

Abb. 1: Walter Frank
Der nationalsozialistische deutsche Historiker Walter Frank (1905-1945) galt als die führende Persönlichkeit der deutschen Geschichtswissenschaft in der Zeit des "Dritten Reiches". 1935 war er zum Leiter des "Reichsinstituts für die Geschichte des neuen Deutschlands" ernannt worden, das der Bildungsminister Rust gegründet hatte. Mit Walter Frank stand ein ausgeprägter Ludendorff-Verehrer an der Spitze der deutschen Historikerschaft des Dritten Reiches. Über Walter Frank ist schon 1966 eine umfassende, materialreiche, 1200 Seiten starke biographische und wissenschaftshistorische Arbeit erschienen (1).

Anhand seiner Person bietet sich einmal erneut die Möglichkeit, die nach vielerlei Richtungen hin nicht ganz leicht auszulotende Stellung Erich Ludendorffs im Dritten Reich in Augenschein zu nehmen. Das Verhältnis eines Menschen wie Walter Frank zu Ludendorff ist bei der Auslotung dieser Stellung jedenfalls mitzuberücksichtigen.

Soweit möglich soll im folgenden die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Walter Frank und Erich  Ludendorff seit Ostern 1922 nachgezeichnet werden. Dabei sollen auch die zeittypischen Mißverständnisse, die auf Seiten Franks vorlagen und seine im Grunde sehr oberflächlichen Bestrebungen, ihm selbst als zu arg erscheinende Widersprüche zwischen Hitler und Ludendorff "glattzubügeln", nicht verschwiegen werden.

Schüler und Mitarbeiter von Walter Frank

Für die Arbeit des von Walter Frank geleiteten Instituts sollen zunächst einige Beispiele gegeben werden, um seine auch heute noch durchaus ernstzunehmende wissenschaftliche Bedeutung herauszustellen. Und zwar sollen dabei vor allem Historiker genannt werden, die auch noch nach 1945 in der deutschen oder österreichischen Geschichtswissenschaft Bedeutung erlangen sollten. In diesem Institut erhielten Forschungsaufträge (1, S. 549f):

Der Oberst Walter Nicolai (1873-1947), der Chef des deutschen militärischen Nachrichtendienstes während des Ersten Weltkrieges unter General Ludendorff. Er arbeitete von 1936 bis 1945 über das Thema "Politische Führung im (Ersten) Weltkrieg". Diese Arbeit ist - soweit übersehbar - bis heute nicht veröffentlicht worden. Walter Nicolai starb 1947 in sowjetischer Haft in Moskau.

Der Historiker Friedrich Haselmayr (1879-1965). Er erhielt von 1936 bis 1938 einen finanziellen Zuschuß. Haselmayr hat in den 1950er und 1960er Jahren sehr brauchbare, sachliche, verständlich geschriebene Überblicksdarstellungen zur Außenpolitik Otto von Bismarcks veröffentlicht.

Der Historiker Hellmuth Rössler (1910-1968). Er arbeitete 1937 und 1938 am Institut zum Thema "Österreichs Rolle in den Jahren zwischen 1809 und 1815". Nach 1945 wurde er Professor in Erlangen und Darmstadt und hat als solcher viele wertvolle Arbeiten veröffentlicht. Unter anderem 1966 eine brauchbare Arbeit über den Versailler Vertrag ("Ideologie und Machtpolitik 1919").

Und, oh Wunder (!!!), auch der Historiker Fritz Fischer (1908-1999). Er arbeitete 1939 und 1940 für das Institut. Im Oktober 1941 bedauerte er es in einem Brief an einen Freund (siehe Wikipedia), den "großen Ostfeldzug" nicht mitmachen zu können. Er hielt vor Batterien Vorträge über "Das Eindringen des Judentums in Kultur und Politik Deutschlands in den letzten 200 Jahren". Seine Hamburger Professur behielt Fritz Fischer dann über das Jahr 1945 hinaus. In den 1960er Jahren hatte er sich in seinen geschichtspolitischen Einstellungen dann aber so stark gewandelt, daß er mit seinem Buch "Griff zur Weltmacht" die das deutsche Geschichtsbewußtsein zutiefst aufwühlende "Fischer-Kontroverse" hervorgerufen hat. Nach seiner Meinung wäre Deutschland mehr als die anderen europäischen Staaten am Ausbruch des Ersten Weltkrieges von 1914 schuld gewesen. Diese These ist ja gerade im Jahr 2014 wohl von der Mehrheit der gegenwärtigen deutschen und internationalen Historiker wieder zurückgewiesen worden.

Der Historiker Hermann Kellenbenz (1913-1990). Er hat 1939 und 1940 über "Das Hamburger Finanzjudentum im 17. Jahrhundert" gearbeitet. Diese Arbeit erschien 1958 in veränderter Form als Habilitationsarbeit unter dem Titel "Sephardim an der unteren Elbe". Sie wurde ein Standardwerk der Wirtschaftsgeschichte bis heute! Ein sehr lesenswertes Buch über reiche spanische Juden, die in Hamburg großen Einfluß auf das Wirtschaftsleben nahmen, obwohl in Hamburg doch sonst aschkenasische Juden beheimatet waren. Kellenbenz wurde Professor in Würzburg, Nürnberg und Köln, arbeitete unter anderem auch über das deutsche Handelshaus der Fugger und gab in den 1970er Jahren eine zweibändige, international anerkannte deutsche Wirtschaftsgeschichte heraus.

Der Historiker Walther Hubatsch (1915-1984). Er stammte aus Königsberg in Ostpreußen und arbeitete 1944 am Institut über den "Skandinavismus im 19. Jahrhundert". Nach 1945 wurde Walther Hubatsch Professor in Göttingen und Bonn und legte als solcher wertvolle Arbeiten vor. Unter anderem über die Geschichte des Ersten Weltkrieges, insbesondere auch die Geschichte des Krieges zur See, über den Freiherrn vom Stein, über die Geschichte Ost- und Westpreußens und andere Arbeiten mehr.

Die Schüler solcher Historiker wie Rössler, Fischer, Kellenbenz und Hubatsch stellten auch Historiker der nachfolgenden deutschen Historiker-Generation. Darunter Immanuel Geiss (ein aufgeweckter Schüler Fritz Fischers) oder Michael Stürmer (ein Schüler von Walther Hubatsch) und - wie Geiss - Gegner von Habermas im "Historikerstreit" von 1985.

"Dem Gedächtnis des Feldherrn Ludendorff"

Walter Frank hat über die Jahre hinweg immer wieder Aufsätze und Rezensionen zu historischen und politischen Themen für Zeitschriften und Zeitungen geschrieben. Von diesen gab er im Jahr 1938, gleich nach dem Tod Erich Ludendorffs, eine Auswahl heraus, die 41 seiner Aufsätze aus den Jahren zwischen 1926 und 1937 enthielt (auf 243 Seiten) (4). Frank widmete diesen Band noch im Dezember 1937 "Dem Gedächtnis des Feldherrn Erich Ludendorff":
Ich schreibe diese Vorrede auf der Rückfahrt vom Grabe des Generals Ludendorff. Dem Gedächtnis des Feldherrn widme ich diese Blätter.
Erich Ludendorff wird in diesem Band ausgesprochen häufig behandelt, nämlich sowohl in dem 1. wie in dem letzten, 41. Aufsatz dieses Bandes, sowie dazwischen in dem 15., 19., 25. und 39.. Diese Aufsätze bilden im folgenden die Hauptquelle, aus der heraus die Entwicklung des Verhältnisses zwischen Frank und Ludendorff dokumentiert wird. Sie erwecken fast den Eindruck, als ob auch Walter Frank einmal der Gedanke gekommen sein könnte, über Erich Ludendorff eine wissenschaftliche Biographie zu schreiben. Nicht zuletzt der Freitod Franks am 9. Mai 1945 hinderte ihn daran.

Erste Begegnung mit Erich Ludendorff (Ostern 1922 in Erfurt)

Frank schreibt in dem genannten Band (4, S. 231-234): Seit der ersten persönlichen Begegnung mit Ludendorff als 17-Jähriger zu Ostern 1922 in Erfurt
hat Erich Ludendorff über mein Denken und Leben Macht bewahrt. Als junger Student besuchte ich ihn zum ersten Mal auf Ludwigshöhe, vierzehn Jahre später, im April dieses Jahres, sprach ich ihn zum letzten Mal in Tutzing. In all diesen Jahren bin ich als freier Mann zu ihm gekommen und in manchen Fragen, die ihm wichtig waren, einen anderen, einen eigenen Weg gegangen. Auch dieser Band erweist es. Aber in all den Jahren auch, mitten in seiner zu mancher Stunde fast völligen Vereinsamung, habe ich mich als ein freier Gefolgsmann des Feldherrn Ludendorff gefühlt. So darf ich auch dieses Buch als eine Huldigung auf sein Grab legen.
(Hervorhebung nicht im Original.) Laut einem Rundschreiben seines Instituts vom 29. Dezember 1937 hatte er der Witwe Mathilde Ludendorff versichert (1, S. 30),
daß nur das, was am General irdisch gewesen wäre, nun tot sei, daß sein Name aber ewig sein würde in der deutschen Geschichte und daß das Reichsinstitut es als eine heilige Pflicht betrachten werde, "die weltgeschichtliche Größe des deutschen Feldherrn und deutschen Kämpfers Erich Ludendorff der Nachwelt vor Augen zu stellen als ewige Mahnung".
Der letzte, 41. Aufsatz des geannten Bandes ist ein Gedenkartikel auf Erich Ludendorff, erschienen am 21. Dezember 1937, einen Tag nach seinem Tod, betitelt: "'Achtung - General Ludendorff!' (21. Dezember 1937. Deutsche Allgemeine Zeitung, Berlin)" (4, S. 231-234). Im folgenden einige Auszüge:
Als im Juli dieses Jahres der erste Historikertag des neuen Deutschlands in der alten Erfurter Universität eröffnet wurde, da sprach ich von dem ersten Erlebnis, durch das Erich Ludendorff mir ins Bewußtsein getreten war. In Reih und Glied, im kleinen Saal einer kleinen Stadt, stand um Ostern 1922 eine nationale Jugendorganisation, die ihren Ehrenvorsitzenden, den General Ludendorff, erwartete. Durch den Saal ging das Kommando: "Achtung - General Ludendorff!" Durch die Menschengasse kam, in Zivil, der General. Ich hatte ihn, den damals Haß umtobte, noch niemals gesehen, niemals ein Buch von ihm oder über ihn gelesen. Jetzt sah ich aus nächster Nähe seinen Kopf - den mächtigen Kopf eines nordischen Wikingers, gebändigt durch preußische Zucht. Und ich wußte plötzlich, daß dieser der große Feldherr unseres Volkes im großen Krieg gewesen war, daß auf ihm allein vier Jahre lang Glück und Unglück, Sieg und Niederlage, Segen und Fluch unserer Geschichte geruht hatten; daß in seiner Gestalt Tannenberg und Masuren, Rumänien und Flandern, Deutschlands kämpfender Wille in vier ehernen blutigen Jahren durch die jungen Menschen dieses Saales schritt.

Kurze Zeit später gab ihm ein Aufsatz, in dem ich mit dem damals in der Jugend umstrittenen Problem von "Geist" und "Macht", von "Weimar" und "Potsdam" rang, den Anlaß, mir zu schreiben. Ich sandte ihm einen Versuch über Bismarck, den ich gearbeitet hatte. In seiner Antwort sprach er über Bismarck und schloß mit dem Satz: "Und über der ganzen Persönlichkeit etwas, was nicht wiedergegeben werden kann, die Größe, der Kuß der Gottheit." (...)
Daß er (Ludendorff) das geniale Gehirn und der gigantische Wille der Armee im Großen Krieg gewesen ist, wird heute kein Kenner mehr bestreiten. (...) Mit Hannibal hat er sich selbst in privaten Briefen verglichen.
Frank scheint sich also nicht durch die Tatsache beirrt haben zu lassen, dass eigentlich Paul von Hindenburg damals als der eigentliche Heros des Ersten Weltkrieges galt. Es klingt hier vielmehr das Wissen darüber mit, daß Hindenburg gar keinen eigenen Anteil hatte an dem Handeln und den Erfolgen Ludendorffs im Ersten Weltkrieg. Frank hat sich denn auch in den frühen 1930er Jahren über Hindenburg in Aufsätzen so abfällig geäußert, daß er, nachdem sein "Führer" Adolf Hitler von eben diesem Hindenburg 1933 zum Reichskanzler ernannt worden war, diese Aufsätze 1938 nicht mehr ungekürzt veröffentlichen konnte (4, Vorrede).

Walter Frank zum 9. November 1923 in München

Frank studierte dann ab 1923 in München, wo er, wie eben gesagt, schon sehr früh die persönliche Verbindung zu Ludendorff suchte. Er erlebte dort als Student den 9. November 1923 (2, S. 12f). Über diesen schrieb Frank Ende 1932 im Vorwort zu seinem Buch über den französischen General Boulanger. Über Ludendorff und Hitler schrieb er dabei (3, S. 7):
Wenige nur vermochten damals den Glauben festzuhalten, daß sie am blutigen Freitag mehr als eine Parteiepisode, daß sie eine nationale Tragödie erlebt hätten. Wenige nur vermochten dem erschütternden Erleben einen tieferen Sinn zu geben.

Jener Feldherr war ihnen - und er blieb es ihnen auch später, als sie nicht mehr alle seine Wege mitzugehen vermochten - die genialste soldatische Persönlichkeit, in der sich die Tradition der kaiserlichen Armee und ihr heroischer Kampf in vier Jahren des Großen Krieges verkörperte. (...) Durch diese beiden Soldaten (- Ludendorff und Hitler) gewannen auch die Jüngeren die lebendige Verbindung mit dem großen umwälzenden Ereignis des Krieges. Eine Fackel, die an diesem Feuer entzündet worden war, wurde weitergegeben von einer Generation zur anderen.
Frank verteidigt Ludendorff gegen Kritiker (1926 bis 1931)

In dem ersten Aufsatz des hier ausgewerteten Aufsatzbandes von Frank, betitelt: "Ludendorff-Legende? Eine Antwort an Herrn Professor Delbrück (26. Februar 1926. Deutsche Wochenschau, Berlin)" (4, S. 11 - 14), verteidigte Frank 1926 Ludendorff gegen die außerordentlich scharfe Kritik des Militärhistorikers Delbrück. Frank schrieb darin unter anderem auch:
Das Schicksal führte Ludendorff auf die höchsten Höhen und die tiefsten Tiefen. (...) Wir hoffen, daß Ludendorffs Laufbahn noch nicht zu Ende ist.
1926 hätte es ja tatsächlich für viele so aussehen können, als ob Ludendorffs Laufbahn zu Ende ist. Schon 1927 wurde mit der Veröffentlichung seines Buches "Vernichtung der Freimaurerei" klar, dass dem nicht so war. In dem kurzen 19. Aufsatz, einer Rezension - "Vermächtnis Bismarcks? Oncken und Ludendorff (August 1930. Deutsches Volkstum, Hamburg)" (4, S. 113f) - stellt Frank 1930 die rückhaltlose Unterstützung auch des Niederlagen erlebenden Generals Foch durch den die französische Politik leitenden George Clemenceau mit dem zeitgleichen Verhalten der deutschen Politiker und Historiker Erich Ludendorff gegenüber vergleichend nebeneinander. Der 25. Aufsatz seines Aufsatzbandes - "Um General Ludendorff (Juni 1931. Deutsches Volkstum, Hamburg)" (S. 156-159) - verteidigt Ludendorff gegen das damals gerade erschienene Ludendorff-Buch von Carl Tschuppik.

Arbeiten Franks über Adolf Stoecker (1927), Boulanger (1930) und Carl Peters

Frank promovierte 1927 mit einer Arbeit über den Berliner Hofprediger Adolf Stoecker (352 Seiten). Dann verfaßte er die schon erwähnte Arbeit über den französischen General Georges Boulanger (1837-1891) und über den französischen, antidemokratischen Nationalismus zwischen 1871 und 1918 (656 Seiten): "Das Buch ist in den Jahren 1928/30 in Paris, vor allem in der Nationalbibliothek, vorbereitet worden." (3, S. 14) Unterstützt wurde Frank von der "Notgemeinschaft deutscher Wissenschaft". Während des Zweiten Weltkrieges bearbeitete Frank dann den Nachlaß des deutschen Kolonialpolitikers Carl Peters und arbeitete an dessen wissenschaftlicher Biographie. Auch diese ist bis heute unveröffentlicht geblieben. Ebenso sind Tagebücher Walter Franks offenbar bis heute nicht von der Geschichtswissenschaft ausgewertet worden (1, S. 12). Auch wäre es ja sicherlich interessant, den Briefwechsel zwischen Frank und Ludendorff vollständig dokumentiert zu haben, aus dem im folgenden nur ein kleines - aber interessantes - Bruchstück zitiert werden kann.

Frank versteht nicht, dass Okkultlogenmitglieder wertvolle Kultur geschaffen haben können (Januar 1930)

In dem 15. Aufsatz "Schwert und Feder (Januar 1930. Deutsches Volkstum, Hamburg)" (4, S. 94 - 101) behandelt Frank unter anderem anhand der 1928 erschienenen Lebenserinnerungen des Prinzen Max von Baden das Verhältnis zwischen der deutschen politischen und militärischen Führung im Ersten Weltkrieg (also sinnbildlich der "Feder" und dem "Schwert"). Darin schreibt er über Ludendorff:
Der General Ludendorff ist die stärkste und (...) entscheidende Persönlichkeit des großen Krieges gewesen. Der "Kopf" der Armee (...) ist zugleich der Zentralpunkt, um den sich (...) die Gestirne der Kanzler und ihrer Trabanten bewegen. (...) Auf den Schultern des deutschen Feldherrn lag die ganze Atlaslast der Verantwortung, in grauenvoller Vereinsamung stand dieser Mann dem Schicksal gegenüber.
Er kommt aber dann auch auf Freimaurerkampf Ludendorffs mit der "Feder" ab dem Jahr 1927 zu sprechen:
Zornglühend sprang er aus der Deckung, unter das Feuer der frohlockenden Feinde: der hohen Finanz, der Großpresse des Boulevards, der Macht des liberalen Bildungsphilistertums ...
Aber Frank hat auch Einwände. Diese richten sich insbesondere gegen den Anteil Mathilde Ludendorffs an dem Freimaurerkampf ihres Ehemannes:
Wie sollte man z.B. den Kampf gegen die Freimaurer gewinnen, indem man Goethe angreift? Man kann die Weltmacht der Halbbildung und des Liberalismus nicht treffen, wenn man die Bildung im tiefsten Sinne abweist.
Hier wird eines der tieferen Mißverständnisse der Geisteswelt Erich Ludendorffs durch Frank deutlich. Es ist das aber ein allgemeineres Mißverständnis, mit dem die Menschen eigentlich bis heute ringen. Aber gerade heute lernen wir von Tag zu Tag besser, als das vielen Menschen bislang möglich war (zumal als diese Erkenntnisse noch sehr neu waren), nämlich auch die echten kulturellen Leistungen jener Kulturschöpfer hoch zu werten, die sich in die Gedankenwelt und Moral von Okkultlogen haben hineinziehen lassen. Nicht jeder Teil ihres Werkes muss ja von diesem Umstand beeinflußt sein. Aber mit diesem tiefen Widerspruch umzugehen - etwa auch bei einem Schriftsteller wie Hermann Hesse -, fällt ohne Frage noch heute vielen Menschen schwer (auch dem Autor dieser Zeilen). Es war das also nicht nur ein Problem von Walter Frank und seiner Zeitgenossen.
Abb. 2: Karikatur auf Erich Ludendorff aus dem Oktober 1937, zunächst unbekannter Herkunft 
Dieses weitverbreitete Mißverständnis -  dem in den 1930er Jahren ja auch etwa ein Josef Goebbels unterlag - kommt auch in manchen Karikaturen jener Zeit zum Ausdruck (s. Abb. 2).  Frank schrieb damals weiter:
Ist es Willkür, wenn die Gedanken über Schwert und Geist sich immer wieder um Ludendorffs Persönlichkeit gerankt haben? Wir halten es vielmehr für eine innere Notwendigkeit. ...
Er kommt also, das wird auch deutlich, von einer Auseinandersetzung mit Ludendorff und seiner auch aktuelleren Geisteswelt "nicht los".

"Wie ein Aufatmen ging es 1914 durch die Soldaten" (1932)

1935 nimmt Frank Bezug auf einen - in dem 1938 von ihm herausgegebenen Sammelband nicht zum Abdruck gelangten - Gedenkartikel auf Ludendorff aus dem Jahr 1932, über den er berichtet und aus dem er zitiert:
Ich schrieb über die Augusttage des Jahres 1914, in denen General von Moltke im Angesicht der in Ostpreußen drohenden Katastrophe den General Ludendorff von Lüttich nach Koblenz rief:

>>Augenzeugen haben erzählt, wie der General Ludendorff damals im Auto im Großen Hauptquartier ankam und vor die Generalstabskarte geführt wurde; wie man ihm die Lage erkärte; wie aller Blicke angstvoll fragend an seinem unbeweglichen Gesicht hingen; und wie der dann das Monokel aus dem Auge fallen ließ und ruhig sagte: "Die Sache ist nicht einmal so schlimm, als ich dachte." Wie ein Aufatmen ging es durch alle diese Soldaten. Die magische Kraft eines großen Willens zwang sie in ihren Bann. Ein Imperator hatte die Zügel ergriffen.<<
Und ich fügte hinzu: >>Nie, solange unser Volk nicht auf den Herrenstolz großer Nationen verzichtet, wird es aufhören dürfen, Erich Ludendorff als dem großen Feldherren seines größten Krieges zu danken. Keine Politik des Tages, kein Geschehen der jüngsten Zeit (...) kann jemals die nationalsozialistische Bewegung hindern, vor Erich Ludendorff, dem Imperator des Krieges, in Ehrfurcht die Fahnen zu senken.<<
Nun, das hätte immerhin als deutliche Worte empfunden werden können an Genossen in seiner Partei, die - oft schon seit 1924 - gänzlich anders über Erich Ludendorff dachten und ihm gegenüber handelten. Frank wird sich womöglich gar nicht bewußt gewesen sein, dass zu diesen Genossen Adolf Hitler selbst gehörte, der sich zu keiner Zeit scheute, auch mit den niederträchtigsten Mitteln gegen seine Gegner zu arbeiten (siehe andere Beiträge hier auf dem Blog).

Frank: Ludendorff irrte - aber aus bestem Wollen heraus (1. April 1935)

Auf die Jetztzeit des Jahres 1935 kommend schrieb Frank in diesem 39. Aufsatz seiner Aufsatzsammlung - betitelt "Erich Ludendorff. Zum 70. Geburtstag des Feldherrn (1. April 1935. Wille und Macht, Berlin)" (4, S. 223-226) - dann weiter (Hervorh. n. i. O.):
Warum hat sich in diesen Jahren (nach 1923) der General Ludendorff von Adolf Hitler getrennt?

War es nicht im Grunde nur deshalb, weil sein Soldatentemperament die harten Notwendigkeiten der praktischen Politik nicht immer erkannte? Weil er (...) zu wenig sah, wie (...) die Meisterschaft echter Staatsmannschaft darin besteht, auch auf verschlungenen Pfaden zum niemals vergessenen und verleugneten Ziel zu gelangen?

Mancher mag sich noch einer Karikatur erinnern, die im Jahre 1932 in "Ludendorffs Volkswarte" erschien: Adolf Hitler kniet in gläubigem Warten vor einer Sphinx, die die Züge des Reichswehrministers General von Schleicher trägt. Und die Sphinx spricht hohnlächelnd also: "Ich werde dich solange warten lassen, bis du schwarz geworden bist!" (...)

Auch General Ludendorff wird heute, wenn er auf die Zeit seines politischen Gegensatzes zu Adolf Hitler zurücksieht, groß genug sein, um einzusehen, daß er sich getäuscht hat. (...) Wie kam es (aber), daß auch in den Zeiten, wo die Kritik des Generals Ludendorff an der Politik Adolf Hitlers gerade denen, die beide Männer zu ehren gedachten, bitter in die Seele schnitt, der General Ludendorff in der Anhängerschaft der NSDAP. niemals gehaßt wurde wie die anderen Kritiker?
So schreibt Walter Frank über sich selbst. Es wird hier ganz deutlich, dass Frank nur einen ihm genehmen Ausschnitt aus der Gedankenwelt Ludendorffs zur Kenntnis genommen und verstanden hatte. Sonst wäre ihm bewusst gewesen, dass Ludendorff nach 1933 in der Zeit der Diktatur nicht mehr so offen über das schreiben konnte, was er dachte wie in der Zeit davor.

Da Ludendorff öffentlich also nicht ausreichend deutlich diese damals sicherlich weit verbreitete Meinung zurückweisen konnte, die Frank hier äußerte, nämlich daß er sich "getäuscht" hätte über Hitler und über die nationalsozialistische Bewegung, täuschte sich eben auch Frank weiterhin - sowohl über Ludendorff wie womöglich über die NS-Bewegung selbst. 

Und auch wenn Frank davon spricht, daß Ludendorff von Nationalsozialisten nicht "gehaßt" worden wäre, verharmlost er natürlich sich selbst und anderen sehr deutlich die Situation. Der NS-Reichtstagsabgeordnete Georg Ahlemann hat mit Duldung und Förderung Hitlers übelste Pamphlete gegen das "Haus Ludendorff" in die Welt gesetzt. Und das Sprengen von Versammlungen des "Tannenbergerbundes" durch die SA war allen Beteiligten noch lebhaft in Erinnerung. Ein Landesleiter des Tannenbergbundes war durch SA-Männer zusammengeschlagen worden. Zahlreiche "Tannenberger" waren in Schutzhaft und in das KZ gekommen. Nationalsozialistische Sprechchöre riefen: "Ludendorff verrecke! Mathilde verrecke!" Frank hingegen schreibt weiter:
Irgendwie empfand das Volk, daß dieser Kritiker (Ludendorff), auch wenn er irrte, aus tiefster innerer Ehrlichkeit und aus der Besessenheit seiner Idee heraus kämpfte, und daß diese Idee, auch wenn er selbst es damals nicht wahr haben wollte, von der Adolf Hitlers nicht sehr fern war.
Frank schreibt weiter:
Es war eine Tat, die vom ganzen deutschen Volk mit innerster Ergriffenheit aufgenommen wurde, als an jenem historischen 16. März (1935) der deutsche Wehrminister im Angesicht des Führers und der gesamten Regierung "dem Manne, dessen Kraft wie Atlas eine Welt auf seinen Schultern trug, dem Feldherrn Ludendorff" huldigte.
Frank weiter:
In demselben Geist senken sich heute, am 70. Geburtstag Erich Ludendorffs, in Ehrfurcht die Fahnen des neuen, aufsteigenden Reiches vor dem Imperator des Großen Krieges. (...)
Und:
Aber wer kann es hindern, daß aus dem Rauschen dieser Fahnen dem General Ludendorff zugleich der Wunsch eines ganzen Volkes, und am meisten der Wunsch der Jugend, entgegenklingt: Der Wunsch, daß er, der Siebzigjährige, noch das "junge Herz" haben möge, dessen er sich einst, vor zehn Jahren mit Recht rühmte. Der Wunsch, daß der große Feldherr den Weg finde zum großen politischen Führer unseres Volkes. Der Wunsch, daß die beiden Männer, die einst an der Feldherrnhalle in dunkler Zeit gemeinsam dem Tod entgegenschritten, noch einmal im Angesicht eines erneuerten, wiederauferstehenden Volkes gemeinsam einherschreiten möchten - in die deutsche Zukunft hinein.
Das braucht hier gar nicht weiter kommentiert werden. 

Ludendorff scharf an Frank gegen Priesterherrschaft und Christentum (1936)

1936 sandte Walter Frank Erich Ludendorff eine Schrift über Friedrich den Großen. Erich Ludendorff antwortete dem Protestanten Walter Frank darauf unumwunden und scharf, er raspelte also auch gegenüber seinen "Verehrern" gewiß kein "Süßholz" (1, S. 30):
Die größte Bedeutung des großen Deutschen auf Preußens Königsthron für unsere Zeit liegt in seiner klaren Haltung gegen Priesterherrschaft und Christenlehre.
Mit solchen für das Jahr 1936 brandheißen Gedanken hat sich Frank öffentlich - soweit übersehbar - nicht auseinandergesetzt. Weder in zustimmendem noch in ablehnendem Sinne. An der "Anhänglichkeit" Franks scheinen sie immerhin auch nichts verändert zu haben. Angesichts der religiösen Entwicklungen im Dritten Reich konnte sich Ludendorff aber auch zu diesem Zeitpunkt so deutlich äußern, ohne vor den Kopf zu stoßen. 1937 begann die bis dahin größte Kirchenaustrittsbewegung in Deutschland in einem Umfang, wie sie erst nach 1968 wieder erreicht wurde.

Besuch von Frank in Tutzing (April 1937)

Im April 1937, nach jener spannungsvollen Unterredung Ludendorffs mit Adolf Hitler am 30. März 1937, an derem Ende Hitler sich bei Blomberg über dessen "rechtzeitiges" Kommen bedankte - da Hitler durch dieses Kommen einen Vorwand hatte, das immer spannungsvoller werdende Gespräch zwischen ihnen beenden zu können, das also nur nach außen hin eine "Versöhnung" darstellte wie auch das nachherige Geschehen zeigen sollte -, nach dieser Unterredung sagte sich auch der Kopf der deutschen Geschichtswissenschaft Walter Frank (wieder) bei Erich Ludendorff zu einem persönlichen Besuch an und wurde von Ludendorff in Tutzing empfangen.

Historikertag und Erich Ludendorff - "Sie werden aus dem Verwundern nicht heraus kommen" (5. Juli 1937)

Der erste Historikertag seit 1933 im Jahr 1937 fand in Erfurt statt. Auf ihm gab Frank - drei Monate nach der Unterredung Ludendorffs mit Hitler am 30. März 1937 - am 5. Juli 1937 seiner Verehrung für Ludendorff in seiner Eröffnungsrede Ausdruck. Wie schon oben angeführt, berichtete er darüber am 21. Dezember 1937 in seinem Gedenkartikel auf Ludendorff:
Als im Juli dieses Jahres der erste Historikertag des neuen Deutschlands in der alten Erfurter Universität eröffnet wurde, da sprach ich von dem ersten Erlebnis, durch das Erich Ludendorff mir ins Bewußtsein getreten war. ...
Im Nachgang zu diesem Historikertag findet sich in der von Erich Ludendorff herausgegebenen Zeitschrift "Am Heiligen Quell Deutscher Kraft" - in der Folge 9 vom 5. August 1937 - folgende recht beißende Notiz unter den "Antworten der Schriftleitung":
Erfurt. - Sie wundern sich, daß der Telegrammwechsel zwischen dem Präsidenten des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands, Walter Frank, und dem Feldherrn am 5. 7. d. J., dem Eröffnungtage der Historikertagung in Erfurt, nicht veröffentlicht worden ist, wie das auch Professor Walter Frank wollte. Sparen Sie Ihre Verwunderung für anderes auf, sonst kommen Sie aus dem Verwundern nicht heraus.
Weder der Wortlaut des Telegrammwechsels noch der Anlaß für diese Worte sind einstweilen bekannt. Man wird aber nicht fehlgehen, sie als gegen das Propagandaministerium unter Goebbels gerichtet zu empfinden, das die Veröffentlichung dieses Telegrammwechsels in der deutschen Presse verboten haben wird. So sehr blieben Ludendorff und sein Einfluß im Dritten Reich weiterhin gefürchtet, vor allem - wie schon in anderen Artikeln dieses Blogs dargestellt - in den Kreisen des politischen Katholizismus, zu denen Ludendorff auch Josef Goebbels und seine Umgebung hinzuzählte.

Frank: Ludendorff "... segnet im Sterben das Werk Adolf Hitlers" (21. Dezember 1937)

Am 20. Dezember 1937 starb Erich Ludendorff. In dem einen Tag nach dem Tod Ludendorffs erschienen Gedenkartikel auf ihn, aus dem schon zitiert worden ist, schrieb Frank außerdem (4, S. 231-234):
Im Jahre 1935 hat die neuerstandene deutsche Wehrmacht dem Feldherrn Ludendorff gehuldigt. Im Frühjahr 1937 fanden sich der Führer und der Feldherr zu freundlicher Aussprache zusammen.
Frank zitiert dann den Telegrammwechsel zwischen Hitler und jenem Ludendorff, der damals schon im Krankenbett lag, am Gedenktag des 9. November 1937. Frank sagt, daß Ludendorff mit seinem Antwort-Telegramm an Hitler "im Sterben das Werk Adolf Hitlers gesegnet hat". So wollten es Nationalsozialisten bis hinauf zu Hitler gerne sehen. Frank schließt dann seine erste Erinnerung an Ludendorff wiederholend:
Vor fünfzehn Jahren sahen wir den Feldherrn zum ersten Mal, durch eine Gasse nationaler Jugend schreitend, in einem kleinen Saal in einer kleinen Stadt. Und zum ersten Mal, mitten in dem Haß der Kanaille, der ihn umbrandete, klang es in unserer Seele, unvergeßlich und unser eigenes Werden prägend für immer: "Achtung - General Ludendorff!"

Nun werden wir ihn zum letzten Mal sehen, als Toten. An seinem letzten Weg wird ein ganzes Volk die Gasse bilden. Hinter seinem Sarg wird der einherschreiten, der sein Testament vollstreckt und der dem ganzen Deutschland die ewige Parole geben wird:
"Achtung - General Ludendorff!"
Ludendorff-Büste in Franks Reichsinstitut eingeweiht (Dezember 1938)

Der von Frank zusammengestellte Aufsatz-Sammelband war zum Zeitpunkt des Todes von Erich Ludendorff fast druckfertig und wurde wenig später veröffentlicht. Im Dezember 1938 schließlich weihte Frank auch eine Ludendorff-Büste in seinem Reichsinstitut in Berlin ein (1, S. 30).

Schluß

Walter Frank hat das religiöse Anliegen seines langjährigen Förderers Alfred Rosenberg im Wesentlichen so beurteilt, wie es heute ganz allgemein - und damals auch von dem Ehepaar Ludendorff - beurteilt worden ist (1, S. 938f). Ihm bedeutete auch der deutsche Schriftsteller Hans Grimm sehr viel. Er faßte eine Persönlichkeit wie den französischen General Boulanger nach vielen Richtungen hin angemessener auf als viele Historiker vor und nach ihm. In der Beurteilung des christlichen deutschen Mittelalters -  und damit der heidischen Germanen - schloß sich Walter Frank statt an den kirchenfreien Nordisten, Religionshistoriker und Ludendorff-Sympathisanten Bernhard Kummer an den ein "dämonisches" Germanenbild vertretenden Otto Höfler an (2), ein Germanenbild, das besser kompatibel war zu dem Germanenbild, das in der SS gefördert wurde. Walter Frank blieb selbst auch Christ.

Aus all dem, was in diesem Beitrag geschildert werden konnte, geht hervor, dass Frank von den schweren und tiefen Spannungen, die zwischen Erich Ludendorff und Adolf Hitler seit 1924 bis in den Spätherbst 1937 bestanden haben und wie sie in mehreren Beiträgen dieses Blogs in den letzten Jahren dokumentiert worden sind, nur wenig scheint mitbekommen zu haben. Oder dass er, wenn er etwas davon mitbekommen hat, sie größtenteils verdrängt hat. Dass auch so wahrgenommen werden konnte, war ein zu berücksichtigender Teil der Wirklichkeit des Dritten Reiches.

Als ein vorläufiges Ergebnis der vorliegenden Untersuchung kann womöglich formuliert werden: Erich Ludendorff war bis zu seinem Tod ein Machtmensch, der sich der Tatsache bewußt war - und diese auch soweit als ihm immer möglich ausspielte - dass er  innerhalb der NSDAP und ihrer Gliederungen viele Sympathisanten und Anhänger hatte, wenn auch Sympathisanten oft nur "oberflächlicherer" Art. Jedenfalls war Ludendorff offenbar auch jederzeit gewillt, diesen Machtfaktor mit in Anschlag zu bringen. Weshalb er solche eher oberflächlichereren Sympathisanten auch nicht noch - sozusagen - mutwillig zusätzlich vor den Kopf gestoßen haben mag, insbesondere nach 1933.

Und womöglich hat die zugleich mit Ludendorff sympathisierende Wehrmachtspitze (in dieser vor allem Ludwig Beck) diesen Faktor oberflächlicherer Ludendorff-Sympathisanten innerhalb der NSDAP - aus ihrem Verhaftetsein in sehr traditionellem Denken - nicht ausreichend und nach jeder Richtung hin vollständig in Anschlag gebracht.

Ludendorff war sich natürlich  bewußt, dass die Sympathie vieler dieser Ludendorff-Verehrer in der NSDAP zu nicht geringen Teilen auf Mißverständnissen und Unkenntnis seiner Weltanschauung beruhte. Aber auf die stieß er ja sowieso, wohin immer er blickte (auch in der Wehrmachtführung). Dass er mit solchen Ludendorff-Verehrern dennoch in ganz gutem persönlichen Verhältnis stehen konnte, wird sicherlich durch ein solches Beispiel wie Walter Frank ganz gut illustriert.

Wie angeführt, war einer der Schüler Walter Franks Professor Walther Hubatsch. Dieser hat noch in den 1960er Jahren ein Buch in dem der Ludendorff-Bewegung nahestehenden Pfeiffer-Verlag in Hannover herausgebracht. Er hat sich nach 1945 auch noch einmal - in bislang unveröffentlichten Schriftwechseln (vorliegend im Landesarchiv von Schleswig-Holstein in Kiel) - zu der Stellung Ludendorffs im Dritten Reich geäußert. Es wäre sicher von Interesse, diese zumal im Anschluß an den vorliegenden Beitrag kennenlernen und auswerten zu können.

(im ersten Entwurf verfaßt 14.10.2009)
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  1. Heiber, Helmut: Walter Frank und sein Reichsinstitut für die Geschichte des neuen Deutschlands. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1966
  2. Frank, Walter: Historie und Leben. Rede zur Eröffnung des Erfurter Historikertages am 5. Juli 1937. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1937 [Schriften des Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschlands]
  3. Frank, Walter: Nationalismus und Demokratie im Frankreich der dritten Republik (1871 bis 1918). Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1933
  4. Frank, Walter: Geist und Macht. Historisch-politische Aufsätze. Hanseatische Verlagsanstalt, Hamburg 1938
  5. Ludendorff, Erich und Mathilde: Die machtvolle Religiosität des deutschen Volkes vor 1945. Dokumente zur deutschen Religions- und Geistesgeschichte 1933 bis 1945. Verlag Freiland, Süderbrarup 2004
  6. Müller, Klaus-Jürgen: Generalobers Ludwig Beck. Eine Biographie. Hrsg. mit Unterstützung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, Potsdam. Ferdinand Schöningh, Paderborn u.a. 2008, 2. durchgesehene Auflage 2009

Samstag, 4. April 2015

Der deutsche Kronprinz - Begeistert von der Philosophie Mathilde Ludendorffs

... Und mit Vater und Sohn nicht nur ein Verehrer Erich Ludendorffs, sondern begeistert von dessen Freimaurer-Kampf

Den deutschen Kronprinzen Wilhelm von Preußen (1882-1951) haben, wie er anläßlich des Todes von Erich Ludendorff am 20. Dezember 1937 an Mathilde Ludendorff schrieb, "viele unvergeßliche Erlebnisse" mit Erich Ludendorff verbunden. Diese gehen natürlich vor allem zurück auf die Zeit des Ersten Weltkrieges. Der deutsche Kronprinz hat Zeit seines Lebens ein herzlicheres Verhältnis zu Erich Ludendorff behalten, als alle anderen Söhne des Kaisers. Von diesen wurde einer ja sogar SA-Führer, was Erich Ludendorff Anfang der 1930er Jahre beißend in seiner Wochenzeitung "Ludendorffs Volkswarte" kritisierte. Etwa dessen Wort an seine SA-Männer: "Wenn ihr Schweine seid, dann bin ich auch ein Schwein!" Aber erst in den 1950er Jahren wurde in vollem Umfang klar, dass Kaiser Wilhelm II. in seinem Exil in den Niederlanden und sein ältester Sohn Ludendorffs Schriften gegen die Freimaurerei mit großer Zustimmung gelesen haben.

Und 1972 wurde sogar bekannt, dass der deutsche Kronprinz nach seinem Geburtstagsbesuch bei Erich Ludendorff am 9. April 1935 in Tutzing mit Begeisterung über die Philosophie Mathilde Ludendorffs an seinen Vater in Doorn berichtete. Im vorliegenden Beitrag sollen nach und nach alle vorliegenden Hinweise auf das Verhältnis zwischen dem deutschen Kronprinzen und dem Ehepaar Ludendorff zusammengetragen werden.

Der Thronfolger in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg

Wie in Monarchien üblich, war das Haus Hohenzollern in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg außergewöhnlich populär. Jeder kannte damals den deutschen Kronprinzen. Und zwar mindestens ebenso gut wie heute der Thronfolger von England bekannt ist und seine Söhne. Und so waren der deutsche Kronprinz und seine Sportbegeisterung im Jahr 1914 auch in aller Munde.

Abb. 1: "Das Moltkezimmer des Generalstabs-Gebäudes nach dem Einzug des Kronprinzen" ("Jugend",  4.2.1914)
Anfang 1914 wohnte der deutsche Kronprinz eine Weile im Generalstabsgebäude, das an der Stelle stand, an der heute das Bundeskanzleramt in Berlin steht. Und zwar in der vormaligen Wohnung des Generals von Moltke des Älteren. Und in der Satire-Zeitschrift "Jugend" spießte der Karikaturist E. Wilke diesen Umstand auf, um einmal erneut die zahlreichen außerdienstlichen Leidenschaften des deutschen Kronprinzen zu kommentieren (s. Abb. 1). Im Bildrahmen zu einem ehrwürdigen Gemälde Moltkes sind Karten eingesteckt zu: "Polo-Match", "Einladung zum Cabaret Oho", "Abonnement Circus Busch", "Metropol-Theater, Mittel-Loge", "Programm 6-Tage-Rennen", "Hockey-Match" und anderes mehr. - Mit diesem heiteren, fröhlichen Leben der Vorkriegszeit sollte es natürlich ab dem August 1914 ein jähes Ende haben.

Der deutsche Kronprinz im Ersten Weltkrieg

Der Kronprinz Wilhelm war über den ganzen Ersten Weltkrieg hinweg nomineller militärischer Oberbefehlshaber der Heeresgruppe "Deutscher Kronprinz" an der Westfront. Natürlich haben die eigentliche Generalstabsarbeit bei ihm Generalstabsoffiziere gemacht, nicht der Kronprinz selbst. Erich Ludendorff schrieb 1919 in seinen Kriegserinnerungen (1, S. 16):
Besonders gern denke ich an meine Beziehungen zum Hauptquartier des Deutschen Kronprinzen. Der Kronprinz zeigte viel Verständnis für den militärischen Beruf und stellte kluge, sachgemäße Fragen. Er liebte den Soldaten und bekümmerte sich um die Truppe. Er war nicht für den Krieg, sondern sprach für den Frieden. Dies blieb richtig, auch wenn andere das Gegenteil behaupten. Der Kronprinz hat stets bedauert, daß er für seinen Beruf als späterer Kaiser nicht genügend vorbereitet wurde, und hat sich alle mögliche Mühe gegeben, dies nachzuholen. Er meinte mir gegenüber, er habe es schlechter als ein Facharbeiter. Auch hat er eine Denkschrift darüber ausgearbeitet, die er seinem kaiserlichen Vater und dem Reichskanzler überreichte. Dem Kronprinzen haben seine Äußerlichkeiten geschadet, er war mehr, als er hiernach schien.
Und (1, S. 23):
Er widmete sich ernst und mit Eifer seinen Aufgaben und zeigte gleichzeitig gutes militärisches Verständnis und Blick für große Lagen.
Und über den Angriff auf Verdun (1, S. 191):
Der Deutsche Kronprinz hatte sich schon sehr frühzeitig für die Einstellung des Angriffs ausgesprochen.
Sowie (S. 208):
Der Kronprinz war über die Einstellung des Angriffs auf Verdun in hohem Maße befriedigt, es wäre ihm damit ein langgehegter Wunsch erfüllt worden. Er streifte dann andere Fragen und betonte auch mir gegenüber seinen Wunsch nach Frieden; wie dieser aber von der Entente zu erlangen sei, sagte er mir nicht.
Es wäre noch einmal nachzutragen, wie sich das Verhältnis zwischen Erich Ludendorff und dem deutschen Kronprinzen über die vielen Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hinweg gestaltete und entwickelte. Es sollte auch bald der älteste Sohn des Kronprinzen in diesem Verhältnis eine Rolle spielen, über die vielleicht noch zu wenig bekannt geworden ist.
Abb. 2: 1927 in Doorn in den Niederlanden: der vormalige Kaiser Wilhelm II. (Mitte) mit seinem ältesten Sohn Kronprinz Wilhelm von Preußen (links) und seinem Enkel Wilhelm Prinz von Preußen (rechts)

Der Kaiser tief erschüttert über das Buch "Vernichtung der Freimaurerei" (1931)

1957 berichtete Mathilde Ludendorff in ihrer Zeitschrift "Quell" (5) (Hervorhebung nicht im Original):
Ende Juni erhielt ich eine Nachricht, die mir sehr lieb ist. Herr Walter Kahlewey, der in der Schlacht bei Tannenberg das Augenlicht verloren hat und später mit dem Feldherrn in Freimaurerangelegenheiten eng zusammengearbeitet hat, sandte einen Brief, den Frau L. Döring, Hann. Münden geschrieben hat. In ihm berichtet sie über die Wirkung, die das Werk des Feldherrn "Vernichtung der Freimaurerei" auf Kaiser Wilhelm in Doorn gemacht hat. Ich möchte diese Worte im Wortlaut unseren Lesern bekannt geben:
"Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, sagte mir 1931 in Königsberg, dass dieses Werk des General Ludendorff den Kaiser in Doorn tief erschüttert habe. Mit diesem Werk habe sich Ludendorff wieder unsterblich gemacht."

Prinz Wilhelm fiel im Frankreich-Feldzug 1940.
Aus diesen Worten dürfte hervorgehen, dass nicht nur der letzte Kaiser und sein ältester Sohn, sondern auch der älteste Enkelsohn des letzten Kaisers, der Prinz Wilhelm viel Anteil genommen haben wird an dem Kampf Erich Ludendorffs gegen die Freimaurerei. Womit das zitierte Wort des ungenannten Heerführers „Wenn der 20 Jahre älter wäre, würde unser Land anders aussehen“ erweiterte Bedeutung bekäme. Mathilde Ludendorff schrieb 1957 weiter:
Wenn ich bedenke, wie sehr des Kaisers Brief an den sterbenden Feldherrn ihm damals eine Freude war, so erfahre ich jetzt in tiefer Freude, dass das Werk "Vernichtung der Freimaurerei" dem Kaiser offenbar die Augen über die Urheber des Zusammenbruchs trotz aller Siege des Feldherrn geöffnet hat. Hiermit ist es auch geklärt, weshalb der Kronprinz bei seinem Besuche in unserem Hause anlässlich des 70. Geburtstages des Feldherrn so voll überzeugt war von der Gefahr der überstaatlichen Mächte und deshalb auch - nach dem Hohenzollern-Rechte hierzu befugt - seinen Söhnen verboten hatte, in die Loge einzutreten.
Darüber wird gleich noch die Rede sein. In den gleichen Zeitraum wird fallen, worüber Mathilde Ludendorff ein Jahr später in derselben Zeitschrift berichtete (8):
Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, der in Frankreich im 2. Weltkrieg an der Front gefallen ist, antwortete im kleinen Kreise, als gesagt wurde, dass die ganze Öffentlichkeit General Ludendorff nun totschwiege, seit er den Kampf gegen die Freimaurerei aufgenommen habe: "Die Welt habe von Ludendorffs Buch 'Vernichtung der Freimaurerei' usw. mit Entsetzen Kenntnis genommen. Ludendorff habe das große Verdienst, dass er diese Veröffentlichungen mit seinem unsterblichen historischen Namen gemacht habe."

Gratulation zum 50-jährigen Dienstjubiläum Ludendorffs (April 1932)

Mathilde Ludendorff berichtet in ihren Lebenserinnerungen (Bd. VI, S. 252):
Es sollte in diesem Jahre der Tag würdig gefeiert werden, an dem der Feldherr vor 50 Jahren Soldat geworden war, der 15. 4. 1932. (...) Außer den Mitkämpfern kümmerte sich überhaupt niemand um dieses militärische Jubiläum des größten Soldaten des Weltkrieges. Nur der Kronprinz dachte an den Tag, telegraphierte und bedauerte es sehr, nicht kommen zu können.
Als "Ludendorffs Verlag" 1932 die "Gedanken Friedrichs des Großen über Religion" neu heraus gab unter dem Titel "Friedrich der Große auf Seiten Ludendorffs" könnte auch dieser Umstand so manchen Nachfahren Friedrichs des Großen zum Nachdenken gebracht haben.

Abb. 3: "Friedrich der Große auf Seiten Ludendorffs" (1932)

Der Hoffnungsträger Prinz Wilhelm von Preußen (Juni 1933)

Der damalige hier auf dem Blog schon ausführlicher behandelte Ludendorff-Verehrer Wilhelm Breucker hat in seinem Ludendorff-Buch (2) eine Frage Erich Ludendorffs über den ältesten Sohn des deutschen Kronprinzen im Juni 1933 erwähnt.

Abb. 4: Prinz Wilhelm von Preußen, 1926/27
Breucker berichtet nämlich unter anderem (2, S. 113):
Als sich der älteste Sohn des deutschen Kronprinzen, der später im 2. Weltkriege gefallene Prinz Wilhelm von Preußen mit Fräulein Dorothea v. Salviati in Bonn verlobte, frug Ludendorff bei mir, der ich damals in Bonn lebte, mißtrauisch an: "Ist die Familie Salviati katholisch oder protestantisch?" Ich antwortete: "Ihren Artikel 'Die Hohenzollern in den Händen Roms' müssen Sie in der Schublade behalten, die Familie Salviati ist einwandfrei portestantisch."
Das muss also im Juni 1933 gewesen sein. Denn über den Prinzen Wilhelm von Preußen (1906-1940) heißt es auf Wikipedia:
Am 3. Juni 1933 heiratete er Dorothea von Salviati (* 10. September 1907 in Bonn; † 7. Mai 1972 in Bad Godesberg), eine Ehe, die nach dem hohenzollerschen Hausgesetz als nicht ebenbürtig eingestuft wurde. Wilhelm verzichtete daher auf sein Erstgeborenenrecht und damit auf eine mögliche Thronfolge.
Als wie berechtigt man Erich Ludendorffs Interesse für Wilhelm von Preußen auch heute noch wird ansehen müssen, geht aus dem weiteren Satz auf Wikipedia hervor:
Für den monarchisch-konservativen Teil der Opposition gegen das NS-Regime galt Wilhelm als Hoffnungsträger.
Sicherlich wäre es, wie auch noch aus dem weiteren hervorgeht, wertvoll, einmal noch mehr Daten zur Person und zum Leben dieses früh gefallenen antinationalsozialistischen "Hoffnungsträgers" zusammenzustellen.

Der deutsche Kronprinz - begeistert von der Philosophie Mathilde Ludendorffs (April 1935)

In seinen Lebenserinnerungen schreibt Erich Ludendorff über die große öffentliche Feier seines 70. Geburtstages in Tutzing am 9. April 1935 (die hier auf dem Blog schon behandelt wurde):
Am Nachmittage konnte ich noch den Deutschen Kronprinzen in meinem Hause begrüßen, der der einzige Hohenzollernprinz war, der mir stets mit der gleichen Achtung und Ehrerbietung entgegengetreten ist. Er weilte viele Stunden bei mir. Wir tauschten Rückerinnerungen aus dem Kriege aus. Ich begrüßte es, dass seine Ansichten über den Generalfeldmarschall von Hindenburg sich mit meinen völlig deckten.
Und Mathilde Ludendorff berichtete anlässlich des Todes des deutschen Kronprinzen im Jahr 1951 über diesen (4) (Hervorhebung nicht im Original):
Am 9.4.1935, dem Tage des 70. Geburtstages meines Mannes, lernte ich Kronprinz Wilhelm von Preußen persönlich kennen. Wie zuvor verabredet, kam er am Nachmittag um 15 Uhr, also nach allen offiziellen Empfängen und Feiern der Wehrmacht. Er blieb bei uns zum Tee. In seiner offensichtlichen Freude über das Zusammensein mit dem von ihm so verehrten Generalquartiermeister des Weltkrieges blieb er bis abends 19 Uhr unser Gast im kleinen Kreise. -

Die Unterhaltung war herzlich und sehr angeregt. Dabei kam es zu meines Mannes Freude sehr bald durch die Worte des Kronprinzen zu Tage, dass er die aufklärenden Schriften seines Kriegsvorgesetzten „Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse“ und „Kriegshetze und Völkermorden“ mit großem Interesse gelesen hatte und von deren Wahrheit überzeugt war. Er betonte, wie viele Ereignisse ihm nun erst voll in ihren Ursachen geklärt seien und wie er nun die Rolle, die Hindenburg dem Kaiser gegenüber 1918/19 offenbar zur Genugtuung der Freimaurerei gespielt hatte, nur zu klar sei. Er sagte auch, wie begründet doch die Warnung seines Großvaters seinem Vater gegenüber vor der Freimaurerei gewesen sei und lange verweilte die Unterhaltung bei den historischen Ereignissen jener Jahre. -
Dass bei diesem Anlass auch über ihre Philosophie gesprochen wurde, wie wir gleich sehen werden, scheint Mathilde Ludendorff 1951 offenbar gar nicht mehr in Erinnerung gehabt zu haben. Oder es war ihr nicht gründlich genug darüber geredet worden, um es zu erwähnen. Ihr Schwiegersohn Franz von Bebenburg berichtet über Erich Ludendorff (S. 90):
Er war eine achtungsgebietende, eindrucksvolle Erscheinung. Er war meistens sehr ernst, was allerdings kein Wunder in den damaligen Zeiten war. In seinem privaten Umgang besaß er außerordentliche Freundlichkeit, Liebenswürdigkeit. Und er hatte sehr viel Humor, was aber nur wenige Menschen an ihm kennengelernt haben. An seinem 70. Geburtstag waren einige Freunde und Bekannte eingeladen, wobei auch der Kronprinz zu Besuch kam. Als der Abend zu Ende ging, begleitet Mathilde Ludendorff den Kronprinz zur Tür, worauf dieser zu ihr sagte: "Mein Gott, wenn mein Vater Ihren Mann so kennengelernt hätte, so heiter und vergnügt ... Es wäre alles anders gekommen." Das hat mich enorm beeindruckt.
Sigurd von Ilsemann, der bis 1941 in der Nähe des Kaisers in Holland lebte, schrieb am 27. April 1935 in sein Tagebuch (zit. n. 3):
Der Kronprinz hat seinem Vater jetzt nach seinem Besuch bei Ludendorff begeistert von diesem Ehepaar und ihrer vernünftigen Religion geschrieben, die allerdings nur für wenige sehr Gebildete geeignet sei.
Diese Angabe deckt und ergänzt die Erinnerungen von Mathilde Ludendorff. Sie wurde erst 1972 veröffentlicht, sechs Jahre nach ihrem Tod. Sie hätte sich sicher sehr über diese Angabe gefreut, wenn ihr auch zu entnehmen ist, dass sich der Kronprinz mit dieser "vernünftigen Religion" noch nicht sehr gründlich beschäftigt haben kann. Denn jede elitäre Attitüde, die nur "Gebildete" ansprechen würde, war ja Erich und Mathilde Ludendorff gar nicht gemäß, ebenso wenig dem völkischen Gedanken, für den sie standen. Auch passt es nicht zu der Tatsache, dass damals viele Anhänger dieser Philosophie "einfache" Bauern, Arbeiter, Schmiede oder Menschen anderer "praktischer" Berufe waren.

Aus den Aufzeichnungen von Ilsemanns geht ansonsten hervor, wie sehr der Kaiser seit 1918 innerlich mit Ludendorff haderte und wie leicht auch gegensätzlichste Ansichten bei ihm von einem Tag zum anderen wechseln konnten. Wie aber schon erwähnt, schrieb er Erich Ludendorff im Dezember 1937 noch einen Brief an dessen Sterbelager, worüber sich Erich Ludendorff freute.

Der Deutsche Kronprinz kondoliert (20. Dezember 1937)

Mathilde Ludendorff berichtete anlässlich des Todes des deutschen Kronprinzen im Jahr 1951 (4) (Hervorhebung nicht im Original):
Als mein Mann 2 Jahre später auf dem Sterbelager lag, gewann ich Einblick in die tiefe Anhänglichkeit und Verehrung, die der Kronprinz für ihn empfand.
Der deutsche Kronprinz scheint Erich Ludendorff im November oder Dezember 1937 also sogar an seinem Krankenlager besucht zu haben. Als Ludendorff am 20. Dezember 1937 starb, schrieb er an Mathilde Ludendorff (s. Abb. 3):
20.12.1937, Unter den Linden
Euer Exzellenz,
Tief bewegt durch die traurige Nachricht, dass Ihr Gemahl nun doch seinem schweren Leiden erlegen ist, bitte ich Sie, meine wärmste Anteilnahme entgegenzunehmen.
In Dankbarkeit der Leistungen und unvergänglichen Verdienste des Generals Ludendorff in Krieg und Frieden gedenkend, werde ich den großen Soldaten und aufrechten Deutschen Manne, mit dem mich viele unvergessliche Erlebnisse verbinden, stets ein treues Erinnern über das Grab hinaus bewahren.
Ich bitte, meinen Kranz an der Bahre niederzulegen.
Wilhelm.
An die hochverehrte
Frau Dr. M. Ludendorff
Tutzing bei München
Diesen wenigen Zeilen ist vielleicht schon viel von der ehrlichen Hochachtung zu entnehmen, die den deutschen Kronprinzen gegenüber Erich und Mathilde Ludendorff erfüllten*).

Abb. 5: Kondolenzschreiben des Kronprinzen, Dezember 1937
Mathilde Ludendorff berichtete 1951 weiter über diese Anhänglichkeit:
Und diese fand ihren Ausdruck auch nach dem Tode meines Mannes in Briefen, die der Kronprinz mir alljährlich bei der Wiederkehr des Todestages schrieb.
Man fragt sich bei dieser Gelegenheit auch, wie das eben angeführte originale Kondolenzschreiben in den Auktionshandel hatte kommen können, da es doch aus dem Nachlass von Mathilde Ludendorff stammt, und da diese ihren Nachlass doch testamentarisch vollständig dem Ludendorff-Archiv in Tutzing überließ.*) Auch schließt sich die Frage an, wo sich dann derzeit die anderen hier erwähnten Briefe des Kronprinzen befinden.

Prinz Wilhelm fällt in Frankreich (26. Mai 1940)

Der schon erwähnte älteste Sohn des deutschen Kronprinzen, der als Hoffnungsträger unter dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber stehenden Deutschen galt, ist im Mai 1940 im Frankreichfeldzug als Soldat gefallen. Nachdem keiner der Söhne des Kaisers während des Ersten Weltkrieges gefallen war (da die Kaiserin keinen lebensgefährdenden Einsatz derselben wünschte) musste dieser Gefallenentod zusätzliche Anteilnahme in Deutschland wecken (Hervorheb. n. i. Orig.):
Ein Heeresgruppenführer meinte: „Wenn der 20 Jahre älter wäre, würde unser Land anders aussehen.“
Solche Feststellungen wecken großes Interesse an der Person dieses Prinzen Wilhelm und an seinem Denken. Weiter heißt es:
Der Trauergottesdienst fand am 29. Mai 1940 in der Friedenskirche im Park von Potsdam-Sanssouci statt. Von dort aus bildeten 50.000 Menschen ein kilometerlanges, stummes Spalier zum Antikentempel, dem Begräbnisort. Die größte unorganisierte Massenkundgebung seiner Regierungszeit veranlasste Hitler zur Verkündung des sogenannten Prinzenerlasses, der den Angehörigen ehemaliger deutscher Herrscherhäuser zunächst den Fronteinsatz und ab 1943 den Dienst in der Wehrmacht untersagte.
Abb. 6: Achtseitiges Heft zur Trauerfeier für Prinz Wilhelm von Preußen, 1940
Einen solchen Machtfaktor stellte damals noch das Haus Hohenzollern in Deutschland dar!

Abb. 7: Achtseitiges Heft zur Trauerfeier für Prinz Wilhelm von Preußen, 1940

Eine Zugfahrt mit dem Kronprinzen (Winter 1941/42)

Mathilde Ludendorff berichtete anlässlich des Todes des deutschen Kronprinzen im Jahr 1951 auch (4) (Hervorhebung nicht im Original):
Als ich im Winter 1941/42 in Berlin zwei Vorträge gehalten hatte und mit meiner Tochter, Frau Karg von Bebenburg, in der Bahn zurück nach München fuhr, sah ich den Kronprinzen noch einmal wieder, der mir durch unseren Briefwechsel anlässlich des Todes seines Sohnes an der Front in Frankreich noch persönlich durch seine gemütstiefe Vaterliebe näher getreten war. Er bot mir und meiner Tochter Plätze in seinem für ihn allein reservierten Wagenabteil an und so fuhren wir bis München zusammen.

Wenn er auch oft an der Türe des Abteils, wie er scherzhaft sagte, Hof halten musste, da immer wieder führende Männer der Politik und Wehrmacht ihn zu sehen und wenn möglich kurz zu sprechen wünschten und seine klugen und mit feinem Humor gewürzten und ungeheuer kühnen Kritiken am dritten Reich und seiner Art Kriegführung uns gar sehr erfreute und die Fahrt kürzten, so blieben doch auch manche Stunden anregendster und inhaltreicher Unterhaltung. Wieder offenbarte er eine echte, ehrliche Begeisterung für seinen Kriegsvorgesetzten und da er sie ihm selbst nicht mehr zeigen konnte, betreute er nun dessen Frau und Tochter geradezu väterlich, ruhte nicht, bis wir uns sein mitgebrachtes Essen servieren ließen, während er selbst sich mit dem Essen im Speisewagen begnügte. Immer wieder kam er in der Unterhaltung auf den Feldherrn zurück. Unfasslich nannte er dessen Leistung und Unermüdlichkeit im Kriege, in dem er in gleichmäßiger Frische mit einer einzigen Unterbrechung von drei Tagen Urlaub durchgehalten und in den furchtbarsten Lagen die Ruhe bewahrt und die Lage trotz allen Ernstes immer erneut gemeistert habe. Über alle die lästernden Märchen von dem ‚Nervenzusammenbruch’ sprach er sich als ‚jämmerliche Versuche von Lügnern’ drastisch aus. Das Rätselhafteste aber an den unfasslichen Leistungen sei die souveräne Ruhe gewesen, in der dieser Mann wenige Monate nach dem Zusammenbruch in wenigen Monaten sein umfassendes wundervolles Werk „Meine Kriegserinnerungen“ geschrieben habe! So etwas habe die Weltgeschichte noch nicht gesehen, meinte er, und dies Werk selbst sei der beste Gegenbeweis gegen alles Geschwätze von einer seelischen Veränderung oder einem Abstieg der Geisteskräfte im letzten Kriegsjahre und bei Ausbruch der Revolution. - Aber wenn er das auch alles ja wohl wisse, so sei er dann doch wieder wie vor einem Wunder gestanden, als er den General am siebzigsten Geburtstag so heiter, so jugendfrisch vor sich sah. ----

Prinz Louis Ferdinand will Freimaurer werden, sein Vater verbietet es (1947)

Außerdem berichtete Mathilde Ludendorff Jahr 1951 (4) (Hervorhebung nicht im Original):
Im Sommer 1947 erfuhr ich in Bremen von einem Bekannten des Sohnes des Kronzprinzen, Louis Ferdinands, dass dieser sehr bestürmt worden war, in die Loge einzutreten, dass aber der Kronprinz Wilhelm in Ausübung seiner Vorstandschaft in der Familie Hohenzollern sein Veto eingelegt habe, als er erfuhr, dass Louis Ferdinand den Überredungen, in die Loge einzutreten, Gehör zu schenken begann. Aus dieser Nachricht, deren endgültigen Entscheid ich ja nicht kenne, entnahm ich nur das eine, dass der Kronprinz 1947 seine Einstellung der Freimaurerloge gegenüber noch innehielt, die ich 1935 mit angehört hatte.
Louis Ferdinand von Preußen (1907–1994) war von 1951 bis zu seinem Tod das Oberhaupt des Hauses Hohenzollern. Wie es um sein Verhältnis zur Freimaurerei bestellt war, wäre noch einmal gesondert zu recherchieren. Da die beiden ältesten Söhne von Louis Ferdinand bürgerliche Ehefrauen heirateten, designierte er seinen dritten Sohn zu seinem Nachfolger. Nachdem dieser aber schon 1977 bei einem Bundeswehr-Unfall starb, wurde dessen 1976 geborener Sohn Georg Friedrich Prinz von Preußen ab 1994 Oberhaupt des Hauses Hohenzollern. Und im Jahr 2011 gratulierten anlässlich der Hochzeit  "Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit Georg Friedrich Prinz von Preußen und Ihrer Durchlaucht Sophie Prinzessin von Isenburg" auch ein "Tim Fabian Kloss, Abgeordneter Meister der St. Johannisloge 'Zum Pilgrim'" "im Namen aller Brüder Freimaurer der St. Johannisloge 'Zum Pilgrim' zu Berlin" (7). Wäre er ein so ausgesprochener Kritiker der Freimaurerei wie es sein Großvater Kronprinz Wilhelm und sein Urgroßvater, der letzte deutsche Kaiser, waren, würde er solche Glückwünsche sicherlich nicht erhalten haben ...

Übrigens wird auch Philip Kiril Prinz von Preußen (geb. 1968) mitunter in den Medien erwähnt. Er ist der älteste Sohn des ältesten Sohnes von Louis Ferdinand, der aber für die Thronfolge nicht infrage kam, da er eine Bürgerliche geheiratet hat. Wie tief man sinken kann, wenn die eigene Mutter eine Bürgerliche ist, wird daran erkennbar, dass dieser Philip Kiril von Preußen nachdem er zunächst mit rührseligen Propaganda-Reden für das evangelische Christentum bekannt geworden war, inzwischen  - - - evangelischer Pfarrer geworden ist. Immerhin konsequent. Aber dann noch ausgerechnet auf den Dörfern des Landes Brandenburg. Und das ist wahrlich ein trauriger Posten, Pfarrer zu sein heute auf den Dörfern des Landes Brandenburg .... Man sieht einen solchen ja mitunter vormittags vor einer seiner leeren Dorfkirchen die Trompete blasen- und dennoch stellen sich keine Schäfchen ein ....

Ob da nicht eine Orientierung an der "vernünftigen Religion", die da sein Urgroßvater, der Kronprinz Wilhelm, im April 1935 in Tutzing entdeckte, ein wenig zielführender sein könnte in jenem Land, das so viele kirchenfreie Geister hervorgebracht hat, angefangen bei seinem Urahn Friedrich dem Großen, dem Freigeist von Sanssoucie?

Ein verschollene Kaiser-Biographie (1969)

Einer der engeren Mitarbeiter Erich Ludendorffs, Karl von Unruh (1884-1969), plante noch in den 1960er Jahren eine Biographie von Kaiser Wilhelm II. zu schreiben (6):
Als letzter Page Kaiser Wilhelms II. und späterer Offizier ragte er selbst wie ein Stück preußisch-deutscher Geschichte in unsere Zeit hinein. Er versuchte stets, dem letzten deutschen Kaiser gerecht zu werden und nicht einzustimmen in jene nur allzu bekannte einseitige Geschichtsbetrachtung Wilhelms II. Er wollte eine Ehrenrettung in Form einer Kaiserbiographie schreiben, die durchaus nicht etwa vorhandene Schwächen des Kaisers übersah, die aber jene Mächte stärker ins Auge zu fassen trachtete, die General Ludendorff die Überstaatlichen genannt hatte.
Als ich ihn einmal fragte, wann wir denn mit der Veröffentlichung seines Buches über den letzten deutschen Kaiser rechnen könnten, da gab er zögernd, ja fast ein wenig verlegen zur Antwort, er habe zwei Brüder (Friedrich Franz und Fritz von Unruh), die sich als Dichter einen Namen gemacht hätten, der auch ihn verpflichte. Er könne doch unmöglich etwas "auf den Markt bringen", das stilistisch oder inhaltlich schlechter sei als jene Werke, die seine Brüder geschrieben hätten.
Vielleicht - man möchte es hoffen - finden sich bei der Durchsicht des Nachlasses Aufzeichnungen zur Biographie des letzten Kaisers.
Es ist vorderhand nicht bekannt, ob es noch einen Nachlass von Karl von Unruh gibt und ob darin dieses Manuskript erhalten ist.

Dieser Blogbeitrag ist - wie natürlich viele Beiträge hier auf dem Blog - nach und nach zu ergänzen und zu erweitern. Zu dem hier behandelten Thema ließen sich leicht weitere Literaturrecherchen anstellen. Um dazu anzuregen, werden hier auf dem Blog auch eher weniger "runde" Blogartikel veröffentlicht, die nicht zu lange in der "Pipeline" - wie das heute genannt wird - schmoren sollen.

(Erster Entwurf etwa 2013, letzte Ergänzungen und Überarbeitung: 29.6.15, 3.4.16)

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*) Diese Briefe können doch eigentlich nur durch Menschen in den Auktionshandel gekommen sein, die nach dem Tod von Mathilde Ludendorff in ihrem Haus gelebt haben oder Zugang zu demselben hatten. Dieser Personenkreis ist eigentlich sehr eingeschränkt. (In der gleichen Auktion, in der der angeführte Kondolenzbrief des deutschen Kronprinzen zum Verkauf stand, wurden übrigens auch die Briefe an Erwin Würth (erneut) versteigert, die hier auf dem Blog schon behandelt worden sind.)
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  1. Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen. Verlag Mittler und Sohn, Berlin 1919
  2. Breucker, Wilhelm: Die Tragik Ludendorffs. Eine kritische Studie auf Grund persönlicher Erinnerungen an den General und seine Zeit. Helmut Rauschenbusch Verlag, Stollhamm (Oldb) o.J. [1953] (Google Bücher)
  3. Biese, Franz: General Ludendorff in Sigurd v. Ilsemanns Aufzeichnungen "Der Kaiser in Holland". In: Mensch und Maß, 12. Jg., Folge 23, 9.12.1972, S. 1057 - 1078
  4. Totengedenken. Auf der Burg Hohenzollern starb im Alter von 69 Jahren Wilhelm, Kronprinz von Preußen. In: Der Quell, Folge 15, 9. 8. 1951, S. 682
  5. Ludendorff, Mathilde: Eine beachtliche Äußerung. In: Der Quell, Folge 19, 9.10.1957, S. 911
  6. Köhncke, Fritz: Karl von Unruh zum Gedächtnis. In: Mensch & Maß, 9. Jg., Folge 20, 23. 10. 1969, S. 940 - 943
  7. siehe "Sonderausgabe zur Königlichen Hochzeit in Potsdam am 27. August 2011" der Zeitschrift "Weißes Blatt - Magazin für Tradition und Geschichte" (pdf), eingestellt auf der Internetseite "Neue Deutsche Monarchie"
  8. Ludendorff, Mathilde: Verspätete Erkenntnis der Wahrheit. In: Der Quell, Folge 23.5.1958, S. 477
  9. Gespräch mit Franz Freiherr Karg von Bebenburg. In: Wolfschlag, Claus M.: Augenzeugen der Opposition. Gespräche mit Hitlers rechten Gegnern. Verlag Zeitenwende, Dresden 2002, S. 88-94

Ein Ludendorff-Archiv in Südhessen?

Der Bildhauer und Ludendorff-Archivar Fritz Donges (etwa 1895-etwa 1981)

Seit vielen Jahrzehnten gibt es eine wissenschaftliche Auseinandersetzung um den Verbleib der sterblichen Reste des deutschen Dichters Friedrich Schiller (1759-1805), jenem Friedrich Schiller, dem im 19. Jahrhundert in fast jeder größeren deutschen Stadt ein Denkmal gewidmet wurde, und der nur 46 Jahre alt wurde. Bei den Auseinandersetzungen geht es insbesondere um den Schädel von Friedrich Schiller, bzw. um die Echtheit von behaupteten "Schiller-Schädeln". Der heutige, ziemlich definitiv gewordene Forschungsstand (s. Wiki) ist, dass keiner der vielen behaupteten "Schiller-Schädel" tatsächlich Schillers Schädel ist. Das haben schon zahlreiche Forscher auf diesem Gebiet seit vielen Jahrzehnten behauptet. Der Verbleib des echten Schiller-Schädels ist hingegen bis heute unbekannt.

Abb. 1: Ausstellung "Schädel-Kult" (2011)
So abwegig ist die Frage nach dem Schädel von Friedrich Schiller aber schon deshalb nicht, weil schon einem der engsten Freunde von Friedrich Schiller, dem Dichter Johann Wolfgang von Goethe, der Besitz des Schädels seines Freundes Friedrich Schiller wichtig gewesen ist und er darüber sogar Gedichte schrieb.

Eine Ausstellung des Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim fragte deshalb schon 2011 mit sicherlich mancherlei Recht nach einem etwaigen - zudem ziemlich archaischen? - "Schädel-Kult" rund um den Schädel von Friedrich Schiller (s. Abb. 1).

Vor dem Hintergrund des heute vorhandenen Wissens rund um elitären rituellen Satanismus und der recht häufigen Bezüge zu solchem Satanismus in den Werken von Goethe (siehe etwa in seinem "Faust" und anderwärts) darf dieses Thema sicherlich auch heute viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Unbezweifelbar ist, dass es in Freimaurerlogen archaische Schädelkulte gibt.

Mathilde Ludendorff ist schon zwischen 1928 und 1936 mit der ständig erweiterten und überarbeiteten Veröffentlichung ihres Buches "Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart und Schiller" der Frage nachgegangen, ob an Friedrich Schiller ein archaischer, satanischer Okkultlogenmord verübt worden ist. 1936 erreichte ihr Buch eine Auflage von 59.000 Exemplaren. Es stellte damit einen vielfach beachteten und auch vielfach verrufenen Beitrag zur Auseinandersetzung um diese Fragen dar (1). Insbesondere wohl angeregt durch dieses Buch haben Menschen im engeren Umfeld der Ludendorff-Bewegung - Sympathisanten oder Anhänger derselben - sich an der Forschung rund um den Verbleib von Schillers Schädel beteiligt. So in den 1970er Jahren zum einen der norddeutsche Arzt Dr. Henning Fikentscher und zum anderen der vormalige Erschaffer einer Schiller-Büste, der südhessische Bildhauer und Ludendorff-Anhänger Fritz Donges (etwa 1895-etwa 1981).

Die Arbeiten von Fritz Donges zur Schiller-Forschung sind noch in den letzten Jahren immer einmal wieder in der wissenschaftlichen Literatur als ernstzunehmende Beiträge angeführt worden. Joachim-Hermann Scharf von der Universität Halle-Wittenberg, ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse der "Sächsischen Akademie der Wissenschaften", sagte im Dezember 1993 in einem Vortrag zum Thema "Wo ist Schillers Schädel?" vor eben dieser Sächsischen Akademie zu Leipzig (SAW 1993) (2):
Obwohl allen potentiellen Kontrolluntersuchern von der Regierung der DDR der Zugang zu den Schädeln verboten wurde, gelang es dem Bildhauer Fritz Donges und dem Mediziner Henning Fikentscher - Enkel des Goethe-Freundes Friedrich Christian Fikentscher - durch minutiöse Vergleiche aller Totenmasken und Schädelabgüsse festzustellen, daß sowohl der Fürstengruft- als auch der Kassengewölbe-Schädel nicht Schiller zugeordnet werden können, sondern daß der echte Schädel in Goethes privater Schädelsammlung aufbewahrt worden ist, wo er freilich bisher vergeblich gesucht wurde.
Und 2012 wird zu einem neu erschienenen Buch berichtet (Google Bücher):
Ralf G. Jahn, genealogischer und historischer Fachberater des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) und der Klassik Stiftung Weimar bei den Fernsehdokumentationen „Der Friedrich Schiller-Code“ und „Schillers Schädel-Schicksal“, außerdem Co-Moderator beim „Goethezeitportal“, ist überzeugt, dass der echte Schädel (Schillers) noch irgendwo existiert.
Auch er bezieht sich dabei auf die Forschungen von Fritz Donges (S. 40):
Der Bildhauer Donges, der sich eingehend mit den Totenmasken Schillers befasst hat, ist der Meinung, daß weder Charlotte von Schiller noch Caroline Freifrau von Wolzogen die Genehmigung zur Kopfabformung Schillers erteilt haben können.
Und (S. 154):
1969 - 1971 - Der Bildhauer Fritz Donges kommt zu dem Ergebnis: "Beide Schädel können ... nicht Schillers Schädel sein. ..."
(Unvollständig, weil nur ein Google-Bücher-Ausschnitt.) Als Literaturangabe wird angegeben (S. 299):
F. Donges: Der Streit um Schillers Schädel. In: Mitteilungen ...
Und der auch der Tübinger Privatdozent Dr. Sigurd Wannebach erwähnt Donges in einem Offenen Brief an das Schiller-Museum in Marbach. Auch dies sei zitiert, ohne hier weiter auf die Details der Schiller-Forschung einzugehen, die sicherlich einen eigenen Beitrag wert wären (5):
Fritz Donges behauptete noch 1971: "Sie waren nur einen Nachmittag im Kassengewölbe".
Und: 
Dem widersprach erst 1971 Fritz Donges in jener Berliner Anthropologen-Zeitschrift: "Daß das Protokoll Schröter-Färber insgesamt eine glatte Fälschung ist, ergibt sich u. a. daraus, daß kein Mensch (bis zum Jahre 1935) jemals davon Kenntnis erhielt."
Und:
Erst sehr viel später, erst 1971, begriff Fritz Donges: "Schröter-Färber bekamen einen geheim zu haltenden Auftrag von höchster Staatsstelle, bei dem das Ergebnis von vornherein feststand: Das Skelett Schillers m u s s t e gefunden werden."
Wer aber nun war dieser Fritz Donges eigentlich? Im vorliegenden Beitrag soll zusammengestellt werden, was über ihn zusammen getragen werden kann, insbesondere in Form von Aufsätzen, die Fritz Donges in der Zeitschrift der Ludendorff-Bewegung "Mensch und Maß" zwischen 1966 und 1980 veröffentlicht hat (8-38). Die Aufmerksamkeit weckte dieser Autor deshalb, weil er in Veröffentlichungen des Jahres 1974 sehr ähnliche Anliegen verfolgte, die auch der vorliegende Blog - noch vierzig Jahre später - verfolgt. Auf diese soll deshalb zuerst hingewiesen werden.

Donges ruft auf zum Aufbau eines Ludendorff-Archivs (1974)

In der Folge der Zeitschrift "Mensch und Maß" vom 23. September 1974 veröffentlichte Fritz Donges nämlich die folgende Anzeige (3. Umschlagseite):
Bitte an die Leser - Zum Aufbau und zur Vervollständigung meines Archivs bitte ich die M.u.M.-Leser, die wegen hohen Alters ihre Buch- und Zeitschriften-Bestände abgeben möchte, diese mir zu überlassen. (...) Das Archiv geht geordnet nach meinem Tode in sichere Hände über. Nichts geht verloren. (...) Fritz Donges, 6123 Bad König (Odw.), Berggartenstraße 17.
Und drei Monate später, in der Folge vom 23. Dezember 1974, berichtet er (S. 1151) von der "Unmenge von Paketen", die bei ihm eingegangen sind:
Den meisten Einsendern habe ich gleich gedankt und auch erklärt, wie das Archiv aufgebaut wird. Die anderen Einsender (...) bekommen meinen Brief auch noch.
Hier zeigt sich, dass im Jahr 1974 bei zumindest einzelnen Ludendorff-Anhängern eine Sensibilität bestand dafür, die Notwendigkeit des Aufbaus und der Arbeit eines Ludendorff-Archivs zu erkennen. Aus den zitierten Worten von Fritz Donges geht die große damalige Spendenbereitschaft unter der Leserschaft der Zeitschrift "Mensch & Maß" hervor für den Aufbau eines solchen Ludendorff-Archivs. Auffallenderweise suchte Fritz Donges damals schon völlig das gleiche, wonach noch in der vorliegenden "Studiengruppe" gesucht wird. Weiter schrieb er nämlich:
Was ich noch suche, sind vor allem Aufsätze von General Ludendorff und Mathilde Ludendorff, bzw. Frau v. Kemnitz aus den Jahren nach 1918, bis der eigene Ludendorff-Verlag gegründet wurde. Ferner suche ich alle Bücher in den verschiedenen Auflagen, besonders die jeweiligen Erst-Auflagen, die ja vielfach später erweitert oder - wegen der Verbote - abgeändert oder überdruckt werden mußten. Schließlich will ich alle Zeitungsaufsätze oder Berichte oder Meldungen über beide Ludendorff, über die Bewegung usw. sammeln, vor allem die Verunglimpfungen beider Ludendorffs. (...)

Ferner suche ich Fotos von Veranstaltungen, auf denen beide Ludendorffs sprachen. Genaue Notizen, wo und wann das war. Ebenso bin ich an guten Fotos von den wichtigsten Mitarbeitern im Quell und in M.u.M. interessiert. Die Nachwelt muß ja wissen, wie die Menschen ausgesehen haben, die ihr ganzes Leben sich für die Befreiung der Deutschen und damit der ganzen Welt eingesetzt haben. Jetzt ist es noch Zeit, alles zu sammeln, später wird vieles verloren gehen. (...) Ich bin im November/Dezember auf Heilkur (...) und kann erst im Januar 1975 weitermachen. Vorerst allen Freunden meinen herzlichen Dank für die prompte Zusendung und für ihr Vertrauen. Ich werde niemanden enttäuschen, ich muß nur noch ein Weilchen am Leben bleiben.
Man fragt sich, was sich jene Menschen beim Lesen dieser Worte gedacht haben mögen, die doch davon wußten, daß Mathilde Ludendorff selbst in ihrem Testament ausdrücklich ein Ludendorff-Archiv vorgesehen hatte? Ein Wissen, das lange Jahrzehnte nur nicht publik gemacht worden ist, und von dem eben auch Fritz Donges gar nichts erfahren konnte. Oder was Menschen gedacht haben mögen, die - wie Gunther Duda erst wenige Monate zuvor - selbst derartige Archivalien sammelten?

Vor allem konnte bislang der Verbleib dieses von Fritz Donges aufgebaute Ludendorff-Archiv nicht geklärt werden. Sollte es Menschen geben, die Hinweise darauf geben können, so bitten wir um Zuschriften an den Bloginhaber.

Es wird vielleicht nicht nur Zufall sein, dass Donges den Aufruf zur Gründung eines Ludendorff-Archives veröffentlichte ein Jahr nach dem Tod seiner Frau, der ihm die Endlichkeit auch seiner eigenen Bemühungen bewußt gemacht haben wird. In der Folge der Zeitschrift "Mensch und Maß" vom 23. Mai 1973 veröffentlichte Donges jedenfalls eine Todesanzeige für "meine Lebensgefährtin Anna Donges (1895-1973)". Da das Geburtsjahr von Fritz Donges einstweilen nicht bekannt ist, dürfte das Geburtsjahr seiner Frau eine erste Annäherung auch an das seine sein. Womit er 1973 schon 78 Jahre alt gewesen sein könnte.

"Ist Goethes Erlkönig ein Knabenschänder?" (1941/1958/2012)

Abb. 2: 2012 erschienen
Nun soll aber noch einiges weitere zu den Lebensinhalten und -interessen des Bildhauers Fritz Donges zusammengetragen werden und zu dem Freundeskreis, in dem er sich bewegte. Die Frage, ob Johann Wolfgang von Goethe homosexuell war und - etwa in der Ballade "Erlkönig" - Pädokriminalität besungen hat - oder sogar selbst betrieben hat, wird heute wieder diskutiert. Die Münchner "Abendzeitung" fragte 2012 etwa "Ist Goethes Erlkönig ein Knabenschänder?" (39). Dies ist die Überschrift zur Rezension eines Buches von W. Daniel Wilson mit dem Titel "Goethe Männer Knaben - Ansichten zur 'Homosexualität'". Über dieses Thema zu arbeiten, hat offenbar schon Erich Ludendorff noch im Oktober 1937 die Anregung gegeben. Im Jahr 1992 wandte sich der Ludendorff-Anhänger Heinrich Petersen (aus Olpenitzfeld in Schleswig-Holstein) in einem (wohl Offenen Leser-) Brief an Franz von Bebenburg (den Schwiegersohn Mathilde Ludendorffs) gegen die "unheilvolle Verwirrung", die auch die von ihm herausgegebene Zeitschrift "Mensch & Maß" unterstützt hätte durch den Abdruck eines einmal erneut zu wohlwollenden Aufsatzes über J. W. von Goethe. Petersen schrieb (40):
Im Oktober 1937 hatte stud. jur (Siegfried) Goetze General Ludendorff in Tutzing besucht. Bei einem Spaziergang im Garten äußerte der General, dass es doch nötig sei, dem allgemeinen "Goethekult" Einhalt zu tun. Dazu müsse aber erst eine gründliche Untersuchung des Falles Goethe aus völkischer Sicht erarbeitet werden.

Dieses ist s. Zt. geschehen. Noch acht Mitkämpfer des Feldherrn: Dr. J. Spelter, Stud.Rat Ernst Hauck, Ernst Westphal, Elisabeth Melcher, Fritz Donges, Kallenberg und Eickmeier haben aus 1022 Büchern, Schriften, Abhandlungen usw. ein Werk in Kurzform von 327 Seiten geschaffen, worin sie uns den "wahren" Goethe aufzeigen. Vielleicht besitzen Sie dieses Buch.
Bei diesem Buch handelt es sich offenbar um ein seltenes Manuskript (41), das aber doch zum Beispiel in der Staatsbibliothek Berlin vorhanden ist. (Nach von Petersen mitgesandten Kopien von vier Seiten dieses Buches scheint es aber auch in den 1970er Jahren noch einmal neu getippt worden zu sein.) Auf die Inhalte dieses Buches nahm 1958 der Freund von Fritz Donges, Ernst Hauck, einmal erneut Bezug in der Zeitschrift "Quell" in einem Artikel über Goethes Ballade "Der Erlkönig". Hauck bringt als Kernargument das folgende Zitat aus dem "vielgelesenen Buch des Arztes C. L. Schleich" (42):
Dehmel liebte die Musik über alles, und ich habe ihn oft erfreuen können mit dem Vortrag Loewescher Balladen, von denen der "Edward" ihn zu heller Begeisterung fortriß. Ansorge begleitete mich meisterhaft. Er stellte Loewes "Erlkönig", wie so viele, weit über den Schuberts und behauptete, Schubert habe den dämonischen Trieb zur Knabenliebe, den Goethe gestalten wollte, gar nicht verstanden; ihm fehlte das unheimlich Sadistische in der Musik, wie denn auch Schuberts Ganymed aus dem gleichen Grunde völlig missverstanden sei.
Hauck fährt danach fort:
Ansorge, ein namhafter Pianist, macht aufhorchen mit seiner Behauptung (...). In seiner Handschrift „Goethe in völkischer Sicht" hat der 1945 an der Ostfront gefallene Dr. jur. Siegfried Goetze zu dem heiklen Kapitel „Goethe und die Knabenliebe" einiges zusammengetragen, ohne lange forschen zu müssen.
Auch bezüglich dieses Themas erweist sich einmal wieder, dass die Ludendorff-Bewegung schon 1937, 1941 und 1958, also vor 70 und 55 Jahren - und jedesmal belacht von den vielen, die damals glaubten, so viel "klüger" zu sein - Erkenntnisse vorweg genommen hat, die heute neu und ganz sachlich erörtert werden. Ernst Hauck hatte über die Freimaurerzugehörigkeit von Goethe schon 1937 eine Schrift veröffentlicht (44).

Schiller-Büste auf der "Großen Deutschen Kunstausstellung" (1942)

In den Jahren 1942 und 1943, also sicherlich auf der "Höhe" seines künstlerischen Schaffens, wurde im Saal 5 der "Großen Deutschen Kunstausstellung" in München eine Schiller-Büste ausgestellt, die Fritz Donges geschaffen hatte (6). Laut Ausstellungskatalog war Donges zu diesem Zeitpunkt in Höllerbach im Odenwald ansässig*) (GDK). Und die Abbildung zeigt eine Schiller-Büste mit eigenwilligen Zügen und nicht - sozusagen - einem "klasssisch" gewordenen Trend in der Darstellung Schillers folgend.

In späteren Jahren ist Donges dann auf jeden Fall in Bad König im Odenwald ansässig, 11 Kilometer von Höllerbach entfernt. (Als dort wohnhaft ist der "Bildhauer F. Donges" noch heute, im Jahr 2015, in verschiedenen Internetverzeichnissen angeführt mit den Adressdaten "Berggartenstr. 19, 64732 Bad König, Hessen, 06063/1599". Er ist dort aber auch verzeichnet mit den Daten "Sudermannstr. 10, 21077 Hamburg, 040/7642928".) Vielleicht leben heute noch irgendwo seine Kinder oder Enkelkinder?

Der Schriftsteller und Ludendorff-Anhänger Ernst Hauck hat später eine seiner Erzählungen seinem Freund Fritz Donges gewidmet. Schon im Februar 1962 hat dieser Ernst Hauck einen Aufsatz veröffentlicht mit dem Titel "Der Streit um Schillers Schädel entschieden". In diesem berichtete er davon, daß der sowjetische Anthropologe Gerassimow erklärt hatte:
Bei dem Schwabeschen Schädel war es unmöglich, ein anderes Gesicht herzustellen als das bekannte des Dichters. Es stimmt mit der Totenmaske überein. (...) So wurde das Problem gelöst.
Dass dies jedoch keineswegs "die" Lösung war, davon wir sich Hauck wie Donges im weiteren Verlauf überzeugt haben. Fünf Jahre später, im Juni 1967 forderte Donges zu einer "gesamtdeutschen" Forschung an Schillers Schädel auf. Die originale Totenmaske in Marbach sollte genau vermessen werden, dies sollte auch mit den beiden Schädeln in Weimar geschehen, um schließlich die Meßdaten miteinander vergleichen zu können. Aber seine Forschungen auf diesen Gebieten sollen hier erst einmal nicht weiter verfolgt werden. Hier soll nun nur noch darauf hingewiesen werden, dass der wache Donges auch noch mit zahlreichen anderen Themengebieten geistig beschäftigt war.

Zufalls-Propagandist Jacques Monod (Juli 1972)

So behandelt Donges in seinem Aufsatz "Große Reklame?" im Juli 1972 den Artikel "Der Mensch - ein Betriebsunfall der Natur?" über Jacques Monod in dem Wochenmagazin "Der Spiegel" vom 24. Mai 1971. Donges hat ein waches Gespür für vieles, wenn er unter anderem schreibt:
Die "Große Reklame" ist nicht von ungefähr. Es ist durchaus möglich, daß (...) getroffen werden (...) die von M. Ludendorff ausgehende (...) Sinn-Deutung der Schöpfung und des menschlichen Daseins, die ja genau das Gegenteil beweist: daß nämich die Schöpfung und gerade der Mensch kein Zufall, oder, wie es herabsetzend von Monod gesagt wurde: "Betriebsunfall" ist.
Heute ist ja die Forschung mit Simon Conway Morris auf diesem Gebiet bedeutend weiter. In einem Aufsatz mit dem Titel "Das Scheuertuch brennt" ist Donges im Mai 1974 mit den den Forderungen der damaligen Frauenbwewegung um Simone de Beauvoir befaßt, die er den Forderungen Mathilde Ludendorffs aus dem Jahr 1920 gegenüber stellt.
 
Im Juli 1974 beschäftigt sich Donges in seinem Aufsatz "Wie bekomme ich einen gnädigen Nächsten?" vor allem mit Gedanken des damals bekannten evangelischen Pfarrers Martin Niemöllers aus dem Jahr 1956. Donges erinnert damit in Zusammenhang auch an die Vorherrschaft der sogenannten "Deutschen Christen" innerhalb der evangelischen Kirche im Jahr 1939.

1978 - "Die feierlich-brausende Melodie"

1978 veröffentlicht Donges einen Aufsatz über den noch heute bekannten und mehrfach verfilmten Fall der offiziell durch den Bischof von Würzburg genehmigten, wochenlangen Teufelsaustreibung an der Studentin Anneliese Michel (1952-1976). Diese wurde in Klingenberg am Main durch zwei katholische Priester durchgeführt. Das fand also ganz in der Nähe des Heimatortes von Fritz Donges statt und mag ihn schon deshalb stark bewegt haben. Am Schluß seines Aufsatzes schreibt er:
Gibt es noch mehr Beweise dafür, daß die Römische Kirche, wie immer, besessen ist von ihrer Aufgabe?
Im Mai 1979 befaßt sich Fritz Donges mit dem damals ausgestrahlten Fernsehfilm "Holocaust". Auch eine Todesanzeige von ihm scheint in der Zeitschrift "Mensch und Maß" nicht erschienen zu sein. Ob sich irgend jemand nach dem Tod von Fritz Donges um den Verbleib des von ihm aufgebauten Ludendorff-Archives gekümmert hat, ist unbekannt. Er hat sich mit seinen Aufsätzen und mit der Art seines Handelns selbst einen "Erinnerungsstein" gesetzt. Im Juli 1978 nimmt Donges etwa auf einen Leserbrief in der FAZ Bezug, der das Deutschlandlied verteidigte, und dessen Inhalt Donges folgendermaßen wiedergab:
Er (der Leserbriefschreiber) gehöre zum Jahrgang 1900. Als er als Schüler den Ausbruch des 1. Weltkrieges erlebte, sei damals eine helle Begeisterung in Deutschland gewesen und das Deutschlandlied - die Nationalhymne - sei bei jeder Gelegenheit gesungen worden. Der Lehrer habe den Sinn der ersten Strophe so erklärt: "Deutschland - 'geht mir' - über alles, über alles in der Welt."
Daran anknüpfend schreibt nun Donges:
Die Melodie gehört zu der herrlichensten Schöpfung von Joseph Haydn. (...) Mit dem Deutschlandlied muß es eine besondere Bewandtnis haben. Volksseele hängt mit der Ur-Vergangenheit zusammen, mit dem unvergänglichen Erbgut, mit der Zusammengehörigkeit durch die Sprache, all das ist in die feierlich-brausende Melodie eingegangen. (...) Ein Kunstwerk, das ein ganzes Volk begeistert. Die Worte entstehen in der Seele und gehen in die Seelen, schöner, tiefer und beglückender als jedes Gebet: Deutschland, Deutschland, über alles ...!
Sicherlich Worte, die auch auf dem Grabstein von Fritz Donges stehen könnten, und die gut die Triebfedern seines Handelns umschreiben.

(erster Entwurf 20.10.2013; letzte Ergänzungen - Anm. 39 bis 43: 24.5.15)

__________________________________________
  1. Ludendorff, Mathilde: Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing und Schiller im Dienste des allmächtigen Baumeisters aller Welten. Im Selbstverlag der Verfasserin, Fortschrittliche Buchhandlung, München 1928 (96 S.), erweiterte Auflage 1929 (98 S.) (11.-14. Tsd.); neu u.d.T.: Der ungesühnte Frevel an Luther, Lessing, Mozart und Schiller.  Ein Beitrag zur Deutschen Kulturgeschichte. Ludendorffs Verlag, München 1931 (154 S.) (26.-30. Tsd.); 1933; Ludendorffs Verlag, München 1934 (37.Tsd); Ludendorffs Verlag, München 1936 (211 S.) (52.-55. Tsd., 56.-59. Tsd.); Nachdruck: Archiv-Edition, Viöl 1998, 2003 
  2. Joachim-Hermann Scharf (Halle-Wittenberg), Ordentliches Mitglied der Mathematisch-naturwissenschaftlichen Klasse: Wo ist Schillers Schädel? Vortrag am 10.12.1993, Kurzfassung, vor der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig. Auf: SAW 1993
  3. Sykora, Katharina: Die Tode der Fotografie. Band 1. Wilhelm Fink, 2009 (603 S.) (Google Bücher)
  4. Jahn, Ralf G.: Schillers größtes Geheimnis - Der Friedrich Schiller-Code . GRIN Verlag 2012 (306 S.) (Google Bücher)
  5. Wannebach, Sigurd (Privatdozent): Offener Brief des Tübinger Privatdozenten Dr. Sigurd Wannebach an den Friedrich-von-Schiller-Gedächtnisstätten e. V. Marbach / Weimar. Zweite Fortsetzung. o.J. zit. in: Priol, Moritz: Sterngucker oder Das Idyll eines Obdachlosen. Trilogie auf den Spuren von Schelmenroman und Schillerlegende. Auf: Moritz Priol.de
  6. Große Deutsche Kunstausstellung München im Haus der Deutschen Kunst zu München Juli bis auf weiteres. 1942 (Google Bücher), 1943 (Google Bücher)
  7. Hauck, Ernst: Der Streit um Schillers Schädel entschieden. In: MuM, Folge 2, Februar 1962, S. 58-64
  8. Donges, Fritz: Der Anatomiestreit um Schillers Schädel. In: MuM, Folge 22, 23.11.1966, S. 1057-1064
  9. Donges, Fritz: Die Evakuierung der Sarkophage von Schiller und Goethe während des Krieges. In: MuM, Folge 1, 9.1.1967, S. 26-32
  10. Donges, Fritz: Wer wurde im Kassengewölbe beigesetzt? In: Mensch & Maß, Folge 7, 1967, S. 399-419
  11. Donges, Fritz: Ein seltsames Dokument. In: Mensch & Maß, Folge 7, 23.6.1967, S. 542-561 (s. Jb. d. Dt. Schillergesell.) [zu Schillers Schädel]
  12. Donges, Fritz: Was ist der Heilige Geist? In: MuM, Folge 14, 23.7.1967, S. 644-654 [zu einer gleichnamigen Fernsehdiskussion jenes Jahres zwischen Theologen und Philosophen] 
  13. Donges, Fritz: Zur Schiller-Schädel-Frage. In: MuM, Folge 6, 23.3.1968, S. 283f
  14. Donges, Fritz: Schillers letzter Wille. In: MuM, Folge 23, 9.12.1969, S. 1070-1072, 1086-1098 [es wurde behauptet, er hätte einen solchen betreffs seiner Beerdigung ausgesprochen]
  15. Donges, Fritz: Geheimnisse um Schiller - Die Totenmasken. In: MuM 5, 9.3.1970, S. 204-228
  16. Donges, Fritz: Auftakt für die 70er Jahre. In: MuM 5, 9.3.1970, S. 234-236 [Turiner Leichentuch]
  17. Donges, Fritz: "Pausenlos betrogen ..." In: MuM, Folge 10, 23.5.1970, S. 459-465 [Caspar Schrenck-Notzing über die Nachkriegsgeneration]
  18. Donges, Fritz: Der Anatomen-Streit um Schillers Schädel - Was soll die Gesichts-Rekonstruktion auf dem Fürstengruft-Schädel durch Prof. Gerassimov-Moskau? In: MuM, Folge 17, 9.9.1970, S. 769-783
  19. Donges, Fritz: Der Streit um Schillers Schädel. In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Band 3. Berlin 1969 - 1971. [Festschrift zum hundertjährigen Bestehen der Gesellschaft 1869 - 1969]  Berlin: In Kommission bei Verlag Bruno Heßling, 1971 (ZVAB a), b)
  20. Donges, Fritz: Totenbücher und Fotos von Auschwitz. In: MuM, Folge 9, 9.5.1971, S. 407-409 
  21. Donges, Fritz: Seltsamkeiten um Beethovens Schädel. In: MuM, Folge 16, 23.8.1971, S. 725-744
  22. Donges, Fritz: Zusammenstellung verschollener, täuschender, fälschender oder gefälschter Dokumente in der Streitfrage um Schillers Ende. In: Mitteilungen der Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Bd. 4 in 3 Heften. Berlin 1971 - 73 (Buchfreund)
  23. Donges, Fritz: Meinungen zu Gehlens Buch "Der Dienst". In: Mensch & Maß, Folge 4, 23.2.1972, S. 177-183; Fortsetzung in: Folge 9, 9.5.1972, S.429f
  24. Donges, Fritz: Große Reklame? In: Mensch & Maß, Folge 13, 9.7.1972, S. 613-624 [behandelt "Der Mensch - ein Betriebsunfall der Natur?" in "Der Spiegel", 24.5.1971 über Jacques Monod]
  25. Donges, Fritz: "Keine Spur von demokratischer Tendenz". In: Mensch & Maß, Folge 16, 23.8.1972, S. 737-744 [über Freimaurerei]
  26. Donges, Fritz: Verschnittene "Erinnerungen" In: Mensch & Maß, Folge 13, 9.7.1973, S. 583-598 [Prinz Max von Badens Erinnerungen neu herausgegeben von Golo Mann]
  27. Donges, Fritz: Christliche Erziehung. In: Mensch & Maß, Folge 18, 23.9.1973, S. 824-832 [Niemöller und andere]
  28. Donges, Fritz: Genau richtig! In: Mensch & Maß, Folge 5, 9.3.1974, S. 239 [T. Mann über das Genie]
  29. Donges, Fritz: Das Scheuertuch brennt. In: Mensch & Maß, Folge 9, 9.5.1974, S. 414-426 [Simone de Beauvoir]
  30. Donges, Fritz: "Wie bekomme ich einen gnädigen Nächsten?". In: Mensch & Maß, Folge 14, 23.7.1974, S.629-643 [über ein Zitat Martin Niemöllers aus dem Jahr 1956]
  31. Donges, Fritz: Suchaufruf. In: Mensch & Maß, Folge 24, 23.12.1974, S. 1151
  32. Donges, Fritz: "Spuk in Aschaffenburg". In: Mensch & Maß, Folge 10, 23.5.1978, S. 466-472 [über die offizielle Teufelsaustreibung an der Studentin Anneliese Michel (1952 - 1976) in Klingenberg am Main]
  33. Donges, Fritz: Von Teufeln und von Wundern. In:  Mensch & Maß, Folge 11, 9.6.1978, S. 518-523 [nochmals zum Fall der Studentin Anneliese Michel (1952 - 1976) und ähnlicher Fälle]
  34. Donges, Fritz: Deutschland über alles ... In:  Mensch & Maß, Folge 13, 9.7.1978, S. 623f
  35. Donges, Fritz: "Wie ich die Särge Goethes und Schillers wiederentdeckte". In: Mensch & Maß, Folge 2, 23.1.1979, S. 75 - 81 [Vorgänge rund um die Särge 1945 und folgende]
  36. Donges, Fritz: Das Phänomen. In: Mensch & Maß, Folge 10, 23.5.1979, S. 476f [zum Fernsehfilm "Holocaust"]
  37. Hauck, Ernst: Ein verschwundenes Schillerdenkmal. (Dem Bildhauer Fritz Donges als Anwalt gesamtdeutscher Schillerforschung) In: Mensch & Maß, Folge 4, 23.2.1980, S. 170-173
  38. Donges, Fritz: Historische Richtigstellungen - Zum 150. Todesjahr Friedrich Schillers. In: Mensch & Maß, Folgen 13, 14 und 16, 9., 23. 7. und 23. 8 1980, S. 580-591, 643-652, 738-746
  39. Braunmüller, Robert: Ist Goethes Erlkönig ein Knabenschänder? In: Abendzeitung (München), 27.08.2012
  40. Petersen, Heinrich: Brief an Franz von Bebenburg vom 14.7.1992 (zu dem Artikel von Frithjof Hallmann "War Goethe Sozialist?" in "Mensch & Maß", Folge 13, 9.7.1992, S. 619-622)
  41. Goetze, Siegfried: Goethe in völkischer Sicht. Ein Beitrag zur Freimaurer- und Judenfrage. Manuskript des Gefreiten Dr. Siegfried Goetze, 1941, 317 S. (maschinengeschr., gld.gepr. Hln., Einband besch.)
  42. Hauck, Ernst: Eine Betrachtung zu Goethes "Erlkönig". In: Der Quell, Folge 11, 9.6.1958, S. 501-506
  43. Ruppelt, Georg: Schillers Tod und die Ludendorff-Bewegung. In: Aus dem Antiquariat. Zeitschrift für Antiquare und Büchersammler. Heft 3, 2005, S. 197-199
  44. Hauck, Ernst: Br. Goethe. Eine ernste und notwendige Feststellung. 2. Auflage, Verlag Pfeiffer & Co., Landsberg an der Warthe 1938 (OA. 1937)

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