Samstag, 4. April 2015

Der deutsche Kronprinz - Begeistert von der Philosophie Mathilde Ludendorffs

... Und mit Vater und Sohn nicht nur ein Verehrer Erich Ludendorffs, sondern begeistert von dessen Freimaurer-Kampf

Den deutschen Kronprinzen Wilhelm von Preußen (1882-1951) haben, wie er anläßlich des Todes von Erich Ludendorff am 20. Dezember 1937 an Mathilde Ludendorff schrieb, "viele unvergeßliche Erlebnisse" mit Erich Ludendorff verbunden. Diese gehen natürlich vor allem zurück auf die Zeit des Ersten Weltkrieges. Der deutsche Kronprinz hat Zeit seines Lebens ein herzlicheres Verhältnis zu Erich Ludendorff behalten, als alle anderen Söhne des Kaisers. Von diesen wurde einer ja sogar SA-Führer, was Erich Ludendorff Anfang der 1930er Jahre beißend in seiner Wochenzeitung "Ludendorffs Volkswarte" kritisierte. Etwa dessen Wort an seine SA-Männer: "Wenn ihr Schweine seid, dann bin ich auch ein Schwein!" Aber erst in den 1950er Jahren wurde in vollem Umfang klar, dass Kaiser Wilhelm II. in seinem Exil in den Niederlanden und sein ältester Sohn Ludendorffs Schriften gegen die Freimaurerei mit großer Zustimmung gelesen haben.

Und 1972 wurde sogar bekannt, dass der deutsche Kronprinz nach seinem Geburtstagsbesuch bei Erich Ludendorff am 9. April 1935 in Tutzing mit Begeisterung über die Philosophie Mathilde Ludendorffs an seinen Vater in Doorn berichtete. Im vorliegenden Beitrag sollen nach und nach alle vorliegenden Hinweise auf das Verhältnis zwischen dem deutschen Kronprinzen und dem Ehepaar Ludendorff zusammengetragen werden.

Der Thronfolger in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg

Wie in Monarchien üblich, war das Haus Hohenzollern in Deutschland vor dem Ersten Weltkrieg außergewöhnlich populär. Jeder kannte damals den deutschen Kronprinzen. Und zwar mindestens ebenso gut wie heute der Thronfolger von England bekannt ist und seine Söhne. Und so waren der deutsche Kronprinz und seine Sportbegeisterung im Jahr 1914 auch in aller Munde.

Abb. 1: "Das Moltkezimmer des Generalstabs-Gebäudes nach dem Einzug des Kronprinzen" ("Jugend",  4.2.1914)
Anfang 1914 wohnte der deutsche Kronprinz eine Weile im Generalstabsgebäude, das an der Stelle stand, an der heute das Bundeskanzleramt in Berlin steht. Und zwar in der vormaligen Wohnung des Generals von Moltke des Älteren. Und in der Satire-Zeitschrift "Jugend" spießte der Karikaturist E. Wilke diesen Umstand auf, um einmal erneut die zahlreichen außerdienstlichen Leidenschaften des deutschen Kronprinzen zu kommentieren (s. Abb. 1). Im Bildrahmen zu einem ehrwürdigen Gemälde Moltkes sind Karten eingesteckt zu: "Polo-Match", "Einladung zum Cabaret Oho", "Abonnement Circus Busch", "Metropol-Theater, Mittel-Loge", "Programm 6-Tage-Rennen", "Hockey-Match" und anderes mehr. - Mit diesem heiteren, fröhlichen Leben der Vorkriegszeit sollte es natürlich ab dem August 1914 ein jähes Ende haben.

Der deutsche Kronprinz im Ersten Weltkrieg

Der Kronprinz Wilhelm war über den ganzen Ersten Weltkrieg hinweg nomineller militärischer Oberbefehlshaber der Heeresgruppe "Deutscher Kronprinz" an der Westfront. Natürlich haben die eigentliche Generalstabsarbeit bei ihm Generalstabsoffiziere gemacht, nicht der Kronprinz selbst. Erich Ludendorff schrieb 1919 in seinen Kriegserinnerungen (1, S. 16):
Besonders gern denke ich an meine Beziehungen zum Hauptquartier des Deutschen Kronprinzen. Der Kronprinz zeigte viel Verständnis für den militärischen Beruf und stellte kluge, sachgemäße Fragen. Er liebte den Soldaten und bekümmerte sich um die Truppe. Er war nicht für den Krieg, sondern sprach für den Frieden. Dies blieb richtig, auch wenn andere das Gegenteil behaupten. Der Kronprinz hat stets bedauert, daß er für seinen Beruf als späterer Kaiser nicht genügend vorbereitet wurde, und hat sich alle mögliche Mühe gegeben, dies nachzuholen. Er meinte mir gegenüber, er habe es schlechter als ein Facharbeiter. Auch hat er eine Denkschrift darüber ausgearbeitet, die er seinem kaiserlichen Vater und dem Reichskanzler überreichte. Dem Kronprinzen haben seine Äußerlichkeiten geschadet, er war mehr, als er hiernach schien.
Und (1, S. 23):
Er widmete sich ernst und mit Eifer seinen Aufgaben und zeigte gleichzeitig gutes militärisches Verständnis und Blick für große Lagen.
Und über den Angriff auf Verdun (1, S. 191):
Der Deutsche Kronprinz hatte sich schon sehr frühzeitig für die Einstellung des Angriffs ausgesprochen.
Sowie (S. 208):
Der Kronprinz war über die Einstellung des Angriffs auf Verdun in hohem Maße befriedigt, es wäre ihm damit ein langgehegter Wunsch erfüllt worden. Er streifte dann andere Fragen und betonte auch mir gegenüber seinen Wunsch nach Frieden; wie dieser aber von der Entente zu erlangen sei, sagte er mir nicht.
Es wäre noch einmal nachzutragen, wie sich das Verhältnis zwischen Erich Ludendorff und dem deutschen Kronprinzen über die vielen Jahre nach dem Ersten Weltkrieg hinweg gestaltete und entwickelte. Es sollte auch bald der älteste Sohn des Kronprinzen in diesem Verhältnis eine Rolle spielen, über die vielleicht noch zu wenig bekannt geworden ist.
Abb. 2: 1927 in Doorn in den Niederlanden: der vormalige Kaiser Wilhelm II. (Mitte) mit seinem ältesten Sohn Kronprinz Wilhelm von Preußen (links) und seinem Enkel Wilhelm Prinz von Preußen (rechts)

Der Kaiser tief erschüttert über das Buch "Vernichtung der Freimaurerei" (1931)

1957 berichtete Mathilde Ludendorff in ihrer Zeitschrift "Quell" (5) (Hervorhebung nicht im Original):
Ende Juni erhielt ich eine Nachricht, die mir sehr lieb ist. Herr Walter Kahlewey, der in der Schlacht bei Tannenberg das Augenlicht verloren hat und später mit dem Feldherrn in Freimaurerangelegenheiten eng zusammengearbeitet hat, sandte einen Brief, den Frau L. Döring, Hann. Münden geschrieben hat. In ihm berichtet sie über die Wirkung, die das Werk des Feldherrn "Vernichtung der Freimaurerei" auf Kaiser Wilhelm in Doorn gemacht hat. Ich möchte diese Worte im Wortlaut unseren Lesern bekannt geben:
"Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, sagte mir 1931 in Königsberg, dass dieses Werk des General Ludendorff den Kaiser in Doorn tief erschüttert habe. Mit diesem Werk habe sich Ludendorff wieder unsterblich gemacht."

Prinz Wilhelm fiel im Frankreich-Feldzug 1940.
Aus diesen Worten dürfte hervorgehen, dass nicht nur der letzte Kaiser und sein ältester Sohn, sondern auch der älteste Enkelsohn des letzten Kaisers, der Prinz Wilhelm viel Anteil genommen haben wird an dem Kampf Erich Ludendorffs gegen die Freimaurerei. Womit das zitierte Wort des ungenannten Heerführers „Wenn der 20 Jahre älter wäre, würde unser Land anders aussehen“ erweiterte Bedeutung bekäme. Mathilde Ludendorff schrieb 1957 weiter:
Wenn ich bedenke, wie sehr des Kaisers Brief an den sterbenden Feldherrn ihm damals eine Freude war, so erfahre ich jetzt in tiefer Freude, dass das Werk "Vernichtung der Freimaurerei" dem Kaiser offenbar die Augen über die Urheber des Zusammenbruchs trotz aller Siege des Feldherrn geöffnet hat. Hiermit ist es auch geklärt, weshalb der Kronprinz bei seinem Besuche in unserem Hause anlässlich des 70. Geburtstages des Feldherrn so voll überzeugt war von der Gefahr der überstaatlichen Mächte und deshalb auch - nach dem Hohenzollern-Rechte hierzu befugt - seinen Söhnen verboten hatte, in die Loge einzutreten.
Darüber wird gleich noch die Rede sein. In den gleichen Zeitraum wird fallen, worüber Mathilde Ludendorff ein Jahr später in derselben Zeitschrift berichtete (8):
Prinz Wilhelm, der älteste Sohn des Kronprinzen, der in Frankreich im 2. Weltkrieg an der Front gefallen ist, antwortete im kleinen Kreise, als gesagt wurde, dass die ganze Öffentlichkeit General Ludendorff nun totschwiege, seit er den Kampf gegen die Freimaurerei aufgenommen habe: "Die Welt habe von Ludendorffs Buch 'Vernichtung der Freimaurerei' usw. mit Entsetzen Kenntnis genommen. Ludendorff habe das große Verdienst, dass er diese Veröffentlichungen mit seinem unsterblichen historischen Namen gemacht habe."

Gratulation zum 50-jährigen Dienstjubiläum Ludendorffs (April 1932)

Mathilde Ludendorff berichtet in ihren Lebenserinnerungen (Bd. VI, S. 252):
Es sollte in diesem Jahre der Tag würdig gefeiert werden, an dem der Feldherr vor 50 Jahren Soldat geworden war, der 15. 4. 1932. (...) Außer den Mitkämpfern kümmerte sich überhaupt niemand um dieses militärische Jubiläum des größten Soldaten des Weltkrieges. Nur der Kronprinz dachte an den Tag, telegraphierte und bedauerte es sehr, nicht kommen zu können.
Als "Ludendorffs Verlag" 1932 die "Gedanken Friedrichs des Großen über Religion" neu heraus gab unter dem Titel "Friedrich der Große auf Seiten Ludendorffs" könnte auch dieser Umstand so manchen Nachfahren Friedrichs des Großen zum Nachdenken gebracht haben.

Abb. 3: "Friedrich der Große auf Seiten Ludendorffs" (1932)

Der Hoffnungsträger Prinz Wilhelm von Preußen (Juni 1933)

Der damalige hier auf dem Blog schon ausführlicher behandelte Ludendorff-Verehrer Wilhelm Breucker hat in seinem Ludendorff-Buch (2) eine Frage Erich Ludendorffs über den ältesten Sohn des deutschen Kronprinzen im Juni 1933 erwähnt.

Abb. 4: Prinz Wilhelm von Preußen, 1926/27
Breucker berichtet nämlich unter anderem (2, S. 113):
Als sich der älteste Sohn des deutschen Kronprinzen, der später im 2. Weltkriege gefallene Prinz Wilhelm von Preußen mit Fräulein Dorothea v. Salviati in Bonn verlobte, frug Ludendorff bei mir, der ich damals in Bonn lebte, mißtrauisch an: "Ist die Familie Salviati katholisch oder protestantisch?" Ich antwortete: "Ihren Artikel 'Die Hohenzollern in den Händen Roms' müssen Sie in der Schublade behalten, die Familie Salviati ist einwandfrei portestantisch."
Das muss also im Juni 1933 gewesen sein. Denn über den Prinzen Wilhelm von Preußen (1906-1940) heißt es auf Wikipedia:
Am 3. Juni 1933 heiratete er Dorothea von Salviati (* 10. September 1907 in Bonn; † 7. Mai 1972 in Bad Godesberg), eine Ehe, die nach dem hohenzollerschen Hausgesetz als nicht ebenbürtig eingestuft wurde. Wilhelm verzichtete daher auf sein Erstgeborenenrecht und damit auf eine mögliche Thronfolge.
Als wie berechtigt man Erich Ludendorffs Interesse für Wilhelm von Preußen auch heute noch wird ansehen müssen, geht aus dem weiteren Satz auf Wikipedia hervor:
Für den monarchisch-konservativen Teil der Opposition gegen das NS-Regime galt Wilhelm als Hoffnungsträger.
Sicherlich wäre es, wie auch noch aus dem weiteren hervorgeht, wertvoll, einmal noch mehr Daten zur Person und zum Leben dieses früh gefallenen antinationalsozialistischen "Hoffnungsträgers" zusammenzustellen.

Der deutsche Kronprinz - begeistert von der Philosophie Mathilde Ludendorffs (April 1935)

In seinen Lebenserinnerungen schreibt Erich Ludendorff über die große öffentliche Feier seines 70. Geburtstages in Tutzing am 9. April 1935 (die hier auf dem Blog schon behandelt wurde):
Am Nachmittage konnte ich noch den Deutschen Kronprinzen in meinem Hause begrüßen, der der einzige Hohenzollernprinz war, der mir stets mit der gleichen Achtung und Ehrerbietung entgegengetreten ist. Er weilte viele Stunden bei mir. Wir tauschten Rückerinnerungen aus dem Kriege aus. Ich begrüßte es, dass seine Ansichten über den Generalfeldmarschall von Hindenburg sich mit meinen völlig deckten.
Und Mathilde Ludendorff berichtete anlässlich des Todes des deutschen Kronprinzen im Jahr 1951 über diesen (4) (Hervorhebung nicht im Original):
Am 9.4.1935, dem Tage des 70. Geburtstages meines Mannes, lernte ich Kronprinz Wilhelm von Preußen persönlich kennen. Wie zuvor verabredet, kam er am Nachmittag um 15 Uhr, also nach allen offiziellen Empfängen und Feiern der Wehrmacht. Er blieb bei uns zum Tee. In seiner offensichtlichen Freude über das Zusammensein mit dem von ihm so verehrten Generalquartiermeister des Weltkrieges blieb er bis abends 19 Uhr unser Gast im kleinen Kreise. -

Die Unterhaltung war herzlich und sehr angeregt. Dabei kam es zu meines Mannes Freude sehr bald durch die Worte des Kronprinzen zu Tage, dass er die aufklärenden Schriften seines Kriegsvorgesetzten „Vernichtung der Freimaurerei durch Enthüllung ihrer Geheimnisse“ und „Kriegshetze und Völkermorden“ mit großem Interesse gelesen hatte und von deren Wahrheit überzeugt war. Er betonte, wie viele Ereignisse ihm nun erst voll in ihren Ursachen geklärt seien und wie er nun die Rolle, die Hindenburg dem Kaiser gegenüber 1918/19 offenbar zur Genugtuung der Freimaurerei gespielt hatte, nur zu klar sei. Er sagte auch, wie begründet doch die Warnung seines Großvaters seinem Vater gegenüber vor der Freimaurerei gewesen sei und lange verweilte die Unterhaltung bei den historischen Ereignissen jener Jahre. -
Dass bei diesem Anlass auch über ihre Philosophie gesprochen wurde, wie wir gleich sehen werden, scheint Mathilde Ludendorff 1951 offenbar gar nicht mehr in Erinnerung gehabt zu haben. Oder es war ihr nicht gründlich genug darüber geredet worden, um es zu erwähnen. Ihr Schwiegersohn Franz von Bebenburg berichtet über Erich Ludendorff (S. 90):
Er war eine achtungsgebietende, eindrucksvolle Erscheinung. Er war meistens sehr ernst, was allerdings kein Wunder in den damaligen Zeiten war. In seinem privaten Umgang besaß er außerordentliche Freundlichkeit, Liebenswürdigkeit. Und er hatte sehr viel Humor, was aber nur wenige Menschen an ihm kennengelernt haben. An seinem 70. Geburtstag waren einige Freunde und Bekannte eingeladen, wobei auch der Kronprinz zu Besuch kam. Als der Abend zu Ende ging, begleitet Mathilde Ludendorff den Kronprinz zur Tür, worauf dieser zu ihr sagte: "Mein Gott, wenn mein Vater Ihren Mann so kennengelernt hätte, so heiter und vergnügt ... Es wäre alles anders gekommen." Das hat mich enorm beeindruckt.
Sigurd von Ilsemann, der bis 1941 in der Nähe des Kaisers in Holland lebte, schrieb am 27. April 1935 in sein Tagebuch (zit. n. 3):
Der Kronprinz hat seinem Vater jetzt nach seinem Besuch bei Ludendorff begeistert von diesem Ehepaar und ihrer vernünftigen Religion geschrieben, die allerdings nur für wenige sehr Gebildete geeignet sei.
Diese Angabe deckt und ergänzt die Erinnerungen von Mathilde Ludendorff. Sie wurde erst 1972 veröffentlicht, sechs Jahre nach ihrem Tod. Sie hätte sich sicher sehr über diese Angabe gefreut, wenn ihr auch zu entnehmen ist, dass sich der Kronprinz mit dieser "vernünftigen Religion" noch nicht sehr gründlich beschäftigt haben kann. Denn jede elitäre Attitüde, die nur "Gebildete" ansprechen würde, war ja Erich und Mathilde Ludendorff gar nicht gemäß, ebenso wenig dem völkischen Gedanken, für den sie standen. Auch passt es nicht zu der Tatsache, dass damals viele Anhänger dieser Philosophie "einfache" Bauern, Arbeiter, Schmiede oder Menschen anderer "praktischer" Berufe waren.

Aus den Aufzeichnungen von Ilsemanns geht ansonsten hervor, wie sehr der Kaiser seit 1918 innerlich mit Ludendorff haderte und wie leicht auch gegensätzlichste Ansichten bei ihm von einem Tag zum anderen wechseln konnten. Wie aber schon erwähnt, schrieb er Erich Ludendorff im Dezember 1937 noch einen Brief an dessen Sterbelager, worüber sich Erich Ludendorff freute.

Der Deutsche Kronprinz kondoliert (20. Dezember 1937)

Mathilde Ludendorff berichtete anlässlich des Todes des deutschen Kronprinzen im Jahr 1951 (4) (Hervorhebung nicht im Original):
Als mein Mann 2 Jahre später auf dem Sterbelager lag, gewann ich Einblick in die tiefe Anhänglichkeit und Verehrung, die der Kronprinz für ihn empfand.
Der deutsche Kronprinz scheint Erich Ludendorff im November oder Dezember 1937 also sogar an seinem Krankenlager besucht zu haben. Als Ludendorff am 20. Dezember 1937 starb, schrieb er an Mathilde Ludendorff (s. Abb. 3):
20.12.1937, Unter den Linden
Euer Exzellenz,
Tief bewegt durch die traurige Nachricht, dass Ihr Gemahl nun doch seinem schweren Leiden erlegen ist, bitte ich Sie, meine wärmste Anteilnahme entgegenzunehmen.
In Dankbarkeit der Leistungen und unvergänglichen Verdienste des Generals Ludendorff in Krieg und Frieden gedenkend, werde ich den großen Soldaten und aufrechten Deutschen Manne, mit dem mich viele unvergessliche Erlebnisse verbinden, stets ein treues Erinnern über das Grab hinaus bewahren.
Ich bitte, meinen Kranz an der Bahre niederzulegen.
Wilhelm.
An die hochverehrte
Frau Dr. M. Ludendorff
Tutzing bei München
Diesen wenigen Zeilen ist vielleicht schon viel von der ehrlichen Hochachtung zu entnehmen, die den deutschen Kronprinzen gegenüber Erich und Mathilde Ludendorff erfüllten*).

Abb. 5: Kondolenzschreiben des Kronprinzen, Dezember 1937
Mathilde Ludendorff berichtete 1951 weiter über diese Anhänglichkeit:
Und diese fand ihren Ausdruck auch nach dem Tode meines Mannes in Briefen, die der Kronprinz mir alljährlich bei der Wiederkehr des Todestages schrieb.
Man fragt sich bei dieser Gelegenheit auch, wie das eben angeführte originale Kondolenzschreiben in den Auktionshandel hatte kommen können, da es doch aus dem Nachlass von Mathilde Ludendorff stammt, und da diese ihren Nachlass doch testamentarisch vollständig dem Ludendorff-Archiv in Tutzing überließ.*) Auch schließt sich die Frage an, wo sich dann derzeit die anderen hier erwähnten Briefe des Kronprinzen befinden.

Prinz Wilhelm fällt in Frankreich (26. Mai 1940)

Der schon erwähnte älteste Sohn des deutschen Kronprinzen, der als Hoffnungsträger unter dem Nationalsozialismus kritisch gegenüber stehenden Deutschen galt, ist im Mai 1940 im Frankreichfeldzug als Soldat gefallen. Nachdem keiner der Söhne des Kaisers während des Ersten Weltkrieges gefallen war (da die Kaiserin keinen lebensgefährdenden Einsatz derselben wünschte) musste dieser Gefallenentod zusätzliche Anteilnahme in Deutschland wecken (Hervorheb. n. i. Orig.):
Ein Heeresgruppenführer meinte: „Wenn der 20 Jahre älter wäre, würde unser Land anders aussehen.“
Solche Feststellungen wecken großes Interesse an der Person dieses Prinzen Wilhelm und an seinem Denken. Weiter heißt es:
Der Trauergottesdienst fand am 29. Mai 1940 in der Friedenskirche im Park von Potsdam-Sanssouci statt. Von dort aus bildeten 50.000 Menschen ein kilometerlanges, stummes Spalier zum Antikentempel, dem Begräbnisort. Die größte unorganisierte Massenkundgebung seiner Regierungszeit veranlasste Hitler zur Verkündung des sogenannten Prinzenerlasses, der den Angehörigen ehemaliger deutscher Herrscherhäuser zunächst den Fronteinsatz und ab 1943 den Dienst in der Wehrmacht untersagte.
Abb. 6: Achtseitiges Heft zur Trauerfeier für Prinz Wilhelm von Preußen, 1940
Einen solchen Machtfaktor stellte damals noch das Haus Hohenzollern in Deutschland dar!

Abb. 7: Achtseitiges Heft zur Trauerfeier für Prinz Wilhelm von Preußen, 1940

Eine Zugfahrt mit dem Kronprinzen (Winter 1941/42)

Mathilde Ludendorff berichtete anlässlich des Todes des deutschen Kronprinzen im Jahr 1951 auch (4) (Hervorhebung nicht im Original):
Als ich im Winter 1941/42 in Berlin zwei Vorträge gehalten hatte und mit meiner Tochter, Frau Karg von Bebenburg, in der Bahn zurück nach München fuhr, sah ich den Kronprinzen noch einmal wieder, der mir durch unseren Briefwechsel anlässlich des Todes seines Sohnes an der Front in Frankreich noch persönlich durch seine gemütstiefe Vaterliebe näher getreten war. Er bot mir und meiner Tochter Plätze in seinem für ihn allein reservierten Wagenabteil an und so fuhren wir bis München zusammen.

Wenn er auch oft an der Türe des Abteils, wie er scherzhaft sagte, Hof halten musste, da immer wieder führende Männer der Politik und Wehrmacht ihn zu sehen und wenn möglich kurz zu sprechen wünschten und seine klugen und mit feinem Humor gewürzten und ungeheuer kühnen Kritiken am dritten Reich und seiner Art Kriegführung uns gar sehr erfreute und die Fahrt kürzten, so blieben doch auch manche Stunden anregendster und inhaltreicher Unterhaltung. Wieder offenbarte er eine echte, ehrliche Begeisterung für seinen Kriegsvorgesetzten und da er sie ihm selbst nicht mehr zeigen konnte, betreute er nun dessen Frau und Tochter geradezu väterlich, ruhte nicht, bis wir uns sein mitgebrachtes Essen servieren ließen, während er selbst sich mit dem Essen im Speisewagen begnügte. Immer wieder kam er in der Unterhaltung auf den Feldherrn zurück. Unfasslich nannte er dessen Leistung und Unermüdlichkeit im Kriege, in dem er in gleichmäßiger Frische mit einer einzigen Unterbrechung von drei Tagen Urlaub durchgehalten und in den furchtbarsten Lagen die Ruhe bewahrt und die Lage trotz allen Ernstes immer erneut gemeistert habe. Über alle die lästernden Märchen von dem ‚Nervenzusammenbruch’ sprach er sich als ‚jämmerliche Versuche von Lügnern’ drastisch aus. Das Rätselhafteste aber an den unfasslichen Leistungen sei die souveräne Ruhe gewesen, in der dieser Mann wenige Monate nach dem Zusammenbruch in wenigen Monaten sein umfassendes wundervolles Werk „Meine Kriegserinnerungen“ geschrieben habe! So etwas habe die Weltgeschichte noch nicht gesehen, meinte er, und dies Werk selbst sei der beste Gegenbeweis gegen alles Geschwätze von einer seelischen Veränderung oder einem Abstieg der Geisteskräfte im letzten Kriegsjahre und bei Ausbruch der Revolution. - Aber wenn er das auch alles ja wohl wisse, so sei er dann doch wieder wie vor einem Wunder gestanden, als er den General am siebzigsten Geburtstag so heiter, so jugendfrisch vor sich sah. ----

Prinz Louis Ferdinand will Freimaurer werden, sein Vater verbietet es (1947)

Außerdem berichtete Mathilde Ludendorff Jahr 1951 (4) (Hervorhebung nicht im Original):
Im Sommer 1947 erfuhr ich in Bremen von einem Bekannten des Sohnes des Kronzprinzen, Louis Ferdinands, dass dieser sehr bestürmt worden war, in die Loge einzutreten, dass aber der Kronprinz Wilhelm in Ausübung seiner Vorstandschaft in der Familie Hohenzollern sein Veto eingelegt habe, als er erfuhr, dass Louis Ferdinand den Überredungen, in die Loge einzutreten, Gehör zu schenken begann. Aus dieser Nachricht, deren endgültigen Entscheid ich ja nicht kenne, entnahm ich nur das eine, dass der Kronprinz 1947 seine Einstellung der Freimaurerloge gegenüber noch innehielt, die ich 1935 mit angehört hatte.
Louis Ferdinand von Preußen (1907–1994) war von 1951 bis zu seinem Tod das Oberhaupt des Hauses Hohenzollern. Wie es um sein Verhältnis zur Freimaurerei bestellt war, wäre noch einmal gesondert zu recherchieren. Da die beiden ältesten Söhne von Louis Ferdinand bürgerliche Ehefrauen heirateten, designierte er seinen dritten Sohn zu seinem Nachfolger. Nachdem dieser aber schon 1977 bei einem Bundeswehr-Unfall starb, wurde dessen 1976 geborener Sohn Georg Friedrich Prinz von Preußen ab 1994 Oberhaupt des Hauses Hohenzollern. Und im Jahr 2011 gratulierten anlässlich der Hochzeit  "Seiner kaiserlichen und königlichen Hoheit Georg Friedrich Prinz von Preußen und Ihrer Durchlaucht Sophie Prinzessin von Isenburg" auch ein "Tim Fabian Kloss, Abgeordneter Meister der St. Johannisloge 'Zum Pilgrim'" "im Namen aller Brüder Freimaurer der St. Johannisloge 'Zum Pilgrim' zu Berlin" (7). Wäre er ein so ausgesprochener Kritiker der Freimaurerei wie es sein Großvater Kronprinz Wilhelm und sein Urgroßvater, der letzte deutsche Kaiser, waren, würde er solche Glückwünsche sicherlich nicht erhalten haben ...

Übrigens wird auch Philip Kiril Prinz von Preußen (geb. 1968) mitunter in den Medien erwähnt. Er ist der älteste Sohn des ältesten Sohnes von Louis Ferdinand, der aber für die Thronfolge nicht infrage kam, da er eine Bürgerliche geheiratet hat. Wie tief man sinken kann, wenn die eigene Mutter eine Bürgerliche ist, wird daran erkennbar, dass dieser Philip Kiril von Preußen nachdem er zunächst mit rührseligen Propaganda-Reden für das evangelische Christentum bekannt geworden war, inzwischen  - - - evangelischer Pfarrer geworden ist. Immerhin konsequent. Aber dann noch ausgerechnet auf den Dörfern des Landes Brandenburg. Und das ist wahrlich ein trauriger Posten, Pfarrer zu sein heute auf den Dörfern des Landes Brandenburg .... Man sieht einen solchen ja mitunter vormittags vor einer seiner leeren Dorfkirchen die Trompete blasen- und dennoch stellen sich keine Schäfchen ein ....

Ob da nicht eine Orientierung an der "vernünftigen Religion", die da sein Urgroßvater, der Kronprinz Wilhelm, im April 1935 in Tutzing entdeckte, ein wenig zielführender sein könnte in jenem Land, das so viele kirchenfreie Geister hervorgebracht hat, angefangen bei seinem Urahn Friedrich dem Großen, dem Freigeist von Sanssoucie?

Ein verschollene Kaiser-Biographie (1969)

Einer der engeren Mitarbeiter Erich Ludendorffs, Karl von Unruh (1884-1969), plante noch in den 1960er Jahren eine Biographie von Kaiser Wilhelm II. zu schreiben (6):
Als letzter Page Kaiser Wilhelms II. und späterer Offizier ragte er selbst wie ein Stück preußisch-deutscher Geschichte in unsere Zeit hinein. Er versuchte stets, dem letzten deutschen Kaiser gerecht zu werden und nicht einzustimmen in jene nur allzu bekannte einseitige Geschichtsbetrachtung Wilhelms II. Er wollte eine Ehrenrettung in Form einer Kaiserbiographie schreiben, die durchaus nicht etwa vorhandene Schwächen des Kaisers übersah, die aber jene Mächte stärker ins Auge zu fassen trachtete, die General Ludendorff die Überstaatlichen genannt hatte.
Als ich ihn einmal fragte, wann wir denn mit der Veröffentlichung seines Buches über den letzten deutschen Kaiser rechnen könnten, da gab er zögernd, ja fast ein wenig verlegen zur Antwort, er habe zwei Brüder (Friedrich Franz und Fritz von Unruh), die sich als Dichter einen Namen gemacht hätten, der auch ihn verpflichte. Er könne doch unmöglich etwas "auf den Markt bringen", das stilistisch oder inhaltlich schlechter sei als jene Werke, die seine Brüder geschrieben hätten.
Vielleicht - man möchte es hoffen - finden sich bei der Durchsicht des Nachlasses Aufzeichnungen zur Biographie des letzten Kaisers.
Es ist vorderhand nicht bekannt, ob es noch einen Nachlass von Karl von Unruh gibt und ob darin dieses Manuskript erhalten ist.

Dieser Blogbeitrag ist - wie natürlich viele Beiträge hier auf dem Blog - nach und nach zu ergänzen und zu erweitern. Zu dem hier behandelten Thema ließen sich leicht weitere Literaturrecherchen anstellen. Um dazu anzuregen, werden hier auf dem Blog auch eher weniger "runde" Blogartikel veröffentlicht, die nicht zu lange in der "Pipeline" - wie das heute genannt wird - schmoren sollen.

(Erster Entwurf etwa 2013, letzte Ergänzungen und Überarbeitung: 29.6.15, 3.4.16)

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*) Diese Briefe können doch eigentlich nur durch Menschen in den Auktionshandel gekommen sein, die nach dem Tod von Mathilde Ludendorff in ihrem Haus gelebt haben oder Zugang zu demselben hatten. Dieser Personenkreis ist eigentlich sehr eingeschränkt. (In der gleichen Auktion, in der der angeführte Kondolenzbrief des deutschen Kronprinzen zum Verkauf stand, wurden übrigens auch die Briefe an Erwin Würth (erneut) versteigert, die hier auf dem Blog schon behandelt worden sind.)
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  1. Ludendorff, Erich: Meine Kriegserinnerungen. Verlag Mittler und Sohn, Berlin 1919
  2. Breucker, Wilhelm: Die Tragik Ludendorffs. Eine kritische Studie auf Grund persönlicher Erinnerungen an den General und seine Zeit. Helmut Rauschenbusch Verlag, Stollhamm (Oldb) o.J. [1953] (Google Bücher)
  3. Biese, Franz: General Ludendorff in Sigurd v. Ilsemanns Aufzeichnungen "Der Kaiser in Holland". In: Mensch und Maß, 12. Jg., Folge 23, 9.12.1972, S. 1057 - 1078
  4. Totengedenken. Auf der Burg Hohenzollern starb im Alter von 69 Jahren Wilhelm, Kronprinz von Preußen. In: Der Quell, Folge 15, 9. 8. 1951, S. 682
  5. Ludendorff, Mathilde: Eine beachtliche Äußerung. In: Der Quell, Folge 19, 9.10.1957, S. 911
  6. Köhncke, Fritz: Karl von Unruh zum Gedächtnis. In: Mensch & Maß, 9. Jg., Folge 20, 23. 10. 1969, S. 940 - 943
  7. siehe "Sonderausgabe zur Königlichen Hochzeit in Potsdam am 27. August 2011" der Zeitschrift "Weißes Blatt - Magazin für Tradition und Geschichte" (pdf), eingestellt auf der Internetseite "Neue Deutsche Monarchie"
  8. Ludendorff, Mathilde: Verspätete Erkenntnis der Wahrheit. In: Der Quell, Folge 23.5.1958, S. 477
  9. Gespräch mit Franz Freiherr Karg von Bebenburg. In: Wolfschlag, Claus M.: Augenzeugen der Opposition. Gespräche mit Hitlers rechten Gegnern. Verlag Zeitenwende, Dresden 2002, S. 88-94

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