Mittwoch, 13. Juni 2012

"Priesterliche Weltherrscher - ein Warnruf an alle freiheitliebenden Völker"

Der deutschamerikanische Humanist und Schriftsteller Rudolf Cronau warnt vor Welttheokratien

Abb. 1: Rudolf Cronau
Mathilde Ludendorff ist im Jahr 1930 in München angeklagt worden "wegen Religionsvergehens", weil sie eine positive Besprechung eines aufrüttelnden Buches veröffentlicht hatte. Der Titel des Buches lautete: "Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche oder: Schamanen, Wundertäter und Gottmenschen als Beherrscher der Welt. Ein Warnruf an alle freiheitliebenden Völker" (22). Mathilde Luendorff ist erst lange nach dem Zweiten Weltkrieg mitgeteilt worden, welche Person sich eigentlich hinter dem Pseudonym des Autors dieses Buches, nämlich hinter "Randolph Charles Darwin" verborgen hatte.

Und das von ihr besprochene, außerordentlich lesenswerte Buch läßt sich auch heute noch besser einordnen von der Motivlage des Verfassers her, wenn man das sonstige Leben und Wirken dieses vielleicht nicht ganz unbedeutenden Humanisten, Kirchen- und Priesterkritikers kennt.

Es handelt sich nämlich um den deutschamerikanischen Schriftsteller Rudolf Cronau (1855 - 1939) aus Solingen, der schon früh nach den USA ausgewandert war, und der schon zum Zeitpunkt der Herausgabe dieses Buches auf ein sehr reichhaltiges Abenteuer-, Reise- und Schriftsteller-Leben zurückblicken konnte (vgl. 1, 2 -  24). Er gilt unter anderem als einer der bedeutendsten Indianer- und Westernmaler. Wichtiger aber wohl ist, daß er schon 1919 eine Geschichte der Frauenemanzipation geschrieben hat (16). Sein Nachlaß befindet sich heute im Stadtarchiv Solingen (1). Und über ihn ist inzwischen auch allerhand Literatur erschienen (Auswahl: 24 - 29).

Seine Lebenserinnerungen stellte er unter den Titel "Auf des Lebens Wellen und Wogen - Fahrten, Kämpfe, Abenteuer und Leistungen eines stets wanderfrohen Überseedeutschen" (24). Ein Freund von Carl Schurz ist er gewesen und er hat sich in den USA sehr für die dortigen Deutschen eingesetzt.

Ein Brief an Mathilde Ludendorff von 1953

Da aber der Zusammenhang des Pseudonyms "Randolph Charles Darwin" mit der Person dieses vielseitigen Rudolf Cronau noch heute in Internet und Öffentlichkeit wenig genannt wird - sowohl im Zusammenhang mit dem Buch "Entwicklung des Priestertums", als auch im Zusammenhang mit der Person Rudolf Cronau - wird es sicherlich Sinn machen, einmal den Brief zu zitieren, durch den Mathilde Ludendorff über die Person des Verfassers dieses gründlich und umfassend erarbeiteten priesterkritischen Buches aufgeklärt worden ist.

Über den Absender des folgenden Briefes, Hanns Fischer, kann derzeit dabei leider nicht mehr mitgeteilt werden, als das, was aus dem Brief selbst hervorgeht:
Hanns Fischer
Chicago, Illinois, 9. November 1953
Liebe Frau Ludendorff!
Deutschland ist wieder einmal ein ganz entrechtetes Land und Volk. ... Ihre lieben Zeilen, wenngleich betrübend, bekräftigen leider meine Aussagen. ... Wenn ich erst einmal im Besitze aller Ihrer Schöpfungen bin, werde ich versuchen, gründlich darüber zu deuten, in Englisch aber. ...
„Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche“ von R. Ch. Darwin wurde öfters im "Quell" erwähnt. Hinter diesem Decknamen verbirgt sich Rudolf Cronau, ein Amerikaner deutscher Herkunft, der als Historiker und Forscher viele bedeutende Werke schuf. Er schrieb u. a. auch „Woman Triumphant“, das 1919 in New York erschien. Will versuchen, für Sie ein Buch aufzufinden. Ich war mit Cronau befreundet, weiß also viel von ihm und durch ihn. Er schrieb deutsch und englisch gleich meisterhaft, und hat nach dem ersten Weltkrieg viel, viel Leid in Deutschland gelindert. Daß selbst die sogenannten Deutschamerikaner ihn nicht kennen oder verschweigen, ist eben bezeichnend!
Mut und Vertrauen, liebe Frau Ludendorff, und nehmen Sie mir meine offenen Worte nicht übel. Recht herzlich, Ihr Hanns Fischer
Unter anderem zwei Jahre später, in ihrem Aufsatz "Die Hochflut des Okkultismus" vom 23.10.1955 (26), erinnert Mathilde Ludendorff einleitend auch noch einmal erneut an das Buch von Rudolf Cronau und ihre eigenen Erfahrungen mit ihm:
In einem sehr verdienstvollen Werke hatte vor einigen Jahrzehnten ein amerikanischer Forscher, der sich den Schriftstellernamen Charles Darwin beilegte, die "Entwicklung der Priesterreiche" eingehend geschildert. Er hatte aus unantastbaren Quellen all den Trug nachgewiesen, der in fernsten und fernen Jahrtausenden bis zur Gegenwart hin mit dem Glauben an Gott oder Götter, mit der Glückssehnsucht und Leidangst, vor allem Dingen mit der Todesangst getrieben wurde. So sehr sahen sich auch die Priester des 20. Jahrhunderts von den Tatsachen seiner Forschung noch enthüllt und tief getroffen, daß meine Besprechung dieses verdienstvollen Werkes in unserer Zeitschrift mir vor dreieinhalb Jahrzehnten eine Anklage wegen "Gotteslästerung" mit Hilfe des berühmten § 166 eintrug. Sofort nach dieser Anklage schrieb ich die heute leider vergriffene Schrift "Angeklagt wegen Religionsvergehen", die schon nach acht Tagen zu 100 000en ins Volk gegangen war. Sie hat damals unserem Aufklärungskampf so sehr geholfen, daß ich mich verpflichtet fühlte, in dem Schlußabschnitt dieser Schrift dem bei der Vorvernehmung von mir entdeckten Kläger, nämlich dem erzbischöflichen Ordinariat in München, meinen ausführlichen, herzlichen Dank auszusprechen.
Jenes Buch des Forschers Charles Darwin war eine sehr gründliche Aufklärung, die auch noch heute sehr zeitgemäß ist, denn die Todesnot des Gottesbewußtseins auf diesem Sterne ist wahrlich noch nicht überwunden! (...) Die umfassende Kenntnis der Naturgesetze hat den Völkern die Scheu vor den Naturgewalten genommen und läßt die Jugend nur allzu leicht an die Stelle dieser Scheu den Zynismus setzen, der sie so trefflich für eine Verleitung zur materialistischen Gottleugnung geeignet macht. Den wichtigsten Dienst leisten hierzu gerade - wenn auch völlig ungewollt - die Religionen. (...) Die so tief vom Gotterleben der Seele hinabgestürzten Priesterreiche behielten die urältesten Wege der Tröstungen und Hilfen nicht nur bei, sondern ließen den Okkultismus geradezu verhängnisvoll aufblühen. ...
Im weiteren führt sie aus, daß anstelle der christlichen Religion nicht nur materialistischer Zynismus aufblüht, sondern auch Okkultismus, der bis hin zum Satanismus einer solchen Okkultloge wie der "Fraternitas Saturnis" führt. Die "freiheitsliebenden Völker" haben wohl heute immer noch allen Grund, solchen Gefahren gegenüber auf "Warnrufe" wie den des Rudolf Cronau zu hören.

In der Zeitschrift der Ludendorff-Bewegung "Der Quell" vom 9. Februar 1961 setzte Edmund Reinhard, der damalige zweite Vorsitzende des "Bundes für Gotterkenntnis (Ludendorff)", die Todesanzeige für einen "Dr. med. Hanns Fischer", Facharzt in Eßlingen/N.. Womöglich handelte es sich bei ihm um den obigen Briefschreiber.
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  1. Poensgen, Aline: Bestand Rudolf Cronau 1881 – 1939 - Findbuch. Stadtarchiv Solingen 1996 (pdf)
  2. Geschichte der Solinger Klingenindustrie, Stuttgart 1885, VII, 52 S. 2 Taf. (FA 94)
  3. Von Wunderland zu Wunderland. Landschafts- und Lebensbilder aus den Staaten und Territorien der Union von R.C. Mit Erläuterungen in Poesie und Prosa von Friedr. Bodenstedt, H.W. Longfellow u.a. (24 Lieferungen mit je 2 großen Bildern nebst 2 Blatt Text, Leipzig, 1886 (FA 197)
  4. Unter dem Sternbanner. Land und Volk der Vereinigten Staaten von Nordamerika in Wort und Bild geschildert von R.C. in Verbindung mit hervorragenden deutschen und amerikan. Schriftstellern. Fünfzig Lichtdruckbilder mit erläuterndem Text in Poesie und Prosa, Leipzig
  5. Fahrten im Lande der Sioux, Leipzig 1886
  6. Das Buch der Reklame. Geschichte, Wesen und Praxis der Reklame; Ulm 1887, 92, 80, 94, 128, 92 S. (MA 3077)
  7. Absonderliche Fahrten. Episoden aus einem Wanderleben, 1887
  8. Im wilden Westen. Eine Künstlerfahrt durch die Prairien und Felsengebirge der Union, Braunschweig 1890 VI. 383 S. (MA 317)
  9. Amerika. Die Geschichte seiner Entdeckung von der ältesten bis auf die neueste Zeit. Eine Festschrift zur 400j. Jubelfeier der Entdeckung Amerikas durch Chr. Columbus, 2 Bde, Leipzig 1892
  10. Illustrative Wolkenformen, 1897
  11. Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika. Eine Geschichte der Deutschen in den Vereinigten Staaten. Berlin 1. Aufl. 1909, 2. Aufl. 1924, 696 S.(GA 166) SEVERUS Verlag, (656 Seiten) (Google Bücher)
  12. England, ein Zerstörer der Völker, Chicago 1914, 19 S. (Na 47- 19)
  13. Do we need a third War for Independence, New York, 1914 (Na 47- 19)
  14. The British Blackbook, Ney York 1915, 121 S. (MA 42)
  15. German Achievements in America, 1916
  16. Woman triumphant. The Story of Her Struggles for Freedom, Education ans Political Rights, New York 1919, 300 S.
  17. The Discovery of America and the Landfall of Columbus, New Yorf 1921, 53 S. (MA 41)
  18. The Army of the American Revolution and its Organizer, New York, 1923, 150 S. (MA 173)
  19. The last Resting Place of Columbus. A Monograph Based on Personal Investigations, New York 1926 31. S. (Na 47-19)
  20. Prohibition and Destruction of the American Brewing Industry, New York 1926, 31 S. (KA 152)
  21. Die Deutschen als Gründer von New Amsterdam-New York und als Urheber und Träger der amerikanischen Freiheitsbestrebungen. Eine Denkschrift zur Erinnerung an den vor 300 J. erfolgten Erwerb der Insel Manhattan durch Peter Minuit u.an d. 150j. Feier des amerik. Unabhängigkeitskriegs, New York 1926, 70 S. (MA 55)
  22. Darwin, Randolph Charles (Pseudonym): Die Entwicklung des Priestertums und der Priesterreiche oder: Schamanen, Wundertäter und Gottmenschen als Beherrscher der Welt. Ein Warnruf an alle freiheitliebenden Völker. Theodor Weicher Verlag, Leipzig 1929; als Faksimile im Verlag für ganzheitliche Forschung, Wobbenbüll, Husum 1979 (Google Bücher)
  23. Denkschrift zum 150. Jahrestag der Deutschen Gesellschaft der Stadt New York 1784 - 1934, USA 1934, 97 S. (KA 250)
  24. Auf des Lebens Wellen und Wogen. Fahrten, Kämpfe, Abenteuer und Leistungen eines stets wanderfrohen Überseedeutschen, New York 1939, 185 S. (masch.) (GA 306)
  25. Heinz Rosenthal: Leben und Werk eines Deutschamerikaners, Solingen 1954 (masch.) (GF 184)
  26. Ludendorff, Mathilde:  Die Hochflut des Okkultismus. In: Der Quell, Folge 20, 23.10.1955, S. 913 - 919
  27. R. Keller/Hans Lohausen: Rudolf Cronau. Journalist und Künstler, Solingen 1989
  28. Gerold Wunderlich: R. Cronau. Topogrphical Views of America, [Ausstellungskatalog] New York 1993, 33 S. zahlr. Abb. (Kopie GA 3122)
  29. Jeanette Baden: Das Amerikabild Rudolf Cronaus, Magisterarbeit Bonn 1994. Weiteres s. hier u. im Katalog des Stadtarchivs Solingen (GA 3130)

Sonntag, 10. Juni 2012

Nur bruchstückhaft bekannt - Aufsätze Mathilde Ludendorffs vor 1927

Zur unerforschten Bibliographie der Zeitschriften-Aufsätze Mathilde Ludendorffs vor 1927

Neben der Veröffentlichung der umfangreicheren Schriften und Bücher (auch ihrer Dissertation) hat Mathilde Ludendorff, damalige von Kemnitz, schon sehr früh auch Aufsätze wissenschaftlichen, kulturellen, politischen und moralisch-aufrüttelnden Inhalts für verschiedene in- und ausländische Zeitungen, Zeitschriften und Sammelbände verfaßt. (Für ausländische nicht zuletzt auch deshalb - wie sie in ihren Lebenserinnerungen berichtet - weil sie dadurch in der Inflationszeit als alleinerziehende Mutter dreier Kinder Honorarzahlungen in stabiler ausländischer Währung erhielt, die ihr Einkommen aus ihrer Nervenarzt-Praxis ergänzten.)

Es ist noch niemals der Versuch gemacht worden, etwa alle diese verstreuten Aufsätze und Artikel in einem Band zusammenzustellen und zu dokumentieren. Allerdings ist schon im Jahr 1937 der Versuch unternommen worden, diese Aufsätze zumindest bibliographisch zu erfassen (1). Sicherlich vor allem von Mathilde Ludendorff selbst. Soweit sie damals Angaben machen konnte, sollten Aufsatzmanuskripte oder Belegexemplare auch noch heute in dem von ihr selbst testamentarisch vorgesehenen "Ludendorff-Archiv" in Tutzing vorhanden sein. Allerdings ist auch angegeben, was schon bis 1937 "verloren" gegangen war. Und hier wäre noch allerlei Recherchearbeit zu leisten. (Durch das Internet könnte vieles dabei erleichtert sein.)

Abb. 1: Süddt. Mh., 1927 (Beispiel)
Bibliographisch erfaßt (1) ist ein Aufsatz von 1917 für das "Neurologische Zentralblatt" (2). Verloren gegangen seien die "Mitteilungen" des 1920 von Mathilde Ludendorff (damalige von Kemnitz) gegründeten "Weltbundes nationaler Frauen", ebenso wie fast alle Aufsätze für die Auslandspresse in den Jahren 1922 und 1923 - und dementsprechend auch bibliographische Angaben zu diesen (1). Bibliographisch erfaßt sind hingegen drei Aufsätze für die "Süddeutschen Monatshefte" aus den Jahren 1914, 1920 und 1923 (3 - 5).
Hintergrundinfo: Die "Süddeutschen Monatshefte" wurden von 1903 bis 1933 von Professor Paul Nicolaus Cossmann (1869 - 1942) herausgegeben, der 1905 von der jüdischen Religion zum Katholizismus konvertiert war, während des Ersten Weltkrieges sich von seinen vorherigen liberalen Auffassungen ab- und monarchisch-konservativen Auffassungen zuwandte, und der aber 1933 aufgrund seiner Gegnerschaft zum Nationalsozialismus ins Konzentrationslager kam. Dort ist er 1942 mit 73 Jahren im Krankenhaus des Konzentrationslagers Theresienstadt verstorbenen. Offensichtlich hatte er 1920 und 1923 bei der damaligen Mathilde von Kemnitz angefragt, als es um die Zusammenstellung eines Themenheftes "An die Jugend" (4) und eines Themenheftes "Wir deutschen Frauen" (5) ging. 
Bibliographisch erfaßt sind sodann (allerdings nicht vollständig, wie es heißt) Artikel aus den Jahren 1921 bis 1923 für die protestantische, konservative "München-Augsburger Abendzeitung". Es werden sieben Aufsätze nach Titel und Datum benannt.
Hintergrund-Info: Die "München-Augsburger Abendzeitung" galt seit 1920 als Sprachrohr der "Deutsch-Nationalen Volkspartei"  (Histor. Lex. Bayerns).
Diese Zusammenarbeit war eine Folge des Vortrages "Erotische Wiedergeburt", den Mathilde von Kemnitz im Januar 1921 im Auditorium Maximum der Universität München vor den Studenten Vortrag gehalten hatte. Sie schreibt in ihren Lebenserinnerungen (27, S. 179):
Eine Nachwirkung meines Vortrages war mir besonders willkommen. Von der Schriftleiterin der Beilage der Münchner Augsburger Abendzeitung, "Süddeutsche Frauenzeitung", Frl. G., wurde ich gebeten, auch in ihrer Zeitung für die Rettung der Jugend Aufsätze zu schreiben. Sie gelangten an mehr als 30 000 Menschen. Eine solche Wirkungsmöglichkeit begrüßte ich sehr.
Sie behandelte als erstes den "Thüringer Revolutionsunfug der Jugend" um den "barfüßigen Propheten" Friedrich Muck-Lamberti (27, S. 179). (Dessen Treiben im Umfeld von Okkultlogen ist auch Inhalt der logenverherrlichenden Novelle "Morgenlandfahrer" von Hermann Hesse.) Angeführt ist außerdem ihr Beitrag "Die Ehe als Erfüllung", der 1925 in dem damals recht bekannten "Ehe-Buch" des Hermann Graf Keyserling (1880 - 1946) enthalten war (6).
Hintergrund-Info: Das Ehe-Buch" des Hermann Graf Keyserling wurde 1926 auch in den USA in Übersetzung (7) ein großer Erfolg (8). Es ist im Netz vollständig verfügbar derzeit schon in englischer Sprache. Der Beitrag der Mathilde von Kemnitz ist hier angesiedelt zwischen so illustren Autoren wie dem Afrikaforscher Leo Frobenius, dem indischen Dichter Rabindranath Tagore, dem deutsch-jüdischen Schriftsteller Jakob Wassermann, dem deutschen Schriftsteller Thomas Mann, den Psychiatern Ernst Kretschmer, C. G. Jung und Alfred Adler, dem Buddhisten Paul Dahlke und dem Rabbiner Leo Baeck. Und - siehe Einführung - dem Schriftsteller Bernhard Shaw, der mit einem nachmalig vielzitierten Wort seinen Kopf aus der Schlinge (nämlich der Bitte um einen Beitrag zu einem so diffizilen Thema) zog.
Von den Aufsätzen des Jahres 1924 werden nun nur Titel genannt. Und es wird der Inhalt angegeben, ansonsten jedoch erfolgt die Angabe: "veröffentlicht in völkischen Zeitungen". Es geht hier vor allem um Berichte vom Hitler-Ludendorff-Prozeß in München. Doch ist in dieser Auflistung mindestens ein im Jahr 1924 erschienener Artikel (9) nicht genannt. Auch sie ist also nicht vollständig. Ob dies bewußt oder unbewußt geschehen ist, muß ungeklärt bleiben.

Im Oktober 1924, also noch vor der Entlassung Adolf Hitlers aus der Landsberger Haft (am 20. Dezember 1924), veröffentlichte Mathilde von Kemnitz nämlich einen Aufsatz für die im Juni 1924 von Alfred Rosenberg gegründete Zeitschrift "Der Weltkampf" (9).
Hintergrund-Info: Über die Tätigkeit Alfred Rosenbergs als Herausgeber seiner Zeitschrift "Der Weltkampf" berichtet Ernst Piper in seiner Rosenberg-Biographie in dem gleichnamigen Kapitel (10) (frei im Netz zugänglich). Alfred Rosenberg war der Herausgeber dieser Zeitschrift bis 1930 (dann widmete er sich der Herausgabe der "Nationalsozialistischen Monatshefte"). 1930 bis 1931 war der Herausgeber Ernst von Reventlow, danach der Verleger der Zeitschrift, Boepple, selbst. Ab 1941 diente sie als "Wissenschaftliche Vierteljahresschrift des Instituts zur Erforschung der Judenfrage".
Piper schildert im nachfolgenden Kapitel übrigens sehr deutlich, wie Hitler nach seiner Haftentlassung und nachdem er sich von dem bayerischen Ministerpräsidenten Held den antichristlichen und antikatholischen Reißzahn hatte ziehen lassen, zu Rosenberg immer eine gewisse persönliche Distanz gehalten hat, die bis 1945 niemals mehr auf die frühere persönliche Nähe zwischen beiden vor dem 9. November 1923 zurückgenommen worden ist: Rosenberg war eben der Vertreter der antichristlichen Richtung der Partei, die Hitler von diesem Zeitpunkt an höchstens noch um gelegentlicher taktischer Vorteilnahmen willen betont wissen wollte, und die er nur deshalb nicht ausschalten konnte, weil sie eine zu starke Kraft innerhalb der NS-Bewegung darstellte. Das sollte sich dann insbesondere nach 1935 herausstellen.

Mathilde Ludendorffs Aufsatz "Das Hakenkreuz" (1924)

Die Ludendorffs sind ab Anfang 1925 zur Hitler-Bewegung nicht nur auf Distanz gegangen, sondern haben sich im Gegensatz zu Rosenberg entschieden von ihr getrennt. Im Wesentlichen referiert Mathilde Ludendorff in ihrem Aufsatz "Das Hakenkreuz" (9) nun Forschungsergebnisse des deutschen Archäologen Jörg Lechler (11), die dieser drei Jahre zuvor mit 27 Jahren veröffentlicht hatte (12), versehen mit einem Geleitwort seines akademischen Lehrers Professor Hans Hahne aus Halle.

In ihren Lebenserinnerungen äußert sich Mathilde Ludendorff mit großer Anerkennung über die vorgeschichtliche Abteilung des Museums Halle und dessen Leiter Professor Hans Hahne (1875 - 1935). Durch die Besichtigung dieses Museums habe sie ein ganz neues Bild von den vorchristlichen germanischen Vorfahren gewonnen. Das Bild des Wagner'schen "Bühnengermanen" mußte ja damals erst einem realistischeren Bild weichen. Immer wieder einmal bezieht sie sich in ihren Aufsätzen und Schriften auf die damit im Zusammenhang stehenden archäologischen Erkenntnisse, insbesondere auch zur Gleichstellung der Frau bei den Germanen. Sie besuchte das Museum noch einmal nach ihrer Heirat gemeinsam mit ihrem Ehemann Erich Ludendorff, der über diesen Besuch ebenfalls in seinen Lebenserinnerungen sehr beeindruckt berichtet. Hierbei hätten sie aber auch schon - wie bei so vielen damals - okkulte Vorstellungen bei Hahne angetroffen. Hahne war ein Arzt, der ab dem 30. Lebensjahr in Berlin Vorgeschichte bei Gustav Kossina studiert hatte. 1912 war er zum Direktor des Provinzialmuseums Halle berufen worden und unterrichtete dann auch an der dortigen Universität.

Der Archäologe Jörg Lechler

Abb. 2: "5000 Jahre ..."
Aber auch die Biographie des Archäologen Dr. Jörg Lechler (1894 - 1969) ist nicht uninteressant:
Er studierte in Berlin und Halle/Saale. 1913 bis 1918 grub er das Gräberfeld auf dem Sehringsberg bei Helmsdorf aus. 1923 bis 1924 war er Assistent am Tell-Halaf-Museum in Berlin und von 1924 bis 1935 Archäologe in der Prignitz. Ab 1936 lebte er in Detroit (USA), wo er bis 1965 am Art Institute der Wayne University arbeitete. Lechler prägte 1925 den Begriff Helms­dorfer Gruppe.
Er starb auch in Detroit. Und:
Er gilt als einer der Pioniere der Bronzezeit, die den Namen einer in Deutschland, Österreich und der Schweiz verbreiteten Stufe, Kultur oder Gruppe der Bronzezeit in die Fachliteratur eingeführt haben.
Abb. 3: Jörg Lechler
Eine vorläufig zu ihm (mit Hilfe von Justbooks und Google Bücher) zusammengestellte Bibliographie (12 - 22) spiegelt wohl sein Wirken schon recht deutlich wieder. Lechler hat sich in den 1930er Jahren vor allem durch populärwissenschaftliche Bücher einen Namen gemacht. Noch heute eindrucksvoll zu lesen ist sein Buch "5.000 Jahre Deutschland", das den archäologischen Forschungsstand des Jahres 1935 sehr eindrucksvoll wiedergibt und an ein breites Publikum gerichtet ist. Ein vergleichbares Buch über den heutigen archäologischen Kenntnisstand könnte kaum genannt werden. Es müßte heute - nach der C14-Revolution in der modernen Archäologie - benannt werden "8.000 Jahre Deutschland" (sofern - wie 1935 - mit einem solchen Titel die Geschichte seßhafte Kulturen in Mitteleuropa gekennzeichnet sein sollte). 1939 veröffentlichte Jörg Lechler auch ein Buch über vorkolumbianische Entdeckung Amerikas. Auf diesem Gebiet haben erst die Forschungen der letzten Jahrzehnte einen ausreichend sicheren Wissensstand erbracht. Über sein Buch heißt es:
Dr. Lechler stieß bei seinen Forschungen auf Verbindungen von Wikingern und Moslems, woraus sich ein Fragenzusammenhang ergab, der sich zwischen Portugal, Grönland und  Vinland um die vorkolumbianische Entdeckung Amerikas spannt.
Das Hakenkreuz ein indogermanisches Zeichen?

Entsprechend ihrer wissenschaftlichen Ausbildung ist Mathilde von Kemnitz in ihrem eigenen Aufsatz "Das Hakenkreuz" an dem von Jörg Lechler referierten wissenschaftlichen Kenntnisstand ihrer Zeit zu diesem Thema orientiert. Das Thema Okkultismus spielt im Jahr 1924 im Zusammenhang mit dem Hakenkreuz für Mathilde von Kemnitz noch keine Rolle. Sie trug selbst zu dieser Zeit, wie auf einem Foto in ihren Lebenserinnerungen ihr erkennbar ist (Abb. 4), ein Kleid, dessen Saum mit Hakenkreuz-Stickerei geschmückt war. 


Abb. 4: Mathilde Ludendorff - "Im Frühjahr 1924" (aus: 25)
Und soweit das übersehbar ist, können ihre Ausführungen auch noch mit dem heutigen Kenntnisstand zur Geschichte des Hakenkreuzes (Wikipedia) als übereinstimmend angesehen werden. Während allerdings Mathilde Ludendorff noch betont, daß das Hakenkreuz in Indien archäologisch erst vergleichsweise spät auftreten würde (vielleicht schon, um okkult-buddhistischen Ausdeutungen entgegenzuwirken?), werden heute vorindogermanische Belege in der "Indus-Kultur" als die ältesten Belege dieses Zeichens hervorgehoben. 

Aber auch wenn dieses Zeichen schon vorindogermanischen Ursprungs sein sollte, ist es doch auffällig, daß es vor den Indogermanen nur sowohl am Ostrand wie am Westrand des nachmaligen Ursprungsraumes der Indogermanen im Nordschwarzmeer-Gebiet aufgetreten ist. Also in der Indus- und in der donauländischen Vinca-Kultur. Beiden Kulturen werden ja heute auch schon Schriften zugesprochen (23).

Abb. 5: Ludendorff-Adler
Von so positiven Bezugnahmen auf das Hakenkreuz wie 1924 - und wohl auch noch 1927 (bei Erich Ludendorff [24]) - liest man bei den Ludendorffs später nichts mehr. Nämlich nachdem ihnen klar wurde, wie sehr freimaurerische Okkultlogen die Mordmoral der Nationalsozialisten aufstachelten. Gegen beide - Logen wie NS-Mordmoral - begannen sie Artikel zu schreiben. Was sie selbst noch nicht wußten, war die Tatsache, daß jener Ludwig Müller von Hausen, der sich - laut Ludendorffs Lebenserinnerungen - bemüht hatte, Ludendorff ab 1917 in persönlichen Begegnungen über das unheilvolle Wirken der Freimaurerei aufzuklären, selbst in der Thule-Gesellschaft Todesurteile aussprach.

Ab der Zeit also, in der das Hakenkreuz in der Öffentlichkeit immer mehr mit "Braunhemden" identifiziert wurde, denen Ludendorff in seiner Zeitung zurief: "Zieht euch wieder weiße Hemden an." Und insbesondere auch, um so deutlicher beiden Ludendorffs die vergleichsweise früh begonnene, vielfältige Verwendung des Hakenkreuzes in okkulten Zusammenhängen (von der Theosophischen bis zur Thule-Gesellschaft) bewußt geworden sein wird.

Um sich davon abzusetzen, wählten sie dann ab 1930 als Abzeichen für ihren eigenen weltanschaulichen Verein "Deutschvolk" anstelle des Hakenkreuzes einen auffliegenden Adler (siehe Abb. 5).



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